Czytaj książkę: «Mut zum Rollentausch»
Österreich feiert sich international als fortschrittlichen Wirtschaftsstandort, aber die Rollenverteilung von Frauen und Männern ist erzkonservativ. Das beschert uns im Vergleich mit anderen europäischen Ländern unter anderem eine der größten Einkommensscheren und in der Folge Altersarmut von Frauen. Zahlen und Fakten in diesem Buch belegen das.
Frauen in Toppositionen und Männer in Väterkarenz sind (nach wie vor) mutige Pionier*innen in unserer Gesellschaft. Die fünfzig für dieses Buch geführten Interviews – darunter etwa mit der ehem. EU-Staatssekretärin Brigitte Ederer, der jungen Publizistin Ingrid Brodnig, dem Journalisten Hans Bürger, dem Investmentbanker Jörg Asmussen und der ehem. Ministerin Maria Rauch-Kallat – zeigen, dass mehr Gleichberechtigung möglich ist und alle davon profitieren: die Kinder, die Frauen und die Männer.
Coach Verena Florian weist anhand der Erzählungen auf die vielen Möglichkeiten hin, wie Frauen und Männer beruflich und mit der Familie ihren eigenen Weg gehen können, jenseits von traditionellen, sozial konstruierten Rollenbildern.
VERENA FLORIAN
Mut zum Rollentausch
50 beruflich erfolgreiche Frauen und Männer in Väterkarenz erzählen
FALTER VERLAG
© 2019 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.
1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9
T: +43/1/536 60-0, E: bv@falter.at, W: www.falter.at
Coverillustration: P. M. Hoffmann
Alle Rechte vorbehalten. Keine unerlaubte Vervielfältigung!
ISBN ePub: 978-3-85439-653-6
ISBN Kindle: 978-3-85439-646-8
ISBN Printausgabe: 978-3-85439-634-5
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2019
INHALT
Cover
Über das Buch
Titel
Impressum
Einleitung
Methode
Die Rechnung geht auf
Frauen sind Mütter – und sonst nichts?
Die neuen Männer: Väter in Karenz
Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht alle an – nicht nur die Mütter
Mythos Rabenmutter: Wir sind Rabeneltern – und das ist gut so
Pionier*innen: Neue Lebensentwürfe als Vorbilder für die anderen
Frauen und Geld
Was will ich wirklich?
Der Fixstern am Horizont der Wünsche
Folge deiner eigenen Spur – bleib dir treu
Der Wille zur Unabhängigkeit und Selbstbestimmung
Mut! Traut euch! Niemand klopft an eure Tür, geht selbst!
Mach deine Sache gut und rede davon! Leistung zeigen
Aufstehen und weitergehen
Gläserne Decken
Die Quote: Anreiz zur Änderung
Netzwerken – und wie!
Bewertungen von Frauen und Männern
Gestaltungsmacht erreichen
Unternehmerin sein
Der 360-Grad- oder Panoramablick der Frauen: Segen und Fluch zugleich
Selbstfürsorge für Frauen und Männer
Spiele und ihre Regeln
Tipps und Anregungen
Der Weg nach oben
Literatur
Kurzbiografien
Autorenbiografie
Dank
Endnoten
EINLEITUNG
In diesem Buch sind Geschichten von Pionier*innen zu lesen, die Neuland betreten in unserer Gesellschaft. Sie erzählen von Frauen in Führungspositionen und Männern in Väterkarenz. Es hat viel Mut gebraucht, um das ihnen zugeteilte, traditionelle, tief eingeprägte Rollenbild zu verlassen. Sie sind dieses Wagnis eingegangen. Willkommen im 21. Jahrhundert!
Die dreißig Interviews mit Vorständinnen, Vorstandsvorsitzenden, Managerinnen und Unternehmerinnen weisen interessante und ähnliche Grundmuster auf: Alle diese Frauen sind erfrischend authentisch und vor allem: Sie sind Frauen geblieben, auch wenn sie alle von den Schwierigkeiten in Männerwelten und von der Herausforderung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie berichteten. Sie haben oft mehr Leistung bringen müssen, um auf sich aufmerksam zu machen, um gläserne Decken zu durchbrechen, aber zwei Leitmotive haben sie angetrieben: der Wunsch nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit und der Wille, Gestaltungsmacht zu erlangen.
Und dann passierte etwas ganz Wunderbares: Viele dieser Frauen beginnen, einmal an den Schalthebeln der Macht angelangt, das System von innen zu verändern: Sie schaffen menschenfreundlichere Arbeitsbedingungen, erlauben Männern, in Väterkarenz zu gehen. Dabei gibt es viel mehr Ermöglicher*innen, als wir glauben! Sie holen bewusst Frauen in höhere Entscheidungsebenen, wenn die das wollen.
„Wir haben jegliche Flexibilität. Du überlegst dir, was du von deinem Leben willst. Und alles andere bauen wir drum herum.“ (Thea R.) 1
Das sagte eine Managerin zu einer Frau, die ein Kind bekommen hat und zögert, eine interessante Stelle anzunehmen, in der die Bereichsleiterin sie unbedingt haben will. Die ganze Geschichte dazu ist im Kapitel „Mut! Traut euch!“ zu lesen.
Angesichts von viel zu wenig Frauen in Führungspositionen und immer noch großen Einkommensunterschieden zwischen Frauen und Männern, gerade in Österreich und in Deutschland, ist aber davon auszugehen, dass es noch viel mehr Ermöglicher*innen braucht, um Gleichheit zwischen Frauen und Männern herzustellen. Aber die Frauen, die ich interviewt habe, zeigen auch, dass es auch auf uns selbst ankommt, dass wir selbst, Frauen und Männer, viel dazu beitragen können, diese Ungleichheiten zu beseitigen.
Frauen und Männer sind Verbündete: in der Familie, wenn Kinder da sind und sie sich die wertvolle, aber unbezahlte Arbeit zu Hause gerecht aufteilen; und in der Gesellschaft, in der Wirtschaft und in der Politik, wenn sie gemeinsam den Herausforderungen unserer Zeit begegnen. Im Kapitel „Die Rechnung geht auf“ zeige ich, dass gemischte Teams messbar erfolgreicher sind als homogene Teams.
Zwanzig Interviews habe ich mit Männern geführt, die in Väterkarenz gegangen sind. Ihre Schilderungen zeigen, dass auch sie an gläserne Decken stoßen: In Österreich wagt nur jeder fünfte Mann, der ein Kind hat, Karenzzeit in Anspruch zu nehmen, um beim Kind sein zu können. Er ist auf den guten Willen der Arbeitgeberin, des Arbeitgebers angewiesen und muss dann oft noch damit zurechtkommen, dass mit der Väterkarenz das größere Gehalt in der Familie wegfällt. Dennoch haben es die interviewten Männer darauf ankommen lassen, aus zwei Motiven: weil sie das Aufwachsen ihrer Kinder miterleben wollten und weil sie die mit Kindern einhergehende Verantwortung fair mit ihren Partnerinnen teilen wollten. Auch sie sind Ermöglicher. Jeder Mann, der in Väterkarenz geht, ist ein Ermöglicher für eine Frau. Ihre Erzählungen sind im Kapitel „Die neuen Männer: Väter in Karenz“ zu lesen. Es ist eine gute Nachricht für Frauen, die Beruf und Kinder vereinbaren wollen: Es gibt viel mehr Männer, die gerne bei den Kindern bleiben und in Väterkarenz gehen würden, als wir ahnen. Das ist die Chance für Frauen, auch mit Kindern interessante Jobs zu behalten und ein besseres Einkommen zu haben.
Alle Interviewpartner*innen begrüßten meine Initiative, dieses Buch zu schreiben. Sie stellten sich gerne als Role Models zur Verfügung. Ich habe die Art und Weise beschrieben, wie sie ihre Rolle anlegen, diese steht im Zentrum der Betrachtung, nicht die Persönlichkeit der Gesprächspartner*innen. Daher ist es auch kein Problem, dass einige von ihnen nicht namentlich genannt werden wollten. Dafür haben sie mir aber für dieses Buch Dinge erzählt, die sie sonst öffentlich wahrscheinlich nicht preisgeben würden. Manche von ihnen entpuppten sich als richtige Feminist*innen, was sie von sich aber wahrscheinlich nicht behaupten würden.
Eine Vorständin sagte mir:
„Mir gefällt das so gut, dass Sie auch die Männer miteinbeziehen. Das ist so wichtig, weil es läuft ab einem gewissen Punkt ins Leere, wenn wir nur versuchen, unser Verhalten als Frauen zu verändern. Die Gesellschaft ist ja ein Miteinander. Und wenn sich auf der Männerseite einstellungsmäßig nichts ändert, werden wir sehr viel Gegenwind für unsere Bemühungen haben.“ (Teresa I.)
Die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen. Die Entscheidungen, die uns alle angehen, werden aber immer noch mehrheitlich von Männern getroffen, die an den Schalthebeln der Macht sitzen.
Warum erreichen nur so wenige Frauen eine Machtposition und warum ist der Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern so groß? Diese Frage zieht sich durch das gesamte Buch, dass sie berechtigt ist, wird durch grafisch aufbereitete Zahlen und Fakten verdeutlicht.
Es ist leider immer noch eine Tatsache, dass Einkommen, Vermögen und Arbeit zwischen Frauen und Männern ungleich verteilt sind: Frauen verdienen viel weniger und besitzen weniger Kapital als Männer. Umgerechnet auf das Jahr bedeutet das, dass Frauen ab Mitte Oktober kein Geld mehr bekommen, aber einen Monat länger als Männer arbeiten, weil sie nach wie vor den Großteil der notwendigen und wertvollen, aber unbezahlten Pflege- und Hausarbeit verrichten.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 schreibt die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen vor. 2015 wurden von allen UN-Mitgliedsstaaten die Ziele für nachhaltige Entwicklung, Sustainable Development Goals (SDGs), beschlossen; bis 2030 sollen sie realisiert sein. Laut Ziel fünf soll bis dahin Geschlechtergleichstellung erreicht werden und alle Frauen und Mädchen sollen zur Selbstbestimmung befähigt sein. Angesichts der aktuellen Zahlen zur Gleichberechtigung ist das ein ambitioniertes Ziel. Österreich und Deutschland sind im Vergleich mit den anderen EU-Ländern Schlusslichter, was die Verteilung der Einkommen zwischen Frauen und Männern betrifft. Dass sich Frauen und Männer in den Führungsetagen von Politik und Wirtschaft die Macht gerecht teilen, die Einkommensschere zwischen ihnen geschlossen wird, Männer für ihre Kinder im gleichen Ausmaß in Karenz gehen wie Frauen und die wertvolle unbezahlte Arbeit fair aufgeteilt ist – das werden vielleicht erst unsere Urenkel*innen erleben. Wie traurig! Mehr dazu im Kapitel „Die Rechnung geht auf“.
Was mich allerdings wirklich nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, dass wir immer noch über dieselben Dinge reden müssen, die schon unsere Mütter gefordert haben, zum Beispiel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bei der Recherche bin ich mir manchmal vorgekommen, als schriebe ich ein Buch über eine längst vergangene Zeit. Leider ist es aber so, dass die Forderungen unserer Mütter immer noch aktuell sind.
Gleichberechtigung ist gesellschaftlich relevant, das Private ist politisch, wenn es darum geht, die unbezahlte Arbeit im privaten Bereich der Familie fair aufzuteilen. Denn den Frauen, die die Hauptlast der unbezahlten Arbeit tragen, droht dadurch ganz konkret Altersarmut. Das ist nicht nur ungerecht, es ist ein sozialer Missstand in unserer Gesellschaft. Das weise ich mit Zahlen in den Kapiteln „Frauen und Geld“ und „Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht alle an – nicht nur die Mütter“ nach.
Der Wandel findet zwar statt, aber viel zu langsam. Modernisierungskonflikte entstehen dort, wo Veränderung auf lang bestehende, einzementierte Strukturen trifft: Die Tatsache, dass viele Frauen langsam an gesellschaftlicher Gestaltungsmacht gewinnen und in die oberen Etagen des Managements drängen und immer mehr Männer gerne den Familienpart übernehmen, erzeugt Reibung. Doch werden Frauen immer noch viel zu selten in die Vorstandsetagen gelassen – die Zahlen dazu sind nachgerade erschreckend – und Männer müssen um ihren Arbeitsplatz fürchten, wenn sie auch nur erwähnen, in Väterkarenz gehen zu wollen. Dabei wäre der Rechtsanspruch, ja die Verpflichtung zur Väterkarenz für alle Männer ein Schlüssel zu mehr Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft. Das zeige ich im Kapitel „Die neuen Männer: Väter in Karenz“.
Der Mann arbeitet und die Frau kümmert sich um die Kinder, das ist nach wie vor das Familienmodell, das in unserem Kulturkreis allgemein bekannt, gewohnt und akzeptiert ist. Alles andere entspricht nicht einer „normalen“ Familie: Um diese Heteronormativität zu relativieren, habe ich auch queere Paare mit Kindern interviewt. Wie diese Menschen damit umgegangen sind und wie sie die traditionellen Rollenbilder für Frauen und Männer am Ende doch wieder eingeholt haben, erzähle ich im Kapitel „Frauen sind Mütter – und sonst nichts?“.
Und wenn eine Frau bereit ist für die Topposition, dann stößt sie auf ein Hindernis, das durch die gesamten Führungsetagen, aber auch in andere Bereiche der Wirtschaft wabert: den Unconscious Bias, die unbewusste Voreingenommenheit. Eine Managerin dazu:
„Ab einer bestimmten Ebene ist die Vorstellung von Führung männlich. Und ich glaube, das ist noch nicht einmal bewusst.“ (Thea R.)
Im Kapitel „Mut! Traut euch! Niemand klopft an eure Tür, geht selbst!“ fasse ich die Aussagen von Frauen zusammen, die es bis ganz nach oben geschafft haben. Sie erklären hier, was frau tun kann, um den Weg durch das Labyrinth und durch gläserne Decken nach oben zu finden – wenn sie will. Denn das ist die Erkenntnis aus den Erzählungen dieser Frauen: Viele Frauen müssen dazu überredet werden, einen Job mit mehr Verantwortung zu übernehmen. Und einige Sackgassen im Labyrinth haben wir Frauen selbst in unseren Köpfen. Wir sind aber durchaus in der Lage, diese zu vermeiden. Mehr dazu in den Kapiteln „Mach deine Sache gut und rede davon! Leistung zeigen.“ und „Gläserne Decken“.
Immer mehr Frauen machen sich selbstständig und gründen ein Unternehmen. Auch bei ihnen ist das durchschnittliche Einkommen im Vergleich zu dem der Männer wesentlich geringer. Mehr dazu im Kapitel „Frauen und Geld“. Praktisch alles, was hier beschrieben wird, gilt auch für Unternehmerinnen, ich beleuchte auch immer deren spezifische Situation. Von meinen Interviewpartner*innen ist ein Drittel selbstständig – darunter zwei Männer. Mehr darüber im Kapitel „Unternehmerin sein“.
