Czytaj książkę: «Aeneis»
Aeneis
Vergil
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Erster Gesang
(Erster Gesang)
Zweiter Gesang
(Zweiter Gesang)
Dritter Gesang
(Dritter Gesang)
Vierter Gesang
(Vierter Gesang)
Fünfter Gesang
(Fünfter Gesang)
Sechster Gesang
(Sechster Gesang)
Siebenter Gesang
(Siebenter Gesang)
Achter Gesang
(Achter Gesang)
Neunter Gesang
(Neunter Gesang)
Zehnter Gesang
(Zehnter Gesang)
Elfter Gesang
(Elfter Gesang)
Zwölfter Gesang
(Zwölfter Gesang)
Impressum
Inhalt
| Erster Gesang | Äneas, im siebenten Jahre nach Trojas Zerstörung umherirrend, wird auf der Fahrt von Sicilien nach Italien durch einen Sturm, den Juno durch Äolus erregte, mit sieben Schiffen aus der zerstreuten Flotte nach Libyen verschlagen, Juppiter tröstet die Venus durch des Sohns Schicksale und sendet den Mercurius, ihm die neu angesiedelten Carthager zu gewinnen. Dem spähenden Äneas begegnet die Mutter als Jägerin und führt ihn, in eine Wolke gehüllt, nach Carthago, wo er Gesandte von den verlorenen Schiffen und freundliche Aufnahme bei der Königin Dido findet. Statt des gerufenen Ascanius kommt Cupido, durch welchen Dido beim Gastmahl für Äneas entbrennt und die Geschichte seiner Irrfahrten verlangt. | |
| Zweiter Gesang | Aneas erzählt Trojas Untergang. Die zum Schein abziehendem Griechen lassen im Lager ein hölzernes Roß, welches die Troer, durch Sinons Betrug und Laokoons Tod bewogen, in die Stadt aufnehmen. Während des nächtlichen Überfalls ermahnt Hector im Traum den Äneas, mit den Götterbildern zu entfliehen. Aneas stürzt dennoch in den Kampf, aber umsonst. Tod des Priamus. Auf der Venus Geheiß kehrt Äneas zum Vater zurück, rettet die Götter und die Seinigen und verliert im Getümmel seine Gattin. | |
| Dritter Gesang | Weitere Erzählung. Aneas, mit zwanzig Schiffen fliehend, wird vom Anbau in Thracien durch ein Wunder geschreckt. Mißdeutung des delischen Orakelspruchs führt ihn nach Creta, wo er seine Bestimmung Italia deutlich erfährt. Weissagung der Harpyien auf den Strophaden. Spiele bei Actium. In Epirus Andromache und der prophetische Helenus, der ihm den Weg vorzeichnet. Fahrt auf Italien zu, die Meerenge vorbei, zu den Cyklopen am Ätna, dann um Sizilien nach Drepanum auf der Westseite, wo Anchises stirbt. Vom Wege nach Italien treibt ihn der Sturm nach Afrika. | |
| Vierter Gesang | Dido vertraut ihrer Schwester Anna ihre Liebe zu Äneas, und denkt an Vermählung, worüber Juno, um den Äneas von Italien zu entfernen, mit Venus unterhandelt. Äneas und Dido auf der Jagd werden durch einen Sturm der Juno in eine Höhle geschreckt. Fama meldet die neue Verbindung dem Gätulerkönig Iarbas, der voll Eifersucht den Vater Juppiter Ammon anruft. Juppiter, zugleich der Schicksalssprüche eingedenk, sendet durch Mercurius dem Äneas Befehl, nach Italien abzugehn. Die heimlichen Zurüstungen merkend, sucht Dido den Äneas durch Vorwürfe und Bitten zu halten, und beschließt, da nichts ihn bewegt, den Selbstmord. Mercurs neue Erscheinung beschleunigt die Abfahrt, worauf die verzweifelnde Dido den gleichsam zu magischem Gebrauch errichteten Scheiterhaufen besteigt und sich des Äneas Schwert in die Brust stößt. | |
| Fünfter Gesang | Äneas, durch Sturm nach Sicilien zum trojanischen Gastfreund Acestes verschlagen, feiert den Todestag des bei Drepanum bestatteten Anchises durch Spiele: Wettrennen zu Schiffe, Wettlauf, Faustkampf, Bogenkampf, Schlachtspiel der Knaben zu Roß. Die Weiber, der Seefahrten müde, und von Juno aufgereizt, werfen Feuer in die Schiffe, die, außer vier verbrannten, Juppiters Regen löscht. Äneas, die Weiber und Schwachen des Volks dort zu lassen geneigt, wird im Traum von Anchises bestärkt, und in Italien mit Hilfe der Sibylla zur Unterwelt zu steigen ermahnt. Nach Erbauung der Stadt Acesta schifft Äneas, von Neptunus begünstigt, nach Italien; auf dieser Fahrt verunglückt der Steuerer Palinurus im Schlaf. | |
| Sechster Gesang | Äneas besucht bei Cumä die Sibylla Deiphobe, die ihm große Kriege weissagt, und zum Gange in die Unterwelt einen goldenen Zweig und Entsündigung wegen des toten Misenus fordert. Als Äneas die Bäume zur Bestattung fällt, zeigen ihm Tauben den Zweig, womit er samt der Sibylla am Avernus hinabsteigt. Vorn mancherlei Grauengestalten. Dann Seelen um Charons Boot, darunter umgekommene Freunde und Palinurus. Nach der Überfahrt: Cerberus; Kinderseelen; unschuldig Verurteilte; Selbstmörder, unglücklich Liebende, mit Dido; edle Krieger, samt Deiphobus. Links den Schlund des Tartarus mit gepeinigten Verbrechern lassend, gehen sie rechts zu Plutos Palast, wo Äneas den Zweig anheftet; dann zu den Frommen in Elysium. Anchises zeigt dem Sohne die Seelen seiner Nachkommen in Alba und Rom bis zu Augustus und Marcellus, und giebt ihm Rat über die bevorstehenden Kriege. Rückkehr durch die elfenbeinerne Pforte. Äneas fährt nach Cajeta. | |
| Siebenter Gesang | Nach Bestattung seiner Amme Cajeta fährt Äneas das Land der Circe vorbei und läuft in den Tiberis, an dessen östlichem Ufer, im Lande des laurentischen Königs Latinus, er aussteigt. Des Latinus Tochter Lavinia war vom Schicksal einem Fremdlinge bestimmt, aber von der Mutter Amata dem Tutulerkönige Turnus verheißen worden. Die Weissagung der Harpyien wird erfüllt. Äneas bittet, während er sich verschanzt, durch Gesandte den Latinus um Aufnahme in sein Reich; der König bewilligt das Gesuch, und beut ihm die Tochter zur Gemahlin. Allecto, von Juno gereizt, entflammt die Amata und den Turnus zur Wut, und erregt einen Kampf der Troer und der laurentischen Hirten. Umsonst widersetzt sich Latinus der Kriegserklärung; Juno selbst entriegelt die Januspforten, und mit Turnus vereinigen sich die benachbarten Völker. Verzeichnis derselben. | |
| Achter Gesang | Turnus ordnet den Krieg in Laurentum. Gesandtschaft an Diomedes um Beistand. Äneas schifft auf des Stromgottes Tiberinus Geheiß zum ausgewanderten Arkadierkönig Euander in Pallanteum, wo künftig Rom gebaut werden sollte, und trifft ihn am Jahrfeste des Herkules, der den Cacus erlegt hatte. Euander giebt ihm vierhundert Reiter mit dem Sohne Pallas zu Hilfe; und Äneas, einen Teil der Seinigen auf dem Strome zurücksendend, geht mit dem anderen, auf Euanders Rat, zu den Etruskern, die, nach Verjagung des Tyrannen Mezentius, einen auswärtigen Führer suchten. Unterdes hatte ihm auf Bitte der Venus Vulkanus Waffen geschmiedet, welche nahe vor dem etruskischen Lager ihm Venus bringt. Beschreibung des Schildes. | |
| Neunter Gesang | Turnus zieht in Äneas Abwesenheit gegen das trojanische Lager; als er die Schiffe verbrennen will, werden sie in Meernymphen verwandelt. In der Nacht übernehmen es Nisus und Euryalus, dem Äneas die Gefahr zu melden, und kommen um. Am Morgen stürmt Turnus das Lager. Erste Kriegsthat des Ascanius. Pandarus und Bitias öffnen das Thor und morden die eindringenden Rutuler. Der heraneilende Turnus erlegt den Bitias, und, von Pandarus im Lager eingeschlossen, auch ihn; doch endlich, da die Menge ihn überwältigt, weicht er nach der Seite des Stroms und schwimmt zu den Seinigen. | |
| Zehnter Gesang | Juppiter schwört, nachdem er Venus und Juno umsonst zur Friedfertigkeit ermahnt hat, daß er ohne Teilnahme den Krieg dem Schicksal überlasse. Fortdauernde Bestürmung des trojanischen Lagers. Unterdes kehrt Äneas aus Etrurien mit Hilfsvölkern in dreißig Schiffen zurück. Die aus Schiffen gewordenen Nymphen melden ihm den Zustand der Seinigen. Kaum gelandet, wird er von den Rutulern angegriffen. Pallas fällt durch Turnus. Indem der rächende Äneas die Feinde schlägt, bricht Ascanius aus dem Lager hervor. Den Turnus der Gefahr zu entziehn, stellt ihm Juno ein Luftbild des Äneas dar; und da er das fliehende in ein Schiff verfolgt, reißt sie das Seil ab und führt ihn ans Ufer von Ardea. Mezentius und sein Sohn Lausus von Äneas erlegt. | |
| Elfter Gesang | Denkmal des erschlagnen Mezentius. Der Leichnam des Pallas wird dem Vater gesandt. Waffenstillstand und Bestattung der Toten. Venulus meldet der Ratsversammlung die Weigerung des Diomedes, und Latinus ist zu Friedensvorschlägen geneigt. Turnus, von Drances gereizt, erbietet sich zum Zweikampf mit Äneas. Auf die Nachricht, daß Äneas anrücke, eilt alles zur Verteidigung. Als Turnus hört, daß die feindliche Reiterei durch die Ebene, und das Fußvolk mit Äneas über die Bergseite vordringe, schickt er jenen die Camilla und den Messapus entgegen, und erwartet selbst den Äneas im Hinterhalt. Diana, welche den Tod ihrer Camilla vorhersieht, sendet als Rächerin die Nymphe Opis. Reiterschlacht. Arruns, der Camilla Mörder, wird von Opis erlegt. Die durch den Verlust der Camilla erschrockenen Rutuler fliehn zur Stadt. Turnus, um zu retten, verläßt den Hinterhalt; Äneas folgt. Weil die Nacht einbricht, verschanzen sich beide vor der Stadt. | |
| Zwölfter Gesang | Turnus, durch die Mutlosigkeit der Latiner bewogen, dringt auf den Zweikampf, wie sehr auch Latinus und Amata ihn zurückhalten. Äneas willigt ein, der Kampfraum wird geordnet, und der Vertrag von Äneas und Latinus beschworen. Juturna, des Turnus Schwester, erregt die Rutuler zu Feindseligkeit; Äneas wird, da er besänftigen will, verwundet und weggeführt; Turnus nimmt teil am Gefecht. Äneas, durch Venus geheilt, kehrt in die Schlacht zurück und sucht den Turnus, welchen Juturna in Gestalt des Wagenlenkers ihm entzieht. Müde des Aufsuchens, bestürmt Äneas die Stadt. Amata erhenkt sich. Dies erfahrend, stellt sich Turnus zum Zweikampf. Der Sieger Äneas, schon zum Mitleid bewegt, erblickt das dem Pallas entrissene Gehenk und tötet ihn. |
Erster Gesang
Äneas, im siebenten Jahre nach Trojas Zerstörung umherirrend, wird auf der Fahrt von Sicilien nach Italien durch einen Sturm, den Juno durch Äolus erregte, mit sieben Schiffen aus der zerstreuten Flotte nach Libyen verschlagen, Juppiter tröstet die Venus durch des Sohns Schicksale und sendet den Mercurius, ihm die neu angesiedelten Carthager zu gewinnen. Dem spähenden Äneas begegnet die Mutter als Jägerin und führt ihn, in eine Wolke gehüllt, nach Carthago, wo er Gesandte von den verlorenen Schiffen und freundliche Aufnahme bei der Königin Dido findet. Statt des gerufenen Ascanius kommt Cupido, durch welchen Dido beim Gastmahl für Äneas entbrennt und die Geschichte seiner Irrfahrten verlangt.
| Waffen ertönt mein Gesang und den Mann, der vom Troergefild' einst Kam, durch Schicksal verbannt, nach Italia und der Laviner Wogendem Strand. Viel hieß ihn in Land' umirren und Meerflut Göttergewalt, weil dau'rte der Groll der erbitterten Juno; | ||
| 5 | Viel auch litt er im Kampf, bis die Stadt er gründet' und Trojas Götter nach Latium führte: woher der Latiner Geschlecht ward, Und albanische Väter, und du, hochragende Roma. Muse, des Grolls Ursachen verkünde mir, welches Gebotes Kränkung die Königin reizte, daß, so viel kreisendes Unheil, | |
| 10 | Sie den frömmeren Mann, so viel zu erdulden der Mühsal, Drängte mit Zwang. So groß glüht himmlischen Seelen der Zorn auf? Uralt blühte die Stadt, die Tyrier bauten, Carthago, Gegen das Italerland fernhin und gegen des Tibers Mündungen, reich an Gewalt, und zu Kriegsanstrengungen trotzig; | |
| 15 | Die, wie man sagt, sich Juno vor allen Landen des Erdreichs, Selbst vor Samos erkor. Hier ruhete jener die Rüstung, Hier das Gespann; daß hier Obherrschaft throne den Völkern, Werd' es vom Schicksal vergönnt, war jetzt schon ihr Streben und Sehnen. Aber ein fernes Geschlecht, aus troischem Blute geleitet, | |
| 20 | Hörete sie, werd' einst umkehren die tyrischen Burghöhn; Dorther stammendes Volk, weitherrschend, und stolz der Bekriegung, Komme zu Libyas Sturz: so roll' es die Spindel der Parcen. Dessen besorgt war Juno; zugleich des vorigen Krieges Dachte sie, welchen vor Troja zur Gunst sie geführet den Grajern. | |
| 25 | Noch nicht waren dem Geiste des Zorns Ursachen entfallen Und der erbitterte Schmerz; tief bleibt in der Seele bewahret Paris richtender Spruch und die Schmach der beleidigten Schönheit, Samt dem verhaßten Geschlecht, und wozu Ganymedes geraubt sei. Durch dies Alles entbrannt, warf über die Flut sie die Troer, | |
| 30 | Was vor der Danaerwut nachblieb und dem grimmen Achilles, Daß sie von Latium ferne sie hielt'; und viele der Jahre Irrten, vom Schicksal verfolgt, sie umher durch alle Gewässer. So mühseliges Werk war des römischen Volkes Errichtung. Kaum zu der Höhe des Meers vom Gesicht des siculischen Landes | |
| 35 | Segelten froh sie dahin, mit dem Erz aufwühlend den Salzschaum; Als Saturnia so, mit unheilbarer Wunde des Herzens, Bei sich sprach: Ich sollte besiegt abstehen vom Vorsatz Und von Italia nicht fern halten den teucrischen König? Ha, mir verbeut das Geschick. Hat Pallas mit Glut der Argiver | |
| 40 | Flotte zu tilgen vermocht und sie selbst in die Wogen zu senken, Blos weil Ajax gefrevelt, der rasende Sohn des Oileus? Selbst, aus Gewölk herschwingend des Donnerers reißende Flamme, Schlug sie die Schiff' auseinander und regt' im Orkane die Wog' auf; Ihn, der hell ausdampft' aus durchschmettertem Busen den Gluthauch, | |
| 45 | Hob sie im Wirbel empor und spießt' an ein scharfes Gestein ihn. Aber ich, die einher der Unsterblichen Königin wandelt, Juppiters Schwester und Weib, mit dem einzigen Volke so endlos Führ' ich den Streit! Wird einer hinfort anbeten der Juno Macht? wird einer mit Flehn dem Altar auflegen Verehrung? | |
| 50 | Als mit entflammeter Brust Saturnia solches geredet, Jetzt in der Stürm' Heimat, die geschart durchraset der Auster, Kam nach Äolia sie, wo in räumiger Höhle der König Äolus kämpfende Wind' und laut aufbrausende Wetter Zähmt durch strengen Befehl und in Band' einschließet und Kerker. | |
| 55 | Jen', unmutigen Sinns, umdrohn mit hohlem Gemurmel Laut ihr Felsenverschloß. Hoch sitzt auf der Zacke besceptert Äolus, sänftigt den Geist und stillt des Zornes Empörung. Thät' er es nicht, Meerwogen und Land' und Tiefen des Himmels Rafften sie traun im Orkane dahin und durchstäubten die Lüfte. | |
| 60 | Doch der allmächtige Vater verbarg sie in dunkeler Felskluft, Dessen besorgt, und den Wall hochtürmender Berge darüber Legt' er und gab den König, der bald nach sicherer Satzung Bändigen könnte den Lauf und bald nach Geheiß sie entzügeln. Diesem nahete jetzt mit flehenden Worten die Göttin: | |
| 65 | Äolus, dir ja gewährte der Götter und Sterblichen Vater, Einzuschläfern die Flut und wieder im Sturm zu erheben: Schau, ein mir feindliches Volk durchwallt den tyrrhenischen Spiegel, Ilion trägt's nach Italia hin und besiegte Penaten, Rege die Winde mit Macht und versenke die Schiff' in den Strudel, | |
| 70 | Oder zerstreu' sie umher und mit Leichnamen decke den Abgrund! Vierzehn hab' ich der Nymphen von auserlesener Schönheit. Welche davon vorraget an Lieblichkeit, Deiopea Sei dir in Ehe gesellt, als eigene Lagergenossin, Daß für solches Verdienst mit dir sie die Jahre der Zukunft | |
| 75 | Leb' und zum Vater dich mache von lieblichen Söhnen und Töchtern. Äolus also darauf: Dir, Königin, sei, was du wünschest, Auszuspähn nur Geschäft, mir ziemt, den Befehl zu vollführen. Du hast diese Gewalt, du Juppiters Huld und den Scepter Mir ja verschafft; du gönnst, an dem Schmaus zu liegen mit Göttern; | |
| 80 | Durch dich ward ich der Stürm' und der Witterungen Beherrscher. Sprach's und zum hohlen Gebirg' hinwendend die Spitze, Schlug' er die Seit'; und die Wind' in tummelndem Schwarm, wo sich Ausgang Öffnete, stürzen hervor und durchwehen die Lande mit Wirbeln. Rasch umziehn sie das Meer und ganz aus dem untersten Grund' auf | |
| 85 | Wühlen es Eurus und Notus zugleich, und, von Regen umschauert, Africus, daß hochher das Gewog' anrollt zu den Ufern. Plötzlich erschallt der Männer Geschrei und der Taue Gerassel, Und die umhüllende Wolk' entreißet den Tag und den Himmel Schnell aus der Teucrer Gesicht; auf der Flut liegt düsteres Nachtgraun. | |
| 90 | Ringsum donnert der Pol, und von Leuchtungen zucket der Äther, Und andrängenden Tod verkündiget alles den Männern. Schleunig sind dem Äneas gelöst von Schauer die Glieder, Und er erseufzt, und beide die Hand' aufstreckend zur Sternbahn, Hebet er also den Ruf: O dreimal selig und viermal, | |
| 95 | Denen vor Trojas Mauern im Angesichte der Väter Nahte das Ziel. Hochherzigster du des Danaervolkes, Daß ich, o Tydeus Sohn, nicht auch in den ilischen Feldern Fallen konnt' und den Geist durch deine Rechte verhauchen! Wo dem Geschoß des Achilles erlag der trotzige Hector, | |
| 100 | Wo der große Sarpedon, wo Simois wild in dem Strudel Helm' und Schilde der Männer und tapfere Leichname hinrollt. Während er so wehklaget, da saust ihm entgegen der Nordsturm, Schlägt ihm das Segel zurück und die Flut zu den Sternen erhebt er. Ruder an Ruder zerkracht; vorn dreht sich das Schiff und den Wogen | |
| 105 | Giebt es die Seit'; und es stürzt das gebrochene Wassergebirg' ein. Dort nun schweben sie hoch auf der Flut, dort sinkenden öffnet Tief die zerlechzende Woge das Land, und es siedet der Schlamm auf. Drei dort rafft und entschwingt auf verborgene Felsen der Südwind, Felsen im Mittel des Meers, die ein Riff der Segeler nennet, | |
| 110 | Schrecklich am Saum aufstarrend der Flut. Drei treibet der Ostwind Auf Untiefen und Syrten, ein mitleidswürdiger Anblick, Malmt sie hinein in den Abgrund und häuft umhügelnde Sandhöhn. Eines, das Lycierfreund hertrug und den treuen Orontes, Faßt ihm selbst vor den Augen ein hoch anrauschender Meerschwall, | |
| 115 | Schlägt auf das Steuer mit Macht und entschüttelt im Schwung den Piloten Häuptlings hinab vom Verdeck; doch es reißt dreimal in die Runde Wirbelnd die Woge das Schiff und verschlingt's in den strudelnden Abgrund. Rings nun schwimmen umher sparsam in unendlicher Meerflut Waffen des Kriegs und Gebälk' und troische Schätz' durch die Brandung. | |
| 120 | Schon des Ilioneus Schiff, das gewaltige, schon des Achates, Auch das den Abas geführt und geführt den bejahrten Aletes, Bändigt der Sturm; und die Fugen gelöst des gewölbeten Rumpfes, Lassen sie feindlichen Guß eingehn durch lechzende Spalten. Unterdes, daß empört machtvoll aufbrauset die Meerflut, | |
| 125 | Und entfesselt der Sturm, gewahrte Neptunus und tiefauf Gähren die Sümpfe des Grunds, und heftig beweget, hervor nun Schaut er im Meer und erhub sein friedliches Haupt aus den Wassern. Ringsum sieht er die Flott' in den Wogen zerstreut dem Äneas, Und von der Flut die Troer umtobt und dem Sturze des Himmels. | |
| 130 | Nicht auch verkannte der Bruder den Zorn und die Ränke der Juno. Zephyrus rief er und Eurus heran; drauf redet er also: So weit hat euch geführt die Vermessenheit eures Geschlechtes? Himmel und Erde sogar selbst ohne Befehl eures Herrschers, Wagt ihr zu mischen, o Wind', und solchen Tumult zu erheben? | |
| 135 | Ha, ihr sollt . . ! Doch das Getöse der Flut zu bezähmen ist besser. Traun, nicht büßt ihr hinfort mit ähnlicher Strafe den Frevel! Eilt mir in schleuniger Flucht und sagt dies euerem König: Nicht ihm gab die Verwaltung des Meers und den furchtbaren Dreizack, Sondern mir selbst das Geschick. Er herrscht in dem grausigen Felsraum, | |
| 140 | Den ihr, Eurus, bewohnt; dort üb' im Palaste den Hochmut Äolus, und in der Winde verschlossenem Kerker gebiet' er! Sprach's, und schnell, wie er sprach, war die schwellende Woge beruhigt, War das Gewühl der Wolken verscheucht und die Sonne gekläret. Auch Cymothoe müht, es müht sich auch Triton, zu schieben | |
