Czytaj książkę: «Thorburg»
Titelseite

Wer es am Ort zu Ehre und Geld gebracht hat oder auch zu keinem von beidem, schreibt, wenn er in die Jahre kommt, seine Lebensbetrachtung. Goethe hat über diese Entwicklung geseufzt.
Nach Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre
… du musst bereit sein, dich zu entblößen und dich lächerlich zu machen. Es muss dir egal sein, ob du dir Feinde machst, ob deine Freunde dir die Freundschaft kündigen, ob dein Zeug überhaupt gedruckt wird. Du brauchst Mut. Feiglinge können keine guten Texte schreiben.
Harald Martenstein: Geh ins Risiko
Für Hubert K.
Vorwort
Thorburg ist die Fortsetzung von Feenthal, der zweite Band, wenn Sie so wollen. Während in Feenthal viele Erzählungen meiner Mutter eingeflossen sind, erzähle ich in Thorburg fast nur noch eigene Erinnerungen. Und diese beziehen sich zunehmend – dem fortgeschrittenen Alter (9–18 Jahre) entsprechend – auf mein damaliges Innenleben; deshalb bitte ich meine Leser um Erlaubnis oder um Verzeihung, dass ich hier etwas drucken lasse, das sie alle nichts angeht … (Jean Paul).
Was im Vorwort zu Feenthal steht, kann hier im Wesentlichen wiederholt werden: dass Schreiben und Lesen in meiner Familie Tradition haben und mittelmäßige Texte ihre Berechtigung, weil sie die genialen zum Leuchten bringen, und dass persönliche Geschichten sein dürfen. Denn: Jeder Mensch ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder (Hermann Hesse).
Unbedingt zu erwähnen ist noch einmal, was im Nachwort zu Feenthal schon thematisiert wurde, nämlich, dass man seinen Erinnerungen nicht trauen sollte, denn: Erinnerungen haben die beunruhigende Fähigkeit, nachträglich ihre Gestalt zu verändern (Douwe Draaisma). Es ist also möglich, dass Sie hier Geschichten genauer als die Wirklichkeit lesen werden (Meir Shalev), doch wohlgemerkt: Ich erfinde nichts als die Wahrheit (Navid Kermani). Ich gestalte aus meinen Erinnerungsstücken jenes Ganze, das genau so hätte sein – genau so hätte stattfinden können.
Dabei leiste ich mir, das möchte ich betonen, keine Unverfrorenheiten wie die folgende: Als ich ein Kind war, trat ich zuweilen an die Tischkante, drehte den Kopf, bis er seitlich auf der Tischplatte lag. Es sah merkwürdig aus, aber es war nicht verboten. Peinlich war nur, dass ich diese Erinnerung erfand und sie später als Wahrheit erzählte (Wilhelm Genazino).
Und selbstverständlich bin ich davon überzeugt, dass ich an keiner Stelle dem Mandela-Effekt erlegen bin, das heißt, mich an Ereignisse erinnert habe, die niemals stattgefunden oder an Sachverhalte, die es nie gegeben (Tobias Sedlmaier).
Unbedingt im Auge behalten sollten Sie den selektiven und den subjektiven Status meiner Erinnerungen, wenn es um die Darstellung anderer geht – ich beschreibe keinesfalls reale Personen von damals, sondern ich beschreibe die von mir von diesen Personen geformten Erinnerungsbilder.
Vielleicht sollte ich sie auch noch darauf aufmerksam machen, dass ich im Erzählfluss durch die Kapitel keiner exakten Chronologie folge; deutlich wird das zum Beispiel in den Kapiteln elf und zwölf.
Im Nachwort zu Feenthal habe ich bereits meine in den Text eingeflochtenen Zitate angesprochen. Es ist nämlich so, dass es mir beim Lesen, und ich lese sehr viel, stets passiert, dass ich quasi Kommentaren zu meinem Erzählen begegne. Sie drängen sich auf und schlüpfen mir in den Text hinein, da frisiere ich sie dann hin und wieder ein wenig zurecht. Jetzt stehen sie dort – als Werbetafeln fürs Lesen, als Einladungen an Sie, sie in ihrer ursprünglichen Umgebung aufzusuchen. Dabei soll Ihnen meine Literaturliste hinten im Buch helfen.
Vorausschicken möchte ich dem Text noch, dass ich das Maskulin für beide Geschlechter (und alles dazwischen) verwende. Ich mag mir mein Erzählen nicht mit umständlichen gendergemäßen Formulierungen verunstalten – ich glaube, die Frauen sind darin auch so dominant genug vertreten.
Sie werde ich mit lieber Leser oder liebe Leser ansprechen. Ob einzeln oder als Gruppe ist logisch gesehen eine schwierige Entscheidung, dazu könnte ich gleich einen Exkurs schreiben, aber ich möchte Sie nicht schon zu Beginn abschrecken. Ich werde Sie also einmal so und einmal so ansprechen, wie es mir im entsprechenden Kontext gefällt.
Zum Schluss noch ein Statement in eigener Sache und frei nach Alois Brandstetter: Ich bleibe bei meinen provinziellen Geschichten, obwohl ich mir damit keine Geltung auf dem Büchermarkt verschaffen kann. Mir liegt nämlich nichts am Nobelpreis. Dies als Klarstellung.
Judenburg, März 2016
Erstes Kapitel
Was bisher geschah und wie ich mich eingewöhne
Der Name der Thorburg, auf dem Apfelbaum, da Vata kommt das Gassl hoch, der Jüngling am Glashaus, Mopedschisten, Dschrawodln auf dem Ortgang, ein UFO stürzt ab, Lorli lächelt, das Multifunktionszimmer, und so weiter – zum Beispiel: Nahsehschauen
Meine Behausung war mir zu klein geworden, ich wollte hinaus. Ich stand, lag vor dem Ausgang einer engen Pforte, ich wusste, da würd’ ich durchmüssen – Mühe und Not! Und noch dazu Blockade von der anderen Seite: Frau Isa wollte ihren Roman zu Ende lesen. Keine Willkommenskultur! Aber jeder Roman ist einmal zu Ende und Frau Isa machte sich bereit mir herauszuhelfen. Ich zwängte mich durch die Pforte, sie packte mich an den Schultern und ich rutschte hinein in eine weiße Welt: weiße Laken, weiße Windeln, weißes Steckkissen, weißer Mutterbusen und das alles in einem weißen Haus und drumherum das Feenthal, eingemummelt in eine weiße Schneedecke. Da war ich jetzt.
Es wurde grün im Feenthal und meine Mutter trug mich vom Weißen Haus in das kleine Holzhaus. Da wohnten wir fürderhin, Vater Mutter Kind. Gute acht Jahre wohnten wir da und in dieser Zeit war allerhand los.
Meine Oma Rosa gab in ihrem kleinen Häuschen unweit des unseren Sonntagsgesellschaften für Bekannte und Verwandte, im Lusthaus und im Küchensalon. Da schrummschrummte mein Vater mit seiner Ziehharmonika, und sie sangen und aßen fette Torten und tranken Kaffee, und mein Urgroßvater sorgte dafür, dass darin Fliegen schwammen oder garstige Spinnen. Und unter den Wiener Verwandten war einer, der in der Dunkelheit der Feenthal-Nacht so eine Angst hatte, dass er nur mit einem Messer nach draußen ging.
Im Weißen Haus führte meine Großmutter Ama ein Gasthaus, in dem sich regelmäßig die Herren Pi und Gru trafen. Die politisierten und stritten über Russland und Amerika, und mir erzählten sie vom Weltuntergang, damit ich mich fürchte. Vor der Narrischen Frieda fürchtete ich mich auch, weil sie so laut schrie. Das Waldmandl dagegen schlich lautlos und unsichtbar herum. Ich wusste trotzdem, wo es schlich und wie es aussah, weil mir das der Herr Egger erzählt hatte.
Mit dem Edi spielte ich unter dem Küchentisch Vater und Mutter. Ich versorgte unsere Kinder und schickte ihn zum Einkaufen. Er war ein prima Vater, er tat alles, was ich ihm anschaffte, mit wenigen Ausnahmen. Mit der Roswitha und der Dagmar habe ich die Frauen erschreckt: Nach Entledigung unserer Spielhosen sind wir nackig an ihnen vorbeigeflitzt, manchmal ist die Trudi mitgeflitzt, quasi Trittbrettfahrerin. Die Frauen haben geschimpft und wir haben gelacht, die Roswitha laut und heiser.
Nach und nach sind meine Spielgefährten fortgezogen, und die Großeltern vom Weißen Haus sind ins Städtchen übersiedelt. Dann wurde meine Oma Rosa umgefahren, am Heimweg vom Einkaufen, und danach wurde sie ein bisschen kränklich und traurig, ihre Sonntagsgesellschaften schrumpften. Die Wiener Verwandten kamen auch nicht mehr, fuhren stattdessen lieber nach Italien. Jetzt war’s mir im Feenthal zu einsam, ich wollte auch weg. Dieser Wunsch wurde mir erfüllt, denn er deckte sich mit dem Wunsch meiner Eltern. In den großen Sommerferien zwischen meinem zweiten und meinem dritten Schuljahr – ich war acht Jahre alt – zogen wir Anfang August in das Haus der Großeltern im Städtchen. Meschane makom meschane masal, sagt ein hebräisches Sprichwort – wer seinen Ort ändert, ändert sein Geschick. Auch für mich wurde mit dem Umzug alles anders, und in das Andere musste ich mich jetzt eingewöhnen.
Das sei ja eine Burg, sagte meine Mutter. Eine Burg sei das Haus, in das wir gezogen seien, so dicke kalte Steinmauern und ein wenig ruinös, und schief und krumm in die Erde eingewachsen. Kein Wunder, dass es die Großeltern von der Witwe Gauby so billig hatten kaufen können. Ach, und kein Vergleich mit unserem kleinen Holzhaus drinnen im Feenthal. So anheimelnd sei es dort gewesen, so gemütlich, aber halt leider so weit weg, auf die Dauer mein Schulweg viel zu lang und die Mühsal mit dem Einkaufen viel zu groß; mein Vater mit dem Motorroller habe es freilich leichter gehabt, im Winter aber nicht. Wir könnten wirklich froh sein, endlich im Städtchen zu wohnen.
Wie, überlegen meine Mutter und ich eines Nachmittags, könnte unser Haus, wenn es denn eine Burg wäre, heißen; Burg allein ist uns ein wenig zu wenig. Thorburg, mit h, schlage ich vor, denn gleich oben am Ende der Alten Straße, an der unser altes Haus zwischen anderen alten Häusern steht, ist früher ein Stadttor gewesen, und Tor hat man früher mit h geschrieben. Ja, das passte, ab jetzt und für immer sollte es unsere Thorburg sein.
Die Thorburg lehnt sich wie das Weiße Haus im Feenthal an einen Hang, des-halb hat sie von der Alten Straße aus gesehen ein Stockwerk, vom Garten aus gesehen aber zwei. Die in Ost-West-Richtung verlaufende Alte Straße war bis zum Bau der Neuen Straße die Hauptverkehrsader durchs Städtchen. Schon Napoleon und seine Soldaten müssen sie im April 1797 beim Verlassen des Städtchens hinuntergezogen sein; die Bewohner der Häuser werden neugierig und ängstlich aus den Fenstern gegafft haben. Die Thorburg war zu der Zeit ein bescheidenes Handwerkerhaus; die Chronik erzählt von einem Lödler, das ist einer, der das Leder aus den in der Nachbarschaft liegenden Gerbereien verarbeitet hat, von einem Sattler, von einem Zinngießer, von einem Schuster, von einem Schneider. Die Chronik erzählt auch, dass die Thorburg schon während des Dreißigjährigen Krieges gestanden ist, allerdings brannte sie danach ein paarmal, zum letzten Mal 1710, wobei man annehmen darf, dass die Grundmauern jeden Brand einigermaßen heil überstanden haben. Aus dem Brandschutt wird man jeweils herausgeholt haben, was man zum Wiederaufbau verwenden konnte, die Reste hat man zur Mitte hin auf einen Haufen gekehrt. Und da liegen sie noch, im tiefen Zentrum des Hauses, von vier dicken Mauern umschlossen.
Hinter der Thorburg ist der Garten wie ein großes grünes Handtuch auf den sonnigen Südhang gebreitet. Unten wird der Garten durch eine Straße und einen Bach begrenzt, beide verbinden uns mit dem Feenthal. Über den Bach führt ein Brücklein zu einem Haus mit den üblichen Holzhütten (obersteirisches Hüttenwesen), dahinter geht es einen wilden Wald bergan. Der Berg ist ein Kalvarienberg, der Wald ist ein Finsterwald (Peter Handke). Die Fichten haben ihre Äste eng miteinander verhakt – dichtes Fichtendickicht – und lassen das Licht nicht nach unten durch. Solche Finsterwälder schmücken oder verunzieren – ob dies oder das, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks – weite Teile der schönen Obersteiermark.
Auf der einen Seite des Gartens, auf der linken, wenn man vom Haus nach unten schaut, trennt uns ein schmaler Pfad vom Nachbargarten, ein steirisches Steigerl, wir nennen es das Gassl. Es verbindet die Alte Straße und die Bachgasse und wird vorrangig von den Leuten begangen, die unten in der Bachgasse wohnen.
Opa K. kam das Gassl hoch, wenn er, als er schon in Rente war, bei uns vorbeischaute, um uns etwas Gutes aus dem Feenthal zu bringen: Kirschen, Eierschwammerl (Pfifferlinge), einen Herrenpilz – nicht wurmstichig, Bauernspeck Bauernbrot Bauernbutter, und im Advent ein paar Zweiglein von der alten Tanne im Tal. Meist war er angekündigt und meine Mutter erwartete ihn. Immer wieder schaute sie zum Fenster hinaus, und wenn sie ihn das Gassl hochkommen sah, rief sie voller Freude: Da Vata kummt! Mit leuchtenden Augen lief sie ihm entgegen, umhalste ihn und küsste ihn auf die stachelige Wange – Dreitagebart, mindestens. Sie lotste ihn in unsere Küche und half ihm, den Rucksack abzulegen und auszupacken. Sie bestaunte die Gaben und bedankte sich – danke danke danke. Er, da Vata, setzte sich an den Tisch, zündete sich seine Pfeife an und schenkte ihr und mir, so ich da war, ein väterliches Schmunzeln. Sie bewirtete ihn: Kaffee oder Tee? (mit oder ohne Rum war keine Frage, weil immer mit), oder lieber ein Glas Weißwein? Essen wollte er nie etwas. Sie setzte sich zu ihm und zupfte ihm so beiläufig irgendwo ein Haar weg, schob ihm eins aus der Stirn, schmierte ihm das komische Muttermal auf der Wange mit der selbstgemachten Ringelblumensalbe ein – die Ringelblumen aus dem eigenen Garten und das Fett von glücklichen Schweinen. Er hielt brav still, ließ sich ihre Handgreiflichkeiten gutmütig gefallen, nannte sie mein Töchterlein. Lange konnte er nie bleiben, er musste noch ins Städtchen wegen diverser ihm von Oma Rosa aufgetragener Besorgungen. Sein Töchterlein begleitete ihn bis unten zur Haustür und hatte den Rest des Tages gute Laune; ich glaube, sie hatte ihren Vater von allen Menschen am allerliebsten.
Auf der anderen Seite des Gartens, auf der rechten, schließt direkt der Nachbargarten an, ein etwas vernachlässigter Nutzgarten und nach unten hin ein grandioser Dschungel, in dem Katzen und anderes Getier herumschleichen. Die Buben des zu diesem Garten gehörenden Hauses spielen, naja: brüllen und ballern oben im Hof. Manchmal geht ein schöner Jüngling, später werde ich ihn noch näher kennenlernen, die Steintreppen zum Garten hinunter. Da steht zwischen den Beeten ein niedriges, im Sommer nach oben hin offenes Glashaus, in dem er Kakteen zieht. Er hockt sich vor seine Kakteen und schaut. Stundenlang, kommt mir vor, hockt er da und schaut und schaut, und tut nichts. Tut doch was: raucht eine Zigarette nach der anderen und zupft hin und wieder an einem Kaktus. Das kann ich alles sehen, denn ich habe mir in unserem Garten durch die Wiese einen Pfad zum Apfelbaum getreten, wo eine Bank und ein Tisch stehen, und jeden Tag steige ich auf die Bank und von der Bank auf den Tisch, und vom Tisch klettere ich auf einen niedrig angesetzten Ast, und von dem Ast klettere ich weiter zu einer Astgabel, in der ich, selbst ein wenig versteckt, bequem sitzen und meine Umgebung beobachten kann. Ein wenig sitzt es sich hier wie in der Felsennische hinter dem Weißen Haus im Feenthal. Ein vertrautes Gefühl also und doch etwas Neues, denn hier sitze ich auf einem Baum und das erfüllt mich mit Stolz, war doch das Auf-die-Bäume-Klettern im Feenthal aus Gründen der Stärke und der Geschicklichkeit meinen Cousins vorbehalten gewesen; mancher wird sich erinnern: Wene saß einmal fast einen ganzen Tag auf der hohen Fichte bei Oma Rosas Häuschen. Jetzt sitze ich auf einem Baum, den ganzen August lang bis zum Ende der Sommerferien. Von den grünen Äpfeln soll ich ja nicht probieren, der Zeigefinger wurde erhoben: Bauchweh – Darmverschlingung. Und aufpassen soll ich, dass ich nicht herunterfalle. Ich habe aufgepasst, trotz-dem bin ich heruntergefallen, weil ich höher hinaus wollte, noch ein Stück nach oben. Ich fiel ins Gras, aber leider auf den Rücken und bekam für ewige Augenblicke keine Luft. Glücklicherweise kam ich mit dem Schrecken davon und glücklicherweise hatte niemand meinen Sturz gesehen. Meine Mutter hätte nämlich auf keinen Fall von diesem Fall erfahren dürfen, sie hätte mich mit einem Baumverbot belegt und dessen Einhaltung kontrolliert. Fortan
blieb ich in meiner Astgabel sitzen, keine Experimente mehr.
Täglich also sitze ich ein paar Stunden auf dem Baum in Gesumm und Geflatter und gewöhne mich an die neue Umgebung. Oben bei den Häusern ist ein Geräuschteppich gewoben aus Rufen Reden Lachen Geschirrklappern, dem Auf und Zu von Fenstern und Türen und ein wenig Radiomusik, noch keine WUMWUM-Stereoanlagen. Unten durch die Bachgasse fährt hie und da ein Auto oder ein Fuhrwerk oder ein Traktor oder einer auf seinem Moped mit doppelt tönendem Arsch: unten das knatternde Auspuffrohr und oben Gedudel oder die sich überschlagende Stimme eines Sportkommentators aus einem auf den Gepäckträger geklemmten Kofferradio. Wenn ein Schichtarbeiter nachts oder sehr früh am Morgen mit seinem Moped durch die Bachgasse röhrte auf dem Weg vom oder ins Gussstahlwerk, wurden, auch ohne zusätz-lich tönendes Kofferradio, bestimmt fünfzig Leute wach. Mein Vater nann-te diese Krachmacher Mopedschisten, in Anlehnung an Idealisten Sozialisten Kommunisten (Konsumisten kannte er noch nicht). Heute Nacht, fluchte er, habe ihn wieder a sou a deppata Mopedschist, oder auch: a sou a Depp von an Mopedschisten, aufgeweckt.
Immer im Blick hatte ich, selbst wenn ich in einem Buch las, den Ortgang an unserem Haus. Der Ortgang hat einen Boden aus Holzbrettern, ein Geländer aus Eisen und ein Dach aus Blech und ist nicht bloß der Weg zum Abort, sondern auch ein Ort für sich, den wir großspurig Balkon nennen. Die weiblichen Hausbewohner stehen dort oder sitzen auf der schmalen Bank – auf dem quer stehenden Schemel sitzt fast den ganzen Tag der alte Herr O. –, schauen in den Garten hinunter und unterhalten sich. Wenn sie ihre Stimmen nicht gerade bis zu einem Flüstern zurücknehmen, fallen Gesprächsfetzen zu mir herab, aus denen ich mir allerhand zusammenreime. Über ihren Köpfen ist eine Leine gespannt, auf der kleine Wäsche zum Trocknen hängt: Geschirrtücher, Socken, eine Unterhose. Große Wäschestücke werden auf die im Garten oder winters auf die im Dachboden gespannten Leinen gehängt.
An einem schon dunklen Herbstabend des Jahres Weißnichtmehr (1958?) stand ich allein auf unserem Ortgang, hängte gerade ein feuchtes Geschirrtuch zum Trocknen auf und schaute hoch zum Himmel. Da kam ein UFO angeflogen. Sie haben richtig gehört, liebe Leser: ein UFO, ein Unbekanntes Flug-Objekt, eine runde Scheibe größer als der Vollmond und hell leuchtend. Es flog mit großer Geschwindigkeit Richtung Süden, dabei brach es plötzlich mittig entzwei. Die beiden Teile strebten voneinander weg und fielen hinter die schwarze Zackenlinie des Finsterwaldes hinunter. Eine Hälfte zog einen leuchtenden Streifen hinter sich her. Ich blieb baff stehen, erwartete mehr, irgendetwas, das Heranrauschen eines zweiten Objektes, einen Knall, einen Donner, aber es passierte nichts weiter. Aufgeregt ging ich nach oben und berichtete. Ein Meteor, sagte mein Vater; meine Mutter zuckte mit den Schultern. Wochenlang erzählte ich allen davon und fand heraus, dass niemand außer mir dieses Spektakel gesehen hatte, aber sie sagten auch: Sternschnuppe. Nur Ama machte eine Ausnahme, sie hatte nichts gegen ein UFO im Sinne eines außerirdischen Raumschiffes, sie hielt das durchaus für möglich.
