Czytaj książkę: «Tanz ums Licht»
Walter Julius Bloem
Tanz ums Licht
Roman
Saga
Meiner Mutter
I
Isabel von Gynthenberg zog die elektrische Schnur aus dem Steckkontakt und goss das leise summende Wasser ins silberne Kaffeemaschinchen. Es war unglaublich, wie Dareen wieder mit seinen Nerven umging!
Der Regisseur stäubte unmutig die Asche seiner Zigarette über den blanken Linoleumboden. „Was machen Sie denn nur immer mit den Grossaufnahmen von Frau Keriël, Michel? Alle Bilder sind tadellos, Sie bringen das Licht wunderbar weich — bloss die Nahaufnahmen von der Keriël sind einfach scheusslich.“
Der Operateur klimperte verdriesslich auf dem reichlich verstimmten Klavier — „Zigeuner, spielt mir den Csardas auf!“ Es war längst tiefe Nacht! Michel gähnte, wobei es ihm trotzdem gelang, den zwischen den Lippen baumelnden Glimmstengel im Mund zu behalten, und hob geringschätzig die Schultern: „Was kann ich dafür, Meister, wenn die grosse Lydia in die Jahre kommt?“
Voller Ironie betrachtete Dareen seinen buckligen Arbeitsgefährten. Der liess sich im Spiel nicht stören, mit dem- er sich in den Pausen zwischen den Vorführungen den Schlaf vertrieb. Jetzt aber schnüffelte Michel den Kaffeeduft, klappte ermuntert den Klavierdeckel zu und schob sich neben dem Regisseur in einen Sessel.
Josef Dareen musste wider Willen lächeln. Der Kampf zwischen der anspruchsvollen Diva und seinem Chefoperateur nahm zuweilen lebhaftere Formen an. „Reden Sie doch keinen Unsinn, Michel. Sie haben von Frau Keriël einfach schlechte Bilder gemacht, das sieht ein Blinder!“
Der Bucklige blinzelte müde und listig ins gelbe Licht, das von der Decke des kleinen, behaglichen Vorführungsraumes niederströmte: „Machen Sie Schluss, Herr Dareen — Sie sind nicht in Stimmung. Übrigens ist es jetzt zwei Uhr, und ich möchte endlich in die Klappe!“
„Was Sie möchten, ist mir ganz gleich. Sie können bis Montag durchschlafen. Also, bitte: warum hapert es immer mit Lydia Keriëls Bildern?“
„Das wissen Sie ganz genau, Freund und Meister: weil mich die Dame verrückt macht mit ihren ewigen Quängeleien. Man soll ihr nicht so von unten in die Nasenlöcher drehen und nicht so von oben herunter in den Ausschnitt — —“
„Frau Keriël ist manchmal etwas unduldsam“, sagte Dareen. „Sie ist eben eine Künstlerin ...“
Aber der Operateur trumpfte auf: „Bin ich etwa kein Künstler? — Oho! Meinen Sie — —“
„Das weiss ich! Meinetwegen können Sie der liebe Gott sein. Sie sehen aber doch wohl ein, dass Ihre Abneigung nicht zu derartigen Bildern — —“
Isabel hielt es für geraten, den Wortwechsel der beiden ungleichen Freunde zu unterbrechen. Sie stellte ihnen die Tassen mit dem schwarzen, starken Kaffee hin. Dareen liess den Blick gedankenlos über ihre ruhigen, von keinem Ring gestörten Finger gleiten.
„Ah — danke sehr, Fräulein Gynthenburg. Na, Michel, wir wollen nicht streiten. Ich muss Sie aber dringend bitten, bei den Atelieraufnahmen erheblich liebenswürdiger zu sein. Auch wenn unsere Diva mal etwas ungnädig ist.“ Er schob dem Buckel die Tasse hin, und sie tranken. Ah — wie gut! Man war doch müde, so eine Reise ging elend in die Knochen, auch wenn Kilian Koll, der Hilfsregisseur, alles am Schnürchen erledigte.
„Wollen Sie so gut sein, Fräulein Gynthenburg, und auch dem kleinen Köppke einen Kaffee bringen — er schläft uns sonst noch ein. Soll dann mit der letzten Rolle anfangen.“
Isabel ging in das Kämmerchen des Vorführers. Der junge Mann schlief auf seinem Schemel, die blonden Haare hingen ihm wirr in die Stirn. Das Mädchen musste ihn wachrütteln, er schaute unwillig um sich, brummte etwas Unverständliches vor sich hin, das kaum eine Schmeichelei für Herrn Dareen sein mochte — trank aber dann zufrieden seinen heissen Trank.
Das Licht erlosch. Isabel drehte ihre abgeblendete Lampe an und legte den Stenogrammblock zurecht. Auf der Leinwand erschienen, noch ungeschnitten und mit den szenischen Nummern bedeckt, die letzten Aussenaufnahmen des jüngsten Lydia-Keriël-Films „Roulette“. Dareen sass zurückgelehnt, seine Hand spielte gelassen mit dem Klingelknopf, seine Augen gingen gleichgültig und müde über die strahlenden Bilder der ligurischen Ebene. Wirklich — Michael Grczegorczewicz verstand sein Handwerk! Unter seinen Händen funkelte die Sonnenflut der Riviera, ein sprühendes Lichtmeer. Er liess sich seine Kunst mit Gold aufwiegen — das war sein gutes Recht, Josef Dareen machte es auch nicht anders.
„Fräulein Gynthenburg! Bild 377 a Anfang sechs Meter weg.“
Das Mädchen schrieb. Der Regisseur liess mit einem innerlichen Entzücken, das nicht bis zu seinem Gesicht vordrang, die Bilder an sich vorüberziehen. Ein Druck auf den Klingelknopf — der Film stand.
„Haben Sie eben gesehen? Frau Keriël hebt zornig die Hand — sehen Sie: so. Von da ab einen Meter, dann wegschneiden — na, lassen Sie vorsichtshalber anderthalb Meter dran, wegnehmen kann man immer noch. Weiter.“ Ein Klingeldruck — die Bilder bewegten sich wieder über die weisse Wand.
Isabels Blick streifte Dareen, der mit bohrender Ruhe dem Gang der Bilder folgte. „Famos!“ sagte er mit einer kleinen Kopfbewegung gegen den Buckligen hin. „Das ist ganz wundervoll. Übrigens — Teufel noch mal: schon wieder! Na, halt! — Fräulein Gynthenburg, notieren Sie besonders: Handzettel an Frau Kiesering: ‚Falls Sie bei den kommenden Atelieraufnahmen noch ein einziges Mal in den Apparat sehen, so muss ich zu meinem Bedauern auf Ihre fernere Mitwirkung verzichten.’ Montag früh mit Unterschrift an mich zurück. — Übrigens: notieren Sie, bitte, noch: ‚Herr Paulsen soll gelegentlich einen zerlumpten Alten bekommen.’ Scheint seine Type zu sein, der Mann sieht im Gehrock ja geradezu blöd aus. — Weiter, Köppke.“
Nichts rührte sich. „Weiter!“ rief Dareen und klingelte. Isabel erhob sich und schaute, auf den Zehenspitzen stehend, in die Vorführerzelle. Der arme Kerl war schon wieder eingeschlafen. Dareen sprang auf und klopfte wütend an das Fensterchen:
„Nehmen Sie sich ein bisschen zusammen! Ich möchte heute noch fertig werden mit den Aussenaufnahmen. Na, Fräulein — hoben Sie noch etwas Kaffee? Dann geben Sie dem Mann noch eine Tasse. Mir auch.“
„Mir auch!“ rief der Operateur und grinste. „Sie müssen nämlich wissen, Herr Dareen: Fräulein Gynthenburgs Kaffee ist berühmt im ganzen Haus.“
Wie hübsch sie dies improvisierte Frühstück zu reichen verstand! Es schmeckte noch einmal so gut bei dieser freundlichen und zierlichen Spendung — denn von Bedienung war schwer zu reden, seltsamerweise. „Frühstück ist gut, maestro — aber vollkommen richtig! Wenn hier ein Fenster wäre, dann könnte Aurore Ihnen mit dem bewussten Finger sicherlich schon einen zarten Wink geben — na, aber bei Ihnen muss man schon eine Latte vom Zaun reissen. Möchte wissen, Dareen, wann Sie müde werden!“ Der Bucklige prüfte den Kaffee mit der Zunge, als ob es ein edler Wein sei. „Oh, Fräulein Gynthenburg!“ rief er ermuntert. „Ich stifte Ihnen ein Paket Zichorie, einen rechten Schlummertrank. Bei diesem Kaffee muss Herr Dareen ja denken, der Tag finge gerade eben erst an ...“
Das Fräulein lächelte. Isabel von Gynthenburg — Klebedame ... Warum nicht? Sie hob den feinen Kopf ein wenig stolzer. Warum nicht! Dareen bot ihr freundlich und erheitert eine Zigarette an, reichte ihr das Zündholz — freute sich über die leisen, ungezierten Bewegungen ihrer Hände. Das Mädchen hatte eine unaufdringliche Sicherheit, die er selten fand — am wenigsten bei denen, die es nötig hatten: bei den Filmspielerinnen.
Während der Film weiterrollte, sprach Dareen halblaut seine Wünsche vor sich hin, und Isabel stenographierte. Nach ein paar Bildern schlug der Regisseur wütend mit dem Manuskript auf den vor ihm stehenden Tisch, dass es knallte.
„Halt! Was ist denn das wieder für eine elende Aufnahme von Frau Keriël mitten zwischen absolut einwandfreien anderen? Also, Michel, das geht nicht! Notieren Sie: Grossaufnahme 413 c raus.“
Der Operateur bekam einen roten Kopf: „Sie erinnern sich, Herr Dareen, diese Aufnahme wurde an dem Tage gemacht, als ich Frau Keriëls Sonnenschirm zum Abblenden brauchte, worüber sie so wütend war. Was kann ich denn dafür?“ Dareen wusste noch: Es war in den Bergen von San Remo, und die Sonne schien prall in den Apparat. „Entschuldigen Sie, dass ich existiere, meine Gnädigste ...“, hatte der Bucklige gesagt.
„Ich weiss schon, Michel, Sie haben immer eine Ausrede. Aber man sieht es dem Bild an, dass Sie mit offener Blende gedreht haben. Sehen Sie bloss diese harten Schatten. Wie sieht die Dame denn darauf aus? Also das Bild muss weg. Ich sage Ihnen aber, Michel, wenn Sie derartig launenhaft arbeiten, fliegen Sie!“
Der kleine Mann grinste von einem Ohr zum andern. „Hihi! — Ich — und fliegen! Haha! Famoser Witz, Herr Dareen!“ Isabel lachte schallend auf, es klirrte hell und fröhlich an den Wänden des kleinen Raumes. Dareen hörte es und schmunzelte. Michel war unersetzlich, und er wusste es. „Lachen Sie nur nicht zu früh, Michel! Also weiter.“
Er überlegte sich, dass man wirklich etwas versuchen musste, um die Diva und den Meisteroperateur miteinander auszusöhnen. Wohin käme man denn —
Lydia Keriël ... Er sah ihre Bilder, die stumme Schwermut ihrer Bewegungen — und eine unbezähmbare Sehnssucht ergriff ihn, bei ihr zu sein. Dies Gesicht war unverwelklich schön, in der letzten Zeit wehte ein heimlicher Schatten darüber hin.
Sie hatte sich lange geweigert, die Doppelrolle anzunehmen: ein strahlendes Kind und die leise verblühende Mutter. Dareen freute sich jetzt, dass er’s bei ihr durchgebogen hatte; vielleicht liess sie sich doch noch überzeugen. Ihr Spiel der Jugend war blendend konventionell, das konnten andere auch — aber über der Alternden lag eine flatternde Unruhe, ein rastloser Lebenshunger, der sich nicht verdrängen lassen wollte. Sie machte viel mehr aus der Gestalt, als der gute Doktor Florian sich in seinem zahmen Manuskript hatte träumen lassen. Das war eine ganz reife Leistung, Dareen hatte nie etwas Ähnliches gesehen, obwohl er alle bedeutenden Filmwerke kannte. Hier spielte Lydia Keriël sich selbst — aber sie wollte es nicht wahrhaben.
Er liess den Film anhalten und grübelte eine Weile vor sich hin. „Fabelhaft — einfach fabelhaft!“ sagte er halb zu Michel hinüber. „Wenn sie doch nur Vernunft annehmen wollte! Diese Frau ahnt ja gar nicht, wie begabt sie ist. Aber es müssen immer grüne Dinger sein, Lachweiberchen, die sie spielen will. Das kann sie nicht mehr — hat es übrigens nie gekonnt, dafür hat sie zu viel Talent.“
„Sie können sich den Mund fusselig reden, Herr Dareen — die Dame wird es doch nicht einsehen. Talent — na, meinethalben! Aber Eitelkeit — um zwanzig Diven damit lebenslänglich auszurüsten.“
Michel durfte sich allerlei erlauben. Seit ihm die selig fusionierten Goldwyn ein glänzendes Angebot gemacht hatten, wusste er erst, wieviel seine Arbeit wert war. Sich selber so hoch einzuschätzen, wäre ihm nie eingefallen. Er hielt sich immer im Hintergrund, war bei keinem der Filmbälle zu sehen, denn er schämte sich seiner Missgestalt. Das verstand niemand — denn wenn einer Michael Grczegorczewicz war, so stand ihm der Frack — und wenn ihm der Höcker da hinten noch dreimal so dick herumturmte. Zum letzten Frühlingsfest, das die Keriël-Film-A.-G. ihren Künstlern und Angestellten bereitete, musste Dareen — der grosse Dareen! — seinen Operateur eigenhändig im Auto abholen, weil Michel nicht kommen wollte. Jedermann liebte das Buckelchen — bloss mit Lydia Keriël stichelte er sich überall herum, aber die vertrug sich mit keinem. Es sei denn, dass man ihr die Zähne zu zeigen verstand — und das konnte wiederum nur der eine einzige. Lieber Gott, behüte mich vor hysterischen Filmdiven!
Isabel von Gynthenburg spürte, wie die Augen des Operateurs auf ihrer Schläfe brannten. Michel kannte die Bilder schon, war eine halbe Woche früher als die anderen heimgereist. Unter dem ruhig abweisenden Blick der Kleberin wurde der Bucklige unsicher, er drehte den Hals hin und her, als ob ihm der Kragen zu eng wäre. Nein — nein — — man soll keine Frauen ansehen, wenn man einen Buckel hat.
In der Vorführerzelle schnarrte das Filmband aus der Maschine, und Köppke drehte das Licht an. Josef Dareen sah auf die Uhr. Teufel — schon drei vorüber! Morgen war Sonntag — will sagen: heute. Er faltete das dicke Manuskript, schob es in die Brusttasche. „Also, Fräulein Gynthenburg: Montag fangen Sie an, die Sache muss bis Mittwoch geschnitten sein. Dann seh’ ich mir’s wieder an.“
„Nummern weg?“ fragte Isabel.
„Ja. Sie haben ja alles schon prachtvoll ordentlich gemacht. Mir fällt noch ein — notieren Sie!“ Er zog das Manuskript abermals hervor und suchte in den Blättern: „Aha — Koll soll die Regenspritzer auf Lydia Keriëls Mantel, Szene 165, genau nach Aussenaufnahme 164 kopieren. Michel liefert ein Photo. Sagen Sie ihm: wenn’s nachher nicht stimmt, holt ihn der Teufel.“
Der junge Vorführer kam, den Arm voll Filmrollen, herein. Dareen zog sein Etui, bot es dem gähnenden Operateur an und schob auch Köppke eine Zigarette zwischen die Zähne. „Aber erst unten anstecken. Danke, danke, lieber Michel, gehen wir?“
Unten trommelte der Bucklige den verschlafenen Portier heraus, der im Nachthemd, mit schlecht zugeknöpfter Hose, erschien. Seine Plattfüsse steckten in zerschlürften Filzpantoffeln. Er empfing brummend die Filmrollen und schloss das Tor auf. Sie mussten noch auf Dareen warten, der sein Auto aus der Garage holte.
