Czytaj książkę: «Blüten gucken auf Malle»

Czcionka:

Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Widmung 3

Prolog - Reizende alte Damen 4

1 - Unruhe 15

2 - Krankenhaus 20

3 - Neuigkeiten 27

4 - Verdächtig 35

5 - Spuren 44

6 - Vermutungen 55

7 - Seniorenresidenz 66

8 - Alte Bekannte 79

9 - Rätselhaft 93

10 - Del Inferno 105

11 - Trostlos 117

12 - Unerwartet 128

13 - Gefunden 144

14 - Sturz 156

15 - Annäherung 165

16 - Gelöst 175

17 - Ferien 193

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-586-8

ISBN e-book: 978-3-99107-587-5

Lektorat: LSM

Umschlaggestaltung und Illustration: Stefan Bachmann

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

Für Mama

***

Prolog - Reizende alte Damen

Der Tag war viel zu schön für einen Mord. Außerdem fehlten noch einige Vorbereitungen. Und ihr Glücksbringer ließ auch auf sich warten.

Dann eben erst morgen!

Nach diesem Entschluss lehnte sich Elfi erleichtert zurück.

Die Sonne wärmte bereits merklich; sie musste unbedingt ihr Gesicht in den Schatten bringen, wenn sie Falten vermeiden wollte. Entschlossen lenkte sie ihren Rollstuhl unter eine dickbauchige Palme.

Das Meer glänzte vorn helltürkis und am Horizont dunkelblau. Dazwischen Grün- und Blautöne in allen Schattierungen. Durch die Pinienzweige ein Bilderbuchmotiv: blauglitzerndes Meer, gezackte Felsreihen, strahlender Himmel.

Sie genoss den Anblick, wollte ihn bewusst genießen.

Dann schloss sie die Augen. Noch ein halbes Stündchen Dösen – danach war es Zeit für den Seelentröster und den Immobilienmakler.

***

Anna-Maria hatte neue Packen Toilettenpapier, Seife und Handtücher geholt. Bevor sie sich seufzend ihrer letzten Aufgabe heute widmete, warf sie einen Blick aus dem glasumrahmten Flur des obersten Hotel-Stockwerks in den Garten.

Zwischen den Palmen sah sie am Blau der drei Pools einige farbige Flecken – Gäste, die sich in bunter Kleidung, in Bikini oder Badehose sonnten. Ein junges Paar vergnügte sich bereits im herzförmigen Whirlpool. Vier ältere Menschen spielten Mini-Golf. Irgendwo im Schatten erblickte sie die Diva; offensichtlich brauchte sie Ruhe. Denn ihre beiden ständigen Begleiterinnen fehlten, und ihr Rollstuhl verschwand fast unter dem Blätterdach einer Palme.

Am Ende des Grundstücks säuberten die Gärtner, Carlo und Juan, möglichst unauffällig die Wege. Ja, jetzt sah sie auch die beiden anderen Damen: Abuelita – Omichen – und Estrafalario – die Schrille – spazierten zwischen den weiß-rosa-rotblühenden Alpenveilchen.

Die beiden plauderten angeregt, das heißt, Omichen redete.

Die Schrille hielt den Kopf ihr zugeneigt und nickte, schaute aber unauffällig umher, ab und zu einen Schluck aus ihrer grünen Kaffeetasse nippend. Wenn es denn wirklich nur Kaffee war: Anna-Maria hegte begründete Zweifel, hatte sie doch bereits mehrmals kleinere und größere Flaschen von Jägermeister, Cognac und Sekt aus dem Zimmer entsorgt.

Offenbar stärkten sich die beiden gerade für einen längeren Ausflug; denn Kameras baumelten um den Hals, Rucksäcke hingen lose über den Schultern und feste Wanderschuhe deuteten auf größere Unternehmungen hin. Bei Estrafalario war übrigens heute nicht nur die Kaffeetasse giftgrün – alles andere war ebenfalls in Grün gehalten.

Anna-Maria seufzte bedrückt: Wieviel Geld musste man haben, damit man Rucksack und Schuhe und Kleidung täglich farblich neu aufeinander abstimmen konnte, auch wenn alle qualitativ minderwertig waren? Andererseits – wenn man die pummelige Figur und das Aussehen von Estrafalario bedachte, gab es wirklich keinen Grund, neidisch zu sein. Und dann noch deren schreckliches Verhalten!

Anna-Maria fand es einfach, Omichens Zimmer sauber zu machen – alles aufgeräumt, die Wanderbücher aufgestapelt auf dem Couchtisch, die vom Supermarkt erworbene Mineralwasserflasche über der Minibar abgestellt, die wenigen Kleidungsstücke mittlerer Qualität ordentlich im Schrank verstaut, wenige Fotos zum Abstauben.

Das Zimmer der Diva war das reinste Vergnügen: Haufen von topmodischen Pullovern, Hosen, T-Shirts, Jacken, Röcken und Blusen in allerfeinster Qualität lagen überall herum. Diese auf Bügeln im Schrank zu verteilen, machte einfach Spaß! Und die vielen luxuriösen Tübchen und Döschen und Gläschen und Fläschchen, Kämme und Spangen, duftende Parfüms und Cremes und Lotionen – für Anna-Maria war es eine Freude, diese nach dem Reinigen des Badezimmers immer wieder neu zu ordnen, nach Farben und – wenn sie Zeit hatte – auch nach Gerüchen (doch das durfte natürlich niemand wissen).

Das Zimmer von Estrafalario dagegen war eine Qual: ein einziges Chaos von ineinander geknäulter sauberer und schmutziger minderwertiger Kleidung in Übergröße, von leeren Flaschen, Haarfärbemittel, neu erworbenem Touristen-Krimskrams, billigem Nagellack, Tablettenschachteln. Einmal hatte Anna-Maria sogar eine gebrauchte Slipeinlage in all dem Durcheinander gefunden, ein anderes Mal, zu ihrer großen Überraschung, ein fein gearbeitetes Goldkettchen.

Worauf musste sie heute gefasst sein?

Vor dem Zimmer angelangt, holte sie tief Luft und öffnete vorsichtig die Tür.

***

Etwa zur gleichen Zeit ärgerte sich Miguel über den Blick des Barkeepers. Was war schon dabei, wenn er sein zweites Glas Whisky bestellte? Die Touristen tranken viel mehr um diese Zeit! Aber nein, Xavier schaute ihn seltsam an und fragte ihn obendrein, ob es ihm gut ginge.

Natürlich nicht.

Wenn alles in Ordnung wäre, brauchte er nicht morgens um elf zwei Whiskys. Aber das hatte Xavier nichts anzugehen, auch nicht als socio simpatico, Mitglied desselben Fußballvereins. Me va bien – y tu?

