Czytaj książkę: «Die Erbin»

Czcionka:

W. E. Norris
Die Erbin

Roman

Autorisierte Aebersetzung aus dem Englischen

Saga

Erstes Kapitel.

In dem unfreundlichen, grossen Schlafzimmer eines unfreundlichen, alten Hauses in Oxford lag ein alter Mann auf seinem Sterbebette. Ja, dass das Lager, auf dem er sich befand, sein Sterbebett war, darüber konnte kein Zweifel mehr herrschen: hatte doch selbst der junge, die Hoffnung nicht leicht sinken lassende Arzt bei seinem Morgenbesuche der Haushälterin mit sehr ernstem Gesichte zugeflüstert, dass es sich jetzt nicht mehr um Tage, sondern nur noch um Stunden handle. Auch gab der Kranke sich über seinen Zustand keinen Illusionen hin, sondern hatte gleich zu Beginn seiner Krankheit die Behauptung ausgesprochen, dass er sie nicht überstehen werde. Und doch musste es jedem, der in sein ruhiges, schönes, finsteres Antlitz schaute, schwer werden, daran zu glauben, dass es einem Sterbenden angehörte. Kein Ausdruck des Leidens oder der Schwäche entstellte es; dagegen trugen seine Züge ein entschiedenes Gepräge des Trotzes, des Starrsinns, gleichsam als wollten sie sagen, dass ihr Besitzer sich, so lange er lebte, nie ergeben in etwas gefügt habe und es auch jetzt nicht zu thun beabsichtige. Die hohe Stirn des Kranken, seine dichten, weissen Augenbrauen, seine schmalen, fest zusammengepressten Lippen, das längliche, schön geformte Kinn bildeten ein Ganzes, das, wenn es auch nie durch Liebenswürdigkeit angezogen hatte, doch selbst jetzt noch ein Bild festester Männlichkeit und Willenskraft bot. Seine Augen — jene schrecklichen grauen Augen, mit denen er sein Leben lang einen jeden, der in seine Nähe kam, starr anzublicken gepflegt hatte — waren jetzt geschlossen; aber man konnte es sich wohl ausmalen, welchen Ausdruck sie — geöffnet — trugen. Und es war daher nicht zu verwundern, dass der Besitzer eines solchen Gesichtes, solcher Augen in seinen letzten Stunden allein und verlassen dalag und keinen andern Menschen bei sich hatte, als seine alte Haushälterin, die still am Bette sass, von Zeit zu Zeit einen furchtsamen Blick nach ihrem Herrn warf und sich doch nicht getraute, eine Frage nach seinen Wünschen oder seinem Befinden laut werden zu lassen.

In der That war der Dekan von St. Cyprian, obgleich er in akademischen Kreisen eine sehr bedeutende Rolle spielte und durch hervorragende wissenschaftliche Werke, die er geschrieben hatte, sich in der gelehrten Welt weit und breit einen hochgeachteten Namen gemacht hatte, ein so einsamer, freundloser Mann, wie es kaum einen zweiten in ganz England gab. Seine nahen Verwandten waren zwar alle durch den Tod von ihm getrennt; allein, wären sie am Leben geblieben, so hätten sie deshalb doch nicht freundschaftlicher mit ihm verkehrt, als sie es jetzt thaten, denn er hatte sich mit allen erzürnt und war mit einem jeden von ihnen verfeindet gewesen. Er hatte sich mit seinem einzigen Bruder erzürnt; er hatte sich mit seinem einzigen Kinde erzürnt, mit seiner Tochter, die vor langen Jahren sein Haus verlassen und — gegen den Willen ihres Vaters — ihren Musiklehrer geheiratet hatte; er hatte sich mit allen Professoren seiner Universität erzürnt — nicht bis zum offenen Bruche, das wäre eine zu grosse Schande gewesen, aber doch so weit, dass ihm jeder stillschweigend aus dem Wege ging und ihn mied, so viel er konnte. Der einzige, mit dem er stets auf friedlichem Fusse gestanden hatte, war der Rektor der Universität gewesen, aber das freundschaftliche Zusammenleben mit diesem war nicht des Dekans Verdienst, sondern das des guten alten Doktor Drysdale, mit dem zu streiten selbst dem Unverträglichsten ein Ding der Unmöglichkeit war. Und infolge seiner Feindschaft mit aller Welt lag der alte Mann jetzt einsam und verlassen auf seinem Sterbebette da — keine Seele um sich, als die alte Haushälterin — und erwartete das Nahen des Todes.

Der Abend brach herein — ein rauher, stürmischer Märzabend. Seit Mittag hatte der Dekan kein Wort gesprochen. Ab und zu winkte er der Haushälterin, ihm einen Schluck des Champagners, der auf dem Tische neben dem Bette stand, oder einen Löffel von dem Beef-tea, den der Arzt ihm verordnet hatte, zuzureichen. Die arme Frau war seit achtundvierzig Stunden nicht von seinem Bette gewichen und daher mit ihren Kräften zu Ende; aber sie getraute sich nicht, das Zimmer zu verlassen oder dem Dekan den Vorschlag zu machen, sich bei ihm für kurze Zeit durch das Hausmädchen vertreten zu lassen. Die Augen fielen ihr zu. Eben fragte sie sich zum zwanzigstenmal im stillen, ob es wohl schlimme Folgen für ihren Herrn haben würde, wenn sie sich ein kurzes, ein ganz kurzes Schläfchen gönnte, als sie ein leises Klopfen an der Thür vernahm. Sie erhob sich eiligst, öffnete die Thür und sprach mit jemand, der aussen stand, eine Weile im Flüsterton. Dann schlich sie an das Bett zurück.

„Herr Dekan,“ sagte sie leise, „Mr. Breffit ist da.“

Der Dekan öffnete die Augen. „Er soll eintreten,“ befahl er mit heiserer Stimme. Mr. Breffit, ein Notar, leistete dem Befehle Folge. Er war ein kleiner, freundlicher, etwa fünfzigjähriger Mann, dessen rotes Gesicht der scharfe Ostwind mit noch lebhafterer Farbe, als es gewöhnlich trug, bedeckt hatte. „Es thut mir aufrichtig leid, Sie so krank zu finden, Herr Dekan,“ begann er im heitersten Tone der Welt. Aber da begegnete sein Blick dem des alten Mannes. Infolge dieses Begegnens wurde die Bemerkung, die der Notar eben über das schlechte Wetter hatte machen wollen, wunderbarerweise unterdrückt und ein leichter Verlegenheitshusten liess sich an ihrer Statt hören.

Jeder Mensch, mit dem der Dekan der St. Cyprianer Universität auf seinen Lebenswegen zusammengetroffen war, hatte sich ihm gegenüber eines leichten Anfluges von Furcht nicht erwehren können. Auch Mr. Breffit fühlte sich in seiner Nähe stets recht unbehaglich. Aber ein gebildeter Mann, ein Rechtsanwalt, darf es nicht zeigen, dass er sich fürchtet; deshalb fuhr Mr. Breffit nach kurzem Stillschweigen in möglichst gleichgültigem Tone fort: „Sie sehen, Herr Dekan, ich leiste Ihrem Rufe sehr rasch Folge.“

„Sie hätten Ihre Pflicht gröblich verletzt, wenn Sie ihm nicht rasch Folge geleistet hätten,“ sagte der Dekan. „Wie Sie sehen, haben wir nicht viel Zeit mehr übrig. Ich habe Sie rufen lassen, Mr. Breffit, weil ich ein neues Testament zu machen beabsichtige. Dort in der Mappe liegt Papier. Bitte, setzen Sie sich hier an den Tisch nieder.“

Es war keine lange Arbeit, die Mr. Breffit zu vollbringen hatte. Rechtsanwälte wissen es gewöhnlich einzurichten, dass die unter ihrem Beistande entstehenden Testamente so unverständlich als möglich abgefasst werden, damit ihnen selber Gelegenheit zu Prozessen und Ausgleichungen geboten wird; wenn man es aber mit einem hartköpfigen, eigensinnigen Klienten zu thun hat, der genau weiss, was er beabsichtigt, so bleibt selbst dem geriebensten Notar keine Wahl. Er muss den Wunsch des Testators streng erfüllen. In weniger als einer Viertelstunde hatte der Sterbende alle seine früheren Bestimmungen — es war nicht das erste Mal, dass er sein Testament machte — widerrufen und neue getroffen, die, da sie in unmittelbarer Nähe seines Todes festgesetzt wurden, voraussichtlich als endgültig bestehen bleiben würden.

Der Diener und der Koch wurden gerufen, um während der Namensunterzeichnung ihres Herrn als Zeugen zu fungieren. Dann war Mr. Breffit wieder allein mit seinem Klienten. Er räusperte sich mehreremal, als wollte er sprechen, schwieg aber trotzdem immer wieder.

