Czytaj książkę: «Unter der Sonne geboren - 2. Teil»
Walter Brendel
Unter der Sonne geboren
Ludwig XIV.
2. Teil
Impressum
Cover: G. Pirntke
Gestaltung: G. Pirntke
Digitalisierung: G. Pirntke
Verlag:
Das historische Buch, Dresden / Brokatbookverlag
Gunter Pirntke
Mühlsdorfer Weg 25
01257 Dresden
gunter.50@gmx.net
Inhalt
Die königliche Hochzeit
Der Tod des Paten
Der Kardinal ist tot – Es lebe der König!
Königliche Verwandtschaft
Königlicher Nachwuchs
Versailles
Die Gehilfen der Macht
Mätressenwirtschaft
Die königliche Hochzeit
Der königliche Hof brach in Richtung Lyon auf. Zugleich setzte sich in Turin die Kutschenkolonne der Madame Royale mit demselben Ziel in Bewegung. Langsam und träge bewegten sie sich aufeinander zu. Der Zweck der beiden Reisen schien der Gleiche zu sein: die Verlobung und spätere Heirat des französischen Königs mit Marguerite von Savoyen. Für die Savoyer war es eine Herzenssache, den Franzosen bedeutete es so gut wie nichts. Die wenigsten Reiseteilnehmer wussten über Mazarins wahre Beweggründe Bescheid. Trotzdem betrachteten sie die Brautschau vor allem als Gelegenheit, sich zu amüsieren.
Nicht einmal Ludwig selbst war von Mazarin eingeweiht worden. Nach seiner Genesung hatte er sich in die Vergnügungen gestürzt, die der Hof so reichlich bot. Über die bevorstehende Heirat machte er sich kaum Gedanken. Dabei gefiel ihm die Vorstellung einer hübschen, jungen Frau an seiner Seite, die seinen Status weiter anheben und den Einfluss seiner Mutter mindern würde. Die einzige Bedingung, die er stellte, war, dass ihm seine künftige Gemahlin gefallen müsse.
Die Bilder, die man ihm vorlegte, zeigten ein zartes, ängstlich blickendes Wesen mit einem wahrscheinlich dunklen Teint, hatte sich doch sogar der beflissene Hofmaler gezwungen gesehen, dieses Merkmal anzudeuten. „Sie hat schöne Augen“, erklärte Marie höflich, als ihr Ludwig das Porträt seiner möglichen Braut zeigte. Dann aber brach bei aller Selbstbeherrschung das Mancini-Temperament durch, und Marie flüsterte ärgerlich: „Schämen Sie sich nicht, dass man Ihnen eine so unschöne Braut geben will?“ Danach schwieg sie aber, denn ihr fiel ein, dass bei ausreichender Hässlichkeit der Braut die Hochzeit vielleicht nicht zustande kam und der gegenwär-tige angenehme Lebensstil nicht gestört wurde.
Immer wieder betonten Ludwig und Marie, sie seien nur Freunde. Von Liebe könne keine Rede sein. Ludwig hatte noch nie Freunde gehabt. Der Gedanke gefiel ihm, mit diesem lebhaften, geistreichen Mädchen, das vor niemandem Angst hatte, befreundet zu sein. Olympia, die ebenfalls nach Lyon mitreiste, beachtete er kaum noch. Wenn sie an ihn herantrat und ihre Grübchen spielen ließ, neigte er höflich den Kopf und wandte sich dann wieder Marie zu.
Dabei verwirklichte sich, was Catherine de Beauvais über die Frauen gesagt hatte, die er mit seiner Aufmerksamkeit ins Licht rückte. Es dauerte nicht lange, und Marie stand im Mittelpunkt der eitlen, geltungssüchtigen Hofgesellschaft, in der nur zählte, wer im Gespräch war.
Marie entsprach im Gegensatz zu ihren Schwestern und den beiden Martinozzi-Mädchen nicht dem gängigen Schönheitsideal. Sie hatte das schwärzeste Haar von allen, und dunkel wie die Nacht waren auch ihre Augen, umrandet von einem Kranz langer, schwarzer Wimpern unter einem schön geschwungenen Frauenbogen. Ihre schmale Taille sei bemerkenswert, gestand man ihr zu, und ihr Mund ganz hübsch, vor allem, weil Marie mit einem Vorzug gesegnet war, den man nicht oft antraf: schneeweißen Zähnen, die sie mit ihrem Lächeln zeigte, wenn sie etwas erreichen wollte. Die strengen Schönheitskritiker bei Hofe fanden allerdings, dass Maries Haut indiskutabel war - glatt und makellos zwar, aber dennoch der dunkle Teint einer geborenen Italienerin. Und wann hätten die Franzosen je ihre südöstlichen Nachbarn zu schätzen gewusst?
Nach Ansicht der Kenner war das Beklagenswerteste an Marie jedoch ihre knabenhafte Gestalt, für die sie sich noch dazu nicht einmal schämte. Während die anderen jungen Damen in weiten Samtröcken zur Jagd erschienen, trug Marie zu ihren Stiefeln mit Vorliebe unweibliche Reithosen, knapp sitzende Samtjäckchen mit Pelzaufschlägen an Kragen und Ärmeln und manchmal auch eine große, schwarze Seidenschleife oben an der Bluse. Monsieur de Jarze, der sich so sehr für Mode interessierte, hatte als Einziger einmal gewagt, Maries schlanke Erscheinung als „hinreißend“ zu bezeichnen. Daraufhin waren die anwesenden jungen Damen empört über ihn hergefallen. In ihrem Ärger gingen sie sogar so weit, Jarze zu verdächtigen, Marie Mancini gefalle ihm nur, weil sie so wenig weiblich wirke. „Aber sie wirkt weiblich!“, widersprach Jarze. „Aber doch nur auf eine knabenhafte Art!“, antwortete man ihm streng. Damit war das Urteil gefällt. Doch ohne Ludwigs Zustimmung. Denn Marie war im Gespräch! Hatte man bisher boshaft darauf hingewiesen, dass sie „irgendwie anders“ sei, so versuchte man nun, dieses Anderssein zu ergründen. Was ein Makel gewesen war, gewann plötzlich an Wert.
Marie Mancini sei ein Bücherwurm, hatte man gespottet. Dabei genüge es doch für eine Dame von Welt, die Nase von Zeit zu Zeit in den Katechismus zu stecken.
Wer dann noch die seelenvollen Romane des Fräuleins von Scudery las, galt bereits als hoch gebildet. Alles darüber hinaus war „preziös“, und das überließ man getrost den wenigen Damen, die zwar auch zur Aristokratie gehören mochten, ihr Leben aber lieber in elitären Salons verbrachten, in denen von vornehmen Kavalieren wie Nicolas Fouquet bis zu einem Gesindel wie dem Dichter Scarron alles zusammenkam. Marie Mancini lag wohl auf der gleichen Linie. Nur die strenge Hand ihres Onkels verhinderte, dass sie in Kreise ausschwärmte, die eine Dame von Stand und Anstand besser mied.
Die falsche Braut
Ludwig war von Maries Bildung hingerissen. Obwohl er als Kind ständig von Erziehern umgeben gewesen war, hatte er nie gelernt, sich mit Dichtung auseinanderzusetzen. Einmal erzählte er Marie, dass er das Märchen von der „Eselshaut“ geliebt hatte und dass er sich damals wünschte, ein so edler König zu werden wie jener im Märchen. Als Marie das hörte, schüttelte sie den Kopf und sagte, dieser König sei in Wahrheit gar nicht edel gewesen. Immerhin habe er die eigene Tochter bedrängt. Ludwig erschrak. Er nahm sich vor, das Märchen nach seiner Rückkehr von dieser Reise noch einmal zu überprüfen. Dabei blickte er in Maries dunkle Augen und wünschte sich, dass sie bei der Lektüre an seiner Seite säße oder an einem Sommertag neben ihm im Gras läge.
Am meisten von allem liebte Marie die heroischen Schauspiele von Corneille, besonders den „Cid“. Um Liebe und Leidenschaft ging es da, zugleich aber auch um Ehre, Ruhm, Pflichterfüllung und Verzicht. Diesen Gedankengängen folgte auch Ludwig gern. Hatte er nicht erst vor kurzem sein Hofballett veranlasst, eine Aufführung in diesem Stil zu inszenieren. So jung waren sie noch, Ludwig und Marie! Der Schmerz der Liebe erschien ihnen süß, weil sie ihn noch nie ertragen mussten. Sie spielten damit, ihn sich vorzustellen. Und immer noch sagten sie, es sei nur Freundschaft.
Für Mazarin bedeutete die Reise nach Lyon eine reine Qual. Einerseits war er sicher, dass die Katholische Majestät längst von Ludwigs Brautfahrt unterrichtet worden war, andererseits konnte er sich nicht darauf verlassen, dass Philipp den Köder auch schlucken würde. So zog er die Reise von Tag zu Tag mehr in die Länge. Die Aufenthalte in den einzelnen Städten wurden über Gebühr ausgedehnt, was vom Volk als Leutseligkeit des Monarchen ausgelegt wurde. Es sprach sich herum, dass sich der Hof verändert hatte. Viele junge Leute gebe es da nun, lustige Zeitgenossen, die sich freuten, wenn man sie mit Salutschüssen empfing und Ansprachen zu ihren Ehren hielt.
Mazarin wäre nicht er selbst gewesen, hätte er sich wegen seiner Sorgen die Gelegenheit entgehen lassen, die königliche Kasse und auch seine eigene aufzubessern. So setzte er in den größeren Städten, die sie passierten, Königliche Gerichtstage an, auf denen gleichsam im Vorübergehen den Bürgern Geld aus der Tasche gezogen wurde. Die Höflinge vergnügten sich in der Zwischenzeit auf der Jagd oder beim Kartenspiel. Man war sich einig, dass diese Brautschau die vergnüglichste Reise war, die man seit Langem erlebt hatte. Die Braut aus Savoyen? Nun ja, die gab es natürlich auch. Doch eigentlich interessierte sich niemand für sie.
In seiner langen Laufbahn hatte Mazarin viele Aufgaben übernommen, die Geschick verlangten, Diskretion und Mut. Er kannte die hohe Diplomatie, doch ebenso vertraut war er mit den heimlichen Machenschaften, dem Augenzwinkern über den Wirtshaustisch hinweg, dem ein Treffen in irgendeinem finsteren Winkel folgte, bei dem man die Hände des anderen nicht aus den Augen ließ. Den seltsamsten Menschen konnte man bei solchen Aufträgen begegnen, den vornehmsten Herren und dem schlimmsten Abschaum ... Auf eine dieser Personen wartete Mazarin; auf einen, der mehr zuhörte als redete; der zu allem zu gebrauchen war und nichts scheute.
Doch die Reise ging ihrem Ende entgegen. Lyon war nicht mehr weit. Die Boten meldeten, Madame Royale sei mit ihrem Gefolge bereits angekommen. Mazarin hatte Mühe, Königin Anna zu beruhigen. In Gesellschaft beherrschte sie sich in vorbildlicher Weise. Doch wenn sie mit Mazarin allein war, überhäufte sie ihn mit Vorwürfen. Nie - ganz bestimmt niemals! - würde sie zulassen, dass die kleine graue Maus aus Turin Ludwigs Gemahlin wurde!
Ehe das geschah, würde sie persönlich eine Revolution entfachen, gegen wen auch immer ... Anna war verzweifelt.
Auch Ludwigs Freundschaft mit Marie fing an, ihr Sorgen zu bereiten. Eines Abends in Dijon hatte sie die beiden beobachtet, wie sie allein auf einer Bank saßen und leise vor sich hin sangen. Maries schöne Stimme hatte sich jener des Königs wunderbar angepasst. Wäre der junge Mann nicht ihr Sohn gewesen, hätte der Anblick der beiden Annas Herz gerührt. Da es aber Ludwig war, der plötzlich so glücklich aussah, wurde Anna von Angst gepackt. „Alles ist misslungen!“, jammerte sie bei Mazarin. „Wir sind am Ende!“
Am Abend nach der Ankunft in Lyon traf man sich zu einem Ball. Der junge Herzog erbleichte, als ihn die Grande Mademoiselle mit ihren großen Zähnen anlächelte. Ludwig hingegen verneigte sich galant vor der kleinen Marguerite, die so schüchtern war, dass sie nicht einmal wagte, ihm ins Gesicht zu blicken. Alle Anwesenden versuchten, Ludwigs Gedanken zu erraten. Doch seine Haltung war untadelig. Königin Anna biss sich auf die Lippen, als ihr Sohn das Mädchen aus den Bergen zum Tanz führte. Marie, die zum ersten Mal seit langem keinen Kavalier zum Tanzen hatte, erhob sich und verließ den Saal.
Mazarin sah das alles. Er war nahe daran, die Hoffnung aufzugeben. Da trat plötzlich Colbert, der große Gesellschaften lieber mied, in den Saal. Er stellte sich hinter Mazarin und flüsterte ihm ins Ohr, es sei so weit.
Mazarin konnte es kaum fassen. Eilig erhob er sich. Vor Aufregung verließen ihn einen Augenblick lang die Kräfte. Er hielt sich an der Tischkante fest, dann folgte er Colbert, der ihm über die Musik und das Stimmengewirr hinweg zurief, ein Fremder sei erschienen - ohne Pass und ohne große Begleitung. Er habe verlangt, sofort den Kardinal zu sprechen.
Es war wirklich ein Bote, und er kam wirklich aus Spanien! Aus Madrid. Geschickt von Seiner Katholischen Majestät persönlich, König Philipp IV. von Spanien!
„Don Antonio Pimentel!“, stellte er sich vor und schlug seine Kapuze zurück.
„Kardinal Jules Mazarin.“
Es war fast dunkel in dem kleinen Zimmer, in das Colbert die beiden Männer geführt hatte. Nur eine einzige Kerze flackerte auf dem Tisch. Die beiden verneigten sich respektvoll voreinander und warteten, bis Colbert das Zimmer verlassen hatte.
Mazarin hätte vor Erleichterung weinen mögen. Don Antonio Pimentel, der Erste Minister des spanischen Königs! Dass Philipp einen Mann dieses Ranges geschickt hatte, zeigte, welche Bedeutung er diesem Gespräch beimaß. Kein verkleideter Bettelmönch war gekommen, kein fahrender Händler oder Sterndeuter. Nein, vom er-sten Wort an, das gesprochen wurde, war man auf gleicher Ebene, ausgestattet mit höchsten Vollmachten.
Den Kardinal überkam eine große Ruhe. In diesem Augenblick erfüllte sich sein Schicksal. Millionen Menschen konnte nun der Friede gebracht werden. Mehr als zwanzig Jahre Krieg würden nur noch eine traurige Erinnerung in der Geschichte zweier Völker sein. Mazarin wusste, dass man ihn den sizilianischen Schurken nannte. Von diesem Augenblick an war er jedoch ein Mann des Friedens. Mit dem Trick eines Taschenspielers hatte er die passende Gelegenheit herbeigezaubert. Nun aber würde er mit Gottes Hilfe maßvoll und verantwortungsbewusst seine diplomatischen Talente und seine Erfahrung nutzen.
Schon einmal hatte er geglaubt, er habe nun ein Anrecht auf die Achtung der Welt: damals, als in Westfalen nach dreißig Jahren Krieg Europa endlich zur Ruhe kam. Mazarin war einer der größten Architekten dieses Friedens gewesen. Trotzdem hatte man ihn weiter beschimpft und im eigenen Land sogar einen Bürgerkrieg entfesselt. Verschlagen und habgierig nannte man ihn. Er wusste es und konnte es doch nicht ändern. Konnte sich selbst nicht ändern. Dabei wäre er so gern ein guter Mensch gewesen!
In dieser Stunde, in der kleinen Kammer in Lyon war er es: ein guter Mensch. Kardinal Jules Mazarin, Giulio Mazarini, war nicht mehr der sizilianische Schurke, sondern der Vater des Friedens. „Wir haben viel zu besprechen, Don Antonio!“, sagte er ohne lange Umschweife. Aus Höflichkeit verwendete er die spanische Sprache.
Sie setzten sich einander gegenüber auf die harten Stühle an dem kleinen Holztisch - zwei Männer, die die Mitte ihres Lebens schon überschritten hatten. Beide waren sie guten Willens und mit der Macht ausgestattet, diesen Willen auch durchzusetzen.
„Ich freue mich über diese Begegnung“, sagte der Kardinal. „Wir mussten lange darauf warten.“
Pimentel nickte. „Auch wir sind froh, dass nun eine neue Zeit beginnen kann“, antwortete er.
Über den Tisch hinweg reichten sie einander die Hände, während drüben im Ballsaal die Regentin von Savoyen daran zu zweifeln begann, dass es die Franzosen ehrlich meinten.
Auf Mazarins Rat hin regelte man die heikle Situation unter Frauen. Im Ballsaal tanzten noch die letzten Unermüdlichen, da bat Anna ihre Schwägerin um eine Unterredung. Beide waren müde von dem langen Tag und dem anstrengenden Abend. „Es ist spät, liebe Schwägerin“, sagte Madame Royale, während sie Anna gegenüber Platz nahm.
Fast noch Kinder waren sie gewesen, als sie einander zum ersten Mal trafen: Madame Royale in sicherer Position als Prinzessin von Frankreich, Anna als die fremde Braut, die nicht einmal der Sprache des Landes mächtig war, dessen Königin sie werden sollte. Es gab kaum Gemeinsamkeiten zwischen den beiden und keine Gefühle füreinander, weder im Guten noch im Schlechten. Sie waren einander ganz einfach fremd. Als Christine den Herzog von Savoyen heiratete, sah Anna sie ohne Bedauern ziehen.
Während der vielen Jahre, die seitdem vergangen waren, hatten sie einander nicht wieder getroffen. Sie hätten es niemals eingestanden, doch jede war beim Anblick der anderen erschrocken. Wie alt sie geworden ist!, dachte Anna. Sie war sicher, dass sie selbst sich kaum von jener jungen Frau unterschied, die die Liebe des englischen Botschafters gewonnen hatte.
Doch darum ging es jetzt nicht. Jetzt galt es, dieser Frau zu gestehen, dass sie und ihre Tochter belogen, benutzt und betrogen worden waren. Eine Zumutung, fand Anna, dass Mazarin diese peinliche Pflicht nicht selbst übernommen hatte.
Da ihr nichts Besseres einfiel, entschloss sich Anna zur Offenheit. Ganz überraschend habe sich ihr geliebter Bruder, die Katholische Majestät von Spanien, gemeldet. Es gehe um den Frieden, „den wir alle ersehnen“, als Unterpfand dafür jedoch auch um eine Heirat zwischen Ludwig und der Infantin.
Die wenigen Worte genügten. Madame Royale begriff. Zwar stürzte das ganze wunderbare Gebäude ihrer ehrgeizigen Hoffnungen bei dieser Erklärung in sich zusammen, doch die einstige Prinzessin von Frankreich wusste, dass ihre Schwägerin nicht anders handeln konnte. Trotzdem brach Madame Royale in Tränen aus. Sie sagte kein Wort, sondern weinte nur leise vor sich hin, ohne sich vor ihrer Schwägerin zu schämen.
