Czytaj książkę: «Faulfleisch»
Faulfleisch
von Vincent Voss
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© 2013 by Verlag Torsten Low,
© 2012 by Verlag Torsten Low, Rössle-Ring 22, 86405 Meitingen/Erlingen
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Umschlaggestaltung und Illustrationen: Chris Schlicht
Lektorat und Korrektorat: D. Höhne
Satz: T. Low
ISBN der Druckausgabe: 978-3-940036-17-9
ISBN der EBookausgabe: 978-3-966291-04-0
Inhalt
Der Mistkater
Kindergarten
Nackter Mann mit Gummiball
Der Gerichtsmediziner und das Böse an sich
Tim, der Nachbar und Hübi
Hund auf zwei Beinen und Frau Schäfer, die Vogelfrau
Tod reimt sich auf Abendbrot
Das Böse an sich und der Gerichtsmediziner
Rasiertes Guatemala
Liams Medley
Beratungsgespräch
Alle Vöglein sind schon weg
Der Doktor kommt
Essen auf Rädern
Guatemala-Krise
Der Teufel ist los
Matthias hat Montag frei
MONTAG
Pan im Moor
Familienleben
RTW
Eine Verabredung
RTW Drei
Alarm am Königshof
Tim bereitet sich vor
Dienstag
Der Mistkater
Beim Blick aus den Doppelglasscheiben auf das Wäldchen in seinem Garten wurde ihm unwohl. Er vergewisserte sich, ob das Fenster auch tatsächlich geöffnet war. Selbst durch konzentriertes Lauschen hörte er nichts. Die Kiefern- und Tannenzweige wiegten sich im Wind, aber der Wind erzeugte mit ihnen keine Laute. Auch kein hergewehtes Motorengeräusch, nichts. Er stand allein in seinem Wohnzimmer. Er hörte sich atmen, wurde unruhig und schaute auf die Uhr über der Tür. 10:10 Uhr. Stille.
Wegen der Kinder waren sie auf das Land gezogen. Sein Sohn war im Kindergarten, seine Tochter mit seiner Noch-Frau bei ihren Eltern. Sie hatten sich wieder mal um nichts gestritten und er war gut darin, mit Gemeinheiten zu verletzen. Das Wissen darum brachte keine Abhilfe. Er war allein und wollte die Zeit mit Arbeiten verbringen, aber die ungewohnte Stille und seine herumschweifenden Gedanken warfen ihn seit zwei Stunden aus der Bahn. Es wirkte so tot.
In Hamburg hatten sie in der Nähe zum Kiez in einer Pärchen-Wohngemeinschaft gewohnt. Sein Zimmer hatte zum Hinterhof gelegen und dieser Hinterhof war ein reines Geräusche-und Laute-Biotop gewesen. Ein Streit im Nachbarhaus, der Gerüstbauer arbeitete in seinem Schuppen, irgendwer gegenüber hörte eine Operette. Selbst im kältesten und ungemütlichsten Winter drang ein akustischer Flickenteppich an sein Ohr. Jemand schloss sein Fenster, ein Bett wurde ausgeschüttelt, Schneeball werfende Kinder schrieen auf der Straße. Außerdem war es selten vorgekommen, dass er in der WG alleine gewesen war. Tim, sein Mitbewohner und Freund, hatte zu dieser Zeit Philosophie studiert. Vorwiegend hatte er sich zuhause in seinem Kellerzimmer aufgehalten, anstatt sein Studium im Hörsaal oder Seminarraum zu verbringen. Selbst Lesen erzeugte Geräusche, Tee wurde aufgesetzt, jemand ging auf die Toilette, alles zeugte von der Anwesenheit anderer.
Hier war nichts. Es schien ihm, als brauche er eine Geräuschkulisse zum Denken. 10:12 Uhr. Immer noch Stille, er seufzte und ging ins Arbeitszimmer. Mit der Maus vertrieb er seinen Bildschirmschoner. Alle vier lachend im Herbst am Nordseestrand. Seine Datenbank wartete auf Eingaben von ihm, doch ihm war nach Musik. Im Mediaplayer wählte er aus: Tinariwen. Er hatte sie vor kurzem in der Fabrik gesehen und mit ihnen fühlte er sich wieder in Gesellschaft. Er wog sich im Takt und bearbeitete seine Datenbank, doch seine Beklommenheit wollte nicht von ihm weichen. Das Gefühl konnte er nicht begründen. Seit sie auf dem Land wohnten, suchte es ihn heim. Immer, wenn er allein war. Eine Mischung aus sich beobachtet fühlen und einen Weltuntergang als einziger nicht mitbekommen zu haben.
Er erinnerte sich, dass er an einem Feiertag von seiner Oma zurückgefahren war, und nach der Autobahnabfahrt auf dem Weg nach Bargteheide über einige Dörfer keine Menschenseele, kein fahrendes Auto angetroffen hatte. Die Dörfer wirkten wie ausgestorben auf ihn. Vor der malerischen Abendsonne war eine düstere Wolkenfront aufgezogen. Im Radio hatte er die Informationsschleife von NDR-Info gehört und es beschlich ihn das Gefühl, einen atomaren Holocaust oder eine andere Katastrophe als einziger versehentlich überlebt zu haben. Während der zwanzigminütigen Autofahrt hatte er sich in eine Endzeitangst hinein gesteigert, die er offenbar bis jetzt konserviert hatte. Er kostete von dieser Angst und sie schmeckte ähnlich wie damals.
Er sah aus dem Fenster, lauschte und die lebhafte Musik von Tinariwen verlor ihre Wirkung auf ihn. Immer noch spielte der Wind mit den Zweigen, immer noch glänzte die orange- und rotfarbene Plastikrutsche in der Sonne als letztes Zeichen eines vergangenen Kinderlachens. Er stellte die Lautsprecher aus, um endlich etwas hören zu können, aber es war nach wie vor still.
Um 10:16 Uhr erschrak er sich, als der Kater der Nachbarn auf den Fenstersims sprang und ihn anstarrte. Der Kater miaute, richtete sich auf und streckte eine Pfote durch den Fensterspalt. Liam lachte nach dem Schreck auf. »Mistvieh!«, er stand auf und spielte mit der Katerpfote, indem er sie antippte und versuchte, sich nicht von den Krallen erwischen zu lassen. Der Kater war schneller und zog ihm an der Seite seines Zeigefingers einen blutenden Kratzer zu. »Verdammt!«, fluchte Liam und sog sich im Reflex das Blut aus dem Finger. Der Kater schnurrte und tastete mit seiner Pfote umher. In einem Anflug von Wut dachte Liam daran, das Fenster zu schließen und dem Kater die Pfote zu klemmen, aber letztlich siegte die Einsicht. Er hätte wissen müssen, dass der Kater schneller sein würde.
Liam fiel Blut im weißen Fell des Katers auf. Das Kinn und auch die nadelspitzen Zähne zeigten Restspuren einer blutigen Mahlzeit. Liam lutschte an seinem Finger, ging zum Medizinschrank und desinfizierte die Wunde. Er bestrich sie mit Jodsalbe und klebte ein Pflaster darauf. Währenddessen überlegte er, wo so ein Kater vom Land sich seine Mahlzeiten besorgte und keiner der Gedanken war appetitlich zu nennen.
Kindergarten
12:00 Uhr. Liam fuhr den Rechner runter und sortierte seine Schmierzettel zu zwei Stapeln. Er hatte trotz der Stille arbeiten können, allerdings plagte ihn jetzt eine schmerzende Melancholie. Warum hatte er den Streit so eskalieren lassen? Andererseits sah er sich nicht in der Rolle, den ersten Schritt der Versöhnung zu gehen. In diesem Dilemma steckte er häufig. Die Ursache des Streits lag in Sandras Verhalten ihm gegenüber, aber er vermochte es nicht, es ihr zu erklären. Sandra wies alle Schuld von sich und brachte ihn in die Position, sie mit unfairen Äußerungen sticheln zu wollen, um ihre Arroganz zu brechen. Dabei brachte sie ihn mit ihrer unterkühlten Art und er sich dadurch, dass er es ihr nicht erklären konnte selbst dermaßen in Rage, dass er nicht aufhören konnte. Es tat ihm Leid und gleichzeitig ärgerte er sich darüber, alle schlagkräftigen und berechtigten Argumente durch seine aufbrausende Art vernichtet zu haben. Wie immer würde er sie irgendwann anrufen und um Verzeihung bitten. Ihr täte es auch Leid, würde sie dann sagen, aber an den entscheidenden Punkten ließe sich aus seiner Sicht nicht mehr arbeiten.
Er zog sich die Schuhe und seine Jacke an, nahm den Autoschlüssel vom Klemmbrett beim Telefon, schloss die Tür hinter sich zu und verharrte. Er hörte die blattlosen Birkenzweige der drei auf dem Wall stehenden Birken leise knistern, spürte die Kälte in seinem Gesicht und sonst: Nichts.
Er wohnte auf dem Hofgrundstück des Bürgermeisters, der eine historische Bäckerei zu vier Wohneinheiten umgebaut hatte. Von seiner kopfsteinbepflasterten Hofeinfahrt konnte er bis auf die Einmündung einer Dorfhauptstraße sehen. Liam stand oft mit seinem Sohn am Küchenfenster und zählte vorbeifahrende Autos. Heute wäre ihnen langweilig geworden. Er schloss den Wagen auf, setzte sich und nach dem Starten des Motors schob er eine CD der Red Hot Chili Peppers ein und drehte lauter.
Ein Lied später stieg er auf dem Gemeindeparkplatz für Kindergarten- und Turnhallenbesucher aus seinem Wagen, schmiss die Tür zu und freute sich auf seinen Sohn. Ein Wagen fuhr ab, einer kam nach ihm und die Mutter von Franja grüßte ihn aus ihrem Auto bei der Ankunft. Er überlegte, ob sie gemeinsam zum Kindergarten gehen sollten, aber so nah stand er ihr nicht. Das Leben hatte ihn wieder. Er ärgerte sich zum wiederholten Mal über einen großen Geländewagen, der auf dem Parkplatz für Rettungswagen stand. Je nach Laune untermalte er seine Wut mit imaginären Vergeltungsaktionen, in denen er die Besitzer schmerzlich abstrafte. Dennoch überwog die Freude auf seinen Sohn, der bestimmt mit seiner Gruppe auf dem Spielplatz spielen würde. Er nahm den längeren Weg am Bürgerhaus vorbei. Die Krippenkinder spielten heute nicht draußen. Der im Schatten liegende Krippengarten lag verwaist hinter der noch nicht grünenden Buchsbaumhecke. Vom Platz zwischen dem Kindergarten und der Sporthalle hörte er Kinder und das Geräusch von schnell fahrenden Gummireifen auf Betonplatten. Nachdem er um die Ecke des Kindergartens kam, sah er die Betreuerinnen der Pinguingruppe, in der auch sein Sohn Jack, oder richtig Jonathan, betreut wurde. Sie trugen ihre Winterkleidung und Frau Kallenberg sah in ihrem Skidress und mit ihrer gebräunten Haut unverschämt gut aus. Er begrüßte sie und Frau Rankwitz deutete mit einem Nicken zum Beachvolleyballplatz, wo er aus einem Kinderknäuel Jack in seiner dunkelblauen Buddelhose erkennen konnte. Jack stand abseits und beobachtete die anderen beim Spielen. Liam seufzte. Es tat ihm weh, Jack im Kindergarten leiden zu sehen, aber Jack machte es ihnen auch nicht leicht. Er brauchte lange, um sich irgendwo wohl zu fühlen und im Kindergarten war er seit einem halben Jahr noch nicht richtig angekommen.
»Wie war es heute?«, fragte er Frau Kallenberg und stellte sich neben sie. Jack hatte ihn noch nicht gesehen, sonst wäre er auf Liam zugestürzt.
»Gut.« Sie nickte bestätigend. »Er hat heute mit den anderen gefrühstückt, wollte auch raus gehen, beim Stuhlkreis hat er sich etwas zurück gehalten.« Während sie mit ihm sprach, beobachtete sie Jack und überging seine von den anderen Kindern ausgegrenzte Position. Sie suchte den Blickkontakt zu Liam.
»Und er hat heute etwas farbenfroher gemalt, Grün und Gelb kamen in seinem Bild vor.« Sie lächelte ihn an, weil sie Jack mochte. Jack malte nicht gerne und wenn er malte, bevorzugte er dunkle Farben oder Schwarz. Liam fand daran nichts Ungewöhnliches, Schwarz war cool. Aber er besaß ein psychologisches Laienwissen, das ihm sagte, Kinder, die bevorzugt schwarze Bilder malten, hatten eine schlechte Kindheit gehabt und wurden womöglich geschlagen oder misshandelt. Glücklicherweise teilte Frau Kallenberg nicht diese Auffassung (oder sie zeigte es ihm nicht) und sie nahm Jacks Marotte mit Humor. Liam schüttelte verliebt mit hochgezogenen Augenbrauen den Kopf.
»Von mir hat er es nicht, meine Lieblingsfarbe ist Rosa«, scherzte er und winkte Jack hinüber, der ihn erkannte und mit den größten Schritten, die eine Gummibuddelhose zuließ, auf ihn zustürmte. Liam lachte. »Irgendwas vergessen heute?«, fragte Liam.
»Nee, war auch alles gut«, antwortete sie und beobachtete die Roller fahrenden Kinder. »Seit wann nennt er Sie eigentlich Liam?«, wunderte sie sich.
»Das hat er nach einer Harz-Reise auf der Rückreise beschlossen. Einfach so«, erklärte er. Frau Kallenbach schmunzelte.
»Dann bis morgen«, verabschiedete er sich. Jack stand atemlos neben ihm.
»Liam, weißt du was?«, strahlte er ihn an und forderte seine gesamte Aufmerksamkeit, »Lucie hat gesagt, ihr Lieblingstier ist eine Frikadelle. Dabei sind das doch keine Tiere, oder Liam?« Liam grinste, wuschelte seinem Sohn durch das Haar, holte mit ihm seinen Rucksack und ging, sich mit Jack über Frikadellen unterhaltend, zum Auto.
Bei den Mülleimern um die Ecke biegend sah er den großen, breiten Schatten von Cles oder Clemens Vater und hörte eine gepfiffene Melodie. Verdammt, dachte er, denn Cles Vater oder auch Hübi, was er jedem anbot, Liam aber kategorisch ablehnte, war ihm unangenehm. Hübi sah Liam, grinste und hatte ihn mit zwei Schritten erreicht.
»Na, Jonathans Vater!«, rief er ihm aus nächster Nähe zu und haute Liam auf seine linke Schulter. Jack versteckte sich hinter Liam.
»Hallo, Clemens Vater«, stieg Liam hilflos ein und vermied es, das kräftige Abklopfen bei diesem, zwei Köpfe größeren und doppelt so breiten, Mann zu einem Ritual werden zu lassen, indem er auch das Klopfen anfing. In einer Übersprunghandlung blickte er entschuldigend auf sein rechtes Handgelenk, an dem sich keine Uhr befand.
»He, nee wart’ mal!« Clemens Vater versperrte ihm den Weg.
»Deine Schuhe, ne sind das eigentlich Schuhe für Stubenhocker?«, wollte Clemens Vater grinsend von ihm wissen. Irritiert besah Liam seine Chucks, der rechte sah mitgenommen aus, in der Hacke war ein Loch. Wieso Chucks aber Stubenhockerschuhe sein sollten, wusste er nicht. »Wieso?«, entglitt es ihm unverzeihlich devot.
»Nur so«, grinste ihn Clemens Vater weiter an und gewährte Liam einen Blick auf das Innenfutter seiner Bomberjacke.
»Weil du ein Stubenhocker bist!« Clemens Vater haute ihm noch mal auf die Schulter und gab ihm den Weg mit einem Augenzwinkern frei.
Jack kam hinter Liams Beinen hervor und Liam schüttelte über seine eigene Hilflosigkeit den Kopf. Es gab Menschen in seinem Leben, mit denen konnte er nichts anfangen. Er mochte sie nicht, er mied sie, aber sie begegneten ihm immer wieder. Er fragte sich, ob er auch einen bestimmten Hasstypen für Menschen darstellte und sie in eine ähnliche Hilflosigkeit trieb, aber er hatte keine Idee.
»Liam?«, eröffnete Jack eine ihm wichtige Frage. »Hast du eigentlich Angst vor Clemens Papa?«
»Weiß nicht, kann sein.«
»Dann beiß ihn doch«, bot Jack als einfache Lösung an. ›Warum nicht?‹, dachte Liam, ›und den Geländewagenbesitzer beiß ich gleich mit.‹ Liam liebte seinen Sohn.
Nackter Mann mit Gummiball
Vier Tage später. Wieder war es die Stille, die Liam aus seiner Konzentration brachte. Mit einem Becher Milchkaffee in der Hand stand er vor seiner Terrassentür und versuchte, dieser Stille zu entkommen. Draußen sah es kalt aus, in der Nacht hatte es wieder Bodenfrost gegeben und ein dichter Nebel verschluckte sämtliche Farben.
Er nippte an seinem Kaffee und fasste den Entschluss, seine Arbeit zu unterbrechen, um nach Draußen zu gehen. Der Umsetzung seines Entschlusses gingen einige Vorbereitungen voraus. Seine vor zwei Jahren gekauften Trekkingschuhe, die bislang noch nicht zum Einsatz gekommen waren, fand er nicht in dem Schuhkarton auf dem Speicherboden, sondern bei der Zeltausrüstung in der Kammer. Er zog sich eine gefütterte Windjacke über und fröstelte sofort, nachdem er einen Schritt vor die Tür setzte und diese hinter sich zuschloss. Er nahm die Kälte als stimmig zur erdrückenden Stille wahr. Jedoch durchbrach er mit dieser geplanten Aktion seine Hilflosigkeit.
Nach der Hofeinfahrt bog er links auf die Straße ein. Das aufgestellte Sackgassenschild, hatte ihm sein Vermieter erklärt, sei nur dazu da, Ortsunkundige von einer Einfahrt in die Straße abzuhalten. Somit wurde die Straße nur von Anwohnern befahren und sie hätte angeblich die Qualität einer Spielstraße. Jack würde es im anstehenden Sommer ausprobieren.
Von den Anwohnern fehlte jegliches Lebenszeichen. Die Silhouetten der Einfamilienhäuser ließen sich im Nebel nur erahnen, Wasser sammelte sich in den Hecken an den Resten der letztjährigen Spinnennetze. In Gedanken plante er seine Route, und genoss es, vor neuen Entdeckungen zu stehen. Bislang kannte er nur den einen Weg, der ihn zur Steinbrücke über die Alster und von dort ins Moor führte. Zwischen dem vorletzten und dem letzten Haus auf der rechten Seite zweigte ein asphaltgranulierter Feldweg ab. Liam erinnerte sich an drei knorrige Bäume, die dort im Nebel stehen mussten und von seinem Nachbarn wusste er, dass dieser Weg zur dorfeigenen Kläranlage führen würde. Allein dieses Wissen ließ ihn den Hauptweg weitergehen.