„Nun, was wollen Sie sagen?“ fragte der Dekan kurz. „Vermutlich wollen Sie mich darauf aufmerksam machen, dass ich soeben eine schlechte Handlung begangen habe?“

„O nein,“ antwortete der Notar. „Nein, ich glaube nicht, dass jemand sich erlauben wird, Ihre Handlungsweise derartig zu bezeichnen — aber — aber — ich bin sehr überrascht über die Wandlung Ihrer Gesinnung, Herr Dekan.“

„Ob Sie dadurch überrascht sind, oder nicht, ist mir sehr gleichgültig,“ sagte der alte Mann. „Vielleicht wird sich noch mancher andere darüber wundern — das geht mich nichts an. Jeder ist, so lange er lebt, Herr seines Vermögens und kann darüber verfügen, wie er will. Ich begehe mit der Aenderung meines Testaments eine gerechte Handlung — davon bin ich überzeugt. Und wenn Sie vernünftig dächten, so müssten Sie einsehen, dass ich eben nichts weiter als einen Akt verspäteter Gerechtigkeit damit vollziehe.“

Der Notar sah lächelnd vor sich hin, aber er erwiderte kein Wort. Eine kleine Pause trat ein, dann sagte der Dekan: „Adieu, Mr. Breffit. Wollen Sie die Güte haben, im Hinausgehen die Glocke zu ziehen? Ich danke Ihnen bestens.“

Mr. Breffit sah, dass er entlassen war, erhob sich, verbeugte sich vor dem Kranken und verliess mit den Worten: „Adieu, Herr Dekan!“ das Zimmer. Ein lebender Hund sein, ist besser als ein toter Löwe, aber der alte Löwe da war noch nicht tot, und so lange er einen Atemzug in sich hatte, hörte seine Umgebung nicht auf, voll Scheu und Furcht seinen Befehlen zu gehorchen.

Auf der Treppe warf Mr. Breffit bereits seine an ihm höchst ungewöhnliche Schüchternheit ab und lachte. „Verspätete Gerechtigkeit! Weiss Gott, da hat er recht! Wenn man das Gerechtigkeit nennen kann, so kommt sie allerdings ein wenig spät; aber ich bin im Zweifel, ob seine Handlung überhaupt diese Bezeichnung verdient. Nun, wer weiss auch, ob die Frau noch am Leben ist! Meiner Ansicht nach ist sie längst tot, sonst hätte sie sicher in all den Jahren einmal von sich hören lassen.“ Damit begab er sich in das eichengetäfelte Speisezimmer und stärkte sich zu der Fahrt nach London durch des Dekans alten Portwein und ein ausgezeichnetes Diner, dem er volle Gerechtigkeit widerfahren liess.

Während der Notar sich an Speise und Trank gütlich that, hatte sich abermals ein Gast eingefunden, der nach dem Dekan fragte und wunderbarerweise — ohne jede Anmeldung — in das Krankenzimmer hineingeführt wurde. Es war ein grosser, schlanker, alter Mann mit kahlem Haupte, freundlichem, gutem Gesichte und etwas nach vorn gebeugter Haltung.

„Sind Sie es, Drysdale?“ begrüsste ihn der Dekan. „Sie kommen wohl, um Abschied von mir zu nehmen?“

Der Rektor der Universität nahm seines alten Freundes Hände und schaute traurig in das Gesicht des Sterbenden. „Hoffentlich nicht, Musgrave,“ sagte er. „Hoffentlich werde ich Sie noch recht oft besuchen können. Ich glaube nicht daran, dass Sie vor mir aus dem Leben gehen wollen — Sie mit Ihrer unverwüstlichen Gesundheit, mit Ihrem Riesenkörper! Sie sehen mir nicht danach aus, als ob — als ob Ihr Zustand sehr bedenklich sei.“

„Sie wollen mir etwas einreden, Drysdale,“ erwiderte der andre. „Ich habe nicht mehr die Kraft, Ihnen zu widersprechen, aber in vierundzwanzig Stunden wird mein Tod Sie überführt haben, dass ich heute Ihnen gegenüber im Rechte war. Setzen Sie sich, Drysdale. Sie sind der letzte Mensch, mit dem ich in dieser Welt spreche, und ich vermute, auch mit Ihnen werde ich nicht lange zu sprechen im stande sein.“ Er hielt inne. Nach einer kurzen Pause begann er wieder: „Erinnern Sie sich meiner Tochter Laura?“

„O gewiss, gewiss. Ich erinnere mich des armen Kindes sehr gut. Es freut mich, Musgrave, dass auch Sie sich ihrer erinnern. Wie sehr, sehr bedauerlich ist es, dass sie nicht jetzt bei Ihnen sein kann!“

„Ich habe ein leidliches Gedächtnis. Auch glaube ich nicht, dass ein Mensch im stande ist, die Existenz seiner Kinder zu vergessen, so triftigen Grund er auch oft haben mag, sich diese Möglichkeit zu ersehnen. Ihren Wunsch, Laura jetzt bei mir zu haben, teile ich indes nicht. Da sie das Herz hatte, zwölf Jahre vergehen zu lassen, ohne ihrem Vater je eine Zeile zu schreiben und ihn wegen der Schande, die sie über ihn und über sich selber gebracht hat, um Verzeihung zu bitten, so glaube ich kaum, dass mir ein Wiedersehen mit ihr besonders erfreulich sein könnte. Trotzdem habe ich soeben ein Testament zu ihren Gunsten verfasst. Ich setze sie zur Erbin meines ganzen Hab und Gutes ein und entziehe ihr nur die Summe von zehntausend Pfund Sterling, die ich für meinen Neffen Frederick bestimmt habe.“

„Sie scherzen!“ rief Doktor Drysdale. „Nein, nein, Musgrave, das haben Sie nicht gethan! Sie wollen Fred nichts weiter als zehntausend Pfund Sterling lassen! Hm, hm! Aber haben Sie denn — verzeihen Sie die indiskrete Frage — haben Sie eine Ahnung, wo Ihre Tochter sich gegenwärtig aufhält?“

„Nicht die entfernteste. Wie ich Ihnen soeben sagte, hat sie seit dem Tage, da sie mit ihrem Schurken von Musiklehrer auf und davon lief, nie wieder etwas von sich hören lassen. In dem Briefe, den sie mir hinterliess, teilte sie mir mit, dass sie beide nach Neuseeland zu gehen und dort ihr Glück zu versuchen beabsichtigten. Ob sie diesen Plan ausgeführt haben, ob nicht — ich weiss es nicht. Ob sie lebt, ob sie tot ist — ich weiss es ebensowenig. Ist das letztere der Fall, so geht mein Vermögen an den nächsten noch lebenden Blutsverwandten über. Besser konnte ich — meiner Ansicht nach — nicht darüber verfügen,“ setzte der Dekan ein wenig zweifelhaft hinzu, als wünschte er jetzt die Bestätigung zu hören, dass seine Bestimmung eine sehr weise und richtige gewesen sei.

„Hm, hm!“ sagte sein Freund nachdenklich. „Aber halten Sie es nicht für richtig, dass wir Fred telegraphisch hierher berufen, Musgrave?“

„Wozu? Ich habe keine Sehnsucht nach ihm und er hat sicher ebensowenig Sehnsucht nach mir. Er ist ein Trotzkopf, der sich meinen Wünschen widersetzt und eine Karriere erwählt hat, die eines anständigen Menschen durchaus unwürdig ist.“

„Sind Sie nicht ein wenig zu hart, Musgrave? Es war Ihr Wunsch, dass er Jurist werden sollte, nicht wahr?“

„Ja. Ich war dem Jungen gut und wollte für seine Zukunft sorgen. Ich führte ihn an eine Quelle, aber er weigerte sich, daraus zu trinken. Anstatt einen ehrenhaften, menschenwürdigen Beruf zu erwählen, vergeudet er seine Zeit damit, Theaterstücke zu schreiben. Komödien! O pfui!“

„O, auch darin kann man Grosses erreichen,“ bemerkte der Rektor sanft.