„Zwei Dinge verlange ich“, sagte sie, als sie sich wieder in der Gewalt hatte. „Erstens, dass es meine Tochter ist, die erklären wird, sie habe sich gegen die Heirat mit dem König entschieden.“
Anna nickte. Jede junge Dame der hohen Gesellschaft hatte ihren Marktwert, der von vielem abhing. Eine abgewiesene Braut konnte nicht mehr viel verlangen. Zumindest musste ihre Mitgift um einiges erhöht werden, sollte sie ihren Status nicht ganz verlieren. Was es für das betroffene Mädchen aber persönlich bedeutete, zurück-gewiesen zu werden, wog noch viel schwerer. Anna wusste, was sie ihrer Schwägerin und ihrer Nichte antat. Doch allein das Wort „Staatsräson“ genügte, um jeder Rücksichtslosigkeit Absolution zu erteilen. „Und zweitens?“, fragte sie.
Madame Royale trocknete ihre Tränen mit einem Spitzentuch. „Francoise von Orleans!“, sagte sie entschlossen. „Die älteste Tochter aus der zweiten Ehe unseres Schwagers Gaston. Ich habe ihr Porträt gesehen. Sie ist bildhübsch.“ Wieder fing sie zu weinen an. „Wenn schon meine Tochter nicht glücklich sein darf, soll es wenigstens mein Sohn sein.“
Anna nickte. „Einverstanden.“
Sie erhob sich und gab damit als Ranghöhere das Zeichen zur Beendigung des Gesprächs. Dabei schoss ihr die Frage durch den Kopf, ob sie wirklich noch die Ranghöhere war. Immerhin war Madame Royale Regentin ihres Landes und sie, Anna, nur noch die Königinmutter ... Daran werde ich mich nie gewöhnen!, dachte sie erbittert und tröstete sich damit, dass sich Frankreich und Savoyen ja wohl nicht miteinander vergleichen ließen. Bei einem gleichrangigen Land hätte man sich einen Affront wie diese Reise auch nicht erlauben können. Man schenkte der verschmähten Braut prachtvolle Ohrringe aus zwei riesigen Diamanten, umschlossen von schwarzem Email. Marguerite bedankte sich artig bei ihrer Tante. Danach Verabschiedete man sich in großer Förmlichkeit. Niemandem fiel auf, dass Marguerite ihrem falschen Bräutigam noch nie ins Gesicht geblickt hatte.
Dann setzten sich die Wagenkolonnen in entgegengesetzter Richtung wieder in Bewegung. Die Stimmung der Franzosen war ausgelassener denn je, die Savoyer waren bedrückt. „Ich bin froh, wenn wir wieder in Turin sind“, sagte Madame Royale zu Marguerite. „Frankreich war meine Heimat, aber es ist mir fremd geworden.“
Sie drückte die Hand ihrer Tochter, die alles so geduldig ertragen hatte. Nun aber, in der engen Abgeschiedenheit der Kutsche fing sie an zu weinen und gestand, sie schäme sich so.
Marie war überzeugt, dass die Entscheidung gegen die savoyardische Heirat von Ludwig gekommen war, und sie wunderte sich nicht darüber. Sie hatte ihn beobachtet, wie er auf dem Ball seine künftige Braut begrüßte: ehrerbietig, galant und fürsorglich. Welch eine Erleichterung war es da für Marie gewesen, dass das junge Mädchen keine Reaktion zeigte! Wie eine wohlerzogene Puppe hatte sie ihre Rolle gespielt, bis auch Ludwigs Bemühungen immer schwächer wurden. Trotzdem hatte es Marie wehgetan, ihn mit einer anderen zu sehen, die vielleicht bald ein Anrecht auf ihn haben würde. Wir sind doch nur Freunde!, versuchte sich Marie selbst zu beruhigen. Doch die Musik erfüllte den Saal, und jeder hatte jemanden, der irgendwie zu ihm gehörte. Nur sie selbst saß allein da und wurde von niemandem beachtet. Das königliche Licht, das sie in den letzten Wochen so hell beschienen hatte, erstrahlte nicht mehr für sie. Es fiel auf eine andere, die jedoch nichts damit anzufangen wusste. Er gehört mir, dachte Marie und wunderte sich selbst über diesen Einfall. Ich will ihn nicht hergeben!
Als Ludwig noch in derselben Nacht von seiner Mutter erfuhr, dass sich der spanische König gemeldet hatte, verstand er nur eines: Die Hochzeit mit seiner Cousine aus Savoyen würde nicht stattfinden! Zugleich dachte er, dass durch diese Entscheidung zumindest vorläufig alles so bleiben konnte wie bisher. Weiterhin würde er sich mit Marie treffen. Sie würden auf die Jagd gehen, tanzen, musizieren und gemeinsam lesen. Weiterhin würde Marie manchmal ganz nahe bei ihm sitzen, dass sich ihre Arme berührten, und manchmal, wenn sie den Kopf drehte, würde ihn ihr Atem streifen. Wir sind doch nur Freunde!, dachte auch er und eilte zu den Gemächern, die sie bewohnte. Er hämmerte an die Tür, bis Madame de Venel öffnete.
„Sire!“, rief die Gouvernante vorwurfsvoll. „Es ist ungehörig ...“
Doch Ludwig unterbrach sie. „Sagen Sie Mademoiselle Mancini, die Hochzeit findet nicht statt!“ Seine Stimme überschlug sich vor Aufregung.
Madame de Venel wurde blass. „Aber Sire ...!“
„Sagen Sie es ihr!“ Danach lief er durch die winkeligen Gänge zu seinem Schlafgemach.
Zwei Mal verirrte er sich und musste nach dem Weg fragen. Man erklärte es ihm und schaute ihm verwundert nach. Er war wie betrunken und fragte sich, was mit ihm geschehen war. Dann wusste er es auf einmal: Er war glücklich! Erst jetzt begriff er, was das war: Glück! Wie oft hatte er davon gelesen und auch mit Marie darüber gesprochen. Doch erlebt hatte er es noch nie. Vielleicht, weil er noch nie geliebt hatte? Bisher!, dachte er, während er nach seinen Gemächern suchte. Nun aber war alles anders. Marie Mancini, mit der er so viele Stunden verbracht hatte, war für ihn mehr geworden als nur eine gute Freundin. Ich bin verliebt!, dachte er und hatte alle anderen vergessen, von Catherine de Beauvais angefangen bis zu Olympia. Von jetzt an sollte es nur noch eine einzige Frau für ihn geben: die aufregende kleine Marie mit ihrem pechschwarzen Haar und ihren funkelnden Augen, so dunkel wie die Nacht.
Endlich fand er doch noch zu seinem Zimmer. An La Porte vorbei stürmte er hinein und ließ sich aufs Bett fallen.
„Haben Sie noch einen Wunsch, Majestät?“, fragte La Porte besorgt.
Ludwig konnte nicht begreifen, dass es einen Menschen gab, der in diesem Augenblick so ernst sein konnte. „Tausende Wünsche, Monsieur Pierre!“, rief er. „Aber jetzt lassen Sie mich erst einmal allein!“ Als die Tür hinter La Porte zugefallen war, hämmerte Lud-wig mit den Fäusten auf das Kissen. Er wusste nicht, wohin mit all dem Glück, das ihn auf einmal erfüllte. Marie!, dachte er immer nur. Ob sie auch so fühlte wie er? Er konnte es kaum erwarten, sie am nächsten Morgen wiederzusehen, und er war viel zu aufgeregt, um einschlafen zu können.
Ein König dürfe vom Schicksal mehr erwarten als gewöhnliche Menschen, hatte man Ludwig als Kind gelehrt. Macht gehöre dazu, sie vor allem. Dazu aber auch Ehre, Ruhm und Reichtum. Von Liebe und Glück war nicht die Rede gewesen. Beides hatte Ludwig auch nie wissentlich angestrebt, obwohl er meinte, Anspruch darauf zu haben, dass man ihn verehrte. Vielleicht war Verehrung aber nur die verschleiernde Bezeichnung für ein Gefühl, das eigentlich Liebe war.
Aus eigener Erfahrung war seine Mutter überzeugt, dass ihr Sohn sein ganzes Leben lang nicht lernen würde, Menschen zu widerstehen, die ihm Liebe oder Verehrung entgegenbrachten oder vorgaukelten.
Auch jetzt wartete er darauf. Jetzt vor allem, als sein Herz klopfte, weil er kaum erwarten konnte, Marie wiederzusehen, von der er einen Abend und eine Nacht lang getrennt gewesen war - eine Ewigkeit, wie es ihm auf einmal vorkam.
Dann sah er sie. Sie stand mit Madame de Venel vor ihrer Kutsche und wartete auf das Signal zum Einsteigen. Es war ein kühler Morgen. Ein frischer Wind hob die bunten Federn auf Maries breitkrempigem Hut, der ihr Gesicht zur Hälfte verbarg. Sie schien zu frösteln in ihrem schwarzen Samtkostüm mit dem engen Mieder, das sie schon von ferne zart und schmal erscheinen ließ. Während Madame de Venel mit dem Kutscher Wegen des Gepäcks verhandelte, stand Marie schweigend da, in sich gekehrt, als wüsste sie nichts mit sich anzufangen. Dabei musste sie doch wissen, dachte Ludwig, dass sich mit dem Ende der Brautschau auch für sie alles verändert hatte. Die spanischen Pläne waren ihr sicher nicht bekannt. Noch waren sie geheim, und auch Ludwig war nicht bereit, über sie auch nur nachzudenken. Er glaubte an die Zukunft. Das Schicksal musste auf Seiten der Liebenden sein.
Ein paar Schritte von Marie entfernt blieb Ludwig stehen und wartete darauf, dass sie ihn wahrnahm. Und nun sah sie ihn auch! Sie forschte in seinem Gesicht und merkte, dass sich sein Blick im Vergleich zu früher verändert hatte. Nicht nur sein Blick - alles hatte sich verändert. Marie begriff es sofort. Auch Madame de Venel, die Marie zum Einsteigen aufforderte, hielt inne und starrte Ludwig überrascht an. Sie sank in einen tiefen Knicks und blickte zugleich misstrauisch zu ihrem Schützling hoch. Auch ein König war ein Mann, und ihre Aufgabe als Gouvernante war es, Marie vor jeglichem Schaden, den Männer verursachten, zu bewahren.
Doch Marie wollte vor gar nichts bewahrt werden. Am liebsten wäre sie zu Ludwig hingelaufen und hätte sich in seine Arme geworfen. Sie zweifelte nicht daran, dass er sie beglückt umfangen hätte. Er liebt mich!, dachte sie. Ich bin sicher, dass er mich liebt... Die Schmach des gestrigen Abends war vergessen, als sie beschämt aus dem Ballsaal geschlichen war, weil niemand von ihr Notiz genommen hatte.
Nun aber fiel das Licht wieder auf sie. Ludwig ging auf sie zu - langsam, um den kostbaren Moment nicht zu verkürzen. Sie ließen einander nicht aus den Augen. Marie knickste, wie es sich gehörte, aber sie verneigte sich nicht. Als Ludwig sie erreicht hatte, streckte er ihr die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen. Auch als sie bereits stand, ließ er sie nicht los.
Inzwischen waren sämtliche Reisenden bei ihren Kutschen angekommen. Alle sahen auf Ludwig und Marie, die selbst nichts wahrnahmen als einander. Keiner der beiden lächelte. Noch nie war ihnen etwas so ernst gewesen wie dieser Augenblick.
Als sie sich dann doch voneinander lösten, stieß Maries Hand schmerzhaft gegen den Knauf von Ludwigs Schwert. Sie schrie leise auf und rieb sich die betroffene Stelle. Ludwig sah ihr erschrocken zu, dann riss er das Schwert aus der Scheide und warf es weit von sich. Klirrend blieb es mitten auf der Straße liegen.
Die Zuschauer stöhnten auf und flüsterten anerkennende Kommentare über die Ritterlichkeit des Königs. Ludwig selbst verneigte sich vor Marie und nahm vorsichtig ihre Hand. Ohne jemand anderen zu beachten, führte er Marie zu seiner Kutsche.
Madame de Venel hob in hilflosem Entsetzen ihre Arme.
Dann raffte sie ihre weiten Röcke zusammen und folgte den Beiden. Als sie eingestiegen waren, bestand sie darauf, ebenfalls mitgenommen zu werden. Dass es die Kutsche des Königs war, spielte für sie keine Rolle. Ihre Pflicht bezog sich auf die Nichte des Kardinals, die sich - davon war Madame de Venel überzeugt - soeben in die größte Gefahr ihres Lebens begab. Sie jetzt nicht im Stich zu lassen, war nicht nur Christen-, sondern auch Gouvernantenpflicht. Außerdem: Der König war zwar der König, aber das Sagen hatte wohl immer noch der Kardinal, und der war ihr Auftraggeber und der Vormund des unglückseligen Mädchens, das dabei war, offenen Auges ins Verderben zu rennen.
Tage des Glücks und der Verliebtheit folgten und wurden zu Wochen und zu Monaten. Allein schon die Rückreise nach Paris war das Schönste, was Ludwig je erlebt hatte. Wie in einem Taumel vergingen die wenigen Tage, in denen der Winter näherkam und es allmählich kälter wurde. Eines Morgens fiel sogar Schnee. Die Königin und der Kardinal, Olympia und Hortense zogen sich warm verpackt in ihre Kutschen zurück, ließen jedoch zu, dass Ludwig und Marie den Schutz der Fahrzeuge verschmähten und Seite an Seite durch den kalten Tag ritten.
Manchmal hieben sie ihre Pferde zum Galopp an. Dann wieder hielten sie an einem besonders reizvollen Punkt der Landschaft inne und sahen sich um. „Das ist Ihr Land, Sire!“, sagte Marie leise. „Sie sollten es lieben.“
Ludwig nickte nachdenklich. Noch nie war er mit sich selbst so sehr im Reinen gewesen wie jetzt, und noch nie hatte er sich als Teil eines wundervollen, riesengroßen Ganzen gefühlt, das er nicht benennen konnte, das ihm aber manchmal fast die Tränen in die Augen trieb. Sie nannten einander beim Vornamen, und manchmal wagte Marie sogar, Ludwig zu duzen, als wären sie beide noch kleine Kinder, Geschwister oder Freunde, die einander gleichgestellt waren. Kein Knicks, wenn sie allein waren, nur eine sanfte, ehrerbietige Zärtlichkeit, die Ludwig niemals überschritt, weil er zutiefst daran glaubte, dass eine Liebe, wie er sie nun empfand, sogar dem strengen Schicksal genehm sein musste. Niemand konnte verlangen, dass sie sich jemals wieder trennten. Sogar der Kardinal und die standesbewusste Königin würden zugestehen müssen, dass es Gefühle gab, die alle Grenzen überschreiten durften. Auch der Hof würde es verstehen. Frankreich würde es verstehen. Die ganze Welt würde es verstehen. In alle Ewigkeit würde man den jungen König von Frankreich rühmen, weil er so sehr geliebt hatte, dass alle Schranken zusammenbrachen.
So ritten die beiden durch die winterlichen Tage. Immer wieder fiel Schnee, bis das ganze Land davon bedeckt war. Ludwig auf seinem tänzelnden Pferd beugte sich zu Marie hinüber und küsste ihre eiskalten, geröteten Wangen. „Meine Mutter hat noch nie etwas gegen uns beide gesagt!“, flüsterte er. „Ich bin sicher, sie versteht uns.“
Marie nickte lächelnd. „Mein Onkel ebenfalls“, erklärte sie. „Ich glaube, man gönnt uns unser Glück.“ Dann ritten sie weiter. Erst am Abend trafen sie in den Rastorten wieder mit ihrer Reisegesellschaft zusammen. Man aß und trank, spielte Gitarre und sang.
Die Einzige, die ihr Missfallen nicht verbergen konnte, war Madame de Venel. Doch alles, was sie von den Liebenden dafür erntete, war Lachen und Spott. Die Gouvernante konnte kaum glauben, wie kindisch fast erwachsene Menschen durch das hemmungslose Ausleben ihrer Verliebtheit werden konnten.
Einmal brachte ihr Ludwig eine wunderbar bemalte Schachtel als Geschenk mit. Zögernd nahm sie sie entgegen. „Süßigkeiten, Sire?“, erkundigte sie sich vorsichtig. Ludwig verneigte sich und Verließ den Raum. Madame de Venel öffnete die Schachtel und ließ sie gleich darauf schreiend zu Boden fallen. Anstelle der Pralinen, die sie erwartet hatte, sprangen ihr zwölf Mäuse entgegen. Madame de Venel starb fast vor Schreck. Sie war überzeugt, dass sie in ihrem Innersten nie wieder Achtung vor diesem König haben konnte.
Marie bekam andere Geschenke. Als sie wieder in Paris waren, verlangte Ludwig von Mazarin ein Präsent für seine Liebste. Mazarin zögerte. Er war nicht gegen diese offenkundig immer noch unschuldige Verbindung seines Patensohns und seiner Nichte. Sie kam ihm sogar ganz gelegen, wusste doch ganz Europa bereits davon, auch die Katholische Majestät, was Mazarin bei seinen Verhandlungen mit Pimentel zugutekam. Philipp von Spanien musste damit rechnen, dass sein Heiratsangebot abgelehnt wurde, wenn er zu viel dafür verlangte. Wenn man sich allerdings geeinigt hatte, mussten die verliebten Spielchen ein Ende haben.
„Ich bin Maries Vormund!“, beruhigte Mazarin die Königin, der alles schon viel zu weit ging und die Marie immer weniger ausstehen konnte. Trotzdem umarmte sie sie manchmal zärtlich Und nannte sie „liebes Kind“. Marie konnte nicht ahnen, wie schwankend der Boden war, auf dem sie sich bewegte.
Ludwig schenkte ihr das kostbarste Perlencollier, das es in Europa gab. Zuvor war es im Besitz der englischen Königin gewesen. Als man deren Gemahl enthauptet hatte, war Henriette nach Frankreich geflohen. Der Verkauf des Colliers bewahrte sie davor, Königin Anna wegen jeder Kleinigkeit um Unterstützung zu bitten. Siebzigtausend Livre war das Schmuckstück wert. Ein wahrhaft königliches Geschenk, das Ludwig da seiner Angebeteten um den Hals legte. Nur zähneknirschend hatte Mazarin das Geld herausgerückt. Er tröstete sich damit, dass der Besitz eines so wertvollen Schmuck-stücks seiner Nichte den unausweichlichen Abschied versüßen würde.
Vielleicht würde es bis zu diesem Abschied gar nicht mehr so lange dauern. Zwar wurde der Krieg an der Front immer noch blutig weitergeführt, doch die Verhandlungen gingen ihrem Ende entgegen. Zum ersten Mal kamen Besucher aus Spanien nach Paris.
Don Juan d'Austria, Gouverneur der Niederlande und natürlicher Sohn Philipps IV., besuchte seine Tante, Königin Anna, im Louvre und wurde liebevoll aufgenommen. Auch Don Antonio Pimentel hätte sich keinen freundlicheren Empfang wünschen können, und als der Sonderbotschafter Frankreichs, Gramont, nach Madrid reiste, wurde ihm sogar gestattet, der spanischen Königin, die allein zu speisen pflegte, bei ihrem Diner zuzuschauen. Zwei Hofdamen, ganz in Weiß gekleidet, bedienten kniend ihre Herrin, während der Botschafter das Gefühl hatte, sich auf einem anderen Stern zu befinden. Doch es war wohl eine große Ehre, die ihm da zuteilwurde, und so verbarg er sein Befremden hinter der undurchdringlichen Miene, die am spanischen Hof wohl üblich war.