Er wartete Xaviers Antwort nicht ab, sondern verzog sich mit seinem zweiten Whisky sofort auf die schattige Terrasse, um in Ruhe nachzudenken. Er musste eine Lösung für sein Problem finden. Und zwar sofort. Was ihm sein englischer Freund John raten würde, wusste er, aber er sträubte sich. Fremde Reiche … Das kam überhaupt nicht in Frage. Schließlich liebte er seine Frau und seine Kinder.

Oder gerade deshalb?

Fast gegen seinen Willen scannten seine Augen den Hotelgarten. Es schien nicht allzu schwierig, es gab viele Möglichkeiten. Zum Beispiel die Blondine, deren Gesicht im Schatten der Yukkapalme einen kindlich-unschuldigen Ausdruck zeigte. Zudem brach sich die Sonne in ihrem Diamantring und spiegelte sich in ihrem goldenen Armband.

Statt wie geplant nur am Whisky zu nippen, nahm er einen tiefen Schluck und bekam einen Hustenanfall. Als er wieder normal atmen und klar blicken konnte, wusste er, dass er keine Alternative hatte. Er kippte den Rest des Whiskys hinunter, brachte das Glas zurück und orderte una botella champana y dos copas.

Es half alles nichts; und Xavier wusste es auch: Als er ihm die Flasche Sekt mit den zwei Gläsern reichte, wünschte er ihm „Viel Glück!“ – Buena suerte!

Aber er schaute ihn nicht an.

***

Im Rückspiegel sah der Taxifahrer die zwei Frauen auf sich zukommen. Die Schirmmützen über den faltigen Gesichtern, die festen Wanderschuhe und der prallgefüllte Rucksack, der baumelnde Fotoapparat auf der ebenfalls baumelnden Brust, die wadenlangen Jeans mit Ausblick auf knochige beziehungsweise runde Unterschenkel mit rauer Haut zwischen Socken und Jeansrand und der viel zu grelle Anorak über dem gewölbten Bauch – all diese Dinge wiesen sie deutlich als Touristinnen aus. Keine Spanierin würde sich so unelegant kleiden. Und dann noch alles in Giftgrün – jedenfalls bei der dickeren der beiden.

„Taxi?“ Er nickte.

„Nach Valdemossa?“

Er nickte wieder. Sie stiegen ein. Er informierte die Zentrale und fuhr sofort los. An einem solch strahlendblauen Tag würde die Fahrt ein Vergnügen sein.

Was ihn wunderte: Sie sahen nicht reich aus, aber keine hatte nach dem Preis gefragt. Wer würde zahlen? Die Normalgewichtige mit den grauen mittellangen Locken oder die auf jung getrimmte, rundliche Giftgrüne mit der Kurzhaarfrisur für modische Siebzehnjährige? Den flüchtigen Gedanken, es könnte sich um Zechprellerinnen handeln, verwarf er sofort. Wahrscheinlich würden sie sich die Fahrt teilen. Immerhin unterhielten sie sich auf Deutsch. Und er hatte schon viele schrullige, reiche Deutsche gesehen.

***

Plötzlich verwandelte sich Elfis sonniger Traum in ein dunkles Chaos. Alle Heiterkeit zerfloss; es herrschte ein wirres Durcheinander von Tönen, Farben, Gerüchen.

Sie versuchte, die Augen zu öffnen, doch sie konnte im gleißenden Sonnenlicht nichts erkennen. Jemand murmelte etwas Unverständliches. Sie wollte antworten, doch ihre Stimme versagte.

Dann legte sich ein Schatten über sie.

„Sie haben schlecht geträumt, Señora“, sagte eine angenehme Männerstimme. „Und Sie frösteln. Darf ich Sie wieder in die Sonne schieben?“

Nun taten die Augenlider ihren Dienst und sie erblickte einen sympathischen, braungebrannten Mann mittleren Alters mit nur wenig Grau im kurzgeschnittenen dunklen Haar.

Als sie nickte, schob er ihren Rollstuhl sanft neben eine Sitzecke, die etwas abseits von der Sonne beschienen wurde.

Er lächelte entschuldigend. „Es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe. Darf ich Sie zu einem Glas Sekt einladen?“

Bevor sie sich versah, fühlte sie ein Glas in ihrer Hand. Salud! Me llamo Miguel! „Ich heiße Miguel, Prost!“

Sie wehrte ab, besann sich dann aber eines Besseren.

Was schadete es, wenn der Immobilienhändler ein bisschen wartete?

Es lohnte sich immer, mehrere Eisen im Feuer zu haben.

Und außerdem winkte ihr links aus dem Hintergrund Carlo freundlich mit einem kleinen flachen Glasgegenstand in der Hand zu.

Ihr Glücksbringer.

Langsam hob sie ihr Glas.

***

Beim Abendessen tauschten die drei ungleichen Freundinnen ihre Tageseindrücke aus. Die Giftgrüne hatte sich inzwischen hellgelb gekleidet.

„Valdemossa – ein Traum! Das Kloster von Georges Sand und Chopin und die vielen netten Geschäfte und Cafés! Und die terrassenförmige Anordnung der Stadt! Und die schönen Gärten und die freundliche deutschsprechende Bedienung!“ Und … und … und …

Die gemeinsame Begeisterung ihrer beiden so unterschiedlichen Freundinnen kannte keine Grenzen. Elfi fühlte sich zunehmend unzufrieden. Was hatte sie für diesen Tag zu bieten? Dösen im Garten, ein völlig unbefriedigendes Immobilen-Angebot? Ärger über laute und schwatzhafte Gäste? Keine Seite des Romans?

Sie versuchte, ihre Gedanken zu sammeln, doch mittendrin lenkte sie der vielversprechende Satz ab: „Wir haben eine tolle Villa für dich gefunden!“

Fotoapparate wurden hervorgezerrt. Nach einigen technischen Komplikationen sah sie sich Aug in Aug mit einem verwunschenen, großen Haus aus beigem Sandstein, berankt mit Bougainvillea, mit Orangen- und Zitronenbäumen im – natürlich terrassenförmigen – Garten und einem blauen Swimmingpool, um den ein paar Schafe und Ziegen grasten.

„Romantisch, nicht?“

„Und zu verkaufen! Wäre das nichts für dich?“

Doch – auch Elfi fand das Ambiente ansprechend und auf den ersten Blick geeignet für ihre Bedürfnisse. „Habt ihr die Adresse des Maklers notiert?“

Natürlich hatten sie das nicht.

Um abzulenken, fragten die beiden Valdemossa-Besucherinnen nach Elfis Tag. „Und du, was hast du gemacht?“

Elfi dachte kurz nach.

„Ich habe einen netten Mann kennengelernt.“

Ja, das war das einzig Schöne heute, freute sich Elfi innerlich.

Aber ihre beiden Bekannten schienen wenig begeistert.

Oh Gott, nicht schon wieder!

Die beiden warfen sich bezeichnende Blicke zu und strebten ans Büffet unter dem Vorwand, ein weiteres leckeres Dessert zu benötigen.