Erst kürzlich habe ich mich an diesen Vorfall erinnert. Da las ich nämlich in Murtal 1, dass es nicht weit von unserem Städtchen einen weltweit bekannten UFO-Hotspot gebe. Ich zitiere: Es ist Nacht als die beiden von einer Motorsportveranstaltung nach Hause kommen. Vom Balkon aus beobachten sie rote Kugeln, die über den Bergen zu schweben scheinen. Bis zu dieser Sichtung (sagen die beiden) haben wir ein ganz normales Leben gelebt. Und plötzlich war alles anders. Ich lebte nach meinem UFO-Erlebnis mein ganz normales Leben weiter, ich hatte ja auch nur eine einzige und noch nicht einmal eine Kugel, sondern nur eine Scheibe gesehen, und die war noch dazu entzwei gebrochen.
Zurück zu meinem Thron auf dem Apfelbaum, wo ich in halbschattiger Wärme sitze schaue höre lese sinniere und tagträume. Ich fühle mich wohl und überhaupt nicht einsam, sondern mittendrin, obwohl ich in diesen Augustwochen keinen Kontakt zu anderen Kindern hatte. Wo eigentlich war meine Freundin Lorli aus dem Nachbarhaus? Erst zu Schulbeginn im Herbst kam sie wieder zu ihren Großeltern. Sie war etwa drei Jahre älter als ich und ging in die Hauptschule (Realschule). Ich kannte sie von den früheren Besuchen bei meinen Großeltern und ich hatte sie sehr gern, so gern wie früher im Feenthal zuerst den Edi und nach seinem Verschwinden den Alois. Doch während diese beiden, vor allem der Alois, auch einmal bockig waren, war Lorli immer lieb. Wenn Lorli lächelte, und sie lächelte oft, blitzten ihre kleinen weißen Zähne auf, und in ihre Wangen und in ihr Kinn wurden Grübchen gezaubert, und die lustigen braunen Pünktchen, die über ihr ganzes Gesicht gestreut waren, lächelten alle mit. Wenn Lorli mich anlächelte, musste ich zurücklächeln, dann legte sie ihren Arm um meine Schulter, und ich, die Kleine, schmiegte mich an sie, die Große, und für einen magischen Augenblick gehörte sie ganz mir. Das dunkelblonde lockige Haar trug sie im Herrenschnitt, und schwarzweiß gewürfelte Hosen hatte sie an, Pepitahosen, und dazu Rollkragenpullis – so schick! Es gibt einige Fotografien von unserem Miteinander; auf einer sitzen wir an unserem runden Wohnzimmertischchen – an dem ich auf einer anderen Fotografie mit Alois über dem Wilhelm-Busch-Album sitze – über das Mensch-ärgere-Dich-nicht gebeugt und schauen ernst und nachdenklich drein, wie Schachspieler. Aber meistens hatten wir es lustig. Einmal saßen wir in Großmutter Amas Küche bei Kakao und Buttersemmeln und haben so lachen müssen. Warum weiß ich nicht mehr, doch das Lachen lag ja immer auf der Lauer, und jede Nichtigkeit genügte es hervorbrechen zu lassen. Und wie wir nun so lachten, haben wir Kakao und Semmelbrösel über den Tisch gespuckt – ein bisschen Sauerei gemacht. Darüber haben wir noch mehr lachen müssen. Ama kam und schaute streng, wir verkutzten uns (sich verschlucken und dabei husten müssen); darüber lachte Ama, und wir platzen erleichtert wieder los, jetzt – flächendeckende Sauerei. Als der Höhepunkt unserer Lachlust vorbei, griff sich Ama einen Fetzen (Wischtuch) und wischte den dunklen Holztisch sauber. Nicht einmal ein Wachstischtuch habe die auf ihrem Küchentisch, mokierte sich meine Mutter. Typisch Ama, und typisch auch, dass die mir und der Lorli das Schnapsen beigebracht hat. Wir durften es an den Nachmittagen am Tisch im großelterlichen Wohnzimmer spielen. Das sei doch kein Kartenspiel für Kinder, das sei ein Kartenspiel für Wirtshausgänger. Aber die Großeltern? Die Großeltern spielten das aber jeden Abend! Ja die, die Großeltern – halt nicht normal.
Oft war ich bei Lorli im Nachbarhaus, und wenn uns dann ihr Opa die nebulöse Geschichte von der Weißen Frau in der Thorburg erzählte, haben wir uns auf dem Küchen-Diwan eng aneinander geschmiegt. Und obwohl ihre Oma sagte, der erzähle uns bloß ein Märchen, wäre ich nie allein in unser Kellergewölbe gegangen, aus dem diese helle Schattin herausgezogen war, und ungern begleitete ich meine Mutter, wenn sie dort hineingeisterte, um Erdäpfel zu holen oder sauer Eingelegtes und ich ihr die Taschenlampe halten musste.
Überhaupt war mir die Thorburg trotz der vielen Menschen, die dort lebten, nach Einbruch der Dunkelheit nicht geheuer. Ich war mir sicher, dass dort erdgebundene Seelen ehemaliger Bewohner herumspukten, ich hatte schon gespürt, wie sie an mir vorbeistrichen und mich mit ihren Gespensteraugen anglotzen und ihre Gespensterarme nach mir ausstreckten. Wenn ich abends im Bett lag, zog ich mir die Decke bis an die Augen hoch, und wenn mir zu warm wurde, getraute ich mich nicht, Arme oder Beine oder auch nur Finger oder Zehen nach draußen zu legen. Lieber schwitzte ich, als dass mich wo-möglich etwas Eiskaltes berührt hätte.
Nicht nur Lorlis Opa, der Herr Rumpler, wusste eine Gespenstergeschichte aus der Thorburg, nein, sogar meine Mutter erzählte eines Tages eine, eine ganz aktuelle, die sich noch dazu direkt in unserer Wohnung zugetragen hatte. Möchten Sie sie erfahren? Na egal, ich erzähle sie einfach, Sie haben ja die Möglichkeit den Absatz zu überspringen.
Also, mein Vater und meine Mutter hätten des Nachts – ich hatte da schon mein Zimmer im Erdgeschoss – ganz deutlich gehört, wie jemand durch die Küche ging und Laden auf und zu schob und einen Stuhl rückte. Unabhängig voneinander hätten sie das gehört und jeder habe anfangs geglaubt, der andere sei in der Küche, doch bald entdeckt, dass der andere ebenfalls wach im Bett lag. Da hätte meine Mutter meinem Vater zugeflüstert: Do is wer! Da sei es draußen wieder still gewesen. Mein Vater habe die Nachttischlampe ange-schaltet, sei aufgestanden und mutig und gänzlich unbewaffnet in die Küche gegangen. Dort habe er die Deckenlampe angeschaltet und sich umgeschaut. Kein Einbrecher, auch sonst nichts Ungewöhnliches. Die Wohnungstür war wie üblich von innen verschlossen – im unteren Schloss steckte der Schlüssel und oben war der Riegel vorgeschoben. Nachdem er trotzdem, zur Kontrolle, an der Eingangstür gerüttelt und ins Wohnzimmer hineingeschaut hatte, ging er fröstelnd ins Bett zurück. Lange noch seien sie wach gelegen, hätten ge-
lauscht und überlegt, unheimlich sei es ihnen zumute gewesen. Am Morgen sei dann ein Stuhl fast in der Mitte der Küche gestanden und mein Vater habe geschworen, er habe den nicht dahin geschoben, bestimmt nicht.
Als mir meine Mutter von diesem nächtlichen Spuk berichtete, gruselte ich mich nicht, ich hatte meine Grusel-Hochphase schon hinter mir und dachte nur, die spinnen, die beiden. Wahrscheinlich haben sie zur gleichen Zeit den gleichen Traum gehabt und sind beide davon wach geworden. Solche Zufälle gibt es, die sind zwar verblüffend, aber nicht gespenstisch. Und der Stuhl? Jo mei, das wird mein Vater gewesen sein, im Halbschlaf. Womöglich hat er ihn weggeschoben, weil er unter den Tisch schauen wollte, ob sich da einer ver-steckt hat, und jetzt kann er sich halt nicht mehr daran erinnern.
Weil wir mit dieser Spukgeschichte nun schon einmal in unsere Wohnung geraten sind, wollen wir, liebe Leser, uns da gleich näher umschauen. Kommen Sie bitte mit!
Unsere drei Räume liegen im ersten Stock über den beiden Räumen der Großeltern und entsprechen mit der Gesamtfläche von ungefähr vierzig Quadratmetern in etwa der Grundfläche unseres Holzhauses im Feenthal. Durch die Wohnungstür treten wir direkt in unsere Küche, eine Wohnküche. Sie liegt zwischen dem Kabinett, Schlafzimmer meiner Eltern (auch hinteres Zimmer genannt), und dem Wohnzimmer (auch vorderes Zimmer und später kleines Wohnzimmer genannt), von dem sie durch eine Bretterwand abgeteilt ist. Deshalb hat sie kein eigenes Fenster, Tageslicht bekommt sie durch die Glastüren zu den beiden Zimmern. Rechter Hand stehen der Herd und die Abwasch (Spüle), linker Hand der Tisch und drei Stühle und unser Badezimmer, das Waschkastl (Waschschränkchen). Das Waschkastl ist so hoch wie der Tisch, hat vorne eine breite und seitlich eine schmale Tür. Hinter der breiten Tür steht ein Kübel (Eimer) und hinter der schmalen Tür ist ein nach vorne herausschiebbarer Handtuchhalter. Oben hat das Kastl einen Deckel und darunter steht die Lavur, daneben ist Platz für die Seife und den Handtuchhalter. Wenn man sich gewaschen hat, kann man die Lavur herausheben und das Schmutzwasser in den darunter stehenden Kübel leeren. Den Handtuchhalter mit dem feuchten Handtuch kann man nach vorne herausziehen, damit das Handtuch trocknet; wenn es trocken ist oder jemand zu Besuch kommt, schiebt man ihn hinein. Das klingt alles umständlich, war aber für uns ein Fortschritt gegenüber der Lavur auf dem Stockerl. Geradeaus steht der hohe weiße Küchenschrank, die Kredenz (Anrichte), zu der gehen wir jetzt hin und ziehen eine Lade heraus, schauen, was drin liegt. Aha, da liegt das Besteck drin. Wir schieben die Lade wieder hinein und ziehen die Lade daneben heraus, da liegen Schöpfer Kochlöffel Erdäpfelstampfer Reibeisen Schneebesen. Alles hat seinen Platz hier, meine Mutter hält Ordnung. Wir schieben die Lade wieder hinein. Jetzt gehen wir an den Tisch mit dem karierten Wachs-tischtuch und der Blumenvase und dem Keramikaschenbecherchen, mehr Nippes als Gebrauchsgegenstand – wenn Opa K. seine Pfeife anzündet, holt meine Mutter den großen Aschenbecher von oben von der Kredenz herunter. Wir gehen also an den Tisch, ich rücke den einen Stuhl zurück und setze mich drauf. Gemütlich sitzt es sich hier und anheimelnd wäre es, bekäme ich Kaffee serviert (Sie, liebe Leser, bekämen auch einen, klar, Stehkaffee). Aber: Ei der Daus, wer kommt denn da? Mich dünkt, ich sehe meinen Vater, im Nachtgewande. In einem weißen Nachthemd kommt er daher, wie Hamlets Vater, peinlich! Was will der denn hier? Grad jetzt, wo ich eine Führung mache! Er schaltet das Licht ein und schaut sich um, er scheint etwas zu suchen. Er grüßt uns nicht einmal, geschweige denn, dass er einen Kaffee dabei hätte. Er schaut durch uns durch, er ignoriert uns. Er rüttelt an der Eingangstür, schaut ins Wohnzimmer hinein, schüttelt den Kopf, schaltet das Licht aus und geht zurück ins Schlafzimmer. Seltsam, ob er im Schlafe wandelte? Mein Vater, ein Schlafwandler? Weil’s mit dem Kaffeetrinken eh nichts wird, stehe ich wieder auf; dabei rücke ich den Stuhl noch einmal etwas zurück, in Richtung Küchenmitte, und wir gehen in das Wohnzimmer. Moment mal – ich hab vergessen, den Stuhl wieder an den Tisch zurückzuschieben. Ach, wurscht egal, wir müssen weiter im Text.
Bald nach unserem Einzug hatte meine Mutter im vorderen Teil der Küche einen Vorhang angebracht. Wenn echte Besucher kamen, womöglich noch überraschend, zog sie den mit grünen Blättern und roten Kirschen bedruckten Vorhang zu und entzog so herumstehendes Geschirr und andere Unaufgeräumtheiten ihren Blicken. Dann geleitete sie die Besucher durch den Quasi-Vorraum ins Wohnzimmer zur Sitzgruppe mit der Bettbank und den zwei Foadöis (Fauteuils) ums runde Tischchen, da mussten sie sich hinsetzen. Wir, liebe Leser, bleiben stehen und schauen uns um. In der Ecke hinter der Sitzgruppe steht eine Kommode, darin sind der Plattenspieler und Schallplatten untergebracht, und auf der Kommode steht ein Radio. Links davon in der nächsten Ecke, nach dem Ostfenster, steht die Nähmaschine meiner Mutter und daneben zwischen den beiden Fenstern nach Norden ein kleiner Schreibtisch für mich. An manchen Nachmittagen sitzen meine Mutter und ich einträchtig nebeneinander, sie näht und ich erledige meine Hausaufgaben. Mein Vater, wenn er schon zu Hause ist, liegt ab und zu auf der Bettbank und döst; nachts schlafe ich dort. Gleich neben dem Zimmereingang links steht der schwarze Ofen an der Wand und daneben, geschützt durch einen Wandschirm, der breite dunkelglänzende Kasten (Schrank), den wir Sekretär nennen. In den beiden Seitenteilen beherbergt er je eine Hängeabteilung, eine für den Vater und eine für Mutter und Kind. Im mittleren Teil unten liegen Bettwäsche und Leibwäsche, im aufklappbaren Fach darüber die Fotografier-Utensilien meines Vaters, Fotoapparat Stativ Belichtungsmesser und so weiter, und das Schachspiel. Mit den Schachfiguren hatte ich früher gespielt wie mit Puppen, und viele Male hatte ich meinen Vater angebettelt, mir das echte Spiel mit ihnen beizubringen. Aber er wollte nicht – sei zu schwer für mich, viel zu schwer. Irgendwann hat er mich überzeugt gehabt und ich hab mein Lebtag lang keinen Versuch mehr unternommen, das Schachspiel zu erlernen – zu schwer für mich. Über dem Klappfach hinter zwei gläsernen Schiebtüren ist unsere Bibliothek: Meisterwerke Deutscher Klassik, Das Buch von San Michele, Lebenslauf eines Optimisten, und noch ein paar andere. Was? Das sei keine Bibliothek? Dann lesen Sie doch bitte einmal A Series of Unfortunate Events, da gibt’s wesentlich kleinere Bibliotheken. Im Fach über den Büchern ist unsere Hausbar: Wein- und Schnapsgläser und Mutters selbst angesetzter Kräuterschnaps und Mutters selbst hergestellter Eierlikör und ein gekaufter Slibowitz.
Unser Wohnzimmer ist ein Multifunktionszimmer: Empfangszimmer Musikzimmer Arbeitszimmer Hobbyraum Kleiderkammer Bibliothek Bar Ruheraum Schlafzimmer, und einmal im Jahr ist es unser Weihnachtszimmer. Ins winzige Schlafzimmer meiner Eltern auf der anderen Seite der Küche gehen wir jetzt nicht mehr hin, dort gibt es außer den Betten nicht viel zu sehen und wo-möglich schlafen die gerade drin und wir würden sie wecken.
Die Wohnungsführung ist hiermit zu Ende. Nicht mehr besichtigt werden die beiden Außenstellen: der Kasten auf dem Dachboden und das Regal im Keller. Im Dachbodenkasten liegen der Christbaumschmuck und andere Dinge, die wir gerade nicht brauchen, aber vielleicht wieder einmal brauchen könnten; die Koffer, mit denen wir im Sommer verreisen, liegen unter den Betten meiner Eltern. Auf dem Regal im Keller stehen Gläser mit Marmeladen und Mixed Pickles.
Ja, Sie haben recht, unsere Wohnung war klein, aber das Leben auf so kleiner Fläche, wie es neuerdings in Großstädten wie Tokio und New York en vogue ist, hat Vorteile: Man sammelt weniger Unnötiges an, man spart Heizkosten, man spart Stromkosten, man verbringt mehr Zeit außerhalb der Wohnung (dabei spart man wieder Heiz- und Stromkosten) und im Freien, weshalb man kein Vitamin D einzunehmen braucht – nochmal gespart.
In unserem multifunktionalen Wohnzimmer in der Beletage der Thorburg gab es drei Fenster zur Alten Straße hinaus. Wenn wir uns ein wenig zerstreuen wollten, sagte meine Mutter zu mir: Gemma a bissl Fensterschauen; und sie ging zum Ostfenster, zog den Vorhang, den Store, zur Seite und öffnete es. Dann legte sie zwei Polster (Kissen) auf die Fensterbank und wir schauten Fenster, wie andere einfache Leute dazumal. Ein dreidimensionales Nahse-hen war das, das zweidimensionale Fernsehen gab es noch nicht. Doch auch beim Nahsehschauen konnten wir wie beim späteren Fernsehschauen unsere Schaulust befriedigen. Wir beglotzten Vorübergehende und kommentierten Gang Frisur Kleidung. Fuhr ein Auto die Alte Straße entlang, stellten wir Vermutungen darüber an, wer da wohl drin sitzt, wie lang der das Auto schon hat, und ob er es sich überhaupt leisten kann – oder: Raten Kredit Schulden!
Am geöffneten Ostfenster unter uns stand Großvater Jo jeden Morgen rund ums Jahr, atmete tief ein und aus und lobte die Luftqualität. Nun war diese zwar besser als heute, doch er atmete besonders tief, wenn ein Auto vorbeifuhr. Da stand er und schnüffelte genießerisch dem Benzin-Schweif hinterher, diesem Geruch der neuen Zeit. Oje, ich glaub ja fast, mein Großvater Jo war ein Schnüffler.
Zweites Kapitel
Wir gehen durch die Thorburg
Gruselgang, eine Runde mit dem Großvater, das Gigerl, scharfer Geruch, ein Wesen, Türen knallen und da Pracka, do dastickst, Shabby Chic, Rapunzel lässt ihr Haar hinunter, und so weiter – zum Beispiel: eine falsche Blondine takelt sich auf
Die Thorburg hat vier Ebenen: die erste mit den Kellerräumen liegt auf der Höhe des Hinterhofes, von dem eine Stiege hinunter in den Garten führt, die zweite liegt auf der Höhe der Alten Straße, die dritte Ebene ist das Oberge-schoss und die vierte, das ist der Dachboden. In den Fünfzigerjahren lebten auf diesen vier Ebenen in acht Wohneinheiten auf einer Fläche von allerhöchstens150 Quadratmetern siebzehn Personen, denn noch zehn Jahre nach Ende des Krieges war Wohnraum knapp.
Jetzt nehme ich Sie, lieber Leser, an der Hand und wie ich Sie früher einmal zu den Häusern des Feenthals und kürzlich durch unsere Wohnung geführt habe, so führe ich Sie jetzt durch die Thorburg. Folgen Sie uns bitte, liebe Leser!
Wir kommen von der Straße her, steigen drei Stufen hinauf und gehen durch eine zweiflügelige Haustür – ein Flügel steht außer im Winter tagsüber immer offen – in das Vorhaus (den Flur), einen dunkeldüsteren Gruselgang, der geradeaus zum Ortgang führt, vor dem wieder eine fast immer offene Tür ist. Auf der linken Seite des Vorhauses befinden sich die Tür zum Wohnraum meiner Großeltern, der Hausbrunnen, an dem alle ihr Wasser holen, und die Stiegen hinunter zum Keller und hinauf in den Oberstock; auf der rechten Seite sind drei Türen.
Wir gehen durch die erste Tür links zu meinen Großeltern Ama und Jo, den Eltern meines Vaters. Sie wohnen in einem großen Zimmer, darin viele Möbel und Dinge stehen; es ist, wie unser Wohnzimmer, ein Multifunktionszimmer: Esszimmer Schlafzimmer Büro Empfangszimmer. Dahinter liegt noch ein Kabinett, Turmzimmer wird es mein Ehemann später nennen. Im Zentrum des Zimmers steht der Esstisch mit den vier Stühlen, der Mittelpunkt des täglichen Lebens. An ihm wird gegessen, mit Gästen geplaudert, Zeitung gelesen, Karten gespielt und dabei gestritten. Während meine Großmutter am Tisch sitzt und ein Kreuzworträtsel löst, spaziert mein Großvater gerne im Uhrzeigersinn um ihn herum. Wir werden ihn auf einer Runde begleiten und uns umschauen, was es da zu sehen gibt. (Sollte Sie das nicht interessieren, gehen Sie gleich weiter zum nächsten Absatz, zur Frau Roth gegenüber den Großeltern.)
Wir gehen an der Eingangstür los. Gleich links in der Ecke steht auf einem runden Tischchen das schwarze Telefon. Es läutet selten und es wird keinesfalls täglich benutzt. Von Zeit zu Zeit kommt ein Mieter aus dem Haus und bittet, ob er telefonieren darf. Anschließend legt er einen Schilling in eine kleine Schüssel. Das Telefon ist ein schweres schwarzes Prachtstück. Schon interessant: Die Telefone sind immer kleiner und leichter geworden, man hat sie mit Tasten ausgestattet, weil das Drehen der Drehscheibe so aufwändig, dann wurden sie schnurlos – wie praktisch! Und jetzt? Jetzt blickt manch ei-ner sehnsüchtig zurück zu den großen schweren Schwarzen oder Weißen, wie man sie in alten Kinofilmen sieht und bei Manufactum für 250,– Euro kaufen kann (Warenkatalog 28, 2015).