Marie begriff nicht, was das Hin und Her spanischer Gäste zu bedeuten hatte. Allzu sicher fühlte sie sich durch Ludwigs Liebe, die von Tag zu Tag größer zu werden schien. Das Perlencollier, das er ihr umgelegt hatte, kam ihr wie ein heimliches Verlobungsgeschenk vor. Dass Madame de Venel Bedenken äußerte, überhörte Marie mit Bedacht.
„Man sollte keine Präsente annehmen, wenn man mit dem Betreffenden nicht verheiratet ist!“, tadelte die Gouvernante. „Habe ich Sie das nicht gelehrt, Mademoiselle?“
Marie lachte. „Sogar mein Onkel wusste davon, Madame“, widersprach sie. „Wollen Sie strenger sein als der Kardinal?“
Madame de Venel schwieg. Es stand ihr nicht zu, ihren Herrn zu kritisieren. Trotzdem fand sie, dass er diesmal, bei all seiner Güte, das Falsche getan hatte. „Noch dazu Perlen!“, fügte sie hinzu. „Wissen Sie nicht, dass Perlen Tränen bedeuten?“
Marie betrachtete sich wohlgefällig im Spiegel und fuhr lächelnd mit den Fingerspitzen über das schimmernde Collier, „Diese nicht!“, versicherte sie leise. „Glauben Sie mir, Madame! Diese nicht!“
Man verhandelte bereits über den Termin und die Modalitäten des Friedensschlusses und der Hochzeit mit der Infantin, da trat Ludwig vor seinen Paten hin und bat ihn um die Hand seiner Nichte Marie. „Ich wüsste kein besseres Mittel als diese Heirat, Sie für Ihre wertvollen, langjährigen Dienste zu entlohnen, mein lieber Pate!“, sagte er herzlich. Er zweifelte nicht daran, dass sich der Kardinal über den Antrag freuen würde.
Mazarin, dessen Gedanken in diesen Tagen nur um das Thema der Verhandlungen mit Pimentel kreisten, blickte Ludwig verblüfft an. Nicht einmal zornig wurde er. Er konnte nur nicht glauben, dass dieser junge Mensch, den er zur Vernunft erzogen hatte, ein solches Ansinnen an ihn stellte. „Als Sie ein Kind waren, Sire“, antwortete er in schleppendem Ton, „suchten wir nach einer Lektüre, die Ihren Charakter formen sollte. Sie sollten lernen, was einen guten König von einem mittelmäßigen oder einem schlechten unterscheidet.“ Seine Miene veränderte sich nicht. „Wir hatten viel Freude an Ihrer Entwicklung. Wir dachten, Sie hätten Klarheit darüber, was es bedeutet, König zu sein.“
Ludwig runzelte die Stirn. Er merkte, dass das Gespräch ganz aners verlief, als er es erwartet hatte. „Ich denke schon, dass ich das weiß, Eminenz“, antwortete er. Er war plötzlich auf der Hut, obwohl er noch vor wenigen Minuten darauf vertraut hatte, dass ihn sein Pate verstehen würde.
Mazarins Blick war hart und ohne Erbarmen. Ein Leben lang halte er um Ansehen gekämpft, um einen ehrenvollen Platz in der Geschichte. Sollte nun die Verwirrung eines Jünglings den Traum zerstören, dessen Erfüllung zum Greifen nahe war? „Wir haben Ihre Freundschaft mit meiner Nichte geduldet“, sagte er.
„Wir haben Ihnen erlaubt, ihr wertvolle Geschenke zu machen. Von einer Heirat war jedoch nie die Rede.“
„Und von Liebe?“ Schon während er es sagte, wusste Ludwig, dass Liebe für Mazarin kein Argument war. Der Kardinal sprach es nicht aus, doch Ludwig wusste, was er dachte. Ein bürgerliches Mädchen kam für einen König von Frankreich als Gemahlin nicht infrage. Frauen wie Marie Mancini heiratete ein Bourbone nicht. Er nahm sie sich höchstens als Mätresse.
„Marie ist Ihre eigene Nichte!“, beharrte Ludwig. „Missfällt Ihnen der Gedanke, eine Ihrer Verwandten könnte Königin von Frankreich werden?“
Mazarin blickte zum Fenster hinaus. Der Himmel war grau und verhangen. „Wem würde ein solcher Gedanke nicht gefallen?“, antwortete er. „Doch er ist undurchführbar. Die Folge wäre eine neue Fronde. Die Folge wäre eine Fortdauer des Krieges mit Spanien. Die Folge wäre ein Chaos und der Untergang dieser Monarchie. Mit Marie als Gemahlin wären Sie bald kein König mehr, sondern irgendwo im Ausland auf der Flucht.“
Er erhob sich und trat ans Fenster. „Dann stünden Sie im nächsten Buch über die Könige von Frankreich als >Ludwig der Törichte< oder als >Ludwig der Letztem<.“
Ludwig spürte, wie Zorn in ihm aufstieg. „Wie können Sie es wagen, so mit mir zu reden, Eminenz!“, rief er. „Vergessen Sie nicht: Ich bin einundzwanzig und ich bin der König! Ein Befehl von mir, und Sie sind heimatlos.“
Mazarin schaute immer noch zum Fenster hinaus. Der Gedanke kam ihm, dass er noch in dieser Stunde vor den Scherben seines Lebenswerks stehen konnte. Trotzdem veränderte sich der Ton seiner Stimme nicht. „Wenn es denn sein soll, Majestät“, sagte er ruhig. „Sprechen Sie diesen Befehl, wenn Sie es wünschen! Wir werden ohnedies am Ende sein, wenn Sie Ihren Willen durchsetzen.“
Ludwig war blass geworden. „Ist das Ihr letztes Wort, Eminenz?“, fragte er kalt.
Mazarin drehte sich zu ihm um und hob in einer hilflosen Geste die Arme. „Welche Wahl hätte ich denn?“, fragte er. „Ich kann Sie nur anflehen, noch einmal darüber nachzudenken. In der Zwischenzeit vertraue ich auf Ihre Vernunft und setze die Verhandlungen mit Spanien fort.“
Ludwig merkte, dass er zu weit gegangen war. „Warum sollte es nicht möglich sein, über den Frieden zu verhandeln, doch auf die Heirat mit der Infantin zu verzichten?“, lenkte er ein.
Mazarin ging zu seinem Schreibtisch zurück. Er setzte sich Und legte die Finger an die Schläfen. „Weil es dafür längst zu spät ist“, antwortete er müde. „Es wäre immer schon zu spät gewesen, Weil von Anfang an feststand, dass Sie und die Infantin füreinander bestimmt sind.“
„Sie meinen, es gibt keinen Ausweg für mich?“, Ludwig schien zu begreifen, doch er war noch weit davon entfernt, sich zu beugen.
„Es gab niemals einen Ausweg, Sire. In Wahrheit hatten Sie nie eine Wahl.“
„Hat ein Mensch nicht immer eine Wahl, mein Pate? Wären Sie hier, wo Sie sind, wenn Sie nicht immer wieder Ihre Wahl getroffen hätten?“
Mazarin schüttelte den Kopf. „Von mir ist nicht die Rede“, antwortete er. „Doch auf der Waage, die über Ihr Leben entscheidet, ist das Gewicht auf der einen Seite so schwer, dass es durch nichts aufgewogen werden kann.“
„Aber welches Gewicht wäre das?“
Mazarin zuckte die Achseln. „Die Krone natürlich!“, antworte er. Seine Stimme wurde scharf. „Vielleicht steht sogar Ihr Kopf auf dem Spiel, Sire! Denken sie an den König von England, Ihren Verwandten! Bis zum Schluss hatte er nicht die geringste Ahnung, in welcher Gefahr er schwebte.“
Ludwig suchte nach einer Antwort, doch er fand keine. Da drehte er sich um und eilte hinaus. Mazarin blieb zurück. Mit einem leisen Stöhnen strich er über seine Waden, die ihn so sehr schmerzten, dass er manchmal dachte, so müsse man sich im Fegefeuer fühlen. Für kurze Zeit schloss er die Augen. Dann seufzte er und wandte sich wieder seinem Entwurf des Friedensvertrags zu, der nach dem Wunsch der Katholischen Majestät erst nach der Hochzeit von Ludwig und Maria Theresia in Kraft treten sollte.
Politische Pläne
Es war, als hätte man eine brennende Fackel in einen ausgedörrten Heuhaufen geworfen. Geschrei und Tränen überall. Am schlimmsten gebärdete sich Königin Anna, die alle Schuld auf Marie häufte. „Ich weiß, es sind Ihre Nichten, mein Lieber!“, fiel sie über Mazarin her. „Aber das allein sagt noch nichts über ihren Charakter aus.“ Sie raufte sich buchstäblich die Haare. „Erst Olympia, die war schon schlimm genug! Aber sie spielte wenigstens nicht die kühle Preziöse. Bei ihr wusste man, woran man war. Doch Marie! Mein Gott, wer hätte gedacht, dass mein armer Ludwig auf so etwas hereinfällt!“ Sie sank auf ihr Sofa. „Wir sind alle viel zu gutmütig. Die Medici-Frauen hätten gewusst, wie man mit einem derartigen Problem fertig wird.“ Sie winkte ab. „Ja, ja, mein Freund. Ich höre schon auf. Trotzdem müssen wir der Sache ein Ende setzen. Sofort und für immer.“
Doch auch Marie entfesselte die italienische furia, für die ihre Familie berüchtigt war. „Sind Sie der König, oder nicht?“, fragte sie Ludwig und brach in Schluchzen aus. „Mein Onkel ist Ihr Minister, sonst nichts. Was Sie befehlen, hat er auszuführen. Wenn er das nicht einsieht, muss er eben gehen.“
Ludwig, um den sich alles drehte, stand zwischen den Fronten. Er warf sich seiner Mutter zu Füßen und schilderte ihr seine Liebe.
In seiner Gegenwart wagte Anna nicht, sich gegen Marie zu äußern. Sie führte ihm nur die politischen Folgen seines Handelns vor Augen. Dann brach auch sie weinend zusammen und überließ Mazarin das Schlachtfeld. Der erinnerte sich inzwischen daran, dass ihn seine Schwester immer schon vor Marie gewarnt hatte. „Sie ist als Störenfried geboren!“, sagte er zu Ludwig, der es inzwischen aufgegeben hatte, seine Tränen vor ihm zu verbergen. „Sie ist von Ehrgeiz besessen, jähzornig und ohne Rücksicht auf andere. Sie hat tausend Fehler. Mir fiele keine einzige Eigenschaft ein, die sie der Ehre Ihres Wohlwollens würdig machte, Sire!“ Danach beging er den Fehler, mit seinem Rücktritt zu drohen.
Ein gefährliches Schweigen entstand. Anna, die auf ihrem Sofa leise vor sich hin geweint hatte, horchte auf. Auch Ludwig wusste erst keine Antwort. Dann wurde er plötzlich ganz ruhig. „Machen Sie, was Sie wollen, Eminenz!“, antwortete er kühl. „Wenn Sie unsere Angelegenheiten nicht mehr führen wollen, gibt es genügend an-dere, die es gern tun werden.“ Damit verließ er den Raum. Von draußen hörte er, wie seine Mutter aufschrie und beschwörend auf den Kardinal einredete.
Zur gleichen Zeit wurden die Verhandlungen mit Spanien weiter gerührt. Auch hier ging es drunter und drüber. Man feilschte um Grenzgebiete, um Provinzen und Städte und um das Schicksal des Großen Conde, dem sich Spanien verpflichtet fühlte. Für Mazarin war er nur ein Verräter. Trotzdem würde man ihn wohl in allen Ehren wieder aufnehmen müssen. „Das alles ist zu viel für mich!“, sagte Mazarin eines Abends zu Nicolas Fouquet, der darauf drängte, den Friedensvertrag endlich zu unterzeichnen. „Wir können uns diesen Krieg nicht länger leisten, Eminenz!“, sagte er. „Meine Kreditgeber verweigern mir schon die Zusammenarbeit. Wie kommt es, dass plötzlich wir die Spanier hinhalten?“
Mazarin schilderte ihm Ludwigs leidige Liebesgeschichte. Nicolas hörte ihm kopfschüttelnd zu. „Der arme Junge!“, murmelte er. Mazarin fuhr auf. „Sie haben doch wohl nicht Verständnis für eine solche Dummheit?“, rief er. Nicolas zuckte die Achseln. „Für die Dummheit schon, Eminenz. Doch ich hätte kein Verständnis, wenn Sie sie zuließen.“ Er schüttelte den Kopf. „Diese Heirat ist unmöglich. Seine Majestät muss darauf verzichten. Trotzdem zeigt er uns mit seiner Unvernunft, dass er ein Mensch ist, der lieben kann. Wir sollten für ihn da sein.“
Mazarin starrte ihn finster an. „Sie sind mir keine Hilfe, Monseigneur!“, murrte er. „Zumindest nicht in dieser Angelegenheit.“ Dann begab er sich in Ludwigs Gemächer und teilte ihm mit, er könne nicht mit ansehen, wie Ludwig das Werk seiner Väter zer-störe. Sollte er nicht auf diese Heirat verzichten, werde er, Kardinal Jules Mazarin, mit seinen noch unverheirateten Nichten Frankreich verlassen und nach Italien ziehen. Als Maries Vormund werde er ihr eine Heirat mit dem König verbieten. Nur so sei Frankreich noch zu retten.
Ludwig hatte nächtelang nicht geschlafen. Er war erschöpft und niedergeschlagen. Wenn er Marie traf, lagen sie einander in den Armen und schworen sich ewige Liebe. Doch gleich danach überkam sie wieder die Verbitterung über den Widerstand, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Sie überboten sich in Angriffen auf die Königin und den Kardinal, bis es ihnen selbst zu viel wurde und sie anfingen, aneinander zu leiden. So gingen sie für kurze Zeit auseinander, und Ludwig begab sich wieder zum Kardinal, obwohl sich seit dem letzten Gespräch nichts geändert hatte.
Doch auch Mazarin konnte nicht mehr. „Ich schäme mich schon vor meinen spanischen Gesprächspartnern, Sire“, erklärte er müde. „Sie drängen auf Klarheit, und ich vertröste sie nur.“ Er legte die Lupe aus der Hand, die er in letzter Zeit zum Lesen benötigte. „Ich brauche eine bindende Entscheidung von Ihnen: Soll ich die Frie-densverhandlungen fortführen oder nicht? Verstehen Sie mich recht, Sire: Friedensverhandlungen bedeuten immer auch Verhandlungen über den Heiratsvertrag. Auf etwas anderes lässt sich König Philipp nicht ein.“ Er senkte den Kopf. „Es tut mir leid, mein Lieber. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich in eine solche Situation kommen könnte. Auch Ihnen hätte ich mehr Glück gewünscht.“ Er blickte Ludwig in die Augen. „Aber es geht nicht anders, verstehen Sie mich? Es geht nicht anders.“
Ludwig schwieg lange. Dann nickte er. „Machen Sie weiter wie bisher, Eminenz!“, bestimmte er. Seine Lippen zitterten.
Mazarin atmete auf. „Und Marie?“, fragte er. „Die Spanier wissen genau, dass Sie sich immer noch mit ihr treffen.“
Ludwig kämpfte mit sich. „Wir werden uns für kurze Zeit trennen“, gab er nach. „Vielleicht nicht für immer. Und wir werden uns schreiben, sooft wir wollen. Darauf bestehe ich.“ Er meinte, gleich müssten ihm wieder die Tränen kommen wie so oft in den vergangenen Tagen. Doch nichts geschah.
Er war nur müde. Entsetzlich müde und traurig. Dein Reich, o Liebe, ist ein grausames Reich!, dachte er.
Am nächsten Morgen, es war der 22. Juni 1659, führte Ludwig Marie zu ihrer Karosse. Er half ihr beim Einsteigen und blieb dann noch lange bei ihr stehen. Er blickte in ihr Gesicht, das ihm so vertraut und kostbar erschien wie kein anderes auf der Welt.
Marie schaute zu ihm hinunter. „Ach, Sire“, sagte sie leise. „Es ist eine verkehrte Welt. Sie sind der König, Sie weinen, und ich gehe.“
Der Kutscher schloss den Wagenschlag. Marie steckte ihre Hand durchs Fenster. Ludwig griff danach und hielt sie fest. Da gab Marie dem Kutscher ein Zeichen und riss sich los. „Ich bin verlassen!“, rief sie, als der Wagen davonfuhr.
Ludwig blieb zurück. Alles schien ihm verloren. Er ließ sich sein Pferd bringen und ritt stundenlang durch den Wald. Danach kehrte er zurück und schrieb den ersten von unzähligen Briefen, die Marie aus ihrer Verbannung mit Hortense und Madame de Venel alle beantwortete.
Zwei Mal trafen sie einander noch. Beim ersten Mal sagte Marie, sie müsse sich dem Willen ihres Onkels unterwerfen und bitte Ludwig, ihr nicht mehr zu schreiben und auch ihre früheren Briefe zu verbrennen. Ludwig konnte es nicht glauben. Wieder und wieder schrieb er ihr trotzdem und schickte ihr sein Schoßhündchen Friponne. Am Halsband trug es einen silbernen Anhänger mit der Inschrift „Ich gehöre Marie Mancini.“
Marie wusste trotzdem, dass sie verloren hatte. Der Kardinal teilte ihr mit, er habe einen Gemahl für sie gefunden, einen aus den allerhöchsten Kreisen: den Prinzen Lorenzo Colonna, dem seine eigenen Vorfahren einst als Kammerherrn gedient hatten.
Doch Marie hatte kein Gefühl für den Aufstieg ihrer Familie. „Ein Italiener?“, fragte sie. „Ihre Majestät sagte mir, auch Prinz Karl von Lothringen käme für mich infrage. Dann könnte ich in Frankreich bleiben.“
Mazarin schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, mein Kind“, antwortete er, ohne ihren Einwand zu beachten. „Die Entscheidung ist bereits gefallen.“
„Prinz Colonna also?“
Mazarin nickte. „Endgültig.“
Marie fügte sich. Auch Ludwig verbrannte nun ihre Briefe.
Seine verzweifelten Ritte durch den Wald wurden seltener, als seine Mutter anfing, Maries Ruf zu untergraben. Ständig sei das junge Mädchen auf Festen. Dem Prinzen Karl von Lothringen habe sie so offen schöne Augen gemacht, dass schon alle Welt darüber rede.
Ludwig glaubte, das Herz zerreiße ihm. „Ist das wahr, Maman?“, rief er.
Anna sah ihm tief in die Augen. „Habe ich jemals gelogen, mein Sohn?“, fragte sie. Ludwig wusste, wie streng Annas Beichtvater mit ihr war, und schenkte ihr Glauben. So kam es, dass er sich bei der zweiten Begegnung nach der Trennung nur kühl vor Marie verneigte.
Für Marie selbst hatte sich nichts verändert. „Ludwig!“, sagte sie zärtlich. „Wie geht es Ihnen?“
Der Klang ihrer Stimme traf ihn ins Herz. Trotzdem blieb seine Miene beherrscht. „Ich danke für die Nachfrage, Mademoiselle“, antwortete er abweisend. Noch einmal verneigte er sich kalt. Dann ließ er sie stehen.
Marie starrte ihm nach. Sie war nicht in der Lage, sich zu bewegen. Ihre Schwester Hortense eilte herbei und führte sie wie eine Kranke in ihre Gemächer. Ludwig aber ritt ein letztes Mal durch den Wald und nahm endgültig Abschied von seiner Liebe. Er wusste, dass er nie mehr dergleichen empfinden würde. Nie mehr würde er so glücklich sein wie mit Marie, nie mehr aber auch so verletzlich.