„Nicht, dass ich wüsste.“

Drysdale lächelte. „Haben Sie nie von Shakespeare gehört?“

„O, wenn Sie mir mit einer solchen reductio ad absurdum kommen, sind wir mit unsrer Unterhaltung bald zu Ende. Auch habe ich weder Lust noch Kraft, mit Ihnen zu streiten. Ich weiss, dass ich meinem Neffen gegenüber meine Pflicht gethan habe und sogar noch mehr als meine Pflicht. Trotz seines Ungehorsams habe ich ihm zehntausend Pfund Sterling vermacht, mit denen er nach Belieben schalten kann. Und nach der Art und Weise, in der ich mein Testament abgefasst habe, ist der Fall nicht ausgeschlossen, dass Fred einmal Erbe meines ganzen Vermögens werden wird. Unter diesen Umständen hat er keinen Grund, sich darüber zu beklagen, dass ich mich geweigert habe, seine litterarischen Produkte zu lesen oder mir von ihm davon erzählen zu lassen.“

„Ich glaube nicht, dass er Ihnen, wenn Sie ihn jetzt kommen liessen, davon sprechen würde,“ wandte der Friedensstifter ein. Es that dem Rektor von Herzen leid, dass der arme Musgrave, ohne von dem Neffen, den er an Sohnesstatt angenommen und in dem Glauben, sein dereinstiger Erbe zu sein, erzogen hatte, Abschied genommen zu haben, aus dem Leben scheiden sollte. Zwar war in letzter Zeit eine offenbare Entfremdung, die fast einem Bruche gleich kam und deren Folgen Fred durch die Testamentsabänderung zu spüren bekommen sollte, zwischen Oheim und Neffen eingetreten, aber trotzdem blieb es die Pflicht des jungen Mannes, an das Sterbebett seines Pflegevaters zu eilen, und der Rektor betrachtete es als eine Art Sünde, wenn er ihn nicht herbeirief.

Der Dekan schien anderer Ansicht zu sein.

„Ich will ihn weder darüber, noch über andre Dinge sprechen hören,“ erklärte er. „Ich will keinen mehr hören — nur Sie noch einige Minuten. Ich habe in meinem langen Leben genug angehört und bin des Hörens müde geworden. Jetzt gehe ich in ein Land, wo alles Reden ein Ende hat. Wenigstens vermutet man das, da man zum Sprechen seine Zunge und ihre Beweglichkeit braucht, und ich die der meinen bereits merklich zu verlieren beginne.“

„Wenn der Mensch stirbt, so geht sein Geist zu Gott, der ihn geschaffen hat, zurück,“ sagte der Rektor.

„Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Darüber wissen wir beide einstweilen noch herzlich wenig, lieber Freund.“

Der Dekan von St. Cyprian hatte stets sehr freie — um nicht zu sagen: unorthodoxe — Ansichten offenbart und sich dadurch manche Feindschaft mit den Professoren der theologischen Fakultät zugezogen. Obgleich des Rektors Ansichten nicht immer mit denen Musgraves übereingestimmt hatten, so hatte er ihn stets gewähren lassen und ihm nie seine eigne Meinung aufzudrängen gesucht. Jetzt aber kniete er neben dem Bette nieder und betete mit lauter Stimme zu Gott für den Sterbenden. Das war eine grosse Kühnheit, denn der Dekan hatte sein ganzes Leben lang alles Zurschautragen von Frömmigkeit verabscheut und kein andrer hätte sich eine derartige Handlung in seiner Nähe erlauben dürfen. Dem milden, sanften Doktor Drysdale ein Wort des Vorwurfs zu sagen, war er jedoch nicht im stande, und so hörte er stillschweigend dessen Gebet an und streckte dem Rektor, als er sich von den Knieen erhob, mit dem Anfluge eines Lächelns seine Hand hin.

„Leben Sie wohl, Drysdale,“ sagte er. „Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.“

„Ich komme morgen wieder,“ entgegnete der andre.

„Morgen! Ich weiss nicht, ob Sie mich dann noch finden werden. Aber wenn Sie gerade vorübergehen und hereingucken wollen — — Für heute muss ich Sie entlassen. Ich bin todmüde.“

Der würdige Doktor Drysdale verabschiedete sich von seinem alten Freunde, aber anstatt den Heimweg einzuschlagen, begab er sich auf das nächste Postamt und sandte auf eigne Verantwortung ein Telegramm an Mr. Frederick Musgrave in London ab.

Er hätte sich die Mühe sparen können. Denn zur Zeit, als das Telegramm in Mr. Frederick Musgraves Wohnung abgegeben wurde, befand sich der junge Mann eben in Gesellschaft, und als er spät nach Mitternacht nach Hause zurückkehrte und es öffnete, war der Dekan von St. Cyprian bereits seit Stunden tot.

Zweites Kapitel.

Von dem Augenblicke an, da wir zur Welt kommen, machen wir in jeder Sekunde einen Schritt unserm Grabe entgegen. In jedem Moment verlässt ein Mensch die Welt — in jedem Moment wird ein Mensch geboren.

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, dass wir mit jedem trauern, dem etwas Trauriges, mit jedem jubeln, dem etwas Frohes widerfährt; thäten wir es, so bliebe uns keine Zeit zur Ausübung unsrer eignen Geschäfte und täglichen Pflichten übrig — so unaufhörlich wechselt Freude und Leid im Leben. Aber nicht selten geschieht es, dass uns für diese unsre Gleichgültigkeit eine harte Strafe zu teil wird. Wie häufig tritt der Fall ein, dass wir, ohne es zu wissen — bildlich gesprochen — auf den Gräbern unsrer eignen Freunde tanzen! Eine derartige Prüfung hatte der böse Zufall Fred zugedacht. Es war ein höchst unglückliches Zusammentreffen, dass gerade um die Stunde, da der Dekan von St. Cyprian in seinem einsamen Zimmer zu Oxford seinen letzten Seufzer aushauchte, sein Neffe sich in London bei einem heiteren Diner aufs beste amüsierte und sich in der vortrefflichsten Stimmung befand.

Die Gesellschaften im Hause des General Moore zeichneten sich stets durch heiteren Ton und angeregte Stimmung aus. Der General sah gern fröhliche Gesichter um sich und ging seinen Gästen — was gute Laune anbetraf — stets mit bestem Beispiel voran. Ein Offizier a. D., der über ein grosses Vermögen zu verfügen hat, eine reizende junge Frau und eine herrliche Besitzung in Süd-Kensington besitzt, hat alle Ursache, guter Laune zu sein. Der General liebte die Geselligkeit und seine Frau teilte diese Liebhaberei von Herzen. Mrs. Moore fiel das ganze Verdienst zu, bei den in ihrem Hause in der Cromwellstrasse stattfindenden Gesellschaften immer mit richtigem Takte die zu einander passenden Gäste zusammen einzuladen und jedes störende Element davon fernzuhalten. Sie war des Generals zweite Frau und fünfundzwanzig Jahre jünger als er. Ihre Stieftochter Susie hatte eben ihr achtzehntes Jahr erreicht und war im Laufe des letzten Winters in die Gesellschaft eingeführt worden. Obgleich Mrs. Moore vier eigne kleine Kinder hatte, war sie doch eine ganz vortreffliche Stiefmutter, der Susies Wohl lebhaft am Herzen lag. Das bewies sie dadurch, dass sie zu ihren Gesellschaften stets einige junge Leute einlud, die sie als gute Partieen betrachtete, und bei Tische immer einen oder den andern von ihnen neben Susie zu placieren wusste.

Zum heutigen Diner waren zwei derartige gute Partieen eingeladen, nämlich Mr. Frederick Musgrave und Hauptmann Claughton vom vierten Garderegiment, die beide in dem kleinen Theaterstücke, das nach Tische aufgeführt wurde, eine Rolle übernommen hatten. Es hiesse eigentlich nicht strenge bei der Wahrheit bleiben, wenn man Hauptmann Claughton eine gute Partie nennen wollte. Zwar hatte er eine gute Erziehung genossen und besass ein hübsches Aeusseres; gab viel Geld aus und hatte einen ziemlich wohlhabenden Vater. Leider war er aber nicht dessen ältester Sohn und es war daher anzunehmen, dass das Geld, das der junge Gardeoffizier ausgab, nicht immer ihm selber gehörte. Mr. Musgrave dagegen war eine entschieden nicht zu unterschätzende Partie. Es war allgemein bekannt, dass er der Erbe seines Onkels, des Dekans der St. Cyprianer Universität, war, eines kränklichen alten Mannes, der, wie Mrs. Moore von sehr glaubwürdiger Seite gehört hatte, nie mehr als die Hälfte seines Einkommens verbrauchte und alles andre zurücklegte und ersparte. Mr. Musgrave durfte man also mit gutem Gewissen ermuntern. Und in der That wurde Mr. Musgrave in so auffallender Weise ermuntert, dass er mit Blindheit hätte geschlagen sein müssen, wenn er nicht bemerkt hätte, dass man ihn vor allen andern Bekannten des Hauses auszeichnete und bevorzugte. So fand z. B. heute die dramatische Vorstellung nur statt, um Fred die Freude zu bereiten, seinen neuen kleinen Einakter aufführen zu sehen. Da er bereits ein Lustspiel geschrieben hatte, das von einer Londoner Bühne angenommen worden war und allabendlich auf ihr dargestellt wurde, so sah man klar, dass er etwas von dergleichen Dingen verstand, und übergab ihm daher auch das Amt des Regisseurs. Dadurch, dass er Susie täglich in einer Kunst unterwies, die ihr bisher fremd gewesen war, und somit häufig in ihre Nähe kam, traf man zwei Fliegen mit einer Klappe, denn erstens hatte man die Aussicht, einen höchst amüsanten Abend zu veranstalten, über den viel gesprochen werden würde, und zweitens rückte man dem Zeitpunkte, da die Stieftochter glücklich an den Mann gebracht wurde, voraussichtlich um ein beträchtliches näher.

