Czytaj książkę: «Lebendige Seelsorge 1/2022»

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INHALT

THEMA

Priesterliche Übermacht

Von Johanna Beck

Klerikalismus: Vom Leben und gelebt werden

Von Wolfgang Metz

Die zwei Seiten der ‚Klerikalismus-Medaille‘

Die Replik von Johanna Beck auf Wolfgang Metz

Ja, stürzt die Mächtigen vom Thron, aber setzt euch bitte nicht selbst darauf

Die Replik von Wolfgang Metz auf Johanna Beck

Verletzender Klerikalismus – und der Aufbruch ins Magdalenische Zeitalter

Von Hildegund Keul

PROJEKT

Heraus aus der Welt des Seminars, hinein in das Seminar der Welt

Stimmen zur Priesterausbildung

(Gegen-)Erfahrungen als Spiritualin im Priesterseminar

Von Franziska Loretan-Saladin

Wo Berufung wachsen kann

Hin zu einer neuen Perspektive der Priesterausbildung

Von Christian Hennecke

INTERVIEW

„In einer synodalen Kirche entscheidet keiner alleine.“

Ein Gespräch mit Nathalie Becquart XMCJ

PRAXIS

Klerikalismus und der Synodale Weg

Von Gregor Maria Hoff

Auf der Bühne der Macht

Einblicke in Kölner Abgründe

Von Maria Mesrian

Paternalistische Unterdrückungsfürsorge

Von Ute Leimgruber

Un/doing Co-Klerikalismus

Von Michael Schüßler

SEELSORGE UND DIASPORA: BONIFATIUSWERK

Als Priester im unbedingten ‚Mit-Sein‘ mit den Menschen

Ein Gespräch mit Albert Krottenthaler SDB

FORUM

„Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“

Warum es das Evangelium in Leichter Sprache braucht

Von Dieter Bauer

Ein Dank an Erich Garhammer

Von Christian Bauer, Ute Leimgruber, Matthias Sellmann, Bernhard Spielberg und Hildegard Wustmans

POPKULTURBEUTEL

Shaun schafft das

Von Bernhard Spielberg

NACHLESE

Re:Lecture

Von Ulrich Ruh

Buchbesprechungen

Impressum


Die Lebendige Seelsorge ist eine Kooperation zwischen Echter Verlag und Bonifatiuswerk.

EDITORIAL


Christian Bauer Herausgeber

Liebe Leserin, lieber Leser,

zum Glück gibt es jede Menge nichtklerikaler Priester. Aber es gibt eben auch die anderen. Diejenigen, die mit römischem Kragen oder gar in Soutane herumlaufen, um sich von allen übrigen Getauften abzuheben. Dazu gehören dann auch männerbündische Seilschaften wie das Klerikalmilieu der Kölner ‚Nebelbrüder‘, aber auch entsprechend habitualisierende Ausbildungsformen im Priesterseminar.

Ursprünglich bildete Klerikalismus einen Gegenbegriff zur französischen Laizität. Inzwischen bezeichnet er jedoch vor allem einen Habitus „statusbegründeter Selbstherrlichkeit“ (Rainer Bucher), der zu den wichtigsten systemischen Missbrauchsgründen gehört: „Klerikalismus meint ein hierarchisch-autoritäres System, das auf Seiten des Priesters zu einer Haltung führen kann, nicht geweihte Personen in Interaktionen zu dominieren, weil er qua Amt und Weihe eine übergeordnete Position innehat“ (MHG-Studie). Kurz gesagt: „Klerikalismus ist Pastoralmacht plus ständisches Kirchenbild“ (Michael Schüßler). Oder noch kürzer: „Paternalistische Unterdrückungsfürsorge“ (Ute Leimgruber).

Papst Franziskus kritisiert diesen Klerikalismus wie wohl keiner seiner Vorgänger („Priesterkaste über dem Volk Gottes“). Und er bietet Synodalität, das „gemeinsame Vorangehen“ aller auf dem Weg der Nachfolge, als ein probates Gegenmittel an: Kirche als Societas Jesu einer jesusbewegten Weggefährt*innenschaft, die in ihrem ganzen Sein und Wesen die anbrechende Gottes- und nicht Klerikerherrschaft bezeugt. Nathalie Becquart, die neue Untersekretärin der römischen Synodenbehörde, spricht von der entsprechenden Notwendigkeit, aus einer „klerikalen Kirche eine synodale zu machen“.

Unsere Kirche steht damit vor einem fundamentalen Paradigmenwechsel: Synodalität oder Klerikalismus – das ist hier die Frage. Den weltweit verbreiteten Klerikalismus theologisch besprechbar zu machen, ist ein wichtiger Zwischenschritt auf dem gerade eingeschlagenen Synodalen Weg – die Einladung zu einer beherzten kirchlichen Selbstevangelisierung im jesuanischen Sinne einer geschwisterlich-synodalen Nachfolgekirche ohne ‚Mitbrüder‘ und ‚Hochwürden‘.

Da haben wir noch einiges vor uns, findet Ihr:


Prof. Dr. Christian Bauer

THEMA
Priesterliche Übermacht

Der Klerikalismus und ein überhöhtes Priesterbild spielen im Missbrauchskontext eine äußerst problematische Rolle. Auch ich habe das am eigenen Leib und an der eigenen Seele erleben müssen. Es ist also höchste Zeit für einen radikalen Wandel. Johanna Beck

Ich habe, nachdem ich für zehn Jahre einen sehr großen Bogen um alles Katholische gemacht hatte, gerade meine jetzige Heimatgemeinde entdeckt und begonnen, wieder regelmäßig in die Kirche zu gehen. Nach dem Gottesdienst unterhalte ich mich kurz mit dem Gemeindepfarrer. Er trägt ein schwarzes Hemd mit Priesterkragen. Während unseres Gesprächs fällt mein Blick immer wieder auf sein Kollar und aus irgendeinem Grund – ich kann es mir selbst nicht erklären – steigt in mir eine unbestimmte und unerklärliche Angst auf. Nein, keine Angst, sondern vielmehr Panik. Mein Puls fängt an zu rasen, ich schwitze und mein ganzer Körper geht in den Fluchtmodus. Krampfhaft versuche ich, gegen dieses Gefühl anzukämpfen und mir nichts anmerken zu lassen. Was um alles in der Welt ist nur los mit mir?