Als Marie nach Italien ging, um den Prinzen Colonna zu heiraten, äußerte dieser seinen Verwandten gegenüber, er sei überrascht. „Ich hätte nicht erwartet, in der Liebe von Königen Unschuld zu finden!“, stellte er fest. Trotzdem blieben die beiden einander fremd.
Die Infantin
Nicolas Fouquet und Marie Madeleine befanden sich in dem Gefolge, das den französischen König zu seiner Hochzeit mit der Infantin von Spanien begleitete. Gute vier Wochen hatte man für die Reise zur spanischen Grenze veranschlagt, wo Braut und Bräutigam einander zum ersten Mal begegnen sollten. Erst wenn ihre Trauung vollzogen war, würde der Friedensschluss zwischen den beiden Ländern auch offiziell in Kraft treten.
Im November 1659 hatten Kardinal Mazarin und Don Luis de Haro das Friedensdokument unterzeichnet. Beide erduldeten mit Gleichmut, dass ihnen die Öffentlichkeit ihrer Länder vorwarf, dem jeweiligen Kriegsgegner zu viele Vorteile eingeräumt zu haben. Doch weder der Kardinal noch Don Luis zweifelten daran, dass man sich sehr bald schon an die neuen Konstellationen gewöhnen würde und dann nur noch froh war, dass endlich die Waffen schwiegen.
So kam es auch. In einem noch nie erlebten Triumphzug bewegten sich die königlichen Karossen gegen Süden. In allen Städten und Dörfern wurden sie jubelnd empfangen.
Erst jetzt kam Ludwig zu Bewusstsein, wie sehr das Volk unter der Bürde des Krieges gelitten hatte. „Von nun an soll alles anders werden!“, sagte er zu Nicolas. Er hatte ihn zu sich in seine Kutsche befohlen, um ihn über die finanzielle Lage nach dem Krieg zu befragen. An Mazarin wollte er sich damit nicht wenden.
Er konnte sehen, dass der Kardinal gesundheitlich geschwächt war. Trotzdem gab er das Heft nicht aus der Hand. Wenn erst diese Hochzeit vollzogen war, dachte er wohl, würde man nach Paris zurückkehren, wo er sich erholen und dann endlich dem letzten Ziel zustreben würde, das er sich für sein Leben gesetzt hatte. Das höchste aller Ziele für einen Mann seines Standes: der Papsthron.
Es würde nicht leicht sein, sich diesen Traum zu erfüllen. Zu viele Hebel mussten in Bewegung gesetzt, zu viele Stimmen gewonnen werden. In Mazarins Augen war es eine Frage des Geldes und der Beziehungen. Dies war wohl auch der Grund, warum der Kardinal darauf bestanden hatte, dass Nicolas an dieser Reise teilnahm. Wenn er nicht die nötigen Mittel beschaffte, war Mazarins Traum vom Vatikan für immer ausgeträumt.
Sein eigenes Vermögen anzugreifen kam Mazarin nicht in den Sinn.
Was ihm gehörte, benötigte er als Garantie für seine eigene Sicherheit, die noch wichtiger war als jedes Amt und jede Würde.
„Es sieht nicht gut aus, Sire“, sagte Nicolas zu Ludwig, der ihm gegenübersaß. „Der Krieg hat unsere Staatskasse geleert. Unser Kredit ist erschöpft. Wenn Sie erlauben, darf ich sagen, dass ich in letzter Zeit immer öfter auf mein eigenes Vermögen zurückgreifen muss.“
Ludwig runzelte die Stirn. Es entsprach nicht seiner Vorstellung von einer Monarchie, dass die Staatskasse durch einen Privatmann vor dem Zusammenbruch bewahrt wurde. In letzter Zeit hatte sich Ludwig häufig Gedanken über die Königswürde gemacht. Oft genug hatte man ihn wegen Marie Mancini daran erinnert. Leere Kas-sen passten nicht in sein Bild von königlicher Erhabenheit. Eigentlich erschien es ihm unerträglich, dass es in seinem Reich Untertanen gab, die vermögender waren als er selbst. Ein König war das Nonplusultra in seinem Land. Es grenzte an Majestätsbeleidigung, ihn in irgendeiner Weise zu übertreffen.
Doch noch dachte er diesen Gedanken nicht zu Ende. Er blickte in das angenehme Gesicht seines Finanzministers, sah sein Lächeln und hörte seine gepflegte Stimme. Er erinnerte sich an die Perücke, die ihm Nicolas gebracht hatte, und an die vielen Bemerkungen und Gespräche, mit denen jener ihn ermutigt hatte. Ludwig gestand sich ein, dass er diesen Mann gern um sich hatte - ihn und auch seine Gemahlin mit ihren dunklen Augen und ihrem schwarzen Haar, die ihn an etwas erinnerte, das er tief in seine Erinnerung verbannt hatte und nach dem er sich wohl immer heimlich sehnen würde. Er hoffte nur, dass ihn am Ziel dieser Reise eine Frau erwartete, die es wie jene Unvergessen-Vergessene mit ihm aufnehmen konnte, die ihn mit ihrem Witz zum Lachen brachte und seine Gedanken herausforderte. Ach, Sire, es ist eine verkehrte Welt. Sie sind der König, Sie weinen, und ich gehe! Ludwig wollte nicht, dass diese Welt eine verkehrte Welt war. Oben sollte oben bleiben und unten. Da nun alles entschieden war und die Erste Prinzessin der Welt auf ihn wartete, würde er dafür sorgen, dass bald nirgendwo mehr jemand es wagte, sich ihm gleichzusetzen. Kein Regent eines anderen Landes sollte sich ihm ebenbürtig fühlen; kein ausländischer Diplomat den zuvorkommenden Gruß eines französischen erwarten, und kein Schiff auf dem Meer sollte versäumen, als Erstes zu grüßen, wenn es einem französischen Schiff begegnete.
Er hatte verzichtet und gelitten. Doch seine Tränen hatten ihn hart und klarsichtig gemacht. Er wusste nun, dass er für alle immer nur der König sein würde: Ludwig XIV. Ludwig der Mensch interessierte niemanden. Ludwig XIV. beanspruchte es als sein königliches Recht, alle zu benutzen, und wusste, dass umgekehrt alle das Gleiche bei ihm versuchen würden.
Seine künftige Gemahlin war die einzige Unbekannte in dieser Rechnung. Immer wieder betrachtete Ludwig das kleine Porträt, das man ihm von ihr geschickt hatte. Es war kein Geheimnis, dass die meisten Bilder dieser Art geschmeichelt waren. Doch auf feststehende Tatsachen, wie etwa die Haarfarbe, konnte man sich wohl verlassen. Auch den Herzog von Gramont befragte er. Gramont hatte als Sonderbotschafter dem spanischen König Ludwigs Heiratsersuchen offiziell überbracht. Bei der Audienz war er auch der Infantin begegnet. Nach spanischer Sitte durfte er, wie er Ludwig verlegen gestand, den Saum ihres Kleides küssen. „Sie ist nicht sehr groß“, berichtete er Ludwig, was dieser sofort als „ziemlich klein“ auslegte. „Sie hat ein längliches Gesicht um vollen Wangen und eine bezaubernd frische Gesichtsfarbe. Ihre Augen sind blau wie Saphire, und sie hat - wenn Majestät gestatten - einen energischen Mund.“
Ludwig wusste, was Gramont damit meinte. Die kräftige Unterlippe der Habsburger setzte sich in fast jeder Generation durch. Sie wurde schon gar nicht mehr als Schönheitsfehler angesehen, sondern vielmehr als Zeichen königlicher Abstammung. „Und Ihre Zähne?“ Unwillkürlich musste Ludwig an einen anderen Mund denken mit Zähnen so weiß, dass er manchmal gescherzt hatte, sie würden im Dunkeln leuchten.
„Verzeihung, Majestät, die Zähne habe ich nicht gesehen. Die spanischen Damen benehmen sich sehr zurückhaltend.“
Ludwig nickte, aber er war enttäuscht. Doch Gramont fiel noch etwas ein. „Ihr Haar, Majestät!“, rief er, froh, dass er doch noch etwas zu bieten hatte. „Die Infantin hat wundervolles goldblondes Haar, so dicht, dass es sich bestimmt nur mit Mühe zähmen lässt.“ Ludwig musste an seine Mutter denken. Vieles an Maria Theresia erinnerte ihn an sie. Das war wohl auch kein Wunder. Immerhin war Anna eine Tante ersten Grades ihrer künftigen Schwiegertochter, und auch davor waren die meisten Heiraten der spanischen Könige innerhalb der eigenen Familie geschlossen worden.
„Wie kleidet sie sich?“, fragte er. Er schätzte elegante Frauen. Auch bei sich selbst betrachtete er Eitelkeit als lobenswerte Eigenschaft.
Der Herzog zuckte die Achseln. „Ich fürchte, Majestät, die Spanier haben einen etwas anderen Geschmack als wir Franzosen“, antwortete er vorsichtig. „Eigentlich sind am spanischen Hof alle Damen in der gleichen Weise gekleidet. Alle in Schwarz und…..“, was er sagen wollte, war ihm sichtlich peinlich, „alle mit weiten Röcken. Sehr weiten Röcken, Sire, und sehr vielen Röcken darunter. Wenn ich so frei sein darf: Einer meiner Begleiter meinte, die spanische Mode lässt die Damen aussehen wie breite Tonnen, aus denen Pfähle emporragen.“ Er suchte verzweifelt nach einer Entschuldi-gung für die anschaulichen Worte, zu denen er sich verpflichtet gefühlt hatte.
Doch Ludwig lachte. „Das wird sich leicht ändern lassen, wenn die Infantin erst Königin von Frankreich ist, meinen Sie nicht auch, mein Freund?“
Gramont atmete auf. „Unbedingt, Sire!“, stimmte er zu. „Ihre Majestät wird mit ihrer Schönheit und Eleganz alle anderen Damen überstrahlen.“ Danach berichtete er von der hervorragenden Erziehung, die die Infantin genossen habe. Das Einzige, worauf leider verzichtet worden sei, sei die französische Sprache. „Ich nehme an, der lange Krieg war ein Grund dafür, Sire.“
Ludwig seufzte. Die ersten Unterhaltungen mit seiner künftigen Gemahlin würde er wohl auf Spanisch führen müssen. Immerhin hatte seine Mutter dafür gesorgt, dass er die Sprache ihrer Heimat lernte. Er beherrschte sie fließend, wenn auch mit starkem französischem Akzent und mit vielen Fehlern, wie Anna jedes Mal bedauernd feststellte. Doch verständigen würde man sich können, und mit der Zeit würde Maria Theresia gewiss die Sprache des Landes lernen, dessen Königin sie dann war.
Seit der Friedensschluss mit Spanien so gut wie sicher war, hatte sich vieles verändert. Als Ludwig noch mit Marie durchs Land geritten war, hatte er für kurze Zeit den Respekt des Hofes eingebüßt. Er war zu einem Gegenstand des Klatsches geworden, über den sich jeder zu äußern wagte. Man sah in ihm nicht, wie er erwartet hatte, den romantischen Liebhaber, den die Welt nie vergessen würde, sondern nur einen unreifen Jüngling, der auf eine ehrgeizige Ausländerin hereingefallen war.
Erst als Marie die Bühne verlassen hatte, wurde Ludwig wieder zum König. Bald war er es sogar mehr als je zuvor. Auch sein eigenes Verhalten trug dazu bei. Er war kühl geworden, oft sogar abweisend. Manchmal bestellte er Madame de Beauvais zu sich, Olympia oder eine andere verfügbare Dame des Hofes. Doch von nun an benahm er sich als Herr, dessen Wünschen nicht widersprochen werden durfte. Catherine de Beauvais war die Einzige, die sich von seinem Auftreten nicht einschüchtern ließ und ihm weiter mit einer Art mütterlicher Zärtlichkeit begegnete.
Sogar der Große Conde, der über sich immer nur den Himmel geduldet hatte, bekam die Härte des neuen Ludwig zu spüren. Als er zum ersten Mal wieder am Hof erschien, verspätete er sich. Ludwig bestrafte ihn dafür, indem er ihn einfach übersah. Es dauerte lange, bis er Conde dann plötzlich mit der direkten Frage überfiel, ob er beabsichtige, an der spanischen Hochzeit teilzunehmen. Dem Tonfall nach konnte man darauf schließen, dass Monsieur le Prince bei der Hochzeit nicht erwünscht war.
Alle staunten, dass er sofort verstand und einlenkte. Er habe vor, sein Schloss in Chantilly auszustatten, antwortete er. Diese Aufgabe würde ihn in nächster Zeit voll beanspruchen. Conde wusste nur zu gut, dass er in Ludwigs Augen ein Verräter war.
Hätte Richelieu noch gelebt, hätte er Conde wohl um einen Kopf kürzer gemacht, obwohl dieser doch mit einer Nichte des Kardinals verheiratet war. Conde begriff jedenfalls, dass es an der Zeit war, Demut zu üben. Vor allem diesem jungen König gegenüber, so höflich und kalt und so glatt wie harter Marmor.
Ludwig spürte, dass er anders behandelt wurde als früher. Es gefiel ihm. Als Kind hatte er oft versucht, sich so charmant zu geben wie sein Bruder Philippe. Man hatte zwar gelacht, wenn er ein Späßchen versuchte, doch eigentlich hatte er hauptsächlich Befremden geerntet. So gab er seine Bemühungen schließlich auf.
Jetzt, nach der verlorenen Liebe, betrachtete er die meisten Menschen seiner Umgebung als mögliche Feinde. In seiner schweren Zeit hatte niemand zu ihm gehalten. Somit war auch niemandem verpflichtet. Er war frei und er war der König. Er ersuchte nicht mehr, sondern er befahl. Je kühler seine Stimme dabei klang, umso beflissener gehorchte man ihm. Die Aufrührer von einst wurden handzahm. Die Fronde verschwand und war nur noch eine unangenehme Erinnerung an eine chaotische Zeit.
Auch der Tod trug dazu bei, dass die alten Verschwörer immer weniger wurden. Im Februar 1660 war Gaston von Orleans gestorben, der so gern König geworden wäre und doch immer Angst vor dem eigenen Mut gehabt hatte. Sogar noch auf dem Totenbett entschuldigte er sich bei seiner Tochter, dass er nicht streitbarer gewesen war. „Damals, am Tor von Saint-Antoine ...“, murmelte er. Doch nicht einmal seine Abschiedsworte brachte er zu Ende. Damit verärgerte er ein letztes Mal die Grande Mademoiselle. Sofort nach seinem Ableben verließ sie das Sterbezimmer.
Schon vor der Beerdigung stellte sich heraus, dass der Onkel des Königs sein Vermögen so gut wie aufgebraucht hatte. Er hatte wohl doch mehr Geld in die Fronde gesteckt, als man angenommen hatte. Ein großer Teil seines Silberzeugs musste schließlich verpfändet werden, damit die Bestattung standesgemäß über die Bühne gehen konnte.
Die Grande Mademoiselle, immer noch eine der reichsten Personen Frankreichs, weigerte sich, für die Kosten aufzukommen. Stattdessen kaufte sie sich ein märchenhaftes Collier aus zwanzig Reihen Perlen, weil Perlen so gut zur Trauerkleidung passten und außerdem in Mode waren, seit Ludwig sie seiner Liebsten zum Geschenk gemacht hatte. Die bevorstehenden Hochzeitsfeierlichkeiten würden eine gute Gelegenheit sein, mit der neuen Erwerbung zu prunken.
Das Volk hingegen beweinte Gaston, der ihm so viel Leid gebracht hatte. Bis zuletzt war er für viele ein Relikt der alten Zeit gewesen, ein Gegen-Mazarin, so Französisch, wie ein Franzose nur sein konnte.
Herzog von Orleans: Der zweitgeborene Bruder des jeweiligen Königs trug diesen Titel, zusammen mit der ehrenvoll einfachen Anrede „Monsieur“. Gastons Titel ging nun auf Ludwigs jüngeren Bruder über: Philippe. Er war jetzt der Herzog von Orleans, und wenn man von ihm sprach, sprach man von „Monsieur“.
Dem Rang nach stand „Monsieur“ nach dem König an zweiter Stelle. Sollte er sich verheiraten, wäre seine Gemahlin „Madame“ und nach der Königin die ranghöchste Dame.
So wenig wie die Grande Mademoiselle trauerte auch Ludwig um Gaston. Er bedauerte nicht, dass sein Onkel nicht mehr da war. Seine Gegenwart hatte Ludwig immer daran erinnert, dass es eine Zeit gegeben hatte, in der eine andere Generation regierte. Ludwig dachte an die Sagen der Antike, Lektüre seiner Kindheit.
Auch die Götter von einst hatten ihre Vorgänger vom Thron gestürzt, so wie er nun bereit war, den eigenen Vater dem Vergessen preiszugeben und sich nach und nach dem Diktat der Älteren zu entziehen. Ludwig XIV., König von Frankreich: Man vergab ihm seine Kälte ein wenig, als man merkte, dass er sich auf „eine Hochzeit freute.
Anfang Mai brach der Hof in Richtung Süden auf, um an der französisch-spanischen Grenze mit König Philipp IV. zusammen zutreffen und mit seinem kostbarsten Gut, der Infantin Maria Theresia. Ganz Frankreich war beglückt über dieses erfreuliche Ende eines langen Krieges. Doch auch das spanische Volk war erleichtert und überhäufte die Infantin mit Segenswünschen. Während der ganzen Reise von Madrid her gab es herzbewegende Abschiedsszenen, wusste man doch, dass die junge Braut ihr Land für immer verließ. Wenn alles seinen er erwünschten Verlauf nahm, würde Maria Theresia als Königin von Frankreich ihre neue Heimat nie mehr verlassen dürfen. Käme sie dennoch zurück, würde dies bedeuten, dass ihre Ehe aus Irgendeinem tragischen Grund annulliert worden war - eine ungeheure Schande und eine Katastrophe für alle Beteiligten. Doch davon konnte an diesen bittersüßen Frühlingsta-gen keine Rede sein. Zwei Länder waren bereit, aufeinander zuzugehen, und sandten als Zeichen dafür zwei junge Menschen, die mit ihrem eigenen Bund den Friedensschluss verkörpern sollten.
Vor dem gemeinsamen Eheleben standen jedoch Tradition und Protokoll. Eine Infantin von Spanien durfte ihr Land nicht verlassen. Ein König von Frankreich das seine ebenso wenig. So musste zuallererst aus der Infantin eine Französin werden, und dies auf spanischem Boden. Eine Heirat durch Prokuration löste dieses rechtliche Problem. Sie sollte in Fuenterabbia stattfinden, wo Don Luis de Haro den Bräutigam vertreten würde.
Beide Hochzeitsgesellschaften waren inzwischen an der Grenze angelangt. Die Spanier nahmen Quartier in San Sebastian, die Franzosen in Saint-Jean-de-Luz. Ludwig, in Unkenntnis des spanischen Protokolls, versuchte, mit seiner Braut Kontakt aufzunehmen, indem er ihr einen Boten mit einem Brief schickte. Nach großem Hin und Her gelang es dem Boten, zu Maria Theresia vorgelassen zu werden. Man führte ihn in einen Saal voller Menschen. Längst schon hatte er gemerkt, wie unpassend sein Auftrag war.
Trotzdem gelang es ihm, bis zur Infantin vorzudringen. Ehrerbietig verbeugte er sich und wollte ihr das Schreiben überreichen. Sie aber blickte ihn nur entsetzt an. Es war ihm unbegreiflich, in welchem Maße sie sein Ansinnen erschreckte.