***

Der nächste Morgen begann perfekt mit orange-farbigem Sonnenaufgang über zartblauem Meer. Dies nahm Elfie als ein gutes Vorzeichen.

Nach dem Frühstück wurde sie von Miguel abgeholt. Sie sah mit Genugtuung im Seitenspiegel, wie eine kleine weibliche Kugel, heute ganz in Lila, neidisch dem weißen Mercedes hinterherwinkte.

Nach einem kurzen Verkehrsgewühl in Alcudia bogen sie rechts ab Richtung Ermita La Victoria. Doch auch diese kleine, ruhige Straße verließen sie bald und und fuhren erneut rechts in einen Pinienwald. Irgendwann öffnete sich automatisch ein Tor und nun schlängelten sie sich auf steinigen Wegen durch eine Landschaft mit atemberaubenden Aussichten auf blaues Wasser und einzelne Landhäuser.

„Bitte Augen schließen“, ordnete Miguel nach einer Weile sanft an. Dann stoppte er das Auto. Sie erwartete einen Kuss und presste die Augenlider fest zusammen, aber er sagte nur: „Schauen!“ Sie blinzelte in die Sonne und vor ihrem Blick erschien ein weißer maurischer Palast in einem Palmenhain, den kunstvolle Skulpturen schmückten. Sie hielt den Atem an. Das hatte sie nicht erwartet.

Aber es kam noch besser: Miguel und Elfi erhielten eine fachkundige exquisite Führung. Offenbar vom Künstler und Besitzer höchstpersönlich oder einem Nahestehenden, ganz klar war ihr das nicht. Es war auch egal. Sie genoss die Fürsorge und das Fachwissen der beiden Männer, die sie durch den sonnigen Figurenpark begleiteten. Den krönenden Abschluss bildeten die hervorragenden Kinderporträts im ehemaligen Wasserspeicher. Und so geschmackvoll präsentiert!

Als sie über die Behindertenrampe ins Freie gelangten, war sie glücklich wie schon lange nicht mehr.

Wie immer folgte dann die tiefe Enttäuschung.

Ein Taxi hielt an und entließ eine lila ältere Kugel und eine eigentlich ganz nette, graumelierte Seniorin mit mittellangen Locken.

***

Jetzt nach dem morgendlichen Ausflug hatte sich Elfi zum Schreiben an den Strand zurückgezogen. Ihr Rollstuhl stand an der Wasserlinie. Sie hoffte, dass die warme Mittagssonne und das gleichmäßige Rauschen der Wellen ihre Laune verbessern würde. Aber ihr Notizbuch war immer noch leer.

„Konzentrier dich auf dein Vorhaben!“, befahl sie sich.

Also: Tatort, Tatmotiv, Tatwaffe.

Sollte Valdemossa der richtige Ort sein? Heute Nachmittag würden sie die Villa besichtigen, deren Fotos die beiden Freundinnen ihr gezeigt hatten. Miguel kannte den Makler und hatte einen Termin vermittelt.

Zu zweit war es geplant gewesen – Miguel und sie. Der Makler, den Miguel kannte, würde nur aufschließen und erst später für ihre Fragen zur Verfügung stehen.

Aber nun würden sie zu viert fahren. Zu viert!

Sie musste sich etwas einfallen lassen, um das zu verhindern. Dennoch spürte sie den Ärger erneut in sich aufsteigen.

***

Denn das Taxi heute Morgen an der Finca La Bassa hatte alles verändert.

Die lila Kugel hatte dem Fahrer ein großzügiges Trinkgeld gegeben und ihn gebeten, in zwei Stunden zurückzukommen. Sie und ihre Freundin würden sich jetzt in Ruhe in dieser vom Reiseführer empfohlenen Sehenswürdigkeit umschauen und wollten natürlich das „rein zufällig, welche Überraschung!“ getroffene Paar nicht stören.

Doch der Künstler und Besitzer (oder wer er auch war) hatte sie zu einem kleinen Imbiss eingeladen: „You and your charming friends.“

Eigentlich hatten auf der Terrasse im Schatten eines großen Oleanderstrauches nur drei Sektgläser neben dem Eiskübel auf einem hohen Bistro-Tisch gewartet und drei Teller für die appetitlich aussehenden Tapas unter einer gläsernen Haube. Nun wurde schnell weiteres Geschirr herbeigeschafft.

Das Essen verlief in Elfis Augen völlig unbefriedigend.

Der Besitzer und Künstler widmete sich mit Hingabe der lila Kugel, die sich völlig unerwartet als Kunstsammlerin auswies. Witterte er ein gutes Geschäft? Oder war er einfach nur höflich?

Und die Graumelierte plauderte auf Miguel ein. Ihr Redeschwall war nicht zu stoppen, nachdem sie herausgefunden hatte, dass er im Schwarzwald als Gastarbeiterkind geboren war. „Was, in Staufen? – Das ist gar nicht weit weg von meinem Wohnort! Mein Mann liebte Staufen! Wir waren häufig dort, als er noch lebte. Das Faust-Haus! – Ach, und kennen Sie …“

Elfi selbst war abgehängt. Niemand kümmerte sich darum, ob ihr Rollstuhl im Schatten stand oder nicht. Ihr Sekt wurde warm in ihrer Hand. Sie räusperte sich. Ohne ihre Rede zu unterbrechen, reichte ihr die Graumelierte die Platte mit den Tapas, damit sie sich bedienen konnte. Es war unbequem, im Rollstuhl zu essen.

Die anderen bewegten sich plaudernd auf der Terrasse und zeigten sich gegenseitig im Stehen „entzückende Ausblicke“ aufs Meer.

Aus ihrer Rollstuhl-Position sah sie nichts.

Der Höhepunkt der Missachtung aber kam, als Miguel mit ihren beiden Bekannten verabredete, dass es doch nett sei, wenn sie alle heute Nachmittag in Valdemossa die sehenswerte Villa, die zum Kauf stand, besichtigen würden.

Über ihren Kopf hinweg!

***

In der Erinnerung an diese demütigende Szene stieg erneut der Ärger in Elfi hoch. Als er sich allmählich in giftige Wut verwandelte, spürte sie kreative Energie in sich aufsteigen.

Eigentlich war das Tatmotiv ganz einfach zu finden.

Vor ihrem geistigen Auge sah sie die Szene … und der Stift flog fast von allein über das Papier.

Als sie nach langer Zeit aufschaute, weil sich Sonne und Wind veränderten, umspielten die Wellen bereits die Räder ihres Rollstuhls. Die Flut lief immer weiter auf. Sollte sie sich selbst befreien? Nein, lieber nicht. Sie beschloss, auf Hilfe zu warten.

***

Valdemossa nachmittags verlief nach Elfis Plan, nachdem sie dem Taxifahrer mit den beiden Freundinnen, der dem Mercedes folgen sollte, eine gehörige Summe zugesteckt hatte, damit er unterwegs eine Panne bekam.

So gehörte die Villa für zwei Stunden nur ihr und Miguel und dem Makler.

