Czytaj książkę: «Vor Rehen wird gewarnt»

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Vicki Baum

Vor Rehen wird gewarnt

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Carl Heinz Ostertag


© 1951 by Valentina Lert & Peter S. Lert

© 2020 by Arche Literatur Verlag AG, Zürich–Hamburg

Erstveröffentlichung: Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln, 1951

Aus dem amerikanischen Englisch von Carl Heinz Ostertag (Irrtum vorbehalten). Bis zur Drucklegung konnten die Erben des Übersetzers nicht ausfindig gemacht werden. Die Übersetzung wurde an einigen Stellen leicht überarbeitet.

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

ISBN 978-3-03790-121-2

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ERSTER TEIL

Ach, du liebe Güte«, seufzte die schmächtige alte Dame beim Anblick der hohen Stufen, die es zu besteigen galt, um in den Eisenbahnwagen zu gelangen; ihre gebrechliche Zierlichkeit, ihr halb humoristischer, halb verzweifelt-hilfloser Ausdruck machten aus diesen drei einfachen Stufen ein Hindernis ersten Grades, eine uneinnehmbare Festung, ein unbezwingliches Gebirge. Selbst der Pullmanschaffner spürte etwas davon, und mit einem fröhlich-verlegenen »Entschuldigen die Dame –« unterstützte er sachte das zierliche Leichtgewicht am Ellbogen und hob es behutsam hinauf. Ein Offizier, der auf der obersten Stufe stand, wandte sich um, erkannte Mrs. Ambros und half ihr vorsichtig in den Wagen. Sobald Mrs. Ambros mit zusammengepressten Lippen den steilen Anstieg bezwungen hatte, verteilte sie lächelnd Dankbarkeit nach allen Seiten. »Danke schön, mein guter Mann, und vielen, vielen Dank, Major Ryerson. Was für eine nette Überraschung, Sie im gleichen Zug zu treffen! Ach, es ist wirklich zu dumm, was für eine unnütze Person ich geworden bin, seitdem ich an diesen kleinen Schwächeanfällen leide – hier drinnen.« Ihre auffallend kleine und schmale Hand im korrekten weißen Rehlederhandschuh wanderte zu ihrem Herzen, ließ jedoch die kleine Gebärde unvollendet – und in der resignierten Art, wie diese kraftlose Hand wieder hinabsank, während Mrs. Ambros fortfuhr zu lächeln, lag ihr ganzer Reiz: Selbstironie und die stolz getragene Last des Alterns.

»Und wohin führt Sie die Reise, Major?«

»Nach Washington; da sind noch allerhand Dinge zu erledigen und außerdem –«

»Wie nett«, bemerkte Mrs. Ambros, aber sie hatte angefangen, rastlos zu werden. »Wo bloß meine Tochter bleibt? Sie geht immerfort verloren, am Bahnhof, auf Postämtern – das dumme Kind«, sagte sie unruhig; versehentlich versperrte sie zwei jungen Artillerieoffizieren den Weg, denen eine stramme Rotkreuzschwester die Stufen hinaufhalf. Der eine von ihnen ging an Krücken, der andere trug einen Verband um den Kopf. Ihre Züge waren zu jung und zu alt, die charakteristischen Gesichter all der jungen Menschen, die direkt von der Schulbank weg in den Krieg geschleudert worden waren. Gerade als sie unbeholfen hinter der alten Dame anhielten, die ihnen den Eingang verstellte, tauchte Miss Ambros auf, eilig und etwas atemlos. »Verzeih, Mutter, aber ich habe nur schnell die Zeitschriften besorgt, die du haben wolltest«, sagte sie und schaffte Platz für die Schwester und ihre Pflegebefohlenen.

Miss Ambros war groß und mager, weder jung noch alt, beladen mit Zeitschriften, Reisetasche und Handköfferchen, mit einer altmodischen karierten Reisedecke und zwei Sportmänteln, ihrem eigenen und dem ihrer Stiefmutter.

»Komm, Mutter, wir müssen uns nach unseren Plätzen umschauen«, sagte sie und ging in das Coupé.

»Ach, du große Güte«, seufzte Mrs. Ambros, als sie den Wagen mit Soldaten, mit Soldatenfrauen und ihren Säuglingen überfüllt fand. Diesmal presste sie ihre Hand diskret auf die Brust und stützte sich an eine Banklehne; sie sah sich hilfsbedürftig nach Major Ryerson um, aber der war in einem der Privatabteile verschwunden. Ein junger Fähnrich sprang alarmiert auf: »Ist Ihnen nicht wohl, gnädige Frau?«, und Miss Ambros war bereits auf der Suche nach dem Schaffner, der auch bald erschien und eine junge Mutter von den reservierten Plätzen entfernte, auf denen sie sich breitgemacht hatte, um ihren ausnehmend prächtigen Zwillingen die Windeln zu wechseln. »Besten Dank – gleich wird es mir besser gehen –, ich leide bloß an diesen dummen kleinen Anfällen –«, sagte Mrs. Ambros mit ihrem tapferen Lächeln und nahm von dem frei gemachten Platz Besitz.

»Na, Gottlob, wir sitzen zumindest«, sagte sie, als sie sich niedergelassen hatte. »Einen Moment lang dachte ich, dass ich ohnmächtig werden könnte. Ich hätte eigentlich diese Reise nicht unternehmen sollen.«

»Stimmt. Eigentlich nicht«, erwiderte ihre Tochter, ohne sie anzusehen. Mrs. Ambros warf einen schnellen, scharfen Blick auf das magere, verschlossene Gesicht, bevor sie eine Zeitschrift aufschlug. Trotz ihrer hilflosen Zerbrechlichkeit war etwas Junges um ihre zierliche Gestalt, während Miss Ambros aussah, als sei sie niemals wirklich jung gewesen. Die Mutter war feingliedrig, mit raschen, jungmädchenhaften Bewegungen, und ihre Haut, zwar zerknittert wie dünnstes Seidenpapier, schimmerte weiß und rosa durch den feinen Puderschleier; ihr Haar war ein sorgfältig gewelltes Käppchen aus weißem glänzendem Atlas, ganz zart gebläut, und ihre Augen waren klar und unbeschwert wie die Augen eines Kindes, noch unbekannt mit den Komplikationen des Lebens.

Miss Ambros hingegen, Joy Ambros, war sonnenverbrannt und ledern, mit langen, fahrigen Gliedern wie Windmühlenflügel, ihr Mund war eingeklammert zwischen scharfen Linien, und ihre tief liegenden, verschatteten Augen schienen ein wenig entzündet, ein wenig müde: Augen, wie sie Menschen haben, die zu viel lesen oder zu viel denken.

Sie hängte die Mäntel an den Haken auf ihrer Seite, faltete die Reisedecke zusammen und legte sie neben ihre Stiefmutter, brachte Tasche und Reiseköfferchen unter, und erst dann nahm sie ihren Hut ab und strich sich ihr dichtes, widerspenstiges Haar aus der Stirn. »Hast du es bequem, Mutter?«, fragte sie, ehe sie sich niederließ.

»Wenn es nicht so kalt wäre, wie? Ich möchte bloß wissen, was mit der Heizung los ist«, klagte Mrs. Ambros; Joy nahm die Reisedecke wieder auseinander und breitete sie ihr über die Knie. »Danke, mein Kind – ach, was täte ich wohl ohne dich?«

»Tja. Das frage ich mich auch manchmal –«, erwiderte Miss Ambros. Mrs. Ambros legte die Zeitschrift zur Seite. »Diese unvermeidliche Tour auf der Fähre von San Francisco nach Oakland ist wahrhaftig etwas Scheußliches, ich bin jedes Mal ganz erledigt. Ob es noch eine einzige Stadt in der Welt gibt, wo man quer über eine ganze große Bucht gondeln muss, um zum Bahnhof zu gelangen?«, bemerkte sie, und als darauf keine Antwort erfolgte, lehnte sie den Kopf zurück und schloss die Augen. Wenn wir uns ein Auto oder zumindest ein Taxi leisten könnten, dann bräuchte unsereiner sich nicht in dieses schreckliche Gedränge am Fährhafen zu mischen, dachte sie vorwurfsvoll. Und dieser Major Ryerson – wenn ich gewusst hätte, dass er im gleichen Zug fährt, hätte ich ihn bitten können, uns über die Brücke mitzunehmen. Der kriegt sicher einen Wagen vom Militär und so viel Benzin, wie er nur will. Das Stoßen und Schieben auf der Fähre ist ja schlimmer als je, jetzt, wo so viele Soldaten aus dem Krieg zurückkommen. Und der Wind, der Lärm, der Gestank! Und Joy, rücksichtslos wie immer, setzt mich in irgendeinem Winkel ab, als sei ich ein lästiges Stück Gepäck, während sie selbst, natürlich, sich recht auffällig an der windigsten Stelle der ganzen Fähre aufpflanzt, man würde denken, sie steht Modell für die Nike von Samothrake. Aber Joy scheint ja nie genug von diesem grässlichen Fährboot zu kriegen; wahrscheinlich noch ein sentimentales Überbleibsel von den Ausflügen mit ihrem jungen Mann damals – wie hieß er doch gleich? Großer Gott, einmal brachten diese zwei Narren einen ganzen Nachmittag damit zu, auf der Fähre zwischen San Francisco und Oakland hin- und herzugondeln, während ich allein zu Hause sitzen und mir die Augen aus dem Kopf sorgen konnte. Na, am Ende hatte dieser Fred Hollenbeck doch noch genug gesunden Menschenverstand, um sich auf wohlerzogene Art zurückzuziehen …

Der Lärm des Bahnhofs stieg in hastigem Crescendo an – heiseres Bellen der Lautsprecher, Schaffnerrufe: Einsteigen! Zischen und Rütteln des anfahrenden Zuges, geleerte Gepäckkarren rumpelten davon, und dann schienen Bahnsteig, Wände, Eisenmasten, Treppen und winkende Stationsbeamte nach rückwärts zu gleiten, langsam zuerst und dann immer schneller, bis der Zug das Freie gewann und von den trüben Vorstadtgassen Oaklands eingesogen war.

Auch Joy hatte die Augen geschlossen, um das Bild der Stadt, die jenseits der Bay hinter ihnen zurückblieb, besser festzuhalten: die vielen sich überkreuzenden Bilder von San Francisco bei Sonnenuntergang. Zuweilen, wenn ein harter Wind den Nebel in grauen Fetzen daherjagte und ein metallisches Licht auf den Wohnhäusern der Hügelkämme und den zackigen Wolkenkratzern der Geschäftsviertel lag, verwandelte sich die Stadt in etwas Trotzig-Dunkles, El Grecos Toledo. Manchmal wieder war sie ein zart angedeuteter japanischer Holzschnitt, Inseln und Küsten und Berge, hintereinander aufgeschichtet in immer dünneren Konturen, im leuchtenden Dunst verschwimmend. Heute jedoch hatte sie ihr mittelalterliches Gewand getragen; die steilen Hügelstraßen mit ihren alten, geschmacklosen, verschnörkelten Laubsägevillen waren zu Zinnen und Mauern geworden, und das mittelmäßig-moderne Stück Architektur, das wie ein Zeigefinger aus dem Eukalyptusgehölz von der Höhe des Telegraph Hill aufragte, hatte sich in einen mächtigen Wachtturm der Toskana verzaubert. Oh, Kitsch, Kitsch, Kitsch, zwölf Saccharintabletten auf eine Tasse Kaffee!, dachte Joy mit einem ungeduldigen Pochen in ihren Augenlidern. Nun lass uns einmal die wahren Farben bedenken, nicht diesen Mist von Reisebroschüren und kolorierten Ansichtskarten. Die Bucht an einem der seltenen, klaren, durchsonnten Tage, jawohl, leider ein dickes Kobaltblau, herzliche Grüße von der Riviera. Besser an Sturmtagen, ein unfreundlicher Atlantik, dunkles Grau und das unerbittliche Weiß und Schwarz der Wellen, ein abstrakter Holzschnitt. Heute, während der Überfahrt, eine Schale aus mattem altem Zinn mit einem Glanz von weißem Silber, dort, wo ein Strahl die Oberfläche traf. Und etwas später war die Bucht poliertes Kupfer geworden, das zerschmolz, während eine übertrieben dramatische rote Sonne jenseits des Goldenen Tores unterging und alle westlichen Fenster San Franciscos wie in Flammen standen. Jawohl, und du weißt, dass du eine schöne Schmiererei draus machen würdest, dachte Joy. Es war ein großartiges Schauspiel: Sonnenuntergang über San Francisco – aber ein Fluch und ein Malheur, wenn man es so oft gemalt hatte wie sie; die Sichellinien zuseiten ihres Mundes gruben sich tiefer. Aber warte – gerade bevor wir in Oakland anlegten, war da noch etwas, ein Moment nur, eine kalte, leere, scharfe Dämmerung – Joy versuchte, das durchdringende Grün heraufzubeschwören, um es in ihrem Gedächtnis einzulagern, eine weiße Möwe flog in Einsamkeit gegen einen schwarzen Himmel – und dann bewegte sich Mrs. Ambros, und Joy öffnete die Augen.

»Jetzt ist es auf einmal viel zu warm hier«, beschwerte sich Mrs. Ambros, »die Luft ist einfach unerträglich.« Die Zwillinge hatten zu schreien begonnen, und einige der Soldaten hatten sich, gegen alle Vorschriften, Zigaretten angezündet. »Ich weiß wirklich nicht, wie ich es drei Tage in diesem Zug aushalten soll!« Joy gab keine Antwort. »Komm, gib mir deinen Mantel«, sagte sie nur und war ihrer Stiefmutter beim Ausziehen behilflich. Es war ein Nerzmantel, nicht gerade nach der allerletzten Mode, doch aus sehr schönen, dunklen Fellen und ausgezeichnet gearbeitet. Der Mantel, den Joy trug, war aus billigem Lamm, das versuchte, wie Biber auszusehen; sie hatte ihn im Ausverkauf im Warenhaus erstanden.

Kurz nachdem der Zug Oakland verlassen hatte, rief ein melodischer, gongbewaffneter Kellner das erste Abendessen aus, und ein langsamer, unaufhaltbarer Strom von hungrigen Passagieren begann, sich auf den Speisewagen zuzuschieben. Zwar führte dieser überfüllte Zug keine zu große Fracht an Höflichkeit mit sich, aber soviel davon existierte, wurde der kleinen, liebenswürdigen alten Dame gewährt. Rücken pressten sich gegen Wände, und Bäuche wurden eingezogen, um ihrem unentwegten Vormarsch nicht im Wege zu sein. Bereitwillige Hände halfen ihr durch das dunkle, rüttelnde Innere kranker Ziehharmonikas, das die Wagen verband, und junge Soldaten, die ihre Manieren im Krieg verlernt hatten, sich aber beim Anblick der alten Dame darauf besannen, stießen die schweren Türen für sie auf. Am Eingang zum Speisewagen, wo die stahlgrauen Wände die Hitze und den Kabeljaugeruch der Küche ausströmten, wurde der Strom von einem viel geplagten Oberkellner angehalten, der Platznummern verteilte. Allerhand Murren und Schimpfen begann, doch das war nicht so ernst gemeint, denn all diese Menschen waren es gewohnt, Schlange zu stehen, und so mancher junge Krieger nahm es gar nicht so übel, wenn er im Gedränge gegen die Körper der jungen Frauen gepresst wurde, die mit ihren frischen Dauerwellen und in kaum unterdrückter Erregung zu ihren Heimkehrern unterwegs waren. Es gab manche vielsagenden Bemerkungen, Witze, die immer gleichen Gesprächsfetzen aus Felddienst und Kaserne.

»… wie wär’s mit einer Kartenpartie, bis wir an die Gulaschkanone gelassen werden?« – »… ihre Mutter hätte ja zu gern das Baby zu sich genommen, aber das kommt ja gar nicht infrage …« – »… da schreibt mir die Frau, meins wiegt einundzwanzig Pfund, schreibt se, noch kein Jahr alt und schon einundzwanzig Pfund …« – »Aha, und wo hamse dir gelassen, wie’s mit der Schweinerei in Cassino losging? …«

Die Luft wurde wärmer und dicker, die Witze eindeutiger, und dann gab es weiter rückwärts einen kleinen Aufruhr, und ein paar von denen, die vorn standen, drehten sich um, während die anderen noch immer vorwärts drängten.

»Na, was ist eigentlich los dahinten? … Immer mit die Ruhe, Großmuttern ist übel … Kein Wunder, ich fühl mich auch nicht so großartig … Such mal einer nach’m Doktor … lass sie doch irgendwo hinsetzen … na also, so ist’s schon besser … gib mir mal die Schnapspulle, da, trinken Sie nur, Großmama, das hilft allemal …« Mrs. Ambros tauchte aus dem Gewühl auf, zitternd und erschöpft; die handfeste alte Krankenschwester fühlte unbeeindruckt ihren Puls, und der junge Leutnant mit dem verbundenen Kopf überließ ihr seinen kostbaren Stuhl und Tisch.

Mrs. Ambros hatte einige Erfahrung in der Kunst, sich von einer Ohnmacht zu erholen, und sie tat es diskret und liebenswürdig. »Oh, bitte, verzeihen Sie mir diese Störung – ich wollte wirklich nicht – es ist nur dieses dumme Herz – nein, wirklich, Herr Leutnant, Sie dürfen sich nicht beim Essen stören lassen, das kann ich unter keinen Umständen annehmen –«

»Macht rein gar nichts, gnädige Frau. Wir waren ohnedies schon fertig, nicht wahr, Schwester?«

»Ich hätte diese Reise nicht unternehmen sollen, mein Arzt war sehr dagegen. Aber mein Sohn kommt aus dem Feld, und ich habe ihn seit zwei Jahren nicht gesehen, wir Mütter sind nun einmal törichte Kreaturen – oh, vielen, vielen Dank, das ist wirklich zu freundlich, tausend Dank!« Und damit nahm Mrs. Ambros von dem Stuhl Besitz und pflanzte ihre Handtasche wie eine Standarte auf dem Tisch auf. »Und nun«, sagte sie zufrieden, »wenn jemand so gut sein könnte, meine Tochter zu finden –«

Die Aufregung ebbte ab, die beiden Verwundeten, die Mrs. Ambros ihren Tisch überlassen hatten, zogen sich in den Salonwagen zurück, und einige Minuten später erschien auch Miss Ambros, der nicht ohne einiges Murren Platz gemacht worden war. »Was heißt denn das, hier drängelt sich keiner vor« – » … lass sie doch durch, das ist die Tochter von der kranken alten Dame« – »… na schön, Fräulein, aber nächstens bleiben Sie bei Ihrer Mutter, die braucht Pflege …« Als Mutter und Tochter ihr Abendessen beendet hatten, standen die anderen noch immer Schlange. Während der Mahlzeit hatten die beiden kein Wort gewechselt, obwohl Joy ihre Stiefmutter mit tadelloser Höflichkeit bediente, ihr Wasser einschenkte, das Brot reichte, Zucker und Milch in den Tee tat und schließlich die Rechnung bezahlte. »Gestattest du, dass ich rauche?«, fragte sie zuletzt, und erst als die alte Dame genickt hatte, holte sie ein Zigarettenetui aus ihrer Manteltasche und ließ es aufspringen. Es war eine goldene Herrentabatiere, groß, massiv und altmodisch, an der Innenseite waren eine kleine Krone und ein paar Worte in einer fliegenden Handschrift eingraviert. Die Blicke der beiden Frauen kreuzten sich über diesem unmodernen und verwunderlichen Gegenstand wie die Florette zweier Fechter im Grand Salut.

»Die müsstest du eigentlich deinem Bruder als Willkommensgeschenk geben, mein Kind«, sagte Mrs. Ambros. »Von Rechts wegen gehört sie ihm. Schließlich war es Papas Tabatiere.«

»Eben. Darum behalte ich sie –«, entgegnete Joy. Sie ließ die Zigarettendose zuschnappen, zündete sich eine Zigarette an und zog den Rauch tief in die Lunge. »Wollen wir den anderen Platz machen, Mutter, und in den Salonwagen gehen?«

Es war einer der alten Aussichtswagen, die eine besorgte Eisenbahnverwaltung wieder in Dienst gestellt hatte, nachdem sie noch schnell um eine Bar und ein paar Chrombeschläge bereichert worden waren. Die Luft war rauchgeladen, und alle Plätze waren besetzt. Doch als Mrs. Ambros am Eingang zögerte – ein zerbrechliches Meißner Porzellanfigürchen, das keineswegs in diese männliche Umgebung passte –, erhob sich Major Ryerson am anderen Ende und bot ihr seinen Sitz an, neben einem behäbigen älteren Herrn, der in seine Zeitung vertieft schien. »Bitte, wollen Sie sich nicht hierher setzen, Mrs. Ambros? Sie kennen meinen Freund, nicht wahr? George Watts?« Der Rechtsanwalt blickte von seiner Zeitung auf, er hatte den wachsamen Ausdruck und die faltigen Hängebacken einer alten Bulldogge. »Aber selbstverständlich kennen wir uns – wer in San Francisco kennt unseren guten George nicht? Wir haben im Roten Kreuz miteinander gearbeitet und in allen möglichen anderen Wohltätigkeitskomitees, nicht wahr? Ich weiß wirklich nicht, was wir manchmal ohne George angefangen hätten. Was für Tricks der Mann weiß, wenn es sich darum handelt, Geld für einen guten Zweck aufzubringen –«

»Zu gütig, Ann – aber du müsstest jetzt schon wissen, dass ich auf Komplimente sauer reagiere«, sagte Watts, erhob sich schwerfällig und nahm Joys Hände in die seinen. »Hallo, Joy, es tut immer gut, dich zu sehen. Du kennst Tom – Major Ryerson?«

»Nur indirekt: Ich las ein paar Ihrer Artikel«, sagte Joy, und es klang, als hielte sie nicht viel von diesen Artikeln. Ryerson lächelte ihr zu, als wäre er ganz ihrer Meinung. Er war groß und schlank, mit weißem Haar und ein paar scharf gekerbten Falten im Gesicht, aber er war kein alter Mann. Vielleicht ist er ein junger Mann gewesen, ehe er Hiroshima gesehen und Artikel darüber geschrieben hat, dachte Joy flüchtig. Der Zug legte sich in eine Kurve, und der Wagen kam ins Schleudern. Mrs. Ambros, nach einem Halt suchend, klammerte sich an Watts’ Rockaufschläge, als seien es Haltegriffe. Sie lächelte zu ihm auf, und er sah zu ihr herunter, so wie Männer von jeher auf ihre Kleinheit und Zartheit hinuntergeschaut hatten und sich gewöhnlich dabei größer, kraftvoller und männlicher fühlten, als sie in Wirklichkeit waren. »Du bist noch immer die Gleiche, wie, Ann?«, sagte er, seine Bulldoggenfalten in ein künstliches Lächeln ordnend. Mrs. Ambros blieb noch einen Augenblick gegen seinen massiven Körper gelehnt, und dann ließ sie die Hände sinken und löste sich von ihm. »Das nehme ich als großes Kompliment – besonders von dir, George«, sagte sie halblaut.

Joy stand daneben, einen sonderbar horchenden und doch abwesenden Ausdruck in ihrem kräftigen Gesicht. Sie nahm noch einen Zug aus ihrer Zigarette und drückte sie dann heftig in einem der Chromaschenständer aus. »Bitte, setzen Sie sich doch.«

»Nein, ich würde nicht im Traum daran denken, Ihnen Ihren Platz wegzunehmen«, sagte Mrs. Ambros mit ihrem besten Lächeln. »Die Reise wird viel angenehmer werden, als ich zuerst dachte, nun, da ich weiß, dass Sie beide im Zug sind. Morgen dürfen Sie mich wieder einmal im Rommé schlagen, Major, so wie wir das im Lazarett gewohnt waren! Komm, mein Kind, wir wollen uns für ein paar Minuten auf die Aussichtsplattform setzen – wenn’s dir nicht zu kalt ist draußen; hier drin kann man ja kaum atmen, oh, bitte, George, könntest du die Tür für mich aufmachen, sie ist so schwer – danke, danke vielmals – und auf Wiedersehen später.«

Ryerson schloss die Tür hinter den beiden Damen. »Ist sie nicht bezaubernd?«, fragte er. »Wirklich, ein ganz besonders reizvolles Geschöpf.«

»Mein lieber Tom, wenn Sie den großen Roman schreiben wollen, dann würde ich Ihnen eine exaktere Auswahl Ihrer Adjektive empfehlen. Joy ist viel mehr als bloß reizvoll.«

»Joy? Ach so – die Tochter! Aber wer spricht denn von ihr? Ich meine die Mutter. Sie hat so etwas – wie soll ich es nennen –, einen zeitlosen Reiz, etwas, das unseren jungen Mädchen von heute verloren ging. Würde es Ihnen auf die Nerven gehen, wenn ich den völlig überholten Ausdruck ›Grazie‹ anwende?«

»Herrgott, Tommy, wir leben nicht gerade in einer liebreizenden und graziösen Zeit, oder ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?«

»Doch, doch, und mit unseren jungen Mädels mittendrin im Boxring. Sie sind verflucht selbstständig und gerissen und tüchtig geworden, unsere Mädels, wenn Sie meine Meinung wissen wollen. Das macht sie eckig und kantig und brüchig und eigensinnig, und zum Schluss kriegen sie ihren Nervenzusammenbruch und brauchen den Psychoanalytiker, fünfundzwanzig Dollar pro Sitzung«, sagte Ryerson, der gerade seine Scheidung hinter sich hatte und noch sehr empfindlich war.