„Ich darf ohne Erlaubnis meines Vaters keine Briefe erhalten!“, erklärte sie mit zitternder Stimme. „Doch übermitteln Sie bitte der Königin meine Grüße!“ Der Bote ließ enttäuscht die Hand mit dem verschmähten Brief sinken. Noch einmal verbeugte er sich tief. Da flüsterte ihm Maria Theresia atemlos zu: „Was ich der Königin sage, kann auch für den König gelten.“
Der Bote atmete auf. Beschwingt begab er sich zurück nach Saint-Jean-de-Luz. Auch Ludwig freute sich über die Nachricht. Anna aber jubelte. „Sie liebt Sie, mein Sohn! Es besteht kein Zweifel: Sie liebt Sie!“
Am nächsten Tag, dem 3. Juni 1660, fand die Heirat durch Prokuration in einer einfachen Kirche in Fuenterabbia statt. Der große Velazquez hatte als Hofmaler des Königs das schmucklose Gebäude mit Wandteppichen, Blumen und zahllosen Kerzen veredelt. Die gesamte spanische Hofgesellschaft war anwesend sowie auch ein großer Teil der Franzosen. Ludwig und Anna als königliche Majestäten waren hinter der Grenze im eigenen Land geblieben.
Schon auf dem Vorplatz der Kirche schienen zwei Welten Unvereinbar aufeinanderzuprallen. Die Franzosen prunkten mit Ihren auffallendsten Gewändern, selbst die Herren in vielen bunten Farben. Überall sah man Borten, Federn und Bänder, und Edelsteine blitzten in der Sonne. Die Spanier hingegen schienen zeigen zu wollen, wie sehr sie das übermütige Gehabe und all die schreienden Farben verachteten. Stumm, bleich und bewegungslos wie Statuen warteten sie in der heißen Frühsommersonne auf den Einlass, schwarz gekleidet sie alle, Damen wie Herren, und als sich die Tore öffneten, schienen die Damen mit ihren weiten Röcken in die Kirche hineinzusegeln wie schweigsame Schiffe in einen schattigen Hafen.
Als König Philipp IV. mit seiner Tochter das Gotteshaus betrat, hielten alle den Atem an. Dies also, dachten die Franzosen, war der verfluchte Spanier, den sie jahrelang zur Hölle gewünscht hatten! Dieser hochgewachsene Mann, dünn und farblos wie eine Treibhauspflanze! Als Kriegshetzer und Blutsäufer hatte man ihn verunglimpft.
Erst in den letzten Wochen, auf der Reise nach Süden, hatte man erfahren, dass er Komödien schrieb und die umfangreichen Werke des italienischen Historikers Guichardin ins Spanische übersetzt hatte. Man hatte gehört, dass er eine ausführliche Korrespondenz mit der seherisch begabten Nonne Muria d'Agreda unterhielt und dass ihm nichts eine größere Freude bereitete, als seine Hauptstadt Madrid zu verschönern.
Philipp von Spanien, der einstige Feind. Wie blass er war, als er seine Tochter an der linken Hand zum Altar führte! Im Unterschied zu seinem Gefolge war er in Grau und Silber gekleidet. Auf seinem Hut funkelte ein riesiger Diamant, der „Spiegel von Portugal“. Darüber schimmerte die größte Perle der Welt, die „Pelegrina“. Ein wahrer König!, dachten die Franzosen anerkennend, und so empfanden es wohl auch die Spanier.
Auch die Braut strahlte hohe Würde aus. Sie sei schüchtern und ungeschickt, hatten die Franzosen während der Reise getuschelt. Ihrem Vater gegenüber benehme sie sich mit einer Unterwürfigkeit, die sich eine Französin nicht einmal vorstellen könne. Dass sie pummelig sei, könne jeder sehen. Doch man wisse auch, woher dieser Makel stamme: Wie verrückt sei Maria Theresia nach Naschwerk und Marmelade! Ihr ganzes Verhalten sei einer Prinzessin unwürdig. Ihre Schoßtiere behandle sie wie Kleinkinder, und zu ihrer Unterhaltung umgebe sie sich mit Zwerginnen und Hofnarren. Was aber das Schlimmste sei: Nicht einmal Tanzen habe sie gelernt!
Fast zwanghaft fiel bei solchen Gesprächen der Name Marie Mancini. Wie sollte der König nach dieser sprühenden, geistvollen jungen Frau mit einer Gemahlin leben, die keine eigenen Entschlüsse fasste und nicht einmal als Gesprächspartnerin infrage kam?
Dennoch: Heute, in der Kirche, an ihrem Hochzeitstag, entsprach Maria Theresia in keiner Weise den Klatschgeschichten, die man über sie verbreitete. An der schützenden Hand ihres Vaters bewegte sie sich anmutig und würdevoll. Es schien ihr nicht darauf anzukommen, zu gefallen. Sprachlos bemerkte die Grande Mademoiselle mit ihren zwanzig Reihen Perlen um den Hals, dass die Braut -Tochter eines großen Königs! - ein einfaches weißes Wollkleid trug. Nur ein paar Edelsteine zierten das enge Mieder, doch sonst sah man an der Infantin keinerlei Schmuck.
Die Katholische Majestät führte seine Tochter zum Altar, wo ein Samtkissen für sie bereitlag. Im Schein der Kerzen kniete Maria Theresia nieder, während ihr Vater zur Seite trat. Die Zeremonie begann. Als der Augenblick gekommen war, wo die Braut ihre Zustimmung zur Heirat kundtun sollte, erhob sich Maria Theresia und verbeugte sich tief vor ihrem Vater. „Si“, antwortete sie leise. Trotzdem hörten es alle, so still war es in der Kirche.´
Auch Don Luis de Haro, der den Bräutigam vertrat, sprach sein Ja. Damit war es vollbracht. Maria Theresia, Infantin von Spanien, war nun die Gemahlin des französischen Königs. Mit Tränen in den Augen wandte sie sich ihrem Vater zu, der sie zärtlich umarmte - für die Franzosen eine Selbstverständlichkeit, doch für die Spanier ein Wunder. Noch nie hatte jemand den König so ergriffen gesehen.
Der folgende Tag brachte für Königin Anna eine Begegnung, nach der sie sich gesehnt hatte, seit sie vor fünfundvierzig Jahren n ihre Heimat verlassen hatte. Damals hatte sie noch damit in rechnen müssen, ihren Bruder Philipp niemals wiederzusehen. Durch den langen Krieg war es dann sogar noch schlimmer gekommen. Als Königin von Frankreich durfte sie nicht einmal mehr in familiärer Weise über ihn sprechen. Philipp, mit dem sie als Kind gespielt und gelacht hatte, war am französischen Hof für jeden außer ihr ein Monstrum, fast so schlimm wie der Teufel selbst.
Nun aber würde diese schwere Zeit ein Ende haben. Schon Tage vor dem ersehnten Zusammentreffen hielt die Königin den Atem an, wenn sie an das bevorstehende Wiedersehen dachte. Sie freute sich über alle Maßen und konnte es kaum erwarten.
Zugleich aber hatte sie Angst davor. Als junges Mädchen hatte Philipp sie zuletzt gesehen. Nun aber war sie eine Frau von bald sechzig Jahren. Natürlich würde er sie erkennen, wenn sie ihm gegenübertrat. Doch würde er sie auch wiedererkennen? Würde er in dem Gesicht einer reifen Frau die kindlichen Züge wiedererkennen, die ihm einst vertraut gewesen waren? Oder würde er bei Ihrem Anblick erschrecken über die Spuren des langen Lebens, das zwischen der letzten Begegnung und dem Wiedersehen lag? Noch nie hatte Anna eine so lange Zeit vor dem Spiegel verbracht wie an jenem Morgen. Jeden Handgriff ihrer Zofe verfolgte sie und griff ein, wenn das immer noch goldblonde Haar im nicht genau so festgesteckt wurde, wie sie es wünschte. Dabei beugte sie sich immer wieder vor, um ihr Gesicht im Spiegel zu betrachten.
Vor Aufregung hatte sie in der vergangenen Nacht schlecht geschlafen. War ihr der Mangel an Ruhe anzusehen? Und ihre Wangen? Waren sie fest genug? Rosig genug? Bin ich schön?, dachte Anna voller Sorge. Bin ich immer noch schön?
Mit einem Boot gelangten Anna und ihr Hofstaat auf die Fasaneninsel in der Bidassoa. Vor einem Jahr hatte hier die Friedenskonferenz begonnen. Noch immer war die kleine Insel durch eine gewaltige Palisade in einen spanischen- und einen französischen Bereich geteilt. Während den Verhandlungen waren die beiden Delegationen häufig in Streit geraten. Die Spanier übten sich in Hochmut, die Franzosen in Ironie, beide so lange, bis Degen gezogen wurden und die mühsam aufrechterhaltene Friedensbereitschaft zu zerbrechen drohte. Es war das Verdienst von Mazarin und Don Luis de Haro, dass sich die Wogen immer wieder glätteten und als letzte Konse-quenz nun die königliche Hochzeit gefeiert werden konnte.
Die Begegnung der Geschwister fand in einem Konferenzsaal statt. Von beiden Seiten hatte man riesige Teppiche entrollt. Der schmale Zwischenraum in der Mitte war die Grenzlinie zwischen Frankreich und Spanien, für beide verbotenes Gebiet. Anna und Philipp hatten jeder im eigenen Königreich zu bleiben.
Das große Gefolge der katholischen Majestät stellte sich auf der einen Seite auf, die Franzosen auf der anderen. Der Einzige der fehlte, war Ludwig. Erst bei der zweiten Trauung, der „richtigen“, sollte ihm gestattet sein, seine Braut zu sehen und von ihr gesehen zu werden. Maria Theresia allerdings war anwesend, ging es bei dieser Begegnung doch auch darum, sie mit ihrer Schwiegermutter bekanntzumachen.
Ludwig war neugierig. Wenigstens einen Blick wollte er auf seine Gemahlin werfen. Sogar Anna staunte, wie sehr er sich auf das junge Mädchen freute. Trotzdem hatte es verzwickter diplomatischer Winkelzüge bedurft, bis Philipp endlich die Erlaubnis erteilte, sein Schwiegersohn dürfe vor dem Fenster des Konferenzsaals vorbeireiten und hereinschauen. Auch Maria Theresia wurde gestattet, dabei den Blick nicht zu senken, sondern ebenfalls zu ihm hinzusehen. Kopfschüttelnd dachten die Franzosen an die Freizügigkeiten von Ludwigs lebenslustigem Großvater Heinrich IV. Hätte er sich wohl mit so viel Strenge abgefunden?
Noch wusste niemand, dass auch Ludwig nicht bereit war, sich dem Diktat seines Schwiegervaters so vollständig zu unterwerfen. Als sich die Delegationen bereits im Konferenzsaal versammelt hatten, ließ er Mazarin ein Schreiben überreichen, indem er ihm mitteilte, er werde nicht nur vorbeireiten, sondern als „unbekannter Fremder“ bis zum Tor kommen, das man ihm auf sein Klopfen hin öffnen möge. Nachdem Mazarin den Brief gelesen hatte, lächelte er und nickte dem Boten zu.
Nun wurde es still im Saal. Durch die eine Tür trat die Katholische Majestät in den Konferenzsaal, durch die andere die Königinmutter von Frankreich. Jeder in seinem eigenen Land, gingen sie über die Teppiche aufeinander zu. Dabei ließen sie einander nicht aus den Augen. Schon nach wenigen Schritten schien die Zeit für sie still-zustehen. Anna war wieder die rosige kleine Infantin, die ihren Bruder anhimmelte, und Philipp der allzu ernste, gehemmte Prinz, der die Krone mehr fürchtete als begehrte.
Vor der Ritze zwischen den Teppichen blieben sie stehen. Beide hatten Tränen in den Augen. Da konnte Anna nicht anders: Über die Grenze hinweg beugte sie sich nach vorn, um ihren Bruder nach langer Zeit endlich wieder in die Arme zu schließen.
Doch Philipp zuckte zusammen und wich zurück. Gleichzeitig erinnerte sich Anna, wie anders als in Paris die Sitten in Madrid waren. Sie begriff sofort, dass sie in den Augen ihres Bruders eine unerhörte Vertraulichkeit begangen hatte, die ihn vor seiner Begleitung beschämte. So zog sie sich hastig wieder zurück und nahm ganz unwillkürlich die steife Haltung an, die man sie einst gelehrt hatte und für die man in Frankreich kein Verständnis aufbrachte. „Ich bin glücklich, Sie wiederzusehen, Majestät!“, versicherte sie mit beherrschter Stimme in spanischer Sprache.
Ihr Bruder stimmte ihr zu. „Viele schwere Jahre liegen hinter uns.“ Er murmelte das Wort „Krieg“ und wurde dann ganz unerwartet von einer heftigen Erregung mitgerissen. „Es war ein Werk des Teufels!“, rief er. „Wir haben es nie so gewollt.“
Anna nickte. „Ja, Majestät!“, stimmte sie zu. „Ein Werk des Teufels. Doch am Ende hat Gott gesiegt.“
In diesem Augenblick hörte man Hufgetrappel. Alle starrten zum Fenster und fingen an zu lachen, als sie Ludwig erkannten, der vorbeiritt. Maria Theresia errötete so sehr, dass alle meinten, gleich müsse sie umsinken.
Die Anspannung, die bisher den Raum beherrscht hatte, löste sich. Die Franzosen lachten und scherzten, und sogar die Spanier erwachten aus ihrer Erstarrung.
Plötzlich klopfte es an die Tür, laut und energisch. Wie abgeschnitten brach der Lärm ab. Ein Edelmann, der eingeweiht war, öffnete die Tür und meldete mit lauter Stimme einen „unbekannten Fremden“. Alle wussten genau, wer dieser Fremde war. Doch mit großem Vergnügen machte man das Spiel mit und fragte die anderen, wer das da draußen nur sein könne. Noch nie zuvor hatten sich Franzosen und Spanier so gut miteinander verstanden. Alle amüsierten sich und waren neugierig, wie es nun weitergehen würde.
Der Edelmann trat beiseite, damit der unbekannte Fremde gesehen werden konnte. Mit lautem Oh! und Ah! heuchelte man Verwunderung, als man entdeckte, dass es der französische König selbst war, der jedoch ohne einzutreten auf der Schwelle stehen blieb.
Maria Theresias Gesichtsfarbe wechselte erneut. Sie war nun auf einmal ganz blass und zitterte. Da ihr die Regeln des Zeremoniells zur zweiten Natur geworden waren, wusste sie, dass sie auf keinen Fall sprechen durfte. Doch sie hätte ohnedies nicht gewusst, was sie sagen sollte.
Ihr Vater musterte Ludwig mit strenger Miene. Dann schmunzelte er plötzlich. „Ein schöner Schwiegersohn!“, sagte er anerkennend zu Anna. Er nickte zufrieden. „Wir werden viele Enkelkinder haben.“
Anna lachte erleichtert und strahlte vor Stolz und Glück. „Das werden wir, Majestät. Ganz bestimmt.“ Sie wandte sich an Maria Theresia. „Mein liebes Kind“, sagte sie zärtlich, „was halten Sie von dem unbekannten Fremden?“
Wieder errötete Maria Theresia. Hilfesuchend blickte sie auf ihren Vater.
Er stand ihr bei. „Das ist nicht der richtige Augenblick für eine solche Frage!“, erklärte er streng. Die Franzosen murrten enttäuscht. Doch Philippe, der neue Herzog von Orleans, wollte nicht, dass sein Bruder ohne Antwort entlassen wurde. „Liebe Schwester“, sagte er mit seinem schelmischen Lächeln, „sagen Sie mir bitte: Wie gefällt Ihnen die Tür?“
Maria Theresia hielt den Atem an. Ohne Zweifel spürte sie, dass alle auf ihre Antwort warteten. Alle, auch ihr junger Gemahl, der ihr so schön erschien wie kein anderer Mann auf der Welt. So vergaß sie für einen Augenblick auf jedes Zeremoniell und sogar auf die Meinung ihres Vaters. „Die Tür ist sehr schön, mein Bruder!“, flüsterte sie und wagte sogar ein winziges Lächeln. „Sie gefällt mir sehr gut.“
Gegen Abend verließen die königlichen Gäste die Insel wieder. Im Boot der Katholischen Majestät nahm man eine wertvolle frühe mit, die Ludwig an seine Braut geschickt hatte. Sie war voll mit Juwelen und anderen kostbaren Überraschungen. Philippe von Orleans hatte sie überbracht. Nachdem er sie Maria Theresia zu Füßen gestellt hatte, wartete er darauf, dass seine Schwägerin sie öffnete. „Dürfen wir Ihre Freude miterleben, liebe Schwester?“, fragte er lächelnd.
Doch Maria Theresia hatte sich wieder auf das besonnen, was man sie gelehrt hatte. Sie schüttelte den Kopf und erklärte leise, das wäre nicht passend. Mit einer Handbewegung bedeutete sie ihren Hofdamen, sich um den Transport der Truhe zu kümmern. Enttäuscht kehrte Philippe auf die französische Seite zurück. Er konnte nicht ahnen, mit welcher übermütigen Freude seine Schwägerin am Abend ihre Präsente auspackte. Sie legte die Schmuckstücke an, drehte sich vor dem Spiegel und schwärmte ihren Damen vor, wie wunderbar ihr Gemahl sei und wie sehr er sie lieben müsse, um ihr solche Geschenke zu machen.
Die ganze Nacht konnte sie nicht schlafen. Bis weit nach Mittag blieb sie in ihrem Bett liegen, während ihr Vater und ihr Gemahl nun ganz offiziell auf der Fasaneninsel zusammentrafen, um vor dem Abschied noch einmal den gemeinsamen Frieden zu bekräftigen.
In der Mitte des Konferenzsaals hatte man einen niedrigen Tisch aufgestellt, die eine Hälfte in Spanien, die andere in Frankreich. Mit gemessenen, würdevollen Bewegungen knieten die beiden Könige davor nieder und legten ihre rechten Hände auf zwei völlig gleiche Kruzifixe. In abwechselnder Rede und jeder in seiner eigenen Sprache schworen sie einander Frieden, Bündnistreue und ewige Freundschaft. Ihre beiden Sprachen verwoben sich melodisch ineinander. Die eine schien die Schönheit und den Wohlklang der jeweils anderen noch zu erhöhen und zu verstärken.
Die Stimme eines alten Mannes und eines ganz jungen. Ein Spanier und ein Franzose - vor kurzem noch Feinde, doch nun zur Versöhnung bereit.
Am nächsten Morgen trennte man sich für immer. Anna weinte die bittersten Tränen ihres Lebens. „In unserem Alter dürfen wir nicht mehr darauf hoffen, dass uns das Schicksal ein zweites Wiedersehen schenken wird!“, flüsterte sie. Diesmal wagte sie nicht, sich ihrem Bruder zu nähern. Nun aber tat er es. Er umarmte sie und nannte sie seine „geliebte Schwester“. Damit raubte er ihr vollends die Fassung.
Auch Maria Theresia war einer Ohnmacht nahe. Drei Mal warf sie sich weinend vor ihrem Vater auf die Knie. Drei Mal hob er sie wieder zu sich hoch und umarmte sie. Dann drehte sie sich um und ging fort - einen Augenblick lang ganz allein und einsam. Königin Anna sah es und eilte ihr nach. Tröstend legte sie den Arm um die Schultern ihrer Schwiegertochter und führte sie zum Boot. Niemand konnte besser wissen als sie, was Maria Theresia in dieser Stunde verlor.