Die inzwischen hellblaue Kugel kam erschöpft an, als bereits alles besichtigt war und Miguel den Makler und Elfi gerade im weißen Mercedes zurückfahren wollte.

Das letzte, was sie aus den Augenwinkeln heraus bemerkte, war, wie die nette Graumelierte versuchte, dem kugeligen Hellblau die Enttäuschung auszureden. Sie fühlte Genugtuung.

***

Elfi hatte gewonnen!

Und sie hatte Inspirationen für den Roman bekommen.

Zur Feier des Sieges in der Abenddämmerung hatte sie Champagner mit auf den Steg genommen. Die untergehende Sonne färbte die östlichen Bergzacken rosa. Auch das Meer malte sich rosig-blau. Und zu allem romantischen Überfluss segelten auch noch rosa Wölkchen am zartvioletten Himmel.

Es war doch noch ein gelungener Tag geworden.

Und sie würde wieder kreativ sein können! Sie hatte einen perfekten Plan, um das sicherzustellen.

Sie trank den Rest des Champagners aus und küsste das goldene Etikett zärtlich. Ihr Seelentröster, ihr Buddelschiff!

Danach setzte sie ihre Idee in die Tat um.

Sie hob beide Arme triumphierend über den Kopf und schleuderte die Flasche mit einer heftigen Bewegung weit ins Meer.

1 - Unruhe

Diesen Tag im Februar würde Ulla nie vergessen.

KH und sie hatten lange geschlafen an diesem zehnten Morgen nach ihrer Pensionierung. Nach einem ausgiebigen Frühstück hatte sie ein wenig Hausarbeit erledigt und war dann zum Bummeln und Einkaufen gefahren.

Als sie mit Körben beladen zurückkehrte, hatte KH sie zärtlich geküsst.

„Schön, dass ich dich schon um vier Uhr zu Hause habe“, hatte er gesagt und war sofort wieder hinter seinem PC im Arbeitszimmer verschwunden.Während sie die Einkäufe verstaute, versuchte sie, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Schließlich sollte er merken, dass sie anwesend war.

„Was gibt’s bei dir Neues?“

„Nichts, nur diese leidigen Anrufe.“

Sie kannte seine Klagen über „Dummenfang bei Rentnern“: angeblicher Gewinn in der Klassenlotterie, angeblich nicht bezahlte Internet-Rechnungen, angeblich getätigte Be-stellungen.

„Heute war jemand besonders hartnäckig. Er hat es wieder und wieder versucht. Mit dem umgekehrten Enkeltrick.“

„Was ist das denn – umgekehrter Enkeltrick?“

Neugierig stellte sie sich neben seinen Schreibtisch und faltete einen Einkaufsbeutel zusammen.

„Nun ja, ein sogenannter Manuel wollte dich sprechen. Im Auftrag deiner Mutter. Sie läge auf Malle im Krankenhaus. Natürlich sollst du Geld überweisen. Das hat er zwar noch nicht gesagt, aber darauf läuft es doch hinaus“. KH als eifriger Zeitungsleser kannte die Betrugsversuche an Senioren.

„Wer wollte mich sprechen?“

Die schrille Betonung des ersten Wortes und der Ton ihrer Stimme irritierten ihn.

„Ein Manuel. Wegen Mama auf Malle.“

KH sah die plötzliche Blässe in ihrem Gesicht und bemerkte, wie sie mit zitternder Hand nach dem Telefon tastete.

„Du meinst doch nicht etwa …? Liebes! Das ist doch nicht echt! Mama ist doch kerngesund!“

***

Viereinhalb Stunden später befand sich Ulla dank der Professionalität von Frau Bachlhubers Reiseboutique über den Alpen. Jedenfalls behauptete dies der Flugkapitän in seiner Zwischeninformation.

Sie sah nichts, sondern nagte an ihrem pappigen Käsebrötchen, eingequetscht zwischen zwei Mitreisenden. Zum hundertsten Mal versuchte sie, ihre Gedanken zu sortieren.

Frau Bachlhuber hatte ihr das letzte Ticket für diesen Flug besorgt und ohne Umstände eine Umbuchung vorgenommen. Genau dies hatte sie schon einmal vor vier Wochen getan, als Mama sich spontan entschlossen hatte, der Einladung ihrer angeheirateten Cousine zu folgen und vor dem gebuchten gemeinsamen Termin nach Palma zu fliegen. KH würde übermorgen wie geplant nachkommen.

Eigentlich war diese Reise zu dritt ein Weihnachtsgeschenk.

„Blüten gucken auf Malle“, hatte Mama im November auf die Frage nach einem Weihnachtswunsch geäußert. „Mandelblüte. Das kann man im Februar. Dann bist du in Pension und KH hat sowieso Zeit.“

Also lagen unter dem Weihnachtsbaum Tickets für die Flüge und zwei nette Hotelzimmer.

Aber nach Silvester hatte ETA bei Mama angerufen. Ihre Tochter Jenny werde im März eine Seniorenresidenz in Port d’Alcudia eröffnen. Sie könnten jetzt schon kostenlos probewohnen – als Test für eventuell notwendige Verbesserungen.

Warum nicht? Mama war rüstig und kam überall zurecht, wieso sollte sie nicht vorausfliegen?

Ulla hatte Bedenken.

„Du kennst ETA doch gar nicht mehr richtig. Und wie du sie immer beschreibst, hat sie sicherlich irgendeinen Hintergedanken.“

Ja klar, Mama sah das auch so. ETA würde Gegenleistungen erwarten. Aber was sollte das schon sein?

„Vielleicht, dass ich sie nett unterhalte. Oder ihr mal ein Fläschchen besorge. Oder zwischen ihr und Jenny vermittele.“

Also brach Mama auf.

Die regelmäßigen Telefonate zeigten Begeisterung über die Schönheit der Landschaft, das gute Wetter und „die netten Leute“.

Über ETA, Jenny und ETAs Söhne, Elmar und Manuel, die irgendwo auf Mallorca ein Restaurant betrieben, fielen Mamas Berichte deutlich knapper aus. Doch sie war munter und gesund.

Aber dann der Anruf heute.

Als Ulla endlich Manuel an der Strippe hatte, murmelte er nur etwas von „ernster Zustand“, „bewusstlos“ und „Unfall“. Falls irgend möglich, solle Ulla am besten sofort kommen.

Es folgten zwei hektische Stunden.

Am schwersten fiel der Abschied von KH.

„Übermorgen sehen wir uns wieder“, versuchte sie ihn zu trösten.

Seine lieben Augen blickten traurig und sie wusste, dass er sich todunglücklich fühlte.

Von jetzt an würde er unter Dauerangst leiden.

„Pass auf dich auf, Liebes!“

Sie versprach es immer wieder.

Noch vom Gate aus hatte sie ihm unzählige telefonische Anweisungen gegeben, nur damit er nicht ins Grübeln kam und sich die nächsten zwei Tage beschäftigte.

