Czytaj książkę: «FCKNG New Year»
Impressum neobooks
Paul Wilson
Bad Boys of Vancouver 3
Vivian Valentine
Impressum
1. Auflage 2021
© Vivian Valentine – alle Rechte vorbehalten.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Sämtliche Personen sind frei erfunden. Mögliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig. Orte und Markennamen werden hier in einem fiktiven Zusammenhang verwendet und sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.
Vivian Valentine
c/o Autorenservice Gorischek
Am Rinnergrund 14/5
8101 Gratkorn
Österreich
Vivian.valentine@web.de
Buchcovergestaltung: NessunoMass
https://www.instagram.com/nessunomass/
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Lektorat / Korrektorat: Summer Alesilia, Grace C. Node, Marina Ocean
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Ich widme dieses Buch drei ganz besonderen Frauen!
Summer, Marina und Grace!
Danke, dass ihr das alles möglich gemacht habt.
Wir haben immer gesagt, wir rocken das!
Und das haben wir!

»Verflucht, Carly!«, blaffe ich meine Cousine an und zerre sie in eine Nebenstraße von Granview-Woodland in Vancouver.
Die weißen Atemwölkchen vor meinem Gesicht sind seit einigen Blocks mein stummer Begleiter ebenso wie das Rasen meines Herzens. Der Alkohol in meinem Blut vernebelt mir schon ein wenig die Sinne und schwächt mich, aber zum Glück bin ich immer noch so klar, dass ich es geschafft habe, unsere Ärsche aus dem Clubhaus des Vancouver Venom MCs zu schaffen, ehe meine Kumpels sie oder mich aufgemischt hätten.
Obwohl wir eine Familie sind und die Biker einiges einstecken können, verstehe ich ihre Wut auf uns – bei dem Aufstand, den die Kleine dort angezettelt hat. Sich mit Reed O‘Neill, dem Sergeant at Arms des Clubs, anzulegen war einfach nur gequirlte Scheiße.
Meine verdammte Lunge brennt.
Ich scanne kurz die Umgebung und beschließe dann, dass wir weit genug vom Clubhaus, welches direkt bei den Docks in Downtown Eastside liegt, entfernt sind. Definitiv weit genug. Verdammt. Keuchend bleibe ich stehen. Den Umstand, dass ich eigentlich ins Bett gehöre, weil ich eine fiese Erkältung ausbrüte, ignoriere ich seit Tagen. Obwohl es mich anwidert, versuche ich mich mit Whisky zu desinfizieren und mache damit alles nur noch schlimmer.
»Was?«, keift Carly zurück. »Der Pisser hat es nicht besser verdient! Einfach vor meinen Augen mit einer anderen rumzumachen!« Wütend funkelt sie mich aus ihren haselnussbraunen Augen an. Der Stolz in ihnen, dass sie einem der ranghöchsten Mitglieder des berüchtigten Vancouver Venom MC fast die Nase gebrochen hat, ist überdeutlich erkennbar.
Ich zerre grob an ihrem Arm und schleife sie in eine windgeschützte Ecke der Gasse. Mein Puls beruhigt sich etwas, doch zeitgleich setzen die Kopfschmerzen ein. »Wie oft denn noch?« Meine Geduld ist am Ende und es geht mir immer beschissener. »Du bist nicht seine Old-Lady! Er kann ficken, wen immer er will, und das warst offenbar nicht mehr du!«
»Paul – du bist so ein Arschloch!« Ehe ich's mich versehe, reißt sie sich von mir los und stöckelt davon – geradewegs auf eine der vielen Metalltüren in dieser Hinterhofgasse zu.
»Verflucht!«, brülle ich, als es ihr gelingt, eine davon zu öffnen und darin zu verschwinden. O Mann, als hätte sie heute nicht schon genug angerichtet.
Ich setze mich schleunigst in Bewegung, meinen schwächelnden Körper ignorierend, folge ihr und reiße die Tür ebenfalls auf. Eine Duftwelle von Parfüm, Rauch und Alkohol schlägt mir entgegen und bewirkt, dass ich mich fast übergeben muss. Schnell folge ich Carly und stelle fest, dass wir in einem Club gelandet sind. Einem ziemlich großen und teuren Club, möchte ich behaupten, je tiefer wir in das Gebäude vordringen.
Zum Glück erwische ich Carly gerade noch, bevor sie in der Menge verschwindet. »Stopp!«, blaffe ich sauer. »Keinen Schritt weiter!«
Erschrocken bleibt sie tatsächlich vor mir stehen und nickt schließlich versöhnlich. »Wo sind wir hier?«
Ich zucke mit den Schultern. »Keine Ahnung, sieht aus wie ein Bonzen-Club. Was hältst du davon, wenn wir diesen Laden ein wenig aufmischen?«
Suchend sehe ich mich um. Für Carly ist das hier ein guter Ort für diese Nacht, entscheide ich spontan. Vielleicht findet sie hier sogar einen reichen Kerl, der sie zu einer anständigen Frau macht. So heiß wie meine Cousine in ihrem engen, silbernen Kleid und ihren goldblonden Haaren aussieht, sollte sich in diesem Schuppen wohl einer finden lassen. Zum Glück war gerade Zahltag im MC und ich habe etliche Dollars in der Tasche. Die Kohle ist einer der Gründe, warum ich unbedingt ein festes Mitglied im MC werden will, aber nicht der einzige. Doch um den Prospect-, also Anwärterstatus, loszuwerden, muss ich mich noch ein wenig mehr beweisen.
Es war alles etwas chaotisch in den letzten Jahren, seit unser alter President Teddy umgebracht wurde, aber ich habe Geduld. Und ohnehin keine Perspektive.
Fragend hebe ich eine Augenbraue und hoffe, dass Carly hierbleiben will. Außerdem brauche ich dringend einen weiteren Whisky, die Kopf- und Halsschmerzen werden immer schlimmer. Natürlich lasse ich mir nichts anmerken. Keiner soll denken, dass ich schwach bin.
Carly verzieht nachdenklich ihren Mund und schenkt mir schließlich ein Lächeln. »Ja. Ich glaube, das ist eine gute Idee! Wer braucht schon den dreckigen Reed und die blöde Bikerbande?« Ihr Spruch entlockt mir ein leises Lachen. Ich brauche die blöde Bikerbande definitiv, aber Carly? Bestimmt nicht! Sie hat etwas Besseres verdient, als das Leben, welches wir kennen. Auch dass sie als Escortlady bei dieser beschissenen Highlights-Agentur arbeitet, passt mir nicht. Doch leider sind wir nicht mit dem goldenen Löffel im Arsch geboren, wie all die reichen Wichser hier. Überall nur versnobte Yuppiärsche.
Red Continental, heißt der Schuppen offenbar, wie ich der vielfachen Leuchtreklame entnehme.
Ich schnaube. Es passt mir gar nicht, dass ich Silvester nicht mit meinen Kumpels feiern kann, aber das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Wenn ich mich heute Nacht noch mal dort blicken lasse, machen die mich fertig und binden mich an den Zaun des Grundstücks. Als Prospect hat man eben nichts zu lachen, wenn man Scheiße baut. Und ich für meinen Teil ziehe Ärger eben magisch an. Doch Carly ist eben die Familie, an die ich durch mein Blut gebunden bin, daher blieb mir nichts anderes übrig, als sie dort wegzuschaffen. Reed wird sich schon wieder beruhigen und morgen, wenn ich Glück habe, vergessen haben, was heute passiert ist.
Sanft dirigiere ich meine Cousine in Richtung einer der Bars, auch um zu verhindern, dass noch jemand dahinterkommt, dass wir keinen Eintritt bezahlt haben, weil wir uns auffällig am Hintereingang herumdrücken. Auf weiteren Stress kann ich heute Nacht echt verzichten. Daher ziehe ich vorsichtshalber meine Lederjacke mit dem MC-Symbol aus. In dem Aufzug hätte mich der Türsteher wohl kaum hereingelassen. Ice, unser President, würde mir den Arsch aufreißen, wenn er erfahren würde, dass ich die Kutte abgelegt habe – zurecht. Aber manchmal heiligt der Zweck die Mittel und vermutlich ist niemand hier, der es ihm erzählen wird. Ich verdränge jeden weiteren Gedanken über die Folgen dieser Nacht für mich. Den Konsequenzen stelle ich mich morgen. Neues Jahr, neues Glück, oder wie war das?
Unruhig sehe ich mich um.
Seit ich siebzehn bin und im MC rumhänge, habe ich keine andere Bar mehr als die unseres Clubhauses betreten und keine anderen Frauen als die Mädels, die sich uns im MC zur Verfügung stellen, gevögelt. Das hier könnte auf jeden Fall mal eine nette Abwechslung sein. Die Musik ist zwar komplett zum Kotzen, aber man kann eben nicht alles haben.