KLERIKALER TRIGGER

Heute – einen MHG-Studien-Erkenntnismoment und eine Therapie später – kann ich diese irritierenden Vorfälle viel besser verstehen und einordnen: Kleriker mit Kollar zählen zu meinen ultimativen Triggern. Trigger nennt man in der Psychologie Schlüsselreize, die die Erinnerung an traumatische und häufig verdrängte Erlebnisse aufbrechen lassen und starke psychische und physische Reaktionen auslösen können. In meinem Fall war es der Anblick eines Priesterkragens, der meine für lange Zeit verdrängten Erinnerungen an den geistlichen Missbrauch und die sexualisierten Übergriffe, die ich als Kind und Jugendliche durch einen Priester erleben musste, erweckte und der diese rätselhaften Reaktionen bei mir verursachte.

Aber ich beließ es nicht bei einer rein psychologischen Aufarbeitung, sondern begann parallel dazu, Licht in meinen Fall zu bringen, sagte gegen den Priester von damals vor dem Kirchengericht aus und befasste mich – auch um meinen Fall besser verstehen und einordnen zu können – intensiv mit dem Thema Missbrauch in der katholischen Kirche. Im Zuge dessen kam in mir jedoch eine neue brennende Frage auf: Warum habe ich mich damals nicht gegen diesen Priester gewehrt?

Johanna Beck

Literaturwissenschaftlerin, studiert Theologie im Fernkurs; Mitglied im Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz und im Zentralkomitee der deutschen Katholiken sowie Gastmitglied der Synodalversammlung. Im März erscheint ihr Buch Mach neu, was dich kaputt macht. Warum ich in die Kirche zurückkehre und das Schweigen breche (Freiburg i. Br. 2022).

„OH, WIE GROSS IST DER PRIESTER!“

Die Antwort lautet: Ich wusste zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass ich mich wehren kann, ja darf – schon gar nicht gegen einen Kleriker! Das lag völlig jenseits meiner Vorstellungskraft! Ich bin in einer katholisch-fundamentalistischen Gruppierung aufgewachsen, in der noch in den 90er Jahren ein Priesterbild vorherrschte, das für lange Zeit auch in der gesamten katholischen Kirche gang und gäbe war (und das in bestimmten Kreisen gerade eine beunruhigende Renaissance erlebt).

Priester wurden durch ihre vermeintlich wesensverändernde Weihe den normalen, weltlichen Menschen entrückt und mit dem Nimbus der Heiligkeit, der moralischen Überlegenheit und der Unantastbarkeit versehen. Sie standen in der absolutistischen Kirchenhierarchie ganz weit oben und das Gottesvolk war ihnen zu völligem Gehorsam verpflichtet. Darüber hinaus hatten sie durch ihre uneingeschränkte Pastoralmacht, wie Michel Foucault sie bezeichnet hat, die völlige Herrschaft über die Seelen und den Intimbereich ihrer Gläubigen inne. Das wichtigste Herrschafts- und Kontrollinstrument hierfür war das Bußsakrament, sodass „der Beichtstuhl für die Pastoralmacht fast wichtiger noch als der Altar“ (Bucher, 89) war.

Als ‚Schutzpatron‘ dieses hochproblematischen Priesterbildes gilt Jean-Marie Vianney, der Pfarrer von Ars, von dem folgende Worte überliefert sind: „Oh, wie groß ist der Priester! Wenn er sich selbst verstünde, würde er sterben. Gott gehorcht ihm. […] Nach Gott ist der Priester alles!“ (zitiert nach Benedikt XVI.). Diese klerikalistische Vormachtstellung und dieses sakralisierte und überhöhte Priesterbild stattete die Gottesmänner mit einer immensen und unkontrollierten Machtfülle und somit auch mit umfangreichen Manipulations- und Zugriffsmöglichkeiten aus. All das stellte eine hochproblematische bis gefährliche Kombination dar – wie ich es auch leidvoll erleben musste und es ebenso diverse Missbrauchsstudien in den letzten Jahren bewiesen haben. So führt beispielsweise die MHG-Studie an: „In diesem Zusammenhang wird für sexuellen Missbrauch im Kontext der katholischen Kirche der Begriff des Klerikalismus als eine wichtige Ursache und ein spezifisches Strukturmerkmal genannt. […] Klerikalismus meint ein hierarchisch-autoritäres System, das auf Seiten des Priesters zu einer Haltung führen kann, nicht geweihte Personen in Interaktionen zu dominieren, weil er qua Amt und Weihe eine übergeordnete Position innehat. Sexueller Missbrauch ist ein extremer Auswuchs dieser Dominanz“ (MHG-Studie, Zusammenfassung, 10).

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass ich mich wehren kann, ja darf – schon gar nicht gegen einen Kleriker!

DECKMANTEL

Das überhöhte Priesterbild und der herrschende Klerikalismus sowie die damit einhergehende Männerbündigkeit sind also nicht nur zunehmend mit einer demokratischen Gesellschaft unvereinbar, sondern auch nachweislich mitursächlich für die vielen furchtbaren Missbrauchstaten im Rahmen und im Namen der katholischen Kirche. Zudem immunisierten die klerikalistischen Strukturen und der Priester-Nimbus die Geistlichen sowohl gegen jegliche Kontrolle ihrer Macht als auch gegen jegliche Kritik und Anschuldigungen von außen. Gerade im Missbrauchskontext führte dies erschreckend oft dazu, dass den Betroffenen – wenn sie überhaupt den Mut und die Worte fanden, über ihre Missbrauchserfahrungen zu sprechen – nicht geglaubt wurde oder sie sogar für ihre Aussagen abgestraft wurden, denn „ein Pfarrer tut so etwas nicht“. Zudem weist die MHG-Studie darauf hin, dass „ein autoritär-klerikalistisches Amtsverständnis dazu führen kann, dass ein Priester, der sexuelle Gewalt ausgeübt hat, eher als Bedrohung des eigenen klerikalen Systems angesehen wird und nicht als Gefahr für weitere Kinder oder Jugendliche“ (MHG-Studie, Zusammenfassung, 11). Dies hatte regelmäßig zur Folge, dass Missbrauchsfälle vertuscht und der Schutz des klerikalistischen Systems über den Schutz der Opfer gestellt wurde und die Betroffenen somit an den Rand gedrängt, ihr Schicksal und ihr Leid negiert und sie erneut verletzt wurden.

