Czytaj książkę: «Elfenzeit 4: Eislava»

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Inhalt

  Titelseite

  Die Autoren:

  Impressum

  Karte

  Was bisher geschah

  Dramatis personae

 

  Roman 7 Yggdrasils Wächter

  Prolog

  1. Im kalten Strom

  2. Von Schafen und Wölfen

  3. Weltenschatten

  4. Klein, aber fein

  5. Die Farbe der Nacht

  6. Gefährliche Neugier

  7. In die Tiefe

  8. Licht und Schatten

  9. Unterland

  10. Geflügelte Worte

  11. Eine Leiche zum Frühstück

  12. Die zweiseitige Königin

  13. Von Monstern und Ungeheuern

  14. Verloren!

  15. Eisfluss

  16. Der lange Weg zurück

  17. Unter dem Weltenbaum

  Epilog I

  Epilog II

 

  Roman 8 Insel von Feuer und Nebel

  1. In Wut und Hitze

  2. In Skyllas Fängen

  3. Die Oresos

  4. Kein Ausweg

  5. Donna Letitia

  6. Überraschung

  7. Das Feuer der Jahrhunderte

  8. Der erste Lichtblick

  9. Zeit der Asche

  10. Der Handel

  11. Die Suche

  12. Der Blick in die Vergangenheit

  13. Salz und Kreide

  14. Der Weg hinein

  15. Der wahre Pfad

  16. Perle und Koralle

  17. Kampf

  18. Was bleibt

  19. Neue Ziele

  Epilog Schattenland

 

  Anmerkungen zu den Elfen

  Wie es weitergeht …

Titelseite

Verena Themsen

Uschi Zietsch

Elfenzeit

Band 4

Eislava

Das Ende der Anderswelt naht!

David und Rian reisen nach Norden, um den Drachen Nidhögg, der seit Anbeginn der Welten an den Wurzeln der Weltesche Yggdrasil nagt, nach dem Quell der Unsterblichkeit zu befragen.

Nadja und Fabio sind derweil unterwegs nach Sizilien – dort findet Nadja ihre tot geglaubte Mutter, die wandernde Seele, und in dem düsteren Vulkan entdeckt sie die Erste Stadt.

Der Ätna ist die Verbindung zwischen allen Welten, und in ihm will der Getreue den Stab setzen, um seine Königin aus dem Schattenland zu befreien.

Doch er hat nicht mit Widerstand gerechnet, allen voran Morgana, der Königin von Luft und Dunkelheit, Wächterin der Insel, die uralte Mächte aus der griechischen Mythologie beherrscht …

Zwei Romane in einer Ausgabe – Spannung pur! Band 4 von 10 der größten Urban-Fantasy-Saga.

fabEbooks

Die Autoren:

Verena Themsen verfasst regelmäßig seit Jahren Romane für Perry Rhodan. verenathemsen.de

Uschi Zietsch publiziert seit 1986 erfolgreich in verschiedenen Genres und kann auf weit über zweihundert Veröffentlichungen zurückblicken. www.uschizietsch.de

Impressum

Dieser Titel ist auch als Paperback erschienen.

Umschlag Bildmaterial: kellepics/Stefan Keller

Umschlag Gestaltung und Logo: Michael Steinmann Agentur

Die Karte schuf Dirk Schulz Animagic

Lektorat und Redaktion: Uschi Zietsch

Handlungsrahmen und Serienkonzept: Uschi Zietsch

© dieser überarbeiteten und erweiterten Ausgabe 2020 by Fabylon Verlag

www.fabylon.de

eMail: team@fabylon-verlag.de

Originalausgabe. Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978-3-946773-24-5

Karte

Was bisher geschah

Nadja Oreso hat eine turbulente und gefahrenvolle Zeit hinter sich. Nachdem sie David in Venedig gerettet hatte, ist sie inzwischen sogar bis nach Annuyn gegangen, um den Schatten von Rian auszulösen. Kein geringerer als Darby O’Gill/Alebin hat die Prinzessin getötet und damit Chaos ausgelöst.

Nadja begleitet deshalb David nach Earrach, um König Fanmór die Stirn zu bieten. Sie hat vor niemandem mehr Angst, seit sie weiß, dass sie eine Halbelfe und dadurch ein verhasstes Mischblut ist und durch Zufall erfahren hat, dass sie schwanger ist. Wer der Vater ist – Darby oder David –, ist nicht bekannt.

Dem Getreuen ist es inzwischen gelungen, 4 Knotenpunkte zu besetzen – dadurch ist es ihm möglich, das Tor zum Schattenland von der Menschenseite aus zu öffnen und kurzzeitig stabil zu halten. Er erhofft sich, das Tor mit Setzen des 5. Stabs dauerhaft zu stabilisieren. Aus diesem Grund ist er unterwegs nach Sizilien, einem der bedeutendsten zentralen Orte in allen Welten. Das Land ist nicht nur sehr geschichtsträchtig, es bildet die Verbindung zur Magie an sich. Im Ätna brodelt weitaus mehr als nur Lava.

Die kleine Gemeinschaft muss sich trennen, denn der Kampf um die Unsterblichkeit und die Erhaltung der Welten findet nunmehr an mehreren Fronten statt.

Pirx und Grog, die sich dem Getreuen an die Fersen geheftet haben, sind spurlos verschwunden.

Nadja Oreso und Fabio, der nunmehr seine Vergangenheit als Elf Fiomha offenbart hat, sind auf Sizilien gelandet, um den Getreuen am Setzen des Stabs zu hindern. Und hier soll Nadja zudem ihre totgeglaubte Mutter endlich treffen.

Die wieder gesundeten Elfenzwillinge derweil sind unterwegs nach Niflheim, um nachzuforschen, ob der neidische Drache Nidhögg, der seit Ewigkeiten an den Wurzeln der Weltesche Yggdrasil nagt, den Quell der Unsterblichkeit hütet.

Dramatis personae

Nadja Oreso ist 25 Jahre alt, geborene Münchnerin mit italienischen Wurzeln. Als freiberufliche Journalistin genießt sie das ungebundene Leben und die ständigen Ortswechsel. Privat häufig chaotisch, ist sie im Beruf professionell. Ihr Appetit – ohne dabei zuzunehmen – ist legendär. Dass sie einige Geheimnisse mit sich herumträgt, wird ihr bald auf schmerzvolle Weise bewusst.

Rhiannon/Rian Bonet ist selbst als Elfe noch jung, sieht wie Anfang 20 in der Menschenwelt aus. Sie ist die Prinzessin der Sidhe Crain, deren Vater Fanmór über das Reich Earrach herrscht. Sie ist Dafydds Zwillingsschwester.

Dafydd/David Bonet sieht ebenfalls wie Anfang 20 aus und seiner Zwillingsschwester sehr ähnlich. Als Erbprinz soll er eines Tages die Nachfolge des Vaters antreten. Kein leichtes Unterfangen bei Unsterblichen.

Pirx ist ein Pixie, ein Feenkobold, ein aufrecht gehender Igel mit roter Mütze. Er ist pfiffig, fröhlich und verspielt, gewitzt und mutig. Sein besonderes Merkmal: er kann nicht lügen.

Der Grogoch, genannt Grog, ist ein haariger alter Feenkobold, der stets vermittelnd eingreift, ruhig und liebenswürdig, er denkt zuerst nach, bevor er handelt, treu und fürsorglich.

Der Getreue – er ist im Auftrag der Dunklen Königin unterwegs, mächtig, skrupellos, eiskalt und sehr gefährlich. Seine wahren Motive sind unbekannt, seine Identität kennt niemand, sein Gesicht nur Bandorchu – aber ist es denn sein wahres Gesicht?

Der Kau und Cor, der Spriggans – die beiden sind Helfer des Getreuen, absolut boshafte Geschöpfe, die sich um niemanden scheren.

Fabio Oreso, Nadjas Vater, ist sehr viel mehr in die Geschehnisse verstrickt, als es zunächst den Anschein hat. Er trägt jede Menge Geheimnisse mit sich herum, von denen Nadja bisher keine Ahnung hat.

Bandorchu, die Dunkle Königin, die einst Gwynbaen gewesen war, Königin von Earrach und Herrin des Baumschlosses der Sidhe Crain. In einem zerstörerischen Krieg unterliegt die fast überirdisch schöne und mächtige Elfe dem Riesen Fanmór und wird ins höllische Schattenland verbannt. Doch es gelingt ihr, sich nach ihrer Wandlung dort ein eigenes Reich aufzubauen und streckt nun ihre magischen Finger nach der Menschenwelt aus.

Regiatus, der Cervide, ist ein Berater Fanmórs. Bisher überaus streng und konventionell, hat er sich inzwischen auf die Seite der Zwillinge – und sogar Nadja Oresos – geschlagen und unterstützt sie heimlich.

Die Blaue Dame, Herrscherin des Loch Ness, ist ebenfalls eine Beraterin Fanmórs und unterstützt Nadja bereits seit Venedig heimlich.

Ainfar, der Tiermann, Bruder von Regiatus, ist damals freiwillig als Spion ins Schattenland gegangen und versucht von dort aus, Bandorchus Rückkehr zu verhindern. Wären da nicht Bandorchus Liebreiz und Macht …

Donna Letitia/Julia Oreso, die Wandernde Seele. Niemand weiß, wie alt sie ist und wie viele Leben sie geführt hat. Es ist daher besser, sich nicht mit ihr anzulegen.

Morgana, Königin von Luft und Dunkelheit, Herrscherin des Geisterreichs und Wächterin von Sizilien. Eines der mächtigsten Wesen, das noch aus der Urzeit stammt und vermutlich absolut unsterblich ist. Sie heizt dem Getreuen ordentlich ein.

Roman 7

Yggdrasils Wächter

Verena Themsen

Prolog

Weit sah ich, weit, die Welten alle

(Edda, Völuspa)

Wie Elmsfeuer huschte das Eichhörnchen am letzten Stück des Stamms hinauf, lief einen Ast entlang nach außen und hielt dann inne. Es setzte sich auf und reckte den Kopf hoch. Seine Schnurrhaare zitterten leicht im Wind, während es zum Nest hinüber schielte.

»Halte dich fern, Eierdieb«, knarrte die Stimme des Adlers vom Wipfel herunter.

Das Eichhörnchen zuckte zusammen. Seine glitzernden schwarzen Augen richteten sich nach oben.

»Wen interessiert schon dein Gelege! Es ist kalt und hart und gefroren in der Zeit. Ich würde mir die Zähne dran ausbeißen«, keckerte es.

Doch man sagte, die Zeit habe Einzug gehalten in die Welten der Zeitlosen. Man sagte, Dinge würden altern, die früher nie altern konnten. Dem Baum war nichts dergleichen anzumerken, doch wer wusste schon, ob nicht manche der Bewohner trotzdem betroffen waren? Das Eichhörnchen hätte zu gern einen Blick riskiert.

Der Adler breitete in einer langsamen Bewegung die Flügel aus, als wolle er sie im Schimmer des immergrauen Himmels baden. Dennoch warf er keinen Schatten.

»Ich wiederhole: Denke nicht einmal dran, Nagezahn. Du würdest einen mageren und haarigen Happen abgeben, aber ich würde keinen Moment zögern.«

Der Wind strich über das Gefieder des Raubvogels. Ein leises Klingen ertönte, wann immer die silbrigen Federn sich berührten oder aneinander rieben. Der Kopf des Vogels drehte sich, sein Blick schien etwas in der Ferne zu fixieren.

Das Eichhörnchen ließ sich wieder auf seine Vorderbeine hinunter und kletterte ein Stückchen höher.

»Was siehst du, alter Leichenfresser?«

»Wände werden zu Schleiern, und Schleier bekommen Risse. Alte Tore wurden versperrt, neue entstehen. Die Struktur der Welten gerät ins Wanken. Ich sehe Alte, die jung sein sollten, und Vereintes, das sich niemals hätte mischen dürfen. Und ich sehe Kinder, die ausziehen, um die Arbeit von Helden zu tun.«

»Die Welten wanken? Droht das nächste Ragnarök?«

Ein Rauschen erklang, als der Adler die Flügel wieder anlegte. »Ragnarök kommt dann, wenn Ragnarök kommt. Wenn der Baum zu beben und zu wanken beginnt, wirst du es als erster wissen.«

»Wie konnte ich erwarten, von dir jemals klare Worte zu hören«, keckerte das Eichhörnchen mürrisch.

»Die klaren Worte habe ich für die Schlangenbrut am Fuß des Baums reserviert. Was hat er mir zu sagen?« Der Adler drehte den Kopf ein wenig und neigte ihn, bis der Blick eines seiner Augen auf das Eichhörnchen fiel.

»Nicht viel Gutes, wie immer.«

»Manche Dinge ändern sich nie. Und das ist vermutlich richtig so. Zu vieles verändert sich zur Zeit. Es ist nicht gut. Es ist wichtig, die Strukturen zu bewahren und die Regeln zu schützen, auch wenn mein Freund in der Tiefe das nicht immer einsehen will. Also sprich. Ich werde lauschen und meine Antwort überlegen – wie seit dem Anbeginn der Zeiten, und bis zu deren Ende.«

1.
Im kalten Strom

Das Licht der Frühlingssonne durchdrang in schimmernden Bahnen den Morgennebel über dem Fluss, ließ das helle Weiß der Birkenstämme am Ufer aufleuchten und brach sich an den kleinen Wellen, die eine sanfte Brise an der Wasseroberfläche erzeugte. Die Luft trug den Geruch des Schnees in sich, der Schweden noch lange nicht aus seinem Griff entlassen hatte, obwohl die Tage seit fast einem Monat länger waren als die Nächte. Raureif umhüllte die Blätter des frischen Grases, das am Ufer aus dem Boden drängte, und dämpfte das Grün. Lediglich ein einzelnes rotes Bootshäuschen, in der typischen skandinavischen Holzklinkerbauweise errichtet, brachte einen leuchtenden Farbtupfer in die von Nebel und Eiskristallen gedämpfte Szenerie.

David zog leicht an der Pinne des Segelbootes, um gegen die Strömung eines einmündenden Bachs anzuhalten. Die silbrig glitzernden Schoten, von ihm und seiner Schwester schon zu Beginn der Fahrt mit einfachen Elfenzaubern belegt, bewegten sich und passten die Stellungen von Fock und Großsegel so an, dass der von achterlich wehende Wind sie wieder bauchig füllte. Rian, die vor dem Mast an der Backbord-Reling saß und mit über dem Wasser ausgestreckter Hand nach vorn in den Nebel spähte, ließ sich davon nicht stören. Sie schien ganz auf ihre Aufgabe konzentriert, den nächsten Übergang zu einer der kalten Strömungen der Anderswelt zu finden.

David strich sich eine schulterlange blonde Strähne hinters Ohr und beobachtete, wie seine Schwester mit kleinen Bewegungen immer wieder an der unsichtbaren Linie entlang tastete, die ihr sagte, wo das nächste Tor zu finden sein würde. Sie tat es häufiger als notwendig, als hätte sie Angst, sie könnten den Weg verlieren, oder als seien ihre Gedanken anderswo. Doch dann drehte sie den Kopf zurück zu David, und der Blick ihrer violetten Augen begegnete dem seinen.

Sie hatten beide die kleinen Zauber ausklingen lassen, die sonst ihr Aussehen an das der Sterblichen anglichen, da hier auf dem Fluss keine Begegnungen zu erwarten waren. Daher waren es die gewohnten vollständig gefärbten Augäpfel, die David entgegensahen und nicht violette Kreise auf einem weißen Hintergrund. Auf eine Weise, die er nicht recht erklären konnte, gab das dem Prinzen ein Gefühl der Sicherheit und Ruhe. Er lächelte seine Schwester an, und sie erwiderte sein Lächeln.

So viele Dinge änderten sich, seit die Zeit Einzug ins Reich der Elfen gehalten hatte. Selbst das Haar ihres Herrschers und Vaters, des Riesen Fanmór, wies erste graue Strähnen auf, und sein Gesicht zierten Falten, die nicht nur von den ins unermessliche gewachsenen Sorgen herrührten. Da hatte es etwas Tröstliches, dass zumindest Rian noch immer genau so war wie vor dem langen Schlaf, aus dem sie in jenen Herbst hinein aufgewacht waren, der den Einzug der Zeit sichtbar gemacht hatte. Selbst die Erfahrung des Todes und die Wanderung ihres Schattens ins Reich des Grauen Herrn Samhain hatten ihr nicht nachhaltig etwas anhaben können, auch wenn sie für eine Weile vielleicht vorsichtiger und ruhiger geworden war.

David hingegen hatte die verbrachte Zeit in der Welt der Sterblichen für immer verändert.

Unwillkürlich griff er sich an die Brust, wo er glaubte, das sachte Glühen von etwas zu spüren, von dem er nicht sicher war, ob er es wirklich wollte. Eine Seele. Nur ein Funke bisher, kaum geboren, und noch konnte er entscheiden, ob er sie wachsen lassen wollte oder nicht. Doch sie war da, und egal was weiter geschah, nichts würde für ihn jemals wieder so sein wie zuvor.

Er seufzte.

»Wie lange werden wir brauchen, bis wir den Weltenbaum erreichen?«, fragte er, um sich auf andere Gedanken zu bringen. Niemand hatte ihnen diesbezüglich etwas sagen können.