Michel gab dem Vorführer fünf Mark. „Ist von ‚ihm’ —“ und tat noch zwei Pfennige dazu: „— die sind von mir. Gut’ Nacht.“ Als Köppkes Schritte verklangen, sagte der Bucklige leise und stockend zu Isabel: „Verzeihen Sie, Fräulein — darf ich Ihnen etwas sagen? Sie haben nämlich ein gutes Filmgesicht. Entschuldigen Sie, dass ich Sie vorhin beobachtete. Tamaroff meint es auch.“
So? Dmitri Tamaroff, der jugendliche Stern des Keriëlfilms, der sie immer so anstarrte? „Herrn Tamaroffs Meinung ist mir recht unmassgeblich“, antwortete sie stillvergnügt.
„Oh — das ist gut, liebes Fräulein!“ beeilte sich der Bucklige zu versichern. „Tamaroff hat gewiss einen sehr guten Blick — zugegeben —, aber man muss vor ihm warnen — —“ Er stockte unter dem Blick der Kleberin, bat stotternd um Entschuldigung und schwieg. Die „Warnung“ jedes anderen hätte Isabel sehr kühl abgelehnt — aber in die schweigende Angst dieser dunklen, gedemütigten Menschenaugen konnte sie nur freundlich und mitleidig hineinlächeln: „Beunruhigen Sie sich nicht, lieber Herr Grzgrez — Teufel, ich kriege Ihren Namen nicht heraus —“
Wie wohl es ihm tat, dies liebliche Gesicht. Sicher wusste sie, dass er sie liebte ... Dieser Dareen hatte keine Augen im Kopf! Aber wenn Michel den Regisseur aufmerksam gemacht hätte — dann wäre sie vielleicht — —
Bald rollte Dareens blanker, starker Wagen die Einfahrt daher, die kleinen Lichter blinkten. Dareen steuerte selbst. Er grüsste nachlässig den Portier — konnte ihn nicht leiden, seit der Kerl einmal den Riesenmuff der ihm unbekannten Frau Dareen für diebesverdächtig gehalten hatte. Auf der Strasse drehte er den Wagen quer und hielt an.
Draussen lag die kühle, reine Nacht. Ein paar Sterne flimmerten durch den sommerlichen Dunst des Himmels, an dem schon der ferne Tag heraufglomm. Isabel hatte keinen Mantel mit, sie fror in dem dünnen Kleid. Dareen zog seine Handschuhe an: „Einsteigen, Herrschaften!“
„Lieber Meister,“ wehrte der Bucklige ab, „ich gehe zu Fuss nach Haus. Denn siehe, diese Nacht ist lau wie die Jugend unserer Diva.“
„Machen Sie keine schlechten Witze. Rein! Bitte einsteigen, Fräulein.“
Michel tanzte auf seinen dünnen Beinen, machte siebenundzwanzig Sprüche, lüftete endlich den Hut und ging mit einem spöttischen „Salaam!“ davon. Dareen sah ihm misstrauisch nach. Der Tag kam schon ... „So, meine Verehrte, wohin, bitte?“
Isabel wohnte in einer sehr östlichen Strasse. „Ich halte Sie aber viel zu lange auf. Sie sind müde, Herr Dareen.“
„Müde — Dareen!“ lachte er und tippte sich an die Stirn. „Haben Sie das schon einmal erlebt?“ Es war richtig, Dareen arbeitete schonungslos, aber er prahlte gern ein wenig mit seiner Widerstandsfähigkeit. „Aber wo sind Sie zu Hause? — Ach, verehrtes Fräulein, in der Gegend habe ich auch angefangen.“ Er beugte sich rückwärts und holte aus dem Innern des offenen Wagens eine Lederjacke heraus. „Das ist weit, ziehen Sie, bitte, an.“
Am Potsdamer Platz, den sie überqueren wollten, wurden sie eine knappe Viertelstunde angehalten, da der Platz von Arbeiterkolonnen überschwemmt war. Elektrische Lampen gleissten. Pechfunzeln flackerten. Es wurde wieder einmal gebuddelt, gehackt; der Asphalt wurde weggerissen und durch solide Pflastersteine ersetzt; der alte Verkehrsturm wurde abgebrochen, einige Meter zur Seite entstand ein neuer, doppelt so grosser. Der ganze Platz wurde im Viereck und über Kreuz untertunnelt — und oben in der Luft wurden quer vor jeder der vier Hauptstrassen riesige Signalanlagen aufgebaut und ausprobiert: sie zeigten fünf verschiedene Lichtzeichen, die einzeln, paarweis oder alle zusammen verschiedene Bedeutungen hatten. Darunter hingen schon über die ganze Strassenbreite ungeheure Schilder, welche Warnungen und Befehle ausschrien: „Fahren Sie vorsichtig!“ „Beeilen Sie sich!“ „Für Fussgänger sicherer Tod!“ „Höchstgeschwindigkeit 60 Kilometer!“
So wollte es die neue Ordnung des Verkehrs ...
„Sie bemerken: Berlin ist noch nicht fertig“, meinte Isabel mit einer munteren Geste.
Dareen sah sie von der Seite an. Bei diesem mal schweigsamen, mal übermütigen Mädchen wusste man nie, was dahintersteckte. „Wohnen Sie schon lange in der Gegend?“ fragte er vorsichtig.
„Schon ziemlich lange“, gab sie ausweichend zurück, und er merkte wohl, dass sie sich nicht ausfragen lassen wollte. Aber er hatte den Wunsch, ihr etwas Freundliches zu sagen. „Ich muss mich noch bedanken, Fräulein Gynthenburg. Kaum bin ich von der Reise zurück, da sind die Aufnahmen schon sauber geklebt. Sie haben sich kein einziges Mal vergriffen, und der Film ist auch nie gerissen. Also schönen Dank.“
„Es freut mich, wenn Sie mit mir zufrieden sind, Herr Dareen. Man hört es manchmal gerne.“ Das war ein: Merk’s! Denn Dareen lobte fast nie, hatte aber immerfort etwas auszusetzen. Fast keine Klebedame hatte es bei ihm ausgehalten, weil er so oft bis in die frühen Morgenstunden arbeiten liess — und sie war die erste, die ihm die schwierige Arbeit recht machte. Die anderen hatten sich immer geziert, einmal war sogar eine besorgte Mütterlichkeit zu ihm gekommen — es hatte sich aber unglücklicherweise herausgestellt, dass Dareen damals seit vierzehn Tagen von jener Klebedame keine Nachtarbeit gefordert hatte. Fräulein Gynthenburg hatte noch nie nach ihrer Mutter gewimmert, wenn es spät wurde. „Haben Sie Angehörige, die Sie unterstützen müssen?“ fragte er mit einem Blick über ihre ungeschützten Hände, die in der Morgenkühle froren.
„Nein —“ Das klang etwas gedehnt, und Isabel errötete dabei. Er sah, dass sie nicht lügen konnte. Ein Verhältnis? Das hatte er bei ihr am wenigsten erwartet. Sie spürte seine Gedanken. „Ich bin verlobt“, sagte sie kurz, mit einer kleinen Unentschlossenheit.
Es wurde jetzt heller. Dareen entschuldigte sich: „Wurst wider Wurst. Haben Sie irgendwelche Wünsche, bei denen ich Ihnen behilflich sein könnte?“ Sie verneinte. „Was bekommen Sie eigentlich für ein Gehalt, Fräulein?“
„Ich hatte mit meiner Bemerkung vorhin nicht die Absicht, Sie für mein Einkommen zu interessieren.“
„Aber, liebes Fräulein! So meinte ich es auch nicht. — Aber wenn Sie es mir nicht sagen wollen, dann frag’ ich einfach beim Sekretariat an!“
„Achtzig Mark“, lachte sie, schnell gefangen.
„Wöchentlich?“
„O nein — im Monat natürlich.“
Er biss sich auf die Lippen. Und dafür bis vier Uhr nachts im Dienst ... „Das ist ja allerhand“, zwang er beschämt heraus. „Sie sind aber sehr eifrig. Ich werde also mit der Personalabteilung sprechen, dass Sie zwanzig Mark Zulage bekommen, damit die Sache rund wird.“ Und in Gedanken notierte er sich: Nicht vergessen, Fräulein Gynthenburg zwanzig Mark Aufbesserung.
„Das wird Herr Generaldirektor Keriël verbieten!“ spottete Isabel. Er sah sie überrascht und belustigt an, aber sie zeigte schon mit der Hand auf ein entwaffnend hässliches Haus und bat ihn, zu halten.
Die schmutzigen, verkommenen Mauern der Häuser schienen bis in die Wolken zu steigen. Jedes einzelne Haus ein anderer Stil — aber alle geeinigt durch die gleiche gemeine Erfindungslosigkeit der Architektur. „Hier wohnen Sie ...“, sagte Dareen schaudernd und umfing ihre selbst in dem verwaschenen Sommerkleidchen zierliche Gestalt mit seinen Blicken. Es schien ihm heute ganz unwahrscheinlich, dass man hier leben konnte. Im Asphalt zeichnete sich versteinerter Pferdemist ab, und vor den fast überall verschlossenen Fenstern hing grobe Wäsche zum Trocknen. Die stickige Luft der Stuben dahinter glaubte man bis hierhin zu atmen.
„Ein paar Strassen weiter habe ich als kleiner Kunstmaler gelebt —“, flüsterte Dareen mit träumenden Gedanken, so dass sie ihn kaum verstand. „Ich war einer der ersten Expressionisten — darum habe ich eine Villa in Halensee, haha! Aber schliesslich ist mir die Sache zu dumm geworden, und ich sah, dass es eine Lüge war; denn alle konnten es.“
Isabel legte mit einem kühlen Dank die Lederjacke ins Auto zurück und ging ins Haus. Als Dareen zurückfuhr, überlegte er sich eine Weile, was wohl mit dieser kleinen Klebedame los sein könnte. Verlobt? Äh — wohl irgendein Jüngling von der Portokasse — — dann begann das ärmliche Lied: eine winzige Wohnung und Kindergeschrei aus jeder Ecke. Zu schade dafür? I was — es ist keine zu schade. Jeder liegt, wie er sich bettet — —
Ja richtig — sie sollte zwanzig Mark mehr bekommen. Er hielt den Wagen an und schrieb sich’s auf. Ulkig und merkwürdig, diese Spöttelei über den Generaldirektor — es war also überall herum, dass Lydiens Bruder seine Polypennase in jede Kleinigkeit hineinsteckte. Ich mache noch Pleite mit Ihnen, Dareen — Pleite! — Aber die kleine Gynthenburg tat ihm leid mit dieser elenden Bezahlung.
Dann kamen wichtigere Sachen in Dareens Kopf: das neue Manuskript, das W. I. B. Florian gebracht hatte — ein hahnebüchener Quatsch, alles ungelebt und erfunden, ganz „Geist des Films“. Der junge Doktor und Hausdichter des Keriëlfilms hatte nämlich kürzlich eine so benannte Filmtheorie von sich getan, welche auf 180 kriegsstarken Seiten „Neue Wege der Filmkunst“ wies, dass es zum Bauchgrimmen war. Der Poet war aber sehr stolz auf sein Literatenstroh. Er war natürlich der Hauptbezieher seines Buches, welches im übrigen kein Mensch las oder gar kaufte — ausser Lydia Keriël, die den „Geist des Films“ bei jeder Gelegenheit verschenkte, vermutlich weil darin eine zwar eigenartige, aber streng wissenschaftliche Verteidigung des Starsystems enthalten war ...
Und wie immer, wenn er ihren Namen nur dachte, so sah er sie leibhaftig vor sich, sah ihren schnellen, wiegenden Gang. Ob seine gemarterte Vernunft zu jeder Stunde widerstrebte — sein Herz ward wehrlos zu ihr hingerissen. Ah — wenn sie eine Ahnung hätte, wie sehr ihn alles von ihr wegdrängte, wie seine Sinne dennoch zu ihr flatterten!
Dareen strich sich über die schmerzende Schläfe, die schon ganz grau war. In Gedanken hatte er sich ein paar Strassen verfahren, auf einem Umweg kam er wieder zurecht. Verfahrene Situation — sagte er sich. Ja, so war es. Man müsste Schluss machen.
Aber allein, wenn er ihre Bilder sah, so gingen Schauder über ihn. Denn mit diesem Körper dichtete er seine stummen Lieder, und in Lydiens Händen tönte die Leidenschaft, die er ihr anbefahl. Dass sie launenhaft war — was kümmerte es ihn? Er wurde schon mit ihr fertig.
Aber dass das alles so freudlos war, vergiftet Liebe wie Hass — ob das auch sein musste? Man kann in Ehren ergrauen — und bleibt ein Schuljunge in diesen Dingen!
Josef Dareen fror. Der Morgen warf ihm den frischen Wind ins Gesicht. Jetzt nach Hause? Leise über einen teppichknisternden Flur — an einer Tür vorbei, deren Schwelle er seines Wissens vor zirka drei Jahren zum letzten Mal überschritten hatte? Nee, meine liebe Charlotte — wenn wir bloss auf dich angewiesen wären — —! Vor ihren Zimmern pflegten nachts zwei zierliche Halbschuhe ziemlich sinnlos auf die — Morgenglanz verleihende — Bürste zu warten; denn dass Charlotte Dareen je schmutzige Schuhe angehabt hätte, das war unvorstellbar.
Was ist Schönheit? dachte Dareen. Nach Hause — — zu dieser Frau?
Aus einem Bahnhof, dessen Unterführung er in scharfer Fahrt kreuzte, quoll eine kleine Schar eleganter Mädchen, ihr Lachen scholl an sein Ohr. Den Ton kannte er. Mit einem Ruck hielt der Wagen. Dareen winkte: „Hört mal, Kinder! Wer von euch hat Lust zu einer Autofahrt ein paar Stunden ins Land?“
Die jungen, geschminkten Dinger umdrängten ihn. „Ich! Ich! Ich!“ lärmten sie.
„Das ist mir ein bisschen zu viel, meine Lieben, ich kann bloss eine brauchen, sonst verliert mein Auto die Puste. Also sagt mal: wer von euch ist denn die lustigste?“
Die Mädchen hoben lachend den Finger wie in der Schule. „Ich! Ich! Ich!“ Dareen lächelte, ein wenig spöttisch, ein wenig zaghaft: „— ich suche nämlich die Stillste ...“ Damit winkte er einer Kleinen, Unansehnlichen, die beiseitestand, und hiess sie schnell in die Polstersitze des Wagens steigen. Hinter ihnen her zischte das schrille Keifen der Enttäuschten.
Nach einer Weile hielt Dareen an, warf seiner unbekannten, verschüchterten Gefährtin die Lederjacke in den Schoss, suchte aus der Westentasche einen Geldschein hervor und gab ihn hinüber. Die Dirne hüllte sich wortlos in die warme Jacke. In ihrem Berufe verlernt man das Wundern.
Ausserhalb der Stadt, auf der Heerstrasse, legte Dareen los. Er lehnte sich in den Sitz zurück, wohlig und müde. Seine Augen blickten gelassen der heranrasenden Welt entgegen, sein blosses Haar schlug im Wind.
II
Charlotte Dareen erhob sich auch am Sonntag so früh wie stets. Beim Frühstück meldete ihr die Zofe, Herr Dareen sei noch nicht daheim.
Das war nichts Ungewöhnliches. Aber dass das Auto auch nicht bereitstand — das war noch nicht vorgekommen. Charlotte frühstückte allein und ohne Freude, fuhr dann mit der Untergrundbahn in den Tattersall. Sonst brachte Dareen seine Frau stets selber dorthin, wenn seine Zeit es erlaubte. Man hielt auf Ritterdienste.