Angesichts dessen drängt sich mir eine weitere schmerzvolle Frage auf: Was ist das nur für eine Kirche, in der „es nicht so sein“ (Mk 10,43) sollte und in der es dann genau so beziehungsweise noch viel schlimmer gekommen ist? Ich habe darauf zwei Antworten: (1.) All das ist sicherlich NICHT ‚im Sinne des Erfinders‘! (2.) Es kann und es DARF kein ‚Weiter so‘ geben!

Die himmelschreienden Zeugnisse der Betroffenen über die dunkle Seite der katholischen Macht und die Empfehlungen der MHG-Studie, die in diesem Zusammenhang eine grundlegende „Änderung klerikalistischer Machtstrukturen“ sowie „eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Weiheamt des Priesters und dessen Rollenverständnis“ (MHG-Studie, Zusammenfassung, 14) anmahnt, dürfen nicht mehr weiter ignoriert oder gar negiert werden. Vielmehr müssen sie als handlungsleitend betrachtet werden. Ihrer Maxime folgend müssen zum einen die klerikalistischen, absolutistischen und männerbündigen Machtstrukturen in der Kirche endlich aufgebrochen und radikal reformiert werden. Macht und Leitung in der katholischen Kirche müssen generell reduziert, (geschlechter-)gerecht verteilt, kontrolliert, transparent gemacht und partizipativ gestaltet werden. Zum anderen muss das Priesteramt ‚entheiligt‘, vom Sockel geholt, geerdet und bei dieser Gelegenheit am besten generell neu – und natürlich im Zuge dessen auch geschlechtergerecht – gedacht werden.

Die jesuanische Form der Machtausübung dreht die herrschenden, missbräuchlichen Asymmetrien komplett um, denn hier geht es um die Macht der Machtlosigkeit, der Verletzlichkeit, der Augenhöhe und des Dienstes.

EVANGELIUMSGEMÄSSE MACHTFORMEN

In diesem Kontext erweist sich – wie so oft – ein Blick ins Evangelium als besonders hilfreich, denn wenn es um die Machtfrage geht, so ist das Evangelium ein Lehrbuch par excellence: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein“ (Mk 10,43–44). Die jesuanische Form der Machtausübung dreht die herrschenden, missbräuchlichen Asymmetrien komplett um, denn hier geht es um die Macht der Machtlosigkeit, der Verletzlichkeit, der Augenhöhe und des Dienstes. Wobei Dienst natürlich kein bloßes Etikett sein darf, das die eigentliche Macht kaschiert, vernebelt und somit jeglicher Kontrolle entzieht, wie es in der Kirche viel zu lange der Fall war. ‚Dienst‘ muss Ausdruck einer wirklich demütigen, gewaltlosen, menschenfreundlichen und respektvollen Leitungsform sein.

MÖGLICHE AUSWEGE

Einen guten und wichtigen Schritt in die richtige Richtung stellt der Synodale Weg dar, der als Reaktion auf die Ergebnisse der MHG-Studie ins Leben gerufen wurde und dessen Gast-Mitreisende ich bin. Er ist eine der wenigen – und vielleicht letzten – Chancen, grundlegende Veränderungen in der den Machtmissbrauch tragenden DNA der Kirche (vgl. Bischof Heiner Wilmer: „Der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche.“) herbeizuführen. Gerade die fundierten und wegweisenden Texte des Forums ‚Macht und Gewaltenteilung‘ entwerfen eine Kirche, wie sie sein könnte, ja sein sollte. Allerdings sind die Beschlüsse des Synodalen Weges bekanntlich nicht bindend, weshalb es letzten Endes in den Händen der Bischöfe liegt, ob, wie und in welchem Umfang sie die Beschlüsse in den jeweiligen Bistümern umsetzen. Werden sich die Bischöfe also weiterhin an ihre Macht und an verletzende, ungerechte und missbrauchsbegünstigende Strukturen klammern und somit die Botschaft, die sie eigentlich verkünden sollen, weiter verdunkeln? Oder sind sie bereit, sich selbst zu entmachten und an der Gestaltung einer demokratischeren, (geschlechter-)gerechteren, sichereren, evangeliumsgemäßeren und zukunftsfähigeren Kirchenform mitzuwirken? Diese Fragen können allein die Bischöfe beantworten.

So liegt es auch in den Händen von uns Gläubigen, ob wir dieses Machtspiel weiter mittragen und somit am Leben halten oder ob wir den Vertretern des klerikalistischen Systems Kirche schlichtweg die Macht entziehen: Indem wir uns daran erinnern, dass wir alle Würdenträger*innen sind.

Und auch der Theologie kommt in diesem notwendigen Veränderungsprozess eine tragende Rolle zu, denn es bedarf einer gegenwartssensibleren und missbrauchsunanfälligeren Theologie des Amtes: weg von einer gefährlichen Überhöhung, hin zu einer reflektierten Erdung. In diesem Zusammenhang betont der Wiener Pastoraltheologe Johann Pock: „Die Theologie des Amtes braucht eine Ausfaltung und Aktualisierung. Diese muss wegführen vom reinen Blick auf ‚Weiheämter‘ hin zu den Dienstämtern in ihrer Pluralität: Ämter von Frauen und Männern; Ämter mit Weihe, Beauftragung, Sendung; Ämter mit zölibatärer oder anderer Lebensform. Der Ausgangspunkt hat bei der gemeinsamen Taufberufung zu liegen, nicht bei der ‚besonderen‘ Berufung zum Priestertum“ (Pock, 183). Im Zuge dessen wäre es zudem an der Zeit, entklerikalisiertere und inklusivere Liturgieformen zu entwickeln.