Nicht in jedem Haus stand ein Telefon, im Feenthal stand das einzige im Grubhof. Wenn in den umliegenden Häusern oder Bauernhöfen jemand plötzlich krank wurde oder sich verletzt hatte und man einen Arzt benötigte, musste man zum Grubhof rennen, um ihn anzurufen. Und es dauerte, bis der mit seinem Jeep oder sogar der weiße Rettungswagen, die Rettung, vorfuhr. Wie weit weg sind doch diese langsamen Zeiten vom Heute mit den allzeit verfügbaren Handys!
In den frühen Sechzigern erst bekamen meine Eltern ihr erstes Telefon – ein Vierteltelefon, es gab auch Halbtelefone. Das bedeutete, dass vier Teilnehmer bzw. zwei Teilnehmer, die sich untereinander nicht kannten und von denen jeder seine eigene Telefonnummer hatte, an einer Leitung hingen. Diese die Grundgebühr verbilligenden Sammelanschlüsse hatten den Nachteil, dass die Leitung jeweils nur von einem genutzt werden konnte; wenn einer telefonierte, war sie für die anderen besetzt. Das hätte bei einem Notfall ein Pro-blem geben können, war im Normalfall aber nicht weiter störend, denn kein Sparsamer mit einem Viertel- oder einem Halbanschluss führte lange und also teure Telefongespräche.
Jetzt gehen wir die Zimmer-Nordwand entlang, wo zwischen den beiden Fens-tern zur Straße hin die schwere Pendeluhr hängt. Freitags wird ihr Glastür-
chen geöffnet und das Uhrwerk aufgezogen, dann tickt die Uhr wieder bis zum nächsten Freitag in das Zimmer hinein. Ihr Schlagwerk wird nur an Silvester für die zwölf Schläge zur Begrüßung des Neuen Jahres in Betrieb gesetzt. Unter der Uhr steht eine dunkle Kommode mit Bett- und Tischwäsche.
In der nächsten Ecke steht ein großer Schreibtisch mit vielen Schubladen. Auf dem Schreibtisch liegen ein Atlas, ein Lexikon und ein Wörterbuch (das ist die Bibliothek meiner Großeltern), liegen Papier und Papiere, Stempel und Stempelkissen, Heftmaschine Locher Löschwiege und anderer Krimskrams. An manchen Samstagnachmittagen sitzt mein Vater an diesem Schreibtisch und erledigt Büroarbeiten für die Großeltern. Ich stehe herum und lauere darauf, ihm mit einem Stempel oder der Löschwiege zur Hand zu gehen. Die Heftmaschine überlässt er mir nur widerwillig, denn damit stelle ich mich ungeschickt an und er muss anschließend die schräg verbogene Klammer wieder entfernen, mit den Fingern, dabei sticht er sich in die Fingerkuppen.
In der nächsten Wand gibt es gleich am Anfang das Fenster nach Osten und danach stehen der Wand entlang die graue Bettbank, auf der Amas kleine Großnichten sitzen, wenn sie zu Besuch sind, und direkt im Anschluss daran das Lotterbett. Das Lotterbett hat nichts mit Lotterleben zu tun, es dient keinem Müßiggänger als Liegestatt, es dient tagsüber der Ablage von Kleidern und des Nachts meiner Großmutter zum Schlafen. Und an Ostern finde ich dort hinter einem Kissen ein Osterhasi und ein Schokolade-Ei und am sechsten Dezember finde ich dort ein Nikolausi in einem Schokolade-Stiefel.
Das Lotterbett ist bis in die dritte Zimmerecke geschoben; rechts davon ist die Eingangstür in das Kabinett, der nach Süden hin gelegenen Schlafkammer meines Großvaters. Nach dieser Tür steht ein Kleiderschrank und vor ihm steht die Singer Nähmaschine und auf der steht zu Weihnachten der Weihnachtsbaum – ja, da staunt man, wie viel auf so wenig Platz stehen kann.
Die vierte Zimmerecke wird vom hohen hellgelben Kachelofen ausgefüllt, an dessen wohlige Wärme sich Ama gerne lehnt. Rechts vom Kachelofen, an der vierten Zimmerwand (Zimmer-Westwand), hängt der runde Spiegel. Vor ihm macht der Großvater öfters eine Pause bei seiner Zimmerrunde, besichtigt sich darin, cremt sich ein, rückt sich die Pullmankappe zurecht, und jedes Jahr zu Weihnachten probiert er vor ihm seine neue auf und zupft an ihr herum, weil sie partout nicht so sitzen will wie die gute alte, die die Großmutter gerade neben ihm ins Feuer des Kachelofens schmeißt.
Rechts vom Spiegel steht eine dunkle Kredenz mit Geschirr und Gläsern drin. In ihrer Nische stehen eine rechteckige schwarze Blechdose und eine runde Porzellandose in Türkis mit Sternenmuster. Nach der Kredenz sind wir wieder bei der Eingangstür – unsere Sightseeing-Rundtour ist zu Ende, wir scheren aus. Der Großvater spaziert weiter, wie aufgezogen rundum und rundum, bis ihn die Großmutter anfaucht, dass er sich setzen soll. Er gehorcht und setzt sich.
Wir gehen weiter. Gegenüber den Großeltern wohnt in einem einzigen klei-nen Raum die blondgelockte Frau Roth mit ihrem Buben, der ist ungefähr fünf Jahre alt und hat immer kurze Hosen an. Mit den beiden wohnt der Herr Bortwisch – glattes dunkles Haar, mit Frisiercreme (Brisk) gefettet und seitlich gescheitelt; Gesichtsverzierung: kein Schnauzer und keine Bürste, sondern ein feines Oberlippenbärtchen, wie angeklebt. Wegen der verschiedenen Namen wissen wir, dass diese drei Personen als Familie nicht echt sind.
Herr Bortwisch verlässt jeden Morgen gegen neun Uhr das Haus – heller Anzug, Hut und Spazierstock. Wohin er sich begibt, wissen wir nicht. Ich sehe ihn die Alte Straße hinaufeilen und seinen Spazierstock schwingen; dieses Bild erinnert mich an den geschmeidigen Kater Bartl, von dem Marlen Haushofer erzählt, dass er, wenn er über die Straße läuft, aussieht wie ein Mann in den besten Jahren, der es eilig hat in sein Geschäft zu kommen, nur dass ihm die Aktentasche fehle. Die fehlt auch dem Herrn Bortwisch, und überhaupt – der Herr Bortwisch schaut nicht aus wie ein pflichtbewusster Büromensch. Aber wie ein ehrlicher Arbeiter schaut er auch nicht aus, finden die Frauen im Haus. Ja, sie finden ihn in seinem Aufzug ein wenig anrüchig und sie rätseln, wo er wohl den ganzen Tag herumstrawanzt, denn er kommt erst gegen Abend wieder nach Hause; und sie spekulieren, wie er sein Geld verdient, mit welchen G’schäftln, ob er überhaupt welches verdient. Hinter vorgehaltenen Händen nennen sie ihn ein Gigerl, einen eitlen Geck und einen Luftikus, und sie verdächtigen ihn, dass er auf Kosten der Frau Roth lebt. Die wiederum verdächtigen sie, dass sie älter ist als er; bestimmt ist sie das. Und bestimmt ist sie eine Kriegerswitwe und lebt mit ihrem Sohn von einer Rente und er, der Herr Bortwisch, lebt da mit. Woher kommt der eigentlich? Also ein Hiesiger ist er bestimmt nicht, so wie er redet, wenn er redet. Redet eh kaum was. Ist der überhaupt ein Österreicher?
Und sie, die Frau Roth, diese gelockte Blondine – weder die Locken noch das Blond echt, mutmaßen die Frauen –, die takelt sich auch täglich auf, putzt sich heraus und geht ebenfalls weg, gegen Mittag und mit dem Kind; die kocht nix. Wohin die wohl gehen? Dazu werden diverse Mutmaßungen ausgetauscht.
Eines Tages brachte der Herr Bortwisch einen Hund mit, eine Art Pudel, von dem Ama behauptete, dass er Tag und Nacht kläffe. Gott sei Dank zog diese unechte Familie bald nach dem Einzug des Hundes mit dem Hund aus. Jetzt zog Ama mit ihrer Küche aus dem zweiten Raum rechts, genau gegenüber dem Hausbrunnen, in dieses frei gewordene Zimmer. Der verlassene Raum bekam den Namen Alte Küche und diente fortan als allgemeine Waschküche.
Wir kommen zum dritten Raum rechts, da wohnt Katharina Fröhlich. Hinter dem wohlklingenden Namen verbirgt sich eine dürre Gestalt, die ein dunkles Kopftuch und knöchellanges Schwarz trägt. Ihrem Zimmer entströmt ein scharfer Geruch, denn die Kathi, wie sie im Haus genannt wird, ist unten nicht mehr ganz dicht; oben angeblich auch nicht. Einmal am Tag schlurft sie in Pantoffeln mit einem leeren Kübel zum Hausbrunnen und holt frisches Wasser, und einmal am Tag schlurft sie mit einem vollen Kübel durch den Gruselgang nach vorne zur Straße und entleert ihn in den Straßengraben. Unser Haus ist noch nicht kanalisiert, alle müssen ihr Schmutzwasser nach draußen leeren. Hat sie festere Bestandteile in ihrem Kübel, geht sie damit zum Plumpsklo, denn die darf frau nicht in den Straßengraben entsorgen, das weiß auch die Kathi.
Kathis Gesichtshaut ähnelt zerknittertem weißem Seidenpapier, ihre langen Zähne stechen gelblich davon ab. Wenn sie mich sieht, schenkt sie mir ein freundliches Lächeln, das bei mir als schauriges Totenkopfgrinsen ankommt. Sie freut sich, wenn sie mich sieht, aber ich gönne ihr diese Freude nicht, ich fliehe sie, wenn ich kann, oder schaue weg, wenn wir uns begegnen – Kinder sind so ohne jedes schlechte Gewissen grausam.
Einmal reichte sie mir mit ihren knochigen Fingern eine Bensdorp Schokolade, ich nahm sie mit Grausen entgegen und warf sie in den Abort. Eine arme Frau, sagte meine Mutter. Ama hielt sich die Nase zu und zog eine Grimasse, wenn die Kathi erwähnt wurde. Heute frage ich mich: Was hat diese Frau gegessen? Wer hat für sie eingekauft? Gekocht? Gewaschen? Welches Schicksal hat sie in dieses Elend und in diese Verlassenheit gebracht? Ich erinnere mich nicht, dass sie Besuch bekommen hätte. Wie alt war sie eigentlich?
Irgendwann war die Kathi plötzlich verschwunden, ob ins Krankenhaus, ins Altersheim oder schon ins Jenseits, weiß ich nicht. Ihr Zimmer direkt hinter dem Ortgang, von dem aus es durch ein Fenster einsehbar war, wurde ausgeräumt und gründlich renoviert. Ein neuer Boden wurde gelegt, Wände Tür Fenster wurden frisch gestrichen – alles neu! Und Ama zog mit ihrer Küche dorthin. Meine Mutter fand das irgendwie ungustiös und behauptete noch jahrelang, an feuchten Tagen rieche es dort nach Kathi, beziehungsweise nach ihrem … naja, muss ja nicht ausgesprochen werden.
Solange die Kathi dort gewohnt hatte, war ein Vorhang am Fenster gewesen, aber typisch: Ama machte keinen dran, es sei dort dunkel genug. Auf dem Weg zum Abort konnte man deshalb in ihre Küche hineinschauen. Wenn drinnen das Licht brannte – tat es meistens, weil: Stromsparen kennen die ja nicht –, sah man auf einem Stuhl die Lavur mit der eingeweichten Wäsche stehen – vom Einweichen ist noch keine Wäsche sauber geworden. Oder man sah den Großvater beim Geschirrabtrocknen, das kommentiert meine Mutter mit: Also, normal mocht a Mau a sou a Orbeit net, also da Vata dadat souwos nia (ihr Vater täte so etwas nie).
Nachdem Ama mit ihrer Küche zum zweiten Mal umgezogen war, wurde ihre zweite Küche, das ehemalige Roth-Bortwisch-Zimmer, ein Büro, denn meine Großeltern waren beide selbständig und Hausbesitzer. Da gab es stets irgendwelche Schreibarbeiten zu erledigen, zum Beispiel mussten für die Mie-ten, die ihnen jeweils am Monatsersten in bar übergeben wurden, Bestätigungen ausgestellt werden. Ein paar Jahre später zog ich in dieses Zimmer ein – ich sollte in Ruhe lernen können.
So, das Erdgeschoss sind wir durch. Vielleicht noch zu erwähnen ist der über den Ortgang zu erreichende Abort, einer für fast alle im Haus. Davor stehen häufig Dschrawodlerinnen, weshalb einem dort nicht die Inspirationen kommen können, von denen Tanizaki Jun’ichiro und Nabokov schreiben. Was Tanizaki Jun’ichiro schreibt, können Sie bei ihm oder in Feenthal nachlesen; Nabokov schreibt: … von dieser Ecke des Hauses aus (dem Abort) konnte man den Abendstern sehen und die Nachtigallen hören, und an diesem Ort verfasste ich meine unumarmten Schönen gewidmeten jugendlichen Verse. Ehrlich gesagt, mir kamen auf unserem Abort, auch nachts ohne Dschrawodlerinnen vor der Tür, keine Verse in den Sinn. Ich stierte traumverloren vor mich hin oder durch das Fensterchen in die Schwärze, begann zu frieren und rannte ins Bett zurück.
Übrigens, was es doch alles gibt zu dem Thema Abort. Vor einiger Zeit las ich in der Frankfurter Rundschau: Tempo sucht Deutschlands öffentliche Vorzeigetoilette. Bitte fotografieren. Einsendeschluss: 28.2.2013. Aus dem Internet toilettenpapier.tempo.net/Vorzeigetoilette erfahre ich, dass die Tempo-Jury aus den zehn meistgewählten Toiletten drei Sieger auswählen wird. Die erhalten dann eine Auszeichnung in Form einer Plakette, da steht drauf: Stilvollstes stilles Örtchen 2013. Dieser Titel wird – grammatikalisch gesehen fälschlicherweise – dreimal vergeben, und dazu erhalten die Titelträger noch je tausend Rollen des neuen 4-lagigen Tempo Klopapiers.
Dazu möchte ich anmerken: Erstens, unser Thorburg-Abort war öffentlich, nicht nur die Hausbewohner, sondern jeder, der von der Straße in großer oder kleiner Not herbeigeeilt wäre, hätte ihn und hat ihn benutzen dürfen. Zweitens, ich besaß damals schon einen Fotoapparat mit den Einstellungen Sonne und Wolke und nah und fern und hätte unseren Abort fotografieren können, zum Beispiel vom Garten her mit einem ins Bild hineinragenden Zweig. Aber leider: Wieder einmal habe ich von nichts gewusst und bin zur falschen Zeit (damals statt heute) am falschen Ort (Österreich statt Deutschland) gewesen. Dabei hätten wir uns über echtes Klopapier von der Rolle statt der harten Zeitungspapierblätter, die man immer erst lange und vorsichtig weich rubbeln musste, alle gefreut, und auch über eine glänzende Plakette. Die hätten wir außen an die Tür schrauben können, da hätte sie nächtens ein wenig geblinkt, da wäre ich nicht, wie einmal geschehen, tramhapert (verschlafen) gegen den Türstock gerannt und mit blutiger Nase zu mir gekommen. Ach ja, hättenhättenhättewäre !
Wir gehen weiter durch die Thorburg – sollen wir aufi oder obi? Gehen wir obi, die enge gewundene Holzstiege hinunter zu den Kellerräumen. Vom Keller-Vorhaus führt die hintere Haustür nach draußen in den Hof und die Kellertür nach hinten in die drei Gewölberäume ohne elektrisches Licht, mit Fußböden aus gestampfter Erde und eisernen Ringen an den Wänden, deren Zweck wir nicht mehr kennen. In diesen Räumen sind Kohlen und Erdäpfel und unser Regal mit den Vorräten in Gläsern. Rechts und links vom Vorhaus liegt noch einmal jeweils ein Raum mit einem Fenster zum Hof. Im kleineren der beiden Räume wird Holz gelagert; früher war darin Opa Rumplers Schusterwerkstätte. Dort ist er gesessen und hat die Weiße Frau vorbeihuschen sehen, und dann hat er durch das Fenster gesehen, wie sie sich draußen im Hof aufgelöst hat – ihr Fading-away hat er gesehen, ganz deutlich. An der Seitenwand des kleinen Raumes, nach Osten zum Gassl hin, gibt es ein jetzt zugemauertes Riesenfenster. Vielleicht wurden da früher einmal die kaputtenSchuhe hinein- und reparierten Schuhe hinaus- und des Schusters Lohn hinein- und das Wechselgeld hinaus- und die neuesten Neuigkeiten hinein- und hinausgereicht.
Im größeren der beiden Räume hausen Herr und Frau Steiner, ein Ehepaar. Die beiden gehen und kommen über die hintere Haustür und haben ihren eigenen romantischen Abort im Hof. Ich sehe sie selten. Wenn ich sie grüße, geben sie mir keine Antwort, schauen so komisch vor sich hin und durch mich durch. Die zwei sind mir nicht geheuer, ich drücke mich hurtig an ihnen vorbei. Der Mann, schwarzborstig und braunhäutig – a schiacha Louta, sagt meine Mutter – schaut dem Bierführer ähnlich, der Amas Gasthaus im Feenthal beliefert hat, aber er ist ein Rauchfangkehrer (Schornsteinfeger) und er lacht nie. Seine Frau trägt das glatte aschblonde Haar ganz kurz und hat auf einer Wange ein großes Feuermal. Sie übt den Beruf eines Maurers – ei-ner Maurerin aus. Wüsste man nicht, dass sie des Rauchfangkehrers Frau ist, könnte man sie für einen kleinen Mann ohne Bartwuchs halten – also auch nicht eindeutig Mann. Ein fremdartiges Wesen in Hosen, das ist sie für mich gewesen.
Diese beiden, die ich stets nur in Arbeitskleidung gesehen habe, zogen bald aus. Ihr Name blieb dem von ihnen bewohnten Raum erhalten, der hieß fortan
Steiner-Keller. Meine Großeltern und meine Eltern nutzten ihn zur Lagerung alter Möbel – als ein Mobiliendepot hinter dem Hof, unterscheide davon das Hofmobiliendepot (Wien).
Bevor wir jetzt treppauf zurückgehen, machen wir einen kurzen Abstecher in den Hof hinaus. Wir lümmeln uns aufs Geländer über der Stützmauer, an die sich ein Aprikosenbaum lehnt, und schauen in den sommerlichen Garten hinunter: Blumen, Gartenbeete mit Salat und Gemüse, Beerensträucher, Leinen für die Wäsche, ein Apfelbaum mit Tisch und Bank darunter, eine saftige Wiese – Augenweide. Wir genießen den Ausblick und die frische Luft, denn durchs Haus ziehen nicht immer frische Gerüche.
Wir gehen die Stiege wieder aufi und weiter die gleiche enge gewundene Holzstiege in den ersten Stock. Dort wohnen wir, ich und meine Eltern, und wie wir dort wohnen, habe ich schon erzählt. Uns gegenüber in zwei Räumen, der größere ist wie bei uns abgeteilt, aber bei denen nur mit einem Vorhang, wohnt die Familie Trappl: Vater, Mutter und zwei halbwüchsige Söhne, etwas älter als Hemu & Wene und ganz desinteressiert an mir. Wenn diese Buben miteinander raufen, hören wir’s poltern, und in das Holterdiepolter hinein
schreit die Mutter, droht ihnen Schläge mit dem Pracker (Teppichklopfer) an. Wenn sie tatsächlich hinhaut, erwischt sie keinen, denn vor dem mütterlichen
Schlag springen die beiden behände auseinander, und da Pracka schnalzt ins Leere. Woher ich das weiß? Vielleicht habe ich durch die halboffene Tür gespäht oder durchs Schlüsselloch oder gar durch die Wand – Kinder können so etwas. Der erzieherische Einfluss, den Frau Trappl mit ihrem Geschrei unter Zuhilfenahme des Prackers nimmt, geht also ins Leere, die Herren Söhne lassen sich durch die mütterliche Intervention immer nur kurz vom Raufen abbringen. Wenn die Buben heimkommen oder fortgehen, lassen sie die Tür beim Schließen los und geben ihr einen Schubs, da fällt sie zu und es tut ei-nen Schlag. Bei dem Schlag zucken wir, die wir gegenüber wohnen, jedes Mal zusammen. Einmal ging meinem Vater doch wirklich der Hut hoch, obwohl er gar keinen aufhatte, so krass war der Schlag gewesen. Da ist mein Vater hinübergegangen und hat den Buben gezeigt, wie sie die Tür bitte ordnungsgemäß schließen könnten. Doch auch diese Intervention, das Einschreiten meines Vaters, blieb ohne positives Ergebnis, die Buben gewöhnten sich keine leisere Türschließtechnik an. Wir waren es, die sich an die Schläge gewöhnen mussten, und an ihr Getrappel durchs Stiegenhaus, und ans Gepolter in ihrer Wohnung.