Wohlgemerkt: Es geht mir nicht darum, dass alle Frauen Karriere machen und alle Männer in Karenz gehen sollen. Es geht mir nicht um Gleichmacherei der Geschlechter. Es geht mir auch nicht um Selbstoptimierung mit dem Ziel, sich den Normen der Wirtschaft und der Gesellschaft anzupassen. Jeder Mensch ist einzigartig, ist mit einem unverwechselbaren Set an Fähigkeiten und Talenten auf die Welt gekommen. Die Welt braucht jedes einzelne dieser Talente. Meine ernst gemeinte Botschaft an Frauen und Männer lautet: Macht das, was ihr gerne tut, denn dann seid ihr am besten. Lasst euch nicht durch sozial konstruierte Rollen, die euch euer Geschlecht oder andere Merkmale aufzuzwingen versuchen, einschränken. Mehr dazu im Kapitel „Was will ich wirklich“. Dabei können Frauen in Führungspositionen auf ihre Art weiblich bleiben. Und Männer sollen auf ihre Art Mann sein können, wenn sie ihr Baby im Tragetuch tragen. Die Menschen, die ich für dieses Buch interviewt habe, zeigen, dass Lebens- und Arbeitsformen jenseits von Rollenklischees möglich sind.
Die Themen, die in diesem Buch besprochen werden, ergaben sich aus den Erzählungen meiner Interviewpartner*innen. Keines davon ist von mir vorgegeben oder vorher konzipiert worden. Mehr über die Vorgehensweise im Kapitel „Methode“.
Oft ist in diesem Buch die Rede von „den Männern“, die es so und so machen, und „den Frauen“, die es anders machen. Ich will Stereotype und Rollenklischees nicht noch verstärken. Ich gebe aber wieder, was mir Frauen in Führungspositionen berichtet haben, und da hat sich die Erzählung der Unterschiede von Frauen und Männern durch alle Interviews gezogen. Eine Gesamtschau ergibt, dass es offensichtlich so ist, dass sich Frauen und Männer in vielen Fällen unterschiedlich verhalten und auch unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeiten mitbringen. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Es sind aber genau diese Unterschiede unter den Menschen, die gemischte Teams so erfolgreich machen.
Dieses Buch möchte Mut machen. Diese Erzählung zieht sich durch das gesamte Buch. Es zeigt Wege, wie Frauen, die das wollen, beruflich weiterkommen und unabhängig werden können. Aus den Interviews mit Frauen, die es ganz nach oben geschafft haben, können sie vieles für sich mitnehmen.
Und dieses Buch bringt die Erfahrungswelten von Männern nahe, die in Väterkarenz gegangen sind und das als Bereicherung empfunden haben, obwohl sie dadurch einige unangenehme Konsequenzen zu tragen hatten, was nicht sein sollte.
Von den scheinbar kleinen Herausforderungen des täglichen Lebens bis zu den großen Herausforderungen der Menschheit auf dieser Erde: Am besten können wir sie gemeinsam bewältigen, mit unseren unterschiedlichen Fähigkeiten und Herangehensweisen, Frauen und Männer, Junge und Erfahrene, Menschen verschiedener Kulturkreise.
Ich wünsche ihnen allen den Mut, jenseits von gesellschaftlichen Rollenklischees und sozialer Beobachtung Wege zu suchen, die ihnen entsprechen. Es gibt so viele Möglichkeiten, das zu tun, zum Wohle aller.
METHODE
Das Herzstück dieses Buches sind Zitate aus über fünfzig Interviews mit Frauen in Führungspositionen und Männern in Väterkarenz.
Als gelernte Historikerin (Mag.a phil., Universität Graz) bin ich mit der Methode der Oral History, der mündlichen Geschichte, vertraut. Im Wesentlichen besteht sie aus der Führung von Interviews mit Menschen aus bestimmten Bereichen, die für die Untersuchung von Interesse sind. Das Gesagte wurde transkribiert und nicht wesentlich überarbeitet, so dass die aufgeschriebenen Erzählungen sehr authentisch sind. Es ist die Absicht dieses Buches, Menschen zu Wort kommen zu lassen, die etwas tun, was immer noch ungewöhnlich, aber von gesellschaftlichem Interesse ist. Denn wenn mehr Menschen den Mut hätten, Ungewöhnliches zu tun, gäbe es mehr Gleichberechtigung in dieser Gesellschaft, so meine These.
Von November 2016 an führte ich dreißig Interviews mit Frauen in Führungspositionen, der zweiten Managementebene, mit Vorständinnen und Vorstandsvorsitzenden oder Unternehmerinnen. Es waren Frauen darunter, die schon Ministerinnenposten innehatten. Ihr Wunsch, anonym zu bleiben, brachte es mit sich, dass ihre Kurzbiografien zum Teil nur sehr allgemein gehalten werden konnten. Denn in manchen Branchen gibt es so wenige Frauen in Führungspositionen, dass sie bei näheren Angaben gleich erkennbar wären. Deshalb werden alle Frauen aus der Finanzwirtschaft, deren Zitate anonym bleiben sollen, als Vorständinnen beschrieben, obwohl zwei von ihnen Vorstandsvorsitzende sind.
Die Hälfte der Frauen, die ich interviewt habe, sind selbstständige Unternehmerinnen. Das Alter der Frauen liegt zwischen Mitte zwanzig und siebzig Jahren.
Es war die leichtere Übung, Interviews von Frauen in Führungspositionen für dieses Projekt zu bekommen. Ich erhielt nur Zusagen. Zwar wurde das Treffen in den übervollen Terminkalendern von den Assistentinnen manchmal mehrfach verschoben, aber immer kam es zustande. Ich bin den Interviewpartnerinnen sehr dankbar, dass sie mir oft mehr als geplant von ihrer kostbaren Zeit schenkten. Den Frauen war es offensichtlich wichtig, die mit ihrer Rolle als weibliche Führungspersönlichkeiten verbundenen Erfahrungen weiterzugeben.
Nicht so einfach war es, Männer zu finden, die schon einmal in Väterkarenz gegangen waren. Einige der Frauen, die ich interviewt hatte und deren Männer in Väterkarenz gegangen waren, wollten mir diese mit dem Hinweis, ihre Privatsphäre wahren zu wollen, nicht für ein Interview vermitteln. Grundsätzlich hatte ich bei den Vätern den Eindruck, dass sie sich freuten und sogar richtig stolz waren, von ihren Erfahrungen als Vater in Karenz berichten zu können.
Ergänzt werden die Erzählungen der Frauen und Männer mit vielen statistischen Quellen, vor allem von der Statistik Austria, für internationale Vergleiche von Eurostat, dem europäischen Pendant zur Statistik Austria, und von der OECD.
Die Reihenfolge der Kapitel ergibt sich aus der Gewichtung, die die Frauen und Männer den Themen beimaßen. So kommt es, dass zum Beispiel dem Willen der Frauen zur Unabhängigkeit und dem Thema „Traut euch“ breiter Raum gegeben wird. Tatsächlich sprachen alle Interviewpartnerinnen darüber, dass Frauen im beruflichen Kontext mehr Mut haben sollten, den nächsten Schritt zu wagen. Die unterschiedlichen Fähigkeiten von Frauen und Männern wurden von den Frauen immer wieder angesprochen. Das soll nicht als „Biologismus“ verstanden werden. Die Frauen in Führungspositionen sprachen aber wiederholt von ihrer Beobachtung, dass gemischte Teams aus Frauen und Männern bessere Ergebnisse erzielten, eben weil Frauen und Männer oft unterschiedliche Wahrnehmungen haben und anders agieren.
DIE RECHNUNG GEHT AUF
Der Erfolgsfaktor an den Schalthebeln der Macht: wenn Frauen und Männer zusammenarbeiten. Zahlen und viele Belege zeigen, dass Unternehmen mit gemischten Teams erfolgreicher sind. Menschenfreundliche Arbeitsplätze gesucht: Zufriedene Mitarbeiter*innen sparen Unternehmen immense Kosten. Und: Die Einkommensschere zwischen Frauen und Männern zeigt, wie viel Geld der Volkswirtschaft fehlt und dass die Rechnung auch für die Frauen nicht aufgeht, Stichwort: Altersarmut. Was es braucht, damit mehr Frauen an gute Jobs und in Führungspositionen kommen und Männer in Väterkarenz gehen können. Fazit: Die Rechnung geht für alle auf, wenn Frauen und Männer in der Wirtschaft und zu Hause die gleichen Chancen haben.
ERFOLGSFAKTOR FRAUEN IN GEMISCHTEN TEAMS
Warum kommen nicht mehr Frauen in Führungsetagen und warum achten Unternehmen nicht mehr darauf, dass sie hochqualifizierte Frauen einstellen, menschenfreundliche Arbeitsplätze anbieten, die ihnen weniger Fluktuation bescheren – alles Faktoren, die Geld bringen bzw. einsparen?
In der Wirtschaft haben Zahlen, Daten, Fakten die größte Bedeutung. Das ist auch gut so. Schwierig wird es, wenn sogenannten weichen Faktoren wie zum Beispiel Diversity, also gemischten Teams, immer noch wenig Stellenwert beigemessen wird, obwohl seit vielen Jahren von namhaften Institutionen vorgerechnet wird, dass sie ein entscheidender Erfolgsfaktor in der Wirtschaft sind.
Da wird tagein, tagaus in der Controlling-Abteilung, im Einkauf, im Marketing, kurz: in allen möglichen Bereichen eines Unternehmens, gerechnet, wie Einsparungen getätigt und Verkaufszahlen erhöht werden können, um den Erfolg desselben zu steigern.
Dass mehr Frauen in Führungspositionen ein wesentlicher Erfolgsfaktor sind, lässt sich zahlenmäßig belegen, wird aber in vielen Unternehmen nach wie vor nicht wahrgenommen, so dass nicht einmal der Versuch unternommen wird, diese Situation zum Besseren zu verändern – absichtlich?
AUSGANGSLAGE: DIE ZAHLEN
Der 2006 in Deutschland gegründete Verein FidAR (www.fidar.de) setzt sich dafür ein, dass mehr Frauen in Aufsichtsräte kommen. Es wird eine Quote von mindestens dreißig Prozent gefordert. Die Gründerinnen stellen fest, dass das „eines der zentralen Zukunftsthemen der Wirtschaft und Gesellschaft“ sei. Es werde damit erreicht, „überholte Muster und Strukturen aufzubrechen, hochqualifizierten Frauen den Weg in verantwortungsvolle Positionen zu ebnen und die Leistungs- und Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu erhöhen“. Das heißt, es geht hier nicht nur um den wichtigsten Wert, nämlich Gerechtigkeit, und um das Menschenrecht der Gleichbehandlung von Frauen und Männern, sondern es geht auch ganz einfach um messbaren Erfolg. Und der stellt sich nachweislich ein, wenn Frauen und Männer gemeinsam in Teams und an den Schalthebeln der Macht agieren.
Die Zahlen der Studienabgänger*innen in Österreich belegen, dass mittlerweile mehr als die Hälfte der Abschlüsse in allen außer den technischen Fächern von Frauen gemacht werden (mehr dazu im Kapitel „Mach deine Sache gut und rede davon! Leistung zeigen.“). Aber schon beim Uni-Personal zeigt sich das Missverhältnis von Lehrenden und Studierenden, und das ist in Deutschland ähnlich: Nur rund zwanzig Prozent der Professor*innen sind weiblich.
In Österreich – und auch sonst überall – sind die Führungsetagen in der Wirtschaft nach wie vor in Männerhand: Der Anteil der Geschäftsführerinnen in den Top-200-Unternehmen lag 2017 bei nur 8,4 Prozent. Der Anteil der Frauen in den Aufsichtsräten der Top-200-Unternehmen lag bei 18 Prozent, hier greift die gesetzlich vorgeschriebene Quotenregelung von dreißig Prozent (unter bestimmten Bedingungen).1 In der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) gibt es unter den CEOs nur drei Prozent Frauen. International sieht es nicht besser aus, hier sind es 2016 3,6 Prozent.2 Dabei sind in vielen Branchen mehrheitlich Frauen angestellt, vor allem im Dienstleistungsbereich. Das heißt, dass die Realität der arbeitenden Bevölkerung in den Entscheidungsgremien nicht abgebildet ist. Ein gutes Beispiel dafür ist die Interessenvertretung der Wirtschaft, die Wirtschaftskammer, die alle Unternehmerinnen und Unternehmer mit Gewerbeschein, davon die Hälfte Frauen, obligatorisch vertritt: Ihre Führungsgremien bestehen zu achtzig Prozent aus Männern und nur zu zwanzig Prozent aus Frauen.
Quellen: Frauen.Management.Report.2018 der AK Wien, Statistik Austria
In politischen Ämtern ist der Anteil von Frauen im Bürgermeisteramt am geringsten: nur 7,6 Prozent der Gemeinden in Österreich haben eine Bürgermeisterin. In Deutschland ist es nur unwesentlich besser: Hier bekleideten 2017 8,2 Prozent Frauen das Amt, dabei waren es zehn Jahre zuvor noch mehr.4 Auf Bundesebene in Österreich ist der Anteil von Frauen etwas besser, im österreichischen Nationalrat sitzen 31 Prozent Frauen.5
Wenn es um den Vergleich des Gender-Gap mit anderen Ländern geht, liegt Österreich knapp im Durchschnitt, ist manchmal im letzten Drittel oder bei den letzten fünf zu finden.6 Im „Global Gender Gap Report“ des Weltwirtschaftsforums liegt Österreich an 57. Stelle von 144 untersuchten Ländern. Hier schneidet das Land besonders schlecht bei der Partizipation von Frauen in Führungspositionen in der Wirtschaft und in der Politik ab. Ein Armutszeugnis für eine hochentwickelte westliche Industrienation mitten in Europa. Der einzige Wert, bei dem Österreich im internationalen Vergleich gut dasteht, ist der hohe Anteil von Frauen in der universitären Ausbildung.7
Traurig: Wenn die Entwicklung in Österreich so langsam voranschreitet wie bisher, werden nicht einmal unsere Urenkelinnen die Gleichberechtigung erleben.
GEMISCHTE TEAMS VON FRAUEN UND MÄNNERN SIND ERFOLGREICHER ALS HOMOGENE TEAMS. DAS IST MESSBAR
Das ist die wirtschaftliche Seite des Gender-Gap: Das Weltwirtschaftsforum untersucht seit 2006 den globalen Gender-Gap unter 144 Ländern auf der Welt. Es trifft eine klare Aussage:
“The World Economic Forum has found a clear correlation between a country’s gender gap and their competitiveness.”8
Das Weltwirtschaftsforum hat vorgerechnet, dass Länder, die in den Bereichen Gesundheit, Ausbildung, Wirtschaft und Politik Parität zwischen Frauen und Männern herstellen, Steigerungen ihres Bruttoinlandsprodukts erzielen. Für Österreich wären das umgerechnet bis zu 27 Milliarden Euro.