Last but definitely not least wäre da die in der gemeinsamen Taufberufung schon angeklungene und nicht zu unterschätzende Rolle des gesamten Gottesvolkes. Denn um Macht innehaben und ausüben zu können, bedarf es auch eines Gegenübers, das dieses ‚Spiel‘ mitmacht und das sich dieser hochproblematischen Machtform freiwillig unterwirft. So liegt es auch in den Händen von uns Gläubigen, ob wir dieses Machtspiel weiter mittragen und somit am Leben halten oder ob wir den Vertretern des klerikalistischen Systems Kirche schlichtweg die Macht entziehen: Indem wir uns daran erinnern, dass wir alle Würdenträger*innen sind. Indem wir uns nicht mehr gehorsam fügen, sondern freimütig Widerstand leisten, uns selbst ermächtigen und gemeinsam für eine bessere Kirche kämpfen – im Wissen darum, dass Gott auf der Seite der Erniedrigten und Ohnmächtigen steht und nicht davor zurückschreckt, „die Mächtigen vom Thron“ (Lk 1,52) zu stürzen.

LITERATUR

Benedikt XVI., Schreiben zu Beginn des Priesterjahres anlässlich des 150. Jahrestages des „Dies Natalis“ von Johannes Maria Vianney; abrufbar unter: https://www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/letters/2009/documents/hf_ben-xvi_let_20090616_anno-sacerdotale.html.

Bucher Rainer, Transformationen der Pastoralmacht, in: Dessoy, Valentin/Hahmann, Ursula/Lames, Gundo (Hg.), Macht und Kirche, Würzburg 2021, 85–102.

Dessoy, Valentin/Hahmann, Ursula/Lames, Gundo (Hg.), Macht und Kirche, Würzburg 2021.

MHG-Studie, Zusammenfassung [Version 13.8.2018]; pdf-upload unter: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2018/MHG-Studie-Endbericht-Zusammenfassung.pdf.

Pock, Johann, Prävention als Ziel der Priester-Aus- und -Weiterbildung. Der Beitrag der Theologie, in: Prüller-Jagenteufel, Gunter/Treitler, Wolfgang (Hg.), Verbrechen und Verantwortung. Sexueller Missbrauch von Minderjährigen in kirchlichen Einrichtungen, Freiburg i. Br. 2021, 162–189.

[Links zuletzt eingesehen am 20.12.2021]

Klerikalismus: Vom Leben und gelebt werden

Ok, ich bin Kleriker. Das lässt sich nicht so einfach ändern und das will ich auch nicht verleugnen. Aber wie klerikal bin ich? Kann ich das eine überhaupt ohne das andere sein? Nach welchem Maßstab darf ich als Kleriker handeln und entscheiden, ohne als klerikal abgestempelt zu werden? Wolfgang Metz

Vor einigen Jahren an einem Freitagabend nach dem Gottesdienst: Nur wenige Wochen zuvor wurde auf Wunsch von Menschen aus unserer Kirchengemeinde die Kommunion unter beiderlei Gestalt im Gottesdienst am ersten Freitag eines Monats eingeführt. Die Ansage dabei war, die Kommunion so zu empfangen, wie es für eine:n die richtige Weise ist: nur in Form der Hostie oder die Hostie in den Kelch einzutauchen oder auch aus dem Kelch zu trinken (natürlich mit dem Hinweis, vorsichtig zu sein).

Nach einem der ersten dieser Gottesdienste kam ein jüngerer Mann auf mich zu und begann eine Diskussion mit mir, dass das so nicht ginge und man das so nicht darf. Die Hostie selbst in den Kelch einzutauchen, sei ganz klar dogmatisch verboten, weil man so die Kommunion nicht gereicht bekommt, sondern sie sich selbst nimmt. Er war dabei ernst und es war ihm wichtig, dass alles richtig gemacht wird.

Ich habe dann eine ganze Zeit mit ihm gesprochen, ihm versucht zu erklären, dass man das so einfach nicht sagen kann, weil man ja den Kelch trotzdem gereicht bekommt, und dass das eine gängige Praxis in unserer Diözese im Allgemeinen und in vielen Kirchengemeinden im Konkreten ist. Er hat immer und immer wieder nur gesagt, dass man das nicht darf und dass das so nicht geht.

(Nur kurz zur Klarstellung: Mir geht es hier nicht um eine dogmatische Diskussion. Dieses Fass soll hier erst einmal keine Rolle spielen und zubleiben. Es geht mir um die handelnden Personen.)

Erst ganz am Ende unseres Gesprächs oder besser gesagt unserer Diskussion vermittelte der Mann den Eindruck, als wäre er zufrieden und beruhigt. Nämlich nachdem ich klarstellte: „Ich sage Ihnen eines: Ich bin hier der Pfarrer und ich habe das zu verantworten – und deshalb wird das so gemacht. Punkt!“

Wolfgang Metz

war schon Landwirt, Rockmusiker, Rettungshelfer und Buchautor. Da er alles nur so halb konnte, ist er Priester geworden. Was er kann, ist ins Kino gehen, Musik hören, Worte finden und überlegen, was das Leben noch an halben Sachen für ihn bereithält. Aktuell ist er halb Pfarrer in Sindelfingen und halb Hochschulseelsorger in Tübingen.

ES KÖNNTE SO EINFACH SEIN

Zwei Dinge haben mich damals ratlos zurückgelassen: Zum einen, dass dieser Mann mich sozusagen in eine Rolle bugsiert hatte, die ich niemals wollte. Nämlich, dass es in einem Dialog bzw. einer Diskussion plötzlich nicht mehr um das bessere Argument und den Inhalt geht, sondern schlicht und ergreifend um den, der am längeren Hebel sitzt. Und zum anderen, dass er sich schlussendlich nur mit dem ‚Argument‘ zufriedengegeben hatte, dass ich als Pfarrer ein Machtwort gesprochen und entschieden habe. Denn das war er nachher wirklich: zufrieden. Er war nicht verärgert, nicht gehässig oder sonst etwas. Er wollte nicht weiterdiskutieren. Er war total freundlich und ist auch weiterhin regelmäßig in den Gottesdienst gekommen. Der Mann hatte mich mit dem Gefühl zurückgelassen, dass er nun genau den Pfarrer hat, den er sich immer schon gewünscht hatte.