Die Katholische Majestät schaute seiner Schwester und seiner Tochter nach und blickte dann auf sein schwarz gewandetes Gefolge, das untadelige Haltung von ihm erwartete. So wandte auch er sich um und kehrte zu seinem Boot zurück. Während es auf das spanische Ufer zufuhr, blickte er hinüber auf die andere Seite der Bidassoa, wo sich das Boot mit seiner Tochter dem französischen Ufer näherte. Er konnte die Endgültigkeit dieses Anblicks kaum ertragen, doch er hatte nicht die Kraft wegzusehen. Da drüben saß seine Tochter, und wie er sie kannte, weinte sie wohl.
Doch das war nun nicht mehr seine Angelegenheit. Von jetzt an konnte er sie nicht mehr trösten oder beschützen. Philipp wusste, dass Maria Theresia noch in dieser Stunde unter Aufsicht ihrer Schwiegermutter und der hohen Damen des französischen Hofes alle ihre Kleider ablegen musste. Nicht das kleinste Stück Stoff aus ihrer Heimat durfte sie mitnehmen, keine Wäsche, keinen Schal, kein Taschentuch. Die Infantin von Spanien gab es nicht mehr. Es gab nur noch die Königin von Frankreich, die man aus Tradition wahrscheinlich genauso einkleiden würde wie einst seine Schwester, als sie ihrem Gemahl nach Frankreich folgte: in eine prachtvolle, leuchtend rote Atlasrobe, die mit Gold und Silber bestickt und mit Juwelen in schweren Goldfassungen behängt war.
Als man Philipp diese Kleidung damals beschrieben hatte, hatte er sich geschämt. „Das ist das Gewand einer Dirne!“, hatte er gerufen und mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Auch diesmal wollte er am liebsten nicht daran denken, dass sein bescheidenes, gehorsames Kind, dem bisher seine gottgeschenkte goldene Haarpracht als Schmuck genügt hatte, so liederlich herausgeputzt wurde. Der heimliche Zorn auf die Franzosen, den er fast schon überwunden geglaubt hatte, überkam ihn wieder.
Zugleich erinnerte er sich an den Freundschaftsschwur, den er gemeinsam mit seinem Schwiegersohn vor dem Kruzifix geleistet hatte. Ein Versprechen im Namen Gottes - es durfte nicht gebrochen werden, auch nicht in Gedanken. „Verzeih mir, Herr!“, mur-melte Philipp und bekreuzigte sich. Dann befahl er mit lauter Stimme, man solle noch vor dem Abendessen seinen Beichtvater zu ihm schicken.
In Frankreich nannte das Volk Maria Theresia die „Braut mit dem Frieden als Mitgift“. Allein schon dafür liebte man sie. In der langen Geschichte Frankreichs war nur selten eine Hochzeit so allgemein bejubelt worden. Man glaubte fest daran: Mit dem Eheversprechen zwischen Ludwig und Maria Theresia würde eine Friedenszeit be-ginnen, ein Goldenes Zeitalter, in dem Milch und Honig flössen.
Auch die Hochzeitsgesellschaft war sich der eigenen Bedeutung bewusst. Hatte man die Fahrt nach Süden noch als eine Art Vergnügungsreise begonnen, so änderte man nach und nach diese Einstellung und sah sich selbst als Teil eines geschichtlichen Ereignisses. Man fühlte sich wie unter einer Glasglocke: von allen gesehen, doch zugleich auch von allem getrennt. Ein kleiner Kosmos mit eigenen Gesetzmäßigkeiten, die sich immer mehr einspielten, sodass man sich nach ein paar Wochen schon nicht mehr vorstellen konnte, wieder sesshaft zu sein.
Schon immer waren die französischen Könige durch ihr Land gezogen, doch nie war man so lange von Paris fortgeblieben. Das war schon keine Reise mehr, die als Ausnahmefall zwischen Phasen der Ruhe stattfand. Nein, die Hochzeitsfahrt Ludwigs XIV. war ein Zustand an sich. Freundschaften und Liebesbeziehungen entstanden, Feindschaften brachen aus. Kinder wurden unterwegs geboren, und Menschen erkrankten und mussten an fremden Orten zurückgelassen werden, wo sie vielleicht sogar sterben würden.
Zu allem Erfreulichen war soeben auch noch die Nachricht eingetroffen, dass Karl II. am 31. Mai, seinem dreißigsten Geburtstag, auf den englischen Thron zurückgekehrt war. Damit war die Zeit der bürgerlichen Emporkömmlinge unter Cromwell, die seinen Vater ermordet hatten, endgültig vorbei. Das Blatt hatte sich gewendet. Das Jahr 1660 war das beste Jahr für Könige seit langer Zeit, und wenn Gott es wollte, konnte alles so wunderbar weitergehen, wie es angefangen hatte.
Das Erscheinen der jungen Königin
Maria Theresia erscheint in ihrem ersten französischen Kleid. Frankreich umweht sie mit seiner Luft, sie ist umhüllt von rosenroter, mit Gold und Silber bestickter Seide und umflutet vom Feuer ihrer Juwelen.
In Saint-Jean-de-Luz nimmt Maria Theresia ihre erste französische Mahlzeit ein in dem Haus, in dem Anna von Österreich residiert.
Am 8. Juni: Anproben. Es ist der Tag der Schneiderinnen und Friseure. Line der beiden Hauptfiguren des großen Schauspiels wird für die Bühne zurechtgemacht. Am 9. Juni: die Eheschließung in Saint-Jean-de-Luz. Vor den Häusern, in denen die Mitglieder der königlichen Familie wohnen, ist der Erdboden mit kostbaren Teppichen bedeckt. Auf beiden Seiten des Weges erheben sich weiß-goldene Säulen, die durch Girlanden verbunden sind. Die Regimenter der Schweizer und französischen Garden stehen Spaliere. Ohrenbetäubendes Geläut der Glocken. Und natürlich eine ungeheure Menschenmenge, die vor Begeisterung jubelt, als sähe sie Gott und seine Engel.
Der Hochzeitszug bewegt sich zu Fuß voran. An der Spitze der Prinz von Conti. Dann Kardinal Mazarin, stärker noch als sonst geschminkt, parfümiert und gelockt; er verbirgt seine Schmerzen unter seinem Hermelinkragen und seinem wallenden Purpurgewand.
Ganz allein, der König. Wie ist er gekleidet? Die Grande Mademoiselle hat plötzlich ihr Gedächtnis verloren. Sie sagt in ihren Memoiren nichts darüber. In Fontarabia hat sie genau gesehen, wie Philipp IV. angezogen war.
Wahrscheinlich erinnert sie sich nicht mehr, weil sie Ludwig XIV. hatte heiraten wollen und weil diese Hochzeit den Zusammenbruch ihrer Träume bedeutet. „Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie er gekleidet war. Ich glaube, dass er sehr mit Gold bestickt war, und Monsieur ebenfalls. Dass ihre Hutbänder mit Diamanten besetzt waren. Ich glaube, dass Monsieur die Königin führte.“ Augenzeugen, die ein besseres Erinnerungsvermögen haben, bezeugen, dass der König ein Habit aus Goldstoff mit schwarzen Verzierungen trug.
Maria Theresia hat zu ihrer Rechten den Herzog von Orleans, den Bruder des Königs, zu ihrer Linken ihren Ehren-Chevalier, Herrn von Bernaville. Über ihrer Silberbrokatrobe trägt sie einen lilafarbenen Samtumhang, der mit goldenen Lilien bestickt und zehn Ellen (zwölf Meter) lang ist. Diese samtene Flut wird seitlich von den Damen von Valois und Alencon gehalten, und das Ende der Schleppe von der Prinzessin von Carignan. Zwei Damen halten die Krone über dem Haupt der neuen Königin.
Schwarze, mit Silber durchwirkte Schleier mildern die Spuren, die die Zeit bei der Königinmutter hinterlassen hat; sie bewahrt die Schönheit einer prächtigen Rose, die langsam verwelkt.
Am Ende des Zuges geht die Grande Mademoiselle, in Schwarz, um den Hals eine aus zwanzig Reihen bestehender Perlenkette. Sie trägt Trauer um ihren Vater und um ihre dahingeschwundenen Illusionen. Als der Festzug die Kirche erreichte, hatte die Hochzeitsgesellschaft drinnen bereits ihre Plätze eingenommen. Als wären sie nicht Gäste, sondern nur Zuschauer, versuchten alle, die Neuvermählten zu sehen, als sie sich unter ihren Thronhimmel begaben, der mit den Lilien der Bourbonen bestickt und mit Helmbüschen geschmückt war. Für Königin Anna war ein separater Platz auf ei-ner mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Estrade vorbereitet, überwölbt von einem Baldachin aus dem gleichen Stoff.
Der Bischof von Bayonne vollzog die Trauung. Maria Theresia, die sonst so leicht in Tränen ausbrach, blieb gefasst. Sie hatte erreicht, was sie immer ersehnt hatte. Doch es war nicht die Krone von Frankreich, um die es ihr ging. Viel lieber wäre sie Königin von Spanien gewesen. Nein, es war dieser junge Mann an ihrer Seite, der Einzige auf der Welt, der ihr ebenbürtig war.
Wie allen Infantinnen war auch Maria Theresia von ihrem Beichtvater erzählt worden, dass Könige nur Königinnen lieben könnten, und Umgekehrt sei es genauso. Maria Theresia hatte es geglaubt, wie die spanischen Prinzessinnen vor ihr. Kein einziges Mal hatte sie einem anderen Mann absichtlich in die Augen geblickt. Immer hatte es nur Ludwig für sie gegeben, obwohl sie ihn noch nicht mal gekannt hatte. Als ihr ihre Zwergin zuflüsterte, Ludwig poussiere mit einer Italienerin, hatte Maria Theresia nur gleichgültig die Achseln gezuckt.
Nach der Trauung erhoben sie sich von ihren Samtkissen. Die Damen ordneten Maria Theresias Mantel und Schleppe. Dabei blickte die junge Königin verstohlen zur Seite. Sie hatte Glück. Ihre und Ludwigs Augen begegneten einander. Maria Theresias erster Impuls war, sich schnell wieder wegzudrehen. Dann aber fasste sie sich ein Herz und schaute ihrem Gemahl geradewegs in die Augen. Auch er blickte sie an. Dann lächelte er plötzlich und neigte kaum merklich den Kopf. Maria Theresia wurde blutrot. Sie wagte nicht, Ludwigs Lächeln zu erwidern, doch während sie sich wieder abwandte, dachte sie in Dankbarkeit an ihren Beichtvater, als hätte er das wunderbare Gesetz königlicher Liebe erwirkt.
Wolken von Weihrauch erfüllten das Gotteshaus, und die Glocken läuteten noch kräftiger als zuvor, als der Bischof mit seiner Begleitung den Neuvermählten voranschritt. Die königliche Familie und die Hochzeitsgäste schlössen sich an. Unter dem Jubel der Zuschauer traten sie durch das Hauptportal hinaus auf den sonnigen Vorplatz.
Als sich die Kirche geleert hatte, löschten Ministranten die Kerzen, und ein Priester verschloss unter dem Beifall der Bevölkerung das Hauptportal. Bis in alle Ewigkeit, so hatte Königin Anna verfügt, sollte dieses Tor nicht mehr geöffnet werden, um die nachfolgenden Generationen daran zu erinnern, welch erhabenes und glückliches Ereignis hier stattgefunden hatte.
Nach der Zeremonie Festmahl des Königs, der beiden Königinnen und Monsieurs. Vom Balkon herunter bedanken sich die Neuvermählten für die Zurufe des Volkes und werfen Geldstücke in die Menge.
Es war noch Nachmittag und ganz hell, als Ludwig plötzlich erklärte, es sei nun an der Zeit, schlafen zu gehen. Niemand antwortete, nur Maria Theresia rief entsetzt: „Aber es ist doch noch viel zu früh!“
Dann schlug sie, erschrocken über ihre eigene Auflehnung, die Hände vor den Mund, erhob sich schnell und lief in ihr Schlafgemach. Dort befahl sie ihren Kammerfrauen, die Vorhänge ganz dicht zuzuziehen und ihr danach gleich beim Auskleiden zu helfen. Auch sie schien es auf einmal eilig zu haben. „Rasch!“, trieb sie ihre Hofdamen an. „Beeilt euch! Der König erwartet mich!“
Sie war aufgeregt wie ein Kind, als Ludwig ins Zimmer trat. Auch Anna, Mazarin und die Mitglieder der königlichen Familie erschienen nun sowie mehrere ausgewählte Vertreter der Hofgesellschaft. Sie alle stellten sich an der Wand gegenüber dem königlichen Alkoven auf und sahen zu, wie Ludwig und Maria Theresia in ihr Bett stiegen.
Seit Jahrhunderten war es üblich, dass die Zeugen der königlichen Hochzeitsnacht bis nach dem Vollzug der Ehe anwesend blieben. Doch Anna sorgte dafür, dass es diesmal anders war. Zu quälend war die Erinnerung an den Beginn ihrer eigenen Ehe, als sie die neugierigen Augen der Höflinge hinter dem angestrengten Gesicht ihres Ehemannes gesehen und nicht gewusst hatte, wer ihr Schlimmeres antat: ihr Gemahl, der ihren Körper verletzte, obwohl er es eigentlich nicht wollte, oder diese Fremden, denen sie jeden Tag begegnen würde und die sie mit ihren Blicken demütigten.
Ihrem Sohn und seiner Gemahlin wollte Anna diese Erfahrungen ersparen. So wartete sie, bis sie sich unter die Decke gelegt hatten. Dann küsste sie die beiden auf die Stirn, segnete sie und Ihren Bund und zog dann eigenhändig die Vorhänge zu. Danach wandte sie sich an die enttäuschten Zeugen. „Unsere Aufgabe ist erfüllt!“, entschied sie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Wir wollen uns nun zurückziehen.“
Erst am nächsten Morgen kehrten die Zeugen zurück. Man öffnete die Vorhänge wieder und blickte auf das junge Paar, das an die vielen Kissen gelehnt in seinem Bett saß. Ludwig verzog keine Miene, doch Maria Theresia erstaunte alle, weil sie, viel weniger schüchtern als erwartet, ihre kleinen, weißen Hände aneinander rieb und dann liebevoll lächelnd auf ihren Gemahl blickte. Alle wunderten sich noch über die Veränderung, die mit der scheuen Infantin vorgegangen war, da fing sie plötzlich, wie nach einer gelungenen Theateraufführung, an zu klatschen. Die Zeugen tauschten betretene Blicke und entschlossen sich dann einer nach dem anderen, ebenfalls Bei-fall zu spenden.
Nur Anna beteiligte sich nicht. Stattdessen nahm sie sich vor, mit ihrer Schwiegertochter behutsam über das Verhalten einer Königin zu sprechen.
Maria Theresia legte ihre Händchen auf die Bettdecke. „Ich möchte gerne die Heilige Kommunion empfangen, liebe Mutter“, erklärte sie, zu Anna gewandt. „Man muss dafür beten, dass der Himmel nach der gegebenen Frist Frankreich ein Kind schenkt.“
Einige Schriftsteller und Historiker halten Maria Theresia für eine Haremssultanin, weil sie gern Stofftiere um sich hat und Zwerge, und weil sie morgens beim Lever in die Hände klatscht, um den Hof darüber zu unterrichten, dass der König sie in der Nacht mit seinem Besuch beehrt hat. Aber Maria Theresia ist auch eine ihren Mann abgöttisch liebende Frau, eine Kindfrau, die in ihrer Naivität und ihrer Unkenntnis des Französischen inmitten dieses grausamen Hofs wie eingemauert lebt. Einige bedauern die in ihre Kindlichkeit und Liebe verstrickte Gefangene. Nach der Hochzeitsnacht nimmt der König die erste Mahlzeit ohne sie ein. Man kann sich vorstellen, mit welchen Glossen die Höflinge das Ereignis kommentieren. Um allen Spöttereien ein Ende zu machen, beschließt Seine Majestät, während der Rückreise mit seiner jungen Frau zusammenzuwohnen.
Dennoch entzieht sich Ludwig XIV. diesem Paradezug unter Triumphbogen, mit denen Frankreich ihn als Symbol des Friedens feiert. Am 27. in Bllintes verkündet er gebieterisch, die Königinnen und der Hof sollten den Weg bis Saint-Jean-d'Angely fortsetzen, während er sich zur Inspektion mich La Rochelle begeben würde. Anna von Österreich und Mazarin sind entsetzt, sie ahnen, dass er an Marie Mancini denkt und dass die Wunde noch nicht geheilt ist. Der Kardinal versucht sich einzuschalten; er führt den Titel eines Statthalters der Saintonge. Ihm käme die Ehre zu, Seine Majestät durch seine Provinz zu geleiten. Doch der König lehnt dieses zu fadenscheinige Angebot ab. Er nimmt nur Philippe Mancini und zwei andere Edelleute mit.
In La Rochelle besichtigt der König einige Schiffe. Am 28. Juni verbringt er die Nacht in Brouage, in dem Bett, in dem Marie so viel und so oft an ihn gedacht hat. Ludwig liegt lange schlaflos, er ist nicht mehr der König, sondern ein von Tränen überwältigter junger Mann, der seiner Verzweiflung nachgibt.
Ein endloser Tränenstrom, der tief aus der Jugend kommt und seine Pflichten überflutet, die letzten Tränen reiner Liebe eines Mannes, der nur sich selbst gehört und die gleichen Freuden und Schmerzen wie der bescheidenste der Menschen empfindet. Hier am Meeresufer erlebt er seinen Ölberg, die verzweiflungsvolle Nachtwache, während der die letzten Schwächen von ihm abfallen. Am folgenden Tag, als er in Saint-Jean-d'Angely wieder mit dem Hof zusammentrifft, ist er der König, hart geworden, gepanzert, bereit, sein Kreuz zu tragen.
Am 25. August 1660 ziehen der König und die Königin feierlich in Paris ein. Gott steigt auf die Erde herab, um den Menschen die Ordnung und den Frieden zu bringen. Es ist der Triumphzug des Sonnenkönigs, der die in vierundzwanzig Unglücksjahren zusammengeballten Wolken teilt und die Menschheit mit Licht überflutet. Dem Volk von Paris, bis zum letzten Lastenträger, scheinen alle diese Bilder aus dem Musenhimmel zu kommen und durch die Straßen zu ziehen. Die abstrakten Bilder verschwinden, der König erscheint „so wie die Dichter uns jene Menschen schildern, die sie vergöttlicht haben“.
An der Porte Saint Antoine, wo Conde und Turenne ihr brudermörderisches Duell ausgefochten haben, erhebt sich, um dieses erinnerungsschwere Ereignis zu überdecken, ein monumentaler Triumphbogen. Der König und die Königin sitzen auf zwei Thronsesseln und nehmen aus den Händen des Vorstehers der Kaufleute die Schlüssel der Stadt in Empfang. Dann besteigt Seine Majestät einen spanischen Falben, der unter einem Brokatbaldachin tänzelt. Die Königin steigt in ihre offene, ebenfalls von einem Baldachin überdeckte, dem Prachtwagen der Göttinnen gleichende Karosse. Unter unbeschreiblichen Begeisterungsausbrüchen setzt sich der Zug nach Paris hinein in Bewegung. Als sollte das während der Fronde vergossene Blut unsichtbar gemacht werden, haben die Pariser die Pflastersteine, die einst zur Errichtung der Barrikaden dienten, mit einem so dicken Teppich von Blüten und Blättern bedeckt, dass von den Rädern der Kutschen Wohlgerüche aufgewirbelt werden.