Eines der bekanntesten Beispiele in Österreich für ein erfolgreiches gemischtes Team sind Brigitte Ederer und Alois Mock, die 1994 die EU-Beitrittsverhandlungen für Österreich führten. Ederer war damals Staatssekretärin im Bundeskanzleramt, Mock Außenminister (1987–1995). Ederer erinnert sich und beschreibt, wie es aufgenommen wurde, dass ihr diese schwierige Aufgabe anvertraut wurde, und was die Kombination mit Mock ausmachte:
„Zu Beginn meiner Staatsekretariatszeit hatte ich oft eine sehr kritische Beurteilung und viele waren der Meinung: ‚Die wird das nie schaffen!‘ Es herrschte auch ein gewisses Unverständnis, warum der damalige Bundeskanzler Vranitzky eine so wichtige Position in die Hände einer in der Außenpolitik unerfahrenen Person legte. Diese negative Beurteilung schlug sich auch in einer schlechten Presse nieder und meine Mutter rief mich einmal weinend an, als sie las, dass ich ja nicht einmal wüsste, welches Besteck man bei Empfängen wann und wie verwendet. Letztlich war es aber, glaube ich, eine gute Entscheidung. Auf der einen Seite war da der erfahrene Außenpolitiker Alois Mock und auf der anderen Seite ich, die die Ängste und Sorgen der Bevölkerung rasch gut kannte. Die Kombination jüngere ‚rote‘ Frau und älterer ‚schwarzer‘ Mann, der Diplomat war, waren sicher eine gute Voraussetzung für den Erfolg.“
Eine erste unmittelbare Folge von gemischten Teams, das haben mir praktisch alle meine Interviewpartner*innen erklärt, ist das bessere Arbeitsklima.
Es geht aber nicht nur um den Erfolg in der Wirtschaft, der schnell vorbei sein kann, wenn die globalen Herausforderungen des Klimawandels und der Ungleichheit nicht ernst genommen werden: Dem Planeten Erde ist es egal, ob Menschen auf ihm leben oder nicht, schon jetzt bräuchte es drei Planeten Erde, um unseren Bedarf an Ressourcen zu decken. Angesichts der Umweltgefährdungen stellen sich der Menschheit existenzielle Fragen. Wollen wir noch länger hier leben, müssen wir schleunigst umdenken und Lösungen für die neuen Herausforderungen finden.
Das geht am besten, wenn gemischte Teams zusammenarbeiten, Frauen und Männer, Erfahrene und Junge und Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen. Die analytische Herangehensweise und Zielorientiertheit von vielen Männern, kombiniert mit der emotionalen und sozialen Intelligenz und dem Panoramablick vieler Frauen ist die beste Kombination, um diese Aufgaben zu bewältigen.
Und auch das ist schon bewiesen: Eine Studie zeigt, dass in der Wirtschaft die Erreichung der Sustainable Development Goals (SDGs), der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, die sich die Vereinten Nationen (UN) bis 2030 vorgenommen hat, schneller vonstattengeht, wenn Frauen in den Führungsgremien der Unternehmen sind.9
Die Unternehmensberatung McKinsey untersucht seit 2007, wie Frauen führen und wie sich das auf den unternehmerischen Erfolg auswirkt. Die Ergebnisse sind eindeutig: Diese und viele andere Studien zeigen: Je mehr Frauen in den Führungsetagen vertreten sind, desto erfolgreicher sind die Unternehmen.
Es wurden neun Hauptkriterien untersucht: Führung, Richtung, Umfeld und Werte, Verantwortlichkeit, Fähigkeiten, Koordination und Kontrolle, Motivation, Innovation sowie Außenorientierung. In allen Bereichen waren die Unternehmen mit den meisten Frauen in der Führungsriege erfolgreicher als die Mitbewerber im jeweiligen Sektor.
In der Studie „Women Matter 1“ aus 2007 wird vorgerechnet: „Im Durchschnitt übertreffen sie [die Unternehmen] ihren jeweiligen Sektorindex in Bezug auf Kapitalrendite (11,4 % vs. 10,3 %), Betriebsergebnis (EBIT: 11,1 % vs. 5,8 %) und Aktienkursanstieg (zwischen 2005 und 2007 64 % vs. 47 %).“10
McKinsey hat seitdem jedes Jahr eine Studie in dieser Reihe herausgegeben. Interessant ist, dass nach der anfänglichen Feststellung der Ungleichheit und der Vorteile, die deren Beseitigung mit sich bringt, nun immer mehr auf den Kern des Problems hingewiesen wird. Denn daran, dass Frauen in Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert sind, hat sich nicht viel geändert. Die Studie von 2016 befasst sich mit der Problematik, dass Frauen weniger lang arbeiten und immer noch den Hauptteil an (wertvoller) unbezahlter Arbeit im Haushalt leisten. Das heißt, Frauen sind immer noch in der traditionellen Rolle unterwegs. Wann wird sich das endlich ändern? McKinsey empfiehlt: „Ganzheitliche Veränderungsprozesse müssen die klassischen Führungsstile adressieren und Lösungen für flexiblere Arbeitsmodelle entwickeln.“
Auffallend ist, dass das Fehlen von Frauen in den oberen Etagen mittlerweile offensichtlich den meisten Menschen in den Unternehmen eher negativ auffällt: So gaben in der genannten Studie 88 Prozent der Mitarbeiter*innen an, sie fänden, das Unternehmen tue „nicht das Richtige“, um die Ungleichheit in Führungspositionen zu ändern. Das heißt, sie tun zu wenig.
Hier ein Beispiel dafür, wie eine Frau die Performance eines bis dahin reinen Männerteams verbessert: Die junge Betriebswirtin, nennen wir sie Katharina C.11, ist seit drei Jahren bei einer Beratungsfirma in der Investmentbranche verantwortlich für das Dealmanagement, d. h. alle Geschäftsfälle gehen über ihren Tisch und sie organisiert die Abläufe der einzelnen Kauf- und Verkaufsprozesse von ganzen Unternehmen. Sie sagt von sich selbst, dass sie ein analytischer Mensch sei und sich angewöhnt habe, schnell zu agieren, da das in der Branche oberstes Gebot sei. Die Deals bewegen sich in der Höhe von zig Millionen Euro. Deshalb lässt sie wichtige E-Mails für ein paar Stunden, wie sie sagt, „abreifen“, bevor sie sie abschickt. Ihre Kollegen: Männer. Die Kunden: Männer. So wie die gesamte Branche noch eine echte Männerbastion ist. Sie erzählt:
„Die Männer kommen rein und sagen mir: ‚Ich hätte gerne einen Kaffee schwarz, vielen Dank.‘ Und dann schauen sie mich groß an.“
Im Unternehmen wird eine ihrer Fähigkeiten sehr geschätzt und mittlerweile bewusst eingesetzt. Sie erklärt, worum genau es dabei geht:
„Ich glaube, dass andererseits die Männer sehr viel von uns lernen können. Die Analyse der Beziehungen untereinander. Das unterschätzen viele Männer ganz extrem. Deswegen ist einer meiner größten USPs: Ich komme in den Raum und sehe sehr schnell, welche Person in welchem Kontext zu welcher Person wie steht. Das machen viele Männer zu wenig. Deshalb ist ein wichtiger Punkt meiner Arbeit, was ich mache, wenn ich neue Kunden bekomme: Wer steht wie zu wem. Das ist manchmal so komplex. Und wir hatten es schon ein paarmal, dass sich die Anwälte der Vertragspartner nicht verstanden haben. Und das hat die ganze Transaktion unheimlich belastet. Die Fehde zwischen denen hat drei, vier Monate gekostet. Männer sagen ja immer: ‘Who has the bigger balls.’ Nur darum ging es.
Meine Fähigkeit wird so geschätzt, dass bei neuen Kunden die erste Frage meiner Chefs an mich ist: ‚Was ist dein Gefühl? Glaubst du, das funktioniert?‘ Ich sage dann: Ja, weil, oder Nein, weil. Zum Beispiel, der Finanzvorstand kann nicht mit dem CEO, das wird schwierig. Zu 99 Prozent habe ich immer Recht behalten. Das wird sehr wahrgenommen. Das kann man sich nicht antrainieren, das ist so ein typisches Frauenmerkmal, wo wir einfach stärker sind.“ (Katharina C.)
Die Arbeit der Frau führt im Unternehmen und bei ihren Kunden zu effektiveren Prozessen, weil sie die Soft Skills einsetzt, die vor allem den Frauen zugeschrieben werden: soziale und emotionale Kompetenz, Einfühlungsvermögen, Intuition. Mehr dazu in den nächsten Kapiteln.
MENSCHENFREUNDLICHE ARBEITSPLÄTZE GESUCHT!
Die Wirtschaft ruft nach qualifizierten Fachkräften, aber sie achtet nicht auf die Menschen, die Familie und Arbeit vereinbaren müssen.
Und so kommen ihr viele der Besten abhanden.
Eine Juristin schildert das so:
„Ich habe meinen Job verloren, das habe ich erwartet. Es war mir egal, wir wollten Kinder.“ (Ute C.)
Auch ihr Mann hat ein Problem mit den Kindern im Beruf:
„Als ich vor einiger Zeit auf Jobsuche war, haben mir Personalvermittler gesagt, ich soll nicht unbedingt sagen, dass ich zwei Kinder habe.
Für den eigenen Vorteil würden sie empfehlen, das nicht zu sagen.“ (Sebastian C.)
Qualifizierte Mitarbeiter*innen werden dringend gebraucht, auch das hat Auswirkungen auf die Performance eines Unternehmens und auf ganze Volkswirtschaften. Der Fachkräftemangel führt zur Jagd nach Talenten in der Wirtschaft. Frauen stellen seit einigen Jahren schon die Mehrzahl der Absolvent*innen an den Unis „Und dann verlieren wir sie“, wie mir eine Vorständin sagte. Den Hauptgrund sieht sie in den noch immer nicht überall vorhandenen Kinderbetreuungsplätzen.
Auf den Punkt gebracht: Jede Frau, die bestens ausgebildet ist und aufgrund von Vorurteilen und traditionellen und überkommenen Rollenbildern und wegen unzureichender Betreuungsangebote für ihre Kinder keinen Job annehmen kann oder will, bedeutet einen Braindrain, ist ein Verlust für die Volkswirtschaft. Sie hat eine oft aus Steuern finanzierte, teure Ausbildung gemacht und kann sie nicht einsetzen.
Und: Es ist ungerecht, dass Eltern mit Kindern Nachteile haben, finanziell, bei der Betreuung, durch unterbrochene Erwerbsbiografien, die im Alter eine geringere Pension zur Folge haben. Einer Volkswirtschaft sollte es sehr viel mehr wert sein, dass es Menschen gibt, die die beglückende, aber anstrengende, herausfordernde und kostenintensive Aufgabe auf sich nehmen, Kinder zu guten Staatsbürger*innen und Steuerzahler*innen aufzuziehen.
ZUFRIEDENE MITARBEITER*INNEN SPAREN UNTERNEHMEN IMMENSE KOSTEN
Ein weiterer Beleg für nachweisbaren Erfolg und messbar weniger Kosten sind die wesentlich geringeren Fluktuationsraten von Mitarbeiter*innen in Unternehmen, die menschenfreundliche und flexiblere Arbeitsbedingungen anbieten.
Jede Mitarbeiterin, die nach kurzer Zeit geht, weil sie die Arbeit nicht mit der Familie vereinbaren kann, jeder Mitarbeiter, der geht, weil er kein Verständnis für Väterkarenz findet, kostet dem Unternehmen effektiv Geld: Es geht Wissen verloren, die Rekrutierungskosten und die Einarbeitungszeit neuer Mitarbeiter*innen schlagen in der Bilanz des Unternehmens zu Buche. Eine Interviewpartnerin hat mir vorgerechnet, dass das bis zu einem Jahresgehalt ausmachen kann. Ich finde es erstaunlich, wie viele Unternehmen sich das leisten.
Mitarbeiter*innen, die nach der Geburt eines Kindes flexible Arbeitszeiten und eine verständnisvolle Arbeitsatmosphäre vorfinden, bleiben dem Unternehmen verbunden und sind loyal. Sie bringen die gewünschten Resultate eher und sind motiviert, weil ihnen die Arbeitsatmosphäre wichtig ist. Das ist ein hoher Wert für Unternehmen, vor allem, wenn es sich um qualifizierte Fachkräfte handelt. Das bestätigen mir weibliche und männliche Führungskräfte in den Interviews aus ihrer Sicht als Angestellte wie auch als Arbeitgeber*innen. Mehr dazu im Kapitel „Der Wille zur Unabhängigkeit und Selbstbestimmung“.
Moderne und zukunftsfähige Unternehmen wollen Menschen, die ihre Stärken und Talente einbringen, denn dann sind sie am besten. Moderne Chefs sind Motivator*innen, Moderator*innen und Ermöglicher*innen, nicht Befehlsausgeber*innen. Sie achten darauf, dass diese Menschen ihr Potenzial entfalten können und dass sie Arbeitsbedingungen vorfinden, die sie nicht daran hindern, ihre persönliche Lebensqualität, Familie und Beruf zu vereinbaren. Auf der Jagd nach Talenten können es sich Unternehmen nicht mehr leisten, dass qualifizierte Mitarbeiter*innen – Frauen wie Männer – weggehen, weil sie diese Bedingungen nicht vorfinden. Es gibt immer mehr Unternehmen, die das erkannt haben. Auf der anderen Seite braucht es Menschen, die diese Chance für sich nutzen – das ist die Chance für Frauen, die selbstbestimmt leben und arbeiten wollen.
DER GENDER-GAP ZEIGT AUCH, WIE VIEL GELD DER VOLKSWIRTSCHAFT FEHLT
Kommen wir zum Gesamtbild, das sich ergibt, wenn Frauen weniger Einkommen haben: Der Gender-Gap, die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen, wirkt sich auf die Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft aus: Frauen machen die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung aus, aber sie generieren nur 37 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, mit starken Schwankungen nach unten in manchen Ländern.