»Könnten wir nicht Corinne ein bisschen aus dem Spiel lassen?«, schlug Watts vor; er war Ryersons Scheidungsanwalt gewesen und hatte die ganze unangenehme Sache in Ordnung gebracht. »Und die Atombombe auch, wenn Ihnen das möglich ist, Tommy. Ich bin auf Urlaub, wissen Sie?«

»Ich sprach ja nur von Mrs. Ambros; man muss sie einfach gernhaben. Eine alte Dame, gewiss, aber sehr weiblich, aus einem feineren Stoff geschneidert oder was es ist. Man möchte sie immer beschützen und verwöhnen. Noch an ihrem hundertsten Geburtstag wird sie wissen, dass sie vor allem eine Frau ist – und eine reizende Frau. Die junge Generation hält sich nicht so gut, sie nutzt sich zu schnell ab.«

»Der jungen Generation ist der Boden unter den Füßen weggerutscht, und die jungen Leute sind verdammt hart hingeplumpst; der Grund wackelt noch immer unter ihnen, und möglicherweise haben diese Mädels etwas Wichtigeres zu tun, als sich drum zu kümmern, ob sie weiblich, graziös und reizvoll sind oder nicht.«

»Der Grund unter uns hat immer gewackelt, und die junge Generation gebraucht eine Menge Ausreden. Soviel ich hörte, ist Mrs. Ambros auch nicht auf Rosen gebettet gewesen, und trotzdem –«

»Sie halten sich wohl für einen weisen alten Mann, bloß weil Sie mit dreiundvierzig schon weiße Haare haben, Tom. Wo haben Sie Mrs. Ambros übrigens kennengelernt?«

»Im Lazarett. Sie kam regelmäßig, um unsere Briefe zu schreiben und uns vorzulesen und uns die Zeit zu vertreiben.«

»Aha. Sie haben sie mit einem Heiligenschein gesehen, und ich kenne sie ohne. Das ist der Unterschied.«

»Sie kennen Mrs. Ambros gut?«

»Ziemlich gut – und ziemlich lange. Wir waren so etwas wie Nachbarn in meiner Kindheit; die Familie Ballard hatte ein kleines Sommerhäuschen in Belvedere – das ist eine hübsche Halbinsel am entgegengesetzten Ufer der Bay – ich weiß nicht, ob Sie jemals dort waren –, und mein Vater bewirtschaftete den Gasthof in dem kleinen Fischerdorf Tiburon.«

»Jetzt geht mir ein Licht auf, George. Sie waren in sie verliebt, aber sie hat einen anderen geheiratet.«

Diese Idee schien den alten Rechtsanwalt überaus herzlich zu amüsieren. »Das wäre sogar für einen Groschenroman zu schwach, Tommy, mein Junge. Machen Sie sich gütigst klar, dass Ann eine verheiratete Frau war, als ich meine ersten langen Hosen kriegte.«

»Nein, ich lass mir’s nicht nehmen, irgendetwas war los zwischen Ihnen, ich habe eine ziemlich gute Witterung für so was. Wie die alte Dame Sie angeschaut hat – ich könnte schwören, Sie liegen ihr noch im Sinn, George.«

»Du großer Gott, da sind Sie aber auf dem Holzweg. Ann hasst mich wie die Pest, und Sie haben eine niederträchtige Fantasie, mein Guter. Das Etwas zwischen uns besteht darin, dass ich als Rechtsvertreter der Versicherungsgesellschaft Anns Ansprüche untersuchen musste, sooft sie in der Tinte saß – was mehr als ein Mal passierte. Sie hat’s mir nie verziehen, dass ich beruflicherweise meine Nase in ihre Privatangelegenheiten stecken musste; übrigens behaupten ja die Psychologen, dass Leute, die immer wieder in eine ähnliche Patsche geraten, einfach von ihrem Unterbewusstsein dorthin dirigiert werden.«

»Mag sein. Trotzdem möchte ich bezweifeln, dass Mrs. Ambros’ Unterbewusstsein das große San-Francisco-Erdbeben hervorgerufen hat. Man hat mir erzählt, wie diese kleine, schwache Frau ihre Tochter aus dem brennenden Haus rettete.«

»Ja, die Geschichte kenne ich auch; ich wusste nicht, dass Sie, Tom, unsere einheimischen Sagen und Legenden studieren. Übrigens ist Joy nicht Anns Tochter, sondern eigentlich ihre Nichte. Wieso? Nun, Joys richtige Mutter war das andere Ballard-Mädel, Anns Schwester Maud. Arme Maud – sie stand mir sehr nahe. Als sie starb – viel zu jung, kaum dreißig –, übernahm Ann den ganzen Haushalt mit Sack und Pack: das Haus, das Kind und den Mann. Den berühmten Florian Ambros mit seiner berühmten Geige – aber das sind alte Geschichten.«

»Man hat mir davon erzählt. Er war ein Säufer, dieser Ambros, nicht wahr?«

»Aber nein, das war ihr erster Mann, Clyde Hopper. Kein schlechter Kerl, im Grunde, aber er trank zu viel, das stimmt. Tja, mein Lieber, wenn Sie Mrs. Ambros jetzt noch bezaubernd finden, na, da hätten Sie sie erst als trauernde junge Witwe sehen sollen! Ambros war ganz was anderes, der nippte höchstens ein bisschen feinen alten Sherry oder französischen Champagner. Ein merkwürdiger Bursche, Europäer, Künstler, hat nie so recht in unser Städtchen gepasst, so viel er auch versuchte, sich umzustellen, und so sehr wir auch mit unserer Weltoffenheit protzten. Nun, zuerst brannte ihnen das Haus ab, dann starb Ambros ganz plötzlich – ja, recht plötzlich –, und ein Jahr später verlor Ann an der Börse seine Lebensversicherung bis auf den letzten Cent. Das Einzige, was ihr aus dieser zweiten Ehe übrig blieb, ist Joy. Glauben Sie mir, Tommy, das ist ein großartiges Geschöpf. Sie können Ann Ambros haben, mit all ihrer Grazie und Weiblichkeit, ich nehme Mauds Tochter.«

»Sieht Miss Ambros ihrer Mutter ähnlich?«

»Nicht äußerlich; sie ist mehr das Kind ihres Vaters – aber sie ist so selbstlos wie Maud. Ich hatte Maud sehr lieb –«

»Was bleibt einem reizlosen Wesen wie dieser Miss Ambros übrig als Selbstlosigkeit?«

»Gehen Sie mal schnell von Ihrer Lautstärke herunter, denn Joy kommt. Und wenn Sie gelegentlich nichts Besseres zu tun haben, dann schauen Sie sich das Mädel einmal genauer an. Wenn Sie das reizlos nennen – hallo, Joy, wo brennt’s?«

»Oh, hallo, Sie sind noch hier?«, sagte Joy geistesabwesend, aber sie blieb stehen und drehte eine kalte Zigarette zwischen den Fingern. Als sie sich über das brennende Zündholz beugte, das Ryerson ihr anbot, schaute er sie, wie empfohlen, genauer an. Nein, dachte er, sie ist tatsächlich nicht uninteressant, aber reizvoll ebenso wenig. Es war nicht die warme Lebendigkeit einer Frau, sondern die steinerne Schönheit einer Marmorstatue; ihre Züge waren zu ausgeprägt, die Stirn zu hoch, die Augenbrauen zu schwer, eine Schönheit, die in ihrer Strenge alles Hübschsein ausschloss.

»Ich will nur Mutters Pelzmantel aus unserem Abteil holen; da draußen auf der Plattform ist es bitterkalt.«

»Das ist aber auch kein Platz für Ihre Mutter. Sie kann sich den Tod holen.«

»Sie kennen sie ja; sie kann’s nie in einem Zug aushalten. Sie bringt es fertig, sich in einen Anfall von Platzangst hineinzusteigern.«

»Wohin fahrt ihr denn? New York?«

»Zuerst, und dann weiter nach Boston. Der Truppentransport meines Bruders soll nächsten Montag dort ausgeschifft werden. Hoffentlich –«, sagte sie, und ein neuer Ausdruck, ein Leuchten eher als ein Lächeln, trat in ihren Blick.

»Gut, ausgezeichnet. Kein Wunder, dass deine Mutter zapplig wird. Und Susan – die junge Frau Ambros? Ist sie nicht mitgekommen?«

»Susan? Nein, sie musste bei den Kindern bleiben. Sie wissen ja, wie das jetzt ist mit den Dienstboten – sie hat nur eine Putzfrau, und noch dazu hat die kleine Maxine vor einer Woche die Masern erwischt. Nein – Susan wird nicht da sein zum Empfang, nur Mutter.«

»Und Sie, Joy. Ich bin sicher, das ist wichtiger für Charles als all der Tamtam, mit dem unsere Jungens begrüßt werden.«

»Ich? Ach – ich bin nur seine Schwester –«, sagte Joy; ihr Blick wanderte davon, zum Fenster und hinaus in den Abend, wo ein paar vereinzelte Lichter vorbeiglitten. Einen Moment lang spürte Major Ryerson ein unbestimmtes Mitleid mit ihr; er schaute ihr durch den Rauch seiner Pfeife nach, als sie davonging.

»Können Sie mir vielleicht verraten, warum man gerade dieses Geschöpf Joy nannte? Joy – gioia – Freude? Sie kann ja nicht einmal ein Lächeln zustande bringen«, sagte er nachdenklich. Es war ihm plötzlich eingefallen, weshalb sie ihn an eine übergroße Marmorfigur erinnerte. Michelangelos Nacht in der Medici-Kapelle in Florenz. Ja, da war die Ähnlichkeit.

»Nicht wahr? Eltern tun ihren Kindern abscheuliche Dinge an, Tom, und auf der Nordseite wachsen bekanntlich keine süßen Orangen«, sagte der Rechtsanwalt. »Aber glauben Sie mir, Tommy, mein Junge, sogar Joy war einmal ein dickes, lachendes kleines Kind –«

Kurz vor zehn Uhr war Ryerson in den engen Gang vor dem Abteil, das er mit dem Rechtsanwalt teilte, hinausgetreten, um eine letzte Pfeife zu rauchen, bevor er zu Bett ging. Er stand so da, mit der Bewegung des Zuges pendelnd, und versuchte, an nichts zu denken, als er in die Nachtschwärze hinausstarrte, wo nichts zu sehen war. Ein kleines Knistern und ein Hauch von Lavendel weckten ihn auf. Mrs. Ambros erschien; sie war in einen bestickten chinesischen Mantel gehüllt, in dessen weiten Ärmeln sie ihre kleinen Hände barg wie in einem Muff. »Oh, Mrs. Ambros – können Sie auch nicht schlafen?«

»Ich versuche es nicht einmal, denn für mich hat das ja gar keinen Zweck. Auf der Eisenbahn kann ich kein Auge schließen, von jeher schon. Diese scheußlichen, überfüllten Schlafwagen machen mir Angst, wahrhaftig, da gibt’s nichts zu lachen. Und es vibriert so stark, davon kriege ich meine Kopfschmerzen. (Sie erwähnte ihre Kopfschmerzen so, als wären sie ihr ganz spezielles und privates Eigentum. Meine Kopfschmerzen. Mein Nerzmantel. Meine Tochter. In vergangenen Zeiten hatte sie mit der gleichen Betonung gesagt: mein Mann). Lieber stehe ich die ganze Nacht im Gang, als mich hinter diese schrecklichen grünen Vorhänge zu legen. Ich weiß, es ist töricht und lächerlich – aber so wie ich in eine dieser Kojen krieche, kommt es mir vor, als sei sie ein Sarg, und ich liege im Sarg, und man wird mich lebendig begraben – ich kann nicht atmen, ich sterbe tausend Tode –, es ist ein Albdruck, aber ich erlebe ihn, während ich hellwach bin.«

Eine schmale Hand schlüpfte aus dem weiten Ärmel und wanderte zu ihrer Kehle, es erinnerte Ryerson an die winzige flaumige weiße Maus, die er als Kind besessen hatte.

»Und die Dinge, die man in so einem Schlafwagen zu sehen bekommt«, fuhr sie fort, »ich bin wahrhaftig nicht prüde – und Sie brauchen deshalb gar nicht zu lächeln, Major –, also gut, Sie mögen mich zimperlich nennen, aber mir wird einfach ein bisschen übel, wenn ich dem Anblick von Dutzenden von behaarten Soldatenbeinen und unrasierten Gesichtern ausgesetzt bin –«

»Warum haben Sie kein privates Abteil genommen, Mrs. Ambros? Die sind viel bequemer.«

»Mein bester Major Ryerson, Sie vergessen, dass ich nicht zu den einflussreichen Personen gehöre. Private Abteile sind für den Offiziersstab reserviert – ach, du lieber Gott, damit meine ich nicht Sie, bestimmt nicht, Major, und ich beschwere mich ja auch gar nicht. Es ist nur recht und billig, dass Menschen wie Sie, die den Krieg für uns gewonnen haben, solch kleine Vorrechte haben, aber natürlich, für uns arme Zivilisten kommt solcher Luxus gar nicht infrage.«

Was blieb Ryerson übrig, als Mrs. Ambros das Abteil, das er mit Watts teilte, anzubieten? Der Rechtsanwalt, schon ausgekleidet und in einen Detektivroman vertieft, war über Ryersons impulsive Ritterlichkeit nicht sehr erfreut, aber er machte gute Miene dazu, rief nach dem Schaffner, ordnete den Austausch an, und die Übersiedlung wurde vorgenommen, nicht ohne einige Unruhe im allgemeinen Schlafwagen zu erzeugen. Es war eine von Mrs. Ambros’ Eigenheiten, dass sie – so still, so bescheiden, so liebenswürdig und gewinnend sie war – häufig zum Mittelpunkt von solchen kleinen Unruhen, Zwischenfällen und Ansammlungen wurde. Aufgestörte Gesichter erschienen hinter den grünen Gardinen, die Zwillinge wachten auf und begannen zu quaken, und es gab ein großes Hin und Her, Flüstern, Murren, Gezerre von Gepäck, Scharren von Koffern und Reisetaschen. Mr. Watts, schon in Schlafrock und Hausschuhen, stand mit mürrischer Bulldoggenmiene dabei, und Ryerson tat es beinahe leid, dass er sich zur Ursache der ganzen Aufregung gemacht hatte. Joy, noch adrett in ihrem braunen Jackenkleid, half schweigend beim Tragen, Schleppen und Übersiedeln und sagte zum Schluss nichts als ein kühles »Danke und gute Nacht« zu den beiden Opfern von Ryersons Gutmütigkeit, während Mrs. Ambros in ihrer hilflosen Art nur wiederholen konnte, dass es zu viel sei, wahrhaftig zu viel, und dass sie sich nie vergeben könne, ihre Unbequemlichkeit erwähnt zu haben, alte Närrin, die sie war. Aber zuletzt war alles bewerkstelligt, die Damen Ambros waren in dem Salonabteil installiert, und die beiden Herren wanderten mit ihren Aktentaschen in den großen Schlafwagen.

»Sehen Sie, was ich meine? Ihre bezaubernde alte Dame hat uns einfach ausgenutzt«, sagte Watts. Er war ein schwerfälliger Mann, und es bedurfte allerhand Künste, bis er sich in der engen Klappe aus seiner Unterwäsche geschält hatte. Aber als Ryerson das Leiterchen zu seinem Oberbett hinaufkletterte, hörte er seinen Freund unten in sich hineinlachen. »Was ist denn so komisch?«, fragte er.

»Oh, nichts Besonderes eigentlich. Mir fiel nur gerade eine Warnungstafel ein, die ich einmal in England sah. Waren Sie einmal in Bushy Park, nein? Zwischen Richmond und Hampton Court? Da war doch diese Tafel im Wildpark, und wissen Sie, was in mannshohen Buchstaben darauf stand? Vor Rehen wird gewarnt! Jawohl, das stand auf der Tafel. Da waren diese anmutigen, scheuen Tiere mit den langen, sanften Walt-Disney-Wimpern; und da war diese Tafel, die es mannshoch in die Gegend schrie: Vor Rehen wird gewarnt! Das Publikum wird hiermit gewarnt, dass es zu allen Zeiten gefährlich ist, sich den Tieren zu nähern! Die Gefahr ist besonders groß während der Brunstzeit – na, und so weiter. Sooft ich Ann Ambros begegne, fällt mir diese Warnungstafel ein. Also gute Nacht, und schlafen Sie wohl da oben, Sie Ritter ohne Furcht und Tadel«, sagte George Watts und zog seine Gardinen zu.

Joy Ambros lag im oberen Bett des Privatabteils und konnte nicht einschlafen. Sie hatte ein Schlafpulver genommen und war davon ein wenig benommen, aber sie konnte nicht einschlafen. »Vorsicht mit Schlafmitteln, so was wird leicht zur Gewohnheit«, hatte Dr. Bryant sie gewarnt; zuerst hatte sie nicht verstanden, was hinter diesem Wort lag, aber nun wusste sie es. Zuerst verließ man sich auf die brave kleine Kapsel, die am Denken hinderte, wenn es zu schmerzhaft wurde, und man war dankbar für das warme, weiche Vergessen, in das man gehüllt wurde; und etwas später gab sie noch immer Beruhigung und Schlaf, wenn auch nur für ein paar kurze und immer kürzere Stunden. Bald wachte man auf, viel zu früh, vor Tagesanbruch, und dann lag man da, mit heißen, weit offenen Augen, und dachte, wie alles hätte sein können, wenn – und wenn nicht … Und dann musste man bemerken, dass ein Pulver nicht mehr wirkte, und man nahm zwei, und nach einer Weile verloren auch die ihre magische Kraft. Und dann mochte man sich wohl an das kleine Medizinfläschchen erinnern, das man an einem gewissen Morgen auf Papas Nachttisch, neben der offenen Zigarettendose, gefunden hatte, und dann kämpfte man seinen einsamen Kampf und sammelte seinen ganzen Willen, man warf den Rest der Schlafpulver fort und nahm die Qual der langen wachen Nächte auf sich.

Im Dunkeln marschierten die Kolonnen all der Wenn-und-Wenn-nicht eines versäumten Lebens auf sie zu, eine Phalanx nach der anderen, all die Schmetterlinge, die sie nicht gefangen, all die Bilder, die sie nicht gemalt hatte, all das Leben, das ungelebt geblieben war …

Heute Nacht nun, als sie nicht schlafen konnte, ging es um Charley und Susan und die Kinder – den vierjährigen Florian und Maxine, die fast sechs war –, und es musste etwas getan werden, um sie zu retten, und es lag an ihr, es zu tun. Freilich, es gab einen leichten Ausweg, denn Dr. Bryant hatte das Rezept erneuert, und da war das Fläschchen mit den kleinen Kapseln, man brauchte bloß die Hintertür zu öffnen und sich davonzuschleichen, und alle Qual war vorbei. Joy hielt den Atem an und horchte ins Dunkle. Mutter atmete tief und gleichmäßig im unteren Bett. Der winzige Kreis der blauen Nachtlampe streute ein wenig schwimmende Helligkeit aus. Wenn ich wenigstens das Licht andrehen und ein wenig lesen könnte, dachte Joy, es würde helfen; aber sie wusste, dass das nicht möglich war. Mutters Schlaf durfte nicht gestört, die Lampe konnte nicht angedreht werden, und Joy stieg wieder hinab in das Inferno, das auf dem Grund der Schlaflosigkeit auf sie wartete.

Charley und Susan und die Kinder, das kleine Haus, von Charley selbst entworfen, das Kinderzimmer, das Susan ausgemalt, die lustigen Tiere, die sie für die Kleinen gemacht hatte, das Wohnzimmer, dessen gelbe Wände sogar an Regentagen die Sonne scheinen ließen, die Blumenbeete im winzigen Garten, die von Susan verfassten Kinderbücher und Wiegenlieder. Liebe, fröhliche, kluge Susan! Nein, dachte Joy, zum tausendsten Mal, es darf ihnen nichts geschehen, ich werde es nicht zulassen. Zwei Tage zuvor war sie auf ein Kinderbild Charleys gestoßen, und plötzlich, ganz klar, hatte sie sich des verbogenen Körbchens erinnert, das der Vierjährige mit seinen klebrigen, ungeschickten Fingerchen als ein Geschenk zu ihrem zwölften Geburtstag fabriziert hatte. Überwältigt von all den freundlichen Erinnerungen, lächelte sie in die zerfließende blaue Dämmerung des Abteils und konnte beinahe einschlafen und verschob beinahe noch einmal die Entscheidung, die von ihr verlangt wurde.

Und dann hielt der Zug in irgendeiner namenlosen Station, es gab zwei heftige Stöße, und Mrs. Ambros da drunten in ihrem Bett bewegte sich, erwachte und drehte das Licht an.

»Joy? Schläfst du, Joy?« –

»Nein, nicht richtig – Mutter.«

»Es ist unerträglich hier drinnen, nicht? Man erstickt ja. Und die Hitze – oder vielleicht ist es mein Blutdruck. Ich habe kein Auge geschlossen.«

»Möchtest du etwas einnehmen? Ein kleines Schlafpulver?«

»Du lieber Himmel, nein. Du weißt ja, was ich von solchem Zeug halte.«

Mit erneutem Stoßen und Rütteln setzte der Zug sich wieder in Bewegung. Die Hauptstraße der unbekannten kleinen Stadt blieb dahinten zurück, die nachtbleiche Station, ein paar Laternen, ein paar Autos, die dort schliefen.

»Joy?«

»Ja, Mutter?«

»Wenn’s nicht zu viel Mühe macht – ich hätte gern einen Schluck Wasser.«

Joy kletterte hinunter, fand die Flasche und füllte ein Glas mit der abgestandenen Flüssigkeit. Sie zog den Vorhang zu, und der enge Raum schloss sich noch dichter um sie. »Nicht, mein Kind, ich kann ohnedies nicht atmen. Hier, fühl einmal mein Herz. Wie eine Trommel. Wäre es nicht schrecklich, wenn ich auf der Reise einen Anfall bekäme?«

»Das passiert nicht, Mutter, bestimmt nicht«, sagte Joy und kletterte in ihr Bett zurück.

Unten wurde die Lampe nach einer kleinen Weile abgedreht. »Es tut mir ja so leid, dass ich dir so zur Last falle«, flüsterte das untere Bett kläglich. »Es macht mir nichts aus, im Dunkeln zu liegen – ich möchte, dass du schläfst, wenn ich’s schon nicht kann.«

Etwas später schob, knisterte und tappte es da unten, und Joy knipste das Licht an. Schwankend, denn der Zug fuhr schnell, stand Mutter da, sie hatte sich aus ihrem Nachthemd geschält und war im Begriff, sich ganz anzukleiden.

»Was gibt’s jetzt wieder, Mutter?«

»Ich kann’s nicht mehr aushalten. Wenn ich noch länger hier drinnen bleibe, ist es mein Tod. Mach dir nichts draus, mein Kind. Ich gehe in den Aussichtswagen und schnappe ein bisschen frische Luft.«

Joy verließ ihr Bett und war ihr beim Anziehen von Strümpfen, Schuhen und seidenem Unterkleid behilflich. Das war eine ihrer Pflichten, und es widerte sie von Tag zu Tag mehr an, den Körper ihrer Stiefmutter zu berühren. Nicht etwa um ihres welken Alters willen, sondern gerade weil diese Haut noch immer zarter und weißer war als ihre eigene, die Beine noch immer schlank, mit feinen Fesseln, die Arme noch immer wie die eines jungen Mädchens. Nichts von unappetitlichen Alterssymptomen bei Mrs. Ambros. Ihr Haar wuchs rasch und dicht, alle ihre Zähne waren gesund und komplett, und ihre Verdauung war ausgezeichnet. Sie hatte Veilchensachets in ihrem Wäscheschrank und Lavendelsalz in ihrem Bad; und selbst für diesen nächtlichen kleinen Ausflug puderte sie ihr Gesicht und tupfte ein wenig Rouge auf die Wangen. Joy hüllte sie in den Nerzmantel, zog rasch den Sportmantel über ihren Pyjama und nahm die alte Reisedecke über den Arm. »Fertig?«, fragte sie.

»Du brauchst wirklich nicht mitzukommen, mein Kind, wirklich nicht, wenn du keine Lust hast. Der Schaffner könnte mir ja vielleicht behilflich sein …«

Sie wussten beide, dass das nur eine Redensart war. Joy öffnete ihrer Mutter die Tür und steuerte sie durch den schlafenden Zug. Erst jetzt konnte sie die Dumpfheit spüren, mit der das Schlafpulver ihr Gehirn umhüllte und allen Dingen eine sonderbare Unwirklichkeit verlieh. Der Zug schwankte dahin, den immer gleichen Rhythmus durch die Nacht trommelnd, den immer gleichen heiseren, lang gezogenen Schrei der Dampfpfeife ins Dunkel stoßend. Sie wanderten durch einen Wagen nach dem anderen, alle schliefen, träumten. Es war eine atmende Polyphonie, durch die sie wanderten, und bald schien es Joy, als kreuzten sie immer denselben Wagen, so wie man in bösen Träumen stets wieder in die gleiche Straße zurückkommt. Immer wieder warf sie ihr Gewicht gegen die immer gleiche schwere Tür, wartete auf Mutter, leitete sie durch die immer gleiche rüttelnde Verbindung in den nächsten Wagen. Warf sich gegen die nächste Tür und die nächste, sog vorsichtig die abgestandene, tote Luft der schlafenden Wagen ein, durchschritt das darmartige Ende des Korridors an der Reihe der Privatabteile entlang, las die immer gleichen Ankündigungen: Im Interesse derjenigen, die schlafen wollen, wird um Ruhe gebeten. Speisewagen in der entgegengesetzten Richtung. Für Damen. Für Herren.

Schließlich erreichten sie den Salonwagen, der viel zu hell und wach erschien nach der schlaftrunkenen Wanderung. Es gab noch ein paar Kartenspieler, die zwei Schaffner tranken Bier, die ältliche Krankenschwester schrieb einen Brief, und der Barmixer sah den beiden jungen Offizieren bei einer Schachpartie zu. Alle blickten auf, als Joy und ihre Mutter eintraten, und Mrs. Ambros lächelte ihr bestes liebenswürdig-entschuldigendes Lächeln. »Wir beide sind doch richtige Nachtvögel«, sagte sie vergnügt, »es ist wirklich eine Schande – aber Sie werden das sicher verstehen«, wandte sie sich an die Schwester, »ich konnte es da drinnen einfach nicht länger aushalten. Hoffentlich tut mir die frische Luft gut.«

Die Schwester schaute sich flüchtig um, sagte »Gewiss« und kehrte zu ihrem Brief zurück. Joy öffnete die Tür zu der kleinen Aussichtsplattform. Die Nachtluft schlug ihr ins Gesicht wie eine sehr kalte Hand, peitschte gegen ihre Beine und zerrte an ihren Pyjamahosen. Außerdem weckte diese kalte Luft sie auf und riss sie aus der schwebenden Unwirklichkeit, in der sie dahingewandert war; jetzt erst bedauerte sie, sich nicht völlig angekleidet zu haben. Aber in Gesellschaft ihrer Mutter hatte sie oft das Gefühl, unsichtbar zu sein, und das war einer der Gründe, weshalb sie sich nicht viel um ihr Äußeres kümmerte.

»Na also, hier ist es besser, oder nicht, mein Kind?«, bemerkte Mrs. Ambros und ließ sich auf einem der beiden engen Bänkchen nieder. Joy setzte sich instinktiv auf die andere Bank, sodass die Tür zum Inneren des Wagens zwischen ihnen lag. Obwohl die Stimme des nächtlichen Zuges hier draußen viel lauter zu hören war, schien es doch stiller als drinnen. Die Nacht war schwarz und tief, ein schmales Mondrestchen lief eilig durch dünne, zerrissene Wolken. Die Gardinen an der Innenseite der Tür waren geschlossen, sie verbargen die helle Welt da drinnen vor der Nacht. Aber nach einer halben Minute hatten Joys Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt, und sie konnte sehen, wie die Schienen unter dem Zug hinwegglitten und in dem feinen Nebel verschwanden, der zwischen den niedrigen Hügeln lagerte. Der Widerschein des Schlusslichts hämmerte rote und grüne Funken aus den Stahlschlangen der Schienen, und ab und zu standen andere Lichter, rote und weiße Signale, wie wachsame Zwerge am Wege.