Fred Musgrave bot alles auf, um den Abend amüsant zu machen; vielleicht war er auch nicht abgeneigt, den zweiten Wunsch seiner Wirtin zu erfüllen; jedenfalls begann er daran zu denken, und die offene Verehrung, die Hauptmann Claughton Susie zollte, bestärkte ihn noch in seinen Absichten. Der schlanke, gewandte Claughton mit seinem kurzgeschnittenen schwarzen Haar, seinem eleganten Schnurrbarte, seiner musterhaft sitzenden Uniform, seinem ihn vortrefflich kleidenden Klemmer, schlug während des Diners Miss Moore gegenüber einen Ton der Vertraulichkeit an, der den andern jungen Mann höchlichst beleidigte. Da der andre junge Mann jedoch sehr gutmütig und liebenswürdig war, blieb er trotzdem bei guter Laune und fragte sich nur im stillen, ob Miss Moore wirklich an einem derartigen Courmacher Gefallen finden könnte. Bald hoffte er, dass dies nicht der Fall sei, bald fürchtete er ein wenig, dass es doch möglich wäre. Und warum sollte sie auch nicht? Denn trotz seiner Abneigung gegen den jungen Offizier musste Fred es zugeben, dass er ein sehr liebenswürdiger Bursche sei, und Susie kannte Claughton jetzt schon lange genug, um zu wissen, dass er seine Bewunderung nicht jedem weiblichen Wesen, das seinen Pfad kreuzte, darbrachte. Dass er sie bewunderte, war nur eine Huldigung, die Susie von Rechts wegen zukam; hoffentlich legte sie ihr keinen zu grossen Wert bei, hoffentlich war sie zu vernünftig, um sich aus Claughtons Verehrung das mindeste zu machen.

Susie Moore besass zwar kein Aeusseres, durch das sie den Ruhm grosser Schönheit erlangen konnte, aber sie gehörte — wie ihre Stiefmutter einmal richtig gesagt hatte — „doch immerhin zu den Hübschen“. „Sie hat Schick,“ hatte diese unparteiische Kritikerin erklärt. „Wenn man ihr Gesicht einzeln zerlegt, lässt es vielleicht manches zu wünschen übrig; aber sie hat einen reinen Teint, wunderschöne braune Augen, prächtiges Haar und einen angenehmen Ausdruck. Ausserdem ist sie so echt wie Gold.“

Dies letztere Lob verdiente Susie allerdings in reichem Masse. Ich hoffe, die jungen Damen, die dies Buch lesen, nehmen es mir nicht übel, wenn ich einen leisen Zweifel darein setze, dass man von einer jeden von ihnen dasselbe sagen könne, zumal keine diese Bemerkung auf sich selbst, sondern nur auf ihre Nächsten beziehen wird. Von Susie konnte man es getrost sagen — sie war in der That echt und treu wie Gold. Und vielleicht waren es eben ihre Unschuld und Ehrlichkeit, die Hauptmann Claughton, der das Leben und die Frauen längst gründlich kennen gelernt hatte, am meisten anzogen. Möglicherweise waren es auch diese Eigenschaften gewesen, die Frederick Musgraves Interesse erweckt hatten, obgleich er einen andern Charakter besass als Claughton und bisher wenig Gelegenheit gehabt hatte, sich Menschenkenntnis zu erwerben.

Auf ihn konnte man mit gutem Rechte dieselbe Bezeichnung anwenden, die Susie zuerteilt wurde. Trotz seiner siebenundzwanzig Jahre war Fred noch immer harmlos und vertrauensvoll wie ein Kind. Seine Begeisterung für alles Schöne war noch so frisch, so von Herzen kommend, dass sie jeden, der einen derartigen Charakter zu würdigen verstand, wohlthuend berühren musste. Fred glaubte noch daran, dass alle Menschen gut seien — ganz besonders die ihm nahestehenden Menschen —; für ihn war die Klage um die Schlechtigkeit der Welt eine blosse Redensart. Da er sich bei allen seinen Nebenmenschen stets grosser Beliebtheit zu erfreuen gehabt hatte, so hatte er sich daran gewöhnt, seinen eignen Weg zu gehen und es der Mitwelt überlassen, sich nach demselben zu richten. Wäre sein Charakter nicht so rein und sein Gemüt nicht so gut beanlagt gewesen, so hätte die Nachsicht und Freundlichkeit, die jeder ihm darbrachte, leicht schädlichen Einfluss auf ihn haben können; so aber nahm er sie als etwas ihm Gebührendes hin, ohne sich dadurch verwöhnen zu lassen. Er lebte mit aller Welt, und selbst bis vor kurzem mit seinem wunderlichen alten Onkel in Eintracht und Frieden. Freds Aeusseres war noch anziehender als das Hauptmann Claughtons. Er war ein grosser, breitschulteriger, schöner Mann mit blondem Haare und Barte, blauen Augen und regelmässigen Zügen. Sein Talent hatte er bisher nur durch das einzige Lustspiel, mit dem er Erfolg gehabt hatte, offenbart, aber dass er welches besass, davon waren sowohl er als auch seine Bekannten fest überzeugt.

Wenn das Leben einem so viel gute Dinge bietet, als da sind: Gesundheit, Schönheit, Kraft, Beliebtheit und ein reicher Onkel, muss man ein ganz abnormes Gemüt besitzen, wenn man sich nicht dieser Vorteile freut. Fred Musgrave besass dies abnorme Gemüt nicht — er freute sich ihrer nach Kräften. Er freute sich des Diners bei General Moore — trotz der kleinen Sorgen, die seinen Kopf während desselben durchzogen; er freute sich der Vorbereitungen zu den Aufführungen und gab Susie, mit der er ihre Rolle gewissenhaft einstudiert hatte, noch ab und zu kleine Winke, die nicht zu vergessen er ihr dringend ans Herz legte; und am meisten freute er sich der Aufführung selbst, die vom ersten bis zum letzten Worte ein fortgesetzter Triumph für ihn war. Zwar war Hauptmann Claughton in ihr Susies Liebhaber — das hatte sich nicht ändern lassen —, aber er war ein so schlechter Schauspieler und führte seine Rolle so mässig durch, dass er sehr wenig Beifall und Anerkennung erntete. Fred dagegen wurde mit Lob überschüttet und bekam die schmeichelhaftesten Dinge über sein Stück zu hören. Nach dem Schlusse der Vorstellung wurde getanzt. Mrs. Moores kleine Gesellschaften wurden immer durch einen kleinen Tanz beschlossen.

„Ein reizender Kerl, dieser junge Musgrave!“ bemerkte ein alter Herr, der eben neben der Generalin stand und lächelnd dem Tanze zuschaute. „Man bekommt nicht alle Tage eine so glückliche Vereinigung von inneren und äusseren Vorzügen zu Gesicht. Wie schade, dass er sich nicht dazu entschliessen kann, einen richtigen Beruf zu erwählen!“

„O,“ erwiderte Mrs. Moore, „er scheint mir im stande zu sein, sich vollauf zu beschäftigen. Aber er wird es voraussichtlich nie nötig haben, sein Geld selber zu verdienen.“

Mrs. Moores Freund, ein Mann, der ein erfahrungsreiches Leben hinter sich hatte, lächelte ungläubig. „Soviel ich weiss, ist er von seinem Onkel, dem Dekan Musgrave, dem unangenehmsten, unverträglichsten alten Unholde, den die Erde trägt, vollständig abhängig. Wie, wenn es sich dieser Onkel nun einfallen liesse, ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen und sein Vermögen einem anderen Verwandten zu hinterlassen!“

„Das wird er sich nicht beigehen lassen!“ versicherte die Generalin ganz erschreckt.

„Sagen Sie das nicht mit solcher Bestimmtheit. Alte Leute sind wunderlich,“ erwiderte der andre. „Ich selber hatte einen Onkel, der sich mit sechsundsechzig Jahren verheiratete, und wollen Sie es glauben, dass der Mann noch drei Kinder bekam, ehe er starb? Natürlich hinterliess er ihnen sein ganzes Geld, obgleich er seit Jahren die Gewohnheit gehabt hatte, den Sommer in unserm Hause zu verbringen und über die Küche zu räsonnieren. Uebrigens ist mir so, als hätte ich einmal gehört, der alte Musgrave habe einen verlornen Sohn gehabt, den er vor vielen Jahren aus seinem Hause verjagt hätte.“

„Mir ist etwas derartiges nie zu Ohren gekommen,“ antwortete Mrs. Moore. „Ich weiss nichts davon, dass er je Kinder gehabt hat.“

„Doch, doch! Wie ist mir denn? Es war ja kein verlorner Sohn, sondern eine verlorne Tochter! Ja, ja — jetzt weiss ich es ganz genau — es war eine Tochter!“

Mrs. Moore machte im Geiste Notiz von dieser Mitteilung. Sie wusste herzlich wenig von Mr. Musgrave und seinen Verhältnissen, und doch mochte es ihr möglicherweise nächstens zur Pflicht werden, Erkundigungen danach einzuziehen.