Abgesehen davon, dass es unfair ist, dass Frauen nach wie vor weniger als Männer verdienen: Es gibt einen wesentlichen Aspekt beim Einkommen von Frauen und Männern, der sich auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auswirkt: Wenn Frauen mehr verdienen, können sie mehr Geld ausgeben, was ihnen und letztlich auch der Wirtschaft zugutekommt. Der Gender-Pay-Gap, also die geschlechtsspezifische Einkommensschere zwischen Frauen und Männern, hat Auswirkungen auf die Kaufkraft der Hälfte der Bevölkerung. Das ist zwar eine konventionelle Wirtschaftsauffassung (mit mehr Konsum in der Form, wie wir ihn derzeit tätigen, wird dieser Planet irgendwann unbewohnbar), wir wissen aber auch, dass Kinder aus Familien mit nur einem verdienenden Elternteil eher in Armut aufwachsen. Das zeigt eine große Studie der Bertelsmann Stiftung von 2017.12
Andersrum betrachtet: Oft wird vorgerechnet, dass es Familien zu teuer komme, wenn der Vater bei den Kindern bliebe. Leider ist das noch oft der Fall, die große Einkommensschere zwischen Frauen und Männern zeigt es. Trotzdem: Warum wird eigentlich nicht ausgerechnet, was der Familie an Einkommen entgeht, wenn die Mutter bei den Kindern bleibt? Diese Frage wirft der Leiter der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Agenda Austria, Franz Schellhorn, auf:
„Wer das so sieht, sollte mal den Taschenrechner anwerfen und ausrechnen, wie stark das Familienbudget durch zwanzig Monate Mütterkarenz sinkt.“ 13
Das Familienbudget, aber nur das Einkommen der Frau, leidet noch viel länger darunter, wie ich im Kapitel „Frauen und Geld“ zeige.
DIE RECHNUNG GEHT AUCH FÜR DIE FRAUEN NICHT AUF
Für Frauen, die immer in Teilzeit gearbeitet haben, geht die Rechnung im Alter nicht auf.
Sehr pointiert drückt es Tanja C., eine Topmanagerin, aus:
„Und wenn ich den Kindern bis zur Matura das Händchen halte, bis dahin nur zwanzig Stunden arbeite, dann ist es logisch, dass ich weniger verdiene als jemand, der bis dahin Vollzeit gearbeitet hat. Und da brauchen sie sich auch nicht beschweren!“
Wohlgemerkt: Mir geht es hier nicht darum, dass Männer und Frauen, die bewusst bei den Kindern bleiben wollen, das nicht tun sollen. Aber sie müssen sich finanziell absichern, sonst geht die Rechnung für sie in der Pension nicht auf. Mehr dazu im Kapitel „Der Wille zur Unabhängigkeit und Selbstbestimmung“.
WAS ES BRAUCHT
Ein wichtiges Kriterium sind die Rekrutierungsprozesse. Sie sind die erste Hürde, der sich Frauen gegenübersehen: Hier schlägt der Unconscious Bias zu, die unbewusste Voreingenommenheit gegenüber ihnen. Diese kann vermieden werden, wenn im Bewerbungsprozess die persönlichen Fähigkeiten der Menschen im Vordergrund stehen, nicht deren Geschlecht.
Es braucht noch mehr Ermöglicher*innen, die hochqualifizierte Frauen dort abholen, wo sie sind: bei der Frage, wie sie Beruf und Familie vereinbaren können. Und wie sie mit ihren Talenten und ihrer Leistung sichtbar werden.
Vor allem international aufgestellte Unternehmen haben erkannt, dass die Förderung von Frauen und Männern, die Arbeit und Familie vereinbaren wollen, positive Auswirkungen auf ihren wirtschaftlichen Erfolg hat. Sie starten Ausbildungsprogramme für Frauen und bieten Netzwerke für sie und für Väter an, die sich über ihre Erfahrungen austauschen wollen.
Die gesamte Gesellschaft könnte davon profitieren, wenn die Arbeitszeit der Menschen an ihre jeweilige Lebenslage angepasst würde.
Jörg Asmussen, Investmentbanker und ehemaliger Staatssekretär, der im Kapitel „Die neuen Männer: Väter in Karenz“ seine Geschichte erzählt, hat dazu einen Vorschlag:
„Das übergeordnete politische Ziel sollte sein: Arbeitszeit soll mit Lebenssituation ‚atmen‘. Die Jungen können viel arbeiten. Mit Kindern weniger. Wenn die größer sind, wieder mehr. Und dann eventuell wieder weniger, wenn die eigenen Eltern Hilfe brauchen. Zum Beispiel jeden Freitag frei.“
FAZIT: DIE RECHNUNG GEHT FÜR ALLE AUF, WENN FRAUEN UND MÄNNER IN DER WIRTSCHAFT UND ZU HAUSE GLEICHGESTELLT SIND
Abgesehen davon, dass die Rahmenbedingungen passen müssen (Ausbau der Kinderbetreuung am Land, familientaugliche Arbeitszeitmodelle), geht die Rechnung für alle auf, für Frauen und Männer, für die Unternehmen und für die Wirtschaft:
– Gemischte Teams in den Führungsetagen sind nachweislich ein Erfolgsfaktor, der sich in den besseren Zahlen dieser Unternehmen widerspiegelt.
– Mehr hochqualifizierte Menschen kommen auf den Arbeitsmarkt und bleiben ihm erhalten. Vor allem,
– wenn sich die Männer aktiv an der wertvollen unbezahlten Arbeit beteiligen; in den Ländern, in denen bis zu achtzig Prozent der Väter in Karenz gehen, bleibt auch nach der Karenz des Mannes nachhaltig eine gerechtere Aufteilung der Haus- und Familienarbeit aufrecht.
– Wenn Frauen weniger lange Unterbrechungen in ihrer Arbeitsbiografie haben, kann der große Unterschied im Einkommen und bei den Pensionen von Frauen und Männern mittel- bis langfristig überwunden werden.
FRAUEN SIND MÜTTER – UND SONST NICHTS?
Die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft: Mutter – und sonst nichts? Betrachtung einer sozialen Konstruktion. In Österreich und in Deutschland wird einer Frau die Wahlmöglichkeit von Rollen auch heute offenbar immer noch nicht zugestanden. Dazu ein kurzer und tiefer Blick in die Geschichte des Mutterbildes in diesen Ländern. Wie gehen die Interviewpartnerinnen mit der Mutterrolle um? Und wie sehen das die Kinder? Wie viel Mutter und wie viel Vater brauchen die Kinder wirklich – Antworten aus der Bindungsforschung.
Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.
Nigerianisches Sprichwort
Das Idealbild der Mutter ist in den Gesprächen mit Frauen und Männern immer präsent, wenn es um die Erwerbstätigkeit von Frauen und Männern mit Kindern geht: Es ist das von der Gesellschaft in Österreich und Deutschland vorausgesetzte Idealbild der Mutter, die zu Hause bei den Kindern bleibt und keiner oder nur einer geringen Erwerbstätigkeit nachgeht. Nur dann ist – noch immer – nach Meinung vieler in unserer Gesellschaft ein gesundes Aufwachsen der Kinder möglich. Und vor allem: Wer bringe den Kindern dann die Werte nahe?!
Dazu eine Gegenfrage: Wer sagt, dass Kinder von Vollzeitmüttern die besseren Menschen sind? Und was ist mit den Vätern? Warum ruft niemand nach der mangelhaften Vermittlung von Werten für die Kinder durch Väter, die nicht da sind, was bis jetzt meistens der Fall ist?
Abgesehen davon ist das eine sehr elitäre Diskussion, weil viele Frauen mit Kindern es sich nicht aussuchen können, zu Hause zu bleiben, und auf Betreuung für die Kinder angewiesen sind. Eine meiner Interviewpartnerinnen meint zum Thema des Mutterideals nur:
„Wir legen da in Österreich und in Deutschland ein gesellschaftliches Gluckentum an den Tag …“ (Thea R.)
Die deutsche Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken zeigt in ihrem Buch „Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos“ den Konflikt der deutschen Frau als Mutter und Berufstätige auf:
„Man fragt sich, wie es dann kommt, dass französische, dänische und italienische Kinder als Erwachsene so schrecklich normal und nicht allesamt als krippengeschädigte Bindungsunfähige herumlaufen.“1
In Frankreich zum Beispiel ist eine Frau immer noch eine Frau, auch wenn sie Kinder hat. Sie hat auch kein Problem damit, mehr Kinder als eine Österreicherin oder eine Deutsche zu haben und diese früh in außerhäusliche Obhut zu geben.2
Das Muttersein ist die große Zerreißprobe für die meisten Frauen im deutschsprachigen Raum, weshalb sie oft ihre berufliche Entwicklung und somit ihre persönliche Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit zurückstellen.
Wobei sich der Arbeitsbereich der Mutter nicht nur auf eigene Kinder erstreckt, sondern auch pflegebedürftige Angehörige miteinbezieht: Achtzig Prozent der pflegebedürftigen Angehörigen werden von Frauen betreut.3
FRAUEN ENTSPRECHEN NICHT – EGAL, WAS SIE TUN?
Dennoch: Noch nie konnten Frauen so frei und selbstbestimmt leben wie in der westlichen Welt des 21. Jahrhunderts. Dabei sind sie allerdings Kritik von allen Seiten ausgesetzt: Aus dem konservativen Lager kommt Kritik an Frauen, die sich nicht in die dort offenbar einzig zugelassene Rolle der Mutter zwängen lassen wollen. Die Feministinnen auf der anderen Seite des Spektrums vermuten nicht ganz unbegründet einen Backlash der Gleichberechtigung, den Rückfall der Frauen in die ihnen traditionell zugewiesene Rolle im Haus hinterm Herd, sobald es wieder einmal Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt gibt oder es beim Kampf um die Erreichung von Machtpositionen eng wird.
Die Wahlmöglichkeit zwischen oder die Kombination von verschiedenen Rollen wird Frauen offenbar auch heute immer noch nicht zugestanden. Ist sie „nur“ Mutter, gilt sie als altmodisch. Und muss sich zudem in unserer Leistungsgesellschaft auch noch rechtfertigen, da ja hier alles über bezahlte Arbeit und Geld bemessen wird. Ist sie „nur“ berufstätig, gilt sie als egoistisch. Ist sie Mutter und berufstätig und will sie gar auch noch Karriere machen, fallen alle über sie her: Sie sei eine „Rabenmutter“ für ihre Kinder, sie könne sich nicht hundertprozentig dem Beruf widmen, vernachlässige ihre Partnerschaft … Wobei Väter, wenn es um Kinder und Vereinbarkeit geht, leider immer ausgeblendet werden. Die Familie wird vor allem in konservativen Kreisen und in der konservativen Politik der Frau allein „umgehängt“, da in erster Linie sie für die Kinder zuständig sei.
Im Folgenden möchte ich ein paar Denkanstöße zu einer in unserer Gesellschaft vorgegebenen Rolle anbieten, die als unumstößlich gilt, aber jene, denen diese Rolle zugewiesen wird – zumal, wenn sie sie in Vollzeit ausfüllen, was als Ideal gilt – in eine schwierige Situation bringt: die Frauen.
SOZIALE KONSTRUKTION: MUTTER
Wenn ich hier vom Idealbild Mutter spreche, dann meine ich damit ein Rollenklischee in unserer Gesellschaft, ein soziales Konstrukt, das in der Realität von Familien mit Kindern in dieser Form weder notwendig noch realisierbar ist und in Wahrheit auch nie existiert hat: die Vollzeitmutter.
Und nein, das Muttersein steckt nicht in den Genen der Frau, wie Christine Bauer-Jelinek klarstellt:
„Man sieht ja im Kulturvergleich, dass Frauen – und natürlich auch Männer – in anderen Ländern oder Epochen unterschiedliche Rollen und Aufgaben in der Gesellschaft erfüllen. Das jeweils angemessene Verhalten wird durch Sozialisation erlernt. Wäre alles angeboren, dann müsste dieses ja überall weitgehend gleich sein.“
Es gibt maßgebliche wirtschaftliche Gründe und es gibt gute Gründe aus der Bindungsforschung, warum wir die Erwartungshaltung an Frauen, die Mütter sind, herunterschrauben können – und sollen.
Im Kapitel „Die neuen Männer: Väter in Karenz“ zeige ich, dass diese vom ersten Tag an eine wichtige Rolle für das Kind spielen und spielen wollen, was den Müttern viel Druck nehmen kann (wenn diese das zulassen).
Manchen Männern fiel auf, wie stark das Ideal der Mutter ist und dass sie als Vater nicht wirklich anerkannt sind: Einer der Väter hatte sein Kind in einem katholischen Kindergarten. Er sagte mir: „Das ist sehr müttergeprägt. Da tue ich mir sehr schwer.“
DAS IDEAL DER HUNDERT-PROZENT-MUTTER: NUR IN DEN OBEREN SCHICHTEN UND ERST SEIT KURZEM
Nur im deutschsprachigen Raum haben wir ein Mutterideal, das vorgibt, dass nur die leibliche Mutter in der Lage und es ihre alleinige Aufgabe sei, die Kinder zu versorgen. Bis vor Kurzem war eine Frau in unserer Gesellschaft dann auch voll anerkannt.
Woran liegt es, dass das Ideal der Mutter im deutschsprachigen Raum so stark ist, so dass jede Frau, die Kinder hat oder kriegen will, ein schlechtes Gewissen hat, wenn sie glaubt, diesem Ideal nicht zu entsprechen? Und dass Frauen, die keine Kinder kriegen können oder wollen, sich in der Gesellschaft nicht anerkannt fühlen?
Um eine Antwort zu und ein umfassenderes Bild von dem Thema zu bekommen, hilft ein Blick in die Geschichte und über die Grenzen des Landes hinaus.
Das Ideal der Vollzeitmutter gibt es erst seit etwa 200 Jahren. Dieses Frauenbild gab es nur in den oberen bürgerlichen Schichten. Die Mütter der unteren gesellschaftlichen Schichten, zum Beispiel Mägde, Hausangestellte, Köchinnen, mussten immer schon arbeiten. Die Frau eines Handwerkers hat immer (mit-)gearbeitet, auch wenn es viele Mägde und Knechte im Haus gab. Die Bäuerin musste ohnehin arbeiten, immer schon, am Feld, im Stall und ihren Haushalt hatte sie sowieso.
Statistische Zahlen vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigen, dass über vierzig Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung Frauen waren, vor allem in ungelernten (Hilfs-)Berufen und am Land. Das Familieneinkommen durch den Mann war meistens klein: Praktisch keine Frau konnte es sich leisten, zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Und auch damals hat es alleinerziehende Mütter gegeben, denen ohnehin nichts anderes übriggeblieben ist, als einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Diese Kinder sind oft in der erweiterten Familie oder im Haushalt derer aufgewachsen, bei denen die Mutter als Magd, Köchin usw. gearbeitet hat. Kinderbetreuung? Außer in den Adelshäusern und später in vermögenden Industriellenfamilien gab es die schlicht nicht. Vor dem 19. Jahrhundert wuchsen Kinder oft auf sich allein gestellt auf. Für altersgerechte Betreuung musste sich erst das Fach der Pädagogik entwickeln. Und ab sieben Jahren mussten Kinder arbeiten. Nein, damals war es nicht besser als heute.
Dennoch wurde in Deutschland das Ideal der Mutter kultiviert, die das Familienleben hütet, als Gegenwelt zur brutalen, herzlosen (Berufs-)Welt der Männer, so die These Barbara Vinkens.