In der grossen, spärlich erhellten Reithalle trabten ein paar junge Mädchen, die Charlotte schon zuweilen hier gesehen hatte. Graf Csaky stand gelangweilt im Sand und rief von Zeit zu Zeit seine Anweisungen hinüber. Mit diesen Damen war wenig Ehre einzulegen, die Tiere wurden träge wie ihre Reiterinnen. Als er Charlotte Dareen sah, liess er seine Schülerinnen im Stich und ging auf die elegante Frau zu, die er höflich begrüsste — sie war eine gute Reiterin, das genügte in seinen Augen, um einen Menschen wertvoll zu machen.
„Ist mein Mann schon hier?“
Graf Csaky verneinte sporenklirrend, küsste der Frau die Hand. Charlotte grüsste kurz, liess ihn stehen und ging zu den Ställen hinüber. Kam dann ins Rund geritten, mied die Kavalkade der Schülerinnen und liess ihre englische Stute in lässigem Schritt die Halle durchmessen. Graf Heino gab acht und dirigerte seine Zöglinge so geschickt, dass sie die Dame nicht störten.
Bald darauf fuhr Dareen vor. Sein Gesicht war von der Morgenluft rot und frisch, man sah ihm die durchwachte Nacht nicht an. Er war schon daheim gewesen. Im Dress stieg er zu Pferde.
„Guten Morgen, Charlotte. Du verzeihst. Eine Zündkerze war verschmiert, ich kam nicht rechtzeitig, um dich abzuholen.“
Sie nickte, und er setzte sich an ihre Seite. Der nervöse Fuchs tänzelte ungeduldig und wollte nicht schreiten. Nach einer Runde zog Dareen höflich den Hut, und sie grüssten sich mit einem flüchtigen Gruss. Dann ritt ein jeder für sich allein, wie und wohin es ihm beliebte. So machten sie es jeden Morgen von sieben bis acht.
Charlotte setzte sich in Trab und ritt in gemessenen Gängen. So fremd seine Frau ihm war — es war ein Vergnügen, sie aus der Ferne zu beobachten: jede Bewegung abgemessen und beherrscht, von lässiger Anmut erfüllt. Er sah seine Frau überhaupt sehr gerne von weitem, dann begriff er, dass er sie geheiratet hatte.
Die Übungszeit war nun vorbei. Graf Csaky entliess aufseufzend seine temperamentlosen Schülerinnen, und der Tattersall füllte sich allmählich mit eleganten, geschulten Reitern. Die frühe Stunde, in der viele ihre eigenen Tiere hier bewegten, galt ihnen als eine Art von Gottesdienst, den sie schweigsam und andächtig auf Redopp und Pesade zelebrierten.
Graf Csaky holte sich die prachtvolle Yorkshirestute eines auf Reisen befindlichen Amerikaners heraus — ein hohes, langbeiniges Tier, das er jeden Morgen bewegte. Er ritt an die einzelnen Gäste des Tattersalls heran und wusste für jeden mit seiner leisen, singenden Jungenstimme einen besonderen Gruss. Der einstige Husarenoffizier, vom Krieg aufs Pflaster gesetzt, war eine unschätzbare Akquisition des Direktors. Leider schien er verlobt zu sein; man sah ihn zuweilen mit seiner geradezu ärmlich gekleideten Braut — auch einer entthronten Adligen.
Verlobt ist noch nicht verheiratet, dachte der Direktor und prophezeite seinem Reitlehrer eine grosse Zukunft; denn dass da einmal ein Goldfisch anbeissen würde, war klar. Der Graf schien seine Verbindung auch nicht gerade tragisch zu nehmen; denn es wurden zuweilen duftende Briefchen im Tattersall für ihn abgegeben, die kaum von seiner Braut stammen konnten, dafür waren sie unter sich von zu verschiedener Art — wurden jedoch gleichwohl vom Grafen Heino nicht ungern in Empfang genommen.
Dareen ritt für sich ins Freie, dort traf er sich an den Sonntagvormittagen zuweilen mit seiner Diva, wenn sie gnädig war. Er schonte den Fuchs nicht, darum mochte Graf Csaky den Regisseur nicht leiden: Pferdeschinder — Menschenschinder. Das scheue Tier flog leicht über die Hürden und Hecken, und Dareen empfand, dass von allen Freuden ihm allein die Geschwindigkeit eine flüchtige Ruhe gab. Hier erblickte er Lydia Keriël.
Sie zog an der Seite des gräflichen Reitlehrers in einem schwebenden Galopp dahin, die Pferde hielten sich Kopf an Kopf, die acht Hufe wirbelten in seliger Wildheit über den stäubenden Sand. Und Dareen spürte, wie eine Blutwelle sich in seine Schläfen warf.
Hinter einer Hürde, welche die Pferde mit gestreckten Leibern übersprangen, schlug die Diva trabend einen Haken und hielt ihren Schimmel an. Dareen ritt über den weiten Platz auf sie zu — sachte im Schritt, es konnte gar nicht langsam genug gehen. Sie sah ihn schon, hob von ferne grüssend die Hand.
„Kleiner Graf: Dareen kommt. Reiten Sie heim!“
So war es immer: Wenn Dareen kam, mussten die anderen gehen. Der schlanke Junge richtete sich im Sattel auf, beugte sich tief und schwärmerisch über die Hand der glühend bewunderten Frau und zog davon, ohne den sich nähernden Regisseur zu beachten.
Als sie sich über den Hals der Pferde hinweg stumm die Hände reichten, war es ihnen, als gingen unsichtbare Schatten über den Himmel. Sie setzten sich nebeneinander. „Guten Morgen, Lydia“, sagte Dareen nachträglich.
„Ausgeschlafen?“ fragte sie nach einer Weile.
„Habe gar nicht geschlafen.“
„Das merkt man. Wie kam das, bitte? Gebummelt?“
Er lachte unwillig. „Nee, Liebste. Habe Ihren Film geschnitten, bis morgens um drei.“ Da kam über ihr Gesicht ein schnelles Leuchten: „Ah — schon? Na, und — sagen Sie: Wie sind die Bilder?“
Dareen musste sie ein bisschen zappeln lassen. „Scheusslich.“
Jäh sah er ihre Augen, den ganzen Ausdruck ihres Gesichts verändert, als sei durch Zauberkraft ein anderer Mensch an seine Seite gerückt. „Wie?! Hat dieser niederträchtige Buckel etwa wieder — —“
„Lydia —“, unterbrach er sie bittend und voller Vorwürfe gegen sich selbst, denn er kannte ja ihre Reizbarkeit — warum musste er also immer wieder anfangen? „Michel ist Ihr hingerissener Bewunderer — und die Bilder sind Gedichte von Sonne und Licht.“
„So —“, sagte sie vor sich hin. „So. Mehr nicht? Wie sind denn meine Bilder?“ Ihre Gerte zuckte in der Hand. Dareen strich sich über die Stirn. War heute wirklich Sonntag? — „Liebe — wenn ich nicht von der Notwendigkeit Ihres Schlummers allzusehr überzeugt gewesen wäre, so hätte ich Sie aus dem Bett getrommelt, um Ihnen Ihre — hören Sie: Ihre! — Bilder zu zeigen.“
Eine kindliche Fröhlichkeit brach quellend aus Lydia Keriëls Gesicht, ihre Zähne blitzten. „Das war lieb, Dareen.“ Sie beugte sich zu ihm hinüber — und abermals fing ihn das dunkle Lodern ihrer Augen ein ...
Im Schritt verliessen sie das Hürdenfeld, trabten gelassen in die Reitalleen hinüber. Beim Überqueren des Fussweges wurde die Schauspielerin von einigen Spaziergängern erkannt, bewundernde Blicke folgten ihr.
„Sie müssen die Kandare loser hängen“, sagte Dareen.
„Ich kann reiten“, gab sie ihm mit springend wiedergekehrter Schärfe zurück. „Wollen Sie mir vielleicht sagen, wie die Aussenaufnahmen geraten sind?“
Vor Dareen wippte der Pferdekopf, der Beschlag des Zaumzeugs blinkte. „Ich bin abgespannt und finde heute nicht die richtigen Worte. Wenn ich nur sage: Die Bilder sind herrlich, alles ist gut und schön — so haben Sie keinen Nutzen davon, denn es ist immer allerlei auszusetzen.“
„An mir —?“
„Lassen wir das“, wehrte er ab. „Sie sind ausserdem für Kritik heute nicht empfänglich.“
„Lieber Dareen — für Kritik bin ich immer empfänglich. Bloss nicht für Nörgeleien. Ich brauche Verständnis! Aber Sie sind heute schlecht gelaunt, wie mir scheint.“
„Ach was — kommt bei mir gar nicht vor.“
Lydia Keriël lachte. Der Regisseur drehte den Fuchsenkopf auf einen Weg, der zur Reithalle zurückführte — sehr zum Unmut seiner Diva, die nach einer Weile, während sie bissig in die Luft geschwiegen hatte, den abgerissenen Gesprächsfaden wieder aufnahm.
„Lieber Freund — ich möchte wissen, ob ich Ihnen je etwas recht gemacht habe. Aber diese verrückte Doppelrolle — ich sage Ihnen, solchen Flausen folge ich nicht ein zweites Mal! In zehn Jahren vielleicht, wenn ich graue Haare habe —“
Dareen sah der Freundin über die zornige Stirn. Der schwarze Reithut, von einem Riemen unter dem Kinn gehalten, sass untadelig auf dem glatten Haar. „Liebste Freundin,“ sagte er leise, „Sie haben ja schon welche ...“
In Lydia Keriëls Augen kam eine kleine Furcht, ihr Blick suchte unsicher im Grün der Äste. „Die paar Strähnen haben nichts zu bedeuten. Graf Csaky sagt, das wär interessant.“ Der Regisseur brach in ein herzliches Lachen aus. „Dareen,“ rief sie ihm zu, „Sie sind grässlich!“
Es dauerte eine ganze Zeit, bis er seine beleidigende Fröhlichkeit besiegt hatte. „Und Sie sind köstlich, Lydia! Wissen Sie was? Lesen Sie ein Jahr lang prinzipiell keine Kritiken mehr, in denen Sie verhimmelt werden — denn wer Ihnen bloss Gutes zu sagen weiss, der ist Ihr Feind! Für Ihre Reklame sorge ich schon — — glauben Sie mir: Es ist kein Wort davon wahr! Schicken Sie Ihre Bewunderer weg, das ist ja alles Gewäsch, was die reden. Besonders den Grafen Csaky —“
„Das ist ein ganz entzückender Mensch!“
„Natürlich —“, höhnte er bitter. „Wer Sie anschwärmt, Lydia, das ist immer ein ganz entzückender Mensch — und wer Ihnen in unablässiger Mühe die Sporen gibt, wie man ein alleredelstes Pferd zureitet — —“
„Sie wollten sagen: dressiert ... “
Das Gespräch wurde scharf. Die empfindsamen Tiere spitzten unruhig die Ohren und knirschten im Gezäum. „Lassen wir das“, sagte Dareen. In seiner Stimme klang ein ruhiger Befehl.
Lydia kannte diesen Ton.
„Heute ist Sonntag,“ fuhr Dareen verwandelt fort, „geniessen wir ihn. Ausserdem haben wir beide morgen unsere ganze Nervenkraft nötig; es wird die schwierigsten Doppelaufnahmen geben — Sie dürfen sich ruhig auf zehn Stunden einrichten.“
Die Diva ritt in verstimmtem Schweigen an seiner Seite. Er verstand sie aber auch gar nicht, auf allen zarten Regungen ihrer Seele trampelte er herum! Sie hasste ihn — natürlich, was sonst? Es war klar, er sollte sich nur nichts einbilden —
Oh, Dareen — —
Vor der Reithalle stand Graf Csaky, den Zügel seines Yorkshire in den Arm geklemmt, und las vergnügt in einem rosigen Briefchen. Abseits wartete ein galonierter Diener. Als der Reitlehrer die beiden Herantrabenden bemerkte, steckte er das Papier errötend in die Tasche. Lydia ritt auf ihn zu, ihre Lippen verzogen sich spöttisch: „Na —?“
„Wieso ‚na—?’, Gnädigste?“
Die Schauspielerin nahm ihre Reitgerte und tippte ihn auf die Nasenspitze. Der Graf half ihr verlegen vom Pferde. Auch Dareen schwang sich aus dem Sattel, seine Bewegungen waren müde.
Am Nachmittag traf sich Isabel an einem der Untergrundbahnhöfe mit ihrem „kleinen Kameraden“, sie musste eine Weile warten, ehe er kam. Ein hellbrauner Sakko schmiegte sich um Heinos von Kraft und Jugend strahlende Gestalt, sein Stöckchen wirbelte in zwei Fingern durch die Luft. Als er Isabel sah, stutzte er einen Augenblick, denn es ging ihm immer wieder auf die Nerven, dass sie nur ein einziges gutes Sommerkleid hatte, und das — na! „Tag, Aschenputtel.“ Sie schüttelten sich die Hände. „Tag, lieber Märchenprinz“, sagte Isabel und knickste spöttisch.
Sie gingen in den Tiergarten hinüber, der von sonntäglichen Spaziergängern wimmelte. Mancher drehte sich nach dem an Kleidung ungleichen Paar um. Das war Heino unangenehm — Isabel war doch nicht sein Verhältnis — teils leider! — sondern die „Grosse Liebe“! Wenn sie sich nur etwas liebenswürdiger betätigen würde, hem ...
Die „Grosse Liebe“ schob ihren Arm in den seinen — obwohl sie merkte, dass er widerstrebte — aber dann tat sie’s natürlich erst recht. Wenn sie schon in Sack und Asche herumlief, dann wäre es Heino lieber gewesen, wenn man sie für seine Sekretärin gehalten hätte. Er selbst sah ja aus wie ein Attaché. Teufel — und man hätte es sein können, nach Geburt und Gaben. Dies Schicksal, dies verdammte Schicksal!
Er sah sie missbilligend an: „Liebes Herz — tu mir bloss den Gefallen und leg’ dir eine stilvollere Frisur zu.“
Sie lachte: „Das stört dich doch jetzt nicht, wenn ich den Hut aufhabe.“
„— aber was für einen ...“, erlaubte er sich.