Sie versuchte, sich zu beruhigen und ein bisschen zu schlafen. Die Nacht würde lang werden. Doch ihre Gedanken kreisten.

Was wusste sie eigentlich?

ETA war eine Cousine ihres Vaters. Sie hatte nach dem Krieg einen britischen Ex-Major – Uncle Ed – geheiratet und hieß eigentlich Elvira. Weil sie „Tante Elvira“ als altmodisch empfand, hatte sie ETA erfunden.

„Ganz einfach – ElviraTAnte!“, hatte sie der kleinen Ulla erklärt, die hingerissen war von dieser Idee und dem Glamour, den ETAs Besuche in das verschlafene nordhessische Dorf brachten. Schicke Kleider, platinblonde Dauerwellen, hochhackige Stöckelschuhe und Onkel Eds Sportwagen!

Ulla hatte „Uncle Ed“ sehr gemocht; er war immer gut gelaunt, kümmerte sich um die Kinder und zeigte sich freigiebig. Sein Tod vor ein paar Jahren hatte ihr leidgetan, aber damals hatte sie die Familie schon längst aus den Augen verloren.

Eine schöne Kindheitserinnerung – ja, das war die Familie Gordon. Jenny, Manuel und Elmar waren jünger als sie. Sie hatten sich als Urlaubs-Spielkameraden gut geeignet – mehr nicht.

Oder?

Irgendetwas in ihrem Unterbewusstsein meldete sich.

War da nicht noch ein weiteres Kind? Sie versuchte, sich an die Besuche in Bonn-Bad Godesberg zu erinnern, wo die Gordons wohnten. Anspielungen von Mama fielen ihr ein, die irgendwelche tragischen Umstände andeuteten.

Plötzlich schreckte Ulla hoch; Panik überfiel sie.

Was war, wenn sie wieder ihre Pin vergessen würde und ihr Handy nach der Landung nicht mehr einschalten konnte?

Nach der Erfahrung des letzten Males hatte sie sich die Zahlen sicherheitshalber aufgeschrieben; aber wo war der Zettel?

Hektisch fischte sie unter dem Vordersitz nach ihrem Rucksack, wühlte nach der Handtasche, suchte ihr Portemonnaie. Kein Zettel. Vielleicht in der Brieftasche. Wo war die? Ach ja, vermutlich noch im Mantel oben in der Ablage. Trotz der missbilligenden Blicke ihrer Nachbarn versuchte sie, aufzustehen.

Eine Stewardess schob sie sanft, aber bestimmt zurück. „Bitte bleiben Sie angeschnallt. Wir befinden uns im Landeanflug auf Palma.“

Sie fühlte sich hilflos.

2 - Krankenhaus

Der Mann, der im Flughafen das Schild „Ulla Wokkel“ in die Luft hielt, war ihr völlig fremd.

Als sie auf ihn zuging, versuchte sie angestrengt, irgendeine Ähnlichkeit mit dem Kind Manuel zu entdecken.

Vergeblich.

Allenfalls die kurzen weißen Stehhaare erinnerten entfernt an den weißblonden Mecki-Schnitt des Jungen. Sie hatte einen ganz normalen Fünfziger vor sich, von der Perle im linken Ohr und der extravaganten Hornbrille abgesehen.

„Manuel?“

Er nickte. „Herzlich willkommen, Ulla.“

Er umarmte sie kurz und schien keinerlei Zweifel an ihrer Identität zu hegen. Wahrscheinlich hatte Mama die Familienbilder herumgezeigt.

„Schade, dass wir uns unter diesen traurigen Umständen wiedersehen müssen.“

Sie schaute ihn genauer an.

Seine Gesichtszüge fielen sehr regelmäßig aus, fast hübsch. Auch seine hochgewachsene Figur erinnerte mehr an seine Mutter als an den kleinen, rundlichen Onkel Ed mit seinem großzügigen Bauch.

Er blickte sie unsicher an.

Ihre Frage nach Mamas Zustand schnitt er ab. „Komm, ich fahr dich sofort hin.“

Erst als Manuel einen Schritt zur Seite trat, erblickte sie den rosa Buggy. Ein kleines Mädchen, ebenfalls in Rosa, mit aschblonden Locken, nuckelte am Daumen und schlief.

„Deine Enkelin?“, fragte Ulla, froh einen gemeinsamen Gesprächsstoff zu entdecken.

„Nein, meine Tochter.“ Manuel reagierte kurz angebunden.

Ulla verkniff sich einen Kommentar und hastete hinter Manuel her, der mit langen Schritten vorauseilte.

Die Fahrt verlief einsilbig.

Fragen nach Mama überhörte Manuel und konzentrierte sich stark auf den – eigentlich sehr geringen – Autobahnverkehr.

Im schwachen Schein des Halbmondes versuchte Ulla, die Strecke wiederzuerkennen.

Immerhin war sie schon zweimal auf Mallorca gewesen; einmal mit KH allein und einmal mit ihm, Eni und Domi – als Geschenk zu Enis dreißigstem Geburtstag, die nicht den Bremer Rathausplatz als Unverheiratete fegen wollte – zur Schadenfreude ihrer Freunde und Bekannten.

Es fiel Ulla schwer, Bekanntes zu entdecken. Entweder hatte sich vieles verändert oder in der Dunkelheit wirkte die Gegend anders.

Einmal stoppte Manuel auf dem Seitenstreifen, um drei Fahrzeuge der Guardia Civil passieren zu lassen, die sich mit Blaulicht und Sirenen ihren Weg bahnten.

„Ein Unfall“, mutmaßte Ulla.

„Hmm. Vielleicht. Vielleicht haben sie auch den Vermissten gefunden.“ Eher widerwillig gab Manuel diese Information preis.

„Ein Vermisster? Seit wann?“

„Seit vorgestern. Psst.“

Manuel legte den Finger an den Mund. Mit einer Kopfbewegung nach hinten deutete er an, dass sie die Kleine nicht aufwecken sollte.

„Ich wusste gar nicht, dass du verheiratet bist“, flüsterte Ulla, um das Gespräch nicht schon wieder stocken zu lassen.

„Bin ich auch nicht“, sein Mund formte die Worte fast geräuschlos.

„Bitte sei jetzt still. Ich bin froh, dass die Kleine endlich schläft.“

Seufzend fügte sich Ulla in das Schweigen.

Glücklicherweise hatte sie sofort nach der Landung KH erreicht, der offensichtlich schon am Telefon gelauert hatte.

„Schön, dass du dich meldest, Liebes!“

Es hatte gutgetan, seine Stimme und seine Erleichterung zu hören.

Er hatte bereits ihre Schwester Ingrid, ihre Kinder Eni und Björn und auch seine eigene Schwester Hilde informiert.

„Alle sind entsetzt und drücken ganz fest die Daumen. Sie wünschen uns viel Kraft. Ich soll sie sofort anrufen, wenn ich etwas Neues weiß.“

Ja, wenn!