| 145 | Ab von dem Felsen die Schiff'. Selbst lichtet der Gott mit dem Dreizack, Öffnet durch Sand und Watten die Bahn und stillet die Meerflut; Und auf schwebendem Wagen durchrollt er die wallende Fläche. Wie wenn in großer Versammlung des Volks sich manchmal ein Aufruhr Hebt und in Grimm anrast der niedrig gesinnete Pöbel; | |
| 150 | Schon sind Bränd' und Steine geschnellt; Wut bietet die Waffen; Wenn dann etwa ein Mann, durch Verdienst ehrwürdig und Tugend, Vortritt, schweigen sie all' und stehn mit gespanneten Ohren; Jener bezähmt durch Worte den Geist und heilet den Mißmut: Also sank das Getöse der Brandungen, als, in die Meerflut, | |
| 155 | Mild vorschauend, der Vater die Ross' am geläuterten Himmel Lenkte zur Fahrt und im Flug' auf entzügeltem Wagen daher fuhr. Doch des Äneas Schar, die ermüdete, eilet den nächsten Strand zu erreichen im Lauf, und zur Libyergrenze gelangt sie. Weit ist zurückgebogen ein Ort, den zum Hafen ein Eiland | |
| 160 | Durch vorliegende Seiten erschafft, wo gebrochen des Meeres Woge zerschellt und hinein in die krümmenden Busen sich spaltet. Links dort drohen und rechts unförmliche Klippen und zwiefach Starrende Felsen empor, woran weit unter den Höhen Ruht die gesicherte See; auch die Ansicht schaudernder Wälder | |
| 165 | Ragt, und schwarzes Gehölz hochher mit grauser Beschattung. Grad' entgegen gewandt ist eine gewölbete Felskluft, Drin süßquellende Flut und Bänk' aus lebendem Felsen; Nymphen zur Wohnung geweiht. Dort hält die ermüdeten Schiffe Gar kein Tau, noch hemmt sie mit hakigem Bisse der Anker. | |
| 170 | Dorthin kommt Äneas, der sieben Schiff' aus der ganzen Menge zusammen gebracht. Sehnsüchtig begehrend zu landen, Steigen die Troer hervor, das ersehnete Ufer gewinnend, Lagern dann am Gestade von Salz hinschmachtende Glieder. Jetzo dem Kiesel zuerst entschlug den Funken Achates, | |
| 175 | Fing in trockene Blätter die Glut, auch trockene Nahrung Fügt' er umher und schwang in dem glimmendem Reisig die Flamme. Ceres Geschenk, von der Woge verletzt, und Geräte der Ceres Langen die Mattgequälten hervor; den geretteten Vorrat Rösten sie schnell an den Flammen und drehn die zermalmenden Steine. | |
| 180 | Aber Äneas indes erklimmt den Felsen und ringsum Sendet er spähenden Blick in das Meer hin, ob er wo Antheus Schaue verschlagen vom Sturm, und Phrygierbarken, ob Capys, Oder die ragende Wehr am Hinterdeck des Caicus. Nirgend erscheint vor den Augen ein Schiff; drei irrende Hirsche | |
| 185 | Nimmt er wahr am Gestad', auch folgt das sämtliche Rudel Hinterwärts und durchäset in langem Zuge die Thäler. Hier sich stellend, ergreift er die fliegenden Pfeil' und den Bogen Schnell mit der Hand; ihm trug das Geschoß sein treuer Achates. Selbst die Führer zuerst, die hoch mit geästeten Häuptern | |
| 190 | Prangeten, streckt er dahin; dann niederes Volk, und verwirrend Treibt er umher mit Geschossen den Schwarm durch buschiges Dickicht. Und nicht ruht er zuvor, bis er sieben gewaltige Leiber Siegreich warf in den Staub und die Zahl gleich machte den Schiffen. Dann zum Hafen gekehrt, verteilt er sie allen Genossen. | |
| 195 | Weine darauf, in Krüge gefüllt von dem guten Acestes Am trinacrischen Strand', und geschenkt vom Helden zum Abschied, Spendet er aus und tröstet die sorgenden Herzen mit Zuspruch: Freunde, wir sind ja bisher nicht ganz unkundig des Leidens! O die ihr Schwereres trugt, auch dies wird enden die Gottheit. | |
| 200 | Selbst der scylläischen Wut seid ihr, und der Würgerin graunvoll Hallenden Klippen genaht; ihr habt die cyclopischen Felsen Kennen gelernt. Faßt wiederum Mut und den zagenden Kummer Bändigt. Künftig vielleicht ist des auch zu denken behaglich. Durch vielfältige Not, durch manche Gefahr der Entscheidung, | |
| 205 | Eilen wir Latium zu, wo ruhige Sitze das Schicksal Darbeut. Dort soll wieder das Reich aufblühen von Troja. Ausgeharrt und euch selbst glückseligen Tagen bewahret! Also redet er Held, und von heftigen Sorgen geängstigt. Zeigt er Hoffnung im Blick, tief birgt er den Gram in der Seele. | |
| 210 | Jene beschicken die Beute der Jagd und ordnen den Festschmaus. Einige ziehn von den Rippen die Haut und entblößen die Glieder; Andre zerschneiden das Fleisch, und das zitternde schwebt an den Spießen: Eherne Kessel stellt mancher am Strand', und pfleget des Feuers. Jetzo erquickt die Speise das Herz, und im Grase gelagert, | |
| 215 | Werden des altenden Weines sie satt und des saftigen Wildprets. Als sie mit Kost den Hunger gezähmt und entfernet die Tafeln, Werden bedaurt in langem Gespräch die verlorenen Freunde: Schwankend in Furcht und Hoffnung erwägt man, ob sie noch leben, Ob sie dem Ende genaht, und nicht mehr hören den Zuruf. | |
| 220 | Aber es klagt Äneas am zärtlichsten, tapfrer Orontes, Dein und des Amycus Los, auch des Lycus grausames Schicksal Weinet er, Gyas den starken zugleich und den starken Cloanthus. Schon war geendet die Klag', als Juppiter hoch in dem Äther Auf das besegelte Meer hinschaut' und die ruhenden Länder, | |
| 225 | Auf die Gestad' und die Völker umher, und vom Gipfel des Himmels, So wie er stand, hinsenkte zu Libyas Reichen die Blicke. Weil sein waltendes Herz von solcherlei Sorgen gedrängt war, Nahte betrübt und genetzt die glänzenden Augen von Wehmut, Venus und sprach: O der du, was Sterbliche schaffen und Götter, | |
| 230 | Lenkst durch ewige Macht und mit donnerndem Strahle sie schreckest, Was hat mein Äneas an dir so Großes zu freveln, Was die Troer vermocht: daß, nach so viel Wehe den Duldern Ganz noch der Erd' Umkreis Italias wegen gesperrt wird? Dorther würden Romaner dereinst, mit den kreisenden Jahren, | |
| 235 | Dorther Führer entstehn aus erneuetem Blute des Teucrus, Welche mit Allherrschaft durch Meer und Länder geböten, Sagtest du. Welch ein Entschluß hat dich, o Erzeuger, gewendet? Hieraus, wann mich betrübte der Fall der gesunkenen Troja, Schöpft' ich Trost, abwägend das Schicksal gegen das Schicksal. | |
| 240 | Jetzo verfolgt die so lange mit Unglück ringenden Männer Stets Unglück. Wann setzst du ein Ziel, Weltherrscher, dem Elend? Konnte ja doch Antenor, dem Schwarm der Achiver entronnen, Tief zur illyrischen Bucht und dem innersten Reich der Liburner Eingehn ohne Gefahr und umlenken den Quell des Timavus: | |
| 245 | Wo er, mit dumpfem Getöse des Bergs, neun Schlünden entrollend, Geht zu brechen das Meer und den Schwall an die Felder emporbraust. Dennoch gründete jener Pataviums Stadt und der Teucrer Wohnungen dort, gab Namen dem Volk und weihete Trojas Rüstungen; Friede nunmehr und behagliche Ruhe beglückt ihn. | |
| 250 | Wir, dein eignes Geschlecht, die zur himmlischen Burg du erhöhn willst, Werden der Schiff' (o entsetzlich!) beraubt und dem Zorne der Einen Bloß gestellt und so weit von den Italerlanden entfernet. Das ist der Frömmigkeit Lohn? so kehrt uns wieder die Herrschaft? Ihr nun lächelte mild der Menschen und Ewigen Vater, | |
| 255 | So wie sein Antlitz Himmel und Witterungen erheitert, Und sanft naht' er der Tochter zum Kuß, dann redet er also: Banne die Furcht, Cytherea; dir bleibt der Deinigen Schicksal Stets unverrückt; schaun wirst du die Stadt und Laviniums Mauern, Die ich verhieß, und erheben den großgesinnten Äneas | |
| 260 | Hoch zu dem Äthergestirn; nicht hat mein Entschluß sich geändert. Er (denn ich kündige dir's, weil noch die Sorge dich naget, Und aus der Fern' aufroll' ich die dunkelen Gänge des Schicksals) Führt einst schrecklichen Krieg in Italia, trotzige Völker Bändigt er und ordnet Gesetz und Mauern den Männern: | |
| 265 | Bis drei Sommer den König in Latium walten gesehen, Und dreimaliger Frost dem bezwungenen Rutuler hinfloh. Aber Ascanius drauf, der jetzt den Namen Iulus Führet, Ilus vordem, als machtvoll Ilios herrschte, Wird durch dreißig Kreise der monatrollenden Jahre | |
| 270 | Weit das Gebiet ausdehnen und weg vom Sitze Lavinums Heben das Reich zur langen mit Kraft befestigten Alba. Drei Jahrhunderte nun wird dort verwaltet die Herrschaft Vom hectorischen Stamm, bis die Priesterin, Tochter des Königs, Ilia, schwanger von Mars, ein Zwillingspaar auf die Welt bringt. | |
| 275 | Froh mit gelblicher Hülle der säugenden Wölfin sich deckend, Wird nun Romulus erben das Volk und mavortische Mauern Aufbaun und die Romaner nach eigenem Namen benennen. Deren Gewalt soll weder ein Ziel mir engen noch Zeitraum; Endlos daure das Reich, das ich gab. Ja die eifernde Juno, | |
| 280 | Die nun Meer und Länder mit Furcht und den Himmel beängstigt, Wird zum Besseren wenden das Herz und begünstigen gleich mir Romas Volk, die Gebieter der Welt, die Togaumwallten. Also gefällt's. Einst kommt mit den schlüpfenden Zeiten das Alter, Wann des Assaracus Haus der berühmten Mycen' und der Phthia | |
| 285 | Knechtisches Joch auflegt und siegreich schaltet in Argos. Dann aus schönem Geschlecht wird blühn der trojanische Cäsar, Der zu den Sternen den Ruhm, zum Oceanus dehnet die Herrschaft. Julius, also benannt vom edelen Ahnen Iulus. Diesen mit östlicher Beute Beladenen wirst du gesichert | |
| 290 | Einst im Himmel empfahn; dann rufen auch ihm die Gelübde. Jetzt wird, ruhend vom Streit, das rauhere Alter sich mildern. Vesta, die grauende Treu, und Remus vereint mit Quirinus, Geben Gesetz. Doch gesperrt mit Eisen und zwängenden Klammern Stehn die gräßlichen Pforten des Kriegs; wild drinnen auf Waffen | |
| 295 | Sitzet die frevelnde Wut, wo in hundert ehernen Fesseln Jen' auf den Rücken geschnürt, graunvoll knirscht blutigen Mundes. Juppiter sprach's, und er sendet den Sohn der Maja vom Himmel, Daß sich öffnen die Land' und die Burg der neuen Carthago Gastlich dem teucrischen Volk, und nicht, unkundig des Schicksals, | |
| 300 | Dido die Grenze verwehr'. Er entfleugt durch die luftigen Räume Mit hinrudernder Schwing' und betritt schnell Libyas Ufer. Schon ist bestellt das Gebot, schon sind sanftmütig der Pöner Trotzige Herzen dem Gott. Vor allen die Königin heget Ruhigen Sinn im Busen und Freundlichkeit gegen die Troer. | |
| 305 | Aber der fromme Äneas erwägt gar vieles die Nacht durch; Jetzt, wie das heilige Licht sich erhob, ausgehend die neuen Gegenden auszuforschen, an welche Gestad' er gebracht sei, Wer sie bewohn' (Einöde ja scheint's), ob Menschen, ob Raubwild, Dies zu erspähn, und den Freunden genau zu berichten, beschließt er. | |
| 310 | Als er die Flott' im Gewölbe des Hains, an gehöhleter Felswand, Unter der Bäume Verschloß ringsher und grauser Umschattung, Sicherte, wandelt er selbst, nur allein von Achates begleitet, Zwei Wurfspeer' in der Hand, die breit vorschimmerten, schwenkend. Noch in der Mitte des Walds begegnete jenem die Mutter, | |
| 315 | Jungfraun gleich an Tracht und Gestalt und gewaffnet wie Jungfraun, Spartische; oder wie rasch Harpalyce, Thracias Heldin, Spornet die Ross' und in Eile dem stürzenden Hebrus zuvorrennt. Denn nach der Jägerin Art, das bequeme Geschoß um die Schultern, Ging sie einher, darbietend das Haar dem zerstreuenden Winde, | |
| 320 | Nackend das Knie und im Knoten die fließenden Schöße gesammelt. Heda, rief sie zuerst, sagt, Jüngling, ob ihr vielleicht hier Meiner Gespielinnen eine gesehn, die irrend umherging, Schön mit dem Köcher geschürzt und dem Fell des fleckigen Luchses, Oder ob schreiend im Lauf sie hemmte den schäumenden Eber. | |
| 325 | Venus sprach's, und darauf gab Venus' Sprößling die Antwort: Deiner Gespielinnen keine vernahm ich oder ersah ich, O, wie nennt dich mein Wort, Jungfrau? Nicht zeigt ja dein Antlitz Sterbliches, noch tönt menschlich die Stimme dir: Göttin, o wahrlich! Schwester des Phöbus vielleicht, zum wenigsten eine der Nymphen! | |
| 330 | Wer du auch bist, sei gnädig und schaff' uns leichter die Arbeit; Und, was doch für ein Himmel uns deckt, welch Ende der Welt uns Schweifende birgt, sag' an. Unkundig der Ort' und der Männer, Irren wir um, die Wind und geschwollene Woge dahertrieb. Dir am Altar soll häufig mein Arm hinstrecken das Opfer. | |
| 335 | Venus darauf: Nicht schätz' ich so herrlicher Ehre mich würdig; Ist doch, Köcher zu tragen, Gebrauch den tyrischen Jungfraun, Und mit dem Purpurcothurne sich hoch die Wade zu gürten. Tyrier schaust du und Pönergebiet und die Stadt des Agenor; Doch sind's Libyergrenzen, ein Volk unnahbar im Kriege. | |
| 340 | Dido waltet des Reichs, die vertrieben vom Bruder, aus Tyros Hierher floh. Lang ist die Beleidigung, lang der Erzählung Umschweif; doch ich erzähle dir kurz die wichtigsten Thaten. Ihr war einst Sychäus vermählt, an phönicischen Auen Überreich, und der Armen in herzlicher Liebe vereinigt, | |
| 345 | Dem sie der Vater zur Braut, die noch jungfräuliche Tochter, Festlich geweiht. Doch der Bruder Pygmalion übet in Tyros Obergewalt, ein Frevler durch schreckliche Greuel verrufen. Bald nun trennete Wut die Erbitterten. Auf den Sychäus Zuckt am Altar der Entweiher, von Gier nach Golde geblendet, | |
| 350 | Zu heimtückischem Morde den Stahl, um die Liebe der Schwester Sorglos. Lange verhehlt' er die That; voll heuchelnder Arglist Täuscht' er der Liebenden Schmerz und log ihr eitele Hoffnung. Aber im Schlummer erschien des unbegrabenen Gatten Eigenes Bild; aufhebend in schrecklicher Blässe das Antlitz, | |
| 355 | Zog er den grausen Altar und die Brust vom Stahle durchbohret, Hell ans Licht, den geheimen Verrat des Hauses enthüllend. Flucht zu beschleunigen rät er, und schnell zu verlassen die Heimat, Und zur Hilfe der Fahrt eröffnet er uralte Schätze Unter der Erd', ein Gewicht unerkundeten Goldes und Silbers. | |
| 360 | Dido, bewegt durch solches, bereitete Flucht und Genossen. Viele versammelten sich aus wütendem Haß zum Tyrannen, Viel' aus heftiger Furcht. Was grad' an Schiffen bereit war, Rafft man zusammen, belädt man mit Gold, Pygmalions Schätze Trägt man, des Räubers, zum Meer. Es treibt ein Weib zu der That an. | |
| 365 | Als sie gekommen zum Ort, wo nun die gewaltigen Mauern Sehen du wirst und die wachsende Burg der neuen Carthago, Handelten jene den Grund, von der That jetzt Byrsa benennet, So viel als umspannen die Stierhaut ihnen vermöchte. Doch wer seid denn ihr? aus welcherlei Gegenden kommt ihr? | |
| 370 | Wohin lenkt ihr den Weg? – Der Fragenden sagte dagegen Seufzend der Held und tief aus der Brust aufziehend die Stimme: Göttin, o wollt' ich vom ersten Beginn fortgehen zum End' hin, Und du hörtest in Ruh' die Erzählungen unserer Mühsal, Eher wird betten den Tag nach verschlossenem Himmel der Abend. | |
| 375 | Uns, von der grauenden Troja, wofern einst eueren Ohren Trojas Namen erscholl, durch entlegene Meere geführet, Warf mit blinder Gewalt der Orkan an die libyschen Ufer. Ich bin Äneas der fromme, dem Feind entriss'ne Penaten Führ' ich in Schiffen daher, mein Ruhm drang hoch bis zum Äther. | |
| 380 | Heim nach Italia streb ich, zum Stamm, der von Juppiter ausging. Zwanzig Schiffe betrat ich und fuhr durch phrygische Woge, Folgend dem Weg des Geschicks, den die göttliche Mutter mir nachwies. Kaum sind sieben zerschlagne von Sturm und Brandungen übrig. Selbst hier darbend und fremd, durchwander' ich Libyas Wildnis, | |
| 385 | Ich, den Europa verstieß und Asia! – Mehr zu bejammern, Gab nicht Venus ihm Raum und bannt' so redend den Kummer: |
(Erster Gesang)
| Wer du auch bist, nicht glaub' ich, verhaßt den himmlischen Göttern Hauchst du belebende Luft, da der Tyrierstadt du genahet. Gehe nur fort und gleich zu der Königin Schwelle begieb dich. | ||
| 390 | Wiederkehr der Genossen und glückliche Landung der Flotte Meld' ich dir, die zur Bucht einführte gewendeter Nordwind: Wo nicht Kunde der Vögel umsonst mir gezeiget die Eltern. Schaue die zweimal sechs in dem Zug frohlockenden Schwäne, Die, den ätherischen Höhen entstürzt, erst Juppiters Adler | |
| 395 | Jagt' in entnebelter Luft; nun erdwärts siehst du im Heerzug Teils sie gesenkt, teils nahend auf schon gesenkte herabschaun. So wie der Heimkehr jene sich freun mit rauschenden Flügeln, Wie sie im Schwarm umringten den Pol und Gesange des Jubels, So ist dir auch Flotte sowohl als sämtliche Jugend | |
| 400 | Teils in dem Port, teils naht sie mit schwellendem Segel der Mündung. Gehe nur fort, und gelenkt, wie der Weg dich führet, den Fußtritt. Sprach's und wendete sich, da erglänzt' ihr rosiger Nacken, Und ambrosischen Locken entatmete süß von dem Scheitel Göttlicher Duft, tief floß das Gewand zu den Füßen hinunter: | |
| 405 | Und ganz Göttin erschien in dem Gange sie. Als er die Mutter Jetzo erkannt, da verfolgt' er die Scheidende also mit Ausruf: Was doch dem Sohne so oft, o du auch Grausame, stellst du Täuschende Gaukelgestalt? Warum nicht darf ich genaht dir Hand einfügen in Hand und Wahrheit hören und reden? | |
| 410 | Also klaget er an und lenket den Schritt zu den Mauern. Venus aber verbarg die wandelnden Männer in Dunkel Und sie ergoß ringsum dichthüllende Nebel, die Göttin, Daß sie zu schaun nicht einer und nicht zu berühren vermöchte, Oder Verzug darböt' und die Absicht forschte des Kommens. | |
| 415 | Selbst gen Paphos enteilt sie erhabenen Ganges und schauet Fröhlich den Sitz, wo der Tempel ihr ragt, und mit sabischem Weihrauch Hundert Altär' aufglühn und frische Bekränzungen atmen. Schleunig indes gehn jene den Gang, wie sie leitet der Fußpfad. Und schon steigen den Hügel sie aufwärts, welcher die Stadt hoch | |
| 420 | Überragt, und das Antlitz der Burg anschauet von oben. Staunend erblickt Äneas den Bau, einst ländliche Hüttlein, Staunend die Thor' und den Lärm und die langgepflasterten Straßen. Glühender Eifer beseelt die Tyrier; einige führen Mauern zum Baue der Burg und wälzen Gestein mit den Händen; | |
| 425 | Andere wählen den Platz für ein Haus und umziehn ihn mit Furchen. [Richter und Obherrn wählen sie schon und den heiligen Rat aus.] Andere graben den Hafen sich aus, noch andere legen Tief dem Theater den Grund, auch ungeheuere Säulen Haun sie aus Felsen hervor, der werdenden Bühne zum Festschmuck. | |
| 430 | So wie Bienen, wann sommert der Lenz, durch blumige Felder Emsigkeit unter der Sonn' umtreibt, die pflegen des Volkes Aufgewachsene Brut, dort andere häufen des Honigs Klarsten Seim und dehnen mit lauterem Nektar die Speicher, Oder empfahn die Lasten der kommenden, oder in Heerschar | |
| 435 | Wehren sie ab die Drohnen, das träge Vieh, von den Krippen, Rastlos glüht das Gewerb', und Thymian duftet der Honig. O glückseliges Volk, dem schon sich erheben die Mauern, Sagt Äneas und schaut zu den luftigen Zinnen der Stadt auf. Mitten hinein, von Nebel umhüllt (o wunderbar klingend!) | |
| 440 | Dringt er und geht in der Männer Gewühl, doch keiner bemerkt ihn. Mitten war in der Stadt ein Hain voll fröhlichen Schattens Wo zuerst die von Sturm und Woge geschleuderten Pöner Jenes Zeichen entgruben dem Ort, daß die Königin Juno Bot, ein Haupt vom mutigen Roß: denn so zu Befehdung | |
| 445 | Tugendlich würd' und leichten Erwerbs viel Jahre das Volk sein. Einen Tempel der Juno erhob die Sidonerin Dido Stattlich allhier, durch Geschenk' und die Macht der Göttin gesegnet. Ehern stieg auf Stufen die Schwell', und eherne Pfosten Ragten empor; dumpf knarrte den ehernen Pforten die Angel. | |