„Jedenfalls einen, der vor drei Jahren sehr modern war, mein lieber Graf.“ Aber im Innern spürte sie jedesmal einen Stich, wenn er an ihrer äussern Erscheinung etwas auszusetzen hatte. Heino zuckte die Achseln und zog in Gedanken ein silbernes Etui aus der Westentasche — aber im selben Augenblick fiel ihm ein, dass sie das ja nicht sehen durfte. Nun war es einmal geschehen, und Isabel hatte es natürlich gleich bemerkt. „Fein!“ sagte sie mit einem lustig lauernden Seitenblick. „Gekauft —?“ Sie nahm ihm die Dose aus der Hand, und er liess es zu, dass sie die Zigaretten herausnahm und sich die Sache näher ansah. „Ah — ‚Lydia Keriël ihrem kritischen Bewunderer’ ... Sehr nett von deinem Abgott. Aber sag’ mal, Heino: Wieso Kritischer’?“
„Ja nun — sie fragt mich eben mal um meine Meinung.“
„In Filmangelegenheiten?“ Sie sah mit unbändigem Vergnügen, wie er sich in ihrem Kreuzverhör wand. „Erlaube schon!“ gab er ihr gekränkt zur Antwort. — „Ach, Isabel, warum quälst du mich in einem fort? Frau Keriël geht nie ins Kino, ausser in ihre eigenen Filme — dann erzähle ich ihr also. Das genügt ja auch — denn von den verrückten Amerikanerinnen kann sie doch nichts lernen.“
„Ah — und du sagst ihr das. Hm, Heino — ich werde mal Dareen erzählen, woher die Dame ihr Selbstbewusstsein bezieht.“
In einer Gartenwirtschaft eroberten sie einen gerade freiwerdenden Tisch am Seeufer. Der vielbeschäftigte Kellner übersah die beiden. Boote schaukelten im seichten Wasser, am Uferkranz standen helle, sommerlich gekleidete Menschen. Isabel beobachtete den Freund, der es auffällig vermied, sich dem Kellner bemerkbar zu machen. „Gehen wir“, sagte er endlich. „Der Kerl kommt ja doch nicht zu uns.“
„Fällt mir gar nicht ein, ich habe Hunger.“ Isabel nahm die Karte zur Hand und nannte ihre Wünsche. „Sei so gut und bestelle mir endlich einen Mocca double, sieben Mohrenköpfe, drei Baisers und vier Napoleonschnitten.“
Heino sah in die Luft. „Entschuldige, Isabel — ich habe nämlich bloss noch eine Mark fünfzig, summa summarum. Aber den Mokka sollst du haben.“
Ihr Blick wurde dunkel: „Lieber — du hast wieder gewettet, gespielt?“
Graf Csaky zog einen Haufen zerknitterter Lotterielose aus der Tasche und warf sie wütend über den Tisch. „Alles Nieten. Aber ich habe die Sache jetzt bald heraus. Ein fabelhaftes System. Da lernt bei mir ein Schieber reiten, der hat Unsummen damit verdient und bringt es mir aus Gefälligkeit bei. Das Glück ist nämlich auch berechenbar.“
Wie unmutig sie den Blick gesenkt hielt — rief jetzt mit einer kurzen, herrischen Bewegung den Kellner heran und bestellte einen Kaffee für sich und ein Bier für Heino. „Wenn du dir auf diese Weise Vermögen und Rang zurückholen willst, mein Lieber, dann kannst du lange warten.“
„Wenn du dir auf deine Weise, Pfennig zu Pfennig, Vermögen und Rang zurückholen willst, liebe Isabel“ — antwortete Heino gedrückt —, „dann werden deine Kinder immerhin bis zur Alvenslebenstrasse aufrücken. Ach, du“ — und er griff nach ihrer Hand —, „du glaubst ja selber nicht, dass du glücklich bist in deinem elenden Beruf —“
„Glücklich —?“ sagte Isabel, und ihr Blick verlor sich. „Gewiss nicht. Sicherlich weniger als du bei deinen Pferden. Aber ich bin fleissig. Ich will hoch, und mein Glück hab’ ich bei mir. Jetzt lerne ich an den Abenden englisch und französisch stenographieren. Dareen lobt mich — eines Tages wird er mich zu seiner Regieassistentin machen.“
„Und dann —?“
„Dann ist wieder ein neues Ziel. Ich warte, aber ich rege die Hände dabei. Manchmal meine ich, ich träume und müsste zerspringen in diesem Alltag, mit Schreibmaschine, Stenogrammblock und Klebepinsel. Glücklich? — Aber muss man glücklich sein? — Mir genügt es, wenn ich nicht zwecklos bin. Dass mein Vater ein Botschafter war und deiner ein Geheimrat im Auswärtigen — das ist ja schon gar nicht mehr wahr. Warum führst du eigentlich den Adel noch und vergoldest dir die zerrissenen Stiefelsohlen? Lass mich ausreden, Lieber —“, fügte sie hinzu, als Heino sie heftig unterbrechen wollte, und nahm begütigend seine widerstrebende Hand überm Tisch, „du hast natürlich keine zerrissenen Stiefelsohlen, das weiss ich — sondern lieber Schulden.“
„Du reitest immer auf mir herum, meine Liebe“ — Heino wehrte sich müde —, „als ob ich nicht auch tüchtig und fleissig wäre. Komm in meine Ställe und sieh’, wie da alles blitzt, und jeder Nagel an seinem Fleck. Wenn ich einen Aufgabenkreis hätte — — aber den kriegt man ja nicht. Gott — Reitlehrer und Kleberin — — das ist so stillos.“
Auf einen herabhängenden Ast hüpfte ein Rotkehlchen, plusterte selig den roten Bauch und piepste. Das war nun unser Sonntag ... „Stillos ist,“ sagte Isabel, „wenn sich nicht beugen will, was schon gebogen ist — und wenn man hofft, wo man nicht leistet.“
„Zahlen!“ rief Heino wütend dem Kellner zu. Isabel zog ihre Handtasche und schob ihm unterm Tisch ein paar Scheine hin. Der Kellner hatte es bemerkt und grinste verstohlen — aber durch ein reichliches Trinkgeld wurde dieser schlechte Eindruck wieder verwischt. Als Heino das übrige Geld in der Hand hielt, zwinkerte Isabel ihm zu, er lächelte dankbar und steckte das Geld in die Rocktasche. „Du kannst doch nicht mit deinen anderthalb Mark herumlaufen“, raunte sie ihm zu, „ich gebe dir nachher noch etwas. Dareen hat mir zwanzig Mark Aufbesserung versprochen.“
„Das ist ja fabelhaft —! Aber es wäre jedenfalls sehr lieb von dir. Weiss der Teufel, was los ist — bei mir kommen die Moneten immer geflügelt auf die Welt —“
Sie standen auf. Heino schob jetzt seinen Arm in den ihren — aber die Verbitterung drängte, immer wieder über seine Lippen. Vier Jahre liebte man sich — eine spröde Freundin — und keine Aussicht, im Lauf der Jahrzehnte standesgemäss zusammenzukommen ...
Isabel hasste dies zwecklose Klagen, und um ihn auf andere Gedanken zu bringen, erzählte sie ihm vergnügt, was Tamaroff und der bucklige Chefoperateur zu ihrem „Filmgesicht“ meinten. Darauf strich Heino sich nachdenklich ums glatte Kinn: „Du, höre mal — das wäre gar kein übler Gedanke. Du könntest — äh, wir könnten bald heiraten“, übersetzte er, weil er wusste, dass sie es ungern hörte, wenn er vom Gelde sprach. Aber sie zog ihren Arm schon unwillig an sich.
„Sieh einmal ins Atelier hinein, lieber Heino — dann vergeht dir die Lust, mich unter diesen Menschen zu sehen. Aber du kennst ja nur die Leinwand. Und die lockt — — lockt mich auch.“
Der Graf zuckte die Achseln. Dann mochte sie eben Klebedame bleiben, wenn sie das für vornehmer hielt. Aber er beobachtete sie entzückt, sie sah so hübsch aus, wenn sie böse war. Auf dem weiten Wege kamen sie in entlegenere Ecken, nur wenige Spaziergänger begegneten ihnen. Heino sah sich um — und als er keinen Menschen erblickte, küsste er sie stürmisch. Sie spürte sein Begehren und machte sich ruhig frei. „Es ist nicht gut, dass man vier Jahre umeinander herumgeht“, sagte er entschuldigend, aber er sah, dass auch ihr eine dunkle Röte in die Stirn gestiegen war.
„Dann sieh zu,“ antwortete sie ihm, „dass diese Zeit sich schneller endet, und hole deine standesgemässen Träume aus den Wolken herunter. Aber du wirfst dein Geld zum Fenster hinaus und wartest, dass dich der Zufall wieder hochbringt. Dir passiert das nicht, Heino — dir nicht.“
Sein Stock zischte. „Du willst damit sagen, ich wäre zu dumm dazu?“ Und als sie lachte, sprach er heftig weiter: „Verbringe diesen Abend allein, Isabel — mir hast du die Lust verdorben!“
So war es schon oft zwischen ihnen geschehen. Wenn sie sich nicht vertragen konnten, ging jeder seines Weges — — wenn man sich lange vergeblich liebt, wird man klug. Sie gaben sich die Hand. Das trifft sich ja ganz gut, dachte Heino im Davongehen — denn er hatte heute abend etwas vor, das in dem rosigen Brief am Vormittag gestanden hatte, und er hätte schwindeln müssen, um freizukommen.
Einen Augenblick wollte Isabel ihm nacheilen, denn ihr immer gedämmtes Blut drang auf. Dann hob sie die Hände an den Mund. „Dummer Bub!“ rief sie und lachte — aber es war ihr nicht danach zumut.
III
In der riesigen Glashalle, wo an anderen Tagen in jeder Ecke gedreht wurde, standen heute nur Dareens Dekorationen: der maurische Spielsaal von Monte Carlo, in der Form genau kopiert, doch mit grell angestrichenen gelben, grünen und braunen Wänden; zwei prunkvolle Gesellschaftsräume; abseits führte eine breite, weitgebogene Empfangstreppe bis unters Glasdach hinauf.
Um Dareen, der seit sechs Uhr früh, schon drei Stunden vor Beginn der Aufnahme, draussen war, summte ein Ameisenhaufen. Jupiterlampen und Scheinwerfer wurden hereingerollt, die Hochspannungskabel der Lampen schwappten über den staubwirbelnden Fussboden.
Isabel warf einen Blick in das lärmdröhnende Atelier und ging in ihren Kleberaum hinüber. Sie hatte ein kleines Zimmer für sich, weil Dareen den letzten Schnitt — bei dem es sich nicht mehr um Meter, sondern um Einzelbilder handelte — selbst erledigte, häufig gemeinsam mit Michel; und er wollte ungestört sein.
Als sie die Filmrollen der Musterkopie ausgepackt hatte, liess sie im Schreibzimmer, in dem die Maschinen klapperten, die Nachrichten für Frau Kiesering und für den Hilfsregisseur ausschreiben. Darauf ging sie wieder ins Glashaus. Es war unmöglich, an Dareen heranzukommen.
Der Regisseur stand am Haustelephon, schnauzte den Ingenieur des kleinen Elektrizitätswerks persönlich an und ersuchte um zuverlässige und gleichmässige Stromlieferung. Die Lampen standen unter Probelicht und flackerten in stechenden, violetten Strahlen. Es war eben Montag ... Michel Grczegorezewicz hantierte mit seinen Hilfsoperateuren am Motorgetriebe des Aufnahmeapparates herum, das heute wegen der schwierigen Doppelaufnahmen verwendet werden sollte. Die Sache klappte nicht, der Rohfilm klemmte sich unaufhörlich — —
Isabel sah in die erregte Weltuntergangsstimmung hinein. Kilian Koll schrie nach einem fehlenden Requisitenstück und fuchtelte mit seinem völlig zerfledderten Manuskript herum. Tamaroff stand beiseite im Gespräch mit einer grellblonden Schauspielerin, die er duzte; der Russe war schon im Frack, aber noch ungeschminkt, eine Zigarette hing schlaff zwischen den blassen, höhnischen Lippen. Als er Isabel sah, bekamen seine Slawenaugen eine heimliche Wolfsgier.
Hammerschläge schollen auf den rohen, zertretenen Holzplanken. Ein paar Statisten lugten neugierig herein, wurden von Koll rücksichtslos in die Massengarderoben verscheucht. Dareen sah zornig nach der Uhr: es war schon acht vorbei, um neun sollten die Aufnahmen beginnen — und Lydia Keriël war noch nicht da ...
Er liess gerade telephonisch nach ihr fragen, als die Diva eintrat. Sie kam mit ihrem Bruder Ephraim Keriël, dem Allgewaltigen der Gesellschaft, mit dem sie seit den Uranfängen des Films zusammen arbeitete. Dies geschwisterliche Idyll war nur ein einziges Mal gestört worden, als Lydia Keriël sich mit einem Filmschauspieler verheiratete. Die Ehe dauerte aber nur drei Wochen, denn schon auf der Hochzeitsreise ging die temperamentvolle Frau ihrem Gemahl mit einem italienischen Offizier durch, worauf der Verlassene es vorzog, sich mit der geduldigeren und lyrisch hochempfindlichen Zofe der Ungetreuen zu trösten. Seither hatte keine noch so grosse anderweitige Leidenschaft den Himmel der Geschwister Keriël zu trüben vermocht — und Dareen war verheiratet ...
Dem Generaldirektor stak die unvermeidliche Importe, die Dareen ihm während der Aufnahmen jedesmal verbieten musste, im fetten, kalten Gesicht; sie war halb zu Ende geraucht, die weisse Asche war aber noch vollkommen unverletzt. Während die Diva bei jedem der gellenden Hammerschläge zusammenzuckte, ging er neben ihr, als sei er taub.
Dareen verhandelte mit dem weisshaarigen Beleuchtungsinspektor, als er Lydia Keriël sah. Er warf einen forschenden Blick zu ihr hinüber, klemmte das Manuskript unter den Arm und ging auf sie zu. Um ihre Augen lagen tiefe Schatten, ihr unstäter Blick suchte rastlos im verwirrten Trubel der Vorbereitungen. „Lydia,“ flüsterte Dareen ihr zu, „ich fürchtete schon, Sie würden heute nervös und unruhig kommen zu den schwierigen Szenen — aber Sie sehen aus, dass ich mich in Sie verlieben würde, wenn — —“
„Wenn —?“ fragte sie lauernd, von einer rosigen Frische überhaucht. Dareen sah es mit Freuden: sie verwandelte sich unter seinen Worten. Ja, sie ist ein Kind, dachte er und zog ihre Hand stumm an die Lippen. Das schien ihr Antwort genug, und sie ging mit verjüngten Schritten in ihre Garderobe. Dareen und der Generaldirektor sahen ihr nach; Keriël trat an den Regisseur heran und klopfte ihm schmunzelnd auf die Schulter, bot ihm dann die Hand zum Gruss.
Koll war nicht zu erreichen. Isabel fand Frau Kiesering in einer Ecke: eine grämliche, verbrauchte Frau, die Dareen vor ein paar Monaten für kleine Rollen entdeckt hatte und deren müden Augen jede Lebensangst zu glauben war: darum auch war sie gut verwendbar, denn Dareen brauchte Gesichter — aber sie konnte sich nicht recht an die Technik der Aufnahmen gewöhnen. Die Frau las den Handzettel mit mühsamer Beherrschung, ihre Hände zitterten. Isabel versuchte die heimlich Schluchzende zu trösten.
Als sie weitergehen wollte, wurde der grosse Atelierflügel dahergerollt. Sie trat einen Schritt beiseite und streifte dabei die grellblonde Schauspielerin, die noch mit dem Russen kokettierte. „Bitte zu entschuldigen“, sagte Isabel höflich. Die kleine Dame fauchte sie sogleich mit erhobener Stimme an: „Passen Sie doch auf, wo Sie hintreten, Sie!“
Dareen hatte es gehört. „Guten Morgen, Fräulein Gynthenburg“, sagte er mit betonter Freundlichkeit, trat an sie heran und erkundigte sich kurz nach ihrer Arbeit. „Wenn Sie eine Frage haben, kommen Sie, bitte, her.“
Als Isabel zum Ausgang ging, hörte sie Tamaroff zu dem Regisseur sagen: „Schauen Sie, Herr Dareen, wie wundervoll geht Ihre kleine Klebedame.“ Sie spürte Blicke in ihrem Nacken, wandte sich aber nicht um. Ein grosser Spiegel lehnte an einer Furniersäule, im Glas sah Isabel, wie Dareens Augen ihr nachdenklich folgten. Unangenehm — diese geschminkten Zigeuner —
Isabel setzte sich an ihre Arbeit, nahm Szene für Szene aus dem Zelluloidstreifen heraus, verglich ihr Stenogramm und schnitt weg, was Dareen nicht verwenden wollte. Er behauptete zuweilen, sie habe zuviel entfernt. Es kam auch vor, dass er Teile, die er selber weggeschnitten hatte, später wieder einfügen liess, so dass Isabel die Abfälle zunächst in einer grossen Pappschachtel sammelte, bis der letzte Schnitt erledigt war.