Rian fuhr sich mit schlanken Fingern durch das kurze blonde Haar. »Nicht mehr allzu lange, hoffe ich. Grog hat uns gewarnt, dass einige der Völker des Nordens viel Freude daran haben, einem die Durchreise so schwer wie möglich zu gestalten. Immerhin haben wir schon was zum Tauschen.« Sie machte eine Handbewegung zu den Taschen, die direkt vor dem Niedergang zur kleinen Kajüte in der Mitte des Cockpits standen. Modeschmuck, Stoffbänder, Porzellanfiguren, Naschwerk aller Art und andere Dinge waren darin gesammelt, was Rian zuletzt bei ihrem Halt in Kopenhagen gekauft hatte. Vieles davon würde ihnen Türen und Tore in der Anderswelt öffnen können, doch manches hatte Rian zweifelsohne für sich selbst reserviert. Wie zum Beispiel die Nougattrüffel, die neben ihr lagen und nach denen sie jetzt griff. »Wir durchqueren Gebiete, die nahe den Grenzen von Earrach liegen«, fuhr Rian fort. »Selbst zu guten Zeiten hat dort Fanmórs Wort nie so viel gegolten wie in Crain oder den anderen Kernländern. Jetzt, da die Tore versperrt sind, wird das mit Sicherheit nicht besser sein.«

David nickte. Rian hatte Recht. Der Zusammenhalt der Teile des Reiches Earrach war als eher lose zu bezeichnen, soweit nicht Fanmór persönlich mit seiner unmittelbaren Macht eingriff. Mit Sicherheit gab es sogar Gegenden, in denen sie ihre Herkunft als Kinder Fanmórs besser verschwiegen, sei es, weil man dort während des Krieges im Stillen Bandorchu unterstützt hatte, sei es, weil man sich gern unabhängiger gesehen hätte, oder nach mehr Einfluss im Reich verlangte. Die Erinnerungen an Alberich, der die Suche der Geschwister nach dem Quell der Unsterblichkeit hatte ausnutzen wollen, um sowohl sie aus dem Weg zu schaffen als auch sein eigenes Aufsteigen zur Macht sicherzustellen, lagen nicht lange zurück. »Hoffentlich ist Nidhögg überhaupt noch da«, bemerkte er. »Über die Nordgötter wissen wir so gut wie nichts. Schon lange haben sie sich nicht mehr gezeigt. Wer weiß, ob sie überhaupt noch in ihren Hallen sitzen.«

»Und auf Ragnarök warten«, setzte Rian hinzu. »Kannst du dich an Grogs Erzählungen über die Asen erinnern? Ist doch abartig, oder? Götter warten auf den Untergang der Welt.«

David blinzelte sich Nebelwasser von den Wimpern. »Deswegen war Grog sicher, dass Nidhögg nach wie vor da sein wird … weil er danach aufräumen muss, für den Neubeginn. Die Asen gehen davon aus, dass nichts endgültig verschwinden kann.«

»So wie ich.« Sie lächelte schief.

Vor Davids innerem Auge blitzte das Bild von Rians totem Körper auf, gestorben an der klaffenden Wunde in ihrer Brust, die Alebins Dolch gerissen hatte. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Das war etwas, worüber er nicht reden, woran er nicht einmal mehr denken wollte.

»Aber die Frage ist: Weiß Nidhögg wirklich etwas über den Lebensquell?«, fragte er stattdessen.

»Wir müssen uns an jeden rettenden Halm klammern«, antwortete Rian. »Zumindest wissen wir dann mehr.«

David verzog das Gesicht. »Ein zerstörerischer Sammler und Fresser von Leichen …«

»Er steht auch für den Neubeginn, weil er Ordnung bringt«, erwiderte Rian. »Der Beiname ›Neumond‹ deutet darauf hin – der Neumond ist das erste Leben, die erste schwache Sichel nach dem ›Tod‹ des Mondes. Er steht ebenso für die Wiedergeburt wie für den Tod davor. Vielleicht ist Nidhögg selbst sogar der Lebensquell für die folgende Welt, und er braucht die Toten, um diese Quelle für alle zu öffnen.«

»Hoffen wir es mal. Und hoffen wir, dass Nadjas Befürchtung sich nicht bestätigt, dass bei ihm die Quelle aller Probleme liegt. Andererseits könnte das auch die Lösung bedeuten.« David drückte die Pinne etwas beiseite, um einem im Fluss treibenden Ast auszuweichen. »Auf wen ist der Drache eigentlich neidisch?«

Rian zuckte die Achseln und griff nach einer Trüffelpraline. »Vermutlich auf alle, die im Freien leben. Insbesondere aber auf den Adler im Wipfel von Yggdrasil. Der ist wohl auch einer von denen, die auf Ragnarök warten, und wird sich genauso wie Nidhögg um die Toten kümmern, wenn es soweit ist. Aber der Adler hat da oben im Wipfel einen Logenplatz, von dem aus er alles überblickt, was in den Welten passiert, während Nidhögg nichts anderes sieht als Wurzeln, und noch nicht mal die Flügel strecken kann in seiner Höhle, geschweige denn fliegen. Kein Wunder, dass unter solchen Umständen so einiges an einem nagt und man auch selbst das Nagen anfängt.« Genüsslich an der Praline lutschend streckte sie die Hand wieder nach der Linie aus. Ihr Blick versank in dem sich langsam lichtenden Nebel, und David spürte, wie die Gedanken seiner Schwester zu wandern begannen.

Eine Weile glitten sie so in Schweigen weiter den Fluss hinauf, wie seit vielen Tagen schon der Strömung entgegen, die sie an den Ursprung aller Kalten Flüsse führen sollte. Der Wind, der sie vorantrieb, war stetig, halb aus dieser Welt und halb aus einer anderen geboren. Sie segelten auf verschlungenen, immer nach Norden führenden Wegen – ein Netz aus Flüssen verschiedener Welten, dem zu folgen nur den Elfen möglich war.

Sie hatten Stromschnellen durchschnitten und Flussdeltas durchfahren, in denen man kaum mehr die Ufer hatte sehen können, waren vorbei an Inseln aus Sand und Fels, an Wäldern, Feldern, Häuserfronten und Fabriken gesegelt. Die Natur des Landes hatte sich in dem Maße verändert, wie es kälter geworden war. Die Buchen waren Birken gewichen, die Nadelbäume häufiger und niedriger geworden, und der Fels, der aus dem Boden brach, war rundgeschliffen von Wind, Eis und Wasser.

David ließ seinen Blick auf den Bäumen ruhen, die noch immer in lockerer Reihe die Uferböschung säumten. Die Sonne hatte inzwischen auch die letzten Nebelstreifen vertrieben und trocknete den Tau von den Blättern, der unter der Wärme aus dem Reif entstanden war.

»David?«

Der Prinz drehte den Kopf und begegnete Rians nachdenklichem Blick.

»Was ist? Sind wir nah dran?«

Seine Schwester schüttelte den Kopf. »Nein. Oder, ja, aber das war es nicht, was ich sagen wollte.«

»Sondern?« Er hob die Augenbrauen. Es war selten, dass Rian nicht direkt mit der Sprache herauskam. Sie nahm kein Blatt vor den Mund, wie es die Menschen so schön ausdrückten.

Dieses Mal schien sie sich jedoch zum Sprechen durchringen zu müssen.

»Ich fand es sehr mutig, dass du Fanmór gefragt hast, ob er wirklich unser Vater ist«, sagte sie schließlich. »Und … und dass du von unserer Mutter gesprochen hast. Mutiger als alles andere, was ich je von dir erlebt habe. Das wollte ich dir schon lange sagen.«

Davids Gedanken wanderten zu jenem Moment im Thronsaal zurück, in dem er zum ersten Mal in seinem Leben so offen gegen den Herrscher der Crain angetreten war. Die kaum gebremste Wut des Riesen hatte ihm Angst gemacht, doch er hatte auch die darunter liegende tiefe Sorge gespürt.

»Es war nicht mutig, es war nur … notwendig.« Er zögerte kurz. »Mutig war Nadja, als sie dich aus Samhains Reich zurückgeholt hat. Sie war diejenige, die am wenigsten dafür konnte, dass du dort warst, und die geringste Verpflichtung hatte, aber sie bestand darauf, es zu tun.«

»Was wieder einmal zeigt, wie ähnlich ihr zwei Dickköpfe euch seid«, antwortete Rian mit einem Schmunzeln. »Beide habt ihr Fanmór die Stirn geboten. Und du hast es sogar zum Teil aus … aus Liebe zu ihr getan, oder? Irgendwie erinnert ihr mich manchmal an die Leute in meinen Lieblingsserien …« Das Lächeln flog von ihren Zügen. Sie biss sich auf die Unterlippe und sah wieder auf den Fluss hinaus.

Über das Band, das die Zwillinge seit ihrer Geburt verband, spürte David ihren Zwiespalt. Sie mochte Liebesgeschichten, fand sie faszinierend, weil Elfen normalerweise keine Liebe kannten. Doch für ihn war es Realität geworden. Etwas war geschehen, damals im Kerker der venezianischen Insel Tramonto, als Nadja ihn befreit hatte. Das Tor zu Samhains Reich hatte bereits für ihn offen gestanden, sein Schatten den Weg dorthin angetreten, doch die Sterbliche hatte ihn zurückgeholt. Und dabei hatte sie ihm die Seele geschenkt. Er wusste um Rians Befürchtung, dass seine Seele ihn möglicherweise eines Tages von ihr trennen würde.

Er hegte dieselbe Befürchtung. Er wollte Rian nicht verlieren. Nie wieder. Ihr vorübergehender Tod saß ihm noch immer tief in den Knochen. Obwohl es seine Seele gewesen war, die ihm in diesem Moment das Leben bewahrt hatte, war die Angst vor der Trennung von Rian einer der Gründe, warum er deren Wachstum momentan nicht zuließ. Das, und dass er sich um seine Liebe betrogen fühlte. Weil Nadja vielleicht das Kind eines anderen trug, das Kind des Mörders und Verräters Alebin.

Er wusste, dass er ungerecht war, wusste, dass es geschehen war, bevor ihre Liebe geboren worden war. Auch sein eigenes Bett war zu dieser Zeit fast keine Nacht leer gewesen, wie konnte er es dann Nadja übelnehmen? Zudem hatte Alebin Nadja getäuscht und beeinflusst. Aber das Gefühl ließ sich nicht einfach beiseiteschieben, der Eindruck, dass sie nie vollauf zu ihm gehören würde, dass womöglich immer etwas da sein würde, das sie mit einem anderen verband. Und das war ihm unerträglich.

Rians Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

»Das Tor ist nah«, sagte sie und streckte ihre Hände über das Wasser aus, um erneut die Linie zu erspüren, der sie folgten. Sie schob sich näher an die Reling und beugte sich vor, führte die Fingerspitzen dicht über das Wasser. »Es könnte sein, dass es Unterwasser liegt. Die Linie senkt sich ab.«

»Dann sollten wir anfangen, einen Zauber zu weben, der uns erl…«

Ehe David seinen Satz zu Ende sprechen konnte, durchbrach etwas an der Seite des Bootes die glatte Wasseroberfläche. Eine grauschimmernde Gestalt sprang hoch, beschuppte Arme schlossen sich um Rians Körper, und noch ehe sie auch nur Zeit für einen Ausruf hatte, zog das Wesen sie mit sich zurück in die Tiefen des Flusses.

Im ersten Moment saß David wie erstarrt da. Dann stieß er einen Schrei voller Wut und Angst aus, der alles andere verstummen ließ, sprang auf und hechtete über die Reling ins eiskalte Wasser des Flusses.

Rian, ich komme … halte nur so lange durch, bis ich euch gefunden habe!

Der Elfenprinz drehte sich, versuchte, unter der Oberfläche etwas zu erkennen oder in der eiskalten Strömung Wirbel zu spüren. Das Wasser war recht klar und der Fluss nicht so tief, dass der Grund dunkel gewesen wäre. Tatsächlich sah David eine Bewegung weiter flussaufwärts, einen aufgescheuchten Fischschwarm und ein Glitzern wie von einer Glasperlenschnur.

Luftblasen!

David hielt mit kräftigen Stößen darauf zu. Weit vorn schälten sich mehrere schemenhafte Gestalten aus dem Halbdunkel. Fünf Wesen, die nur als dunkle Schatten zu erkennen waren, scharten sich am Flussgrund um ein kleineres, helles, das sich heftig bewegte.

Rian!

In dem Moment, in dem er ihren Namen dachte, stießen die Gestalten sich ab und zogen die Elfe mit sich. Noch immer wand sie sich erfolglos in den Griffen ihrer Entführer. Die Wesen hatten etwas über sie gestülpt, das ihre Gestalt unscharf wirken ließ und sie zugleich in der Bewegung hemmte.

Die Angst um Rian ließ David noch mehr Kraft in seine Schwimmstöße legen, obwohl die Eiseskälte ihm trotz seiner robusten Konstitution langsam bis auf die Knochen ging. Zudem behinderte ihn die Kleidung. Er hielt für einen Moment inne, um sich aus dem schweren Mantel zu befreien und die Schuhe abzustreifen. Beides sank unwiederbringlich in den dunklen Schlamm des Flussgrundes hinunter.

Nun konnte David die Verfolgung schneller aufnehmen, doch durch die Verzögerung hatte er Rian und ihre Entführer schon aus dem Blick verloren. Er behielt die Richtung bei, die sie zuvor eingehalten hatten.

Aus dem Augenwinkel registrierte er eine Bewegung. Ein weiterer Schwarm, der aufgeregt davonstob, als hätte ein Raubfisch sie aufgescheucht. Und erneut eine kleine Kette von Luftblasen. Ohne zu zögern wechselte David die Richtung und folgte der neuen Spur. Da, eine Bewegung. Ein dunkler Schatten, dazu ein hellerer … er hatte sie wieder.

Hoffnung flammte in ihm auf und trieb ihn voran durch das dunkle Wasser. Seine Glieder wurden allmählich taub von der eisigen Kälte, dennoch gehorchten sie weiter den Befehlen seines Gehirns, schoben ihn voran und ließen ihn dicht über den Flussgrund dahinschießen. Sein Blick verschwamm, und in den Randbereichen seines Sehens setzte ein graues Rauschen ein. Vor ihm tauchte ein dunkler Umriss so plötzlich auf, dass er beinahe nicht mehr ausweichen konnte. Ein Fels.

Das Wasser wurde trüber und erschwerte seine Sicht auf die dunklen Gestalten vor ihm. Trotz der zusätzlichen Last der Elfe entfernten sie sich immer weiter von ihm. Es schien, als habe Rian allen Widerstand aufgegeben.

Oder sie ist bewusstlos.

Erneut feuerte die Verzweiflung ihn an, obwohl er allmählich ein Stechen in seinen Lungen spürte, und sein Blick schnürte sich langsam auf einen schmalen Tunnel ein. Wenn er für sich eine Atemblase schuf, würde ihn das extrem verlangsamen – er musste so hindurch. Erneut war ein Fels im Weg, und diesmal reagierte er zu spät und stieß dagegen. Für einen Moment trieb sein Körper unkontrolliert durch das Wasser, und die Kälte bekam etwas Tröstliches, denn sie betäubte den Schmerz. Ein Fischschwarm tauchte direkt vor ihm auf, silbrig schillernde Körper wimmelten um ihn herum und versperrten seine ohnehin schon eingeschränkte Sicht.

Der Schwarm verschwand so plötzlich, wie er aufgetaucht war, und von Rian und ihren Entführern war nichts mehr zu sehen. David schloss die Augen, riss sie dann wieder auf und wollte mit purer Willenskraft den grauen Schleier vertreiben, der sich vor die Sicht schob. Einen Moment lang schärfte sich sein Blick, er sah scharf gestochen den unregelmäßigen schlammigen Grund, die Steine und rundgewaschenen Felsen, jeden einzelnen Wasserfarn und die Fische, die dazwischen nach Algen und Plankton jagten. Doch nicht mehr. Keine Spur zeigte ihm, in welche Richtung er sich wenden musste.

Erneut schloss er die Augen und ließ sich weiter treiben.

Auftauchen, dachte er. Luft …

Mühsam zwang er die Augen wieder auf und versuchte, sich zu orientieren. Wo war oben, wo unten? Er trieb im grauen Dämmerlicht, wohin die Strömung ihn in den vergangenen Augenblicken getragen hatte, und wusste nicht, wo das war. Sein Blick war durchsetzt mit tanzenden Lichtern und dunklen Punkten, die es schwer machten, irgendetwas zu erkennen. Er zwang Arme und Beine unter seinen Willen zurück, wagte einen schwachen Schwimmstoß auf eine helle Fläche zu, und noch einen. Es musste die Oberfläche sein, nur dort war es hell. Im nächsten Moment stieß er an etwas, das seine Knochen zusammenstauchte.

Ein Fels. Ein heller Fels … ich bin zurück zum Grund geschwommen.

David wollte lachen, doch er hatte keine Luft mehr dafür. Stattdessen schloss er die Augen, breitete die Arme aus und ließ sich treiben.

Da geschah der Übergang.

Es dauerte einige Atemzüge, bis David bewusst wurde, dass er atmete. Er hatte aufgehört, seine Luftwege zu verschließen, als der Schmerz der Atemnot zu groß wurde. Körper und Geist waren zu betäubt gewesen, um eine rettende Luftblase zu schaffen. Er hatte tief das eingesogen, worin er trieb, und die Qual in seinen Lungen hatte nachgelassen.

Mit einem Blinzeln sah David sich um. Auch der Schleier um seinen Blick war verschwunden. Er trieb noch immer knapp über dem Grund, zwischen bizarr geformten Gebilden aus porösem Buntgestein, die direkt aus hellem Sand herauszuwachsen schienen. Es war ihm unmöglich zu erkennen, ob er sich noch in dem Flussbett befand. Als er sich auf den Rücken drehte, hatte er das Gefühl, das Wasser müsse sich über ihm ins Endlose erstrecken, trotz des Lichtes, das bis zu ihm durchdrang.

Wasser?

Er hatte den kalten Strom verlassen und war in ein Gewässer geraten, das nicht mehr aus normalem Wasser bestand, sondern aus einem Stoff, in dem er atmen konnte. Wann war das geschehen?

Da war dieses Prickeln, als würde sich jedes einzelne Härchen aufstellen … dieses kurze Gefühl des Schwebens, noch stärker als es ohnehin im Wasser geschieht … der Übergang! Ich muss ihn durch Zufall getroffen haben und in die Anderswelt übergetreten sein. Ich bin in einer Wasserdomäne.

Und trotzdem fühlte es sich falsch an, ungewöhnlich. Als sei etwas Fremdes dabei. Das war nicht Crain, sondern eine der vielen Regionen des Nordens. Manches mochte sich dort anders anfühlen.

Rian! Vielleicht ist sie auch hier?

Der Gedanke setzte seinen Körper unter Spannung. Er drehte sich wieder zurück, suchte nach irgendeinem Anzeichen der Anwesenheit anderer. Da … Spuren im hellen Sand. Jemand hatte nicht weit von ihm am Grund gestanden. Der Sand trieb in Wirbeln darum herum, als seien diejenigen eben erst wieder aufgebrochen, vielleicht während Davids Übergang.