Der Zug braucht am Nachmittag vier Stunden, um von der Place du Trone, über die Ile de la Cite zum Louvre zu gelangen.
Der Hofstaat Mazarins, der Hofstaat des Königs und der beiden Königinnen, die Kanzlei, die Chevaulegers, die Beamten der Krone, der König selber, von Gold und Edelsteinen funkelnd, sein Bruder, Monsieur, die Prinzen von Geblüt, die lächelnde Königin, deren Karosse von einem Schwärm weißgekleideter Pagen umgeben ist, diese ganze Märchenpracht zieht durch Paris, das sich in einen Garten betäubender Düfte verwandelt hat. Der prächtigste Triumphbogen steht auf der Place Dauphine, Le Brun, der spätere Hofmaler und Hofdekorateur, hat ihn errichtet, anscheinend mehr zum Ruhm Mazarins als zum Ruhm des Königs. Die Allegorien stellen den Eifer dar, mit dem der Kardinal die Staatsgeschäfte und Friedensverhandlungen geführt hat. Verherrlichung des Königs, Triumph des Ministers. Neben dem König und der Königin ist der dritte Anziehungspunkt dieser Kavalkade „der Aufzug Seiner Eminenz“.
Mazarin entfaltet bei dieser Inszenierung die Kunst der klugen Steigerung. Zuerst zweiundsiebzig Maultiere, von fünfundzwanzig grünlivrierten Männer geführt. Vierundzwanzig dieser Maultiere tragen einfache rote Decken sowie „Federn und gewöhnlichen Kopfschmuck“. Die nächsten vierundzwanzig tragen Schabracken „aus feinstem Seidengewebe mit eingewirkten goldenen Figuren“, Glöckchen, Kopfgeschirre und Zaumzeug aus massivem Silber. Die letzten vierundzwanzig sind geschmückt mit „großen karminroten Samtdecken, auf denen Wappen und Wappensprüche eingestickt sind, daneben Füllhörner, aus denen Früchte und Blumen quellen“, Auf dem Kopf tragen sie „prächtige weiße und rote Straußenfedern“, aus denen wiederum Reiherfedern sprießen. „Dann kamen“, erzählt der venezianische Gesandte, „der Stallmeister Seiner Eminenz mit vierundzwanzig reichgekleideten und wohlberittenen Pagen, dann zwölf prächtige, mit karminrotem, gold- und silberbe-sticktem Samt bedeckte Pferde, die von zwölf Männern an der Hand geführt wurden; danach andere Pferde und Reiter in der Livree des Kardinals.“ Dann eine weitere Steigerung in der Reihe der Herrlichkeiten: elf sechsspännige Karossen, „die Pferde jeweils in gleicher Größe und Farbe ausgesucht, und nach ihrem Geburtsort“, welch Raffinement!
Zum Schluss, wie bei den Raketen eines Feuerwerks, das große Bukett, das sich in Sterne auflöst, aus denen wiederum Sterne fallen und dann, nach einer winzigen Pause, die schönste Himmelsperle.
Fünfzig Reiter, alle von hohem Rang, in reicher Kleidung auf unglaublich wertvollen Pferden“. Nun aber, als letzter und endgültiger Höhepunkt, auf den alle Welt während des ganzen Aufzugs wartet: die Karosse Seiner Eminenz. Von acht und nicht von sechs „herrlichen Pferden“ gezogen. Doch ist diese Prachtkarosse - eine phantastische Koketterie dieses „unnachahmlichen Lebens“ - nicht etwa die größte, sondern die kleinste. Wie ein Schrein, der den Diamanten der Diamanten enthält, der für sich allein unermesslich viel teurer ist als alle anderen Glanzstücke.
Und nun der Theatercoup. Der Zauberer führt sein letztes Kunststück vor: diese Karosse ist leer. Der Illusionist entzieht sich den Schmerzen, dem Tod. Er lässt sich selbst verschwinden. Wo ist er? Sucht ihn! Ein wahres Bilderrätsel Der Künstler hat sich das unendlich lange Rollen im Wagen über das holprige Pflaster ersparen wol-len, er hat die Fähigkeit zu fliegen. Den Qualen des Körpers, den Verheerungen, die die Zeit ihm zugefügt hat, entrinnend, schwebt er oben in den Lüften, wie in der Oper der „deus tx machina“ in seiner Luftgondel. Er ist auf einem der Balkone des Hauses der Frau von Beauvais in der Rue Samt-Antoine gelandet, von wo aus er dem Schauspiel zusieht. Lächelt er selber, oder ist es seine geschminkte Mumie? Man vermag es nicht mehr zu unterscheiden. Auf welchem der drei Balkone sitzt er? Er hat den Historikern eine solche Wolke von Puder ins Gesicht gestreut, dass sie nicht mehr klar sehen können. Einige behaupten, ihn auf dem Balkon der Königinmutter zu erblicken: die beiden Liebenden, auf dem Höhepunkt ihres gemeinsamen Werks vereint, nehmen unter Tränen die jubelnden Zurufe der Bevölkerung entgegen. Andere sagen, auf dem mittleren Balkon, dem größten und am weitesten vorspringenden, habe unter einem Baldachin die Königinmutter gesessen, zu ihrer Rechten die Königin von England und deren Tochter, die spätere Herzogin von Orleans.
Auf dem zweiten Balkon befinden sich die Hofdamen der Königinnen. Unter ihnen Marie Mancini, von innerer Erregung geschüttelt, und Madame Scarron, die dann Madame de Maintenon wird: das Gestern und das Morden, die Schauspielerinnen des Stückes, denen das Schicksal den Augenblick ihres Auftritts und Abgangs von der Bühne bezeichnet.
Auf dem dritten Balkon „der Herr Kardinal von Mazarin, der fast die ganze Zeit Herrn von Turenne im schwarzen Habit bei sich hatte . . .“
Als der König unter dem Balkon ankommt, lässt er sein Pferd schwenken. Mit der ihm eigenen, unnachahmlichen Würde zieht er den mit weißen Federn geschmückten Hut und grüßt lange und ehrerbietig seine Mutter und den Kardinal. Seine Mutter, die er verehrt und in der vielleicht schon die Krebsgeschwulst schwärt, an der sie fünf Jahre später stirbt. Den Kardinal, der ihn geformt und der ihm seinen Thron bewahrt, der ihm die Wege zu einer großen Regierungszeit geebnet hat und der unter seinem Purpurgewand bereits ein Leichnam ist.
Madame Scarron, die spätere heimliche Gemahlin des Königs, sie selber also spätere Königin von Frankreich, ist fasziniert von dieser göttlichen Grußbezeigung. Am Tag darauf schreibt sie an eine Freundin, in ihren Worten offenbart sich ihre Höflings Seele. „Ich glaube nicht, dass man etwas Schöneres erleben kann. Die Königin hat sich gestern Abend, sicherlich völlig überwältigt von dem Ehemann, den sie sich erwählt hat, schlafen gelegt.“ „Völlig überwältigt“, wie ganz Frankreich, das verliebt in seinen König ist. Aber was soll das heißen: „der Ehemann, den sie sich erwählt hat“?
In der Menschenmenge stehen auch zwei Dichter, die das Ereignis besingen: Racine, zwanzig Jahre, La Fontaine, neununddreißig Jahre alt. Racine verfasst eine höfische Ode, „Die Nymphe der Seine“, und lässt sie durch seinen Vetter Charles Perrault vorlegen. Der Verfasser der „Märchen“ wirft Racine vor, er habe die neue Königin mit Venus, der Prostituierten, verglichen. Und persönlich trägt Racine seine Ode zu Chapelain, dem allmächtigen Papst der Literatur, der wiederum den Ausdruck „die Tritonen der Seine“ bemängelt. Denn die „Tritonen“ leben nur in Salzwasser, und deswegen muss Racine die ganze Strophe umdichten. Am liebsten hätte er sie wohl alle ertränkt!
La Fontaine hingegen, der ewige Anfänger, denkt nicht daran, irgendjemand den Hof zu machen. Dem prächtigen Maultier-Aufzug Seiner Eminenz gegenüber lässt er eher Bosheit und Spott in seinem Gedicht anklingen. Er bezeigt gallische Impertinenz, er macht deutlich, dass in jedem Franzosen, auch wenn er ein Dichter ist, ein misstrauischer Steuerzahler steckt. Was hat das alles gekostet?
Es war nicht der Prunk allein, der Ludwigs Zuschauer mitriss. Prächtige Auftritte des Königs war man in Paris gewöhnt. Es war vielmehr die Lebenslust, die der königliche Hof auf einmal ausstrahlte. Das übermütige Selbstbewusstsein nach den Jahren des Streits und des Krieges. Seht her!, schien der König zu rufen, als er in seinem silbernen Gewand neben der Karosse seiner Gemahlin durch die Straßen ritt. Seht her, ich bringe euch den Frieden! Ich bringe euch die Jugend! Ich bringe euch die Zukunft!
Ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren statt der bisher nur alte Männer, die ihre griesgrämige Macht ausgeübt hatten. Zweiundzwanzig Jahre auch seine Gemahlin, die als süßestes aller Geschenke den Frieden mitbrachte: Maria Theresia, deren Haar wie Gold in der Sonne leuchtete. Viel mehr als das konnte man von ihr nicht sehen. Nur dieses wunderbare Haar und eine kleine weiße Hand, die - von einem großen Diamantring beschwert - aus dem Fenster winkte. Doch das genügte schon, um die Zuschauer zu begeistern. Sie sei bereits guter Hoffnung, erzählte man sich. Aber das konnte auch ein bloßes Gerücht sein - wie ganz Paris in diesen Tagen voll war von Gerüchten, eines erfreulicher als das andere. Ein zerrissenes, verunsichertes Volk fand sich selbst wieder, war aufgeregt und begeistert und glaubte endlich wieder daran, dass von nun an alles besser werden würde; dass das glorreiche Frankreich zum Wohlstand zurückkehrte, zur Einigkeit und vielleicht sogar zur Vorherrschaft über die anderen Völker des Kontinents.
Die junge Königin habe Ludwig das Versprechen abgenommen, jede Nacht bei ihr zu beenden, erzählte einer und schwor, seine Quellen seien sicher. Wie spät es auch immer sei, dass er zu Bett gehe: Es müsse immer das ihre sein. Alle lachten. „Spanische Weisheit!“, erklärte man. Ein anderer berichtete, wenn der König Maria Theresia seine Gunst erwiesen habe, bekreuzige sie sich und riefe nach dem Segen der Heiligen Jungfrau. Bei Hofe nenne man diesen Vorgang inzwischen schon „zu Maria kommen“, weil sogar Ludwig selbst einmal gesagt habe, auch er ziehe es vor, im Zimmer seiner Gemahlin zu schlafen. Da könne man bequemer „zu Maria kom-men“. Lange Diskussionen über die Liebesgewohnheiten der Spanier folgten, die den Franzosen nach der langen Feindschaft fast genauso exotisch vorkamen wie die Völker des tiefsten Afrika.
„Niemand vermisst mich!“, beklagte sich Anna leise, während auf der Straße die Menschen sangen und tanzten. „Ich will die Aufmerksamkeit nicht von Ihnen ablenken“, hatte sie zu Ludwig und Maria Theresia gesagt. „Deshalb werde ich einen Tag vor Ihnen inkognito nach Paris fahren und als einfache Zuschauerin an Ihrem Triumph teilnehmen.“
Dass es ein solcher Triumph werden würde, hatte Anna allerdings nicht erwartet. Auch nicht, dass es keine einzige Stimme gab, die nach ihr rief. Bisher war sie die Königin gewesen, die Erste Dame, wo auch immer sie auftrat. Dass auf einmal niemand mehr nach ihr zu fragen schien, versetzte ihr einen Schlag, der ihr wehtat. Sie sah den Diamanten, der an Maria Theresias kleiner Hand in der Sonne blitzte, und plötzlich wurde ihr bewusst, dass von nun an diese junge Frau die Stelle einnehmen würde, die bisher ihr, Anna, zugekommen war.
Von Anfang an war Anna entschlossen gewesen, ihre Schwiegertochter und Nichte zu lieben wie ein eigenes Kind. Inzwischen fühlte sie sich allerdings ernüchtert. Maria Theresia hatte ihre Erwartungen enttäuscht. Dass sie die französische Sprache nicht beherrschte, konnte ihr nicht angelastet werden. Ebenso wenig, dass ihr Verstand unter dem Durchschnitt geblieben war. Maria Theresia war verspielt wie ein Kind. Nie war sie glücklicher, als würde sie mit ihren Schoßtieren und Zwerginnen spielen konnte, und immer stand ein Tellerchen mit Naschwerk dabei. Auch ihr Umgang mit Ludwig hatte etwas Treuherziges und Kindliches. Wenn Maria Theresia Liebe machte, tat sie es auf die gleiche naiv-sinnliche Weise, mit der sie ihre Pralinen genoss oder den Finger in die Marmelade tauchte.
Anna, die die beiden aufmerksam beobachtete, hatte den Eindruck, dass Ludwig dennoch mit seiner Ehe zufrieden war. Doch Wie lange noch? Wie sollte sich ein Mann, der der Liebhaber von Oympia Mancini gewesen war und Marie Mancini geliebt hatte, auf Dauer mit einer Frau begnügen, die immer noch jeden Morgen klatschte, um den Hofstaat über seine nächtliche Leistungen zu informieren, und die immer noch davon überzeugt war, dass ein König nur eine Königin lieben könne?
Sie blickte hinunter auf die Straße, wo nun hinter dem Wagen der Königin die Equipagen des Kardinals auftauchten. Auch ihnen winkte das Volk gutmütig zu. Längst hatte man aufgehört, Mazarin zu hassen. Dieser Tag war auch sein Triumph.
Alle wussten, dass es Mazarin gewesen war, der den Frieden herbeigeführt und listig erschachert hatte. „Vive le cardinal!“, riefen einzelne, raue Stimme. Trotzdem konnte man hinter den Scheiben der ersten Equipage, in der man den Kardinal vermutete, nichts erkennen. Keinen Umriss eines Menschen, keine winkende Hand. Niemand ahnte, dass die Equipagen des Kardinals leer waren.
Schon seit einem Jahr hatte sich Mazarin krank gefühlt. Nur die riesige Herausforderung des Friedens mit Spanien hatte ihn noch aufrechterhalten. Schon während der Rückfahrt aber hatten ihn immer öfter seine Kräfte verlassen. Die Gicht quälte ihn, dass er es kaum noch aushielt, und nachts rang er nach Luft. Die meiste Zeit konnte er nicht einmal mehr liegen, sondern saß, der Verzweiflung nahe, aufrecht in seinem Himmelbett. Er dachte an Rom, an den Vatikan und wie viel noch bedacht und organisiert werden musste, bis der gegenwärtige Papst das Zeitliche segnete.
Mazarin lachte bitter auf, während sein Beichtvater, der Theatiner Joly, an seinem Bett saß, das Kinn auf der Brust und die Augen geschlossen. „Womöglich bin ich früher dran als er!“, klagte Mazarin und schüttelte den Kopf.
Der Mönch schreckte hoch. „Wer, Eminenz?“, fragte er schlaftrunken. Als Mazarin nicht antwortete, dachte der kleine Mönch, dass Eminentissime auch nicht jünger wurde und manchmal nicht mehr ganz richtig im Kopf war.
Die Prozession war vorbeigezogen. Die Menschen am Straßenrand folgten ihr. Nach und nach wurde es ruhig. „Darf ich Sie in den Salon bitten, Majestät?“, fragte Catherine de Beauvais. Sie hatte die ganze Zeit geschwiegen. Ihr Gesicht ließ nicht erkennen, was sie dachte, als da unten ihr kleiner König in all seinem Glanz vorbei ritt.
Der Tod des Paten
Mazarin arbeitet sich zu Tode. Um sein Werk zu vollenden, hält er sich durch heroische Zauberkunststücke am Leben. Dann verfliegt der Zauber, und Frankreich wird gewahr, dass er schon seit langem tot ist.
Kein Staatsmann ist grausamer geschmäht worden. Keiner hat je solchen Ruhm geerntet wie er nach dem Pyrenäischen Frieden. Ausländische Fürsten und Minister schreiben ihm, ziehen den Hut vor ihm und bitten um sein Urteil in schwierigen Fällen. Was nie zuvor geschehen ist und nie wieder geschehen wird: das Parlement, das einst einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt hatte, schickt eine Abordnung zu ihm, um ihn zu beglückwünschen.
Hat er daran gedacht, Papst zu werden? Andere haben für ihn daran gedacht. Im Monat Dezember 1655 schon schrieb ihm ein Jesuit:
„In allen Vorzimmern und allen religiösen Körperschaften wird nur von den Verpflichtungen gesprochen, welche die Christenheit Seiner Eminenz gegenüber hat, und man hört nur sein Loblied singen. Alle, die sich auskennen, sind der Meinung, dass Seine Eminenz die Konklaven beherrschen wird und dem die Tiara aufs Haupt setzen kann, der ihm genehm ist, selbst auf sein eigenes Haupt, wenn er Lust dazu hat.“1
Ehe Mazarin am 13. August 1659 den Fuß auf die Fasaneninsel setzt, herrscht in Rom bereits Begeisterung.
Tausendfach wird das Gerücht ausgestreut, „er könne nach der Papstwürde streben oder zumindest einen Pontifex nach seinem Belieben schaffen“. (26. Juli) Benedetti, Mazarins langjähriges Faktotum in Rom, sieht ihn schon auf dem Stuhl des heiligen Petrus sitzen. (Brief vom 28. Juli) Mit jedem Tag, der den Frieden näherbringt, wird die Begeisterung für ihn größer. Noch einmal schreibt Benedetti am 11. August, er ist wie berauscht. Die Kirche und ihre Staaten ersehnen sich einen Papst wie Mazarin. Eine einzige Bedingung ist zu erfüllen: um jeglichen Anwurf zu vermeiden, muss er sich zum Priester weihen lassen.
Viele Jahrzehnte ist Mazarin von Rom als der Antichrist angesehen, ebenso lange in Rom von Spanien bekämpft worden, nun erlebt er es endlich, dass die beiden mächtigsten Parteien im Konklave sich auf seinen Namen einigen würden. Es könnte zu einer triumphalen Papstwahl kommen. Es klingt wie ein Traum: Mazarin als Papst! Einer der außergewöhnlichsten lies ganzen Papsttums. Gäbe es eine Gerechtigkeit in dieser Welt, wären die Menschen vom wohlabgewogenen Interesse geleitet, dieser Rechenkunst dir Leidenschaften und Meinungen, müsste er eigentlich Papst werden, und es ist unbestreitbar, dass die Kirche im 17. Jahrhundert einen solchen Pontifex dringend gebraucht hätte. Das wäre die Krönung der ungewöhnlichen Laufbahn des Sohns eines Verwalters der Colonna! Er, der immer mit der Politik so beschäftigt war, dass er nie die Zeit fand, nach Rom zu gehen, um seinen Kardinalshut in Empfang zu nehmen, würde dort jetzt die Tiara bekommen!