Frau Trappl ist umgänglich und eine hübsche Frau. Aber sie trägt im Haus immer so einen grauen Geschäftsmantel, wie ihn manche Verkäufer und Verkäuferinnen anhaben, und ihr langes dunkles Haar hat sie aufgeknotet und mit einem nach oben gebundenen Kopftuch bedeckt. Einmal die Woche geht sie mit ihren Fleckerlteppichen (Flickenteppichen) und dem Pracker in den Hof hinunter. Sie hängt einen Teppich über die Teppichstange und haut drauflos, dass es durch die Gärten und durch die Alte Straße knallt, und man es noch unten in der Bachgasse und oben in der Burggasse hören kann. Der Schweiß rinnt ihr übers Gesicht, immer wilder haut sie zu, ich glaube, sie denkt dabei an ihre Söhne, vielleicht nicht nur. Nachdem sie ihre drei Teppiche durchgehauen hat, ist sie ganz gelöst und dschrawodelt und lacht mit den Nachbarn.
Herr Trappl ist auf Frühschicht oder auf Nachtschicht; wenn er zu Hause ist, schläft er einen tiefen Schlaf. Wir können ihn ab und zu durch die Wand schnarchen hören. Was sein Äußeres betrifft, kann man ihn mit den Herren Egger und Pi aus dem Feenthal in eine Schachtel stecken: drei Pykniker mit Hut und mit Bart zwischen Oberlippe und Nase, und alle drei haben sie eine größere Ehefrau – einer sogar quasi zwei, beide größer als er.
Im Obergeschoss der Thorburg gibt es noch eine dritte Wohnung, sie liegt, wenn man die Treppe hochkommt, gleich geradeaus. Sie besteht wie die der unechten Familie und die der Kathi im Erdgeschoss und die der Eheleute Steiner im Kellergeschoss und die der Großtante im Dachboden aus einem einzigen Raum; wir, die Großeltern und die Familie Trappl sind im Vergleich dazu flächenmäßig privilegiert. In diesem einzigen Raum, der Küche Esszimmer Wohnzimmer Schlafzimmer Bad ist, wohnt ein kinderloses Ehepaar, der ehemalige Kleidermacher O. und seine Frau. Herr O. hat einen voluminösen Schnauzer wie mein Großonkel Peter und im Mund eine Pfeife wie mein Opa K., und wie diese beiden schmunzelt er, wenn er mich sieht.
Dieses Schmunzeln alter Männer, gibt es das heute noch? Mir kommt vor, ich habe so ein Schmunzeln und dazu den verschmitzten Blick aus meist schon ziemlich versteckten Augen lange nicht mehr gesehen. Das könnte freilich daran liegen, dass es vor allem ein Geschenk an Kinder und junge Leute ist – ich meine ganz junge Leute, nicht solche wie ich. Es könnte aber auch daran liegen, dass so ein Schmunzeln einen gelassenen Ruhezustand des Produzenten voraussetzt. Der Schmunzler sitzt oder steht oder spaziert gemächlich dahin und schaut sich um. Heute, die älteren Herren, die joggen, fahren mit dem Rad, strampeln auf dem Hometrainer, ertüchtigen sich. Da bleibt wenig Muße zum Schauen und zum Schmunzeln.
Herr O. sitzt täglich auf dem Schemel auf dem Ortgang und schmunzelt mich an. Manchmal spricht er mich an, oder er redet mit der Katze, die auf seinem Schoß schläft, oder er sagt etwas zu seiner Frau, wenn sie bei ihm vorbeikommt. Verstehen tu ich ihn nie. Seine Wörter bleiben im Schnauzer hängen und seine Artikulation ist durch die Pfeife im Mund beeinträchtigt und vermutlich auch, weil er törisch (taub) ist. Und spindeldürr ist er wie’s Schneiderlein im Märchen. Herr O. ist von seiner Frau auf den Ortgang verbannt, sie erlaubt ihm nicht oben bei ihnen zu rauchen, außerdem sitzt er ihr dort nur im Weg herum. Ihr Wohnraum hat keine fünfzehn Quadratmeter, Gott sei Dank ist er günstig, nämlich quadratisch, geschnitten. Es steht darin, was sie unbedingt brauchen: ein Herd, in dem täglich eingeheizt wird, weil frau darauf kocht, ein Tisch und zwei Stühle, ein Kasten fürs Gewand und eine Kredenz fürs Geschirr.
Einmal bekam das Ehepaar O. eine neue gebrauchte Kredenz geschenkt, sehr gut erhalten. Die Frau vom O. konnte sich aber nicht von der alten trennen, die war ja noch gut. Deshalb standen fürderhin zwei Kredenzen nebeneinander. Das ging? Ich kann es mir nicht mehr recht vorstellen, obwohl ich es mit eigenen Augen gesehen habe; nicht gesehen habe ich, was in die zweite Kredenz hineingeräumt wurde. Vielleicht Schuhe, denn einen Schuhschrank haben sie nicht, brauchen sie nicht für ihre zwei bzw. vier Paar Schuhe. Jahr-aus jahrein tragen sie hohe Schnürschuhe und zu besonderen Anlässen ihre guten Halbschuhe, die die übrige Zeit säuberlich geputzt und in Schachteln verpackt unter den Betten stehen, zumindest dort gestanden sind bis zum Einzug der zweiten Kredenz.
Das Ehepaar O. ist im Shabby Chic-Stil eingerichtet: Jedes Möbelstück ist von Hand gefertigt und hat seine eigene Geschichte. Und weil nichts so richtig zusammenpasst, passt es wieder – sie haben’s gemütlich; und schlank, wie sie sind, können sie die engen Pfade durch ihre Möbellandschaft begehen ohne anzuecken.
Bücher? Haben sie Bücher? Bestimmt, mindestens drei: ein Gebetbuch, denn die Frau vom O. ist eine emsige Kirchengängerin, ein Doktorbuch, Der Hausarzt oder so ähnlich, und ein Kochbuch. Letzteres hat die Frau vom O. zur Hochzeit geschenkt bekommen und ungefähr einmal im Jahr schaut sie hinein. Zusätzlich, als Lesestoff für abends im Bett, hat sie die Romanheftchen, die ihr Nachbarinnen schenken; und regelmäßig lesen sie und ihr Gatte die Wochenschau – immer die von der Vorwoche, die meine Großmutter an sie weitergibt.
Das Ehepaar O. hat auch ein Kind – ein Katzenkind, die graue Murli. Dass du dich an den Namen noch erinnerst!, wundert sich meine Freundin Margret. Aber das ist nicht schwer, denn viele Katzen hießen damals so, oder so ähnlich. Die Murli hat ihr Milchschüsserl im Vorhaus. Streicheln lässt sie sich nicht von mir, sie flieht mich, wie ich die Kathi – so gleicht sich alles aus im Leben. In die hintere Haustür ist eine Luke geschnitten, durch die kann sie kommen und gehen, wie es ihr beliebt. Nachts ist sie unterwegs, auf der Jagd nach Mäusen im Keller und in den Gärten; erwischt sie gegen Morgen einen Vogel, wird sie von meiner Mutter als Kanaille beschimpft. Wenn es ihr draußen zu kalt oder zu nass ist oder es ihr aus anderen Gründen nicht mehr passt, stellt sie sich vor die Tür ihrer Eltern und fordert jämmerlich maunzend Einlass. Dann schimpft sie mein Vater ein Mistviech. Tagsüber schläft das Murli-Mistvieh gern auf dem Schoß vom Herrn O. oder im Ehebett.
Einmal, die Frau vom O. war bereits die Witwe vom O., da schlug ihr meine Mutter bei einem Plausch am Ortgang vor, das zweite Bett doch wegzugeben, damit sie mehr Platz hätte. Nein, sagte die Witwe vom O., unmöglich, das zweite Bett brauche sie für ihren Mittagsschlaf. Das hörte sich für meine Mutter zu verrückt an und sie fragte nach. Ja, wegen der Katze, die sei es gewöhnt, um die Mittagszeit in einem Bett zu schlafen, und wenn sie nur mehr ein Bett hätte, könnte sie sich für ihren Mittagsschlaf nicht mehr lang legen.
Die Frau vom O. war bestimmt um die zwanzig Jahre jünger als ihr Mann. Wahrscheinlich war sie nicht wesentlich älter als meine Mutter, doch wirkte sie viel schwerfälliger, denn sie hatte ein komisches Gstöi (Gestell/Körperbau); allerdings war es anders komisch als das meiner Großmutter Ama.
Es ist ja so (ganz frei nach Tolstoi): Alle schönen Menschen ähneln einander (sieht man von Haar- und Augenfarben ab), jeder Nichtschöne ist dagegen auf seine eigene, ganz persönliche Art nicht schön. Schönheit liegt in einem vom Zeitgeist akzentuierten Ebenmaß, die Kategorie des Schönen ist schmal, Abweichungen davon gibt es viele. Im wirklichen Leben kann uns menschliche Schönheit faszinieren – erzählerisch gesehen gibt sie viel weniger her als Nichtschönheit.
Wie sah nun der Frau vom O. ihr komisches Gstöi aus? Sie hatte nicht Amas dünne Beine, mit denen sie geschäftig dahinschritt, sondern kräftige, die sie gemächlich am Boden entlangzog; sie hatte nicht Amas breite Hüften, sondern eher schmale, obzwar seitlich hoch aufgepolstert, und sie hatte nicht Amas zierlichen Oberkörper, sondern einen eher dominanten; und ihre besondere Besonderheit war ein imposanter Busen, der, bereits altersgerecht gesenkt, ihre Vorderfront dominierte. Ba dera, sagte mein Vater, ba dera – do dastickst (bei der, da erstickst du; nebenbei bemerkt: der Steirer verwendet statt der Vorsilbe er gern die Vorsilbe da – dasticken statt ersticken, dawortn statt erwarten, daschlogn statt erschlagen). Er meinte damit, dass man, würde man von einer so vollbusigen Frau herzlich umarmt und gedrückt, dass man dann, wenn’s dumm zuginge, mit Nase und Mund in die Furche zwischen ihre Brüste (die Alan Bennett als Elfjähriger für eine pektorale Vagina hielt) geraten könnte, und dass man, dadurch am Atmen behindert, womöglich der Gefahr des Erstickens ausgesetzt wäre. Meine Mutter spielte auf die reife Schwere des nachbarlichen Busens an, indem sie uns vorspielte, wie ihr die Frau vom O. einmal Verdauungsprobleme geschildert hatte. Meine Mutter stand auf, ließ ihre flache Hand um den Nabel kreisen und sagte, die leise raue Stimme der Frau vom O. nachahmend, es täte ihr da unter der Brust so weh.
Die Frau vom O. hat ihren Stolz, sie lässt sich nichts schenken, außer alten Zeitungen und Romanheftchen, die nimmt sie gerne. Einmal schenkte ihr meine Mutter Winterstiefel, weil sie sich selbst neue gekauft hatte, modernere. Doch die alten waren noch gut, zu schade zum Wegwerfen. Die Frau vom O. hat sie angenommen, gesehen haben wir sie nie an ihren Füßen. Vielleicht hat sie sie in eine Schachtel gepackt und unter das Bett oder in die Kredenz gestellt, falls sie sie doch einmal braucht. Meine Mutter hat das gestiert (geärgert), dass sie diese noch guten Stiefel nicht trug. Wenn sie das vorher gewusst hätte, hätte sie sie behalten, denn für Schiach wären sie noch lang gut gewesen.
Wenn meine Mutter am Freitag eine Mehlspeis (Kuchen) backte und der Frau vom O. zwei Stück davon anbot, sagte die Neindanke, sie könne selbst backen. Hin und wieder hängte ihr meine Mutter zwei Stück Gugelhupf oder Ähnliches in einem Sackerl (Tüte) an die Türschnalle (Türklinke), die Frau vom O. hängte es zurück an unsere Tür. Und wenn meine Mutter Pech hatte, war sie noch dazu pikiert. Das äußerte sie, indem sie meiner Mutter aus dem Weg ging und wegschaute, wenn die beiden sich trotzdem begegneten. Es dauerte, bis meine Mutter endlich begriff, dass ihre gut gemeinten Gaben als beleidigende Almosen aufgefasst wurden. Bemerkenswert ist, dass meine Mutter nie auf die Idee kam, das Ehepaar O. zu uns einzuladen, was aus meiner heutigen Perspektive naheliegend gewesen wäre, wenn man jahrelang so nah bei-
einander wohnt. Das kam aber nicht in Frage, denn das Ehepaar O., das wa-ren fremde Leute und anders geartet als wir. Und kommen würden sie eh nicht, weil sie sich ja nicht mit einer Gegeneinladung revanchieren könnten, allein aus Platzgründen nicht. Auch später, als die Frau vom O. schon seine Witwe war, wurde sie nie zu uns gebeten; schon gar nicht an Weihnachten – denn Weihnachten ist ein Familienfest.
Der Haushalt der Frau vom O. ist klein und schnell getan, weshalb sie bereitwillig Putz- und Gartenarbeiten für Ama erledigt. Und Ama schickt sie gern einkaufen, denn Großvater Jo, der willig, wenn auch nicht freiwillig, Küchendienst verrichtet, verhält sich beim Einkaufen störrisch. Er kommt lange nicht zurück und dann bringt er das Falsche mit, statt einem Kilo
Äpfel zwei Kilo Birnen, statt der Glühbirne eine neue Nachttischlampe, statt Semmeln dunkles Brot. Plausible Begründungen für sein langes Ausbleiben und seine etwas anderen Einkäufe hat er, aber Ama will frische Semmeln und kein Schwarzbrot, auch wenn er dessen Kauf begründen kann. Die Frau vom O. erledigt die Einkäufe schneller und bringt nicht nur genau das Verlangte, sondern auch Neuigkeiten aus der Stadt mit. In ihr hat Ama ein billiges Dienstmädchen gefunden, nach ihr hören wir sie regelmäßig durchs Haus rufen. Sie rief freilich nicht Frau O., sie rief selbstverständlich deren vollen Namen, den ich an dieser Stelle verrate, denn er ist so schön passend im Sinne des nomen est omen. Frau Orthelfer!, rief Ama nach ihrer Helferin. Laut rief sie es von unten nach oben und rief noch dazu, sie möge doch kurz kommen. Und die Frau Orthelfer öffnete oben ihre Tür und rief: I kumm glei!
Meine Mutter fand diese Hin-und-Her-Schreierei unmöglich – kein Benehmen habe meine Großmutter, ihre Schwiegermutter; die Frau Keidel, mei-ner Mutter Ex-Arbeitgeberin in Wien, hätte so etwas nie – niemals gemacht. Überhaupt gebärde sich Ama immer so laut im Haus. Nachdem sie mit ihrer Küche in Kathis Zimmer hinter dem Ortgang umgezogen ist, hören wir sie häufig durch den langen Flur hin und her stöckeln (sie trägt schwarze halbhohe Stöckelschuhe mit Schnürsenkel), und alle paar Tage ruft sie dabei laut und in für sie ungewöhnlich hoher Tonlage Hatschi. Sie muss niesen. Sie tut es in Serie und mit Genuss, einmal auf dem Hinweg und einmal auf dem Rückweg, oder sie niest zweimal auf dem Hinweg und keinmal auf dem Rückweg, oder dreimal auf dem Hinweg und noch einmal – ich hör schon auf. Es ist meiner Mutter ein Rätsel, warum die gerade immer im Flur niesen muss, und es
ärgert sie. Ich glaube, die Hausgespenster hat es auch geärgert und sie haben sich wegen des forschen Taktak-Gestöckels und der herzhaften Hatschis meiner
Großmutter aus dem dunklen Vorhaus, diesem Gruselgang, in den noch dunkleren Keller zurückgezogen.
Wenn Ama also nach der Frau Orthelfer schrie, empörte sich meine Mutter: Wos wü sie denn jetz scho wieda von da Orthöferin? Wenn man Frauen nachnamentlich erwähnte, hängte man oft ein In an – ganz modern, oder? Man sagte nicht, gestern habe man die Frau Pichler gesehen, sondern gestern habe man die Pichlerin gesehen. Und so nannten meine Mutter und Ama die Frau vom O. familienintern die Orthöferin; aus der Helferin wurde auf Steirisch eine Höferin, wodurch das nomen es omen nicht mehr stimmt.
Die Orthelferin steht gern am Ortgang, lieber noch steht sie vor der Haustür an der Alten Straße. Sie steht da und schaut, wer vorbeigeht. Sie freut sich, wenn sie angesprochen wird und ein wenig Unterhaltung hat – was Neues erfährt. Neuigkeiten schnappt sie außer beim Einkaufen auch bei ihren Kirchgängen auf, vor der Kirchentür, versteht sich. Sie weiß Bescheid über Hochzeiten Schwangerschaften Geburten Unfälle Todesfälle Begräbnisse, und sie erzählt alles meiner Großmutter und meiner Mutter weiter, sie ist unsere Lokalreporterin. Was die Schwangerschaften und die Geburten betrifft, interessieren besonders die unehelichen. Und von denen sind wiederum diejenigen am interessantesten, bei denen der Vater des erwarteten oder schon vorhandenen Kindes nicht bekannt ist. Da darf spekuliert werden nach Herzenslust. Und wenn es gelingt, den Verdacht auf einen biederen Familienvater aus unserer kleinen Stadt zu lenken, wird es wirklich aufregend, der Verdächtigte und seine Ehefrau werden gründlich durchgehechelt. Ein Dschrawodln im Sinne eines Konsensplauschs ist das nicht, mehr ein Tratschen, bei dem die Meinungen geteilt sind und bleiben.
Wenn mein Vater am Nachmittag heimkommt und sich zum aufgewärmten Mittagessen setzt, setzt sich meine Mutter zu ihm und erzählt: Stöi da vur, wos ma die Orthöferin dazöit hot: Die Putzi Meier – keinnst eh –, dei hot a Kind kriagt! Und stöi da vur, wos die Leit reidn: Da – sie schaut zu mir und flüstert ihm einen Namen zu –, der sui da Vota sein. Na, deis glab I oba net! (Übersetzung:
Stell Dir vor, was mir die Orthelferin erzählt hat: Die Putzi Meier hat ein Kind gekriegt. Und stell Dir vor, was die Leute reden: Der … soll der Vater sein. Das glaub ich aber nicht!) Mein Vater hört sich das an und kommentiert es mit: Jojo, die Leit reidn vü. Die Leute reden viel, das Thema uneheliche Kin-der ist nicht so sein Interessensgebiet. Meine Mutter lässt sich nicht aus dem Konzept bringen, sie ergeht sich jetzt im Aufzählen von Argumenten gegen die Annahme einer Vaterschaft des von den Leuten verdächtigten Herrn und sie ergeht sich weiter in Spekulationen über Alternativen. Mein Vater schaut in die Gegend, kaut sein Essen, denkt an dies und das und dann und wann wirft er meiner eifrigen Mutter ein A-geh-a-sou-a-Bledsinn! (Blödsinn!) entgegen. Oder er bemerkt, wenn sich meine Mutter zu sehr ereifert, dass das alles, gemessen an den Dimensionen des Universums, doch völlig unwichtig sei. Diesen Vergleich brachte er öfters einmal, daran habe ich mich erinnert, als ich den Buchtitel las: Letztendlich sind wir dem Universum egal.
Oje, jetzt bin ich von unserer Gerüchteküche bis ins Universum gekommen und war doch noch gar nicht fertig mit der Führung durch die Thorburg. Her mit dem roten Faden und weiter geht’s!
Wir verlassen den Oberstock, wo wir so lange hängen geblieben sind, und gehen über eine gerade Treppe nach oben in die vierte Ebene des Hauses, in den Dachboden mit den Wäscheleinen. Gleich nach der Treppe steht rechts an die Giebelwand des Hauses gebaut ein Holzhäuschen mit Flachdach, eine hölzerne Schachtel. Darin befindet sich ein Dachstübchen, in das irgendwann Amas verwitwete Schwester, meine Großtante Mitzi, und ihre etwa dreizehnjährige Tochter Mitzi eingezogen sind, und zwar aus dem gleichen Grund, weshalb des Großvaters Bruder damals mit seiner Familie ins Weiße Haus im Feenthal eingezogen ist. Auch die alte und die junge Mitzi befanden sich in einer wirtschaftlichen Notlage. In diesem Fall war es kein Blitzschlag in eine Kuhherde, sondern der Tod des Ehemannes – ein liederlicher Trinker, der die Tante mittellos zurückgelassen.
Die junge Mitzi geht noch zur Schule. Sie hat braunes Haar von der Farbe frischer Rosskastanien, das ihr bis zu den Oberschenkeln reicht. Sie hat es in zwei dicke Zöpfe geflochten, die sie über die Schultern nach vorne legt und mir zum Spaß miteinander verknotet. Hochstecken kann sie das Haar nicht, dazu ist es zu schwer. Alle vier bis acht Wochen wird es gewaschen, an einem Sonntagvormittag, damit es vor dem Schlafengehen trocknen kann, das ist vor allem im Winter wichtig. Meine Mutter hilft der Großtante bei dieser Arbeit. Ich will auch helfen, aber es heißt: Geh, geh dauni! Und lieber aufpassen soll ich, dass ich nicht nass werde. Ama ist auch mit von der Partie, sie und ich, wir sitzen auf dem einzigen Bett im Raum und schauen zu. Setzen Sie sich zu uns, liebe Leser – nein, bitte nur einer!