Ulla sehnte den Moment des Wiedersehens mit Mama herbei und fürchtete sich gleichzeitig schrecklich davor.

Wie lange es wohl noch dauern würde? Wo waren sie überhaupt?

Manuel fuhr schnell auf kurviger Nebenstrecke zwischen Steinzäunen und Obstplantagen, die wenig Orientierung zuließen.

Aber sie hatte den Eindruck, dass er viel zu früh von der MA-13 abgebogen war.

Unmöglich konnten sie jetzt schon in Port d’Alcudia sein.

Vor sich sah sie im schwachen Mondlicht massive Felsen, bizarr gezackt.

Das war doch die Tramuntana, nicht das Meer!

Ein Straßenschild, das sie im Vorbeifliegen entzifferte, bestätigte ihre Vermutung: Sóller 13 km.

„Stopp, Manuel, stopp!“

Ihre harte Ansage weckte die Kleine; sie fing an zu weinen.

„Shh, mein Schatz, es ist alles gut. Schlaf schön weiter.“ Er nahm die rechte Hand vom Steuer und versuchte, das Bein seiner Tochter im Kindersitz hinter sich zu tätscheln. „Nimm’s Däumchen!“

Das Weinen verstummte.

Manuel blickte Ulla vorwurfsvoll an. „Es ist wirklich alles gut. Wir sind gleich da. Deine Mutter liegt im Hospital Joan March. Hinter Palmanyola.“

***

Auf den restlichen Kilometern presste sie so viel wie möglich aus Manuel heraus.

So viel er wusste, waren ETA und Mama heute Morgen zum „Blütengucken“ gefahren. Zwischen Santa Maria del Cami und Bunyola würden die vielen Mandelbäumchen gerade ihre volle Pracht entfalten, hatte es in der mallorquinischen Presse geheißen.

Irgendwo in dieser Gegend musste es wohl geschehen sein. Mama war in einem Gebüsch verschwunden, um einem dringenden Bedürfnis nachzugehen, hatte wohl dabei das Gleichgewicht verloren und war gestürzt. Auf den Kopf.

„Wer hat sie gefunden und ins Krankenhaus gebracht?“ Ulla wollte Genaueres wissen.

Manuel seufzte.

Seine Mutter hatte ihn angerufen. Er hatte die beiden eine halbe Stunde später auf einer Nebenstrecke entdeckt und Mama wurde ins Krankenhaus gefahren.

„Und deine Mutter, was ist mit der?“

Er sah sie seltsam an, schüttelte den Kopf und blickte starr auf die Straße.

Ulla beschlich ein ungutes Gefühl.

„Was ist los, Manuel? – Bitte, sag mir alles“, bat Ulla aufgeregt.

Da fing das Kind wieder an zu weinen.

Dieses Mal wurde es nicht von seinem Vater getröstet. Der fuhr robotermäßig die letzten Kurven des Berges hinauf und hielt dann vor einem großen weißen Gebäude.

„Wir sind da.“

***

Ihre Mutter sah entsetzlich aus: weißbandagierter Kopf, Schläuche aus der Nase, je ein Schlauch im linken Handrücken und in der rechten Armbeuge. Abschürfungen in der rechten Gesichtshälfte und auf der rechten Hand. Sie war leichenblass und atmete kaum. Ihre Augen waren geschlossen.

„Mama!“ Ulla beugte sich vorsichtig über sie und küsste sie zart auf eine freie Stelle im Gesicht.

„Mama, hörst du mich?“

Keine Reaktion. Ulla strich sanft über ihre rechte Hand.

„Ich soll dich herzlich grüßen. Von KH. Und Ingrid und Eni und Björn. Und natürlich von Domi.“

Bildete sie es sich ein oder bewegte ihre Mutter wirklich ihre Augenlider?

„Mama“, sagte sie beschwörend, „alle wünschen dir gute Besserung. Du sollst ganz schnell gesund werden. Hörst du? Gesund!“

„Das ist genug!“

Eine Ärztin mit müden Augen stoppte Ulla.

„Mehr ist nicht gut für Ihre Mutter. Bitte verstehen Sie das!“ Ihre Aussage erfolgte in fast akzentfreiem Deutsch.

„Kann ich an ihrem Bett sitzenbleiben?“

Das Nein kam prompt und entschieden.

„Sie muss zurück auf die Intensivstation. Dorthin können Sie sie nicht begleiten. Machen Sie sich keine Sorgen. Ihre Mutter ist zäh. Sie wird es überleben.“

Ulla meinte, eine Bewegung im Gesicht ihrer Mutter wahrzunehmen.

Sie küsste sie erneut.

„Mach’s gut, Mama. Ich bin morgen früh wieder da.“

***

Auf der Weiterfahrt zum Hotel vermied Manuel jegliches Gespräch.

Eine Zeit lang fuhr er auf Nebenstraßen.

Als sie das Geheul einer Motorrad-Staffel hörten, bog er in einen Hof und stellte das Licht ab.

Ullas Verwunderung veranlasste ihn zu einer Erklärung: „Wegen der Kleinen. Sie hat Angst vor Krach.“

Mehr war ihm während der gesamten Fahrt nicht zu entlocken. Er lieferte sie im Hotel ab. „Ich fahr dich morgen ins Krankenhaus. Um 9.00 Uhr hier am Eingang! Ciao.“

Als er den blauen Golf auf dem Hotelparkplatz wendete, bemerkte Ulla im Schein der vielen Lampen tiefe Schrammen über die gesamte linke Autoseite vom Vorderrad bis zum Hinterrad. Eine dicke Beule verunstaltete die Fahrertür, der linke Scheinwerfer schien nur noch lose in seiner Fassung zu hängen. Und der linke hintere Kotflügel war tief eingedellt.

Sie starrte ihm nach, wurde aber vom Nachtportier aus ihren Gedanken gerissen.

„Bitte, Señora, Ihre Unterlagen und Ihr Schlüssel. Falls Sie noch eine Kleinigkeit essen wollen, die Bar ist bis 2.00 Uhr geöffnet. Viel Spaß in unserem Hotel.“

***

Trotz allem erfreute sich Ulla am Blick vom Balkon auf den dunkel leuchtenden Pool, an den mondbeschienenen Palmen und natürlich am blass glänzenden Meer.

Vor allem genoss sie aber das Telefongespräch mit KH.

Ihre Erleichterung übertrug sich auf ihn, er wurde deutlich ruhiger.

„Übermorgen haben wir uns ja wieder, Kallilein! Und weißt du, was das Beste ist?“

„Nein, was?“

„Als die Ärztin sagte Ihre Mutter ist zäh, hat Mama gelächelt!“

Sie spürte durch die Leitung, dass auch KH erleichtert schmunzelte.