Die Bewohner des letzten Hauses auf der rechten Seite waren ein Mann mit einem grauen Vollbart und seine Frau, die immer sehr früh in einem grünen Opel Corsa unterwegs war. Sie hielten sich eine Ziege und einen Esel und Jacks Wunsch war es, den Esel streicheln zu dürfen, der hinter dem Graben und dem Knick in seinem Gehege stand. Liams Ohren froren, und da er außer gelegentlichem Tropfen nichts hatte hören können, zog er sich seine Kapuze über.
Ungefähr vierhundert Meter später gabelte sich die Straße. Links führte der unbefestigte Weg auf die Straße zur Steinbrücke, rechts ging es weiter ins Unbekannte. Liam entschied sich für das Unbekannte. Neben dem Weg konnte er die Schemen von Bäumen sehen, und er fand eine Ordnung wieder, die er auch auf vorherigen Erkundungen hatte ausmachen können. Vereinzelte Bäume wurden in den Knicks bis zur vollen Größe stehen gelassen, der Rest durfte bis zu einer bestimmten Größe heranwachsen, ehe dem Knick ein Kahlschlag widerfuhr.
Nachdem der Weg mehrere rechtwinklige Kurven beschrieb, standen am Wegrand den Umrissen nach etliche großgewachsene Bäume. Eichen. Eine Biegung später führten vom Weg tiefe Treckerspuren bis zu einem Gatter ab und die Asphaltierung des Weges endete hier. Weiter ging es auf einen Feldweg, der nur aus zwei Reifenspuren bestand. Vereinzelnd standen Pfützen in den Spurrinnen, die Liam mit seinen Trekkingschuhen durchschritt. Eine Abenteuerlust packte ihn und ebenso eine romantische Furcht vor dem Ungewissen. Er allein im Nebel, seit einer Dreiviertelstunde keine Anzeichen von Zivilisation. Sein cineastisches Gedächtnis spülte Szenen aus dem Film »American Werwolf« hervor, und er genoss den dadurch erzeugten Schauer. Er blieb stehen und lauschte. Nichts. Nur er. Sein Herzschlag. Er beobachtete eine Weile seinen kondensierten Atem, ehe er weiter voran schritt.
Der Baumbewuchs wurde lichter und lichter und die übriggebliebenen Bäume fügten sich durch ihr verkrüppeltes Aussehen nahtlos in seine Stimmung. Es wurde morastiger, und er deutete es ohne wirkliche Orientierung als Nähe zum Moor. Er überprüfte seine These, indem er zum Urinieren den Weg verließ und nach nur zwei Schritten auf einen Graben stieß, der bis zum Rand mit schwarzem Wasser stand. Genüsslich pinkelte er ins Wasser, und fast wäre es ihm zu laut geworden. Er schüttelte sich, zog den Reißverschluss zu und ging weiter. Seinem Handy nach war er etwas über eine Stunde unterwegs, ohne auf einen Menschen getroffen oder aber auf ein Haus gestoßen zu sein. Er konnte sich nicht an eine ähnliche Erfahrung erinnern und als Reaktion auf diese Erkenntnis schüttelte er den Kopf.
Später stand er auf einer verwitterten Holzbrücke und bedauerte, dass er nicht mehr urinieren musste. Unter ihm kroch auf drei Metern Breite dunkles Wasser entlang. Er knickte Strauchwerk ab und ließ es unter die Brücke treiben. Auf der anderen Seite wartete er, bis es wieder auftauchte und sah ihm nach. Wieder und wieder schickte er Halme und kleinere Äste durch die Brücke bis ein Strauchgutkonvoi im Nebel verschwand. Es schien ihm, als hätte es ihm früher einmal mehr Freude bereitet, als hätte diese Handlung eine größere Spannung beinhaltet und jetzt wiederholte er sie nach Jahren, ohne um das Geheimnis des Reizes zu wissen. Er warf den letzten Ast ins Wasser und verließ die Brücke auf der anderen Seite.
Verharrte, denn hier endete der Weg. Er stand auf einer Wiese und schon nach den ersten Schritten war er bis zu den Knöcheln im Morast versunken. Absichtlich wartete er und sah zu, wie sich um seine Schuhe das Wasser sammelte. Im Inneren blieben seine Füße trocken und er lobte sich seine Anschaffung. Spätestens jetzt hatte sich die Investition ausgezahlt. Mit einem Ruck zog er seine Füße aus dem Morastloch und stellte sich auf ein sicher wirkendes Gräserbüschel, ohne ein weiteres Mal zu versinken. Hier konnte er in Ruhe nachdenken, ob er seine abenteuerliche Reise fortsetzen sollte oder nicht. Einerseits war er lange unterwegs und er bedachte den Rückweg. Er würde Hunger bekommen und er hatte nichts mitgenommen. Das war ein Argument für eine Umkehr. Andererseits konnte er sich schwer vorstellen, dass dieser Weg bei der Brücke endete. Was für einen Sinn hätte er dann? Er mutmaßte, dass der Weg aus dem Dorfgedächtnis gestrichen worden war. Es musste etwas hinter diesem Feld liegen, dass den Weg selbst rechtfertigte. Vielleicht ein anderer Weg oder eine alte Ruine. Er erinnerte sich, dass er auf dem Wanderweg, der früher einmal eine Eisenbahntrasse von Bad Oldesloe nach Barmstedt gewesen war, eine Wanderkarte in einem Schaukasten gesehen hatte und er hatte sich über die Vielzahl von Wegen um das Dorf und das Moor herum gewundert. Leider konnte er sich nicht an diese alte Brücke auf der Karte erinnern. Es stützte aber seine Mutmaßung, dass es hinter der Wiese weitergehen musste. Er holte sein Handy raus. Eindreiviertel Stunden. Er steckte das Handy wieder ein und sein Blick schweifte zur Brücke und den Weg zurück. Er drehte langsam den Kopf und musterte den Nebel auf der Wiese vor ihm. Unentschlossen ging er einen Schritt vor und entschied sich währenddessen, die Wiese zu erkunden. Glücklich war er mit seiner Entscheidung nicht, denn sein Hungergefühl meldete sich erneut. Aber er wollte nicht das stereotype Bild des verweichlichten Städters erfüllen und bei dem ersten Hungergefühl wieder umkehren. Hier galt es, eine Mission zu erfüllen.
Also ging er weiter auf das Feld. Allerdings wurde er nach nur wenigen Minuten unsicher. Der Nebel war hier so dicht und es gab keine Orientierungspunkte, dass er nicht den Hauch einer Ahnung hatte, wo er hinging. Oder ob er überhaupt geradeaus ging. Sicher, es war beruhigend, dass er in dieser Gegend nichts von kilometerweiten Moorlandschaften wusste und er glaubte auch, irgendwann auf einen Weg oder ein Gehöft zu stoßen, aber diese völlige Orientierungslosigkeit begann an seinen Nerven zu zerren. Wie die Stille an seinen Nerven zerrte.
Er konnte innehalten und sich einmal im Kreis umschauen, alles sah gleich aus. Zum Glück hinterließ er tiefe Fußspuren, die sich sofort mit Wasser füllten, sodass er zumindest immer zurück finden würde. Er ging weiter und verursachte mit jedem Schritt ein tiefes Schmatzen. Den Blick geradeaus gerichtet, konzentrierte er sich auf Veränderungen im Nebel. Seiner eigenen Atmung unter der Kapuze lauschend, verfiel er dem monotonen Rhythmus und wurde innerlich leer und erreichte einen meditativen Zustand.
Er dämmerte erst wieder hervor, als ein störendes Geräusch an sein Bewusstsein trat. Ein Stöhnen? Er blieb stehen und nahm die Kapuze vom Kopf. Lauschte. Nichts. Sogar seine Atmung hatte ausgesetzt. Doch. Da war es wieder. Er überlegte, welche Tiere so stöhnen konnten, aber es fiel ihm keines ein. Er erinnerte sich an den in den Abendstunden blökenden Esel. Er hatte gedacht, hier wären in dem Moor Wölfe oder Bären ausgesetzt worden. Das Tier hatte so absonderlich geschrien, dass es ihn und Sandra gruselte und Jack wissen wollte, weshalb sie so angespannt hinaus gehorcht hatten.
Das hier war nicht der Esel, denn es stöhnte verhaltener und leiser. Schon wieder. Vor ihm. Durch den Nebel konnte er die Entfernung nicht abschätzen. Seine innere Angst ließ ihn vermuten, dass er der Quelle sehr nah stand. Er versuchte, zu schleichen. Er konnte im Nebel Bäume erkennen. Keinen Knick, sondern einen kleinen Wald aus großgewachsenen, kahlen Laubbäumen. Dahinter standen kleinere Schatten, Koniferen. Und dahinter sah er die Umrisse eines Gebäudes. Zwischen ihm und dem Wald stand ein alter Stacheldrahtzaun. Der Draht und die Pfosten sahen verwittert aus und er fragte sich, was er hier eigentlich betrieb. Wahrscheinlich stand er an einem Gehöft, ein Tier bekam ein Junges und er machte aus einem Spaziergang ein Adventure.
Wieder das Geräusch. Er blieb am Zaun stehen und analysierte es. Hin- und hergerissen trat er von einem Bein auf das andere und verschränkte die Hände hinter seinem Kopf. Das war kein Tier. Was dann? Leider wusste er mit diesem Ergebnis auch nicht weiter umzugehen. Sollte er das Hofgelände betreten? Vielleicht trieben sie es hier irgendwo und was würde er davon halten, wenn ein Verwirrter in seinem Garten stehen würde, wenn er gerade mit Sandra dabei war. Aber weder er noch Sandra, noch irgendwer, den er kannte, stöhnten so gequält. Und laut.
Zweifelnd drückte er den ersten Stacheldraht runter und schwang sich darüber. Er schlich durch den Wald, in dem nicht nur Dornenranken an seinen Füßen und Schienbeinen zogen, sondern er auch drauf achten musste, keinen Abfall geräuschvoll zu zertreten. Hier wurden sanitäre Einrichtungen und sonstiger Bauschutt entsorgt. Der Nebel wurde lichter und er konnte erkennen, dass es tatsächlich ein Gehöft war. Links stand das rotgeklinkerte Wohngebäude, vor ihm der Hof, dahinter und rechts von ihm die Bewirtschaftungsgebäude. Aber es roch nicht nach Vieh. Als er mit Jack bei Bauer Schümann Milch holen war, roch es schon etliche Meter vor dem Bauernhof nach Vieh und Silage. Die Kühe klirrten in ihrem Stall mit den Ketten. Hier war es still und roch nach feuchter Erde.
Er hatte den Wald durchquert und stand, durch eine Eiche verdeckt, an der Grenze zum Hof. Das grüne Dielentor des Wohnhauses war geschlossen und aus keinem der Fenster konnte er Licht erkennen. Auf dem Hof stand ein Auto. Ein Volvo-Kombi mit Hamburger Kennzeichen. Dunkelblau, wahrscheinlich ein neueres Modell. Das Tor zu den Kuhställen rechts von ihm gegenüber dem Wohnhaus stand offen. Er wartete.
Nach einiger Zeit in absoluter Stille konnte Liam Musik hören. Nicht, dass die Musik plötzlich einsetzte, vielmehr war sie wohl die ganze Zeit vorhanden gewesen, so leise, dass man sie erst einmal hatte wahrnehmen müssen. Klassik mit hohem Frauengesang. Es kam aus dem Wohngebäude. Aber kein Stöhnen mehr. Ob er sich geirrt hatte? Das konnte er sich nicht vorstellen. Er wartete weiter und seine Geduld wurde belohnt.
Es stöhnte aus dem Stall. Es klang menschlich.
»Hallo«, rief Liam und bereute seinen ersten Impuls sofort, als er sich ein liebestolles Bauernpaar vorstellte. Er erhielt umgehend eine gestöhnte Antwort. Ein großer Körper klatschte im Stall auf den Boden. Wieder ein Stöhnen. Angestrengt. Liam meinte, jemand Hilfsbedürftiges wäre in dem Stall und zur Vergewisserung rief er kräftiger, lauter. Erneut stöhnte es und Liam hörte schlurfende Schritte und eine Kette. Eine Tür im gegenüberliegenden Wohnhaus ging auf. Jemand näherte sich von dort. An der Dielentür bewegte sich der Türöffner.
Aus dem Stall trat ein nackter, gefesselter Mann auf den Hof. Zwei Hunde bellten hinter der Dielentür. Große Hunde. Liam sah sich nach einer Waffe um, ein Knüppel, ein Stock, aber er fand nichts. Der nackte Mann trug Ketten und Lederriemen an seinem Körper und einen roten Ball im Mund. Brauchte er Hilfe? Liam wusste es nicht einzuordnen. Nach seinem Halbwissen über die Sado-Maso-Szene waren das Fetische aus diesem Milieu. Und jemand aus diesem Milieu stöhnte nun mal, wenn er gequält wurde, denn danach war ihm der Wunsch. Allerdings schwankte der nackte Mann und sah sehr mitgenommen aus. Er hatte Liam noch nicht entdeckt. Dafür aber die beiden Schäferhunde, die sich durch die Dielentür drängten und sofort auf ihn zuhielten. Liam hob einen Stein auf und holte aus.
»Pan! Apollon!«, schnitt eine Stimme scharf durch den Nebel und die beiden Schäferhunde unterbrachen ihre Jagd und setzten sich brav vor ihn. Ohne ihn aus den Augen zu lassen. Aus der Dielentür trat ein gepflegter Mann, der sich Zeit nahm, um sich einen Überblick zu verschaffen. Der nackte, gefesselte Mann stöhnte nun wieder und schwankte weiter. Sah sich hektisch um. Der andere ging auf ihn zu.
»René! Du bist noch lange nicht fertig! Noch lange nicht!«. Er stellte sich zwischen Liam und den Nackten, umarmte den nackten Mann, küsste ihn in den Nacken und führte ihn ins Wohnhaus.
»Du frierst ja schon, mein Süßer. Na, dann muss ich dich gleich erst mal wärmen«, säuselte er so laut, dass Liam es hören konnte.
»Wenn du artig bist!«, setzte er scharf nach. Liam reckte den Hals, um genauer sehen zu können. Wie auf Kommando knurrten die beiden Hunde und standen auf. Liam wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Er wollte, dass die beiden Hunde ihn nicht weiter bedrohten. Andererseits war es ihm auch unangenehm, Zeuge dieses Ereignisses auf einem Privatgrundstück zu sein. Der gepflegte Mann kam zurück und stellte sich zwischen Pan und Apollon vor Liam. Liam ließ den Stein sinken.
»Ich bin dem Weg bis zur Brücke gefolgt und dann hörte er auf. Ich bin dann etwas auf das Feld gegangen und hörte dann das … Stöhnen. Ich dachte, jemand braucht Hilfe«, rechtfertigte Liam seine Anwesenheit und ärgerte sich über den unterwürfigen Ton. Der andere hatte sich zu erklären.
»Das hier ist Privatgrundstück«, sagte der Mann und kraulte Pan oder Apollon den Kopf. »Da hinten ist ein Zaun«, deutete er mit dem Kopf zur Wiese. Liam wurde wütend.
»Hören Sie, hier stöhnt ein nackter, gefesselter Mann und ich komme her, weil ich glaubte, dass er Hilfe braucht. Vielleicht erklären Sie mir mal, was genau das Ganze bedeutet.« Liam spannte sich und massierte den Stein in seiner Hand. Pan und Apollon blieb das nicht verborgen, sie waren sprungbereit. Der Mann überlegte.
»Sie haben Recht. Wahrscheinlich hätte jeder andere ähnlich gehandelt. Zum Glück. Das tut mir Leid und ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen.« Er reichte Liam die Hand und lächelte versöhnlich. Liam schlug ein, behielt aber einen fragenden Ausdruck in seinem Blick, den der andere aufnahm.
»René ist ein alter Freund von mir. Ich bin schwul und sado. René ist schwul und maso. Manchmal gönnen wir uns hier bei mir einen kleinen Urlaub. Ich wäre ihnen sehr dankbar, wenn sie das für sich behalten könnten.« Er hielt weiter Liams Hand und Liam war es, auch wenn er das Gefühl vehement zu unterdrücken suchte, unangenehm. Es fühlte sich befleckt an. Liam zog seine Hand zurück und nickte.
»Ist in Ordnung. Ich werde dann wieder zurück, bevor es dunkel wird.« Der andere nickte und wartete so lange, bis Liam ihn nicht mehr sehen konnte. Liam stieg über den Zaun und machte sich auf den Rückweg. Kaum hatte ihn der Nebel auf der Wiese verschluckt, hörte er hinter sich Pan und Apollon am Zaun. Der andere wollte auf jeden Fall sichergehen. Würde Liam an gleicher Stelle auch wollen, nur, dass er keinen Freund namens René hatte, der mit rotem Gummiball in seinem Schuppen wartete. Liam musste lachen und trotzdem hatten dieser Tag und das Erlebte eine pathologische Note für ihn. Der Weg zurück war weit weniger abenteuerlich. Als er zurückkam, war es bereits dunkel und Sandra war mit Jack und Lina zu Hause. Er wusste nicht, ob sie sich schon wieder so nah waren, dass er ihr seine Geschichte erzählen konnte.
Der Gerichtsmediziner und das Böse an sich
Stell dir vor, all die Erschossenen, Zerbombten, Vergifteten, Erstickten, Erstochenen, Vergasten, Erschlagenen, Ertrunkenen, Verbrannten, Erhängten, Überfahrenen, Verhungerten, Verdursteten und wie auch immer aus dem Leben Gerissenen hätten einen Schrei. Einen einzigen Schrei, um Abschied zu nehmen, einen Schrei der Anklage, einen Schrei, der ihren Tätern in den Ohren klingen soll, damit sie sich ihrer Untat bewusst werden. Sie legten all ihren Schmerz zusammen, ihre Angst, ihr vergossenes Blut, ihre Tränen, ihre Wut, ihren Hass, ihre Ohnmacht, all das legten sie in diesen einen Schrei.
Ein stummer Schrei, denn Tote haben keine Stimme mehr. Ein Schrei, der bei den Tätern verklingt, ein Schrei, der sich auf für uns nicht wahrnehmbaren Frequenzen auf die Reise macht. Wellenförmig, immer neue Impulse, neue Schreie aufnehmend, setzte sich der eine Schrei fort.
Stell dir vor, dieser Schrei erzeugte Materie. Wie würde sie aussehen? Wie würde der Schrei von gefoltertem, verbranntem, ertrunkenem, erschlagenem, erhängtem, erschossenem, vergastem, überfahrenem, verhungertem und wie auch immer aus dem Leben gerissenem Fleisch wohl aussehen? Wie sieht Schmerz, Wut, Hass, Trauer und unzählige Ohnmacht aus? Wenn sie ausbricht? Stell dir das mal vor …
Kann ich den spielen, oder muss ich den abknallen? – Enrico