»Joy, hast du die Reisedecke mitgebracht? Ich kriege kalte Füße.«

»Jawohl, Mutter«, sagte Joy, und niederkniend wickelte sie die Decke um die Beine der alten Dame, die gütig auf sie hinunterlächelte. Es roch nach Mottenkugeln und nach dem muffigen Koffer, worin die alte Decke zwischen Reisen zu schlafen pflegte.

»Manchmal erinnerst du mich sehr an deinen Vater; er wickelte mich auch immer in die Decke, wenn ich mich auf unseren Überfahrten elend fühlte. Weißt du, wie oft ich mit deinem Vater den Atlantik überquert habe?«, sagte Mrs. Ambros. Joy wusste es, aber sie ließ sie weiterreden. »Was für ein ruheloser Mensch er war! Und ich bedauernswertes Geschöpf, immer auf Tournee mit ihm, von einem Hotel zum anderen, ich konnte mich nie daran gewöhnen. Du kannst mir’s glauben, als Frau eines berühmten Mannes ist man nicht immer auf Rosen gebettet. Aber trotz allem hat es mir gefallen.«

Joy nahm ihren Platz auf der anderen Seite der Tür wieder ein und verschränkte die Hände hinter dem Rücken, auch dies eine Gebärde, die sie von ihrem Vater ererbt hatte.

»Was ist mit dir los, mein Kind? Warum redest du kein Wort? Das ist nicht sehr unterhaltend. Nun erzähl du mir zur Abwechslung einmal was.«

»Was soll ich dir erzählen, Mutter? Ich weiß nichts, was du nicht wüsstest.«

»Du hast dich gestern am Telefon von Susan verabschiedet – ich habe euch gehört.«

»Nun, und was weiter? Du hast uns gehört?«

»War sie – ich meine – klang es ein bisschen – du weißt schon, was ich meine – schien sie mit etwas hinter dem Berg zu halten?«

Joy zuckte müde die Achseln. »Wenn du’s genau wissen willst, sie war nicht besonders glücklich darüber, dass du Charley empfangen wirst anstatt ihrer«, sagte sie langsam, ihre Hände noch enger verschränkend, bis sie jeden harten, angespannten Knöchel fühlte.

Ein paar schlafende kleine Häuser glitten vorbei, der gläserne Käfig eines Stellwerks goss im Vorüberziehen sein Licht über die Schienen, drei schwere Lastwagen arbeiteten sich geduldig über die Steigung einer Landstraße, die unsichtbar neben dem Zug herlief; dann wieder Dunkelheit. Und dann tauchte der Bremser auf der Plattform auf, er öffnete das kleine Pförtchen in der Umgitterung und starrte im Licht seines Laternchens beinahe erschrocken die beiden Damen an, die er so unerwartet und so spätnachts da draußen entdeckte.

»Guten Abend, die Herrschaften, recht nette Nacht heute Nacht, nicht?«, sagte er immerhin freundlich. »Aber wird’s den jungen Damen nicht so ’n bisschen kalt? Ich bin ja dran gewöhnt, aber die beiden Fräuleins …« Er hielt sie wohl für jung und hübsch, aber sobald er seine Laterne näher brachte und einen Blick in Joys abweisendes Gesicht tat, trat er den Rückzug an. »Nichts für ungut, Fräulein, die Geschmäcker sind verschieden, das sage ich meiner Alten auch immer.«

Joy versuchte, die Antwort ihrer Mutter nicht zu hören; da waren wieder einmal das schwache Herz, die Kopfschmerzen, die Unmöglichkeit, es eine Nacht im Coupé auszuhalten. Sie sah, wie der Mann das Geländer mit einem Bolzen oder Riegel sicherte. »Der Zug hat zweiundzwanzig Minuten Verspätung, aber wir werden’s bald einholen«, sagte er. »Na, gute Nacht, die Damen, und dass Sie nicht zu lange hier draußen bleiben und sich einen Schnupfen holen.« Er öffnete die Tür zum erleuchteten Inneren des Wagens, und als er sie hinter sich geschlossen hatte, war die Nacht noch dunkler als zuvor. Joy löste ihre verkrampften Hände voneinander und holte ihre Zigarettendose und Streichhölzer aus der Manteltasche.

»Darf ich rauchen, Mutter?«

»Wenn’s durchaus sein muss.«

Sie zog den Rauch ein, und der bittere Geschmack rann durch ihre Kehle wie eine stärkende Medizin. »Mutter«, sagte sie. Sie saß sehr steif und presste das Rückgrat, den Nacken, den Hinterkopf steil gegen das kalte Holz der Banklehne. »Hör zu, Mutter, diese Reise tut dir nicht gut. Morgen früh sind wir in Ogden. Lass uns dort umkehren und nach San Francisco zurückfahren.«

Falls dieser sonderbare Vorschlag Mrs. Ambros erschreckt haben sollte, ließ sie es sich nicht anmerken. »Das scheint mir keine sehr gute Idee zu sein, mein Kind«, erwiderte sie ruhig. »Ich habe mir vorgenommen, Charles zuerst zu sehen, und du solltest mich schon kennen: Wenn ich mir einmal etwas vornehme …«

»O ja, Mutter, ich kenne dich. Aber diesmal habe ich mir auch etwas vorgenommen.«

»Ich weiß, du meinst es gut mit deiner Sorge, dass die Reise meiner Gesundheit schaden könnte, aber ich habe es nie gescheut, Opfer zu bringen, das solltest gerade du besser wissen als alle anderen; und du weißt auch ganz genau, warum ich mit Charles sprechen muss, bevor er von anderen Leuten hört, was los ist. Er ist schließlich mein Sohn und …«

»Verdammt noch mal, du brauchst deine rührenden Redensarten nicht an mich zu verschwenden! Wir wollen einmal den ganzen Schwindel beiseitelassen, Mutter. Ich kann es nicht zulassen, dass du nach Boston gehst, Punktum.«

Joy zitterte vor kaum unterdrückter Erregung, aber Mrs. Ambros behielt ihr Gleichgewicht. »Komm, komm, Joy, du darfst das böse Ambros-Temperament nicht mit dir durchgehen lassen; nimm dich zusammen.«

»Hör zu, Mutter, heute wollen wir einmal alle Verzierungen weglassen. Was ich sage, hat nichts mit meinen Nerven und meinem Temperament zu tun, und ich wiederhole – völlig kühl, aber endgültig –, dass ich nicht zuschauen werde, wie du Charles’ Leben ruinierst, so wie du meines ruiniert hast, meins und das Leben von jedem, der dir je in die Nähe gekommen ist. Du hast genug Schaden angerichtet, und ich lasse dich nicht Charles’ Ehe in Stücke schlagen. Morgen früh steigst du aus diesem Zug aus, und wenn ich dich bei deinem gepflegten weißen Haar herauszerren muss! Hast du mich verstanden?«

»Das ist wirklich ein guter Spaß! Jetzt bin ich diejenige, die Charles’ Ehe zugrunde richtet. Und diese Person, die er geheiratet hat, ist weiß wie Schnee? Du bist verrückt, wenn du annimmst, ich werde es erlauben, dass ganz San Francisco meinen Sohn auslacht. Jeder Mensch weiß, was zwischen Susan und diesem unmöglichen Larry Grant vorgeht. Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass ich meinen Charles in diesen Morast hineinwaten lasse, ohne ihn zu warnen. Wahrhaftig, Joy.«

»Hör mir doch zu, Mutter«, sagte Joy und versuchte, ihren Abscheu, ihre Verzweiflung, ihren schmerzhaften Hass zu unterdrücken. »Denk doch an die Kinder; willst du denn nicht, dass sie in einem Elternhaus aufwachsen, unter einem Dach – mit irgendeinem Halt und einer Sicherheit? Es sind doch deine Enkelkinder, du hast sie gern, du kannst nicht wollen, dass sie so herumgestoßen werden wie wir. Ich weiß nicht, was Susan getan oder nicht getan hat, noch weißt du es –«

»Du kannst dich darauf verlassen, dass ich es weiß! Ich bin nicht blind, ich habe genau aufgepasst, was da vor sich ging – ich habe sie in einer so skandalösen Situation ertappt, dass sie gezwungen war, mir die Wahrheit zu gestehen –«

»Die Wahrheit zu gestehen – aber das ist ja reiner Unsinn! Erzähl doch keine Lügen, Mutter, um Gottes willen, lüge nicht, wenn es sich um die Existenz einer Familie handelt. Was immer zwischen Susan und Larry vorgehen mag, es geht dich nichts an, und du würdest es doch nicht verstehen; es handelt sich um ihr Leben und ihre Probleme! Um Susan und Charley und Larry. Und ich verbiete dir, ihnen alles zu versauen. Ich verbiete es dir, hörst du mich? Diesmal verbiete ich es dir.«

»Sieh mal an, du verbietest es mir! Schön, und ich werde Charles verbieten, bei der Heimkehr einen Narren aus sich zu machen. Ich kenne Susan, sie ist sehr gerissen, sie versteht sich darauf, ihre Männer zu behandeln; ich bin sicher, dass sie Charles mit einer rührenden Geschichte empfangen würde, und alles würde mit Tränen und Szenen und einer großen Versöhnung enden, und mein armer Junge würde ihr noch einmal in die Falle gehen. Er hätte sie nie, niemals heiraten sollen, dieses ordinäre, berechnende kleine Büromädel! Ich war von Anfang an dagegen, und ich habe recht behalten. Aber jetzt ist sie ein bisschen zu weit gegangen, und ich möchte nur wissen, wie du mich davon abhalten willst, Charles zu erzählen, wie sich seine Frau benommen hat, während er draußen für uns kämpfte.«

Das war es: wie sie davon abhalten? In Joys dumpfem Kopf rollte diese Frage hin und her wie eine schwere, heiße Kugel; seit Tagen und Wochen war diese Kugel hin und her gerollt. Wie hält man eine Ann Ambros davon ab, Unheil zu stiften? Nicht durch Überredung, nicht durch Vernunft, noch weniger durch einen Appell an ihre Anständigkeit. Mit Gewalt also? Soll ich einen Skandal machen? Soll ich mich umbringen, so wie mein Vater sich umgebracht hat? Aber hat sie das abgehalten? Nein, tausendmal nein!

Joy war aufgesprungen und durchmaß den engen Raum der Plattform wie einen Käfig, zwei Schritte vor und zwei Schritte zurück. Sie schleuderte ihre Zigarette fort, der winzige Funken zog einen Leuchtbogen durch die Finsternis, und sie wünschte inständig, dass ein Waldbrand den Zug vernichten möge mit ihr und ihrer Stiefmutter. Der Zug hatte sein Tempo beschleunigt, die schwarze Nacht bohrte sich mit tausend Nadeln in ihr Gesicht, und weit weg in der Ferne, am Horizont, waren jetzt ein paar Sterne, nicht mehr als drei oder vier. Joy versuchte sich mit ihrem Blick an ihnen festzuhalten und sich zu konzentrieren, wobei sie mit zitternden, fahrigen Händen in ihren Manteltaschen nach ihren Zigaretten tastete, ohne sie finden zu können. Sonderbarerweise war es dieses letzte kleine Versagen, das sie zu den äußersten Grenzen der Verzweiflung trieb. Sich über Mrs. Ambros beugend sagte sie leise, beinahe sanft: »Doch, doch, ich werde dich davon abhalten, und wenn ich mich dazu umbringen muss. Ich habe Charley einen Brief geschrieben und ihm alles erklärt, ich werde mich umbringen, Mutter, und wenn ich tot bin, wird er mir glauben, mir und Susan und Larry – und nicht dir, o nein, nicht dir …«

»Jetzt hast du wirklich den Verstand verloren«, sagte Mrs. Ambros, ungläubig lächelnd. »Du bist ja wahnsinnig – du tust mir leid, Joy, wahrhaftigen Gottes, du tust mir leid.«

Der Zug war noch schneller geworden, und nun wechselte seine Stimme, als er sich einer Brücke näherte, die im Nichts zu hängen schien. Vernichtung, Vernichtung, Vernichtung sang der Zug, während das stählerne Spinnengewebe vorbeijagte; Nebel hingen über der Tiefe, rötlich gefärbt vom Schein des Schlusslichts, und da unten lag, schwarz und still, ein Fluss, eine Schlucht, ein unbekannter, unsichtbarer Abgrund in der Nacht. Joys Hände, hinter ihrem Rücken verschränkt, stießen an das Geländer, fanden den Bolzen, der es verschloss, und begannen, daran zu zerren. Vielleicht ist es wahr, vielleicht bin ich verrückt, vielleicht hast du mich zum Wahnsinn getrieben, mich auch, und jetzt willst du Charley zugrunde richten, aber das lasse ich nicht zu, das lasse ich nicht zu – und dann gab der Bolzen nach, und das Gitter war offen.

Mrs. Ambros war aufgesprungen und versuchte, sie von dem gefährlichen Geländer fortzuführen. Joy war stark, aber auch die zarte Mrs. Ambros besaß Kräfte, erstaunliche Kräfte. »Ich lass es nicht zu – ich lasse es nicht zu –«, flüsterte Joy; sie glaubte zu schreien, doch aus ihrer gepressten Kehle kam nur ein ersticktes Flüstern. »Du hast meine Mutter umgebracht und meinen Vater. Du hast mein Leben ruiniert, und jetzt willst du Charleys Leben auch verderben. Aber das lasse ich nicht zu, ich lasse es nicht, ich lasse es nicht – eher bringe ich mich um. Eher bringe ich dich um, als dass ich Charley etwas geschehen lasse –«

Sie rangen miteinander, Körper an Körper, schwer atmend, stöhnend. Nie zuvor hatte Joy das Gesicht ihrer Stiefmutter so nahe gesehen, so entschlossen und zugleich so erstaunt. Als sich ihre Finger immer tiefer in die jugendlichen alten Arme schraubten, öffnete der Mund der alten Frau sich weit und rund und schwarz und schrill, um Hilfe kreischend. Aber ihr Schrei ging verloren in dem lauteren, heiseren Pfiff der Lokomotive weit vorn im Nebel. Joy presste ihre Hand auf diesen kreischenden Mund, sie spürte ihn feucht, weich und abstoßend, dann war da ein scharfer, kleiner Schmerz, als Mrs. Ambros’ Zähne sich in ihren Daumen verbissen; und dann eine unendliche Erlösung, als ihre eigenen Finger sich in das Fleisch der Feindin gruben und Hilfeschrei und Dampfkreischen und rasende Fahrt und Hämmern von Stahlstreben und Trommeln von Rädern auf Schienen und der Hass und die Ängste eines ganzen Lebens in einer riesigen, lodernden, donnernden Explosion zerbarsten. Etwas gab nach und wurde hinausgeschleudert ins Nichts und war nicht mehr da, aber das alles war lang zuvor geschehen, es war oft geschehen und vielleicht nur in Träumen … –

Und dann ein blankes Nichts.

Rot erst, dann weiß, dann schwarz, eine große, leere Schwäche, als ränne das Blut aus ihr fort, unaufhaltsam. Und nichts als dieses Nichts überall um sie.

Die Plattform war leer.

Das kleine Pförtchen im Geländer schwang hin und her, sagte klick-klick-klick. Der Zug hatte die Brücke verlassen und rollte am Rand einer steilen Böschung dahin, dann durch einen Engpass zwischen Felsen, die sich plötzlich aus der Nacht vorstießen, rollte weiter und weiter zwischen den Bergmauern und zuletzt hinaus in eine weite Hügellandschaft. Irgendwo, weit dahinten, blieb Mrs. Ambros zurück, dort, wo sie vom Zug geschleudert worden war. Mit geschlossenen Augen, während ihr Bewusstsein langsam aus dem zitternden Nichts zurückkehrte, konnte Joy sie sehen. Ein schmächtiges, dunkles Bündel gegen die Stahlpfeiler der Brücke geschmettert, wie ein leerer Sack fiel es in den Fluss, hilflos stürzte es die steile Böschung hinab in die Tiefe.

»Ich bin froh darüber«, sagte Joy ganz laut, »jawohl, ich bin froh, dass ich es tat. Du hast es nicht besser verdient, und ich bin froh.« Ihre Knie wurden schwach, und sie setzte sich schnell nieder, schenkte sich eine kurze Rast in der barmherzigen Leere und der seltsamen Zufriedenheit nach der begangenen Tat. Nach einer Weile begann sie in ihren Taschen nach der Tabatiere zu suchen und zündete sich eine Zigarette an. Sie hielt das glühende Zündholz fest, bis es ihre Fingerspitzen versengte, und in dem winzigen Schein las sie abwesend die Widmung an der Innenseite der geöffneten Dose: Dem großen Geiger Florian Ambros von seinem aufrichtigen Freund und Bewunderer Erzherzog Josephus Albertus von Habsburg, 1895. Das ist so lang vorbei, dachte sie, so lang vorbei. Armer Papa, armer, großer Florian Ambros – und der Glanz einer Vergangenheit, von der er ihr manchmal erzählt hatte, flammte für einen Augenblick im letzten Funken des Streichholzes auf und verlosch. Charley wird sehr traurig sein, dachte sie, denn ich glaube, dass er irgendwie seine Mutter doch sehr gernhatte – trotz alledem. Aber es ist besser so, alles ist jetzt gut. Es wartet alles auf ihn, Susan und die Kinder, sein Haus, seine Arbeit. Mütter sterben eben, und Charley wird es bald überwinden. Was mich anbetrifft, dachte sie und kam nicht weiter; und dann versuchte sie, die Hände zu lockern, die zusammengebissenen Zähne, die angestrengten, schmerzenden Muskeln im Nacken; was mich anbetrifft – ich muss vorgeben, dass nichts passiert ist, nichts als ein unglückseliger Unfall. Ich muss mit dieser Lüge weiterleben und mit dem vergifteten Wissen und dem vergrabenen Geheimnis. Für mich gibt’s keinen leichten Weg ins Freie. Ich tat es, und von jetzt an muss ich es mit mir schleppen, ich muss mich bewachen bei jedem Wort, jedem Schritt, ich darf es niemals und niemandem verraten, was geschehen ist. Es darf keinen Skandal geben, nichts Hässliches, wenn Charley heimkommt. Jetzt heißt es klug sein, und, du großer Gott im Himmel, klug war ich nie.

Viel später, nachdem sie sich alles klargemacht hatte und ihre Hände aufhörten zu beben, stand sie auf und ging in den Salonwagen zurück. Es war, als überschritte sie die Schwelle einer Welt, die sie weit hinter sich gelassen hatte, einer normalen Welt, in der Lichter brannten und Leute Bier tranken. Die Lichter brannten nicht so hell wie zuvor, denn die letzten Reisenden waren gegangen, und der Barmixer war im Begriff zu schließen. Joy starrte ihn an und versuchte, das zu sagen, was sie da draußen auf der Plattform so mühevoll memoriert hatte.

»Verzeihen Sie – könnte ich – könnten Sie mir einen Whisky geben?«

»Tut mir leid, Fräulein, nach Mitternacht wird kein Alkohol serviert.«

»Das – ich wusste das nicht. Ich wollte ihn nur für meine Mutter. Sie – sie leidet an Schwächeanfällen; ich brachte sie an die frische Luft, aber ihr wurde sehr schwindlig, sie wurde beinahe ohnmächtig. Ich dachte, ein bisschen Whisky würde ihr helfen, es hilft gewöhnlich. Sie ist recht alt und nicht so sehr kräftig – oder braucht man ein ärztliches Attest, um einen Schluck Whisky zu kriegen?«

»Richtig, sie hat die ganze Zeit über ihr schwaches Herz geklagt, weißte«, sagte einer der Schaffner, von den Eintragungen, die er auf ein Blatt Papier machte, aufblickend. »Los, mach ’n bisschen fix, Joe, wenn die Dame doch um Medizin bittet.«

»Sie sollten die alte Dame nicht die ganze Nacht da draußen sitzen lassen, Fräulein. Kann sich ’ne schöne Lungenentzündung holen«, brummte der Mixer. »Sie sehen auch aus, als ob ’n kleiner Schluck Ihnen nicht schaden würde«, setzte er nach einem Blick in Joys erbleichtes Gesicht hinzu. Mit vorwurfsvollem Kopfschütteln schloss er seinen Schrank nochmals auf und brachte zwei Flaschen zum Vorschein. »Bourbon oder Scotch? Mit Soda oder ohne?«

»Zwei Scotch, ohne«, sagte Joy. »Danke, danke vielmals. Tut mir leid, dass ich Sie aufgehalten habe.« Sie schluckte ihren Whisky hastig herunter, zahlte und gab dem Mann ein Trinkgeld; das andere Glas trug sie zur Tür heraus. Ihre Hand war ruhig.

»Was sagste dazu? Wahrscheinlich so ’ne Alte, die gern pichelt, diese herzkranke Mutter«, bemerkte der Barmixer zum Schaffner, sobald Joy außer Hörweite war.

»Ach, halt deinen ungewaschenen Mund«, erwiderte der, »die feinste alte Dame, die man sich vorstellen kann. Mrs. Ambros, ich kenne sie noch aus den guten alten Zeiten. Hab sie und ihren Mann oft genug auf meinem Zug gehabt.« Die Erinnerung an Mrs. Ambros’ vergangenen Glanz schien einen Funken menschlicher Güte im Herzen des alten Schaffners anzufachen, denn er fügte hinzu: »Will doch lieber mal sehen, dass ich sie in ihr Abteil zurückbringe, wenn ihr nicht gut ist. Dazu sind wir ja schließlich da.«

Aber als er Miss Ambros auf die Plattform nachging, da gab es keine Mrs. Ambros. Es gab nur Miss Ambros, groß und bleich und völlig außer sich, und sie deutete nur immer auf das offene Pförtchen im Geländer, das hin und her schwang und klapperte, und sie wiederholte nur immer wieder: »Sie muss vom Zug gestürzt sein in ihrem Schwindelanfall – sie muss ohnmächtig geworden und hinausgefallen sein – ich hätte sie nie allein lassen dürfen – wie kann ich mir das je vergeben – meine arme Mutter – verloren – und durch meine Schuld –«

Ein großes Dröhnen kam aus der Höhe, und darin war die Stimme, die rief: »Angelina! Angelina!«

»Ja. Sofort. Hier bin ich«, gab Mrs. Ambros demütig zur Antwort; sie machte eine besondere Anstrengung, und es gelang ihr, die Augen zu öffnen. Aber selbst dann konnte sie nichts sehen als ein uferloses, kreisendes Nichts, in dem sie dahinwirbelte wie in einem riesigen Fass. Schwindlig, wie sie war, überlegte sie, dass dieses verrückte, drehende Nichts wohl der Weltenraum sein mochte, von dem in Zeitungsartikeln zuweilen die Rede war. Wie bin ich eigentlich hierhergekommen, und was tue ich, Ann Ambros, im Weltenraum?, dachte sie verwundert. Möglicherweise bin ich tot. Komisch, was für Geschichten die Leute damit machen, und wenn’s dazu kommt, ist es eine ganz einfache Angelegenheit. Ermüdet schloss sie die Augen, und sogleich trieb sie wieder schwindlig dahin, ein winziger Kreisel, ein Spielzeug Gottes, durch schwarzes, drehendes Nichts gepeitscht. Und doch war das eine Wohltat, und sie wollte sich dieser angenehm-friedvollen Leere überlassen, wenn nicht die Stimme sie wieder zurückgerufen hätte, lauter und dringlicher, ja sogar mit einer kleinen ungeduldigen und gereizten Schärfe: »Angelina! Angelina!«

Nun erkannte sie die Stimme als die ihres verstorbenen Mannes, und ihre erste Reaktion war der alte, wohlbekannte und beinahe vergessene Ärger. Ach, du lieber Himmel, kannst du mich denn nicht in Ruhe lassen?, dachte sie. Ihr war ziemlich übel im Magen, und als sie tief Atem holen wollte, ging es nicht. Da haben wir’s, jetzt fängt er an, mir Unannehmlichkeiten zu machen, dachte sie; was sonst hätte ich auch von ihm erwarten sollen?

Ihr Leben lang war Ann Ambros eine gründliche, obgleich unbewusste Materialistin gewesen. Metaphysische Betrachtungen lagen ihr fern, und soweit sie sich überhaupt eine Vorstellung von Gott gemacht hatte, war er ein milder, älterer Herr gewesen, nach dem Bild ihres Vaters geformt, der ihr am Sonnabend Schokolade und Taschengeld aushändigte, unbeschadet ihres nicht immer tadellosen Benehmens während der Woche. Was aber den Tod betraf – und Sterben war etwas, worüber sie kaum jemals nachgedacht hatte, und ganz besonders nicht in Bezug auf sich selbst –, nun denn, Sterben war mehr oder weniger wie eine Decke, die man sich über die Nase zog, um besser einzuschlafen. Niemals war ihr der Gedanke gekommen, dass sie im Jenseits mit Florian zusammentreffen könnte; wäre ihr eine solche Idee jemals durch den Kopf gegangen, dann hätte sie möglicherweise einige unbedeutende Angelegenheiten etwas anders behandelt.

Das Donnern und Brausen und Dröhnen ließ langsam nach, und Florians Stimme entfernte sich. Die drehende Schwärze kreiste langsamer, langsamer, wie ein Karussell, und blieb zuletzt stehen. Nun konnte sie sehen, dass jenes weite Nichts da oben der Himmel war, wo eilige Wolken an einem mageren Mond vorbeijagten. Da waren die schwarzen Schultern geduckter Hügel und in der Ferne eine Nadel, die Licht in die Dunkelheit stach, ein Drehscheinwerfer zur Warnung von Flugzeugen. Nachdem sie all dies in sich aufgenommen hatte, versuchte sie herauszufinden, worauf sie eigentlich lag; doch sobald sie den Kopf bewegte, begann sich alles wieder um sie zu drehen und ein greller Schmerz zuckte durch ihre Schläfen. Ann Ambros, die mit ihren fünfundsechzig Jahren noch nie an Kopfweh gelitten hatte, schloss erschrocken die Augen. Ihr war sehr schlecht, und sie setzte sich stöhnend auf und kämpfte gegen die Übelkeit. Nicht etwa, dass es durchs Sitzen besser wurde. Sie fühlte sich so steif und wund, wie sie es nicht für möglich gehalten hätte, sich jemals fühlen zu können – nicht einmal mit achtzig oder neunzig Jahren. Wenn Totsein derartig unangenehm sein sollte, dann – so beschloss sie – wollte sie nichts damit zu tun haben. Sie biss die Zähne zusammen und entdeckte dabei, dass ihr Mund voll Sand und Kies war.