FRAUEN ALS ARBEITENDE ODER MUTTER, JE NACH KONJUNKTUR
Frauen wurden, je nach Konjunkturlage und gerade herrschender Weltanschauung, auf dem Arbeitsmarkt gebraucht, geholt oder wieder nach Hause geschickt. Dementsprechend wurde das Rollenbild der Mutter propagiert oder eben auch nicht. Ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte: Obwohl im Nationalsozialismus ein Kult um das Mutterideal herrschte, gab es sehr wohl Betreuungsstätten für Kinder – als die Frauen für die Kriegsindustrie gebraucht wurden. In den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts, als die Männer aus dem Krieg zurückkehrten und die Wirtschaft anlief, wurde die Wichtigkeit und der Wert der Mutter bei den Kindern betont. Die Frauen wurden dann wörtlich als die „industrielle Reservearmee für den Arbeitsmarkt“ bezeichnet. Frauen, die arbeiteten, wurden eher bemitleidet, sie entsprachen nicht dem bürgerlichen Ideal der Mutter, die sich ausschließlich um die Kinder und den Haushalt kümmert. Dieses Frauenbild hat aber ohnehin nur für die bürgerlichen Schichten gegolten.
DAS ERBE DES AUSTROFASCHISMUS UND DES NATIONALSOZIALISMUS: DIE IDEALISIERUNG DER SICH AUFOPFERNDEN MUTTER
Der Austrofaschismus in Österreich und der Nationalsozialismus in Deutschland und in Österreich haben in Hinblick auf das Bild der Mutter ein schweres Erbe hinterlassen, das immer noch tief im kollektiven Unbewussten verankert ist. Die Vorstellung von Weiblichkeit war in beiden Ideologien sehr ähnlich. Die Rollen waren ganz klar verteilt: Hier das Ideal des Mannes, der arbeitet, der Frau übergeordnet und ihr Versorger und Beschützer ist. Dort das Ideal der Frau, die sich nur im privaten Bereich aufhält, dem Mann dient, vor allem aber auf die Rolle der Mutter reduziert ist. Im Austrofaschismus war die Rolle der Frau religiös begründet, christliche Werte standen im Vordergrund, das Ideal war die Mutter Maria. Der „gottgewollte“ Geschlechterunterschied wurde unter anderem damit untermauert, dass Frauen keine höhere Bildung mehr erhalten sollten und verheirateten Frauen ein Berufsverbot auferlegt wurde (das mit vielen Ausnahmen letztlich „nur“ Lehrerinnen und Beamtinnen traf). So wurden in Österreich schon ab 1934 Errungenschaften der Zwischenkriegszeit zur Modernisierung der Gesellschaft wieder rückgängig gemacht.
Das war die ideale Vorbereitung für den Nationalsozialismus, in dem die Frau nur mehr auf ihre biologische Funktion als Gebärerin reduziert war, die viele Kinder auf die Welt bringt – die letztendlich als „Kanonenfutter“ dienen sollten – sprich: sie wurden als Soldaten im Krieg gebraucht. Das „Mutterkreuz“, mit einem großen Hakenkreuz in der Mitte, galt als hohe Ehre ähnlich den Auszeichnungen für die Soldaten. Es wurde vom „Führer“ verliehen, und zwar am Muttertag, den zuvor schon die Austrofaschisten wieder eingeführt hatten, nachdem er in Österreich wie in Deutschland schon in Vergessenheit geraten war.4
Das Mutterkreuz versinnbildlichte die Idealisierung der Mutter und war eine Auszeichnung für jene, die mehr als vier Kinder hatten und auch sonst allen (Wahn-)Vorstellungen der Nationalsozialisten entsprachen: Sie mussten „arisch“ sein, eine tadellose Lebensführung vorweisen, die Kinder mussten gute Noten haben etc. Um dieses Mutterkreuz war ein regelrechter Kult entstanden, der auch nach 1945 nicht völlig verschwand: Es gibt Berichte, wonach auch Jahre nach dem Krieg in Familien das Mutterkreuz auf einer Art Altar im Keller drapiert war …
Auch wenn wir mit dem Austrofaschismus und mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben wollen: diese unbewussten Prägungen sind noch immer präsent und besonders hartnäckig. Zumal das Bild der Frau als Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg wiederauflebte, denn nun wurden die Frauen in der Wirtschaft nicht mehr gebraucht, weil die Männer aus dem Krieg zurückkamen.
Unsere Großmütter und Mütter sind in dieser Zeit aufgewachsen und von dieser Zeit des Mutterkults geprägt, ob sie wollten oder nicht. Sie sind Role Models, Rollenvorbilder für Generationen von Frauen, an die sie diese Rollenbilder und Verhaltensmuster unbewusst weitergegeben haben und die diese Tradition wiederum unbewusst fortsetzen. Das lässt sich wissenschaftlich erklären: Eine relativ junge Disziplin der Biologie, die Epigenetik, untersucht die Metaebene der DNA, unseres Erbmaterials. In diesem Bereich ahnt die Forschung erst, wie Genmechanismen wirken, durch die Krankheiten und soziales Verhalten über Generationen weitergegeben werden.
VERGLEICH MIT ANDEREN LÄNDERN
Die Geschichte Österreichs und Deutschlands zeigt, wie stark und wie nachhaltig Kulturen über Generationen hinweg bis hinein in die Lebensmodelle der Menschen durch Ideologien, politische Umwälzungen und Kriege geprägt sind. Mutterideale gibt es aber auch in anderen Ländern. In Italien zum Beispiel „la mamma“.
Die skandinavischen Länder wiederum, vor allem Schweden, werden gerne genannt, wenn es um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Berufsleben und bei der Kindererziehung geht. Hier wurde bereits in den Sechzigerjahren die Väterkarenz eingeführt. Das ist erstaunlich früh und modern, weil es zu mehr Gleichberechtigung von Männern und Frauen führte. Der Grund für die Entwicklung liegt sicher darin, dass es hier keine ideologische Gehirnwäsche wie im deutschsprachigen Raum des Austrofaschismus und Nationalsozialismus gab, wo die Rollenbilder von Männern und Frauen so deutlich vorgegeben waren.
Dennoch: In keinem der Länder ging die Entwicklung hin zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern von allein, es gab meistens Impulse durch die Politik, die Veränderungen herbeiführten.
LASST UNS DAS ROLLENSPIEL UM DIE MUTTER BEENDEN!
Einer meiner Interviewpartner, ein aktiver Vater, der in Väterkarenz ging, beobachtete an sich selbst, dass Mütter, die ihr Kind ab einem Jahr in eine Kinderbetreuung geben, anders bewertet werden:
„Als Mann tut es mir weniger weh, aber für die Frauen gibt es da sehr wohl ein Stigma. Wenn man die Kinder mit einem Jahr betreuen lässt, hat das einen üblen Beigeschmack. Das kriege ich mit von anderen Frauen und lustigerweise von anderen Männern, die dann sagen, da nimmt man dem Kind was.“ (Sebastian C.)
Einer der Väter in Wien wunderte sich, dass die Kinderbetreuung nicht von mehr Familien genutzt wird:
„Wenn ich unseren Sohn abhole, sind von 250 noch 25 Kinder da. Und da stelle ich mir die Frage: Da gibt es das Angebot, die Kinder zu betreuen, aber trotzdem machen das die Leute nicht. Ich vermute, in den meisten Fällen arbeiten die Frauen in Teilzeit. Die haben wohl ein schlechtes Gewissen.“ (Kurt F.)
Die Rollen dürfen Frauen und Männer nun endlich neu miteinander verhandeln, aber so, dass es für alle Beteiligten mehr Vorteile als Nachteile bringt, persönlich wie wirtschaftlich.
Um den Gegenbeweis zu erbringen, dass es auch ohne vorgegebene Rollen geht, eine Familie mit Kindern zu haben, interviewte ich queere Paare. Die typische Aufteilung der Rollen, was der „Mann“ macht und was die „Frau“ macht, ist hier aufgelöst. Diese Menschen können sich die Rolle aussuchen und sie genießen das in der Familie. Ein homosexueller Mann, der mit Mann und Kind in Wien lebt, sagte mir:
„Ich sehe Vorteile. Das ist ein riesen Vorteil: Man kann beides sein in einer Beziehung, Frau und Mann. Das ist ja keine Diskriminierung.“ (Kurt F.)
Eine Frau, die mit ihrer Frau und zwei Kindern zusammenlebt:
„Es gibt eine Rollenteilung, je nachdem, was wir gerne machen. Gesellschaftlich vorgegebene Rollen fallen weg, zum Glück. Können tut jede alles oder eben nicht.“ (Astrid W.)
Aufschlussreich dagegen ist die Meinung dieser Frau, was die Beziehung nach außen betrifft: Sie sagt, sie fühle sich doppelt benachteiligt: als Mutter, was die Erwartungshaltungen an sie beträfe, und als Frau im beruflichen Umfeld.
WAS KINDER WIRKLICH BRAUCHEN
Kinder zu bekommen ist ein Segen. Kinder sind der Ausdruck von Liebe und eine Notwendigkeit für das menschliche Dasein. Sie sind, wie ein österreichischer Spitzenpolitiker es ausdrückte, die „unverhandelbare Gegenwelt“ im durchgetakteten, scheinbar immer schneller werdenden, teil-digitalisierten Leben der Menschen, die für sie sorgen. Der Kinderwunsch bleibt vielen Frauen, Männern und Familien versagt, aus unterschiedlichen Gründen.
Kinder brauchen unendlich viel, vor allem bedingungslose Liebe und Geborgenheit und sichere Bindung an mindestens einen Menschen, um einmal stabile, resilienzfähige und glückliche Erwachsene zu werden. Wenn Kinder da sind, sollten sie im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen, das ist auch eine große Verantwortung für deren Eltern, nicht nur für die Mutter.
Dass die Kinder in der Geborgenheit und Sicherheit einer Familie aufwachsen sollen, um ihre körperliche und seelische Gesundheit zu gewährleisten, ist klar und bleibt hier unhinterfragt. Viele Studien belegen diese Feststellung. Darüber müssen wir nicht diskutieren. Wir dürfen aber darüber diskutieren, ob dafür nur die Mütter verantwortlich sein müssen. Es geht hier um nichts weniger als die Dekonstruktion eines Rollenbildes, jenes der Mutter. Wenn wir ihre Rolle nicht hinterfragen, hat ein sehr großer Teil unserer Gesellschaft nach wie vor persönliche Nachteile zu erwarten: die Frauen.
Laut Laura Wiesböck ist Österreich „Spitzenreiter bei kollektiver Ablehnung und Skeptizismus bei Erwerbstätigkeit von Müttern mit kleinen Kindern“.5
WIRTSCHAFTLICHE ASPEKTE ZUM MUTTERSEIN: MÜTTER UND BERUFSTÄTIGKEIT
Zunächst einmal eine Klarstellung: Frauen sind im Grunde immer tätig, weil sie auf der ganzen Welt immer noch den größten Teil der unverzichtbaren und wertvollen unbezahlten Haus- und Familienarbeit verrichten (siehe Tabelle im Kapitel „Der Wille zur Unabhängigkeit und Selbstbestimmung“). Die Realität ist außerdem, dass die meisten Mütter in Österreich und in Deutschland einer Erwerbstätigkeit nachgehen (siehe Kapitel „Frauen und Geld“). Frauen wollen arbeiten, Frauen müssen arbeiten, Frauen haben immer schon gearbeitet, auch mit Kindern. Sehr viele Frauen in Deutschland und in Österreich arbeiten in Teilzeit. Kann es sein, dass sie dadurch versuchen, nicht am Ideal der Mutter zu kratzen, das in unserer Gesellschaft noch immer stark vorhanden und verankert ist?
Wenn Menschen, die Kinder haben, wirtschaftlich unabhängig sein wollen, dann sollten sie das auch mit den anderen Bereichen in ihrem Leben vereinbaren können. Die meisten von uns können und wollen es sich schlicht nicht leisten, das nicht zu tun. Natürlich, ohne sich dabei völlig zu verausgaben. Dass das für einige Jahre nicht leicht ist, ist klar.
Wie empfinden das die Frauen, die Kinder haben und berufstätig sind, selbst? Eine Vorständin hat mir bei mehreren Fragen zu ihren Rollen als Frau, Mutter und Führungspersönlichkeit immer die gleiche Lösung angeboten: Sie hat Kommentare und Bewertungen aus ihrem Umfeld einfach ignoriert.
„Der Druck ist schon groß. Aber ich habe mich da nie einwickeln lassen. Ich war taub auf dem Ohr. Ich habe mich damit gar nicht befasst. Ich habe gesagt: Das ist mein Weg! Jede Mutter, die nur im Mutterschutz zu Hause ist, wie ich das gemacht habe, natürlich wird da im Umfeld gesprochen. Aber es wird genauso gesprochen, wenn eine Frau sieben Jahre zu Hause ist. Ich bin immun gegen dieses Thema. Auch heute noch. Mein Familienmodell entspricht dem, was für meine Familie, meinen Mann und meine Kinder das Richtige war.“ (Teresa I.)
Dazu braucht es manchmal sicher eine dicke Haut. Aber ich glaube, da, wo wir im Moment stehen, an dem Punkt, wo die sozial konstruierten Rollenbilder von Frauen und Männern zunehmend hinterfragt werden, besteht jetzt die einzige und beste Möglichkeit, den Zweifeln und den Unsicherheiten zu begegnen, indem ihnen kein Raum gegeben wird, so wie es die Vorständin gemacht hat.
Zuletzt ist die wichtigste Frage folgende: Fühlen sich alle Beteiligten, die Eltern und die Kinder, wohl in ihrem Leben? Dazu sagte mir die Vorständin.
„Zum Glück sind wir in einem Land, wo das jeder selbst entscheiden kann. Mir ist nur wichtig, dass junge Männer und junge Frauen das Ohr verschließen, wenn ihnen irgendjemand einredet, das sei nicht opportun.“ (Teresa I.)
WIE VIEL MUTTER UND WIE VIEL VATER BRAUCHEN UNSERE KINDER?
Weil ich meine, dass hier eine entscheidende Frage auf sachlicher Ebene geklärt werden muss, die Mütter und Väter verunsichern oder beruhigen kann, habe ich die international bekannte Bindungsforscherin Prof. DDr.in Lieselotte Ahnert zurate gezogen mit ihrem Buch, das genau darauf hinweist, was wir hier wissen wollen: „Wieviel Mutter braucht ein Kind?“6 Ahnert forscht seit den Achtzigerjahren zu Kleinkindern in familiärer und außerfamiliärer Betreuung auf der ganzen Welt, von Naturvölkern bis hin zu den modernen Betreuungseinrichtungen.