„Typisch Mama“, sagte er, „sie ist nicht tot zu kriegen.“

3 - Neuigkeiten

Beim Frühstück schmeckte ihr der frischgepresste Orangensaft am besten. Ulla füllte sich ein zweites Glas ein, trug es zu ihrem Platz zurück und beobachtete dabei unauffällig ihre Umgebung.

Mehrheitlich ältere Paare zu zweit oder zu viert; einige Singles vereinzelt an Zweiertischen; viele Sportler, vermutlich Fahrradfahrer – männlich und weiblich, gemeinsam an großen separaten Teamtischen, außerhalb des Speiseraums in der Bar. Dort lieferte ein Fernsehgerät ununterbrochen Bilder von der Winterolympiade in Sotchi.

Ulla las die Schilder der Gruppen.

„Racing Team Wales – Sky Team – Racing Team GB. Hmm, seit wann gehört Wales nicht mehr zu Großbritannien?”

Sie würde KH fragen müssen, ob sie etwas verpasst hatte.

Intensiv widmete sie sich ihrer frischen Ananas, der rosa Grapefruit, den Käsewürfeln und dem frischen Brot.

Nur nicht aufschauen, sonst würde wieder eine einsame, auf mondän getrimmte Alte versuchen, sie in ein Gespräch verwickeln wie gestern Abend an der Bar.

„Sie erinnern mich an eine Urlaubs-Bekanntschaft. Sind Sie schon länger hier? Ich komme aus Sachsen-Anhalt und Sie?“

***

Letzte Nacht hatte Ulla schlecht geschlafen.

Sie traute ihrer eigenen Interpretation nicht, Mama habe gelächelt.

„Du redest dir das schön, es geht ihr schlecht. Es ist ernst, todernst. Mach dich auf den Abschied gefasst. Sie ist 85!“

Doch dann setzte sich eine andere innere Stimme energisch durch: „Was willst du eigentlich? Du kennst doch deine Mutter! Was hätte sie im umgekehrten Fall gemacht? Wenn sie das Lächeln nicht gesehen hätte – sie hätte es erfunden!“

Ja, das stimmte, das passte zu Mamas unerschöpflichen Optimismus.

Mit dem festen Vorsatz, ab sofort diese Haltung ihrer Mutter zu übernehmen, schlief Ulla tief bis zum frühen Morgen.

***

Gerade deshalb wollte sie sich jetzt ihr Frühstück nicht durch irgendeine missmutige Alte verderben lassen.

Aber ein Blick in den Garten war unverfänglich. Sie erfreute sich am blauen Himmel, den Sonnenstrahlen auf Pool und Meer, den sich sanft wiegenden Palmen und den blühenden Alpenveilchen.

Eine plötzliche Bewegung ließ sie aufschrecken. Die beiden Gärtner stoppten abrupt ihre Arbeit und starrten direkt durch die Fenster in den Frühstücksraum.

Ulla folgte ihren Blicken.

Guardia Civil und Policia Local!

Zwei von ihnen gingen zielstrebig auf eine Sportlergruppe zu; vier andere verteilten sich im Raum.

Sie spürte einen Ellbogen in ihrem Rücken.

„Der vermisste Fahrradfahrer!“, zischte es hinter ihr.

Langsam drehte sie sich um. Sie hasste es, vertraulich angestoßen zu werden.

„Was, bitte?“, fragte sie langsam von oben herab in bester KH-Manier.

Sie blickte in das entzückte Gesicht der gestrigen Bar-Bekanntschaft, die plötzlich eine deutlich verjüngte Körperhaltung und eine freudige Miene zeigte.

„Seit Samstag! Der Fahrradfahrer!“

Die pechschwarz gefärbte Frau stand unvermittelt auf, zog sich das Tiger-T-Shirt glatt über die Rundungen an Hüfte und Bauch, schnappte mit ihren rot lackierten Fingern einen Teller und stieß unter dem Vorwand, sich neuen Essens-Nachschub zu besorgen, direkt mit dem jungen Vertreter der Policia Local zusammen.

„Perdon! – Entschuldigung, bitte“, sagte sie mit dem Versuch eines koketten Lächelns, „vielleicht kann ich weiterhelfen?“

***

Als Ulla den Frühstücksraum verließ, wartete Onkel Ed am Bar­tresen auf sie.

Er schüttelte gerade ein Tütchen Zucker in seinen Espresso, als er Ullas fassungslosen Blick bemerkte.

Er rutschte vom Barhocker – für seine Körperfülle sehr agil, fand Ulla – und kam auf sie zu.

„Ulla? Ich bin …“

„Elmar!“, unterbrach sie ihn. „Entschuldigung, Elmar, ich … ich war etwas verwirrt. Ich dachte, Onkel Ed …“

Er grinste verschmitzt. „Ja, ich weiß, dass ich meinem Vater sehr ähnlich sehe.“

Nun konnte sie zurücklächeln.

„Nicht direkt, die grünen Augen hast du von deiner Mutter.“

Irgendwie war er ihr sofort sympathisch – ganz im Gegensatz zu seinem Bruder. Vielleicht lag es daran, dass er einen Kopf kleiner war als sie und seine notdürftig kaschierte Glatze am Hinterkopf ihr Mitleid erweckte. Vielleicht hatte er aber einfach nur Onkel Eds Charme geerbt. Den setzte er jedenfalls sofort ein.

„Komm, setz dich zu mir. Lass mich eben meinen Espresso austrinken, dann fahren wir los. Möchtest du auch eine Kleinigkeit, vielleicht ein Glas Sekt?“

Natürlich mochte sie Sekt, aber nicht vor dem Besuch ihrer todkranken Mutter.

Als Elmar ihre Vorbehalte spürte, kippte er schnell seinen Espresso, legte einen Fünf-Euro-Schein auf den Tresen und führte sie zu einem roten BMW-Cabrio.

Ulla schmunzelte: „Vor mehr als fünfzig Jahren hat dein Vater mit einem weißen Opel-Kadett-Cabrio unser ganzes Dorf in Aufruhr versetzt! Die Dorfjungs haben eines Nachts dieses schöne Auto auf einem Holzstapel aufgebockt! – Weißt du das noch?“

Nein, er wusste es nicht mehr, er war damals einfach zu klein.

Sie stieg ein und nahm sich fest vor, sich nicht von Elmars Charme vereinnahmen zu lassen. Denn Mamas Warnung aus ihrer Teenager-Zeit fiel ihr ein: „Bei netten Männern musst du vorsichtig sein, Ulla!“ Und es gab immerhin viele ungeklärte Fragen.

Sie beschloss, mit leichter Konversation zu beginnen und lobte das schicke Cabrio. Dann erkundigte sie sich vorsichtig nach Manuel und seiner süßen Tochter.

„Ja“, sagte Elmar, „Veronica ist die Freude der gesamten Familie.“

Geht doch, dachte Ulla, wenigstens ein Fakt ist klar: Veronica.

Was als nächstes?

Sie wollte Manuels zerbeultem Auto auf den Grund gehen.