Ich habe mich schon in jungen Jahren für Knochen interessiert. Für Knochen und Fleisch, beides lässt sich bekanntlich nicht so einfach voneinander lösen. Als ich sieben Jahre alt war, sind wir an einem smogfreien Tag in einen Wald gefahren und ich fand eine Kröte, die am Wegrand verharrte. Da sie nicht weghüpfte, nahm ich sie in die Hand und sie brach auf. Sie war tot. Leichenbesiedler hatten sie schon ausgehöhlt und tropften von dem Krötenkadaver zu Boden, auf meine Schuhe und in meine Hand. Ich kann nicht sagen, dass ich das schön fand, vielmehr bekam ich dadurch Albträume und machte mir kindliche Gedanken über das Leben und den Tod. Der Präventivpsychologe an unserer Grundschule sah für meine Entwicklung aber keine Gefahr. Meine Eltern sorgten durch ihre Berufe und ihren Bildungsgrad für einen niedrigen Aggressionsscoringwert für mich, sodass meine Neigung für das Knochensammeln für frühkindlich paläontologisches Interesse gehalten wurde.

Mit zehn Jahren kam ich auf eine Eliteschule mit dem Schwerpunkt auf naturwissenschaftlichen Fächer. Meinen ersten Sex hatte ich ziemlich spät, so mit vierzehn Jahren. Mit fünfzehn Jahren ließ ich mir das Schulterblatt eines Hasen mit Blattgold überziehen und trug es als Glückbringer mit mir. Ich habe es immer noch, es dient jetzt als Lichtschalter für das Gäste-WC. Ungefähr zu dieser Zeit kochte ich in meiner Internatswohnung auch die ersten Knochen aus. Ich fing mit Katzen an, denn die waren einfach zu besorgen. Die Schule lag im Nordosten Hamburgs in Alsternähe. In den Grünanlagen konnte ich in den dunklen Abendstunden unauffällig Katzen anlocken und schnell töten. Darauf kam es an, denn eine gequälte Katze konnte so laut und vor allem menschlich schreien, dass es unnötige Aufmerksamkeit erregt hätte. Diese Aktionen plante ich so, dass es sicher war, dass weder Jonas, mein Mitbewohner, noch Nura, mit der ich zu der Zeit zusammen war, anwesend waren. Ich hatte mir einen großen Topf aus einem Geschäft für Gastronomiebedarf zugelegt. In diesen passte wunderbar eine ausgewachsene Katze hinein. Nach den ersten zwei Fehlversuchen informierte ich mich über das Internet und häutete die nächsten Versuchstiere. Eine einfache Katze benötigte so in etwa zweieinhalb bis drei Stunden Kochzeit, ehe sich die Knochen gänzlich und ohne Rückstände von den Muskelfasern lösen ließen.

In einem Blog, der sich mit dem Auskochen von Knochen beschäftigte, lernte ich Thanatos kennen, einen jungen Juristen aus München, der vorgab, ein menschliches Schlüsselbein ausgekocht zu haben. Ich freundete mich mit ihm an. Sein fachliches Steckenpferd war die freie Durchführung von Selbstverstümmelungen, die bislang noch unter Strafe stand. Außerdem hatten wir beide ähnliche sexuelle Neigungen, die ich mit Nura nicht besprechen wollte.
Mit Siebzehn schloss ich mein Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,3 ab und bekam gleich mehrere Firmenangebote. Ich entschied mich jedoch für ein Förderstudium und schrieb mich für Medizin ein.
Während meines ersten gemeinsamen Urlaubs mit Nura an der norwegischen Nordseeküste, fanden wir einen gestrandeten Walkadaver. Er roch unangenehm streng und elektrisierte mich, denn die Gelegenheit, einen Walknochen auszukochen, erschien mir für mein Leben einzigartig. Als ich mich anstrengte, um zumindest die Fluke, die große Schwanzflosse, zu bergen, verließ mich Nura noch am selben Abend. Insgesamt war es ein riskantes Unterfangen. Gefährliche Springfluten waren an dem Küstenabschnitt keine Seltenheit und ich war auf mich allein gestellt. Den Nachfragen meiner Eltern zu den hohen Reisekosten, der hohen Nebenkosten- und Reinigungsrechnung konnte ich durch eine Lüge entkommen. Nach der Trennung von Nura ginge es mir nicht so gut, entgegnete ich ihnen und das konnten sie verstehen, ermahnten mich aber, mein Studium ernst zu nehmen.

Oh, Studium, was hast du aus mir gemacht! Tief durchwatete ich ein Meer aus den Kardinalsäften, gab mich allerlei Drogen hin, lernte Aleida kennen, die ich nicht liebte (sie mich auch nicht) mit der ich aber all das (na ja, das meiste) ausleben konnte, was meine männlichen Sexphantastereien so vorgaben. Dennoch litten meine Leistungen nicht darunter und die Professoren erkannten schnell meine handwerkliche Begabung, meine analytischen Fähigkeiten und meine emotionale Kühle (»Sie haben die Betriebstemperatur einer Kühlkammer, also wird es Ihnen da auch gefallen«, verabschiedete sich Professor Speckmann von mir, als ich in die Gerichtsmedizin wechselte).

Ein Jahr später kochte ich mein erstes menschliches Schulterblatt aus. Mittlerweile hatte ich meine eigene Wohnung in Hamburg Uhlenhorst. Ein Junkiemädchen hatte sich tot gefixt und niemand wusste, wo sie herkam. Anonyme Bestattung – keine Nachfragen. Ich präparierte ihren Körper möglichst ansehnlich und half den beiden Bestattern persönlich, die Leiche zu übergeben. Ihren kompletten Arm mit Schulter transportierte ich in meiner großen Sporttasche nach Hause. Ein paar Fehler im Abschlussbericht und Unachtsamkeiten im Übergabeprotokoll hätten mir bei aufkommenden Nachfragen die Möglichkeit verschafft, den Sachverhalt zu meinen Gunsten zu klären. Aber niemand scherte sich um die Unversehrtheit einer Drogenleiche.
Zum Auskochen puschte ich mich mit Kokain hoch, die Droge versprach, mein neuer Liebling zu werden. Ich hörte Orpheus und versank in der sich vor meinen Augen verändernden Tätowierung auf ihrem Oberarm. Sie tauchte aus dem Topf auf und verschwand, kräuselte sich, verschwand, tauchte wieder auf. Ein Ziegenkopf mit gelben Augen. Und verschwand. Mit einem Löffel stupste ich den Ziegenkopf und er starrte grimmig aus dem Blasen werfenden Wasser zurück. Er senkte die Hörner und versank. Das erste Stück Fleisch trieb oben auf. Ein Zittern vor Glück erfasste mich, Orpheus wurde von schnellen Streichern zerrissen und ich tauchte den Löffel in das kochende Wasser und füllte ihn. Ich konnte mich kaum kontrollieren und verschüttete das meiste, aber etwas davon gelang in meinen Mund. Ich explodierte innerlich, wurde auch zerrissen und wieder angeschwemmt, wie Orpheus. Ich hatte es gewagt, einen Blick zu weit zurück zu werfen. Der Löffel glitt aus meiner Hand und ich setzte mich. Lachte und hoffte, dass ich diesen Moment mit niemandem teilte.
Mandy, wie ich sie für mich nannte, verbarg ich in meiner Schreibtischschublade. Ihr Schulterblatt. Eine kräftige Brühe von ihr fror ich ein und etikettierte das Glas mit »OMI 08«, denn meine Großmutter vermachte mir nach Gute-Erziehungs-Besuchen meinerseits immer Eingemachtes.
Thanatos erzählte ich einiges, aber nicht alles. Er gratulierte mir und teilte mir mit, dass er einen Klienten vertrat, der sich selbst aufessen wollte. Die Finger seiner linken Hand hatte er sich abgeschnitten und verspeist. Nun wollte er einer Einweisung in eine psychiatrische Klinik entgehen und verwies auf sein Recht eines selbstbestimmten Lebens, dass eine Selbstverstümmelung mit anschließendem Verzehr rechtfertigte, denn es handelte sich dabei nicht um einen Suizid, der strafbar war, sondern im weitesten Sinne um eine Körperverschönerung und eine religiöse Handlung. ›Wie krank muss denn der Klient von Thanatos sein‹, dachte ich mir und machte mir Gedanken.