Um Himmels willen, dachte sie entsetzt, ich hoffe bloß, dass diese Idioten mich nicht lebendig begraben haben! Das Atmen war noch immer höchst beschwerlich und, du großer Gott, was für tolle Kopfschmerzen! Sie versuchte mit den Händen, die Beschaffenheit des Bodens, auf dem sie saß, zu erforschen: Sand, Kies, Gestein, Disteln, vertrocknete Grasbüschel. Der harte Schrei zweier Nachtvögel, die auf großen Schwingen von einer Krüppelweide aufflogen, brachte sie zur Besinnung. Ach was, ich bin ja gar nicht tot, sagte sie sich; aber wenn ich noch lebe, was ist mir eigentlich passiert? Wo bin ich? Wie bin ich hierhergeraten? Und wie, um Himmels willen, soll ich von hier wegkommen?

Während des Krieges war sie eine eifrige Schülerin – und später eine strenge Lehrerin – in den Kursen für Erste Hilfe gewesen, und sobald sie entschieden hatte, dass sie noch unter den Lebenden weilte, ging sie daran, sich sachkundig von Kopf bis Fuß zu untersuchen. Quetschungen und Hautabschürfungen an den Beinen, und, was viel schlimmer war, ihre kostbaren Nylonstrümpfe hingen in Fetzen herunter. Zwar kannte sie einen versteckten kleinen Laden, wo man Nylonstrümpfe kaufen konnte, aber das unverschämte Gesindel dort verlangte vier Dollar für ein Paar. Außerdem hatte ihr Nerzmantel einen großen Riss am rechten Ärmel abgekriegt. Das muss ich bei Mergenheimers reparieren lassen, und Gott weiß, was für ein Vermögen sie mir dafür berechnen werden, und bestimmt wird der alte Mergenheimer wieder einmal versuchen, mir einen Hermelinumhang für die Oper aufzuschwatzen. Es ist eine Schande, dass mein alter Hermelin so vergilbt ist, es war ein so schönes Stück. Vielleicht könnte man noch etwas aus meinem Chinchillakragen machen, dachte sie; es war angenehm, diese Idee im Kopf zu bewegen. Chinchilla ist so distingué, dachte sie, und abgesehen von der neunzigjährigen Mrs. Bensinger wäre ich in San Francisco die einzige Frau mit einem Chinchillakragen. Gestärkt durch die Erinnerungen an den Chinchilla fuhr sie fort, sich zu untersuchen. Eine Beule an der Schläfe, so groß wie ein Kiebitzei, erklärte die Kopfschmerzen. Ihre Handflächen brannten, Sand war in die wunde Haut geraten, und ihre Fingernägel waren gespalten und abgebrochen. Was für eine Schweinerei!, dachte sie ärgerlich, es dauert ja zwei Wochen, bis die wieder gewachsen sind. Sie fühlte sich immer noch komisch im Magen, aber das Schlimmste war vorbei, und sie war fast sicher, dass sie sich nun doch nicht übergeben würde. Das Einatmen war allerdings noch immer ziemlich schwierig. Vielleicht war es nur eine gezerrte Sehne, aber es fühlte sich verdächtig nach gebrochenen Rippen an. Was noch? Vielleicht eine kleine Gehirnerschütterung? »Na, das wollen wir nicht hoffen«, sagte Ann laut und mit Nachdruck. Schock? Glasige Augen? Schüttelfrost? Wer? Ich? Lächerlich! Aber um Himmels willen, wie bin ich bloß in diese Situation geraten?

Auf dem Boden vor ihr breitete sich ein riesiges schwarzes Schattendreieck aus; dahinter zeichnete ein schwacher nächtlicher Schimmer ein paar Weiden in die Dunkelheit; der unregelmäßige Lauf eines ausgetrockneten Flussbettes, Rohr und Schilf und Gras. Sie brachte es zustande, sich umzuwenden, nicht ohne leise über die Steifheit zu jammern, die nun jeden Muskel und Knochen ihres Körpers ergriffen hatte. Nach einigem Überlegen fand sie heraus, dass sie im Schatten eines aufragenden, gewichtigen Brückenkopfes lag. Sie versuchte, den steilen Abhang, an dessen Fuß sie sich wiedergefunden hatte, ganz zu überblicken, aber ihre Nackenwirbel verweigerten den Dienst, und sie musste es aufgeben. Nach diesem Misserfolg saß sie eine kleine Weile völlig reglos da, ohne den Mut für eine weitere Bewegung aufzubringen.

Wie still es war, schrecklich still. Es war schwer, diese tiefe, alles verschlingende Stille zu ertragen. Nach langer Zeit drang ein angenehmes kleines Geräusch durch die weite leere Nacht zu ihr – Wasser, das über Felsblöcke lief? –, und erst dann kam ihr zu Bewusstsein, wie ausgetrocknet und durstig sie war. Aber sie wagte noch nicht, sich aufzurichten, und so kroch sie langsam und vorsichtig auf das leise Geriesel zu; über Sand, über Kiesel, über die großen, rund geschliffenen Steine im Flussbett und durch den Nebel, der über dem kleinen Rinnsal hing, das in der Regenzeit zu einem reißenden Fluss anschwellen würde. Mit den Händen schöpfte sie Wasser, spülte ihren Mund, spuckte den Sand aus, wusch sich das Gesicht, kühlte ihre aufgeschürften Beine und den Schnitt an ihrer linken Wange. In ihrer Manteltasche fand sie ein unbeschädigtes Taschentuch, sie feuchtete es in dem kalten Wasser an und presste es auf die Beule an ihrer pochenden Schläfe. Die Kompresse klärte ihren Kopf ein wenig, und sie begann, Schritt für Schritt zurückzudenken, was mit ihr geschehen war.

Heute musste Dienstag sein oder vielmehr schon Mittwoch, denn sie waren kurz vor Mitternacht durch Reno gekommen. Am kommenden Montag würde Charles’ Truppenschiff in Boston einlaufen, und es war dringend notwendig, seine Ankunft nicht zu versäumen, das wusste Mrs. Ambros ganz bestimmt. Aber weshalb es so absolut nötig war, Charles sogleich zu sprechen, darauf konnte sie sich im Augenblick beim besten Willen nicht besinnen, und jeder Versuch, sich über diesen Punkt Klarheit zu verschaffen, drehte ihr wieder den Magen um. Für den Augenblick ließ sie davon ab, darüber nachzudenken, und zur Belohnung kam ihr eine scharf gezeichnete Erinnerung an den Zug, in dem sie gereist war. Ein abscheulicher Zug im Großen und Ganzen, überfüllt mit rücksichtslosen, unmanierlichen, stoßenden und schiebenden Leuten. Sie war fast erstickt in der heißen, winzigen Schachtel, die man die Frechheit hatte, ein Bett zu nennen, und sie war nach der Aussichtsplattform gegangen, um etwas frische Luft zu holen, und dort war Joy unverschämt geworden. Mrs. Ambros seufzte, mit einem schmerzhaften Echo in ihren Rippen. Es wird wirklich immer schwieriger, mit Joy zu leben, dachte sie; aber es ist meine Pflicht, mich damit abzufinden. Es ist meine Pflicht, mich des armen, unvernünftigen Kindes anzunehmen, auch wenn sie alles tut, um mir das Leben unerträglich zu machen. Du lieber Gott, wenn Vater geahnt hätte, wie alles kommen würde, dann hätte er bestimmt ein anderes Testament gemacht; sicher hatte er nicht die Absicht, mich ganz allein in der Welt auf dem Trockenen sitzen zu lassen. Einen großen Haufen Unannehmlichkeiten habe ich mir mit Joy aufgeladen, und die lumpigen viertausend Dollar Zinsen, die ihr Mündelgeld jährlich beträgt, sind wahrhaftig nur eine schwache Entschädigung für alles, was ich durchmache. Na, da kann man eben nichts machen, so dachte Mrs. Ambros resigniert. Joy ist nun einmal die Knochenzuwaage bei dem Stückchen Fleisch, das ich kriege. Nun, wie war das doch auf der Aussichtsplattform? Joy war noch ein wenig ungenießbarer als sonst, und wir stritten uns ein bisschen, und dann …

Ja, und dann? Sie versuchte, sich zu erinnern, wobei das Pochen in ihren Schläfen anwuchs und der Schmerz in ihrem Hinterkopf sich grausam in ihr dumpfes Denken bohrte: Und dann muss ich vom Zug gestürzt sein. Aber das ist einfach zu töricht, so etwas kann mir doch nicht passieren.

Plötzlich zerriss ein Schleier, und sie sah mit äußerst scharfer, harter Klarheit das hin- und herschwingende Pförtchen im Geländer und hörte das Klick-klick-klick. Sie fuhr empor, völlig ihre Schmerzen vergessend. O nein, sagte sie sich, bei Gott, nein, ich bin nicht aus dem Zug gestürzt, Joy hat mich hinuntergeworfen, jetzt erinnere ich mich, ihre Augen, Mord stand darin, Mord, sie wollte mich erwürgen, umbringen wollte sie mich, Joy wollte mich umbringen, und sie hat mich umgebracht. Beinahe, beinahe! Mich, die ich sie damals aus dem brennenden Haus gerettet habe, mich, die ihr eine Mutter war, mehr als eine Mutter!

Wiederum sah sie Joys Gesicht dicht an dem ihren, aufgerissen in der Verbissenheit des Kampfes, sie hörte Joys Atem heiß und laut, sie spürte, wie Joys Hände sich in ihre Schulter und ihre Kehle gruben. Während einer blitzgrellen Sekunde erlebte sie noch einmal den Streit auf der Plattform; und dann schaltete sie die Vision ab wie einen Projektionsapparat und begann zu lachen. Zuerst war es ein Kichern tief in ihrer Kehle, und dann kochte es über, wuchs und wurde immer lauter, wurde ein unbezähmbares Gelächter, ein wilder Ausbruch, der ihren zarten, zähen Körper mit all seinen Schmerzen und Verwundungen schüttelte wie ein Krampf. Aber so einfach ist es nicht, mich aus der Welt zu schaffen, o nein, Fräulein Joy, nicht ganz so einfach. Jetzt kann ich mit dir machen, was ich will, jetzt werde ich dich in eine Anstalt für Unheilbare stecken, ich werde dich für geistesgestört erklären lassen, jetzt bin ich dich endlich los, dich und Susan auch, und dann werde ich Charles ganz für mich allein haben, endlich –

Eine gebrechliche Dame, zerschunden, zerfetzt, verwundet, ganz allein in der weiten Nacht, und doch zum Überfließen erfüllt mit dem Gefühl der Rache: Ann Ambros, die stets getan hatte, was sie wollte, und sich genommen, wonach sie verlangte. Aber der Ausbruch hatte ihre Kräfte erschöpft, und geschwächt und voll Mitleid mit sich selbst stürzte sie von den Gipfeln des Überschwangs herab. Warum, du großer Gott, warum geschieht mir so etwas? Warum geschieht das mir, die keiner Fliege etwas zuleide tun kann, warum hört mein eigener Sohn nicht auf mich? Warum hasst Joy mich so sehr? Warum hat keine Seele mich wirklich lieb? Nein, nicht einmal Florian liebte mich, nicht wirklich, nicht so, wie ich ihn liebte. Was habe ich nur getan, dass alle gegen mich sind? Nur weil ich schwach bin und gutherzig und hilflos.

Ihr Leben lang war sie unter dem Mitleid mit sich selbst gediehen, es war ihr Element, ihre allereigenste Heimat, es war die Wiege, in die sie sich verkroch, wann immer etwas nicht nach ihrem Willen ging. Es war das Gehäuse, worin sie sich ganz klein und sanft machen konnte, ganz weich und zart – und völlig unverwundbar. Nach dem Gelächter kamen ihr nun die Tränen, ein reicher, milder Tränenregen, den sie über ihr eigenes wehrloses und liebendes Selbst vergoss. Wie gewöhnlich ließ der Weinkrampf sie in einem Zustand der Erleichterung und angenehmen Ermattung zurück; ihr Kopf war viel freier, sie kühlte die Stirn mit dem feuchten Taschentuch, lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Felsblock und schloss die Augen. Aber ich darf nicht hier einschlafen, ermahnte sie sich, die Gefahren der freien Natur aufzählend: Klapperschlangen, Wüstenratten, giftige Rieseneidechsen, Kojoten, Präriewölfe, diebische Indianer und raublustige Strolche. Und damit wäre sie eingeschlafen, wenn nicht die Stimme sie wiederum gerufen hätte. »Angelina! Angelina!«

»Ach, du liebe Zeit, kannst du nicht sehen, dass ich müde bin?«, murmelte sie, aber die Stimme gab nicht nach.

»Angelina, du kannst hier nicht bleiben. Es handelt sich um Leben und Tod.«

»Gut, gut, du brauchst mich nicht anzuschreien, ich komme ja schon«, murrte sie. Sie zog sich an dem Felsblock hoch, um sich schlagend wie ein Pferd, das auf einer vereisten Straße gestürzt ist, sie richtete sich auf, zuerst auf ihren wunden Knien, dann versuchte sie, ihren Rücken gerade zu biegen, und zuletzt kam sie mit einer äußersten Anstrengung auf die Beine. Versuchsweise bewegte sie einen Fuß und dann den anderen: Ja, doch, es ging.

Schwankend, stolpernd, in halb betäubtem Eigensinn, so schleppte sie sich über den holprigen Boden, fort von der Stelle ihres unerklärlichen Unfalls.

»Ich werde Sie Angelina nennen«, sagte Florian Ambros, als er Ann Ballard zum ersten Mal sah. Sie war erst fünfzehn, ein Schulmädel in peinlich kurzem Röckchen, das ihre dünnen Beine in den gerippten schwarzen Baumwollstrümpfen zur Schau stellte; wohingegen Maud, die beneidenswerte Achtzehnjährige, ein langes, geblümtes Voilekleid und eine erwachsene, hochgekämmte Frisur trug. So hatte es angefangen, und wenn Ann an dem Tag, da sie Florian zum ersten Mal traf, die Ältere gewesen wäre, dann – so dachte sie zuweilen – wäre alles ganz anders gekommen.

Vorher hatte es die Spiegel gegeben, von jeher. Die Spiegel zogen sie magisch an, stundenlang konnte sie das liebliche Geschöpf im Spiegel anstarren, das sie selbst war, ihr eigenes Gesicht, ihr Lächeln, ihre eigenen Hände; sie bewegte sie vornehm wie eine große Dame, sie probierte verschiedene Arten von Lächeln, alle erwachsen. Sie senkte die Augenlider, dann wieder schlug sie ihre klaren braunen Augen auf und fand sich noch einmal winzig, jedoch vollkommen im Spiegelbild ihrer Pupillen widergespiegelt; es war wie in jenen Träumen, da man durch immer neue Türen dahinschwebte, ins Endlose …

»Musst nicht so viel in den Spiegel gucken, das ist schlecht, Annina mia«, schalt die italienische Kinderfrau Beatrice, »einmal springt der Teufel heraus und packt dich beim Schopf.«

»Lass ihn doch herausspringen, ich fürchte mich nicht.«

An dem Tag, da Florian Ambros San Francisco ohne ein Wort des Abschieds für sie verlassen hatte, verprügelte sie ihren kleinen Hund. Ein Sturm der Kränkung und Enttäuschung rüttelte an ihr, sie musste ihre Wut irgendwo auslassen, und so schlug sie auf das winselnde Hündchen los. »Er muss bestraft werden, der dreckige, dreckige, dreckige –«

»Er ist doch noch so jung, der arme kleine Kerl«, sagte Maud. »Komm zu Maud, du armes Tierchen, komm her, komm –«, und Jolly tappelte über den glatten Boden und leckte Mauds Schuh.

»Der arme kleine Kerl! Er hat sich wieder einmal auf mein Bett gelegt. Wenn man ihn nicht verhaut, wird er niemals bessere Manieren lernen.«

»Dasselbe könnte man von dir behaupten –«, hatte Maud hingeworfen; Ann hätte sie mit Freuden gleich erwürgen mögen.

»… und dies sind meine zwei Mädels«, stellte Mr. Ballard sie Florian Ambros an jenem Tag vor, als er den jungen Virtuosen in das Haus in der Clay Street mitbrachte. »Komm her, Maud, das ist Florian Ambros, du weißt schon, der große Florian Ambros. Nun, was kriege ich dafür, dass ich so eine Berühmtheit dem alten Mr. Bensinger direkt unter der Nase weggeschnappt und von der Palace Bar hierhergeschleppt habe, damit meine Damen ihn kennenlernen?«

»Ach, Mr. Ballard!«, rief Mrs. Ballard in zitternder Erregung aus; Mauds ohnehin gerötete Wangen wurden noch röter, und ihre großen, rauen Hände versuchten verschämt, sich zu verstecken. Mr. Ambros löste sich von dem neuen Flügel, in dessen Einbuchtung er nachlässig gelehnt hatte, verbeugte sich und küsste Mauds verlegene Hand, als wäre dies die natürlichste Sache der Welt. Es war der erste Handkuss, dem Ann außerhalb einer Theatervorstellung beiwohnte, und sie beobachtete das verblüffende Schauspiel mit erstaunten und hungrigen Augen.

»Aber bitte, ich bin der anderen jungen Dame noch nicht richtig vorgestellt worden«, sagte er in seinem fremdartigen, etwas zu präzisen Englisch, indem er sein Lächeln Maud entzog und es Ann zuwandte.

»Ach, die Kleine? Ja, das ist unsere Annie. Mach einen schönen Knicks, Annie«, sagte Mrs. Ballard, und Ann hätte ihr am liebsten einen Tritt in ihren eng geschnürten Bauch versetzt. Stattdessen streckte sie Ambros ihre Hand mit einer hoheitsvollen Bewegung hin, was die kindische Wirkung des geforderten Knickses aufheben sollte. Glücklicherweise hatte sie die Geistesgegenwart besessen, sich die Hände zu waschen, bevor sie die Treppe heruntergerannt war, und unterwegs hatte sie noch schnell ihre fest geflochtenen Schulmädchenzöpfe aufgemacht, sodass ihr Haar wie zufällig sanft über ihre Schultern wellte. Blondes Haar war eine Seltenheit in San Francisco, und die Zeitungen warnten immer, dass Haarfärbemittel Gehirnlähmung verursachen könnten. Nur ein paar Damen der Halbwelt nahmen von Berufs wegen das Risiko auf sich, ihr Haar mit Henna und ihre Augen mit Belladonna zu behandeln.

»Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Ambros«, sagte Annie, und dabei fing sie ganz zufällig die tausend Fünkchen eines Sonnenstrahls, der schräg durchs Fenster fiel, in ihren Locken auf. Florian Ambros betrachtete mit einem prüfenden Lächeln die zierliche Gestalt.

»Annie?«, sagte er, dem stumpfen Klang nachhorchend. »Nein, das ist nicht der richtige Name für dich. Ich werde dich Angelina nennen, wenn du gestattest.« Ihre ausgestreckte Hand blieb ungeküsst, aber er nahm sie in die seine und behielt sie dort, und dann legte er seine andere Hand mit einer Geste von spontaner Herzlichkeit über die ihre. »Weißt du, das bedeutet so viel wie Engelchen«, sagte er. Ann blickte durch ihre goldenen Wimpern zu ihm auf.

»Danke vielmals, Mr. Ambros. Aber ich kann selbst ein bisschen Italienisch«, sagte sie mit bescheidenem Stolz.

»Von ihrer Kinderfrau«, sagte Mr. Ballard, irgendwo in weiter Ferne.

Es geschah in jenem Augenblick, da seine Hände die ihren umschlossen. Es war ganz ähnlich wie damals, als Miss Fishbein aus Unterrichtsgründen die Physikklasse beordert hatte, eine Kette zu bilden, worauf sie einen elektrischen Strom durch die verbundenen Hände gesandt hatte. Das neue Gefühl lief prickelnd durch Anns Körper, sie spürte es überall, mit einem Schauer im Rückgrat, kalt im Nacken, heiß im Gesicht, schwer in den Knien. Mr. Ambros’ Finger waren lang und stark, jeder einzelne von ihnen schien eigenes Leben zu besitzen und Strahlen von besonderer Kraft auszusenden. Sie wagte es nicht, sie anzuschauen, und trotzdem bemerkte sie, dass seine Finger bleich waren wie die Elfenbeintasten von Großmama Ballards altem Pianino, gelblich verfärbt von Nikotin, und ein zarter Zigarettenduft ging von ihnen aus. Noch immer hielt er ihre Hand fest, und er wollte sie Angelina nennen.

Das Ereignis dieser ersten Begegnung fand in der getäfelten Bibliothek statt, die allerdings seit dem kürzlich erfolgten Erwerb eines Flügels zum Musikzimmer umgetauft worden war; es gab da tanzende Putten an der Decke, Makartsträuße in riesigen chinesischen Vasen in jeder Ecke, und im Bücherschrank stand eine Prachtausgabe von William Shakespeares Gesammelten Werken sowie der Hausschatz des Wissens und der Unterhaltung in zwölf Bänden. Trotz der nicht zu übersehenden Bildung und Kultur in diesem Raum konnte Angelina merken, dass Mutter sich ärgerte, weil Vater den berühmten Gast so einfach ohne Warnung und Vorbereitung angeschleppt brachte, anstatt ihr Gelegenheit zu geben, einige ihrer Freundinnen und alle ihre gesellschaftlichen Rivalinnen dazu einzuladen und eine Soiree im Großen Salon zu veranstalten. Aber Vater kümmerte sich nicht um derartige Feinheiten, die er Firlefanz nannte, und folgte einfach seinen gut gemeinten Eingebungen. Aber obgleich Vater bloß als Sohn eines Goldgräbers und ohne viel Schulung im Goldgräberlager aufgewachsen war, liebte und respektierte ihn die ganze Stadt, denn weder machte er ein Geheimnis aus seiner bescheidenen Herkunft noch prahlte er damit, wie so manche andere erfolgreiche Geschäftsmänner. Mit einem Wort, Vater war ein wirklicher Herr; Vater war gutherzig, Vater war freigebig. Vater war – alles in allem – wunderbar. Sie war stolz auf Vater, im großen Ganzen. Zu schade, dass er sich eine so streitsüchtige Xanthippe wie Mrs. Ballard als Frau aufgeladen hatte, die nun mit Vater schelten würde, weil er sie in Verlegenheit gebracht hatte; obwohl es klar zu sehen war, wie sehr es sie freute, dass er den berühmten Mann überhaupt für sie eingefangen hatte.

Florian Ambros’ bevorstehendes Konzert war Stadtgespräch, dafür hatte sein Impresario schon gesorgt. Sein Name stand überall zu lesen, auf Plakaten, in Interviews und geschickt verstreuten Anekdoten, unter Porträtskizzen in den Zeitungen, in den Zitaten aus den Kritiken der Hauptstädte Europas und Amerikas; überdies wurde dem Publikum als ein greifbarer Beweis seines Ruhmes mitgeteilt, dass er für jedes Konzert zumindest tausend Dollar erhielt und nicht selten sogar zweitausend.

»Ich sah Ihr Bild in der Zeitung, und ich habe jedes Wort gelesen, das man über Sie geschrieben hat, Mr. Ambros«, sagte die atemlose Ann. Sie hatte dem viel verbreiteten Ladies’ Home Journal entnommen, dass Schmeichelei der kürzeste Weg zum Herzen eines Mannes sei. Wie es schien, konnte man gar nicht genug auftragen, und dementsprechend blickte Ann in unverhüllter Anbetung zu ihm auf, wobei sie ihre freie Hand auf ihren leider noch etwas unentwickelten Busen presste, als wäre sie einer Ohnmacht nahe.

Mr. Ballard lachte in sich hinein über den Versuch seiner kleinen Tochter, die große Dame zu spielen, Mrs. Ballard jedoch runzelte die Stirn, denn Kinder sollten sich nicht ins Gespräch mischen. »Geh, hol lieber dein Stammbuch; das Kind sammelt nämlich Autogramme, Mr. Ambros, sie hat schon Präsident Cleveland und Major Sutro und May Irwin, die Schauspielerin, und wen noch, Annie? Ich bin sicher, dass Mr. Ambros dir auch etwas hineinschreiben wird, wenn du ihn schön darum bittest.«

»Es wird mir eine besondere Ehre sein, mich in so erlesener Gesellschaft zu befinden«, erwiderte er, und Ann ahnte erbittert, dass er sich über sie alle lustig machte.

»Ich habe längst das Autogrammsammeln aufgegeben«, sagte sie hastig, »es ist eine alberne Sache, finden Sie nicht, Mr. Ambros? Ich meine, es mag ja ganz nett für dumme Backfische sein, aber …« Und plötzlich warf sie den kurzen Rock, die Baumwollstrümpfe und alles, was dazugehörte, über Bord, und die junge Frau, zu der sie gereift war, während er ihre Hand in der seinen hielt, schaute ihm tief in die Augen und sagte herausfordernd: »Es wäre etwas ganz anderes, wenn Sie mir einen Brief schrieben; einen wirklichen Brief würde ich gern von Ihnen bekommen.«

»Ja? Und wenn ich dir nun einen Brief schicke – wirst du mir auch antworten?«, fragte er und holte sein goldenes Zigarettenetui heraus. »Rauchen Sie, Mrs. Ballard, Miss Maud?«

»Um Himmels willen, was fällt Ihnen ein? Und meine Tochter – gar nicht dran zu denken!«

»Und weshalb nicht? Meine Mutter raucht unaufhörlich, noch dazu Zigarren. Ich fürchte, ich habe leider alle Laster meiner Mutter und keine ihrer Tugenden geerbt.«

Nun aber mischte sich Maud in die Unterhaltung: »Ich sah auch Ihr Bild in der Zeitung, und ich finde, es war sehr schlecht: Sie sehen ganz anders aus«, sagte sie.

»Aber Maud, wie kannst du so etwas sagen!«, rief Mrs. Ballard tadelnd aus. Maud verstummte und ließ Mrs. Ballard das Wort. »Ich bin bloß froh, dass Mr. Ballard die Konzertkarten früh genug besorgte, es ist schon seit zwei Wochen ausverkauft.«

»Ja – nun, ich hoffe, dass mein Programm Sie nicht zu sehr langweilen wird, es ist etwas schwere Kost«, sagte Ambros mit einem instinktiven Blick auf den großen Flügel mit dem spanischen Fransenschal, dem Gedränge von Fotografien in Silberrahmen, dem kleinen marmornen Amor, der mit seinem Pfeil ins Blaue zielte; überladen, mit eingelegtem Perlmutter, hatte das Instrument etwas von einer reichen, geschmacklos angezogenen Witwe an sich. Es war ein sehr teurer Konzertflügel von schreiender Unbenutztheit.

»Ach, sagen Sie das nicht, Mr. Ambros, sicher wird uns Ihr Programm gefallen, besonders jetzt, wo wir Sie persönlich kennen«, behauptete Mrs. Ballard, stets bereit, die Konversation mit öligen Gemeinplätzen in Gang zu halten.