Er schwamm auf die Stelle zu, und tatsächlich nahm er vor sich eine Bewegung wahr, die ihn innerlich aufjubeln ließ. Er sah gerade noch die letzte der Gestalten in einem nahen Tangwald verschwinden. Obwohl sie zügig schwamm, wirkten ihre Bewegungen nicht so, als fühlte sie sich verfolgt. David zog seinen Dolch und verstärkte seine Beinbewegungen. Er überlegte kurz, sich in ein Wasserwesen zu verwandeln – doch das war gar nicht notwendig.

Wellen von Energie durchliefen seinen Körper, als die Runen auf dem Heft des Dolchs mit seinem Körper in Kontakt kamen, und vertrieben den letzten Rest von Taubheit daraus. Mit neu erwachter Kraft trieb er seinen Körper Rian und ihren Entführern nach, in den Tangwald hinein. Die Bewegungen der langen Pflanzenstränge und der aufgewirbelte Sand zeigten ihm deutlich, welche Richtung die Gruppe genommen hatte, und er folgte ihnen mit ausdauernden Schwimmbewegungen. Wo immer ihm Pflanzen in den Weg kamen, schnitt er sich hindurch, wie mit einer Machete im Dschungel.

Nach einer Weile bemerkte er, dass der Boden unregelmäßiger wurde. Erneut tauchten zwischen dem Tang die seltsam geformte Felsen aus löchrigem Gestein auf, und sie wuchsen immer höher hinauf. Schließlich zog sich der Tangwald zurück und machte den Felsen Platz. Für einen Augenblick konnte David die fremden Wasserwesen wieder vor sich sehen. In ihrer Mitte leuchtete Rians heller Haarschopf kurz auf, ehe sie um das nächste Felsgebilde herum verschwand und er nur noch die beiden Wesen sah, die das Ende der Gruppe bildeten.

Ihre dunkle, blauschimmernde Schuppenhaut erinnerte ein wenig an den Kelpie aus Alberichs Rheinhöhle, doch das war die einzige Übereinstimmung. Weder Schleierhäute noch Mähnen waren an ihnen zu sehen, und statt tellerähnlicher Hände und Füße hatten sie schlanke Finger mit Schwimmhäuten sowie an den Enden ihrer Beine kräftige Fischflossen. Ihre extrem kurzen und dicken Hälse waren von eine Krause aus Hautfalten umgeben.

Sie trugen nichts an ihren Körpern, was sie beim Schwimmen hätte hindern können. Lediglich einen Gurt hatte jeder von ihnen über den Rücken geschlungen, in dem mehrere kurze Speere steckten, die vollständig aus Metall gearbeitet waren. Einen solchen Speer hielt jeder von ihnen in der Hand.

Noch während David sie betrachtete, verschwanden auch die letzten beiden der Wasserwesen um den Felsen herum. Wären die Wesen allein gewesen, hätten sie David längst abgehängt. Rian behinderte sie jedoch, sodass er den Anschluss halten und sogar zusehends aufholte. Das war erforderlich, denn nun bewegten sie sich durch ein Felsenlabyrinth. Die Brocken und Nadeln weiteten sich nach oben hin aus, berührten sich, bildeten Brücken oder Tunnel, zusätzlich zu den Löchern, die teilweise in ihr poröses Material gewaschen waren und gewundene Durchgänge darstellten.

Um die nächste Biegung entdeckte er die Gruppe. Es erleichterte David zu sehen, dass Rian sich bewegte. Sie war weder bewusstlos noch gefesselt. Im nächsten Moment erkannte er, dass ihre Bewegungen ruhig und gleichmäßig waren. Die Wesen, zwischen denen sie schwamm, berührten sie nicht einmal.

Rian schwamm freiwillig mit!

Seine Verwirrung ließ David einen Moment in den eigenen Bewegungen innehalten, und da waren sie auch schon in der Dunkelheit eines Felstunnels verschwunden. So schnell er konnte folgte er ihnen.

Als David den Tunnel verließ, hatte die Umgebung sich unmerklich verändert. Hier und da wuchsen wieder Tangpflanzen, zwischen denen sich bunt schillernde Fischschwärme herumtrieben, und der Boden glitzerte, als wäre der Sand mit Quarzen und Gneis durchmischt. Die noch immer vorhandenen Felsnadeln wirkten bearbeitet, als habe jemand ihnen Formen gegeben und Löcher hineingetrieben. Und ungefähr hundert Schwimmstöße vor ihm schwang sich ein Gebilde in die lichterfüllte Höhe, das wirkte, als hätte jemand aus mehreren zusammengewachsenen Felsnadeln ein Schloss geschaffen.

Unzählige dünne Steinspitzen erhoben sich daraus wie Türmchen, und die Wände glitzerten in allen Farben, als wäre Edelsteinstaub darauf verteilt worden. Löcher, die zu regelmäßig waren, um Auswaschungen zu sein, führten in das Innere des Felsenschlosses, in dem ein blau-grünes Leuchten die Hohlräume erfüllte. Die Gruppe hielt auf das Schloss zu.

David hatte auf einmal das Gefühl, beobachtet zu werden. Wann immer er sich umschaute, entdeckte er niemanden, vielleicht die letzten Wirbel von Schwanzflossen der eifrigen Fische.

Jetzt, da das Ziel so nahe war, nahm die Gruppe zügig an Tempo zu. Selbst Rians Schwimmbewegungen waren kräftiger geworden, und David wurde immer verwirrter.

Was geht hier vor sich?

Dicht vor dem Schloss verlangsamte die Gruppe kurz, als wisse sie nicht genau, welchen der zahlreichen Eingänge sie nutzen sollte. Dann steuerten sie auf eines der größeren Löcher zu. David folgte, so schnell er konnte.

Die hinter dem Loch gelegene Höhlung reichte in alle Richtungen tief in das Gestein hinein. Wände und Decke waren rund ausgeformt, zu gleichmäßig, als dass es auf natürliche Weise hätte entstanden sein können, und der Boden war absolut eben. Hier bewiesen Rians Entführer, dass die Flossen ihrer Beine ebenso stabil wie Füße waren, denn sie hatten sich rings um die Elfe niedergelassen, die Speere auf sie gerichtet. Aus dem hinteren Teil der Höhle schossen jetzt weitere Wesen auf sie zu, blitzende Speere in den Händen.

Ohne zu zögern streckte David seinen Dolch vor und stieß auf das erste Wesen zu.

2.
Von Schafen und Wölfen

Glitzernder Kristallstaub tanzte durch die Luft des Gangs in der Zitadelle der Königin Bandorchu, gelöst durch einige kleine Windwirbel, die über die Deckenstuckaturen fegten. Rings um Ainfar sank er zu Boden, während der Elf das grünhäutige, von braunen Linien durchzogene Gesicht nach oben gewendet hielt und mit kleinen Bewegungen seiner schlanken Finger die Wirbel dorthin steuerte, wo ihre Arbeit benötigt wurde. Seine in labyrinthartige Knoten verflochtenen Locken wurden vom Staub belagert und verwandelten den Raum um sein Gesicht in eine schimmernde Aureole, wann immer durch eine Kopfbewegung etwas Licht dorthin gelangte. Doch die Gedanken, die er während seiner Arbeit wälzte, waren düster.

Wer bin ich? Warum bin ich hier?

Ununterbrochen wehte draußen vor der Burg der Wind, der die Schreckenswolken über den grellen Himmel des Schattenlandes trieb, und fegte feinen Kristallstaub von den umgebenden Spiegelhügeln hinunter in das Tal. Dort sammelte er sich rings um die Dunkle Zitadelle und drang durch jede Ritze herein, um sich auf Flächen und in Spalten abzusetzen. Einer von Ainfars Aufträgen war es, in den unteren Wohnebenen des Schlosses gegen diese dauerhafte Invasion anzukämpfen. Es war keine erfüllende Aufgabe, aber besser, als wenn er hinaus auf die Spiegel hätte gehen müssen, ständig dem quälenden Bild seines Innersten und zugleich den Schrecken der Wolkenschatten ausgesetzt, um Pflanzen oder andere Rohstoffe zu suchen. Das war nur noch selten notwendig, aber wenn, dann traf es stets diejenigen, die aus dem einen oder anderen Grund den Unwillen der Königin auf sich gezogen hatten. Ainfar gab sich alle Mühe, das nicht zu tun und auch sonst nicht aufzufallen.

Weder der Königin, noch ihrem engsten Vertrauten, dem Getreuen.

Er versuchte, sich zu geben, als sei er gar nicht da.

Aber ich bin hier. Und es gab einmal einen guten Grund dafür. Einen sehr guten Grund. – Aber wer bin ich jetzt?

Ein hoher, lang gezogener Ton durchschnitt die Luft, riss Ainfar aus seinen Gedanken und brach dann in einem Gurgeln ab, das den Gestaltwandler schaudern ließ. Dennoch wagte er es nicht, die Konzentration von seiner Arbeit zu lösen. Lediglich die großen braunen Augen, die von keinerlei Weiß umgeben waren, verrieten die Angst in seinem Inneren. Sie weiteten sich, und die schwarzen Löcher der Pupillen darin vergrößerten sich wie bei einem Reh kurz vor der Flucht. Doch er widerstand dem Drang des Instinkts, den die Vertrauteste seiner Tierformen in ihm erzeugte. Und wohin hätte er auch fliehen sollen? Jeder Fluchtversuch hätte Fragen aufgeworfen und die Dinge nur verschlimmert, und dann würden andere seine Schreie durch die Zitadelle hallen hören.

Die Gänge, die Ainfar reinigte, lagen direkt über den Katakomben. Dort unten waren die Kerker und Folterkammern, in denen diejenigen endeten, deren Vergehen nicht mehr nur durch die Arbeit draußen abgegolten werden konnten.

Während seine Windwirbel selbstständig den Deckenbögen folgten und die Reliefs reinigten, schob Ainfar einige Haare zurück, die sich aus den Knoten gelöst hatten, und streckte die Hand nach der Mündungsöffnung eines der Kristallschächte aus, die Licht aus mehreren Himmelsrichtungen diffus in den Palast hinein brachten und die gedankengeschwärzten Gänge in ein sanftes Zwielicht tauchten.

Die Gedanken und Erinnerungen der Königin, dachte Ainfar. Sie sind schwarz genug, um damit die aus der kristallenen Materie dieser Welt geschaffenen Wände zu verdunkeln und uns vor den Spiegelungen zu schützen, so wie die Wände selbst uns vor dem Anblick der jagenden Schatten der Schreckenswolken bewahren. Aber zu welchem Preis ist das alles geschehen …

Mit einem Finger strich er über den mit Zierreliefs versehenen Rahmen des Schachts. Gesichter waren dort zu sehen, zu Schreien verzogen, von Wesen, die in verschlungenen Ranken gefangen waren. Zwischen all den Bildern fand sich unter Ainfars Fingern ein Gesicht, das von hochragenden Geweihstangen beherrscht wurde und einen zotteligen Bart trug. Fast zärtlich fuhr der Elf die Linien der Figur nach.

Regiatus …

Er schloss die Augen, und vor ihm erschienen wieder die Bilder, an denen er sich festhielt, seit sie wiedergekehrt waren. Seine letzten Momente im Thronsaal des Baumschlosses. Der geflüsterte Disput mit seinem Bruder.

»Ich werde gehen, Regiatus. Jemand muss es tun. Gwynbaen ist zu gefährlich, sie darf nicht unbeobachtet bleiben.« Ainfars Magen zog sich zusammen, während er die Worte sprach.

Regiatus schüttelte den Kopf so heftig, dass das eingeflochtene Blattwerk in seinem Geweih protestierend raschelte. »Das ist Unsinn! Sie wird im Schattenland sein! Was soll sie deiner Meinung nach dort anrichten?«

»Sieh sie dir an, Bruder! Sieh dir an, wie ruhig sie ist, wie gefasst, selbst in der Niederlage noch Herrscherin. Du spürst ihre Macht ebenso wie ich! Das ist kein reiner Trotz. Sie hat keine Angst vor der Verbannung, und dafür muss es einen Grund geben.« Beschwörend sah Ainfar den Cerviden an, mit dem er den Vater teilte. »Regiatus, gib mir deine Zustimmung. Ich werde mit ihr gehen, und ich werde mit euch Verbindung aufnehmen, sobald ich es kann. Ich werde einen Weg finden. Du und ich … wir sind uns so nahe. Diese Verbindung muss auch über die Welten hinweg wieder herstellbar sein.«

»Ich will mich ungern darauf verlassen, Ainfar. Ich will dich nicht verlieren. Sie hat uns schon genug gekostet, ohne dass du dich opferst.«

»Es muss sein. Es … es ist auch wegen unseres Bruders.«

»Was soll es dich kümmern, was er getan hat oder tut? Du hast ihn nie gemocht, und er dich nicht. Und ich teile deine Einstellung ihm gegenüber. Er war schon immer arroganter und mehr von sich selbst überzeugt, als es gut für ihn war.«

»Das ändert nichts daran, dass er unser Bruder ist, und dass seine Taten Schande über uns bringen. Und jetzt ist er ein Meidling … einer von denen, die den doppelten Verrat begangen haben, nicht mit Gwynbaen durch das Tor gehen zu wollen. Ein Ausgleich ist gefordert. So sind die Regeln im Gewebe unseres Daseins, und das weißt du genausogut wie ich. Wenn ich es nicht tu, wird der Ausgleich auf andere Weise geschehen, ohne dass wir es steuern können. Und so ziehen wir vielleicht noch unseren Nutzen daraus.«

»Bruder …« Regiatus verstummte, als er Ainfars Entschlossenheit erkannte.

»Ich gehe. Berichte du Fanmór.«

»Er wird nicht erfreut sein.«

Ainfar lächelte schief. »Doch, das wird er. Was kümmern ihn schon unsere Schicksale? Aber die Möglichkeit, einen Spitzel in den Reihen der Weißen Frau zu haben, wird er sehr begrüßen. Er ist ein Herrscher, Regiatus. Er weiß, was wichtig ist und was nicht.«

»Und was, wenn du es doch nicht schaffst? Was, wenn du einfach nur mit ihr dort gefangen bleibst?«

»Das wird nicht geschehen.« Er legte eine Hand auf Regiatus’ Arm. »Vertrau mir, Bruder. Ich werde einen Weg finden.«

Vertrau mir, Bruder …

Er hatte sich bei denen eingereiht, die von den anderen Regionen Earrachs aus zum Baumschloss gekommen waren, um das Portal zu durchschreiten. Niemand hatte ihm besondere Beachtung geschenkt, denn niemand hätte erwartet, dass irgendein Elf ohne den Zwang von Fanmórs Urteil diesen Schritt gehen würde. Und dann hatten die Qualen begonnen, das Leiden unter den scharfen Wolkenschatten und den schneidend grellen Widerspiegelungen und die stetige Gefahr des Vergessens, des sich Verlierens.

Ich habe dich vergessen … habe die Erinnerungen verloren, sie als Auswüchse an mir getragen, bis der Schutz der Zitadelle mir langsam erlaubte, mich wiederzufinden. Und seither lähmt mich die Angst vor all dem, was Gwynbaen … nein, jetzt ist sie Bandorchu, die Dunkle Frau … hier aufgebaut hat. Vor ihrer grausamen Herrschaft, die durch ihre kalte Schönheit noch an Schrecken gewinnt.

Er öffnete die Augen und strich erneut über das Gesichtsrelief. Ob du noch auf mich wartest? Ob du noch glaubst, was ich gesagt habe? Ob du überhaupt noch an mich denkst?

Ein eisiger Hauch strich durch den Gang, und Ainfars Finger verharrten auf dem Ornament. Seine Augen weiteten sich, kalte Angst umschloss seine Gedanken und ließ sie erstarren.

»Welch seltsame Art, die Gänge zu reinigen«, erklang eine heisere Stimme. Eine Aura berührte den Tiermann, die so kalt war wie derjenige, von dem sie ausging. Ainfars Finger krallten sich um den Schachtrahmen. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass der Getreue im Gang stand, Bandorchus mächtigster Verbündeter, der tun und lassen konnte, was ihm beliebte.

»Ich hätte nicht gedacht, dass jemand den scharfen Kristallstaub mit den eigenen Fingern beseitigen würde. Oder willst du dein Blut über die Mauern der Zitadelle verteilen, um die Bemühungen deiner Herrin zu unterstützen? Es wäre bestimmt eine interessante Art, den Kristall am Widerschein zu hindern, und eine, die deine Herrin nicht so viel Kraft kosten würde. – Wie viel Blut wohl in deinen Adern rinnt, und wie viel Fläche man damit verdunkeln könnte? Eine interessante Frage …«

Etwas huschte den Gang entlang, und Ainfar spürte körperlich, wie Blick und Aufmerksamkeit von Bandorchus Verbündetem sich von ihm lösten. Die lange schwarze Kapuzenkutte des Getreuen raschelte, als er herumfuhr. Im nächsten Moment war ein Quieken zu hören. Ainfar drehte langsam den Kopf. Eine kleine wollige Gestalt wand sich im Griff des Getreuen und strampelte. Knopfaugen schillerten zwischen den wuschligen Haaren hindurch, und ein ebenso kleiner Mund stand weit offen. Langgezogenes Winseln drang daraus, während der Getreue das Wesen am Fell in die Luft hob.

»Und was treibt dich hierher? Du hast momentan keine Aufgabe, oder? Ich werde schon etwas für dich finden …«

Das Winseln stieg zu einem durchdringenden Klagelaut an, und der kleine wollige Kerl schlug mit dürren Ärmchen und Beinchen um sich im Versuch, sich aus dem Griff des Hünen zu befreien. Doch all seine Anstrengungen waren vergeblich. Mit langen Schritten ging der Getreue den Gang hinunter, das gefangene Kerlchen fest in seiner Hand, und redete leise weiter mit seiner heiseren Stimme, als wolle er nur plaudern.

Die Kälte ließ nach, und Ainfar schüttelte sich.

Mit einer Handbewegung löste er die Windwirbel auf, raffte sein Gewand und rannte so schnell er konnte den Gang in der entgegengesetzten Richtung hinunter.

3.
Weltenschatten

»David, nein!«

Die Köpfe der Wasserwesen fuhren herum, tiefschwarze Augen begegneten Davids Blick, während er vorstürmte, und als seien sie eine Einheit, hob jedes der Wesen gleichzeitig die freie Hand in seine Richtung. Im nächsten Moment traf David eine Strömung, die ihn mit sich fortriss, weg von Rian, und gegen eine Wand schleuderte. Schmerzhaft stachen die kleinen Unregelmäßigkeiten der Felswand in seinen Rücken, und der Langdolch entglitt ihm. Hilflos in der Strömung gefangen hing er an der Wand, kaum fähig, seine Finger zu bewegen oder unter dem Druck gegen seine Brust zu atmen.

Neun Speere hoben sich.

»Nein! Aufhören!«

Rians Stimme klang verzerrt, doch sie erhob sich sogar über das Rauschen des Wassers in Davids Ohren. Die Wesen zögerten, tauschten Blicke untereinander aus. Dann, mit ebensolcher Gleichzeitigkeit wie die vorherige Bewegung, senkten sie ihre Hände wieder. Die Strömung verschwand, und David sank langsam am rauen Stein entlang zu Boden. Erst jetzt spürte er all die kleinen Blessuren, die er schon auf dem Weg hierher davongetragen hatte. Zusammen mit dem Muskelschmerz, der wohl mindestens ebenso sehr von der Unterkühlung rührte wie von der Anstrengung, fühlte sich David so zerschlagen, dass er am liebsten liegengeblieben wäre, um etwas zu schlafen.

Er rappelte sich hoch und bückte sich nach seinem Dolch. Niemand hinderte ihn daran, die Waffe aufzunehmen, obwohl die Bewohner dieser Unterwasserburg ihn mit misstrauischen Blick musterten. Langsam richtete er sich wieder auf, wog die Waffe kurz in seiner Hand und steckte sie dann zurück.

»Was passiert hier, Rian?«, fragte er, ohne die Schuppigen aus den Augen zu lassen.

Seine Schwester hob die Hände in einer beschwichtigenden Geste, ob gegenüber ihm oder den Wasserwesen, war nicht ersichtlich.

»Sie brauchen Hilfe, David«, erklärte sie. »Was genau los ist, weiß ich auch noch nicht, aber es scheint sehr ernst zu sein.«

David schnaubte. Auf einmal schlug all seine Sorge in Wut um. »Crain braucht unsere Hilfe. Unsere ganze Welt braucht sie! Nebenbei schützen wir die Menschheit vor Bandorchu. Meinst du nicht, damit haben wir genug Probleme am Hals?«

»David!«

»Rian, diese Leute haben dich entführt! Das ist in meinen Augen nicht die Art, wie man sich des Wohlwollens und der Hilfe anderer versichert!«

»Sie haben Angst!«

»Und ich? Glaubst du, ich hatte keine Angst?« Er brüllte, und er sah, wie Rian ebenso wie die Wesen zusammenzuckte. Es ernüchterte ihn, und er strich sich mit einer Hand durch das Haar und schüttelte den Kopf.

»Entschuldige, Rian. Ich wollte nicht mit dir streiten.«

»Sondern mit ihnen, ich weiß«, antwortete sie mit einem schiefen Lächeln, das den verletzten Blick jedoch nur schwach kaschieren konnte.

Warum scheint es, dass ich die, die mir am nächsten stehen, am meisten verletze?

Wieder spürte er das leise Ziehen in seiner Brust. Eine Seele. Für was konnte so eine Seele schon gut sein? Früher hatte er sich nie Gedanken über andere gemacht. Seine Gefühle, sein Wohlbefinden waren alles gewesen, was gezählt hatte. Er hatte in den Tag hinein gelebt, zu seinem eigenen Vergnügen, und nichts anderes hatte man von ihm erwartet. Selbst auf Rian hatte er keine besondere Rücksicht genommen. Aber jetzt … die Zeiten, da er sich um nichts Sorgen gemacht und für nichts Verantwortung übernommen hatte, waren vorbei. Denn Nadja und sein Kind brauchten ihn. Könnte er das, was schon gewachsen war, überhaupt wieder herausreißen?

Er seufzte und sah zu den Wasserleuten. »Also gut. Was für ein Problem gibt es, und warum glaubt ihr, dass wir euch helfen können?«

David sah sich aufmerksam in dem neuen Raum um, in den ihre Gastgeber sie geführt hatten. Er lag ein gutes Stück weiter innen in dem verschlungenen System von Tunneln und Hohlräumen, das dieses Volk im porösen Fels erschaffen hatte. Während die Ankunftshöhle völlig kahl gewesen war, verzierten in dieser lange Tangwedel die Wände, und in Muster geflochtene Netze hingen von der Decke. Einige davon trugen Schalen mit leuchtenden Pflanzen, andere fungierten als Sitzgelegenheiten, in denen David, Rian und zwei der Wesen jetzt saßen. Glimmereinschlüsse in den Felsen rings herum brachen das Licht der Pflanzen und streuten buntschimmernde Strahlen in den ganzen Saal.

Am hinteren Ende des Raums erkannte David ein breit ausgespanntes Geflecht, in dem ein weiteres der Wesen ruhte. Es war fast doppelt so groß wie die anderen, und deutlich runder, fast schon aufgequollen. Schlierige Schatten, die nicht vom Zwielicht des Raumes herrühren konnten, waberten wie treibende Schleier um den Körper herum.

»Wir sind Nöck-Nareva«, begann einer der beiden Wassermänner, die bei ihnen saßen. »Und dort vorn liegt unserer aller Mutter, Nareva. Wir fürchten, sie wird sterben.«

»Und wenn Nareva stirbt, stirbt Nöck-Nareva«, fuhr der andere nahtlos fort.

Erneut sah David zu der Nöck-Schwarmmutter. Waren die Schatten, die sie umschwebten, ein Auswuchs ihres schlechten Zustands?

»Ist sie krank?«, fragte er.

Die beiden schüttelten den Kopf.

»Etwas hat sie befallen, das nicht von hier ist«, sagte der Erste.

»Wir denken, es kommt aus dem Totenland«, fuhr der andere fort, und der Erste setzte hinzu:

»Und du trägst einen Hauch desselben Todesschattens.«

Erstaunt sah David zu den Nöcks, doch sie schauten Rian an, nicht ihn. Mit einem Ruck drehte er den Kopf zu seiner Schwester, und sie zuckte die Achseln. Was die Nöcks gesagt hatten, schien Rian nicht zu erstaunen.

»Die anderen haben mir vorhin schon etwas Ähnliches gesagt«, erklärte die Elfe. »Nach dem Durchgang haben sie kurz angehalten, um mir zu erklären, dass sie meine Hilfe bräuchten. Sie meinten, sie hätten mich ausgesucht, weil ich die Ausstrahlung Annuyns noch an mir tragen würde, und dass das Überleben ihres ganzen Volkes davon abhinge. Darum wollte ich es zumindest versuchen. Immerhin sind sie genauso Teil von Earrach wie die Sidhe Crain. Als Kinder Fanmórs gehört es darum meiner Meinung nach zu unseren Pflichten, sie zu schützen, wenn wir es können.«

David nickte. »Natürlich.«

»Nareva wird schnell schwächer«, meldete sich wieder einer der Nöcks. »Ihre Kräfte sind fast aufgebraucht. Verzeiht, dass wir so unvermittelt vorgegangen sind, aber …«

»… wir fürchten, dass der Schatten sie jeden Moment ins Totenreich ziehen könnte.«

»Und wenn Nareva stirbt, stirbt Nöck-Nareva. Wir haben Angst.«

»Das sagtet ihr bereits, und ich verzeihe euch. Also vergessen wir den Teil.« David erhob sich aus dem Sitznetz. »Ich denke, wir sollten uns näher ansehen, was wir für Nareva tun können, oder, Rian?«

Rian nickte und stand ebenfalls auf. Die beiden Nöcks stießen Luftblasen aus, in denen sich das schimmernde Licht fing, warfen ihre Arme hoch und und stießen sich dann direkt zum Lager ihrer Mutter ab. David und Rian folgten ihnen mit langsameren Schwimmbewegungen.

Je näher sie dem Lager Narevas kamen, desto klarer spürte David, dass dort etwas verkehrt war. Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass bei den beiden vor ihnen schwimmenden Nöcks an einigen Körperstellen die Schuppen matt und fleckig wirkten. An anderen hatten sie sich sogar gelöst, sodass die dünne weiße Haut durchschimmerte, unter der die Adern dunkles Blut trugen. War es das, was sie gemeint hatten, als sie sagten, mit Nareva würden auch die Nöck-Nareva sterben? Waren sie alle krank? Die Haut der Schwarmmutter wirkte matt und fleckig unter den schwarzen Schleiern, selbst aus der Entfernung. Ihr Zustand schien sich tatsächlich direkt auf den ihrer Kinder auszuwirken.

Rian verharrte plötzlich.

»Was ist los, Schwester?«, fragte David mit gedämpfter Stimme.

»Ich spüre es. Den Schatten von Annuyn«, antwortete sie. »Sie haben Recht. Etwas von dort ist hier. Es ist … kalt. Formlos. Und es giert nach dem Leben, ohne sich zu erinnern, was es überhaupt ist.«

David sah zu Nareva. Die schwarzen Schlieren, die sie umgaben, waberten in ihre Richtung, wie ausgreifende Finger. Die Nöcks hatten Recht gehabt mit ihrer Vermutung. Hastig ergriff er Rians Hände.

»Ich bin bei dir. Ich lasse nicht zu, dass du noch einmal durch das Tor gehst.«

»Aber das muss ich vielleicht, um Nareva zu retten«, flüsterte sie. »Um einen Todesschatten zurückzubringen, muss das Tor nach Annuyn geöffnet werden – und ich habe noch genug Verbindung, um das tun zu können. Sobald es offen ist, muss jemand den Schatten hinüberbringen.«

David zog Rian an sich. »Dann lassen wir es. Sagen wir ihnen, dass es nicht geht, und ziehen weiter.«

Rian schüttelte den Kopf. »Nein. Es muss einen Grund haben, warum ich hier bin. Auf dieser Reise geschieht nichts zufällig.«

David wurde nachdenklich. »Jemand muss den Schatten hierher gerufen haben, und sobald er sein Werk hier verrichtet hat, wird er sich das nächste Ziel vornehmen. Das müssen wir verhindern, ich stimme zu. Aber wie sollen wir herausfinden, wer den Schatten gerufen hat?«

»Ich werde den Schatten zu mir ziehen, ehe ich ihn durch das Tor bringe. In dieser Zeit kann ich auf seine Erinnerungen zugreifen.«

David musterte seine Schwester. »Es könnte gelingen«, gab er zögernd zu. »Aber fühlst du dich stark genug dafür?«

»Du musst mich halten, David, über unser Band. Unser Band muss stark genug dafür sein. Das ist es doch, oder?«

Wieder stand dieser Zweifel im Raum, diese Angst, dass ihre besondere Verbindung Schaden genommen haben könnte. Der Beweis, dass sie verändert war, war durch Davids Überleben bei Rians Tod gegeben … aber war sie dabei geschwächt worden?

»Es ist stärker denn je«, antwortete David.

Sie lächelte ihn an und nickte dann in Richtung der Schwarmmutter, wo die Nöcks geduldig warteten. »Dann sollten wir ans Werk gehen.«

Die schwarzen Schleier umflorten Rian, als wollten sie sie liebkosen. Mit geschlossenen Augen saß die Elfe im Netz neben der Schwarmmutter und streckte die Hände nach ihr aus. David stand hinter ihr, beobachtete jede ihrer Bewegungen und öffnete sich jeder Empfindung, die er von Rian empfing.

Vorsichtig näherten sich Rians Hände der fleckigen Schuppenhaut. Sie war gelassen, und David spürte ruhige Gewissheit in ihr.

»Ich spüre es«, flüsterte Rian. »Es ist verwirrt. Alles, was es weiß, ist, dass die Lebenswärme es anzieht. Es versucht, über die Schwarmmutter wieder zu leben. Aber das geht nicht. Es kann keinen fremden Körper übernehmen. Nicht so.«

Seltsam, dachte David. Warum sollte jemand einen Schatten aus Annuyn holen und dann ohne Auftrag loslassen? Er sprach seine Gedanken nicht aus, weil er Rians Konzentration nicht unterbrechen wollte. Außerdem vermutete er, dass sie dieselben Gedanken verfolgte wie er. Vielleicht hat derjenige, der den Schatten geholt hat, die Kontrolle über ihn verloren? Vielleicht war es sogar die Schwarmmutter selbst?

Aber nein. Wesen wie die Nöcks beschäftigten sich nicht mit der Nekromantie, und nur diese konnte den Zugriff auf Elfenschatten ermöglichen.

Rians Hände glitten über den massigen Körper der Nöckmutter. Sie tastete die Stellen ab, an denen der Schatten sichtbar daraus hervordrang, und David sah Gänsehaut über ihre Arme laufen. Dennoch zuckte sie nicht zurück, sondern lehnte sich vor und breitete ihre Arme aus, um so viel vom Körper der Nöckmutter zu umfassen wie möglich.

»Jetzt«, sagte sie.

David trat dicht zu ihr und legte seine Arme um Rian, ehe er die Augen schloss und sich auf das Band zwischen ihnen konzentrierte. Er spürte ihre unterdrückte Angst, aber auch Neugier. Sie wollte wissen, woher der Schatten kam, und ob sie das erreichen konnte, was sie sich vorgenommen hatte.

Ich halte dich, Rian, dachte er konzentriert. Ich lasse dich nicht noch einmal gehen.

Rian bewegte sich nicht mehr, und er spürte Kälte über sie kriechen. Langsam hoben sich die feinen Härchen an ihren Armen, die Schauer krochen weiter über ihren Körper, während sie immer heftiger zu zittern begann. Davids Arme prickelten von der Kälte, die sich auf ihn übertrug, und unter anderen Umständen wäre er versucht gewesen, loszulassen. So aber zog er sie enger an sich, mit seinen Armen und über das geistige Band zwischen ihnen. Er spürte auch darin die Kälte. Sie berührte Rians Geist und versuchte, ihn zu lähmen. Doch die Prinzessin zog sich zurück, kapselte sich ein gegenüber dem Schatten und blieb nur dort offen, wo sie mit David verbunden war. Langsam ging das Beben in eine Starre über, und der Prinz spürte, wie sie das Leben in ihrem Körper bewusst immer weiter eindämmte und zugleich mit der Kraft, die er ihr gab, den Schatten an der Oberfläche ihres Geistes hielt.

Überraschtes Murmeln und Gurgeln klang auf, und David öffnete die Augen. Was er sah, ließ Erinnerungen auf ihn einstürzen, die ihn lähmten. Ein goldenes Wabern hing neben Rian und der Schwarmmutter in der Luft. Er hatte dieses Leuchten schon einmal gesehen. Nicht mit den Augen, nein … seine Augen waren vor Erschöpfung geschlossen gewesen. Doch sein eigener Schatten war davon angezogen worden, und er verspürte den Sog auch jetzt. Er spürte hinter dem goldenen Leuchten, das immer mehr von seinem Blickfeld einnahm, die Verlockung des Loslassens, der Erlösung von allem, was ihm Sorgen machte.

Geh nach Annuyn, dorthin kann dir keine Seele folgen. Löse dich, lass dich forttreiben …

Ein warmes Pulsieren war in dem Licht zu sehen, ehe es sich auseinanderzog und den Blick in ein ebenmäßiges Grau frei gab, in dem es keine Fragen und keine Leiden mehr gab. Einfach nur Ruhe, und sich treiben lassen.

Gewaltsam riss David seinen Blick los und drehte den Kopf weg.

Rian!

Schlaff hing sie in seinen Armen, das Band zu ihr wirkte seltsam unwirklich, wie Stoff, der zu lange der Witterung ausgesetzt wurde. Er erkannte, dass er sich hatte ablenken lassen. Der Schatten wurde unaufhaltsam vom Tor angezogen und hatte sich halb aus Rian gelöst. Entweder klammerte er sich noch zu sehr an Rian fest, oder aber sie spürte den Sog des Leuchtens noch stärker als David, denn Rians Schatten löste sich ebenfalls.

»Rian!«, rief David laut. »Rian! Halt dich fest! Bleib hier! Bleib bei mir!«

Er griff nach ihr aus über das brüchige Band, versuchte, es mit seinem Geist wieder zu stärken, die Fäden nachzuweben und zu sichern. Rian öffnete die Augen, doch sie waren glasig und starrten in das Leuchten. David schob sich neben sie, ohne sie loszulassen, legte die Hand an ihr Kinn und zwang ihren Kopf zu sich herum. Ihr Widerstand war gering, aber spürbar. Er sah sie an, auch wenn es für ihn bedeutete, wieder auf das Leuchten zu sehen. Doch es interessierte ihn nicht mehr.

»Rian, sieh mich an«, forderte er. »Sieh mich an! Geh nicht!«

Sie sah ihn an, ohne ihn wahrzunehmen. Der fremde Geist hatte sich inzwischen fast gänzlich gelöst, und seine Schlieren hingen lang auseinandergezogen zwischen dem grauen Schimmern knapp über Rians Haut, das ihr Schatten war, und dem Grau Annuyns.

»Rian, du gehörst dort nicht hin«, rief David beschwörend. »Du gehörst hierher! Nach Earrach, nach Crain! Kämpfe dagegen an! Bleib bei mir! Du gehörst nicht zu Samhain, du gehörst zu mir!«

Das schwache Heben und Senken ihrer Brust war das einzige Zeichen, dass sie noch lebte. Dann blinzelte sie kurz und bewegte die Lippen. David lehnte sich vor.

»Tu ich das?«, flüsterte sie.

Ein noch dunklerer Schatten huschte jenseits des Tores vorbei, und als hätte etwas die schwarzen Fetzen gepackt und zöge daran, rasten die Reste durch das Loch hindurch. Kaum war die letzte Spur des fremden Geistes on Annuyn, stürzten die Ränder zusammen. Für einen Augenblick bildete sich ein grell aufleuchtender goldener Punkt, dann verschwand auch dieser.

Rian blinzelte erneut und runzelte die Stirn.

»David?« Sie klang erstaunt, als habe sie nicht erwartet, ihn zu sehen.

»Rian?«, gab David mit von Erleichterung genährter Belustigung zurück.

Sie versuchte, sich aufzusetzen. »Du kannst mich jetzt wieder loslassen«, bemerkte sie.

»Wenn du darauf bestehst …« David öffnete die Arme. Ihre Haut fühlte sich wieder warm und weich an. Keine Spur der Kälte war zurückgeblieben.

Jubelgeräusche brachen um sie herum aus, die Luft in Perlen aufsteigen ließ, glänzend durch das Licht der Pflanzen. Gurgeln und Pfeifen erfüllte die Luft, Töne, die von höchsten Höhen in tiefste Tiefen und wieder zurück schwankten. David sah auf die Schwarmmutter. Die Schlieren waren gänzlich verschwunden, und auch wenn ihr Körper noch immer Anzeichen der Schwächung aufwies, kam es ihm so vor, als würden die Schuppen bereits heilen.

»Wir danken euch!«, rief einer der Nöcks.

»Ihr habt uns geheilt!«, fiel ein anderer ein.

»Und wir werden unser Wort halten und euch weiter helfen«, ergänzte ein Dritter.

»Sobald ihr es wollt.«

David musterte Rian. »Wie geht es dir? Willst du dich ein wenig ausruhen?«

Sie schüttelte den Kopf, strich sich über das Haar und rückte ihre Jacke zurecht, die durch die Ereignisse etwas in Mitleidenschaft gezogen worden war. Mit Bedauern im Blick sah sie einigen Pailletten nach, die sich gelöst hatten. »Mir geht’s gut. Eigentlich möchte ich möglichst schnell ins Trockene und Warme.«

David nickte. »Bringt uns bitte zurück zu unserem Schiff und helft uns, so schnell und weit wie möglich nach Norden zu kommen.«

»Wir können euch ein ganzes Stück weit von der Tidenwelle tragen lassen. Wir verstärken sie in der Nacht, sodass sie euch den Fluss hinaufträgt.«

David hatte den Überblick verloren, welcher Nöck wann was sagte, und wann ihre Sätze ineinander übergingen. In Wirklichkeit, das wurde ihm klar, sprach ohnehin die ganze Zeit nur eine – Nöck-Nareva.

»Wir möchten euch aber noch etwas schenken.« Die Schwarmkönigin streckte eine Hand aus, und eine durchsichtige Kugel schwebte auf sie zu, die nur dadurch zu sehen war, weil sie das Licht in der Bewegung anders brach. Die Nareva nahm die Kugel in beide Hände. Langsam schrumpfte sie und wurde dabei milchig. Die Hände berührten sich, doch die Nareva führte die Handflächen weiter zueinander. Als sie die Hände wieder öffnete, lag eine Perle von perfekter Form darin. Sie reichte sie Rian.

»Diese Perle ist Wasser, wie ihr es von hier kennt, Wasser, in dem ihr atmen könnt und das euch Schutz geben wird, gegen viele Dinge. Es soll der Dank sein für das, was ihr getan habt.«

Rian nahm die Perle entgegen und betrachtete sie staunend. Sie war glatt und schimmerte in herrlichem Perlmutt. Die Elfe sah die Schwarmkönigin an und nickte mit einem Lächeln. »Die Schuld ist beglichen.«

Die Nöcks verneigten sich vor den Zwillingen. »Wir danken euch!«

Die Tidenwelle trieb sie schneller voran als der schwache Nachtwind es vermocht hatte. Es war eine Welle der Anderswelt, die in beiden Welten ihre Wirkung hatte und sie auch über diejenigen Flüsse nach Norden trieb, die in der Welt der Menschen lagen. »Hütet euch vor den Trollen«, hatte die Schwarmkönigin zum Abschluss gewarnt. »Sie sind immer noch unter den Menschen des Nordens aktiv, manchmal im guten, manchmal im schlechten Sinne. Sie kennen keine Treue und Regeln interessieren sie nicht. Sie nutzen die Macht der Tidenwelle.«

»Trolle sind vermutlich unser geringstes Problem«, meinte David, während er zu den Sternen aufsah und abzuschätzen versuchte, wie weit sie noch nach Norden mussten. »Irgendwo treibt der Getreue sein Unwesen, und er hat viele Helfer. Und wenn bereits die Schatten Annuyns in der Anderswelt auftreten, dann ist womöglich jetzt schon mehr im Argen als wir erhofft hatten. Hast du etwas darüber herausgefunden, wer den Schatten geholt hatte?«

»Ja, das habe ich.«

»Und? Hat es etwas mit dem Getreuen zu tun? Hat er Verbündete in der Anderswelt, die jetzt sogar die Toten für ihre Zwecke nutzen wollen?«

»Nein«, antwortete Rian. »Der Schatten ist nicht geholt worden. Er ist in unsere Welt gefallen.«

Davids Mund wurde trocken. »Das heißt …«

Rian nickte. »Die Grenzen werden dünn. Mauern sind zu Schleiern geworden, und die Schleier reißen auf. Die Welten nähern sich, und wenn nichts geschieht, um es zu verhindern, stürzen sie irgendwann ineinander. Genau, wie Nicholas Abe es Nadja prophezeit hatte.«

4.
Klein, aber fein

Mehrere Tage vergingen, in denen Ainfar sich mehr denn je bemühte, durch nichts aufzufallen, und förmlich mit dem Zwielicht der Zitadelle verschmolz. Er vermied alle Begegnungen, redete nicht mehr als unbedingt notwendig und erledigte seine Aufgaben schnell. Die ganze Zeit kreisten seine Gedanken abwechselnd um den Getreuen und Regiatus, und er war zerrissen zwischen Furcht und Sehnsucht.

Als es an ihm war, gemeinsam mit anderen Dienern bei Bandorchus Tafel aufzutragen, verkrampfte er sich innerlich bei dem Gedanken daran, dass der Getreue ihn dabei wiedererkennen könnte. Die Schüsseln, die er fliegend vor sich her in die große Halle dirigierte, wankten leicht unter seiner Furcht. Sein Blick flog über die langen Tafeln, die auf den versteinerten Beinen von löwenartigen Wesen ruhten, die sich Bandorchu bei ihrer Machtergreifung über das Schattenland widersetzt hatten. Sanftes Licht aus durch die Luft schwirrenden Kugeln erfüllte den ganzen Raum bis hoch zur hohen Bogendecke mit ihren verschlungenen, juwelendurchsetzten Stuckaturen. Einzelne Inseln aus Zwielicht gab es auf halber Höhe über jedem Tisch, wo sie schwebende Formen hervorhoben, gleich Fontänen ohne Brunnenbecken und mit ständig wechselnden Farben und Strömungen. Es war von ästhetischer Schönheit und zugleich sinnverwirrend.

So wie die Herrscherin selbst, die all das geschaffen hatte.

Ainfar sah zum Ende der Halle, wo auf einem Absatz die Tafel der Königin aufgebaut war. Sie saß in der Mitte, alle überragend mit ihrer Größe und ihrer Ausstrahlung. Selbst aus der Ferne konnte Ainfar die Leichtigkeit und Eleganz erkennen, mit der sie jede ihrer Bewegungen durchführte – das sachte Neigen ihres Kopfes, das ihr langes goldenes Haar in wellenartige Bewegung brachte, die grazile Art, in der sie die Hand hob, um die Strähnen wieder zurückzustreichen, oder wie sie den Arm ausstreckte, um mit der schlanken Hand nach dem Kelch vor sich zu greifen – all das unterstrich nur die einzigartige Schönheit ihrer Züge, ihrer blass schimmernden Haut, ihrer schlanken und biegsamen Gestalt.

Kein Mann konnte sie ansehen, ohne sie zu begehren und zu verehren. Und dennoch würde es niemand wagen, die Hand nach ihr auszustrecken, denn ebenso wie ihre Schönheit umgab sie ihre Macht als spürbare Aura. Nur einer schien dieser Macht Vergleichbares entgegensetzen zu können, wurde von ihr wie ein Gleichwertiger behandelt: Der Getreue. Dabei wusste niemand, wer sich unter dieser Kutte verbarg, woher er gekommen war oder was seine Ziele sein mochten.

Er war eines Tages aufgetaucht und schnell zum Mann an der Seite der Herrscherin aufgestiegen, in mehr als einer Hinsicht, wie man munkelte. Wenn es so war, war er der Einzige, der sich rühmen konnte, dass sein Begehren Erfüllung gefunden hatte. Warum? Gab es etwas, womit er die Königin in der Hand hatte, dass sie ihm gewährte, was sie keinem anderen ihrer Diener schenkte? Wer von beiden zog in Wirklichkeit die Fäden?

Der Einzug der Dienerschaft begann, und Ainfars Blick glitt von der Herrscherin zum Platz an ihrer Seite. Er war leer.

Erleichtert atmete er auf.

In einer Reihe mit den anderen Bediensteten schritt Ainfar vor zur königlichen Tafel und zählte, als die Reihe an ihm war, in einem Singsang auf, welche Speisen er brachte. Er hielt dabei den Blick auf Bandorchu gerichtet, um anschließend entsprechend ihrer Gesten vorlegen zu können. Die kurzzeitige Nähe der Herrscherin, als er den Teller nach ihren Wünschen füllte, der Klang ihrer glockenreinen Stimme, als sie ihm erlaubte, weiterzugehen, und der Blick ihrer kristallgrünen Augen ließen ihm für einen Augenblick den Atem stocken. Doch dann wandte sie sich wieder ihren Höflingen zu, und es war, als wäre er aus der Sonne ins Zwielicht getreten.

Er blinzelte kurz, dann fuhr er fort, die Speisen zu verteilen.

Als all seine Schüsseln entweder leer oder an die anderen Tische verteilt waren, kehrte Ainfar an das untere Ende der Halle zurück und setzte sich neben eine Schwanenfrau, die sich bemühte, mit schlanken Händen ihr weißes Kopfgefieder glatt zu streichen. Schwarze Ringe umgaben die Augen, die sie ihm mit einer langsamen Drehung ihres langen Halses zuwandte, und ihre orangegelben Lippen wirkten grell gegen die weiße Blässe ihrer Haut.

»Hast du schon gehört, was man sich über Gofannon und den Kau sagt?«, schnarrte sie.

Ainfar schüttelte den Kopf. Er hatte seit seiner Begegnung mit dem Getreuen kaum mehr ein Wort mit jemandem gewechselt und war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt gewesen, um zuzuhören, was die anderen erzählten.

»Man sagt, sie wären draußen gewesen.«

Der Tiermann runzelte die Stirn. »Draußen? Vor der Zitadelle?«

»Nein. Draußen, außerhalb des Schattenlands.«

Ainfar starrte die Schwanenfrau an. »Das ist nicht möglich, Dame Branid.«

Branid rollte in einer grazilen Bewegung die Schultern und wiegte den Kopf. »Ich wiederhole nur, was man so sagt. Und möglich oder unmöglich – hättest du das hier für möglich gehalten?« Ihre Hände flatterten herauf und umfassten mit einer einfachen Drehung alles um sie herum.

Ainfar schüttelte den Kopf und starrte auf sein Essen. »Weißt du mehr darüber, wie sie es dorthin schaffen konnten?«, fragte er so unverfänglich wie möglich, während in ihm ein Aufruhr herrschte.

»Die Königin soll ein Tor geöffnet haben. Aber nur die können durch, die aus irgendwelchen Gründen nicht unter Fanmórs Urteil stehen. Der Kau war schon vorher freiwillig hier, habe ich gehört, darum konnte er gehen.« Sie zuckte die Achseln. »Leider ist es kein Weg für unsereins, oder für die Königin selbst. Aber so, wie es ist, lässt es sich jetzt ja auch hier ganz gut leben.« Sie stieß ihre Silbergabel in ein Nest aus langblättrigem Teichgras und drehte sie.

Ainfar brachte vor Aufregung und neu erstandener Hoffnung kaum mehr einen Bissen hinunter.

Auch er war freiwillig hierher gegangen. Bruder, dachte er, ich komme nach Hause.

Aber bis dahin hatte er noch eine Menge zu tun.

Ainfar drückte sich in den Schatten eines Bogens des Umgangs und sah hinaus in den großzügigen Innengarten. Sattes Grün in allen Tönen bedeckte schimmernden Kristall und staubgedunkelten Fels, der über die Zeiten aufgebrochen und nun mit Moos und Flechten besetzt war, mit Blumen und Büschen bewachsen und von schlanken Bäumen beschattet. Zu Ainfars Rechter schwebte ein Brunnen, nichts als sich ewig hebendes Wasser, das hoch über ihm in einer Explosion auseinanderspritzte und von dort kaskadenartig Richtung Boden sank, nur um dort wieder wie in einem unsichtbaren Sog zusammen zu treiben und erneut aufzusteigen. Doch seine Gedanken waren nicht bei der Schönheit, die sich ihm präsentierte. Sie war es nicht, weswegen er hierher gekommen war.

Etwas muss geschehen sein, dachte Ainfar. Seit Gwynbaen … Bandorchu dieses Land gebrochen hat anstatt von ihm gebrochen zu werden, hat sie stetig an ihrer Befreiung gearbeitet – und nun scheint sie einen Durchbruch erzielt zu haben! Ich muss in Erfahrung bringen, was genau sie plant.

Ainfar hatte in dem Lustgarten gelegentlich kleinere Arbeiten verrichtet und dabei erfahren, dass die Königin gern hier verweilte. Manchmal wurde sie von Höflingen begleitet, meist jedoch nur von ein oder zwei Dienerinnen.

Heute hatte er keinen Blick für die kunstvoll arrangierten Steinblüten, deren normalerweise gefährliche Ranken mit metallenen Spangen in sinnverwirrenden Mustern über die gebrochenen Kristalle gespannt waren, oder die schlanken, in sich gewundenen Arboratien, von denen jeder aus einer anderen Mischung ineinander geflochtener Bäume zusammengestellt war. Heute war sein Blick fest auf den Durchgang geheftet, der zu den Gemächern der Königin führte.

Gerüchte kursierten schnell in dieser Zitadelle, die nur wenige Geheimnisse erlaubte und kaum Möglichkeiten der Zerstreuung bot. Bandorchu hatte vor kurzem ihrem Palast einen neuen Turm zugefügt, und heute würde sie seine Wände schwärzen. Sie würde aus ihren Gedanken den dunklen Staub rieseln lassen, dem sie alle ihre neue Heimat verdankten, und ihn auf dem klaren Kristall ablagern, um Licht und Schatten den Eintritt zu verwehren und zu verhindern, dass sie jemals wieder ein Bild zurückwarfen.

Danach würde sie erschöpft sein und die Ruhe des Gartens aufsuchen, um sich zu erholen. Doch dieses Mal würde sie nicht mit ihren Vertrauten allein sein. Ainfar würde heimlich dabei sein, in der Hoffnung, dass sie etwas von ihren Plänen verriet.

Damit ich endlich das tun kann, weshalb ich hergekommen bin. Damit die Angst und der Schrecken und der Schmerz, das Vergessen und das Wiederfinden, endlich einen Sinn bekommen. Damit ich Möglichkeiten finde, eine Verbindung zu Regiatus aufzubauen, was mir bisher nie gelungen ist.

Kurz blitzte vor seinem inneren Auge wieder das Bild des Getreuen auf, doch er schob es beiseite.

Egal wie groß die Gefahr ist – die Gefahr, mich hier endgültig zu verlieren, ist größer. Was bleibt von mir, wenn ich wieder vergesse, warum ich hier bin?

Etwas bewegte sich hinter den hängenden Ranken des grünen Wasserfalls, der einen Teil des verwinkelten Gartens Ainfars Blick entzog; es ließ die Zweige darin schwanken und die Blätter erwartungsvoll rascheln. Ein Windhauch trug leise Stimmen mit sich, eine gemurmelte Unterhaltung zwischen zwei Frauen. Und dann, gebieterisch darüber erhoben, erklang der reine Sphärenklang der Stimme der Königin. Das Warten hatte sich gelohnt.

Augenblicke später teilte sich der Vorhang der mit kleinen, Blutstropfen gleichenden roten Blüten besetzten Hängeranken. Die Zweigfinger einer Dryade schoben sie zur Seite und gewährten Einblick in die Höhlung unter dem moosigen Fels, an dessen Kante die Ranken verwurzelt waren. Dort saß sie, womöglich eine Spur bleicher als gewöhnlich, gegen den dunklen Fels gelehnt und die Augen geschlossen. Schatten deuteten Falten an, die sonst nicht zu sehen waren. Und doch strahlte sie Herrschaft aus, ungebrochene Macht.

Macht, die trotz ihres verschwenderischen Einsatzes und der Widrigkeiten dieser Welt eher zu wachsen scheint als zu schrumpfen. – Oder vielleicht gerade deswegen?

Sie hob eine Hand und drehte den Kopf in Ainfars Richtung, um die Dryade anzusprechen. Ihre Lippen bewegten sich, und wieder hörte er den reinen Klang ihrer Stimme, ohne jedoch über dem Rauschen des nahen Brunnens den Wortlaut verstehen zu können.

Ich muss näher heran.

So, wie er war, in der Gestalt eines Elfen, würde er sich allerdings nicht verbergen können. Doch ihm standen andere Wege zur Verfügung.

Ainfar konzentrierte sich. Es war lange her, dass er das letzte Mal seine Gestalt gewechselt hatte. Niemand in der Zitadelle sollte diese Fähigkeit kennen, damit auch niemand Verdacht schöpfen konnte, wenn er begann, sie anzuwenden. Und es hatte sogar Zeiten gegeben, da er selbst sie vergessen hatte …

Er schüttelte die unangenehme Erinnerung – die Nicht-Erinnerung – ab und konzentrierte sich, in seinem Geist entstand das Bild von etwas, zu dem er werden wollte. Er spürte das Wesen, sein Fell, seine Krallen, jeden seiner Atemzüge und jeden seiner Herzschläge, und glich seine eigenen Takte daran an. Sein Atem wurde schnell und flach, sein Herzschlag beschleunigte sich, und die Härchen auf seiner Haut stellten sich auf.

Überall auf seinem Körper begannen die dunkelbraunen Linien einen sinnverwirrenden Tanz, weiteten und wanden sich und veränderten das Gewebe darunter zu etwas festerem. Immer weitere Härchen sprossen daraus hervor, schlossen sich zu einem dichten silbrigen Fell über dem dunklen Leder zusammen, während darunter der Körper des Elfen sich zusammenkrümmte und schrumpfte. Das durchgehende Braun seiner Augen wurde schwarz, und er kniff die Augenränder etwas zusammen, um einen Teil der Helligkeit auszuschließen, die plötzlich hineinfiel.

Eine Weile sah er seine Umgebung nur verschwommen, während sie sich reckte und streckte und in scheinbaren Dehnungen und Windungen um ihn herum in die Höhe wuchs. Dann wurde seine Wahrnehmung wieder klarer, als die Instinkte und Sichtweisen des Tiers in ihm die Oberhand gewannen, dessen Gestalt er angenommen hatte, ohne dabei sein eigenes klares Ich zu verdrängen.