Und dieser Triumph käme zur rechten Zeit. Wenn der Abbe von Choisy behauptet, Mazarin sei gestorben „in der Vorstellung, Papst zu werden“, so hat er große Einsicht bewiesen: „Er wusste, dass der König nichts unterlassen würde, um ihm zum Erfolg zu verhelfen, aus Freundschaft, aus Dankbarkeit, aus Stolz und vielleicht sogar, um sich auf ehrenwerte Art Und Weise von einem Ersten Minister zu trennen, der ihm allmählich lästig wurde.“ (Lavisse)
Mazarin schleppte den Tod aus dem Louvre-Palast in das befestigte Schloss Vicennes. Der von der Arbeit besessene, bis zur letzten Faser verbrauchte Mann muss das Wüten einer Nierenentzündung und eines Lungenödems ertragen. Den Gnadenstoß versetzt ihm die Harnvergiftung. Um den harten Zugriff des Todes zu mildern, zieht Mazarin nach Vincennes um. In dem weitläufigen Park hofft er, Atemluft zu bekommen und den Tod durch das Schauspiel seines Ruhmes und Glanzes einzuschüchtern.
Mazarin ist Gouverneur von Vincennes. Vincennes ist seine feudale Burg und seine Sommerresidenz. Hier kann der Besieger der Feudalherren der Fronde seiner feudalen Neigung nachgehen, hier befindet er sich im Bereich des heiligen Ludwig und Karls V. Der alte Wehrturm ist mit Kanonen bestückt, seine berittenen Musketiere und die dreihundert Garden zu Fuß tragen sein Wappen auf der Schulter.
Er lässt in den Gräben mit der Gebärde eines Großtürken, wie ihn der König in seiner Jugend nannte, einen Tiergarten mit Bären, Löwen und Tigern anlegen, der alle Welt in Staunen und Schrecken versetzt. Und vielleicht lässt sich sogar der Tod abschrecken.
Für die Freuden des Lebens hat Mazarin durch Le Vau moderne Gebäude errichten lassen. Vielleicht verjagen die Maurer den Knochenmann wirkungsvoller als die Kanonen und die Tiger. Seit 1653 sind die Bauarbeiter mit der Kelle am Werk und schaffen bis zu seinem letzten Atemzug. Hier finden auch die vielen Feste statt, die der Kardinal dem König und dem Hof gibt. Als wolle er, nachdem er Europa den Frieden gebracht hat, jetzt der Welt Vergnügungen bringen. Der auf dem Gipfel seines Ruhms stehende Staatsmann verwandelt sich zum Maitre de plaisir für die Jugend. Die Theatertruppen von Floridor und Moliere treten für diesen unvergleichlichen Regisseur auf, der sich dem Schauspiel der Träume hingibt, nachdem er das diplomatische Schauspiel der Welt inszeniert hat. Eine schmerzvolle Aufgabe bei den Qualen, die die Krankheit verursacht, aber auch beabsichtigter Rausch: der König soll in einen Wirbel gerissen werden, um mit der jungen Königin die Illusion eines Honigmonds zu genießen.
Spiele, Tänze, Jagden, Theateraufführungen bis hinein in den Januar 1661. Doch in Vincennes ist der Winter härter als in Paris. Der Tod kommt näher. Um ihm auszuweichen, zieht man wieder in den Louvre um. Mazarin arbeitet noch immer. Er hat den Vorsitz, wenn die Ratsgremien zusammentreten. Er führt sich auf wie ein Satrap, der auf nichts und niemand mehr Rücksicht nimmt. „Die Ratssitzungen wurden in seinem Schlafgemach abgehalten, während er rasiert und angezogen wurde, und oft spielt er mit seiner Grasmücke und seinem Äffchen, während ihm Staatsangelegenheiten vorgetragen wurden. Er bot in seinem Schlafzimmer niemals eine Sitzgelegenheit an, nicht einmal dem Kanzler und dem Marschall Villeroi.“ (Lavisse)
Er erzieht und unterrichtet den König auch weiterhin, und dieser zeigt ihm weiterhin tiefen Respekt, obwohl er sich häufig verstellen muss. Sobald der König fertig angezogen ist, begibt er sich zum Kardinal. Diese Besuche erfolgen ohne Zeremoniell, in völliger Zwanglosigkeit.
Der Kardinal verlässt sein Zimmer nicht, er begleitet den König nicht hinaus. Wenn er beschäftigt ist, geruht der König im Vorzimmer zu warten . . .
Gewöhnlich dauert das Zusammensein mehrere Stunden; während dieser Zeit unterrichtet der Kardinal den König über die laufenden Geschäfte, belehrt und bildet ihn. So erfährt Seine Majestät alles aus guter Quelle“, schreibt der venezianische Gesandte Nani in einem Bericht. Doch weist der Diplomat auch auf den undurchschaubaren Charakter des Königs hin: „Er bezeigt jedem gegenüber vollkom-mene Gleichgültigkeit, so dass unter den ihm Nahestehenden niemand sich rühmen kann, von ihm durch Bevorzugung oder besonderes Vertrauen ausgezeichnet worden zu sein. Diese Eigenschaft, die man selten bei einem Fürsten antrifft, ist bei einem Monarchen in der Blüte der Jahre sehr erstaunlich . . .“ Auch beim Kartenspiel versucht Mazarin, den Tod zu hintergehen. Das Spiel ist das erste und letzte seiner Zerstreuungen. Jeden Abend wagt er, drei- bis viertausend Goldpistolen einzusetzen. Der Kardinal ist eine seltsame Mischung aus Verschwendung und Geiz. Er ist imstande, eine kostenlose Lotterie für den Hof zu veranstalten, bei dem die Gewinne mehr als eine Million wert sind. Die Grande Mademoiselle ist erstaunt darüber: >Diese galante Großzügigkeit erregte viel Aufsehen am Hof, überall im Reich und in den fremden Ländern. Sie war außerordentlich, und ich glaube, man hat in Frankreich eine solche Freigebigkeit nie erlebt.“ Seinen Nichten gibt er Louisdors, die sie mit vollen Händen aus den Fenstern des Palais Mazarin werfen, um sich zu amüsieren und zuzuschauen, wie die Diener null darum balgen. Doch kann der Kardinal andrerseits beim Spiel seine Raffgier so weit treiben, dass er die Goldpistolen, die er gewinnt, in der Hand wägt, und die, die er als zu leicht befindet, beiseitelegt, um sie am nächsten Tag einzusetzen.
Mit zunehmendem Alter und fortschreitender Krankheit benimmt er sich auch der Königinmutter gegenüber brummig wie ein alter Ehemann. Er spricht mit ihr wie mit einer „Zofe“. Er lehnt ihr alles ab. Er setzt ihr Haushaltsgeld herunter, ihre Ausgaben für die Tafel, für die Toilette. Er nörgelt über die Lebensführung des königlichen Paares. Er weigert sich, der jungen Königin Geld fürs Kartenspiel zu geben, während er „seiner Nichte, der Gräfin von Soissons, gewaltige Summen zum Spielen gab“.
Als der Hof mit Mazarin nach Vincennes umzieht, bewohnt die getreue Königinmutter die Gemächer, die seinen Zimmern am nächsten liegen, damit sie ihm beistehen kann.
Wenn sie ihn des Nachts bei seinen Erstickungsanfällen schreien hört, stürzt sie zu ihm, um seine Kissen aufzuschütteln. Er schilt sie mit harten Ausdrücken, wie Molieres Greis mit seiner Dienerin tut: „Diese Frau bringt mich noch ins Grab . .. Wird sie mich nie in Ruhe lassen?.. .“
Als Mazarin meint, er habe den Tod von seiner Fährte abgelenkt, offenbart er sich ihm plötzlich unter einem unerwarteten Aspekt. Im Augenblick der Zurichtungen für ein Ballett, das er einüben ließ, wie in seiner Jugendzeit in Rom beim Kardinal Antonio. Dieses der jungen Königin gewidmete Ballett sollte in der Gemäldegalerie des Louvre, die dann zur Apollo-Galerie geworden ist, getanzt werden.
Mazarin hatte es sich in den Kopf gesetzt, diesen Saal völlig italienisch zu dekorieren. Er ließ ihn mit einem Meisterwerk Mailänder Webkunst ausschlagen, die seiner Meinung nach alles, was die Franzosen zu schaffen imstande waren, weit übertraf: goldene Brokatmuster auf grünem und rotem Grund.
Am 6. Februar 1661, mitten im kältesten Winter, brach im Louvre ein heftiges Feuer aus. Im Nu sind die Brokatstoffe von den Flammen verzehrt. Sie verschlingen auch die Porträts der Könige sowie die Wand- und Deckengemälde. Es verwüstete mehrere Räume nicht weit von den Gemächern des Kardinals, den seine Atembeschwerden am Schlaf gehindert hatten. So hörte er schon früh die Entsetzensschreie und das Hin und Her der verschreckten Diener, die sich vergeblich bemühten, den Brand zu löschen.
Es war dunkel im Raum, nur in den Türritzen flackerte der Widerschein des Feuers. Mazarin rief seinen Kammerdiener, der auf einem Bett in der Ecke schlief. Doch die Stimme des Kardinals war nicht kräftig genug. Der Diener fing sogar an zu schnarchen und im Traum jämmerlich zu stöhnen. Fast schon in Panik riss Mazarin am Glockenzug. Doch auch das wurde nicht gehört. So wälzte er sich schließlich aus eigener Kraft mühsam aus dem Bett und torkelte zu dem Diener. Er riss ihm die Decke weg und schrie seinen Namen.
Erst jetzt tauchte der Diener aus seinen Träumen empor. In langen Jahren hatte er gelernt, sofort hellwach zu sein, wenn man ihn rief. Als er den Lärm hörte und das Feuer flackern sah, verstand er sofort. Damit rettete er wohl sich selbst und auch seinem Herrn das Leben.
Kräftig wie er war, hob er den Kardinal wie eine Braut hoch, drückte mit dem Ellbogen die Klinke nieder, stürzte auf den Korridor hinaus und flüchtete dann aus dem Bereich des Feuers hinunter in den Hof. Erst gegen sieben Uhr morgens kann das Feuer ge-löscht werden.
Im Freien war es bitterkalt. Mazarin war fast ohnmächtig. „Nach Vincennes!“, ächzte er. Dann verlor er das Bewusstsein.
Als er wieder erwachte, war es heller Mittag. Er merkte, dass er in seinem Bett in Vincennes lag, das ihm von allen seinen Schlafgelegenheiten immer die liebste gewesen war. Nicht zu hart und nicht zu weich und das Zimmer gut beheizbar. „Was ist geschehen?“, fragte er, obwohl er sich schon im selben Augenblick wieder an den Brand erinnerte.
Sein Leibarzt Quenaud, der mit mehreren anderen Doktoren auf sein Erwachen gewartet hatte, trat näher. „Sie haben sich erkältet, Eminenz“, erklärte er besorgt. „Die eisige Luft, die lange Fahrt in der Kutsche nur mit einer einzigen Decke ... Ich fürchte, es war zu viel für Sie.“
Mazarin versuchte, sich aufzusetzen. Doch er war so schwach, dass Quenaud seine Bewegung nicht einmal als den Wunsch, sich aufzurichten, erkannte. „Sie waren über zwei Tage nicht bei Bewusstsein, Eminenz“, sagte er. Es klang fast vorwurfsvoll. Erst heute Morgen ging das Fieber wieder zurück.“
Mazarin lächelte schief. „Zwei ganze Lebenstage verloren?“, in suchte er zu scherzen. „Als ob ich noch so viel Zeit zu verschenken hätte!“
Quenaud wiegte das Haupt. „Auch vorher haben Sie uns schon große Sorgen bereitet, Eminenz“, gestand er. „Dieses Erlebnis. ...“ Er zögerte.
Mazarin lächelte nicht mehr. „Dieses Erlebnis war der letzte Nagel zu meinem Sarg, nicht wahr?“
Quenaud blickte ihn besorgt an. „Wenn Sie es so ausdrücken wollen, Eminenz.“
Mazarin rang nach Atem. Je wacher er wurde, umso quälender spürte er wieder, wie krank er war. „Wie lange noch?“, fragte er. Es sollte überlegen und sachlich klingen, doch er merkte, wie leiser und heiser seine Stimme war.
„Zwei Monate, Eminenz. Vielleicht ein bisschen mehr.“
„Und ich werde die ganze Zeit so kraftlos sein wie jetzt?
Werde ich nicht wenigstens hin und wieder aufstehen und Besuche empfangen können?“ Quenaud nickte. „Ich denke, es wird auch noch ein paar gute Stunden geben, Eminenz. Wir Ärzte werden jedenfalls unser Bestes tun, seien Sie versichert.“
Mazarin hustete. „Ein paar gute Stunden!“, wiederholte er. „So, so. Gegen Ende muss man sich wohl in Bescheidenheit üben, nicht wahr?“
Mazarin erkannte, dass er seine Zeit nutzen musste. Mit Stolz konnte er behaupten, dass er für seine Familie vortrefflich gesorgt hatte. Am Tag seines Todes würde er ein Vermögen von über fünfunddreißig Millionen Livre hinterlassen. Er bedauerte fast, dass er nicht dabei sein konnte, wenn seinen Hinterbliebenen diese Summe mitgeteilt wurde. Natürlich handelte es sich dabei nicht nur um Bargeld, sondern auch um Grundbesitz, Gebäude, Ämter, Schmuck, Kunstgegenstände, Silber und seine kostbare Bibliothek. Mazarin war mit sich selbst so zufrieden, dass er für kurze Zeit seine Schmerzen vergaß.
Besonders dankbar war er seinem Sekretär Colbert, der ihm einen unbezahlbaren Rat gegeben hatte. Seine Majestät, hatte Colbert gesagt, sei nicht reich. Trotzdem neige er zur Verschwendung. Bestimmt sähe er es gern, wenn das Erbe ihm zufiele. Seine Eminenz solle es ihm ruhig anbieten. Um sein Gesicht zu wahren, werde der König erst einmal ablehnen. Noch ehe er es sich anders überlegen könne, solle sich Mazarin bei ihm entschuldigen, dass er ihm ein so dreistes Angebot gemacht habe. Natürlich sei die Stellung eines Monarchen zu erhaben, als dass er sich herablassen könnte, von einem seiner Diener - und stünde er noch so hoch in der Rangordnung - Güter anzunehmen.
Mazarin tat wie geheißen und erreichte damit das Gewünschte. Ludwig reagierte als König und lehnte ab. Nun konnte der Kardinal frei über seine Reichtümer verfügen. Er überließ sie seinen Neffen und Nichten, wobei sein Liebling Hortense, die noch während der Krankheit ihres Onkels den Marschall de La Meilleraye heiratete, den Löwenanteil erhalten sollte. Dafür war ihr Gemahl verpflichtet, nach dem Ableben des Kardinals den Namen Mazarin anzunehmen sowie auch das zugehörige Wappen.
Trotz Ludwigs Ablehnung fielen ein paar Legate auch an die königliche Familie: kostbare Juwelen, die man nicht als Erbstücke betrachten würde, sondern als persönliche Andenken. Auch der Große Conde und Turenne sollten in diesem Sinne jeder einen Diamanten erhalten.
In seinen Memoiren beschreibt der junge Brienne, der Kindheitsgefährte des Königs, eindrucksvoll das Verhalten des Kardinals. Brienne gegenüber ist meistens Vorsicht geboten, denn er stolziert gern wie ein Pfau im Vordergrund der Bühne umher. Umso mehr kann man ihm Glauben schenken, wenn er Szenen beschreibt, in denen er keine Rolle spielt. Dennoch sollte man nicht blindlings jemandem folgen, der sagt: „Man kann einem Mann Glauben schenken, der diese Zeilen in Saint-Lazare schreibt.“ (Damals das Irrenhaus) Dort stirbt er später, geisteskrank.
Brienne behauptet, er habe gesehen, wie Mazarin aus seinem Schlafgemach kam, gestützt vom Kapitän seiner Garden. Er ist von der Krankheit so ausgehöhlt, dass er meint, das Unheil nicht zu überleben. Für ihn ist es wie eine Warnung des Himmels, wie jenes „mene tekel upharsin“ (gezählt, gewogen, geteilt), das von unsichtbarer Hand an die Mauer des Saals geschrieben wurde, in dem der Babylonierkönig Belsazar, als Cyrus in die Stadt einzog, seine letzte Orgie feierte. Der Kardinal habe gezittert, sagt Brienne, er sei völlig niedergeschlagen gewesen. Der Tod stand ihm im Gesicht geschrieben. Hofleute drängten sich um ihn und redeten auf ihn ein. Er war so verstört, dass er kein Wort herausbrachte. Vier Männer trugen ihn auf einem Stuhl die Treppe hinunter, setzten ihn in seine Karosse und brachten ihn ins Palais Mazarin, während die Flammen den Raum erfassten, den er soeben verlassen hatte. Das Feuer verjagt ihn aus dem Palast der Könige. In diesem Augenblick hat sich Mazarin, dem die Sterne so viel bedeuteten, dem Ende nahe gefühlt wie nie zuvor.
Brienne schildert eine andere erschütternde Szene, deren Zeuge er im Palais Mazarin zwischen dem 6. und 9. Februar gewesen sein will: „Ich wandelte durch die neuen Gemächer seines Palais und befand mich in der kleinen Galerie mit der Scipio-Tapisserie, der schönsten Tapisserie des Kardinals, ganz aus Wolle. Ich vernahm sein Kommen am Schlurfen seiner Pantoffeln, die er wie ein müder, von schwerer Krankheit befallener Mann über den Boden gleiten ließ. Ich versteckte mich und hörte, wie er sagte: >Alles dies muss ich zurücklassen!< Nach jedem Schritt blieb er stehen, denn er war sehr schwach, er stützte sich bald rechts, bald links und ließ seine Augen auf dem Gegenstand ruhen, der in sein Blickfeld geriet.
Und wieder sagte er mit einem tiefen Seufzer: >Alles dies muss ich zurücklassen!< Sich umwendend fügte er hinzu: >Und auch dies! Was hat es für Mühe gekostet, diese Dinge zu erwerben! Kann ich sie ohne Bedauern zurücklassen? Dort, wohin ich gehe, werde ich sie nicht mehr sehen!..<
Brienne hat das Lamento wohl ein bisschen zu lang ausgesponnen. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass ein Mann, der zu sich selbst spricht, so gut geformte Sätze artikuliert wie „Kann ich sie ohne Bedauern zurücklassen? Dort, wohin ich gehe, werde ich sie nicht mehr sehen“. Doch es ist nicht unwahrscheinlich, dass im Jahrhundert des Theaters ein Italiener, ein geborener Schauspieler und Regisseur, vor sich hin seufzt: „Alles dies muss ich zurücklassen!“ Vielleicht auch: „Was hat es für Mühe gekostet, diese Dinge zu erwerben!“ Von christlicher Entsagung ist nichts zu spüren, das sind Opernklänge, wie die Italiener sie in ihrer klingenden Sprache hervorbringen. Jede Episode des Daseins wird singend erlebt.
Am 8. Februar lässt sich Mazarin nach Vincennes bringen. Hier will er den Tod erwarten. Der Hof folgt ihm. Doch die Anwesenheit des Königs, der Königin, der Königinmutter, des funkelnden Schwarms der Höflinge, seiner berittenen Musketiere und seiner dreihundert Garden zu Fuß genügen ihm nicht zur Abwehr des Todes. Er schart um sich eine Mauer auserwählter Freunde, die er zu sich ruft und „die ihn nicht verlassen sollen“. Unter ihnen der Herzog von Gramont, den er schon 1630, zur Zeit des Feldzugs von Mantua, kennengelernt hat. Ein hervorragender Hofmann, der nach Madrid geschickt worden war, um für den König um die Hand der Infantin zu bitten.
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