Doch Ambros hörte sie nicht, er war noch mit seinem Programm beschäftigt. »Lombardi, das ist mein Impresario, warnt mich davor, das Beethoven-Konzert zu spielen, er behauptet, dass San Francisco nicht an ernste Musik gewöhnt ist, aber Herrgott noch einmal, was erwartet man denn von mir? Schund und Kitsch? Paganini, Sarasate, Vieuxtemps? Solches Zeug spiele ich sehr schlecht, und ich kann Signor Lombardi nicht den Gefallen tun. Ich spiele Bach, Mozart, Beethoven – oder ich spiele überhaupt nicht.«

»Ich liebe das Beethoven-Konzert«, sagte Maud unerwartet, »ich kann es gar nicht oft genug hören. Ich habe unseren Sir Heymann – das ist ein alter Violinlehrer, bei dem eine meiner Freundinnen Stunden nimmt – gebeten, es uns so oft vorzuspielen, bis ich mir’s ein bisschen merken konnte. Da ist so eine Melodie im zweiten Satz – die geht einem durch und durch.«

»Ja? Nicht wahr, Miss Maud?«, sagte Ambros mit aufflackerndem Interesse, doch Maud verfiel sogleich wieder in schüchternes Schweigen, und es war kein anderes Wort aus ihr herauszukriegen.

»Unsere Maud ist sehr musikalisch«, berichtete Mrs. Ballard, »sie hat seit ihrem siebenten Jahr Klavierunterricht gehabt. Willst du nicht Mr. Ambros etwas vorspielen, Maud?«

»Oh, bitte machen Sie sich keine Mühe«, sagte er hastig. »Und Angelina? Ist sie auch musikalisch?«, fragte er, seine linke Augenbraue, die arrogante, spöttische, hochziehend.

»Es tut mir leid, Mr. Ambros, aber ich bin kein dressiertes Äffchen. Ich kann keinerlei Kunststückchen – ich höre bloß furchtbar gern zu.«

»Ausgezeichnet. Während meines Konzertes werde ich mir sagen: ›Miss Maud liebt Beethoven, und die kleine Angelina hört gern zu.‹ Da werde ich mein Bestes tun, den beiden jungen Damen zu gefallen.«

»Eigentlich hatten wir nicht die Absicht, Annie ins Konzert mitzunehmen, das Kind ist so erregbar«, sagte Vater. »Unser Dr. Bryant will, dass sie spätestens um neun im Bett ist. Sie ist ein bisschen zart und anfällig, unsere Kleine, nicht wahr, Annie? Nein, wir wollten sie wirklich nicht mitnehmen.«

Die Tränen schossen ihr heiß in die Augen, aber sie fing sie in ihren Wimpern auf, während sie fortfuhr, ihr tapferstes und rührendstes Lächeln zu lächeln. Es war unausbleiblich, dass Mr. Ambros es bemerkte und nochmals ihre Hand ergriff, nicht Mauds Hand nahm er in die seine, trotz all ihrer Großtuerei mit Beethoven, sondern Angelinas. »Mr. Ballard und auch Sie, gnädige Frau, wenn ich nun sehr schön darum bitte, dann werden Sie doch dieses eine Mal eine Ausnahme machen, nicht wahr? Ich werde viel, viel besser spielen, wenn ich weiß, dass die kleine Angelina im Publikum ist«, bat er inständig.

Es war eine so deutliche Liebeserklärung, wie ein wirklich feiner Herr sie einer jungen Dame in Gegenwart ihrer Eltern nur zu machen wagen konnte – oder nicht?

Selbstverständlich setzte es Annie durch, ins Konzert mitgenommen zu werden; sie rannte Mrs. Ballards Einwendungen über den Haufen, schmeichelte Maud das Rüschenkleid aus rosa Taft vom letzten Jahr ab, überredete Miss Adams, die alte Hausschneiderin, es für sie umzuändern und durch gesteiften Organdy zu ersetzen, was ihr vorn an Fülle mangelte; und zuletzt hatte sie Vater durch das Entzücken überwältigt, das ihm der Anblick seiner kleinen Tochter in ihrem ersten langen Kleid bereitete.

Von dem Augenblick, da die Familie das Tivoli-Theater betrat, war sie gewiss, dass alle Blicke sich auf sie richteten und alles Stimmengewirr und Geflüster ihrer glorreichen Lieblichkeit galten. Sie fühlte sich schwindlig vor Erregung, und das kleine Rosensträußchen in ihrem Haar zitterte unentwegt, ihr Gesicht brannte, während ihre Hände in den weißen Glacéhandschuhen kälter und kälter wurden. Von der Musik hörte sie nicht viel, sie war zu sehr damit beschäftigt, zu zeigen, wie tief versunken sie lauschte. Doch gab es Augenblicke, in denen ihr so war, als spielten Florian Ambros’ Finger nicht auf seiner Geige, sondern auf vibrierenden Saiten in ihrem Innern.

Es kam ihr nicht zu Bewusstsein – weder an jenem Abend noch in vielen Jahren danach –, dass sie eifersüchtig auf seine Geige war. Sofort war das singende Instrument mit seinen Wölbungen und der schlanken Taille und dem langen, feinen Hals zu einer Frau und Rivalin geworden, und die Art, in der er sie liebkoste, sie auf das weiche Kissen an seine Schulter bettete, ihr sein Ohr zuneigte, wie um auf süße Geheimnisse zu horchen, wie er ihr seine ganze Aufmerksamkeit gab, wie er sie zärtlich streichelte, selbst wenn er nicht spielte, sondern die fadenscheinige alte Kreatur am Klavier für sich allein losklimpern ließ – es machte, dass Angelina sehnlichst wünschte, mit dem dummen Stück Holz ihren Platz zu tauschen.

Immerfort wartete sie darauf, dass Ambros sie bemerken und ihr ein Zeichen des Erkennens schicken würde, Parkett, dritte Reihe, Mitte – einen Blick, ein Lächeln, irgendetwas, das sie für alle Welt sichtbar aus der Menge herausgehoben hätte. Aber Florian Ambros auf dem Konzertpodium war ein ganz anderer als der elegante junge Mann, der auf einen improvisierten Besuch in ihrem Musikzimmer erschienen war. Im harten Widerschein der Rampenlichter hatte sich sein Gesicht in eine bleiche Maske verwandelt, mit schwarzen Löchern statt Augen, und er war zu einem Todfremden, einem unerreichbar abgesonderten und brennend-vertieften Schlafwandler geworden. Erst als der Applaus wie ein höflicher Wolkenbruch auf ihn herunterkam, schien er aufzuwachen und sich auf seine prinzlichen Manieren zu besinnen, sich verbeugend und mit hochgezogener linker Augenbraue seinem Publikum zulächelnd, als hätte er soeben einen guten Witz erzählt. Ann sprang auf, sie applaudierte und winkte, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, aber Mrs. Ballard zog sie schnell auf ihren Sitz zurück, und Maud murmelte gereizt: »Mein Gott, benimm dich doch nicht wie ein Schulfratz.«

Mr. Ballard, höchst elegant im Frack und mit Brillantine auf Haar und Bart, legte die Hand beschwichtigend auf die Schulter seines Töchterchens. »Nun, nun, was gibt’s denn, Annie? Das Kind zittert ja am ganzen Leib, Mama.«

»Ich wusste ja, dass es zu viel für sie sein wird. Ich würde mich nicht wundern, wenn wir morgen wieder einmal erhöhte Temperatur hätten!«, sagte Mrs. Ballard.

»Pst!«, mahnte Maud die Eltern, als Ambros an die Rampe trat, um etwas anzukündigen.

»Mit Ihrer freundlichen Erlaubnis will ich jetzt Bachs ›Air auf der G-Saite‹ für Sie spielen.«

»Für Sie«, sagte er, und plötzlich traf sein Lächeln die dritte Reihe, Mitte, als wäre er ganz allein mit Angelina, als zählte niemand sonst im vollen Theater für ihn. Während er das Stück spielte, machte sie riesige Fortschritte: Schon war sie mit ihm verheiratet, zusammen reisten sie nach New York, London, Paris und Rom, schon konnte sie Französisch parlieren wie eine geborene Pariser Schönheit, sie wurde im Buckingham Palace dem britischen Königspaar vorgestellt, und graziös, doch mit Würde wies sie unpassende Liebesanträge des Prinzen von Wales zurück. Sie trug ein Brautkleid aus echten Alençonspitzen mit einer zwei Meter langen Schleppe und eine sensationelle Perlenkette, und wo immer sie sich zeigten, flüsterten die Menschen hinter ihnen her: Sieh mal, das ist sie, das ist die wunderschöne junge Braut, die Florian Ambros sich aus Amerika geholt hat … Und dann hatte er die Zugabe gespielt, und das Publikum erhob sich von den Sitzen und drängte nach vorn, um weitere Zugaben zu erbetteln.

Diese Stadt hatte einen gewaltigen und wahllosen Appetit und eine prächtige Verdauung; man aß Mahlzeiten von vierzehn Gängen, trank Unmengen von Champagner, genoss die Schönheiten eines Schwarms von großbusigen, breitschenkligen und leicht zugänglichen Frauen, bewunderte Kunst in Gestalt von zahllosen halb nackten Marmorstatuen und Bronzefiguren. In dieser Stadt herrschte ein lebenslustiges, überschäumendes Zuviel an allem und jedem; die Stadt las Bücher, je dicker, je besser, füllte ihre vor Neuheit glänzenden Bibliotheken mit Kilometern klassischer, weltlicher und religiöser Literatur; die Stadt betete das Theater in all seinen Formen an, vom niedrigsten Varieté bis zu Hamlet und Tristan; die Stadt verschlang Musik mit dankbarem Hunger, ganz gleich, ob es sich um einen Militärmarsch handelte oder um ein Beethoven-Konzert, von Florian Ambros gespielt. Doch stets stellte San Francisco in voller Wärme und Unschuld den Künstler über seine Kunst, den Schauspieler über das Drama, den Virtuosen über die Musik, die er interpretierte: die Person über das Werk. Tatsächlich war Ambros’ Programm zu schwer für den Geschmack des Publikums gewesen, und das Betteln um mehr und mehr war das Betteln von Kindern, die nicht vom Tisch aufstehen wollten, bevor sie ihre ordentliche Portion süße, flaumige Nachspeise gekriegt hatten.

»Komm jetzt, mein Kätzchen, ich bringe dich zum Wagen, während Mama und Maud ins Künstlerzimmer gehen; Beatrice wartet schon auf dich«, sagte Vater, Angelinas Schulter berührend, und hielt ihr Abendcape für sie bereit. Anns Becher war zum Überfließen voll Entzücken gewesen, aber nun gerann alles zu Galle und Essig. Sie hatte zwar die ganze Zeit gewusst, dass ihre Eltern und unerträglicherweise auch Maud zu einem Empfang eingeladen waren, den Mr. und Mrs. Bensinger für Florian Ambros gaben; aber es war ihr nicht in den Sinn gekommen, dass sie beabsichtigten, sie selbst so unvermittelt und brutal nach Hause zu schicken. Wenn sie sich Mr. Ambros nicht in ihrem langen Kleid zeigen konnte, dann war der ganze Abend völlig sinnlos. Gott allein mochte wissen, welche schwindligen Hoffnungen ihre fünfzehn Jahre an dieses Kleid geknüpft hatten, in dem er sie sehen würde – so lieblich, so erwachsen, eine richtige junge Dame durch und durch, bis zu dem knisternden Taft-Froufrou ihrer Unterröcke. Und nun diese zermalmende Enttäuschung, diese unerträgliche Entwürdigung. »Aber – aber Vater – das ist doch unmöglich – ich muss mich zumindest bei Mr. Ambros bedanken – er wird denken, dass ich ihn vernachlässige, wenn ich nicht ins Künstlerzimmer komme –«, sagte sie mit angestrengter Selbstbeherrschung und bebenden Lippen.

»Ach was, Firlefanz! Mr. Ambros weiß nicht, dass du lebst, der hat an ganz andere Dinge zu denken. Ich bin sicher, dass es Mr. Ambros gar nicht passen würde, wenn alle Leute ihre Kinderbrut ins Künstlerzimmer angeschleppt brächten«, sagte Mrs. Ballard, gefühllos und aufreizend wie immer. Ann schnappte nach Luft, als wenn man unerwartet eine eiskalte Dusche angedreht hätte, sie verkrampfte sich von Kopf bis Fuß vor Kälte, zog sich in trotziger Verzweiflung zusammen.

»Woher weißt du denn so bestimmt, dass Mr. Ambros mich nicht erwartet?«, fragte sie erstickt.

»Ach, du lieber Gott, mach mir keine Geschichten! Du solltest seit zwei Stunden im Bett sein. Bring sie zum Wagen, Papa, bevor sie uns hier eine von ihren Szenen macht.«

So weit sie zurückdenken konnte, hatte Ann Ballard nichts als Abneigung gegen ihre Mutter empfunden; gegen ihr krachendes Korsett, den Reispuder auf ihrer glänzenden Stumpfnase, ihre Manieren, ihre Gefräßigkeit, ihr ganzes grobes, taktloses, ungebildetes Wesen. Als kleines Kind hatte sie oft davon geträumt, dass sie ein Findling sei, der auf der Ballard’schen Hausschwelle zurückgelassen worden war und sich eines Tages als Kind von viel feinerer und höherer Abkunft entpuppen würde, als die Tochter einer der ersten Familien der Stadt zum Beispiel. Die Ballards, zwar angesehene und wohlhabende Leute (in den Bank- und Geschäftshäusern hieß es, dass Charley Ballard gut und gern seine erste Million beiseitegebracht habe), gehörten keineswegs zu den Spitzen der Gesellschaft, und dafür machte Ann ihre Mutter verantwortlich, die anscheinend nicht imstande war, den kleinen Grünkramladen loszuwerden, aus dem Mr. Ballard sie herausgeholt hatte. Mit all ihren Anstrengungen, es den Bensingers gleichzutun, blieb Mrs. Ballard, geborene Smith, in hoffnungsloser Zweitklassigkeit stecken. Ihre Gesichtsfarbe war zu gesund, ihre Stimme zu laut, ihre Frisur zu geschniegelt, ihre Manieren immer ein bisschen zu gedrechselt, die Menüs ihrer Abendgesellschaften zu reich und ihre Wohltätigkeit zu großspurig. Trotz allem Wohlleben bedeutete Reichtum an sich nicht viel in San Francisco; man wusste nur zu gut, dass mit etwas Unternehmungslust ein Vermögen über Nacht verdient werden konnte und ebenso verloren. Ja, eine gute, alte Familie (und das hieß eine Familie, die sich vor zumindest zwanzig Jahren in den Sandhügeln niedergelassen hatte), das wäre etwas anderes! Entweder man gehörte solch einer Familie an oder nicht, und das war unabänderlich. An diesem Abend nun, nach Jahren höflicher Annäherungsversuche und noch höflicherer Ablehnung, geschah es zum ersten Mal, dass die Ballards in die exklusive Abgegrenztheit des Bensinger-Hauses eingeladen waren. »Du hast diese Einladung bloß dadurch gekriegt, dass du dich an Mr. Ambros’ Frackschöße angehängt hast – und dann lässt du mich nicht einmal hingehen und ihm dafür danken«, schluchzte Ann.

Anns häufige Weinkrämpfe, die mit ihrer Zartheit, Anfälligkeit und Blutarmut zusammenhingen, waren in der Familie gefürchtet. Nichts Lautes, keine Wutausbrüche, nur diese klaren, wortlosen Tränenströme, die ihr Gesichtchen überschwemmten und sich nicht unterdrücken ließen, so sehr sie es auch versuchte. So eilig, sanft und unauffällig wie möglich geleitete Mr. Ballard sie daher in die Vorhalle. »Nun, nimm dich zusammen, Annie, die Sache ist doch nicht so wichtig, wie? Du solltest froh sein, dass du noch zu jung für manches bist, ich kenne genug Leute, die gern eine Million dafür geben würden, wenn sie noch einmal fünfzehn sein könnten.« Und damit hatten sie das Foyer erreicht, wo Beatrice, zerzaust, breithüftig und dunkelhäutig, schäbig in ihrem alten schwarzen Wolltuch, darauf wartete, Annie nach Hause zu bringen, so wie sie Anns ganzes Leben hindurch auf sie gewartet hatte, nach der Schule, nach der Tanzstunde, nach Besuchen bei Großmutter Ballard in Belvedere, nach dem lustigen Tumult von Kindergeburtstagsfeiern.

»Und, hören Sie, Beatrice, Mrs. Ballard sagt, Sie sollen dem Kind ein Glas warme Milch vor dem Zubettgehen geben. Nein, wir brauchen den Wagen nicht, wir fahren mit Mr. Ambros zu den Bensingers – also gute Nacht, mein kleiner Schatz«, sagte Vater. Ein warmes Gefühl von Geborgensein ging mit ihm davon, als er sie stehen ließ, und nichts blieb zurück als ein bisschen Brillantinegeruch.

»Musst deinen Rock heben wie eine Dame, Piccolina«, ermahnte Beatrice, »nicht zu hoch, Damen lassen ihre Unterröcke ein bisschen sehen, nicht ihre Füße«, und damit schob sie sich wie ein schwarzes Kissen zwischen Ann und das Gedränge und bahnte ihr einen Weg zum Ausgang.

Draußen vor dem Tivoli-Theater blies und pfiff eine von San Franciscos bösen, stürmischen, frühen Frühlingsnächten. Feuchte Nebelfetzen klatschten gegen die Straßenlaternen, die Pferde dampften in der Kälte, und die Wagen glänzten vor Nässe. Dem Wetter zum Trotz versperrte die übliche Menge von Nichtstuern und Zuschauern die Eddy Street. Straßenjungen jeden Alters, arme Weiber in Umschlagtüchern, die gekommen waren, reiche Damen in eleganten Toiletten anzustarren, ein paar junge Stutzer, die einen Blick auf Unterröcke und hübsche Fesseln zu stehlen hofften; Gimpy, der Bettler mit seinen Beinstümpfen, war da, und Rosaria, das dreihundert Pfund schwere Blumenmädchen mit der stürmischen Vergangenheit. Der übliche Prozentsatz von Betrunkenen machte aus der Menge eine fröhlich-demokratische Brüderschaft, in der Arbeitermützen und seidene Chapeaux Claques sich gut miteinander vertrugen. Vom Hafen hatte es Matrosen und Dockarbeiter mit ihren Mädels hierher gefegt, wo sie für einen Augenblick stehen blieben und neugierig gafften. Es gab Zeitungsjungen, schrill und hungrig wie Raubvögel, es gab Iren und Italiener und Mexikaner und Juden und Chinesen und Japaner und verschiedene dunkelhäutige Individuen unbestimmter Herkunft, Abfall dieser großen Hafenstadt; auch waren da mehrere geschminkte Fräuleins, bereit, etwaigen einsamen Musikliebhabern Gesellschaft zu leisten, die nach dem Konzert ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen wünschen mochten. Es war ein lärmender, lustiger, derber Durchschnitt der Stadt, eine stoßende, pfeifende, scherzende, lachende Ansammlung von Menschen, vergnügt, einfach und gutmütig, inmitten des grausamen Wetters.

Ann befand sich zum ersten Mal so spät auf der Straße, denn bis zu diesem Abend war ihr nur der Besuch von Nachmittagsvorstellungen gestattet worden, und das bewegte Geschrei und die allgemeine Gewöhnlichkeit dieses Pöbels ängstigten sie ein wenig, und doch gehörte auch dies zu den neuen und berauschenden Dingen, die ihr geschahen, seitdem Florian Ambros sie Angelina genannt hatte … Und dann fuhr die Ballard-Kutsche vor, mit dem guten alten O’Shaughnessy auf dem Bock, und Beatrice spreizte ihre Arme im schwarzen Tuch aus wie Fledermausflügel und schob Ann in das Dunkel des Wagens. Anns Herz brach beinahe, als sie über das holprige Kopfsteinpflaster davonfuhren, in immer stillere und leerere Straßen einbogen, weiter und weiter weg von Mr. Ambros. Sie kuschelte sich an Beatrice und schnüffelte den vertrauten Geruch des alten schwarzen Wolltuchs, so wie ein Kätzchen den heimatlichen, warmen Geruch vom Fell der Katzenmutter einschnüffeln mag. Es war noch immer dasselbe Wolltuch, in dessen Falten gehüllt Beatrice vor mehr als fünfzehn Jahren in das Ballard-Haus eingezogen war.

Ann war mit jedem Detail von Beatrices Autobiografie vertraut, denn während sie heranwuchs, hatte Beatrice es für ihre Pflicht gehalten, das Mädchen über einige der verbotenen und unaussprechlichen Dinge aufzuklären, die sich beständig zwischen Erwachsenen abspielten. So erfuhr Ann, dass Beatrice durch einen jungen Fischer von der Werft »ruiniert« worden war, er hatte sie betrogen und verlassen und mit dem ganzen Malheur sitzen lassen. Es war die älteste, die ewig gleiche Ballade: Aber obwohl das alles sehr traurig war, klang es doch, als wenn Beatrice viel Vergnügen dabei gehabt hätte. Wenn sie von Aurelio erzählte, dann schien immer die Sonne, in den Hügeln blühten die wilden Schwertlilien, und jede Nacht schien der Vollmond.

»War’s denn nie neblig in San Francisco, als du jung warst, Beatrice? War’s nicht zu kalt, um sich im Park ins Gras zu legen?«

Derartiges gab Beatrice nicht zu. »No, no, no, immer – ich erinnere mich – scheint die Sonne, Piccolina mia, vielleicht vergess ich das schlechte Wetter. Wenn mir kalt ist, Aurelio – er reibt mir die Hände, er zieht mir die Schuhe aus, er reibt mir die Füße, er nimmt mich fest in die Arme, ganz fest; aber zum Schluss geht er durch und heiratet das Frauenzimmer in Sacramento, sie hat ein kleines Gasthaus, sie tauft es Margaritas Grotto, sie macht einen Kellner aus Aurelio, und Beatrice sitzt da mit dem kleinen Benedetto …«

Der kleine Benedetto war nach ein paar Tagen gestorben, und Beatrice hatte sich mit dem ganzen Gewicht ihrer ungenutzten Liebe auf Annina gestürzt; sie hatte sie gestillt und verhätschelt und großgezogen. (»Wir haben einfach nicht das Herz gehabt, sie zu entlassen, als Annie zur Schule kam«, pflegte Mrs. Ballard zu erklären; es herrschte ein vornehmer Ton von treuer Anhänglichkeit zwischen Herrin und Dienerin.) Beatrice wusch Annies Gesicht in Milch und ihr Blondhaar in Kamillentee und Borax, sie ölte ihre Kinderhändchen und pflegte ihre Schönheit für jene ferne Zukunft, wenn ihre Bambina auf Gesellschaften gehen würde. Sie verhätschelte sie auf jede Weise und gab ihr in allem nach, und es kam zu einem beständigen versteckten Kampf zwischen den Mächten, die Ann Ballard erziehen wollten, und Beatrice, die es nur verstand, sie zu lieben.

Der Nebel war so dicht geworden, dass nichts zu sehen war als die nächste Laterne, und der Wagen schien sich kaum vom Fleck zu bewegen, als die Pferde sich hügelauf gegen die California Street mühten. Anns Schnüffeln wurde lauter, aber so gern sie auch geweint hätte, es wurde kein wirkliches Schluchzen daraus, ihre Kehle war voll Sand, und ihre Augen blieben trocken. »Was sagt denn Mr. Ambros, wie er dich in deinem feinen langen Kleid sieht? Wetten, er sagt: ›Angelina ist die schönste junge Dame in San Francisco‹?«

»Oh, halt den Mund! Wenn du noch ein Wort sprichst, fange ich an zu schreien. Wenn er nicht so ein Schlappschwanz wäre, hätte er es abgelehnt, ohne mich zu den Bensingers zu gehen.«

»Du machst dir nichts mehr aus Mr. Ambros?«

»Ich kann ihn nicht ausstehn!«, sagte Ann zitternd wie ein geprügeltes Pferd. Beatrice zog sie dichter in die Wärme ihres schwarzen Tuches. Plötzlich wurde der italienische Geruch dieses alten Umschlagtuches unerträglich: Öl, Holzkohle, Rauch, Zwiebeln, Fisch und Beatrices warmer, erdschwerer Körper. »Was ist los, was ist los, Piccolina mia?«, fragte Beatrice, alarmiert durch einen kleinen Laut, der aus Anns verkrampfter Kehle kam.

»Ich glaube, mir wird sehr schlecht, Bea, ich spür’s hochkommen. Mein Magen tut mir so weh, oh, jetzt muss ich mich übergeben, O’Shaughnessy soll halten, schnell!«

Und dies war das Ende des großen Abends, an dem Ann Ballard ihr erstes langes Kleid getragen und zum ersten Mal Florian Ambros im Konzert spielen gehört hatte.

Auf allgemeines Verlangen wurde ein zweites Konzert angesetzt, und für die nächsten Tage war Florian Ambros das Stadtgespräch, der Mittelpunkt allen Tratsches bei den Teegesellschaften der eleganten Damen, der Gegenstand ernsthafter Würdigung seitens der Herren in den Bars und Bierlokalen der sogenannten Cocktailroute; zwischen den Künstlern und Bohemiens kam es zu tiefen, esoterischen Diskussionen über ihn, und in begeisterten Kritiken wurde er mit Franz Ondriczek und Eugene Ysaye verglichen, welche die Mode der vergangenen Jahre gewesen waren. Nur ein grämlicher Kritiker schrieb, dass Ambros’ Auffassung möglicherweise etwas trocken sei und dass die Qualität seines Tones zu wünschen übrig ließe. Wäre Ann ein Mann gewesen, dann wäre sie stracks in die Redaktion in der Montgomery Street gegangen, hätte diesem Idioten ihre Handschuhe ins Gesicht geworfen oder ihn sogar an seiner langen, unfreundlichen Nase gezogen, und danach hätte sie ihn im Duell getötet.