Immer, wenn sie zehn Nummern geschnitten hatte, nahm sie die in der Reihenfolge nebeneinandergelegten Filmstreifen, klebte sie im Maschinchen zusammen und dann an die grosse Rolle. Wenn Dareen schnitt, war das Kleben in seiner Gegenwart ein für allemal verboten wegen der stechenden Dämpfe, die sich dabei entwickelten. Isabel musste im Nebenzimmer arbeiten, während eine Hilfsperson ihr dauernd die geschnittenen Szenen herüberbrachte. Aber Dareen liess in solchen Fällen seine Kleberin oft genug hereinkommen und fragte sie nach ihrer Meinung, so dass sich die Arbeit vielfach zersplitterte. Dann hatte sie nachher eine Unzahl winziger Filmteile, die nicht mehr durch Nummern gezeichnet waren, fehlerlos einzuordnen.
So liess sie das Filmband bedächtig durch die Hände gleiten: es rollte nicht etwa, wie es bei ihrem Herrn und Meister oft genug geschah, wie eine Riesenschlange über den Boden, sondern es wurde sauber in Röllchen gewickelt. Flüchtig mass sie die Szenen aus und schnitt sie zusammen.
Die Arbeit machte ihr Freude, sie spürte einen Formwillen in der kühnen Art, wie Dareen mit eiligem Befehl ungezählte Meter an sich verwendbarer Bilder rücksichtslos entfernen liess, um die Zügel der Handlung straff zu führen. Zuweilen war Isabel anderer Meinung als ihr Chef, sie machte sich dann eine kurze Notiz und sprach später mit Dareen darüber, denn er wusste ein verständnisvolles Zusammenarbeiten meist, aber nicht immer zu schätzen. Für Zweifelsfälle lag neben der Arbeitenden das dicke Manuskript „Roulette“, natürlich im siebzehnten Durchschlag, aus dem sie die Bilderfolge vergleichen konnte, wenn etwas in Verwirrung geriet.
Isabel hatte drei Tage Zeit. Auf den Neunstundentag, zu dem sie verpflichtet war, legte sie keinen Wert — denn wenn Dareen arbeitete, war sie meist in ihrem Kleberaum, solange der Regisseur im Dienst war. Strebertum lag ihr fern — aber sie hatte nicht die Absicht, dem Glück ihres eigenen sozialen Wiederaufbaus auszuweichen — — und wenn der Zufall es einmal bringen sollte, so wollte sie zu jeder Zeit bereit sein. Wenn nichts zu arbeiten war, so lag ein kleines Bändchen Bérangerscher Gedichte oder sonst ein Strandgut der Vergangenheit zur Hand.
Vor ihren Augen zog ruckweise die Handlung des Films vorüber — und was dazwischen noch ungedreht war, das las sie ohne Übereilung im Manuskript nach: alles war sauber und raffiniert um Lydia Keriël herumgeschneidert. Doktor Florian war kein Genie, nein, das war er nicht. Isabel wunderte sich, dass Dareen nichts Besseres zu drehen hatte als diese erlogene Geschichte unter reichen Spielern und Hochstaplern.
Die Diva allerdings hatte ihre Glanzrollen darin, die junge und die alte — und das mochte der Zweck der Übung sein. Ob sie wirklich eine so grosse Künstlerin war, wie Dareen glaubte — — und wie Heino es mit sieben Eiden beschwor? Dummer Bub! dachte sie ingrimmig, dummer, lieber Bub!
Ein paar Doppelaufnahmen, auf denen die Keriël in beiden Rollen gleichzeitig im Bilde war, hielt sie neugierig ins Licht. Es war nicht das geringste zu entdecken, und Isabel hätte gerne gewusst, wie Michel derartige Tricks ausführte. Heute waren ja auch solche Aufnahmen. Sie musste Koll noch seinen Zettel bringen, dass er die Regenspritzer kopieren solle. So ging sie wieder in die Halle hinüber.
Über dem Glasdach strahlte der besonnte Himmel, eine dumpfe Schwüle floss in Wellen herab und mischte sich mit der schier versengenden Glut der zahllosen Lampen. Dareen stand in Hemdsärmeln, sein Gesicht war wie in Fett getaucht. Er liess eine der schwierigen Doppelszenen probieren. Isabel blieb im Hintergrund stehen und schaute zu.
Es sah seltsam aus. Um die Spielbank wogte eine flimmernde Menge — doch nur auf der einen Seite, die andere blieb völlig leer. Lydia Keriël war nicht unter den Darstellern: die Ärmste musste sich heute elfmal umkleiden, umschminken und umfrisieren ... Mit ihrer Kraft sollte sparsam umgegangen werden, und Dareen hatte an Hand von Skizzen schon in Monte Carlo mit ihr Szene für Szene bis in die kleinste Einzelheit probiert. An Stelle der Diva markierte eine alte, widerwärtig hässliche Schauspielerin, die eigens für diesen Zweck engagiert war und sich sehr geschickt bewegte.
Lydia Keriël kam aufgelöst und müde aus ihrer Garderobe, ging wortlos vorüber und setzte sich an den Flügel, an dem sie gewohnheitsmässig ihre zappelnden Nerven beruhigte. Dareen winkte auf Michels Wunsch die Probe ab, verbesserte die Stellung einiger Komparsen, die der Grenzlinie der Doppelbilder zu nahe kamen, und liess die Szene noch einmal spielen. Tamaroff, der im Bilde stand, rang die Hände: „Ist siebtesmal probieren, Herr Dareen.“
Der Bucklige stand schwitzend neben seinem Apparat. Isabel bat ihn leise um Aufklärung. Eigentlich hätte er auf die Szene achten müssen, aber weil Isabel es war, die ihn störte, so nickte er erfreut. „Die eine Bildhälfte, auf der jetzt bloss das alte Scheusal steht — ich meine natürlich nicht Frau Keriël — also die eine Bildhälfte habe ich schon belichtet im Apparat, Fräulein Gynthenburg“, flüsterte er. „Darauf war unsere jrosse Lydia so, wie sie ist, nämlich zirka vierzig Lenzlein. Jetzt habe ich das Negativ zurückgerollt — verstehen Sie, Fräulein?“
„Nein“, sagte Isabel.
„Also weiter! Gleich wird die andere Bildhälfte gedreht: darauf ist die Gnädige so, wie sie sein möchte, weil sie meint, dann imponiert sie Herrn Dareen mehr: nämlich eine zarte Knospe von höchstens neunzehn Blütenträumen. Wer’s glaubt, wird selig — meinem Kasten kann man nämlich nichts vorschwindeln —, aber die Dummen werden nicht alle. Übrigens: Obacht — die Sache wird interessant“, und er zeigte mit dem Finger auf Lydia Keriël, die selbstvergessen träumend am Flügel sass. Dareen stand jetzt neben ihr, sein Gesicht lächelte, er beugte sich zu ihr nieder. „Darf ich bitten, Lydia. Wir fangen an.“
Die Keriël schloss die Augen, ihr Kopf machte eine unwillig abwehrende Bewegung: „Lassen Sie mich, ich bin noch nicht in Stimmung“, sagte sie ziemlich laut. Das ganze Glashaus sah herüber; auch der Generaldirektor, der stumm im Hintergrund die Elfenbeinzigarette zwischen den Zähnen hielt, spitzte die Ohren. Es gab zuweilen kritische Augenblicke, in denen die Diva nicht spielen wollte — und jeder lauerte, wie Dareen diesmal bestehen würde.
Der Regisseur stützte den Ellenbogen auf den Flügel, über sein hageres Gesicht flog ein träumender Glanz. Alle sahen es, er schien andächtig der Musik zuzuhören. Seine Lippen bewegten sich kaum: „Wenn Sie in einer Minute noch nicht in ‚Stimmung’ sind, Lydia — dann blase ich die ganze Aufnahme ab.“
Es war schon einmal nötig gewesen, dass er diese Drohung wahr machte, und Keriël hatte seiner Schwester dafür eine Riesensumme vom Honorar abgestrichen, aber Dareen hatte die andere Hälfte der verpulverten Unkosten tragen müssen. Sie wusste also, dass er ohne jedes Zögern ausführte, was er sagte — — und spielte mit unbewegtem Gesicht weiter. Dareen hörte ihr wie selbstvergessen zu. Sie spielt wirklich schön, dachte er voller Erwartung.
Etwas wie ein Ausklang ertönte, Lydia liess ihre Hände sinken und erhob sich. Ihre Augen glänzten fiebrisch, lagen hingegeben in den seinen — und ihrer beider Blicke verfingen sich und tauchten für eines Herzschlags Frist unergründlich ineinander.
Das ganze Atelier staunte, denn niemand hatte Dareens Worte hören können. „Wie hat er das bloss mal wieder gemacht?!“ flüsterte Keriël dem grinsenden Tamaroff ins Ohr. Da kam Dareen, er führte seine Spielerin am Arm — in seinen Mienen lag auch nicht der Schatten eines Triumphes.
Es war so heiss, dass vier Friseure vor der Aufnahme herumlaufen mussten, um den Darstellern die gelben, schmutzigen Schweisstropfen von den geschminkten Gesichtern zu tupfen. Mit ihren Handtüchern fingen sie bei den Hauptdarstellern an und endigten bei den kleinsten Komparsen. Isabel sah es und krümmte angewidert die Lippen: da war es in ihrem Kleberaum denn doch appetitlicher ...
Als die Aufnahme vorüber war, liessen sich die „Kanonen“ aufseufzend in umherstehende Sessel fallen. Aus der Kantine wurde Eissorbet für die Solisten und Eiskaffee für die Komparsen herumgereicht. Dareen sah Isabel und nickte ihr freundlich zu: nach ihrer Arbeit brauchte er sich nicht zu erkundigen, seine Kleberin war stets zur Minute fertig, so dass er ihr jede Freiheit lassen konnte.
Beiseite stand immer noch, zwecklos und ungeduldig wartend, die Grellblonde. Als Kilian Koll ermattet vorbeikam, hielt sie ihn energisch am Arm fest: „Sagen Sie mal, Koll: wann kommt denn eigentlich meine Aufnahme?“ Sie bemerkte wohl, dass Dareen einen Augenblick unwillig hinübersah, aber Koll blätterte in seinen Papieren: „Bedaure, Fräulein van Zuiden — die Szenen sind umgestellt worden, Sie kommen erst am Nachmittag dran“, und er wollte weiter — aber die Dame fragte ihn nach tausend Kleinigkeiten und liess ihre Augen so verführerisch plänkeln, dass der Hilfsregisseur ihr nicht ungern zuzuhören schien.
Isabel wollte ihren Zettel abgeben und wieder an ihre Arbeit zurück. „Bitte zu entschuldigen, Herr Koll, ich habe Ihnen — —“ Aber weiter kam sie nicht, denn die Schauspielerin schrie sie wütend an: „Was fällt Ihnen ein, Sie unverschämte Person, jetzt spreche ich mit Koll!“
Derartiges glitt von Isabel ab. „Bedaure,“ sagte sie kühl und hob die Brauen, „ich habe dienstlich mit Herrn Koll zu reden!“
„Scheren Sie sich in Ihren Kleberaum, Sie!“ fauchte die Filmspielerin mit wutzischenden Blicken. Auf diesen Ton hatte Isabel nichts zu erwidern — solche Gemeinheit gibt es nur beim Film, dachte sie schutzlos. Aber Dareen kam ihr zu Hilfe.
„Ruhe!“ schrie er zornig und sprang aus seinem Sessel. „Fräulein van Zuiden — was haben Sie meine Kleberin derartig anzuschnauzen?“ Isabel neigte kurz das Köpfchen und ging in ihr Klebezimmer.
Ihre Hände zitterten, sie fühlte sich angespien. Heino hatte recht, der soziale Sturz ward zur Schande, denn: das Herz blieb hochmütig und wollte sich nicht in die untergeordnete Stellung fügen.
Sie weinte vor Zorn. Was hatte diese widerliche, geschminkte Person eigentlich zu spielen? Die war doch in den bisherigen Szenen nicht vorgekommen. Im Darstellerverzeichnis stand der protzige und hoffentlich waschechte Adelsname neben der Rolle einer englischen Lady ... Nun musste sie unter Tränen lächeln: Mein lieber Dareen, da haben Sie aber sehr daneben gegriffen! Eine englische Lady benimmt sich reichlich anders — das glaube ich bestimmt zu wissen ... Übrigens war man Dareen einigen Dank schuldig. Ja, Dareen war ritterlich — aber die anderen — —
Das war die Filmwelt, wie sie sich vor ihren Augen zeigle: ein lächerliches Gemisch von Leidenschaft und Schminke, von Inbrunst und Hysterie, von wilder Arbeitslust und anmassender Faulheit. Da war nichts zu entwirren, und der Scheltende irrte so sehr wie der Lobende. Dies Parfüm roch wunderlich bittersüss, man lechzte danach und ekelte sich davor, in einem Atemzuge.
Während der Mittagspause schwärmten die geschminkten Komparsen vor Isabels Fenstern. Die Kleberin legte ihre Arbeit zur Seite, spannte die grosse Rolle ins Kinoskop und sah sich durch das Vergrösserungsglas an, was sie bisher geschnitten hatte. Währenddessen verzehrte sie ihr bescheidenes Margarinebrot.
Plötzlich trat Dareen ein, auf seinem Gesicht zuckte die Erregung. Er ging wortlos zum Fenster, schloss es ab, wandte sich dann zu Isabel um und musterte sie prüfend vom Kopf bis zu Füssen. Ihr Herz begann zu klopfen: was wollte er denn? — und eine feine Röte stieg ihr ins Gesicht.
„Herr Dareen —?“
Aber da er immer noch nichts erwiderte, drückte sie wieder auf den Knopf ihres Apparates und beugte sich interessiert über die Bilder. Wenn Dareen etwas wünschte, dann konnte er ja wohl seinen Mund auftun.
Endlich fuhr sich der Regisseur mit der Hand über die grauen Schläfen. „Sie wurden von einer Schauspielerin belästigt. Die Dame sollte eine englische Aristokratin spielen — das kam mir vorhin schon ziemlich unmöglich vor, denn, Fräulein Gynthenburg: vorm Objektiv gibt’s keine Lüge. — Sie lächeln? Wer sind Sie eigentlich?“
„Was wünschen Sie, Herr Dareen?“
„Nun — diese Similidiva steht jetzt ungeschminkt im Atelier und weigert sich, ihre Kokottenhaare umfrisieren zu lassen. Sagt, der Bubenkopf sei jetzt modern. ‚Ich mache nichts Modernes’, habe ich ihr geantwortet, ausserdem sei das kein Bubenkopf, sondern eine Wuschelfrisur. ‚Mia May trägt sie auch!’ sagt sie. Kurz und gut: ich habe bis drei gezählt und ihr die Rolle sofort abgenommen. Danach liess ich bei verschiedenen Filmspielerinnen telephonisch anrufen, konnte aber in der Eile keinen Ersatz auftreiben. Unter den Komparsen ist nichts Passendes zu finden, wir sind ja nicht in Amerika. Jetzt meint Tamaroff, Sie könnten so etwas darstellen — und ich muss sagen, die Sache scheint mir nicht unmöglich.“
Kam die grosse Stunde? Als Spielerin nicht, weniger denn je! „Leider durchaus unmöglich, Herr Dareen.“
„Wieso, bitte?“ Aus den hellen Augen des Regisseurs kam ein bohrender Strahl, aber Isabel hielt ihn aus. „Ich bin als Kleberin angestellt“, sagte sie mit lächelnder Ruhe. Dareen schob in einer ärgerlichen Bewegung die geordneten Filmstreifen beiseite und lehnte sich an den Klebetisch. Jetzt muss ich meine Szenen nachher alle wieder zusammensuchen, ging es Isabel unmutig durch den Kopf.