Unterdessen tanzte Fred, der von den Wolken, die andre an seinem Horizonte heraufziehen sahen, keine Ahnung hatte, vergnügt mit der hübschen Susie Moore, und nachdem der Tanz vorüber war und beide sich in den an das Ballzimmer stossenden kleinen Salon begeben hatten, begann Susie in der Unschuld ihres Herzens sich nach Freds Lebensweise, nach seinem Thun und Treiben, nach seinen Zukunftsplänen, über die sie ebensowenig unterrichtet war als ihre Mutter, zu erkundigen. Fred war dies Verhör nicht unangenehm; er hatte nichts zu verheimlichen, und es freute ihn, Miss Moore ein derartiges Interesse an seiner Zukunft nehmen zu sehen.

„Mein höchster Ehrgeiz,“ teilte er ihr mit, „ist der, ein berühmter dramatischer Dichter zu werden. Meiner Ansicht nach ist dieser Ehrgeiz zu loben — leider aber denkt mein Onkel in dieser Beziehung anders als ich.“

„Ihr Onkel und Sie sind wohl häufig verschiedener Meinung?“ fragte das junge Mädchen.

„Das kann ich eigentlich nicht behaupten; wir werden ganz ausgezeichnet miteinander fertig. Ob wir verschiedener Meinung sind oder nicht — das ist mir oft selber nicht klar, da mein Onkel grundsätzlich — aus Lust am Widerspruch — widerspricht, was man auch behaupten mag. Es würde ihm das Herz brechen, jemand zuzugeben, dass er mit ihm in irgend einer Beziehung übereinstimme. Was nun meine schriftstellerische Thätigkeit betrifft, so missbilligt er sie im höchsten Grade — aber das ist eben nichts Seltenes bei ihm. Ich glaube, wenn man mir den Posten eines Premierministers anböte und ich ihn annähme, so würde er selbst damit nicht zufrieden sein.“

„Ist Ihnen durch diese seine Charaktereigentümlichkeit das Zusammenleben mit ihm nicht sehr verleidet worden?“

„O nein. Ich bin an seine Art gewöhnt und lasse ihn ruhig gewähren. Er ist nun einmal so und nicht anders. Ab und zu haben wir natürlich auch einmal einen kleinen Streit — augenblicklich sind wir gerade mitten in einem solchen —, aber derartige Zwischenfälle gehen gewöhnlich rasch vorüber und dann sind wir wieder ganz gute Freunde wie vorher.“

„Damit wollen Sie wahrscheinlich sagen, dass Sie schliesslich doch immer thun, was er will, nicht wahr?“

„Wenigstens fast immer. Mir ist unterdessen gewöhnlich der Wunsch vergangen, etwas zu thun, was er missbilligt.“

„Er muss aber doch sehr gut gegen Sie gewesen sein,“ bemerkte Susie nach kurzem Nachdenken. „Sie scheinen doch nur Ihrem Vergnügen zu leben.“

„O, Miss Moore, wie grausam sind Sie, mir etwas derartiges zu sagen! Nichts Widerwärtigeres als ein Mann, der nur seinem Vergnügen lebt. Sehen Sie, ich geniesse alles, was sich mir bietet, aber deshalb ist mir der Genuss doch nicht Lebenszweck. Meine Vergnügungen sind sehr harmloser und unschuldiger Natur. Ich spiele in meinen Mussestunden Cricket; ich liebe die Jagd und nehme daher Einladungen dazu sehr gern an; ich übernehme gern eine Rolle in einem kleinen Theaterstücke — das ist doch gewiss nichts Schlimmes, nicht wahr?“

„Nein. Ich wollte Sie nicht kränken. Ich wollte nur sagen, dass Sie mit Ihren vielen Talenten meiner Ansicht nach weit mehr leisten könnten, als Sie in Wirklichkeit thun.“

„Ich verstehe Sie. Sie wollen mir sagen, dass ich keinen rechten Beruf habe. Gestatten Sie, dass ich Ihnen eine ausführliche Antwort auf diesen Vorwurf gebe! Nachdem ich mein Abiturientenexamen abgelegt hatte, fragte mein Onkel mich, welche von den — seiner Ansicht nach — eines Gentleman würdigen Karrieren ich einmal einzuschlagen beabsichtige. Darunter verstand er nur eine sehr geringe Auswahl. Seemann zu werden war natürlich etwas ganz ausser Frage Stehendes; es blieben also nur: die Armee, die Kirche, die Rechte und die Diplomatie übrig. Ich entschied mich für die Armee. Er war nicht sehr erbaut von dieser Wahl und wusste sie mir rasch zu verleiden. Zur Diplomatie eignete ich mich nicht, da ich wenig Sprachtalent besitze; zum Geistlichen hatte ich nicht die mindeste Neigung, und so fügte ich mich denn endlich meines Onkels Wunsch und begann Jura zu studieren. Aber dies Studium war mir von Anbeginn an verhasst. Es ist so trocken und langweilig. Leider habe ich von früher Jugend an ein ausgesprochenes Dichtertalent in mir gespürt, und da sich dies Talent nicht unterdrücken liess, so begann ich, anstatt ordentlich die Rechte kennen zu lernen, Theaterstücke zu schreiben. Meiner Ansicht nach ist das eine ebensogut ein Beruf, als das andre. Aber mein Onkel will das nun einmal nicht einsehen.“

„Da ist er wohl jetzt sehr erzürnt auf Sie?“

„O, er sagt, er hätte sich noch nie in seinem Leben so sehr über jemand geärgert, als jetzt über mich; aber das ist eine blosse Redensart. Er war sicherlich schon zahllose Male ebenso zornig und enttäuscht, und wird es bis zu seinem Todestage noch recht oft sein.“

Susie lachte. „Der arme, alte Mann! Thäten Sie nicht aber doch gescheit daran, sich dem, was er gern sieht, zu fügen?“

„Das ist ein Ding der Unmöglichkeit, da bisher noch niemand entdeckt hat, was mein Onkel wirklich gern sähe. Weit lieber möchte ich alles thun, was Sie gern sähen, Miss Moore.“

„Ich? O, ich bin ja nicht Ihr Onkel.“

„Nehmen wir einmal an, Sie seien meine Tante und erteilen Sie mir als solche einen Befehl. Sie sollten sehen, welch ein gehorsamer Neffe ich unter Umständen sein kann.“

Susie lehnte die ihr zugeschriebene Verwandtschaft lachend ab, aber da Fred sie dringend bat, ihm ihre Ansicht über seine Handlungsweise offen zu sagen, gab sie zu, dass sie eigentlich völlig seiner Meinung sei. Jeder Mensch müsse nur das thun, wozu er Neigung und Beruf in sich verspüre, und wenn man ihm das höchste Amt im Reiche anböte und er einsähe, dass er sich nicht dazu eignete, so sollte er darauf verzichten und einen einfachen Beruf, der ihm zusagte, erwählen.

Das Gespräch begann eine gefährliche Wendung zu nehmen, und wenn Fred, als er die Gesellschaft verliess, Susie Moore seine Liebe trotzdem nicht offen erklärt hatte, so lag es einfach daran, dass er ein gewissenhafter junger Mann war, der einsah, dass er einen solchen Schritt nicht thun dürfe, ohne seines Onkels Erlaubnis dazu eingeholt zu haben. Aber durch die Blume hatte er ihr dennoch angedeutet, was er für sie fühlte, und seine Andeutungen hatten Susie sichtlich nicht unangenehm berührt. Als Fred daher jetzt seiner Wohnung in St. James zuschritt, pfiff er eine lustige Melodie vor sich hin und sah lauter Bilder einer glücklichen, sonnigen Zukunft sich umschweben. Er war fest entschlossen, gleich am nächsten Tage nach Oxford zu reisen und sich mit seinem Onkel zu versöhnen, was sicherlich kein schweres Stück Arbeit sein würde. Der alte Mann hatte ihm schon häufig gezürnt und war, sobald Fred den ersten Schritt zur Versöhnung that, immer geneigt gewesen, seinem Neffen zu vergeben. Ja, Fred hegte die feste Ueberzeugung, dass er zu seines Onkels Glück oder Behaglichkeit dringend notwendig sei, und dass der schreckliche alte Mann durch ihre Entfremdung weit mehr litte, als er selber. „Ich werde ihm wahrscheinlich einige Zugeständnisse machen müssen,“ überlegte er im stillen. „Vielleicht verlangt er, dass ich noch ein Jahr lang studiere — auch den Gefallen will ich ihm thun. Mir bleiben ja immer noch Mussestunden, um Dramen zu schreiben. Dass es, sobald ich von meinen Heiratsplänen zu sprechen anfange, eine schreckliche Scene geben wird, weiss ich im voraus, aber er wird sich wieder beruhigen und zu der Einsicht gelangen, welch ein Glück es ist, dass meine Wahl auf Miss Moore fällt. Die Familie Moore ist weit und breit sehr geachtet — er kann nichts gegen sie einzuwenden haben.“

Er stürmte die Treppe zu seiner Wohnung hinan und trat ins Wohnzimmer. Da gewahrte er das Telegramm des Rektors, das seit sechs Stunden auf dem Tische lag und seiner wartete.