Diese Begegnung hat mir aufgezeigt, dass viel darüber gesprochen wird, dass Kleriker klerikalistisch auftreten und handeln, aber wenig davon, dass es auch Menschen gibt, die klerikalistisches Auftreten und Handeln wollen und einfordern, und dabei meine Mitbrüder und mich auf die eine oder andere Weise formen. Ich habe nicht wenige Menschen aus meiner Kirchengemeinde vor Augen, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie immer noch einen Pfarrer wollen, der nicht nur klar sagt, was richtig und was falsch ist, sondern auch, was zu tun und zu lassen ist. Diesen Menschen kann man nichts Schlimmeres antun, als sie in die Selbstverantwortung zu entlassen. Diese Menschen sehnen sich nach Klarheit und nach einer gewissen Art von Einfachheit. Zum Glück gibt es auch viele andere Menschen, aber die Beschriebenen gibt es eben auch.

Es gibt nicht nur die Art von Klerikalismus, die ich als Kleriker ausübe, sondern auch jene Art, die an mich als Kleriker hingetragen wird. Wodurch versucht wird, mich in eine Rolle zu pressen und mich zu erpressen, auf eine gewisse Art und Weise klerikal zu handeln.

Ich möchte mich und meinen Berufstand sicherlich nicht als Opfer darstellen und sagen, dass nicht die Kleriker, sondern vor allem alle anderen am Klerikalismus schuld sind. Aber ich glaube, dass auch das Verhalten einiger Nicht-Kleriker:innen nicht unterschätzt werden darf. Es gibt eben nicht nur die, die sich aufregen, weil der Pfarrer von einem hohen Sockel aus auf sie herunterblickt, agiert und regiert, sondern es gibt ebenso die, die ihn gerne auf diesem Sockel sehen oder ihn auf diesen hochhieven wollen und es auch tun. Letzteres ist für meinen Berufsstand keine Opfersituation, sondern eine gefährliche Versuchung, weil es natürlich toll ist, wenn Leute zu mir emporschauen und ich jemand bin. Es ist auch deshalb eine Gefahr, weil dieses System von oben und unten so schön klar und einfach daherkommt. Darüber hinaus glaube ich, dass jene Versuchung mit dem zunehmenden Priestermangel noch größer wird, denn die wenigen Priester, die noch da sind, werden gehegt und gepflegt. Ihnen wird bewusst oder unbewusst gezeigt, dass sie etwas Besonderes sind und sie werden auf ganz unterschiedliche Weise bewusst oder unbewusst auf den hohen Sockel gestellt.

Was ich sagen möchte, ist, dass die Sache, wie Klerikalismus auftaucht, geformt und gepflegt wird, ungefähr so ist, wie der Beziehungsstatus vieler Menschen: Es ist kompliziert.

ES IST KOMPLIZIERT

Ich bin katholischer Priester und somit Kleriker. Das ist nun mal so.

Wie schon angedeutet und wahrscheinlich allgemein bekannt bzw. gedacht: Im Zusammenhang mit Klerikalismus geht es oft darum, was Kleriker tun, wie sie sich verhalten und gebärden. Und das kommt natürlich auch nicht von ungefähr. Es gibt genügend Aussagen und Beispiele von Mitbrüdern in genau diesem bekannten bzw. gedachten Duktus, bei denen ich mich dafür schäme, Kleriker zu sein.

Zum einen geht mir das aber bei vielen pastoralen Mitarbeiter:innen oder allgemein bei vielen Christ:innen auch so, weil sie sich nicht weniger klerikal gebärden. Und zum anderen geht es sicherlich vielen meiner Mitchrist:innen und Mitbrüdern mit mir in manchen Situationen genauso ….

Früher dachte ich, Klerikalismus sei ein gewisser Habitus und klerikalistisches Handeln gewisse Gesten, Worte und Entscheidungen, die etwas von fehlender Augenhöhe erzählen und von denen ausgehen, die klerikal handeln. Natürlich wird dies meist und leider auch wirklich aus vielerlei schlechten Erfahrungen heraus Klerikern zugeschrieben. Aber, dass es diesen Habitus natürlich genauso unter Lai:innen, Haupt- und Ehrenamtlichen, Frauen und Männern gibt, war mir immer schon klar und dies habe ich leider auch oft genug schon erlebt.

Zum Beispiel erlebe ich eine Kollegin im pastoralen Dienst, die immer eine große Kritikerin gegenüber der kirchlichen Hierarchie und dem Klerikerstand war und ist, die nun aber, als Pfarrbeauftrage in einer Gemeinde, genauso geworden ist wie alles, was sie kritisiert hat und immer noch kritisiert. Ist Klerikalismus vielleicht oft einhergehend mit einer gestörten Selbst- und Fremdwahrnehmung?

Und daran anschließend denke ich an eine Frau von Maria 2.0, die klug und klar, aber auch mit ruhigen und völlig abgeklärten Worten bei einem Interview in einem Fernsehstudio sitzt und Forderungen stellt. Leider bekommen ich bei alldem aber das Gefühl nicht los: Wenn ein Bischof mit diesem Habitus dort genauso sitzen und reden würde … – du würdest ihn zerfleischen.

Oder ich denke an die vielen Haupt- und Ehrenamtlichen, Männer und Frauen, die ich schon getroffen habe, die durch manch schlechte Erfahrung mit Kirchenmenschen (oft völlig nachvollziehbar) frustriert sind, sich nun aber in ihren Frust suhlen oder vielleicht einfach nicht mehr herausfinden und leider über die Zeit hinweg auch nicht besser mit ihren Mitmenschen umgehen und dadurch ihre schlechten Erfahrungen einfach weitertragen.