Mittlerweile segelte die Familie Ballard fröhlich im Strom der Popularität ihres neuen Freundes dahin. Die fünf Tage zwischen den beiden Konzerten waren eine beständige Festlichkeit, fast noch besser als die Weltausstellung des vergangenen Jahres. Es gab Einladungen von allen Seiten und ein üppiges Diner in dem riesigen Esszimmer der Ballards, das gefüllt war mit gemalten Fasanen in Stillleben und gebratenen Fasanen auf schweren Silberschüsseln –, ein Diner, zu dem alle Welt sich einfand; das heißt, alle Welt mit Ausnahme der Familie Bensinger, die sich damit entschuldigte, dass der alte Mr. Bensinger bedauerlicherweise an einem seiner Asthmaanfälle litte. Alle Sehenswürdigkeiten San Franciscos wurden Florian Ambros vorgeführt, der Golden Gate Park, das Cliff House, das Presidio, der Felsen mit den Seehunden; manchmal begleitete Mrs. Ballard die jungen Leute, und einige Male ließ sie die beiden Töchter und den Gast eine Wagenfahrt machen, bei der nur Beatrice als Gardedame und O’Shaughnessy als Leibwache fungierten. Nach seinen Geschäftsstunden pflegte Mr. Ballard den Gast zu übernehmen und ihn durch die männlicheren Lokale zu geleiten, die Clubs, die Bars, die Restaurants, die Gefahren Chinatowns, die Gässchen, die Spelunken, die Hurenhäuser, und tiefer und tiefer in die weltberühmte Verworfenheit dieser Stadt. Die Spielhöllen und die Lasterhöhlen des Opiums, die miserablen Dirnenwinkel von Morton Street, die schäbigen drei Häuserblocks mit ihren grellen, schmierigen Vergnügungslokalen, aus denen die berüchtigte Barbary Coast bestand: All dies wurde ihm gezeigt, und zwar mit einem merkwürdigen Lokalstolz auf den Ruf San Franciscos als der lasterhaftesten Stadt der Welt. »Erstaunlich«, bemerkte Mr. Ambros, sich den ständig daherwehenden Sand aus den Augen reibend. »Es ist ein wahrhaft erstaunlicher Ort – besonders, wenn man bedenkt, dass diese ganze Stadt nicht einmal so alt ist wie meine Mutter! Die Wolkenkratzer! Die Drahtseilbahn! Die elektrischen Bogenlampen! Wenn man mein Wien damit vergleicht – da steht es nun, seitdem die Römer es gründeten, seit beiläufig achtzehnhundert Jahren; aber hat Wien einen einzigen Wolkenkratzer? Keineswegs. Andererseits – und Sie müssen mir verzeihen, wenn ich ein wenig damit protze –, der Turm unserer Stephanskirche ist ebenso hoch, oder vielleicht sogar ein kleines bisschen höher, als Ihr Call Building. Die Baumeister des 13. und 14. Jahrhunderts haben ihn errichtet, Stein auf Stein, mit ihren eigenen Händen und aus ihrer einfachen Gläubigkeit heraus …«

Man wusste nie, ob er sich lustig machte, und zuweilen hatte Angelina den Verdacht, dass er nichts ernst nahm als sein Geigenspiel. »Verzeihen Sie mir, dass ich ein so langweiliger Kerl bin«, rief er aus, »aber keine Versuchungen mehr für mich, genug dolce far niente!« Er streckte seine Arme vor sich hin und spreizte die Finger und betrachtete sie mit einem scharfen, misstrauischen und drohenden Stirnrunzeln: Wagten sie vielleicht zu zittern? Nein, sie wagten es nicht, und er holte tief und erleichtert Atem. Nun zog er sich in sich selbst zurück, enthielt sich aller geistigen Getränke, aber rauchte unaufhörlich die bitteren ägyptischen Zigaretten aus seiner bemerkenswerten goldenen Tabatiere, die ihm ein Erzherzog geschenkt hatte, wie die Ballards herausfanden. Während dieses Intervalls zwischen den beiden Konzerten schien es ihm unmöglich, still zu sitzen; mit zurückgeworfenen Schultern, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, wanderte er vor den höflich lauschenden Damen Ballard auf und ab und versuchte, sich ihnen verständlich zu machen: »Konzentrieren! Arbeiten! Üben, üben, üben! Disziplin – wissen Sie, Miss Maud, was Disziplin für uns Musiker bedeutet? Au fond sind wir alle Zirkusgaukler, Seiltänzer, Trapezkünstler, in Gefahr, ganz oben in der Zirkuskuppel. Herrgott, was für ein gefährlicher Beruf das ist, Violinspielen, was für ein dünnes, schlappes Seil, dieses bisschen Erfolg, auf dem unsereiner dahertanzt! Zwar brechen wir uns nicht den Kragen, wenn wir danebengreifen, aber, Jesus Maria, ich würde mir lieber den Kragen brechen als das Beethoven-Konzert verpatzen. Das begreifen Sie doch, Miss Maud, nicht wahr?«

Worauf Maud, ihn mit ihren schläfrigen großen Kuhaugen anblickend, behauptete, dass sie – »Aber gewiss, Mr. Ambros« – es begriffe.

Als er sich über den Lärm und die Störungen im Palace Hotel beklagte, lud Vater ihn ein, doch in ihrem Musikzimmer zu üben, und er akzeptierte das in Plüsch erstickende Asyl mit eifriger Dankbarkeit. Obwohl Mr. Ballard laut erklärte, so unmusikalisch zu sein wie eine Kanalröhre, war in ihm eine versteckte, tief sitzende und verschämte Liebe für Musik, wahrscheinlich ein Erbteil seiner deutschen Ahnen. So wurden denn der spanische Schal, der marmorne Amor und all der übrige Krimskrams fortgeräumt, ein Klavierstimmer wurde beordert, das Instrument in Ordnung zu bringen, und jeden Morgen um Punkt neun erschien Florian Ambros mit seinem Violinkasten und schlich sich so unbemerkt wie möglich ins Musikzimmer. Ihm folgte, wie ein huschender Schatten, seine Klavierbegleiterin, die kleine, ältliche, unscheinbare Kreatur mit den wachen, großen, intelligenten Augen einer Nachteule. »Das ist Mausi-Mausi schlechthin«, hatte er nebenbei erwähnt. »Sie ist eine schreckliche Person; wenn ich nicht nach ihrem Geschmack spiele, schlägt sie mir auf die Finger.« Worauf Mausi allen vier Ballards die Hände geschüttelt hatte, nicht ohne sie durch die beinahe männliche Stärke ihrer breiten, kleinen, kurzen Finger zu überraschen. Mausi trug stets schwarze Kleider, die wie von Herrschaften abgelegt aussahen – und es wahrscheinlich auch waren –, und niemand in der Familie Ballard hatte sie ein Wort sprechen hören. Angelina folgerte daraus, dass Mausi entweder taubstumm sein musste oder aber so schwachsinnig, dass sie nicht genug Englisch konnte, um Guten Morgen zu sagen. Mausi jedoch war höchst beredt am Klavier, und häufig genug wurde das Musizieren hinter den zugezogenen Portieren des Musikzimmers unterbrochen und machte einem heftigen, hartnäckigen Streit auf Deutsch oder Französisch Platz.

Es war ungerecht, dass Maud während dieser aufregenden Woche zu Hause bleiben und das Feld für sich allein haben durfte, während Ann zur Schule traben musste. Miss Fishbeins Lyzeum für junge Damen war ein Abgrund von Langeweile, und es machte wenig Spaß, Hamlet zu lesen, wenn alle verbotenen Worte vorsorglich mit Briefmarken überklebt waren. Seitdem Ann in diese Schule geschickt wurde, war sie nach Dr. Bryants Diagnose ein etwas anfälliges Kind geworden. Sooft ihr etwas gegen den Strich ging, begann sie sichtlich hinzuwelken, zu erblassen, und ein Netz von pulsierenden blauen Adern zeichnete sich auf ihren plötzlich durchsichtigen Schläfen ab. Fieberanfälle traten auf, Halsschmerzen und Magenbeschwerden, sie wollte nicht essen, und die Milch, die Mrs. Ballard mit grimmiger Entschlossenheit in sie hineinschüttete, kehrte auf halbem Wege um, eine Unannehmlichkeit, die Ann unter vielem Würgen, Transpirieren, leisem Stöhnen und mit resigniertem Lächeln einer Heiligen erduldete. Verzweifelt suchte sie nach Gründen, um von der Schule wegzubleiben; aber jetzt war offensichtlich nicht der richtige Moment für eine Halsentzündung. Der Heimweg von der Schule war viel zu lang, die Drahtseilbahn rumpelte viel zu langsam die steile California Street hinauf, und Ann war unfreundlich zu Johnny O’Shaughnessy, der noch immer – wie in der verschollenen Vergangenheit – »vor Ambros« – an der Ecke auf sie wartete, um ihre Schulmappe zu tragen und sie nach Hause zu begleiten.

Johnny, der Sohn des alten O’Shaughnessy, beendete eben sein letztes Jahr in der Mittelschule, und in seiner freien Zeit tat er alle möglichen Dienste im Ballard-Haushalt – er pflegte den Rasen, stutzte die Buchsbaumhecke, putzte, unbequem an Gurten hängend, die Erkerfenster im ersten Stock, reparierte die vielen Petroleumlampen, verarztete undichte Wasserhähne und verstopfte Klosettröhren und ölte die Fahrräder der Töchter. Wenn Gesellschaften gegeben wurden, öffnete er den Gästen die Haustür, wirkungsvoll in Mr. Ballards abgelegten Cutaway gekleidet, mit weißen Zwirnhandschuhen an seinen großen Händen, und zu besonderen Gelegenheiten, bei denen die Damen Ballard in großem Stil aufzutreten wünschten, wurde er als livrierter Diener benutzt. Der siebzehnjährige Johnny war groß und stark, ernsthaft damit beschäftigt, sich einen stolzen roten Schnurrbart wachsen zu lassen wie ein echter Mann und Ire. Er war Anns erklärter, ergebener und bewundernder Sklave; Ann ihrerseits betrachtete ihn als ein nützliches, persönliches Eigentum, und er würde ihr gefehlt haben, hätte er sie nicht an der Ecke erwartet. Aber seitdem sie Ambros kannte, irritierte Johnny sie, sie fand ihn ungehobelt und sommersprossig, ein überflüssiges und beschwerliches Überbleibsel aus der Kinderzeit. Wenn Ann das Haus betrat, kündigte ein wieder und wieder repetierter, immer schneller werdender Violinlauf an, dass, dem Himmel sei Dank, Mr. Ambros noch da war. Schon während sie die Treppe hinaufrannte, rief sie nach Beatrice, ihr zu helfen, schnell, schnell. Sie schälte sich aus ihrer abscheulichen Schultracht, wechselte Kleid und Wäsche; sie schlüpfte in den Unterrock mit den gestickten Batistrüschen, der eigentlich nur sonntags getragen werden sollte, löste und bürstete ihr Haar; sie rieb ihre Wangen, bis sie Farbe bekamen, Beatrice musste Rosenwasser und Glyzerin auf ihre Hände tun, die sie mit erhobenen Armen in der Luft flattern ließ, um sie noch zarter und weißer zu machen. Und so, verschönt und erwartungsvoll wie eine Perserbraut, schlüpfte sie ins Musikzimmer.

»Wer ist da? Herrgott, was willst du denn schon wieder?«, schrie Florian sie in heiserem und unverständlichem Deutsch an – der Schlafwandler, aus seinem Traum gerissen, gefährdet, am mondhellen Rand des Daches –

»Niemand – ich meine, ich bin’s bloß. Bitte, bitte, darf ich ganz still hier sitzen und zuhören? Sie wissen gar nicht, was das für mich bedeutet!«

»Na schön, aber setz dich dort drüben hin, wo ich dich nicht sehe, sonst kann ich mich unmöglich konzentrieren.«

Das waren starke, höchst schmeichelhafte und beinahe zu leidenschaftliche Worte, so erschien es Ann. Sie machte sich ganz klein, um ihn nicht durch ihre erregende Gegenwart abzulenken, und Ambros fuhr fort zu üben. Eintönig und mit unendlicher Geduld wiederholte er noch einmal und noch einmal den gleichen widerspenstigen Lauf; Ann machte das nichts aus, sie hörte doch nicht zu, sie schaute nur. Sie musste ja den Mann studieren, den sie eines Tages zu heiraten beschlossen hatte. Wenn er die Geige spielte, wurde er wieder zu einem Fremden, zu einem geheimnisvollen Wesen, einem Marsbewohner, aber, ach, so hinreißend! Am Morgen trug er nicht seinen schlanken Gehrock, sondern eine ziemlich abgenutzte Samtjacke, und auch die warf er bald mit einem wütenden deutschen Fluch auf den Fußboden, seine schwarze Krawatte folgte, dann die großen, runden goldenen Manschettenknöpfe, der weiche Kragen, bis er schließlich mit aufgerollten Hemdsärmeln übte; sein Haar war eine schwarze Wildnis, sein Gesicht blass und schweißglänzend. Es war, dachte Ann, ein nacktes Gesicht; zwar hatte Mrs. Ballard ihren Töchtern verboten, dieses unpassende Wort zu gebrauchen, aber für Ann war und blieb es ein nacktes Gesicht, und das gab ihr ein trotziges und merkwürdiges Gefühl von Intimität und Besitzergreifen. Da war kein Bart wie bei allen anderen Männern, kein Schnurrbart, hinter dem er seinen Mund verstecken konnte, sein hochmütiges, ironisches und doch melancholisches Lächeln, den seltsamen, gleichzeitig finsteren und doch zärtlichen Ausdruck, mit dem er seiner Geige Liebeserklärungen machte.

»In seinem Gesicht ist immer etwas los«, teilte Ann der interessierten Beatrice mit, »er sieht wie ein Schauspieler aus.«

»Oder wie ein Oberkellner«, sagte Maud, die nicht um ihre Meinung gefragt worden war; immer fand sie etwas an Mr. Ambros zu nörgeln, doch Ann beschloss, sie zu ignorieren.

»Dich ignoriere ich einfach«, teilte sie ihrer unsympathischen älteren Schwester mit.

»Was gibt’s schon wieder zwischen euch zwei Mädels?«, fragte Vater beim Nachtessen. »Redet ihr nicht mehr miteinander?«

»Der Fratz quält Mr. Ambros die ganze Zeit, sie hängt sich an ihn wie eine Klette; sie lässt ihn nicht einmal in Ruh, wenn er üben will. Sie geht ihm auf die Nerven, Vater.«

»Das ist ja noch schöner! Hat er sich über sie beklagt?«

»Er ist zu sehr Kavalier, um sich zu beklagen, aber er deutete es an.«

»Das ist eine Lüge – sie lügt ja, Vater«, sagte Ann verzweifelt, die stets bereiten Tränen kamen ihr in die Augen, und ihre Kehle wurde eng.

Maud beobachtete sie mit Herzenskälte, ungerührt durch ihre Zartheit, ihre Hilflosigkeit, ihre tiefe Gekränktheit. »Da haben wir’s, immer die gleichen Faxen – die verwundete Gazelle. Um Himmels willen, warum gibst du’s nicht auf, Annie?«, sagte sie bloß.

Vater sah seine beiden Töchter an. »Na also, Mädels, was ist eigentlich los? Maud? Annie? Was geht hier vor?«

»Das Gör hat sich in Mr. Ambros verguckt, das ist los«, sagte Maud. Ann überlegte vorübergehend, ob man vielleicht den chinesischen Koch Lee Ong überreden könnte, irgendein langsam wirkendes Gift aus einer chinesischen Apotheke zu beschaffen. Ihre Augen waren trocken vor Wut, als sie nach einer tödlichen Antwort suchte.

»Es ist dir vielleicht nicht in den Sinn gekommen, dass die Geschichte möglicherweise andersrum sein könnte. Möglicherweise ist es so, dass Mr. Ambros sich in mich verguckt hat«, sagte sie großartig.

»Mach dich doch nicht lächerlich! Warum versuchst du nicht, dich ein bisschen erwachsener zu benehmen?«, fragte Maud und verließ den Tisch.

Maud war unberechenbar. Noch am gleichen Abend schenkte sie Ann ihre begehrenswerte Korallenhalskette. »Da hast du sie – nimm sie nur; an dir wird sie viel hübscher aussehen als an mir«, sagte sie versöhnlich. »Es tut mir leid, Schwesterlein – ich wollte dich nicht kränken.«

Jetzt versucht sie’s mit Bestechung, dachte Ann, sprach es jedoch nicht aus. »Ach, lass nur gut sein«, erwiderte sie großmütig. »Warum sollte ich gekränkt sein?«

»Es ist bloß, weil du in dem Alter bist, wo man sich allerhand Unsinn in den Kopf setzt; höchste Zeit, dass dich jemand aus deinen holden Träumen aufweckt, bevor dir wehgetan wird«, sagte Maud, sich zurückziehend. Ann stieg aus dem Bett, streifte das Nachthemd von ihren Schultern und probierte die Korallenkette an. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Ihr frühester Bewunderer, der Ankleidespiegel, versicherte ihr, dass ihr die Korallen selbstverständlich viel besser stünden als ihrer Schwester. Für Anns Geschmack war Maud keineswegs anziehend; groß und schwerfällig wie ein Pinzgauer Ross, das Haar so grob wie eine Pferdemähne, und dazu diese breiten Hände mit der rauen Haut, die von Mauds unvernünftiger Beschäftigung mit öffentlicher Fürsorge und dem Heim für arme Kinder herkam.

Ann trug die Korallen am Abend vor Ambros’ zweitem Konzert, und diesmal hatte er Gelegenheit, sie in der ganzen Glorie ihres langen Kleids zu sehen, denn der nachfolgende Empfang fand im Hause Ballard statt, und Ann hatte sich die Erlaubnis erkämpft, bis Mitternacht aufzubleiben und den Toast auf Florians Erfolg mitzutrinken. Sie war ein ganz klein wenig betrunken und hatte ein bisschen Fieber, allerdings nicht viel. Im Hintergrund hörte man Beatrice besorgt glucksen. »Geh doch weg, lass mich in Frieden, sei doch nicht so albern«, murrte Ann und verjagte sie aus dem grünen, kleinen Wintergarten, wohin sie sich zurückgezogen hatte, um sich von Ambros entdecken zu lassen; es war kühl und still hier, ein kleiner Springbrunnen rieselte freundlich in sein Marmorbassin.

»Na also, hier bist du ja!«, sagte er, hinter ihr auftauchend. »Ich suchte dich überall; ich hoffe, du hattest nicht die Absicht, mit dem Glockenschlag zwölf zu verschwinden wie Aschenbrödel, ohne mir Gute Nacht zu sagen?«

Ann senkte den Kopf und betrachtete den dicken Goldfisch im Bassin; es war eine stumme Einladung für Ambros, seine Hand unter ihr Kinn zu legen und ihr Gesicht ihm zuzudrehen. »Warum so nachdenklich, Angelina?«, fragte er lächelnd. An seinen Fingern haftete der hochelegante Duft seiner Zigaretten.

»Ich? Nachdenklich? Ich weiß nicht recht – vielleicht, weil Sie morgen abreisen. Freilich, für Sie bedeutet das nichts, Sie sind ja so daran gewöhnt, wegzugehen und Leute hinter sich zu lassen. Ich meine – Leute, die an Ihnen hängen. Aber – nun also gute Nacht – und adieu, Mr. Ambros.«

»Adieu – nichts da! Ich bin nicht so ein wandernder Zigeuner, wie du denkst, und außerdem habe ich mich entschlossen, noch ein paar Tage in San Francisco zu bleiben. Ich kann mich einfach nicht von dieser Stadt losreißen; ich glaube, jemand muss mich verhext haben – oder was hältst du davon?«

»Ich – mein Gott, müssen Sie nicht für Ihr nächstes Konzert in St. Louis sein?«

»Das ist alles arrangiert. Ich schicke Mausi voraus, die kann all die langweiligen Vorbereitungen dort erledigen, das gibt mir eine ganze Woche Ferien. Ich habe seit Ewigkeiten keine ganze Woche für mich gehabt; und, weiß der Himmel, ich kann’s gebrauchen.«

»Mein Gott, Mr. Ambros, ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll? Das ist ja wunderbar – eine ganze Woche, das ist ja noch eine kleine Ewigkeit, nicht wahr? Du lieber Gott, was kann nicht alles in einer Woche passieren«, stammelte Ann atemlos; wenn er mich jetzt, hier, in diesem Augenblick, bittet, mit ihm durchzubrennen, dann tu ich’s, dachte sie, jawohl, ich würde es tun, so wahr mir Gott helfe.

»Sag mal, Angelina, wenn ich dir ein Geheimnis anvertrauen würde – könntest du es bei dir behalten?«, sagte er in den Regenbogen ihrer Gefühle hinein.

»Aber selbstverständlich. Sie wissen, dass ich bei mir behalten würde, was immer Sie mir erzählen wollen. Ich schwör’s bei meinem Leben.«

Er zog seine Hand von ihrem Gesicht zurück, kopfschüttelnd, überlegend und etwas amüsiert. »O nein, du würdest’s nicht bei dir behalten. Übrigens – es ist zu früh, darüber zu sprechen.«

»Denken Sie, dass ich zu jung bin? Aber ich bin kein Kind mehr, wahrhaftig nicht, und –«

»Und du kriegst eine weiße Nasenspitze und gehörst ins Bett; deine Mutter würde mir nie verzeihen, wenn ich dich noch länger aufhielte.«

Er stand von der Marmorbank auf und streckte sich ein wenig abgespannt. »Herrgott, bin ich müde! Ich wusste gar nicht, wie müde ich bin!« Er beugte sich zu ihr herunter, leise lachend. »Sehen sie nicht immer aus, als wenn sie Oskar hießen?«, sagte er.

»Wer denn?«

»Die Goldfische. Schau sie bloß an: Mein Name ist Oskar, siehst du nicht, wie sie es sagen? Oskar, Oskar –« Und damit beugte er sich noch tiefer, und etwas berührte ihren Scheitel – niemals erfuhr sie, ob es seine Finger oder seine Lippen gewesen waren, denn als sie aufblickte, war er gerade dabei, eine Zigarette herauszunehmen und sie am Weg zu dem geschnitzten Bogen, der den Wintergarten von dem großen Empfangsraum trennte, anzuzünden. »Großer Gott«, sagte er, »man soll eben keinen Champagner auf leeren Magen trinken. Na, gute Nacht, du kleines Rosenwölkchen.«

Anns Tage vergingen in träumerischer Erwartung; bald musste irgendetwas passieren, sie wusste nicht recht, was, aber was immer er von ihr verlangen würde, sie war bereit. Eine offizielle Verlobung, eine heimliche Flucht und Hochzeit, ein Kampf mit ihrer Mutter – und was Vater anbetraf, den würde sie schon rumkriegen. Es war eine sonderbare Woche, mit dem Echo unsichtbarer Stimmen in den hohen Zimmern, Geflüster hinter schweren Portieren und plötzlich verschlossenen Türen, und zu allem Übrigen wurde Maud unberechenbarer denn je, an einem Tag liebenswürdig und vergnügt und am nächsten völlig stumm. Auf dem Umweg über das Küchenpersonal und das Stubenmädchen erfuhr Beatrice aufregende Gesprächsfetzen, die sie getreulich ihrer Annina hinterbrachte. Nichts da, hatte Mrs. Ballard gesagt, nichts da, woher weißt du, dass er nicht nur ein Mitgiftjäger ist? Ich pfeife auf seine Berühmtheit, lass dir nichts von ihm vormachen, was kann denn an einem Geigenspieler dran sein – und noch dazu einem Ausländer? Ich pfeif auf deine Meinung, hatte Mr. Ballard geantwortet, gerade als Maggie das Frühstück servierte. Ich habe genug Geld verdient, um unseren Mädels geben zu können, wonach ihr Herz verlangt, und, meine Liebe, hatte er gesagt, wenn er das Mädel wirklich liebt und sie sich so viel aus ihm macht, dann seh ich gar nicht ein, warum – und dann hatte Mr. Ballard zwei Scheiben Schinken von der Schüssel genommen, und Maggie konnte einfach nicht länger herumstehen, ohne aufzufallen.

»Ich wusste es ja, ich wusste es ja!«, rief Ann aufgeregt. »Ich wusste es, er hat mit Vater gesprochen, o dio mio, Beatrice, was wird jetzt geschehen? Werden wir uns verloben, bevor er abreist? Nicht offiziell, versteht sich, zumindest nicht, bis ich sechzehn bin –«

Was zunächst geschah, war nur, dass die Familie Ballard plante, mit Ambros eine Landpartie zu machen. In San Francisco waren Landpartien sehr beliebt, denn bei solchen Gelegenheiten ging es frei und fröhlich zu, und die glückliche romantische Stimmung solcher Ausflüge hatte schon viele junge Paare veranlasst, das entscheidende Wort zu sprechen und den Wunsch nach dauernder Vereinigung mit einem ersten Kuss zu besiegeln. Ann erkannte ihres Vaters freundlich-geschickte Hand hinter den Vorbereitungen und war ihm unendlich dankbar dafür; und Mr. Ballard warf sich mit großem Schwung auf die Vorbereitungen für das Unternehmen.

Kremser wurden gemietet, denn Ausflüge wurden nicht in der Stadtkutsche unternommen, und dem berühmten Gast zu Ehren suchte Mr. Ballard persönlich die zwei besten Kutschpferde in Kellys Stallungen heraus. Lee Ong, erregbar wie alle chinesischen Köche, befand sich in einer Ekstase des Kochens und Backens, des Zubereitens von Schinken und Truthühnern und Pasteten und Salaten, während Mr. Ballard kennerhaft die Weine wählte, die nebst vielen Flaschen Bier und einer ganzen Kiste französischen Champagners mitgenommen werden sollten; es gab Kuchen und Gebäcke aller Arten und Brote und Zwieback und Biskuit, und Säcke mit Holzkohle wurden geliefert, und Esskörbe wurden gefüllt und Decken aus der Mottenkiste geholt, und der alte O’Shaughnessy brachte riesige Stücke Segeltuch angeschleppt – ganz so, als ob es sich nicht um einen einfachen Familienausflug handelte, sondern als gälte es, eine Armee für einen Feldzug auszurüsten.

Und dann, zwei Tage vor dem Ereignis, kam es zu dem großen Zusammenbruch.

»Hör zu, Annie«, sagte Mr. Ballard und zog sie zwischen seine Knie, als wäre sie noch ein kleines Kind. »Hör einmal zu, Kätzchen. Ich möchte lieber mit dir sprechen, bevor du dich zu sehr auf die Landpartie zu freuen anfängst. Du kannst nämlich nicht mitkommen, du musst zu Hause bleiben und in die Schule gehen. Bitte, keine Widerrede. Ich weiß, dass es eine Enttäuschung für dich ist, aber diesmal kann ich dir nicht helfen. Zu Ostern werde ich dich dafür schadlos halten, was sagst du dazu? Zu Ostern kannst du mit mir aufs Gut kommen, wie gefällt dir das? Wir beide gehn aufs Gut, nur du und ich, ganz allein, und wir werden viel Spaß haben, wir werden reiten und – nun schau mich doch nicht an, als ob ich dir das Herz mit einem stumpfen Messer herausschneide. So schlimm ist das doch nicht!«

Ann war so entsetzlich zumute, dass ihr kaum genug Atem blieb, um zu protestieren. »Aber, Vater, das ist doch ganz unmöglich, begreifst du denn nicht? Mr. Ambros – einen Tag nach der Landpartie muss er abreisen!«

»Na eben. Du hast ihn schon viel zu viel in Anspruch genommen, und es ist höchste Zeit, dass andere Leute auch mal an die Reihe kommen. Erwachsene Leute. Du wirst mir zu vorlaut, und das ist gar nicht hübsch für ein kleines Mädel in deinem Alter. Ich kann’s nicht zulassen, dass du dir so viel herausnimmst, und weder ich noch deine Mutter wollen dich bei dieser Landpartie dabeihaben. Na, nun weine nicht und schneid mir keine Gesichter und denke bloß nicht, dass du mich herumkriegen kannst. Schluss damit.«

Ann kannte ihren Vater zu gut, um eine Szene zu machen. Wenn Vater sagte »Schluss damit«, dann war es endgültig. Eigentlich hatte sie ihn sogar lieb dafür; denn ohne diesen diamantenharten Kern seines Wesens hätte er es weder zum Millionär gebracht noch wäre eine Straße im Westen der Stadt nach ihm benannt worden. Aber ich weiß ja, wer dahintersteckt, sagte sie sich in weiß glühendem Zorn. Natürlich Maud! Warte bloß, ich werd dir’s schon zeigen. So lasse ich mich nicht behandeln, das werde ich euch schon zeigen.