„Komm so schnell als möglich her. Dein Onkel ist gefährlich erkrankt.“

Der junge Mann war mit einem Schlage ernüchtert und zugleich im höchsten Grade erschreckt. Er hatte keine Ahnung davon gehabt, dass sein Onkel leidend sei, und die Nachricht traf ihn daher völlig unvorbereitet. Leider konnte er dem Rufe nicht sofort Folge leisten. Der erste Zug nach Oxford ging erst fünf Uhr dreissig Minuten ab und die nächste Turmuhr verkündete eben erst die dritte Morgenstunde. Da es nicht mehr der Mühe lohnte, sich ins Bett zu legen, so kleidete der junge Mann sich um, packte die für eine kleine Reise notwendigen Sachen zusammen und setzte sich dann mit seiner Cigarre aufs Sofa nieder. Sein Temperament war ein sehr glückliches und neigte immer mehr zur Hoffnung als zur Furcht. Daher gab Fred sich auch jetzt der sicheren Ueberzeugung hin, er würde seinen Onkel schon wieder ganz hergestellt und gesund antreffen. Trotzdem that ihm der kurze Aufschub herzlich leid. Sein Onkel konnte daraus den Schluss ziehen, Fred sei herzlos und völlig gleichgültig gegen die Gesundheit dessen, dem er so unsäglich viel verdankte. Wie gut er dem alten Manne war, das sah er jetzt plötzlich klarer denn je ein. Wer weiss, ob er ihn nicht weit mehr liebte, als der alte Mann glaubte oder mit Gegenliebe vergalt. Aber derartige Gefühle kann man nicht abwägen und abmessen. Das Geheimnis von des Dekan Musgraves Liebe oder Abneigung blieb in seinem Innern verschlossen und ging mit ihm ins Grab hinab.

Drittes Kapitel.

Es war noch früh am Morgen, als Fred Musgrave in Oxford anlangte und den Weg vom Bahnhof nach der Universität, in der sein Onkel eine stattliche Reihe von Jahren mehr gefürchtet als geliebt worden war, zurücklegte. Das mächtige alte Gebäude hob sich düster von dem trüben grauen Märzhimmel ab; die weiche Steinmasse, aus der die meisten Häuser in Oxford gebaut sind, war an verschiedenen Stellen abgebröckelt und machte einem phantastischen Beobachter unwillkürlich den düsteren Eindruck von Verfall und Tod. Fred Musgrave aber war kein Phantast, er dachte an nichts weiter, als dass es ein sehr kalter Morgen war und dass er sich auf das warme Esszimmer seines Oheims freute. Selbst die an allen Fenstern herabgelassenen Vorhänge flössten ihm keine Besorgnis ein; an einem Wintermorgen ist es ganz natürlich, dass um halb acht Uhr die Fenstervorhänge noch nicht zurückgezogen sind.

Es war daher ein grosser Schreck für ihn, als der Diener Williams mit sehr langem Gesichte die Thür öffnete und auf Freds Frage nach des Dekans Befinden antwortete: „Es ist leider alles vorüber, junger Herr. Alles vorüber. Der Herr Dekan ist gestern abend bald nach elf Uhr sanft eingeschlafen, junger Herr.“

Die Haushälterin bestätigte unter Seufzern und Thränen seine Aussage. Weder sie noch der Diener hatten ihren verstorbenen Herrn sonderlich geliebt — es wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, das zu thun — aber wenn der Herr des Hauses stirbt, so ist es natürlich, dass man ein trauriges Gesicht macht und seufzt, selbst wenn der Verstorbene ein alter Mann und ein Tyrann gewesen ist. Freds Trauer dagegen war aufrichtig, von Herzen kommend, obgleich er nicht im stande war, gleich Worte dafür zu finden.

„So unerwartet!“ rief er betrübt.

„Das kann man nicht eigentlich sagen, junger Herr,“ warf die Haushälterin ein, indem sie an ihren schwarzen Haubenbändern zupfte. „Seit drei Tagen hatte ich alle Hoffnung aufgegeben, und als der Doktor gestern früh hier war, sagte auch er mir, dass an Aufkommen nicht mehr zu denken sei.“

„Warum riefen Sie mich nicht telegraphisch herbei?“

„Ich wagte nicht, es zu thun, denn ich wusste nicht, ob es dem Herrn Dekan recht gewesen wäre. Vorgestern sagte ich zu Williams — nicht wahr, Williams, Sie wissen doch noch? —: ‚Was meinen Sie, müssen wir nicht nach Mr. Frederick telegraphieren?‘ sagte ich. Williams war ganz meiner Meinung. Aber sehen Sie, junger Herr, ich getraute mich nicht, es dem Herrn Dekan zu sagen. Als Mr. Breffit gestern hier war, sprach ich mit ihm darüber, aber auch er meinte, es sei eine gewagte Sache, auf eigne Hand zu handeln. ‚Meinethalben thun Sie es,‘ sagte er, ‚aber es kann unter Umständen,‘ sagte er — —“

„Was Mr. Breffit gesagt hat, ist mir sehr gleichgültig,“ unterbrach Fred, dem nichts daran lag, die Einzelheiten des Gesprächs zu hören, sie kurz; „das Resultat bleibt dasselbe: nämlich, dass ich durch Ihre Schuld daran verhindert worden bin, von meinem Onkel Abschied zu nehmen.“

„Das thut mir herzlich leid, herzlich leid, junger Herr,“ erwiderte Mrs. Simpson in sehr beleidigtem Tone.

Auch der Diener sprach sein aufrichtiges Bedauern darüber aus und setzte hinzu, dass Mrs. Simpson vollständig unschuldig an dieser Unterlassungssünde sei. Mr. Fred hätte den alten Herrn gut genug gekannt, um zu wissen, dass jeder Diener, der sich erlaubt hätte, dem Dekan einen derartigen Vorschlag zu machen, auf der Stelle entlassen worden wäre.

Mr. Fred wusste es. Ebenso genau wusste er, dass sowohl Williams als Mrs. Simpson bei weitem freundschaftlichere Gefühle für ihn hegten, als sie sie je für den alten Mann, der ihnen hohen Lohn gezahlt, sie aber sonst wie Sklaven behandelt hatte, empfunden hatten. „Ich sehe es ein,“ sagte er nach kurzem Ueberlegen, „dass Sie nicht anders handeln konnten; es thut mir nur leid, dass Doktor Drysdale nicht eher daran dachte, an mich zu telegraphieren.“

Dann erkundigte er sich nach der Krankheit seines Onkels, nach ihren Einzelheiten, und dann — da wir, was auch geschieht, essen müssen — setzte er sich an den Esstisch nieder und nahm sein Frühstück ein.

Nachdem er es beendet hatte, begab er sich hinauf und blickte zum letztenmal in das ernste, ruhige Gesicht, das ihn nie so unfreundlich und schrecklich gedünkt hatte, als die meisten andern Menschen es stets fanden. Sein Onkel war nie sein Freund, nie sein Vertrauter gewesen; nie hatte Fred sich eines Liebeswortes oder einer Liebkosung von ihm zu erfreuen gehabt, aber trotzdem konnte und wollte der junge Mann es nicht vergessen, dass er alles, was er war und besass, dem Dahingeschiedenen verdankte. Er erinnerte sich des Tages noch gar wohl, an dem er als fünfjähriger Knabe zum erstenmal vor den gefürchteten Verwandten hingetreten war und von ihm die in kühlem Tone gemachte Mitteilung erhalten hatte, dass er von jetzt ab für ihn sorgen und ihn erziehen wolle, vorausgesetzt, dass Fred sich gut betrage und ihm nie Schande bereitete. Wie oft hatte Fred sich die Frage vorgelegt, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn der Dekan sich seiner nicht angenommen hätte. Er war eine arme Waise gewesen und hatte nicht einen Verwandten in der weiten Welt besessen. Sein Vater, der als Kaufmann und Besitzer eines Porzellanwarengeschäfts ein ziemlich grosses Vermögen erworben hatte, verlor durch eine unglückliche Spekulation alles, was er besass, und starb am nämlichen Tage, da sein Bankerott öffentlich bekannt gemacht wurde, am Herzschlage. Da hatte der Dekan der St. Cyprianer Universität, der seit dem Tage, da sein Bruder Kaufmann geworden war, alle Beziehungen zu ihm abgebrochen hatte (seinen Begriffen nach war der Kaufmannsberuf eines Gentleman und eines Musgrave unwürdig), sich des einzigen Sohnes seines Bruders erinnert, ihn zu sich genommen und so erzogen, als wenn er sein eignes, leibliches Kind gewesen wäre. Er war keine zärtliche Natur; er verwöhnte den jungen Burschen nicht durch Geschenke; er bezeigte wenig Teilnahme an seinen Interessen, aber er liess es ihm an nichts fehlen; er duldete ihn bei sich, er vertrug sich mit ihm, und das war etwas, was er noch mit keinem lebenden Wesen, mit Ausnahme des Rektors der Universität, gethan hatte.