Diese Liste könnte ich noch lange weiterführen und wahrscheinlich kennt jede:r, wenn sie oder er nachdenkt, solche Bespiele. Wenn wir all diese Erfahrungen und Situationen zusammentragen würden, würden sich vielleicht viele davon ähneln, aber noch mehr würden sich unterscheiden, weil es sich hierbei meistens um ein Konglomerat aus Überzeugungen, Erfahrungen und Gefühlen handelt. Vielleicht ist das auch ein Haken in der ganzen Diskussion um Klerikalismus. Jede:r denkt, dass es doch völlig klar ist, um was es da geht. In Wirklichkeit vermischen viele einfach die eigenen Erfahrungen mit ihren Idealen und nennen den Frust, den sie dann anderen (manchmal auch vorschnell) vor die Füße werfen, so.

‚Klerikalismus‘: Dieses Wort ist ein Kofferwort. Jede:r packt das hinein, was er oder sie will, kann und meint: Machtgehabe, fehlende Augenhöhe, Klerikergedöns, verletzter Stolz, Kirchenpolitik, manchmal auch nur die eigene Befindlichkeit, weil man den Pfarrer oder die Mesnerin oder die fromme, schlesische Kirchenbesucherin nicht mag bzw. was er oder sie zu einem gesagt hat oder sagt oder getan hat oder tut. Ja, es gibt Klerikalismus, aber genauso gibt es Laiismus, Ehrenamtswichtigtuerei und pastorale Enge, die daraus resultieren. Es gibt die Menschen, die hinter jedem gesprochenen Wort eines Klerikers eine unerhörte Aussage suchen und es gibt die, die so verängstigt sind, dass sie sich auf gar keine Diskussion mehr einlassen können. Dies alles wird im gleichen Koffer zusammengeworfen, der unter dem Stichwort ‚Klerikalismus‘ zugeklappt, abgeschlossen und umhergetragen wird.

ES KLINGT EINFACH, IST ABER KOMPLIZIERT

Viele von uns haben ganz persönliche Verletzungen, haben ihre ganz persönlichen Schutzmechanismen und ihre persönlichen Sockelerlebnissen. Nach all dem Geschriebenen ist und bleibt aber die Frage, ob mich diese Verletzungen, Schutzmechanismen und Sockelerlebnisse vor einer Form des Klerikalismus bewahren oder ihn steigern? Ich weiß nicht, ob es auf diese Frage eine einfache und pauschale Antwort gibt. Aber ich weiß, dass es in alldem darum geht, wie wir grundsätzlich in dieser Kirche und auch sonst miteinander umgehen.

Dafür nochmals eine beispielhafte Begebenheit: Als ich Geistlicher Diözesanleiter der KjG (Katholischen jungen Gemeinde) Rottenburg-Stuttgart war, wurde ich anfangs immer wieder von einer lieben, ehrenamtlichen Kollegin in der Diözesanleitung darauf hingewiesen, dass es total wichtig sei, dass ich mit den Ehrenamtlichen immer freundlich und korrekt umgehe. (Ich hoffe und glaube, dass dies eine allgemeine Information war, weil es ihr wichtig war, dass ich von Anfang an richtig eingespurt werde. Aber vielleicht täuscht mich hier auch meine eigene Selbstwahrnehmung.)

Nachdem ich das von ihr dreimal gehört hatte, habe ich frech dagegengehalten und sie gefragt, was dies denn im Umkehrschluss dann heißt? Dass ihre wiederholte Aussage sowohl redundant und auch ziemlich einseitig sei. Ist es dann im Gegenzug egal, wie die Ehrenamtlichen mit mir als Hauptamtlicher umgehen? Entweder haben wir als Christ:innen eine grundlegende Art und Weise, wie wir miteinander umgehen oder eben nicht. Darüber hinaus sagte ich ihr dann auch, dass ich die Unterscheidung von Ehren- und Hauptamt in diesem Zusammenhang für grundsätzlich falsch halte.

Wir werden nie aus der Nummer herauskommen, dass wir aus verschiedensten Anstellungsverhältnissen oder Leitungspositionen heraus aufeinandertreffen und zusammenarbeiten. Dies wird immer vorgegeben sein und dabei ist es egal, ob wir Lehrer:innen in der Schule sind oder im Fußballverein spielen oder mit der Familie unterwegs sind oder uns ehrenamtlich im kirchlichen Binnenraum engagieren. Wir haben einfach unsere unterschiedlichen Rollen und Positionen.

Viele Menschen sind von ihren (leider oft schlechten) Erfahrungen geprägt und werden in ihren Begegnungen dadurch vorbelastet. Eine meiner Hauptfragen bleibt deshalb: Wie können wir es verhindern, dass unsere inneren Schubladen, die von diesen Erfahrungen angefüllt sind, unser Zusammentreffen und Zusammenarbeiten mit unterschiedlichsten Menschen von vornherein vergiften?

Für mich ist die erste Frage nicht die nach der Unterschiedlichkeit, ob Kleriker oder Lai:in, Mann oder Frau, ehrenamtlich oder hauptamtlich, oder sonst irgendetwas. Sondern es geht, denke ich, erst einmal darum, was uns allen gemein ist. Auf welcher Grundlage und mit welcher Grundhaltung begegnen wir einander? Ich glaube, das folgende Gedicht legt hierfür im jesuanischen Sinne eine Spur und zeigt zugleich schon in seiner Überschrift eine Stolperfalle auf.

Gehen die Worte nur Priester an? Ich denke nicht. So hatte ich sie zumindest nie intendiert. Wenn es ein gemeinsames Priestertum gibt, dann resultieren daraus nicht nur gemeinsame Rechte, sondern auch gemeinsame Grundsätze, wie ich den jeweils anderen, unabhängig von seiner Position und seinem Verhältnis zu mir, sehen und behandeln sollte.

Was wäre, wenn ich die andere nicht oft, nicht manchmal, sondern immer spüren lassen sollte, dass sie geliebt ist. Wenn schon nicht von mir, dann zumindest von Gott.

Das klingt jetzt nach einer hübschen pastoralen Floskel und nach einer einfachen und ein wenig billigen, frommen Antwort. Aber dies ist, wenn es ernst gemeint wird, alles andere als einfach und floskelhaft oder billig. Es klingt einfach, ist aber kompliziert. Aber es wäre, denke ich, ein guter erster Schritt gegen jegliche klare und unklare Form von Klerikalismus.

Ein Versuch wäre es wert, fände ich …

priesterlich

du bist der fels

um allen klar zumachen

auf sie einzureden

und sie erfahren zu lassen

dass sie

jenseits dessen

was sie getan oder gesagt haben

unabhängig

ihrer herkunft

sexualität oder hautfarbe

in allem

was sie sagen können

oder verschweigen müssen

trotz allem

was andere ihnen eingeredet haben

oder einreden werden

in allem

und durch alles hindurch

ohne jede einschränkung

felsenfest

geliebt sind

amen!

(aus: Wolfgang Metz, brannte uns nicht das herz? Gedichte, Würzburg 2020, 77)

Die zwei Seiten der ‚Klerikalismus-Medaille‘

Die Replik von Johanna Beck auf Wolfgang Metz

Lieber Wolfgang,

ich war sehr gespannt, was Du schreiben würdest! Wir haben uns ja im Vorfeld unseres ‚gemischten Doppels‘ (zum Glück ohne Kollar) kennengelernt und uns über tausend interessante Dinge ausgetauscht – aber eigentlich gar nicht über unser Auftragsthema.

Umso mehr freut es mich, dass wir zwar aus völlig unterschiedlichen Positionen, Rollen und Erfahrungen heraus schreiben, aber doch immer wieder auf ähnliche Punkte zu sprechen kommen. Darüber hinaus benennst Du weitere Aspekte, die ich in meinem Text nicht aufgeführt habe, aber eigentlich – gerade im Kontext der Missbrauchsproblematik – für sehr wichtig erachte und auf die ich nun in meiner Antwort noch etwas genauer eingehen möchte:

Du schilderst, wie der Klerikalismus von verschiedenen Gläubigen an Dich herangetragen, ja geradezu eingefordert wird. Dies verweist auf einen großen Problembereich, der bei der Aufarbeitung des Missbrauchsabgrundes nach wie vor viel zu wenig Beachtung findet und für den noch viel stärker sensibilisiert werden muss: der Co-Klerikalismus unter den Lai*innen.

Den inzwischen zahlreichen Studien zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche und den erschreckenden Zeugnissen Betroffener ist immer wieder zu entnehmen, dass die Täter zwar in der Regel Kleriker waren, es daneben aber auch zahlreiche stumme Kompliz*innen, Ermöglicher*innen und Vertuscher*innen unter den Nichtgeweihten gab: Eltern, die ihren Kindern nicht glauben konnten oder wollten, weil es doch der Pfarrer war, der da beschuldigt wurde. Erwachsene Bezugspersonen, die die Hilferufe der Kinder einfach ignorierten. Leiter*innen, die ihre Schützlinge für ihre Aussagen ohrfeigten. Kirchenverantwortliche, die sich ebenfalls an der Vertuschung der Taten beteiligten. Oder, um den Bostoner Betroffenenanwalt aus dem Film Spotlight zu zitieren: “If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse one.” Man muss also, was die Sensibilisierung und die dringend notwendigen Veränderungen angeht, an beiden Seiten der ‚Klerikalismus-Medaille‘ ansetzen: Bei den Klerikern selbst UND bei den Lai*innen. Natürlich müssen die priesterliche Macht beschränkt und kontrolliert, das Priesterbild entgiftet und die Kleriker dazu bewegt werden, ihr Amtsverständnis immer wieder zu reflektieren und den Versuchungen des Klerikalismus zu widerstehen. Aber darüber hinaus muss man auch die Lai*innen zu einer kritischen Reflexion animieren, das Priesterbild in den Köpfen mancher Nicht-Geweihten abwandeln, sie zu mehr Mündigkeit, Selbstbestimmtheit und Freiheit im Glaubensleben ermutigen und sie vor allem immer wieder an die heikle Rolle des Co-Klerikalismus im Missbrauchskontext erinnern.

Auch die von Dir beschriebene Tendenz der Lai*innen, die immer weniger werdenden Priester zu ‚pampern‘ halte ich für äußerst problemverstärkend. Umso notweniger ist es auch, dass es Priester – wie Dich – gibt, die auf solche Tendenzen mit Befremden reagieren und sich ihnen bewusst widersetzen (auch wenn sie manchmal geradezu in diese Richtung gedrängt werden, wie Du schreibst).

Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt in Deinem Beitrag, auf den ich etwas intensiver eingehen möchte, denn wir kommen tatsächlich zu einer sehr ähnlichen Schlussfolgerung: Wenn es um Macht- und Umgangsformen (bzw. deren Reformen) in der katholischen Kirche geht, müssen wir radikal vom Evangelium her denken! Alle – egal welchen Titel sie tragen oder welches Amt sie innehaben – müssen ihre Macht der Botschaft des Evangeliums gemäß ausüben. Es geht, wie Du auch betonst, um eine Grundhaltung und ein Verhalten „im jesuanischen Sinne“, um eine Liebe zum Nächsten, die sich auch aus dem eigenen Geliebt- und Angenommensein durch Gott speist.

Aber ein bisschen Widerspruch muss natürlich auch sein: Wenn Maria 2.0-Vertreterinnen in der Öffentlichkeit selbstbewusst, klar und ruhig Forderungen stellen, dann empfinde ich das nicht als eine dem Klerikalismus ähnliche Machtdemonstration, sondern vielmehr als einen wichtigen und guten Akt der Selbstermächtigung, mit der deutlich gegen eben jene klerikalistischen Glasdecken angehämmert wird. Mir ist jedoch bei Deinen Schilderungen eines ‚bischöflichen‘ Maria 2.0-Interviews ein Gedanke gekommen: Ich habe das von Dir angeführte Bild einfach einmal umgekehrt, weitergesponnen und mir vorgestellt, wie ein Bischof in einem Fernsehinterview klar, ruhig und bestimmt die Forderungen von Maria 2.0 verkündet – und DAS würde einer Kirche und einem Bischof, wie ich sie mir wünschen würde, doch SEHR nahekommen! Ich freue mich jedenfalls auf einen weiteren Austausch und auf weitere Diskussionen mit Dir. Liebe Grüße

Johanna

Ja, stürzt die Mächtigen vom Thron, aber setzt euch bitte nicht selbst darauf

Die Replik von Wolfgang Metz auf Johanna Beck

Liebe Johanna,

danke für das Teilen deiner sehr persönlichen und schmerzhaften Erfahrungen.

Danke auch für deine Gedanken, Überlegungen und Forderungen.

Ich kann vieles davon gut nachvollziehen und glaube, dass wir an vielen Stellen dasselbe wollen und hoffen, nur von verschieden Standpunkten aus.

Wo soll ich anfangen? Vielleicht genau dort, wo du auch angefangen hast. Bei der Situation, wenn du einen Kleriker mit Kollar triffst und dich das „ultimativ triggert“. Meine Frage wäre nun: Wäre es eine Hilfe, wenn kein Kleriker mehr ein Kollarhemd tragen würde? Oder lass es mich ein wenig überspitzt sagen: Was dürfte ich als Kleriker noch anziehen und sagen, wenn ich alles weglassen müsste und würde, was irgendjemand aus verschiedensten Gründen antriggern könnte?

Wie gesagt, ich weiß, es ist überspitzt und ich bin nicht objektiv, weil ich Kollarhemdenträger bin. Nicht immer, aber immer wieder. Über die Jahre hinweg ist mir in diesem Zusammenhang alles Mögliche und Unmögliche begegnet. Es gibt die Leute, die mich schief anschauen und innerlich gleich in die rechte Ecke stellen, und die, die mich ansprechen, warum ich nicht im Kollar als Priester erkenntlich bin, und innerlich sogleich als liberalen Wischiwaschi-Typ abstempeln.

Das sind natürlich erst einmal nur Äußerlichkeiten, es ist erst einmal nur die Verpackung. Aber egal, was oder wer da drinsteckt, diese Verpackung bewirkt schon etwas. So wie auch bei dir. Hätte der besagte Priester aus deiner Kindheit immer Karohemd und Jeans getragen (auch eine beliebte und ganz eigene Uniformität bei manchen Priestern), dann wäre das vielleicht jetzt für dich ein Trigger.

Aber so ist es nicht und es ist wahrscheinlich auch nicht so einfach vergleichbar. Deine Worte zeigen mir aber, mit was für einer großen Sensibilität und Wachheit ich als Kleriker mit meiner Kleidung, meinen Gesten und Worten umgehen muss. Ich bin mir nicht sicher, ob es hilfreich ist, immer alles gleich wegzulassen. Aber es ist sicherlich notwendig, dass ich verantwortungsvoll mit dem umgehen muss, was ich nicht weglasse. Gewiss gelingt mir dies nicht immer, aber ich übe mich darin. Versprochen!

Aber egal, was ich anhabe oder nicht: Ich bin und bleibe ein ganz normaler Mensch. Ich stimme dir voll und ganz zu, dass die Überhöhung und Sakralisierung von Priestern, wie deine Geschichte zeigt, viel Unheil gebracht haben und sehr gefährlich für alle Beteiligten sein können. Manche Menschen hätten immer noch gerne Priester, die sakrosankt sind, die immer noch die letzten Bastionen und die letzten tragenden Säulen der societas perfecta darstellen und die für eine Heiligkeit stehen, die sie selbst gerne erreichen würden. In diesem Spiel wird die eine Seite Gefahr laufen, hochmütig zu werden, weil sie alles kann und darf und scheinbar perfekt ist, und die andere Seite ist deprimiert, weil sie ja scheinbar nie so perfekt sein wird. Ist Gott nicht Mensch geworden, um als Mensch unter Menschen zu leben und zu lieben, um gerade dieses Spiel nicht zu spielen?

Natürlich werden wir weiterhin als Kirche eine Institution sein und darin auch eine Struktur mit gewissen Hierarchien haben, und natürlich wird es auch weiterhin Kleriker (vielleicht auch Kleriker:innen) in Leitungsämtern geben. Das ist ja nicht die Frage. Aber die Frage ist, wie wir in diesen Strukturen miteinander umgehen, wie wir mit diesen Strukturen umgehen und wie wir in (möglichst naher) Zukunft diese Leitungsämter nicht in Flaschenhälsen produzieren, sondern auf breite Schultern verteilen. Demokratischer, kontrollierter, transparenter, gleichberechtigter und menschlicher!

Du zitierst Mk 10,43: „Bei euch aber soll es nicht so sein.“ Ich glaube, genau das ist der Punkt und das Maß, an dem wir uns messen müssen. Und zwar alle! Ich würde dahingehend auch noch die Fußwaschung (Joh 13,15) dazulegen wollen: „Ich habe euch ein Bespiel gegeben.“ Ich glaube nicht, dass das heißt, wir müssen dem oder der anderen gegenüber in jeder Begegnung in Ehrfrucht zerfließen. Aber ich frage mich, was wäre, wenn wir unseren Umgang miteinander immer wieder genau mit diesen beiden Stellen reflektieren würden? Ich glaube und hoffe, dass das im Sinne des Erfinders wäre!

Ja, „stürzt die Mächtigen vom Thron“ (Lk 1,52), aber bitte, setzt niemand anderen darauf und setzt euch auch nicht selbst darauf, sonst geht das gleiche Spiel nur mit anderen Protagonist:innen von vorne los.

Ich hoffe und erlebe an vielen Stellen neben allem Ärgerlichen und unerträglich Verknöcherten – Gott sein Dank – auch eine Kirche, die dialogisch und freimütig auf dem Weg ist. Eine Kirche, die männlich und weiblich und alles dazwischen ist. Eine Kirche, die getauft und geweiht ist, aber darüber hinaus genauso Gottes Gegenwart selbstbewusst in unglaublicher Vielfalt sucht und findet und feiert. Von mir aus auch gerne eine Kirche, die manchmal mit Karohemd und Jeans, aber vielleicht manchmal auch hoffentlich unbelastet mit Kollarhemd daherkommt, aber immer pilgernd, nicht besserwisserisch und nicht klerikalistisch, sondern Gott und die Menschen liebend und suchend.

Ich glaube, darin hoffe ich mit Dir zusammen.

Danke!

Herzlichst, Wolfgang

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
139 str. 16 ilustracji
ISBN:
9783429065515
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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