Mit dem Namen Kronos führte mich Thanatos in die Community ein. Kronos, der jüngste der Titanen, der seine eigenen Kinder verschlang. Aus Angst davor, von seinen Kindern gerichtet zu werden, wie ihm prophezeit wurde. Auch ich verschlang meine eigenen Kinder, mein eigenes Geschlecht, meine mir anvertrauten Leichen. Und nur sie konnten mich richten. Meine eigenen Brüder und Schwestern, wenn sie etwas hätten sagen können. Letztlich wollte ich einen griechisch klingenden Namen, der etwas hermachte, und ich bildete mir ein, es geschickter als Kronos anzustellen. Viel wichtiger war die von mir empfundene Gottähnlichkeit durch mein Handeln. Ich hatte wahren Anteil an dem Tod, noch mehr, ich entriss ihm etwas und führte es in das Leben zurück. Nicht, dass ich ernsthaft glaubte, ich hätte die positiven Eigenschaften der Verspeisten angenommen, das war es nicht. Ich hatte eher das Gefühl, dem Tod dahin zu folgen, wo ihn kein Mensch hätte sehen dürfen. Mit jedem Mal stieg meine Angst, aber auch mein Verlangen.
In Thanatos sozialem Schatten erkundete ich die Gemeinschaft der »Menschenfleischesser« und ich war erstaunt. Fühlte ich mich mit meiner Neigung zuvor allein in vertrauter Zweisamkeit, sah ich unter jedem Stein, den ich umdrehte einen Gleichgesinnten. Busfahrer, Studentinnen, Krankenpfleger, Ärztinnen, Juristen, Arbeitslose. Viele von ihnen waren überaus redselig, zu redselig für meinen Geschmack, aber einige von ihnen empfand ich durchaus als charmant mit Tiefgang. Jedoch konnte niemand mit meiner organisierten Professionalität konkurrieren, allein aus diesem Grunde hielt ich mich lieber bescheiden zurück. Niemand sollte wissen, wie viele Leichen ich im Keller hatte.

Es akkumuliert sich. Es kann sich kaum noch ausdehnen. Es entsteht Druck. Der lautlose Schrei schwillt an und entfesselt infernalische Energien. Türme, Spiralen, Strudel, sämtliche geometrische Formen entstehen und zerbersten. Die Kräfte schmiegen sich an den Grenzen, zerfließen dort unter Druck, werden komprimiert und wieder komprimiert.

Ich stehe auf einer weiten Ebene aus durchsichtigem Eis und unter mir ist dunkles Wasser, dessen Tiefe in mir Angst erzeugt. Es gibt keinen Bruch im Horizont. Weites schwarzes Eis. Ich gehe ein paar Schritte. Wenn nichts ist, spürt man sich selbst. Ich kontrolliere meine Vitalfunktionen. Atmung: gespannt, aber normal, Temperatur: normal.
Ich gehe noch ein paar Schritte und achte auf meinen Gleichgewichtssinn: normal, Gehör: alles in Ordnung, ich höre meine Schritte. Bewegungen unter mir erschrecken mich. Da war etwas! Natürlicher Impuls. Noch mal den Horizont nach etwas Sicherem absuchen. Eine weitere Bewegung. Unter dem Eis wird ein menschlicher Körper an die Unterseite des Eises getrieben. Den Mund zu einem stummen Schrei aufgerissen.
Ein Mann, nackt, blass. Das Eis und das Wasser brechen nicht das Licht. Ich kann ihn wie durch Glas sehen. Noch ein Körper, noch einer und noch einer. Überall tauchen gequälte Leiber auf und winden sich unter der Eisoberfläche. Sie bedecken bald die gesamte Unterseite und drängen sich an die freien Plätze. Dem Mann unter meinen Füssen treten die Augen hervor, er wird von anderen Körpern gedrückt, er muss seinen Kopf neigen und sein Gesicht wird an die Unterfläche gequetscht. Er versucht sich in eine Haltung zu bringen, die dem Druck standhalten kann, aber ihm bleibt keine Zeit, sein rechter Arm wird nach hinten gedrückt. Anderen ergeht es ähnlich. Überall. Blut ergießt sich aus seinem Mund und sein Kopf deformiert sich pathologisch. Blut.
Ich wache auf, setze mich in die Küche und mache mir eine kräftige Brühe. Danach geht es mir besser und ich kann zur Arbeit gehen. Es ist gut, wenn man zu Fuß geht. Bewegung schadet nicht.

Später bearbeite ich freiwillig die in ihrer Anzahl stetig steigenden Gewaltopfer aus den Hamburger Prekariatszonen, wie zum Beispiel Hamburg Mümmelmannsberg. Die Kids waren wirklich krank, und kaum ein Verstorbener kam unversehrt zu mir, so dass es ein Leichtes war, einen Teil mitzunehmen.
Meine Verdauung litt anfangs ein wenig unter der Ernährungsumstellung, denn der Konsum von zu viel Menschenfleisch kann zu chronischer Darmträgheit führen. Durch die Aufnahme von Rohkost als Ergänzung in meinem Speiseplan, glich ich die Unbekömmlichkeit aus.
Thanatos litt unter ähnlichen Problemen. Mittlerweile kommunizierten wir nur noch chiffriert und unsere Texte waren gelegentlich komisch prosaisch. Essen nannten wir tanzen, ein Ohr war ein Blumenkohl. Thanatos bezog seine Nahrung aus seinem anwachsendem Klientenstamm und seiner Szene aus Selbstverstümmlern. Sexuelle Begierden spielten in seinem Milieu gewiss auch eine große Rolle, seine ekstatischen Berichte über den Verzehr eines männlichen Hoden konnte ich emotional nicht annehmen. Für mich war das krank, denn es ging um etwas ganz anderes bei dem Verzehr von Menschenfleisch.

In der Vorweihnachtszeit gab es eine Massenkarambolage auf der A7. Für Hamburger Verhältnisse war es seit Jahren der größte Unfall: Vierundzwanzig Tote und hundertachtundzwanzig Verletzte. Ich arbeitete an meinem Limit, konnte mich aber mit meinem Weihnachtsdrogenvorrat über Wasser halten. Die enormen Strapazen führten zu einem unangenehmen Kontrollverlust. In einer Mittwochnacht war ich erneut damit beschäftigt, Gewebe, Gliedmaßen, Zähne, etc. zu nummerieren und zuzuordnen. Aufwendige Puzzlearbeit, die ein hohes Maß an Konzentration erforderte.
Der Geruch von frischem Fleisch und Blut hatte mittlerweile eine vitalisierende Wirkung auf mich, so dass ich mich auf den Punkt genau auf mein Handeln fokussieren konnte. Akkurat trennte ich aufgrund von verschiedenen Kleidungsfasern nicht zusammengehöriges Gewebe voneinander, als ich aus dem Berg von Arbeit einen tätowierten Ziegenkopf mit gelben Augen erspähte. Auf dem abgerissenen Unterarm eines jungen Mannes. Oberhalb des Ellenbogens, kleiner Finger, Ring- und Mittelfinger abgerissen.
Ich sah mir den Unterarm genauer an, sog den Geruch am Stumpf ein und riss ein zeige- und mittelfingerbreites großes Stück Fleisch mit den Zähnen heraus. Schlang es herunter und biss erneut in den Arm.

Ich denke, an diesem Punkt habe ich die Kontrolle verloren und wandelte bis zur Abarbeitung meines Klientels auf gefährlichen Pfaden. Ich nahm zu viel mit und konnte gar nicht alles verarbeiten, geschweige denn kühlen.
Kurz vor Weihnachten beschwerte sich meine Vermieterin wegen des unangenehmen Geruchs bei mir. Ich konnte sie leider nicht hinein bitten, da sich allerlei Leichenteile in der Wohnung in eilig gekauften, bunten Plastikwannen von Real stapelten und vor sich hin verwesten. Über Weihnachten erledigte ich einen Großteil der Schreibarbeit, fuhr meinen Drogenkonsum gegen Null runter und entsorgte alles Verräterische. Zwischen den Feiertagen suchte ich nach einer Immobilie auf dem Land. Im nordöstlichen Umland Hamburgs wurde ich in Wilstedt fündig. Ein ehemaliger Wirtschaftshof, der nur über einen Landwirtschaftsweg zu erreichen war. Keine direkten Nachbarn, ein großer Garten, viele Arbeitsgebäude. Im März zog ich ein.

Das Eis vibriert. Der Kopf des Mannes wird wie eine Traube zerdrückt. Gehirnmasse, Knochenstücke, Blut und dunkelblaues Muskelfleisch verschmieren die gläserne Fläche. Stille. Großer Druck. Überall reißen die gequetschten Körper auf und ergießen sich unterhalb des Eises, wie zerplatzte Daunenfederkissen. Ich blute.
Woher? Keine Ahnung. Blut quillt aus mir. Ich schmecke es. Das Eis surrt. Kronos, schreie ich. Ein Geräusch. Es erinnert mich an meine Kindheit. Ein Schlittschuhfahrer fährt über einen See und das Eis flirrt. Die riesige Wasserfläche trägt den Ton und multipliziert ihn. Es splittert.
Ich wache auf und fahre den Rechner hoch. Ich suche nach Hunden. Manchmal komme ich mir in der Einsamkeit nicht so sicher vor. Crab, mein Suchprogramm empfiehlt zwei junge Schäferhunde aus dem Tierheim Neumünster.

Januar. Thanatos und ich hatten beschlossen, uns einmal bei mir zu treffen. Wir hatten keinen Termin vereinbart. Pan und Apollon, so habe ich die beiden Schäferhunde genannt, waren zu echten Gefährten geworden. Sie bewachten Haus und Hof, während ich weg war und gaben mir Sicherheit, wenn ich im Arbeitsschuppen sang und tanzte. Mittlerweile konnte ich gut größere Mengen auf einmal verarbeiten, nur es ergab sich nichts. Ich betrieb viel Sport und hatte mit meinen zweiundvierzig Jahren das Gefühl, unsterblich zu sein. Ich hatte Kraft und Ausdauer wie ein Leistungssportler. Der Dickdarm war manchmal etwas gereizt, aber nun, was soll’s: Stellen Sie sich mal nicht so an, Herr Dickdarm! Sie müssen mal das große Ganze betrachten, Sie Wurst!

März. Er kam aus Berlin. Wollte Freunde in Hamburg besuchen. An einer Autobahnraststätte fährt der Arsch, der ihn mitgenommen hat, mit seinen Sachen weg und da steht er ohne Karte, ohne Kohle. Trampt weiter, aber niemand hält an.
Dann kommen drei Typen, sehen normal aus und bieten ihm an, ihn zu einer besseren Raststätte zu fahren. Er sieht ein wenig Links aus, aber noch ganz ordentlich dabei. Die Typen sind Rechts, sehen aber völlig normal aus. Fahren von der Autobahn runter, machen ihm Angst. Einer hatte eine Pistole, sagte er. Fahren über verlassene Dörfer auf eine Waldraststätte. Spielen Hinrichtung mit ihm. Erniedrigen ihn. Quälen ihn. Auf einer Holzbank brechen sie ihm beide Arme. Verschwinden. Hat er sich von ihnen etwas merken können? Gar nichts, sie haben ihn gebrochen. Soll häufig bei Opfern von Gewalttaten vorkommen, hatte mir mal ein Polizeipsychologe erklärt.
Ich konnte nicht schlafen und bin mit Pan und Apollon herumgefahren. Finde ihn. Helfe ihm ins Auto und bringe ihn zu mir ins Haus. Versorge ihn. Er schläft. Ich nicht. Kann ich nicht. Ich wandere umher, spüre die Nachtluft auf meiner Haut. Es hilft nichts. Ich betäube ihn und bringe ihn in den Arbeitsschuppen. Pan und Apollon denken die ganze Zeit, ich wolle mit ihnen spielen. Ich fixiere ihn Fünf-Punkt mit allem, was ich so zum Fixieren verwenden kann. Spiele mit ihm. Als er wach wird, redet er mit mir. Ich kann das nicht und betäube ihn. Morgen muss ich arbeiten, die Zeit drängt. In der Nacht wacht er wieder auf und wimmert. Er ist jung und kann nicht verstehen, dass sein Wimmern alles nur noch schlimmer macht.
Kronos. Ich weiß nicht. Das ist etwas anderes. Ich bin verwirrt.

Besuch. René hatte sich befreien können und auf den Pfaden des Zufalls wandelte Besuch zu mir. Ein Fremder aus dem Dorf. Ich konnte ihn überzeugen.
René und ich gucken uns die klaffende Wunde in seinem Arm an. Wir können es beide nicht wirklich glauben, aber er versteht mich, auch wenn er wild an seiner Fixierung reißt. Mit seinen Augen zwinkert er mir zu, dass er versteht, dass ich das machen muss. Ich weiß, dass er schreit, weil es ihm wehtut, aber ich verzeihe ihm. Ich würde wahrscheinlich auch nicht anders handeln. Sein Blick ist voller Liebe und Verständnis. Er bietet mir seine rechte Körperhälfte an und unter seinem Rippenbogen beiße ich zu.

Risse durchziehen das Eis und anstatt, das alles durch den Druck in einer Fontäne nach oben schießt, sinke ich knöcheltief ein, dann habe ich festen Halt unter den Füßen. Ich erwarte einen Ton, aber es bleibt still. Kein Schrei, kein Stöhnen. Aus der blutigen Masse tasten sich Hände nach oben, Arme, ganze Schultern mit Köpfen darauf. Ich spüre eine Welle von zerstörenden Empfindungen an mir zerren. Hass. Ein Urinstinkt stärker als Angst. Die Gequälten wollen zu mir. Sie wollen mich. Kronos, ihren Gott.
Ich wache auf. Pan und Apollon schlafen, aber ich habe die Angst aus meinem Traum mit herüber genommen. Als ich die Augen aufschlage, huscht etwas im Mondlicht vom Brunnen bis zur kleinen Koniferensiedlung. Huscht? Nein, es schwankt eher. Es glänzt, als ob es nass war. Dass Pan und Apollon schliefen, ließ mich an meiner Wahrnehmung zweifeln. Ich schreibe auf, was ich erlebt habe.