Fred hatte sich — ausser in gymnastischen Uebungen — wenig in der Schule und auf der Universität ausgezeichnet; aber er war fleissig gewesen, hatte sich stets gesittet und manierlich betragen und nie Schulden gemacht. Die ab und zu vorgekommenen Zwistigkeiten mit seinem Onkel hatten gewöhnlich ihren Grund in ganz unbedeutender Meinungsverschiedenheit gehabt und fast immer damit geendigt, dass der junge Mann dem Alten den Willen that — oder sich doch den Anschein gab, es zu thun. Dabei hatte er sich stets so gutmütig und liebenswürdig benommen, dass der alte Mann ihm nie lange hatte zürnen können. Für Fred waren diese kleinen Zänkereien allmählich mehr amüsant als ärgerlich geworden. Er hatte sich daran gewöhnt und brachte ihnen mit der Zeit ein gutes Teil Geduld und Langmut entgegen. Er hatte den Charakter seines Onkels verstehen gelernt; ob aber sein Onkel dem seinigen dasselbe Verständnis entgegenbrachte, war eine Frage, die wir dahingestellt sein lassen wollen.

Nun war alles vorüber. Der arme Waisenknabe von ehemals war plötzlich nicht nur sein eigner unumschränkter Herr, sondern auch der Besitzer eines grossen Vermögens geworden. Er schämte sich vor sich selber, dass ihm dieser Gedanke sofort in den Sinn kam und sich nicht vertreiben lassen wollte. Dass er der einzige Erbe seines Onkel war, daran zweifelte er keinen Augenblick; wer sollte es sonst sein? Und an diesen Gedanken knüpfte sich selbstverständlich sogleich der, dass ihn fortan nichts abhielt, sich um Susie Moore zu bewerben.

Im Augenblicke, da ein König seinen letzten Atemzug gethan hat, nimmt sein Nachfolger Feder und Papier und schreibt seinen Erlass an das Volk. Das Herkommen verlangt es, dass er es thut und dass er darin seinem Schmerze um den Toten Ausdruck gibt; aber trotzdem enthalten solche Erlasse, wenn man sie genau betrachtet, nichts weiter als die Mitteilung: „Ich mache die Mitteilung, dass ich den Thron bestiegen habe. Ich lebe hoch!“ Im Privatleben geschehen ähnliche Dinge, die sich nun einmal nicht umgehen lassen. Dem Lebenden gehört die Welt, er muss seine neuen Pflichten, seine Verantwortlichkeiten und Vorteile ins Auge fassen und man darf einen Erben, dessen Kummer mit einer seltsamen Erregung, die fast der Freude gleicht, gemischt ist, nicht zu hart beurteilen. Fred gab sich alle Mühe, derartige unkindliche Gefühle zu unterdrücken und sich nur dem Schmerze um den Verlust seines Wohlthäters hinzugeben. Ob es ihm gelang, seinen guten Vorsatz auszuführen, blieb trotzdem zweifelhaft. Im Laufe des Vormittags erschien der Rektor, um ihm sein Beileid auszusprechen.

„Mein lieber Sohn,“ sagte der alte Mann, „du glaubst nicht, wie sehr, sehr leid es mir thut — schrecklich leid — wenn du doch zur Zeit gekommen wärest! Ich mache mir selber Vorwürfe, dass ich dich nicht eher gerufen habe; aber ich gebe dir mein Wort, dass ich bis gestern nachmittag keine Ahnung davon hatte, wie schlecht es mit meinem armen Freunde stand. Sobald ich das erkannte, telegraphierte ich nach dir; leider Gottes zu spät. Wenn du ihn noch lebend angetroffen hättest, hätte er dir sicher vergeben — sicherlich. Ich will damit nicht sagen, dass du dir besondere Vorwürfe zu machen hättest; es ist, weiss Gott, kein Verbrechen, ein Lustspiel zu schreiben. Aber ...“

„Ich glaube nicht, dass mein Onkel mir im Grunde des Herzens wirklich böse war,“ erwiderte der junge Mann ein wenig verwundert. „Aber selbst wenn er mir gezürnt hat, so bin ich doch fest überzeugt, dass er mir vor seinem Tode vergeben hat.“

„Vielleicht — hoffen wir es,“ antwortete Doktor Drysdale, der die Absicht gehabt hatte, mehr zu sagen, sie aber offenbar änderte. Es war ja möglich, dass der Dekan sein beabsichtigtes Testament nicht mehr zu Papier gebracht, oder dass er es noch in letzter Stunde widerrufen hatte. Jedenfalls war es, da die Thatsache früher oder später ans Tageslicht kommen Musste, das Gescheiteste, einstweilen zu schweigen. Er begnügte sich daher mit einigen frommen Redensarten über die Unsicherheit aller irdischen Dinge und mit Entschuldigungen über seines toten Freundes Eigenart, die Fred ein wenig überflüssig dünkten.

Das ganze Verhalten des Rektors war ihm ein Rätsel. Hatte derselbe die Absicht, ihm Vorwürfe zu machen, dass er seinem Onkel gegenüber bis zuletzt trotzig und hartnäckig auf seinem Stücke bestanden hatte? Wenn Fred die Vorwürfe auch nicht ganz ungerechtfertigt finden konnte, so dünkte ihn doch die Zeit, sie zu erteilen, ein wenig schlecht gewählt. War es denn ein Verbrechen, ein Drama zu schreiben? Freilich, hätte er eine Ahnung gehabt, dass es der letzte Wunsch seines Wohlthäters sein sollte, ihn eine andere Karriere einschlagen zu sehen, so hätte er ihm doch wohl willfahrt und nicht seinen Willen durchzusetzen gesucht. Es ist die Pflicht jedes Menschen, sich den Wünschen seiner Wohlthäter zu fügen, das sah Fred jetzt plötzlich klar ein, und nachdem Doktor Drysdale ihn verlassen hatte und der junge Mann sich allein befand, sagte er sich seufzend, dass sein Gewissen ihm sicherlich noch lange Zeit Vorwürfe machen und keine Ruhe lassen würde.

Es gab in den nächsten Tagen so viel für ihn zu thun, dass Fred wenig Zeit hatte, über sich selber nachzudenken. An jedem Morgen sandte ihm Mr. Breffit einen schriftlichen Rat, eine Instruktion, und am Begräbnistage erschien der Rechtsanwalt in Person und brachte den Bruder von des Dekans verstorbener Frau mit, einen Sir James Le Breton, ehemaligen indischen Beamten, mit dem der Dekan, obgleich oder vielleicht weil er ihn nie gesehen hatte, auf ziemlich freundschaftlichem Fuss geblieben war. Auf Mr. Breffits Veranlassung hatte Sir James eine Einladung erhalten, seinem Verwandten die letzte Ehre zu erweisen.

Fred und er waren die einzigen Leidtragenden, die der Dekan hinterliess. Trotzdem war das Begräbnis sehr prunkvoll und das Gefolge sehr zahlreich. Eine Menge hervorragender Gelehrter und Männer der Wissenschaft war aus London herübergekommen, aber sie zeigten es alle, dass sie nur einer Pflicht hatten genügen wollen, und machten sich, sobald die Feier vorüber war, zumeist eilends wieder auf den Heimweg. Nur einige wenige nahmen in des Dahingeschiedenen Wohnung noch ein Frühstück ein, und nachdem auch diese sich verabschiedet hatten, sagte Breffit mit feierlicher, ernster Miene, dass es nun wohl an der Zeit sei, das Testament zu verlesen.