Sein Kopf befand sich kaum mehr als eine Handspanne über dem Boden, und er hatte die Sicht auf die umrankte Felsnische verloren. Eine felsige Hügellandschaft voller bizarrer Bäume und Büsche schien nun zwischen ihm und seinem Ziel zu liegen. Ainfar richtete sich auf den Hinterbeinen auf, fuhr sich mit den kleinen schwarzen Händchen, die lediglich weiche Krallen hatten, über seine flache Stupsnase und schnüffelte. Gleichzeitig zuckten die mit flauschigen Büscheln bewachsenen dreieckigen Ohren herum, auf der Jagd nach jedem Laut, der ihm etwas über seine Umgebung verraten konnte.

Da. Ihr Lachen. Und ein süßer und trotzdem leichter Duft zog durch den Garten, ein Duft nach Futter und Wärme und Nähe. Hastig ließ er sich wieder auf die Vorderpfoten nieder und tauchte in den Dschungel aus großen Blättern und dicken Ranken ein, als der sich der Garten ihm nun darbot.

Eigentlich hätte es ihn nur wenige Augenblicke kosten dürfen, über die Felsen zu huschen, die ihn von der Höhlung unter dem Rankenvorhang trennten. Doch für ein Wesen wie das, zu dem er geworden war, erwies er sich schnell als gespickt mit versteckten Fallen.

Links über die Felsen … nicht den Steinblumen zu nahe kommen …

Schon neigten sich die hungrigen Kelche zu ihm herunter, Klebfäden zischten an ihm vorbei, die ihn binden und zu den sonnengelb schillernden Blüten ziehen sollten. Speicheltropfen rannen über die Kelchränder und ließen ahnen, was ihn dort erwarten würde. Und gleichzeitig ertönten helle klare Töne wie von Silberglöckchen, beruhigend und voller anziehender Schönheit …

Ainfar schüttelte den Kopf. Einen Moment hatte es tatsächlich Macht über ihn gewonnen, hatte ihn einen Sprung machen lassen, der ihn zu den Blumen hinführte. Seine Augen weiteten sich, und er warf sich mit einem erschrockenen Quietschen zur Seite. Dicht an seinem Ohr zischte ein weiterer Klebfaden vorbei, erwischte einige seiner langen Ohrhaare und zerrte daran. Mit einem erneuten Schreckenslaut warf er sich nach vorn, ohne auf den kurzen Schmerz zu achten, mit dem sich die Haare von ihren Wurzeln lösten. Es klang wie ein Peitschenknall, als der gespannte Klebfaden zurückschnalzte, ein Peitschenknall, der Ainfar weiter anspornte.

Zwei, drei Sprünge mehr, dann tauchte er in einen Wald aus langen schlanken Blättern ein. Er bemerkte seinen Fehler sofort. Schneidend scharf fuhren die Blattkanten über seine Haut, rissen sie auf und ließen Reihen kleiner blutiger Punkte entstehen, die das weiße Fell befleckten. Ainfar duckte sich tiefer, versuchte, so vielen der Blätter auszuweichen wie möglich, und hoffte, dass er die Staude bald hinter sich ließ. Die nächsten würde er umgehen, so viel war sicher.

Es wurde heller vor ihm, und er beschleunigte seine Sprünge, hechtete zwischen den letzten Blättern hinaus auf den blanken geschwärzten Felsen. Sofort kam er ins Rutschen. Verzweifelt versuchte er, mit seinen Krallen wieder Halt zu bekommen, während eine Felsstufe förmlich auf ihn zuzuschießen schien. Im letzten Moment zog er die Krallen ein und bremste seine Schlitterfahrt mit der bloßen ledrigen Haut seiner Pfoten und seines Bauchs. Mit dem letzten Schwung seiner Gleitfahrt rollte er herum, sodass nur sein Kugelkörper gegen die Stufe prallte.

Innerlich aufseufzend blieb Ainfar einen Moment liegen, ehe er sich wieder auseinanderrollte, sein Fell glatt strich und parallel zur Stufe den Fels hinauf rannte, bis diese niedrig genug war, um hinauf zu springen.

Die nächsten Stauden und Büsche umging Ainfar weiträumig mit hastigen Sprungtripplern und wäre dabei beinahe zu nah an ein weiteres Feld Steinblumen geraten, die sich schon förmlich die Lippen nach ihm zu lecken schienen und mit Macht ihren lockenden Gesang ausstrahlten. Irgendetwas zappelte in einem Kokon aus Fäden … ein anderes Tier, das weniger aufmerksam gewesen war als er, oder vielleicht sogar ein kleines Elfenwesen. Es war nicht ungewöhnlich, dass immer mal wieder Bewohner der Zitadelle verschwanden, und vielleicht gingen sie nicht alle auf das Konto des Getreuen, irgendwelcher Strafaktionen der Königin oder der internen Intrigen. Vielleicht wurden manche nur zu neuer Nahrung für die hungrigen Pflanzen der Gärten.

Schaudernd wechselte Ainfar den Kurs und hetzte eine andere Felsfläche hinauf. Er wollte auf den Überhang gelangen, unter dem die Höhlung war, in der sich die Königin mit ihrer Dienerin aufhielt. Vielleicht konnte er sich dort am Rand irgendwo in eine Nische drücken, die es ihm erlaubte, das darunter geführte Gespräch mitzuhören. Schon von hier aus konnte er sie sprechen hören, vereinzelte Worte nur, aber manche davon verstand er. Er beschleungite. Wer wusste schon, wie lange die Königin noch bleiben würde?

Den Fehler in seinem Plan entdeckte Ainfar in dem Moment, da er den Überhang entlang zu rennen begann. Er war überzogen von den silbrig schimmernden Wurzeln der Ranken, die den Vorhang bildeten. Und den Grund dafür, warum diese Ranken nirgendwo Anzeichen trugen, dass sie von Tieren angenagt worden wären, bemerkte Ainfar schnell.

Nichts in diesem Garten war von so reiner Schönheit, wie es wirkte.

Das Schimmern der Wurzeln rührte von unzähligen feinen Häkchen her, die die Oberflächen überzogen. Und diese wiederum bedeckten den gesamten Fels in einem feinen Geflecht. Ainfar hatte bereit drei lange Sätze in das Flechtwerk hinein hinter sich, ehe er bemerkte, was geschah.

Dort, wo seine Pfoten auf die Wurzeln aufsetzten, begann er, das Gefühl zu verlieren. Doch der Schwung trug ihn weiter, und es war ohnehin zu spät, um noch umzukehren. Gehetzt starrte er nach vorn, wo an der Felskante die Wurzeln in Ranken übergingen.

»Sag den Wachen, dass er zu mir zu bringen ist, sobald er wieder auftaucht«, hörte er leise die Stimme Bandorchus unter sich. »Umgehend.«

Eine Gestalt trat unter dem Fels hervor, eine schon unglaublich schlanke Frau mit einem Schlangenkopf. In wiegendem Gang entfernte sie sich in Richtung des Bogengangs, ohne den Kampf des kleinen pelzigen Wesens über sich zu bemerken.

Ainfar gab sein Letztes. Er dachte nicht mehr darüber nach, was er tat; er wusste nur, dass er nicht hierbleiben durfte. Unter ihm hatten die Wurzeln zu pulsieren begonnen, wogten erwartungsvoll unter ihrem nächsten Opfer, und er vermutete, dass die scheinbaren Blüten an den Ranken vielleicht doch eher das waren, wonach sie aussahen: Blutstropfen.

Die Kante kam näher, während die Betäubung sich weiter ausbreitete. Zugleich wurde ihm schwindlig – vermutlich ein Effekt des Giftes, das die Wurzeln absonderten. Ein leiser Winsellaut entwich aus dem schmalen Mund unter seiner schwarzen Stupsnase.

Nur noch drei Sprünge bis zur Kante, zwei … was auch immer geschehen würde, es konnte nicht schlimmer sein, als bei lebendigem Leib von einer Pflanze verdaut zu werden. Eins …

Er sprang, streckte die tauben Händchen aus und versuchte, die Ranken zu fassen zu bekommen, um den Sturz zu dämpfen. Doch alles verschwamm vor seinen Augen, und selbst als seine Fingerchen sich um etwas schlossen, konnte er sich nicht halten. Taumelnd stürzte er durch den Blätterfall abwärts, riss Stängel ab und verfing sich kurzzeitig in Ranken, nur um doch weiter zu fallen, wenn er gerade Hoffnung schöpfte. Schließlich durchfuhr ihn ein letzter dumpfer Schmerz, als er mit dem Rücken auf dem moosbewachsenen Felsboden aufschlug. Erneut stieß er einen Klagelaut aus und schloss dann die Augen.

Plötzlich fühlte er sich von dürren Zweigen gepackt und hochgehoben. In panischer Angst, dass nun auch die Ranken zum Leben erwacht sein könnten, riss Ainfar wieder die Augen auf und schlug mit seinen Pfoten wild um sich.

»Schhhht, Kleiner«, hörte er eine knarrende Stimme sagen. »Es ist doch gut … bist du aber ein süßes Felldings …« Die Finger legten ihn auf etwas ab, das sich anfühlte, als sei es mit furchiger Borke bedeckt. Und dann streichelten sie ihn am Bauch. Ainfar quiekte auf und rollte sich herum, um die empfindlichste Hautpartie seines Körpers zu schützen. Ein knorriges Lachen erklang, und nun strichen die Finger über sein Rückenfell.

Langsam wurde Ainfars Herzschlag ruhiger, und das klare Denken setzte wieder ein.

Ich sitze auf der Hand der Dryade, erkannte er. Sie hat mich gesehen und aufgehoben.

»Was hast du da, Melemida?«

Die Stimme Bandorchus, ganz dicht. Ainfar erstarrte, und sein kleiner Körper zitterte noch mehr.

»Nur ein flauschiges Silberhörnchen, Herrin. Es muss in die Ranken geraten sein, als es sein Arboratium verlassen hat. Dummes kleines Ding, warum bleibst du nicht da oben …« Sie streichelte weiter sacht Ainfars Rücken bis hinunter zu seinem Stummelschwänzchen, während sie sich ihrer Herrscherin zuwandte.

Kurz überkam Ainfar Panik. Die Königin … sie würde ihn sofort durchschauen! Eine Frau ihrer Macht konnte nicht so leicht getäuscht werden …

Andererseits beinhaltete nur der Vorgang der Verwandlung Magie. War er erst einmal ein Tier, haftete an ihm nicht mehr als jeder anderen Kreatur des Schattenlands. Vielleicht würde sie doch keinen Verdacht schöpfen. Nicht, solange sie keinen Anlass hatte, seine Gedanken zu erkunden.

Er spürte förmlich, wie der Blick der Königin über ihn glitt – kühl, forschend, unberührt von dem, was sie sah. Sie war mit ihren Gedanken beschäftigt, ihren Problemen.

»Der süße Kleine ist verletzt«, stellte Melemida fest. Ein Finger strich über seine Seite, wo die Blätter ihre Spuren hinterlassen hatten. »Ich möchte ihn behalten. Er ist so flauschig, ich mag gar nicht mehr aufhören, ihn zu streicheln.«

Ainfars Gedanken rasten. Die Zofe mochte ihn und wollte ihn bei sich behalten. Gab es eine bessere Möglichkeit, der Königin nahe zu sein?

Aber mein Fehlen wird bemerkt werden! Was, wenn nach mir gesucht wird? Was, wenn sich dann doch noch jemand hier daran erinnert, was für Fähigkeiten ich zu Hause in Earrach gezeigt habe?

Er schüttelte den Kopf und strich sich mit seinen geschundenen Händchen über die Nase, was der Dryade einen Laut des Entzückens entlockte.

Sie werden denken, ich sitze im Kerker oder bin zu den Spiegelhügeln geschickt worden. Niemand wird mich vermissen. Selbst Branid wird sich nicht mehr an mich erinnern. Und sollte es noch jemanden geben, der mich von Earrach her kennt, dann wird er besseres zu tun haben als in alten Erinnerungen zu kramen. Nein – dies hier ist das Beste, was mir passieren konnte.

»Wirklich ein süßes Kerlchen«, erklang Bandorchus Stimme. »Vielleicht ist er eine nette Abwechslung. Pflege ihn gesund, und vielleicht kannst du ihm ein paar Kunststückchen beibringen, die mich erfreuen.«

Blinzelnd sah Ainfar zu seiner Herrscherin, die als riesige weiße Äthergestalt über ihm aufragte. Sie sah auf ihn herunter, und die von Erschöpfung gezeichneten Züge wurden auf einmal weicher. Sie hob eine Hand, und die schlanken Finger näherten sich ihm.

Sie sieht mich an … sie mag mich …

Ainfar reckte seinen Rücken hoch, der Hand der Königin entgegen.

5.
Die Farbe der Nacht

»Zehn Tafeln Schokolade, fünf Pralinenmischungen, zwei Tüten Trüffelpralinen und zehn Tüten Chips – das macht zusammen 828 Kronen. Mir scheint, ihr bekommt Gäste!« Lächelnd sah die junge Kassiererin auf und pustete sich eine rotblonde Haarsträhne aus dem Gesicht.

Rian erwiderte ihr Lächeln und schüttelte den Kopf, während sie ihre Handtasche öffnete. »Das ist nur für mich und meinen Bruder. Na ja, die Chips sind für ihn. Der Rest ist für mich.«

»Beneidenswert.« Die Frau schüttelte den Kopf. »Ich würde bei solchen Naschereien aufgehen wie Hefeteig …« Mit den Händen deutete sie über ihrem weißen Arbeitskittel an, was sie meinte.

»Das Problem wird die junge Dame hier nicht haben«, sagte der weißhaarige ältere Mann, der hinter Rian an der Kasse des kleinen Dorf-Supermarktes wartete. Seine Stimme hatte erstaunlich wenig von der üblichen Brüchigkeit des Alters. »Siehst du nicht, dass sie eine Andersweltliche ist?«

»Lass mal, Mats.« Die Frau winkte lachend ab. »Nicht jede schöne Frau ist gleich von drüben!«

»Die hier ist es«, wiederholte der Mann im Brustton der Überzeugung, und sein Lächeln ließ seine blauen Augen hell in dem von gutmütigen Falten gezeichneten Gesicht aufstrahlen. »Warte nur, Linda, du lernst auch noch, die Zeichen zu erkennen.«

Die Kassiererin zwinkerte dem alten Mats zu und wies dann abwehrend auf das Schild über ihrer Kasse, als Rian ihr Geldscheine reichen wollte.

»Kortkassa, nur Karte! – Also, Mats, wenn ich dafür so alt werden muss wie du … dann soll es mir recht sein! Du musst mir gelegentlich einmal erklären, ob du da drüben auch einen Jungbrunnen kennst, so gut wie du dich hältst.«

»Der einzige Jungbrunnen, den ich brauche, sind frische Luft, Bewegung und meine Sauna.«

Rian zog eine goldene Kreditkarte aus ihrem paillettenbesetzten Portemonnaie. »Entschuldigung, ich bin noch nicht so sehr damit vertraut, dass man in Schweden kaum noch mit Bargeld zahlt.«

»Ja, oder mit dem Handy …«

»Das erinnert mich an etwas«, murmelte Rian. Darum hatte sie sich gleich nach der Rückkehr in die Menschenwelt kümmern wollen. Dann musste sie eben einen weiteren Laden aufsuchen, in dem es Prepaid-Handys gab, um hier nicht noch mehr als bereits geschehen aufzufallen.

Linda gab ihr die Karte zurück, nachdem Rian die PIN eingegeben hatte. »Bleibt ihr länger hier, du und dein Bruder?« Immerhin war das Du weiterhin gang und gäbe in Schweden.

»Nein, wir sind nur auf der Durchreise«, antwortete Rian, während sie eine der Pralinentüten öffnete und den obersten Nougattrüffel herausfischte. »Unser Boot liegt ein Stück den Fluss runter an einem Anlegesteg.«

»Falls ihr über Nacht bleibt, solltet ihr euch ein paar von Mats’ Geschichten anhören. Er sitzt jeden Abend unten im Röda Thor, und da gibt es die einzigen Gästezimmer im Dorf. Bist du heute Abend da, Mats?«

»Heute ganz bestimmt, insbesondere wenn dieser bezaubernde Gast bleiben sollte. Allerdings fürchte ich, dass keine meiner Geschichten sie sonderlich beeindrucken könnte, denn für sie sind sie nichts als das normale Leben.«

»Oh, ich höre gern Geschichten, egal worüber«, entgegnete Rian. Selbst die von Alberich. »Und ich denke, wir werden diese Nacht hierbleiben.«

»Prima.« Mats hielt Linda seine Zeitschrift zum scannen hin. »Dann freue ich mich auf heute Abend. Willkommen in Svanby!«

»… und als sie die Blumen an seinem Mantel gesehen hat, da hat die Frau aufgestampft und geschrien: ›Tibast und Vandelrot sind unsrer Liebe Tod!‹ – Dass sie immer nur in Reimen gesprochen hat, hätte Großvater ja schon früher misstrauisch machen müssen, aber ihr wisst ja, wie Männer sind, wenn sie eine schöne Frau sehen …«

Leises Lachen klang auf, vor allem von der weiblichen Zuhörerschaft. Mats grinste und fuhr mit seiner sonoren Stimme fort: »Jedenfalls hat sie sich von ihm weggedreht, und da hat er sie zum ersten Mal von hinten gesehen – ja, damals ist man beim Liebesspiel noch nicht so vielseitig gewesen wie heute, die kannten noch kein Kamasutra! –, und da war sie doch tatsächlich hohl wie eine Backform! Wenn ihr so was von euren Frauen behaupten würdet, dann würden sie euch die Rüben einhauen, und mit Recht, aber bei dieser hier, da war es wahr wie die Tagesnachrichten, denn sie war in Wirklichkeit eine Skogsra. Da war ihr Geheimnis gelüftet, und vom Geruch der Blumen vertrieben hat sie sich dann, puff, in Luft aufgelöst.« Der Erzähler unterstrich die Wortmalerei mit einer Geste.

»Jetzt war es also vorbei mit den lustigen Nächten. Aber Großvater war’s grad recht, denn wie es ihm ergangen war, das wissen nur die von euch, die von ihren Frauen gezwungen werden, jeden Abend Viagra zu nehmen. Aber so was braucht ja keiner von euch, oder?«

Mats zwinkerte, und Gelächter und Beifall brandeten auf. Rian klatschte ebenfalls und sie lächelte dem alten Mann zu, der auf so amüsante Art Geschichten erzählte, die Rian durchaus wahrscheinlich vorkamen, den anderen hier aber als reine Erfindungen erschienen. Sie prägte sich die Namen der Wesen ein, die er nannte – die Skogsra aus dem Wald, die Sjöra der Flüsse, und natürlich die allgegenwärtigen Trolle, die in diesen Geschichten in allen Größen, Formen und Gesinnungen vorzukommen schienen. Die Wesen des Nordens waren allgemein scheuer als die anderer Regionen, und so hatte Rian kaum einmal jemanden von dort zu Gesicht bekommen, und früher hatte sie auch keine Veranlassung gesehen, sich allzu genau über sie zu informieren. Meist reichte es zu fragen, wenn man das Wissen brauchte – so wie jetzt.

Rian sah sich um, während sie darauf wartete, dass sich der Kreis auflöste, der sich um Mats’ bequemen Sessel am Kamin gebildet hatte. Die Holzverklinkerung der Außenfront des Röda Thor war zwar vor kurzem neu in kräftigem bordeauxrot mit weiß abgesetzten Fensterrahmen gestrichen worden, und sein Inneres war durchaus an modernere Zeiten angepasst, doch zugleich hatte es sich den Charakter bewahrt, den es vermutlich schon vor hundert Jahren und länger aufgewiesen hatte.

Zwischen dem hellen Holz der Trägerbalken waren Wände und Decke weiß gestrichen, wodurch das gedämpfte Licht der klassischen Kandelaber reflektiert und der Raum angenehm hell wurde. Hier und da, vor allem in der Nähe des Kamins, wies die Decke Rußflecken auf, denn der Kamin fand heute noch Anwendung, ein fröhliches Feuer flackerte in ihm.

Neben dem Kaminabzug hatte irgendwann jemand mit roter Farbe in groben Strichen einen markanten Wikinger an die Wand gemalt, der bedrohlich einen großen Hammer schwang. Mats saß genau unter diesem Bild, und sein schmaler, vom Alter gezeichneter Körper mit den lustig blitzenden Augen bildete eine krassen Gegensatz zu dem martialischen Kämpfer an der Wand. Er hatte eine fleckige Lederweste über sein kariertes Hemd und die Jeans gezogen, die er schon am Tag getragen hatte. Während seiner Erzählung war seine Hand gelegentlich über die ausgebeulte Westentasche geglitten, und Rian fragte sich, was darin war.

Ihr Blick wanderte weiter. Der Raum war ausgestattet mit einfachen Tischen und Stühlen aus hellem Holz, die an diesem Abend nahezu alle besetzt waren, mit Leuten aus jeder Altersklasse. Auf den Tischen standen auf rot bestickten Mitteldecken bunte Gläser mit Teelichten und kleine Topfblumen, die in der warmen Zimmerluft erstaunlich gut überlebten.

Eine Seite des Raums wurde dominiert von einem Tresen, an dessen Holz man noch die Äste und Verwachsungen des Baumes erkennen konnte, aus dessen Holz er gebaut war. David saß auf einem Barhocker und unterhielt sich angeregt mit einer schlanken Frau mit hochgestecktem dunkelblondem Haar. Sie war schön, stellte Rian fest, auf eine Art, die sie ein wenig an andere Elfen erinnerte. Dennoch beachteten die menschlichen Männer sie kaum, vielleicht aufgrund ihres schlichten, gedeckten Kostüms und der nur dezent aufgetragenen Schminke.

Ob David versuchen wird, sie zu verführen?, fragte sich Rian, während sie die beiden beobachtete. Früher wäre das völlig normal für ihn gewesen, aber jetzt … Müsste er so etwas im Moment eigentlich gar nicht wollen?

So war es zumindest in all den Liebesgeschichten, die Rian kannte. Frisch verliebte Männer sahen andere Frauen gar nicht mehr – außer sie wurden von böswilligen Rivalinnen der Geliebten durch Lügen verführt. Aber diese Frau hier würde ja wohl kaum Anlass haben, Nadja schaden zu wollen. War also Davids Liebe einfach noch nicht so tief?

Rian zuckte die Achseln. Sie würde das mit der Liebe vermutlich niemals wirklich begreifen, und dass David zu lieben begann, war ihr eher unheimlich. Wenn er sich wieder so benahm wie früher, empfand sie Erleichterung. Vielleicht würde er die Seele ja aufgeben, und alles konnte sein wie gewohnt. Aber das wiederum würde Nadja wehtun, und das wollte Rian ja gar nicht, denn Nadja war ihre beste Freundin.

Jetzt fängst du auch schon an, dir wegen der Liebe so dumme Gedanken und Probleme zu machen, schalt sie sich innerlich. Vergiss das. Die Dinge werden, wie sie werden, und du hältst dich am besten raus.

Entschlossen wandte sie sich von David ab und drängte sich zu Mats durch.

»Ah, die Elfendame!« Der alte Erzähler stand auf und zog einen Stuhl für sie heran. »Ich hoffe, du hast dich nicht nur gelangweilt bei meinen einfältigen Geschichten?«

»Ganz und gar nicht«, widersprach Rian, während sie sich setzte. »Ich finde deine Erzählweise faszinierend – und die anderen scheinen auch dieser Meinung zu sein. Machst du das oft?«

»Nicht mehr so oft wie früher. Die meisten älteren Leute hier kennen schon alle meine Geschichten, und die jungen … na ja, es gibt nicht mehr viel Jungvolk hier im Dorf, und das kommt nicht ins langweilige Röda Thor, sondern verbringt den Abend lieber in der nächsten Stadt. Die sehen nicht mehr, wie viele Abenteuer die Welt um sie herum ihnen bietet, wenn sie nur die Hände danach ausstrecken und glauben.« Er zuckte die Achseln. »So ist der Lauf der Zeit. Selbst von denen, die kommen, sind nur deshalb heute so viele hier, weil sie euch Fremde sehen wollen.«

»Meinst du? Aber es kommt mir gar nicht so vor, als wären die Leute übermäßig neugierig auf uns.«

Mats ließ seine weißen Zähne in einem Lächeln blitzen. »Es wäre auch unhöflich, wenn ihr das bemerken würdet, und wenn wir Schweden eines niemals sind, dann unhöflich. Oder zumindest nicht, solange man uns nicht reizt. Legen wir unsere Höflichkeit allerdings mal ab, dann …« Er wackelte mit der Hand, spitzte die Lippen und sog die Luft etwas ein.

»Was dann?«

»Dann setzen wir uns Helme mit Kuhhörnern auf, greifen nach Axt und Schild und gehen morden und brandschatzen.« Mats grinste.

Rian neigte den Kopf zur Seite und musterte Mats. »Warum glaubst du, dass wir nicht von hier sind? Also, nicht aus dieser Welt? Oder sagst du das nur so?«

»Ich sage es mit vollem Ernst, und ich glaube es nicht nur, ich weiß es.« Er stand auf, griff in die Tasche seiner Lederweste und zog eine Pfeife hervor. »Ich würde gern ein wenig rauchen und mir die Füße vertreten. Nach so einer Erzählrunde brauche ich das. Wenn du weitere Antworten willst, musst du mit rauskommen.«

»Gern!« Rian stand auf, während Mats sich eine Wollstrickjacke überwarf und eine Schirmmütze aus Jeansstoff aufsetzte, und folgte ihm zwischen den Tischen hindurch zur Tür. Niemand schien zu befürchten, dass Rian zechprellen würde. In einem Dorf wie diesem, das aus fünf oder sechs Straßen und einem Marktplatz sowie einigen im Umland verstreuten Höfen und einsamen Wohnhäusern bestand, gab es noch Vertrauen.

Vor der Tür zog Mats aus der anderen Westentasche ein Tabakbeutelchen und begann, in dem warmen Licht, das durch die Fenster fiel, seine Pfeife zu stopfen. Er machte eine Kopfbewegung auf eine der Seitenstraßen zu, die vom Markplatz wegführten. »Wenn man die Straße da runtergeht, am See vorbei, kommt man übrigens zu dem Wald, in dem mein Großvater der Skogsra begegnet ist.«

»Hat er wirklich all das erlebt?«, fragte Rian.

Schalkhaft blitzten die Augen des Schweden auf. »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich glaube ihm, dass er eine Waldfrau kannte. Oft genug rausgegangen und erst am nächsten Morgen wiedergekommen ist er. Aber ob die Geschichte so verlaufen ist, wie er mir erzählt hat, das weiß ich nicht. Ich vermute eher, dass sie irgendwann das Interesse an ihm verloren hat, weil er zu alt wurde oder ihre Bedürfnisse nicht mehr stillen konnte. Aber so etwas lässt einen ja nicht gerade als Held dastehen. Also hat er eine alte Geschichte übernommen, die man an anderen Orten erzählt, und sich da rein gestrickt.«

»Aber du glaubst an die Skogsra?«

Mats zwinkerte. »Ich habe sie gesehen. Ich war noch ein kleiner Junge, und man könnte annehmen, dass ich mich habe täuschen lassen. Aber ich gehe mit offenen Sinnen durch unsere Welt, und ich habe über die Jahrzehnte so viele andere Dinge erlebt, dass ich inzwischen sicher bin, dass auch die Skogsra echt war.« Mit einem langen Streichholz zündete er seine Pfeife an. Angenehmer Duft nach Pflaumentabak durchwehte die Luft.

Mats wies die Seitenstraße hinunter, die er ihr vorher gezeigt hatte. »Lust auf einen kleinen Spaziergang?«

Rian nickte. »Gern.«

Schweigend schlenderten sie zwischen den Häusern hindurch, deren Farben in der Nacht zu Grautönen verblassten. Rian mochte das kräftige Bunt, mit dem die Schweden ihre Häuser schmückten. Jedes Dorf wirkte ein wenig wie eine Ansammlung vielfarbiger Würfel, auf denen die farbig abgesetzten Rahmen der Fenster und Türen wie Augen waren. Sie setzten sich deutlich gegen den grau-grünen Hintergrund ab, der um diese Jahreszeit mit einzelnen Schneeflecken aufwartete.

Wenn der Schnee hier alles bedeckt, muss es noch hübscher aussehen! Vielleicht kann ich ja einmal im Winter herkommen …

Sie hatten inzwischen die Häuser hinter sich gelassen und wanderten an einem kleinen See entlang. Mats nahm die Pfeife aus dem Mund und deutete mit dem Stiel auf die Umgebung, die kahlen Felder, die flachen Hügel dahinter und den Wald, der sich hinter dem See als dunkle Mauer erhob.

»Unser Land ist löchrig wie ein Schwamm«, sagte er. »Und damit meine ich nicht die von der Südküste bis hier hoch allgegenwärtigen Seen. Es gibt unzählige Löcher in die andere Welt, in eure Welt.« Er nickte Rian zu. »Du kannst es spüren, oder? Jeder große Baum, jeder Hügel, jeder See kann zum Durchgang werden. Und wir haben die Mondtore – Tore, die bei Vollmond oder Neumond von selbst aufgehen, oder wo die Grenze zumindest so dünn wird, dass ein Kundiger sie mühelos durchstoßen kann. Früher muss es auch anderswo so viele Portale gegeben haben, aber selbst in Irland habe ich sie nicht in dieser Dichte gefunden.«

Rian nickte. Fanmór hatte in Crain jedes ihm bekannte Tor dieser Art geschlossen, weil sich immer wieder Sterbliche in die Anderswelt verirrt hatten. Vor allem hatte er sichergehen wollen, dass kein Sterblicher sie während des Schlafes überraschen konnte.

Bis wir aufwachten und fanden, dass der Herbst Einzug gehalten hatte in unserem Land … Wie viele sind inzwischen wohl schon vergangen, für immer verloren, ohne die Möglichkeit der Rückkehr, die Annuyn manchen anbietet? Wie viele sind inzwischen dem früher unmöglichen Alterstod zum Opfer gefallen? Rian schüttelte die Gedanken ab und wandte sich wieder Mats zu.

»Wie kommt es, dass du diese Tore finden kannst?«

»Keine Ahnung.« Mats zuckte die Achseln und zog an seiner Pfeife. Langsam ließ er Rauchringe aus seinem Mund entweichen. »Vielleicht ist es einfach eine Frage des Glaubens«, fuhr er dann fort. »Ich war immer überzeugt, dass es die andere Welt gab. Darum konnte ich auch die Dinge sehen, die von den meisten rationalen Menschen heute nicht mehr gesehen werden, weil sie sie nicht sehen wollen. Dinge, die nicht zu ihrem Weltverständnis passen.«

»Gibt es noch mehr Leute hier, die das sehen?«

»Ein paar. Gerade auf dem Land und unter den älteren Leuten wirst du noch welche finden, die ihren Sinnen mehr glauben als den Büchern. Aber das ist vermutlich nur deshalb so, weil wir eben diese Dinge hier weiter erlebt haben, als in anderen Ländern die Tore zufielen.«

Rian staunte. Gerade die Völker, die innerhalb der Anderswelt als verschlossen und eigenbrötlerisch verschrien waren und von denen man kaum etwas sah, hatten anscheinend den engsten Kontakt zu den Sterblichen bewahrt. Vielleicht war gerade das der Grund für ihre Zurückgezogenheit, denn Fanmórs Gebot war diesbezüglich klar gewesen, und es galt für ganz Earrach: Es hatte keine Verbindungen mehr zu den Menschen zu geben.

»Und was lässt dich nun glauben, dass ich aus der Anderswelt bin?«, hakte sie bei der ursprünglichen Frage nach.

»Erstens einmal deine übermenschliche Schönheit«, stellte Mats fest und zwinkerte ihr zu. »Außerdem berühren deine Füße nicht den Boden. Und dein Schatten ist nicht echt. Ich sehe genau hin.«

Rian staunte. Bislang waren ihre Freunde Nadja und Robert die einzigen gewesen, denen das aufgefallen war, und auch nur, weil sie es auf digitalen Fotografien gesehen hatten.

»Und mit deinen Augen stimmt etwas nicht«, unterbrach Mats Rians Gedankengänge. »Ich vermute, du hast einen Zauber darüber gelegt, damit sie dich nicht verraten. Aber sei unbesorgt deswegen, ich werde es nicht weitertragen.« Mats wandte sich zum Dorf. »Gehen wir zurück. Meine alten diesweltlichen Knochen brauchen langsam wieder etwas Kaminfeuerwärme. Magst du mir erzählen, was euch hierher treibt? Zur hier üblichen Familie zählt ihr nicht, da bin ich sicher. Ihr müsst von weiter weg sein.«

»Wir sind von den Sidhe Crain«, erklärte Rian.

Mats nickte. »Sidhe, das klingt keltisch, Richtung Britische Inseln und Nordfrankreich, soweit man die Regionen eurer Welt überhaupt mit unseren Ländern in Verbindung bringen kann.«

»Unsere Welt ist eurer durchaus ähnlich. Wenn wir von irgendwo aus einfach nur ein Tor zu euch öffnen, ohne ein bestimmtes Ziel vorzugeben, kommen wir im entsprechenden Gebiet hier heraus.«

»Darf ich fragen, wo euer Ziel liegt?«

Rian zögerte. »Ich glaube, es ist besser, wenn du nicht zu viel weißt«, antwortete sie. »Wir werden sicher verfolgt, und wenn unser Gegner auf die Idee kommt, du könntest wissen, wo wir hingehen …« Sie dachte erneut an das Gebot ihres Vaters, keine Sterblichen zu Schaden kommen zu lassen. Immer wieder war der Getreue unvermutet in ihrer Nähe aufgetaucht, und dieser scherte sich nicht um das Gebot – er entführte sogar die Seelen der Menschen und brachte sie seiner Königin. Das konnte Mats blühen, nachdem der Getreue ihm alle Informationen entrissen hatte, die ihm dienlich waren. Und wenn nicht er selbst, so konnten seine Helfer ihnen auf den Fersen sein, die nicht minder mörderisch waren. Rian schüttelte es innerlich.

»So, so.« Mats zog an seiner Pfeife. »So ganz hilflos sind wir Menschen aber nicht. Möglicherweise kann ich etwas für dich tun.«

»Diese Gefahr ist anders«, sagte Rian bestimmt. »Aber du kannst mir auf trotzdem helfen. Erzähl mir mehr von den Völkern, auf die wir nordwärts treffen werden.«

»Auf dem Land werdet ihr von den Menschen offen aufgenommen, und es wird immer wieder welche geben, die euch erkennen, so wie ich. Was die Andersweltlichen betrifft …« Er deutete in die Richtung, in der sie zuvor die Hügel gesehen hatte. »Ihr werdet überall auf Trolle stoßen. Im Süden sind sie gesellig, leben in Gruppen oder großen Familien zusammen, aber im Norden, in Lappland und drüben in Norwegen, sind sie zunehmend unleidiger. Da trifft man sie fast nur noch einzeln, vielleicht mal zu zweit oder zu dritt, wenn sie jemanden zum Streiten brauchen. Freundlich sind sie aber alle nicht.«

Mats schmunzelte. »Manche treiben eher harmlose Scherze oder helfen einem sogar einmal gegen einen Preis, während die meisten bösartig und gefährlich sind. Am besten geht man ihnen aus dem Weg, und wenn es sich nicht vermeiden lässt, hält man in der einen Hand Geschenke bereit, um sie zu bestechen, und in der anderen eine durchgeladene Schrotflinte, um sie eine Weile aufzuhalten, bis sie sich wieder zusammengeflickt haben. Ein Flammenwerfer wäre natürlich noch besser, aber den gibt es nicht frei im Handel.«

»Aber Schrotflinten?«

Mats grinste. »Wer sollte sich hier draußen darum kümmern? Meine Knarre stammt ungefähr aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, und ich gehe nie ohne sie in die Hügel. Angeblich gibt es dort alte Gräber und wo es alte Gräber gibt, ist oft alte Magie am Werk. Da ich ein Mann bin, der an seinem Leben und seinem Verstand hängt, versuche ich, so etwas zu vermeiden.«

»Und die Trolle.«

Mats nickte. »Und die Trolle. Wobei man mit denen besser verhandeln kann als mit einem Draugr. Das sind Tote, die ihren Tod verpasst haben. Man sagt, sie hätten beachtliche magische Kräfte, aber zum Glück sind sie nicht die schnellsten – weder im Laufen noch im Denken. Trotzdem würde ich mich nicht mit einem anlegen wollen. Sie sollen sehr stark sein, nahezu unverwundbar, und sie verbreiten Leichengift. Sich von ihren Krallen verletzen zu lassen ist eine schlechte Idee. Mein Großvater hat erzählt, dass zu Zeiten seines Großvaters hier einer umging. Daher kamen die Gerüchte, dass es in den Hügeln ein Grab gäbe. Bisher hat sich niemand ernsthaft darum gekümmert, es zu finden.«

Rian fröstelte. Der wandelnde Tote erinnerte sie an den verirrten Schatten, den sie berührt hatte. Ein Draugr musste sich ähnlich fühlen wie dieser Geist – haltlos, verloren, immer auf der Suche nach Wärme und Leben, um es aufzusaugen. Vielleicht waren es ja sogar Annuyn-Schatten, die diese Körper belebten? Mats hatte gesagt, die Grenzen zwischen der Welt der Sterblichen und der Anderswelt seien hier schon immer dünner gewesen. Vielleicht galt das auch für Annuyn? Vielleicht war das, was sie erlebt hatte, gar nicht auf ein neues Aufweichen der Trennlinien zurückzuführen?