Carly und ich streifen durch den riesigen Partytempel und suchen uns eine der Bars aus, die nicht ganz so voll ist. Mir fallen sofort einige Singlefrauen auf und meine Laune steigt. Die erneute Schnapsinfusion lässt mich mein Unwohlsein vergessen und der Alkohol tut sein Übriges. Immerhin ist heute Silvester und ich habe vor, es jetzt doch noch richtig krachen zu lassen. Carly offenbar auch, sie hält mit jedem Drink, den ich in mich hineinschütte, mit. Eigentlich sollte ich sie dringend davon abhalten, denn dass sie sich in ihrem emotionalen Zustand so dermaßen besäuft, bedeutet nur Ärger. Noch mehr Ärger. Und davon haben wir beide eigentlich genug. Aber ich habe überhaupt keinen Bock, den Moralapostel zu spielen.
Eine Weile beobachte ich die feiernden und aufgetakelten Menschen. Mit meinen zerschlissenen Jeans, den unzähligen, sichtbaren Tattoos und den kurzgeschorenen schwarzen Haaren passe ich keinen Meter hier rein. Und genau das scheint einigen der anwesenden Frauen sehr gut zu gefallen. Ich flirte, aber so richtig festlegen kann ich mich nicht, denn die Auswahl ist groß.
Eine Stunde später fällt mir endlich eine Frau auf, die mir wirklich gefällt. Eine absolute Schönheit. Wenn ich sie vergleichen müsste, dann würde ich es wohl mit Schneewittchen tun. Ohne mich um den gesellschaftlichen Unterschied zu scheren, spreche ich sie an. Die anderen Frauen hätten mich liebend gern in ihr Bett geschleift, um sich mal von einem Bad Boy richtig hart ficken zu lassen. Warum sollte diese hier das anders sehen?
»Hey Süße, bist du allein hier?«, beginne ich das Gespräch ziemlich eloquent. Nicht. Verdammt, ich bin mittlerweile zu besoffen, aber jetzt einen Rückzieher zu machen, kommt nicht infrage. »Du siehst echt gut aus.« O verdammt Paul, halt einfach deine Fresse.
»Du bist betrunken, verzieh dich«, höre ich die heiße Schwarzhaarige sagen. Komisch, diese Worte höre ich an diesem Abend zum ersten Mal.
»Baby, du stehst doch auf die bösen Jungs!«, labere ich grinsend und leider ziemlich dämlich weiter. Eines steht fest, sie hat Klasse, auch wenn ihre Brüste fast aus dem Kleid fallen.
»Sag mal, hast du es immer noch nicht kapiert? Ich habe keinen Bock auf dich!«
Schade aber auch, bedauere ich mich innerlich.
»Als würdest du es mit diesem Kleid nicht darauf anlegen flachgelegt zu werden.« Fuck. Das habe ich jetzt nicht wirklich gesagt?! Meinem besoffenen Ego gefällt es offenbar nicht, jetzt auf einmal abgelehnt zu werden, wo ich mir bisher doch hätte, einfach eine aussuchen können.
Neben mir ertönt auf einmal ein raues Lachen. Irgendso ein fremder Kerl starrt mich missmutig an. Scheint so, als wäre er ebenfalls scharf auf die Braut. Dass er mir bekannt vorkommt, bilde ich mir wahrscheinlich nur ein.
»Hey Mann, du solltest dich bei ihr entschuldigen und dich dann schnell vom Acker machen. Kapiert?!«
Was für ein Lappen!
»Und warum sollte ich das tun? Was glaubst du, wer du bist, einfach mein Gespräch mit der Lady zu unterbrechen?« Genervt fixiere ich ihn. Wieder so ein Vollidiot, der mich wegen meines Äußeren verurteilt und glaubt, etwas Besseres zu sein.
»Es ist nicht wichtig, wer ich bin, es ist nur entscheidend, was ich mit dir mache, wenn du es nicht tust, Freundchen.«
Freundchen. Das hat der Penner nicht wirklich gesagt? Belustigt baue ich mich vor ihm auf. Der kriegt jetzt auf die Fresse, mit seinem dummen Gelaber.
Shit. In dem Moment, in dem ich mich von dem Barhocker erhebe, merke ich, wie mir schwindelig wird. Vermutlich habe ich mittlerweile hohes Fieber und der verdammte Alkohol macht es nicht besser.
Angewidert von mir selbst, zögere ich eine Sekunde. Dieser Kerl nutzt den Augenblick meiner Schwäche aus und bekommt mein Handgelenk zu fassen. Er schafft es, mich zur Seite zu drehen und mir in die Armbeuge zu schlagen. Ich versuche, ihn mit der anderen Hand zu erwischen, aber er drückt meinen Ellenbogen gegen seine Brust und verdreht mir mein verdammtes Gelenk. Fuck! Fluchend lasse ich die freie Hand sinken.
»Hol aus und ich breche dir das Gelenk«, knurrt er warnend.
Gott, ich möchte gerade nichts lieber, als diesem Pisser die Zähne rauszuschlagen. Doch leider darf ich hier nicht auffallen. Sollte Ice, mein Pres, mich jetzt hier aus der Scheiße holen müssen – und das auch noch ohne die Kutte am Leib! – würde ich wohl bis zum Ende meines Lebens der dämliche Prospect bleiben. Oder viel schlimmer noch: Ich würde vielleicht endgültig rausfliegen. Dann ... Fuck!
Angepisst nicke ich, als auf einmal ein weiterer Typ auftaucht. Mist. Scott Tyrell. Auch das noch. Seinem Aufzug nach, arbeitet er jetzt wohl in diesem Club als Türsteher. Ich kenne ihn von früher aus dem Boxclub, den ich schon lange nicht mehr besucht habe, seit ich mir meine dämliche Hand verstaucht habe, um genau zu sein. Doch ich mag den griesgrämigen Typ, der ein paar Jahre älter ist als ich.
»Paul, sag mal, was ist hier los? Und wie zum Teufel kommst du überhaupt hier rein?«, fragt er ruhig. Offenbar versucht er, die Situation sachlich einzuschätzen. Scott verengt die Augen und die Tatsache, dass er den anderen Typ offenbar auch kennt, rettet mir wohl gerade den Arsch. Finster sieht er den Kerl an. »Cole!«, knurrt er.
»Scott«, ätzt dieser, ohne mich loszulassen.
»Lass mich los«, blaffe ich und versuche mich aus dem Klammergriff zu befreien. Ich muss unbedingt hier weg! Leider muss ich zugeben, dass dieser Cole verdammt kräftig ist. Doch zum Glück stößt er mich dann endlich von sich.
»Verzieh dich und lass dich bloß nicht mehr in ihrer Nähe sehen«, schnauzt er mich an.
Ich würde ihm gern noch sagen, dass er seine Fresse halten soll, aber auf Tyrell habe ich noch weniger Bock. Ich schnappe mir meine Kutte, die über dem Barhocker hängt, auf dem ich gesessen habe, und laufe los.
»Hey!«, ruft Scott und folgt mir. Doch ich verschwinde in der Menge, ohne dass er mich erwischt.
Keine Ahnung, wo Carly ist, aber ich muss hier weg, bevor ich eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch bekomme. Nachdem ich Scott in der Menschenmenge abgehängt habe, sehe ich mich kurz suchend um. Keine Spur von Carly. Verdammt. Gerade als ich weiterlaufen will, pralle ich mit einer Blondine zusammen.
»Immer langsam, Großer!«
Um ein Haar hätte ich mit meiner Unachtsamkeit dafür gesorgt, dass sie ihr Getränk über sich schüttet. Ihre perfekt gezupfte helle Augenbraue hebt sich mit einem Hauch von Arroganz und ihr Blick fährt an meinem Körper auf und ab. Noch immer trage ich nur ein schlichtes schwarzes Shirt, welches sich eng um meinen Körper spannt, und halte meine Jacke in der Hand. Keine Ahnung, was in ihr vorgeht, doch statt des überheblichen Blickes tritt auf einmal ein Lächeln auf ihr Gesicht. Ihr dunkelblondes Haar drapiert sich perfekt frisiert um ihre nackte Schulter. Sie trägt ein enges weißes Kleid und ihre zierlichen, manikürten Füße stecken in mörderisch hohen High Heels. Sie sieht unfassbar reich aus. Alles an ihr wirkt sehr teuer. Und sie strahlt noch etwas aus, was ich nicht sofort einordnen kann. Vor zwei Stunden hätte ich mein Glück bei ihr versucht und ihr den Fick ihres Lebens auf der Damentoilette verschafft, aber jetzt muss ich schleunigst verschwinden.
»Sorry!«, sage ich und hebe abwehrend eine Hand.