| 450 | Hier zuerst in dem Haine besänftigte neuerer Anblick Jenen die Furch; hier wagte zuerst Äneas die Hoffnung Nahenden Heils und vertraute der Besserung seiner Bedrängnis. Denn als er alles umher im erhabenen Tempel betrachtet, Harrend der Königin dort, da, der Stadt Aufblühen bewundernd, | |
| 455 | Er wetteifernde Hände der Kunst und die Mühe der Arbeit Anstaunt; sieht er gereiht die ilischen Kämpf' in der Ordnung, Jenen Krieg, den der Ruf schon weit ansagte dem Erdkreis, Priamus, Atreus Sohn, und, beiden ergrimmt, den Achilles. Thränend stand er und sprach: O welcher Bezirk ist, Achates, | |
| 460 | Welcher Raum in der Welt nicht voll schon unseres Elends? Schaue den Priamus doch! Auch hier ist Lohn dem Verdienste! Hier sind Thränen dem Leid', und das Herz rührt menschliches Schicksal! Zage nicht mehr, wohl bringt doch einiges Frommen der Ruhm dir! Also sprach er und weidet die Seel' an der eitelen Bildung, | |
| 465 | Viel aufseufzend und netzt mit strömender Zähre das Antlitz. Denn er sah, wie im Streit um Pergamos Höhen die Grajer Dorthin flohn, und sie drängte die troische Jugend, und dorthin Phrygier, und mit Gespann nachjagt Achilles im Helmbusch. Nahe dabei erkennt er des Rhesus Zelte mit Wehmut | |
| 470 | Am schneeweißen Gewand, die im ersten verräterischen Schlummer Tydeus Sohn blutgierig mit häufigem Morde verheerte, Und die entflammeten Ross' abwandt' in das Lager, bevor sie Futter im troischen Land und die Flut gekostet des Xanthus. Auch ist Troilus dort, wie er flieht, nach verlorener Rüstung: | |
| 475 | Unglückseliger Knab', ungleich dem Achilles begegnend! Wie das Gespann ihn entführt, wie am ledigen Wagen er rücklings Hängt und die Riemen noch hält, ihm schleift mit dem Halse das Haupthaar Über den Grund, da den Staub die gewendete Lanze bezeichnet. Ohnweit gehn zu dem Tempel der nicht gleichmütigen Pallas | |
| 480 | Ilische Fraun, hinfliegend das Haar, ein Gewand ihr zu bringen, Demutsvoll und traurig, die Brust mit den Händen zerschlagend; Abwärts dreht sich die Göttin und heftet den Blick auf den Boden. Dreimal hatt' er geschleift um die ilischen Mauern den Hector, Und den entseeleten Leib verkauft' er um Gold, der Pelide. | |
| 485 | O wie beklemmt nun seufzet aus innerstem Busen Äneas, Als er Wehr und Gespann, als selbst er die Leiche des Freundes, Als er den Priamus sah wehrlos ausstrecken die Hände! Ja sich selbst in der Schar der achäischen Fürsten erkennt er, Auch eoische Kämpf' und die Waffen des schwärzlichen Memnon. | |
| 490 | Vorn an dem Schwarm Amazonen mit mondlicher Tartsche gebietet Penthesilea voll Wut und umringt von Tausenden flammt sie, Unter geöffneter Brust umschnallt mit goldenem Gürtel, Kriegrischen Muts, und sie waget den Kampf auf Männer, die Jungfrau. Als dies wundernd betrachtet der Dardanerheld Äneas. | |
| 495 | Als er erstaunt und ganz wie ein Starrender haftet im Anschaun, Wandelt die Königin her, die an Reiz holdselige Dido, Und ihr folgt zu dem Tempel der Jünglinge großes Geleit nach. Wie an Eurotas' Gestad' und auf luftigen Höhen des Cynthus Tanzende Reihn Diana beseelt, sie umdrängen zu tausend | |
| 500 | Hier Oreaden und dort, wildschwärmende, ihr an der Schulter Hängt das Geschoß, und sie raget im Gang vor den Göttinen allen, Heimlich schwillt der Latona von inniger Wonne der Busen: So war Dido zu schaun, so trat sie mit fröhlichem Antlitz Durch das Gedräng', antreibend das Werk und die künftige Herrschaft. | |
| 505 | Jetzt an der Pforte der Göttin, bedeckt vom Gewölbe des Tempels, Saß sie, mit Waffen umschart, auf des Throns hochragendem Sessel. Urteil sprach sie den Männern und Recht; und die Mühe der Arbeit Teilte sie gleich entweder nach Billigkeit oder nach Losen: Als auf einmal Äneas daher im Getümmel des Zulaufs | |
| 510 | Antheus sieht und Sergestus sich nahn, und den tapfren Cloanthus, Auch der Teucrer noch mehr, die der schwarz herzuckende Wirbel Weit in dem Meere verstürmt und an andere Küsten geschleudert. Innig erstaunt er selber zugleich und innig Achates, Freud' im Herzen und Angst, von Begier, die Hände zu drücken, | |
| 515 | Brennen sie, aber es hält Unkunde den Geist in Verwirrung. Hemmend sich selbst nun, spähn sie im hohlen Gewölk, das sie einhüllt, Welches der Männer Geschick, wo die Flott' am Strande sie ließen, Was ihr Begehr, denn es kommen Erlesene jeglichen Schiffes, Freundlichen Sinn zu erflehn, und sie nahn lautrufend dem Tempel. | |
| 520 | Als sie hereingetreten und Anred' ihnen vergönnt war, Hub Ilioneus an, der älteste, ruhigen Herzens: Königin, welcher die Stadt hier Juppiter neu zu erbauen Und mit Gerechtigkeit gab hochherzige Völker zu mildern, Wir, unglückliche Troer, vom Sturm durch die Meere geschleudert, | |
| 525 | Flehn dich an: o wehre den gräßlichen Brand von den Schiffen, Schone des frommen Geschlechts, mit gnädigem Blicke betracht' uns. Nicht ja mit Stahl die Penaten der Libyer frech zu verwüsten, Kamen wir, noch zum Gestad' entwendete Beute zu raffen. Nicht so strotzt von Gewalt, nicht so der Besiegte von Dünkel. | |
| 530 | Westlich lieget ein Land, Hesperia nennt es der Grajer, Uralten Ruhms, durch Waffen gelobt und ergiebigen Boden, Einst vom önotrischen Volke bewohnt, nun heißt es, die jüngern Nannten es Italerland, von Italus Namen, des Führers. Dahin segelten wir, | |
| 535 | Als uns plötzlich im Sturm mit Gewog' aufzeigend Orion Trug auf blinden Morast, und mit ganz ungebändigtem Südwind, Brandungen durch, in Empörung des Meers, bahnloses Geklipp durch, Streuete; wir nur kamen an euere Küste geschwommen. Welch ein Menschengeschlecht? wo wird so barbarischer Sitte | |
| 540 | Heimisch zu werden erlaubt? Gastfreundliches Ufer verwehrt man, Stürmend zum Kampf und verbietet des Erdreichs Saum zu betreten! Wenn ihr die Menschheit denn und der Sterblichen Waffen verachtet, Seid doch gewiß, daß Götter für Recht noch sorgen und Unrecht! König war uns Äneas, dem nicht in Gerechtigkeit Einer, | |
| 545 | Nicht in Frömmigkeit je, noch Krieg und Waffen zuvorging. Wenn den Mann das Geschick uns rettete, wenn er des Äthers Hauch noch genießt, und nicht zu den grausigen Schatten hinabsank; Dann unverzagt; auch soll die zuerst wetteifernde Wohlthat Nie dich gereun. Wohl sind auch in Siculergegenden Städte, | |
| 550 | Rüstungen auch, und berühmt aus troischem Stamme Acestes. Aufzuziehn sei vergönnt die von Sturm zerschlagene Flotte, Und im Gehölz uns Balken zu haun und Ruder zu glätten: Wenn uns Italias Fahrt, in der Freunde Verein und des Königs, Wird, daß Italia wir und Latium fröhlich erreichen. | |
| 555 | Doch wenn geschwunden das Heil, und dich, obwaltender Vater, Libysche Woge verschlang, und die Hoffnung erlosch auf Iulus, Laß in Sicanias Sund uns wenigstens und in die Wohnung, Der wir eben entschifft, und zum König' Acestes zurückgehn. So des Ilioneus Wort; und es murmelte Beifall die ganze | |
| 560 | Dardanerschar. Kurz darauf, ihr Antlitz gesenkt, antwortete Dido: Bannt aus dem Herzen die Furcht, und entschlagt euch, Teucrer, des Kummers. Harte Not und die Jugend des Reichs entpreßten mit Zwang mir Solcherlei Rat, ringsher durch Hut zu beschirmen die Grenzen. | |
| 565 | Wer nicht kennt des Äneas Geschlecht, nicht Ilios Veste, Thaten und Männer zugleich, und den Brand des gewaltigen Krieges? Nein, nicht tragen wir so unempfindliche Herzen, wir Pöner, Nicht so entfernt spannt Sol von der Tyrierstadt das Geschirr an! Ob ihr das große Hesperien nun und saturnische Felder, | |
| 570 | Ob ihr des Eryx Bezirk auswählt und den König Acestes, Werd' ich mit sichernder Hilf' und erfreuendem Gut euch entsenden. Wollt ihr gesellt mir selber euch hier ansiedeln im Lande, Die ich erbau', ist eure, die Stadt. Auf ziehet die Barken, Troer und Tyrier gelte mir gleich ohn' jeglichen Vorzug. | |
| 575 | Wäre doch selbst der König, vom selbigen Sturme gedränget, Euer Äneas allhier! Gleich send' ich Erlesene ringsum An die Gestad' und heiße das äußerste Libyen ausspähn, Ob er in Waldungen irrt, ein Gestrandeter, oder in Städten. Fröhlich der Red', erhoben den Mut wie der tapfre Achates, | |
| 580 | So Äneas der Held; und sofort aus der Wolke zu brechen Brannten sie. Schnell zu Aeneas begann sein treuer Achates: Welcher Entschluß im Herzen, o Sohn der Göttin, erhebt sich? Sicherheit schaust du umher, und Flott' und Freunde gerettet. Einer nur fehlt, der im Schwalle der Flut, wir sahen es selber, | |
| 585 | Niedersank; sonst alles entspricht den Worten der Mutter. Kaum dies hatt' er gesagt, als schnell des umwallenden Nebels Hülle zerreißt und gelöst in offenen Äther sich läutert. Siehe da stand Äneas und strahlt' in der Helle des Tages, Hehr an Schulter und Haupt, wie ein Gott; denn die Zeugerin selber | |
| 590 | Hatt' anmutige Locken dem Sohn und blühender Jugend Purpurlicht und heitere Würd' in die Augen geatmet. So wie das Elfenbein durch Kunst sich verschönet, wie Silber Prangt und parischer Stein in des rötlichen Goldes Umrandung. Drauf zur Königin wandt' er das Wort, und allen ein Wunder, | |
| 595 | Redet' er plötzlich und sprach: Hier schauet mich, welchen ihr suchet, Mich den Troer Äneas, entrafft aus den libyschen Woge. Die du allein dich erbarmend der endlos leidenden Troja, Uns, dem Rest der Danaerwut, da in Meeren und Ländern Alles Geschick wir bereits ausduldeten, darbend an allem, | |
| 600 | Stadt mitteilest und Haus: dir würdigen Dank zu erstattet, Das vermögen wir nicht, noch was auch irgend, o Dido, Vom dardanischen Volk ringsum in die Lande verstreut ist. Götter, wofern des Frommen noch Himmlische walten, wofern noch Irgend Gerechtigkeit gilt, und ein Herz, unsträflich sich fühlend, | |
| 605 | Geben dir würdigen Lohn! O was für glückliche Zeiten Zeugeten dich? von welchen so Edelen, Herrliche, stammst du? Ja so lang' in das Meer noch ein Strom fließt, Schatten die Berghöhn Kreisend umziehn, so lange der Pol noch weidet die Sterne, Soll dir Ehr' und Namen und Ruhm in Ewigkeit bleiben, | |
| 610 | Welches Land auch der Erde mich ruft. – So sprach er, und freundlich Faßt' er Ilioneus an, ihn rechts und links den Sergestus; Andre darauf, auch Gyas den Held, und den tapfren Cloanthus. Tief ob dem Anblick schon war erstaunt die Sidonerin Dido, Mehr ob dem Wundergeschicke des Manns. Jetzt redet sie also: | |
| 615 | Welches Geschick verfolgt dich, o Sohn der Göttin, durch solche Schrecknisse? Welche Gewalt, die den furchtbaren Küsten dich zuwarf? Du bist jener Äneas, den einst an des Simois Strömung Venus die hehre gebar dem Dardanerheld Anchises? Selbst gedenk' ich, wie Teucrus einmal nach Sidon daherkam, | |
| 620 | Fern aus heimischen Fluren verbannt, und mit Hilfe des Belus Suchend ein neues Gebiet. Da verwüstete Belus der Vater Cyprus gesegnetes Land, und herrscht' als Sieger mit Obmacht. Seit den Tagen bereits ist Trojas Jammergeschick mir Und dein Name bekannt, und die Könige dort der Pelasger. | |
| 625 | Selbst er lobte, der Feind, mit erhabenem Lobe die Teucrer, Und sich rühmt' er entsprossen vom altenden Teucrergeschlechte. Auf, ihr Jünglinge, denn, kehrt ein in unsere Wohnung. Mich auch trieb ein gleiches Geschick durch mancherlei Trübsal, Bis es zuletzt das Land mir erkor zum bleibenden Wohnsitz. | |
| 630 | Fremd nicht blieb ich dem Kummer und lernt' Unglücklichen beistehn. Dieses gesagt, führt Dido den Held Äneas zur hohen Königsburg und ordnet ein Fest für die Tempel der Götter. Auch nicht minder indes entsendet sie seinen Genossen Zwanzig Stier' an den Strand und hundert gewaltige Schweine, | |
| 635 | Borstenumstarrt, auch hundert gefeistete Lämmer und Mütter; Als ein Freudengeschenk für den Tag. Aber das innere Haus, voll königlich strahlenden Prunkes, Stehet geschmückt, und sie rüsten den Schmaus in dem mittleren Raume. Teppiche, reich an Gewirke der Kunst und prangendem Purpur. | |
| 640 | Ganz von Silber die Tafeln umblinkt, und, in Golde gemeißelt, Tapferer Ahnen Verdienst, und langgereihete Thaten, So viel Männer herab von des Stamms uraltem Erzeuger. Siehe da heißt Äneas (denn väterlich wallte das Herz ihm) Rasch den Achates zur Flotte hinabgehn, daß er die Botschaft | |
| 645 | Seinem Ascanius bring' und daher zu den Mauern ihn führe. Ganz auf Ascanius ruht die zärtliche Sorge des Vaters. Ehrengeschenke zugleich, aus der fallenden Troja gerettet, Fordert er her: den Mantel, von Gold und Bildungen starrend, Und das Gewand, umbordet mit gelbdurchblühtem Akanthus, | |
| 650 | Einst der Helena Schmuck, der Argiverin, den von Mycenä, Als sie nach Pergamos ging zur unrechtmäßigen Ehe, Jene gebracht, ein Wundergeschenk der Erzeugerin Leda; Auch ein Scepter dabei, das geführt Ilione weiland, Priamus ältere Tochter; dabei ein köstliches Halsband, | |
| 655 | Perlenhell, und die Kron', aus Gestein und Golde gedoppelt. Dies zu beschleunigen, richtet den Gang zu den Schiffen Achates. Neue List nun planet in sinnender Brust Cytherea, Neuen Entwurf: daß Cupido, Gestalt umtauschend und Antlitz, Statt des süßen Ascanius komm', und mit Gaben zu Wahnsinn | |
| 660 | Zünde der Königin Herz und Glut ihrem Herzen entflamme. Denn das schlüpfrige Haus, zweizüngige Tyrier scheut sie; Qual ist die trotzige Juno; es kehrt mit den Nächten der Kummer. Darum redet sie nun dies Wort zum geflügelten Amor: Sohn, mir einzige Kraft, o allein du große Gewalt mir, | |
| 665 | Sohn, der des oberen Zeus typhoische Blitze verachtet, Dir nun nah' ich mit Flehn und bitt' um dein göttliches Wesen. Wie dein Bruder Äneas im Meer um alle Gestade Wogt und irrt, durch den Zorn der unbarmherzigen Juno, Ist dir bekannt, nicht selten betrübte dich meine Betrübnis. | |
| 670 | Den hält Dido nunmehr, die Phönicerin, fesselnd in holder Schmeichelred', und mir graut, wohin sich wende der Juno Gastfreundschaft; nicht säumt sie fürwahr in so großer Entscheidung. Drum mit Listen zu fahn und rings zu umhegen mit Feuer Denk' ich die Fürstin zuvor, daß keinerlei Macht sie verändre, | |
| 675 | Sondern sie fest anhange mit mir dem geliebten Äneas. Wie das schaffen du mögest, vernimm jetzt meine Gesinnung. Zu der sidonischen Stadt, auf den Ruf des teueren Vaters, Trachtet der fürstliche Knabe zu gehn, mein trautester Liebling, Bringend Geschenk, das vom Meer und Trojas Flamme verschont ward. | |
| 680 | Ihn, in betäubendem Schlaf zu Idalions oder Cytheras Luftigen Höhen entführt, verberg' ich in heiliger Wohnung, Daß nicht merken er könne die List, noch begegnen zur Unzeit. Du, nur die einzige Nacht erkünstele seine Gestalt dir Trüglich und schlüpfe vertraut als Knab' in des Knaben Geberde: | |
| 685 | Daß, wenn dich auf dem Schoß sie empfängt, die fröhliche Dido, Unter dem Königsmahl und dem feurigen Trank des Lyäus, Wenn sie hold dich umarmt und zärtliche Küsse dir aufdrückt, Du die verborgene Glut einhauchst, und dein Gift sie berücke. Amor gehorcht dem Worte der trautesten Mutter; die Flügel | |
| 690 | Leget er ab, und wandelt vergnügt in dem Gang des Iulus. Aber Cypria taut dem Ascanius friedsamen Schlummer Über den Leib und hebt ihn, gewärmt im Schoße, die Göttin, Hoch in Idalias Haine, wo schwellender Majoran sanft ihn, Blumengedüft anatmend, in würzigen Schatten umwallet. | |
| 695 | Und schon ging nach dem Worte, die Gab' hintragend des Königs, Amor zur Tyrierstadt und begleitete froh den Achates. Jetzt wie er kommt, hat schon auf prangenden Teppichen Dido Über dem goldnen Gestühl sich gelegt an die Mitte der Tafel. Schon der Vater Äneas, und schon die trojanische Jugend, | |
| 700 | Treten herein; man lagert sich rings auf gebreiteten Purpur. Dienende reichen den Händen die Flut und entheben der Ceres Gabe dem Korb', und bieten das weichgeschorene Handtuch. Fünfzig waren der Mägd' im Palast, die geschäftig den Vorrat Langhin sorgten zu reihn und mit Glut die Penaten umhäuften. | |
| 705 | Hundert andere Mägd', und so viel gleichaltrige Diener, Lasten mit köstlichem Schmause die Tisch' und setzen die Becher. Auch die Tyrier traten herein durch stattliche Schwellen Dichtgeschart, und sie ruhn, auf gezeichnete Polster genötigt. Wundernd schaun sie Äneas Geschenk' und schaun den Iulus, | |
| 710 | Ihn mit entbranntem Gesichte, den Gott, und geähnlichten Worten, Mantel zugleich und Gewand mit gelbumblühtem Acanthus. Aber zumeist die arme, dem nahen Verderben geweihte Pönerin kann ihr Herz nicht sättigen; gierig des Anschauns Brennt sie, vom Knaben zugleich und zugleich vom Geschenke bezaubert. | |
| 715 | Jener, nachdem er Äneas umarmt und am Hals ihm gehangen, Und das begierige Herz dem geheuchelten Vater gesättigt, Eilt zur Königin nun. Mit den Augen an ihm, mit der Seele Haftet sie, oft auch im Schoß erwärmt ihn Dido und weiß nicht, Welch ein Gott ihr genaht, der Elenden. Er, sich erinnernd | |
| 720 | Dein, acidalische Mutter, enthebt des Sychäus Gedächtnis Allgemach und versucht mit lebender Glut zu erobern Ihr längst kühleres Herz und der Seel' entwöhnete Regung. Als zuerst nun ruhten vom Mahl, und entfernet die Tafeln; Stellen sie mächtige Krüg' umher und kränzen die Weine. | |
| 725 | Rauschender wird der Palast, es durchrollt die geräumigen Säle Stimmengetön; schon hangen von goldenen Decken die Leuchter Rundumflammt, und Sieger der Nacht, glühn strahlende Fackeln. Dido verlangt ihr altes, von Gold und Gesteine beschwertes Opfergefäß und füllt es mit Wein: das Belus und alle | |
| 730 | Seit dem Belus gebraucht. Nun schwiegen verstummt die Gemächer. Juppiter, denn dich nennt man des Gastrechts heiligen Hüter: Diesen Tag laß fröhlich den Tyriern, und die von Troja Wanderten, sein; laß dessen noch unsere Enkel gedenken! Sei der erfreuende Bacchus mit uns und die gütige Juno. | |
| 735 | Und, o Tyrier, feiert mit gewogener Seele das Gastmahl! Sprachs und goß auf den Tisch des edelen Trankes zur Weihe, Kostete selbst den geweihten zuerst mit dem Rande der Lippen, Reicht' ihn sodann zutrinkend dem Bitias; und unverdrossen Leert er den schäumenden Kelch aus gefülltem Golde sich letzend. | |
| 740 | Andere Fürsten darauf. Dann schlägt der gelockte Jopas, Er, den Atlas belehrt, der erhabne, die goldene Cither. Dieser besingt Mühsale der Sonn' und Irren des Mondes, Woher Menschen und Vieh, woher Platzregen und Feuer, Auch den Arctur und die feuchte Hyad' und die doppelte Bärin, | |
| 745 | Warum winternde Sonne so rasch zum Oceanus nieder Taucht, und welcher Verzug die säumigen Nächte so aufhält. Beifall klatschen die Tyrier oft, nach folgen die Troer. Auch durch mancher Gespräch' Abwechselung führte die Nacht hin Dido, und trank, ach Arme, in langem Zuge die Liebe, | |
| 750 | Viel um Priamus jenen, und viel um Hector befragend; Dann, mit welcherlei Waffen der Sohn der Aurora gekommen, Dann, wie schön Diomedes Gespann, wie groß der Pelide. Besser, wohlan von dem ersten Beginn, o Fremdling, erzähl' uns, Sprach sie, der Danaer Trug und der Deinigen wechselndes Schicksal, | |
| 755 | Und dein Irren umher. Denn schon der siebente Sommer Trägt dich in irrendem Lauf durch Land und Gewässer des Erdreichs. |
Zweiter Gesang
Äneas erzählt Trojas Untergang. Die zum Schein abziehendem Griechen lassen im Lager ein hölzernes Roß, welches die Troer, durch Sinons Betrug und Laokoons Tod bewogen, in die Stadt aufnehmen. Während des nächtlichen Überfalls ermahnt Hector im Traum den Äneas, mit den Götterbildern zu entfliehen. Äneas stürzt dennoch in den Kampf, aber umsonst. Tod des Priamus. Auf der Venus Geheiß kehrt Äneas zum Vater zurück, rettet die Götter und die Seinigen und verliert im Getümmel seine Gattin.