Der Rektor und Sir James Le Breton waren zu Testamentsvollstreckern ernannt und sollten für diesen dem Toten geleisteten Dienst als Zeichen der Erkenntlichkeit die Summe von je hundert Pfund Sterling erhalten. Die wertvolle Bibliothek des Testators war der St. Cyprianer Universität vermacht worden; die Diener erhielten ansehnliche Legate; dann verkündigte Mr. Breffit nach einer Pause mit einem Seufzer, dass „mein Neffe Frederick Musgrave“ die Summe von zehntausend Pfund Sterling erben sollte, und dass das ganze übrige Vermögen an barem Gelde und Grundbesitz „meiner Tochter Laura Fenton“, und im Falle von deren Tode dem nächsten lebenden Verwandten zufallen sollte.

Ob für gewöhnlich der Beruf eines Anwalts unterhaltend ist, hängt natürlich davon ab, was man für einen Begriff mit dem Worte unterhaltend verbindet; mögen nun aber auch die Pflichten eines Anwalts im allgemeinen etwas langweilig sein, so können sie doch gelegentlich dadurch etwas belebt werden, dass sie wirklich dramatische Situationen schaffen, und man wird Herrn Breffit nicht jede Befriedigung missgönnen, die er vielleicht darüber empfand, seine Zuhörer förmlich verblüfft zu haben. Sir James Le Breton, ein magerer, weisshaariger, alter Herr, der sich über das ihm zugefallene Amt des Testamentsvollstreckers nicht sonderlich gefreut und sich darüber nur mit dem Gedanken an die dafür in Aussicht gestellten hundert Pfund Sterling getröstet hatte, sprang auf und rief: „Da schlage das Wetter drein! Seine Tochter, Laura Fenton! Ich habe mir immer eingebildet, diese reizende Nichte sei seit Jahren gestorben und verdorben.“

Freds Erstaunen und Verwunderung waren noch grösser, da er bisher keine Ahnung von der Existenz einer Person dieses Namens gehabt hatte. Er sass mit offenem Munde da und sprach kein Wort.

„Ich bin über ihre Person und über ihren Aufenthalt völlig im Dunkeln,“ sagte Mr. Breffit. „Als der Dekan Musgrave mir zum erstenmal die Ehre erwies, unter meinem Beistande ein Testament zu verfassen, war seine Tochter lange verheiratet, und er dachte nicht im entferntesten daran, ihr etwas zu hinterlassen. Er erwähnte ihrer kaum mir gegenüber. Aus andrer Quelle erfuhr ich indes, dass des Dekans einzige Tochter vor etwa zwölf Jahren eine Ehe schloss, zu der ihr Vater seine Einwilligung versagte, dass er seitdem jede Verbindung mit ihr abbrach und dass sie und ihr Gatte gleich nach ihrer Verheiratung nach Neuseeland auswanderten. Wenn sie noch am Leben ist, so ist sie vermutlich in Neuseeland.“

Sir James Le Breton rieb ungeduldig sein linkes Ohr und meinte: „Wie, zum Teufel, sollen wir die Frau jetzt herschaffen?“ Worauf Mr. Breffit bemerkte: „Dafür haben wir Zeitungen, mein Verehrtester.“

Der Rektor, der bisher geschwiegen hatte, sagte in entschuldigendem Tone, dass es niemand zu verargen sei, wenn er seiner Tochter zürne, weil sie gegen seinen Willen mit ihrem Musiklehrer davongelaufen sei, dass er es aber wohl begreifen könne, wie ein Mann am Rande des Grabes vor allen Dingen noch einmal auf die Stimme der Vaterliebe und dann erst auf — auf andere Pflichten geachtet habe u. s. w.

Mr. Breffit war andrer Ansicht. Es lag ihm fern, die Handlungsweise seines verstorbenen Klienten einer Kritik zu unterziehen, aber er konnte doch die Bemerkung nicht zurückhalten, dass ihm nie ein unbeugsamerer, härterer Charakter begegnet sei, als der Dekan. Damit war die Sache erledigt. Ein kurzes Stillschweigen trat ein. Dann erhoben die Anwesenden sich, um das Zimmer zu verlassen. Der Rektor klopfte Fred mit teilnehmender Miene auf die Schulter; da man aber in derartigen Momenten selten ein passendes Trosteswort findet, so verabschiedete er sich schweigend von ihm und drückte ihm beim Hinausgehen nur noch einmal ernst und wehmutsvoll die Hand.

Mr. Breffit war weniger zartfühlend. Er hatte bei seinen häufigen Besuchen in des Dekans Hause Fred näher kennen gelernt und ihn lieb gewonnen. Zwischen dem Rechtsanwalt und dem mutmasslichen Erben des Dekans hatte sich ein ausgesprochen freundschaftliches Verhältnis entsponnen. Als beide jetzt allein waren, bemerkte Mr. Breffit daher offenherzig: „Weiss Gott, es ist eine Sünde und Schande! Das hätte ich ihm auch geradeswegs ins Gesicht gesagt, wenn ich mir den mindesten Erfolg von meinen Worten versprochen hätte. Aber Sie wissen ebensogut wie ich, dass Ihr Onkel ein Mensch war, bei dem guter Rat nie Zugang fand.“

„Ich sehe es nicht ein, dass sein Thun eine Sünde und Schande ist,“ sagte Fred. „Da er eine Tochter hatte, finde ich es natürlich, dass er zuerst für sie sorgte und erst in zweiter Reihe meiner gedachte. Was mich allein in Erstaunen setzt, ist der Umstand, dass weder er noch sonst jemand mir gegenüber der Existenz dieser Tochter je Erwähnung gethan hat.“

Der Rechtsanwalt zuckte die Achseln. „Das geschah deshalb, weil jeder sie als tot für ihn betrachtete, und er mutmasslich seit Jahren diese Ansicht teilte. Ausserdem liebte Ihr Onkel es nicht, über seine Familienangelegenheiten zu sprechen. Offen gesagt, ich hatte mehr als einmal den Gedanken, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass Sie möglicherweise nicht sein Erbe sein könnten, wie jeder es voraussetzte, aber da ich für meinen Verdacht keinen genügenden Grund hatte, so hielt ich es für das beste, zu schweigen und mich nicht in Dinge zu mengen, die mich nichts angingen.“

„Sie thaten recht daran,“ erklärte Fred. „Derartige Mitteilungen versetzen einem den Atem, aber ich kann mich im Grunde nicht beklagen. Zehntausend Pfund Sterling sind ein schönes rundes Sümmchen.“

„Ist das wirklich Ihre Ansicht? Glauben Sie wirklich von den Zinsen von zehntausend Pfund Sterling leben zu können? Bilden Sie sich etwa ein, bisher von einem derartigen Einkommen gelebt zu haben?“

„Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Mein Onkel gab mir eine Jahresrente von dreihundert Pfund Sterling.“

„Als Taschengeld. Und bezahlte alle Ihre übrigen Ausgaben.“

„Das ist wahr. Er bezahlte alles, was ich brauchte. Aber falls es mir gelänge, mein Geld zu fünf Prozent zu verzinsen ...“

„Kein Gedanke! Welcher Mensch gibt Ihnen jetzt fünf Prozent? Und Sie haben nicht einmal einen Beruf, der seinen Mann ernährt! Ich sage es Ihnen ganz offen: Wäre ich nicht fest überzeugt davon, dass Ihre Cousine, Mrs. Fenton, längst tot ist, so würde ich Ihre Lage augenblicklich für sehr kritisch halten.“

„Warum sollte meine Cousine nicht leben und sich ihres Lebens freuen?“

„Einfach darum, weil sie seit zwölf Jahren nichts von sich hat hören lassen. Ueberlegen Sie es selbst! Ein Mädchen heiratet einen Musiker, der sicherlich kein grosser Meister in seiner Kunst ist, denn dann würde er nicht auswandern und sein Glück in einem andern Weltteil versuchen. Sie ist das einzige Kind eines reichen Mannes — vergessen Sie es nicht, dass der Dekan eine Menge wohlhabender Verwandter beerbte und für seine Person so gut wie gar nichts brauchte, dass sein Vermögen mithin von Jahr zu Jahr grösser wurde. Meiner Berechnung nach beläuft es sich jetzt mindestens auf zweimalhunderttausend Pfund Sterling. Nun frage ich Sie: Ist es unter solchen Umständen anzunehmen, dass eine Frau eine solche Reihe von Jahren hätte vorübergehen lassen, ohne auch nur den Versuch zu machen, die Verzeihung ihres Vaters zu erlangen?“

„Sie mögen recht haben. Ich will nur sehen, ob es Ihnen wirklich gelingt, sie auszugraben.“

„Ich hoffe, dass sie dazu zu tief unter der Erde liegt. Selbstverständlich werde ich indes alles aufbieten, um sie zu entdecken, und ich will nur hoffen, dass unsre Bemühungen den Erfolg haben werden, dass uns über kurz oder lang von irgend einem Orte der Totenschein der Frau Laura Fenton, geborene Musgrave, zugeschickt wird.“

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9788711462249
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