Sie nippt an dem Champagnerglas, welches sie noch immer elegant in der Hand hält und mustert mich nachdenklich. Fast hätte ich bei unserem Zusammenstoß das Glas getroffen. Aber ihre Reflexe sind offenbar besser als meine. Ich schenke ihr ebenfalls ein Lächeln und versuche, mich an ihr vorbeizuschieben. Ihre Hand berührt jedoch meinen Oberarm, um mich aufzuhalten. Stirnrunzelnd betrachte ich ihre zierlichen Finger, die auf meiner bunten Haut irgendwie fehl am Platz aussehen.
»Warte! Oder bist du auf der Flucht?« Ihr Blick sucht kurz die Umgebung ab und verharrt dann für eine Sekunde auf der Empore, unter der wir uns befinden. Eine Clique von reichen Muttersöhnchen, ungefähr in unserem Alter, feiert dort grölend ins neue Jahr. So ist das also, erörtere ich innerlich, als einer der Yuppies finster auf uns herab starrt.
»Ja, bin ich.«
Ohne sie weiter zu beachten, setze ich mich in Bewegung. Wieder umklammert sie mich. Ihr Griff ist erstaunlich fest für so eine zierliche Frau. Vermutlich macht sie viel Sport, so wie sie aussieht.
»Ich kann dir helfen!«, ruft sie und schaut ein letztes Mal nach oben, ehe sie ihre komplette Aufmerksamkeit auf mich richtet. »Ich wollte eh gerade gehen. Mein Auto steht vor der Tür.«
Vielsagend wandert mein Blick zu dem Glas Champagner in ihrer Hand, welches sie sogleich wegstellt. Aber verdammt, ich bin kein Bulle. Falls wir mit denen Ärger wegen Alkohol am Steuer bekommen, werde ich behaupten, dass ich gefahren bin. Dafür haben wir ja Xavier McLane, den alten Rechtsverdreher. Der gewiefte Mistkerl hat es bisher noch jedes Mal geschafft, mich oder die anderen Biker aus der Scheiße rauszuboxen.
Ich nicke. »In Ordnung. Lass uns verschwinden.«

Kaum dass wir den Club verlassen haben, fährt tatsächlich ein Porsche Cayenne vor. Meine blonde Retterin übernimmt den Schlüssel von dem Angestellten und läuft um das Auto herum, um einzusteigen. Ich hatte mich nicht geirrt, das hier ist ein Bonzen-Club, wenn es sogar einen Parkservice gibt.
Frierend steige ich in den Wagen. »Warum hast du keinen Fahrer?«, frage ich mit kratziger Stimme, während ich mich umständlich in meine Jacke quäle. Mir ist kalt. Zu allem Überfluss fängt es schon wieder an zu schneien. Bevor sie antworten kann, muss ich kräftig niesen. Mein Schädel dröhnt und ich fühle mich endgültig wie ausgekotzt. Stöhnend lehne ich meinen Kopf gegen die Beifahrerlehne und schließe für einen Moment die Augen.
»Weil ich durchaus in der Lage bin, selbst ein Auto zu fahren.« Sie klingt verärgert.
Interessiert öffne ich meine Lider wieder und sehe zu ihr. »Trinken und fahren ist allerdings nicht besonders cool«, reize ich sie weiter.
Ihre Reaktion ist genau wie erwartet. »Du siehst nicht aus wie ein Kerl, der sich besonders für Gesetze interessiert.« Wieder ruckt eine ihrer perfekten Augenbrauen in die Höhe.
»Keine Ahnung, wie du darauf kommst«, necke ich sie und richte mich unter Anstrengung auf.
»Haha«, erwidert sie ironisch. Konzentriert lenkt sie den Wagen durch die letzte Nacht dieses Jahres. Die Uhr im Armaturenbrett zeigt kurz nach 23:00 Uhr an. Dass es noch so verdammt früh ist, war mir gar nicht bewusst. Ich räuspere mich. »Wo fahren wir eigentlich hin?«
»Zu mir. Du siehst aus, als könntest du ein Bett vertragen.« Das fiese Grinsen in ihrem Gesicht gefällt mir nicht.
»Ach was. Ich komme schon zurecht«, sage ich, begleitet von einer Hustenattacke.
»Aha«, antwortet sie einsilbig. Dann schaut sie zu mir rüber. »Willst du nicht mit mir kommen?«
Misstrauisch starre ich zurück. »Ich denke, das wäre keine gute Idee.« Reiche Mädchen zu ficken bedeutet immer nur Ärger. Die meisten finden es so geil, sich von einem Bad Guy ficken zu lassen, dass sie einen erpressen, es noch mal zu tun und einem für eine Weile das Leben zur Hölle machen, wenn man es nicht will. Und ja – ich spreche aus Erfahrung. Tätowierte Biker scheinen heiß begehrt zu sein, gerade in der High Society. Und das weiß ich deshalb, weil sich des Öfteren welche in unser Clubhaus verirren, welches ja nicht geheim ist.
»Wo soll ich dich absetzen?« Dieses Mal klingt sie schnippisch, wenn auch ein bisschen unsicher. Genau das, was ich nicht brauchen kann.
»Ich muss nach Downtown Eastside.« Mein Ton lässt keinen Widerspruch zu, als ich ihr den Weg erkläre.
Ihr Blick huscht über den, mit dem Clubsymbol des Vancouver Venom MCs versehenen, Ärmel meiner Jacke. »Du gehörst also wirklich zu den Bikern?«
»Jep.« Wieder muss ich niesen. Als ob ihr das nicht aufgefallen wäre!
»Und warum warst du dann ausgerechnet in dieser Nacht in m... äh, in dem Club statt bei deinen Kameraden?«
»Ich hatte mächtig Ärger«, bleibe ich vage und wische meine Nase an meinem Ärmel ab.
»Ah.«
Eine Weile fahren wir schweigend durch die Nacht. Der beschissene Schnee peitscht unerbittlich gegen die Frontscheibe, sodass die Scheibenwischer alle Hände voll zu tun haben. »Du siehst scheiße aus. Ich kann dir wirklich helfen«, versichert sie ein weiteres Mal. Scheinbar hat sie ein Helfersyndrom, sonst würde sie mir wohl kaum ihre Hilfe anbieten. Vielleicht bin ich ja auch ihr soziales Projekt für diesen Abend. Reiche stehen doch auf diesen Charity-Scheiß.
»Bullshit. Lass mich einfach an den Docks raus, ich bin nicht länger dein Problem.« Mir wird dieses Gespräch und überhaupt alles zu viel, die Müdigkeit übermannt mich. Natürlich ist mir klar, dass ich mich heute nicht mehr im Clubhaus blicken lassen kann, aber dort liegt mein Schlüssel. Aber meine Mutter wohnt auch in der Nähe und ich werde die Nacht einfach bei ihr verbringen. Seufzend richte ich mich erneut auf. Oder ich schlafe in der nächsten Bushaltestelle, was wahrscheinlich die bessere Option als meine Mom wäre. Ich bin einfach verdammt müde ...
»Hey du!« Irgendwas rüttelt an mir und ich schrecke hoch. Die Beifahrertür steht offen und vor mir steht die Blonde aus dem Club.
»Was?« Verdutzt sehe ich sie an. Scheiße, ich muss eingeschlafen sein. Verfluchter Alkohol!
»Du bist offenbar total im Eimer, daher sind wir doch zu mir gefahren. Los!«, drängt sie und versucht erfolglos, mich aus dem Auto zu zerren.
»Ich komm ja«, krächze ich widerwillig und klopfe schnell meine Jackentaschen ab. Mein Handy ist da, das ist das Wichtigste. Alles andere habe ich ohnehin im Clubhaus vergessen, weil Carly und ich schnell einen Abflug gemacht haben.
Ich steige aus dem Auto und sehe mich um. Wir befinden uns vor einem schicken Appartementblock, in einem Viertel, wo ich noch nie zuvor gewesen bin. Obwohl mein Kopf noch immer schmerzt, hat mir der kurze Powernap gutgetan. Mein Kopf funktioniert wieder – und er sagt mir deutlich, dass ich hier nichts verloren habe. Dennoch folge ich ihr und gebe meinen Widerstand auf. Wir scheinen am anderen Ende der Stadt zu sein, ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten und habe ohnehin keinen Schlafplatz in dieser Nacht.
»Wie heißt du eigentlich?«, frage ich neugierig.
»Jasmine«, sagt sie mit stolzer Stimme und hält eine dieser modernen Schlüsselkarten vor einen Summer, als wir das Haus erreichen. Dasselbe tut sie noch mal direkt am Aufzug. Dieses Haus glänzt und wirkt komplett steril. Kein Vergleich zu der winzigen Wohnung, in der ich lebe, seit ich von meiner Mutter weg bin.