| Rings war alles verstummt, und gespannt hielt jeder das Antlitz. Drauf vom erhabenen Polster begann der Vater Äneas: Unaussprechlichen Gram, o Königin, soll ich erneuern; Wie die trojanische Macht und die mitleidswürdige Herrschaft | ||
| 5 | Danaer warfen in Staub; was ich selbst anschaute des Elends, Wessen ich selbst nicht wenig ertrug. Wer, solches erzählend, Myrmidon' und Doloper sei's, und des grimmen Ulixes Kriegsfreund, hemmte die Thrän'? Auch eilt die tauige Nacht schon Himmelab, und es laden die sinkenden Sterne zum Schlummer. | |
| 10 | Aber verlangt dich so sehr, zu hören von unseren Leiden, Um ihn kurz zu vernehmen, den endenden Jammer von Troja, Wie auch der Geist vor des Grames Erinnerung schaudernd zurückfährt, Will ich gehorchen dem Wunsch. Kriegssatt, und gehemmet vom Schicksal, Harrten die Danaerfürsten so viel hingleitende Jahre, | |
| 15 | Ein bergähnliches Roß, durch göttliche Kunst der Minerva, Bauen sie jetzt und zimmern mit tannenen Bohlen die Rippen: Als ein Weihegeschenk für die Heimkehr; solch ein Gerücht geht. Hierin bergen sie heimlich vom Los erkorene Helden, Eingesperrt in der Seite Verschluß, und die Höhlungen ringsum | |
| 20 | Durch den geräumigen Bauch sind voll von gewappneten Kriegern. Abreichbar dem Gesicht ist Tenedos, einst ein berühmtes Eiland, blühend und reich, als dauerte Priamus Herrschaft; Jetzo nur Bucht, kaum sicher zum Stand einkehrenden Schiffen. Hieher steuerten jen', und sie birgt das verödete Ufer. | |
| 25 | Wir auch wähnen, sie flohn, und segelten heim gen Mycenä: Und ganz Teukria löset das Herz von der langen Betrübnis. Offen stehen die Thor'; aus fliegt man, das dorische Lager Und die verlassenen Orte zu schaun und den einsamen Meerstrand. Hier der Doloper Zelt', und hier des grausen Achilles; | |
| 30 | Hier war die Flotte gereiht; hier kämpften sie oft in der Feldschlacht. Über der Jungfrau Pallas Geschenk, das verderbliche, staunt man, Wie unbändiger Größe das Roß. Und vor allen Thymötes Rät, in die Mauern geführt, auf die Höhe der Burg es zu stellen; Sei's durch Verrat, sei's weil schon nahete Ilions Schicksal. | |
| 35 | Capys jedoch, und wer von besserem Sinne beseelt ist, Will der Danaer schlauen Betrug und verdächtige Gabe Rasch in die Wogen versenken, wenn nicht, verbrennen mit Feuer, Oder den Bauch ihm durchbohren und die heimlichen Winkel erforschen. Unstät schwanket die Meng' in widerstrebender Neigung. | |
| 40 | Jetzo vor allen zuerst in dem Schwarm nachströmenden Volkes, Rennt, vom Eifer erglüht, Laokoon hoch von der Burg her. Elende, ruft er von fern, welch rasender Wahn, o ihr Bürger? Glaubt ihr hinweggefahren den Feind? und hofft ihr, betruglos Komme vom Danaervolk ein Geschenk? So kennt ihr Ulixes? | |
| 45 | Hier sind entweder geheim in dem Holz verschlossen Achiver, Oder das Rüstzeug ward auf unsere Mauern gezimmert, Hoch in die Häuser zu schaun und der Stadt zu nahen von oben; Oder es birgt sonst Tücke. Dem Roß nicht getrauet, o Teukrer! Was es auch sei, mir bangt vor dem Danaer, bring' er Geschenk auch! | |
| 50 | Sprach's, und erhob mit Gewalt die ungeheuere Lanze, Und in die Seit' und den Bauch, den krummgewölbten des Untiers Schwang er hinein. Sie stand und erbebt'; im erschütterten Schoße Tönete hohl ringsher und erscholl mit Gerassel die Höhlung. Und wenn's Göttergeschick, wenn nicht das Herz so verkehrt war, | |
| 55 | Hätt' er bewegt, sie zu schänden mit Stahl, die argolische Lauer; Troja, du ständest annoch, du dauertest, Priamus Felsburg. Sieh' einen Jüngling indes, die Händ' auf dem Rücken gefesselt Schleppen daher Berghirten mit großem Geschrei zu dem König, Dardaner, welchen er sich, unerkannt den kommenden, willig, | |
| 60 | Daß dies schlau er bewirkt', und öffnete Troja den Grajern, Selbst darbot, hochtrotzig von Geist, und zu beidem gerüstet, Ob zu zerrütten durch Trug, ob sicherem Tode zu allen. Rings in Begierde zu schaun ergießt sich die troische Jugend Stürmisch umher, und sie eifern im Hohn des gefangenen Grajers. | |
| 65 | Jetzo der Danaer Tücke gemerkt, und aus einer Verschuldung Lerne das sämtliche Volk. Denn, wie im schauenden Kreise verwirrt, unbewaffnet, er dastand, Und mit den Augen die Scharen der Phrygier rings umschaute: Welch ein Gefild', ach, rief er, gewähret mir, welch ein Gewässer | |
| 70 | Zuflucht? oder was bleibet zuletzt mir Elenden übrig, Welchen das Danaervolk ausstößt, und welchem dazu noch Selbst hier Strafe mit Blut die erbitterten Dardaner androhn? Dieses Geseufz wandt' allen den Sinn und bändigte allen Ungestüm. Anzeige verlangen wir: wie und woher er, | |
| 75 | Was er bring', und welches Vertraun der Gefangene habe. Alles will ich dir, König, und was auch folge, nach Wahrheit, Spricht er, gestehn; und nicht den argolischen Stamm dir verleugnen. Dieses zuerst. Nie soll, wenn zum elenden Manne den Sinon Unglück schuf, auch eitel und falsch ihn das grausame machen! | |
| 80 | Wenn durch Sage vielleicht vor deinem Ohre der Name Belus Sohn Palamedes ertönete und des Berühmten Herrlichkeit, welchen, um Schein unwahren Verrats, die Pelasger Schuldlos ganz, auf schnöde Verleumdung hin, weil er den Krieg nicht Wollte, zum Tode verdammt, und jetzt den Entschlafnen betrauern: | |
| 85 | Ihm zum Waffengenossen, verwandt durch Nähe des Blutes, Sandt' in früherer Jugend mich her mein dürftiger Vater. Als ungekränkt im Gebot er stand und im Rat der Gebieter Blühete, trugen auch wir noch etwas Namen und Ansehn. Aber nachdem durch den Neid des ränkevollen Ulixes | |
| 90 | (Was ich erzähl', ist bekannt) die obere Welt er verlassen; Schleppt' ich niedergebeugt mein dunkeles Leben in Schwermut Und ich gedacht' unwillig des schuldlos fallenden Freundes. Auch nicht schwieg ich, der Thor, nein, gönnt' es je das Geschick mir, Kehret' ich je obsiegend zurück in die heimische Argos, | |
| 95 | Bot ich zum Rächer mich dar und erbitterte jenen durch Drohung. Nun mir zuerst der Verfall ins Weh; nun stets von Ulixes Neuer Beschuldigung Schrecken gehäuft; nun dunkles Gezische Unter die Menge verstreut, und tückische Waffen gesuchet! Nicht auch ruhet' er ja, bis zuletzt mit Hilfe des Calchas – | |
| 100 | Doch was erneur' ich umsonst so widriger Dinge Gedächtnis, Was noch gesäumt? Wenn alle für eins die Achiver ihr achtet, Und das allein zu hören genügt; flugs übet die Strafe, Dies ja des Ithakers Wunsch, dies lohnen euch reich die Atriden. Jetzo glühn wir entbrannt, zu erspähn und zu forschen die Ursach, | |
| 105 | Unvertraut mit so frevlem Betrug' und pelasgischer Arglist. Ängstlich verfolgt er die Red' und spricht mit heuchelnder Seele: Oftmals wollten in Flucht von Troja scheiden die müden Danaer und sich entziehen des Kampfs langwieriger Arbeit. Hätten sie nur es gethan! Doch oftmals wehrte des Abgrunds | |
| 110 | Düstere Woge sie ab und die gehenden schreckte der Südwind. Aber zumeist, als schon aus Ahornbalken gezimmert Stand dies Roß, scholl rings platzregnender Sturm in dem Äther. Ratlos senden wir nun den Eurypylus, welcher Apollos Ausspruch forscht, und vom Gotte die traurigen Worte zurückbringt: | |
| 115 | Blut versöhnt' euch die Wind', und eine geopferte Jungfrau, Als zu der ilischen Küste zuerst ihr Danaer ausgingt: Blut gewähre nunmehr Heimfahrt, und ein Leben von Argos Sei die Entsündigung! – Schnell, wie das Volk anhörte den Ausspruch, Staunten sie alle bestürzt, und es schauderte eisiger Schrecken | |
| 120 | Durch ihr Gebein: wen fordre der Gott, wen meine das Schicksal. Aber der Ithaker schleppt den zukunftahnenden Calchas Unter das Volk mit Tumult, was doch dies Göttergebot sei, Fordert er. Jetzo bereits weissagten mir viele des Frevlers Grausame List auf mich, und sahn in der Stille, was ankam. | |
| 125 | Zweimal fünf durchschweigt er der Tag' und weigert verdeckt sich, Irgend wen zu verraten durchs Wort und dem Tode zu stelle. Kaum von dem großen Geschrei des Ithakers endlich getrieben, Öffnet er nach dem Vertrage das Wort und bestimmt dem Altar mich. Beifall riefen ihm all', und, was selbst jeder gefürchtet, | |
| 130 | Sahn auf des Einzigen Haupt, des Elenden, gern sie gewendet. Schon war der Tag des Fluches genaht; mir drohte das Opfer, Mir das gesalzene Schrot und die heilige Bind' um die Schläfen. Aber dem Tod, ich bekenn' es, entriß ich mich, sprengend die Fessel, Und im morastigen Sumpfe die Nacht, von Schilfrohr bedecket, | |
| 135 | Lag ich, bis jene die Segel, wofern sie's thäten, gespannet. Nie jetzt hoff' ich zu schauen der Heimat alte Gefilde, Nie die trautesten Kinder und ihn, den ersehneten Vater. Ach, an ihnen vielleicht wird grausame Strafe geübt sein Meines Entfliehns, und die Schuld mit der Elenden Tode gesühnet. | |
| 140 | Drum bei den Oberen dort und den waltenden Mächten der Wahrheit, Bei, wenn einige noch den Sterblichen irgendwo nachblieb, Bei unverletzlicher Treu, Erbarmung fleh' ich dem Jammer, Diesem, Erbarmung dem Herzen, das so Unwürdiges duldet! Ihm dem Weinenden geben wir Gnad' und erbarmen uns auch noch. | |
| 145 | Priamus selbst nun heißet zuerst ablösen des Mannes Fessel und engende Band' und mit freundlicher Rede beginnt er: Wer du auch bist, gleich bann' aus dem Sinn die verlorenen Grajer;Uns gehörst du. Doch dies mir Fragenden treulich gemeldet: Wozu türmten sie dort das entsetzliche Roß? wer erfand es? | |
| 150 | Welches der Zweck? Ein Weihegeschenk? Ein kriegrisches Rüstzeug? Priamus so. Doch jener, voll Trug und pelasgischer Arglist, Hub zu den Sternen empor die der Band' entledigten Hände: Ihr, o ewige Feuer, mit nie zu verletzender Obmacht, Zeugt mir, und ihr, so ruft er, Altär', und o Dolche des Gräuels, | |
| 155 | Die ich geflohn, und o Binden, die mich Sühnopfer geschleiert. Mir ist erlaubt, der Grajer geheiligte Rechte zu lösen; Mir, zu hassen das Volk und frei zu verkündigen alles, Was es verhehlt; mich halten nicht mehr die Gesetze der Heimat! Du nur bleib' in dem Wort, und, erhaltene Troja, erhalt' mir | |
| 160 | Glauben und Treu, wenn Wahres ich bring' und große Vergeltung. Alles Vertraun der Achäer und jegliche Hoffnung des Krieges, Ruhete stets auf Pallas, der Helferin. Aber seitdem nun Tydeus frevelnder Sohn und des Unfugs Grübler Ulixes, Wagend das schicksalvolle Palladium aus dem geweihten | |
| 165 | Tempel zu ziehn, nach Ermordung der burgaufsehenden Hüter, Weggerafft ihr hehres Gebild, und mit blutigen Händen Frech an der heiligen Macht jungfräulichen Schleier getastet; Seitdem schwankt' und sank rückflutend der Danaer Hoffnung, Brach zusammen die Kraft und ward feindselig die Göttin. | |
| 170 | Nicht mit bezweifelten Winken erklärt' uns Tritonia solches. Kaum war gestellt im Lager das Bild; da entloderte schimmernd Ihrem gehobenen Blicke die Glut und die Glieder herab rann Salziger Schweiß, und sie selbst, dreimal von dem Boden (o Wunder!) Sprang sie empor, mit dem Schilde bewehrt und der zitternden Lanze. | |
| 175 | Schleunig in Flucht zu versuchen das Meer, heißt Calchas der Seher: Pergamus steh' unbezwinglich argolischen Waffen, wofern nicht Neuen Bescheid sie in Argos geholt und die Götterentscheidung Heimgeführt, mit welcher sie ausgeschifft in die Meerflut. Jetzo, im Wind absegelnd zur väterlichen Mycene, | |
| 180 | Holen sie Wehr und Göttergeleit; bald wieder die Flut durch Kommen sie plötzlich daher. So ordnet die Deutungen Calchas. Für das Palladium nun und für die beleidigte Gottheit Stellten sie dieses Gebild, um gewarnt zu sühnen die Blutschuld. Aber so ganz unmäßig gebot aus verflochtenem Kernholz | |
| 185 | Calchas zu türmen den Bau und empor in den Himmel zu leiten: Daß kein fassendes Thor einführt' in die Mauern das Bildnis, Noch ihm vertraute das Volk in dem altenden Dienste der Göttin. Denn wenn euere Hände verletzt die Geschenke Minervas, Dann würd' arges Verderb (o himmlische Mächt', auf den Deuter | |
| 190 | Wendet es!) Priamus Reich' und dem Phrygiervolke bevorstehn. Doch wenn euere Händ' in euere Stadt es geführet, Selbst würd' Asia dann zu des Pelops Mauern mit Kriegsmacht Kommen, und unsere Enkel beträf' einst dieses Verhängnis. So arglistigem Truge des meineidschwörenden Sinon | |
| 195 | Wurde geglaubt, und es fielen durch Ränk' und erzwungene Thränen Sie, die nicht der Tydid', und der Larissäer Achilles, Nicht zehn kämpfende Jahre bezähmt, nicht tausend der Schiffe. Noch ein größerer jetzt und noch graunvollerer Anblick Stellt sich den Elenden dar und verwirrt die erschrockenen Herzen. | |
| 200 | Priester, gezogen durch Los, war Laokoon dort dem Neptunus, Dem den gewaltigen Stier an dem Festaltare er weihte. Siehe von Tenedos her, zwiefach durch stille Gewässer Nahn (ich erzähl' es mit Graun) unermeßlich kreisende Schlangen, Über das Meer sich dehnend und eilen zugleich an das Ufer; | |
| 205 | Denen die Brust, in den Wellen emporgebäumt, und die Mähne Blutrot aus dem Gewog' aufragt; ihr übriger Leib streift Hinten die Flut, und sie rollen unendliche Rücken in Wölbung. Laut mit Geräusch her schäumet die Flut; jetzt drohn sie gelandet, Und, die entflammeten Augen mit Blut durchströmet und Feuer, | |
| 210 | Zischen sie beid' und umlecken mit regerer Zunge die Mäuler. Alle entfliehn vor der Schau blutlos. Doch sicheren Schwunges Gehn sie Laokoon an; und zuerst zwei schmächtigen Söhnlein Dreht um den Leib ringsher sich das Paar anringelnder Schlangen, Schnüret sie ein, und, – o Jammer – zernagt mit dem Bisse die Glieder. | |
| 215 | Drauf ihn selbst, der ein Helfer sich naht und Geschosse daherträgt, Fassen sie schnell und knüpfen die gräßlichen Windungen: und schon Zweimal mitten umher, zweimal um den Hals die beschuppten Rücken geschmiegt, stehn hoch sie mit Haupt und Nacken gerichtet. Jener ringt mit den Händen, hinweg die Umknotungen drängend, | |
| 220 | Ganz von Eiter die Bind' und schwärzlichem Gifte besudelt; Und graunvolles Geschrei hochauf zu den Sternen erhebt er: So wie Gebrüll auftönt, wann blutend der Stier vom Altare Floh und die wankende Axt dem verwundeten Nacken entschüttelt. Aber sie beid' entrollen zum oberen Tempel, die Schlangen, | |
| 225 | Schlüpfrigen Gangs, und ereilen die Burg der erzürnten Tritonis, Wo sie unter die Füß' und des Schildes Wölbung sich bergen. Jetzo fürwahr durchbebet das Herz des betroffenen Volkes Tief die erschütternde Angst; und verschuldeten Frevel, so ruft man, Büße Laokoon dort, der den heiligen Bau mit der Kriegswehr | |
| 230 | Schändete, und in den Leib einbohrt' die entweihende Lanze. Nun zum Tempel geführt das Bild, und die mächtige Göttin Angefleht, ruft alles. Stracks sind die Mauern getrennt, und der Stadt Bollwerke geöffnet. Aufgeschürzt ist alles zum Werk; hinrollende Räder | |
| 235 | Unter die Füße gelegt und hanfene Taue dem Halse Angestrengt. Nun steiget der Unglücksbau zu den Mauern, Schwanger von Wehr. Rings Knaben und noch unbräutliche Mägdlein Singen zum Fest und freun sich das Seil mit den Händen zu rühren. Vor rückt jener und stürzt hochdrohend hinein in die Festung. | |
| 240 | Ilion, Stadt der Götter! o Heimat, waffenberühmte Burg des Dardanerstamms! viermal an der Schwelle des Thores Blieb er stehn, und im Bauch scholl viermal Waffengerassel. Doch fort dringen wir, unachtsam und geblendet von Wahnsinn, Bis in der heiligen Burg wir gestellt das leidige Graunbild. | |
| 245 | Jetzo entschließt auch Cassandra den Mund annahendem Schicksal, Der, auf des Gottes Gebot, nie sprach, daß glaubten die Teucrer. Wir durchjubeln die Stadt, wir Elenden, welchen zuletzt nun Strahlte der Tag und kränzen mit festlichem Laube die Tempel. Um nun dreht sich der Himmel, und her vom Oceanus dringt Nacht, | |
| 250 | Ganz in dunkele Schatten den Pol und die Erde verhüllend, Und den pelasgischen Trug. Die Dardaner rings in der Festung Liegen verstummt, und Schlummer umfängt die ermüdeten Glieder. Schon in gerüsteten Schiffen von Tenedos kam der Argiver Heeresmacht, durchschwebend die freundliche Stille des Mondes, | |
| 255 | Her zum bekannten Gestad': als hoch um des Königes Steuer Flammt' anzeigender Glanz, und geschützt durch feindliche Götter, Sinon geheim die im Bauche verschlossenen Danaerhelden Löst' und das fichtne Verschloß. An die Luft giebt jetzo geöffnet Jene das Roß: froh eilen, des hohlen Gebäus sich entkerkernd, | |
| 260 | Sthenelus und Thessandrus der Fürst, und der grause Ulixes, Gleitend am Seile herab; auch Acamas mutig, und Thoas, Neoptolemus auch der Pelid', dann folgte Machaon, Auch Menelaus, und selbst des Betrugs Werkmeister Epeos. Und sie bestürmen die Stadt, die von Wein und Schlafe betäubt lag. | |
| 265 | Niedergehaun sind die Wächter; herein durch entriegelte Thore Strömen die Freund', und es gehn mitkundige Scharen vereinigt. Noch war die Zeit, da Ruhe zuerst mühseligen Menschen Annaht und durch Göttergeschenk willkommen sich einschleicht. Jetzo im Traum, o siehe, der jammervolleste Hector | |
| 270 | Schien mir vor Augen zu stehn und bittere Thränen zu weinen: So wie vordem vom Gespanne geschleift, in des blutigen Staubes Schwärze gehüllt, und mit Riemen die schwellenden Füße durchzogen. Wehe mir, welche Gestalt! wie ganz verändert von jenem Hector, der stolz heimkehrt' in erbeuteter Wehr des Achilles, | |
| 275 | Oder wann phrygische Glut in der Danaer Flott' er geschleudert! Rauh von Wuste den Bart, geronnenem Blute sein Haupthaar, Rings mit den Wunden genarbt, die zahllos jener um Trojas Heimische Mauern empfing. Selbst nun als Weinender wähnt' ich Anzureden den Mann, die traurigen Worte beginnend: | |
| 280 | O Dardanias Licht, o treueste Hoffnung der Teucrer, Wo ein so langer Verzug? Aus welcherlei Gegenden, Hector, Kommst du Erwarteter nun? Wie sehr, da so mancher der deinen Leichnam ward, da so manche Bekümmernis Menschen und Stadt traf, Schaun wir entkräftet auf dich! O was Unwürdiges hat dein | |
| 285 | Heiteres Antlitz entstellt? Warum dort seh' ich die Wunden? Er kein Wort; nicht gab er dem Eiteles Fragenden Säumnis, Sondern aus innerster Brust aufbebende Seufzer veratmend: Fleuch, o der Göttin Sohn, und entreiß dich, ruft er, den Flammen! Feinde beherrschen die Stadt; hin stürzt die erhabene Troja! | |
| 290 | Gnug ist für Heimat gethan und Priamus! Könnte mit Händen Troja verteidiget sein, so hätten es diese gerettet! Heiligtum und Penaten vertraut dir Ilios: sie sein Deines Geschicks dir Begleiter, für sie such' andere Mauern, Herrliche, die nach Irren durch Meerflut endlich du aufbaust. | |
| 295 | Sprach's, und trug mit den Binden zugleich die gewaltige Vesta, Und ihr ewiges Feuer aus unzugänglichen Räumen. Hier und dort wogt schon durch die Mauern verworrener Jammer. Lauter bereits und lauter, wie weit auch dem Vater Anchises Abgesondert das Haus, und bedeckt von Bäumen zurückwich, | |
| 300 | Tönt der schwellende Hall, und näheres Waffengeklirr droht. Und ich entfahre dem Schlaf; zu dem obersten Giebel des Daches Klimme ich schleunigst empor und stehe mit lauschenden Ohren. Wie wenn in Saatengefilde die Glut mit der tobenden Windsbraut Einfällt, oder ein jäher, vom Berg abtaumelnder Sturzbach | |