Nach Ahnert ist der wichtigste Aspekt, der Dreh- und Angelpunkt für das Wohl des Kindes „die sichere Bindung“ zur Mutter. Wobei sie die Bindung ausschließlich zur Mutter insofern relativiert, als sie schreibt:
„Mit Ausnahme des Stillens gibt es kaum Hinweise, dass Frauen darauf vorbereitet sind, der befähigtere Elternteil zu werden.“7
Das heißt aus Sicht der Forschung, die Väter können von Beginn an mindestens genauso gut die Kinder betreuen und eine Bindung zu ihnen aufbauen wie die Mütter. Und das können auch andere Personen inner- oder außerhalb der Familie, solange die sichere Bindung gewährleistet ist. Denn das ist nach Meinung der Forschung das wichtigste Kriterium für ein gesundes Aufwachsen der Kinder. Eine erfahrene Kinderpädagogin bestätigte mir diese wissenschaftliche Ansicht: Ihrer Meinung nach können Männer sehr schnell die Rolle des Vaters einnehmen und das Kind würde das auch schnell annehmen, wenn er sich intensiv um das Kind kümmere.
WENN DIE MUTTER GUT GENUG IST, IST SIE GUT
Zur außerfamiliären Betreuung, ihrem Forschungsschwerpunkt, bietet Ahnert eine sehr differenzierte Ansicht: Sie zitiert einen Kollegen mit dem Begriff der „hinreichend guten Mutter“. Ich würde das so formulieren: der Mutter, die gut genug ist für das Kind. Nachdem die Menschen über die längste Zeit ihrer Entwicklung als Jäger*innen und Sammler*innen lebten, zeigen die Naturvölker, wie unsere Spezies erfolgreich wurde. Und da haben nicht ausschließlich die Mütter ihre Kinder betreut, sondern oft buchstäblich das ganze Dorf.
WIE SEHEN DAS DIE KINDER?
Es ist interessant, sich die Rolle der Mutter einmal aus dem Blickwinkel der Kinder anzusehen und sich zu fragen, was besser ist: ein Mensch, der immer für die Kinder da ist und sich für sie aufopfert; oder ein Mensch, der auch sein eigenes Leben lebt, seine eigenen Erfahrungswelten hat, seine Arbeit und sein eigenes Geld. Und den Kindern somit eine Rolle vorlebt, die neben Liebe und Fürsorglichkeit auch Unabhängigkeit, Gestaltungsmöglichkeiten und Zufriedenheit außerhalb der Familie bietet.
Eine Interviewpartnerin, die schon neben ihren kleinen Kindern studiert hatte und sich dann ins obere Management eines internationalen Konzerns hinaufarbeitete, erzählte mir von der Rede ihrer Tochter auf der Maturafeier:
„Gestern hat sie maturiert und in ihrer Rede hat sie gesagt, sie ist so dankbar, dass sie in ihrem Leben viele, viele Bezugspersonen gehabt hat und dass sie Eltern gehabt hat, die vielleicht nicht immer quantitativ da waren, aber auf jeden Fall qualitativ. Und ihr größter Wunsch ist, dass sie einmal so wird wie ihre Mama! Und da habe ich mir gedacht, so falsch kann es nicht gewesen sein.“ (Thea R.)
Dieselbe Frau hat mir dann erzählt, wie in ihrem Umfeld über sie gesprochen wurde:
„Sie führt zwar kein artgerechtes Leben als Frau, aber immerhin hat sie zwei Kinder gekriegt.“ (Thea R.)
Diese Aussage zeigt einmal mehr, wie tief bei Menschen die Rollenbilder verankert sind.
Für die Kinder ist das Um und Auf die zufriedene, entspannte, ausgeglichene Mutter und der ausgeglichene Vater. Wann sind wir ausgeglichen? Wenn wir das tun, was wir gerne tun, was uns erfüllt und was wir für richtig halten (siehe Kapitel „Was will ich wirklich?“). Meine Interviewpartner*innen, alle in sehr anspruchsvollen Führungspositionen, haben mir diesen Eindruck vermittelt. Die Kinder haben ein sehr feines Sensorium, vor allem gegenüber ihren Bezugspersonen. Sie merken sofort, ob die entspannt sind oder nicht. Ich konnte das bei meinen Töchtern auch sofort merken. Es kommt also auf ihre innere Haltung an, mit der die Mutter ihren Kindern gegenübertritt.
Die Bindungsforscherin bestätigt diese Sicht, indem sie den berufstätigen Müttern sagt:
„Wenn sie ihre Arbeit als vorteilhaft für sich selbst, das Kind und die Familie ansehen, können sie mit größerem Selbstverständnis eine gute Beziehungsqualität zu ihren Kindern entwickeln.“8
Christine Bauer-Jelinek ortet eine große Verunsicherung bei Frauen, egal, was sie tun:
„Das schlechte Gewissen haben beide: Frauen, die bereits nach vier Monaten wieder Vollzeit arbeiten, fühlen sich als ‚Rabenmütter‘. Frauen, die nach einem Jahr noch nicht zurück in den Beruf gehen wollen, weil sie beispielsweise stillen oder die Zeit mit dem Kind genießen, müssen mit dem Vorwurf der ‚Gluckenmutter‘ fertig werden, weil alle sagen: ‚Was, du bist noch immer zu Hause?‘ In meiner Coachingpraxis erzählen beide von großem Druck und schlechtem Gewissen.“
Der Psychotherapeut Mathias Wais, der mit seinen Klient*innen Biografiearbeit durchführt und darüber mehrere Bücher geschrieben hat9, beobachtet in vielen der heutigen Frauenbiografien, dass sich ein Leitmotiv durchzieht: das Schuldgefühl. Will sich eine Frau aus den Rollenvorstellungen, die an Frauen geknüpft sind, herausentwickeln, wird sie in unserer Gesellschaft meistens auf Widerstand stoßen. Und sie hat ein schlechtes Gewissen.
Wais: „Lange haben Frauen ihre Individualisierung, ihre Ich-Entwicklung zurückstellen müssen. Jetzt kommt [sie] mit Macht.“
Wenn wir aus unseren Köpfen und Gefühlen die Glaubensmuster, Prägungen und Klischees zum Idealbild der Mutter und Familie verbannen können, werden sich sehr individuelle Lösungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ergeben, die sich zum Wohle aller Beteiligten auswirken. Diese sind im Kapitel „Der Wille zur Unabhängigkeit und Selbstbestimmung“ beschrieben. Die Lösung für die Lebensform muss jede Frau, jeder Mann und die Familie gemeinsam für sich finden.
DIE NEUEN MÄNNER: VÄTER IN KARENZ
Warum gehen Männer in Väterkarenz? Über ihre Motive. Was bringt es den Vätern, den Kindern, der Partnerin, den Unternehmen, der Gesellschaft? Über die Herausforderungen, die Männer erwarten, wenn sie in Väterkarenz gehen. Das Paradox bei der Väterkarenz in Österreich. Die Praxis in den Unternehmen, in denen Männer in Karenz gehen dürfen. Die Forschung zur Väterkarenz: Wie alles begann. Die Zahlen zu Vätern in Karenz in Österreich und in Europa. Die Wirkmächtigkeit der sozial konstruierten Geschlechterrolle „Mann“ und warum es gut wäre, wenn Männer neue Lebenskonzepte ausprobieren würden.
Für Männer in Österreich braucht es auch im Jahr 2019 immer noch viel Mut, um in Väterkarenz zu gehen.
Ein Beispiel: Ein Angestellter eines großen, sehr bekannten (halbstaatlichen!) Unternehmens, der in Väterkarenz gehen will, bekommt von seinem Vorgesetzten gesagt: „Willst du den Arsch deines Babys auswischen oder Karriere machen?“ Und dann teilte er ihm noch mit: „Wenn du nicht in Karenz gehst, wirst du mein Nachfolger.“ Er entschied sich trotz dieses Angebots für die Karenz. Das Ganze ereignete sich in den Nullerjahren, ist also nicht so lange her. Aufgestiegen ist dann tatsächlich ein anderer. Er behielt seinen Job, musste aber bis zum obersten Chef darum kämpfen, und nicht einmal sein ehemaliges Büro hatte er wieder bekommen …
Männern, die sich ihren Kindern widmen und in Karenz gehen wollen, geht es ähnlich wie Frauen: Während sie im „gebärfähigen Alter“ oft keine Karrierechance bekommen, müssen Männer, wenn sie den Wunsch äußern, die Väterkarenz zu beanspruchen, um Job und Karriere fürchten. Willkommen im 21. Jahrhundert!
Als ich ein Paar mit Kind interviewte, das sich für die Väterkarenz entschieden hatte, meinte sie nur:
„Anscheinend muss man so lang positive Beispiele vor den Vorhang zerren, bis die Leute sagen: ‚Na ja, es funktioniert scheinbar doch.‘“ (Ute C.)
Auch international tut man sich noch schwer mit Vätern, die aktiv die Betreuung von kleinen Kindern übernehmen: Im Internet verbreitete sich vor einiger Zeit die Geschichte eines Mannes, der unter dem Hashtag #SquatForChange (= hocken für eine Veränderung) seine Wickeltechnik zeigte, die er sich aneignete, da es auf Herrentoiletten meistens keine Wickeltische gibt.
Tatsache ist, das Rollenbild des Mannes bedarf dringend einer Revision: Genauso wie Frauen bestimmten Rollenbildern entsprechen sollen, sind Männer stereotypen Mustern und Vorstellungen von Männlichkeit unterworfen. Und das heißt zunächst einmal – stark vereinfacht, aber wichtig für das, was wir hier besprechen –: Alles, was mit Familie, Kindern, Gefühlen, Sensibilität usw. zu tun hat, ist unmännlich. Wobei diese Vorstellungen über das soziale Konstrukt Mann ganz unterschiedlich bewertet werden, je nachdem, wo der Mann privat und beruflich situiert ist: in der Stadt, am Land, in gebildeten oder in eher bildungsfernen Schichten der Bevölkerung. Mit den Interviews von zwanzig Männern, die zeitweise oder dauerhaft in Väterkarenz gegangen sind, konnte ich einen Einblick gewinnen, wie es mit der Väterkarenz in Österreich steht.
DIE MOTIVE DER MÄNNER, IN VÄTERKARENZ ZU GEHEN
Trotz schwieriger Rahmenbedingungen gibt es immer mehr Väter, die in Karenz gehen. Warum tun sie das? Männer, die in Väterkarenz gehen, haben zwei handfeste und gleichwertige Motive.
Das Herzensmotiv: die Liebe zu den Kindern
Das allererste Motiv für Männer, in Väterkarenz zu gehen, ist reine, bedingungslose Liebe zu ihren Kindern. Viele von ihnen erzählten mir, dass sie ihren Kindern näher sein wollten, als es die meisten der Väter bei ihnen selbst waren.
So erklärte mir Jörg Asmussen, ein Spitzenökonom aus Deutschland:
„Ich wollte selber Zeit mit meinen Kindern verbringen … im normalen Alltag, nicht irgendwann am Freitag und dann am Sonntag wieder los … Ganz normal, wenn die in die Schule gehen … dass man am Alltag Teil hat.“
Einer der Männer erzählte mir, dass er den ausdrücklichen Wunsch nach einem Kind hatte und deshalb mit seiner Frau „in Verhandlung“ ging, wie er mir sagte. Da seine Frau mehr verdiente als er, war klar, dass er mit dem Kind zu Hause bleiben wird. Den Wiedereinstieg machte der Beamte in Teilzeit und er konnte sich die Arbeit auch dann immer relativ flexibel einteilen.
Alle Männer erzählten mir, dass sie ihre Entscheidung sehr pragmatisch und sachbezogen getroffen haben. An erster Stelle stand der Wunsch, bei den Kindern zu sein. Diese Männer achteten also nicht zuerst darauf, was für den Mann „üblich“ ist, wenn er Vater wird. Sie machten sich keine Gedanken darüber, was „die Leute“ so reden, was das Umfeld denkt, wenn sie zu Hause bleiben. Das merkten sie erst später und wunderten sich. Es wurden Fakten nebeneinandergestellt und es wurde erwogen, was im Spannungsfeld zwischen Beruf, Kindern und Geld zu tun ist, damit für alle Beteiligten, Vater, Mutter, Kinder, ein möglichst angenehmes und förderliches Leben möglich ist.
Die Väter haben es alle nicht als etwas Besonderes gesehen, sich für die Karenz zu entscheiden. Jörg Asmussen sagt dazu, er sei gerne ein Rollenmodell, „aber mir erscheint das immer völlig normal“.
„Ich habe nicht daran gedacht, mir war es egal, wenn die Leute meinten: ‚Jetzt bist du aber schon lange daheim …!‘“. Der Mann, der mir das sagte, lebt am Land, arbeitet aber in der Stadt. Im Interview mit mir reflektiert er über seine Entscheidung, und da wird deutlich, wie gewöhnungsbedürftig es für das Umfeld ist, wenn ein Mann zu Hause bei den Kindern bleibt, also etwas tut, was noch nicht ins Rollenbild passt. Er erklärte mir das so:
„Es ist deine Entscheidung, zu der du selbst stehen musst. Die anderen ziehen sich zurück in den gewohnten Rahmen, wie es die Eltern schon gemacht haben, wie es der Arzt gesagt hat … da fühlen sie sich sicher. ‚Warum macht ihr das anders, ist das jetzt so schlecht gewesen?‘ Wir sind die ‚Exoten‘ in der ganzen Umgebung …“ (Ulrich H.)
Väter (und Mütter), bei denen die Kinder an erster Stelle stehen, entwickeln andere Wertigkeiten: So erzählte mir eine Familie, dass es ihnen lieber sei, für den teureren Kindergarten zu zahlen als sich ein größeres Haus zu kaufen. Eine andere Familie wiederum löste einen Bausparvertrag auf, damit der Vater länger bei den Kindern bleiben konnte.
Wenn Väter über die anstrengende Arbeit mit kleinen Kindern erzählen, wird diese wahrgenommen und sichtbar – wenn eine Mutter davon erzählt, wird es wahrscheinlich nicht als etwas Besonderes bewertet.
Keiner der Väter, mit denen ich gesprochen hatte, bereute auch nur eine Minute der Zeit, die er mit seinen Kindern verbracht hatte, trotz der vielen Hindernisse. Im Gegenteil: Alle berichteten mir von der Bereicherung, die ihnen dadurch zuteilwurde. Und manche von ihnen wären sehr gerne länger in Väterkarenz geblieben, wenn es die Umstände, vor allem die Einkommensverhältnisse und der Arbeitgeber, zugelassen hätten.
Das Motiv des partnerschaftlichen Teilens der Zeit mit den Kindern
Die Väter wollen sich die Elternzeit partnerschaftlich mit der Mutter ihrer Kinder teilen. Viele Männer erklärten mir, dass sie stolz auf den beruflichen Weg und auf die Position ihrer Partnerin seien. Sie wollten nicht, dass sie wegen der Kinder lange unterbrechen muss oder gar ihren Job verliert. Einer meiner Interviewpartner sagte dazu:
„Kinder an sich kann man sich leisten, aber die Frage ist schon wichtig: Können beide danach wieder arbeiten. Es geht darum, dass auch Ute (seine Ehefrau, Anm.) in der Gesellschaft wieder ihre Rolle hat und ihren Job wahrnehmen kann. Das ist mir wichtig, es geht nicht darum: Wir wollen nur das Geld. Es geht darum, dass beide wieder ins Berufsleben kommen, möglichst schnell. Weil man ist ja draußen! Der Wiedereinstieg ist nicht leicht.“ (Sebastian C.)