„Also liebes Fräulein: Sie eignen sich für diese Rolle — und ich muss mich binnen zehn Minuten für einen Ersatz entscheiden, sonst fliegt mir der ganze Aufnahmetag in den Schornstein. Sie erhalten das Honorar, das dem sogenannten Fräulein van Zuiden zugestanden hätte —“
Eine flüchtige Bewegung des Mädchens unterbrach ihn. „Darum handelt es sich nicht.“
Der Regisseur sah ihr forschend unter die Stirn: „Um so besser, meine Gnädigste. Übrigens: Sie scheinen nicht als Klebedame geboren zu sein.“ Ihr Herz schlug einen heftigen Stoss: „Sind Sie als Erster Regisseur auf die Welt gekommen, Herr Dareen?“
Dareens Hand spielte achtlos mit den zerstreuten Filmstreifen und warf sie vollends durcheinander. Gewiss nicht — da waren Kämpfe gewesen, Leidenschaften ... und Konzessionen. „Fräulein Gynthenburg — ich beginne mehr und mehr, vor Tamaroffs Blick Respekt zu bekommen. Sie haben also drei Spieltage — die Rolle hat nur Innenaufnahmen.“
Wollte er so über sie verfügen? In einer letzten Abwehr, die unter seinem Blick unsicher wurde, stiess sie unmutig und doch gefesselt hervor: „Und wenn ich nicht will —?“
Er nahm ihre Hand und suchte mit abwesenden Augen in den schlanken, gepflegten Fingern, als ob sie ihm etwas verraten sollten. „Wissen Sie das noch nicht: bei uns muss man wollen, und will man müssen.“ Das hatte sie vorhin auch gedacht, es verwirrte sie — aber sie wollte sich diese Worte merken. „Später können Sie dann wieder in Ihren Kleberaum zurück, solange Sie Lust haben.“
Kein Dank, keine Liebenswürdigkeit. Seine karge Art missfiel ihr und machte sie zugleich seltsam stolz. „Ah — Herr Dareen“, lachte sie, es klang bitter und wild. „Warum soll eine Klebedame nicht auch mal die Lebedame spielen!“
Frau Kiesering fiel am Nachmittag in Ohnmacht. Die Hitze wurde unerträglich, das ganze Atelier schien ein riesenhafter Brutkasten zu sein. Selbst die alten Filmhasen, wie Koll, Tamaroff und der Komiker Paulsen, liefen mit geschwollenen, unter der Schminke blassen Gesichtern herum und räsonnierten, bis der Regisseur die drei Herren beiseite nahm und sich das energisch verbat. Die Komparsen murrten offen.
Dareen verständigte sich telephonisch mit der Direktion und konnte jedem der Teilnehmer, der eine Tagesgage hatte, mit Ausnahme der Solisten, eine Zulage in Höhe des halben Honorars ankündigen. Darauf besserte sich die Stimmung im Atelier wieder etwas. Dann wurde einem jungen Beleuchter schlecht, der abermals herbeigerufene Atelierarzt stellte aber fest, dass der Mann bloss zuviel Eiskaffee getrunken hatte. Dareen liess Frau Kiesering rücksichtslos um Wiedererscheinen bitten, sie hatte in der nächsten Szene zu spielen.
Seine Arbeitskraft schien unerschöpflich. Alle andern schlichen mürrisch, mit gedunsenen Köpfen umher. Lydia Keriël war so abgespannt und gleichgültig geworden, dass Dareen kaum für die halben Minuten des Spiels ein wenig Lebendigkeit aus ihr herauszwingen konnte. Er allein war schwingend frisch, obwohl er sich seit sechs Uhr früh im Atelier befand und in der Mittagspause die neue Darstellerin in die Geheimnisse ihrer Rolle eingeweiht hatte. Wer war denn das eigentlich? Die Klebedame? Nanu!
Der Chefoperateur stand in einer mühsam verborgenen Erregung bei seinem Apparat. Man lachte über die Klebedame, riss matte Witze über Dareens krause Entdeckerpfade. Der Bucklige pinselte stumm an seinem Objektiv. Isabel — kleine Isabel, dachte er und lauschte einer leisen, wiegenden, wildwehen Melodie, die in ihm klang. Tamaroffs Slawenaugen glühten starr unter der schweissnassen Stirn: gleich wurde eine Szene gedreht, bei der diese Klebekatze zu tun hatte ...
Frau Kiesering schleppte sich wieder herein, noch elender als zuvor. Dareen war zufrieden, so sehr die Frau ihr: dauerte: sie hatte die Gouvernante der ‚jungen’ Lydia zu spielen — in dieser Eigenschaft konnte sie gar nicht gequetscht genug aussehen. Lydia Keriël war derselben Meinung, sie sagte es flüsternd und gleichgültig ihrem Regisseur.
Dann kam Koll mit einer Dame, die niemand kannte. Sie trug ein glattes, schwarzes Atlaskleid, vollkommen schmucklos stieg der junge Hals aus dem runden Ausschnitt. Keine Spange, keine Kette zierte die blossen Arme. Die linke Hand hielt spielend über der Brust einen dunklen Schleier zusammen, das reiche Haar floss in einer langen, leichten Welle zum Nacken. Man stiess sich fragend an — und plötzlich lagen aller Augen auf ihr.
Isabel ging mit der kühlen Ruhe, die ihr Erziehung und Gewohnheit einst gegeben, auf Dareen zu, ohne die hundert Blicke zu beachten. „Etwas sehr raffiniert!“ flüsterte Lydia Keriël vernehmlich und hob das goldgestielte Einglas ans Auge. Wie kam denn diese Klebeperson eigentlich dazu — na ja, die neue Mode stand eben jedem Groschenmädel — mochte früher einmal Gelbstern gewesen sein ...
In Dareens Gesicht zuckte keine Wimper. Drecolls Kleider ... Man musste dem Freiherrn Damenschneider gelegentlich ein Kompliment machen für die fabelhafte, blitzschnelle Lieferung; drei Kleider hatte er im Auto herausgeschickt, und jedes einzelne war ein Gedicht. Und Isabel hatte sich für das schlichteste entschieden.
Die Szene war schon probiert, und auf einen Wink gingen die Darsteller an ihre Plätze am Spieltisch — glücklicherweise war es keine Doppelaufnahme. Isabel blieb zurück. Als alles bereit war, kam Dareen zu ihr, nahm ruhig ihre Hand und hielt sie leicht umfasst.
„Fräulein Gynthenburg,“ flüsterte er, „Sie sind Tamaroffs Schwester. Verstehen Sie: Sie sind Tamaroffs Schwester.“ Sie sah in die grauen, herrischen Augen hinein, lächelte gefangen — und war Tamaroffs Schwester. „Ihr Bruder liebt in sinnloser Leidenschaft die Tochter einer Hochstaplerin. Das Kind muss den Heimlichgeliebten auf Wunsch der Mutter zu immer tollerem Spiel verleiten.“
Dareen zeigte ihr jede Bewegung, liess Isabel kurz wiederholen und trat zurück — es musste auf gut Glück gehen, das Fräulein wurde augenblicklich von sämtlichen Teilnehmern kritisch angestarrt und durfte nicht beirrt werden, schien sich allerdings um diese allgemeine Aufmerksamkeit wenig zu kümmern. „Lampen auf!“ rief Dareen. Das violette Licht sprang grell und blendend über die festliche Szene. Ein Beleuchter lief noch eilig herbei und hantierte an einer zuckenden Lampe. Dareen hob gelassen die Hand. „Achtung —“
Als er das vollkommene Schweigen der eben noch von Lärm durchzitterten Riesenhalle mit einer gewissen Seligkeit empfand, alle Willenskräfte wie eine Bogensehne in seiner Hand bereit, fügte er leiser und ruhig, beruhigend sein „Aufnahme!“ hinzu. Buckels Motor begann zu summen; der Regisseur sprach laut die Meterzahlen ins Spiel — mehr nicht, das Einblasen verschmähte Dareen, oder es musste sich einer schon sehr dumm anstellen.
Im Kreis des violetten Lichts sass Tamaroff neben der ‚jungen’ Lydia. Ein Geldhäufchen lag vor ihm, das wurde zum Bankhalter hinübergezogen. Verspielt. Der Russe lächelte unsicher, schüttelte den Kopf und begann sich zu erheben: „Ich habe jetzt genug verloren.“ Lydia wandte den Kopf zu ihm, ihre Blicke wurden zu einem Netz, das sie um ihn warf und dessen Maschen sie enger, immer enger zog. Da setzte Tamaroff sich wieder zögernd und griff nach der Geldtasche, ohne den gebannten Blick von Lydia Keriël zu lassen.
Sie spielten nicht, sie lebten.
Dareen rief den fünften Meter. Isabel trat von einer Portiere des Hintergrundes an Tamaroff heran. Nichts war natürlicher als dies — denn er war doch ihr Bruder, und er verlor unsinnige Summen. So berührte sie seine Schulter mit den Fingerspitzen: „Spiele nicht mehr!“ Und Tamaroff drehte ihr, seiner Schwester, bei dieser ihn wie ein elektrischer Strahl durchzuckenden Berührung das träumende Gesicht halb zu; seine Lider blinzelten unbewusst, er schob das Geld in den Frack zurück — spürte dann Lydiens Hand in einer drängenden Bewegung auf seinem Arm. Strich mit feinen Fingern über die Frauenhand — und wieder verlor sich der Blick des Russen in den flimmernden Augen der Keriël, dann riss er die Banknoten hervor und warf sie auf den Tisch.
Isabels Gesicht ward undurchdringlich, nur die Hand krampfte den Schleier fester vor der wild pochenden Brust. Das Rad schnurrte lange und stand. Der Bankhalter griff sein Instrument und scharrte das Geld rings herbei, auch Tamaroffs Scheine. Kaum merklich sank der Russe zusammen, und lächelnd, triumphierend hob die Keriël in einer raschen Geste die Hand. Nur Isabel bewegte sich nicht — — das war wider die Abrede, zum Teufel, warum stand sie so steif?!
„Halt!“ rief Dareen. „Bitte, alles stehenbleiben.“ Entgegen seiner sonstigen Technik hatte er die Szene nicht durch die Nahaufnahmen unterbrechen lassen — das wäre für die Kleberin zu schwierig gewesen. Um die Stimmung nicht zu gefährden, verbarg er seinen enttäuschten Zorn.
Das Fräulein sah ja recht hübsch aus, spielte aber ganz starr und fiel neben den graziösen Bewegungen der Keriël vollkommen ab. Er versuchte es mit einer Aufmunterung:
„Ganz gut so, Fräulein Gynthenburg — nur bitte etwas lebhafter, und die Lippen nicht so fest zusammenpressen.“
„Vollkommener Versager“, raunte er dem Buckligen zu, der seinen Apparat heranrollen liess. Aber Michel blinzelte erstaunt; seine Augen glänzten seltsam, als er dem Regisseur ebenso leise erwiderte: „Warten Sie die Bilder ab.“ Der Regisseur zuckte die Achseln; man war eben in Verlegenheit, und wenn man nicht tausend und etliche Mark in den Wind werfen wollte, so musste man nehmen, was man hatte. Das Fräulein spielte ausserdem eine ganz bedeutungslose Nebenrolle, aber es wäre vielleicht doch besser gewesen, wenn man sich irgendeine Komparsin herangeholt hätte, mochte sie aussehen, wie sie wollte.
Mit ihrem wachen Sinn spürte Isabel Dareens Unzufriedenheit. Nun — sie hatte sich nicht zu dieser Rolle gedrängt, so wollte sie ihr Bestes tun und hernach wieder mit einem Aufatmen den Klebepinsel in die Hand nehmen. Sie fühlte sich ernüchtert aus der Entrückung des Spiels. Jetzt roch sie, dass Tamaroff schwitzte, die ganze Luft stank nach Schminke und Puder, ihr selbst verstopfte der Coldcream widerlich die Haut. Eine Lampe platzte mit gellendem Knall, die Komparsen fuhren erschrocken auseinander — und die Stimmung war wieder einmal zum Teufel.
Es dauerte eine ganze Weile, ehe der Bucklige mit dem Licht zufrieden war. Er sollte eine Nahaufnahme von Isabel drehen und rückte eigenhändig ungebührlich lange an den Lampen herum. Während der Aufnahme sah Isabel einen Augenblick in die Kamera. Dareen winkte sofort ab und liess wiederholen — das kam davon, wenn man einen neuen Stern entdeckt zu haben glaubte! Doch als Isabel sich entschuldigen wollte, wehrte der Operateur freundlich ab, und Tamaroff sah zu ihr auf: „Ach niechts, kleine Schwäster — kommt öfter vor.“ Sein Blick brannte, und die Keriël rief ihm ein lautes Spottwort zu, so dass das ganze Atelier wieherte. Es ist gut, dass ich kein Talent habe, dachte Isabel.
Sie stand noch dreimal unterm Jupiterlicht. Nach der zweiten Szene, die zwischen ihr, dem Komiker Paulsen und der „alten“ Lydia Keriël spielte schrieb Dareen eine Doppelszene um. Er wagte nicht mehr, diese schwierige Aufnahme mit der Klebedame auszuführen. Nur Michel forderte heftig, dass die Doppelszene in der alten Form gespielt werde — aber Dareen hatte schon gemerkt, dass das Buckelinchen sich in die Gynthenburg entschieden verguckt hatte.
Lydia Keriël musste sich abermals von Kopf bis zu Füssen verwandeln — gottlob, das letztemal. Als sie mit glanzlos müden Augen aus der Garderobe zurückkam — ein völlig anderes und doch geheimnisvoll ähnliches Wesen —, sah sie den Dichter des Manuskripts und die Dramaturgin Frau Öhnfurt bescheiden in einer Ecke stehen und dem Spiel zuschauen. W. I. B. Florian wagte sich erst am linderen Abend zu der Höllenaufnahme, die er ausgetüftelt. „Sie Sadist!“ zischte die Keriël den Unglücklichen an, welcher es vorzog, sogleich zu verschwinden. Poeten bekommen beim Film leicht einen etwas gequetschten Charakter infolge der unvergleichlichen Wertschätzung, die in dieser Branche auf ihrem Beruf lastet.
Auch an Dareens Nerven zerrte der endlose Tag. „Sie haben mir hier gerade noch gefehlt, ich dulde keine Zuschauer, und Dramaturgen am wenigsten!“ rief er der vollbusigen Dame zu, deren helles Blondhaupt daraufhin hoheitsvoll zum Ausgang rauschte. Was erlaubte sich denn dieser Herr?! Ohne sie, die allwissende Dramaturgin, wäre er doch einfach hilflos!
Dareen verlangte starken Kaffee aus der Kantine, das war immer ein schlechtes Zeichen. Längst flog der Abendschein golden über das Glasdach, als die Komparsen entlassen wurden. Lydia Keriëls Bilder waren beendet, die Diva wusch sich todmüde in ihrer Garderobe und fuhr nach Hause, ohne sich von ihrem Regisseur zu verabschieden. Dareen bemerkte es gar nicht; er war nun sechzehn Stunden unablässig bei der Arbeit, blieb meist im Sessel sitzen und liess Koll herumspringen — der war fünfzehn Jahre jünger, und da es nun wieder kühler im Atelier wurde, so begann der junge Hilfsregisseur ordentlich aufzuatmen, nachdem er sich in einer Fünfminutenpause unter die kalte Dusche gestellt hatte.
Es wurde dunkler, und Michel forderte neue Scheinwerfer, weil das Licht nicht mehr ausreichte: Dareen war nicht programmässig fertig geworden ... Koll musste mit ein paar Beleuchtern ins Magazin hinüber, und es dauerte lange, bis er mit seinen Lampen zurückkam. Währenddessen legte sich Dareen in seinem Regiezimmer aufs Sofa.
Im Glashaus zog der Bucklige zwei Sessel in eine Ecke und winkte Isabel zu sich heran. Sie wäre gern in die Garderobe gegangen, die man ihr zur Verfügung gestellt hatte, aber es tat ihr wohl, dass sich jetzt jemand um sie kümmerte. Alle andern Mitspieler ausser Paulsen waren schon fort — gottlob auch der Russe.
„Sie werden eine Filmspielerin“, sagte der kleine Mann.
„Niemals!“ antwortete Isabel. Michel hielt die Hände zwischen den Knien, und ohne dass er den Blick erhob, kam über seine Lippen: „Nicht wahr, Fräulein Gynthenburg, Sie haben nicht bemerkt, wie ich die Lampen für Sie richtete. Niemand hat es bemerkt, diese Schafsköpfe haben alle keine Augen im Kopf, auch Dareen nicht. Ich habe um Sie her mit Licht gedichtet — —“
Es war lächerlich. „Diese Mühe hätten Sie auf Frau Keriël verwenden sollen, Herr — Herr — —“
„Ich heisse Michel“, sagte der Bucklige; es sollte wie ein Scherz klingen, es klang wie Hohn: Michel — mehr nicht, bloss Michel...
Aber der Unmut zerrte an dem Mädchen: „Und haben Sie denn nicht bemerkt, dass Herr Dareen ganz enttäuscht ist? Ich hätte mich weigern sollen. Was ist das für eine fade, dumme Sache mit dieser hochnäsigen Engländerin —“
„Das liegt Ihnen eben nicht“, meinte der Operateur und rutschte mit dem krummen Körper in seinem Stuhl. „Sie können einfach mehr.“
„Ich kann gar nichts“, sagte Isabel. „Ich kann Gitarre zupfen und französische Lieder singen, das ist alles, darum bin ich noch keine Künstlerin. Sie lachen?“
„Ich lache, Fräulein Gynthenburg. Wer an sich zweifelt, in dem steckt etwas. Die Keriël, die ist keine Künstlerin, trotzdem sie etwas kann und Temperament hat: es geht nicht tief, weil sie in keinem Kampf steht. Sie schillert nur.“ Er zog ein goldenes Etui hervor, verbarg das obszöne Emaillebild des Deckels. „Rauchen Sie eine Zigarette, meine sehr Verehrte, Sie sind erregt.“
Das tat gut. Der Bucklige liess sie schweigen, und als Isabel den Rauch tief durch die Lunge zog, kam wieder eine schüchterne Zuversicht über sie. Dann rollten die Lampen herein, Koll schimpfte und kommandierte, bis das stechende Licht nach Michels Wunsch die breite Marmortreppe überblendete. Als Dareen zur letzten Aufnahme geholt wurde, kam er verdriesslich und abgespannt; der kurze, todähnliche Schlaf hatte ihn nur müder gemacht, und er tobte in einem förmlichen Zornanfall, als der Komiker Paulsen auf das Klingelzeichen nicht erschien. Man fand den Schauspieler schlafend zwischen Sperrholzplatten, Frack und Hemd zerknautscht, so dass Dareen auf die geplante Nahaufnahme verzichten musste — oder es hätte noch eine endlose Bügelei gegeben.
Dareen raffte sich noch einmal auf. „Mein Fräulein — bitte alle Ihre Kräfte!“ sagte er scharf und unfreundlich. „In einer der vorigen Szenen hat sich Ihr Bruder mit einer zweifelhaften Person verlobt. Sie verlassen empört den Schauplatz, Paulsen begleitet Sie. Dann haben Sie auf der Treppe einen kurzen Weinkrampf. — Das ist eine ganz leichte Sache. Bitte, nehmen Sie sich zusammen, Fräulein Gynthenburg.“ Paulsens vor Müdigkeit verquollene Augen fragten stumm: Was hatte denn Dareen, wo blieb seine sonst so vorsichtige Art, die Darsteller zu behandeln? Die Kleine tat doch, was sie konnte — Paulsen fand sogar, dass sie ganz niedlich spielte.
Nur der Bucklige pinselte selig ein Staubkörnchen von der Linse. Isabel — kleine Isabel — sei ganz ruhig, lass du erst meine Bilder auf die weisse Wand kommen ...
Aber Isabel war von Dareen keine schlechte Behandlung gewohnt. Jetzt versagten ihre geschundenen Nerven, mit mühsamer Beherrschung ging sie in die letzte Aufnahme hinein. Drei grelle Scheinwerfer blendeten ihr in die Augen, sie tastete mitten auf der Treppe nach Paulsens Arm, schlug dann — viel zu früh — die Hände vor’s Gesicht und stand in wildem Schluchzen. Der Komiker legte den Arm um sie, wie es seine Rolle befahl. Die weint ja wirklich — dachte er beklommen. „Weitergehen!“ stiess er zwischen den Zähnen vor. Das Mädchen besann sich, strich sich über die Stirn und ging mit schnellen, erregten Schritten voraus. Paulsen folgte ihr stumm.
„Halt!“ sagte Dareen apathisch, als der Bucklige schon die Hand von der Kurbel gelassen hatte. Die Aufnahme war zu kurz und stimmungslos geworden, der Teufel hole die Gynthenburg! Dareens Gesicht war plötzlich grau und alt. „Lampen aus,“ sagte er kaum vernehmbar, „Schluss — —“
In ihrer Garderobe streifte Isabel achtlos und müde das Atlaskleid vom Leib. Man soll niemand zu Sachen zwingen, die er nicht kann und nicht gelernt hat! Sie rieb sich zornig den fetten, ekelhaften Coldcream vom Gesicht, den gelben Puder von den Armen. Das tat wunderbar gut, es verwandelte sie wieder in die kleine, bescheidene Klebedame. Koll klopfte an ihre Tür und brachte ihr dreissig Mark Honorar — und fünfzehn als Zulage. Zwiespältig hielt sie das Geld in den Händen, für sie war das sehr viel. Ein Buch und eine Krawatte für Heino — und er sollte sich nicht länger über ihren alten Hut aufregen müssen. Ja, nun kam wieder der Alltag ...
Als sie das Aufnahmegelände verliess, fuhr Dareens Auto an ihr vorüber durchs erhellte Eingangstor. Anton lenkte; der Regisseur sass zurückgelehnt im offenen Wagen, sein Kinn war auf die Brust gesunken, der Hut in die Stirn gerutscht: er schlief.
Der Sandweg zum Bahnhof führte durch ein dunkles Kiefernwäldchen. Es war Nacht, vom Atelier her glitzerte noch Licht zwischen den Stämmen. Plötzlich stand jemand neben Isabel. Sie spürte einen heissen Atem, der nach Zigaretten roch, und Tamaroffs Augen funkelten dicht über den ihren. „Ich habe diech entdäckt, Schwästerlein!“ flüsterte er zischend und legte den Arm um ihre Schulter. Isabel stiess ihn so heftig vor die Brust, dass er mit einem Aufschrei zurücksprang. Film! dachte sie, bebend vor Zorn, als sie eilig weiterging — ich werde mich nach einem andern Beruf umsehen.
Hinter ihr kamen hastige, trippelnde Kinderschritte. Der Operateur setzte sich stumm an ihre Seite, und sie duldete es; er mochte ihr von weitem gefolgt sein. Der Bucklige trug zwei Kassetten unterm Arm, die er niemand anvertrauen wollte und mit nach Hause nahm. Isabel lag die Frage im Sinn, wie wohl die Bilder geworden wären. Aber sie sagte nichts, und so schwieg auch er.
IV
Lieber Doktor, tun Sie mir den Gefallen und setzen Sie sich.“
Florian fuhr sich mit einer unwirschen Gebärde durch die blonde Mähne, rückte wütend an seiner Hornbrille und setzte seine Wanderung fort. Dareen beobachtete ihn stillvergnügt. „Also verehrter Freund,“ sagte er und schlug mit der flachen Hand auf das geheftete Manuskript, „Sie haben von mir noch nie eine Schmeichelei gehört. Ich spare nicht mit Anerkennung, wenn Sie etwas gut gemacht haben —“
Der Poet drehte sich entrüstet um. „Herr Dareen — ich erinnere mich nicht an Ihr letztes Lob — oder Ihre Anerkennung, wie Sie belieben — das liegt schon ein bisschen lange zurück.“
Der Regisseur lächelte ungerührt. „Sie übertreiben mal wieder, verehrter Doktor. Wenn Sie restlose Ekstase wünschen, dann bemühen Sie sich, bitte, ein Stockwerk höher — dafür ist die Propaganda-Abteilung da, allenfalls Frau Oehnfurt.“
„Herr Dareen — Frau Oehnfurt findet meinen ‚Schatten der Wünsche‘ hervorragend! Hervorragend!“
„Natürlich ... Weil Ihr Manuskript mit Sensationen gepfeffert ist. Sprung von der Zirkuskuppel, die brennende Manege, Flugzeugkatastrophe — — ich begreife: unsere Dramaturgin ist begeistert.“
Der ruhelose Schritt des gekränkten Dichters glitt über den weichen Teppich. Dareen legte sich behaglich in seinen Klubsessel zurück. Heute war kein Aufnahmetag — nach den Mühen der letzten Zeit eine wahre Labe. Ein Sommergewitter klirrte an die Scheiben, und draussen im Atelier — hinten weit in der Türkei! — bauten Koll und der Architekt an den neuen Dekorationen. Dareen wollte sich also nicht aus seiner Ruhe bringen lassen, Florians Poetenzorn war keine Ursache, sich aufzuregen. „Rauchen Sie, Verehrtester.“ Als der Doktor seine Zigarre in Brand gesetzt hatte, sprach Dareen zufrieden weiter: „Bei mir bekommen Sie die ungeschminkte Wahrheit zu hören. Es fällt Ihnen nichts mehr ein.“
„Also das geht zu weit, Herr Dareen!“ Der Dichter setzte sich in einen der bequemen Stühle, mit denen Dareens Arbeitszimmer reichlich ausgestattet war. Der Regisseur empfing häufig Besuche aus aller Welt und liebte eine zwanglose Eleganz. Florians Blick blieb an einem kleinen, schlicht gerahmten Brustbilde der Keriël hängen, das auf der Platte des Schreibtisches stand. „Herr Dareen, haben Sie mein Manuskript schon einmal der Frau Keriël gezeigt?“
„Ich werde mich hüten!“
„Sehen Sie wohl! Sie wissen eben ganz genau —“
„Jawohl, lieber Freund,“ unterbrach ihn der Regisseur, „ich weiss sogar zu genau, dass Frau Keriël von Ihrem Manuskript entzückt sein würde. Unter uns Pastorentöchtern, mein Lieber: Filmdiva — und Urteilsfähigkeit? Jede Diva ist vom dümmsten Manuskript begeistert, wenn sie ihre Bombenrolle darin hat ...“
Das werde ich der Keriël mal zustecken! dachte der Poet empört.
„— und nun gar eine selbstverständlich ebenso junge wie schöne wie reiche Dame, welche die Untreue ihres Mannes zu vergessen sucht, indem sie sich als tollkühne Artistin betätigt, wobei ihr der schurkische Kollege das einzige Kind entführt, welches andererseits durch den reumütigen Gatten unter Aufwendung beträchtlicher Machtmittel — — prachtvoll, lieber Florian. Bloss sagen Sie mir: ist das noch besonders originell?“
„Ach was — so was zieht immer!“
„Sie müssen es wissen, Doktor. Ich gebe zu: das Manuskript ist durchaus sauber gearbeitet, das bin ich von Ihnen nicht anders gewöhnt. ‚Apparat hoch!’ — ‚Ringblende’ — ‚Panorama’ — es hagelt bloss so von Technik. Sagen Sie mal,“ überfiel er den armen Autor plötzlich aus dem Hinterhalt, „woher wissen Sie eigentlich so gut im Zirkusmilieu Bescheid?“
Dareen schien doch nicht ganz so ablehnend zu denken. Florian schöpfte neuen Mut. „Ich bin selbstverständlich mal in den Zirkus gegangen, bevor ich mich an die Arbeit setzte.“
Dareen schaute auf seine Fingerspitzen, damit der andere ihm nicht den Spott im Auge funkeln sehen konnte. „Und die Welt hinter den Zirkuskulissen — woher kennen Sie die? Sie schweigen? Na, ich will es Ihnen verraten: Sie haben eben schon ein paar Zirkusfilme studiert ... Lutschen Sie nicht so wild an Ihrer Zigarre, Doktor, die kann nichts dafür, dass ich recht habe.“
„Schreiben Sie sich Ihre Manuskripte selber, Herr Dareen.“
„Es wird mir bald nichts anderes übrigbleiben, wenn Sie weiter derartig versagen“, sagte der Regisseur mit deutlicher Schärfe. „Das ist Schreibtischgewächs, was Sie da liefern. Der Saft geht Ihnen aus, Herr Doktor! Sie haben nichts erlebt, kennen das Leben nur aus zweiter Hand — das kann mir nicht genügen. Ihre Geschichtchen sind erfunden, verstehen Sie mich? Ich möchte Sie bitten, sich amerikanische Filme anzuschauen: da saust es nur so von Lebendigkeit. Bringen Sie mir ein Milieu, das noch nie gedreht worden ist!“
Florian sprang begeistert auf. „Das sollen Sie haben, Herr Dareen! Ich habe einen fabelhaften Stoff, der unter Zulukaffern spielt — Frau Oehnfurt meint aber, das wäre ordinär.“ Dareen lachte schallend auf: „Soviel ich weiss, sind Sie noch nie über die deutschen Grenzen hinübergekommen, Sie Phantast. Gehen Sie mal ein halbes Jahr zu den Zulukaffern, krauchen Sie im afrikanischen Busch herum — ich bin überzeugt, dann bringen Sie mir eine pralle, runde Welt nach Haus, und wir machen daraus zusammen einen Film, wie man noch keinen gesehen hat. Aber faseln Sie sich bloss nicht immer — —“
Das Telephon schrillte. Dareen nahm den Hörer: „Hallo!“ Es war der Chefoperateur. „Sie sind im Vorführungsraum, Michel? Wie sind denn die Aufnahmen? Na, nun spannen Sie mich doch nicht so auf die Folter! Bitte? Warum soll denn die Dame nicht dabeisein, ich muss ihr doch die Schnitte diktieren. Meinethalben — also schicken Sie Fräulein Gynthenburg unter irgendeinem Vorwand weg. Komme sofort, lieber Freund.“ Er wollte schon abhängen, als eine wohlbekannte Stimme durch den Draht rief: „Mahlzeit — Dareen!“ Das war Lydia Keriël, ihr Gruss schwirrte von Lebenslust. Dareen schaute einen Augenblick vor sich hin, stumm ergriffen von der Freudegewalt ihres Wesens.
„Aber Beste, Sie wissen doch, dass ich die Darsteller nicht bei der ersten, rohen Vorführung haben will. Also schön, wenn Sie mir versprechen, brav zu sein und kein Wort zu sagen, dürfen Sie dabeisein.“
Der Dichter schloss sich an, ein wenig geknickt. Denn obgleich W. I. B. Florian von seinen literarischen Fähigkeiten hinreichend überzeugt war, so musste er sich doch sagen, dass Dareen recht hatte. Was heisst Leben und Erleben, sann der Poet, während sie das Zimmer verliessen. Was heisst es — wenn nicht lieben und leiden! Aber sein, Florians, Herz war seit nicht weniger als vier Wochen völlig verwaist, ein trostloser und ungewohnter Zustand. Allerdings ging am Horizont eine neue Sonne auf, stand — genau besehen — schon seit langem am morgenroten Himmelsdom, aber sie weigerte sich vorerst zu leuchten. Und nicht einmal die letzten Endes beharrliche Kraft seines wenn auch oft von vielen Monden und Sternen bestrahlten lyrisch reichen Gemütes konnte jener Neuerscheinung auch nur eine entfernte Ahnung vermitteln, dass hier die träumenden Gefilde eines überquellenden Dichterherzens sich danach sehnten, besonnt zu werden.
„Warum seufzen Sie denn so?“ fragte Dareen, als sie an der Tür von Keriëls Prokuristin vorbeikamen.