| 305 | Acker verschwemmt, Fruchtpflanzen verschwemmt und Werke der Rinder, Und abschüssige Wälder entrafft; unkundig erstaunet, Hoch das Getös' anhörend, vom Felsengipfel der Berghirt. Nun war, nun handgreiflich der Glaub' und der Danaer Arglist Aufgedeckt. Schon krachte Deiphobus räumige Wohnung | |
| 310 | Unter dem Brand des Vulkanus in Schutt; auch Ucalegon nächst ihm Lodert empor; weit glänzen sigeische Sunde dem Feuer. Furchtbar tönt dort Männergeschrei, dort Klang der Trompeten. Waffen ergreif' ich betäubt, und es fehlt ein Plan bei den Waffen. Doch mit gesammelter Macht in den Streit eindringen und hilfreich | |
| 315 | Rennen zur Burg, das brennt mir im Geist. Wut spornt und Erbittrung Blindlings die Seel', und herrlich erscheint's in den Waffen zu sterben. Schaue doch, Panthus anjetzt, den Geschossen entflohn der Achiver, Panthus, der Othryad', in der Burg ein Priester Apollos, Heilig Gerät, und Götter, die fliehn, und den kindlichen Enkel | |
| 320 | Schleppt er mit eigener Hand und enteilt sinnlos zu der Schwelle. Panthus, wie steht gegründet das Heil? wo schützet ein Hort uns? Kaum dies hatt' ich gesagt, da der Seufzende solches erwidert: Da ist der Tag des Verderbs, der unfliehbare, Dardanus Kindern! Troer waren wir einst! ach Ilion war, und der Teucrer | |
| 325 | Strahlender Ruhm! Grimmvoll hat Juppiter alles gen Argos Übergeführt! In den Gluten der Stadt obwalten Argiver! Hoch in der Mitte der Burg steht dort, und gewappnete Männer Schüttet das Roß; und es schürt Mordbrand der Eroberer Sinon, Trotzigen Muts. Einströmen durch zwiefachoffene Thore | |
| 330 | Tausende, so viel je uns gesandt die große Mycene. Andere halten besetzt die engenden Wege mit Kriegswehr Gegengestellt; scharf raget der Stahl, mit schimmernder Klinge Zuckend, zum Morde bereit. Kaum wagen des Kampfes Versuch noch Vordere Hüter der Thor', in blindem Gefecht sich erwehrend. | |
| 335 | So durch Panthus erregt und die Macht der unsterblichen Götter, Stürm' ich in Flamm' und in Waffen hinein, wo die düstre Erinnys, Wo das Getümmel mir ruft, und Geschrei auftönet zum Äther. Bald nun gehn mir gesellt Rhipeus und der waffenberühmte Epytus; bald auch Dymas und Hypanis nahen im Mondschein, | |
| 340 | Und an die Seit' uns häufen sie Macht; auch der Jüngling Coröbus, Mygdons Sohn. Erst neulich zum troischen Lande geführet Durch sein Geschick, denn ihn trieb unsinnige Lieb' um Cassandra, Bracht' er als Eidam Hilfe dem Priamus und den Trojanern: Unglückseliger, der, was die warnende Braut ihm geweissagt, | |
| 345 | Nicht vernahm! Als ich diese geschart und den Kampf zu wagen gefaßt sah, Füg' ich Ermahnung hinzu: O Jünglinge, Herzen, umsonst noch Tapfer und kühn! wenn euch das Äußerste mit zu versuchen Treibet der Mut; (wie jetzt das Geschick entscheide, das seht ihr: | |
| 350 | Weg sind die Götter geflohn aus Heiligtum und Altären, Alle, wodurch dies Reich sich erhob; bei springt ihr der ringsum Brennenden Stadt!) auf, sterben, und stracks in die Waffen gestürzet. Nur ein Heil ist Besiegten, durchaus kein Heil zu erwarten! Rief's, und in Wut entbrannten die Jünglinge. Drauf, wie die Wölfe | |
| 355 | Gehn durch düstere Nebel nach Raub, wann rasenden Hungers Ungetüm sie wie blind umtreibt, und mit trockenen Kehlen Harrt im verlassenen Lager die Brut: so durch Waffen, durch Feinde Wandeln wir, sicherem Tode geweiht, und zur Mitte der Stadt hin Strebet der Gang; schwarz hüllet der Nacht umschwebendes Dunkel. | |
| 360 | Wer kann jenes Gemetzel der Nacht, wer alle die Morde Schildern? Wer hat für die Not und Qual hinreichende Thränen? Staub ist die altende Stadt, die so viel Jahre geherrschet. Zahllos sind durch die Gassen gestreckt unkriegrische Leiber Rings, und gestreckt durch die Häuser, und selbst um der Götter gefeirte | |
| 365 | Wohnungen. Doch nicht allein sinkt blutiger Rache der Teucrer: Oft auch kehrt dem Besiegten ins Herz anringende Tugend; Und der besiegende Danaer fällt. Dort schrecket und dorther Jammer und Angst und Gestalten des vielfach würgenden Todes. Jetzt von den Feinden zuerst, in dem Schwarm nachströmenden Volkes, | |
| 370 | Beut sich Androgeos dar, für Danaerscharen uns haltend; Und er begrüßt' unwissend uns selbst mit freundlichen Worten: Rasch, ihr Männer, geeilt! Was doch für säumende Trägheit Lähmt euch? Andere raffen und tragen hinweg die entflammte Pergamos; ihr da entsteigt nun erst hochbordigen Schiffen! | |
| 375 | Sprach's; und sofort (denn es kam nicht Antwort, welche genug ihn Sichert) merkt' er sich selbst in umzingelnde Feinde gefallen. Plötzlich erstaunt blieb jener, an Fuß und an Stimme gehemmet. Wie wer im stachlichten Dorne die unvermutete Natter Trat, auf den Boden gestemmt, und in ängstlicher Eile zurückfloh, | |
| 380 | Während sie Drohungen hob und mit bläulichem Hals emporschwoll: Also entzitterte dort Androgeos scheu vor dem Anblick. Doch wir stürzen hinan mit dicht umströmenden Waffen, Und die Erstarrten in Furcht, und des Orts Unkundigen ringsum Strecken wir hin. So lächelt das Glück dem Beginne der Arbeit. | |
| 385 | Jetzt des Erfolgs frohlockt mit feurigem Mute Coröbus: O wo zuerst, ihr Freunde, das Glück uns, ruft er, des Heiles Laufbahn zeigt, wo es günstig Gedeihn ankündiget, folgt ihm! Auf, die Schilde vertauscht, und der Danaer Kriegsgeschmeid' uns Angelegt! List oder Gewalt, wer sucht das am Feinde? | |
| 390 | Waffen verleihen sie selbst! – So redet er; dann mit dem Roßbusch Ihn, des Androgeos Helm, und des Schilds auszeichnenden Feldschmuck Leget er an und hängt das argivische Schwert an die Hüfte. Rhipeus auch, und Dymas zugleich, und die sämtliche Jugend Wappnet sich froh, und schlüpft in die frisch erbeutete Rüstung. | |
| 395 | Wir durchgehn der Pelasger Gewühl, von Göttern verlassen; Und viel blutige Kämpf', in blinder Nacht uns begegnend, Heben wir an, und senden der Danaer viele zum Orcus. Andere fliehn zu den Schiffen hinab und ereilen des Meeres Sicheren Strand; selbst Mancher erklimmt vor schmählicher Zagheit | |
| 400 | Wieder das mächtige Roß und birgt sich im traulichen Schoße. Ach vertraue dem Schutz feindseliger Götter doch niemand! |
(Zweiter Gesang)
| Siehe, geschleppt ward jetzo des Priamus Tochter Cassandra, Fliegenden Haars, vom Tempel und Heiligtum der Minerva, Hoch zum Himmel gewandt die flammenden Augen, vergebens: | ||
| 405 | Augen allein, denn es hemmte die zärtlichen Hände die Fessel. Nicht trug, solches zu schaun, in rasender Seele Coröbus, Und ein Verzweifelnder sprang er zum Tod in die Mitte des Zuges. Alle wir rennen ihm nach in das dichteste Waffengetümmel. Hier umstürmt uns zuerst vom erhabenen Dache des Tempels | |
| 410 | Unserer Freunde Geschoß, und klägliches Morden erhebt sich, Weil der Waffen Gestalt sie täuscht und der griechische Helmbusch. Dann auch die Danaer zürnen, im Schmerz der entrissenen Jungfrau, Und rings wüten geschart sie heran: der verwegene Ajax, Atreus Doppelgeschlecht, und der Doloper ganzes Geschwader. | |
| 415 | Wie wenn gewandt aufeinander die Wind aus berstendem Wirbel Kämpfen, mit Zephyrus Notus zugleich, und von östlichen Rossen Eurus geführt, laut sauset der Wald, und es tobt mit dem Dreizack Nereus umschäumt, und erregt aus dem untersten Grunde die Meerflut. Jene sogar, die wir im dunkelen Schatten der Nacht wo | |
| 420 | Scheuchten mit unserem Trug' und umher durch die Veste verjagten, Kommen hervor; und zuerst erkennen sie unsre gefälschten Waffen und Schild' und bemerken des Munds fremdartige Klänge. Alles vorbei! uns erdrücket die Zahl. Coröbus zuerst nun, Durch Peneleos Hand, am Altar der gewappneten Göttin, | |
| 425 | Stürzet in Blut; es erliegt Rhipeus, der Gerechteste vormals Aller im teucrischen Volk, und zumeist auf Billigkeit achtend. Anders der Götter Beschluß! Auch Hypanis sanken und Dymas, Niedergebohrt von Genossen; auch dich hingleitenden Panthus, Schützte die Frömmigkeit nicht und der heilige Schmuck des Apollo. | |
| 430 | Asche der Ilierstadt, und endende Flamme der Meinen, Zeugt, wie bei eurem Fall ich weder Geschoß noch die Wechsel Mied des Danaerkampfs; wie sehr, wenn Geschick es vergönnet, Daß ich sänk', es verdient mein Arm! Los reißen wir jetzt uns, Iphitus mit, und Pelias mit, (ob schwer auch von Alter | |
| 435 | Iphitus geht, und Pelias schwer von Ulixes Verwundung), Stracks dorthin, wo Geschrei zu Priamus Wohnung uns abruft. Dort nun welch ein Getümmel des Kampfs, als tobete nirgends Sonst der Krieg, als sänk' in der Stadt sonst keiner dem Tode, So unbändigen Grimm, und zum Haus ansprengende Grajer | |
| 440 | Schauen wir, und um die Schwelle den Sturm des ziehenden Schilddachs! Leitern haften gelehnt an die Wänd', auch unter die Pfosten Strebt man die Stufen hinan; abwehrende Schild' an den Linken Beut man dem Wurfe gedeckt, und ergreift mit den Rechten die Giebel. Aber die Dardaner ringen, die Thürm' und der Wohnungen Dächer | |
| 445 | Aufzurütteln umher; hiermit, da das Ende sie absehn, Trachten sie, als mit Geschoß, sich im äußersten Tode zu wehren. Auch goldstrahlende Balken, die Pracht uralter Erzeuger, Wälzt man herab; doch andre verteidigen unten den Eingang, Blinkenden Stahl vorstreckend, und stehn in gedrängeter Heerschar. | |
| 450 | Neu jetzt hebt sich der Mut, den Palast zu schirmen des Königs, Und mit erleichternder Hilfe die Kraft der Besiegten zu stärken. Schwell' und heimliche Thüre war dort, ein häuslicher Durchgang, Der des Priamus Zimmer verband, und verborgene Pfosten Hinterwärts, durch welche vordem, als blühte die Herrschaft, | |
| 455 | Ohne Geleit die arme Andromache oft zu den Schwähern Pflegte zu gehn und dem Ahnen das Kind Astyanax mitnahm. Dort nun steig' ich hinauf zum Giebel des obersten Daches, Wo ihr eitles Geschoß herwarfen die elenden Teucrer. Jäh empor stand schwindelnd ein Turm, auf der Spitze der Wohnung | |
| 460 | Hoch zu den Sternen geführt, woher ganz Troja gesehn ward, Auch der Danaer Schiff', und weit das achäische Lager: Den, mit umwühlendem Eisen genaht, wo das obere Stockwerk Wackelnde Fugen gewährt', entrüttelten wir dem erhabnen Stand' und drängten ihn fort; der gelockerte sinket und plötzlich | |
| 465 | Kracht er im Sturz, und herab auf der Danaer Tausende weithin Schmettert' er. Doch zum Ersatz drohn andere. Weder Gestein auch Rastet indes, noch sonstiges Wurfwerk. Selber am Eingang nun und der vordersten Schwelle, da stolzet Pyrrhus einher, von Geschossen und ehernem Schimmer umleuchtet: | |
| 470 | Wie wenn ans Licht die Schlange, mit schädlichem Kraute genähret, Die in der Erde geschwollen den Frost ausharrte des Winters, Jetzo, der Hüll' entkleidet, und neu im Glanze der Jugend, Mit aufstrebender Brust herrollt den schlüpfrigen Rücken, Bäumend zur Sonn', und dem Maul dreispaltige Zungen entschimmern. | |
| 475 | Periphas trotzet gesellt, Automedon auch, des Achilles Lenker und Waffengenoß, und ganz die scyrische Jugend, Die zum Palast andringen und Glut aufwerfen zum Giebel. Unter den ersten er selbst mit geschwungenem Beile durchschmettert Rasch die gediegenen Schwellen und wühlt aus der Angel die Pfosten, | |
| 480 | Starr von Erz; nach zerhacktem Gebälk nun höhlt er der Bohlen Festes Verschloß und öffnet die weit aufgaffende Mündung. Hell steht drinnen das Haus, und hell die langen Gemächer, Wo einst Priamus weilt' und die Könige grauender Vorzeit; Und Wehtragende schaut man gestellt an der Schwelle des Eingangs. | |
| 485 | Aber das innere Haus durchstürmt Wehklagen und Aufruhr Jammervoll; tief hallet im Inneren hohler Gemächer Weibliches Trauergeheul; zu den goldenen Sternen erschallt Lärm, Mütter in Angst durchirren die ungeheueren Säle, Halten die Pfosten umfaßt und ruhn mit gehefteten Küssen. | |
| 490 | Pyrrhus drängt mit des Vaters Gewalt; nicht Riegel und selbst nicht Hemmen die Hüter fortan. Von dem häufigen Stoße des Widders Wackelt die Pfort', und es stürzen gesprengt aus der Angel die Pfosten. Waffengewalt bahnt den Weg; ein bricht und ermordet die ersten Stürmender Danaer Schwarm, und rings von Gewappneten wimmelt's. | |
| 495 | Nicht so, wann hochschäumend der Strom aus gebrochenen Dämmen Austrat und mit Gestrudel des Baus Abwehren besiegte, Rollt er in Wut auf die Ebnen gedrängt, und durch alle Gefilde Raffet er Ställ' und Herden hinweg. Neoptolemus sah ich Selbst, wie er tobte zum Mord, und des Atreus Söhn' an der Schwelle; | |
| 500 | Hecuba sah ich, und hundert der Schnür', und Priamus blutend Auf dem Altar entweihen die selbstgeweiheten Feuer. Fünfzig Ehegemächer, die blühende Hoffnung der Enkel, Mit barbarischem Gold und Siegsraub prangende Pfosten Sanken dahin; es beherrscht, was Feuer verschont, der Argiver. | |
| 505 | Auch sein Schicksal vielleicht, des Priamus, möchtest du wissen. Als der eroberten Stadt Umsturz und zerrüttet der Wohnung Schwellen er sah, und gedrungen den Feind in die innersten Kammern, Hüllet er Waffen, der Greis, um die kraftlos bebenden Schultern, Längst entwöhnete Waffen, umsonst; mit dem Stahle der Ohnmacht | |
| 510 | Gürtet er sich und rennt wie zum Tod in die dichtesten Scharen. Mitten im Raum des Palastes, dem kreisenden Äther geöffnet, Stand ein großer Altar, und zunächst ein gealteter Lorbeer, Der, zum Altare geneigt, mit Schatten umfing die Penaten. Hecuba hier und die Töchter, umsonst um des Herdes Erhöhung, | |
| 515 | Wie aus nachtendem Sturme mit Angst herschießende Tauben, Saßen dicht sie gedrängt und der Ewigen Bilder umfassend. Doch da sie Priamus selbst in des Jünglinges Waffen gerüstet Schauete: Welch ein Gedanke des Grauns, unglücklicher Gatte, So dich zu gürten in Wehr? O wohin doch eilest du? rief sie. | |
| 520 | Nein, nicht solcherlei Hilf' und solche Verteidiger fordert Jetzo die Zeit; nein, wenn er auch selbst da wäre, mein Hector! Hierher rette dich doch! der Altar wird alle beschirmen; Oder wir sterben zugleich! – So sprach sie laut, und empfing ihn Neben sich und setzte den Greis an die heilige Stätte. | |
| 525 | Aber o schau, wie entschlüpfend aus Pyrrhus Morde Polites, Einer von Priamus Söhnen, daher durch Geschosse, durch Feinde Flieht die gesäuleten Hallen entlang und verödete Säle, Triefend von Blut, ihn verfolgt mit zuckender Wunde des Todes Pyrrhus entbrannt; gleich hält ihn sein Arm, gleich drängt' er den Speerstoß. | |
| 530 | Als er zuletzt vor die Augen entfloh und das Antlitz der Eltern, Sank er dahin und verströmte mit vielem Blute das Leben. Priamus jetzt, obgleich schon finsterer Tod ihn umringet, Doch nicht hielt er sich länger, der Stimm' und des Zornes zu schonen. Ha! dir Scheusal, rufet er aus, unmenschlicher Frevler, | |
| 535 | Müssen, wenn Huld im Himmel noch wohnt, die solches beachtet, Würdigen Dank die Götter verleihn und Lohn dir erwidern, Der dir gebührt! du, der du des Sohns Ermordung mich selbst hier Anschaun ließt und dem Vater durch Mord entweihtest das Antlitz. Doch nicht jener, von dem du erzeugt dich lügest, Achilles | |
| 540 | That an Priamus also, dem Feind; Scheu trug er und Ehrfurcht Vor demütigem Flehn und gab den verbluteten Leichnam Hectors wieder der Gruft und entsandte mich selbst in die Herrschaft. Also zürnte der Greis und warf ohnmächtigen Schwunges Sein wehrloses Geschoß, das sofort vom dumpfigen Erze | |
| 545 | Prallt' und gelähmt dahing an des Schilds vorragendem Nabel. Pyrrhus darauf: So melde denn dies und mit Botschaft Hin zu dem Vater Achilles! Vergiß nicht, alle die Frevel Seines entarteten Sohns Neoptolemus ihm zu verkünden! Jetzo stirb! – So sprach er, und flugs den Erzitternden rafft' er | |
| 550 | Hin zum Altar, wie er schwankt' in vielem Blute des Sohnes; Flocht in die Linke das Haar, mit der andern hub er das blanke Mordschwert und bis zum Hefte hinab in die Seite verbarg er's. So war Priamus letztes Geschick, so führte zum Ausgang Ihn sein Los, der Troja in Brand und niedergestürzt sah | |
| 555 | Pergamus; der, so viel einst Land' und Völker beherrschend, Asias Obmacht trug! Groß liegt am Gestade der Leichnam, Rumpf und Haupt, von der Schulter getrennt, unnennbar und namlos. Mich nun wahrlich zuerst umdrang ein entsetzlicher Schauer; Und ich erbebt' und dachte das Bild des trautesten Vaters, | |
| 560 | Als ich an grausamer Wunde den ihm gleichaltrigen König Sah aushauchen den Geist; und das Bild der verlassnen Creusa, Auch das geplünderte Hans und das Los des kleinen Iulus. Rückwärts schau' ich, zu spähn, was noch um mich für Gewalt sei. All' entzogen sich müde dem Kampf, teils sprangen sie mutlos | |
| 565 | Nieder zur Erd', und teils mit verzweifelndem Schmerz in die Flammen. Schon war dort ich übrig allein, da die Schwelle der Vesta Hüten und still im Schutz des versteckten Ortes sich bergend Tyndarus Tochter erschien; denn die strahlende Lohe des Brandes Leuchtete mir, der ich irrt', und das Aug' allseitig umhertrug. | |
| 570 | Jene, die feindlichen Grimm um Pergamus Sturz von den Teucrern, Auch der Danaer Straf' und den Zorn des verlassenen Gatten Fürchtete, sie Fluchgöttin für Troja zugleich und die Heimat, Hatte sich heimlich entfernt und saß, den Altären ein Abscheu. Rasch entbrennt mir die Seele von Glut, und ich wünsche zu rächen | |
| 575 | Unser gefallenes Reich in des frevelnden Weibes Bestrafung. Diese fürwahr soll Sparta noch schaun und Mycene die Heimat, Heil und gesund, und in nahem Triumph als Königin wandeln? Ehbund soll sie noch sehen und Haus und Väter und Kinder, Stolz in troischer Fraun und phrygischer Diener Begleitung? | |
| 580 | Priamus läge vom Stahle gewürgt? auf loderte Troja? Blutvoll hätte so oft dardanisches Ufer geströmet? Nicht also! denn obgleich nicht gar denkwürdigen Namen Weibliche Strafe gewährt und arm an Lobe der Sieg ist; Dennoch den Gräuel getilgt und bestraft zu haben, wie billig, | |
| 585 | Unfug, werd' ich gelobt! auch das Herz in glühender Rachgier Sättigen, bringt Labsal, und die Asche der Meinigen sühnen! Also stürmte die Seel', und ich flog, wie rasenden Mutes: Als mir hell, wie nimmer zuvor, sich dem Auge zu sehen Bot, und in lauterem Lichte die Nacht durchstrahlte die Mutter, | |
| 590 | Herrlich und hehr, als Göttin, wie schön sie den Himmlischen jemals, Und wie hoher Gestalt sie erscheint. An der Rechten mich fassend, Hemmete jen' und freundlich mit rosigem Munde begann sie: Sohn, wie so heftiger Schmerz empört unbändigen Zorn dir? Was so getobt? und wohin ist die Sorge für uns dir entflohen? | |
| 595 | Willst du zuvor nicht schaun, wo matt von lastendem Alter Blieb dein Vater Anchises? ob lebt die Gemahlin Creusa, Auch ob Ascanius lebt? Sie all' umwühlet der Grajer Schlachtengewühl ringsher; und wenn nicht meine Beschirmung Waltete, raffte die Flamme bereits und vertilgender Mordstahl. | |
| 600 | Nicht die verhaßte Gestalt der Laconerin, Tyndarus Tochter, Noch der gescholtene Paris; o nein, ungütige Götter, Götter zerstörten die Macht, und schmetterten Troja zu Boden. Schau umher! denn alles Gewölk, das jetzo verdunkelnd Dir den sterblichen Blick abstumpft und mit dunstigem Nebel | |
| 605 | Dick umflort, entreiß' ich dem sehenden. Du, unerschrocken, Höre der Mutter Befehl und leist' ihr willig Gehorsam. Dort, wo zertrümmerte Lasten des Bau's und von Felsen gerissne Felsen du siehst, und wogen mit wirbelndem Staube den Rauchdampf, Zuckt Neptunus die Mauern und hebt mit gewaltigem Dreizack | |