Schon vorher ist kübelweise (meine Mutter und Ama haben dafür Kübel zur Verfügung gestellt) Wasser vom Hausbrunnen ins Stübchen geschleppt und der Holzfußboden mit alten Wochenschauen (von der Frau Orthelfer, schon gelesen) ausgelegt worden. Jetzt schöpft die Großtante mit einem Krug heißes Wasser aus dem Schiff im Herd und gießt es in die Lavur, die auf einem Stockerl in der Mitte des Raumes steht. Anschließend schöpft sie kaltes Wasser aus dem Kübel und schüttet es dazu bis die Temperatur passt. Die junge Mitzi sitzt, oben herum nur mit einem Hemdchen bekleidet, auf einem Stuhl vor dem Stockerl. Sie beugt sich nach vorne und lässt ihr Haar kopfüber in die Lavur hinunterfallen. Weil sie so ihr Haar nicht zur Gänze nass machen kann, wird ihr noch von oben aus dem Krug lauwarmes Wasser über den Kopf gegossen. Jetzt werden Kopfhaut und Haar gründlich mit Schichtseife – Shampoon gibt’s hier nicht – eingeseift, und die beiden Frauen, die Großtante und meine Mutter, eine rechts und eine links, reiben und drücken und wringen das Haar wie ein Stück Wäsche. Die junge Mitzi jammert dazu, weil ihr trotz eines um den Hals gelegten Handtuchs Wasser in die Ohren und über Schultern und Brust rinnt. Das kitzelt und brennt, behauptet sie. Danach wird die Seife gründlich ausgespült. Aus dem Krug wird dreimal lauwarmes Wasser über den Kopf gegossen und dem letzten Spülgang mit kaltem Wasser – da schreit die junge Mitzi auf – wird Essig beigegeben, für den Glanz. Nach dem Waschen und nach jedem der Spülgänge wird das gebrauchte Wasser in den Schmutzwasser-Kübel geleert. Und jedes Mal, wenn der voll ist, geht meine Mutter damit hinunter vors Haus und entleert ihn in den Straßengraben. Zum Schluss wird das Haar mit einem am Herd angewärmten Handtuch möglichst trocken gerubbelt und anschließend ölt die alte Mitzi der jungen Mitzi die Kopfhaut mit Klettenwurzelöl ein – für den gesunden Haarwuchs. Dann wird das Haar unter beidseitigem Gezeter mit einem Kamm frisiert, und die junge Mitzi setzt sich mit einer Illustrierten an den Herd oder in den Garten, je nach Wetter und Jahreszeit.
Liebe Leser, vielleicht hat Sie das Lesen dieser Prozedur, das erlesene Zu-schauen, gelangweilt, aber ich hoffe, Sie haben dadurch eine Vorstellung davon bekommen, wie umständlich und zeitaufwändig gewöhnliche Verrichtungen in den Fünfzigerjahren sein konnten. Sie füllten das Alltagsleben der Menschen aus, weshalb sie des Fernsehens und dergleichen Zerstreuungen noch nicht bedurften.
Irgendwann freilich wurde den beiden Mitzis diese Reinigungsprozedur zu umständlich, das Haar wurde abgeschnitten: moderne Kurzhaarfrisur. Auf die war die junge Mitzi stolz, und froh war sie, die Last vom Kopf zu haben. Ich war traurig über den Verlust ihrer Haare, denn ich war stolz darauf gewesen, eine Verwandte mit Haaren wie Rapunzel zu haben. Nur einmal noch habe ich so lange und dichte rotbraune Haare gesehen, bei Marcia in Chile. Marcia mussten die Haare abgeschnitten werden, weil sie so schwer waren, dass sie ihr den Kopf nach hinten unten zogen und dadurch Kopfschmerzen verursachten. Über Kopfschmerzen hat die junge Mitzi nie geklagt, woraus ich schließe, dass sie keine hatte. Das verdankte sie womöglich ihrer verhältnismäßig großen Nase, deren Gewicht dem Gewicht ihrer Haare entgegenwirken konnte. Das ging bei Marcia nicht, denn die hatte eine Nase wie Kleopatra, die legendäre Königin mit der hübschen Nase. Und diese so zierliche Nase konnte ob ihrer Leichtigkeit die Schwere der Haare nicht ausgleichen, Marcias armer Kopf wurde ungebremst nach hinten unten gezogen.
Nebenbei bemerkt: Die Mitzi und die Marcia gehörten zu den weiblichen Wesen, deren Haare so prachtvoll sind, dass ich die Sitte, sie mit einem Tuch zu bedecken, damit ihre erotische Strahlkraft die Männer nicht verwirre, nachvollziehen kann.
Es war kein bequemes Wohnen dort oben unter dem Dach, es war eine Notlösung, bis man was Richtiges fände. Ich aber ging gerne zu den beiden Mitzis, ich fühlte mich wohl bei ihnen im Shabby Chic-Dachstübchen mit Herd Kredenz Kleiderkasten Tisch Stuhl Stockerl und dem einen Bett, das sie sich teilen mussten.
Hier nun, liebe Leser, ist meine Führung durch die Fünfzigerjahre-Thorburg zu Ende. Wir haben uns Räume und Leute angeschaut und ein wenig von deren Alltag erfahren. Wie ich es schon für das Feenthal beschrieben habe, hatten auch hier alle einen annähernd gleichen Lebens-Rhythmus: das Wäschewaschen am Montag und am Dienstag, das Flicken und Bügeln am Mittwoch und Donnerstag, das Putzen am Freitag, das Backen mit seinem Wohlgeruch am Samstag, und am Sonntag – die Stille. Und in den Nächten schliefen selbst die Halbwüchsigen. Am Samstagabend spät heimkommen hieß gegen Mitternacht. Das ist die Zeit, wo die jungen Leute heute weggehen, denn: Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da, die Nacht ist da, dass was geschieht …
Also wenn das möglich wäre, würde ich Ihnen dieses fröhliche Lied zum Abschluss des Kapitels vorsingen.
Drittes Kapitel
Auf d’Nacht und in da Nacht
Die Großmutter trägt Zöpfchen und dem Großvater entfallen die Zähne, ich verteile meine Kleider und schlafe darüber ein, eine Königstochter isst Delikatessen, russische Silvester, eine rassige Person; meine Eltern gehen auf den Ball, anfangs mit und dann nur noch ohne T.Resa, und warum dies, erzählt mir meine Mutter; sie erzählt mir auch sonst noch allerhand von Seinerzeit, und so weiter – zum Beispiel: ich – äh, pinkle auf Mehlspeisen
Der späte Nachmittag, der Vorabend, begann bei uns um fünf Uhr. Um sechs Uhr gab es das Abendessen. Den anschließenden Zeitraum bis zum Schlafengehen um acht Uhr nannten wir nicht Abend, sondern auf der Nacht – kürzer: auf d’Nacht. Auf d’Nacht ging man an gewöhnlichen Tagen nicht mehr aus dem Haus.
Bald nach unserem Umzug in die Thorburg bildete sich ein abendliches Ritual heraus: Ich ging nach dem Abendessen – es war in der Regel ein Abendbrot –
einen Stock tiefer zu den Großeltern. Die saßen am Tisch im Wohnzimmer und spielten Schnapsen, dieses Wirtshaus-Kartenspiel. Häufig gewann der Großvater; weil er besser schummeln kann, behauptete Ama. Wenn sie sein Schummeln bemerkte, rief sie empört: Jo, Schnecken! (mit Jo meinte sie Ja, nicht meinen Großvater). Bei diesen Schnecken handelt es sich nicht um die im Garten kriechenden, sondern um die Mehrzahl von Schneck, womit im Osten Österreichs ein Stück verdickter Nasenschleim (Raunga Rammel Wuzl Popel) bezeichnet wird (Robert Sedlaczek). Der Ausruf Schnecken bedeutet, etwas sei nichtiger Nasendreck, ein Nichts, durch die Verwendung der Mehrzahl zu einem totalen Nichts gesteigert. Wenn meine Großmutter Schnecken rief, meinte sie: Nichts da! Das gilt nicht! Da wird nichts draus! Und in Konsequenz: Ich lass mich von dir nicht beschummeln! Der Großvater grinste vergnügt in sich hinein.
Wenn ich bei ihnen ankomme, nehme ich alsogleich einen Kamm und zwei Bürsten, eine normale Haarbürste und eine Babybürste, aus der Stofftasche, die unter dem Spiegel in der Nische zwischen Kachelofen und Kredenz hängt, und lege sie rechts von Ama auf den Tisch. Aus der Blechdose, die in der Nische der Kredenz steht, nehme ich Schleifen Kämmchen Haarspangen Haarklammern Haarnadeln Gummiringe und lege sie dazu; dann stelle ich mich hinter Ama und gehe ans Werk. Als erstes entferne ich die u-förmigen Haarnadeln aus ihrer Nackenrolle, löse eine Art borstigen Lockenwickler heraus und lege ihn in die Blechdose. Ich fasse diesen Rollenfüller mit Widerwillen an, denn er enthält Verunreinigungen, deren nähere Beschreibung ich mir und Ihnen, liebe Leser, hier nicht antue. Als nächstes nehme ich die normale Bürste zur Hand und beginne vorsichtig Amas schwarzes schulterlanges Haar zu bürsten, und Ama beginnt zu gurren und zu schnurren, um mir zu signalisieren, welches Behagen ihr diese Berührung bereitet. Vielleicht, denke ich heute, waren es die einzigen Streicheleinheiten, die sie erhielt, denn wer streichelt schon eine alte Frau. Was sage ich da: alte Frau? Sie war damals jünger als ich es jetzt bin, kaum sechzig. Und selbstverständlich bin ich keine alte Frau; schon erstaunlich, dieser Unterschied, meinen Sie nicht?
Wenn ich finde, dass ich Ama lange genug gebürstet habe, tausche ich die Bürste gegen den Kamm. Mit dem ziehe ich ihr einen Mittelscheitel, teile ihr Haar und flechte zwei dünne Zöpfe oder, wenn es besonders lustig sein soll, vier ganz dünne. Die binde ich an den Enden mit Gummiringen und klammere oder stecke sie mit den u-förmig gebogenen Nadeln zu einer Gretlfrisur hoch. Oder ich flechte nicht, sondern ich binde mithilfe von Schleifen zwei Schwänzchen, eines über dem rechten und eines über dem linken Ohr, und nenne meine Großmutter Pipi Langstrumpf; oder ich binde ihr einen Pferdeschwanz und nenne sie eine kesse Göre (diesen Ausdruck habe ich aus der Zeitschrift Bravo); oder ich lasse ihr das Haar offen hängen, stecke hier und da ein Kämmchen hinein und sage, mit der Frisur könne sie auf den Ball gehen. Jaja, auf den Federnball (ins Bett) lacht sie. Ich flechte und klammere und stecke und binde und begutachte sie jeweils von allen Seiten – perfekt. So irgendwie zurechtgemacht lasse ich sie sitzen, nehme die Babybürste zur Hand und wechsle meinen Standort. Ich stelle mich hinter den Großvater, nehme ihm die Pullmankappe ab und bürste seine Glatze und die Härchen drumherum. Zum Abschluss der Bürsterei suche ich sein Narbenschüsselchen am Hinterkopf, taste mit dem Zeigefinger die Ränder ab und kann es nicht lassen hineinzutasten. Da erfühle ich unter der dünnen Haut dieses Loch im Knochen und es graust mir. Schnell ziehe ich meinen Finger zurück. Mein Großvater setzt sich seine Pullmankappe wieder auf und rückt sie zurecht. Ich wechsle abermals meinen Standort, stelle mich erneut hinter die Großmutter und befreie sie von Klammern, Kämmchen und so weiter, löse Verflechtungen und Bindungen und bürste das Haar noch einmal für eine Weile. Für die Nacht bleibt es dann so – offen.
Nicht immer werde ich die noch herumliegenden Frisierutensilien weggeräumt haben, denn um Viertel vor acht wird oben im ersten Stock unsere Wohnungstür geöffnet und meine Mutter ruft nach mir, das bedeutet: Zeit zum Schlafengehen. Ja, meine Mutter schreit mich herbei, obwohl sie Amas Herbeischreien der Orthelferin so unhöflich, ja unmöglich findet. Scheint’s, dass im Umgang mit Kindern die zwischen Erwachsenen geltenden Höflichkeitsregeln nicht gelten.
Ich gebe Ama ein Eili – bei einem Eili wird die Wange kurz an die Wange des Gegenübers gelegt, damals eine Geste der Liebkosung zwischen Menschen, die sich nahe stehen. Vergesse ich, weil in Eile, das Eili, fordert sie es ein. Gib a Eili, sagt sie und hält mir ihre weiche Wange hin. Nach dem Eili steht sie auf, wendet sich zur Kredenz, nimmt den Deckel von der Porzellandose und entnimmt ihr ein Bettsteigerl (Betthupferl). Das überreicht sie mir, wenn ich vom Eiligeben beim Großvater auf dem Weg zur Tür wieder an ihr vorbeikomme. Ich sage Danke und Gute Nacht, stecke mir das Bettsteigerl in den Mund und gehe nach oben. Dort muss ich mich waschen und für die Nacht umziehen, um acht Uhr soll ich im Bett liegen. Bei uns wurde früh schlafen gegangen, einmal, weil mein Vater schon um halb fünf aufstehen musste, und zum anderen, weil meine Eltern ausreichenden Schlaf als eine notwendige Voraussetzung für Wohlbefinden und Gesundheit erachteten.
Die Großeltern gingen nicht so früh schlafen. Sie verbummelten die Abende bei Kartenspiel Lektüre Kreuzworträtseln und Radiohören. Wie schon früher einmal erwähnt, war Großvater Jo abends hin und wieder aushäusig, und hin und wieder blieb er aushäusig und Ama bereitete ihm bei seiner Heimkehr am nächsten Tag einen lautstarken Empfang: Schrei-Zack-Klescha.
An den Abenden seiner Aushäusigkeit war sie jedoch keinesfalls schlecht gelaunt. Wenn ich gegen halb sieben nach kurzem Anklopfen das großelterliche Wohnzimmer betrat, saß sie am Tisch und löste ein Kreuzworträtsel. Ich fri-sierte sie, sie blätterte in einer Illustrierten und las mir das eine oder das andere daraus vor. Danach spielten wir Mikado. Da muss man aus einem Haufen von einundvierzig Stäbchen, die wie hölzerne Stricknadeln aussehen, eines herausholen und darf mit dem Herausholen von Stäbchen so lange fortfahren, bis dabei ein Stäbchen, das man gerade nicht herausholen will, auch in Bewegung gerät. Da muss man aufhören und der andere kommt dran. Jedes Stäbchen hat einen bestimmten Punktwert und wer am Ende, wenn der ganze Haufen abgeräumt ist, mehr Punkte hat, ist der Sieger. Es geht hier um Fingergeschicklichkeit, Aufmerksamkeit und Konzentration. Wir spielen schweigend. Nur die Pendeluhr redet ihr igga-igga-igga (oder iggá-iggá-iggá – so oder so kann ich es hören) in die Stille hinein, und wenn sich ein Stäbchen durch das Niederdrücken eines Endes mit dem rechten Zeigefinger am anderen Ende hochschwingt, sodass es mit der linken Hand vorsichtig abgehoben werden kann, gibt es ein leises Sirren von sich. Und freilich, immer wenn sich ein falsches Stäbchen bewegt, schreien wir beide auf.
Einmal kam der Großvater vom Besuch bei den Freunden schon nachts nach Hause und es war ihm schlecht. Er erbrach sich und mit seinem Mageninhalt entfielen ihm auch seine Zähne und plumpsten ins Plumpsklo (kleine Sünden straft der liebe Gott sofort), und plumpsten weiter durchs lange Rohr nach unten bis in die Jauchengrube im Garten. Weil mein Großvater ein sparsamer und eher armer Mann war und am Vertrauten hing, schöpfte er am nächsten Tag mit einem großen hölzernen Schöpfer die Jauche aus dem betonierten Schacht unter der Gartenstiege und entleerte sie in den vorfrühlingshaften Garten. Meine Mutter und ich standen am Fenster und schauten ihm zu, am Fenster unter uns stand die schadenfrohe Ama, die uns bereits über den Zweck des großväterlichen Tuns aufgeklärt hatte. Meine Mutter schimpfte über diese Sauerei, abgesehen vom Gestank sei das verboten wegen der krank machenden Keime. Aber sie ging nicht hinunter und wies ihn zurecht. Nein, tat sie nicht, denn der Großvater, stur wie er war, hätte bestimmt ungerührt weiter in der Scheiße gerührt. Als er sein Gebiss endlich fand, hatte er schon die halbe Jauchengrube ausgeschöpft. Die andere Hälfte ließ er jetzt drin, gab die hölzerne Abdeckung wieder in den Betonrahmen und lehnte den Schöpfer in die Ecke. Sein Gebiss klaubte er auf – Pfui Deifl!, rief meine Mutter am Fenster dazu –, wickelte es in dafür bereitgelegtes Zeitungspapier und trug es nach oben. Er wusch es unter dem fließenden Wasser am Hausbrunnen, kochte es anschließend zur Desinfektion in Wasser aus und setzte es mit einem Klack wieder ein. Pfui Deifl, sagte meine Mutter viele Male, als sie meinem Vater am Abend vom Verlieren, Suchen und Wiederfinden, und von der Wiederverwendung des Gebisses erzählte.
Ja, bei uns ging es noch irgendwie mittelalterlich zu: hinterm Haus die Scheiße und vorm Haus die Pisse. Denn angeblich, so das Gerücht, wurde vom ersten Stock des Hauses neben uns allfrühmorgendlich der Inhalt eines Nachttopfes auf die Alte Straße entleert.
Mein Vater war auf d’Nacht bis auf sehr wenige Ausnahmen (Betriebsausflüge) nie allein aushäusig. Meine Eltern gingen gleich nach mir gegen halb neun zu Bett. Ob sie da schon schlafen konnten? Ich jedenfalls lag meist noch lange wach und lauschte den in unregelmäßigen Abständen vorbeifahrenden Autos hinterher. Lesen durfte ich nicht, als Unterhaltung blieb mir das Den-ken. Ich erfand mir Denk-Spiele.
Bei einem Denkspiel sortierte und zählte ich meinen Gewandbestand: Unterhemden Unterhosen Strümpfe Schals Hauben Pullover Röcke Kleider. Ich legte alles nebeneinander, versammelte arme nackte Kinder um mich und kleidete sie damit ein. Dann ließ ich sie wie bei einer Modenschau an mir vorbeidefilieren, arrangierte hier und da etwas um und zählte mit, wie viele ich hatte einkleiden können. Wenn ich dabei nicht einschlief, führte ich die nun Bekleideten zu einer (tatsächlich existierenden) Holzhütte im Feenthal, die ich mit Möbeln aus unserem Mobiliendepot ausstattete, und mit Geschirr aus unserer Kredenz, und mit Decken und Kissen, die brauchten sie ja auch. Ich verteilte mein und unser Weniges und es erfüllte mich mit Behagen, wie viel es war, darüber schlief ich ein.
Ein anderes Denkspiel war das Schön-Denken, wie ich es bei mir nannte; in einer Version entrückte ich mich in eine Villa am See. Dort wandle ich in prächtigen Kleidern durch prächtige Räume und habe jede Menge Hauspersonal. Ein attraktiver Mann besucht mich, er sieht aus wie Gerhard Riedmann oder wie mein aktueller Schwarm vom Eislaufplatz oder ganz anders – aber immer attraktiv. Mit dem Mann spaziere ich um den See. Wir plaudern, er legt seinen Arm um mich, zieht mich an sich, beugt sich zu mir herab und legt seine Lippen auf die meinen. So stehen wir da, lange. Ich sinke an seine breite Brust, wir seufzen und stehen immer weiter so da, bis ich einschlafe. Wenn ich nicht einschlafe, muss ich die Szene wiederholen, wenn nötig mehrmals und etwas variiert.
Ein ganz anderes Denkspiel war das Schlimm-Denken. Da dachte ich mir zum Beispiel aus, dass ich in die Konditorei Weiss ginge und mich dort ganz unmöglich verhielte. Nämlich wie? Ja so: Ich stelle mich breitbeinig vor die Vitrine und entlasse wie ein Bub einen frechen Strahl auf die dort liegenden Mehlspeisen mit Rauchgeschmack – im Klartext: Ich pinkle drauf. Eigentlich ja höchstens eine lässliche Sünde, aber ein Tabubruch vom Feinsten. Und der Hauptspaß dabei sind die entsetzten Gesichter um mich herum, die aufgerissenen Augen und Münder, die Schreie voller Ekel und Abscheu. Ha, denen hab ich’s gezeigt! Ähnliches, vermute ich, haben die Wiener Aktionisten (Otto Muehl u. a.) bei ihrer Uni-Ferkelei am 7. Juni 1968 empfunden. Freilich, ihre Provokation war Kunst, meine nur eine phantasierte Ferkelei, weshalb ich mich nicht als eine Vorläuferin des Wiener Aktionismus bezeichnen kann.
Kürzlich erzählte mir meine Freundin Monika, dass sie eine Zeit lang, auch etwa im Alter von zehn Jahren, von der Vorstellung verfolgt wurde, bei einem Gottesdienst nackt durch den Mittelgang zu rennen. Ein richtiger Zwangsgedanke sei das gewesen, verbunden mit der Angst, es eines Tages wirklich zu tun. Natürlich hat sie es nie getan, wie auch ich nie auf Mehlspeisen gepinkelt habe – weder auf verrauchte noch auf nicht verrauchte, weder öffentlich noch privat.
Schön-denken, Anders-denken. Denken war Flucht in den Kopf, in die Freiheit (Ulla Hahn), das hatte ich wohl nötig angesichts der deprimierenden Situation um acht Uhr abends fremdbestimmt im Bett liegen zu müssen.
Ich erinnere mich noch an ein mittägliches Denkspiel. Wenn ich während der Woche mittags nur mit meiner Mutter zu Tisch saß, hatte sie sich im Nu abgespeist. Sie stand auf, räumte ihren Teller und ihr Besteck ab, begann hin und her zu gehen und dies und das zu tun. Ich saß weiter am Tisch mit der Aufgabe aufzuessen, damit hatte ich aber nicht selten Schwierigkeiten. So wie sich das Tor zum Schlafen nicht öffnen wollte, so wollte sich hier mein Hals nicht öffnen, es war da so eine Enge, das Essen konnte kaum durchrutschen. Da begann ich zu spielen.
Als erstes sortierte ich mein Essen auseinander – ein Häufchen Kartoffel, ein Häufchen Gemüse, ein Häufchen Fleisch. Als nächstes schuf ich innerhalb der jeweiligen Häufchen Muster – einen Kreis, eine Schlange, ein Viereck, dabei aß ich schon etwas auf, damit es passte. Und jetzt dachte ich mir, dass ich eine Königstochter bin – immer Tochter, nie Königin (die ist tot) – und dass auf meinem Teller die erlesensten Speisen liegen. Mein Vater, der König (Astrid Lindgren), hat seine Diener in aller Herren Länder geschickt, um diese Delikatessen zu erwerben; denn das Beste ist gerade gut genug für mich, die ich krank bin an Leib und Seele (warum, das spielt hier keine Rolle) und gesund werden soll. Ich sitze da und spieße jede Erbse einzeln auf die Gabel, führe sie mir bedächtig zum Mund, lege sie mir auf die Zunge und lutsche sie, sie schmeckt golden. (Wie Gold schmeckt? Gold schmeckt fantastisch!) Ich zelebriere ein Mahl der Kostbarkeiten. Mein Vater, der König, sitzt bei mir und schaut mir lächelnd zu, und um uns steht der Hofstaat und schaut mir ebenfalls lächelnd zu. Alle freuen sich, dass ich esse und also nicht sterben werde. Nur meine Mutter, die keine Ahnung hat von goldenen Erbsen, schüttelt den Kopf und jammert, auf diese Weise würde ich nie fertig werden, und überhaupt, alles sei ja schon ganz kalt, wie ungesund! Dann verlässt sie mich, geht ins Wohnzimmer oder hinunter zum Ortgang, weil sie mir im Unterschied zu König und Hofstaat bei solchem Essen nicht zuschauen möchte.
Wenn ich woanders aß, hatte ich nie Probleme mit dem Schlucken. Es kam vor, dass ich bei meinen täglichen Besuchen der Großeltern noch in deren Abendessen hineingeriet, das sie vor dem Kartenspielen einnahmen. Ama stellte mir dann einen Teller hin und ich durfte mitessen. Hunger hatte ich eigentlich keinen mehr, aber bei ihnen zu essen war interessant. Es gab eine kalte Platte mit Schinken und Wurst und Käse und Essiggurken und von Ama selbst zubereitete Salate: Kartoffelsalat mit Zwiebeln, Gurkensalat mit Zwiebeln, Bohnensalat mit Zwiebeln – keine Blattsalate, das war ihr zu viel Arbeit mit dem Putzen und dem Waschen. Amas Salate waren Erlebnissalate; wenn ich sie aß, reisten meine Geschmacksnerven durch unerwartete Sensationen: Im Sauren überraschte ein süßes Inselchen, im Wässrigen ein scharfer Knall, durchs Ölige zog sich eine salzige Spur. Ein dissonantes Miteinander war das – Öl Essig Salz Pfeffer Paprika und andere mir unbekannte Zutaten. Ich wurde von Geschmacksempfindung zu Geschmacksempfindung geworfen, salatlang ins Ungewisse hinein. Im Vergleich dazu waren die mütterlichen Salate in ihrer süßsauren Harmonie langweilig. Meine Mutter fand die Salate ihrer Schwiegermutter selbstverständlich fürchterlich. Die haue da einfach alles Mögliche drauf und mische das Ganze nicht einmal durch – zu faul dazu! Und obendrauf diese grob geschnittenen Zwiebeln – grauslich! Meine Mutter schüttelt sich; was würde sie erst zu den Salaten von Gregs Opa gesagt haben: Bohnen, Gurken und ein Haufen Kresse drauf, und das alles schwimmt in einer Schüssel voll Essig.
Es kam vor, dass mir abends im Bett ein wenig übel war, vielleicht vom doppelten Abendessen oder von Großmutters Zwiebel-Salat. Da war dann nix mit Denkspielen, da schlich ich mich zum Sekretär und öffnete die gläserne Schiebetür, wo im oberen Fach Mutters selbst Angesetzter stand. Dabei handelte es sich um einen klaren Korn auf Wacholderbeeren, Kalmuswurzel und ich weiß nicht was noch. Von diesem würzigen Schnaps nahm meine Mutter einen Schluck, wenn ihr der Magen drückte, oder wenn sie meinte das Herannahen einer Erkältung zu spüren. Irgendwann hatte ich herausgefunden, dass dieser Schnaps auch mir gegen Magenbeschwerden half und mir darüber
hinaus ein gewisses Wohlbefinden bescherte. Hätte ich nicht befürchtet, meine Mutter könnte – ja, würde den Schnapsschwund bemerken, hätte ich mir allabendlich einen Schluck aus der Bottle gegönnt. Meistens machte mich der Schnaps müde, hin und wieder machte er mich munter. Dann schlich ich mich abermals zum Sekretär, öffnete die gläserne Schiebetür und kramte von hinter den Büchern das Doktorbuch heraus. Damit ging ich zum Fens-ter, stellte mich zwischen Scheibe und Vorhang, betrachtete beim Licht der Straßenlampe die sich darin befindenden Bilder und las kreuz und quer im Text herum – ich schmökerte; schlau wurde ich nicht daraus. Zwischendurch schaute ich zum Fenster hinaus in die gähnende Leere einer Kleinstadt der Fünfzigerjahre, wo höchstens einmal einer eilig oder schwankend, oder eilig schwankend die Alte Straße hinunter ging, vom Wirtshaus nach Haus. Nicht immer, wenn mich der Schnaps munter gemacht hatte, ermunterte er mich zum Aufstehen. Nein, ab und zu blieb ich schnapslustig im Bett liegen und rezitierte Sprüche wie: Heut bei der Nacht hat der Bettpfosten kracht, ist der Scherm (Nachttopf) explodiert, sind die Mäus aufmarschiert; und das stellte ich mir lebhaft vor. Ich musste nur aufpassen, dass ich nicht zu laut lachte, das hätte womöglich meine Mutter herbeigerufen, die hätte gefragt, was los sei, und dabei meine Schnapsfahne errochen.
Sogar an Silvester gingen wir vor Mitternacht ins Bett, wozu aufbleiben? Ich durfte aber Radio hören, bis um zwölf Uhr die Pummerin vom Stephansdom ins Land läutete und der Donauwalzer erklang. Da liege ich also im Bett, während dort in Wien bildschöne Frauen in wunderschönen Ballkleidern in den Armen eleganter Männer zur inoffiziellen österreichischen Hymne tanzen. Da liege ich im Bett und bin nicht dabei – und niemals würde ich dabei sein. Ich werde sentimental und weine ein bisschen. Nach dem Donauwalzer erscheint meine Mutter im Nachthemd, sagt Prost Neujahr und schaltet mir das Radio aus. Jetzt lieg ich im Finstern, und während die Schönen und die Reichen weiter durch die festliche Neujahrsnacht tanzen, schlafe ich ein – schlaf ein …
Als wir später den Fernseher im neuen Wohnzimmer hatten (die Familie Trappl war ausgezogen und wir hatten uns räumlich ausgedehnt), feierten wir (meine Eltern und ich, die Großeltern und Frau Lauri, eine Bekannte) Silvester im Halbkreis um diese Attraktion. Wir tranken Russischen Tee mit Stroh-Rum und aßen Russische Eier auf Endiviensalat. Um Mitternacht beim Donauwalzer stießen wir mit einem Glas Sekt an, danach gingen unsere Gäste heim und wir ins Bett. Am ersten Januar aßen wir zum Frühstück am späteren Vormittag wieder Russisches, nämlich die Russen, das sind sauer eingelegte Heringe. Wir aßen sie als Mittel gegen den Kater, weil wir nachts ja ein Glas Sekt getrunken, und meine Eltern davor schon ein Glas Wein und einen Obstler.
Mit Silvester wurde die Faschingszeit und die Ballsaison eröffnet, und meine Eltern besuchten jedes Jahr mindestens einen Ball. Sie konnten mich jetzt mit den Großeltern im Haus ja bedenkenlos allein lassen.
Am Vormittag des Balltages ging meine Mutter zum Frisör, zur Frau Erna. Frau Erna war eine stattliche Person, vollschlank und sehr dunkel, mit schwarzen Locken, einem Bartflaum über der Oberlippe und Haaren an den hohen Bei-nen unter den Seidenstrümpfen mit Naht. Igitt! oder wööaa! wird sich jetzt der eine oder die andere denken, doch glauben Sie mir, liebe Leser, das ist Gewohnheitssache. Die heute angestrebte Ganzkörper-Haarlosigkeit bei Erwachsenen hätte man eher mit der rosaroten Nacktheit eines Hausschweins denn mit menschlicher Schönheit in Verbindung gebracht. Nur Haare auf den Zähnen fand man abstoßend, um eine damit Ausgestattete machte man lieber einen Bogen. Frau Erna wurde als rassig bezeichnet, sie hatte Sex-Appeal, wie man später im Zuge der Amerikanisierung unserer Sprache sagte. Sie war ein Augenschmaus, wenn sie in der Aura einer gewissen Distinguiertheit stolz einherschritt; und wenn sie mit samtiger Stimme sprach, war dies ein Ohrenschmaus und eine reizvolle Alternative zum harmlosen Zwitschern der Blondgelockten in den Filmen.
Nachdem die Haare meiner Mutter gestylt waren, eilte sie nach Hause und wärmte das Vorgekochte auf. Nach dem Essen hielten meine Eltern einen Mittagsschlaf, ein Vorausschlaf sollte das sein. Danach tranken sie echten Bohnenkaffee und meine Mutter legte die Ballkleidung zurecht, dabei gab es einiges zu besprechen. Zwar war die Auswahl nicht groß, aber ein paar Varia-tionen waren möglich: Welcher Selbstbinder (Krawatte), welches Hemd – das eine ist ein bisschen zu klein und das andere ist ein bisschen zu groß –, das schwarze Kleid oder der schwarze Rock mit der weißen Bluse, welche Halskette? Man wird es kaum glauben, aber sie diskutierten oft lange. Nach dem Abendessen rasierte sich mein Vater und meine Mutter schminkte sich: Augenbrauenstift und Lippenstift, Rouge für die Wangen und Puder für die Nase, damit diese in der Hitze des Balles nicht zu leuchten begänne. Zum Schluss tupfte sie sich etwas Tosca hinter die Ohren. Dann kleideten sie sich an. Um halb acht kamen T.Resa und Onkel F., auch schwarzweiß gewandet, um sie abzuholen. Und bevor sie nach Ermahnungen an mich, nicht zu lange aufzubleiben, feierlich gestimmt loszogen, genehmigten sie sich ein Stamperl Schnaps im Stehen.
Irgendwann wollte mein Vater nicht mehr mit T.Resa und Onkel F. auf den Ball gehen, das heißt eigentlich mit T.Resa wollte er nicht mehr. Zur Vermeidung des gemeinsamen Ballbesuchs produzierte er Kopfweh Magenweh Knieweh und dergleichen mehr Weh. Es war nämlich auf dem letzten Sängerball Folgendes passiert: Mein Vater tanzte mit T.Resa eine Polka, und während sie sich schwindlig drehten, habe meine Tante auf einmal laut Juchhu gerufen und meinen Vater wie toll ins Kreisrund gerissen, fast seien sie gestürzt. Mein armer Vater, ein krebsroter, von T.Resa gepeitschter Kreisel, wollte in den Boden versinken. Aber T.Resa, nun voll in Führung, habe noch einmal gejauchzt, schamlos in die staunende Hautevolee hinein – wohlhabende Geschäftsleute, Ärzte und Rechtsanwälte mit ihren Gattinnen. Die Gattinnen hätten pikiert geschaut (Was für ein Weib!) und die Männer grinsend (Was für ein Weib!). Da hat mein Vater beschlossen, nie mehr mit seiner Schwägerin zu tanzen. Aber freilich, bei einem gemeinsamen Ballbesuch hätte er dies als seine Pflicht angesehen; und selbst, wenn es ihm gelungen wäre, sich davor zu drücken, hätte sie ihn bestimmt bei der Damenwahl erwischt – so eine war das. Lieber also nicht mehr auf den Ball mir ihr, denn die Zähmung dieser widerspenstigen Tänzerin traute er sich nicht zu.
Diese Geschichte hat mir meine Mutter erzählt, und sie hat sie folgendermaßen kommentiert: Es stimme schon, dass die Tante tänzerisch zuweilen etwas wild werde und auch, dass sie vor Vergnügen jauchze, aber wenn mein Vater glaube, alle würden zu ihnen hinschauen und darüber reden, täusche er sich. Am Ball sei dermaßen ein Lärm und ein Gedränge, da wisse niemand so genau, wer gejauchzt hat; und dass ein Paar zu fortgeschrittener Stunde überdreht tanzt, sei üblich und nichts Besonderes. Ein paar werden halt geschaut haben, na und?
Die Stunde vor dem Abendessen, der Vorabend, war besonders im Herbst und im Winter meiner Mutter Nähstunde, und ich saß bei ihr. Wenn mein Vater im Schwimmbad (Hallenbad) oder allein auf Stadtrunde oder unten bei seinen Eltern war, gehörte diese Stunde uns beiden allein und meine Mutter erzählte mir, wie sie das schon im Feenthal getan hatte, gerne Geschichten von Seinerzeit.
Nicht selten höre ich Geschichten mehrmals, ganz gleich aber nie – meine Mutter variiert, schmückt aus, fügt neue, mir bis dahin unbekannte Details hinzu, verschiebt Handlungsschwerpunkte. Bei der Ballgeschichte etwa variiert sie die Anzahl der Jauchzer und die Größe der Gefahr, dass die beiden, mein Vater und die Tante, tatsächlich hingefallen wären. Sie erzählt mir von den Streitigkeiten ihrer Eltern, besonders eine Geschichte erzählt sie öfters, sie findet wohl, ich bin jetzt alt genug für diesen Schlag in die gemütliche Erzählstunde. Die Geschichte geht ungefähr so: Nach Entsorgung der beiden kleineren Schwestern zur Urgroßmutter sei sie, meine Mutter, von ihrer Mutter, meiner späteren Oma Rosa, zu einer Nachbarin mitgenommen und dort zurückgelassen worden – die Mutter müsse etwas erledigen. Meine Mutter half der Nachbarin ein wenig bei der Hausarbeit und spielte mit deren klei-ner Tochter. Nach gut zwei Stunden kam ihre Mutter zurück, trank mit der Nachbarin schnell einen Kaffee im Stehen und machte sich dann mit der Tochter schnellschnell auf den Heimweg. Unterwegs mussten ja noch die kleinen Schwestern abgeholt werden. Inzwischen aber war die flotte Resi der Urgroßmutter entwichen und nach Hause gelaufen. Ihr Vater, mein späterer Opa K., der nicht wusste, wem sie davongelaufen war, weil die Resi das nicht so genau sagen konnte, nahm sie an der Hand und ging seine Ehefrau suchen.
Sie begegneten sich mitten auf der Gasse, der Vater mit einem Mädchen an der Hand und die Mutter mit einem Mädchen an der Hand. Feindselig standen sie einander gegenüber. Meine Mutter vorab instruiert zu bezeugen, dass sie und ihre Mutter den ganzen Nachmittag über gemeinsam – ja, gemeinsam bei der Nachbarin gewesen seien, stellte sich vor Aufregung ungeschickt an: Sie schrie das Zeugnis angesichts des Vaters sofort ungefragt heraus und sie heulte dabei. Durch dieses ihr Verhalten erhärtete sich des Vaters Verdacht gegen seine Ehefrau. Und da passierte es: Der Vater gab der Mutter eine Ohrfeige – mitten auf der Gasse. Dann drehte er sich um und ging davon, die Resi ließ er zurück. Jetzt heulten sie heimzu, die Mutter und ihre beiden Töchter; die Resi heulte, weil ihre Mutter und die große Schwester (meine Mutter) heulten. Zu Hause hatte das Familienoberhaupt vor Zorn die Tür hinter sich zugesperrt, die drei mussten sich draußen herumdrücken; zur Urgroßmutter, von wo die Jüngste noch abgeholt werden musste, trauten sie sich so verheult nicht. Ein Glück, dass es Sommer war. Endlich, nach ungefähr einer Stunde verließ der Vater die Wohnung und ließ die Tür unversperrt.
Fürchterlich sei das alles gewesen, sagt mir die Tochter von damals, meine Mutter, unter keinen Umständen würde sie ihrem Ehemann, meinem Vater, so etwas antun – Liebe hin, Liebe her, womit sie meint, selbst dann nicht, wenn sie einen anderen lieber hätte als ihn.
Und meine Mutter erzählte mir von ihren und von meines Vaters Jugendfreunden und Jugendfreundinnen, sie redete von ihnen wie von guten Bekannten, die am nächsten Tag bei uns vorbeikommen könnten. Sie erzählte vom feschen Ludwig, Sohn reicher Winzer, der sie so gerne geheiratet hätte, aber sie war ja schon mit ihrem ersten Mann verlobt; und sie erzählte von der feschen Salzburgerin, der Fastverlobten meines Vaters, deren Fotografie ich noch immer besitze. Ich habe nicht das Herz sie wegzuwerfen. Die Helma trägt darauf eine Frisur und eine Spitzenbluse, mit der sie heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts ganz aktuell zurechtgemacht wäre, und auf die Rückseite hat sie geschrieben: In Liebe Deine Helma, 31. Juli 1941.
Ich kannte die Helma und den Ludwig schon von früher, denn ihre Bilder lagen in der Schuhschachtel bei den losen Fotografien, die ich oft angeschaut hatte, aber erst jetzt erfuhr ich von der Sonderstellung dieser beiden innerhalb des Freundeskreises meiner Eltern.
Ich glaube, meine Mutter sehnte sich nach ihren Freundinnen und Freunden von vor dem Krieg. Sie hätte sie gerne einmal wieder getroffen, aber die Wege zueinander waren so weit, und Reisen und Telefonate viel zu teuer, und das Briefeschreiben so aufwändig. Ach, wie einfach können wir Heutigen doch zueinanderkommen! Wirklich? Doch, doch – wir simsen, wir chatten, wir mailen, wir telefonieren, wir setzen uns ins Auto und fahren hin. Wir pfeifen auf die Sehnsucht!
Viertes Kapitel
Wir bekommen Besuch
Kein besonders interessantes Kapitel, es geht darin unter anderem um Krautfleckerl und Eier; eilige Leser können es überschlagen, es sei denn, sie möch-ten wissen, was es mit dem Neubauer-A auf sich hat. Die im Exkurs angesprochene Problematik empfehle ich allerdings jedem zur Kenntnisnahme.
1. Exkurs: Von den Tücken der deutsch-österreichischen Kommunikation
Es war einmal, damals bei uns, da verabredete man sich nicht schon Wochen im Voraus und telefonierte vor dem verabredeten Treffen noch einmal, um sich zu vergewissern, dass es klappt – nein, da praktizierte man das Vorbeischauen. Man sagte: Ich schau nächste Woche einmal vorbei, oder auch: Lass dich nächste Woche einmal anschauen, das war die ganze Verabredung. Da einem die Tagesabläufe der anderen im Großen und Ganzen geläufig waren, weil sie den eigenen ähnelten, ging man dann zu einer Zeit, die man für passend hielt, vorbei und ließ sich anschauen. Passte es trotzdem nicht oder war keiner zu Hause, weil irgendetwas Unvorhergesehenes eingetreten war, schaute man halt am nächsten Tag wieder vorbei und fragte: Wo bist denn gestern herumzigeunert?, und schon gab’s Gesprächsstoff. Ja sicher, wenn man von weiterher kam, unter Umständen sogar übernachten wollte, meldete man sich vorher per Brief oder per Telegramm an: Ankomme Dienstag zwölf Uhr.
Ich habe weiter oben erzählt, dass mein Opa K., als er bereits in Rente war, öfters einmal bei uns vorbeischaute. Davor, als er noch in der Autoreparaturwerkstatt arbeitete, war er für ein gutes Jahr von Montag bis Freitag zu uns zum Mittagessen gekommen. Er kam in seiner blauen Arbeitsmontur voller Ölflecken, aber mit sauberen Händen und sauberem Gesicht und meist ohne seine Kappe. Wenn er die Thorburg betrat, erschnupperte er schon unten im Flur, was es so gab im Haus, und kommentierte es halblaut vor sich hin. Er aß fast alles, doch er mochte nicht alles, und es gab etwas, das er gar nicht mochte und nicht aß: Wer auf Gott vertraut, der braucht kein Kraut, sagte er und rührte die Krautfleckerl (viereckige Nudeln mit Speck und Kraut) nicht an. Meine Mutter schmierte ihm ein Butterbrot. Das nächste Mal, als es Krautfleckerl gab, dieses Wintergericht, das wir nicht ungern aßen, machte sie für ihren Vater ein Extrakoch: Fleckerl nur mit Speck. Der aber behauptete, allein der Geruch vom Kraut verursache ihm Kopfschmerzen. Er werde, wenn sie in Zukunft Krautfleckerl oder sonst was Krautiges machen wolle, er werde dann lieber wegbleiben. So kam es, dass meine Mutter alle Gerichte mit Kraut für die Zeit, da da Vata ihr Kostgänger war, auf die Samstage verschob, da nämlich arbeitete er nur am Vormittag und ging zum Mittagessen heim.
Ein- bis zweimal die Woche kam T.Resa zum Einkaufen ins Städtchen und schaute davor oder danach, wie’s besser passte, bei uns auf einen Kaffee vorbei. Meine Mutter freute sich über den Besuch ihrer Schwester, es gab ja stets irgendetwas zu bereden. Oft brachte T.Resa Eier mit, die guten vom Bauern Zeisl ganz hinten im Feenthal. Was sie ihr dafür schuldig sei, fragte meine Mutter, und T.Resa sagte: Nix. Meine Mutter ließ nicht locker, bitte, sie wolle die Eier bezahlen, T.Resa hätte der Bäuerin die Eier schließlich auch bezahlt. Doch ihre Schwester blieb stur und verweigerte die Annahme des Geldes mit der Begründung, meine Mutter habe ihr kürzlich dies oder das gegeben und auch kein Geld dafür nehmen wollen. Da steckte ihr meine Mutter einen Geldschein heimlich in eine Tasche – Jackentasche Manteltasche Einkaufs-tasche. Nach dem nächsten Besuch meiner Tante fand sie das Geld retour – es lag unter der Kaffeetasse, der Blumenvase oder in irgendeiner Schüssel. Wenn die Tante dann das nächste Mal da war, steckte sie ihr den Schein wieder heimlich in eine Tasche, und nach dem übernächsten Besuch der Tante fand sie ihn wieder irgendwo, womöglich erst ein paar Tage später und einmal so-gar in der Bestecklade, obwohl sie, wie sie sagte, die Tante die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen hatte.
Die beiden wurden wachsamer gegeneinander und gewitzter, dachten sich immer raffiniertere Verstecke aus. So konnte sich das über Wochen hinziehen, keine der beiden wollte nachgeben. Einmal ließ sich die Tante etwas besonders Gemeines oder Lustiges, wie man’s nimmt, einfallen: Sie umarmte meine Mutter zum Abschied, was diese schon hätte stutzig machen können, denn das war im Alltag zwischen den beiden nicht üblich, und dabei steckte sie ihr das Geld zwischen die Kittelschürze und das Kleid. Später entdeckte es meine Mutter auf dem Fußboden, da schimpfte sie sehr und sagte, jetzt werde sie aber richtig zornig. So ging das: Die beiden Frauen steigerten sich immer weiter hinein. Am Anfang war es eine Art Spiel, allmählich wurde ein Wettkampf daraus und schließlich ein regelrechter Kampf – zunehmend verbissener wurden sie bei ihrem Hin und Her um die paar Schillinge. Bis T.Resa eines Tages in vollem Ernst sagte, wenn sie jetzt zu Hause das Geld wieder in einer ihrer Taschen finde, werde sie das letzte Mal bei uns gewesen sein. Da gab meine Mutter nach und nahm das Geld wieder aus der Einkaufstasche. Aber die Auseinandersetzung war damit nicht ausgestanden. Wenn T.Resa das nächste Mal kam, hatte meine Mutter einen Kuchen für sie gebacken, den packte sie ihr ein und nötigte sie, ihn heimzutragen. Verweigerte die Tante das Kuchengeschenk, wurde es bitterernst: Meine Mutter nahm die nächste Eierlieferung nicht an, ließ die Tante womöglich nicht zur Tür herein und die musste die guten Eier woanders loswerden. War es so weit gekommen, blieb die Tante eine Weile aus. Sie war beleidigt – meine Mutter aber auch, bis es nach einiger Zeit bei einem Besuch in Oma Rosas Häuschen zu einer tränenreichen Versöhnung kam.
An vielen Sonntagnachmittagen schleppte ich mich hinter meinen Eltern ins Feenthal hinein zu Oma Rosas Häuschen, wo ich mich nur noch langweilte. Wenn es schüttete oder schneite oder sehr kalt oder sehr windig war, hatten auch meine Eltern keine Lust auf diesen Hatscha (mühsamer Gang). An solchen trüben Sonntagen flohen T.Resa und Onkel F. aus der Einsamkeit des Tals ins Städtchen hinaus, und wir gingen gemeinsam in die Nachmittagsvorstellung des Stadtkinos. Oder sie kamen, wenn dort nix Gscheits gspielt wurde, zu uns und wir spielten zu viert Canasta. Bei diesem Kartenspiel erhitzte sich mein Vater oft gewaltig. Wenn er verlor, verlor er nicht selten jegliche Contenance, gebärdete sich als Wuthupf – vergleichbar dem später berühmt gewordenen HB-Männchen. Gift und Galle spuckend behauptete er, irgendei-
ner von uns habe ihn ogfeanzt (hinterhältig) hineingelegt, darum spiele er nicht weiter mit. Er warf die Karten auf den Küchentisch und ging ins vordere Zimmer, wir hörten ihn dort herumrumoren und saßen ratlos. Ein andermal wieder zeigte er sich als pedantischer I-Dipferl-Reiter (Korinthenkacker), behauptete, jemand hätte die Spielkarten nicht korrekt gemischt oder verteilt, und bestand darauf, dass sie eingesammelt und neu gemischt noch einmal verteilt wurden. Kamen wir diesem Wunsch nicht nach, spielte er zwar weiter, kehrte aber den Grantscherm (schlecht gelaunter Mensch) heraus und verdarb uns die Spielfreude. Er tyrannisierte uns – wir ließen uns tyrannisieren. Bis T.Resa eines Sonntags verkündete, mit so einem, der so einen Depscher (Knall) habe, spiele sie nicht mehr. Damit war unsere Canasta-Phase beendet. Jetzt saßen wir herum, tranken Kaffee, aßen Gugelhupf und redeten miteinander – ist ja auch nicht schlecht. Später, als wir das neue große Wohnzimmer und darin einen Fernseher hatten, kamen Tante und Onkel zum sonntäglichen Fernsehschauen. Dabei war das Fernsehen an sich die Attraktion, was gezeigt wurde, ein tschechischer Märchenfilm oder ein Tierfilm oder ein Hollywood-Film, war nicht so wichtig.
Oma Rosa kam selten zu Besuch. Nachdem sie der Franzl umgfiat ghobt hot – wobei sie ja Glück im Unglück gehabt hatte, denn der Franzl hatte sie nur umgfiat und net zammgfiat (umgefahren, nicht zusammengefahren), das heißt, er hatte sie nur gestreift und umgeworfen, war nicht über sie drübergefahren; gar nicht auszudenken, was ihr passiert wäre, hätte er dies getan, mindestens schwere Verletzungen und nicht nur die paar Erschütterungen und Kratzer und das bisschen Schock –, also: Nachdem sie der Franzl umgfiat ghobt hot, befand sie sich häufig nicht mehr so wohl und war nicht mehr so mobil. Wenn allerdings im Sommer Verwandtenbesuch aus Wien anreiste, vergaß sie ihre Wehwehchen, verlebendigte sich enorm und kam mit dem Wiener Besuch zu uns auf Besuch. Dafür machte sie sich schön. Sie zog ein luftiges Sommerkleid an, schmückte es mit einem schmalen weißen Gürtel, schminkte sich. Die Lippen rot, das Haar gewellt, die Nase gepudert, die Augenbrauen dunkel nachgezogen, so lacht sie mir aus einer Fotografie aus der Mitte der Wiener in unserem Wohnzimmer entgegen. Sie war, wie schon einmal erwähnt, modisch orientiert. In diesem Punkt wie in vielen anderen unterschied sie sich krass von meiner Großmutter Ama, der Kleidung praktisch wurscht war, und von meiner Mutter, die mehr aufs Zeitlose hielt.
Mit den Wienern begab sich Oma Rosa gern ins Städtchen, denn die bestellten sich ein Taxi für den Hin- und Rückweg. Sie waren nicht nur ein wenig gehfaul, sondern auch ein wenig verschwenderisch, wie das Leute halt so sind, bei denen das monatliche Einkommen nie wirklich fürs Auskommen reicht. Egal wie wenig sie ausgeben, wenn sie ausgehen: Es geht sich eh nie aus.
Hier muss ich mein Erzählen unterbrechen, denn diese Redewendung schreit nach einem Exkurs:
Erster Exkurs:
Von den Tücken der deutsch-österreichischen Kommunikation
Wenn Sie schon nicht den ganzen Exkurs lesen möchten, nehmen Sie bitte wenigstens die darin angesprochene Problematik zur Kenntnis.
Ja, das gibt es: das deutsche Deutsch und das österreichische Deutsch einschließlich der jeweiligen Umgangssprachen mit ihren regionalen Unterschieden; von den Dialekten, will ich hier gar nicht groß reden.
Wenn ein Deutscher (D; damit sind Frauen und Männer, alle dazwischen liegenden Variationen und Kinder gemeint) in der Steiermark Karfiol hört oder Topfenkolatsche, oder ein Wort wie Traunschtga oder Gschroppn, erkennt er es als ein fremdes Wort, so als wär’s spanisch oder chinesisch (was er beides nicht spricht). Er fragt deshalb nach und erfährt, dass Karfiol Blumenkohl ist und eine Topfenkolatsche eine Quarktasche, dass eine Traunschtga eine einfältige Frau ist und dass Gschroppn kleine Kinder sind. Auch wenn ein Österreicher (Ö; damit sind Frauen und Männer, alle dazwischen liegenden Variationen und Kinder gemeint, aufgrund meines Herkommens vorrangig aus der Steiermark) angesichts von Teuerungen sagt, es gehe ihm der Schiach an, merkt der D die Lücke in seinem Wortschatz und lässt sich über die Bedeutung dieser Phrase aufklären; und dann solidarisiert er sich mit dem Ö, denn die Inflationsrate macht ihm auch Angst. Nun gibt es aber viele österreichische Wörter und Redewendungen, die der D nicht als fremd erkennt, obwohl sich deren Bedeutungen nicht mit den Bedeutungen im deutschen Deutsch decken. Als Folge davon kann es zu Missverständnissen und Unstimmigkeiten kommen, wobei zu sagen ist, dass der Ö den D in der Regel besser versteht, da ihm neben der österreichischen meist auch die deutsche Sprachvariante geläufig ist.
Schauen wir uns ein paar Beispiele an.
Wenn ein D von einem Ö hört, dass es sich mit dem Geld nicht ausgeht (siehe oben), überhört er das sich leicht und meint womöglich, dem Ö gehe das Geld nicht aus – aber ganz das Gegenteil ist ja der Fall: Dem Ö ist das Geld schon ausgegangen, er kann sich den Kuchen nicht mehr leisten. Der D würde in diesem Fall sagen es kommt nicht mehr hin mit dem Geld, eine Formulierung, die der Ö im Prinzip versteht, doch kann sie ihn auch verwirren, und er fragt sich, wohin der D mit seinem Geld kommen oder vielleicht fahren will.
Es verblüfft einen D, wenn ihm ein Ö rät, er solle beim Auf-den-Berg-Gehen öfters ausrasten, denn er sieht keinen Sinn dahinter, auf einer anstrengenden Bergwanderung auszuflippen. Deshalb schaut er nach dieser Empfehlung etwas ratlos drein, fragt jedoch nicht unbedingt zurück, sondern hält den Ö für komisch. Der wiederum versteht nicht, warum der D auf seinen Rat hin, sich auf einer anstrengenden Wanderung öfter einmal auszuruhen, so ein Gesicht zieht.
Ein Ö sagt, dass er jemanden nicht möge, weil der andere Leute ausrichte. Hier denkt ein D eher nicht an schlechte Nachrede, sondern an ein Geradeausrichten anderer im militärischen Sinn oder an ein Den-Kopf-Zurechtsetzen. Einen Leute-Ausrichter hält er deshalb eher für eine autoritäre denn eine verleumderische Person.
Ein D weiß vermutlich nicht, was ein Ö getan hat, wenn der ihm erzählt, er habe gerade eine Grippe übertaucht, der D würde dafür überstanden sagen; damit hätte der Ö kein Problem, er kennt diese Formulierung.
Ein Ö kommt zu spät zu einem Treffen mit einem D und entschuldigt sich, er sei auf dem Weg durch den Park an einem Spielplatz vorbeigekommen. Da habe ihn ein Kind auf einer Hutsche (Schaukel) gebeten, es ein wenig anzutauchen (anzuschubsen); diese Bitte habe er nicht abschlagen können. Danach habe er sich eh gedummlt (von tummeln, beeilen), aber leider – es tue ihm leid. Von diesen entschuldigenden Erklärungen versteht der D einiges nicht, obwohl der Ö alles in einwandfreiem Deutsch vorgebracht hat. Seltsame Ausreden, denkt er sich, unwahrscheinlich, dass er nachfragt.
Vielleicht fragt er nach, falls der Ö sein Zuspätkommen damit entschuldigt, dass er im Park hergefallen sei. Über wen?, fragt der D, denn er weiß nicht, dass ein Ö hinfällt, wenn er herfällt. Der Ö nimmt das Wen für ein Was und sagt: Übera Wurzel. Das verwirrt den D noch mehr, er hält die Wurzel womöglich für ein Dialektwort (ich will nicht näher drauf eingehen wofür) und das Herfallen über eine Wurzel für eine verbrecherische Handlung. Eine solche schließt er aber aus und denkt sich, der Ö mache einen Scherz, einen Schmäh (das Wort kennt er), weshalb er sich veräppelt fühlt, gepflanzt, wie ein Ö sagen würde. Kein idealer Gesprächsstart.
Überhaupt, der unterschiedliche Gebrauch von Umstands- und Vorwörtern hat es in sich: Der Ö fällt her, der D fällt hin; der Ö hält sich an, der D hält sich fest; der Ö schaltet das Licht auf und ab, der D schaltet das Licht an und aus; der Ö feiert zu Weihnachten, der D feiert an Weihnachten; der Ö fährt auf Urlaub, der D fährt in den Urlaub; und während man sich in Österreich die SZ am Wochenende um 3,90 Euro kaufen muss, bekommt man sie in der BRD schon für 3,20 Euro. Und kennen Sie den? Frage: Warum ist der Ö klüger als der D? Antwort: Weil er in die Schule geht und nicht wie der D bloß zur Schule.
Ein D lacht, wenn ihm ein Ö nach einer Party anbietet, er könne ihn heimführen, zwar denkt er nicht, der Ö wolle ihn heiraten, aber er sieht vor seinem inneren Auge, wie dieser beherzt seinen Unterarm unter den seinen schiebt oder ihn bei der Hand nimmt und nach Hause führt. Er versichert dem Ö, dass er nüchtern sei und diese unterstützende Begleitung zur Bewältigung des Heimweges nicht benötige. Sollte ihn der Ö, vorausgesetzt er sei ebenfalls nüchtern, jedoch heimfahren wollen, nehme er das gerne an.
Ein Ö erwähnt, dass er studiert hat; ein D, immer interessiert an der beruflichen Laufbahn anderer, fragt ihn, was er studiert habe. Da sagt der Ö, er habe letzte Nacht lange wach gelegen und hin und her studiert, ob er nach Kärnten oder nach Tirol auf Urlaub fahren soll. Der Ö setzt hier Nachdenken und Studieren gleich – ist ja nicht falsch.
Ein Ö bittet einen D um einen Schreiber. Bei dem Bittsteller handelt es sich keineswegs um einen Analphabeten, im Gegenteil, weil er alphabetisiert ist, braucht er jetzt einen Stift – nein, keinen Lehrling, sondern einen Bleistift oder einen Kugelschreiber, denn er hat den seinen nicht mit – bzw. dabei.
Eines Abends informierte ich (Ö) meinen Ehemann (D) darüber, dass ich noch schnell den Müll (Abfall) austragen würde. Da hat er mich gefragt, ob ich einen Job als Müllausträgerin, vergleichbar dem einer Zeitungsausträgerin, angenommen hätte. Er nämlich bringe den Müll immer nur hinaus zur Mülltonne, noch nie habe er ihn an Nachbarn verteilt.
Ein andermal sagte ich zu meinem deutschen Kollegen an der Universität in Frankfurt am Main, wir müssten uns das mit der Klausuraufsicht noch ausreden, worauf er mich erstaunt fragte, wieso ich ihm die Aufsicht ausreden wolle. Wollte ich nicht, er hätte sie von mir aus allein machen können. Nein, ich wollte mit ihm absprechen, wer von uns beiden wann, erste oder zweite Halbzeit, die Aufsicht übernimmt. Das erklärte ich ihm, er hörte zu, ließ mich ausreden und hat’s verstanden.
Übrigens: Dieser Kollege ist heute Psychotherapeut und heißt Alexander Boxan. Sein Name sei genannt, denn er hat mir im März 2015 vor Zeugen bedeutet, dass er nichts dagegen hätte, wenn ich ihn in meinen Text hineinnähme. Das habe ich hiermit getan.
Möchte noch jemand in einen Text hinein? Sie vielleicht, lieber Leser – ja, Sie meine ich, der Sie diese Zeilen gerade lesen. Literarische Verankerung in meinem nächsten Buch gefällig? Wir könnten ins Geschäft kommen: Ich schreibe Sie in mein drittes Buch hinein, und dafür verpflichten Sie sich, zwei Exemplare dieses Buches zu kaufen, die ich selbstverständlich signiere. Sie lassen sich also jetzt auf eine sogenannte Proskriptionsliste eintragen und helfen mir damit die Druckkosten zu finanzieren.
Voilà, die Liste ist eröffnet – wer drauf will, bitte melden! Nutzen Sie die einmalige Gelegenheit ihren Bekannten aus einem Buch herauszuwinken, werden Sie ein Buchwinker analog den sogenannten Telewinkern, das sind diese Leute, die, wenn sie zufällig von einer Fernsehkamera erfasst werden, beherzt in unsere Wohnzimmer hineinwinken.
Ganz knifflig kann es in der verbalen Kommunikation zwischen Österreichern und Deutschen werden, wenn Wörter, die das gleiche bedeuten, ein klein wenig anders lauten. Wenn ein D zum Beispiel liest, das Fenster sei nicht öffenbar oder die Tür sei nicht benützbar, oder einen Ö vom Wissenschafter sprechen hört, klingt das in seinen Ohren irgendwie schräg, ja falsch. Wenn umgekehrt ein Ö einen D Wissenschaftler sagen hört, erinnert ihn das an einen Gschaftlhuber, einen hyperaktiven Macher, typisch deutsch. Ein Ü statt einem U, ein L zu viel – Beispiele für Jean Pauls Worte: Misstöne desto härter kreischen, je näher sie dem Einklange sind. Dass sich Österreicher und Deutsche durch die gleiche Sprache voneinander unterscheiden, soll nach Robert Sedlaczek schon Karl Farkas (und nicht Karl Kraus) formuliert haben.
Ich hoffe, ich habe Sie, liebe Leser, egal auf welcher Seite Sie stehen, ob Sie ein D oder ein Ö sind, mit meinen Beispielen für die oft feinen Unterschiede zwischen dem österreichischen Deutsch und dem deutschen Deutsch sensibilisieren können. Und ich hoffe sehr, dass Ihnen aus dieser Sensibilisierung die Einsicht erwächst, dass es nicht ein richtiges und ein falsches Deutsch gibt (das gibt es in einem anderen Sinn selbstverständlich auch), sondern ein vielfältiges Deutsch; es gibt ja auch noch die Umgangssprachen und die Dialekte und das Schwyzerdütsch, und schon einmal was vom Mittelhochdeutschen gehört? Ganz schön vertrackt, nicht wahr?
Aber letztendlich, das müssen Sie zugeben, macht es keinen Unterschied, ob man in den Urlaub oder auf Urlaub fährt (Hauptsache: man freut sich drauf), ob man einen Nadelstreifenanzug oder einen Nadelstreifanzug trägt (Hauptsache: er sitzt gut), ob der Teller oder das Teller auf dem Tisch steht (Hauptsache: er oder es ist voll). Also, üben Sie Nachsicht gegen den, der ein etwas anderes Deutsch spricht und fragen Sie einfach nach, wenn Ihnen Wörter oder Formulierungen spanisch vorkommen.
Und üben Sie bitte Nachsicht mir gegenüber, denn in meinem Wortschatz sind mittlerweile das deutsche Deutsch und das österreichische Deutsch ineinander gewuchert und miteinander verwachsen und verknäult, ein Zustand, der mir erst beim Schreiben so richtig klar geworden ist.
So, das war jetzt der Versuch eines Beitrages zur deutsch-österreichischen Völkerverständigung. Sollten Sie mehr zu diesem Thema wissen wollen, empfehle ich Ihnen Robert Sedlaczek und Sebastian Lörscher.
Exkurs Ende
Weiter mit unseren Besuchern.
Ich muss ungefähr dreizehn Jahre alt gewesen sein, als meine Eltern den Schwarzweiß-Fernseher anschafften. Jetzt ging ich nicht mehr jeden Abend zu den Großeltern hinunter, jetzt kamen sie fast täglich zum Nachrichten-Schauen zu uns herauf. An den Samstagabenden kam Frau Lauri für die Sen-dung nach den Nachrichten und an manchen Sonntagnachmittagen schauten wir, wie oben erwähnt, mit T.Resa und Onkel F. fern.