Wieder ein Geräusch. Ein schlichtes. Ein Tischtennisball landet auf einer Steintischtennisplatte. Dann nichts. Es war nicht viel für Materie oder sagen wir das erste Leben, was in diese Dimension eintrat. Es war schlicht und es war klumpig. Der Schrei war Fleisch geworden und in sich trug er all die Ängste, Sorgen, Schmerzen, den Hass, die Ohnmacht, die vergossenen Tränen, das vergossene Blut von all den Erschossenen, Zerbombten, Vergifteten, Erstickten, Erstochenen, Vergasten, Erschlagenen, Ertrunkenen, Verbrannten, Erhängten, Überfahrenen, Verhungerten, Verdursteten und wie auch immer aus dem Leben Gerissenen.
Was sollte es fühlen, außer einem gierigen Appetit auf den oder die Erschaffer seines Zustands?
Tim, der Nachbar und Hübi
Einen Abend später rief Liam Tim an. Zum einen musste er ihm erzählen, dass es mit Sandra nicht stimmig war, zum anderen brauchte er seinen Rat. Sandra und er hatten sich darauf verständigt, es irgendwann später miteinander versuchen zu wollen. Nicht nur wegen der Kinder, sondern weil sie sich liebten. Jetzt wollten sie getrennt leben. Sandra ging es damit tatsächlich besser, ihm dafür deutlich schlechter. Sandra zog in Hamburg bei Maui, ihrer Freundin, ein und er kam nicht mit dieser unerträglichen Stille in seinem Leben klar.
Der Fernseher warf stumm Bilder in das große Wohnzimmer, Jack schlief oben und Liam lag mit dem Telefon auf seinem Lieblingssofa und sah nach draußen. Draußen war es stockduster und klirrend kalt. Tim war da und bekifft. Liam vermutete, dass Tim aus seiner Küche telefonierte, im Hintergrund hörte er das Radio. Das Thema Beziehung hatten sie nach kurzer Zeit hinter sich gelassen und Liam erzählte seinem Freund von dem abenteuerlichen Spaziergang und dem nackten, gefesselten Mann mit dem Gummiball im Mund.
»Oder? Was meinst du? Vielleicht wollte der das gar nicht und wurde da misshandelt oder Schlimmeres«, nagten die Zweifel in Liam. Tim ließ sich Zeit.
»Nee. Kann ich mir nicht vorstellen. Mit so ’nem Ball im Mund, Ketten und Leder … nee, glaube ich nicht. Der wollte das bestimmt auch so, aber dann is’ klar. Kann man ja nie wissen, wie weit man da gehen kann. Da haben sich ja auch schon welche gegenseitig zu Tode gefoltert. Ich kann mir vorstellen, dass Lust gepaart mit Schmerz grenzüberschreitend ist, weil es an sich konträre, extreme Gefühle sind. Die in einem situativen Einklang, das ist bestimmt hemmungslos. Und was meinte er? Urlaub? Klar, die nehmen sich dann viel Zeit für ihre Spielchen. Aber weißt du denn wer das ist? War ja wohl bestimmt kein Bauer, oder?«, wollte Tim wissen.
»Keine Ahnung, wer das ist.«
»Wie? Du hast dich noch nicht umgehört, wer das ist oder will niemand im Dorf etwas sagen?«, hakte Tim nach.
»Nein, ich habe niemanden gefragt. Warum auch? Ich will erst mal wissen, ob es so was gibt, weißt du. Ich bin mir nämlich nicht ganz sicher bei der Sache. Wenn die da so ihre Spielchen treiben, dann muss ich mich da auch nicht einmischen. Das geht mich nix an«, verteidigte sich Liam.
»Ich weiß, was du meinst, Li, aber nur mal so. Jack geht dort in den Kindergarten, Lina wohl auch bald. Dann gehen sie zur Schule und spielen in diesem Dorf auch rum. Alleine deswegen würde ich wissen wollen, wie durchgeknallt der Typ da ist. Ich glaube nicht, dass der da jemanden vergewaltigt hat, aber ich würde allein zu meiner eigenen Sicherheit wissen wollen, ob es auch stimmt, was ich glaube. Weißt du, was ich meine, Li?«
»Ja.« Liam musste nachdenken.
»Li? Bist du noch dran?«
»Ja, Tim. Danke, ich muss jetzt auflegen, ja? Ich komm’ bald mal rum, Jack vermisst euch schon und Lina ist riesig geworden. Bis dann.« Liam legte auf und starrte nach draußen. Er würde sich umhören müssen. Vielleicht sollte er den Hof von der Straße aus aufsuchen. Er erinnerte sich an den gefesselten Mann und erschrak. Der Nachbarskater war auf den Fenstersims gesprungen und starrte ihn mit großen Augen an. Im Maul hatte er Fell und Fleisch. Er legte seine Beute auf den Fenstersims und verzehrte sie. Liam beobachtete ihn.
Am nächsten Tag fing er seinen Nachbarn ab. Markus war der älteste Sohn des Bürgermeisters und wohnte mit seiner Freundin Melanie neben ihm. Er war Zimmermann und viel unterwegs. Liam griff sich den Müllsack und ging raus, als er Markus’ Bus die Auffahrt hinauffahren sah.
»Hallo Markus«, grüßte er. Markus nickte nur kurz. Mit dem Müllsack in der Hand ging Liam auf ihn zu.
»Sag mal, ich hab’ vorgestern ein wenig die Gegend erkundet und bin an der alten Holzbrücke, dort wo der Weg dann auch endet, diese Wiese da weitergegangen.« Liam fuchtelte unbeholfen mit der freien Hand herum. Markus nickte.
»Dahinter kommt dann irgendwann ein Haus. Nach der Wiese meine ich. Kann man da eigentlich lang gehen?«, fragte Liam.
»Das ist der alte Hof vom König. Aber der ist schon tot. Ein paar Jahre wohl schon. Da wohnen sonst noch die alten Schröters im Moor, aber das war es dann auch schon.«
Liam nickte.
»Danke. Dann kann man da ja hin, wenn da niemand mehr lebt.« Liam log und fühlte sich unwohl. Warum hatte er nicht direkt gefragt? Er wollte umdrehen.
»Nein, warte, da ist doch einer eingezogen. Der hat das sogar gekauft. Ein Anwalt, glaube ich, oder ein Arzt. Dirk meinte letztens, dass er da zwei Schäferhunde gesehen hatte, also würde ich da eher aufpassen, wenn du mit deinen Lütten da unterwegs bist. Ein Weg führte dort früher mal hin, als der König noch Vieh hatte. Als er alt wurde und seine Kinder in die Stadt zogen, da kümmerte sich niemand mehr um den Weg.« Markus nickte zur Bestätigung, dass er nichts mehr zu sagen hatte. Liam nickte auch, brachte den Müll weg und legte sich wieder auf sein Sofa.
Am nächsten Vormittag kaufte er sich eine warme Skijacke. Später fuhr er mit dem Rad den Wanderweg bis zur Wanderkarte und zeichnete sie ab. Mittags telefonierte er mit Sandra. Jack hatte sich erkältet, Lina ging es soweit gut, Sandra würde übermorgen raus kommen. Liam registrierte, dass er abgelenkt war. Er vergaß dadurch die bedrückende Stille. Allerdings kam er dadurch nicht zum Arbeiten und einen Auftrag schob er Deadline um Deadline auf. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der Auftrag platzte. Letztlich gingen ihm der nackte, gefesselte Mann und das Verhalten des anderen nicht aus dem Kopf. Er hatte das Gefühl, der andere Mann hatte etwas zu verbergen gehabt. Da aber sein Gefühl nur auf Sand gebaut war, konnte er nichts Konkretes unternehmen. Die Polizei einschalten? Lächerlich. Über das Internet herausfinden, wer der Käufer des alten Könighofes war, um dann zu recherchieren? Das hatte er halbherzig unternommen. Allerdings ohne Ergebnis aus Bequemlichkeit wieder eingestellt.
Heute Nachmittag wollte er sich dem Gehöft von der Straßenseite aus nähern. Bis dahin wartete er in der Stille.
Er stieg ins Auto und fuhr den gesperrten Naturwanderweg durch das Moor über die Steinbrücke und bog dann nicht auf den Feldweg zur B432 ab, sondern nach rechts Richtung Wilstedt. Das konnte er der Karte entnehmen, aber er konnte es nicht mit seinem Orientierungssinn in Einklang bringen. Dort sollte Wilstedt liegen? Nach einigen hundert Metern erreichte er eine kleine Einbuchtung und parkte seinen Wagen. Es war kalt und feucht. Der Geruch von Schnee lag in der Luft, aber auf den Bäumen war das Eis weggetaut und diese Art von Kälte kroch ihm schnell in die Glieder. Er sah auf dem Handy nach der Uhrzeit und stellte fest, dass es in einer Stunde dunkel werden würde. Er überlegte, ob er eine Taschenlampe mitnehmen sollte, entschied sich aber dagegen.
Er ging die asphaltierte Straße Richtung Wilstedt. Links und rechts der Straße standen gestutzte Weiden, deren Triebe an den Einschnitten gerade nach oben sprossen. Blattlos sahen einige von ihnen aus wie belebte, grimmige Wächter, die die Felder hinter sich verteidigen mussten. Acker, Knick, Acker, Knick, reihte es sich in jede Richtung des Horizonts auf. An der westlichen Seite des Moores war er an drei Häusern vorbei gekommen und er fragte sich, wie die Menschen mitten im Nichts leben würden. Hatten sie Kinder? Erzählten sie ihnen Gute-Nacht-Geschichten von Moorgeistern und Irrlichtern?
Würde er ins Auto steigen und zurückfahren, würde er auf eine große Straße kommen, die direkt nach Hamburg führte. Und keine dreißig Kilometer Luftlinie von Hamburg entfernt, fühlte er sich mehrere Jahrzehnte zurückversetzt.
Die Straße beschrieb einen rechten Winkel und dahinter sah er den alten Königshof auf der rechten Seite der Straße und ein ebenfalls rotgeklinkertes Einfamilienhaus auf der gegenüberliegenden Seite. Das musste das Haus der Schröters sein. Den Königshof konnte er nicht gut erkennen, da vor dem Wohnhaus auf einer Wiese verwilderte Apfel- und Birnenbäume standen, die ihm die Sicht nahmen. Die Schröters hatten eine Vorliebe für weiße Gardinen vor den Fenstern. Der Garten war spärlich bewachsen und akkurat gepflegt. Kein Laub lag auf dem Rasenstück und kein Unkraut verunzierte die beiden braunen Mutterbodenstreifen, die den Steinweg bis zur Tür flankierten. Ein paar Schritte später konnte er auf die Hofeinfahrt des Königshofes sehen.
Er blieb stehen, reckte und dehnte sich so, wie er sich typische Spaziergänger sich reckend und dehnend vorstellte. Der dunkelblaue Volvo stand auf dem Hof. Kein Pan und kein Apollon. Und auch kein Stöhnen. Der Garten und die Wirtschaftsgebäude neben dem Kuhstall waren verwildert. Der Hof war vor dem Wohngebäude bepflastert, aber durch einige Steine hatte sich das Unkraut durchgekämpft und die Steine herausgehoben.
Liam war unschlüssig. Was genau wollte er hier? Oder was erwartete er, hier anzutreffen? Er dehnte sich ein letztes Mal, drehte sich um und ihm stockte der Atem. An einem Fenster des Wohngebäudes hatte er eine Hand gesehen. Sie hatte sich an die Scheibe gepresst und war hinter der Gardine verschwunden. An der Hand hatte Blut geklebt! Glaubte er zumindest. Genau hatte er es nicht erkennen können. Sofort stellte er das vermeintlich Gesehene in Frage, bis es ihm lächerlich schien. Sein Herz pochte. Er spähte zu dem Fenster und versuchte, Blutspuren zu erkennen, aber die untergehende Sonne reflektierte das Licht zu stark und tauchte die Scheibe in gleißendes Orange. Er ging in die Hocke, um besser sehen zu können. Die Scheibe war beschlagen, vielleicht sogar beschmiert. Am einfachsten wäre es, wenn er dorthin gehen würde, aber er traute sich nicht. Er neigte den Kopf zur Seite und fühlte sich in seiner Wahrnehmung bestätigt. Schmierig. Aber ob es Blut war, konnte er nicht sicher sagen. Vielleicht hatte auch das Licht seiner Wahrnehmung einen Streich gespielt. Aber es war eine Hand gewesen.
Er beugte sich noch tiefer, sodass er fast schon auf der Straße lag. Etwas trat ihn in die Sohle. Erschrocken schoss er in die Höhe und holte zum Schlag aus.
»So sieht Sport aber nich’ aus, Kumpel, doh. Was machste denn da?«. Vor ihm stand Clemens Vater. Zum ersten Mal humorlos. Und hinter ihm stand Clemens und beobachtete ihn neugierig an den Beinen seines Vaters vorbei. Liam wurde durch das schnelle Hochkommen schwindelig. Er rieb sich mit der linken Hand die Schläfe und taumelte leicht. »Ich gehe hier häufiger Spazieren und dann habe ich eine Hand gesehen. Dort und …«, er riss sich zusammen, das Schwindelgefühl ließ nach. Er suchte Blickkontakt zu Hübi. »Ja, und dann war ich mir nicht mehr sicher. Ich wusste gar nicht, dass da jemand wohnt«, deutete er auf das Haus.
»Mmh, ja. War lange der Hof vom König. Bis dann so ’n Snob aus der Stadt das Ganze hier gekauft hat.« Hübi sprach lauter als sonst.
»Der Herr Gerichtsmediziner hat sich hier niedergelassen. Und weil der Herr Gerichtsmediziner Schiss hat, hier alleine, hat er sich zwei Schäferhunde geholt.« Hübi hatte den Kopf zum Königshof gewendet. Dem Hausbesitzer galt das Gesagte. Liam nickte.
»Du stehst nicht so auf Zugezogene, was?«, wollte Liam wissen. Hübi packte ihn an der Jacke und zog ihn zu sich ran.
»Das stimmt überhaupt nich, aber weissu was? Solche Gesellen wie den da, ne, immer in der Klinik, dann wieder hier und so ’n Gejammer hören, komische Freunde und sowas, ne. Das is’ verdächtig, weissu. Das is ’n Stubenhocker!« Hübi spuckte aus und schob Liam sanft wieder von sich.
»Aber du«, er klopfte ihm auf die Schulter und reckte anerkennend den Kopf nach oben »bist ja gar keiner, sondern bist ja auch hier draußen unterwegs, ne.« Er näherte sich Liam drohend.
»Oder wolltest du etwa deinen Freund, die Ärzteschwuchtel besuchen?« Hübi schaute Liam an und Liam streckte sich.
»Sag mal, spinnst du! Du kannst mich doch nicht einfach so …« Liam fehlten die Worte, er drehte sich weg und ging.
»Na also, bist also kein Stubenhocker wie unser Herr Gerichtsmediziner hier!«, rief ihm Hübi hinterher. »Kein so ’n Schwanzlutscher!«
Liam konnte sich nun das schüchterne Wesen von Clemens erklären, den verträumten Blick, das Weggucken, wenn er gefragt wurde. Wahrscheinlich waren das alles Tischregeln bei Clemens und Hübi im Haus, die Mutter hatte er noch nicht kennen lernen dürfen.
Am Auto warf er seine Skijacke in den Kofferraum, setzte sich mit einem Seufzer auf den Fahrersitz und atmete durch. Hübis Erscheinen hatte ihn vom Wesentlichen abgelenkt, der blutigen Hand am Fenster. Zweifel regten sich in ihm. Wenn er sich bei der Polizei meldete und denen den Sachverhalt erklären wollte und sich nichts bewahrheitete, erwarb er sich den Ruf eines kranken Spinners im Dorf. Irgendwer kannte bestimmt Wachmeister Meier aus der Großgemeinde in Henstedt-Ulzburg. Und haben Sie schon gehört? Der da beim Bürgermeister wohnt, sieht überall blutige Hände an den Fenstern und nackte Männer mit einem roten Gummiball durch das Moor laufen. Kein Wunder, dass sein Sohn nur schwarze Bilder malt, wie ich gehört habe.