„Ist Manuel krank? Er wollte mich eigentlich abholen.“

„Nein, nein“, Elmar schaltete den BMW einen Gang höher, „sein Auto muss in die Werkstatt.“

„Inspektion?“, fragte Ulla unschuldig, „oder Reparatur? Ich glaub, ich hab’ ein paar Kratzer gesehen.“

„Natürlich Reparatur!“ Elmar schmunzelte. „Wenn Elfi ein Auto fährt …“ Seine Stimme versandete.

Ulla war erstaunt. „Wer ist Elfi?“

Elmar warf ihr einen empörten Blick zu, als ob sie gefragt hätte, was der Mond sei.

„Elfi ist unsere Mutter. Abkürzung von Elvira.“

Ja, das klang logisch.

„Aber warum? Warum nicht einfach Mama oder Mutti? Und seit wann?“, Ulla konnte sich immer noch nicht den Sinn der Kurzform erklären.

Elmar überlegte kurz.

„Warum? Wahrscheinlich, weil sie eitel ist. Und seit wann? Sicher spätestens, als sie sich für fünfzig ausgab und es nicht passte, wenn vierzigjährige Söhne sie mit Mama anredeten.“

Auch Elmars amüsiertes Lachen erinnerte sie an Onkel Ed, der die Eigentümlichkeiten seiner Frau immer mit Humor getragen hatte.

Das ermutigte sie, weiter zu fragen und Elmar gab bereitwillig Auskunft.

Nein, ETA lebte vorrangig in Bad Godesberg – dem damaligen Familienheim mit Ehemann Ed – nicht auf Mallorca. Auch Elmar selbst hatte seinen Lebensmittelpunkt in Deutschland.

„Ich hab’ in Düsseldorf einen Anteil an einem Restaurant; und meine Frau und meine zwei Töchter freuen sich immer, wenn ich nach Hause komme.“

Ja richtig, Jenny hatte ihre Ferien-Sprachschule in Cala Millor beibehalten. Sie wollte diese nur im nicht-profitablen Mallorca-Winter durch ein Senioren-Wohnheim ergänzen.

Aber als Ulla sich an das heikle Thema herantastete und fragte, wie es ETA derzeit ginge, wich er mit einem achselzuckenden „Keine Ahnung“ aus.

Doch nun begann er seine Fragerunde.

„Wie geht es Karl-Heinz? Wann wird er hier sein?“

Sie war irritiert. „Wem? Wie geht es wem? Meinst du KH?“

Als Elmar nickte, lächelte sie.

„Wenn du es dir nicht mit KH verderben willst, nenn ihn nie Karl-Heinz. Er heißt Karl-Heinrich. Aber der Name ist viel zu altmodisch. Also nur KH – Ka-Ha. Wie im Alphabet. Punkt.“

Elmar grinste. „Na, dann wird er sich ja gut mit Elfi verstehen!“

***

Die Kabel aus Mamas Nase waren entfernt. Sie sah ein bisschen weniger blass aus und atmete ruhiger. Auf Ullas Kuss reagierte sie mit einem deutlichen Augenflattern.

Ulla hatte den Eindruck, dass Mamas Mund sich bewegte.

„Mein Kind …“

„Ja, Mama, ich bin hier und alle anderen sind in Gedanken fest bei dir!“

Ulla versuchte, sicher und zuversichtlich zu klingen.

Der junge, zugewandte Doktor sprach genau wie die Ärztin gestern Abend gut Deutsch.

Elmar fand dies überhaupt nicht überraschend, schließlich studierten viele spanische Mediziner in Deutschland oder absolvierten dort ein Praktikum.

Daher brauchte er nicht zu übersetzen und er konnte sich eine kleine Erfrischung gönnen.

Ulla sprach also allein mit dem Arzt.

Er war überzeugt, dass Mama gute Chancen zur Genesung hatte.

„Wie tief ist sie denn gefallen?“ Ulla wollte Genaueres zu dem Unfall wissen.

„Wieso gefallen?“, fragte er erstaunt zurück, als ob er sie nicht richtig verstanden hätte.

Ulla erläuterte geduldig in langsamem Deutsch: „Sie ist doch beim … beim Pipimachen abgerutscht und verunglückt.“

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Nein, wir gehen von einem Autounfall aus.“

Ulla starrte ihn entgeistert an. „Autounfall, wieso denn Autounfall?“

„Ich denke, sie ist ausgerutscht und einen Abhang hinunter gestürzt …!?“

Der junge Doktor seufzte und schien zu überlegen.

Dann hob er vorsichtig die Bettdecke und zeigte Ulla einen dicken Bluterguss an der Innenseite von Mamas linker Wade.

„Diese Verletzung kann von einer Stoßstange herrühren. Ein heftiger Schlag gegen die Wade; sie hat ihr Gleichgewicht verloren und ist durch die Luft geschleudert worden. Wahrscheinlich ist sie mit ihrem Kopf auf einem Felsbrocken oder einem anderen harten Gegenstand aufgeschlagen.“

Als er Ullas ungläubigen Blick sah, verteidigte er sich: „Bei einem tiefen Fall hätte sie viel mehr Abschürfungen am ganzen Körper haben müssen und wahrscheinlich auch innere Verletzungen.“

Ulla war fassungslos.

Ihre Sprachlosigkeit tat dem jungen Arzt leid. „Das ist jedenfalls unsere Theorie: Autounfall. Vielleicht sollten Sie die Polizei einschalten?“, schlug er fragend vor, als er sich erhob.

***

Als sie Schritte auf dem Krankenhausflur hörte, brach sie abrupt die Kurzwahl ab und ließ ihr Handy schnell und unauffällig in ihrer Jackentasche verschwinden. Sie musste KH später informieren.

Jetzt hieß es erst einmal, klaren Kopf zu bewahren.

Sie küsste Mama zum Abschied, deren Gesicht einen zufriedenen Ausdruck zeigte.

Elmar öffnete die Tür und kam auf Zehenspitzen näher. „Tante Lilo, was machst du denn für Geschichten? Wir alle wünschen dir gute Besserung.“

Bildete Ulla es sich ein oder zeigte sich wirklich die steile Unmutsfalte über Mamas Nase, wie immer, wenn Mama sich ärgerte?

Am Empfang fragte sie nach persönlichen Gegenständen ihrer Mutter. Der freundliche Portier schaute in seinen Büchern nach.

Ihre Mutter war als Notfall eingeliefert worden.

Bewusstlos.

Nur was sie am Körper trug, war registriert worden.

Falls Ulla es wünschte, konnte sie die Kleidung sofort mitnehmen. Die beiden übereinander getragenen Eheringe waren an Mamas rechtem Ringfinger verblieben, weil sie bei der medizinischen Behandlung nicht störten.

Nein, es gab keine weiteren Gegenstände. Keine Handtasche. Keinen Rucksack. Kein Handy. Keinen Hotelschlüssel.

Nada de nada. Überhaupt nichts.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
200 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783991075875
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki