Czytaj książkę: «Affären einer Pharmareferentin»

Czcionka:

Ute Richter

AFFÄREN

EINER

PHARMAREFERENTIN


Alle Namen und Personen sind frei erfunden. Etwaige Namensähnlichkeiten sind reiner Zufall.

Impressum

Umschlaggestaltung: Michael Dehnel, Berlin

Titelbild: Michael Dehnel, Berlin

1. Auflage 2013

ISBN 978 - 3 - 86777 - 538 - 0, gedruckte Ausgabe

1. E-Bookauflage 2013

ISBN 978 - 3 - 86777 - 572 - 4, E-Book [ePUb]

Innenlayout: Harald Rockstuhl, Bad Langensalza

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


Inhaber: Harald Rockstuhl

Mitglied des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e. V.

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Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Sommer

A – wie Dr. Albertino

B – wie Dr. Braumeier

C – wie Dr. Chlement

D – wie Dr. Dechsel

E – wie Dr. Engholm

F – wie Dr. Frickel

G – wie Dr. Guber

H – wie Dr. Hinzemann

I – wie Dr. Illmer

J – wie Dr. Jamsen

K – wie Dr. Kamiensky

L – wie Dr. Lehndorf

M – wie Dr. Mischling

Die Autorin

Im Sommer 2003 hielt eine Hitzewelle ganz Nordrhein-Westfalen in Atem. Die Quecksilbersäule kletterte täglich auf mehr als dreißig Grad im Schatten und nur die Abende versprachen etwas Abkühlung. Diese Hitze zog sich schon mehrere Wochen hin – einfach unerträglich für Mensch, Tier und Natur.

Erbarmungslos schickte die Sonne ihre aggressiven Strahlen auf Reisen und vernichtete somit Blumen, Pflanzen bzw. jegliche Vegetation. Für die Landwirtschaft bedeutete dies eine totale Katastrophe.

Viele Menschen verharrten tagsüber in ihren Wohnungen und erst spätabends, wenn die Temperaturen etwas sanken, öffneten sie Fenster und Türen.

Alte und Kranke setzten sich im Freien großen Gefahren aus.

In Ambulanzen und Kliniken herrschte Hochkonjunktur, das Martinshorn schrillte pausenlos durch die fast menschenleeren Straßen der Innenstädte und unterbrach somit die ungewohnte Stille.

Susi strömte der Schweiß aus allen Poren.

Tag für Tag fegte sie mit ihrem Mittelklassewagen den schwarzen Asphalt des Ruhrpotts, um als Pharmareferentin ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Die durchaus attraktive, selbstbewusste Frau von Anfang vierzig lebte nach dem Grundsatz:

„Lieber mit vierzig würzig, als mit zwanzig ranzig!“

Diese Lebensphilosophie hatte sie in den letzten Monaten davor bewahrt, den Gashahn in ihrer kleinen Zwei-Zimmerwohnung aufzudrehen bzw. andere Methoden anzuwenden, um ihrem Dasein ein Ende zu bereiten. Es fiel ihr schwer, allein zu leben.

Rolf war ihr zwanzig Jahre lang ein treuer Freund und guter Kamerad gewesen, aber genau das genügte ihr mit der Zeit nicht mehr, und sie trennte sich von ihm.

Die wilde Leidenschaft, die in ihr schlummerte und die sie nur noch aus Filmen und Zeitschriften zu kennen glaubte, machte ein unzufriedenes Biest aus ihr.

Seit ein paar Jahren bemühte sie sich als Pharmareferentin, das gesamte Ruhrgebiet zu erobern. Sicher keine leichte Aufgabe! Ein Firmenwagen wurde ihr zur Verfügung gestellt, um eine Arztpraxis nach der anderen abzuklappern.

Obwohl Susi anfangs in dieser Aufgabe eine echte Herausforderung sah, fehlten ihr mittlerweile schlechthin jegliche Erfolgserlebnisse. Dennoch gab sie ihr Bestes für die Herren der Chefetage des gigantisch großen Pharma-Konzerns.

Manchmal spielte sie mit dem Gedanken, sich vom Außendienst zu verabschieden. Doch auf ihre gewissen Freiheiten, wie z. B. eigene Zeiteinteilung und den Mittelklassewagen wollte sie auf keinen Fall verzichten. Seit Rolf aus ihrem Leben verschwunden war, hatte ihr dunkles Haar wieder etwas an Länge gewonnen. Dies ließ sie viel jünger aussehen. Susis große Augen, die auch tagsüber giftgrün leuchteten, waren typische Katzenaugen!

Mit Konfektionsgröße 42 zählte sie nicht zu den absoluten Modeltypen, doch bei einer Länge von 1,75 m konnte man sie noch unter „schlank“ einordnen. Alle bisherigen Diäten blieben erfolglos.

Gewöhnlich hatte sie nach Beendigung der Fastenzeit den unerwünschten Jojo-Effekt erreicht und noch ein paar Pfunde zugenommen. Sie hatte einmal gelesen, dass es Männer geben soll, die jedes Pfund an ihrer Frau lieben, nach dem Motto „Alles meine!“

Susi konnte keine Kinder bekommen, hatte viele Jahre darunter gelitten, weil sie sich nicht feminin genug und somit zweitklassig fühlte. Auch ihre Beziehung zu Rolf ging letztendlich deswegen den Bach runter. Doch inzwischen war der Kinderwunsch erloschen und andere Prioritäten bestimmten ihr Leben.

Was ihr gestern noch so wichtig schien, war heute vom Blickfeld des Tellerrandes verschwunden. Was konnte sie denn noch von ihrer Zukunft erwarten? Vielleicht hatte sie die Illusion im Kopf, den Traummann ihres Lebens zu finden? Und warum auch nicht? Schließlich träumen viele Frauen vom Ritter auf dem weißen Pferd, doch bei Susi durfte er auch im roten Ferrari auftauchen.

Warum passierte das komischerweise immer nur den anderen Frauen oder auch Weibern, die es ganz und gar nicht verdienten, wie Divas von ihren Gönnern verwöhnt zu werden?

Genau hier lag der Punkt, der Susis „gewöhnliches“ Leben so unerträglich machte. Ihre innerliche Unzufriedenheit wuchs von Tag zu Tag und die Angst, am wahren Leben vorbeizugehen, schien ihr langsam zum Verhängnis zu werden.

Vielleicht hatte sie nicht mehr viel Zeit, schon bald könnte sie eine schlimme Krankheit dahinraffen?

Ihr Lebenstraum bestand darin, ein Haus am Meer (irgendwo in der Normandie) zu besitzen. Natürlich nicht allein! In einer harmonischen Partnerschaft gemeinsam alt zu werden, schien ihr vernünftiger. Susi musste sich also einen Mann angeln! Aber wie zum Teufel? Auch ihr übereifriger Chef, Herr Mutz, würde sie davon nicht abhalten können, denn schon viel zu lange hatte sie kein Privatleben mehr, und lebte einzig und allein für ihre Arbeit.

Außerdem – was sollte das ständige Streben nach besseren Verkaufszahlen? Immerhin war Susi nicht die Schlechteste in dieser Region. Mutz konnte sie keineswegs mehr motivieren mit seiner ewigen Nörgelei, für die er im Distrikt bestens bekannt war.

Die Härte für Susi war, wenn er sich ansagte, um sie einen ganzen Tag zu begleiten. Schon eine Nacht zuvor konnte sie nicht schlafen und schluckte Anti-Depressiva bzw. Beruhigungstabletten.

Er war ein wirklicher Schleimer und wollte stets der Beste sein unter allen Regionalmanagern.

Nur weit gefehlt, denn auch sein großer Boss kannte seine kleinbürgerliche Denkweise, die ihn wie einen absoluten Spießer rüberkommen ließ. Das hielt Mutz dennoch nicht davon ab, von einem dicken, fetten Sessel in der oberen Chefetage zu träumen.

Für so einen Mann möchte Susi niemals die Socken waschen müssen. Allein der Gedanke erfüllte sie mit Brechreiz.

Er war ziemlich klein von Wuchs, stark untersetzt, weil er sich den ganzen Tag etwas unter seiner Nase reinschob, beinah kahlköpfig und darum kämmte er die spärlichen Haare von links nach rechts und brachte dieses Gebilde mit einer Dose Haarspray in Form. Nach dem Motto von Drei-Wetter-Taft: „Wesel – die Sonne brennt – … “

Susi wollte zu gern wissen, wie er wohl aussehen würde, wenn es wie aus Kannen gießt, aber der Pedant hatte immer einen Schirm dabei. Kein Wunder, dass diese Schießbudenfigur keine Frau abkriegen konnte.

Dennoch schien es angebracht, diese Antisympathie ihm gegenüber geschickt zu verbergen. Bei der angespannten Arbeitsmarktlage wäre es nicht auszudenken, wenn sie ihren Job verlieren würde.

Darum blieb Susi lieber still und schwamm mit der breiten Masse mit – nach der Devise: ‚Nur nicht auffallen!‘

Ihren Kollegen im Distrikt konnte sie wenig Vertrauen schenken und private Kontakte untereinander bestanden nicht.

Das Arbeitsleben war nicht mehr das, was es früher mal war. Ethische Begriffe, wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit etc. hörten sich wie Fremdwörter an.

Dafür tauchten täglich neue amerikanische Bezeichnungen wie z. B. Mobbing auf, mit denen jeder heute oder schon morgen konfrontiert werden konnte.

Um weiteren Gefahren aus dem Wege zu gehen, dachte sie sich einen perfekten Plan aus. Sie musste taff bleiben und wollte die übliche Durchschnittlichkeit der meisten Frauen in den Schatten stellen. Darum beschloss sie, ihr Leben fortan so zu verändern, dass sie innerhalb kurzer Zeit keine finanziellen Sorgen mehr haben würde. Ihre Rente, die laut ihren Berechnungen mehr oder weniger bescheiden ausfallen würde, verschaffte ihr regelrecht Albträume. Oft genug hatte Susi von einem Zehn-Punkte-Plan in der Politik gehört, wenn die Großen nicht weiter wussten. Sie musste etwas Adäquates tun, um schneller ans Ziel ihrer Träume zu kommen.

Entschlossen brachte sie einen „ABC-Plan“ zu Papier. Susi wusste genau was sie tat, denn sie wollte den Spätsommer sowie den Herbst ihres Lebens genießen, nachdem es Frühling und Sommer nicht so gut gemeint hatten mit ihr.

Und der Winter könnte viel Kälte mit sich bringen, wenn er dann überhaupt noch käme.

Skrupel kannte sie in ihrer Vorgehensweise nicht, denn sie würde nach dem Alphabet vorgehen und sich einen Arzt nach den anderen vornehmen, ihren Charme spielen lassen, und vielleicht … naja … somit den Richtigen finden.

Fingerspitzengefühl und Taktik waren keine Fremdwörter für Susi. ‚Also auf geht’s!‘ dachte sie.

Bei A dachte sie sofort an den netten und freundlichen Dr. Albertino, der ursprünglich aus Italien stammte.

Zu seiner Praxis-Einweihungsfeier war sie ihm zum ersten Mal begegnet. Neben dem Strauß Blumen, der natürlich bei solch einer Angelegenheit dazugehört, hatte Susi eines ihrer Werbegeschenke dabei und das war leider nicht so treffend, denn es handelte sich hierbei um ein gewöhnliches Fernrohr. Vielleicht passend für einen Augenarzt!?

Aber Dr. Albertino war nun mal Gynäkologe!

Ein peinlicher Auftritt für Susi.

Inzwischen hatte Susi ihre Hausaufgaben gemacht und genau dieser Dr. Albertino sollte in ihrem ABC-Plan das erste Opfer bzw. ihre allererste Versuchung sein.

A – wie Dr. Albertino

„Hallo, Dr. Albertino, ich bin froh, Sie nach dem letzten peinlichen Zwischenfall zu Ihrer Praxiseröffnung, hier ganz allein wiederzusehen und natürlich muss ich mich bei Ihnen entschuldigen für das etwas unpassende Mitbringsel, auch wenn es einige Besucher sehr witzig fanden – glauben Sie mir bitte – mir ist es immer noch sehr fatal!“ sagte Susi.

„Sorry, im Moment kann ich mich überhaupt nicht an Sie erinnern!“ erwiderte der Doktor.

„Na, ich bin doch die Pharmareferentin mit dem dämlichen Fernrohr! Sie haben gelacht über mich.“ so Susi.

„Ach ja, natürlich jetzt fällt es mir wieder ein! War doch lustig von Ihnen, ich meine dieses Geschenk. Wissen Sie, viele Leute können natürlich nicht darüber lachen, das wissen wir beide! Intelligente Menschen haben bekannter Weise immer Humor und darum – wo liegt denn Ihr Problem?“ schmunzelte der Doktor.

„Ja, aber ich kam mir so unendlich dumm vor und deswegen bin ich jetzt hier, um mich bei Ihnen zu entschuldigen.“ betonte Susi. „Ach nun übertreiben Sie aber, “ meinte der Doktor „und um dieser Angelegenheit, die Sie doch mehr oder weniger verlegen macht, ein Ende zu bereiten, habe ich hier einen Vorschlag, wenn Sie möchten?“

„Und was soll das Ihrer Meinung nach sein?“ Susi verklickerte ihn mit einem fast bösen Blick, dass er nicht zu viel von ihr erwarten durfte. Albertino schmunzelte und das stand ihm fantastisch.

Mit seinem italienischen Charme sagte er sehr gelassen: „Zunächst kann ich Ihnen nur das DU anbieten, denn wie ich festgestellt habe, sind Sie oder auch Du meine zuständige Pharmareferentin und wir werden es sicher eine Weile miteinander aushalten müssen, ob wir nun wollen oder nicht, habe ich recht?“

Susi war perplex, und erwiderte sehr spontan: „Ach ja, ich hoffe, Sie nicht nur durch ein Fernglas zum Lachen bringen zu können, denn ein altes Sprichwort sagt: ‚Wozu in die Ferne schauen, sieh das Gute liegt so nah!‘“

„Das ist auch meine Meinung und deshalb möchte ich Dich für morgen Abend in mein Stammlokal einladen, gleich hier um die Ecke links, Du musst also kein Fernrohr mitbringen, wenn Du weißt, was ich meine?“

Susi fühlte sich angemacht von dem kleinen und viel zu schönen Italiener. Sie sagte gelassen: „Ich werde kommen, wie spät?“

„Ja, das ist immer so eine Sache, aber 20.00 Uhr ist okay und Du bist selbstverständlich von mir eingeladen!“ versicherte Albertino. Inzwischen waren aus dem Wartezimmer Stimmen zu hören, und es wurde Zeit für Susi zu gehen. Noch ein letzter Blick und mit einem fast zufriedenem Gesicht, verschwand sie wieder.

Zartlächelnd sagte sie: „Bis dann!“

Der Warteraum präsentierte sich übervoll mit schwangeren Frauen. Sie schaute kurz auf, und dachte: ‚Kinder kann ich keine kriegen, aber euren Doktor schon!‘

Dennoch erfasste sie eine gewisse Unsicherheit. Ob er sie seriös nahm? In ihrem Wagen angelangt, fragte sich Susi, was sie wohl am Abend anziehen könnte. Ihr Kleiderschrank sprang zwar bald aus den Nähten, doch etwas Passendes für diesen speziellen Anlass fehlte ihr. Lange Rede kurzer Sinn, sie hatte es wieder geschafft, ihren inneren Schweinehund zu besiegen und hielt es für zwingend nötig, in ihrer kleinen Nobelboutique vorbeizuschauen!

Für Susi eine wahre Fundgrube bei ausgebreiteter Schatzsuche. Nachdem sie endlich einen Parkplatz gefunden hatte, was in der Innenstadt nicht immer einfach war, lief sie zielorientiert durch die Fußgängerzone und verschwand in den kleinen Eckladen.

Schon lange hegte sie den Wunsch, in dieser Boutique wenigstens nur einmal unbegrenzt und nach Herzenslust einkaufen zu können, ohne an das nötige Kleingeld denken zu müssen!

‚Wer weiß, vielleicht ist es schon bald möglich? Mit der Visa-card von meinem Doktor natürlich. Ach, man müsste wenigstens ein paar Monate voraussehen können‘ dachte sie ‚welcher Name würde wohl beim Bezahlen herhalten müssen?‘

Sollte sie vielleicht mal zu einer Wahrsagerin gehen? Ihr erster Blick fiel auf ein knallrotes Minikleid.

‚Super das nehme ich!‘ dachte Susi und riss es vom Haken. Der Preis von satten 175 Euro schreckte sie ab. Aber, was soll’s?

Geiz war nun gar nicht angebracht, und sie musste investieren, sonst konnte sie ihren ABC-Plan vergessen.

Dieses Teil musste sie unbedingt haben, nicht nur für den Albertino-Abend!

Auf ging’s zur Anprobe, denn viel Zeit blieb ihr nicht zum Nachdenken, in wenigen Minuten erwartete man sie schon in der nächsten Praxis. Kaum hatte sie sich aus ihrem viel zu engen Shirt befreit, machte sich ein unangenehmer Duft breit. Sie war total verschwitzt, und ihr Deo lag wie immer im Auto.

Ein kurzer Blick in den Spiegel ließ Susi erschrecken.

Der abgetragene und mittlerweile vergraute BH konnte ihren Brüsten keinerlei Form verleihen. Einer der Bügel am Brustansatz fehlte. Beim Schleudergang der Waschmaschine hatte er Zuflucht in einem mit gewaschenem Slip gesucht. Nun verhielt sich ihre linke Brust anders als die rechte, hüpfte hin und her und auf und ab bei der kleinsten Bewegung. Der zu eng sitzende Slip versagte ihrer Figur jeglichen Liebreiz. Kurzum sie fühlte sich wie das Michelin-Männchen aus der Reifenreklame.

Ganz klar, so konnte sie niemals einen Mann verführen! ‚Hoffentlich passt das Kleid‘ dachte Susi und streifte es hastig über den Kopf, doch schon beim Busen blieb das Teil hängen. Kräftiges Ziehen half nichts, sie war gefangen in diesem Fetzen. Zornig auf alle Modemacher brach sie beinahe in Panik aus.

Das Etikett zierte eine kleine 44! Sollte sie nach 46 fragen? ‚Oh nein – das kommt nicht in Frage!‘ dachte Susi.

Nun kreuzte eine gutaussehende, schlanke Verkäuferin auf und fragte: „Kann ich Ihnen helfen?“

„Ja, holen Sie mich bitte ganz schnell aus diesem Fummel raus!“ befahl Susi „Und übrigens – das hier ist niemals meine Größe!“ Die Dame verkniff sich ein Schmunzeln, und erwiderte freundlich: „Dann nehmen Sie es doch einfach eine Nummer größer!“

„Na gut!“ stöhnte sie.

Die Verkäuferin brachte ihr schließlich diese Alternative, und Susi war schier begeistert von ihrem Erscheinungsbild.

Sie dachte: ‚Da wird der kleine Albertino aber große Augen machen!‘ und nahm sich vor, das kleine Etikett (Gr. 46) noch am Abend verschwinden zu lassen.

Am Parkplatz angekommen, erstaunte sie ein kleines weißes Papier an der Frontschutzscheibe ihres Wagens. Das hatte ihr gerade noch gefehlt, ein Strafzettel über 10 Euro, weil sie in aller Aufregung den Parkzettel in der Tasche statt im Auto verstaut hatte.

„Scheiße!“ brüllte Susi laut.

Daraufhin drehte sich ein sehr eleganter, weißhaariger Mann zu ihr um und schüttelte mit dem Kopf, als wollte er ihr sagen, wie gewöhnlich sie sei. Doch ohne ein Wort zu verlieren, stieg er in seinen BMW und fuhr mit Volldampf davon.

Susi schämte sich fürchterlich vor diesem attraktiven Mann. Was war denn nur in sie gefahren?

Ach, egal! Er würde ihr kein zweites Mal über den Weg laufen. Während der Fahrt zur nächsten Praxis drehte sie das Radio bis hinten auf. Es lief ihr Lieblingslied „SUPERGIRL“!

So laut sie konnte – sang sie mit und wollte somit ihren innerlichen Frust abbauen.

‚Susi – ein Supergirl!‘ dachte sie verträumt ein paar Minuten lang. Doch die Realität holte sie schnell wieder ein, als sie vor einer Ampel stehend, ein wildes Hupkonzert hinter sich hörte.

Grüner wurde es nicht mehr, doch sie hatte es nicht bemerkt. Susi wusste, dass nun keine Zeit für Träumereien war. Einen letzten Termin musste sie noch wahrnehmen, um ihre Medikamente an den Mann zu kriegen. Danach war endlich Feierabend bei dieser Affenhitze.

Ziemlich abgespannt betrat sie ihre kleine Wohnung und sah sich um. ‚Hier muss sich auch viel verändern‘, dachte sie bei sich. Die Tapeten hatte Rolf vor einigen Jahren angeklebt, die Möbel waren unmodern geworden und der Teppich zeigte mehr Flecken als Muster auf. So konnte sie keinen Mann empfangen, das war sicher! Aber wie sollte sie das nötige Geld auftreiben?

‚Eventuell kann mir ein Kredit weiterhelfen‘, überlegte Susi. Schon morgen würde sie zu ihrer Bank gehen und um ein Darlehen bitten, immerhin stand ihr Konto wieder im Plusbereich.

Nach dem Duschen ging Susi sofort ins Bett. Ihr letzter Gedanke vorm Einschlafen war, dass sie unbedingt neue Bettwäsche kaufen müsste. Danach schlummerte sie ins Land der Träume.

Am folgenden Morgen hatte Susi keine Lust aufzustehen. Als der Wecker schellte, fühlte sie eine innere Unruhe.

Dieser Abend würde für sie sicher unvergesslich bleiben, denn Dr. Albertino war der erste Mann in ihrem ABC-Plan.

In der morgendlichen Nüchternheit, die sie durchströmte, kam ihr das Ganze für einen Augenblick sogar etwas lächerlich vor. Ihre Antennen standen noch nicht auf Empfang, sie fühlte sich kaputt und ausgelaugt.

Ob sie sich auf ein Abenteuer mit diesem kleinen Italiener einlassen sollte? Sie würde niemanden betrügen und somit kein schlechtes Gewissen haben müssen.

Mit einem Schwung hüpfte sie aus ihrem Bett, stellte das Radio an und begann mit ihrer morgendlichen Toilette.

Unter der Dusche stehend, betrachtete sie ihren Körper und überlegte krampfhaft, wann sie zum letzten Mal Sex hatte. Mein Gott war das lange her! Vielleicht anderthalb Jahre? Oder auch schon zwei? Hatte sie es überhaupt noch drauf, mit einem Mann in die Kiste zu steigen? Diese Unsicherheit bereitete ihr plötzliches Kopfzerbrechen.

‚Den Tag ruhig angehen lassen‘, dachte sie.

Am Abend wollte sie fit sein und sehr gut aussehen. Was stand auf dem heutigen Tourenplan?

Ihr erster Termin war bei einer arroganten und sehr unsympathischen Allgemeinmedizinerin namens Wagenbrecht.

Diese Dame mittleren Alters war der Horror eines jeden Vertreters. Das hatte Susi gerade noch gefehlt! Sie nahm sich fest vor, cool zu bleiben und sich keinesfalls von dieser Person, den Tag verderben zu lassen. Mit gemischten Gefühlen betrat sie das Wartezimmer und schon packte sie eine Art Panikanfall.

Sie ging zu einer der Arzthelferinnen und piepte mit dezenter Stimme: „Für neun Uhr hatte ich einen Termin bei Frau Doktor Wagenbrecht!“ „Moment bitte, Sie sehen doch was hier los ist!“ antwortete diese schroff. Susi fühlte sich wie in der Höhle des Löwen und wäre am liebsten weggelaufen, doch sie blieb, denn genau das gehörte zu ihrem Job! In nur wenigen Minuten würde sie wieder in ihrem Auto sitzen und sich auf den bevorstehenden Abend mit Dr. Albertino freuen können. Plötzlich wurde sie aufgefordert, ins Sprechzimmer zu kommen – von Frau Doktor persönlich.

Mit einer eleganten Geste schwang Susi ihre Aktentasche unterm Arm und betrat das gefürchtete Terrain. Doch sie traute ihren Augen nicht, denn diese Wagenbrecht schien heute unheimlich gut drauf zu sein. Sie begrüßte Susi beinah herzlich mit einem kräftigen Handschlag. Das Beratungsgespräch lief gut ab, und beide hatten dieses Mal keine Unstimmigkeiten miteinander. Kaum zu glauben, dass so etwas möglich sein konnte.

Beim Verabschieden war Susis Angst verflogen und endlich durfte sie den Raum, dieser viel gefürchteten Dame, verlassen.

Schon an der Tür angekommen, vernahm sie eine Frage aus dem Hinterhalt: „Was ist das eigentlich für ein Gestank, den sie mir hier zumuten?“ „Meinen Sie mein Parfüm?“ fragte Susi unsicher und schaute sich um. „Falls sie mich nochmals konsultieren möchten, dann bitte ich sie hiermit eindringlich, ohne diesen penetranten Geruch zu erscheinen. Von diesem Gestank wird einem ja übel. Nun muss ich wegen ihnen noch das Fenster aufreißen, finden sie das normal?“ fauchte die Doktorin vor Wut. Susi stammelte ein paar Worte der Entschuldigung, und zog sich zurück, indem sie die Tür von außen zumachte.

Erst als sie in ihrem Auto saß, realisierte sie sich, was vorgefallen war. Diese Wagenbrecht war wirklich der Teufel in Person. Musste sie sich das gefallen lassen? Dabei hatte sie viel Geld ausgegeben für ihr neues Parfüm.

Kein Wunder, dass diese alte Ziege keinen Mann abbekommen hatte. Minuten später beruhigte sich Susi wieder, denn ihr fiel ein, dass auch sie keinen Mann mehr hatte!

Bei den weiteren Arztbesuchen passierte nichts Außergewöhnliches an diesem Tag.

Auf dem Stellplatz vor ihrer Wohnung angekommen, fiel ihr die Tasche aus der Hand.

Lippenstift, Puder, Schlüssel etc. verstreuten sich über den rissigen und auch staubigen Boden unterm Auto.

Plötzlich klingelte ihr Handy. Sie fand es zwischen den beiden Vorderrädern und auf dem Display erschien die Nummer von ihrem Chef, den viel geliebten Mutz.

Der hatte ihr heute noch gefehlt, was er wohl schon wieder von ihr wollte? „Hallo, Herr Mutz, wie geht’s?“ fragte Susi unterm Auto liegend. Am anderen Ende war eine ziemlich piepsige Stimme wahrzunehmen: „Guten Tag Frau Reuther, wir gehen morgen zusammen auf Tour! Ich bin acht Uhr bei Ihnen vor der Tür und fahre dann mit Ihnen mit. Sie haben doch hoffentlich einen vollen Terminkalender? Anschließend müssen wir uns über Ihre Verkaufszahlen unterhalten. Haben Sie noch Fragen?“

„Nein!“ antwortete Susi kurz entschlossen.

„Also dann bis morgen!“ erwiderte Mutz und legte auf, bevor Susi sich verabschieden konnte.

Sie war total von den Socken, den ganzen Tag würde er ihr wieder auf die Nerven gehen, dieser Gnom von einem Möchte-Gern-Typen. Sie fand ihn zum Kotzen und musste doch immer schleimen, um ihn bei Laune zu halten. ‚Hoffentlich geht das morgen gut!‘ dachte Susi.

Sooft kam es gar nicht vor, dass er mit ihr mitfuhr. Dennoch, wenn es dann soweit war, brach sie regelrecht in Panik aus.

Die Umsätze waren momentan nicht so gut, denn die Urlaubszeit und das damit verbundene Sommerloch prägten den Verkauf. Wiedermal wurde ihr bewusst, was sie doch für einen erbärmlichen Job hatte.

Für heute hatte sie die Nase voll. Zuerst diese überdrehte Wagenbrecht und jetzt noch diese Witzfigur von Mutz. Wie lange würde sie dies alles noch ertragen können?

Inzwischen dachte sie an den bevorstehenden Abend mit Dr. Albertino.

Ganz bestimmt wollte er nicht nur essen mit ihr!? Hoffentlich nicht!!! Susi ließ der Fantasie freien Lauf und erinnerte sich an seinen letzten Blick auf ihren Hintern, als sie sein Sprechzimmer verließ. Dieser war ziemlich eindeutig ihrer Meinung nach. Natürlich wollte er mehr von ihr – ganz klar!

In Windeseile ging sie duschen, rasierte die Beine und auch andere diverse Körperteile, die es nötig hatten. Sie wollte umwerfend aussehen, um diesen aparten Italiener verführen zu können.

Mittlerweile war es 19.00 Uhr und sie musste sich beeilen, wenn sie pünktlich sein wollte.

Zufrieden schaute sie in den Spiegel und fühlte sich unheimlich sexy in dem neuen roten Kleid. Ihr Haar trug sie hochgesteckt, was sie noch einen Hauch anziehender machte.

Irgendwie ähnelte Albertino diesem smarten Typ aus der Fernsehwerbung von der Cappuccino-Reklame, der da immer sagte: „Aber ich habe doch gar keinen Wagen … “

Susi wurde zunehmend nervöser, innerhalb weniger Minuten musste sie loslaufen und das brachte sie beinah um den Verstand. Ihr Herz klopfte wie verrückt vor lauter Aufregung. Beinah hätte sie die Kontrolle über sich selbst verloren.

Voller Anspannung verließ sie ihre Wohnung, lief durch die noch stark frequentierten Straßen bis sie endlich am Ziel anlangte.

‚Hier muss es sein‘, dachte sie und riss die Eingangstür entschlossen auf. Keiner sollte merken, wie stressig sie sich fühlte. Selbstbewusst wollte sie erscheinen und das gelang ihr auch, denn jedermann im Lokal drehte sich nach ihr um. Auch die anwesenden Frauen schauten Susi taxierend an. Das gab ihr Selbstvertrauen und sie strotzte vor Stolz. Plötzlich begannen ihre Augen zu leuchten, nein unendlich viele Blitze schienen ihre Pupillen zu verformen. Wie aus dem Nichts stand ihr Traumprinz, Dr. Albertino, vor ihr.

„Guten Abend Susi, ich freue mich sehr, dass Du kommen konntest!“ sagte der Doktor.

„Hallo, schön Dich zu sehen!“ entgegnete Susi.

„Komm, wir setzen uns gemütlich an den hintersten Tisch, da sind wir beide ungestört und können in Ruhe essen.“

Er nahm sie am Arm und glitt gefühlsvoll bis zum Handgelenk hinunter. Sie spürte ein leichtes, aber durchaus angenehmes, Kribbeln auf der Haut. An einem kleinen, runden Tisch im Kerzenlicht nahmen beide Platz. Er hielt noch stets ihre linke Hand fest, und meinte: „Der Champagner kommt sofort und dann besiegeln wir unser Du, recht so?“ „Ja, gerne!“ stammelte sie.

15

Eine attraktive Serviererin brachte den Sekt an den Tisch. Mit viel Geschick öffnete sie die Flasche, und goss beide Gläser voll. „Danke, Conny!“ sagte der Doktor und zwinkerte verwegen dem jungen Mädchen zu.

„Prost meine Schöne, ich bin Silvio, auf Dein Wohl!“ so der Charmeur. „Salute, Silvio, ich bin Susi! Auf Dein Wohl!“ antwortete sie. Sie schauten sich in die Augen. Er hielt ihrem Blick stand und das machte sie unsicher. Es war lange her, dass ein Mann sie in Verlegenheit brachte. Mit einem weiteren Glas Champagner in der Hand fühlte sie sich zunehmend sicherer und trank es in vollen Zügen aus.

Silvio hatte das ‚gewisse Etwas‘ und das wusste er selber auch. Sein italienischer Charme mit dem dazugehörigen Akzent, sowie die gepflegte Erscheinung, ließen jedes Frauenherz höher schlagen. Susi war hin- und hergerissen von ihrem Gegenüber. Sie bemerkte sehr schnell, dass sie bereits Feuer gefangen hatte.

Beide unterhielten sich angeregt, und sprachen natürlich auch über ihre Arbeit, die sie verband und durch die sie sich kennengelernt hatten. „Bist Du eigentlich verheiratet?“ fragte Susi und erschrak über die direkte Frage. Es war ihr einfach so rausgerutscht.

„Natürlich nicht, sonst dürfte ich kaum hier bei Dir sitzen. Aber ich stand einmal kurz davor – vorm Altar, meine ich!“ antwortete Albertino. „Und warum ist es schiefgegangen?“ wollte Susi wissen. Sein Gesicht verfärbte sich in Bruchteilen von Sekunden und es schien, als hatte er etwas zu verbergen.

Sie war neugierig, und wollte seine Vergangenheit gern etwas näher unter die Lupe nehmen. Das bedurfte aber Einfühlvermögen, darum stellte sie keine weiteren Fragen.

Bis er dann von selbst begann: „Meine damalige Freundin ist mit meinem besten Kumpel durchgebrannt.“

Er holte tief Luft und sprach weiter: „Darum habe ich damals Italien verlassen. Aber nun gut, heute bin ich hier und es geht mir besser. Und jetzt lass uns bitte das Thema wechseln.“

Er zog seine schwarzen Augenbrauen hoch, schaute Susi beinah teilnahmslos an, und schien in seinen Gedanken zu versinken.

Die Serviererin brachte das Essen. Beide nahmen Steinofenpizza und Susi bemerkte schnell, dass Silvio sich bemühte, unterhaltend zu sein. Mit einem verschmitzten Blick machte er ihr seine Zuneigung klar. Das bedurfte bei seinem Charme keiner Worte.

Ein italienischer Rotwein rundete das Essen ab. Sie war entzückt von seinen Umgangsformen. Ja, das war ein Mann von Welt. Es gab sie also wirklich, nicht nur im Film, wie sie stets glaubte. Sie fühlte sich pudelwohl und der Alkohol brachte eine gewisse Lässigkeit in ihr Gespräch. Ihr Gesicht wurde von einer bezauberten Röte überflutet, was sie zunehmend unwiderstehlich machte.

Im Hintergrund plätscherte leise Musik. Eros Ramazotti war zu hören und das löste noch einen zusätzlichen Reiz aus, denn sie war ein großer Fan von ihm.

Mittlerweile lachten sie miteinander so laut, dass einige Gäste mit den Köpfen schüttelten.

‚Na und‘ – dachte Susi ‚was ist schon dabei, auch sie wollte einmal ausgelassen sein und über die Stränge hauen dürfen.‘

Die anderen Paare im Restaurant sahen ziemlich gelangweilt aus, hatten sich offenbar nichts mehr zu sagen. Sie musste automatisch an die Zeit mit Rolf denken.

Was konnte sie von dem heutigen Abend noch erwarten? Sollte sie Silvio mit zu sich nach Hause nehmen, wenn er sie darum bat? Das dürfte sie keinesfalls beim ersten Treffen tun!

Vielleicht würde er sie auch zu sich einladen – und dann? An seinem Wohnstil könnte sie vieles über ihn erfahren, oder?

Je länger sie sich das einredete, desto schneller kam sie zu dem Entschluss, mit ihm mitzugehen. Schließlich war sie Single und hatte niemanden Rechenschaft abzulegen. Außerdem ist es Jahre her, dass sie etwas mit einem Mann hatte.

Sie sehnte sich ungemein nach Zärtlichkeit und ihre Gefühle begannen bei ihr anzuklopfen: bitte, bitte – tue es!!!

Silvio hielt sein Weinglas in der linken Hand, schaute ihr tief in die Augen und strich gefühlvoll mit seinem rechten Handrücken über ihre Wange. „Du bist wunderschön und Deine grünen Augen sind im Kerzenlicht ebenso einzigartig, wie das Funkeln zweier Smaragde beim Sonnenaufgang. Sage mir bitte, wieso eine so bezaubernde Frau noch zu haben ist!“ fragte er. Susi war benebelt von diesen Worten, konnte das alles wahr sein oder träumte sie? Noch nie zuvor hatte sie derartige Komplimente bekommen. Er musste es sein, der Mann ihrer Träume. Am liebsten hätte sie die Zeit angehalten … so happy fühlte sie sich.

Ihr ABC-Plan war also genial, schon bei A macht es klick. Einen Augenblick schwieg Susi.

Dann antwortete sie: „Vielleicht weil der Richtige noch nicht gekommen ist?“

Ohne jegliche Hemmung hielt sie seinem gierigen und beinah geilen Blick stand und provozierte ihn zusätzlich mit freizügigen Gesten. Silvio schien dies überaus zu imponieren und er packte sie kräftig am Nacken, zog ihren Kopf übern Tisch und küsste sie ungefragt mit wilder Leidenschaft. Seine Zunge sog sich an der ihren fest, dass sie glaubte, keine Luft mehr zu kriegen. Dennoch genoss sie diesen unendlichen Kuss in vollen Zügen. Ihr war jetzt klar, dass sie mit diesem tollen Doktor schlafen würde. Susis Körper bebte vor Aufbegehren und niemand könnte sie nun noch abhalten, mit Silvio in die Kiste zu steigen.

Als sich die zwei wieder voneinander lösten, hielt er ihre Hand fest und ein warmes Gefühl machte sich in Susis Herzen breit. Sie vertraute ihm und war hoffnungslos verknallt.

Silvio bezahlte die Rechnung.

Beim Verlassen des Lokals kam er mit seinem Mund an ihr Ohr und flüsterte: „Komm schnell, wir gehen zu mir!“

Mit der Schnelligkeit einer Schlange biss er sie sanft in ihr Ohrläppchen und schob seine Zunge ins Ohr hinein.

Das stimulierte sie unheimlich und sie konnte es kaum erwarten, mit ihm allein zu sein.

Nur zwei Straßen weiter befand sich seine Arztpraxis. Silvio schob den Schlüssel ins Haustürschloss und zog die Tür hinter ihr zu.

Plötzlich drückte er sie an die Wand vom Treppenaufgang und küsste sie erneut mit großer Leidenschaft.

Seine Hände glitten von ihren Schultern hinab, krallten sich taxierend an den Brüsten fest und vereinten sich schließlich an ihrem Hinterteil. Sie bekam kaum noch Luft und wehrte ihn kurz ab mit der Bemerkung: „Was, wenn uns hier jemand sieht?“

Er deutete mit dem Zeigefinger nach oben auf eine Mansardenwohnung über seiner Praxis und zerrte Susi hinter sich die Stufen hoch. In der Wohnung angekommen, scheute er keine Mühe, um sich über sie herzumachen. Ihr Blazer flog auf den Teppich und ehe sie sich versah, machte er sich schon an ihrem neuen, roten Kleid zu schaffen. Gern wollte sie sich seine Wohnung ansehen und vielleicht noch ein letztes Glas trinken, aber in Windeseile hatte er Susi ausgezogen. Er verhielt sich wie ein Stier und wollte nur ein Ding – hemmungslosen Sex!

Sie kam nicht gegen ihn an. Innerhalb von Sekunden stand er splitternackt vor ihr und sie erschrak gewaltig. Eine solche Erektion hatte sie noch nie zuvor bei einem Mann gesehen.

‚Das kann nicht gutgehen‘ dachte sie bei sich ‚der macht mich ganz kaputt.‘ Das waren ihre letzten klaren Gedanken, die ihr durch den Kopf schwirrten. Ohne Gnade nahm er sie und drang mit heftigen Stößen in sie ein, so dass sie glaubte, das Bewusstsein verlieren zu müssen. Sie konnte diesen Akt nicht genießen, er war zu brutal in seiner Art.

Endlich ergoss er sich ihn ihr und stöhnte einige Male: “Mamamia, mamamia … “

Anschließend stieg er von Susi, wie ein Reiter von seinem Pferd, ging zum Kühlschrank, trank ein Glas Wasser und verschwand im Bad. Völlig benebelt und fassungslos über das, was eben passiert war, lag sie regungslos da.

‚Was war das denn?‘ fragte sie sich.

Wie ein Stück Dreck kam sie sich vor. Sie suchte ihre Sachen, die im ganzen Zimmer herumlagen, zog sich schnell an und hatte nur noch einen Wunsch – weg hier!!!

In der Dusche hörte sie Wasser laufen.

Schnell, ja fast fluchtartig, verließ sie die Wohnung.

Auf dem Heimweg drehte sie sich ständig um, weil sie glaubte, verfolgt zu werden.

Zu Hause angekommen, ließ sie sich auf die Couch fallen und kippte ein großes Glas Whisky in sich hinein.

Auf den Fußboden starrend, ließ sie den gesamten Abend mit Albertino noch einmal vor sich ablaufen. Es hatte so schön angefangen. Ihre Gedanken waren durcheinander und sie fand keine Erklärung, wie es so enden konnte.

Susi wollte diesen Mann verführen, soviel war sicher. Aber auf ihre eigene Art und Weise.

Nun hatte er sie missbraucht – oder hatte er das nicht? Fragen über Fragen machten sich in ihrem Kopf breit. Eine Vergewaltigung war es jedenfalls nicht, das stand fest! Warum ist sie weggerannt, vielleicht wollte er ihr nach dem Duschen alles erklären?

Sie erschrak als ihr Telefon klingelte.

‚Wer ruft so spät noch an?‘ dachte sie und nahm den Hörer ab. „Ja bitte!“ hauchte sie.

„Susi, was ist los mit Dir? Warum bist Du so schnell weggegangen? Du machst mich traurig, denn ich wollte gern die ganze Nacht mit Dir verbringen. Das war doch erst der Anfang. Bist Du enttäuscht? Sag es mir bitte!“ betörte Silvio.

Dies hatte sie nicht erwartet, und sie fand keine Worte. Einen Moment herrschte tiefes Schweigen auf beiden Seiten.

Bis Sie sich fasste und ins Telefon stammelte: „Entschuldigung, aber mir ging das zu schnell und dann, naja Du bist einfach im Bad verschwunden. Ich dachte, hm … Du bedauerst alles, was zwischen uns passiert ist!“ „Aber keineswegs, es war wunderschön mit Dir, glaube mir bitte! Naja, ich bin schnell gewesen, ist das denn ein Wunder, wenn ich Dir sage, dass ich lange Zeit keine Frau mehr hatte?“ erklärte Silvio unmissverständlich. Darauf Susi: „Bitte, lass mich jetzt schlafen gehen, morgen habe ich einen harten Tag vor mir, denn mein blöder Chef klemmt mir den ganzen Tag an den Sohlen. Ich melde mich.“

„Na dann, schlaf gut! Bitte sei nicht böse mit mir! Ich war einfach zu geil auf Dich!“ versicherte er.

Sie legte auf und wusste nicht, was sie glauben sollte. Darum ging sie sofort ins Bett und ihre letzten Gedanken widmete sie Mutz. Wie sollte sie nur diesen Vollidioten den ganzen Tag ertragen? Langsam zeigte der Alkohol seine Wirkung und riss Susi in den Schlaf. Sieben Uhr morgens meldete sich der Wecker bei ihr. Sie wollte gern noch weiterschlafen, doch dann begriff sie, dass sie ihr geliebtes Bett verlassen musste.

Als sie sich aufrichtete, bemerkte sie ihren schweren Kopf. Schnell ging sie zum Kühlschrank und trank eine Flasche Wasser.

Der Alkohol vom letzten Abend machte sich bemerkbar und sie schluckte eine Aspirin-Tablette. Susi war kotzübel, völlig verkatert nahm sie sich vor, niemals mehr so viel zu trinken, schon gar nicht, wenn sie am darauffolgenden Tag arbeiten musste.

Mutz stand pünktlich acht Uhr morgens an der Tür.

Sie gab sich sehr freundlich und begrüßte ihn wie einen Gott. Er fühlte sich geschmeichelt und stieg zu ihr ins Auto.

Zu aller Vorsicht hatte sie ihren Mund mit Pfefferminzbonbons gefüllt, denn er sollte keinesfalls ihre Alkoholfahne wahrnehmen und Kaugummi war im Dienst nicht erlaubt – ganz klar!

Viel Make-up hatte sie aufgetragen, um die Spuren vom letzten Abend zu vertuschen.

Der Tag war sehr anstrengend für Susi. Mutz sprach die ganze Zeit über kaum ein Wort.

„Tun Sie so, als wäre ich nicht da!“ wiederholte er ständig. Sie dachte: ‚Das wäre mir auch viel lieber, Du Arsch!‘ Dieses sinnlose Schleimen vor diesem Kotzbrocken ging ihr schon lange auf die Nerven, aber nun war es extrem geworden und sie musste sich verdammt zusammenreißen, um nicht zu explodieren. Sie hatte es satt, auf diese Art und Weise ihr Geld zu verdienen.

Von einer Praxis fuhren sie zur nächsten und die Zeit blieb beinahe stehen. Wenn Susi allein unterwegs war, verging der Tag dagegen wie im Flug. Schließlich forderte er sie auf, mit ihm in ein Cafe zu gehen, um über ihre Umsatzzahlen sprechen zu können.

Nun erwartete sie den allerschlimmsten Teil des Tages, das wusste sie nur zu gut.

Also begann er mit seiner Predigt: „Ja, Frau Reuther, in Ihrem Gebiet sind die Verkaufsergebnisse nicht zufriedenstellend. Wissen Sie, eigentlich müsste ich Sie entlassen!“ und schaute sie fragend an. Susi traute ihren Ohren nicht.

‚Das darf nicht wahr sein‘ dachte sie ‚ich verliere meinen Job!?‘ Fassungslos sah sie ihn an, es herrschte Stillschweigen. Völlig geschockt saß ihr der Schreck in allen Gliedern.

Bis Mutz dann endlich wieder begann: „Okay, Frau Reuther, eine letzte Chance gebe ich Ihnen noch! Doch Sie müssen mehr Eigeninitiative zeigen und verantwortungsbewusster mit dem Ärztepotenzial umgehen. Werden Sie sich endlich mal bewusst, welche Position Sie in unserem Unternehmen einnehmen! Sie vertreten unsere Firma an der Basis und Sie können unseren Umsatz stark beeinflussen. Ich erwarte Fleiß, Einsatz und Zielstrebigkeit von Ihnen. Denken Sie nach und kommende Woche möchte ich nochmal mit Ihnen darüber sprechen, dann sehen wir weiter. Klar? Noch Fragen?“

Susi wirkte niedergeschlagen und antwortete kaum hörbar: „Okay, Herr Mutz!“

Daraufhin trennten sich ihre Wege.

Mit allen hatte sie gerechnet, aber damit …? Sie verabscheute diese direkte Art von Mutz. Ihre letzte Chance musste sie nutzen, nur wie? Was könnte sie tun, um den Umsatz zu steigern? Oder sollte sie sich eher nach einem anderen Job umsehen? Immerhin hatte sie schon lange die Lust an dieser Schinderei verloren.

Auf alle diese Fragen fand Susi wieder keine Antworten, genauso im privaten Bereich wusste sie nicht, wie es weitergehen sollte. Was war nur los mit ihr?

Um aus diesem Loch rauszukommen, musste sie etwas tun. ‚Positiv Denken‘ hieß das Buch, welches sie sich zulegte und mit großer Begeisterung las. Von jetzt an wollte Susi nicht mehr negativ sein. Also, der Herr Mutz ist gar nicht so unfair zu ihr gewesen, schließlich hätte er sie schon lange aus der Firma schmeißen können.

Ihre Arbeit hatte viele Vorteile und ihr Einkommen konnte sich wirklich sehen lassen. Sie sollte mehr als zufrieden sein.

Susi ergriff das dringende Bedürfnis, sich jemanden anzuvertrauen. Daher beschloss sie, ihre Freundin Imke anzurufen, die stets ein offenes Ohr für sie hatte.

Imke war ihr persönlicher Mülleimer. Stets musste sie Susis Leben analysieren, und allen Abfall in sich reinschlucken. Von daher konnte man sie als ihren Psychiater betrachten.

Also rief sie sie an, und schilderte ihre Sorgen in allen Einzelheiten. Imke war stets ein guter Zuhörer und schlug vor, gemeinsam in eine Kneipe zu gehen. Ebenso alt wie Susi, lebte auch sie allein und kinderlos. Sie sah toll aus und trug ihr langes, lockiges Haar meist offen, welches von Natur aus blond war. Im ständigem Wechsel, was Haarfarbe und Liebhaber angingen, war sie für alles Neue offen und damit eine ausgeflippte Type. Imke hatte – im Gegensatz zu Susi – schon viele Männer vernascht. Immer hübsch einen nach dem anderen, denn sie hielt es nie lange bei ein und demselben aus. Ohne jegliches Tabu, wenn es nur aufregend genug war. Gelegentlich schlief sie mit Frauen, liebte Gruppensex oder feierte Orgien bei fragwürdigen Gastgebern! Wirklich alles hatte sie schon ausprobiert. Sie arbeitete in der Pathologie, sprach aber niemals darüber, trennte stets Beruf und Privatleben voneinander.

Susi und Imke konnten unterschiedlicher nicht sein.

Beide kannten sich seit der Schulzeit, waren gute Freundinnen geblieben, auch wenn sie mal monatelang nichts voneinander hörten, diese Freundschaft hielt Stand und war somit etwas ganz Besonderes. Beide trafen sich vor einer kleinen, gemütlichen Eckkneipe in der Innenstadt, in der Imke ab und zu versackte.

Die restaurierte Fassade schillerte in verschiedenen Farben, stilvoll präsentierten sich viele bunte Blumen und belagerten üppig die Fensterbänke. Über dem Eingang des Lokals hing ein altes, eisernes Logo. Es zeigte eine Straßenlaterne mit einem daneben liegenden (wahrscheinlich besoffenen) Kerl und den Namenszug: Zum Penner!

Aus der offen stehenden Tür plättscherte Musik aus den 70er Jahren, die beide sehr liebten und an die Jugendzeit erinnerte.

Während sie an der Bar miteinander plauderten, füllte sich die Kneipe mehr und mehr mit Männern. In ganzen Scharen stolperten diese herein. Plötzlich bekamen die Frauen vom Wirt ein Glas Sekt vor die Nase gestellt, mit der Bemerkung: „Von dem Herrn da gegenüber, bitte!“ Beide erschraken förmlich, guckten sich verwundert an und kicherten zusammen, wie schon lange nicht mehr.

Sie erhoben die Gläser und an der anderen Seite der Bar hielt ein großer, starker Kerl mit schwarzen Locken seinen Kelch in die Luft. Er prostete den Damen zu, und schien etwas zu sagen, doch bei dem Lärm war nichts zu verstehen. Die Beatles im Radio gaben noch ihren Teil dazu. Hier war scheinbar ein Männerabend angelaufen.

Dies realisierten die beiden, schauten sich in der Runde um, und lachten drauf los.

Alle Ängste schienen verflogen und der Alkohol stimmte sie fröhlich. Sie amüsierten sich köstlich und kicherten immerzu, fast so wie früher, wenn sie zusammen etwas ausgefressen hatten und dabei erwischt wurden. Plötzlich sagte Imke: „Wo sind wir hier, vielleicht im Klub der einsamen Herzen?“

Susi hielt sich die Hand vor den Mund und schüttelte mit dem Kopf vor Lachen. Tränen rollten über ihr Gesicht.

Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal so lustig war. Imke hatte in der Menge einen interessanten Mann entdeckt. Er musste so um die Fünfzig sein und erwiderte, mit offenbar großem Interesse, ihre Blicke.

Susi bemerkte dies sofort: „Naaaa, brauchbares Material gefunden?“ Imke erwiderte spontan: „Ja, es scheint so! Was meinst Du, ob das was für mich ist?“

„Er sieht sehr gut aus, könnte mir auch zusagen!“ so Susi. „Meine Fantasie flüstert mir, dass er ein Tiger im Bett ist. Da er meine Entdeckung ist, habe ich die älteren Rechte. Aber Du kannst ihn gerne kriegen, wenn ich ihn satt habe, sprich: vielleicht schon morgen, hihihi!“ kicherte Imke.

„Du wirst Dich auch nie ändern, Imke. Die armen Kerle!“ lachte sie. „Alle Männer benutzen ihre Frauen und später werden sie einfach gegen eine andere ausgetauscht. Findest Du das fair? Ich zeige der Welt, dass es auch anders herum funktioniert. Einen Kerl verrückt zu machen, das finde ich cool und aufregend. Das Ende der Beziehung lege ich dann fest, indem er den Laufpass bekommt, bevor es zu stressig wird. Mein Timing dabei ist perfekt, sag ich Dir! Nach einiger Zeit werden alle Kerle langweilig, oder etwa nicht? Nenne mir bitte einen Mann, der das nicht verdient hat! Siehst Du, Du kennst auch keinen!“ überzeugte Imke spöttisch.

„Vielleicht hast Du recht, aber ich könnte das nicht!“ antwortete Susi.

„Weißt Du, man soll Männer, wie rohe Eier behandeln“ und ein schelmischer Blick in Imkes Augen sagte weiter, „um sie später in die Pfanne zu hauen. Hahaha!!!“

Inzwischen hatte Imke wieder Blickkontakt mit dem gutaussehenden Verehrer von der gegenüberliegenden Seite der Theke aufgenommen. Auch Susi bemerkte, dass sie von all’ den Mannsbildern angestarrt wurde. Sie hätte sich aus der Vielfalt einen aussuchen können, doch sie hatte keinen Bock, nach der Affäre mit Albertino, die ihr immer noch wie Blei im Magen lag.

Imke dagegen ging in die Offensive und setzte ihren Flirt fort, indem sie ihr Opfer heranwinkte.

Sofort darauf kam dieser, namens Richard, zu den beiden herüber. Mit angenehmer Stimme erzählte er von seiner Arbeit als Grafiker. Imke war hin und weg, so toll fand sie diesen Typ.

Sie flüsterte Susi ins Ohr: „Ich glaube nicht, dass ich heute Abend allein nach Hause gehen muss, hahaha! Den kralle ich mir!“ Damit waren die Weichen gestellt.

Susi fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen, darum verabschiedete sie sich und ging.

Für ihre Albertino-Story und die Mutz-Geschichte blieb somit keine Zeit mehr.

Auf dem Heimweg dachte sie an Imkes Lebenswandel und deren Einstellung zum männlichen Geschlecht. Irgendwie fand sie ihre Denkweise imposant, obwohl sie selbst ganz anders gestrickt war und immer noch an die große Liebe glauben wollte.

Sie fasste den Entschluss, Silvio Albertino zu den Akten zu legen. Eine Erfahrung reicher dachte sie: ‚Nie mehr einen Italiener!‘ Bei der Erarbeitung ihres Tourenplanes stieß sie auf Dr. Braumeier, den sie dringend mal wieder konsultieren sollte, so ihr Verkaufsinstinkt! Automatisch kam ihr ABC-Plan ins Gedächtnis zurück, denn B stand für Braumeier!

B – wie Dr. Braumeier

Nur schwach konnte Susi sich an Dr. Braumeier erinnern, es waren schon viele Monate vergangen, seit ihrem letzten Besuch in seiner Praxis. Dabei zählte er zu den Favoriten in ihrem Bezirk, denn er bestellte ihre Medikamente massiv und kontinuierlich, mit anderen Worten – der Verkauf lief auch ohne ihr Zutun.

Er musste ca. sechzig Jahre alt sein. War das zu alt für Susi? Bisher hatte sie nur gleichaltrige Männer, doch inzwischen würde sie vielleicht einen Altersunterschied akzeptieren. Sie nahm sich vor, diesen Dr. Braumeier aufzusuchen, um genau das herauszufinden. Schon am folgenden Tag ging ihr dieser Doktor nicht mehr aus den Sinn. Dann endlich griff sie zum Telefon und hatte ihn höchstpersönlich an der Leine.

Eine tiefe, männliche Stimme meldete sich: „Braumeier, Guten Tag!“ Sie antwortete: „Guten Tag Dr. Braumeier, hier ist Frau Reuther. Wir haben uns lang nicht mehr gesprochen. Ich würde gern mal wieder bei Ihnen vorbeischauen, um Ihnen unsere neuen Produkte vorzustellen. Wann hätten Sie denn mal Zeit für mich?“

„Ach ja, Frau Reuther Sie können schon morgen kommen, denn im Augenblick ist nicht viel los hier. Aber bitte am Nachmittag, dann ist es in Ordnung!“ so der Doktor.

Sie bedankte sich und verabredete einen Termin um 16.00 Uhr in seiner Praxis.

Es passierte nicht oft, dass so schnell eine Absprache zustande kam und noch dazu mit dem Arzt persönlich.

In der darauf folgenden Nacht schlief sie kaum.

Immer wieder schwirrten ihr die Erlebnisse mit Dr. Albertino durch den Kopf. Sollte sie ihren ABC-Plan doch lieber vergessen? Und dieser Doktor Braumeier? Er konnte ebenso sein. Doch schnell verwarf sie diesen Gedanken, indem sie sich vorstellte, wie sie mit ihm zusammen ein Theater besuchte.

In dem neuen roten Kleid und mit hochgesteckter Frisur würde auch er ihr nicht widerstehen können. Sicher gehörte er zu der Gattung Männer, die ihre Hörner schon längst abgestoßen hatten!?

Auf die Frage, ob sie einen Vater-Ersatz suche, fand sie jedoch keine Antwort. Geduld musste sie bewahren, aber eben das fiel ihr schwer bei dieser immer noch anhaltenden Affenhitze.

Endlich schlief sie ein.

Von den ersten Sonnenstrahlen, die sanft auf ihr Gesicht fielen, erwachte sie schließlich und als das Telefon klingelte, vernahm sie Imkes Stimme. Sie verabredeten sich für den Abend, um erneut gemeinsam auszugehen. ‚Das wird ein anstrengender Tag‘ dachte Susi, ‚aber Imke wird dafür Sorge tragen, dass sie heute viel Spaß zusammen haben werden.‘ Soviel wusste sie im Voraus.

Im Laufe des Vormittags zogen schwere, dunkle Gewitterwolken auf. Nach wochenlangen tropischen Temperaturen, würde man sich nun auf einen kräftigen Gewitterregen einstellen müssen. Jeder wünschte sich sehnlichst eine Abkühlung.

Ein gewaltiger Sturzregen schmetterte nieder und vom starken Wind begleitet, schien sich der Weltuntergang anzukündigen. Durch die menschenleeren Straßen fegte der Sturm.

Alles, was nicht niet- und nagelfest war, flog durch die Luft. Susi stoppte ihr Auto, denn ihre Sicht war total eingeschränkt. Selbst die Scheibenwischer versagten. Das laute Knallen der Regenmassen aufs Wagendach hörte sich bedrohlich an.

In diesen Minuten wurde ihr wieder einmal klar, wie stark die Natur und machtlos der Mensch hingegen ist.

Sie erschrak und zuckte zusammen, als der Wind eine Mülltonne in seinen Bann zog und mit sich riss. Ein Knall, der die Ohren betäubte! Unmittelbar neben ihren Wagen öffnete sich der Tonnendeckel und aller Unrat schwebte mit dem Wind die Straße entlang. Sie hatte großes Glück, dass ihr Auto nichts abbekommen hatte.

Nach einigen Minuten endete das Naturschauspiel und Susi konnte ihre Fahrt langsam fortsetzen.

Es regnete leicht weiter und die Luft kühlte sich merklich ab. Arbeitsmäßig lief es an diesen Tag wie am Schnürchen und der Erfolg stand auf ihrer Seite. Die vereinbarten Termine konnte Susi pünktlich wahrnehmen und sämtliche Ärzte waren interessiert an ihren Besuchen, sodass sich bei ihr eine innerliche Zufriedenheit einstellte.

Scheinbar machten viele Leute Urlaub, viele Stühle im Wartezimmer blieben leer.

Völlig stressfrei begegnete sie ihren Klienten und das gefiel Susi nur zu gut! Wenn das so bliebe, dann hätte sie ihren Traumberuf gefunden, denn für die Präparate, die sie verkaufte, stand sie zweifelsfrei ein. So liebte sie ihren Job.

Mit vier Praxisbesuchen erwirtschaftete sie einen Umsatz, der normalerweise nur in zwei Wochen erreicht werden konnte.

Sie glaubte auf Wolken zu schweben vor lauter Glück, und hatte keine Angst mehr, ihre Arbeit zu verlieren. Mutz würde ihr die Füße küssen und sie anflehen, zu bleiben. Nichts ist erotischer, als Erfolg!!! Das hatte sie einmal gelesen. Heute war sie bereit, daran zu glauben. Ihr Adrenalinspiegel hatte das Ende der Fahnenstange erreicht. Es war mittlerweile 15.30 Uhr und sie hätte beinahe, den Besuch bei Dr. Braumeier verpasst.

Ein Blick in den Spiegel sagte ihr, schmink mich bitte!!! Ohne nachzudenken, schwang sie den Rougepinsel über ihre Wangen, zog den rosafarbigen Lippenstift aus ihrer Kosmetiktasche und legte los. Unsicherheit machte sich breit. Wie sollte sie sich schminken? Was sollte sie tun? Dick auftragen oder lieber weniger? Manchmal ist weniger mehr! Susi wusste das genau einzuschätzen, und zog die natürliche Variante vor, denn sie wollte einen soliden Eindruck schinden, wie auch immer?! Vor seiner Praxis bekam sie Herzklopfen.

Im Wartezimmer angekommen, stand sie da, aber niemand war zu sehen. Aus dem Sprechzimmer hörte sie Stimmen, konnte zwar kein Wort verstehen, trotzdem wusste sie sofort, dass es die Stimme von Dr. Braumeier war!

Sie holte tief Luft und räusperte sich so laut, dass es jemand hören musste. Einige Sekunden später kam die Assistentin in den Warteraum und fragte nach Susis Anliegen. Es dauerte nur zwei Minuten bis sie aufgefordert wurde, das Sprechzimmer zu betreten. Voller Neugier und mit großer Anspannung betrat sie den Raum und begrüßte Dr. Braumeier, den sie fast nicht mehr wiedererkannte.

Er hatte sich sehr verändert seit ihrem letzten Besuch.

Seine Augen sahen müde aus und die männliche Ausstrahlung schien verflogen zu sein.

Nur mühevoll konnte sie dieses Entsetzen vor ihm verbergen. Fast teilnahmslos saß er ihr gegenüber. Hörte er ihr überhaupt zu? Mit feuchten Händen gestikulierte sie aufgeregt, beschrieb die Medikamente und ihre Anwendungsbereiche, die neu auf dem Markt erschienen waren. Sie bemerkte die Unsicherheit, die sie erfasste und sich in ihr festfraß, doch nichts hielt sie davon ab, das Gespräch fortzusetzen. Was sie sah, gefiel ihr gar nicht. Ein Wrack war aus ihm geworden. Sehr gelassen lehnte er sich zurück, betrachtete Susi und lächelte ein wenig: „Frau Reuther, wir beide wissen, wie gut diese Medizin ist und viele meiner Patienten könnten ohne Ihre Pillen gar nicht mehr leben. Darum nehme ich Ihnen gleich die doppelte Menge ab, wenn der Preis stabil bleibt. Sehen Sie, es kommen täglich so viele Pharmareferenten zu mir und nicht immer stimmt das Preis-Leistungsverhältnis, aber mit Ihren Medikamenten habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht und daran möchte ich gern festhalten. Außerdem finde ich Sie sehr charmant! Auch das muss einmal gesagt werden!“

Er zwinkerte ihr zu mit einem Lächeln und nun schien er wieder der Alte zu sein. Im weiteren Gespräch bekam sein Gesicht etwas Farbe. Hatte sie ihm vielleicht zum Flirten angeregt? Ja, es schien so. Beiden blieb genug Zeit für eine persönliche Unterhaltung, denn das Wartezimmer war noch stets leer. Warum auch nicht, ihr Umsatz stimmte und nun konnte sie zum gemütlichen Teil übergehen.

Susi schaute auf seine Hände, die so viel über einen Mann sagen können. Schön und gepflegt sahen sie aus. Außerdem trug er keinen Ehering! Somit nahm im Laufe der Unterhaltung ihr Interesse an ihm wieder zu und seine Intelligenz spielte dabei keine unwesentliche Rolle!

„Frau Reuther, lieben Sie Jazz? Wissen Sie, ich gehe jeden Sonntag ins Jazz-Cafe und wenn Sie möchten, können Sie gern einmal mitkommen!“ sagte der Doktor.

Sie war sehr überrascht und antwortete spontan: „Gern, sehr gern! Auch ich bin ein Fan von Jazz, z. B. finde ich Django Reinhardt toll. Seine Musik machte die Menschen schon vor ca. fünfzig Jahren glücklich und heute sind es meist Zigeuner, die seine Stücke noch wirklich gut spielen können.“

„Sie kennen Reinhardt, das beeindruckt mich und das hätte ich – ehrlich gesagt – nicht erwartet von Ihnen!“ strahlte Dr. Braumeier. Beide waren von diesem Gespräch angetan, und vereinbarten für den kommenden Sonntag einen gemeinsamen Besuch im Jazz-Cafe.

„Also dann bis Sonntag Dr. Braumeier!“ verabschiedete sich Susi mit einem kräftigen Händedruck.

Er erwiderte: „Ich freue mich darauf! Auf Wiedersehen!“ Zu Hause nahm sie ein Bad und machte sich schick für den gemeinsamen Abend mit Imke.

Mit Sicherheit würde sie alles über die neue Errungenschaft, Richard den Grafiker, erfahren und wie weit die beiden zusammen gekommen waren. Imke hatte noch nie etwas anbrennen lassen.

Nur allzu gut kannte sie ihre Freundin, und wusste deshalb genau, dass sie ihre erotischen Erlebnisse und Bettgeschichten preisgeben würde. Unter beiden Freundinnen gab es keine Geheimnisse, bis ins Detail erzählten sie sich alles und das war okay so!

Imke beriet Susi stets perfekt in Sachen Männer, deshalb nahm sie sich vor, das Gespräch heute auf reifere Männer zu lenken, sprich auf Dr. Braumeier. Sie trafen sich, wie verabredet in einem griechischen Restaurant, unweit von Susis Wohnung.

Beide begrüßten sich herzlich und während sie sich umarmten, flüsterte Imke: „Hab’ Dir viel zu erzählen, ich glaube, mich hat es wiedermal mächtig erwischt. So verknallt war ich noch nie!“

Oft genug hatte Susi das schon gehört, aber naja vielleicht meinte sie es dieses Mal seriös. Kaum vorstellbar bei Imke und doch möglich, denn sie hatte etwas, was Männer betörte.

Sie sah einfach umwerfend aus.

Stets war sie perfekt gekleidet und fand für jeglichen Anlass die passenden bzw. entsprechenden Klamotten.

Überall konnte sie sich sehen lassen, ob es nobel zuging und sie im kleinen Schwarzen erschien oder ganz leger im Jeanslook mit Stirnband in einer verqualmten Kneipe rumhing, sie machte stets eine gute Figur und jeder Kerl versuchte, sie abzuschleppen.

Susi beneidete sie deshalb, denn solche Fähigkeiten besaß sie leider nicht. Im griechischen Restaurant setzten sich die Beiden an einen Tisch, an dem sie ungestört plaudern konnten.

Sie bestellten eine Flasche Wein und einen Kreta-Teller für zwei Personen. Ein gut gewachsener, griechischer Kellner bediente und verwöhnte die Freundinnen mit seinem Charme.

„Mit einem Griechen hab’ ich es noch nie getan! Und Du?“ kicherte Imke. „Natürlich nicht, Du kennst mich doch! Aber letzte Woche hatte ich einen Italiener!“ betonte Susi, denn sie wollte endlich mitreden können, wenn es um Männer ging.

Imke sperrte Maul und Nase auf und antwortete völlig verwirrt: „Wie bitte, Du hast es mit einem Italiener getrieben? Wow! Das hätte ich Dir nicht zugetraut. Mein Gott, Du überraschst mich immer wieder. Erzähl’, wie war es!“

Voller Neugier beugte sie sich über den Tisch, um kein Wort zu verpassen und ihre Augen leuchteten vor Aufregung.

Susi begann beim Urschleim, um die Affäre mit Silvio in allen Farben und Einzelheiten zu schildern.

Imke verfolgte die Geschichte sehr aufmerksam, ohne dabei ein Wort zu verlieren, denn wenn es um Männer ging, war sie in ihren Element. Prompt kam ihr Kommentar: „Mein Gott Susi, da bist Du aber sehr naiv gewesen. Die Italiener sind doch bestens dafür bekannt, dass sie nur auf Sex fixiert sind. Eine heiße Nacht und dann Arrivederci. Ich habe zweimal mit einem italienischen Mann geschlafen, natürlich nicht mit ein und demselben. Einen Zweiten probierte ich aus, um mein Urteil abzurunden und was soll ich Dir sagen? Die gleiche Scheiße nochmal! Nach einigen Minuten rein und raus, waren sie fertig, schön, he? Und ich hatte noch nicht einmal Zeit, um warmzulaufen. Diese Karnickelnummer ist so ziemlich das Allerletzte, für mich jedenfalls! Nie wieder einen Italiener, soviel weiß ich inzwischen.“

Nun legte sie ein sanftes Lächeln auf, zeigte mit ihrem Finger zum Kellner und fuhr weiter fort: „Aber einen Griechen möchte ich gern mal vernaschen. Die haben Feuer im Blut, da verwette ich meinen Arsch. Guck ihn Dir doch mal genauer an, dieser Ausdruck von Leidenschaft in seinen Augen, siehst du das? Glaub’ mir Susi, so einer kann es Dir besorgen, dass Du zum Schluss nicht mehr weißt, was hinten und vorne ist. Ich kann es förmlich riechen, da ist nix mit hopphopp und fertig! Die nehmen sich Zeit für die Liebe und so muss es auch sein, sonst hat eine Frau nichts davon. Was meinst Du, soll ich ihn anmachen?“

„Aber Imke, ich denke, Du bist verliebt in Richard?“ fragte Susi.

Sie konterte sofort: „Na und, er muss es doch nicht erfahren. Aber ich wäre wieder eine Erfahrung reicher, was die Männer angeht. Ehrlich gesagt, dieser Kellner könnte mir schon ganz gut gefallen. Man muss kein Architekt sein, um zu sehen, dass auch hinter der Fassade ein solides Mauerwerk steckt. Man Susi, sei doch nicht so prüde, das Leben ist zu kurz, um sich ständig über alles Gedanken machen zu müssen. Weißt Du, dass ich innerhalb von Europa Männer fast aller Nationalitäten ausprobiert habe? Es fehlen mir noch – präzise gesagt – ein Finne, ein Schwede, und natürlich ein Grieche. Sogar zwei Russen habe ich schon vernascht! Wenn ich soweit bin, werde ich meine Erfahrungen mit diesen Männern in einem Buch veröffentlichen. Wie findest Du das? Natürlich benutze ich ein Pseudonym zum Schreiben, bin ja nicht verrückt, und lasse mir von all’ den Kerlen die Rübe einschlagen. ‚Das Sexualverhalten der europäischen Männer‘ so der Titel des Buches. Klingt doch cool – oder?“

Susi sah man ihre Sprachlosigkeit an. Konnte sie das glauben oder bluffte sie nur? Schließlich war Imke ihre beste Freundin und keine Nutte! Oder doch? Nein, sie tat es ausschließlich für ihr Buch, um den Lesern ihre Erfahrungen mitteilen zu können.

Dafür gebührte ihr Respekt, denn mit Sicherheit gab es nicht viele Frauen, die sich wie Imke, dafür aufopferten. Ja, sie war eine Heldin! Susi – von Stolz erfüllt, eine solche Freundin zu besitzen – antwortete: „Warum hast Du mir nie etwas davon erzählt? Wirklich, ich bewundere Dich dafür!“

Imke schmunzelte verwegen und meinte: „Beobachte mal diesen Kellner, er hat angebissen, da bin ich mir sicher! Schade, dass ich ihn nicht wie einen Baum zersägen kann, um seine Jahresringe zählen zu können! Hihihi! Aber ich schätze, er ist noch ein junger Hirsch!“

In diesem Moment kam er mit einem Tablett an den Tisch und servierte beiden Damen einen Verdauungsschnaps. Mit Grazie schwang er die Gläser vom Tablett über seine breiten Schultern.

Seine dunklen Augen blieben an Imkes Bluse hängen. Er lächelte und fragte, ob alles nach Wunsch sei.

Susi sah zu, wie ihre Freundin mit ihm flirtete. Sie tauschten ihre Namen aus und Imke steckte ihm ein Papier zu. Er nahm es an sich, ließ es in seiner schwarzen Hose verschwinden, grinste zufrieden und ging vom Tisch. Imke hatte wieder dieses Funkeln im Gesicht und meinte lässig: „Er hat nun meine Telefonnummer, wetten dass er sich schon morgen bei mir melden wird? Ich finde, er hat einen geilen Knackarsch, und der Rest ist auch nicht schlecht, oder?“

„Mit anderen Worten, Du brauchst ab folgender Woche nur noch zwei Männer für Dein Buch. Den Finnen und den Schweden, richtig?“ so Susi. „Du hast es begriffen, meine Gute. Was würdest Du davon halten, wenn wir beide zusammen eine Urlaubsreise buchen, vielleicht nach Stockholm und dann weiter nach Helsinki? Dann könnte ich theoretisch mit meinem Buch abschließen.“ schmunzelte Imke.

Susi fand diese Urlaubsidee ausgezeichnet, und lenkte das Gespräch auf Dr. Braumeier.

Anschließend erzählte sie von ihrem ABC-Plan, aber was war der schon im Vergleich zu Imkes Buch?

Imke fand Susis Vorhaben, sich einen Doktor zu angeln, genial und bot ihr jegliche Hilfe an.

„Dr. Braumeier solltest Du Dir im Jazz-Cafe gut anschauen! Vielleicht zeigt er sich privat ganz anders“ schlug sie vor „er wird Dir ohne seinen weißen Kittel sicher besser gefallen. Gebe Dich gelassen, und stelle nicht zu viele Fragen, dass könnte ihn abschrecken! Bleib ganz natürlich und warte ab, bis er Dir von seinem Leben erzählt! Zur Kleidung rate ich Dir, keine Jeans zu tragen, sondern etwas Elegantes, aber auch nicht zu schick. Mit wenig Schminke und Schmuck wirst Du Eindruck machen!“ schlug Imke vor. Für all diese Tipps war Susi sehr dankbar.

Nun endlich begann Imke von Richard, dem Grafiker, zu berichten. Ihre Stimme veränderte sich so abrupt, dass dies einem Gesang glich. In allen Fassetten beschrieb sie die gemeinsame Nacht mit ihm. Dabei schien sie auf einer Wolke zu schweben.

‚Sie muss in diesen Mann verliebt sein‘, dachte Susi ‚aber warum treibt sie es dennoch mit anderen Kerlen?‘

Das verstand sie nicht. Und das Buch war sicher nur ein Vorwand, um für alle ihre Affären, eine Entschuldigung zu haben.

Kurz vor Mitternacht verabschiedeten sich die beiden und machten sich auf den Heimweg. Susi fand den Abend super und hatte neue Kraft und Energie getankt. Das brauchte sie auch, um ihren Job zu behalten. Am Morgen fühlte sie sich fit und machte Umsätze, wie schon lange nicht mehr.

‚Dies ist sicher eine Glückssträhne‘ dachte Susi ‚hoffentlich hält sie noch eine Weile an!‘

Auch die kommenden Tage waren erfolgreich.

Jeden Freitagabend mailte sie die Verkaufszahlen an ihren Chef, Herrn Mutz. Diese Woche würde er Augen machen – ganz bestimmt sogar! Die Angst, aus der Firma zu fliegen, war verschwunden. Nun konnte sie sich wieder besser auf ihren ABC-Plan konzentrieren. Von Braumeier hatte Susi noch nichts gehört. Ob er kein Interesse mehr an ihr hatte? Spät abends schrillte das Telefon, aber sie nahm nicht ab und ging zu Bett.

Morgens klingelte es wieder, doch sie ignorierte es und blieb noch wenige Minuten im Bett liegen.

Etwas später hörte sie beim Duschen ihr Handy piepsen. Schnell huschte sie tropfnass ins Wohnzimmer.

Mutz meldete sich: „Hallo Frau Reuther, wie geht es Ihnen?“ Susi antwortete: „Guten Morgen Herr Mutz, danke – mir geht es super!“ „Das glaube ich Ihnen aufs Wort, denn ich kann es an Ihren Zahlen sehen! Nun, Sie haben mich überrascht und ich bin der Meinung, Sie unterschätzt zu haben. Sie sind in diesem Monat die beste Pharmareferentin meiner Region. Während alle anderen mit dem sogenannten „Sommerloch“ zu kämpfen haben, legen Sie noch einen drauf und machen Plus zum Vorjahr. Toll, Frau Reuther! Weiter so!“ schmeichelte Mutz „Ich melde mich kommende Woche wieder bei Ihnen – Auf Wiederhören!“

Susi stand splitternackt und triefend auf dem Teppich, der die Nässe wie ein Schwamm in sich aufnahm.

Nur gut, dass Mutz sie so nicht sehen konnte!

Kaum hatte sie die Duschkabine erneut bestiegen, um ihre Körperpflege fortzusetzen, klingelte schon wieder das Telefon.

„Mein Gott, was für eine Hektik in aller Frühe!“ schrie sie wütend vor sich hin und meldete sich: „Ja!“

Am anderen Ende vernahm sie eine männliche Stimme: „Braumeier hier, guten Morgen! Frau Reuther, kommen Sie mit zum Jazz?“ „Hallo Dr. Braumeier, ja … hm … natürlich gerne … gehe ich mit!“ stammelte sie.

„Okay, dann hole ich Sie gegen 15.00 Uhr ab! Mozartstraße 5, ja?“ vergewisserte er sich.

Ohne ihre Glücksgefühle dabei zu verbergen, verabschiedete sie sich. Auch er schien sich auf diesen gemeinsamen Nachmittag zu freuen. Hinsichtlich ihres Outfits befolgte sie Imkes Rat. Sehr natürlich und adrett sah sie aus, als sie sich im Spiegelbild anschaute. Sie trug ein pastellgrünes Sommerkostüm, kombiniert mit einer weißen Hemdbluse, die ihrem Erscheinungsbild einen sportlichen Charakter gab. Dazu passten ihre neuen hellen Pumps perfekt. Eine kleine Perlenkette schmeichelte ihren Hals und das dazugehörige Armband stellte eine Verbindung zum Fingerring her, der ebenfalls eine kleine Perle umfasste. Ihr Haar trug sie offen und etwas Gel gab der Frisur Form und Halt. Susi war sehr zufrieden.

Mittlerweile war es 15.00 Uhr geworden und pünktlich, wie ein Schneider, stand Dr. Braumeier vor ihrer Tür, um sie abzuholen. Er sprang aus dem silbergrauen Mercedes, um ihr die Tür zu öffnen, und begrüßte sie mit einen charmanten Lächeln.

Im hellen sportlichen Blazer, den er zu einer beigen Cordhose trug, stellte er mehr dar, als im weißen Kittel. Um den Hals schlingerte ein passendes Tuch. Kurzum perfekt gekleidet! Sein Aftershave roch verdammt gut und vor allem teuer!!!

Im Wagen, so eng beieinander sitzend, überströmte Susi ein vertrautes Gefühl. Braumeier schlug vor, sich zu duzen und nannte seinen Vornamen. Sie meinte: „Angenehm Walter, ich heiße Susi!“

Inzwischen lachten sie miteinander und die Atmosphäre lockerte sich.

„Da schau mal, an der Ecke ist der Jazzclub, wir sind schon da!“ so der Doktor.

Er parkte in einer Seitenstraße und sie gingen in den Club. Die Musik war gut, aber laut, ja ohrenbetäubend!

An der Theke konnten beide keinen Platz mehr ergattern, deshalb nahmen sie einen der hinteren Tische in Beschlag und tranken Schwarzbier. Der enormen Lautstärke wegen, konnten sie sich kaum unterhalten. Für einen Moment sah Walter wie ein kleiner Junge aus, der soeben ein neues Spielzeugauto bekommen hatte, so fand sie. Es war diese Musik, die ihn so wahnsinnig faszinierte!

Sie stand eigentlich mehr auf Blues, doch das musste sie ihm ja nicht auf die Nase binden.

Die meisten Gäste in diesem Club trugen graues bis schneeweißes Haar und die Band bestand aus einer handvoll betagter Männer, die tolle Musik machten.

Walter bewegte seinen Kopf im Rhythmus. Auf einer kleinen Tanzfläche inmitten des Lokals fanden sich immer mehr Paare ein, um ihre Beine im Takt zu schwingen.

Plötzlich stand Walter auf und fragte Susi, ob sie es auch einmal probieren sollten. Mit einem kurzen Nicken zeigte sie ihre Bereitschaft. Er hielt sie fest in seinem Arm, und sie fühlte sich geborgen wie ein kleines Mädchen.

Tanzen gehörte zu ihren Hobbys. Doch einen Partner zu finden, der im gleichen Stil tanzen konnte, war stets ein Problem für sie. Nun hatte sie einen erwischt. Zufall?

Die Veranstaltung dauerte bis 21.00 Uhr und sie blieben bis zum Schluss. Danach gingen sie in ein chinesisches Restaurant essen. Walter war ein Mann von alter Schule und zeigte sich von allen Seiten wie ein echter Gentleman. Er rutschte dem Stuhl nach vorn und bat Susi, Platz zu nehmen, erst danach setzte er sich selbst.

‚Solche kleine Dinge imponieren den meisten Frauen‘, dachte sie. Aber er machte ihr keinerlei Komplimente, warum auch? ‚Dafür muss die Zeit reifen‘, beschloss sie spontan für sich und zu ihrer eigenen Zufriedenheit. Endlich begann er über sein Privatleben zu erzählen, darauf hatte sie voller Ungeduld gewartet. Dabei stellte sich heraus, dass er in der Tat allein lebte. Seine Frau war vor einigen Jahren verstorben, nun hatte er niemanden mehr, denn die Ehe war kinderlos geblieben.

Eine Haushälterin kam jeden Tag für ein paar Stunden in seine große Villa, um für Ordnung zu sorgen.

„Die Einsamkeit macht mich kaputt, verstehst Du das? Nach dem Tod meiner Frau dachte ich, dass die Zeit alle Wunden heilen würde, doch bei mir scheint es nicht der Fall zu sein. Nur meine Arbeit erfüllt mich noch, aber kommendes Jahr ist auch das vorbei, denn dann gehe ich in Rente. Für meine Praxis habe ich schon einen Käufer gefunden. Was ich danach tue, weiß ich nicht. Vielleicht gebe ich wöchentlich eine Vorlesung an der Uni, wer weiß? Nur, ob das genügt? Darum möchte ich eigentlich gern wieder eine Frau haben. Gemeinsam die Welt bereisen und jeden Tag genießen, als wäre es der letzte!“ sagte Walter.

Susi empfand Mitleid und Verständnis zugleich und eines war sicher, sie konnte ihm vertrauen!

Mit sanfter Stimme antwortete sie: „Es tut mir leid für Dich, wirklich! Eines Tages wirst Du der Richtigen begegnen, davon bin ich überzeugt. Denn Liebe kann man nicht suchen, man kann sie nur finden!“ „In diesem Punkt gebe ich Dir absolut Recht, in Deinem Alter ergibt sich schnell etwas, wenn auch der erste Griff daneben geht, aber mit Mitte sechzig wird es zum Problem. Da muss schon eine ganze Menge Glück im Spiel sein, ohne den läuft gar nichts, “ beteuerte der Doktor. Vertrauensvoll schaute er in ihre tiefgrünen Augen und berührte kurz ihre rechte Hand, ohne Absicht und doch gewollt.

Darauf wusste Susi nichts mehr zu sagen, und blickte ihn fragend an. Walter räusperte sich und erzählte weiter: „Beantworte mir bitte eine Frage! Könntest Du Dir vorstellen, mit einem alten Knacker – wie mit mir – zu leben? Versteh’ mich nicht falsch, ich will nur gern wissen, ob ich auch für eine jüngere Frau akzeptabel bin! Findest Du mich noch attraktiv genug? Sei ehrlich Susi!“

Nun war sie ganz durch den Wind, und wusste keine Antwort darauf.

Er bemerkte ihre Sprachlosigkeit und entschuldigte sich für die direkte, ja sehr indiskrete, Frage.

Kurz darauf bat er um die Rechnung, zahlte mit einen dicken Trinkgeld und beide verließen das Restaurant.

Dieses Gespräch war so peinlich, dass er ihre Gegenwart nicht länger ertragen konnte.

Susi fühlte seine Gedanken und stammelte nur belanglose Dinge daher. Somit ergab sich im Wagen für beide eine angespannte Situation. Walter verabschiedete sich kurz, bedankte sich für ihre Gesellschaft und entschuldigte sich nochmals für seine Direktheit. Danach setzte er sie vor ihrer Wohnung ab und machte sich aus dem Staub!

‚Das war es!‘ dachte sie, denn er hatte keinen Versuch unternommen, um ein Wiedersehen mit ihr zu vereinbaren. Waren ihre Erwartungen zu groß? Die Schuld für die verpatzte Angelegenheit suchte sie bei sich selbst. Warum war sie so überrascht über seine direkte Frage? Damit hätte sie doch rechnen müssen. Inzwischen wurde ihr klar, dass sie für solche Spielchen, noch nicht clever genug war, denn ihrer Freundin Imke wäre dies mit Sicherheit nicht passiert!

Es stimmte sie traurig, dass sie alles vermasselt hatte. Von einer Weltreise träumte sie ihr ganzes Leben schon und natürlich auch vom Luxusleben in einer großen Villa. Ob sie noch eine Chance hatte bei Walter?

Sie beschloss, ihn am kommenden Tag anzurufen, zuvor musste sie es nochmal überschlafen.

In der Nacht schwitzte sie und wachte immer wieder auf. Sollte sie jetzt schon in die Wechseljahre kommen?

Susi hatte genug Informationen gesammelt zu diesem Thema. Allein der Gedanke war ein Horror für sie und doch erwartete sie diese Zeit. Die fehlenden Östrogene lassen dann ihre Haut schneller altern, Haare und Zähne werden ihr ausfallen usw. usw. usw …

Schwere Depressionen würden zum ständigen Begleiter werden und Nacht für Nacht sollten sie böse Dämonen heimsuchen. Furchtbar!!! Wie sollte sie das alles ertragen bzw. überstehen können, ohne einen geliebten, fürsorglichen Mann an ihrer Seite?

Als sich der Wecker meldete, hatte Susi keine Lust, aufzustehen. Ihr Bett war so kuschelig warm und weich, sie drehte sich auf die andere Seite und dachte: ‚Nur noch fünf Minuten … ‘

Doch sie schlief fester als zuvor und erwachte mit Schrecken als das Telefon schellte. Die Uhr zeigte auf zehn vor zehn.

Sie nahm ab und es meldete sich eine nette Damenstimme: „Guten Morgen Frau Reuther, wir machen eine Umfrage über Fernsehsender. Hätten Sie ein paar Minuten Zeit für mich?“

Völlig entnervt antwortete Susi: „Das hat mir gerade noch gefehlt, ich habe verschlafen und keine Zeit für so einen Scheiß!“ und knallte den Hörer auf.

‚Schnell unter die Dusche, anziehen und weg! Das Frühstück muss heute ausfallen‘ dachte sie.

Ihr Terminkalender bestätigte ihr, dass sie schon zwei Termine verpasst hatte und der folgende war 11.00 Uhr bei Dr. Chlement am Rande ihres Bezirkes. Das bedeutete Vollgas für Susi, denn nur so konnte sie noch rechtzeitig erscheinen. Auf der Schnellstraße bemerkte sie kurz das Aufleuchten einer roten Lampe. Das könnte ein Blitzer gewesen sein.

‚Mist! Das kostet mich wieder eine Stange Geld‘ realisierte sie sich eben.

120 km/​h zeigte ihr Tacho in einer 100 km/​h Zone.

Dieser Tag schien von vornherein, nichts Gutes zu bringen. Wäre sie lieber im Bett geblieben und eines war sicher, die Schuld daran trug einzig und allein diese blöde Tussi mit ihrer blöden Umfrage, die sie geweckt hatte. Susi war entschlossen, Walter Braumeier nicht anzurufen.

Falls er Interesse an ihr hatte, sollte er den ersten Schritt tun – so fand sie!

C – wie Dr. Chlement

Nur noch ca. zehn Minuten bis zur Praxis von Dr. Chlement. Er war ein gern besuchter Kunde und hatte immer ein offenes Ohr für Susi. In Gedanken sah sie ihn vor sich und erschrak: ‚Oh mein Gott, der passt total in mein Konzept!‘

Dass sie nicht eher darauf gekommen war? Das C passte zu Chlement und ihr ABC-Plan konnte fortgesetzt werden.

Die Stimmung war somit gerettet und im gleichen Outfit, wie am Tage zuvor beim Jazz, stieg sie aus dem Wagen.

Selbstbewusst betrat Susi die Praxis von Dr. Chlement und ging zu den Damen am Empfang. Mit kleinen Werbegeschenken machte sie sich stets beliebt. Für ein paar persönliche Worte musste ebenfalls Zeit sein. „Frau Reuther, der Doktor erwartet Sie!“ so eine der Assistentinnen. Somit ging sie ins Sprechzimmer, und begrüßte ihn freundlich. Lächelnd saß er am Schreibtisch.

Dieser Mann stellte einen Durchschnittstypen dar. Sein Aussehen war weder auffallend noch anziehend und man hätte ihn durchaus auch für einen Mitarbeiter der Müllabfuhr halten können.

Sein Haar war angegraut und etwas lichter, außerdem zeichneten sich starke Geheimratsecken ab. Von Mitte vierzig bis Anfang fünfzig schätzte sie ihn. Er war sehr schlank und mittelgroß. Sein Gesicht fiel auf durch eine krumme Nase und sehr schmale Lippen, über denen sich ein spärlicher Oberlippenbart ausbreitete. Tiefliegende Augen mit kaum sichtbaren Brauen machten seinen Kopf zu einem Schädel der Urgesellschaft. Dennoch war er witzig und zeigte stets Humor.

Sein Personal mochte ihn. Auch bei seinen Patienten war er sehr beliebt.

Doch Susi hatte andere Vorstellungen von einem Mann, zumindest optisch gesehen. Am liebsten hätte sie ihn von der Liste ihres ABC-Planes gestrichen, so unattraktiv fand sie ihn.

Beide arbeiteten zusammen die neuen Präparate durch und seine Bestellung machte Susi zufrieden. Das Gespräch verlief gut. Chlement verabschiedete sich von ihr mit den Worten: „Na dann bis nächste Woche in Hannover!“, wobei sie total erschrak, denn sie hatte das dort stattfindende Seminar völlig vergessen.

Mit einer Hand voll Ärzten aus ihren Distrikt musste sie daran teilnehmen und Dr. Chlement war einer von ihnen. Von Mittwochmorgen bis Donnerstagabend dauerte diese Veranstaltung. Mittlerweile hasste sie es, in Hotels zu übernachten, doch es gehörte zu ihrem Job, wie das Amen in der Kirche.

Ein halbes Jahr zuvor war sie eine Woche lang auf Palma zum Lehrgang gewesen. Leider hatte sie keine Zeit, sich die Insel näher anzuschauen. Die Teilnehmer wurden, wie eine Schafherde, von einem Termin zum anderen gejagt. Wie gern hätte Susi ein Sonnenbad genommen oder an der Poolbar ein kaltes Pils getrunken, statt dessen saß sie den ganzen Tag in abgedunkelten Räumen, um sich Vorträge anzuhören.

An den folgenden Tagen verlief bei Susi alles wie am Schnürchen und ihre Verkaufszahlen konnten sich sehen lassen. Auch Mutz beteuerte seine Zufriedenheit.

Nun musste sie auch ihr Privatleben auf die Reihe bringen.

Hatte sie denn überhaupt eins?

Da meldete sich Imke wiedermal telefonisch bei Susi, weil sie Lust verspürte, mit ihr auszugehen. Doch sie sagte ab, da sie am folgenden Tag nach Hannover musste. Also verschoben sie ihren Weiberabend auf Freitag.

Am Mittwoch stand sie sehr früh auf, und machte sich auf den Weg.

Nach einer stressigen Fahrt erreichte sie endlich das Hotel in Hannover.

Nur eine Viertelstunde verblieb ihr, um einzuchecken etc., danach begann das Seminar im großen Konferenzraum.

Die Anspannung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Sie hasste solche Veranstaltungen, bei denen gewöhnlich viel zu viel getrunken wurde. Einige Teilnehmer machten sogar die Nacht durch und hingen am folgenden Morgen in den Seilen.

Affären standen dabei auf der Tagesordnung und weil die meisten Teilnehmer verheiratet waren, bedeutete das schlichtweg: vorprogrammierten Ärger!!!

Die Stimmung im Konferenzsaal war verhalten. Das Ambiente war gut und alle wichtigen Figuren der Geschäftsleitung liefen sehr beschäftigt umher. Der Firmenchef, Herr Winkelmann, hatte eine neue Designerbrille auf seiner Nase und ein Anzug von Joop betonte seine stattliche Figur. ‚Was der wohl gekostet hat?‘ dachte Susi.

Winkelmann war eine sehr angenehme Erscheinung und stapfte noch stets auf Freiersfüßen. Das machte ihn vor allem bei den Mitarbeiterinnen der Firma begehrenswert.

Er strahlte enorme Ruhe aus, besaß positiven Umgangsformen und eine sehr menschliche Denkweise.

Diese Kombination gab ihm eine fast unwiderstehliche Ausstrahlung. Vielleicht auch deswegen, weil er niemanden mehr etwas beweisen musste, um sich den nächst höheren Stuhl zu ergattern. Auf den saß er nämlich schon mehr als zehn Jahre!

Susi beobachte ihn unaufhörlich und fragte sich, wer wohl für diesen tollen Mann die Socken wasche und versank dabei in absurde Gedanken. Ob er vielleicht regelmäßig ins Bordell ginge? Oder hatte er eine Geliebte, die in der Dunkelheit heimlich in sein Schlafzimmer einstieg? Wie würde er im Bett sein? Ein Hengst oder eher ruhig und zärtlich? Schade, dass Imke nicht hier war, denn sie hätte es gewusst, ganz bestimmt sogar!

Auf welchen Typ ‚Frau‘ würde Winkelmann stehen?

Susi zog sich selbst nicht in Betracht, denn er schien ihr in jeder Beziehung haushoch überlegen.

Imke hätte bei ihm ebenfalls keine Chance (sie war ihm zu gewöhnlich), auch wenn sie glaubte, jeden Mann rumzukriegen.

Aber Winkelmann nicht!!!

Sein gepflegtes Erscheinungsbild passte in jede Modezeitschrift. Diese Dressmans von heute könnten alle einpacken, wenn er erscheinen würde. Susi hatte an ihm – rein äußerlich gesehen – nichts, aber auch gar nichts auszusetzen. Wenn er lachte, sah er super-sexy aus!

Plötzlich erschrak Susi und zuckte zusammen, denn Dr. Chlement stand hinter ihr und begrüßte sie: „Guten Morgen Frau Reuther, darf ich mich zu Ihnen setzen?“

Susi schraubte ihre großen, grünen Augen auf und glaubte im falschen Film zu sein. Eben hatte sie die erotischsten Gedanken ihres Lebens, da kommt dieser, abartig hässliche Mann und spült sie, mit der reißenden Kraft eines Tsunamis, an Land.

Benommen setzte sie ein gekünsteltes Lächeln auf: „Guten Morgen, Dr. Chlement, sie haben mich aber erschreckt!“

„Oh, das war nicht meine Absicht – entschuldigen Sie bitte! Wo waren Sie denn mit Ihren Gedanken?“

Das war der Gipfel der Frechheit, was gingen ihm ihre Träume an? Sollte sie vielleicht sagen, dass sie eben noch mit Winkelmann Sex hatte und der bevorstehende Orgasmus durch seine Schuld ausgeblieben sei? Natürlich durfte sie das nicht. Spontan dachte sie an einen Spruch: ‚Sag die Wahrheit und lache dabei! Keiner wird Dir glauben!!!‘ Susi antwortete prompt: „Ich war soeben mit meinem großen Chef im Bett, wenn Sie es genau wissen wollen!“

Sie schüttete sich aus vor Lachen, und stutzte über ihre eigenen Worte. Sie fand es ziemlich frech, aber sein verblüfftes Gesicht veränderte sich ebenfalls in ein ausgebreitetes Lachen.

Schlagfertige Frauen schienen ihm zu gefallen.

Die Konferenz wurde vom Chef eröffnet. Absolute Stille herrschte im Saal, als Winkelmann zum Podium schritt.

Sein Gang war so elegant, dass Susi meinte, Musik zu hören. Die männlich tiefe Stimme drang durch das Mikrofon und ein Schauer lief ihr über den Rücken.

Sie nahm nichts mehr wahr, und tauchte in eine andere Welt ein, die ihr besser gefiel als die Realität. Mit erstarrtem Blick visierte sie Winkelmann, doch er stand nicht hinter diesem Podium.

Nein – er lief neben ihr am Strand entlang, vielleicht in der Normandie von Frankreich? Die Steilküste zeigte sich am Meeresufer in schwindelerregender Höhe.

Er trug nur weiße Shorts.

Der nackte, sonnengebräunte Oberkörper konnte sich sehen lassen. Seine Brust war die eines Athleten, glatt und ohne Haare. Susi hasste Männer mit Brusthaaren!

Sie lief neben ihn in einem bunten, langen Strandkleid aus Chiffon, das der Wind um ihre Hüften hin und her bewegte.

Nun nahm er ihre Hand und zog sie an sich heran, küsste sie mit voller Hingabe und wirbelte sie wenig später durch die Lüfte, bis ihr die Luft ausging. Wie bei einem Boxkampf in der Arena gingen beide zu Boden. Sie war k. o. und gab sich geschlagen.

Als er versuchte, ihren Slip auszuziehen, fühlte Sie ein erotisches Kribbeln im Bauch! Schmetterlinge?

Plötzlich erwachte sie wieder durch Chlement. „Frau Reuther, wie hieß das Medikament, ich hab es nicht gut verstanden?“ fragte er, und hielt seinen Kugelschreiber über die klaffende Textlücke auf seinem Papier. Somit war sie aus dem romantischsten Tiefschlaf, den sie je hatte, wachgerüttelt worden! Wieder durch diesen Chaoten!

Seine Frage konnte sie nicht beantworten, da sie nicht wirklich zugehört hatte und zuckte kurz mit den Achseln.

Darauf begann er (wie ein Waschweib) zu kichern, beugte sich zu Susis Ohr und flüsterte: „Na, waren Sie wieder auf Erotikkurs mit Ihrem Chef? Wie war er denn so? Hihihi!“

Das fand sie gar nicht lustig, und strafte ihn mit einem sehr bösen Blick. Immerhin hatte er sie durchschaut, dass sie mit ihren Gedanken woanders war.

Mehr konnte er nicht wissen – gottseidank auch! Was bildete sich dieser Eierkopf eigentlich ein?

Sie musste ihn nach der ersten Pause abschütteln. Unbedingt! Vielleicht könnte sie neben ihrer Kollegin, Martina Kölliger, sitzen? Die hielt wenigstens den Mund.

Chlement nervte immerzu weiter. Unmöglich für Susi, ihren turbulenten Traum mit Winkelmann fortzusetzen. Schade!

Mittlerweile war Pause angesagt. Noch ganz benebelt von ihrer Vision, lief sie im Strom der Menschen mit – Richtung WC!

Dort hieß es erst einmal anstellen und warten, wobei sie sich beinah in die Hose pinkelte.

Anschließend eröffnete man ein kaltes Buffet mit verschiedenen Raritäten von Wurst, Schinken und Käse, Salate etc.

Susi nahm sich einen Kaffee und ging zurück an ihrem Platz neben Chlement. Dieser erwartete sie schon.

Sie hatte kurz nachgedacht und durfte ihn keineswegs verletzen, denn er war ein Großabnehmer ihrer Medikamente und ganz nebenbei stand er noch für C in ihrem ABC-Plan.

Beide waren sich einig, zum DU überzugehen, und lachten miteinander. „Und doch“ holte Chlement aus, „möchte ich zu gern wissen, von wem Du vorhin geträumt hast! Du sahst so glücklich aus! Verrätst Du es mir?“ Natürlich durfte sie ihm das nicht auf die Nase binden. „Na gut, ich war am Strand in der Normandie – zufrieden?“ sagte sie kurz. Daraufhin der Doktor: „Aber nicht alleine, stimmt’s? Vielleicht mit dem da vorne?“ und zeigte auf Winkelmann, der sich wieder auf den Weg zum Mikrofon machte.

„Pst!!!“ machte Susi und legte ihren Zeigefinger auf den Mund. Das Seminar ging weiter.

‚Dumm ist Peter Chlement nicht‘ dachte sie ‚er hat mich durchschaut!‘ Von der Seite schielte er zu ihr und lächelte mit einem Augenzwinkern. Winkelmann bedankte sich für die Aufmerksamkeit und übergab das Wort an den Geschäftsführer der Firma. Dessen Ausführungen waren trocken und seine Rhetorik ließ die Teilnehmer ins Wachkoma fallen. Er sprach so monoton, dass niemand mehr zuhören wollte.

Unruhe machte sich im Saal breit. Nach einem einstündigen Vortrag beendete er schließlich seine Ausführungen – zur Freude aller Anwesenden! Später übernahm einer der Distriktmanager das Wort und hielt sich kurz, so dass die Mittagspause nach Plan stattfinden konnte. Susi ging zusammen mit Peter Chlement ins Restaurant. Hier speisten sie a’la carte. Beide bestellten Rinderbraten.

Am Tisch sitzend, beobachteten sie die übrigen Gäste, die wie eine Schar Ameisen hin- und herliefen.

Viele rückten sich in Szene und taten sehr wichtig. Nur wenige davon kannte Susi, aber es waren immer wieder dieselben, die gern auf sich aufmerksam machten. All das affektierte Getue fiel ihr mächtig auf die Nerven und sie empfand schon beinahe Mitleid für diese Menschen. Weiter gab es da noch die natürlichen, stilleren Typen, die mit ihrem Witz und Humor sehr unterhaltsam sein konnten, wenn sie wollten. Aus einer Gruppe Leute trat plötzlich Martina Kölliger hervor mit einem Glas Cola stand sie da und suchte offensichtlich jemanden. Martina war eine der jüngsten Kolleginnen von Susi. Kein Wort zu viel sagen, niemals eine gegenteilige Meinung haben und nett sein – das war Martina!

Sie war schlank, mittelgroß und hatte blondes, sehr kurzes Haar. Kurzum ein durchschnittliches Mädchen von Anfang zwanzig. Im Team nahm sie niemand für voll, darum wollte sich Susi barmherzig zeigen und schenkte ihr etwas Aufmerksamkeit. Gelegentlich half sie ihr mit diesem oder jenem Tipp. Martina war ihr sehr dankbar dafür.

Vielleicht würde sie einmal eine gute Pharmareferentin oder sogar eine Distriktmanagerin werden, denn sie war nicht nur jung, sondern auch überaus intelligent. Wer weiß?

Susi rief sie zum Tisch und stellte ihr Peter vor. Martina schien verlegen und wurde rot, was ihren Teint zum Fliegenpils werden ließ. Peter schien erfreut, ihre Bekanntschaft zu machen, und presste ihre Hand bei der Begrüßung fest zusammen, so dass sich ihre Ringe fast verbogen. Martina schrie vor Schmerz auf: „Autsch …!“ Niemand kümmerte das. Susi fragte sie nach ihren Verkaufszahlen.

„Es könnte besser sein, aber was soll’s?“ antwortete Martina unsicher. „Ja, wir sind mitten im Sommerloch! Hast Du von Mutz was gehört?“ „Nein. Ein Wunder, dass er heute nicht hier ist!“

„Vielleicht hat er sein Haarspray nicht gefunden und kommt später!“ Mutz mußte anwesend sein bei solch einer Veranstaltung. Sollte er vielleicht krank sein? Nur etwas in dieser Art konnte ihn entschuldigen. Die Mittagspause war fast vorbei, als Winkelmann auf Susi zusteuerte. Wie erstarrt – blieb sie stehen – ihr Herz stagnierte!

In gelassener Haltung gesellte er sich zu einem der Manager neben ihr und vertiefte sich in ein scheinbar ernstes Gespräch. Er hatte sie nicht bemerkt. Was, wenn er sich mit ihr unterhalten wollte? Würde sie sich dann ebenfalls in einen Fliegenpilz verwandeln? Sicher und bestimmt sogar!

Die Tagung verlief – gemäß Tagesordnung – weiter. Nur eine halbe Stunde Zeit blieb Susi für ein neues Outfit am Abend, denn ein Diner war angesagt.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
232 str. 4 ilustracji
ISBN:
9783867775724
Właściciel praw:
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Format pobierania:

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