Der Aufzug kommt und wir steigen beide ein. Unschlüssig vergrabe ich die Hände in den Hosentaschen. Ich wüsste gern, warum die reiche kleine Lady unbedingt darauf besteht, mich mit zu sich nach Hause zu nehmen und ob ich richtig liege, dass es mit Schmierlappen von der Empore des Clubs zu tun hat.
»Warum hast du keine Angst vor mir?«, frage ich unvermittelt.
Ihre lindgrünen Iriden mustern mich nachdenklich. »Das wüsste ich auch gern.«
Ich lache leise und schüttle ungläubig den Kopf. Verrückte Nacht. »Ich bin übrigens Paul.« Vermutlich ist es angebracht, dass ich mich ebenso vorstelle, auch wenn sie nicht nach meinem Namen gefragt hat. Mehr als ein stummes Nicken erhalte ich nicht und ehe peinliches Schweigen entsteht, stoppt der Aufzug in der ersten Etage. Wir sind da. Erneut stöckelt sie voraus und ich folge ihr schweigend. Viele Türen gibt es nicht auf dem Flur und sie öffnet die, welche am Ende des Ganges liegt. Alles hier ist so verflucht klinisch rein, wie ich es noch nie in meinem Leben gesehen habe. Während ich mich noch frage, ob ich die Schuhe ausziehen sollte, bittet sie mich herein.
»Na komm. Dahinten ist das Gästezimmer samt Bad. Dort kannst du duschen und schlafen. Ich mache dir noch alles fertig und stelle dir Wasser und ein paar Schmerzmittel hin.« Herausfordernd sieht sie mich an und kommt dann ein Stück auf mich zu. Ich wage es nicht, mich zu bewegen, als sie dicht an mich herantritt und sich an mir festhält. »Und Paul?«
»Ja?«, raune ich.
»Behalt deine Pfoten bei dir und bleib in deinem Bett!« Sie schenkt mir ein schnippisches Lächeln, stellt sich auf die Zehenspitzen und ... küsst mich!
Verfluchte Scheiße. Der Kuss schmeckt süß und verwirrt mich ehrlich gesagt komplett. »Happy New Year, Paul«, flüsterte sie plötzlich an meine Lippen und lässt mich verdutzt zurück.
Ja. Happy fucking New Year.
Draußen knallt und dröhnt es plötzlich und erinnert mich daran, dass ja Silvester ist. Raketen steigen in die Luft und der Himmel färbt sich bunt. Doch ich hatte noch nie etwas dafür übrig, daher zieht es mich weder ans Fenster noch raus. Unschlüssig streiche ich mir über mein raspelkurzes schwarzes Haar und sehe mich neugierig um.
Die Wohnung ist ebenso weiß und clean, wie dieses ganze verdammte Haus. Aber nun, da ich schon mal hier bin, begebe ich mich zu der Tür, auf die Jasmine eben gezeigt hat. Eine heiße Dusche, ein weiches Bett und ein paar Aspirin werden mich schon wiederherstellen. Das wäre gut, denn morgen erwartet mich eine harte Abreibung im Club, weil ich einfach abgehauen bin. Außerdem habe ich keinen Schimmer, wo Carly ist. Große Sorgen mache ich mir allerdings nicht, denn wenn eine klarkommt, dann sie.
Das Gästezimmer wirkt wie ein Hotelroom. Es riecht frisch und zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben werde ich in einem Boxspringbett schlafen.
Die ganze Situation ist schon fucking gruselig. Aber was nützt es jetzt?
Als das heiße Wasser wohlig meinen Rücken herunterläuft, frage ich mich, ob diese Jasmine vielleicht eine Serienkillerin ist. Warum sonst sollte sie mich mit in ihre Wohnung nehmen, obwohl sie keinen Sex will?
Ich seife mich mit dem gut riechenden Duschgel ein, welches offenbar für Gäste bereitgestellt wurde. Die heiße Dusche entspannt mich und das Nachdenken fällt mir leichter. Der Typ auf der Empore im Club, muss ihr Freund sein. Und mein Zweck ist vermutlich schlicht und einfach, ihn wütend zu machen. Wer weiß, was er Jasmine angetan hat, aber sie wirkt wie eine Frau auf mich, die weiß, was sie will – und was nicht. Morgen werden dem Yuppie wahrscheinlich ein paar Leute berichten, dass der große böse Biker mit Jasmine in deren Wohnung verschwunden ist. Da sie kein Interesse an Sex mit mir hat, habe ich durch meine Anwesenheit wohl meinen Zweck erfüllt. Falls meine Theorie stimmt, scheint sie immerhin treu zu sein. Ein Miststück – aber ein loyales.
Ich stelle die Dusche ab und hülle mich in eins der Handtücher. Sogar Zahnbürsten gibt es hier und ich bin froh, endlich den widerwärtigen Geschmack in meinem Mund loszuwerden. Eigentlich verabscheue ich Alkohol, aber leider fällt mir momentan keine andere Lösung ein, als diesen zu trinken, um mit meinen Problemen fertig zu werden.
Nachdem ich mich endlich frisch und sauber fühle, trete ich aus dem Bad in das angrenzende Schlafzimmer. Weiß. Alles hier ist einfach nur weiß. Wie versprochen stehen jedoch zwei Wasserflaschen und zwei orangefarbene Dosen mit Tabletten für mich bereit. Ist sie doch eine Serienkillerin?
Fuck. Mein Schädel hämmert wieder zu sehr, um mir weiter darüber Gedanken zu machen. Entweder bringen mich diese Pillen um oder Ice übernimmt morgen diesen Job. Mir egal. Ich werfe mich aufs Bett, schlucke von jeder Pillensorte eine und will jetzt nur noch schlafen.
Am nächsten Morgen erwache ich und fühle mich noch immer wie von einem Truck überfahren. Die Tabletten haben zwar geholfen, dass ich ein paar Stunden durchgeschlafen habe, aber mein höllischer Kater gepaart mit der Erkältung machen den Tag heute sicherlich zur Todesqual. Als Erstes checke ich mein Handy. Carly hat mir geschrieben, dass es ihr gutgeht und dass sie einen Schlafplatz für die Nacht gefunden hatte. Ich soll mir keine Sorgen machen. Von Ice habe ich ebenfalls eine Sprachnachricht, die charmanter nicht sein könnte.
»Prospect! Wo steckst du kleiner Wichser? Schwing deinen Arsch gefälligst zum Clubhaus und bring Kaffee mit! Wir haben noch ein Hühnchen zu rupfen. Also: SOFORT!« Er brüllt mehr, als dass er spricht, daher steige ich hastig aus dem Bett und schlüpfe in meine Klamotten. Innerlich fuckt es mich total ab, immer den Affen machen zu müssen, und ich hätte nicht übel Lust, Ice mal eine zu verpassen, die sich gewaschen hat. Doch bedauerlicherweise habe ich nichts anderes als den Club. Keinen Job, keine richtige Familie und nicht mal einen verdammten Schulabschluss. Alles, was ich habe, ist mein altes Bike und die Aussicht, bald ein festes Member des Vancouver Venom MC zu sein. Immerhin verdient sich die Miete nicht von allein. Und da ich leider einen beschissenen Start ins Leben hatte, bleibt mir nur ein schlecht bezahlter Hiwi-Job an den Docks oder aber das schnelle Geld und reichlich Ansehen im MC. Daher gibt es nur den einen Weg für mich.
Da ich keine Ahnung habe, wo ich bin, ziehe ich mich zügig zu Ende an und sehe mich ein letztes Mal um. Die Tabletten, die mich immerhin nicht umgebracht haben, nehme ich mit, ebenso wie eine der Wasserflaschen. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es gerade mal sieben Uhr morgens ist. Dass Ice schon wach ist, kann nur bedeuten, dass er noch gar nicht geschlafen hat. Fuck, das bedeutet nichts Gutes.
Ohne mich von Jasmine zu verabschieden, schleiche ich leise aus der Wohnung. Unten vor dem Haus angekommen, blicke ich ein letztes Mal wehmütig nach oben. So etwas Nettes, egal mit welchem Hintergedanken, hat noch nie jemand für mich getan. Doch ich schüttle den Gedanken schnell ab.