„Ich —? O nein, ich habe nicht geseufzt!“ versicherte Florian errötend. Dareen lachte in sich hinein, denn Florians neueste unglückliche Liebe war bereits ein Geschäftsgeheimnis.
Auf dem langen Flur begegnete ihnen die Klebedame, die sich bei Dareen abmelden wollte. Die drei Spieltage der englischen Lady waren schon für die Dame van Zuiden dicht aneinandergelegt worden. So verlor Isabel nur vier Tage — denn der Tag nach den Doppelszenen war für alle Teilnehmer frei —, dann nahm sie wieder Schabmesserchen und Klebepinsel zur Hand, und Dareen sagte kein Wort dafür oder dawider. Über die Bildwirkung der Verlegenheitsspielerin war er sich so unklar, dass er sich alle Aufnahmen, auf denen seine Kleberin erscheinen würde, erst nachträglich, wenn das Unheil geschehen war, zeigen lassen wollte; er fürchtete, er werde andernfalls den Mut verlieren, Isabel ihre kleine Rolle überhaupt zu Ende spielen zu lassen.
Sie meldete, dass sich in den neuen Aufnahmen ein Materialfehler über fast zwei Meter zeige. Der Herr Chefoperateur wünsche, dass sie die Kopieranstalt anrufe und nachsehen lasse, ob der Fehler schon im Negativ vorhanden sei, wegen der Reklamationen.
Dareen nickte. „Gewiss, Fräulein Gynthenburg. Geschieht in meinem Auftrag. Wir schneiden dann ein andermal.“ Isabel merkte sehr genau, dass Dareen sie nur nicht bei der Vorführung ihrer eignen Bilder haben wollte, und sie war ihm und Michel dankbar dafür. Denn so auffallend gut die Bilder lichttechnisch geworden waren — Isabel sah sich selbst und wurde völlig verwirrt, denn einmal schien es ihr, als habe sie gut gespielt, ein andermal, als sei das alles jammervolles Dilettieren, dessen sie sich schämen müsste.
Durch die dünne Tür des Vorführungsraumes hörten Dareen und Florian eine lispelnde Stimme, in der der Hohn sang: „Ihre Bilder, teuerste Frau Keriël, sind Hymnen auf den Glanz Ihrer Jugend. Es steht zu hoffen, dass dieselben dazu beitragen werden, Ihren Ruhm ins Aschgraue zu vermehren.“ Das war selbst für die Diva zu dick aufgestrichen, sie stellte in misstrauischem Ton eine Frage. Dareen trat eilig ein. Michel wandte sich verlegen ab, er bekam von seinem Herrn und Meister einen Blick, den er sobald nicht vergessen würde.
Heute sah Dareen seiner Freundin die Jahre nicht an. Sie hatte den Morgen geritten und geschwommen, über ihren Wangen lag eine gebräunte Frische, und an der leichten Art, wie sie ihm die Hand reichte, spürte er ihre gute Laune.
Der Film rollte. Im weichsten Licht, mit dunklen Hintergründen, erglänzte der maurische Saal. Unter den Spielern bewegte sich Lydia Keriël mit einer müden, lässigen Sicherheit — dann blitzte eine neue Nummer auf, und auf dem Bild stand die Diva in ihrer jungen Rolle mit Tamaroff. Ihre Hand lag in den wiegenden Hüften, eine unwissend verdorbene Koketterie flackerte aus den sprühenden Augen. Dareen klingelte.
„Lydia,“ rief er die in schwärmerischer Selbstbewunderung versunkene Diva an, „Sie bemerken, dass Sie etwas zu viel Gelb aufgelegt haben. Ausserdem möchte ich Sie wiederholt bitten, sich den Mund so zu schminken, wie er ist — er ist nämlich sehr hübsch, und Sie haben es gar nicht nötig, Ihren Lippen mit Rot eine andere Linie zu geben.“
„Finden Sie?“ fragte die Keriël spitz. Hatte er wahrhaftig sonst nichts zu sagen über ihr wunderbares Spiel? Diese dauernde Nörgelei ging ihr bald über die Hutschnur! ...
Die Szenen waren auf Dareens Wunsch in der Ausnahmefolge, die Koll sich notiert hatte, zusammengeklebt. Der Regisseur bemerkte bei allen Mitspielern ein Nachlassen der Kraft. „Halt!“ Ärgerlich schlug er sich aufs Knie. „Man hätte die Aufnahmen doch besser über zwei Tage verteilt.“
„Ausgeschlossen!“ meinte Michel. „Die Komparsen hätten sich niemals richtig geschminkt, wie sie am Vortag waren. Ausserdem hätte die Sache noch einen Haufen mehr gekostet.“
Dareen wandte sich zu Florian um: „Sie müssen in Zukunft eine Häufung derartiger Szenen vermeiden.“ Aber der Dichter war es schon gewohnt, dass man ihn immer zum Sündenbock machte: „Wenn Sie mich nicht ins Atelier lassen, Herr Dareen,“ seufzte er, „dann kann ich das nicht richtig berechnen.“
Die Doppelaufnahmen waren technisch vollkommen, und der Bucklige strahlte. Das sollte ihm mal einer nachmachen: Doppeltricks mit Komparserie. Davor Lydia Keriël in zwiefacher Gestalt, blühend und verblühend, lechzend und müde, eine Fallende und eine Versinkende. Zwei Wesen, voneinander durch zwei Jahrzehnte getrennt: die eine im Morgen-, die andere im Nachmittagsglanz — aber beide vereint durch eine geheimnisvoll gleiche Schicksalslinie, die jeden spüren liess: was diese ist, war jene — und was jene ist, wird diese sein!
Dareen liess abermals halten. Seine Augen leuchteten. Er ergriff Lydia Keriëls Hand: „Na — was sagen Sie? Weigern Sie sich noch einmal, eine Rolle anzunehmen, die ich Ihnen gebe!“ In einem jähen Entzücken strich ihm die Keriël mit der Linken übers sorgsam zurückgekämmte Haar. „Und diese Bilder!“ rief sie, machte ihre Rechte frei und hielt sie dem erstaunten Buckligen hin: „Sie haben das vorhin also doch ehrlich gemeint, Michel! Wir wollen in Zukunft gute Freunde sein.“
Der Bucklige legte seine Hand auf die Hühnerbrust. „Zu Tränen erschüttert!“ flötete er und führte die Hand der Keriël an die gespitzten Lippen.
Im Hintergrund sass unbeachtet der Poet und sah der Versöhnungsszene zu. Ihr kleinen Epigonen! dachte er träumerisch. Wie erhaben fühlt ihr euch! Und seid doch nur die Handlanger meiner Phantasie, unwesentliche Träger des Wesentlichen, Analytiker meiner Synthesis! — Aber da er dies nur dachte, so begegnete er keinem Widerspruch.
Die Augen der Diva glänzten feucht; sie wusste, Freudentränen standen ihr gut. Dareen klingelte, das Licht erlosch. Eine Nummer blitzte — und Isabel von Gynthenburg stand auf der Leinwand.
Es war eine sehr lange, wunderbar eingeblendete Nahaufnahme. Unten im Bild sah man noch Tamaroffs Schulter: seine Finger zogen Geld aus dem Frack.
Um Isabels blonden Kopf lag ein flirrendes Scheinwerferlicht, es wob einen Kranz um das herbe, rassige Gesicht. Spielerisch hielt die Hand den Schleier vor der Brust, und aus dem runden Ausschnitt des dunklen Atlaskleides stieg der Hals schmucklos und rein. Sie war sehr gut geschminkt, Kilian Koll hatte das besorgt, und er hatte sich alle Mühe gegeben, weil auch er die Keriël nicht leiden konnte. Isabels Gesicht war fast unbewegt, ein beherrschter, ruhiger Zorn lag darauf. Dareen sah ihre Wimpern zucken.
„Das ist unerhört!“ rief Lydia Keriël gellend in das nur vom Surren der Vorführung durchsummte Schweigen hinein. Im Augenblick darauf drückte Dareen auf die Klingel, und im aufspringenden Licht sahen sie das schöne Gesicht der Diva wutverzerrt. „Michel!“ stiess sie mit heller, erregter Stimme hervor. „Wie kommen Sie dazu, diese Gans von Klebedame derartig — — Wer hat denn hier die Hauptrolle? Wie?! Meine Bilder sind ein Dreck dagegen, mit grellem Licht und harten Hintergründen. Dabei ist diese Gentenberg oder wie sie heisst untalentiert wie eine Kuh. Das ist eine perfide Gemeinheit von Ihnen — ich spreche mit meinem Bruder, Sie fliegen raus, Sie!“
Dareen hatte der Tobenden die Hand heftig auf den Arm gelegt, aber sie machte sich frei und sprach weiter. Der Bucklige ertrug in tückischer Stummheit den stechenden Blick der Frau, nur aus seinen Vogelaugen kam ein schneller, kurzer Strahl von Hass. Der sagte alles, und die Diva wurde noch wilder. Dareen schlug mit der Hand knallend auf das Rauchtischchen. Lydia Keriël stieg das Blut in den Kopf, ihre Augen spritzten Gift — und der Poet senkte beklommen die hohe Stirn. Unter was für Zigeunern musste er leben!
„Ich muss Sie bitten, Frau Keriël, sich Ihres Versprechens zu erinnern“, sagte Dareen vollkommen ruhig, aber Lydia wehrte ihn mit einer hitzigen Bewegung ab. „Sagen Sie doch selber, Dareen, ob ich recht habe oder nicht. Michel hat meine Bilder absichtlich schlechter — —“
Dareen unterbrach sie: „Ihre Bilder sind vorzüglich. Im übrigen hat diese Vorführung nicht den Zweck, dass Sie Meinungsverschiedenheiten — —“
„Ich lasse mir das einfach nicht gefallen, Dareen! Wie können Sie nur diesem hergelaufenen Pollacken recht geben!“
Dareen stand auf und rief ins Vorführungsfenster hinein: „Köppke, abwickeln! Schluss!“ — winkte dem Operateur und verliess mit ihm grusslos den Raum.
Von seinem Arbeitszimmer aus rief er den Portier an und ersuchte um Mitteilung, falls Frau Keriël in die Stadt gehen sollte. Die Antwort war: Ist soeben mit Herrn Doktor Florian weggegangen; ob jemand nachgeschickt werden solle. Dareen verneinte und ging mit Michel wieder in den Vorführungsraum. Köppke rollte gerade die Kopien um, er grinste vor sich hin. „Einlegen — Vorführung geht weiter“, sagte Dareen in die Zelle hinein, und über dem Blick des Regisseurs vergass der junge Mensch sogleich das Lachen.
In beklommenem Schweigen sass Michel und schielte zuweilen zu seinem Chef hinüber, auf dessen Gesicht nichts vorzugehen schien. Als der Filmstreifen nach einigen Minuten wieder abgerollt war, strich Dareen sich nachdenklich über die Augen.
„Unsere Diva beliebte mal wieder zu übertreiben. An ihren Bildern ist gar nichts auszusetzen — allerdings sind die Aufnahmen von der Gynthenburg mit besonderer Liebe gemacht.“
Der Bucklige errötete bis in die schmale Stirn hinauf. „Möglich, Herr Dareen“, sagte er nach einer Weile, und in seiner Stimme lag eine wunschlose Trauer, die den andern erschütterte. „Ich glaube aber, der Grund ist ein anderer: Lydia Keriël wittert Morgenluft ...“
„Von meiner Klebedame? Aber lieber Freund! Ich muss ja zugeben, sie sieht wirklich sehr hübsch aus — bin geradezu erleichtert und glaube, man sollte ihr öfters derartige Nebenrollen geben. Im übrigen hat sie keine Filmbewegungen, spielt entweder viel zu herbe oder zu schroff.“
„Mehr nicht?“ fragte der Operateur. „Das gibt sich, die Dame ist selber entsetzt von ihren Bildern. Aber mir scheint, verehrter Freund, Sie beurteilen das Talent der Frau Keriël mit ... besonderer Liebe. Ich möchte Ihnen nicht weh tun: aber in all diesen Bildern der Diva sehe ich eine ganz hohle, dumme Komödie. Was kann die Lydia Keriël eigentlich nicht? Sie macht alles — das ist mir ein bisschen zu viel. Die Dame hat keine Seele.“
Dareen sass stumm, in seinen Augen glomm ein seltsames Licht. „Ob sie eine Seele hat, lieber Freund — das weiss ich ... vielleicht besser als Sie. Diese Seele hat Schlacken, im Grunde gibt es für sie nichts als das eigene Ich. Sie haben den Hass —“ Lebhaft nahm er sich und dem Freunde eine Zigarette aus der offenen Schachtel. „Ja, und die Gynthenburg?“
Der Bucklige schwieg, strich sich die Augenbrauen mit den Fingerspitzen. „Das ist keine solche Kautschukseele wie — wie — — na, lassen wir’s. Die hat ihren Ton und ihre Farbe — und wenn Sie’s nicht treffen, Dareen, dann spielt sie immer an sich vorbei. Das ist Ihre Sache, dass Sie diesen Charakter finden — nicht meine, ich bin bucklig. Hinter dieser Starrheit und Kälte, hinter diesem erstaunlichen Hochmut spüre ich etwas drängen — Aber Sie verstehen mich nicht.“
„Reden Sie weiter, mein Lieber!“ bat Dareen. Was Michel sagte, war das Bekenntnis einer horchenden und schauenden Liebe, die sich schämte, sich so zu verraten.
„Ah,“ stiess er endlich hervor, als ob er sein Herz hinschütten wollte, „hinter dieser Eisschale spüre ich etwas, das verwandelt werden möchte — spüre ich ein Schweben und Gären, unklar und kalt — ein Starres, das sich zum Schäumenden sehnt — —“
„Sie phantasieren“, lächelte Dareen, begierig lauschend.
„Nein — das spüre ich, obwohl ich einen Buckel habe. Man sieht es ihr an: sie ist noch eine Jungfrau, also jemand, der erst ein Mensch werden will ...“
Statt aller Erwiderung wandte Dareen sich um: „Schon wieder umgewickelt, Köppke?“ Aus der Kabine rief es: „Bin gleich fertig.“
Köppke hatte allen Grund, sich zu wundern; sonst konnte nichts eilig genug gehen — und heute liess Dareen sich die Bilder fünfmal zeigen.
Die kleine, abgeblendete Stehlampe warf einen hellen Lichtkreis über verstreute Blätter. Dareen stützte den Kopf in die Hand und sann. Das grosse Zimmer lag im Dämmern, er liebte dies milde Licht.
Florian versagte, und die Oehnfurt erst recht. Es war klar: auf der Schreibtischplatte wachsen keine Schicksale. Dieser Dichter lebte mit den Augen nach innen, seine Phantasie durchschnüffelte die halbe Welt — aber er war blind: denn vor seinen Augen kreuzten sich die Fäden der Menschenherzen. Er sah das nicht, und seine letzten Manuskripte waren aus der Tiefe des höchsteigenen Bewusstseins zusammenkonstruiert. Nee, mein lieber Florian. Sie sassen drei Jahre auf den Hosen, um Doktor zu werden. Aber wenn Sie Dichter werden wollen, da langt’s jedesmal mit vier Wochen.
In einer Ecke lag ein ganzer Stoss von Filmeinsendungen, die vor ein paar Tagen von der dramaturgischen Abteilung zur engeren Auswahl an Dareen übergeben wurden. Frau Oehnfurt hatte die Verpflichtung, unter fünfzig vom Publikum eingereichten Arbeiten die nach ihrer Ansicht beste an einen der Regisseure weiterzugeben. Vor Dareen blähte sich jetzt, bis in die letzte Faser ausgeführt und mit Handzeichnungen versehen, das Filmprodukt eines biederen Friseurs: „Die Perlen der Grossherzogin.“
Darmowy fragment się skończył.