Ein anderer Vater dazu:
„Meine Frau war froh, wieder arbeiten gehen zu können. Ich habe kein Problem damit, dass sie mehr verdient als ich. Wir sehen das als Familieneinkommen. Sie kann ruhig besser sein als ich. In Wahrheit ist sie auch besser als ich.“ (Norbert W.)
Einer der Väter meinte, wenn seine Partnerin, die eine Führungsposition hat, länger wegbliebe, ginge es nicht um „das Geld, sondern die Position, die sie dann nicht mehr hat“.
Der Partner einer Unternehmerin, zwei Kinder, wählte bewusst einen stabilen Job als Angestellter, um das Risiko des Unternehmertums in der Familie auszugleichen. Er sieht die Entscheidung pragmatisch, weiß aber auch: „Sie arbeitet wesentlich härter als ich, das will ich nicht.“
Die meisten meiner Interviewpartnerinnen forderten von vornherein von ihrem Partner ein, dass er in Väterkarenz geht oder sich zumindest maßgeblich einbringt, was die Kinder betrifft. So wie eine heutige Vorständin, die mir erklärte:
„… und wenn das nicht gewesen wäre, hätte ich das nach kürzester Zeit beendet, ehrlich. Bei Kindern merkt man gleich, ob etwas funktioniert. Und man muss auch etwas fordern, das ist für Frauen auch eine wichtige Eigenschaft. Im Beruf und in der Familie muss man sich seine Position erarbeiten. Es ist ein Geben und Nehmen. Es muss partnerschaftlich sein.“ (Teresa I.)
Abgesehen davon wollen immer mehr Männer aus der traditionellen Rolle ausbrechen, mehr oder weniger alleine für die materielle Versorgung der Familie zuständig zu sein. Das bringt viel Verantwortung und Druck mit sich, die viele nicht mehr alleine tragen wollen.
Immer weniger Menschen lassen sich in die Zwänge unserer Leistungsgesellschaft einspannen. Sie stellen sich zunehmend die Frage nach dem Sinn des Lebens: Leben, nur um zu arbeiten, während sie eher arbeiten wollen, um zu leben. Meine Interviewpartnerinnen erzählten mir, dass einige Männer wie die Frauen in den Bewerbungsgesprächen um einer höheren Lebensqualität willen auf geregelte Arbeitszeiten Wert legten und sich eher nicht für den Job verausgaben wollten.
WENN VÄTER IN KARENZ GEHEN: DER SCHLÜSSEL ZUR GLEICHSTELLUNG VON FRAUEN UND MÄNNERN – IM GUTEN WIE IM SCHLECHTEN
Männer, die den Fokus auf Familie legen, Väterkarenz in Anspruch nehmen und dann in Teilzeit arbeiten, haben mit den gleichen Konsequenzen zu leben wie Frauen: unterbrochene Erwerbsbiografien und weniger Einkommen. Dann gilt der Satz, den eine Vorständin geprägt hat: „Gleichberechtigung ist dann, wenn alle dieselben Nachteile haben.“
Es gibt das Sprichwort „Es gehören zu allem zwei dazu“. Oder, wie es viele berufstätige Frauen ausdrücken: Die wichtigste Entscheidung im Leben einer Frau, die beruflich erfolgreich sein und Kinder haben will, ist die Wahl des Mannes.
Wenn eine Frau beruflich weiterkommen und Kinder haben will, sollte in einem zeitgemäßen Verständnis der Vater der Kinder auch aktiv die Betreuung übernehmen. Und das tun Männer auch zunehmend.
Väterkarenz hat Langzeitwirkung: Interessant ist, dass in den Ländern, in denen bis zu achtzig Prozent der Väter in Karenz gehen, die Hausarbeit fairer aufgeteilt wird. Das konnte ich auch bei meinen Interviewpartnern beobachten.
Zwar haben immer mehr Männer nun auch die Doppelbelastung und „Frauenbiografien“, wie einer selbst sagte, unterbrochene Erwerbsbiografien. Das ist ein hoher Preis für Menschen, die Beruf und Kinder unter einen Hut bringen wollen.
Bei den Männern führt der Trend einer Hinwendung zur Familie nun zu Belastungen, die Generationen von Männern vor ihnen nicht kannten. So schildert Christine Bauer-Jelinek aus ihrer Coachingpraxis:
„Die jüngeren Männer, plus/minus vierzig, der bildungsnahen Mittelschicht kümmern sich heute freiwillig um die Kinder. Sie sind keine Sonntagsväter mehr und nehmen oft Mehrfachbelastungen auf sich. Diese führen sie oft bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit, weil sie zum Teil immer noch Haupterhalter der Familien sind, aber zugleich halbe-halbe machen sollen bzw. wollen. Da ist ein Ungleichgewicht entstanden. Der Druck auf die jungen Väter ist enorm: Sie gehen einkaufen, sie kochen, gehen zum Kinderarzt, unterstützen die Frau, machen mit den Kindern Förderprogramme und Sport – und sind zugleich berufstätig mit dem Anspruch, Karriere zu machen. Haben wir früher die Mehrfachbelastung von Frauen angeprangert, so haben diese jetzt auch Männer.“
Ein Vater brachte es auf den Punkt, was passiert, wenn man sich bei dieser sehr persönlichen Entscheidung von seinem Umfeld beeinflussen lässt:
„Du kannst die anderen nicht dafür verantwortlich machen, dass du dich nicht getraut hast, es anders zu machen als sie.“ (Ulrich H.)
Wenn neben mehr weiblichen Führungskräften immer mehr männliche Führungskräfte in Karenz gehen, kann das eine immense Wirkung in den Unternehmen haben, denn diese Menschen wissen, wie sich der Alltag mit Kindern gestaltet. Sie sind dann auch diejenigen, die an ihrem Arbeitsplatz anders, nämlich viel verständnisvoller und lösungsorientiert, mit Vätern und Müttern umgehen, die Beruf und Kinder gut vereinbaren wollen und müssen. Dies floss in den Interviews immer mit ein.
Die Arbeiterkammer in Österreich beobachtet den Wiedereinstieg von Frauen, die in Karenz gegangen sind, und zeigt klar auf, dass der Wiedereinstieg wesentlich besser und schneller gelingt, wenn auch der Vater in Karenz geht.1
Zwei meiner Interviewpartnerinnen, die absolute Spitzenpositionen in Österreich bekleideten, erzählten mir, dass sie letztendlich wegen ihrer Karriere auf Kinder verzichtet hatten. Und ich hatte das Gefühl, dass sie darunter leiden, jetzt, da ihre Freundinnen schon Enkel haben … Das wirft für sie einen Schatten auf ihren beruflichen Erfolg. Eine dieser Frauen legte großen Wert auf die Feststellung, dies bedeute nicht, dass eine Frau in einer Spitzenposition keine Kinder haben könne.
Männer in Führungspositionen müssen sich die Frage „Kinder oder nicht?“ nie stellen, hier wird die traditionelle Rollenaufteilung vorausgesetzt, um die sie sich daher nicht kümmern müssen. Ihre eigenen Kinder beeinflussen auch in keiner Weise ihre Karriere, wie sie es bei einer Frau meistens tun, das zeigen alle Statistiken über die Einkommen von Frauen und Männern, die Kinder haben.
ES BRAUCHT MÄNNER, DIE STARKE FRAUEN AUSHALTEN
Es ist eine gute Nachricht, die mir meine Interviewpartnerinnen mitgeteilt haben: Die Männer ab den Achtzigerjahrgängen, also jene, die jetzt vierzig Jahre alt oder jünger sind, sind anders als die Männer der älteren Generationen. Sie wollen nicht, dass ihre Partnerin durch die Kinder im Beruf zu viele Nachteile hat, und haben kein Problem damit, dass ihre Lebensgefährtin unter Umständen beruflich erfolgreicher ist als sie. Alle Frauen in Führungspositionen, die ich interviewte, ließen Männer in Väterkarenz gehen.
Eine Vorständin beschrieb mir das so:
„Bei den jüngeren Männern ist das überhaupt kein Thema mehr. Da wird’s auch Trottel geben, keine Frage, aber im Großen und Ganzen ist die Wahrnehmung von Frauen eine ganz andere. Und die können auch neidlos stolz sein auf den Erfolg ihrer Partnerinnen, ohne dass sie sich da irgendwie abgewertet fühlen.“ (Ute S.)
Sie meint, das sei „eine Frage des gesellschaftlichen Bewusstseins“:
„Meine Generation ist sicher noch sehr geprägt von diesem klassischen Rollenbild. Eine Karrierefrau, die sich dann nicht um die Kinder kümmert, und der arme Mann kriegt nichts zu essen zu Hause. In der jüngeren Generation ist das ganz anders. Ich habe gestern ein Bewerbungsgespräch gehabt mit einer jungen Frau, die gesagt hat, sie hat zwei kleine Kinder, beim ersten Kind ist sie zu Hause geblieben, beim zweiten ist jetzt der Mann zu Hause geblieben, weil sie eine zweite Karriere machen und keine Unterbrechung haben will. Das war ganz selbstverständlich. Sie hat das auch nicht besonders hervorgehoben, sondern das war ganz logisch, einmal sie und dann er. Da ist, glaube ich, in dieser Generation schon ein anderer Zugang. Da ist das ganz normal. Ich kenne in der Generation auch mehr Beispiele, wo Männer in Karenz gehen, und das ist ganz selbstverständlich. In meiner Generation, von vierzig aufwärts, die sind noch in dieser Macho-Geschichte drinnen.“ (Ute S.)
Bei den Interviews und den Gesprächen, die ich mit Vätern in Karenz und Frauen in Führungspositionen führte, bot sich mir das Bild, dass es für manche Männer nicht einfach ist, sich einzugestehen, dass die Partnerin beruflich erfolgreicher ist und mehr verdient als sie. Dazu sagte mir einer der Männer, dessen Frau eine erfolgreiche Unternehmerin ist, aber einfach: „Wenn das für einen Mann ein Problem ist, dann hat der ein Problem mit seinem Ego.“
Ein anderer Mann drückte es ähnlich aus: „Ein Kollege hat Minderwertigkeitskomplexe, weil seine Frau mehr verdient als er. Mit der längeren Karenz wird es dann offensichtlich, dass er weniger verdient. Dabei ist das das Problem des Mannes, nicht das der Kollegen.“
Manchmal geht es gar nicht ohne den Vater oder eine andere Person im Umfeld: Eine Frau, die Unternehmerin ist und ein Kind erwartet, müsste ihr Unternehmen schließen, würde nicht zumindest während des Mutterschutzes jemand für sie einspringen oder das Kind übernehmen. Bei Politikerinnen gibt es bis jetzt keine Karenzregeln. Eine Spitzenpolitikerin, die ich interviewte, bekam ihr Kind während der Amtszeit. Hätte ihr Mann nicht das Kind übernommen, hätte sie womöglich zurücktreten und auf das Amt verzichten müssen. So war er der erste Vater in Karenz in einem großen Industriebetrieb und arbeitete dann in Teilzeit weiter. Prominente Beispiele wie die neuseeländische Premierministerin und eine Ministerin in Österreich zeigen, dass es für eine Frau möglich ist, in einem hohen politischen Amt Kinder zu bekommen – wenn der Vater in Karenz geht.
Männer für Interviews zu ihrer Väterkarenz zu finden war nicht so einfach. Es sind wenige und sie sind nicht so sichtbar wie Frauen in Top-Führungspositionen. Ich hatte den Eindruck, dass diese Väter etwas verlegen waren und nicht gerne über ihre Karenz sprachen.
Und wenn, dann wurde es als „Outing“ bezeichnet. Ebenso wie die meisten Frauen wollten auch die Männer namentlich nicht genannt werden, weshalb ich ihre Aussagen hier anonym wiedergebe.
Dabei waren die Frauen sehr stolz auf ihre Männer und erzählten mir, wie gut sie das gemacht hätten und wie gut die Beziehung zu ihren Kinder nun sei. Schließlich verdanken diese Frauen ihre hochbezahlten Toppositionen zu einem guten Teil ihren Partnern, die ihnen bei den Kindern den Rücken freigehalten haben.
ES BRAUCHT FRAUEN, DIE MÄNNER BEI DEN KINDERN AUSHALTEN
Genauso braucht es das familiäre Umfeld, vor allem die Mutter der Kinder, die es akzeptiert, dass der Vater als Bezugsperson für die Kinder mindestens genauso wichtig ist wie sie. Das ist nicht selbstverständlich.
Schon sie kann Zweifel haben, dass der Partner das alles schafft, und zögert eventuell, ihre Rolle abzugeben. Das ist bei den traditionellen Rollenbildern in Österreich ja auch nicht so einfach. Dazu sagte mir eine der Frauen, die ich interviewte, sie ist Unternehmerin:
„Es ist wichtig, dass du das deinem Partner auch zutraust! Weil, warum soll der das nicht genauso gut können wie du?“
Dann kommt die Familie und das private Umfeld: Da braucht es eine „Ich-scheiß-drauf-Mentalität“, meinte ein Vater zu mir, vor allem in ländlichen Gegenden, wo ein Mann, der am Vormittag mit dem Kind unterwegs ist, die Frage gestellt bekommt, wie lange er denn noch zu Hause bliebe und wie das mit der Arbeit sei.
Das empfiehlt auch die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm in ihrem Buch „Neue Väter brauchen neue Mütter: Warum Familie nur gemeinsam gelingt“. Sie mahnt Frauen, sich zurückzunehmen, wenn der Mann bei den Kindern ist. Der gleichen Meinung ist der Prof. Harald Werneck, der die Väterforschung im deutschsprachigen Raum mitbegründet hat.
Eine Vorständin meint ganz grundsätzlich zur Kinderbetreuung durch die Väter:
„Die Männer können das genauso, stillen können sie nicht, aber den Rest schon. Vieles können sie besser, weil sie es entspannter angehen. Zum Beispiel der Arzttermin: Sowas Entspanntes wie einen Mann beim Arzttermin habe ich überhaupt noch nicht gesehen! Sie sind viel gelassener.“ (Beate L.)
Mit dem Rollentausch betreten Frauen und Männer neues Terrain, das sie aber selbst neu gestalten und neu verhandeln können – und müssen. Das ist aber auch das Spannende daran: Wenn die Arbeit mit den Kindern nicht vom Geschlecht abhängt, darf abseits aller beruflichen Zwänge auch gefragt werden: Wer von uns möchte gerne beim Kind bleiben? Wer von uns möchte lieber beruflich weiterkommen? Und: Wer von uns kann das eher mit der Arbeit, mit seinen oder ihren Projekten vereinbaren? Wechseln wir uns ab bei der Karenz? Wenn ja, wann? Da braucht es ständiges und bewusstes Reflektieren über das eigene Handeln. Mehr dazu im Kapitel „Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht alle an – nicht nur die Mütter“.
Einige der Väter gingen nach der Karenz in Teilzeit, entweder weil sie mit der Partnerin die Familie besser organisieren konnten oder weil die Partnerin den besser bezahlten Job hat. Aber vor allem taten manche Väter es deshalb, weil sie es nicht aushielten, bei Arbeit in Vollzeit ihre Kinder kaum mehr zu sehen. Einer von ihnen beschrieb mir das so:
„Die Monate nach der Karenz, als ich Vollzeit gearbeitet habe, waren nicht zufriedenstellend für mich, weil ich so wenig vom Sohn mitbekommen habe. In der Früh war ich weg, untertags nie da, wenn ich heimkam, die letzte Stunde vorm Schlafengehen ist keine schöne Stunde … Das wollte ich nicht.“ (Norbert W.)
Er ging dann in Teilzeit zu siebzig Prozent, das sind drei Tage je neun Stunden, und er sagte dazu: „Das ist es mir wert, das kostet viel Geld, die Zeit, die man hat, ich musste auf vieles verzichten.“
VÄTER IN KARENZ: MÄNNER ZWISCHEN WUNSCH UND WIRKLICHKEIT
Aus den Gesprächen mit den Männern gewann ich den Eindruck, dass es eine hohe Dunkelziffer von Männern geben muss, die sehr gerne bei den Kindern bleiben wollen. Manchen von ihnen wird das nicht einmal bewusst sein, zu sehr sind sie in der traditionellen Rolle des Mannes „gefangen“. Viele Männer, denen ich von diesem Buch erzählte, schilderten mir, dass sie gerne in Karenz gegangen wären, aber die Arbeitgeber*innen – meistens Männer – ließen es nicht zu.
Einer meiner Interviewpartner, ein Abteilungsleiter in einem großen Dienstleistungsunternehmen, erzählte mir, wie das aufgenommen wurde, als er als Erster in seinem Unternehmensbereich in Karenz ging:
„Einige haben reagiert nach dem Motto: ‚Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich das auch gemacht!‘“
Diese Reaktion der Kollegen zeigt auch, wie wichtig es ist, dass einer der Männer anfängt und die Pionierrolle übernimmt. Umso besser ist es, wenn die Vorgesetzten ein Signal geben, dass es in Ordnung ist, wenn ein Mann in Väterkarenz geht.
BERUFLICHE UND FINANZIELLE HERAUSFORDERUNGEN FÜR VÄTER IN KARENZ
Mehr als die Hälfte der Männer, die ich interviewte, berichteten mir von beruflichen Konsequenzen, zum Beispiel, dass sie nicht weiter befördert oder sogar gekündigt wurden. Sie erzählten mir, wie sie damit umgingen und warum sie das in Kauf nahmen:
Ein Musiker, der als Bundesbediensteter angestellt war und die Väterkarenz beantragte, bekam zu hören: „Das kann ihre berufliche Laufbahn um Jahre zurückwerfen!“ Das ist etwa zehn Jahre her; zu dieser Zeit sollte es im öffentlichen Sektor eigentlich schon selbstverständlich gewesen sein, dass ein Mann in Väterkarenz geht. Er wusste aber damals schon, dass er nicht bleiben würde. Da er schon vorher weniger verdient hatte als seine Partnerin, die Geschäftsführerin in einem großen Konzern war, organisierte er seine Arbeit neu und flexibler, um der Betreuung des gemeinsamen Kindes besser nachgehen zu können.
Die beruflichen Konsequenzen waren manchmal gravierend. So erzählte mir einer von ihnen, wie sehr er sich darüber ärgerte, dass seine Firma ihn gekündigt hatte:
„Nach meiner Karenz lag die Kündigung auf dem Tisch. Das war ein deutsches IT-Unternehmen, die empfanden das als Majestätsbeleidigung. Das habe ich aber genau gewusst! Das sind solche Machos, diese ITler! Nicht einen Funken Einsehen.“ (Roland S.)
Er nutzte dann die Zeit und machte sich selbstständig. Jetzt führt Roland zusammen mit einem Partner mehrere Unternehmen. Er erklärte mir, dass ihm das die Flexibilität und die nötige Freiheit verschaffe für seine Kinder: „Da würde ich bei meinem Job nicht zufrieden sein, wenn ich nicht zur Schulaufführung gehen könnte.“
Ein Vater erklärte mir auf meine Frage, was für ihn Erfolg bedeute:
„Das hat mit Geld nichts zu tun. Vor Jahren ja, aber das hat sich mit den Kindern sehr gewandelt. Die Beziehungen in der Familie sind mir das Wichtigste, wenn die Kinder an mir hochspringen, wenn ich nach Haus komme.“ (Ulrich H.)
Es gibt wenige Männer, die alleinerziehend sind. Unter meinen Interviewpartnern gab es einige. Sie zeigen einmal mehr, dass Männer natürlich und selbstverständlich und notfalls auch allein Kinder aufziehen können – und dabei dann logischerweise auch dieselben Erfahrungen machen wie Frauen in der Situation als Alleinerziehende. Auf den Punkt gebracht hat das einer von ihnen, dessen Partnerin ihn verließ und der sich mit drei kleinen Söhnen neu organisieren musste. Auch er machte sich selbstständig, in dieser Situation blieb ihm nichts anderes übrig, wie er mir erzählte. Die ersten Jahre waren hart, sowohl beruflich als auch, was das Leben mit den Kindern betraf: Er habe erkannt, dass „die Toilette zu putzen genauso wichtig ist, wie eine Rechnung zu stellen“.
Menschen, die kleine, betreuungspflichtige Kinder haben und deshalb das Problem, einen Job zu finden, machen sich selbstständig: Im Kapitel „Unternehmerin sein“ habe ich die These aufgestellt und begründet, dass sich viele Frauen deshalb selbstständig machen, weil sie Kinder haben. Am Beispiel der zwei Väter ist zu sehen, dass es Männern in dieser Situation genauso geht: Sie entscheiden sich für das Unternehmertum, weil sie dann durch die höhere Flexibilität Erwerbstätigkeit und Familie am besten vereinbaren können.
DAS PARADOX DER VÄTERKARENZ
Der Trend, dass Männer bei den Kindern zu Hause bleiben oder in Teilzeit gehen wollen, hat sich in Österreich noch nicht in vielen Unternehmen herumgesprochen. Wenn hier ein Mann in Karenz gehen will, ist er auf den guten Willen seines Arbeitgebers angewiesen. Väterkarenz ist Verhandlungssache zwischen dem Mitarbeiter und der Arbeitgeberin. Bei der Väterkarenz in Österreich spielen die Unternehmen eine Schlüsselrolle.
Warum glauben Chefs (und Chefinnen!) selbst in sehr großen Firmen immer noch, der Betrieb bricht zusammen, wenn ein Mitarbeiter in Karenz geht (oft nicht länger als zwei Monate)?
Ein Vater beobachtet, wie in seinem Unternehmen mit der Tatsache umgegangen wird, dass Männer in Väterkarenz gehen wollen:
„Es hängt aber immer davon ab, wie der Vorgesetzte dazu steht, sonst hat man ein Karriereproblem. Allein die Tatsache, dass man sagt, man wolle in Karenz oder Teilzeit gehen, nimmt einem Chancen. Auch nachher, wenn man zurückkommt, obwohl jeder weiß, dass man Kind oder Kinder hat, wenn man dann mal sagt, ‚ich möchte am Abend nicht unnötig in einem Meeting sitzen, sondern mal pünktlich heim‘, das sind Dinge, die man besser nicht sagt.“ (Sebastian C.)
Männer, die sich überlegen, in Väterkarenz zu gehen, finden eine paradoxe Situation vor:
Die Interessenvertretung der Arbeiter und Angestellten, die Arbeiterkammer und Personalvermittler warnen Männer, diesen Wunsch beim Einstellungsgespräch auch nur zu erwähnen, wie mir von Männern berichtet wurde, die ich interviewte.
International ausgerichtete Konzerne haben die Entwicklung aber erkannt und werben damit, dass bei ihnen die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie auch für Männer möglich ist. Bei der Suche nach Talenten wird dieses Argument von Unternehmen gezielt eingesetzt. Das heißt, sie dürfen den sogenannten „Papamonat“2 nach der Geburt des Kindes in Anspruch nehmen und in Väterkarenz gehen – auf beides haben sie einen Rechtsanspruch –, danach vielleicht sogar in Teilzeit arbeiten, ohne Konsequenzen für ihren Job befürchten zu müssen.
Einer der Väter sagte dazu: „Es darf keine Portion Mut brauchen, um den Schritt zu gehen. Der Boden muss vonseiten der Organisation aufbereitet sein. Da darf es keine Nachteile geben, dann entscheidet man leichter.“
In Klein- und Mittelbetrieben sieht das wieder anders aus, das zeigen die Zahlen der Arbeiterkammer.3 Aber auch die KMUs werden umdenken müssen: Mehrere Vorständinnen, die ich interviewte, bestätigten mir: Männer ab den Achtzigerjahrgängen stimmen sich mit dem zukünftigen Arbeitgeber bereits im Bewerbungsgespräch ab, ja fordern ein, in Karenz gehen zu können, wenn Kinder kommen. Meine Interviewpartnerinnen sagten mir auch, dass, wenn sie das nicht anböten, sie die qualifizierten Mitarbeiter nicht bekämen.
WIE CHEFS UND CHEFINNEN DIE VÄTERKARENZ FÖRDERN
Frauen in Führungspositionen, die ich interviewt habe, sind Ermöglicherinnen auch für Männer, die in Väterkarenz gehen wollen. Es ist aber noch nicht sehr lange so, wie mir eine Vorstandsvorsitzende im Handel mit deutscher Konzernmutter, erklärt:
„Wir haben eine Betriebsvereinbarung, der Konzern hat sich freiwillig verpflichtet, dass das jedem zusteht. Wenn er will. Bei uns wird dieses Thema gelebt und angeboten. Wenn das allerdings vor zehn Jahren einer gesagt hätte, hätte man gesagt: Der ist ja nicht ganz dicht! Jetzt ist das schon ein Stück weit Normalität. Wenn jetzt jemand kommt und sagt, ich möchte drei Monate in Väterkarenz gehen, würde niemand sagen ‚Waschlappen‘ oder ‚dann kann er gleich zu Hause bleiben!‘. Ehrlicherweise war das vor zehn Jahren noch so.“ (Lena M.)
Eine Vorständin in einer österreichischen Bank sagte in ihrer Antrittsrede vor einigen Jahren: „Ich erwarte, dass Männer in Väterkarenz gehen.“ Sie sieht hier in ihrer Position eine gesellschaftspolitische Aufgabe zur Gleichberechtigung und fördert dadurch Vorbilder für die anderen, wie sie mir erklärt, weil sie der Meinung ist: „… dass jedes gesellschaftlich akzeptierte Verhalten Role Models braucht“. Wenn ein Mann gern in Väterkarenz gehen würde, aber der Erste in der Firma sei, der das tun möchte, laufe er Gefahr, dass er Schwierigkeiten bei der Akzeptanz habe, meint sie. „Ganz anders läuft das, wenn die Argumentation umgekehrt ist, wenn das als normal angesehen wird, und darum habe ich es gesagt.“ Indem sie Männer ermutige, in Väterkarenz zu gehen, trauten sich auch die anderen Männer, in Väterkarenz zu gehen:
„Wenn das normal ist, dann braucht niemand ein schlechtes Gewissen haben, und wenn er es nicht will, dann fragen ihn alle, warum nicht? Wenn zu Hause dann auch noch gefragt wird, machst du es? Dann ist das ein ganz anderes Setting.“ (Teresa I.)
Auf meine Frage, warum sie hier echte Gesellschaftspolitik betreibe, erklärte sie mir:
„Ich glaube, dass das wichtig ist! Der (Vater, Anm.) ist jetzt in Karenz, hat alles übergeben und es geht. Die nächsten Väter lernen aus dem wieder und die nächsten Familien. Früher gab es Talkshows, wo besprochen wurde, wenn einer sich geoutet hat. Stillende Mütter im Parlament, Schwangere durften nicht im Fernsehen sein! Aber so geht es Schritt für Schritt. Ich bin davon überzeugt, wenn es in den Firmen viele Interventionen gibt, wird es gehen. Aber es braucht immer eine Person, die sich dafür einsetzt, und die sollte hoch oben sein!“ (Teresa I.)
Diese Vorständin sieht das mit der Väterkarenz im Vergleich zu Frauen:
„Ein Mann von uns im Unternehmen ist seit zwei Tagen im Papamonat, und der ist in einem ganz wichtigen Projekt. Und natürlich waren da Stimmen: Warum muss der genau jetzt gehen, kann der nicht nächstes Jahr gehen? Sicher nicht! Natürlich könnte ich sagen, das geht jetzt nicht. Aber wie ist das bei einer Frau? Wenn die in Karenz geht, kann ich auch nicht sagen: Du, verschieben wir das bitte?“ (Teresa I.)
Und zu Vätern in Karenz sagt sie:
„Bei uns geht der Dritte gerade in Väterkarenz und alle nehmen das wahr. Und ab dem Ersten ist das ganz normal. Auch Männer haben da ein Bedürfnis, nur sehen sie es nicht als greifbare Chance. Sie leben dann mit ihrer Familie im Alltag, sie kriegen eine bessere Beziehung zu ihren Kindern und sie brauchen sich nicht zu erklären. Besser zwei Monate als gar nicht!“ (Teresa I.)
Eine andere Vorständin im Bereich Handel, die ich interviewte, vermittelte mir zwei ihrer Mitarbeiter für das Interview, die in Väterkarenz gegangen waren. Ich fragte die: „Was wäre, wenn die Chefin euch bei der Väterkarenz nicht so unterstützen würde?“ Die Antwort von einem der Väter kam prompt: „Dann würde ich es trotzdem machen. Ich hätte sogar eine Kündigung akzeptiert, was hier aber nicht der Fall gewesen wäre.“
Ein Vater erklärte mir, warum er in seinem Unternehmen Väter unterstützt, die in Karenz gehen wollen. Weil sie dadurch einen neuen Weg gehen, den zuvor noch wenige versucht haben, und dadurch wichtige Erfahrungen machen: „Sich zu trauen, auszubrechen, heißt, dass man ein bisschen in anderen Bahnen denken kann. Das ist für unsere Gesellschaft wertvoll.“ Er meinte dann allerdings auch: „Aber der Mut fehlt generell.“
Darmowy fragment się skończył.