Ja, das wäre ein guter Start.
Er ließ den Motor an und sah Hübi und Clemens mit dem Fahrrad angeradelt kommen. An Hübis Seite lief ein großer, zotteliger, brauner Hund, der zu Hübi passte. Hübi beachtete Liam nicht und auch Liam ignorierte Hübi mit aller ihm zueigen stehenden Arroganz.
Zuhause stand er mit einer Tasse heißem Pflaumen-Vanille-Tee in der Hand an der Terrassentür und beobachtete die untergehende Sonne hinter dem kleinen Wald in seinem Garten. Es mehrten sich die Zweifel am Gesehenen und er glaubte, sich etwas eingebildet zu haben, aber ein Rest Unsicherheit blieb. Eine Hand, die sich abstützte und dabei die Gardine kurz zur Seite riss. Ein Ruck, sie schmierte blutend an der Scheibe entlang und verschwand wieder hinter dem Fenster. In der Dunkelheit sah Liam häufiger in aufgehängten Mänteln und Jacken lauernde Gestalten in seiner Wohnung, jedoch folgte die Einsicht immer unmittelbar und ließ ihn erleichtert zurück. Er nippte an der Tasse und der Tee schmeckte ihm nicht mild genug. In der Küche goss er etwas Milch nach und rührte Honig hinein. Das Umrühren durchschnitt die Stille, denn es machte ihn auf sie aufmerksam. Nachdenklich nahm er wieder seinen Platz mit Sicht auf den Garten ein und die Sonne war in der kurzen Zeit so tief gesunken, dass das Wäldchen zu einem dunklen Ort mit lichten Flecken geworden war und er erinnerte sich an ein psychedelisches Stück von Pink Floyd auf der Ummagumma.
Jack glaubte, dass Kobolde in dem Wald wohnen würden und für Jack musste der Wald riesengroß erscheinen, mit einer Unzahl an kleinen Verstecken und der großen Gefahr, sich darin zu verlaufen. Letztlich waren es nur zweiundzwanzig Fichten, die dort standen, aber auch Liam konnte sich gut Kobolde in dem Wald vorstellen.
Geschmeidig schälte sich eine Katze aus dem Schatten des Waldes und pirschte über den Rasen. Offenbar hatte Nachbars Kater einen geregelten Tagesablauf, denn wieder trug er seine Beute im Maul zur Veranda, legte sie dort ab, setzte sich und blickte gelangweilt umher. Liam konnte nicht erkennen, was für ein Tier das erbeutete Knäuel war, er schätzte, ein Vogel. Der Kater nahm sein Abendessen ins Maul, und nach einigen Schritten sprang er auf den Fenstersims vor Liams Wohnzimmerfenster. In aller Ruhe fraß er unter Liams Blicken.
›Was, wenn es ein Tier war?‹, fragte sich Liam. ›Und keine blutige Hand.‹ Vielleicht hatte der Herr Gerichtsmediziner ebenfalls eine Katze oder einen Kater. Und vielleicht schleppten die ihre Beute ins Haus und verputzten sie dort auf dem Fenstersims. Liam merkte, wie sich die galoppierende Unruhe in seinem Kopf beruhigte und zum ersten Mal empfand er etwas, wie eine stille Verbundenheit zu dem Kater auf seinem Fenstersims.
Er wachte im Schlafzimmer auf und hatte ein unbehagliches Gefühl. Es musste immer noch Nacht sein, verriet ihm die Dunkelheit und durch die geöffneten Fenster hörte er, dass es stürmisch geworden war. Die Bäume im Wald rauschten. Er war beunruhigt und richtete seine Aufmerksamkeit nach innen, ob er etwas Unangenehmes geträumt hatte. Er konnte sich an nichts erinnern.
Draußen quietschte ein Scharnier und etwas Schweres polterte. Sein Herz raste, er konnte das Geräusch nicht einordnen und ehe er sich beruhigen konnte, wiederholte es sich. Aus Angst aber auch aus Bequemlichkeit fiel er in eine Schockstarre und sein erster Impuls war, einfach liegen zu bleiben. Doch er raffte sich auf, um ins Wohnzimmer zu laufen.
Seine Vormieter waren Gartenfanatiker gewesen und dementsprechend hatten sie eine komplette Beleuchtungsanlage um die Veranda und den Schuppen installiert. Mit einem Knopfdruck war alles hell, zumindest bis zur halben Rasenfläche. Er konnte nicht erkennen, was das Geräusch verursachte. Schemenhaft sah er, wie sich die Fichten und Baumkronen der Laubbäume im Sturm bogen.
Erneut polterte es und es schien direkt von der Außenwand zur Einfahrt zu kommen. Es was das Holztor zur Auffahrt. Er hatte es nicht richtig eingehakt. Anstatt nur in Unterhose bei der Kälte rauszulaufen, besann er sich und zog sich seinen Jogginganzug über und blieb stehen.
Etwas war über den Rasen gehuscht. Sehr schnell und unförmig. Ihn verließ der Ehrgeiz, das Poltern abzustellen, stattdessen wünschte er sich, er wäre im Bett liegen geblieben. Er wollte nicht mehr wissen, was da lang huschte. Er kam sich bei der hellen Wohnzimmerbeleuchtung beobachtet vor. Mit angehaltenem Atem tastete er, den Rasen beobachtend, nach dem Lichtschalter. Es wurde dunkel. Ein Schatten sprang an die Wohnzimmerscheibe und Liam schrie auf. Es war der Mistkater der Nachbarn. In seinem Maul hielt er den abgetrennten Stumpf einer blutigen Hand, die an der Fensterscheibe Blut verschmierte.
Liam schrie auf …
Und nahm ein gelegentliches Poltern wahr. Draußen stürmte es, hörte er durch das geöffnete Fenster. Auch seinen Herzschlag konnte er in seinem Kopf hören. Bevor er das verdammte Holztor schließen wollte, ging er ins Bad und spritze sich kaltes Wasser ins Gesicht, um sicher zu stellen, dass er nicht wieder träumte. Die restliche Nacht verbrachte er unruhig.
Hund auf zwei Beinen und Frau Schäfer, die Vogelfrau
Seit zwei Stunden saß er vor seinem Bildschirm, der dritte Kaffee des Tages stand dampfend vor ihm und er war so wenig produktiv, wie schon lange nicht mehr. Seit zwei Stunden sprang ihn das in Arial auf Schriftgröße 14 und fett geschriebene Wort »Ideen« auf einem leeren Word-Dokument an. Was war bloß los mit ihm? Sicher, er hatte schlecht geträumt und kaum geschlafen, aber das war kein Grund für eine Arbeitsverweigerung. Um in Fahrt zu kommen, steuerte er eine CD von System of a Down an, drehte lauter und starrte aus dem Fenster.
Heute Abend würde Sandra kommen und ihm Jack für drei Tage da lassen. Sandra musste beruflich nach Köln und Lina würde bei ihren Eltern bleiben. Warum eigentlich? Er hätte sich gegen ihren Vorschlag wehren können. Wenn sie so weiter lebten, würde er wenig von Lina mitbekommen. Er schaute sich ihr Familienfoto auf seinem Schreibtisch an. So hatte Lina vor drei Monaten ausgesehen. Mittlerweile hatte sie sich bestimmt weiter entwickelt, und er nahm nicht daran teil. Auf Jack freute er sich. Traute er sich Lina zu? Sie allein über eine Distanz schon, aber beide über drei Tage? Nein, dennoch fühlte er sich übergangen. Sandra entschied und er fügte sich.
Durch den dritten Kaffee am späten Vormittag und seine aufkeimende Wut, konnte er nicht arbeiten. Er verbat sich weiteren Kaffee und ging spazieren. Die Landschaft hier mochte er sehr und vielleicht bekam er den Kopf frei. Mit seinen neuen Trekkingschuhen fühlte er sich wohl. Ohnehin glaubte er, durch die beiden bisherigen Spaziergänge an ein verbessertes Körpergefühl. Kaum, dass er darüber nachdachte, musste er lachen. So ein Schwachsinn. Vor dem letzten Haus auf der rechten Seite nahm er bewusst wahr, dass der Tag weder regnerisch, neblig oder bitterkalt war. Die Luft war frisch, der blaue Himmel wies einige weiße Wolken auf, und die Sonne sorgte für ein optimistisches Licht. Auf der Straße kam ihm ein älteres Ehepaar entgegen und grüßte freundlich. Liam behielt die Pelzmütze mit Ohrenwärmern des Mannes in Erinnerung und meinte, sie häufiger in Filmen aus den 80ern gesehen zu haben. Auf dem letzten bebauten Grundstück auf der rechten Seite arbeitete ein Mann in seinem Garten und grüßte Liam. Liam konnte den Esel sehen, der einen zufriedenen Eindruck auf ihn machte, ebenso einen Bernhardiner, der hinter dem verschlossenen Gartentor hechelte. Hatte er anfangs von der Lage des Grundstücks geschwärmt, etwas außerhalb aber noch mit Anschluss an das Dorf, wäre es ihm bei all den bisherigen Ereignissen zu unheimlich gewesen.
Sofort hatte er die blutige Hand vor Augen, die sich mehr und mehr in seinen Gedanken zu einer Katze formte. Es tauchten die Fragen auf, die er sich seither stellte. Was hatte Hübi dort zu suchen? Woher wusste er, dass der Mann als Gerichtsmediziner arbeitete? Wie bekam er Antworten, ohne mit Hübi reden zu müssen? An der Gabelung entschied er sich für den Weg zur Steinbrücke. Bisher war er nur mit dem Auto dorthin gefahren, dann wieder umgedreht, da der Weg ab da nur für den landwirtschaftlichen Verkehr freigegeben war und ins Moor führte.
Der Weg führte ihn an mehreren winterlichen Feldern vorbei, aus der Ferne hörte er das gelegentliche Aufheulen einer Motorsäge. Durch die Nähe des Moores erklärte er sich die vielen Tümpel, die vermehrt an den Knickkreuzungen lagen. Dunkel schimmerte das Wasser durch die blattlosen Äste und Sträucher. Auf einer längeren Geraden standen zahlreiche dicke Weidenstümpfe, aus denen Triebe meterhoch in die Höhe sprossen. In den Astlöchern und den morschen Baumstammhöhlen konnte er Dinge für Jack verstecken, wenn sie den Weg gemeinsam erkunden würden.
Eine Joggerin kam ihm entgegen. Ihr Laufstil und ihre zu erahnende Figur machten ihn neugierig. Freundlich aufgeschlossen suchte er ihren Blick, um sie zu grüßen. Er schätzte sie auf Mitte Vierzig. Nicht sein Alter, aber sie war attraktiv. Er stellte sich Sex mit ihr im Freien vor und litt deswegen unter seinem Gewissen. Den nächsten Kilometer bis zu einem Fichtenwald auf der linken Seite verbrachte er damit, gegen eine Erektion und eine Wiederholung der Vorstellung vor seinem geistigen Auge zu kämpfen. Liam wurde wütend, denn er hatte den Weg nach draußen gesucht, um den Kopf frei zu bekommen, stattdessen erwischte ihn ein neues Thema mit aller Heftigkeit. Oder aber ein altes Thema, das erst alles verursacht hatte. Seit mindestens einem Monat waren sie nicht mehr zärtlich zueinander gewesen und vorher, so hatten Sandra und er einmal festgestellt, hatten sie durchschnittlich dreimal Sex in der Woche. Er verdrängte den Gedanken.
Er bewunderte die Urtümlichkeit. Große Fichten mit dicken Stämmen bildeten den Wald. Etliche mittelgroße Bäume verrotteten am Boden oder waren umgeknickt und wurden durch ihre Nachbarn gestützt. Direkt am Weg stand ein Wildfutterhäuschen, in dem angenagte Maiskolben und Möhrenstumpen lagen. Auf der anderen Seite des Weges genoss er einen phantastischen Ausblick auf die Wiesen im Alstertal und dahinterliegend begrüßte ihn ein entlaubter, stark verästelter Wald. Dort begann das Moor. Eine Sitzbank lud zum Verweilen ein und zahlreiche Zigarettenstummel zeugten von Besuch. Zielsicher sah Liam eine aufgerissene Kondomverpackung vor dem Mülleimer. Er lächelte. Am Boden festgefroren und im Sommer oder im warmen Herbst zum Einsatz gekommen und kaum, dass er daran dachte, wallte das Verlangen in ihm auf. Er seufzte entnervt und setzte seinen Weg zur Steinbrücke, die man von hier aus schon sehen konnte, fort.
Ein älteres Paar fuhr auf Fahrrädern an ihm vorbei, man grüßte sich. An der Steinbrücke lehnte Liam sich auf das Geländer und erfreute sich an dem uneingeschränkten Blick über die Alsterebene, das Moor und die kleinen Waldflecken hier und da. Weit am Horizont, flussaufwärts, musste eine Straße oder ein Weg entlangführen, denn ein Auto kreuzte dort seinen Blick. Er grinste. Die Rehherde, bestehend aus fünf Tieren, stand quasi vor seiner Nase auf einer Wiese. Er war ein Stadtmensch, sein Blick noch nicht geschult. Er beobachtete die Rehe, ein allein am Himmel in der Luft stehender Vogel zerteilte die nicht unangenehme Stille mit einem Schrei. Liam atmete tief durch.
Auch, wenn sein erster Spaziergang intensiver, im Geiste eines Pioniers spannender war, entspannte er sich, als einer von anderen vormittäglichen Spaziergängern. Er hatte einen Job, in dem er sich leisten konnte, hier zu sein (ein unangenehmes Druckgefühl breitete sich in seiner Magengegend aus und er verdrängte den Gedanken schnell) und alle anderen, denen er begegnete, befanden sich in einer ähnlichen Situation. Wahrscheinlich trank das Spaziergängerpaar zu Hause einen Tee und die Joggerin duschte. Er seufzte und unterwarf sich dem Verlangen, indem er sich einfach hinzu vorstellte und sie von hinten nahm. Den Wind und seine Vorstellungen genießend, irritierte ihn etwas, was er in der Ferne sah. Ein Geländer ragte dort kaum sichtbar aus dem welken hochstehenden Gras hervor. Flussaufwärts befand sich eine weitere Brücke. Die Brücke, von der er in den Fluss gepinkelt hatte. Es könnte sein. Wenn dem so war, musste auch das Haus, wo er den Mann mit dem Gummiball im Mund getroffen hatte, zu sehen sein. Er suchte den Horizont ab.
»Wo bist du?«, flüsterte er. Jemand sprang ihn von hinten an, etwas legte sich auf seine Schultern. Zwei Hände, aber es passte nicht. Bevor er reagieren konnte, hörte er ein Hecheln. Er drehte den Kopf und wähnte sich im heißen Atem eines großen Hundes, der sich an ihn lehnte. Die Zunge hing heraus, seine dunklen Augen blickten Liam erwartungsvoll an und der Atem roch nach verdautem Pansen. Das Tier kam ihm bekannt vor. Liam wurde angesichts der Größe des Tieres schlecht und die Nähe zu seinem Hals bereitete ihm Unbehagen.