Sie ging ins obere Stockwerk, ihre Augen brannten heiß und trocken, sie legte sich auf ihr Bett, warf die Schuhe ins Zimmer, kreuzte die Arme hinterm Kopf und brütete Rache. Der Gong rief zum Nachtessen, aber sie rührte sich nicht. Beatrice kam in Strümpfen hereingetappt und blieb besorgt in der Tür stehen. »Was ist los, Piccolina mia? Dir nicht gut? Soll ich dir eine heiße Schokolade machen? Soll Beatrice dir eine Zabaglione machen, nein?«

»Ach, mach, dass du wegkommst! Lass mich in Ruhe; ich bin nicht hungrig, mir tut der Kopf weh.«

»Poverina, ich mach dir einen kalten Umschlag, gleich geht’s dir besser, ja?«

»Geh weg, hörst du? Mach, dass du wegkommst!«, schrie Ann. »Va via«, schrie sie trostlos. »Va via, du dumme alte Ziege!« Und Beatrice zog brummend und geschlagen ihres Weges.

Etwas später fühlte Ann sich sehr schlecht, wenn auch nicht ganz so schlecht, wie die Gelegenheit es verlangt hätte. Sie schleppte sich ins Badezimmer, würgte ein wenig, ohne zu einem Resultat zu kommen, worauf sie das Fieberthermometer aus der Hausapotheke holte. Das Badezimmer hatte ein buntes Glasfenster, rote, blaue und gelbe Kringel flimmerten auf den Fliesen; sie starrte darauf hin, bis ihr ein wenig schwindlig wurde. Leise stöhnend schleppte sie sich zu ihrem Bett zurück, steckte das Thermometer unter die Zunge und wartete hoffnungsvoll: 36,8 – normale Temperatur. Vermutlich war das Thermometer nicht in Ordnung. Es dauerte eine Weile, und dann hatte sie einen Schüttelfrost, ihre Zähne begannen zu klappern. So, jetzt bin ich wirklich krank, dachte sie; schwer krank. Geschieht ihnen ganz recht. Jetzt wollen wir doch sehen, ob sie auf ihre Landpartie gehen, während ich im Sterben liege.

Von der erschrockenen Beatrice herbeigerufen, erschien Mrs. Ballard an ihrem Bett. »Was gibt’s denn, Annie, schon wieder Halsweh?«

»Mir fehlt nichts, Mutter, wirklich«, sagte Ann, sehr schwach, sehr bemitleidenswert, sehr tapfer. »Ich musste mich nur ein bisschen übergeben. Und der Kopf tut mir weh, und mir ist schrecklich kalt. Aber bis morgen bin ich wieder gesund.«

»Sicher hast du zu viel Schokoladentorte gegessen; ich hab dir’s gleich gesagt, aber du hörst ja nicht auf mich.« Mrs. Ballard befühlte Anns Stirn mit ihrem Handrücken. »Gar kein Fieber. Also, Beatrice, wenn ihr nicht besser wird, müssen wir ihr Rizinusöl eingeben.«

Ann hätte gern gewusst, ob alle Mütter solche Ungeheuer waren oder ob die ihre eine Ausnahme war. Sie fühlte sich furchtbar einsam, verlassen und betrogen. Niemand verstand sie, nicht einmal Vater, niemand hatte sie lieb, nicht einmal Florian.

Später kam Maud herein, mit honigsüßer Miene, und spielte die barmherzige Schwester. »Du bist doch noch ein richtiges Baby, so eine Aufregung um nichts und wieder nichts. In einem Jahr wirst du über das alles lachen, das kann ich dir versprechen. Weißt du, in deinem Alter gehen wir ja alle durch diese dummen Sachen, aber man überlebt’s, das kannst du mir glauben. Erinnerst du dich noch daran, wie ich den alten Tenor anschwärmte, diesen Cavaliere Mazzini, der wie ein Nilpferd aussah?«

»Ich weiß gar nicht, wovon du redest. Ich bin krank, ich habe Fieber«, erklärte Ann mit tragischer Miene.

»Fieber? Wie hoch?«, fragte Maud und streckte die Hand nach dem Thermometer aus.

»Nicht so sehr viel; ein bisschen über achtunddreißig«, sagte Ann, die durch allerhand Machenschaften das Quecksilber überredet hatte, etwas zu steigen.

»Das bedeutet nichts; ich habe jeden Nachmittag über achtunddreißig«, bemerkte Maud.

Ann wurde wütend. »Du lügst ja schon wieder, immer schneidest du auf, du hast einen unaufrichtigen Charakter«, sagte sie empört.

Anstatt einer Antwort schüttelte Maud das Quecksilber herunter und steckte das Thermometer in den Mund. Sie machte etwas Ordnung im Zimmer, hängte Anns Kleider in den Wandschrank und zog ihre Schuhe säuberlich auf Leisten. Nach kaum einer Minute nahm sie das Thermometer heraus und hielt es Ann unter die Nase; es zeigte zwei Striche über achtunddreißig. »Siehst du wohl«, sagte Maud, »das bedeutet gar nichts. Du sollst dich nicht immer krank stellen. Merkst du denn nicht, wie viel Vergnügungen du mit allen deinen dummen kleinen Krankheitsanfällen versäumst?«

»Aber sicher, stell dir nur vor, was für ein Vergnügen das sein wird, allein zu Hause zu hocken, während du eine Landpartie machst«, wollte Ann sagen, aber die Stimme brach ihr, und sie musste es aufgeben.

Maud zuckte die Achseln, tätschelte Anns Kopf, wie sie das Hündchen Jolly zu tätscheln pflegte, und damit verließ sie das Zimmer. Dann wurde Ann erst richtig krank.

Sie wurde so krank, dass man nach dem Nachtessen zu Dr. Bryant schickte. Er streichelte seinen Bart und verschrieb seine üblichen Medikamente: kohlensaures Natron, heißen Tee mit Zitronensaft, wenn nötig, eine Dosis Rizinusöl. Gurgeln mit übermangansaurem Kali konnte auch nie schaden. Sollte jedoch Anns Fieber während der Nacht steigen oder sollten gewisse andere Symptome auftreten, rötliche Flecken, ein Ausschlag zum Beispiel, dann sollte man ihn gleich rufen. In der Stadt waren nämlich, wie Dr. Bryant fröhlich bemerkte, ein paar Fälle von Scharlach aufgetreten. Keineswegs eine Epidemie, aber immerhin, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste und so weiter …

Ann überdachte das mit Gründlichkeit. Höchstwahrscheinlich hatte sie Scharlach erwischt, und es war durchaus verkehrt, dass ein Mensch, der sich so krank und elend fühlte, so wenig Symptome vorzuweisen hatte. Sie konnte spüren, wie sich die juckenden roten Flecken unterhalb ihrer Haut entwickelten; aber wenn sie erst an die Oberfläche treten sollten, nachdem die Familie auf ihre Landpartie gegangen war, dann nützte der ganze Scharlach nichts. Wenn aber die gefährliche und ansteckende Krankheit schon morgen ausbrechen sollte, dann müsste die Landpartie abgesagt werden. Sogar ihre Mutter, rücksichtslos, wie sie war, konnte es sich doch wohl nicht gestatten, einen Ausflug zu machen, solange ihre kleine Tochter in Lebensgefahr schwebte. Das würde einen allzu schlechten Eindruck auf die anderen Damen der Gesellschaft machen. Über solchen Gedanken schlief Ann ein, und als sie am Morgen aufwachte, ohne dass während der Nacht neue Symptome aufgetreten waren, entsprang ihrem Haupt ein voll bewaffneter Plan so wie Minerva – oder um wen immer es sich in Miss Fishbeins Geschichtsklasse gehandelt haben mochte – Jupiters Marmorschädel.

Sie kleidete sich an, teilte mit resigniertem, mattem Lächeln mit, dass sie nicht krank sei, nur ein bisschen müde und so etwas komisch und kalt innen; und damit ging sie zur Schule. Das heißt, eigentlich ging sie nicht in die Schule, sondern schwänzte zum ersten Mal in ihrem Leben – wie viele erstmalige Dinge es doch für sie gab, seit Florian Ambros in die Stadt gekommen war – und wartete im Hinterhalt auf Johnny O’Shaughnessy.

»Johnny, du weißt doch, wie gern ich dich habe, nicht wahr? Und du hast mich auch gern, nicht wahr? Weißt du, Johnny, es gibt nichts auf der Welt, was ich nicht für dich tun würde, weil wir doch Freunde sind, Johnny, richtige gute Kameraden, nicht wahr?«

»Jawohl, das sind wir, Ann«, erwiderte Johnny aus der Tiefe seines Herzens.

»Wenn ich dich also um eine Gefälligkeit bäte, würdest du doch nicht Nein sagen? Ich weiß bestimmt, du würdest auch etwas für mich tun, Johnny, darauf kann ich mich doch verlassen?«

»Na, und ob! Für dich tu ich alles, was du willst, Ann, du brauchst mir’s nur zu sagen.«

»Nämlich – es handelt sich darum: Ich brauche einen Hummer«, sagte Ann.

»Ach, du heilige Mutter Gottes! Wozu denn?«

»Ach, bloß für einen Spaß, verstehst du? Um ihn in Mauds Bett zu stecken, unters Leintuch. Das wird ein großer Jux, verstehst du? Ich hab ihr etwas heimzuzahlen, dir kann’s ja gleich sein, was. Hör zu, Johnny, geh du hinunter nach der Fisherman’s Wharf und kauf einen Hummer für mich. Ich kann natürlich nicht selbst hingehen, es ist ja eine schreckliche Gegend, alle diese ordinären Italiener, sie ziehen gleich das Messer; freilich, wenn du bei mir bist, das wäre etwas ganz anderes. Wenn du bei mir bist, fürchte ich mich vor nichts.«

»Sag mal, Annie, warum bittest du nicht euren Lee Ong oder deine Beatrice, dir diesen Hummer zu kaufen? Es ist spät, ich müsste schon in der Schule sein.«

»Ach, Johnny, lass dieses eine Mal deine alberne Schule beiseite. Es ist das erste Mal, dass ich dich um eine Gefälligkeit bitte, und wenn du dich weigerst, diese Kleinigkeit für mich zu tun, dann will ich dich nie wieder sehen, niemals. Ich kann niemanden sonst darum bitten, denn du bist der einzige Mensch in der ganzen Welt, dem ich vertraue. Du musst mir helfen, Johnny, und außerdem musst du mir dein heiliges Ehrenwort geben, dass du niemals auch nur ein Wort darüber verlieren wirst, niemals und zu niemandem, verstehst du? Es gibt eben niemanden außer dir, Johnny, mit dem ich ein Geheimnis haben kann.«

Der junge O’Shaughnessy überlegte sich den Fall. »Einen lebenden Hummer?«, fragte er schließlich.

»Nein, einen gekochten.«

»Ein lebender würde mehr Spaß machen.«

»Das stimmt nicht, der würde herumkrabbeln und aus dem Bett fallen, und der ganze Streich würde nicht gelingen. Außerdem fürchte ich mich zu Tode vor lebendigen Hummern. Ein netter, kalter, gekochter Hummer ist genau das, was ich brauche.«

Johnny war kein hundertprozentiger Idealist. Er überlegte sorgfältig. »Alles ganz schön und gut«, meinte er sodann. »Angenommen, ich schwänze dir zuliebe die Schule und verschaffe dir deinen Hummer und gebe dir mein heiliges Ehrenwort, nichts zu verraten: Was kriege ich denn dafür?«

»Johnny O’Shaughnessy, du verlangst doch nicht, dafür bezahlt zu werden, wenn du einer Freundin einen Gefallen tust? Du weißt ja, wie man einen Mann nennt, der Geld von einem Mädchen nimmt!«

»Ich verlange auch gar kein Geld von dir. Was ich von dir will, ist ein Kuss.«

»Johnny, jetzt wirst du ordinär! Schäm dich, Johnny O’Shaughnessy, lieber würde ich sterben, als …«

Und damit erstiegen sie die Höhe von Telegraph Hill, wo der junge O’Shaughnessy im Schutz des kleinen Eukalyptusgehölzes Ann sachlich, aber nicht gerade unvergnüglich abküsste. Nachher wanderten sie durch die krummen Gässchen des italienischen Viertels hinab in das schreiende, singende, lachende, nach Fischen riechende, regenbogenfarbene Gewimmel von Booten und Masten und Menschen, und Ann kriegte ihren Hummer. Alles in allem war es ein ganz hübsches Abenteuer; doch nachdem Ann Johnny an der üblichen Ecke verabschiedet hatte, blieb ihr noch das Schlimmste zu tun übrig. Hinter einem etwas anrüchigen Haus fand sie eine dunkle Ecke, brach den Hummer auf, löste ihn aus den Schalen und würgte, auf einem umgeworfenen Mülleimer hockend, langsam und zielbewusst das abscheuliche Zeug in sich hinein.

Als sie nach Hause kam, war sie sehr bleich, fühlte sich sehr elend und ging sofort ins Bett. Sie hätte sich herzlich gern übergeben, aber mit äußerster Willenskraft gelang es ihr, den Hummer bei sich zu behalten; hoffnungsvoll wartete sie darauf, dass er seine Wirkung täte. In all ihrem Elend hielt nur der eine Gedanke sie aufrecht: Ich werd’s euch schon zeigen! Wenn ihr mich nicht auf die Landpartie mitnehmt, dann werdet ihr auch nicht gehn. Ohne mich wird’s eben keine Landpartie geben. Ich werd’s euch schon zeigen!

Sie maß ihre Temperatur, die jedoch leider nicht steigen wollte, sodass eine Behandlung des widerspenstigen Thermometers notwendig wurde. Sie steckte es in heißen Tee, das Quecksilber schoss bis vierundvierzig hinauf, und sie erinnerte sich, irgendwo gelesen zu haben, dass man gewöhnlich schon bei zweiundvierzig starb. Um das eigensinnige Instrument abzukühlen, versenkte sie es in ein Glas eisgekühlten Wassers, das Beatrice ihr gebracht hatte, worauf das Quecksilber sich gänzlich in das kleine Kügelchen am unteren Ende zurückzog. Dies aber war offensichtlich eine Temperatur, die nur Leichnamen zustand.

Doch nach allerhand Schütteln, Reiben und Wechselbädern in heißem Tee und kaltem Wasser brachte sie das Thermometer dazu, eine eindrucksvolle Temperatur von neununddreißig Komma sechs anzuzeigen.

Eine Stunde später war sie mit roten Flecken und Pusteln bedeckt, die auf ihrer feinen Haut schwammen wie Inseln und Kontinente auf einer Landkarte. Sie drehte sich zur Wand und wäre gern gestorben. Im Zwielicht eines halb verschlafenen Dämmerzustandes hörte sie ihre Eltern mit Beatrice flüstern, und da war auch Dr. Bryant. Er schüttelte sie, und er schüttelte den Kopf, und er schüttelte das Thermometer, und er fragte drei Mal, ob Mrs. Ballard ganz sicher sei, dass Ann keine Hummermayonnaise berührt habe. Denn erinnern Sie sich, Mrs. Ballard, was für einen Schrecken sie uns als Vierjährige einjagte, bis wir herausfanden, dass sie von Hummern Ausschlag bekommt? Mrs. Ballard und Beatrice erklärten unisono, sie wüssten mit absoluter Bestimmtheit, dass Annie nichts Verbotenes gegessen hätte, sie hätte seit gestern früh überhaupt kaum etwas zu sich genommen, und außerdem rühre das Kind keinen Hummer an, und wenn man ihr dafür tausend Dollar gäbe. Und so blieb Dr. Bryant nichts übrig, als unter Bartstreicheln und milden Worten zu erklären, dass es leider, leider so aussehe, als ob unsere kleine Annie nun doch an Scharlach erkrankt sei, einem leichten Scharlach zwar, aber immerhin.

Ich werd’s euch schon zeigen, ihr mit eurer Landpartie ohne mich. Ich werd’s euch zeigen, dachte Annie.

Maud wurde sofort an das gegenüberliegende Ufer der Bucht geschickt, nach Belvedere, wo Großmutter Ballard ein kleines Landhaus bewohnte. Auch Mr. Ballard musste sich dem Krankenzimmer fernhalten, denn er konnte es sich nicht gestatten, die Ansteckungsgefahr ins Geschäftsviertel zu verschleppen. Mrs. Ballard kam von Zeit zu Zeit auf Zehenspitzen in behutsamen, obgleich quietschenden Schuhen zur Tür, stellte ein paar Fragen und zog sich wieder zurück; nur Beatrice teilte Anns Isolierung und erzählte ihr wieder einmal die alten Geschichten von Aurelio und führte inständige Gespräche mit der Madonna. In dem plötzlich verstummten Haus war keine Geige mehr zu hören, und – selbstverständlich – gab es keine Landpartie. Nach drei Tagen verschwanden die roten Flecken, und Ann teilte zögernd mit, dass es ihr wieder gut ginge; Dr. Bryant bemerkte, dass man im Anfang einer Kinderkrankheit nie eine völlig sichere Diagnose stellen könne, aber – so setzte er mit dem etwas hartgesottenen Humor seines Berufes hinzu – lieber drei Tage zu viel im Bett als fünfzig Jahre zu früh im Sarg.

Maud kehrte mit verweinten Augen aus Belvedere zurück, schien aber im Übrigen recht vergnügt. Florian Ambros war nach St. Louis abgereist, ohne sich auch nur von Angelina zu verabschieden, und nichts war von seinem Besuch übrig geblieben als Berge von kaltem Schinken und altbackenem Kuchen.

»Hat Mr. Ambros dir Adieu gesagt, bevor er wegfuhr?«, fragte Ann ihre Schwester.

»Selbstverständlich«, antwortete Maud, »aber du hast alles für mich verdorben, alles.«

»Was gab’s denn da zu verderben?«, fragte Ann.

»Das möchtest du wohl gern wissen!«, sagte Maud.

Und deshalb hatte Ann den kleinen Hund verprügelt. Das war der Anfang von allem gewesen.

London, 18. Mai 1898

Sehr verehrter Mr. Ambros,

ob Sie sich wohl noch des Mädchens erinnern, dessen Fotografie ich beilege? Jawohl, ich bin es, Ihre kleine Angelina, und wie Sie sehen können, bin ich jetzt erwachsen, obwohl noch immer nicht größer geworden, und ich habe alle Hoffnung aufgegeben, jemals so stattlich zu werden wie meine Schwester. Es war eine große Enttäuschung für die Leute, die an Ihnen hängen, dass Sie während der letzten Saison kein Konzert in San Francisco gaben. Aber ich durchsuche immer die Zeitungen und Zeitschriften nach Berichten über Ihre Triumphe, und sooft ich Ihren Namen gedruckt sehe, bin ich stolz darauf, Sie zu kennen. Denken Sie wohl noch manchmal an jene Stunden, wo Sie in unserm Musikzimmer studierten und es mir gestattet war, Ihnen hingerissen zu lauschen? Die Chaconne von Johann Sebastian Bach – wie gut ich mich doch an jede kleinste Note erinnere, und der dicke Goldfisch, den Sie Oskar tauften. Sehen Sie wohl, was für ein treuer Hund mein Gedächtnis ist? Meine Schwester und ich machen diesen Frühling mit unsern Eltern die Grand Tour, und wir haben unsere Eltern überredet, auch nach Wien zu gehen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was für eine schreckliche Enttäuschung es für mich wäre, Sie nicht bei unserer Ankunft in Wien anzutreffen. Können Sie den unleidlichen Backfisch vergessen, der ich vor zwei Jahren gewesen sein muss, und Ihre Freundschaft auf das vernünftige junge Mädchen übertragen, das ich inzwischen geworden zu sein hoffe? Und obwohl ich vernünftig zu sein versuche, trommelt mein Herz Alarm bei dem Gedanken an ein Wiedersehen mit Ihnen. Wie dumm es doch ist, dieses ungeduldige Herz! Und werden Sie Geduld mit ihm haben?

Ich verbleibe

immer und immer

Ihre aufrichtig ergebene

Ann Ballard.

PS Für Sie: Angelina.

Als Ann diese Zeilen aufsetzte, erschienen sie ihr als das Muster eines Briefes, zurückhaltend und doch voll Ausdruck und Verheißung; aber als sie den Brief dreißig Jahre später im Nachlass ihres toten Mannes entdeckte, machte er sie laut auflachen durch seine peinliche Durchsichtigkeit, seinen naiven Stil, seine primitive Bemühung, verführerisch zu sein.

Und doch – Florian hatte den Brief all diese Jahre hindurch aufbewahrt; er hatte ihn nicht einmal verloren, als ihr Haus in der Vallejo Street niederbrannte. Und so musste dieser kindische Brief doch seinen Zweck erfüllt und etwas für Florian bedeutet haben. Trotz allem.

Mrs. Ambros wusste nicht, ob es eine Minute her war oder eine Stunde, dass sie in der undurchsichtigen Nacht dahinstolperte. Ich kann nicht mehr, dachte sie, ich kann einfach nicht weiter, bitte, o bitte, lass mich Atem holen, lass mich nachdenken, lass mich besinnen, ich verstehe gar nichts, ich muss wissen, was mir geschehen ist und warum gerade mir, mir, die nie jemandem etwas zuleide tat.

Es schien ihr, als stünde etwas entfernt die Gestalt eines Mannes reglos im Nebel: Ihre Augen waren noch gut, Gott sei Dank, nur mit den Ohren hatte sie seit Kurzem einige Schwierigkeiten, Ohrensausen, solch ein unangenehmes Raunen und Klingeln, sowie sie müde wurde. Nun, müde ist kaum das Wort dafür, wie ich mich jetzt fühle, dachte sie vorwurfsvoll, während sie dem Mann im Nebel zuwinkte und ihn um Hilfe anrief. Ihre Stimme klang schwach und sehr einsam, der Mann stand reglos, es ängstigte sie. Sei nicht so dumm, es gibt keine Gespenster, verwies sie sich, und selbstverständlich stand da weder ein Mann am Wege noch war es Florians Geist, sondern nur der verkrümmte Stumpf einer Weide. Dankbar für die Stütze, die er ihr gab, lehnte sie ihren Rücken gegen die raue Rinde des Baumstamms, um eine Minute lang zu rasten. Nun lass einmal sehen, dachte sie, ich muss mir klar werden. Ich muss mich erinnern, was für ein Mensch Florian war, warum ich mich so sehr in ihn verliebte. Das war der einzige Fehler – wenn es überhaupt ein Fehler war –, dass ich ihn für mich allein haben wollte, den ganzen Florian und für immer. Ach Gott, ja, in jenem Sommer in Wien, da konnte ein junges Mädchen wohl den Kopf verlieren, so wie Florian damals war, glänzend, leuchtend, berühmt, so anders als all die Leute, die ich kannte. Wer weiß, vielleicht war es gerade darum so schwierig mit ihm.

Seine grünen Augen, denkt Mrs. Ambros, und dabei beginnt sie zu lächeln und verlässt den verdorrten Baum, als hätte sie einem Ruf zu folgen, sie setzt sich in Bewegung, Florians Bild schwebt ihr voran; so deutlich, so greifbar, dass sie es fast berühren kann. Seine länglichen grünen Augen, an den äußeren Winkeln von starken, hohen Wangenknochen emporgedrängt; schwere Lider, Wimpern so dicht und lang, dass das Licht sich in ihnen verfing, auch wenn die Augen selbst sich in der Dämmerung der tiefen Augenhöhlen verbargen. Lass sehen, an was kann ich mich noch erinnern? Er hatte ruhelose Hände, kurz geschnittene Fingernägel, magere Finger mit verbreiterten Fingerspitzen; wie ein Frosch, hatte sie ihn in späteren Jahren oft geneckt; beständig streichelte, massierte, liebkoste er, was immer ihm in die Hände kam, zog Fäden aus dem schlichten grünen Ripssofa im sogenannten Salon seiner Mutter, zupfte trockene Blätter von ihren Topfpflanzen, spielte mit der Kupfermünze an seiner Uhrkette, die Brahms ihm nach einem Konzert als Talisman geschenkt hatte. Vor jedem Konzert saß er steif und blicklos im Künstlerzimmer wie die Statue irgendeines verschollenen Pharaos; seine Hände in den dicken Wollhandschuhen, die seine Mutter für ihn gestrickt hatte, lagen kalt und angstvoll auf den Knien. Als Angelina ihn zum ersten Mal so sah, war sie unangenehm berührt von seiner Furcht und Schwäche, und im Grunde verzieh sie es ihm niemals. Maud, ihrerseits, war bei solchen Gelegenheiten voll Mitgefühl und behandelte ihn wie einen ihrer Wohltätigkeitssäuglinge, während Mausi im Hintergrund irgendein widerliches Gebräu auf dem Spirituskocher aufwärmte, etwas zur Beruhigung von Florians Nerven, gerade als wenn er eine Frau in Geburtswehen wäre. Die Schüttelfröste vor jedem Konzert und das Schweißvergießen nachher, du großer Gott im Himmel, wer dachte je an die Ströme von Schweiß, die mit dem Glanz und Ruhm eines Virtuosen verbunden sind! Gib acht, Flori, hier zieht es ein wenig, du darfst dich nicht erkälten, schlag den Mantelkragen hoch, schließ die Tür, lass Mausi deine Noten tragen: widerwärtig!

Verwirrt beobachtete sie ihn, denn es gab nicht nur einen Florian Ambros, sondern viele, und alle verschieden. Der unselige Feigling im Künstlerzimmer konnte nicht derselbe sein wie der selbstbewusste, alles beherrschende große Virtuose, zu dem er wurde, sobald er das Konzertpodium berat. Florian Ambros hatte zwei Gesichter, eines für sein Publikum, das andere im Privatleben. Der Florian Ambros aus den Jahren der großen Erfolge und des Ruhms war vollständig verschieden von dem tragischen späteren Florian Ambros aus der Zeit des Abstiegs. Er war alles zugleich: höflich wie ein König und brutal wie ein Hafenarbeiter; von unduldsamem Eigensinn in manchen Dingen und beinahe zu nachgiebig in anderen; er war kalt und leidenschaftlich; rau und zärtlich; er konnte treu sein und dennoch betrügen; er war zu hart, aber auch zu weich.