Suchend sehe ich mich um, um einen Anhaltspunkt zu erhalten, wo ich mich befinde. Nachdem ich ein Straßenschild und eine Hausnummer gefunden habe, angle ich mir mein Handy aus der Hosentasche und wähle Joshs Nummer. Er ist wie ich Prospect beim MC und wir halten zusammen, wo es geht. Zum Glück nimmt er ab. »Josh. Ich sitze in der Scheiße. Ich bin in Oakridge am anderen Ende der Stadt und das ohne mein Bike. Ice will das ich komme und er klingt ziemlich angepisst.«
»Mann, Alter«, gibt er gepresst von sich. »Hast du mal auf die verfickte Uhr geschaut?«
»Jep«, erwidere ich wahrheitsgemäß. »Also?«
Wieder stöhnt er. »Schreib mir die Adresse, ich beeile mich.«
»Dafür hast du was gut.«
Ohne zu antworten, legt er auf. Ich nutze die Wartezeit, um Carly zu antworten, und sehe mich ein wenig in der Gegend um. Die Straßen sind menschenleer bis auf vereinzelte Verrückte, die am Neujahrsmorgen noch vor dem Frühstück joggen gehen. Die Kälte kriecht mir erneut in die Knochen und friere. Mann, bin ich froh, wenn ich erst wieder im Clubhaus bin. Zuhause.
Ich bin froh, dass ich Jasmine meine Nummer nicht dagelassen habe, auch wenn ich kurz darüber nachgedacht habe. Den Toyboy für ein reiches, verwöhntes Mädchen zu spielen, steht mir nicht. Ich habe es wirklich nicht nötig, mich vorführen zu lassen. Was auch immer sie für ein Problem mit ihrem Stecher hat, es ist nicht meins.
Als Josh endlich auftaucht, bin ich halb erfroren, doch ich mache ihm keine Vorwürfe, sondern bin nur dankbar, dass er mein Freund ist.
»Spring rein, Alter!« Er ruckt mit dem Kopf in Richtung Rückbank, wo schon mehrere Papp Trays mit Kaffeebechern stehen. »Ich weiß ja, wie es läuft«, sagt er lapidar.
»Danke, Bruder!«
Er nickt zustimmend und fährt mit quietschenden Reifen los.
Ein letztes Mal drehe ich mich um und könnte schwören, dass sich im ersten Stock jemand am Fenster befindet. »Fuck«, murmle ich. Es ist höchste Zeit diese Nacht zu vergessen.

Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis wir wieder in Downtown Eastside angekommen sind.
Der Schnee hat mittlerweile kein Erbarmen mehr und zuckert beinah die ganze Stadt. Es ist ungewöhnlich, dass es in Vancouver so viel schneit, denn obwohl wir in Kanada sind, gewinnt meistens der Regen in unserer Stadt.
Routiniert steuert Josh den alten Wagen seines Vaters durch das Tor, welches zum Glück offensteht. Vor dem Eingang reihen sich ein Dutzend Harleys und auch ein paar andere Motorradmarken. Mein Traum ist eine nagelneue Harley-Davidson Street Bob zu besitzen, doch dafür habe ich aktuell weder den Status noch das Geld. Wir Prospects dürfen die alten Bikes fahren, welche abgelegt werden. Zudem müssen wir in der angrenzenden Werkstatt mitarbeiten, um alles über Motorräder zu lernen. Früher war die Werkstatt sogar mal ein offizielles Geschäft, doch seitdem Ice und sein Bruder Snow an der Spitze des MC stehen, wird darauf verzichtet. Der Vancouver Venom MC befindet sich seit etlichen Monaten im Umbruch, da der alte President den Club ganz schön runter gewirtschaftet hatte. Ice und sein zwei Jahre jüngerer Bruder versuchen nun, alles ins Reine zu bringen und vor allem dafür zu sorgen, dass wieder Geld in die leeren Kassen des MC kommt. Der Pres ist ein ehemaliger SEAL, der gute Kontakte zu Waffenhändlern und einigen anderen Gewerken hat. Seit er sich um die Geschäfte kümmert, geht es steil bergauf. Das ein oder andere Mal hat er mich sogar zum Schutz mitgenommen, wenn er was zu regeln hatte. Daher wurde mir als Prospect schon eine große Ehre zuteil, den Pres begleiten zu dürfen. Und auch meine alten Kontakte helfen mir dabei, mich im Club zu etablieren.
Ein Schauder überläuft mich, als ich das Bike vom Pres entdecke. Ich habe Schiss vor dem Kerl, der seinen Namen nicht nur hat, weil er total blass und strohblond ist. Ice ist ein eiskalter Killer und nicht nur das. Es gibt haufenweise Gerüchte, die sich um den Veteranen ranken. Wer sich ihm in den Weg stellt, spürt seine Klinge. Er hat den Spleen, sein Messer, welches ihn schon in Afghanistan und Syrien begleitet hat, mit ins Bett zu nehmen. Messer ist untertrieben. Das Ding gleicht einer verdammten Machete und kann einen Mann wie ein Blatt Papier in zwei Teile schneiden.
»Wolltest du heute noch mal aussteigen?« Ratlos sieht Josh mich an und reißt mich aus meinen Gedanken. Mein Kumpel grinst schief und gibt mir stumm zu verstehen, dass es keinen Sinn macht, das Unvermeidliche weiter hinauszuzögern. Ergeben nicke ich und steige aus dem Wagen. Bevor ich mich in die Höhle des Löwen begebe, schnappe ich mir noch zwei der Papptabletts mit dem Kaffee und bitte Josh, den Rest mit reinzubringen. Dann atme ich tief durch und stiefele entschlossen durch die finster aussehende Menge an Bikern, die vermutlich alle noch nicht mal im Bett waren. Zum Glück geht es mir viel besser als gestern Nacht. Die anderen dürfen nie erfahren, dass mich dieser Snob Cole, oder wie er hieß, in dem Club fast in die Knie gezwungen hat. Aber das werden sie auch nicht.
»Morgen«, brumme ich zur Begrüßung. »Kaffee kommt.«
Ich bin einer der größten und stärksten Männer im Club und daher habe ich einen gehörigen Respekt-Vorschuss. Deswegen wurde ich schon oft mit eingesetzt. Leider bin ich dennoch nach knapp sieben Jahren als Hangaround und Prospect immer noch kein festes Mitglied. Der President-Wechsel hat auch nicht dazu beigetragen, dass es schneller geht. Ice scheint mir noch nicht genügend zu vertrauen, auch wenn er mich, als der ehemalige Sergeant at Arms des Clubs, schon lange kennt. Ich vermutete, dass er sogar ein wenig Angst vor meinem Potential hat. Trotz aller Schikane lasse ich ihn niemals hängen, obwohl ich ihn nicht mal mag und übe mich in Geduld. Ich habe ohnehin keine andere Wahl.
Als ich den verqualmten Vorraum des Clubs betrete, in dem sich auch direkt die Bar befindet, lasse ich mir meine Furcht nicht anmerken. Ein paar der Member schlafen auf dem Boden, während andere ihre Köpfe auf den versifften Tischen gebettet haben. Es stinkt und wirkt wie ein Schlachtfeld. Angewidert stelle ich fest, dass ich wohl die beste Nacht bei der reichen Tussi im Gästezimmer hatte. Jasmine. Obwohl mir die Braut völlig egal ist, frage ich mich, was sie wohl denkt, wenn sie ein leeres Zimmer vorfindet, nachdem sie aufgestanden ist.
»Da ist ja der kleine Pisser!« Ice fletscht die Zähne, was er immer tut, wenn er glaubt zu lächeln. Seine Pupillen sind kaum vorhanden, was nichts Gutes verheißt. Wie immer zolle ich ihm den nötigen Respekt, doch im Inneren halte ich wenig von ihm. Allerdings bin ich nicht in der Position, mich ihm entgegenzustellen. Ich wüsste nicht, was ich tun soll, wenn er beleidigt wäre und mich rauswerfen würde. Zwar verdient Carly mittlerweile gutes Geld, um für sich selbst zu sorgen, aber meine Mutter ist total abgewrackt und auf meine Unterstützung angewiesen, damit sie nicht auf der Straße landet.
»Ice!«, begrüße ich ihn und nicke ihm zu. Den Kaffee stelle ich auf den Tresen, an dem er sitzt und eine raucht. Dann fahre ich mir über den Kopf und sehe ihm direkt in die Augen. »Ich habe Scheiße gebaut. Was kann ich tun, um es gutzumachen?« Spiele zu spielen ist nicht mein Ding. Wenn man etwas tut, muss man immer mit den Konsequenzen leben.
»Wo ist Carly?« Reed mischt sich ein und funkelt mich böse an.
»Weg. Keine Sorge. Ihr werdet sie hier nicht mehr sehen.«
»Das will ich hoffen! Und wenn die kleine Schlampe sich doch hierherwagt, dann reiße ich dir deine Eier ab! Kapiert?«
Ich nicke lässig. »Sicher, Bruder.«
Ice beobachtet die Szene stumm. Er scheint noch immer zu überlegen, was die gerechte Strafe ist, wenn man seine Familie verteidigt. Denn auch er weiß, wie Reed tickt, und dass ich im Prinzip keine andere Wahl hatte, als mich mit Carly zu verpissen. Sein Bruder Snow, der ihm unheimlich ähnelt, aber viel weniger psychopathisch ist, gesellt sich zu uns. Snow ist weit weniger brutal, wie sein großer Bruder, aber nicht minder konsequent. Und nur deswegen ist er der Vice-President. Nicht, weil er der Bruder von ... ist. Ich straffe die Schultern und strahle Stärke aus, denn ich will mir nicht anmerken lassen, wie viel Schiss ich habe, rauszufliegen.
Ice drückt seine Kippe in einem bereits überquellenden Aschenbecher aus und fährt sich mit den Fingern nachdenklich über sein glattes Kinn. »Liebst du diesen Club, Paul?«
»Mehr als mein Leben«, versichere ich mit fester Stimme. Ich baue mich auf, so gut ich kann, um meinen Worten Gewicht zu verleihen. Immerhin warte ich sehnsüchtig darauf, ein Full-Member zu werden.
»Mehr als dein Leben.«
Sein eiskalter Blick bohrt sich in meinen und er erhebt sich. Langsam wie ein Raubtier, welches sich an seine Beute heranschleicht, kommt er auf mich zu. Er tippt mich provozierend auf den Brustkorb.
Angewidert blähe ich mit den Nasenflügeln, da er stinkt wie eine Schnapsfabrik. Ich hasse die sauren Ausdünstungen, die der Alkohol auf Menschen hinterlässt. Dazu sein ranziger Atem und ich würde ihm am liebsten vor die Füße kotzen. Doch ich stehe wie ein mächtiger Ahornbaum vor ihm und zucke nicht mit einer Wimper. Ice ist höchstens zehn Jahre älter als ich und schon so kaputt. Widerlich.
»Mehr als mein Leben«, wiederhole ich geduldig.
Wir liefern uns ein Blickduell und ich überlasse ihm den nächsten Schritt. Keine Ahnung, was ihm für eine Laus über die Leber gelaufen ist, aber offensichtlich hat er mich heute komplett auf dem Kieker.
Hinter uns räuspert sich Snow und spült seinen Frosch im Hals mit dem Kaffee, den ich dank Josh mitgebracht hatte, herunter. »Lasst die Scheiße! Sind wir im Kindergarten?«, blafft er. »Ice, sag dem Prospect, was du zu sagen hast und dann lass uns abhauen! Ich will nur noch pennen!«
Ice schubst mich von sich, doch zum Glück bleibe ich standhaft. Dass mein Herz wie wild schlägt, bekommt hoffentlich keiner mit, denn ich gebe mir Mühe, mir weiterhin nichts anmerken zu lassen. Doch statt Furcht ist es nun Wut, die meinen Körper durchflutet. Fuck, ich hasse nichts mehr, als mich sprichwörtlich herumschubsen zu lassen. Ich fange Snows Blick auf. Er zwinkert mir kurz zu und ich entspanne mich augenblicklich. Wir mögen uns, und wenn Snow etwas zu tun hat, darf ich ihn ebenso wie Ice begleiten.
Ice stiert mich an und ich rechne fest damit, dass er mich erneut angreifen wird. Vermutlich ist er high, so aggressiv wie er ist, und hat seit Tagen nicht geschlafen. Und genau wie ich dachte, stürmt er auf mich los und schlägt in Richtung meines Gesichtes. Auch wenn er der Pres ist – verdammt, ich ducke mich und schlage instinktiv zurück. Meine geballte Hand landet direkt in seiner Fresse und ich setze einen nach. Dann schnappe ich ihn mir und bringe ihn zu Boden. Gerade will ich ihm einen weiteren Kinnhaken verpassen, da fällt mir ein, wen ich da gerade aufmische. Ich spucke auf den Boden und lasse von ihm ab. Adrenalin jagt durch meinen Körper und ich muss meine ganze Willenskraft einsetzen, um mich nicht wieder auf ihn zu stürzen.
Perplex rappelt Ice sich auf und greift sich an seine nunmehr blutige Nase. Eigentlich würde ich ihm gern sein dummes Grinsen aus der Visage hauen, doch noch immer halte ich mich zurück. Sich zu verteidigen ist die eine Sache, dem President des MC die Fresse einzuschlagen, eine andere.
Die Atmosphäre ist zum Zerreißen gespannt und jeder anwesende Mann hält die Luft an. Eine unheimliche Stille liegt auf dem Clubhaus und mein Blick bohrt sich fest in den von Ice.
Snow, wie ich im Augenwinkel beobachte, kratzt sich seelenruhig mit seinem eigenen Messer den Dreck unter den Fingernägeln weg und beachtet uns scheinbar nicht. Das ist gut für mich. Denn meine Brüder würden Hackfleisch aus mir machen, wenn er ein Zeichen dazu geben würde. Doch ich würde sogar wagen, zu behaupten, dass Snow gefällt, was er sieht.
Ice berappelt sich und fuchtelt wild mit seinem Zeigefinger auf und ab. Er weiß, dass ich ihn fertigmachen könnte, daher ändert er scheinbar seine Strategie.
»Alle Achtung!«, brüllt er vermeintlich lässig und versucht so, sein Gesicht zu wahren. »Du hast den Test bestanden, Paul!« Er lacht dreckig und sieht dann Beifall erhaschend in die Runde.
Snow sieht kurz auf. Offenbar war es nicht das, was Ice mir ursprünglich sagen wollte, wenn ich Snows Gesichtsausdruck richtig interpretiere.
Ice lacht und kommt zu mir.
Verblüfft registriere ich, dass er mir die Hand reicht. Ich ergreife sie und kann nicht verhindern, dass ich ebenfalls ein Lächeln auf den Lippen verspüre.
»Wer die Eier hat, mir Paroli zu bieten, seine Cousine vor dem irren Reed verteidigt und trotzdem behauptet, den MC mehr als sein Leben zu lieben, der hat sich einen Platz bei uns verdient.« Ice lässt meine Hand los und sieht erneut in die Runde. »Ich denke, jetzt wo du endlich Eier zeigst, bist du bereit für die wirklich wichtigen Aufträge.« Ich fixiere meinen Anführer und bin gespannt, was nun kommt. »Wenn du das nicht verkackst, werden wir Ende des Monats darüber abstimmen, ob du aufgenommen wirst. Einverstanden?«
Dankbar, dass er fair ist und nicht etwa beleidigt, nicke ich. Wenn ich eher gewusst hätte, dass er nicht auf eine gewisse Unterwürfigkeit steht, hätte ich mich schon viel früher behauptet.
»Was soll ich tun?«
»Komm mit!«, fordert er mich auf und winkt in Richtung unseres Sitzungsraums, den ich eigentlich nicht betreten darf. Begleitet von Snow, Reed sowie ein paar bekannten Gesichtern mit bedeutenden Patches auf den Kutten betrete ich das Herzstück des MCs und setze mich an den Tisch. Ice zündet sich eine Zigarette an und spricht, als der Letzte die Tür fest verschlossen hat.
»Du wirst zusammen mit Bono und Stitch zu ›McLane, Tremblay & Bloomberg LLP‹ fahren und dort unsere Ware abholen. An Neujahr wird keiner von den Wichsern im Büro sein und ihr solltet unsere Ware ungesehen dingfest machen können.«
Ich nicke. So weit, so gut. Denn immerhin ist Xavier ein alter Bekannter von mir.
Ice pustet Rauch aus. Er wirkt viel entspannter als noch vor ein paar Minuten. Trotz seines Friedensangebotes ist er mir immer noch zuwider.
Als ich vor Jahren, während der Schulzeit, in einer Autowerkstatt meines Onkels gearbeitet habe, war mein Boss auch ein unerträglicher Choleriker. Damit muss man sich anfreunden, solange man nicht selbst der Chef ist. Dass er mein Onkel war, hat es nicht besser gemacht.
Mit fünfundzwanzig bin ich ohnehin zu jung für eine Führungsposition, muss noch viel lernen, sodass ich mich wohl noch eine Weile fügen muss, bis ich genug Erfahrung habe, um selbst Verantwortung übernehmen zu können.
Zunächst werde ich also jeden Job annehmen, den sie mir auftragen.
»Wenn ihr das Zeug habt, werdet ihr es aufteilen und verkaufen. Vergesst nicht, dass der Penner Thorne seinen Anteil bekommt, den ihr in der Kanzlei deponieren werdet. Immerhin hat er seinen Job bisher ganz gutgemacht.« Ice schnaubt angepisst und drückt die Kippe so fest aus, dass er sie komplett zermatscht. Mike Thorne ist sein ehemaliger Boss. Und genau so ein psychopathisches Arschloch wie er. Er war Kommandant in seinem SEAL Team und ist nicht der netteste Zeitgenosse, soweit ich es mitbekommen habe.
Scheiße regnet immer von oben nach unten, kein Wunder, dass Ice so ätzend ist. Er hat es selbst nie anders erfahren und offenbar kein Interesse daran, ein besserer Mensch zu sein. Ich sehe das anders und würde mich nie auf das Niveau meines cholerischen Bosses herablassen, wenn ich selbst mal dran bin, die Führung zu übernehmen.
Ice erklärt uns die Details, wie der Drogenumschlag ablaufen soll, und ich präge mir alles so gut, wie möglich ein. Ich will keinen Fehler machen, auch wenn es mir widerstrebt, was man mir aufträgt. Ich weiß allerdings von Carly, wie es abläuft und auch, dass der MC vorerst auf diese Einnahmequelle angewiesen ist. Dennoch kann mich niemand davon abbringen, dass ich Drogen und auch Alkohol hasse wie die Pest. Der Scheiß zerstört Leben.
Äußerlich cool, höre ich zu, nicke an den richtigen Stellen und träume von der Street Bob und dem besseren Leben, welches ich bald durch diese Aktion haben werde. Ich werde ordentlich beteiligt, was mich auf jeden Fall motiviert, über meine Prinzipien hinweg zu sehen.
Und warum auch immer, schiebt sich ein süßes Gesicht, umrahmt von blonden Haaren und mit lindgrünen Iriden, die von perfekt gezupften Brauen umrandet werden, vor mein inneres Auge.
Was Jasmine in meinen Tagträumen zu suchen hat, verstehe ich nicht, aber fuck, immerhin hat sie ein heißes Fahrgestell, und mein Schwanz vergisst nun mal ebenso wenig, wie mein viel zu wenig ausgelastetes Gehirn.

Nachdem die Sitzung beendet ist, fahren Bono, Stitch und ich zu ›McLane, Tremblay & Bloomberg LLP‹. Der verrückte Strafverteidiger mit der Automacke und seine schnöseligen Kollegen liegen sicher in einer teuren Hotelsuite, um ihren Champagner-Rausch auszuschlafen, und so können wir unsere Ware in aller Ruhe dort ausräumen. Soweit ich weiß, wissen die anderen beiden Clowns nichts von Xaviers kleinem Nebenverdienst, daher nutzen wir deren Abwesenheit. Zum Glück konnten wir ihm einen Schlüssel abnehmen, das macht alles einfacher.
Bono, als das ranghöchste Mitglied, kümmert sich darum, den Anteil für Thornes letzte Begleitfahrt im Aktenschrank zu deponieren. Außerdem teilt er die Drogen auf. Ein Teil geht an einen Michael Heat von der Highlights-Escort-Agentur.
Ächzend verstaue ich kiloweise Koks in unserem Van. Ich weiß gar nicht, was mich mehr ankotzt: Die Tatsache, dass ich den Scheiß zusammen mit den Dealern verkaufen muss, oder dass Carly da irgendwie mit drinhängt. Sie erzählt oft von den Proben, die auf diversen Partys an die Kunden verteilt werden.
Bisher war ich nicht wirklich ins Drogengeschäft involviert, weil das normalerweise Chefsache ist. Zwar war ich zu Beginn mit Ice bei Xavier, aber da ging es im Prinzip nur um … sagen wir, Formalitäten. Doch ich muss sagen, dass ich das eigentlich gut fand. Dieser Thorne, der plötzlich ständig seine Pfoten im Spiel hat, ist ein riesiges Arschloch und ich brauche wirklich nicht noch mehr davon in meinem Leben. Aber es nützt nichts. Auf meinem Weg mit meinem Ziel vor Augen, tue ich, was Bono sagt, und nicke alle Anweisungen bezüglich der Verkaufsstrategie ab.
Je schneller wir fertig sind, desto eher komme ich ins Bett. Mein Schädel dröhnt und ich könnte im Stehen einschlafen. Dank der Tabletten von Jasmine geht es, aber ich will diese blöde Erkältung so schnell wie möglich loswerden, um wieder voll einsatzfähig zu sein. Und Schlaf ist einfach die beste Medizin.
Es dauert bis in den frühen Nachmittag, als ich endlich die Kurve kratzen und nach Hause fahren kann. Und das auch nur, weil gestern alle kräftig Silvester gefeiert haben und damit heute einen höllischen Kater streicheln müssen. Auch wenn ich diesem Tag keine weitere Beachtung schenke, kommt es mir heute zugute. Denn normalerweise hätte ich mit Sicherheit noch losziehen und etwas an die Dealer verteilen müssen. Aber die Clubs und das öffentliche Leben haben an diesem verschneiten Samstag eine Pause, die mir ein paar Stunden Freiheit verschafft. Ich werde nie verstehen, warum alle einen Tag im Leben brauchen, um sich einzureden, dass sie sich endlich ändern wollen. Diese Narren! Gedanklich rede ich mich in Rage.
Mal ehrlich, was soll dieser Zirkus? Wenn du abnehmen willst – nimm ab! Du willst mit dem Rauchen aufhören? Fein! Tu es, verdammt! Kein beschissener Tag dieser Welt macht einen besseren Menschen aus dir, wenn du nicht einfach anfängst!
Ich atme tief durch und mahne mich selbst zur Ruhe. Gedanklich sage ich mir immer mein Mantra auf, um meine innere Unruhe einzudämmen. Oft kann ich nichts gegen meine aufwallende Aggression tun, aber manchmal hilft es mir, wenn ich mir die folgenden Worte aufsage:
»Wenn du den inneren Schmerz nur lang genug erträgst, wirst du eines Tages der Sieger sein.«
Das ist es, was ich will: zuerst der Anführer und dann der König sein. Denn dann wird niemand mehr über Paul Wilson lachen und ihn in der Gegend herumschubsen! Und inneren Schmerz habe ich weiß Gott genug, um damit der König der Welt werden zu können! Aber es bringt eben nichts, sich um andere Leute einen Kopf zu machen. Jeder soll tun, was er für richtig hält, und ich fokussiere mich ausschließlich auf mich.
Nachdem ich mich beruhigt habe, schnappe ich mir meinen Helm und die Schlüssel. Halbwegs gut gelaunt verabschiede ich mich von Josh und verabrede mich gegen acht mit ihm zum Essen.
Zum Glück darf ich mein Bike mitnehmen und erfahre keine weiteren Konsequenzen durch Reed. Zu meinem Appartement in Strathcona ist es nicht allzu weit und ich höre mein Bett schon rufen.
Kaum, dass ich mich auf das Bike geschwungen habe, ärgere ich mich über den verdammten Schnee. Eigentlich sind die Winter in Vancouver vergleichsweise mild, aber dieses Jahr ... Fuck. Fast rutsche ich weg. Konzentriert ordne ich mich in den fließenden Verkehr ein. Ein paar Minuten genieße ich den eisigen Fahrtwind, bis mir einfällt, dass ich seit Tagen nichts mehr von meiner Mom gehört habe. Ich halte kurz vor der Abzweigung, die ich hätte nehmen müssen und checke mein Handy. Leider ist keine Nachricht von Noreen Wilson dabei. Hätte ja sein können, dass ich sie im Suff übersehen habe.
»Verdammt Scheiße!«, fluche ich laut und sehe mich um. Als die Straße frei wird, brettere ich darüber, um statt nach Strathcona in die Nähe von Downtown zur East Hastings Street zu fahren. Krampfhaft versuche ich, mich zu erinnern, wann ich überhaupt das letzte Mal etwas von meiner Mom gehört habe, die ausgerechnet in diesem beschissenen Viertel, in Kanadas Drogenhochburg lebt.
Vor ihrem Appartementhaus angekommen, streife ich den Helm ab und blicke angewidert auf die schmutzigen Gestalten, die sich mitten auf der Straße einen Schuss setzen. Ich bin hier aufgewachsen, zwischen hunderttausend Junkies und Säufern. Ohne jede Perspektive oder Hoffnung. Einzig das Elend, was mich jeden Tag aus seinen fahlen Augen angestarrt hat, hat mich davon abgehalten, selbst zum Junkie zu werden, auch wenn ich natürlich mal was probiert habe, um all das hier ertragen zu können. Meine Mom war leider nie so stark und ist komplett abgerutscht. Und heute habe ich ein seltsames Gefühl, als ich bei ihr vor der Tür stehe.
Wie ein Irrer drücke ich den Klingelknopf. Nichts passiert, also krame ich den Schlüsselbund aus der Seitentasche meiner Cargohose und öffne mir selbst. Mein Herz schlägt noch ein wenig schneller als ich die Stufen zu der Dachgeschosswohnung hinaufjage. Ich rede mir ein, dass das nur an der blöden Erkältung liegt. Es wird schon nichts passiert sein. Immerhin ist Noreen wie Unkraut. Es vergeht nicht. Zwar säuft sie wie ein Loch, aber sie hat sogar noch einen Job an der Tankstelle, wo sie sich mehrmals die Woche hinschleppt.