| 610 | Aufgerüttete Gründ', und die sämtliche Stadt aus dem Lager Wühlt er empor. Dort wütet, gestellt auf dem scäischen Thore, Juno voran, und wild den verbündeten Schwarm von den Schiffen Ruft sie, umgürtet mit Stahl. Schon auf den Zinnen der Burg, schau her, wie Tritonia Pallas | |
| 615 | Leuchtend droht mit hellem Gewölk und entsetzlicher Gorgo. Selbst entflammt die Achäer mit Mut und helfenden Kräften Juppiter; selbst erregt er auf Dardanerwaffen die Götter. Sohn, o beschleunige Flucht und mach ein Ende der Arbeit. Nirgend dir fern, werd' ich sicher zur Vaterschwelle dich leiten. | |
| 620 | Venus sprach's und verschwand in der Nacht tiefschattendes Dunkel. Sieh, Erscheinungen drohn graunvoll und Mächte der Götter Feindlich dem troischen Volk. Jetzo fürwahr schien ganz mir hinabzusinken in Feuer Ilium, und aus dem Grunde gewühlt die neptunische Troja: | |
| 625 | Wie, wenn hoch in Gebirgen die stattlichste Orne der Vorzeit Rings mit Eisen umhaun und schmetternden Äxten, und eifernd Jetzt aus der Erd' aufwühlen die Ackerer, wie sie beständig Droht und erbebt an den Ästen, und schwankt mit taumelndem Wipfel; Bis, von entwurzelnden Wunden besiegt allmählich, noch einmal | |
| 630 | Laut sie erseufzt und schmetternd, den Höhn entrottet, hinabkracht. Nieder steig' ich, von Göttern geführt, und durch Flammen und Feinde Geh' ich einher; Raum beut das Geschoß, und die Flammen entdrehn sich. Aber nachdem ich zur Schwelle der Vaterwohnung gelangt war, Und zu dem alten Palast, und ich hoch in die Berge zu retten | |
| 635 | Wünschte den Vater zuerst, und zuerst aufsuchte den Vater; Weigert er fortzuleben, da Troja niedergestürzt lag, Und in Verbannung zu gehn. Ihr, rufet er, denen das Blut noch Jugendlich ist, und gestrengt in eigener Stärke die Nerven, Ihr da beratet die Flucht! | |
| 640 | Wenn die Unsterblichen mir ein längeres Leben bestimmet, Hätten sie wohl mir erhalten das Haus. O genug und zu vieles Sah ich an einer Zerstörung, und blieb der eroberten Stadt nach! So, so leget den Leib, und: Friede dir! saget zum Abschied. Selbst mit der Hand mir find' ich den Tod. Auch der Feind, sich erbarmend, | |
| 645 | Wird nur nehmen die Wehr. Leicht ist der Verlust der Bestattung. Schon vorlängst, ein Verhaßter den Ewigen, frist' ich die Jahre Kümmerlich; seit mich der Götter und Sterblichen Obergebieter Mit anwehendem Strahle gerührt und der Flamme des Donners. Also sprach er gefaßt und beharrete drob unerschüttert. | |
| 650 | Doch wir Thränenden flehn, ich selbst und die Gattin Creusa, Auch Ascanius fleht, und das Haus rings, daß er nicht alles Mit ausrotte, der Vater, und streb' in das drängende Schicksal. Jener versagt, und besteht, im Entschluß und im Orte geheftet. Wieder zum Kampf entstürm' ich, den Tod mir Elenden suchend. | |
| 655 | Denn welch anderer Rat, und welches Geschick noch erbot sich? Ha, zu entheben vermöcht' ich den Fuß, dich, Vater, verlassend? Hofftest du das? So Finstres entsank dem Munde des Vaters? Soll nach der Götter Entschluß nichts mehr von der mächtigen Stadt sein, Und fest haftet der Sinn, du gesellst der zerfallenden Troja | |
| 660 | Dich und die Deinen mit Lust; dem ist geöffnet der Zugang! Bald von dem strömenden Blute des Priamus nahet sich Pyrrhus, Der vor dem Vater den Sohn, am Altar hinmordet den Vater. Das war's, göttliche Mutter, warum durch Geschosse, durch Feuer, Du mich entrafft, daß ich mitten den Feind in den innersten Kammern, | |
| 665 | Daß ich Ascanius hier und den Vater zugleich und Creusa, Abgewürgt den einen im Blute des anderen sähe? Waffen herzu, bringt Waffen! uns ruft der besiegende Tag ab! Männer, zurück in den Kampf! laßt wieder mich schaun die gedrängten Danaer! Nie doch sinken wir all' ungerächet dem Tode! | |
| 670 | Wieder mit Stahl umgürt' ich den Leib, und gefaßt in der Linken Hängt mir am Arm der Schild, und fort aus den Wohnungen stürm' ich. Siehe da schlang um die Füße sich mir an der Schwelle die Gattin, Angeschmiegt, und zum Vater erhob sie den kleinen Iulus. Wenn du zu sterben gewillt, o nimm zu allem auch uns mit! | |
| 675 | Doch wenn genommenen Waffen du kundiger etwas vertrauest, Schirme zuerst dies Haus! Wem bleibt dein kleiner Iulus, Wem dein Vater zurück, und die einst Gattin du nanntest? Also jammerte sie, mit Geschrei rings füllend die Wohnung; Als sich plötzlich erhub ein seltsam klingendes Wunder. | |
| 680 | Denn uns zwischen den Händen, im Anblick trauernder Eltern, Siehe da scheint leicht her von der oberen Scheitel Iulus Spitzig zu leuchten ein Glanz, und rings, unschädlich berührend, Leckt um die weichlichen Locken die Flamm' und umwallet die Schläfen. Wir die Erschrockenen zittern vor Angst, und das brennende Haupthaar | |
| 685 | Schütteln wir aus und löschen mit Flut die heiligen Feuer, Aber der Greis Anchises erhob zu den Sternen die Augen, Fröhlichen Muts und streckte die Hand' ausrufend gen Himmel: Juppiter, o wenn dich ein Gebet, Allmächtiger, rühret, Schau uns an! Nur dieses! Und macht uns Frömmigkeit würdig, | |
| 690 | Gieb doch Hilf', o Vater, und kräftige solche Verkündung! Kaum hatt' also geredet der Greis, und mit plötzlichem Krachen Donnert' es links einher, und hoch vom Himmel die Nacht durch Schoß ein feuriger Stern mit hell nachziehendem Glanze. Ihn, der über das Dach des erhabenen Hauses hinwegfuhr, | |
| 695 | Sehen wir klarumstrahlt im idäischen Walde sich bergen, Und hell zeichnen die Bahn, denn die quer hinstreifende Furche Leuchtet entlang, und rings die Gegenden dampfen von Schwefel; Jetzo hebt er besiegt sein Haupt zu den Lüften, der Vater, Ruft die Himmlischen an und grüßt dem hehren Gestirn nach: | |
| 700 | Nun nicht länger gesäumt! ich folg' euch, Götter der Väter, Wo ihr auch führt! Erhaltet das Haus, erhaltet den Enkel! Euer ist jenes Gesicht; und in euerem Schutze ist Troja! Wohl denn! ich folge dir, Sohn, und gesellt dir geh' ich nicht ungern. Jener sprach's, und lauter bereits schallt Flammengeprassel | |
| 705 | Durch die Gebäud', und es nahn heißwogende Gluten des Brandes. Teuerster, jetzo wohlan! auf den Nacken mir setze dich, Vater! Selber biet' ich die Schulter der Last; nicht müdet die Arbeit! Wie auch falle das Los, doch ein' und dieselbe Gefahr ist, Doch ein Heil ist beiden gewährt. Mein kleiner Iulus | |
| 710 | Gehe gesellt an der Hand, und neben mir gehe die Gattin. Ihr, o Genossen des Hauses, vernehmt, was ich sage, mit Sorgfalt. Außer der Stadt ist ein Hügel, worauf ein bejahrterer Tempel Steht der verlassenen Ceres, und nah' ein alter Cypreßbaum, Des in heiliger Furcht Jahrhunderte schonten die Väter. | |
| 715 | Dorthin wollen wir all' auf verschiedenen Wegen uns sammeln. Trag' in der Hand, du o Vater, das Heilige samt den Penaten. Mir, der aus blutigem Streit herkommt und frischem Gemetzel, Ist sie zu fassen verwehrt, bevor mich lebende Wasser Abgespült. | |
| 720 | Also sprach ich, und, neigend den Hals und die mächtigen Schultern, Breit' ich darauf ein Gewand und die Haut des gelblichen Löwen, Trete dann unter die Last. Rechts schmiegt mein kleiner Iulus Sich an die Hand, und begleitet mit kürzerem Schritte den Vater; Neben mir folget mein Weib. Durch Orte der Finsternis gehn wir. | |
| 725 | Und mich, welchen noch jüngst kein fliegender Sturm der Geschosse Kümmerte, oder entgegen getummelte Scharen der Grajer, Schreckt nun jedes Gesäusel der Luft, regt jedes Geräusch auf, Daß ich im Gang oft stutze, für Bürde besorgt und Begleitung. Und schon naht' ich den Thoren der Stadt, und glaubte des Weges | |
| 730 | Schrecknissen allen entfloh; da ein plötzlicher Laut zu den Ohren Rasch wie von kommenden Tritten erscholl, und der Vater, im Dunkel Spähend. O Sohn, ausrief, o entfleuch, Sohn! schaue, da nahn sie! Funkelnde Schild' und der Erz' anzuckende Schimmer erkenn' ich! – Mir nun, ich weiß nicht welch' unfreundliche Götter entrückten | |
| 735 | Schnell den verworrenen Geist mir Erzitternden! Denn da ich abwegs Lenke den Lauf, ausbeugend bekannterem Raume der Gassen, Blieb mir Armen das Weib, ob entrafft vom Schicksal, Creusa Blieb mir zurück, ob vom Wege verirrt, ob müde sich setzend, Ach wer weiß! Nie ferner erschien sie unseren Augen! | |
| 740 | Auch nicht wandt' ich den Blick zur Verlorenen, noch die Besinnung, Ehe den Hügel und Sitz der altertümlichen Ceres Schon wir erreicht. Hier endlich, wie alle sich sammelten, fehlet Sie allein, die Genossen und Sohn und Gatten betrübend. Wen nicht klaget' ich an, so Götter und Sterbliche, sinnlos? | |
| 745 | Was in der fallenden Stadt, o was Grausameres sah ich? Unseren Sohn, und Anchises den Greis, und die Teucrerpenaten Geb' ich den Freunden zur Hut, im gewundenen Thale sie bergend; Selber enteil' ich zur Stadt, und gürte mir leuchtende Wehr um. Fest bleibt's, alle Gefahr zu erneun, durch alle Verwüstung | |
| 750 | Trojas wieder zu gehn, und das Haupt zu bieten dem Unheil. Flugs zu den Mauern zuerst und der dunkelen Schwelle des Thores Eil' ich, wodurch ich gekommen, zurück und folge gewendet Jeder beachteten Spur durch die Nacht, mit forschendem Blicke. Grauen dem Geist ringsher; auch die Still' ist selber entsetzlich. | |
| 755 | Dann zu dem Haus, ach wäre vielleicht, ach wäre sie drinnen! Wander' ich. Voll war ganz vom Danaerschwarme die Wohnung. Alles vorbei! Es ersteigt die verzehrende Flamme den Giebel, Rollend im Wind'; hoch strudelt die Loh' und brauset zur Luft auf. Vorwärts geh' ich, und schaue die Burg und Priamus Wohnung. | |
| 760 | Schon in verödeten Hallen am Heiligtume der Juno War als Hut mit Phönix bestellt der grause Ulixes, Daß sie bewahrten den Raub. Ringsher alttroischer Reichtum, Schätze, den brennenden Tempeln entrafft, und Tische der Götter, Krüg' aus lauterem Gold, und erobertes Feiergewand wird | |
| 765 | Aufgehäuft. Auch Knaben und zagende Mütter umher stehn Langgereiht. Tollkühn wagend sogar den Laut zu erheben im Dunkel, Füllt' ich die Gassen entlang mit Geschrei, und traurig Creusa Rief umsonst von neuem und stets von neuem mein Ausruf. | |
| 770 | Während ich sucht', um die Häuser der Stadt ungebändiget rasend; Schien der Elenden Bild, und die eigne Gestalt der Creusa, Mir vor den Augen zu stehn, in höherem Wuchse, denn vormals. Und ich erstaunt', es sträubt sich das Haar, und es stockte der Laut mir. Sie nun redete so, die tröstenden Worte beginnend: | |
| 775 | Was ist so unmäßig dem Schmerz nachhangen für Labsal, O mein trauter Gemahl? Nicht ohn' obwaltende Götter Traf dies ein! Nicht sollte von hier mitgehen Creusa! Nein, dir versagt's das Geschick und der Gott des hohen Olympus! Ferne Verbannungen nun, unermeßliche Wogen durchpflügst du, | |
| 780 | Bis du Hesperia findest, das Land, wo ein Lydier fette Männergefilde durchrollt, sanftwallenden Zuges, der Thybris. Dort wird heiteres Glück, Herrschaft und fürstliche Gattin Dir zum Los. Nicht länger geweint um die teure Creusa! Nicht ja der Myrmidonen und Doloper stolze Besitzung | |
| 785 | Werd' ich schaun, noch zum Dienste der grajischen Mütter hinweggehn, Dardanus Tochter, und Schnur der Idalia! Nein, mich hemmet allhier die erhabene Mutter der Götter. Lebe nun wohl und erhalte des Sohns, des gemeinsamen, Liebe! Als sie die Worte gesagt, und ich weint', und vieles zu reden | |
| 790 | Trachtete, floh sie hinweg und verschwand in wehende Lüfte. Dreimal strebt' ich hinan, um den Hals ihr die Arme zu schlingen; Dreimal vergeblich gefaßt entfloh aus den Händen ihr Bild mir, Wie leichtwehende Wind' und geflügeltem Schlafe vergleichbar. Also schwand mir die Nacht, und zurück zu den Meinigen kehr' ich. | |
| 795 | Neue Gefährten daselbst in unermeßlicher Anzahl Find' ich zusammengeströmt mit Bewunderung, Mütter und Männer, Jugend, gesammelt zur Flucht, ein erbarmungswertes Gewimmel. Ringsher drängeten jene, mit Mut und Habe sich bietend, Welcherlei Land ich auch immer im Meer aufsuchte zum Wohnsitz. | |
| 800 | Jetzo entstieg glanzvoll den erhabenen Spitzen des Ida Lucifer, bringend den Tag; und die Danaer hielten umlagert Alle Thor', und versagt war jegliche Hoffnung des Heiles. Weichend dem Los, erhub ich und trug zum Gebirge den Vater. |
Dritter Gesang
Weitere Erzählung. Äneas, mit zwanzig Schiffen fliehend, wird vom Anbau in Thracien durch ein Wunder geschreckt. Mißdeutung des delischen Orakelspruchs führt ihn nach Creta, wo er seine Bestimmung Italia deutlich erfährt. Weissagung der Harpyien auf den Strophaden. Spiele bei Actium. In Epirus Andromache und der prophetische Helenus, der ihm den Weg vorzeichnet. Fahrt auf Italien zu, die Meerenge vorbei, zu den Cyklopen am Ätna, dann um Sizilien nach Drepanum auf der Westseite, wo Anchises stirbt. Vom Wege nach Italien treibt ihn der Sturm nach Afrika.
| Als nun Asias Macht und das Volk des Priamus schuldlos Auszurotten gefiel den Unsterblichen, als die erhabne Ilios sank, und in Schutt aufdampft' die neptunische Troja; Ferne Verbannungen jetzt und verlassene Lande zu suchen, | ||
| 5 | Treibt uns hinweg der Götter Verkündigung; und wir erbaun uns Unter Antandros die Flott' und den Höhn des phrygischen Ida, Zweifelnd, wohin das Geschick uns trag', und wo Ruhe vergönnt sei. Und wir versammeln die Schar. Kaum war im Beginne der Sommer, Und Anchises befahl dem Geschick zu entfalten die Segel; | |
| 10 | Als ich die heimischen Ufer bethränt' und die Hafen verlasse, Und das Gefild', einst Troja genannt. Landflüchtig entsegl' ich, Auch die Genossen, der Sohn, obwaltende Mächt' und Penaten. Fern ist ein Land, weiträumig an Flur, und geweihet dem Mavors, Thracier baun's, vormals das Gebiet des Tyrannen Lycurgus: | |
| 15 | Trojas Volke von je Gastfreund' und verbundne Penaten, Weil noch währte das Glück. Hier jetzt am krummen Gestade Gründ' ich Mauern zuerst, mit feindlichem Schicksal gelandet; Äneaden benenn' ich vom eigenen Namen die Bürger. Opfer bracht' ich nunmehr der dionischen Mutter und andern | |
| 20 | Vorbedeutenden Mächten des Bau's, und schlachtet' am Ufer Einen glänzenden Stier dem erhabenen König des Himmels. Nahe dabei war ein Hügel, worauf Cornellengesträuche Wucherten, und mit Schäften gedrängt aufstarrte die Myrte. Dorthin wandt' ich den Schritt; und indem ich grünende Waldung | |
| 25 | Rang aus der Erde zu drehn, um in Laub die Altäre zu hüllen, Seh ich die gräßliche Schau des seltsam klingenden Wunders. Denn wie zuerst ich im Boden den Strauch aus zerrissenen Wurzeln Rüttele, fleußt an jenem das Blut in dunkelen Tropfen, Und es befleckt mit Verwesung das Land. Ein erkältender Schauder | |
| 30 | Rafft mein Gebein, und es starrt von frostigem Schrecken das Herzblut. Drauf dem anderen auch das schwanke Gesproß zu entrütteln, Tret' ich hinzu, um völlig den Grund zu erkennen des Wunders; Auch dem anderen dringt schwarztropfendes Blut aus der Rinde. Unruhvoll und bestürzt, fleh' ich zu den ländlichen Nymphen, | |
| 35 | Und, der den getischen Fluren gebeut, dem Vater Gradivus; Daß sie zum Heil umlenken die Schau und die Drohungen mildern. Aber sobald ich zum dritten mit mehr Anstrengung den Schößling Aufzieh', und mit den Knieen gestemmt anringe dem Sande: (Sag' ich es oder verstumm' ich?) ein Jammergetön aus dem Hügel | |
| 40 | Klagt von unten herauf, und es schallt zu den Ohren der Ausruf: Wehe, warum mich, Äneas, zerreißest du? Schone des Toten! Schon', unfromm zu entweihen die Hand! Nicht wuchs ich in Troja Dir ein Fremdling empor, noch rinnt dies Blut aus Gehölze. Fleuch die grausamen Land', o fleuch dies Ufer voll Habsucht, | |
| 45 | Denn Polydorus bin ich! Hier barg mich durchbohrender Waffen Eiserne Saat, die keimend aus spitzigen Lanzen emporwuchs. Jetzo von Schrecken und Angst in zagender Seele bewältigt, Stand ich erstaunt; auf bäumte das Haar und es stockte der Laut mir. Seinen Sohn Polydorus, mit köstlichem Schatze des Goldes, | |
| 50 | Sendete Priamus einst insgeheim zu erziehen, der Arme, Thracias Könige hin, da er schon mißtraute den Waffen Ilions, und er umringt von Belagerung sahe die Mauern. Der, wie das teucrische Reich hinsank, und das Glück sich entwandte, Folgt' Agamemnons Macht und siegenden Waffen, verletzend | |
| 55 | Alles Recht. Er ermordet des Priamus Sohn und gewaltsam Nimmt er das Gold. Wozu zwingst nicht du der Sterblichen Herzen, Scheußlicher Hunger noch Gold! – Da die Angst den Gebeinen entflohn war, Jetzt den erkorenen Fürsten des Volks, und vor allen dem Vater, Meld' ich der Ewigen Drohn, und fordere, was der Entschluß sei. | |
| 60 | Gleich ist allen der Sinn, aus dem frevelnden Lande zu weichen, Fern gastschändendem Gräuel und Wind zu gewähren der Flotte. Feierlich ehren wir nun Polydorus Leiche: gehäuft wird Hoch zum Hügel die Erd'; es stehn Altäre den Manen, Traurig in düstere Binden gehüllt und dunkle Cypresse; | |
| 65 | Und rings ilische Fraun, die das Haar nach der Sitte gelöset. Dann wird lauliche Milch aus schäumenden Näpfen und drüber Heiliges Blut aus Schalen geströmt; und nachdem wir der Seele Ruh im Grabe geschafft, wird laut noch gerufen der Abschied. Drauf, wie die Flut Zutrauen erbot, und sie freundliche Winde | |
| 70 | Sänftigten, und in das Meer sanftsäuselndes Wehen hinausrief, Ziehn die Genossen die Schiffe hinab und erfüllen die Ufer. Wir entsteuren dem Port und zurück gehn Fluren und Städte. Heilig erhebt sich im Meer ein wohlbestelletes Eiland, Lieb der nereischen Mutter und lieb dem Ägäer Neptunus: | |
| 75 | Welches der schnellende Gott, da zuvor es um Küsten und Ufer Irrt', an Gyaros hohes Geklipp und Myconos festband, Und unbewegt zu stehn ihm verlieh und Stürmen zu trotzen. Hierher kommen wir müd'; im sicheren Hafen empfängt uns Delos; wir treten ans Land und grüßen die Stadt des Apollo. | |
| 80 | Anius, König der Männer zugleich und Priester des Phöbus, Binden der Weih' um die Schläfen gedreht und heiligen Lorbeer, Wandelte her, und erkannte den alten Freund in Anchises; Hand wird gefüget in Hand, und wir gehn in die gastliche Wohnung. Phöbus Tempel, erbaut von altendem Steine, verehrt' ich: | |
| 85 | Gieb, Thymbräer, doch eigenen Herd, gieb Mauern den Müden, Volk und bleibende Stadt. O erhalt' für Troja die andre Pergamos, und was der Danaer ließ und der grimme Achilles! Wer, der uns führt? wo schweifen wir hin? wo gründen wir Wohnung? Gieb uns, Vater, den Wink und verständige selber die Herzen! | |
| 90 | Kaum war geredet das Wort, da erzitterte plötzlich die Gegend, Schwellen umher und Lorbeergebüsch, und es bebte von Grund auf Rings der Berg; dumpf scholl's in entschlossener Höhl' um den Dreifuß. Demutsvoll sinkt alles zur Erd', und es tönet die Stimm' her: Dardanus hartes Geschlecht, wo euch von dem Stamme der Väter | |
| 95 | Zeugte die Erd' im Beginn, da wird sie mit fröhlicher Scholl' euch, Die heimkehren, empfahn. Auf, sucht die bejahrete Mutter. Dort wird Äneas Haus ringsum obherrschen den Landen, Er, und die Söhne der Söhn', und die spät aufwachsenden Enkel. So weissagte der Gott; laut hebt sich in stürmischem Aufruhr | |