Während der Woche zog sich mein Vater nach den Nachrichten zurück, wir anderen durften, wenn wir wollten, noch ein bisschen sitzenbleiben. Was uns da am Bildschirm geboten wurde, erinnere ich nicht mehr so genau, nur dass Großvater Jo nach der Nachrichtensendung Zeit im Bild einschlief. Das fiel auf, weil er zu schnarchen begann – leise, aber meine Mutter fühlte sich trotzdem gestört. Sie schwieg dazu, wenn Ama dabei war, nahm nur einen verkniffenen Gesichtsausdruck an; war der Großvater alleine da, weckte sie ihn grob. Zuerst sprach sie ihn laut an mit Vota? und Hallo! Wachte er davon nicht auf, fasste sie ihn am Arm oder an der Schulter und rüttelte ihn ein bisschen. Schlug er die Augen auf und schaute sie erschrocken an, befahl sie ihm, heim ins Bett zu gehen. Er folgte ihrer Aufforderung ohne Murren, wenn auch leicht schwankend, weil schlaftrunken.
An den Samstagabenden kam Frau Lauri, ihren Ehemann brachte sie nie mit. Von ihm sagte sie: Der spinnt scho wieda, oder: Der spinnt nou imma. Damit bedeutete sie uns, dass er beleidigt sei und nicht mit ihr rede. Warum er beleidigt war, das wusste sie nie, da konnte sie nur raten, denn er sagte es ihr nicht. Das war seine Rache für ihr Vergehen, von dem sie nichts wusste. Während sie also mit uns vor dem Fernseher saß, saß ihr Ehemann spinnend zu Hause, oder vielleicht nicht spinnend sonstwo, wer weiß. Irgendwann reichte es ihr –
weil er überhaupt nicht mehr aufhörte mit seinem schweigenden Spinnen, reichte sie die Scheidung ein. Später heiratete sie wieder, und weil der neue Mann einen Fernseher hatte, kam sie nicht mehr zu uns zum Fernsehschauen.
Frau Lauri kam gegen acht Uhr und wir schauten Heiteres Berufe Raten. Bevor das harmlose Ratespiel um den Beruf des jeweiligen Kandidaten begann, wurde der vom Spielleiter Robert Lembke gefragt: Welches Schweinderl hätten S’ gern?, denn es gab verschiedenfarbige zur Auswahl. Nachdem sich der Kandidat sein Schweinderl ausgesucht hatte, machte er typische Gesten seines Berufes und das vierköpfige Rateteam, unter denen Prominente wie die Schauspielerin Marianne Koch waren, durfte ihm Fragen stellen, die er bejahen oder verneinen musste. Nach jeder mit einem Nein beantworteten Frage warf ihm der Herr Lembke eine Münze ins Schweinderl, ich glaube es waren fünf D-Mark. Wenn er Glück hatte, errieten sie den Beruf lange nicht oder gar nicht, und er durfte ein schweres Schweinderl heimtragen; und bestimmt erhielt er zusätzlich eine Reise- und Unkostenvergütung.
Oder wir schauten Einer wird gewinnen mit Hans Joachim Kulenkampff. Oder wir schauten eine Operette oder ein Theaterstück vom Ohnsorg-Theater oder eine Schlager-Parade. Wir saßen auf den Fauteuils und auf der Bettbank um einen rechteckigen Tisch, den man nach Bedarf hoch oder niedrig kurbeln konnte. Auf dem Tisch standen Schüsselchen mit Soletti-Salzstangen, mit Erdnüssen, mit Kartoffelchips und ähnlichem Zeug. Mein Vater und ich lümmelten und knabberten, die beiden Frauen saßen aufrecht und enthielten sich des Knabberns – nein, heute Abend dürfen sie nichts mehr. Wir befinden uns in den Sechzigerjahren, da frau bereits auf die Figur achtet.
Schon damals gab es Reklame im Fernsehen, allerdings noch eindeutig vom übrigen Programm abgesetzt, vor und nach einem Film und nicht mittendrin. Wenn für irgendein Knabberzeug geworben wurde, das mein Vater nicht kannte, wollte er es ausprobieren, meine Mutter solle es kaufen. Mein Vater war amaleckig (oral neugierig), er wollte immer alles kosten, koste es, was es wolle. Sagte meine Mutter, so etwas Ähnliches habe sie doch letztens gekauft und es habe ihm nicht geschmeckt, ob er das nicht mehr wisse, zog er ein schiefes Gesicht und antwortete: Missgunnst mas leicht? Er unterstellte ihr, halb im Spaß, sie missgönne es ihm vielleicht. Wenn sie daraufhin protestierte, nein, es sei einfach schade ums Geld, versprach er ihr ein Extrageld dafür, eine Aufstockung des Haushaltsgeldes. Sie ging also und kaufte es, und wir alle durften am nächsten Wochenende davon probieren. Ausführlich wurde das Preis-Leistungs-Verhältnis diskutiert und anschließend entschieden, ob sie es wieder kaufen oder dies lieber unterlassen solle.
Abgesehen von den regelmäßigen Besuchen, die wir rund um das Jahr erhielten, gab es noch die besonderen, die außertourlichen, zu unseren Geburts- und Namenstagen.
In manchen Kalendern steht an jedem Tag der Name eines/einer Heiligen drinnen. Der/die Heilige, dessen/deren Namen man trägt, ist zusätzlich zum Schutzengel noch ein persönlicher Schutzpatron / eine persönliche Schutzpatronin, und seinen/ihren Gedenktag haben wir als Namenstag gefeiert. Der 27. Dezember zum Beispiel ist der Johannstag (Johannestag) und war somit der Namenstag meines Großvaters und meines Vaters, den dieser Brauch nicht störte. Damit war er aufgewachsen, das war Tradition nicht Religion, das verband er nicht mit Kirche. Meinen Namenstag hätten sie bezugnehmend auf meinen zweiten Vornamen auf den 26. Dezember, den Stephanitag, legen können, aber das war ihnen zu viel Gedränge in diesem Monat mitNikolaus (& Krampus) und Weihnachten und Silvester und den zwei Geburtstagen (den meinen und den meiner Mutter) und den zwei Namenstagen. Also legte meine Mutter den 16. Februar für mich fest, denn Namenstag musste sein. Dass sie gerade diesen Tag wählte, habe ich nie verstehen können, denn in unseren Kalendern stand an diesem Tag Jahr für Jahr Juliane. Meine Mutter behauptete aber, sie habe einmal einen Kalender gehabt, da sei an diesem Tag mein erster, der von ihr ausgewählte Name gestanden. Das muss ein Druckfehler gewesen sein, oder sie hat sich verlesen oder – sie log. Es gibt keine heilige Ute; ich hätte eine werden können, wenn das damals im Feenthal mit der Marienerscheinung geklappt hätte.
Nebenbei bemerkt: Ob eine Marienerscheinung für mich von Vorteil gewesen wäre, kann ich nicht beurteilen, aber für die Region wäre sie das gewesen, denn mit Sicherheit hätte sie den Tourismus und damit den wirtschaftlichen Aufschwung des oberen Murtals gefördert. Inzwischen gibt es da ja eine Rennstrecke, den Red-Bull-Ring, die den Tourismus zumindest saisonal ankurbelt. ABER: Um wie viel umweltfreundlicher und noch dazu rund ums Jahr hätte die Heilige Maria den Tourismus ankurbeln können, hätte sie sich dazu herabgelassen, mir zu erscheinen, anstatt sich oben hinter einer Wolke zu verstecken.
Am Vorabend zu meinem Geburtstag gehe ich nicht nach unten, sondern ich beginne nach dem Abendbrot um sechs Uhr auf die Gratulanten zu warten. Ich beschäftige mich mit irgendetwas, tue ganz gewöhnlich, lausche aber insgeheim nach draußen. Spätestens gegen sieben Uhr knarren dort die Stufen unter vorsichtigen Schritten – die Großeltern schleichen sich heran, ihr Klopfen sollte aus dem Nichts kommen. Poch-poch-poch – dreimal pocht es an die Tür. Das Dreimal ist wichtig, es betont das Besondere des Einlass Begehrenden. Meine Mutter tut den Hereinruf, die Tür öffnet sich und Ama schiebt sich, Kopf voraus, zur Tür herein. Ihre Hände hält sie hinter dem Rücken versteckt; nach ihr kommt der Großvater. Da stehen sie und sagen Guten Abend und lächeln mich an. Wir spielen verwundert ob ihres Auftretens. Sie aber gehen schnurstracks auf mich zu. Ama wünscht mir alles Gute, auch im Namen des Großvaters (Wir wünschen dir …), holt das Blumenstöckchen (rosa Zyklamen) von hinter ihrem Rücken hervor und überreicht es mir. Ich geb’s meiner neben mir stehenden Mutter weiter, die stellt es auf den Tisch. Jetzt holt der Großvater das Päckchen von hinter seinem Rücken hervor, dar-in sind Pralinen oder ein Buch oder Unterwäsche, gibt es der Großmutter, die wiederum gibt es mir und ich geb’s meiner Mutter, die es auf den Tisch legt. Nun muss ich den Großeltern die Hand und ein Eili geben und mich bedanken; und der Großvater zieht noch den Briefumschlag mit der Glückwunschkarte und dem Geldschein aus der Westentasche und lehnt ihn an den Zyklamenstock. Wir setzen uns an den Tisch, ich öffne das Paket und rufe Oh, und danke! Dann gibt es Tee Wein Eierlikör und Torte – jedes Jahr die gleiche, das wünsche ich mir so. Leider, lieber Leser, kann ich Ihnen kein Stück davon aus dem Text hinausreichen. Wenn Sie die Torte trotzdem kosten wollen, planen Sie zwei Stunden Zeit ein und vergewissern Sie sich, dass Ihnen eine Springform, eine Rührschüssel, ein Kochlöffel oder ein Mixer und ein Backrohr zur Verfügung stehen. Zutaten und Arbeitsablauf finden Sie im folgenden Rezept. (Weil Sie vermutlich schon älter sind und womöglich auf Ihren Cholesterinspiegel achten müssen, und auf die Linie sowieso, habe ich die Variante ohne Butter ausgewählt.) Jetzt Schürze umbinden und loslegen.
Als erstes stellen Sie ein Biskuit her, es gibt verschiedene Rezepte dafür. Das folgende stammt aus dem mit der Hand geschriebenen Kochheft meiner Mutter:
Biskuitteig:
6 Eier werden mit 6-Ei-schwer Zucker eine halbe Stunde gerührt
6-Ei-schwer Mehl hineinsieben und verrühren,
die Masse in eine gefettete Springform gießen und
30 Minuten bei 175° backen
Meine Variante: 6 Dotter und 200 g Zucker verrühren, 200 g Mehl dazu und den Eischnee der 6 Eier darunterziehen; so wird der Teig lockerer als nach dem obigen Rezept. Wenn Sie Backpulver verwenden, wird er noch lockerer.
Während der Teig im Backrohr ist, können Sie in Thorburg oder in einem anderen Buch lesen, oder stricken, aber bitte behalten Sie dabei den Teig im Auge (und in der Nase), auf dass daraus ein Biskuit werde. Sind die dreißig Minuten um, kontrollieren Sie mit einer dünnen Stricknadel (Zahnstocher geht zur Not auch), ob der Teig durchgebacken ist. Wenn ja, auf ein Gitter stürzen und auskühlen lassen. Jetzt reinigen Sie die verwendete Stricknadel(z. B. durch Ablecken) und legen Sie das Strickzeug oder das Buch beiseite, denn nun sollten Sie Rahm (Sahne) schlagen und die Glasur herstellen.
Glasur:
Ein Esslöffel Wasser mit 4 Rippen Manner Schokolade (ca. 100 g Bitterschokolade) am Feuer verrühren, bis es dick ist, dann (vom Feuer nehmen und) weiterrühren, bis es kalt ist (an den Lippen lau).
Dann: Den ausgekühlten Biskuitkuchen in zwei Teile schneiden, mit Schlagrahm (Schlagsahne) füllen; oben mit Marmelade bestreichen und die Glasur darüber gießen, nicht verstreichen!
Fertig ist meine Geburtstagstorte (zum Namenstag gab es die gleiche), und Sie können sich ein Stück davon abschneiden und es kosten. Und bitte beachten Sie, falls Ihnen die Torte nicht schmeckt, ist das nicht meine Schuld – Siehaben sie selbst gebacken. Könnte es sein, dass Sie dabei ein bisschen nachlässig waren?
Am nächsten Tag, dem Geburtstag selbst, kocht meine Mutter etwas, von dem sie weiß, dass ich es mag, zum Beispiel Eiernockerl. Dann kommt jemand von der Feenthaler Verwandtschaft zum Gratulieren, und dann kommen ein paar Schulfreundinnen. Und alle essen von meiner Geburtstagstorte, die jetzt noch besser schmeckt als am Vorabend, weil das Biskuit sich mit dem Schlagrahm vollgesogen hat.
Alle Geburts- und Namenstage verliefen ähnlich, nicht nur die meinen. Hatten Großmutter oder Großvater Geburtstag, gingen wir mit einer Kaffeecremetorte und mit Blumen zu ihnen hinunter und saßen nach dem Gratulieren eine Weile bei Tee und Torte und bemüht freundlichem Geplauder.
Rückblickend ins Feenthal habe ich eine einzige und leider unangenehme Geburtstagserinnerung. Ich muss zwischen drei und vier gewesen sein und es war ein Geburtstag meiner Oma Rosa, ein Schock Leute war anwesend. Meine Mutter hatte mir ein Gedicht beigebracht, ich sollte es der Oma als Geschenk aufsagen. Als sie mich nun zu ihr hinschob und alle zu mir herschauten, streikte ich, wie das Kinder unter Zwang gerne tun. Da packte mich meine Mutter an den Schultern, drehte mich mit dem Gesicht in die Küchen-ecke zwischen Eingangstür und Schlafzimmertür und sagte laut: I bin a klans Binkerl, i stöi mi ins Winkerl, und wali nix kau, drum faung i nix au (Ich bin ein kleiner Nichtsnutz und stell mich in den Winkel, und weil ich nichts kann, drum fang ich nichts an). Sie klatschten und lachten, sie fanden das alle lustig – außer mir. Ich stand in der Ecke und weinte ein bisschen (Plärrmadam) und flüchtete hinaus in den Hof. Dort stand ich herum, bis frau mich wieder hineinholte.
Zurück in die Thorburg.
Es gab einen Tag im Jahr, an dem ich meine Großeltern schon am frühen Morgen besuchte, spätestens gegen acht Uhr, um ihnen eine ganz spezielle Gabe zu verabreichen. Wenn es stimmt, was Draaisma sagt, nämlich dass wir vor allem gefühlsgeladene Ereignisse erinnern, ist es leicht zu erklären, warum ich diese Besuche so lebhaft im Gedächtnis habe – sie bereiteten mir ein exquisites Vergnügen. An diesem Morgen klopfte ich dreimal bei den Großeltern an, und hielt, wenn Ama mich einließ, meine Hände hinter dem Rücken versteckt. Ama sprang ins Bett zurück und ich ging an ihr vorbei zum Großvater ins Kabinett. Er lag im Bett und stellte sich schlafend. Ich zog ihm die Decke weg, holte die Birkenrute von hinter meinem Rücken hervor und gebärdete mich wie eine Rabiate – ich drosch weit ausholend auf seine Beine ein und kreischte in höchsten Tönen: Frisch und gsund, frisch und gsund, laung leibn und gsund bleibm, nix klunsn nix klogn, bis i wieda kum schlogn! (Frisch und gesund, lang leben und gesund bleiben, nicht jammern und nicht klagen, bis ich wieder komm schlagen). Der Großvater lachte und setzte sich auf – da musste ich aufhören, so war die Regel für das Frisch- und Gsundschlagen am Morgen des 28. Dezember, dem Tag der Unschuldigen Kinder – das sind die, die König Herodes auf der Suche nach Jesus hat ermorden lassen. In Sitte und Brauch in Österreich steht allerdings, dass es sich hierbei um einen uralten Fruchtbarkeitszauber handle; da hat die römisch-katholische Kirche wieder einmal sehr geschickt einen christlichen Gedenktag auf einen heidnischen Fruchtbarkeitstag gestülpt. Aber eh: katholisch oder heidnisch – für mich hätte das keinen Unterschied gemacht, ich hätte so oder so zuschlagen dürfen. Nachdem der Großvater erledigt war, ging ich mit der Birkenrute zu Ama, zog ihr die Decke weg und schlug auf ihre Waden ein, wieder so wild, dass ihr das Lachen verging und sie sich rasch aufsetzte. Ja, interessant: Ich liebte meine Großeltern, trotzdem genoss ich es, sie durchzuhauen. Und wenn sie Auweh! schrien, jubelte ich. Hatte ich ihnen rote Beine und damit, wie sie glaubten, frisches Leben und Gesundheit für das kommende Jahr angeschlagen, bedankten sie sich und gaben mir Geld.
Meine Eltern habe ich nie aus dem Bett geschlagen. Mein Vater, der zwischen den Jahren meistens Urlaub hatte und länger im Bett lag, wollte wegen so eim Blödsinn nicht gestört werden; und meine Mutter war vor mir aufgestanden, um mich zu wecken und mit der Rute zu den Großeltern zu schicken, die Wert auf die Erfüllung dieses für mich in zweifacher Hinsicht einträglichen Brauches legten.
Rund um das Jahr bekamen die Großeltern Verwandtenbesuche – Schwes-tern und Brüder, Schwägerinnen und Schwäger, Nichten und Neffen. Viele kamen aus Dörfern im Oberland und der Anlass für den Besuch war meist, dass sie im Städtchen etwas erledigen mussten. Da schauten sie dann bei den Großeltern vorbei, und der eine oder der andere kam zu uns in den ersten Stock oder wir wurden nach unten gebeten.
Am liebsten waren meinen Eltern die drei freundlichen Cousinen meines Vaters aus dem May-Haus. Die älteste von ihnen hatte jetzt schon eine eigene Familie. Wenn ihr Ehemann, mein Onkel Sepp – quicklebendig im Unterschied zu dem auf dem Bild auf Amas Anrichte – mit dem Auto ins Städtchen kam, nahm er meistens seine Kinder mit. Das Auto parkte er an der Alten Straße, die Töchter brachte er zu Ama, er selbst ging irgendwelchen Erledigungen nach.
Die kleinen Mädchen – waren es drei oder schon vier? – saßen auf der Bettbank wie die Hühnchen auf der Stange, geduckt übers österreichische Manna, den Manner Schnitten, mit denen sie ihre Schnitten-Tante, meine Großmutter, fütterte. Wer will mitfahren zur Schnitten-Tante?, habe sie der Vater jedes Mal gefragt. Ja genau, auf Hochdeutsch habe er sie gefragt, denn das sollten sie sprechen, schließlich waren sie die Kinder eines Lehrerehepaares. Ihre Mutter, meines Vaters freundliche Cousine, habe sogar Ohrfeigen verteilt, wenn ihr von Seiten ihrer Kinder ein O statt einem A, ein Jo statt einem Ja zu Ohren gekommen sei. Deshalb haben sie sich, zumindest die Töchter, angewöhnt, das A in allen Wörtern besonders lang zu betonen, zur Sicherheit, weil – wer kriegt schon gern eine Ohrfeige? Diese Gewohnheit, ein langes und breites A zu sprechen, haben sie beibehalten und an ihre Kinder weitergegeben. Deshalb wird es heute noch gesprochen, und es ist weithin bekannt als das sogenannte Neubauer-A.
Aber jetzt sitzen die kleinen Mädchen noch auf der Bettbank und sagen weder A noch O, beschäftigen sich bloß mit den Schnitten. Beißen mit ihren kleinen Zähnen, lecken mit ihren rosigen Zungen und bröseln mit ihren rundlichen Fingerlein, die bald schokoladeverschmiert sind. Wenn sie ihre Schnitten aufgegessen haben, geht Ama mit einem nassen Waschlappen die Reihe entlang und säubert ihnen Mund und Hände. Sauber gewischt schauen sie so ein bisschen rundherum und sitzen weiterhin stumm nebeneinander. Ama hat den Eindruck, die Zeit werde ihnen lang. Sie ruft mich herbei, ich soll die Schüchternen auflockern. Aber sie wollen auch mit mir nicht reden, geschweige denn Mikado oder Flohhüpfen spielen. Wenn ihr Vater endlich wieder erscheint, stürzen sie direkt auf ihn zu. Geht er dann noch auf einen Sprung zu uns, laufen sie ihm hinterher. Wenn er sich hinsetzt und mit mei-nen Eltern plaudert, drücken sie sich eng an ihn und lauschen.
Wies er seine Töchter aber an, bei Ama sitzen zu bleiben, die in diesem Fall noch eine Runde Schnitten ausgab, und kam allein zu uns hoch, ließ sich meine Mutter niemals die Gelegenheit entgehen, ihn zusammenzustauchen, wegen der Rücksichtslosigkeit gegen seine Frau, die angeblich schon wieder schwanger sei. Wie das bloß gutgehen soll – Kinder kosten Geld, viel Geld. Er lachte und sagte: Schickt der liebe Gott das Haserl, so schickt er auch das Graserl. Meine Mutter erwiderte: Dein Wort in Gottes Ohr, und schickte die Drohung hinterher: Du wirst dich noch anschauen! Er werde schon sehen, wie viele Sorgen ihm die Kinder, am Ende waren es zehn, noch bereiten würden. Er zuckte die Schultern und behielt sein Lachen, und mein Vater wies meine Mutter zurecht: Misch di do net ein! Unsa Göd issas net. Sie solle sich nicht einmischen, es sei ja nicht ihr Geld. Da ärgerte sie sich laut darüber, dass die Männer immer zusammenhalten. Und hinterher sagte sie zu meinem Vater, das verstehe sie nicht, dass seine Cousine sich nicht wehren könne, sie solle ihrem Ehemann doch Brom oder sowas ins Essen mischen, um seine körperlichen Begierden zu dämpfen. Das sei doch auch beim Militär üblich gewesen, oder?
Darmowy fragment się skończył.