Hastig poltere ich durch die Wohnung. Es stinkt und immer wieder muss ich würgen. Als ich das letzte Mal hier war, roch es zwar wie in der Schnapsfabrik, aber weder nach Urin noch nach Gras. »Mom?! Wo steckst du?«
Sie war vermutlich die schlechteste Mutter aller Zeiten, aber verfickte Scheiße! Sie ist meine Mutter! Und sie hat es immerhin versucht. Hat es sogar geschafft, mich an der Saint Patrick High School, eine der besten Schulen in der Nähe Downtown Eastsides, anzumelden. Ist ja nicht ihre Schuld, dass ich die kurz vor dem Abschluss geschmissen habe, um Geld zu verdienen.
Ich werde immer vorsichtiger, als ich die kleine Wohnung fast durchquert habe und auf ihr Schlafzimmer zusteuere. Früher war das mein Zimmer, aber seit ich dem MC beigetreten bin, habe ich es ihr überlassen und mir eine eigene Bude gesucht. Mein Puls galoppiert mir fast davon, als ich die leicht offenstehende Tür weiter aufdrücke. Erneut erfasst mich eine Welle der Übelkeit und fast kotze ich auf den ohnehin widerlichen Teppich. Die Gardinen sind verschlossen und eine Gestalt liegt regungslos auf dem unordentlichen Bett. Würgend trete ich an meine ehemalige Schlafstätte und berühre die Frau, die kaum noch Ähnlichkeit mit meiner Mom hat.
»Mom?« Ich rüttle vorsichtig an ihr, ob sie ansprechbar ist. Ihre Haut fühlt sich kalt und irgendwie schwammig an und ich kann nicht mehr verhindern, dass mich Panik erfasst. »Mutter! Ich bin’s Paul!« Sie rührt sich nicht.
Damit ich einen besseren Überblick bekomme, lasse ich von ihr ab, reiße die Gardinen auf und öffne das Fenster. Gierig sauge ich einen Schwall frische Luft ein, bevor ich den Atem anhalte und mich auf meine Erzeugerin stürze. Sie hat sich übergeben und wirkt komplett heruntergekommen. Da ich zumindest keine äußeren Verletzungen erkennen kann, hebe ich sie behutsam vom Bett und lege sie auf den Boden. Ich hole mein Handy heraus und halte es ihr vor den Mund. Es beschlägt. Sie atmet. Gott sei Dank. Sofort bringe ich sie in die stabile Seitenlage, auch wenn sie sich vermutlich nicht noch mal übergeben muss, und wähle den Notruf. Innerlich bin ich froh, keine Mund-zu-Mund-Beatmung machen zu müssen, wenn ich mir das Desaster um mich herum ansehe. Immer wieder checke ich ihren Puls, um ganz sicherzugehen, dass er noch da ist. Auch wenn er schwach ist, ist er vorhanden. Die Dame in der Notrufzentrale versichert mir, dass sofort ein Krankenwagen kommen wird, und fragt mich, ob sie dranbleiben soll, falls weitere Maßnahmen notwendig werden. Ich überzeuge sie, dass ich in Erste Hilfe ausgebildet bin und lege auf. Missmutig sehe ich mich um. Überall liegen Whiskyflaschen und Bierdosen herum. Sehr zu meinem Missfallen riecht es streng nach Gras und Zigaretten. Sicher, ich habe früher auch mal gekifft und war es, der das Zeug mit nach Hause geschleppt hat, aber Noreen ist doch eine erwachsene Frau, die es ihrem dämlichen halbstarken Sohn nicht hätte nachmachen sollen. Ich spüre, wie die Wut in mir fast überkocht, als ich zudem auch noch ein Tablett mit einer Nadel und weißen Pulverrückständen auf dem Bett finde.
»Verflucht, Mom«, murmle ich. Als wäre die Sauferei und Kifferei nicht schon schlimm genug! Ich hocke mich wieder neben sie und fahre mir mit den Händen über mein Gesicht. Fucking New Year. Genau das ... niemand ändert sich, nur weil ein neues Jahr mit ein paar Raketen begrüßt wird. Meine Wut verraucht dieses Mal fast von allein, dafür ist es eine tiefe Resignation, die mich überfällt. Zum Glück klingelt es an der Tür und die Sanitäter übernehmen. Ich fühle mich mies, frage mich, ob ich etwas hätte tun können, um das hier zu verhindern, aber verdammt, mir fällt nichts ein. Seit ich die Highschool geschmissen habe und dem MC beigetreten bin, geht es mir deutlich besser als zu der Zeit, in der ich bei Noreen gelebt habe. Wenn ich geblieben wäre und versucht hätte, ihr zu helfen, dann hätte diese toxische Umgebung mich bloß weiter in den Abgrund gezogen. Ich hasse Alkohol und verabscheue Drogen und doch ist mir beides leider nicht fremd.
Mit leerem Kopf beantworte ich die Fragen der Sanis und sehe zu, wie sie abtransportiert wird. Innerlich kapsle ich mich ab, denn ich will den ganzen Scheiß nicht. Will diese Gefühle nicht, die diese Situation in mir auslöst. Mein Leben lang schon, muss ich mir Sorgen um sie machen! Es ist zu viel!
So traurig ich auch bin und so sehr ich auch ein schlechtes Gewissen habe, weil ich mein Geld ebenso unter anderem mit dem Verkauf von Drogen verdiene, so sehr sage ich mir auch, dass jeder eine Wahl hat. Wenn ich mir die ekelhafte Wohnung meiner Mutter so reinziehe und das Elend unten in der Straße, stehe ich definitiv auf der besseren Seite. Nicht auf der Richtigen, aber immerhin.
Nachdem sie Noreen weggeschafft haben, sehe ich mich noch kurz etwas um. Offenbar hat sie alles zu Geld gemacht, was wir noch hatten, denn die Wohnung wirkt kahl und kalt. Ich stütze mich auf dem Küchentresen auf und überlege, was ich jetzt tun soll.
Schweren Herzens verlasse ich diese Bude, fast ohne jede Emotion. Es ist das fünfte Mal, dass ich ihr das Leben gerettet habe – ich denke, das reicht. Geld würde sie nur verprassen, jetzt, da sie offenbar auch Härteres braucht, um den Tag noch herumzukriegen.
Ich sehe ein letztes Mal mit einem mulmigen Gefühl zurück, als ich die Tür hinter mir zuziehe. Einzig meinen Schlüssel habe ich von meinem Bund abgemacht und ihr auf den Küchentresen gelegt.
Als ich auf die Straße trete, fällt mir wieder ein, wie sauber und rein das Appartementhaus war, in dem Jasmine lebt. Irgendwie hat mir das gefallen. Diese cleane Umgebung hat meinen Geist beruhigt und obwohl die Nachbarn vermutlich täglich die Bullen wegen eines tätowierten Arschlochs wie mir rufen würden, würde es mich reizen, in Oakridge zu wohnen. Ich ziehe mir den Helm auf, verscheuche einen Kerl, der mich um Geld anbetteln will, und fahre los. Immer wieder schiebt sich währenddessen Jasmines Gesicht in mein Gedächtnis. Ich verstehe gar nicht, warum es mir die Tussi so angetan hat, denn immerhin haben wir nicht mal gefickt. Ich weiß also gar nicht, ob sie es überhaupt wert ist. Vermutlich ist sie wirklich nur eine verwöhnte Göre, die ihrem Bubi-Freund eins reinwürgen wollte.
Klar, ich hätte nach ihrer Nummer fragen können, aber wer bin ich den, dieser Rich Bitch hinterherzulaufen?
Mein Mantra im Kopf aufsagend, erreiche ich endlich mein eigenes Zuhause. Auch ich lebe nicht sehr luxuriös, aber im Vergleich zu der Wohnung meiner Mom ist meine Einzimmerwohnung das reinste Paradies. Zweimal im Monat kommt Abbey, eine der Mädels aus dem Clubhaus, vorbei und hilft mir beim Saubermachen. Dafür revanchiere ich mich bei ihr mit einem selbstgekochten Abendessen und einem ausgiebigen Fick. Die Kleine steht total auf mich, aber sie respektiert, dass ich nichts Festes will.
Völlig erschöpft springe ich unter die Dusche und haue mich dann noch eine Stunde aufs Ohr. Die Verabredung mit Josh will ich auf keinen Fall sausen lassen, denn ich brauche heute wirklich noch einen Freund, mit dem ich quatschen und den Alltag etwas vergessen kann. Denn so sehr ich dem Ziel auch entgegenfiebere, der Weg dorthin ist nicht immer einfach.
Darmowy fragment się skończył.