| 100 | Jubelgetön'; und es fraget ein jeglicher, welcherlei Mauern Jene doch sein, und wohin aus der Fremd' uns senden wird Phöbus. Jetzo erwog der Vater die Denkmal' alter Geschlechte: Hört, ihr Fürsten, und lernt, so redet er, euere Hoffnung. Mitten im Meer liegt Creta, des herrschenden Juppiters Eiland, | |
| 105 | Wo der idäische Berg und die Wieg' ist unseres Stammes. Hundert mächtige Städte bewohnen sie, fruchtbare Reiche; Auch der erhabene Vater, wenn recht das Gehörte mir einfällt, Teucros, welcher zuerst, am rhöteischen Ufer gelandet, Sich zum Reich auswählte den Ort. Nicht Ilion stand schon, | |
| 110 | Noch die pergamische Burg; sie bewohneten unten die Thäler. Dort stammt Cybele her, und dort corybantische Erze, Samt dem Idagehölz; dorther das stumme Geheimnis, Und, vor den Wagen gespannt der herrschenden Mutter, die Löwen. Drum wohlan, und wohin die Unsterblichen führen, gefolget! | |
| 115 | Sühnt die Mächte der Wind', und fahrt nach dem gnosischen Eiland. Auch nicht fern trennt jenes der Raum, wenn nur Juppiter beisteht, Ruht mit dem dritten der Tage die Flott' am cretischen Ufer. Also sprach er und weihte die schuldige Pflicht den Altären: Seinen Stier dem Neptunus, den Stier dir, schöner Apollo, | |
| 120 | Schwarz dem Sturme sein Lamm, und weiß den günstigen Zephyrn. Sage fliegt, daß vertrieben Idomeneus wandre, der König, Aus dem ererbeten Reich, und Cretas Ufer geräumt sei; Nirgendwo hause der Feind, und die Wohnungen stehen verlassen. Jetzt aus Ortygias Port enteilen wir durch die Gewässer: | |
| 125 | Naxos umtaumelte Berge vorbei und die grüne Donusa, Paros blendende Höhn und Olearos und die Cycladen Streifen wir, rings in der Flut, und die Wallungen engender Inseln. Mutiges Schiffergeschrei, vielfach wetteifernd, erhebt sich: Heimwärts, Creta gesucht und die Urgroßväter! ermahnt man; | |
| 130 | Steigender Wind vom Steuer verfolgt die rüstige Meerfahrt, Bis wir zuletzt anrauschen zum Strand uralter Cureten. Rasch nun gründ' ich die Mauern der auserkorenen Pflanzstadt, Die ich Pergamea nenn'; und die Meinigen, fröhlich des Namens, Heiß' ich lieben den Herd und die Burg auftürmen den Häusern. | |
| 135 | Fast schon standen erhöht am trockenen Strande die Barken; Ehen und neue Gefilde betrieb die geschäftige Jugend; Wohnungen gab ich und Recht: als schnell zum Verderben den Gliedern Aus weit stockender Luft, und erbarmungswürdig daherkam, Bäumen zugleich und Saaten, die tödliche Seuche des Jahres. | |
| 140 | Manche veratmeten schon ihr süßes Leben, und andre Schleppten den Leib hinfällig; auch Sirius sengte die Felder; Falb verdorrte das Kraut, und brotlos krankte die Saatflur. Schleunig zurück auf der Flut zu Ortygias hehrem Orakel Heißt der Vater mich gehn und um Gnad' anrufen den Phöbus: | |
| 145 | Welches End' er bestimme der Not, von wannen des Elends Hilfe zu spähn er gebiete, wohin zu lenken die Meerfahrt. Nacht war's; und in den Landen, was atmete, deckte der Schlummer. Siehe, die heiligen Göttergebild' und Phrygerpenaten, Die ich von Troja zugleich aus der Stadt aufflammendem Brande | |
| 150 | Rettete, scheinen nunmehr vor den Blick zu treten dem schlaflos Liegenden, deutlich erkannt in heller Umschimmerung, wo sich Klar durch offene Gitter der Wand eindrängte der Vollmond. Sie nun redeten so, die tröstenden Worte beginnend: Was in Ortygia hätte dir Kommenden Phöbus geweissagt, | |
| 155 | Meldet er hier, uns selber, o schau, zu den Schwellen dir sendend. Wir, die aus Trojas Brand dir gefolgt im Waffengetümmel, Wir, die in deinem Geleit hochwogige Meere durchsteuert, Werden dir unter die Sterne die kommenden Enkel erheben, Werden der Stadt Obherrschaft verleihn. Bau mächtige Mauern | |
| 160 | Mächtigen, und nicht scheue der Flucht langwierige Mühe. Nein, du vertausche den Sitz. Nicht dies Meerufer befahl dir, Noch will, daß du in Creta dich anbaust, Phöbus Apollo. Westlich lieget ein Land, Hesperia nennt es der Grajer, Ehrwürd'gen Ruhms, durch Waffen gelobt und ergiebige Scholle. | |
| 165 | Einst vom önotrischen Volke bewohnt; nun heißt es, die jüngern Nannten es Italerland, von Italus Namen, des Führers. Dort wird eigener Sitz uns empfahn; denn Dardanus stammet Dort und Jasius her, der Urahn unsres Geschlechtes. Dies unfehlbare Wort dem betagten Vater zu melden, | |
| 170 | Mache dich auf. Des Corythus Stadt und Ausonias Lande Such' er. Dictäische Fluren versagt dir Juppiters Allmacht. Tief erstaunt ob solchem Gesicht und den Worten der Götter, (Denn nicht war's Traumbild, nein klar zu erkennen ihr Antlitz Glaubt' ich, die sprechende Mien', und in heiligen Binden das Haupthaar; | |
| 175 | Auch war ganz mir der Leib von frostigen Schweißen umströme): Raff' ich empor vom Lager den Leib und strecke zum Himmel Rückwärts gebogene Hände mit Ruf, und sprenge verehrend Lauteren Wein auf den Herd. Dann froh nach vollendetem Opfer Meld' ich die That dem Anchises, getreu ihm alles berichtend. | |
| 180 | Jener erkennt das Doppelgeschlecht zwiefacher Erzeuger, Und daß ihn neues Versehn altvätrischer Orte getäuschet. Sohn, beginnt er, o Sohn, den Ilions Schicksal umhertreibt, Solcherlei Los hat einzig mir schon Cassandra geweissagt. Dies, nun denk' ich zurück, sollt' unserem Stamme bevorstehn; | |
| 185 | Oft von Hesperia sprach sie und oft von italischer Herrschaft. Doch wer glaubte, daß je hesperischen Küsten die Teucrer Naheten? wer wohl glaubte Cassandras Ahnungen damals? Auf, dem Apollo gefolgt, und dem besseren Rate gehorsam! Also der Greis; frohlockend dem Wort willfahren wir alle, | |
| 190 | Dort auch räumen wir jetzo den Sitz, und wenige lassend, Segeln wir aus und laufen in hohlem Gebälk durch die Meerflut. Als in die offene See wir bereits aufsteu'rten, und nirgends Einiges Land noch erschien, rings Himmel und rings nur Gewässer; Jetzt hing über das Haupt mir ein bläuliches Regengewölk her, | |
| 195 | Nacht mitbringend und Sturm; und es schauerte düster der Abgrund. Schnell nun wühlen die Winde das Meer auf, fürchterlich steigen Brandungen; uns, die Zerstreuten, umwogt unermeßlicher Strudel; Eingehüllt ist in Regen der Tag, und den Himmel entrafft rings Träufelnde Nacht, rings zuckt aus geborstenen Wolken die Leuchtung. | |
| 200 | Abgestürmt von der Bahn, durchtreiben wir blinde Gewässer. Selbst nicht Tag am Himmel und Nacht zu erkennen gestehet, Noch sich des Wegs zu besinnen in tobender Flut Palinurus. Drei unsichere Sonnen in blind umdrängendem Düster Irren wir durch das Gewog', und drei ungestirnete Nächte. | |
| 205 | Jetzt am vierten der Tag' erhob sich endlich dem Anblick Land, fern traten hervor Berghöhn und es wirbelte Rauch auf. Hurtig die Segel gesenkt und Ruder gerafft; ungesäumt dann Drehn sie mit Kraft anstrebend den Schaum und durchfegen die Bläue. Mich, der den Wogen entrann, herbergt der strophadischen Inseln | |
| 210 | Ufer nunmehr. Strophaden mit grajischem Namen benennet, Ruhn sie im großen ionischen Meer, wo der grause Celäno Wohnt und die andern Harpyien zugleich, seit ihnen gesperrt ward Phineus Haus und gescheucht sie die früheren Tische verließen. Nicht heillosere Schau droht wo, und gräßlicher niemals | |
| 215 | Hob sich aus stygischen Wogen ein Fluch und Verderben der Götter. Jungfraunhaft der Vögel Gesicht, scheuselig des Bauches Ekler Erguß, auch die Hände gekrallt, und von Hunger das Antlitz Immer gebleicht. Als hierher wir gelangt in die Bucht einsteuerten, siehe, | |
| 220 | Muntere Rinderherden erblicken wir rings in den Feldern, Rings der Geiße Geschlecht in dem Gras, ohn' jeglichen Hüter. Rasch wird gestürmt mit dem Stahl; Unsterbliche ruft man und selbem Juppiter her zum Teile des Raubs; und am krummen Gestade Häuft man schwellende Lager und schmaust vom leckeren Festmahl. | |
| 225 | Plötzlich in sausendem Sturz graunvoll von dem Felsengebirge Nahn die Harpyien, und schwingen mit hallendem Laute die Flügel; Und sie zerraffen den Schmaus und mit Unrat schänden sie alles, Durchgewühlt; ihr Geschrei tönt graß zum scheußlichen Aushauch. Wieder im Schoße der Thalwindung an gewölbeter Felswand, | |
| 230 | [Unter der Bäume Verschloß ringsher und grauser Umschattung,] Ordnen wir unsere Tisch' und erneuen die Glut den Altären. Wieder aus anderem Raume der Luft und verborgenen Winkeln Tönet der Schwarm und umfliegt mit kralligen Klauen die Beute; Und sie entweihn mit dem Maule das Mahl. Jetzt, Waffen zu nehmen | |
| 235 | Und zu bekriegen das Gräuelgezücht, ermahn' ich die Freunde. Gern wird, was ich befohlen, gethan; in den hüllenden Kräutern Legen sie Schwerter umher und bergen verheimlichte Schilde. Jetzo sobald abstürzend sie laut durch die krummen Gestade Töneten, giebt sein Zeichen aus hohlem Erze Misenus | |
| 240 | Hoch von der Wart': an stürmen zum seltsamen Kampf die Genossen, Daß sie mit Stahl ausschänden des Meers unholdes Gevögel. Doch auch keine Gewalt an dem Flaum, noch Wunden am Rücken Fühlet der Schwarm; er entrauscht in beschleunigter Flucht zu dem Äther, Angenageten Raub und garstige Spuren verlassend. | |
| 245 | Eine nunmehr saß nieder auf luftiger Klippe, Celäno, Graunweissagerin sie und stürmt aus dem Busen den Aufruf: Krieg für gemordete Rinder sogar und der Farren Erlegung, O Laomedontiden, noch Krieg zu erheben gedenkt ihr, Und schuldlose Harpyien aus dem Vatergebiet zu vertreiben? | |
| 250 | Nun so vernehmt mein Wort und präget es tief in die Seele: Was dem Phöbus der Herrscher der Welt, mir Phöbus Apollo Angesagt, euch selbst ich der Furien älteste melde. Nach Italia lenkt ihr den Lauf mit erfleheten Winden; Nach Italia kommt ihr, und dürft in den Hafen hineingehn. | |
| 255 | Doch nicht eher umgebt ihr die Stadt der Verheißung mit Mauern, Als bis gräßlicher Hunger und unseres Mordes Gewaltthat Euch die benageten Tische hinabzuschlingen genötigt. Sprach's und zurück in den Wald mit entraffenden Fittigen flohn sie. Aber von plötzlicher Angst erstarrte das Blut den Genossen, | |
| 260 | Eiskalt, allen verzagte das Herz; nicht länger mit Kriegswehr, Nein, mit Flehn und Gelübd' ermahnen sie Frieden zu fordern, Ob Göttinnen sie sein, ob gräßliche Vögel des Fluches. Siehe der Greis Anchises, die Händ' ausstreckend am Ufer, Ruft die erhabenen Mächt' und verkündiget schuldige Ehren: | |
| 265 | Götter, o wehret dem Drohn, lenkt ab, ihr Götter, das Unheil! Rettung schafft uns Frommen versöhnt! – Dann heißt er vom Ufer Trennen das Seil und lösen das aufgewickelte Tauwerk. Südwind spannte die Segel; einher durch schäumende Wasser Fliegen wir, so wie zum Laufe der Wind und der Steuerer antrieb. | |
| 270 | Schon erscheint in der Flut mit grünenden Hainen Zakynthos, Auch Dulichion, Same, und Neritos starrende Felshöhn; Ithacas ödem Gestein, dem Reich des Laertes entfliehn wir, Alle verwünschend das Land, die Heimat des grausen Ulixes. Auch Leucate nunmehr mit des Vorbergs dunstigen Gipfeln | |
| 275 | Hüllet sich auf, und, vom Schiffer gescheut, der Tempel Apollos. Dorthin lenken wir müd' und nahn dem winzigen Städtlein; Vorne ruht am Anker der Kiel, und hinten am Strandseil. Froh nun endlich das Land, das unverhoffte betretend, Weihn wir dem Juppiter uns und brennen Gelübd' auf Altären; | |
| 280 | Weit auch den aktischen Strand verherrlichet ilisches Kampfspiel: Nackt in schlüpfrigem Öl übt heimische Künste des Ringens Unsere Schar. Es erfreut, so vielen argolischen Städten Doch zu entfliehn und zu finden durch Feind' und Gefahren den Ausgang. Ganz vollendet indes die rollende Sonne den Jahrkreis, | |
| 285 | Und der beeisete Winter erregt die Gewässer mit Nordwind. Ein hohlerziges Schild, die Tracht des gewaltigen Abas, Heft' ich vorn an die Pfosten und zeichne die That mit der Inschrift:»Diese Wehr Äneas vom siegenden Danaervolke.« Jetzo, gereiht auf die Bänke, den Port zu verlassen, gebiet' ich. | |
| 290 | Alles erhebt um die Wette den Schlag und durchstäubt die Gewässer. Stracks verbergen sich uns der Phäacier luftige Spitzen; Dann Epirus Gestad' umfahren wir, gehen hinein dann In den chaonischen Port und nahn der erhabnen Buthrotos. Hier ertönet dem Ohr ein Gerücht unglaublicher Thaten, | |
| 295 | Helenus, Priamus Sohn, sei grajischer Städte Gebieter, Scepter und Eh' einnehmend des äacidischen Pyrrhus, Und in die Sippschaft sei Andromache wieder vermählet. Und ich erstaunt'; es entbrannte das Herz von inniger Sehnsucht, Anzureden den Mann und das Wundergeschick zu vernehmen. | |
| 300 | Vorwärts wandl' ich vom Porte, Gestad' und Flotte verlassend: Als ihr feierlich Mahl und traurige Totengeschenke Dort im Hain vor der Stadt, an des täuschenden Simois Waldung, Eben Andromache weihte der Asch', und die Manen daherrief Zum Hectorischen Hügel, den leer sie aus grünendem Rasen, | |
| 305 | Und, den Gram zu erneun, zwei Traueraltäre geheiligt. So wie mich Kommenden jene bemerkt', und die troischen Waffen Rings wie entseelt anschaute, bestürzt von der Wundererscheinung Starrte sie mitten im Blick, und die Wärme verschwand den Gebeinen, Matt nun sinkt sie, und kaum sich zuletzt erholend beginnt sie: |
(Dritter Gesang)
| 310 | Kommst du in wahrer Gestalt, mir ein wahrer Verkündiger nahend? Sohn der Göttin, du lebst? Floh aber das heilige Licht dir; Hector, wo der? – So rief sie und strömt' in Thränen, und ringsum Füllte den Ort ihr Jammergeschrei. Kaum weniges stammelnd, Geb' ich der Armen verwirrt mit stockendem Laute die Antwort: | |
| 315 | Ja, ich leb', und führe von Not mein Leben in Not hin! Zweifele nicht, dir erscheint Wahrheit! Wehe, wie tief von der hohen Beseligung solchen Gemahles Sankest du? oder wie weit ist ersetzt dir würdiges Schicksal? Hectors Andromache du bist immer noch Pyrrhus Genossin? | |
| 320 | Sie dort senkte den Blick und sprach mit leiserer Stimme: O glückselig allein vor anderen Priamus Tochter, Die am feindlichen Hügel vor Trojas türmenden Mauern Blutete, ohne zuvor das fallende Los zu erdulden, Die kein siegender Herr als Gefangene führte zum Lager! | |
| 325 | Ich, nach Ilions Brand', entlegene Meere durchwandernd, Trug des Achillischen Stamms Hochmut und den trotzigen Jüngling, Abgequält im Joche des Zwangs: der Hermionen nachmals, Ledas Enkelin, folgt' und der lacedämonischen Hochzeit, Und mich Dienende nun dem dienenden Helenus hingab. | |
| 330 | Jenem, von heftiger Glut der entrissenen Gattin entzündet, Und von der Sünde verfolgt und den Furien, lauert' Orestes Tückisch auf und erschlug ihn an väterlichen Altären. Nach Neoptolemus Tode bekam ein Teil des Gebietes Helenus, welcher nunmehr chaonische Felder mit Namen, | |
| 335 | Und Chaonia nannte vom troischen Chaon die Herrschaft, Und hier Pergamos baut' und Ilions Burg auf den Höhen. Aber o welcherlei Wind doch brachte dich, welcherlei Schicksal? Oder was trieb für ein Gott dich ganz Unkundigen hierher? Was denn macht dein kleiner Ascanius? lebt er und atmet? | |
| 340 | [Den dir, wie Troja bereits]. Ob der Knabe auch wohl den Verlust der Mutter empfindet? Ob zu männlichem Mut und altertümlicher Tugend Ihn sein Vater Äneas und Hector treibet der Oheim? Also redete jene bethränt und weinete lange | |
| 345 | Fort mit vergeblichem Gram: als sich von den Mauern des Heros Helenus, Priamus Sohn, darbeut in großer Begleitung, Ach und die Seinen erkennt, und froh zum Palaste daherführt, Und viel Thränen vergießt bei jedem gebrochenen Worte. Wandelnd erkenn' ich Troja die kleinere und der erhabnen | |
| 350 | Pergamos winziges Bild, und ein schwach hinrieselndes Bächlein, Xanthus benamt, und die Schwellen des scäischen Thores umarm' ich. Auch die Dardaner gehn der verbündeten Stadt zu genießen. Dort in geräumigen Hallen bewirtete jene der König. Feierlich sprengten sie drinnen im Hof des Palastes den Festwein, | |
| 355 | Vor sich Speisen auf Gold, und die Opferschal' in den Händen. Schon entschwand ein Tag und ein anderer Tag; und den Segeln Rufet der Wind; auf wölbt sich im schwellenden Süde das Segel. Jetzo wend' ich zum Seher das Wort und erkundige solches: Same des Tros, o Götterprophet, der die Winke des Phöbus, | |
| 360 | Der Dreifuß und Lorbeer des Clariers, der die Gestirn' auch Merkt, und Stimmen der Vögel und Deutungen raschen Gefieders! Rede doch, (denn es erklärt' heilmeldende Religion mir Ganz den Lauf, und mich hießen die sämtlichen Winke der Götter Nach Italia gehn und entlegene Lande versuchen; | |
| 365 | Nur sie allein weissaget ein Graun, die Harpyie Celäno, Neues unnennbares Graun und kündiget traurigen Zorn an, Und scheuseligen Hunger) was meid' ich zuerst für Gefahren? Welch ein Rat, ob ich etwa so schrecklichem Leiden entfliehn kann? Helenus jetzt, da er Farren zuvor nach der Sitte geschlachtet, | |
| 370 | Fleht um Gnade der Götter und löst die schleiernden Binden Seines geheiligten Haupts, und dir zu den Schwellen, o Phöbus, Führt er mich selbst an der Hand, wie ich beb' im Schauer der Gottheit; Dieses sodann weissaget aus göttlichem Munde der Priester: Sohn der Göttin, (denn traun von größeren Zeichen geleitet | |
| 375 | Fährst du die Wogen hindurch) so lost der Unsterblichen König Schicksalslos', und die Wandel des Glücks; so rollet die Ordnung! Weniges dir aus vielem, daß sicherer gastliche Meere Weit durchziehn und im Port der Ausonier ruhen du könnest, Soll erschließen mein Mund. Denn weiteres hüllet die Parce | |
| 380 | Helenus Geist, und zu reden verbeut die saturnische Juno. Gleich das Italerland, das schon dir nahe du glaubest, Und zum grenzenden Port, Unkundiger, rüstest die Einfahrt, Weit, weit trennt es durch Räum' unwegsamer Weg in die Ferne. Erst in trinacrischer Flut muß schwank sich biegen das Ruder, | |
| 385 | Und umschweifen der Kiel das Gewog' ausonischen Meeres, Unterirdische Teich', und die Flur der Aeäerin Circe, Eh' in sicherem Lande die Stadt du zu ordnen vermögest. Zeichen sag' ich dir an; du halte sie fest im Gedächtnis. Wann dir Bekümmerten einst an der Flut des gesonderten Stromes | |
| 390 | Unter des Bords Steineichen die ungeheuere Bache Nach der Geburt, umwühlt von dreißig Frischlingen, daliegt, Weiß, am Boden gestreckt, und weiß um die Euter die Ferklein, Dort sei die Lage der Stadt, dort stetige Ruhe der Mühsal. Auch nicht schaudere so vor der Tische gedrohetem Anbiß; | |
| 395 | Ausgang bahnt das Geschick, und es naht der gerufne Apollo. Jene Gefilde jedoch und den Rand des italischen Ufers, Welcher zunächst von der Woge des unsrigen Sundes durchströmt wird, Fliehe du! Alle die Mauern bewohnt der listige Grajer. Dort errichtete Mauern das Volk narycischer Locrer; | |
| 400 | Auch der Lyctierfürst Idomeneus füllte mit Streitern Sallentinisches Feld; und die kleine Petelia trotzt dort, Von Philoctetes umschanzt, dem tapferen Held Meliböas. Ja, wenn jenseit des Meers die gelandete Flotte dir stehet, Und du gestellten Altären Gelübd' am Strande bezahlest, | |
| 405 | Hülle das Haar dir bedeckend mit purpurfarbenem Schleier, Daß nicht während der heiligen Glut in der Götter Verehrung Feindliche Schau dir begegne, die Vorbedeutung verwirrend. Dies sei Opfergebrauch den Deinigen, so wie dir selber; Dies stets Religion dem Geschlecht frommwandelnder Enkel. | |
| 410 | Aber nachdem dich Geschiednen der Wind dem siculischen Ufer Näherte, und sich erweitert das enge Verschloß des Pelorum; Links dann werde das Land, und links in langer Umgehung Dir das Gewässer gewählt; rechts meide die Wog' und das Ufer. Dort durch Gewalt vormals und machtvoll rüttelnden Erdsturz, | |
| 415 | (So viel mag umwandeln die Zeit in alternder Dauer!) Barst, wie man saget, der Grund, da vereiniget beiderlei Erdreich Veste noch war; einströmte die Flut und mit stürmender Brandung Riß sie das Siculerland von Hesperia; Felder und Städte, Durch Meerufer getrennt, durchspült' ein geengeter Strudel. | |
| 420 | Rechts hält Scylla den Strand und die unfriedsame Charybdis Links; und zum untersten Wirbel des Abgrunds schlürfet sie dreimal Jäh die unendlichen Fluten hinab, dann wieder zur Luft auf Schnellt sie die wechselnden hoch und schlägt die Gestirne mit Meerschaum. Aber Scylla verweilt im dunkelen Winkel der Felskluft, | |
| 425 | Wo sie das Haupt ausstreckt und die Schiff' an die Zacken heranzieht. Vorn ist Menschengestalt, und schön von Busen die Jungfrau, Bis an den Schoß; doch hinten ein graunvoll ringelnder Wallfisch, Welcher Delphinenschwänz' an den Bauch der Wölfe gefüget. Besser dem Ziele genaht des trinacrischen Berges Pachynos, | |
| 430 | Auch mit Verzug, und umher auf längerer Bahn dich gewendet, Als in der graulichen Höhl' einmal nur gesehen das Scheusal Scylla, und das Geklipp, durchbellt von schwärzlichen Hunden! Jetzo annoch, wenn Verstand bei Helenus waltet, dem Seher, Oder wenn Treu, wenn die Seele mit Wahrheit füllet Apollo, | |
| 435 | Eines, o Sohn der Göttin, das Einzige laß mich vor allem Kund dir thun und wieder mit Ernst dich warnen und wieder. Junos herrliche Macht sei zuerst im Gebete verehret, Juno mit frohem Gelübde gegrüßt, und der Königin Hoheit Durch demütige Gaben gebeugt! So endlich ein Sieger | |
| 440 | Gehst aus Trinacria du zu den Italergrenzen gesendet. Wann hierher du gelangt der cumäischen Stadt dich genähert, Und dem begeisterten See und dem waldumrauschten Avernus, Wirst du die Seherin schaun, die rasende, die in der Felskluft Schicksal singt und dem Laube die redenden Zeichen vertrauet. | |
| 445 | Welche Verkündungen nun in das Laub einritzte die Jungfrau, Ordnet sie alle nach Zahl und läßt sie verschlossen im Felsen. Jene ruhn unbewegt an dem Ort und behaupten die Ordnung. Doch wenn heran nur leise bei umgedreheter Angel Hauchte der Wind, und die Pforte die luftigen Blätter verwirrte; | |
| 450 | Nimmer die flatternden dann im gehöhleten Felsen zu haschen, Noch zu erneuen die Lag', und die Sprüche zu einigen sorgt sie. Ratlos ziehen sie fort und hassen das Haus der Sibylle. Hier laß weder Verzug so sehr dich reuen noch Säumnis; Ob auch laut antreiben die Freund', und dringend die Meerfahrt | |
| 455 | Segel verlangt, und schwellen du kannst die gewogene Wölbung; Nein, der Prophetin genaht und mit Flehn das Orakel erbeten! Rede sie selbst, und öffne die willige Lippe zum Ausspruch. Sie wird Italias Völker gesamt und die kommenden Kriege, Auch wie meiden du kannst und endigen jegliche Mühe, | |
| 460 | Kund dir thun; und verehrt wird günstigen Lauf sie gewähren. So weit gönnt das Geschick dir unseres Mundes Ermahnung. Gehe denn, hebe durch That die gewaltige Troja zum Äther. Als nun so der Prophet mit freundlicher Stimme geredet, Schwere Geschenke von Gold und elfenbeinernes Kunstwerk | |
| 465 | Heißet er tragen zur Flott', und drängt in die fassenden Räume Mächtiges Silbergerät und dodonäische Becken, Auch den geringelten Panzer aus Drillichsmaschen des Goldes, Auch den stattlichen Kegel des Helms und den wallenden Haarbusch, Einst Neoptolemus Wehr. Nicht fehlt auch Geschenk für den Vater, | |
| 470 | Rosse dazu und Führer dazu. Ruderer werden ergänzt, und gerüstet die Schar mit Gerätschaft. Rasch hieß jetzo die Segel der Flott' einfügen Anchises, Daß ein Verzug nicht säumte die tragenden Hauche des Windes. Ehre bezeugt anredend der apollinische Seher: | |
| 475 | O Anchises, von Venus erhabener Liebe gewürdigt, Götterfreund, der zweimal aus Pergamos Sturze gerettet, Schau das ausonische Land, da liegt's! dort segle hinüber. Und doch jenes im Meere vorbeizugleiten ist not dir. Weit ist Ausonias Teil noch entfernt, den Apollo dir kündet. | |
| 480 | Geh, o du durch die Liebe des Sohns glückseliger Vater, Doch was red' ich noch mehr und verzögre den wachsenden Südwind? Auch Andromache jetzt, von Trauer erfüllt bei dem Abschied, Bringt von Bildungen reiche Gewand' und goldenem Einschlag, Auch ein phrygisches Kleid für Ascanius, eifernd in Ehre; | |
| 485 | Ganz mit gewebeten Gaben umhäuft sie ihn, also beginnend: Dies auch empfah, was dir von meinen Händen ein Denkmal Sei, o Knab', und bezeuge, wie stets dich Andromache liebte, Hectors Weib. O nimm der Deinigen letztes Geschenk hier, Du mir übrig allein als meines Astyanax Bildnis! | |
| 490 | So warf jener den Blick, so trug er die Händ' und das Antlitz! Und nun wüchs' er mit dir zu gleichem Alter des Jünglings! Jetzo schied ich von dannen und sprach mit quellender Thräne: Lebet, o lebt glückselig, dir ihr schon euer Verhängnis Endetet! Und noch ruft aus anderem andres Verhängnis. | |
| 495 | Euch ist Ruhe geschafft; kein wogendes Meer zu durchpflügen, Kein Ausonierland, das stets sich weiter zurückzieht, Auszuspähn. Ihr sehet des Xanthus Bildnis, und Troja, Die ihr mit eigener Hand euch gebaut: zu besserem, wünsch' ich, Vorbestimmt, und minder der Wut zugänglich des Grajers! | |
| 500 | Wenn ich zum Thybris einmal und den Nachbarfluren des Thybris Eingeh' und die dem Volke verliehenen Mauern erblicke; Städte, verwandt vormals, und blutsbefreundete Völker, Hesperus Land mit Epirus, vom selbigen Dardanus stammend, Duldend das selbige Los, die schaffen wir beide zu einer | |
| 505 | Troja an Sinn. Heim falle die Einigung unseren Enkeln. Vorwärts gehn wir ins Meer, die nahen Ceraunien streifend, Wo nach Italia führt der kürzeste Weg in den Wogen. Jetzo tauchte die Sonn', es dunkelten schattige Berge. Und wir ruhn an der Wog' im Schoß des ersehneten Landes, | |
| 510 | Als wir um Ruder gelost; ringsher auf trockenem Meersand Pflegen wir müde den Leib, und Schlaf durchrieselt die Glieder. Noch nicht führten die Nacht zu des Kreislaufs Mitte die Stunden: Doch ungesäumt vom Lager ersteht Palinurus, und sämtlich Forscht er die Wind' und fängt mit lauschendem Ohre die Kühlung; | |
| 515 | Alle Gestirn' auch merkt er, die still hingleiten am Himmel, Auch den Arctur und die feuchte Hyad' und die doppelte Bärin, Auch den großen Orion in goldener Rüstung umschaut er. Da er gesehn, wie alles sich füg' am heiteren Himmel, Tönet er hell vom Hinterverdeck; wir eilen zum Aufbruch, | |
| 520 | Wagen die Fahrt, und breiten die segelnden Flügel des Schiffes. Schon errötete jetzt bei fliehenden Sternen Aurora, Als wir dunkele Hügel von fern, und wie streifenden Nebel Tief Italia sehn. O Italia! rufet Achates; Und, o Italia! grüßen mit fröhlichem Ruf die Genossen. | |
| 525 | Aber der Greis Anchises bekränzt den gewaltigen Mischkrug, Füllt ihn mit lauterem Wein und fleht den Unsterblichen stehend Hoch auf dem Hinterverdeck: Götter des Meers und der Erd', die in Sturm und Wetter ihr herrschet, Sanft laßt schweben die Fahrt und erregt mitwehende Kühlung! | |
| 530 | Frischer saust, wie er flehte, die Luft und der Hafen enthüllt sich Näher bereits, und der Tempel erscheint auf der Höhe Minervas. Eingerollt sind die Segel; zur Anfurt drängt man das Vorschiff. Bogengleich ist gekrümmt von der östlichen Woge der Hafen; Und vorstarrende Klippen umschäumt aufspritzende Meerflut, | |
| 535 | Selber liegt er versteckt, der gedoppelten Mauer Umarmung Senkt sich von türmenden Höhn; und es flieht vom Gestade der Tempel. Dort vier Ross', als erste Verkündigung, sah ich im Grase Weitumher das Gefild' abmähn, weißschimmerndem Schnee gleich. Drauf Anchises der Greis: Krieg trägest du, Land der Bewirtung! | |
| 540 | Krieg bewaffnet das Roß; Krieg droht das weidende Rudel! Dennoch sind auch am Wagen hinfort zu traben gewöhnet Jene Ross' und im Joch einmütige Zäume zu dulden: Fried' auch erscheint! so ruft er. Wir flehn die heilige Gottheit Pallas der Kriegerin an, die zuerst uns Jauchzende aufnahm. | |
| 545 | Vor den Altären bedeckt uns phrygische Hülle die Häupter; Und, was Helenus mehr als alles verlangt, nach der Satzung Weihn wir gebotene Pflicht der argivischen Königin Juno. Ohne Verzug, sobald wir Gelübd' und Flehen vollendet, Drehen wir meereinwärts der besegelten Rahen Hörner, | |
| 550 | Und von der Grajer Bezirk und verdächtigen Wohnungen fliehn wir. Drauf wird Tarentums Bucht, des herkulischen, meldet der Ruf wahr, In der Ferne gesehn. Es erhebt sich die hehre Lacinia jenseits, Und die caulonische Burg, und der Kiele Verderb Scylaceum. Dann wird fern aus der Flut der trinacrische Ätna geschauet; | |
| 555 | Auch lauttosenden Meeraufruhr und geschlagene Felsen Hören wir schon weither und gebrochene Hall' am Gestade: Hochauf wallen die Gründ', in den Brandungen strudeln die Sand' um. Jetzt Anchises der Greis: Hier traun ist jene Charybdis, Hier das Gestein, das der Seher gedroht, und die Felsen des Grauens! | |
| 560 | Raffet heraus, o Genossen; zugleich schwingt alle die Ruder! Gern wird, was er befohlen, gethan; und das krachende Vorschiff Drehet zuerst linkshin zu den Wogen des Meers Palinurus; Linkshin drehen sie alle mit Wind und Ruder die Barken. Jetzt in den Himmel erhebt uns gebogener Strudel, und jetzo | |
| 565 | Senket uns, unten entrafft, zu des Erebus Schatten die Woge. Dreimal scholl aus der Kluft hohlzackiger Klippen Gebrüll auf; Dreimal sahn wir, wie spritzet der Schaum zu den träufelnden Sternen. Uns den Ermatteten nun war Wind und Sonne geschwunden, Als wir des Wegs unkundig zum Strand der Cyclopen hinangehn. | |
| 570 | Friedsam ruht vor der Wind' Androhn der geräumige Hafen; Aber zunächst mit grausen Verwüstungen donnert der Ätna. Oftmals strömt er die schwarz vorbrechende Wolke zum Äther, Welche wie Pech aufwirbelt den Dampf voll funkelnder Flocken, Und er erhebt Glutklumpen und leckt mit der Flamme die Sterne; | |
| 575 | Oftmal Graus und Gesteine, dem Schoß entrissen des Berges, Bäumet er strudelnd empor, und geschmolzene Felsen zum Himmel Drängt er mit dumpfem Gekrach und tobt aus dem untersten Grund' auf. Sag' ist, Enceladus Leib, den gebrandmarkt sengende Donner, Werde gedrückt von der Last, und der mächtige Ätna darüber | |
| 580 | Hingewälzt, veratme die Flamm' aus geborstenen Essen; Und wann er müd' umwechsle die Seit', erzittere murmelnd Ganz das trinacrische Land, und Rauch umwalle den Himmel. Wir nun dulden die Nacht das entsetzliche Wunder, in Waldung Eingehüllt, nicht sehend, woher so tose der Aufruhr. | |
| 585 | Denn nicht schien ein klares Gestirn, noch leuchtete funkelnd Heitere Bläue des Pols; umwölkt war der dunkele Himmel, Und tief deckte den Mond der mitternächtliche Schauer. Schon der folgende Tag stieg auf mit dem Sterne des Morgens, Und den betaueten Schatten entfernt' Aurora vom Himmel; | |
| 590 | Als aus den Waldungen schnell, mit abgehagertem Antlitz, Eine befremdende Mannesgestalt, in erbärmlichem Aufzug, Vorwärts trat, demütig die Händ' ausstreckend zum Ufer. Schau! ein gräßlicher Wust, und verwilderte Länge des Bartes, Rings gestopft die Hülle mit Dorn; doch übrigens Grajer, | |
| 595 | Und in heimischen Waffen vordem gen Troja gesendet. Als er die Dardanertracht fernher und die troische Rüstung Schauete, stutzt' er ein wenig, und abgeschreckt von dem Anblick Hemmt' er den Schritt; bald aber in eiligem Lauf zum Gestade Flog er mit Flehn und Jammer heran: Bei den Sternen beschwör ich, | |
| 600 | Bei den Unsterblichen euch, und dem Lebenslichte des Himmels! Nehmet mich, Teucrer, hinweg; in welcherlei Land' auch, entführt mich! Das ist genug! Ja ich weiß, ein Genoß der Danaerflotte Bin ich, und naht', ich bekenn' es, mit Krieg den Penaten der Troer. Dafür, wenn so groß die Beleidigung meines Vergehns ist, | |
| 605 | Streut in die Flut mich umher, in des Abgrunds Wogen versenkt mich! Wenn ich ja sterb', o ein Trost, durch Menschenhände zu sterben! Jener sprach's, und umarmend die Knie', und gewälzt um die Kniee Schlang er sich fest. Wer er sei, zu gestehn, und welcherlei Abkunft, Mahnen wir an, und wie doch umher ihn treibe das Schicksal. | |
| 610 | Selber reicht dem Jüngling die Hand der Vater Anchises, Ohne Verzug, und stärkt mit erbotenem Pfande das Herz ihm. Als er endlich die Angst ablegete, redet er also: Her aus Ithaka stamm' ich, Genoß des geplagten Ulixes; Von Adamastus erzeugt, und genannt Achämenides, zog ich, | |
| 615 | Arm von Geburt, (o wäre mein Los mir geblieben!) gen Troja. Hier, da in zitternder Hast sie entflohn aus der grausamen Wohnung, Ließen die Freund' achtlos mich Einsamen in des Cyclopen Räumiger Kluft. Ein Haus voll blutiger Kost und Verwesung, Düster und groß inwendig. Er selbst hochragend berühret | |
| 620 | Hohes Gestirn; (o enthebt solch Unheil, Götter, dem Erdkreis!) Weder den Schauenden hold, noch je Anredenden freundlich, Zehrt er der Elenden Fleisch und schlürft des schwärzlichen Blutes. Sah ich doch selbst, wie er zwei aus unserer Freunde Versammlung Faßt' in gewaltiger Hand, und zurück in die Höhle gelehnet, | |
| 625 | Schmetterte gegen den Fels und die Schwell' in umspritzendem Moder Schwamm; ja ich sah, wie er Glieder, beströmt von schwarzer Verwesung, Fraß, und die warmen Gelenk' ihm zitterten unter den Zähnen, Zwar nicht blieb's ungestraft; nicht duldete solches Ulixes, Noch vergaß sein selbst der Ithaker, als die Gefahr rief. | |
| 630 | Denn sobald, vom Schmause gefüllt, und mit Weine beschweret, Er den gebogenen Hals hinsenkt', und die Höhle hindurch weit Dalag, klumpige Jauch' ausbrechend im Schlaf und zerstücktes Fleisch mit blutigem Weine gemischt; jetzt flehn wir den Göttern, Und, nach geworfenem Lose, zugleich rings all' um den einen | |
| 635 | Stürzen wir her, und bohren mit spitzigem Schafte das Aug' ihm, Welches groß und allein von der struppigen Stirne bedeckt lag, Gleich dem argolischen Schild' und der leuchtenden Scheibe des Phöbus; Und sind endlich vergnügt die ermordeten Freunde zu rächen. Aber entflieht, o ihr Armen, entflieht, und das Seil vom Gestade | |
| 640 | Hurtig gesprengt! Denn so mächtig und groß im gehöhleten Fels Polyphemus Sein schwerwolliges Vieh einsperrt, und die Euter sich ausmelkt, Wohnt bei Hunderten noch ringsum an dem krummen Gestade Gräßliches Volk der Cyclopen und irrt auf steilen Gebirghöhn. | |
| 645 | Dreimal ergänzte mit Licht die gehörnete Luna den Vollmond, Seit ich in Waldeinöden, umdroht von zerreißenden Wildes Höhlungen, bang' ausharr' und die ungeheuren Cyclopen Schaue vom Fels, vor dem Donner des Gangs und der Stimmen erschreckend. Elende Kost, Waldbeeren und steinige Frucht der Kornelle, | |
| 650 | Reichen die Äst', auch nähren mich ausgewurzelte Kräuter. Alles umher durchspähend, erblickt' ich zuerst am Gestade Hier die kommende Flott', und beschloß ihr, wer sie auch wäre, Mich zu vertraun. Nur entfliehn dem verruchten Geschlecht ist genug mir. Mögt ihr lieber den Geist durch jeglichen Tod mir vertilgen! | |
| 655 | Kaum dies hatt' er gesagt, da schauen wir hoch auf dem Berge, Wie er unter den Herden mit plumper Last sich einherregt, Jener Hirt Polyphemus, und strebt zum traulichen Meerstrand, Gräßlich von Schau, mißförmig und groß und geblendeten Auges. Eine gestümmelte Ficht' in der Hand lenkt stützend den Fußtritt. | |
| 660 | Wollige Schaf' umwimmeln den Gang, sie einzige Lust ihm, Einzige Tröstung des Grams. Als er das tiefe Gewässer berührt' und zum Meere herabkam; Jetzt das flüssige Blut des geblendeten Auges sich spülend, Knirscht er laut mit den Zähnen und stöhnt; dann mitten das Meer durch | |
| 665 | Wandelt er, doch ungenetzt ragt über der Flut ihm die Seite. Fern in beschleunigter Flucht enteilen wir, nehmend den armen Flehenden, der es verdient, und haun in der Stille das Seil ab; Alle wir drehn vorsinkend mit eifrigem Ruder die Meerflut. Jener vernahm's und lenkte zum Schall der Stimme den Fußtritt. | |
| 670 | Aber da keine Gewalt, mit der Hand uns zu fassen, verliehn wird Und der ionischen Woge sich ungleich fühlt der Verfolger; Hebt er ein ungeheures Gebrüll, daß die Tiefe mit allen Fluten umher aufbebt, und weit von Schrecken betäubtes Italerland, und aus krummem Geklüft nachbrüllet der Ätna. | |
| 675 | Aber das Volk der Cyclopen aus Waldungen rings und Gebirghöhn Stürzet erregt zu dem Hafen herab und füllt die Gestade. Dastehn sehen wir sie mit umsonst anfunkelndem Auge, Die ätnäischen Brüder, das Haupt hoch tragend zum Himmel: – Schauder erregender Schwarm! – wie wenn mit erhabenem Wipfel | |
| 680 | Luftige Eichen gedrängt, wie wenn fruchtreiche Cypressen Stehn, dort Juppiters hohes Gehölz, dort Hain der Diana. Hastig in Angst hat alles, wohin es auch gehe, das Tauwerk Aufgerollt und die Segel dem helfenden Winde gespannet. [Doch warnt Helenus Wort, daß Scylla hindurch und Charybdis | |
| 685 | Beiderlei Weg hinführ' auf des Tod's angrenzendem Rande, Wenn man nicht halte den Lauf; und zurück wird beschlossen zu segeln.] Schau nun, Boreas weht von dem engenden Sitz des Pelorus Frisch. Den lebenden Fels um die Mündung Pantagias fahr' ich, Auch die megarischen Busen vorbei und die niedrige Thapsus. | |
| 690 | Solche Gestade des Meers, da zurück die umirrten er streifte, Zeigt' Achämenides mir, der Genoß des geplagten Ulixes. Gegen die brennende Spitze Plemmyrion streckt sich ein Eiland Vor die sicanische Bucht; mit dem Namen Ortygia nannt' es Vorige Zeit. Sag' ist, wie der elische Flußgott Alpheos | |
| 695 | Unter dem Meere den Lauf insgeheim herlenkte, der jetzo Dir, Arethusa, im Born den siculischen Wellen sich einmischt. Nach dem Gebot verehr' ich des Orts obwaltende Mächte, Steuere dann um Helorus, des sumpfigen, fette Gefild' hin. Drauf die zackigen Klippen des Vorgebirges Pachynum | |
| 700 | Streifen wir; dann wo nie Umwandlung duldet das Schicksal, Scheint uns fern Camarina daher und geloische Felder, Gela zugleich, von dem Namen des rasenden Stromes genennet. Hochher zeiget darauf der Acragas ferne die weiten Festungen, er ein Erzeuger hinfort großherziger Rosse. | |
| 705 | Dich auch lass' ich, durch Winde erfreut, palmreiche Selinus; Auch hartfelsigen Grund lilybeïscher Watten umsteur' ich. Jetzo empfängt dein Port und das freudenlose Gestad' uns, Drepanon. Hier, da im Meere so manch Unwetter vorbeizog, Wird mir ach, mein Vater, der Leid und Sorge gelindert, | |
| 710 | Wird mir Anchises geraubt! Hier, teuerster Vater, vermiss' ich Trostlos dich, der umsonst so drohenden Schrecken entflohn war! Helenus nicht der Prophet, wie viel Graunhaftes er kundthat, Sagete dies Herzleid mir voraus, noch die grause Celäno. Dies war das Ende der Müh'n, dies langer Verirrungen Ziel mir. | |
| 715 | Dorther trug mich Geschiednen ein Gott an euere Küste. So der Vater Äneas, da all' aufmerkten dem einen, Göttergeschick' erzählt' er, und seine durchwanderte Laufbahn. Jetzo verstummte der Held, und endigend ging er zur Ruhe. |
Darmowy fragment się skończył.