»Verdammt, wer bist du denn?«, fragte Liam beruhigend und suchte aus den Augenwinkeln nach einem Verantwortlichen für das Viech. Der Hund hechelte warme Pansenluft in Liams Gesicht, hüpfte auf seinen Hinterpfoten näher, um besseren Halt zu gewinnen. Schlammigmodrige Pfoten tasteten auf seiner hellblauen Skijacke umher. Liam verbat sich, aus Wut ungestüm zu reagieren. Den Hundehalter würde er am liebsten wie den falsch parkenden Geländewagenfahrer beißen. Hinter dem Hund sah er am Flussbett eine Bewegung, ein Pfiff erschallte und Hübi trat hinter ihm unter der Brücke hervor auf die Straße. »Komm her, Teufel!«, schrie er dem Hund zu und Teufel ließ ängstlich von Liam ab und schlich zu Hübi. Hübi erwartete Teufel mit einer Leine in der Hand. Er packte den Hund am Halsband, hielt ihn mit der linken Hand fest und drosch mit dem Lederriemen auf Teufel ein. Teufel winselte und wollte sich auf den Rücken drehen.
»Was willst du hier? Verfolgst du mich, oder wie?« Mit Teufel an der Leine kam Hübi drohend auf Liam zu. Liam war sprachlos. ›Ich sollte ihn beißen‹, schoss es Liam durch den Kopf. Aber er stand mit halboffenem Mund da und fühlte sich wie ein Passagier in sich.
»Nein, ich, also ich … hatte nur den Kopf voll und …«
Hübi stand vor ihm und wollte Liam den Schmutz von der Jacke klopfen. Stattdessen rieb er sie durch seine groben Bemühungen stärker ins Textil ein.
»Scheiß Köter, tut mir irgendwie Leid«, gab er umständlich von sich. »Musst du kalt waschen.« Er deutete mit einem Zeigefinger auf Liams Schultern.
Liam war pessimistisch. Die Jacke konnte er wegwerfen. Hübi klopfte ihm ein weiteres Mal auf die Schulter.
»Ist gut jetzt!«, ließ Liam seinem Frust freien Lauf und wich Hübis klopfender Hand zur Seite aus.
»Hey, ganz locker«, brummte Hübi. Liam begriff, dass Hübi auf Konfrontation immer einen Gegenangriff startete. Wahrscheinlich hatte er angesichts seiner Körpergröße und seiner Ausstrahlung damit auch Erfolg. Hübi pumpte sich auf und stand latent drohend vor Liam.
»Schon O.K., wusste gar nicht, dass das euer Hund ist«, beschwichtigte Liam und deutete auf Teufel, der eingeschüchtert hinter Hübi kauerte. Hübi nickte und entspannte sich.
»Na wie auch, gab Ärger im Kindergarten, weil Teufel die Lütten immer umgerannt ist und die Schiss hatten. Macht aber nix, der will nur spielen.«
Liam konnte sich die Ängste der Kinder vorstellen, wenn ein riesiger Hund, sich Urviech gleich mit heraushängender Zunge auf sie stürzte. Teufel traute sich hervor und hechelte.
»Sag mal, was hast du denn da hinten eigentlich letztens gemacht?«, wollte Liam wissen und beobachte Hübi genau, um seine Reaktion abschätzen zu können.
»Ich kauf’ da immer für die Schröters ein, weissu. Die wohnen da ganz allein, und der Alte traut sich nicht mehr, mit dem Auto zu fahren. Manchmal kommen die beiden mit, aber häufig nur sie. Manchmal mach’ ich da auch was im Haus, aber eigentlich wollen die immer alles alleine machen, weissu. Im Sommer hab ich mal ’nen Anruf von ihr bekommen, ob ich mal vorbeikommen kann, sie hat Kuchen gebacken. Und dann bin ich da hin und frag’, wo er denn ist und sie meinte so, im Garten, sie ham Probleme mit dem Brunnen. Und dann hab’ ich mir das mal angeguckt und da ist der Alte sechs Meter mit seinem kaputten Knie in den Brunnenschacht gekrochen und wollte die alte Brunnenpumpe auswechseln. Alter, der ist über Achtzig! Und da kam er nicht hoch. Aber zu stolz für, um Hilfe zu holen, echt!«, berichtete Hübi und nickte dabei dem Alten bewundernd zu.
»Na ja, ich hab’ die dann ausgewechselt und sie hat noch schnell ’nen Kuchen hingekriegt, weissu, die hatte gar keinen, hatte aber Schiss um den Alten, verstehste?«, Hübi erklärte ihm die Sachlage gestikulierend.
»Ja, schon heftig«, bestätigte Liam. »Bist du denn irgendwie verwandt mit denen?«, wollte er wissen.
»Ja, umso paar Ecken, aber ich bin der einzige, der sich um die beiden kümmert, Mann. Und das mach’ ich nur so, verstehst du? Scheiß auf das Haus und das Grundstück, das will eh keiner mehr haben.«
Liam nickte, bezweifelte aber Hübis Uneigennutz. »So, ich will mal wieder, ne«, verabschiedete sich Hübi.
Liam schätzte, dass Hübi nach eigener Einschätzung schon viel zu viel von sich erzählt hatte, aber er wollte in Erfahrung bringen, was es mit dem Gerichtsvollzieher auf sich hatte.
»Und was ist das für ein Typ, der Gerichtsvollzieher? Mann, du warst echt sauer auf den.«
Hübi verharrte und sammelte sich. Er guckte links an Liam vorbei und überlegte, ob und was er sagen sollte.
»Keine Ahnung, weissu. Kommt wohl aus Hamburg, ne. Hat einfach den Hof gekauft und kommt immer erst sehr spät zurück. Kommt fast nie raus und hat immer die Vorhänge zu, weissu. Manchmal kommen da Männer zu Besuch, oder so, aber der hat ja auch keine Frau und keine Kinder da, weissu.«
Emotional fühlte sich Liam sonderbar mit dem Herrn Gerichtsmediziner verbündet, denn verdeckte Ressentiments waren ihm gerade von der alt eingesessenen Dorfbevölkerung auch entgegengeschlagen. Sobald im Kindergarten bekannt war, dass Sandra und er sich in einer schwierigen Phase befanden und sogar in Trennung lebten, verhielten sich einige Mütter abweisend, fast arrogant. Meistens die, die einen Landwirtschaftsbetrieb hatten. Auf der anderen Seite war der Gerichtsmediziner sonderbar. Und ja, die verdammte Hand hatte er gesehen. Wenn es denn nicht irgendein Tier gewesen war. Liam überlegte und Hübi wartete auf eine Reaktion.
»Weissu, wie ich mein, ne?«
»Ja, ja.« Liam nickte abwesend. »Ja, klar, versteh’ ich voll.« Beide schwiegen.
»Stubenhocker, ne. Schwuler Stubenhocker!« Hübi erwartete eine anerkennende Reaktion von Liam, doch Liam schwieg beharrlich.
»Na ja, ich muss weiter, doh.« Hübi verabschiedete sich freundlicher als vorher. Liam blieb mit verschmutzter Skijacke auf der Brücke stehen und schaute sich nachdenklich den Sonnenuntergang in der Oberalsterniederung an. Er wusste nicht einzuordnen, was er von einem Gerichtsmediziner mit solchen Neigungen halten sollte. Er wusste nicht, was ein Gerichtsmediziner genau arbeitete. Er vermutete, dass er sich um die ungeklärten Todesfälle kümmerte und die Leichen obduzierte. Auf der einen Seite hatte Liam dann für solche, in seinen Augen kranken, Neigungen, wie Sado-Maso-Spiele, Verständnis, andererseits wurde ihm der Mann dadurch unheimlicher. Er beschloss, sich das Moor genauer anzuschauen und stieß sich von dem Geländer der Brücke ab. Er schätzte es jetzt auf ein Uhr, hatte aber keine Lust, sich mit einem Blick auf sein Handy zu vergewissern.
Bis auf Hübi, der mit Teufel gleich um die Kurve am Waldrand gehen würde, war er hier allein. Wahrscheinlich war die Mittagszeit hier auf dem Dorf noch eine heilige Zeit. Dann hatte das Mittagessen dampfend auf dem Tisch zu stehen, und die Familie speiste gemeinsam. Sie sprachen ein Tischgebet. Liam spürte, wie der Zynismus in ihm hochkroch. Eigentlich wünschte er es sich nichts anderes. Abgesehen von dem Tischgebet.
Die Straße vor ihm führte ins Wakendorfer Moor. Links und rechts säumten Waldstücke den Weg. Selten zuvor hatte Liam so viele verkrüppelte Bäume beieinander stehen sehen. Einzig zahlreiche halbhohe Birken verliehen dem Anblick etwas Ordnendes. Die Asphaltierung wich einem Schotterweg mit respektablen Schlaglöchern. Dahinter führten links und rechts des Weges kleinere Wege ins Unterholz. Linkerhand sah Liam, dass der Weg einige Meter weit befahrbar war, danach wurde er zu einem Wildpfad. Liam spürte das Kribbeln des Entdeckers. Die Anfänge des Moores auf der rechten Seite des Weges, mit brackigen Wasserlöchern und einzelnen, auf kleinen Inseln stehenden, verkrüppelten Bäumen, umgekippten und moosbehangenen Baumstümpfen, waren von seiner Warte zu erkennen und faszinierten ihn. Zur linken Hand sah es aus, als wäre vor langer Zeit Erde abgetragen worden. Das Gelände sah von Menschenhand bearbeitet aus. In dem eingestanzten Rechteck stand hellbraunes Gras kniehoch, ab und an eine Birke. Um das Rechteck führte ein Weg und dahinter senkte sich ein weiteres Rechteck in die Tiefe. Hier war früher Torf gestochen worden. Staunend ging Liam den Weg weiter.
Hier musste er mit Jack hin. Er würde sich eine spannende Geschichte zu ihrem Ausflug ausdenken, ein abgestürztes Flugzeug und die Besatzung hatte hier noch, bevor sie von der Polizei geschnappt wurde, einen Schatz vergraben. Liam nickte und sah sich mit Jack trittsicher das moorige Unterholz erkunden. Bei den Wasserlöchern, wo es schon sumpfig wurde, musste er natürlich aufpassen. Ihm selbst waren sie auch unheimlich. Er stellte sich vor, aus einem dieser Löcher würde eine Hand herausragen und bei diesem Gedanken genoss er eine wohlige Gänsehaut, die ihm den Rücken hinaufkroch.
Rechts führte ein Damm durch das sumpfige Gebiet. Offenbar lag auch diese Seite damals höher, nur die Urtümlichkeit ließ es nicht mehr erahnen. Er überlegte. Welchen Weg würde Jack an seiner Stelle wählen? Liam wählte den Dammweg tiefer in das Moor.
Er ging an einem Wildfutterhäuschen vorbei und konnte sich die Arbeit eines Jägers gut vorstellen. Die Vegetation wurde uriger und auch feindseliger. Er verfing sich mehrmals an Brombeersträuchern und stieß sich schmerzhaft an einem überwucherten Baumstumpf den Fuß. Wie ein Vorhang lichtete sich links und rechts das Unterholz. Direkt an das Moorgebiet grenzend lagen Wiesen und Koppeln, auf der linken Seite sah er in der Ferne ein altes Holzgatter und einen Feldweg. Die Sonne am Horizont schimmerte rötlich und tauchte die Landschaft in ein Licht, in dem Liam sich angenehme Traumsequenzen vorstellten konnte. Er war beeindruckt und blieb stehen. Er ließ den Blick über den Horizont gleiten und atmete tief ein. Zum ersten Mal an diesem Tag war er eins mit sich und er genoss den Augenblick, ehe er erschrak.
Am Horizont, hinter einem Laubwaldstück, stand ein altes Bauernhaus. Liam brachte seine letzten Überlegungen, die er auf der Steinbrücke hatte, ehe Teufel ihn mit seinem Pansenatem beglückte, in Übereinstimmung mit seiner weiteren Wanderung. Es konnte sein, dass das der alte Königshof war. Vorhin hatte er nur die alte Holzbrücke sehen können, da war er auf der anderen Seite der Alster gewesen.
Das würde er prüfen.
Der vor ihm liegende Feldweg bog später nach rechts ab, also zurück zur Alster, und von dort konnte er einen freien Blick in Richtung Laubwald und Gehöft bekommen. Aufgeregt beschleunigte er seinen Schritt und blieb nach der Biegung stehen. Hinter einem Baumstumpf (er schätzte, es war eine Weide, weil nur Weiden seiner Ansicht nach solche Triebe hatten), aus dem mehrere kleine Stämme austraten, stand eine Gestalt. Verharrte regungslos und beobachtete mit einem beeindruckenden Fernglas den Horizont. Gedungene Statur, durch die Kälte in sich zusammen gekauert, passable Tarnkleidung. Sie verschmolz mit dem dunkelgrünschwarzen Baumstumpf. Liams Herzschlag beschleunigte sich. Er brachte die Gestalt augenblicklich mit den Geschehnissen auf dem Königshof zusammen. Der Gerichtsmediziner wurde schon beobachtet. Trotzdem wollte er sich zurückhaltend und vorsichtig verhalten. Er entspannte sich, atmete durch und versuchte dann, so normal wie möglich, seinen Weg fortzusetzen.
Das Fernglas war nicht auf den Königshof gerichtet, analysierte Liam. Gut. Was gab es hier sonst zu beobachten? Vielleicht ein Naturfreund. Oder ein Spanner. Vielleicht wimmelte es in diesem Moor ja nur so von Perversen. Liam unterdrückte ein Lachen bei diesem Gedanken. Entweder war es eine Frau oder ein kleinerer Mann. Sie trug einen Rucksack von Zermatt in Tarnfarben, eine dunkle Outdoorjacke und die Haare blieben durch eine Kapuze verborgen. Liam stand wenige Schritte hinter ihr und wartete darauf, dass sich die Person rührte. Nichts. Liam räusperte sich. Erschrocken drehte sich eine ältere Frau um. Eine graumelierte Strähne fiel ihr in die Stirn. Hinter Tränensäcken blickten neugierige Augen, umrahmt von durch Kälte geröteten Wangen. Liam fand die Frau auf Anhieb sympathisch.
»Was beobachten Sie denn dort, wenn ich fragen darf?« Er reckte den Kopf gen Horizont.
»Schäfer«, stellte sie sich vor und reichte ihm die rechte Hand hin. Mit der linken zog sie etwas aus der Jackentasche, zeigte ihm einen Ausweis mit einem Foto von ihr aus tränensackärmeren Tagen.
»DOG, Deutsche Ornithologen-Gesellschaft. Ich bin Lehrerin«, erklärte sie ihm das Akronym und nannte ihren Beruf. Liam war von ihrem Auftreten überrascht und suchte nach einer adäquaten Antwort. Es fiel ihm nichts ein also fragte er. »Und was beobachten Sie?«
Sie nickte, als würde sie jetzt seine Frage mit ihrem Tiefgang erkennen können. Sie steckte den Ausweis wieder ein und nahm den Feldstecher, der an ihrem Hals hing, ab. »Sumpfohreulen. Letztes Jahr habe ich an mehreren Stellen in den Schlehenbüschen auf der anderen Seite des Weges Gewölle gefunden. Jetzt hier. Aber noch kein Nest.« Aus einem Reflex heraus schaute sich Liam die kahlen Äste der knöchernen Bäume an.
»Es sind Bodenbrüter«, belehrte sie ihn und Liam wusste, dass er sich zumindest nicht als Vogelexperte ausgeben konnte, wollte er mit ihr im Gespräch bleiben.
»Ja, das wusste ich gar nicht«, gab er zu. »Ich kenne die Gegend erst seit kurzem, vielmehr lerne ich sie eigentlich gerade erst kennen. Aber mir ist schon aufgefallen, wie viele verschiedene Vogelarten es hier gibt. Erstaunlich.« Liam zeigte sich ernsthaft interessiert. In diesem Moment war er es auch. Wahrscheinlich führte dieser Umstand zu einem Brechen des Eises, wie man sagt, denn Frau Schäfer entspannte sich und lächelte.