»Um Gottes willen, Florian, bist du denn ganz charakterlos?«, klagte sie ihn an.

»Tut mir leid, Liebchen, aber ich fürchte, mein ganzer Vorrat an Charakterstärke geht in die Musik; so hat Gott uns Musiker nun einmal erschaffen: unzulänglich.«

Die Widersprüche in seiner Natur ließen sie nie zur Ruhe kommen. Er konnte der liebenswürdigste und aufmerksamste Freund sein, ja, manchmal ruhte sein Blick mit einem Ausdruck auf ihr, der einer stummen und leidenschaftlichen Liebeserklärung gleichkam, und wenn er ihr in einen Wagen half, oder auch nur in den Mantel, so konnte er daraus eine Liebkosung machen, unter der sie erzitterte. Und doch war er zu anderen Zeiten schrecklich in sich zurückgezogen, hochmütig, geistesabwesend, unerträglich schlaff und nachlässig in Dingen, die ihr am wichtigsten waren: seine Berühmtheit zum Beispiel; seine Popularität, sein Glanz, in dessen Widerschein sie lebte, das bewundernde Flüstern, das ihnen folgte, wo immer sie zusammen erschienen …

Der brillante Fremde, dem sie zuerst in dem geschnitzten, verzierten, befransten, überladenen Haus ihrer Eltern begegnet war, hatte kaum Ähnlichkeit mit ihrem Liebhaber, ihrem Gatten, ihrem Gegner der späteren Jahre; auch nicht mit dem grauhaarigen, abgezehrten, kranken Mann, der still und unnahbar im Hinterzimmer ihrer schäbigen Wohnung dahinsiechte und der, noch immer höflich und brutal, rücksichtslos und unbegreiflich bis ans Ende, davongegangen war und sie als Witwe zurückgelassen hatte. Aber das Schlimmste war der scharfe, schneidende, tödliche Gegensatz zwischen Mauds Gatten und ihrem eigenen gewesen; der eine: anhänglich, liebevoll, zärtlich; der andere: spöttisch, reizbar und unzulänglich. Und doch war es derselbe Mann: Florian.

»Was ist eigentlich los mit uns, Flori? Warum sind wir nicht glücklich miteinander, nun, da wir endlich verheiratet sind?«, klagte sie wohl, in dem weiten Nichts, das trennend zwischen ihnen lag, nach ihm langend. »Liebst du mich denn gar nicht?«

»Herrgott, immer das gleiche alte Lied: Liebst du mich denn nicht, liebst du mich denn nicht, liebst du mich denn nicht. Jawohl, mein Schatz, ich liebe dich, ich bin’s satt, immer dasselbe zu sagen wie ein dressierter Papagei. Zurzeit habe ich eben noch etwas anderes im Kopf, als dir den Hof zu machen, aber du interessierst dich ja für nichts als für dich selbst; das steht immer zwischen dir und dem Glücklichsein, deinem und meinem und unserem. Du verstehst nichts als die Äußerlichkeiten, und die sind immer gewöhnlich und abgenutzt und nicht ganz sauber. Du rührst nur an die Oberfläche und weißt nie, was hinter den Dingen steckt.«

»Schön, und was steckt schließlich dahinter? Hast du je versucht, eine Zwiebel abzuhäuten? Eine Lage Haut nach der andern geht herunter, und zum Schluss bleibt nichts übrig. Du kriegst Tränen in die Augen und eine rote Nase – und sonst nichts«, hatte sie bitter geantwortet. Das war im Jahre 1912, Maud war vor mehr als drei Jahren gestorben, Florians erstes Konzert in Paris war ein Desaster gewesen, das zweite hatte er abgesagt, und die viertausenddreihundertvierundzwanzig Dollar, die sie für die Vorbereitungen und eine Riesenreklame ausgegeben hatten, waren zum Fenster hinausgeworfen.

»Ach ja, Angelina, ich bin zwar keine Zwiebel, aber ich möchte behaupten, dass allerhand unter der Haut zu finden ist. Eine ganze Welt von Nerven und Adern, rotes Blut und das H2O plus NaCl, aus dem unsere Tränen bestehen, die ganze Alchimie, in der Musik destilliert wird. Ganz abgesehen von den Gehirnzellen und den Gedanken, die sie erzeugen, den verheimlichten Wünschen – dem fruchtlosen Bedauern – unseren Traumschiffen, die niemals landen …«

Du großer Gott, wie satt sie oft seine großen Worte hatte und seine unheilbar fremdartige Aussprache, und wie müde sie ihrer eigenen Anstrengungen war, ihn wieder zu dem Mann zu machen, der er vor Mauds Tod gewesen war; wie erschöpft von der Bemühung, seine unterbrochene Karriere und seine versickernde Berühmtheit noch einmal zu retten.

»Ich kenne mich nicht mit dir aus, Flori, ich weiß nie so recht, wie wir miteinander stehen. Manchmal kommt’s mir vor, als wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen.«

»Das tun wir im Grund auch nicht. Du hättest es von dem Moment an bemerken müssen, als du nach Wien kamst, erinnerst du dich? Du warst genauso enttäuscht von Wien, wie du es von mir bist. Du und ich, wir sind zwei verschiedene Kontinente, Liebchen, und was wir auch tun mögen, es wird immer ein Atlantischer Ozean zwischen uns liegen, immer.«

»Bitte, sag nicht ›immer‹, das macht mich zu unglücklich. Warum ist es bloß so schwer, dich zu begreifen?«

»Schade, mein Liebchen, du hast einen schlechten Kauf gemacht. Allegro non troppo, ein Schubert-Trio, eine Beethoven-Sonate, Kammermusik: Das bin ich. Eine Sammlung von Dingen, aus denen du dir nichts machst, meine europäische Herkunft unter anderem. Du hast Wien missverstanden – warum solltest du mich verstehen? Wien mit all seinen kleinen Schäbigkeiten und seinen großen Traditionen wird immer meine Heimat bleiben; für dich ist es ein Haufen altes Gerümpel.«

»Unsinn, du bist amerikanischer Bürger geworden. Du liebst Amerika, nicht wahr? Und du liebst mich – oder liebst du mich gar nicht mehr? Florian, ach, Florian …«

»Du musst nicht weinen, mein Engelchen, komm zu mir, gib mir einen Kuss – du, Angelina –«

Und der Streit hatte geendet wie alle anderen: in einer hungrigen und verzweifelten Umarmung auf dem Friedhof ihrer tausend begrabenen Missverständnisse …

Sommer 1898. Das Jahr, in dem der alte Kaiser Franz Josef sein fünfzigjähriges Jubiläum feierte und Thomas Cook Son einen dünnen Strom von amerikanischen Reisenden nach der festlichen alten Kaiserstadt leitete.

»Hier sind wir also, Mark Twains typische Innocents Abroad«, sagte Mr. Ballard, mit sichtlicher Freude Florian Ambros’ Hand schüttelnd. Maud und Angelina standen abseits und warteten höflich, bis sie an die Reihe kamen; Mauds Wangen waren dunkelrot, und eine Ader pochte an ihrem bloßen Hals; Angelinas Gesicht aber war weiß und durchsichtig, obwohl sie vor der großen Begegnung versucht hatte, durch Reiten ein wenig Farbe zu bekommen. Ambros war sprachlos, als er sie in ihrem hellgrünen Kleid, das ihre feine Blondheit so gut hervorhob, sah.

»Angelina – Herrgott noch einmal! – wie schön und groß Sie geworden sind!«, sagte er halblaut, noch bevor er sich darauf besann, dass er Mrs. Ballard die Hand zu küssen hatte. Mauds Hand küsste er diesmal nicht, sondern schüttelte sie nur, fast als wäre sie ein junger Mann. »Sie sehen viel besser aus, Maud, als bei unserem letzten Treffen«, erklärte er, und sich an die Eltern wendend: »Als ich letzten Winter in Lausanne spielte, hatte Maud eine schlimme Erkältung, aber sie kam trotzdem zu meinem Konzert.« Maud hatte den Winter in Madame Cecile Revires Pensionat verbracht, in das Mrs. Bensinger im vorhergehenden Jahr ihre Tochter Caroline geschickt hatte und wo Annie im September deponiert werden sollte. Angelina befürchtete, dass Mr. Ambros ihren Brief erwähnen könnte, aber das tat er nicht, und damit bestand zwischen ihnen von Anfang an so etwas wie ein bedeutsames Geheimnis. In dem Brief hatte sie die Grand Tour nur beiläufig erwähnt, aber tatsächlich hatte die große Gefahr bestanden, dass man sie unter Großmutter Ballards Schutz zu Hause gelassen hätte. Dass sie nun dennoch in der Empfangshalle des Hotel Bristol Florian Ambros gegenüberstand, war ein entscheidender Sieg, errungen in einer Schlacht von napoleonischen Ausmaßen.

Als sie von Mutters Plan gehört hatte, Maud in Lausanne abzuholen und mit ihr durch ganz Europa zu paradieren, hatte Ann ihre ganze Willenskraft gebraucht, um keine Szene zu machen, bevor sie in ihrem Schlafzimmer ankam. Es ist eine schreiende Unverschämtheit, einfach empörend, und wenn sie denken, dass sie mir das antun können – oho, ich werd’s ihnen zeigen, ich werd’s ihnen schon zeigen. Von Mrs. Ballard kann man ja nichts anderes erwarten – aber Vater, wie kann er so etwas zulassen? Ist er denn ein Pantoffelheld? Warum lässt er sich denn alles gefallen?

Jolly, nunmehr ein erwachsener Hund, ergriff kläffend die Flucht, und Beatrice murmelte, dass alle Männer gleich seien. »Vielleicht muss dein Papa nachgeben, weil er am Weekend aufs Gut gehen will.«

»Was hat das Gut damit zu tun?«

»Niente, niente, Madonna mia, Beatrice sagt gar nichts, du bist zu jung, bambina, um so was zu verstehen. Du musst jetzt an dich selbst denken.«

»Darauf kannst du dich verlassen«, sagte Ann.

Es war nicht ihre Schuld, wenn die Borniertheit ihrer Mutter sie hie und da zwang, kleine diplomatische Notlügen anzuwenden. Und wenn Mrs. Ballard nicht so neugierig und indiskret gewesen wäre, dann hätte sie den Brief nicht gelesen, den Angelina hastig hinkritzelte und zwischen den Zeitschriften auf dem Tisch in der Eingangshalle liegen ließ. Dieser Brief war adressiert an J.W.O’Shaughnessy, Esquire – kein Schuljunge mehr, sondern ein Bremser auf der Drahtseilbahn. Neuerdings hatte Angelina ihr Talent für wirkungsvolle Briefe entdeckt, und die Epistel, die Mrs. Ballard vorfand, war von erschreckender Beredsamkeit:

Johnny, mein geliebter Schatz!

Ich denke Tag und Nacht an Dich, ich kann mir nicht helfen, obwohl ich weiß, wie falsch es ist. Ja, liebster Johnny, wir können uns morgen treffen – an unserm üblichen Platz, zur üblichen Zeit. Aber Du musst mir versprechen, Johnny, mich nicht zu drängen und mir keine Angst zu machen und nichts zu tun, was ich Dir nicht erlauben kann.

Deine kleine Annie, für alle Zeit. XXX

PS Jedes kleine Kreuz bedeutet – Du weißt schon, was – und morgen gibt’s mehr davon.

Die Bremser der Drahtseilbahn waren bekannt für ihre Stärke und ihre Liebschaften, und es geschah nicht selten, dass junge Damen von guter Familie sich in einen Skandal mit einem der gut aussehenden Burschen verwickelt fanden. In solchen bedauernswerten Fällen war es üblich, das dumme junge Ding auf Reisen zu schicken, nach Chicago oder New York oder, wenn die Familie sich das leisten konnte, sogar nach Europa, von wo die Missetäterin nach einer Weile frisch poliert, kulturgesättigt und viel zu verfeinert für die primitiven Reize eines Bremsers zurückzukehren pflegte. Auch Caroline Bensinger war aus keinem andern Grund nach Lausanne verschifft worden, und was hab ich dir gesagt, meine Liebe, seit April ist sie glücklich mit James Brooks II verheiratet, dem jüngeren Sohn der reichen Menlo Park Brooks.

Wie vorhergesehen, hatte Angelinas schlauer Brief sie mit der Zauberkraft eines fliegenden Teppichs von San Francisco bis ins Hotel Bristol in Wien getragen. Johnny hatte seinen Zweck erfüllt. Ich darf nicht vergessen, ihm einmal eine Postkarte zu schicken, dachte Angelina.

»Ja – nun sind wir also hier«, sagte sie.

»Ja – jetzt sind Sie hier«, erwiderte Mr. Ambros nicht übermäßig geistvoll. Und dann, genau wie an jenem unvergesslichen Tag im Musikzimmer, nahm er Angelinas Hand in die seine (zum Glück hatte sie die Geistesgegenwart gehabt, ihren Handschuh auszuziehen) und legte seine andere Hand über die ihre. Und da war es wieder, alles war wieder da, der elektrische Schock, die prickelnde Süße, die Schwere in den Knien, das Verlangen nach mehr davon, mehr, mehr, alles –

»Nettes kleines Hotel –«, sagte Mr. Ballard freundlich.

»Gar kein Vergleich mit unserm Palace Hotel«, sagte Mrs. Ballard.

»Aber es hat cachet«, setzte Maud in ihrem behutsamen Pensionatsfranzösisch hinzu.

»Du kannst das nennen, wie du willst, mir kommt es reichlich schäbig vor. Und ich habe nicht viel Vertrauen in – wie soll ich mich ausdrücken – gewisse notwendige hygienische Einrichtungen«, sagte Mrs. Ballard, unter ihrem Reispuder erröternd.

Mr. Ambros hielt noch immer Angelinas Hand in seinen gefeierten Fingern. Auf der Überfahrt hatten sie einen gewissen Mr. Hopper kennengelernt, Clyde Hopper, gute zwei Meter groß, ein Zwei-Zentner-Engländer mit rotblondem Haarschopf über der gerillten Stirn; ein toller Bursche, voll von Späßen, Kraft und abenteuerlichen Geschichten. Er hatte Teepflanzungen in Ceylon und interessierte sich sehr für das schöne jüngere Ballard-Mädel. Da Hopper sozusagen den Haupttreffer unter den verfügbaren Herren an Bord der S.S. Majestic darstellte, hatte Ann sich seine etwas zu aufdringliche Bewunderung gefallen lassen; jeden Morgen machte sie mit ihm vier Runden um das Deck, jeden Abend tanzte sie mit ihm, und während einer mondbeglänzten Nacht hatte sie ihm gestattet, ihr das oberste Deck zu zeigen. Im dicken schwarzen Schatten des Schornsteins hatte Hopper sie da oben gepackt und gewaltig abgeküsst; zwar fühlte Angelina sich ehrlich abgestoßen durch diesen ungehobelten Angriff, doch lag ein gewisses Vergnügen darin, dass ein Mann ihretwegen so den Kopf verlieren konnte. »Sie vergessen sich, Mr. Hopper«, sagte sie streng. Hopper, plötzlich ganz klein, demütig und bußfertig, bat um Verzeihung und versuchte unbeholfen, ihr klarzumachen, wie dringend sein Bedürfnis nach dem verfeinernden Umgang mit jungen Damen sei, den er so lange entbehrt hatte.

Inzwischen waren Mr. Hopper und Mr. Ballard über ein paar Gläsern gute Freunde geworden, und Mr. Ballard erwähnte, nicht ohne eine gewisse Bewunderung, Hoppers Trinkfestigkeit – (»Das muss man den Engländern lassen, sie verlieren beim Trinken nicht die Haltung«) – und seinen Unternehmungsgeist. Wie es schien, gab es in den Pflanzungen von Ceylon Schwierigkeiten mit irgendeiner Insektenplage, und Mr. Hopper hatte die Vereinigten Staaten besucht, um sich über die Aussichten für Zucker zu informieren. Er hatte Kuba in Betracht gezogen, aber dort gab es beständig Kriege und Aufstände und Revolutionen. Mr. Ballard schlug ihm die Hawaiischen Inseln als ein besseres Terrain für Zuckerpflanzungen vor. Angelina merkte, dass ihre Eltern Mr. Hoppers Bewerbungen ermutigten, und in der Tat sprach allerlei für ihn. Mr. Hopper war Engländer, was schon einen Vorteil bedeutete, und er machte keinen Hehl daraus, dass er sich in den Kolonien ein nettes Sümmchen erworben hatte. Mr. Hopper sprach von Tigerjagden, als ob es sich um Kaninchen gehandelt hätte. Mr. Hopper machte weniger Geschichten um seine Malaria als Vater um seinen gewöhnlichen Schnupfen. Er gab Angelina die drei Meter lange Haut einer Riesenschlange als Souvenir, und er zeigte ihr nachlässig eine Handvoll von Saphiren, deren Sternenlichter er sachverständig im Dunkel seiner Handmuschel aufglänzen ließ: »Nichts Besonderes, bei uns liegen diese Sternchen auf der Straße.« Nach und nach wurde Mr. Hopper zu einer malerisch-romantischen Figur, besonders, wenn Angelina sich ihn als den Herrn einer Horde brauner Sklaven vorstellte, die nichts taten, als für ihn Saphire, so groß wie die Pflastersteine, aufzuklauben. Übrigens war der Kuss, den er ihr mit Gewalt geraubt hatte, keine gänzlich unerfreuliche Erfahrung gewesen.

Es machte Spaß, dass man mit Lächeln oder Schmollen diesen erschreckend starken und mächtigen Mr. Hopper in einen Zustand demütiger Hilflosigkeit versetzen konnte. Mit einem Wort, Angelina fand heraus, dass Mr. Hopper ein Mann war, den sie um ihren winzigen kleinen Finger wickeln konnte, wann immer sie Lust dazu hatte. Doch in dem Augenblick, als Florian Ambros ihre Hand in seine langen, berühmten, hoch bezahlten Finger bettete, hörte Mr. Hopper zu existieren auf, verpuffte wie ein Rauchwölkchen. Ihm muss ich auch einmal eine Ansichtskarte schicken, dachte Angelina.

»Also, das ist Wien«, sagte Mr. Ballard. Sie waren auf dem Weg, Mr. Ambros’ Mutter zu besuchen, die drei Damen und ihre drei kleinen Sonnenschirmchen im Fond des Fiakers zusammengedrängt, während die beiden Herren auf dem Rücksitz versuchten, ihre langen Beine und höflichen Knie unterzubringen.

»Also, so sieht Ihr schönes Wien aus«, sagte Vater mit der Bereitschaft des Reisenden, sich der Sehenswürdigkeiten zu erfreuen. Nun, so sah es aus – und was weiter? Graue Gebäude, die Häuser waren niedrig, und doch lagen die Straßen eng und dunkel im Schatten. In den Parks war eine erstaunliche Ansammlung erstaunlich schlechtrassiger Hunde zu sehen, und in den Straßen herrschte eine überraschende Anzahl eingebildeter Uniformen vor; so zumindest, schien es den amerikanischen Besuchern. Weiche Luft, unscharfe Konturen, die Kastanien standen in kleinen Tümpeln von verblassten, abgefallenen Blüten, und der Schaum der Fliedersträucher sah aus wie sauer gewordene Himbeercreme. »Nicht so lustig, wie ich mir’s vorgestellt habe, Ihr Wien –«, meinte Mr. Ballard ein wenig deprimiert.

»Du lieber Gott, und weshalb sollten wir denn lustig sein?«, entgegnete Florian. »Wir sind ein melancholisches Volk, darum machen wir so viele Witze, besonders über uns selbst. Wir werden so geboren, weise und müde und alt, und unsere Freunde müssen uns schon hinnehmen, wie wir sind, skeptisch und ein bisschen degeneriert.«

Alles machte den gleichen Eindruck von Schäbigkeit, von Abnutzung, alles schien Reparaturen und einen neuen Anstrich zu benötigen, sogar die Gesichter der jungen Menschen. Außerdem war Wien eine schmutzige Stadt. Auch in San Francisco gab es viel Schmutz, aber der Dreck von San Francisco war ganz was anderes; vom Nebel gewaschen, durch die salzige Luft filtriert, vom Wind gefegt, war dieser Schmutz so neu und frisch, als würde er jeden Morgen zugleich mit den Gemüse- und Obstkarren zur Stadt gebracht. Wohingegen man den Wiener Schmutz jahrhundertelang herumliegen gelassen zu haben schien, und je älter er wurde, desto besser schien er den Wienern zu gefallen. Die Kirchtürme und Kuppeln, ganz anders als die in Amerika, hatten kein Fünkchen von Politur, und die Denkmäler in den Parkanlagen, die unauffälligen Fassaden der Paläste sahen abgetragen aus. So als hätte sich niemand die Mühe gegeben, die grüne Patina, die Krusten des Alters davon wegzuputzen.

»Und darf man fragen, wo sich Ihre blaue Donau befindet?«, erkundigte sich Mr. Ballard, und, wahrhaftig, Mr. Ambros wusste es nicht genau.

»Ach, irgendwo da draußen, wo die Füchse sich Gute Nacht sagen. Ich selbst habe sie nie gesehen, aber man sagt, dass sie nicht blau ist, sondern gelb wie Erbsensuppe.«

»Soso. Zumindest hoffe ich, dass man in Wien noch Walzer tanzt?«, meinte Mr. Ballard etwas niedergeschlagen.

»Ja, das ist wohl anzunehmen; während des Jubiläumsmonats wird bestimmt getanzt werden. Da ist zum Beispiel der große Jubiläumsball, der ganze Hof wird da sein, der Adel, die Spitzen der Gesellschaft –« Als er die atemlose Spannung in Mrs. Ballards Gesicht bemerkte, warf Florian nachlässig hin: »Wenn Ihnen was dran liegt, gnädige Frau, kann ich ja Joszi bitten, Ihnen eine Einladung zu verschaffen. Aber ich warne Sie, es wird eine von diesen entsetzlich exklusiven, entsetzlich langweiligen Angelegenheiten sein –«

»Komischer Name: Joszi. Was ist dieser Joszi denn? Ein Zigeuner? Spielt er auch die Geige? Oder ein Vortänzer?«

Florian lachte freundlich in Mrs. Ballards erhitztes Gesicht. »Ja, er hat ein bisschen von alledem, gewissermaßen. Aber eigentlich ist mein Freund Joszi ein Erzherzog, Josephus Albertus, einer der Neffen Seiner Majestät.«

Hierauf folgte ein langes, beeindrucktes Schweigen, bis schließlich Mr. Ballard wieder festen demokratischen Boden unter den Füßen fand: »Man sagt, dass sie alle leichtsinnige Tunichtgute und Frauenjäger sind, eure Erzherzoge?«

»Das stimmt völlig – aber sehr liebenswürdig und sympathisch. Ich bin meinem Freund Joszi sehr zugetan; der versteht wirklich etwas von Musik.«

»Können Sie denn mit ihm reden wie mit gewöhnlichen Menschen?«, fragte Mrs. Ballard verblüfft.

»Und warum nicht? Ich spiele die erste Geige in unserem Streichquartett und er die zweite – wir spielen Kammermusik, jeden Mittwoch, in seinem kleinen Palais.«

O Gott, ich hatte beinahe vergessen, wie wunderbar du bist, Florian, dachte Angelina. Ich möchte dich küssen, gleich jetzt, hier, in diesem Augenblick; das würde dir auch gefallen, nicht wahr? O ja, das würde dir gefallen –

Der Wagen rollte über eine Brücke, die sich über ein übel riechendes, dünnes Gerinnsel in einem übermäßig weiten Flussbett spannte, und weiter, an einem unbeschreiblich lärmenden Markt vorbei, so groß und bunt wie ein Kirchweihfest; sie bohrten ihren Weg durch die dicken, ordinären Gerüche von Zwiebeln und Sauerkraut und Fischen und Käse und faulenden Früchten, und dann hielt der Wagen plötzlich an, und Florian sagte: »Bitte, hier müssen wir aussteigen, meine Mutter wohnt da drüben, und man kann nicht durch den Naschmarkt fahren. Ich muss Sie leider bitten, ein paar Schritte zu Fuß zu gehen.« Etwas bedrückt schürzten die Damen Ballard ihre langen Röcke und trippelten über die Pfützen und schlüpfrigen Pflastersteine und nassen Planken und verfaulenden Abfälle des Marktes. Um sie herum priesen die breithüftigen Marktfrauen ihre Ware an, ein Chor von handelnden, zankenden, streitenden, fremdartig-herben Stimmen. Muskelbeladene Burschen mit tätowierten Armen stießen sich durchs Gedränge, und ein Metzgerjunge, ein halbes Kalb auf seinen Schultern schleppend, hätte beinahe die neuen Sommertoiletten mit Blut bespritzt. Sie fragten sich, auf was sie sich da eingelassen hatten und aus welch obskuren und peinlichen Anfängen ihr eleganter Freund wohl seinen Weg zu den Höhen des Ruhms gefunden haben mochte. Ihre schlimmen Ahnungen wuchsen, als Ambros sie mit einer höflichen Gebärde einlud, durch einen engen Eingang in das vernachlässigte Haus inmitten des Marktes einzutreten. Sie durchschritten einen engen, dunklen Gang, der mit leeren Weinfässern verstellt war und keine andere Beleuchtung hatte als ein rotes Lämpchen unter dem Öldruck einer Madonna; dann kam ein kleiner Hof mit unebenem Pflaster, wo Kisten und Fässer und Schubkarren unordentlich herumstanden. Ein Nussbaum nickte grün über eine verblichene Mauer, bedeckt mit dem Kreidegekritzel von Kindern; die gleichen Zeichnungen in allen Ländern der Welt und von eindeutiger Symbolik, sodass die Damen rasch ihre Augen davon abwandten. Florian jedoch blieb gerade dort stehen: »Hier muss es Ihnen gefallen, nicht wahr«, verkündete er mit einem begeisterten Lächeln. »Wir sind hier im Freihaus, es hat seinen Namen daher, dass in früheren Zeiten niemand verfolgt werden durfte, der sich in seine Mauern geflüchtet hatte. Und dies hier –«, erklärte er in großer Bewegung, als sie einen anderen größeren Hof erreichten, »dies ist der Platz, wo Mozarts kleines Gartenhaus stand. Erinnern Sie sich, Maud? Ich versprach, Ihnen einmal den Ort zu zeigen, wo er die Zauberflöte komponiert hat. Und nun sind Sie wirklich hier; ich kann’s noch kaum glauben.«

Darmowy fragment się skończył.

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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
30 lipca 2024
Objętość:
510 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783037901212
Właściciel praw:
Bookwire
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