»Hundertdreiundsechzig«, sagte sie und nickte stolz und anerkennend zugleich. Liam verstand nicht. »Es gibt hier in diesem Moor«, sie deutete um sich herum, »… hundertdreiundsechzig Vogelarten. Und seit vier Jahren lassen sich hier Kraniche nieder.« Ihre Augen strahlten euphorisch unter der Kapuze und Liam hätte sie niemals für eine Lehrerin gehalten, die sich über den ständigen Stress in der Schule beklagte und vor allem über unmotivierte Schüler. Aber Ornithologie war ihr Hobby und kein Unterrichtsfach und wahrscheinlich unterrichtete sie in ihren Fächern, weniger begeisternd. Liam ließ sich von ihrer Begeisterung anstecken.
»Hundertdreiundsechzig!«, er pfiff als Zeichen des Respekts. »Ich hätte Schwierigkeiten, sie alle auseinander zu halten. Na ja, ich hätte wahrscheinlich schon Schwierigkeiten überhaupt ein paar zu erkennen«, gestand er. »Kann man denn jetzt welche beobachten?«
»Klar.« Sie drehte sich zum Horizont. »Dort hinten im Schilf«, sie deutete auf einen entfernten Schilfgürtel, »sind mehrere große Brachvögel.« Umgehend fixierte sie die erwähnte Stelle mit ihrem Fernglas und justierte mit dem rechten Mittelfinger ein kleines Rädchen.
»Ja …«, murmelte sie, »ja, da ward ihr doch eben.« Sie schwenkte nach links, dann wieder nach rechts. »Ah ja. Da sind sie. Wenn der Frühling kommt, kann man sie hier sehr gut hören«, erklärte sie ihm und konzentrierte sich dabei.
»Nehmen Sie mal«, sagte sie, drehte ihr Gesicht zu ihm und hielt das Fernglas unverändert in die Richtung.
»Na los, schauen Sie mal.« Liam zuckte kurz mit der Schulter und nahm die Einladung an. Behutsam nahm er ihr das Fernglas ab und brachte es auf seine Augenhöhe. Er sah unscharf, doch bevor er etwas sagen konnte, forderte sie ihn auf, die Einstellung zu verstellen. Das Bild wurde schärfer und er konnte drei beigebraune Vogelköpfe mit langen gekrümmten Schnäbeln zwischen den dichten Halmen ausmachen. Sehr groß, sehr nah. Die Vögel guckten dümmlich, so, als wäre ihnen gewahr geworden, dass sie beim Kacken beobachtet wurden und Liam kam sich voyeuristisch vor. Andererseits belustigte ihn die Vorstellung.
»Ich hab’ sie. Sie sehen irgendwie lustig aus. Großer Brachvogel, ja?«
»Mmh«, bestätigte sie neben ihm. »Im Frühling ruft er immer ›kuri–wi‹.«
»Ah, das hab ich schon mal gehört«, erinnerte sich Liam an diese Melodie. Er fragte sich, wo das gewesen sein könnte, aber die kackenden, großen Brachvögel interessierten ihn mehr. Sie huschten hysterisch und aufgeregt durch das hohe Gras.
»Toll, wirklich. Vor allem, wie nah man sie damit ran bekommt.« Er drehte sich zu ihr und bemerkte, dass sie die letzte Äußerung verstimmt hatte.
»Ja, es ist schon ein sehr hochwertiges Fernglas. Zeiss Victory 8x56«, antwortete sie sachlich. Liam mutmaßte, sie kannte das von ihren Schülern. Anstatt sich für die Sache an sich zu begeistern, war das Interesse an der technischen Umsetzbarkeit größer.
»Nein, das meine ich nicht«, widersprach Liam. »Ich meine, es wirkt fast so, als würden sie sich beobachtet fühlen. Als würden sie spüren, dass ich hier stehe. Könnte das sein?«
Sie überlegte und jonglierte den Gedanken hin und her. »Ja, ich glaube, ich weiß, was sie meinen. Vögel scheinen über eine Art siebten Sinn zu verfügen. Kurz vor dem Tsunami damals wurde aus ganz vielen Gegenden von ausziehenden Vogelschwärmen berichtet. Ungefähr sechs Stunden vor dem Seebeben sind die küstennahen Arten auf erhabene Gebiete ausgewichen. Stämme, also so einheimische Gruppen, sind ihnen gefolgt und haben den Tsunami so auch überlebt. Von einigen Vögeln spricht der Volksmund sogar, dass sie den nahenden Tod spüren können. Vor allem der Kauz gilt als Totenvogel.«
»O.K«, Liam stellte fest, dass Frau Schäfer nicht nur über akademisches Wissen zu dem Thema verfügte.
»Dort hinten in den Vogelbeeren leben Birkenzeisige«, deutete sie in die andere Richtung und Liam folgte ihrem Finger.
»Nein, eher dort.« Sie korrigierte etwas und Liam sah eine Ansammlung struppigen Dickichts, in dem eine Schar von kleinen, graubraunen Vögeln herumhüpfte. Das voyeuristische Gefühl in ihm nahm ab, vielleicht weil es so viele Zeisige waren. Er fand es spannend, sie so beobachten zu können und schwieg fasziniert. Frau Schäfer genoss, ebenfalls schweigend, diesen Zustand.
Im Hintergrund konnte Liam unscharf eine kleine Straße erkennen. Die beiden Autos, die sich entgegen kamen, hatten Licht an.
Drei Zeisige stritten um etwas. Was es war, konnte Liam nicht erkennen, mal hatte es der eine, dann wieder der andere im Schnabel.
Das dunkle Auto war eckig.
Der eine Zeisig flog mit dem Teil im Schnabel zu einem anderen Gebüsch, die beiden anderen folgten ihm.
Das dunkle Auto war ein Volvo und fuhr zum alten Königshof. Liams Atmung setzte aus und er wechselte unauffällig sein Ziel. Den Fahrer konnte er nicht erkennen, aber es war der Wagen des Gerichtsmediziners. »Toll, oder?«, wollte Frau Schäfer wissen.
»Mmh.« Der Wagen hielt auf dem Hof, dort wo Liam ihn schon einmal hat stehen sehen. Der Gerichtsmediziner stieg aus und lief zur Haustür, schloss diese auf und lief zum Auto zurück. Einer der beiden Hunde schoss durch die Tür und wollte den Arzt springend begrüßen. Er drückte den Hund unwirsch weg. Aus dem Auto holte er einen dunkelgrauen Plastiksack, den er mit Schwung schulterte. Offenbar war der Inhalt schwer, es musste ein reißfester Plastiksack sein. Vielleicht einer, den Gerichtsmediziner in ihrem Berufsalltag benutzten. Der Hund erschnüffelte etwas für ihn Interessantes in dem Sack und scharrte mit einer Pfote. Der Arzt trat kräftig zu und der Hund hielt Abstand. Angestrengt trug er den Sack ins Haus und eilte zurück, um einen weiteren Sack zu holen. Liam wurde angestupst, nicht zum ersten Mal.
»… so Spannendes?«, hörte er das Ende von Frau Schäfers Frage. Seine Verwirrung schüttelte er ab.
»Ähm, dort hinten, der da schleppt so komische Säcke in sein Haus.« Frau Schäfer nickte und nahm ihm sanft das Fernglas aus den Händen.
»Erster ethischer Grundsatz von mir: Ich beobachte Vögel und keine Menschen.«
»Äh ja, es ist nur …«, er schüttelte verzweifelt den Kopf und beließ es bei dieser Reaktion. »Sie haben Recht, wahrscheinlich kann man nur mit dieser Einstellung sinnvoll arbeiten«, nickte er ihr zu.
»Genau so ist es, auch wenn es manchmal schwer fällt, zu widerstehen. Aber anders geht es nicht«, bestätigte sie ihn. Liam hatte den Eindruck, sie würde sich gerne wieder der Sumpfohreule widmen. Er verabschiedete sich und ging den Weg weiter, der seiner Orientierung nach wieder auf den Hauptweg stoßen musste. Den gesamten Rückweg über musste Liam die gesehenen Bilder verarbeiten und er fragte sich, ob der Berufsstand Gerichtsmediziner im allgemeinen Arbeit mit nach Hause nahm.
Tod reimt sich auf Abendbrot
Sandra war nur flüchtig da. Er konnte kurz mit Lina schmusen und merkte an ihrem Verhalten, dass sie sich entfremdeten. Sandra war ihm auch fremd vorgekommen. Derzeit konnte er an dem Zustand nichts ändern. Jack freute sich auf ihn. Jack und er spielten mit Playmobil ein Ritter-Wikinger-Cowboy-Szenario nach. Jacks Freude an der Aufbauphase hatte nachgelassen, er wollte frei spielen, wobei das freie Spielen aus erbitterten Kämpfen unter den Figuren bestand. Jack hatte wie immer drei Lieblingsfiguren, die allen anderen an Kampfgeschick überlegen waren. Und sie konnten zaubern. Jacks Kreativität beindruckte ihn. Jack ließ sich aus dem Stegreif einen Zauber einfallen, womit seine Figuren wie Licht fliegen konnten. Liam fragte sich, welche Vorlagen Jack für solche Ideen hatte, oder ob er sich das frei erdachte.
Später saßen sie im Pyjama am Küchentisch und aßen Abendbrot. Liam hatte großen Hunger, vor ihm standen zwei Scheiben Vollkornbrot, eine mit Käse und Tomaten, die andere mit Kassler und Senf belegt. Jack hatte in seiner »Winnie Puuh«Schüssel Honeyballs und das Essen war für ihn nebensächlich. Wichtiger war das Gespräch. Im Hintergrund summte die Geschirrspülmaschine.
»… hat Lukas erzählt, dass er als ein Tier geht.« Jack stand vor Aufregung auf und aß im Stehen weiter.
»Und als was für ein Tier geht Lukas?« Liam wusste, dass Lukas in der Bärengruppe bei den Vorschulkindern betreut wurde. Jack war ganz aufgeregt, weil bald Fasching sein würde. Er hatte es bislang vergessen, aber offenbar hatte er etwas bei Sandra aufgeschnappt. Liam wäre gerne informiert gewesen, aber Sandra hatte keine Zeit und musste schnell weiter, um noch rechtzeitig einchecken zu können. Jack guckte ihn verständnislos an, seine Lippen formten stumme Töne.
»Als was, Jack? Als Elefant vielleicht, oder als Löwe?« Es arbeitete in Jack und die erste kleine Wutfalte zeigte sich auf seiner Stirn. In diesen Momenten, so mutmaßten Sandra und er immer, dachte Jack wohl darüber nach, wie dumm seine Eltern wirklich waren. Warum sie nichts verstanden. Warum sie offenbar seine Sprache vergessen hatten und, seinem verächtlichem Blick nach, wünschte er sich intellektuell ebenbürtige Gesprächspartner. Liam musste in solchen Situationen aufpassen, dass er nicht lachte.
»Als das Tier, Liam.« Jack schüttelte verständnislos den Kopf, der Löffel mit Honeyballs gefror in der Luft. Liam fragte vorsichtig nach.
»Ah. O.K. Was macht das Tier denn?«
Auf Jacks Gesicht zeigten sich Sonnenschein und Heiterkeit.
»Also das ist so einer«, der Löffel wurde in der Schüssel geparkt, denn Jack brauchte für seine Erklärung beide Hände, »der ist ganz bleich im Gesicht, hat zwei lange Zähne hier so.« Erst zeigte Jack auf seine beiden Eckzähne, da er aber wusste, dass sein Vater manchmal begriffsstutzig war, hob er Liams Oberlippe an und drückte Liams Eckzähne.
»Dann kann er fliegen.« Jack flatterte zwei Schritte von seinem Stuhl weg und wieder zurück.
»Und er trinkt Blut von Menschen.« Liam wartete.
»Und er schläft, aber das hab ich nicht verstanden, wo. Ich glaube, Lukas aber auch nicht.« Jack musterte ihn mit großen Augen.
»Als so ein, also wie so einer will ich auch verkleidet sein, Liam, auch so mit den Zähnen.« Aus reiner Liebe zu seinem Sohn hätte er »Ja« gesagt, aber er besann sich auf eine Absprache mit Sandra.
»Ich werde das mit Mami besprechen, und dann gucken wir mal Jack, aber weißt du, meinst du vielleicht einen Vampir?« Jack sprang hoch, es fehlte ihm die ganze Zeit dieses Wort. »Genau, das hat Lukas gesagt. Und weißt du, wie die schlafen? In einer Kiste, oder so?«
Liam nickte. »Ja, in einer Holzkiste meistens.« Liam überlegte. »Na ja, einige auch in Kisten aus Stein«, sagte er. Jack nickte und sah aus, wie jemand, der sich über seinen besten Freund freute, weil der ihn in den Sachen, wenn es darauf ankam im Leben, nicht enttäuschte. Liam spürte das und strich seinem Sohn über den Kopf.
»Ich hab dich lieb, Jacko.«
»Ich dich auch, Liam.« Solche Augenblicke hätte Liam am liebsten für immer konserviert, Jack aber zog es wieder weiter.
»Kann so ein Vampir totgehen, Liam?«
»Du meinst, ob er sterben kann?«, verbesserte Liam unauffällig. Jack nickte.
»Ja, Vampire können sterben.« Insgeheim hoffte Liam, dass Jack seine Fragerei einstellte, aber er glaubte nicht daran.
»Aber ein Vampir lebt doch nicht, oder? Hat Lukas gesagt.«
»Nein, ein Vampir lebt nicht.« Liam hatte in einem Erziehungsbuch gelesen, dass man Kindern nur erzählen sollte, was sie auch wirklich fragten. Zusatzwissen in sensiblen Bereichen würde sie verstören, deshalb hielt er sich zurück.
»Wie kann er sich denn bewegen, wenn er nicht lebt, Liam?« Es fing die Phase an, in der er für seine Antworten länger nachdenken musste. Danach kam meistens die Phase in der er keine Lust mehr hatte und unwirsch reagierte.
»Ein Auto lebt auch nicht, oder Jack? Und wenn es sich die ganze Zeit bewegt, dann muss ich manchmal wohin mit dem Auto. Weißt du noch wohin, Jack?«
»Zum Tanken?«
»Richtig. Gut, Jack. Wenn ein Auto also kein Benzin mehr hat, dann kann man es nicht mehr bewegen, also fahre ich häufig zum Tanken und gebe dem Auto Benzin. Ein Vampir braucht kein Benzin, aber was meintest du nochmal, was er trinken würde?«
»Blut von Menschen.«
»Genau! Das ist so was wie Benzin für Vampire.« Jack überlegte und schob sich einen Löffel Honeyballs in den Mund und Liam hoffte auf einen Waffenstillstand.
»Lukas hat gesagt, wenn ein Vampir … wenn einer vom Vampir gebissen wird, so am Hals, da beißen sie nämlich, da so«, er nahm Liams Hand und führte sie an Liams Hals, »dann wird der auch zum Vampir. Stimmt das?«
»Sag mal, woher weiß Lukas das alles?«, entfuhr es Liam aus Hilflosigkeit. »Phhh«, schindete er Zeit, um zu überlegen.
»Ja«, antwortete Liam dann knapp.
»Dann hat Lukas Recht«, nickte Jack und nahm einen weiteren Löffel zu sich.
»Macht er das, weil er keine Freunde mehr hat, wenn er tot ist, Liam? Andere beißen?«
»Vielleicht.«
»Wenn ein Vampir nicht lebt, wie kann er denn sterben?«
»Tja, das … ist gar nicht so einfach. Also sie sterben nicht von allein, sondern man muss sie töten. Menschen töten Vampire, weil sie Angst vor Vampiren haben. Aber Vampire gibt es nicht, Jacko. Nur in den Filmen, die Lukas wahrscheinlich guckt und zum Fasching.« Jack ignorierte sein pädagogisches Gefasel.
»Wenn ein Vampir einen beißt und der auch Vampir ist, dann hat er aber einen Freund, der auch nicht tot gehen kann. Nur wenn Menschen ihn töten, oder Liam?«
»Vielleicht.«
»Wenn ich ein Vampir bin, beiß ich dich, Liam.« Wieder hatte Liam das Bedürfnis, die aufkommende unglaubliche Liebe zu seinem Sohn festhalten zu müssen. Und dieses war auch der letzte schöne Moment für Liam, den er so bewusst mit seinem Sohn genoss.
Darmowy fragment się skończył.