Aber es war ein Übergang von Annuyn nach Earrach, nicht in die Menschenwelt, stellte sie für sich fest.

Sie war erleichtert, als Mats die Tür zum Röda Thor aufstieß und ihnen Wärme, Licht und gedämpftes Stimmengewirr entgegenschlugen. Erstaunt blieb sie stehen. »Wo ist David?«

Birte nahm eine Hand vom Lenkrad und zeigte nach vorn.

»Da ist mein Haus, auf halber Höhe des Hügels.«

David spähte durch die Dunkelheit und erkannte ein großes zweistöckiges Haus, das von schlanken Bäumen flankiert wurde. Daneben glaubte er, ein kleineres Gebäude erkennen zu können. Birte bog auf eine mit hellem Kies bestreute Auffahrt ab, die zwischen Ziersträuchern den Hügel hinauf führte.

»Es ist ein altes Herrenhaus«, erklärte sie dabei. »Wobei ›Herrenhaus‹ hier im Zusammenhang mit dem Umfeld zu sehen ist – das hier war immer eine dünn besiedelte Gegend, in der man sich hauptsächlich von der Fischerei, dem Holzabbau und ein wenig Landwirtschaft ernährte. Entsprechend bescheiden lebten die Herren, im Vergleich zu anderen.«

»Es ist trotzdem nicht gerade klein, scheint mir.«

Birte seufzte, hielt vor der Eingangstür und stellte den Motor ab. »Es schluckt Unsummen an Heizkosten«, sagte sie. »Und wenn ich mir nicht eine Haushälterin und alle paar Wochen einen Gärtner leisten könnte, wäre es unmöglich, das alles hier in Schuss zu halten. Die Vorbesitzer haben ein Vermögen in die Modernisierung gesteckt und sind daran bankrott gegangen. Mein Glück, denn ich konnte es vergleichsweise günstig ersteigern.« Sie öffnete die Fahrertür und stieg aus. David folgte ihr.

Drei Stufen führten zur Eingangstür hinauf. Während er sie hochstieg, hielt David den Blick auf Birte gerichtet, die vor der Tür in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel kramte. Der taillierte Mantel aus dünnem hellem Leder betonte jede Rundung ihrer schlanken Figur. Sie hatte den Kragen gegen die Kälte hochgestellt, sodass der weiche Schwung ihres Nackens verborgen war. Die langen dunkelblonden Haare hatte sie mit einem dunklen Samtband und einigen perlenbesetzten Haarnadeln hochgesteckt. Die hohen Bögen ihrer Augenbrauen verliehen ihr einen leicht fragenden Ausdruck, der durchaus arrogant hätte wirken können, wären nicht die warmen goldbraunen Augen darunter gewesen. Die gerade Nase und der ebenmäßige Mund mit den vollen roten Lippen erinnerten David an eine griechische Statue. Alles an ihr hatte diese perfekte, marmorne Schönheit. Doch er spürte, dass mehr darunter lag, und je länger er sich mit ihr im Gasthaus unterhalten hatte, umso mehr war das Verlangen in ihm gestiegen, dieses verborgene Feuer hervorzukitzeln.

Birte hatte inzwischen aufgeschlossen, stieß nun die Tür auf und ging voran. Scheppernd landete ihr Schlüsselbund auf einem Sideboard, noch ehe sie das Licht anschaltete, Kristallleuchter an den Wänden. Ihr Licht wurde von einem Spiegel zurückgeworfen, der über dem Sideboard hing und teilweise von einem schwarzen Seidentuch verhängt war. David trat hinter Birte, bewusst den Blick auf den Spiegel vermeidend, und half ihr aus dem Mantel. Leicht beugte er sich dabei vor und ließ seinen Atem über ihren Hals streifen, während seine Fingerspitzen ihre Schulter entlangstrichen und dabei ein dünnes Schimmern hinterließen. Unwillkürlich beugte sie den Kopf etwas zur Seite, als wolle sie ihm mehr Haut bieten.

»Aaah«, seufzte sie schließlich und rollte die Schultern, als David mit dem Mantel in der Hand von ihr wegtrat. »Endlich zu Hause in der Wärme.« Sie drehte den Kopf zu ihm, um ihm ein Lächeln zu schenken, und ließ dann den Blick an ihm abwärts gleiten. Als sähe sie ihn zum ersten Mal richtig weiteten sich ihre Augen ein wenig, und als ihr Blick zu seinem Gesicht zurückgekehrt war, senkte sie die Lider kokett, ehe sie den Kopf abwandte.

David hängte die Mäntel an die Garderobe, während Birte bereits den Gang hinunter bis zu dem Raum weiterging, in den er mündete. Auch dort flammte im nächsten Moment Licht auf.

»Möchtest du etwas trinken?«, drang ihre Stimme zu David, der kurz in routinemäßiger Gewohnheit nach dem verborgenen Dolch im Mantel tastete und zufrieden nickte, als er ihn unverändert fand.

»Gern.«

»Saft? Wasser? Leichtbier? Oder lieber etwas Stärkeres?«

»Wenn du etwas Stärkeres hast, nehme ich das«, antwortete David und folgte ihr in den Raum am Ende des Gangs. Es war ein geräumiges und dennoch gemütlich wirkendes Wohnzimmer, das vom indirekten Licht mehrerer Stehleuchter und Wandstrahler erhellt wurde. Eine cremefarbene Couchgarnitur lud dazu ein, in ihr zu versinken, während man das Panorama genoss, das sich am Tag jenseits der doppelflügligen Glastür bot. An der Wand daneben standen mehrere schlichte Regale eines bekannten schwedischen Möbelhauses, in denen mehr Bücher verstaut waren als hineinpassten.

Hinter der Couchgarnitur hing ein großes Ölbild an der Wand, das eine weite, von dunklen Wolken verhangene Landschaft zeigte. Es hatte mit seinem Wechselspiel von Licht und Schatten auf den Feldern, Hügeln und den dazwischen eingestreuten niedrigen Bauernhäusern eine beeindruckende Tiefenwirkung. Die Details, obwohl oft nur mit wenigen Pinselstrichen angedeutet, machten das Motiv zusätzlich plastisch und luden dazu ein, es genau zu studieren. David trat näher heran und beugte sich vor. Fast erschien es ihm, als würde das kleine Mädchen, das über einen Feldweg auf ein Haus zuging, sich tatsächlich bewegen. Ihr Kleid und das Band an ihrem Strohhut flatterten im Wind – nicht mehr als zwei Pinselstriche und ein gut gesetzter Schattenpunkt, mit einer dünnen Spitze in die Farbe hinübergezogen. Trotzdem strahlte das ganze Bild wegen dieser Details schon eine fast unheimlich wirkende Lebendigkeit aus. David fühlte sich an die Bilder des Arkadiers Antel erinnert, der eine Weile an Fanmórs Hof gewesen war. Manchmal hatten seine Motive Eigenleben entwickelt, und eines hatte sogar einmal zu sprechen begonnen.

»Gefällt es dir?«

David bemerkte erst jetzt, dass er noch immer vornübergebeugt vor dem Bild stand, die Nase fast an der Leinwand, und auf das winzige Mädchen starrte. Hastig richtete er sich wieder auf und lächelte Birte an, die mit zwei Flaschen in der Hand in der Tür zur Küche stand. »Es ist wunderschön. Eines deiner Werke?«

»Ja. Es ist das erste Bild, das ich hier erschaffen habe.« Ein feines Lächeln glitt über ihr Gesicht, als streife sie eine angenehme Erinnerung. Dann hob sie nacheinander die beiden Flaschen. »Whisky? Oder lieber Cognac? Ich hätte auch noch einige Liköre zu bieten. Oder ich mache dir einen kaffeegök, wenn du lieber etwas Anregenderes möchtest.«

»Was ist das?«

»Eine Mischung aus Kaffee und Branntwein. Der Kaffee hält wach, während der Alkohol die Kreativität erhöht.«

»Nein danke, ich nehme den Whisky. – Aber ist das alles hierzulande nicht sündhaft teuer?«

»Doch, ist es. Aber dank einer Erbschaft und meiner eigenen guten Einkünfte muss ich mich nicht so sehr einschränken, dass ich bei so etwas sparen müsste.« Sie verschwand wieder in der Küche und kehrte wenig später mit zwei Gläsern, dem Whisky und einer Likörflasche zurück. David ließ sich in die Couch sinken, und Birte setzte sich neben ihn und schenkte ein. Sie schob David das Glas mit dem Whisky zu und nahm das andere auf.

»Auf den Beginn eines sicherlich wunderbaren Abends.«

»Und vielleicht auch einer wunderbaren Nacht«, ergänzte David und sah in ihre goldleuchtenden Augen. Erneut lächelte sie fein. Etwas regte sich in David, etwas, das sich wunderte, was er eigentlich gerade tat. War er nicht ursprünglich wegen der Bilder gekommen, und um sich in Ruhe unterhalten zu können? Aber war es andererseits nicht normal für ihn, zu versuchen, mehr als nur freundliche Worte mit einer schönen Frau zu teilen? Nadjas Bild tauchte vor seinen Augen auf, und verschwamm in dem Moment, da Birte ihre Hand ausstreckte und eine Strähne aus seiner Stirn strich.

»Vielleicht«, sagte sie, und ihre Augen beinhalteten ein Versprechen, das David alles andere beiseiteschieben ließ.

Mats kam mit ihren beiden Getränken zurück zum Kamin und reichte Rian ein Glas mit einer Mischung tropischer Säfte. Sich selbst hatte er Lättöl mitgebracht, alkoholarmes Bier zu erträglichen Preisen.

»Calle sagt, dein Bruder wäre mit dieser Malerin weggegangen«, berichtete er.

»Der Frau, mit der er sich vorhin unterhalten hat?«

Mats nickte und ließ sich in seinem Sessel nieder. Nachdenklich strich er über die Pfeifentasche. »Sie wohnt erst seit kurzem hier, in Svantholm, dem alten Herrenhaus in den Hügeln. Es hat jahrelang leergestanden. Die Vorbesitzer sind vor fünfzehn Jahren oder so bei einem schrecklichen Unglück umgekommen, die ganze Familie, von der Großmutter bis zu den drei Kindern hinunter. Jemand war von außen eingebrochen, hatte sie alle erschlagen und schrecklich verstümmelt. Seither lag eine Art Schatten über dem Haus. Niemand wollte es. Plötzlich kamen Handwerker und haben es renoviert. Dann ist sie dort eingezogen. Birte Granlund.«

Er trank einen Schluck und schaute in das Glas. »Man sieht sie kaum«, fuhr er fort. »Dass sie heute Abend hier war, hat mich gewundert.« Er schüttelte den Kopf und lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Ich kann es nicht erklären. Etwas an ihr gefällt mir nicht.«

Rian versuchte, sich das Bild der Frau in Erinnerung zu rufen, doch es wollte ihr nicht recht gelingen. Vermutlich hatte sie sie zu kurz gesehen.

»Sie ist sehr schön«, sagte sie, denn daran erinnerte sie sich noch. »Es ist nicht ungewöhnlich, wenn David auf so etwas anspricht. Er mag schöne Frauen.«

»Schön?« Mats war überrascht. »Sie ist nicht schön … eine graue Maus, würde ich sagen.«

Rian runzelte die Stirn. »Aber …« Ihr fiel ein, dass sie sich gewundert hatte, warum kein Mann außer David der Malerin solche Beachtung schenkte. Hatte sie nur auf die Zwillinge so schön gewirkt? Waren sie einem Zauber erlegen? Aber Rian hatte nicht einmal ein einziges Wort mit der Frau gewechselt. Oder lag die Erklärung in ihrer Verbindung zu David? Hatte sie gesehen, was er gesehen hatte?

»Du hast recht, Mats«, sagte Rian alarmiert und stellte ihr Glas ab. »Etwas stinkt gewaltig an diesem Fisch. Kannst du mich nach Svantholm bringen?«

Mats nickte, stellte keine weiteren Fragen und stand auf. »Ich glaube, ich nehme vorsichtshalber gleich die Axt mit. Es könnte sein, dass es Zeit wird, unhöflich zu werden.«

David sah auf das leere Whiskyglas in seiner Hand. Irgendwie begannen die Ereignisse für ihn zu verschwimmen, obwohl der Alkohol keine so starken Auswirkungen auf ihn haben sollte. Er konnte sich nicht erinnern, wann Birte die leise Musik angeschaltet hatte, die im Hintergrund lief, oder wann und wie das Licht heruntergedimmt worden war.

Von dem Glas sah er hinunter auf die Frau, deren Kopf in seinem Schoß lag. Mit ihren goldfarbenen Augen erwiderte sie lächelnd seinen Blick. Ihr Haar war offen, floss über seine Beine und umrahmte ihr Gesicht wie eine Aureole. Hell schimmerte ihre Haut dort, wo die oberen beiden Knöpfe ihrer gelben Seidenbluse offenstanden und einen Einblick in ihr Dekolleté gewährten, der seine Gedanken sofort wieder auf anderes lenkte.

David ließ einen Finger an ihrer Wange entlang abwärts zu ihrer Kinnlinie streichen. Sie drehte den Kopf, um spielerisch danach zu beißen und dann kurz seine Fingerspitze mit ihrer Zunge zu umspielen. Die Berührung schickte einen kleinen Schock durch Davids Körper. Mit einem Kuss entließ sie seinen Finger wieder, und er ließ ihn weiterwandern, über ihren Hals abwärts und ihr Brustbein entlang, dabei eine feuchte Linie auf ihrer Haut ziehend. Schließlich stieß er an den ersten geschlossenen Knopf und machte sich daran, das Hindernis zu beseitigen. Sacht schob David seine Hand unter die Bluse und ließ sie wieder hochgleiten, schob dabei ihren BH hoch, bis er Birtes feste Brust umfassen konnte. Sie sah ihn unverwandt an und öffnete leicht die Lippen. Einen Moment kam in David ein Gefühl der Falschheit hoch, doch der zarte Duft ihrer Haut ließ ihn das mit einem gedanklichen Achselzucken abtun.

Er beugte sich hinunter, um sie zu küssen. Birte hob ihm ihr Gesicht entgegen. Als ihre Lippen sich berührten legte sie ihre Hand in seinen Nacken, ließ ihren Kopf wieder in seinen Schoß zurücksinken und zog ihn mit sich. Leicht bohrten ihre Fingernägel sich dabei in seine Haut und verursachten eine Gänsehaut. Er verstärkte den Griff um ihre Brust für einen Moment, dann löste er die Hand und ließ nur die Finger über die weiche Haut und die aufgestellte Brustwarze spielen. Sie atmete scharf ein und ließ ihre Zungenspitze über seine Lippen gleiten, ehe zu seiner vorstieß und sie mit kurzen Berührungen zu locken begann. Als er reagierte, legte sie ihre freie Hand an seine Wange und schob ihn spielerisch gerade so weit weg, dass ihre Lippen sich nicht mehr berührten. Er sah ihre vor Erregung geröteten Wangen und das begehrliche Leuchten in ihren Augen, hörte ihren schnellen Atem und spürte dessen Wärme auf seinem Gesicht. Gerade wollte er sein Gesicht wieder zu ihrem senken, als etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Er drehte den Kopf.

»Da ist etwas draußen auf der Terrasse«, sagte er leise.

Birte gab einen Laut des Unmuts von sich. »Das sind nur irgendwelche Tiere«, sagte sie. »Sie kommen manchmal bis hierher, weil das Haus so lange leer gestanden hat. Sie werden auch wieder gehen. Kümmer dich nicht weiter drum.«

Nachdrücklich zog sie seinen Kopf wieder zu sich hinunter und holte ihn zurück in den Sog ihres leidenschaftlichen Kusses. Ein Schwindelgefühl erfasste ihn, während seine Erregung stieg. Er ließ seine Hand von ihrer Brust aus wieder abwärts wandern, ertastete die weiche Haut ihrer Bauchdecke und folgte dann weiter der Reihe ihrer Blusenknöpfe. Sie stöhnte leise, erwartungsvoll, und wölbte sich seiner Hand entgegen.

Als der letzte Knopf aufsprang und der kühle Stoff zur Seite glitt, um ihre weiche Haut preiszugeben, sah er aus dem Augenwinkel erneut eine Bewegung, die irgendwo in seinem Inneren eine Warnglocke ertönen ließ. Das, was sich dort bewegte, war kein normales Tier. Es war zu schwerfällig und zu groß dafür, die Bewegungen zu ungleichmäßig. Erneut löste er sich aus dem Kuss und wollte den Kopf heben, doch Birtes Hand krallte sich in seinen Nacken.

»Hör nicht auf«, flüsterte sie. »Bitte … hör nicht auf.«

David zögerte, dann spürte er einen kalten Luftzug. Er griff nach Birtes Hand in seinem Nacken, zog sie zur Seite und hob den Kopf.

Etwas schob die Terrassentür auf. Birte hatte die Raumbeleuchtung so stark gedimmt, dass die Scheiben kaum spiegelten und David durch sie hindurch eine menschliche Gestalt erkennen konnte, die sich seltsam verkrümmt hielt und mit beiden Händen am Rahmen der Tür zog. Sie schien bemüht, keinen Lärm zu machen, und bewegte die Tür daher nur langsam.

»Da will jemand rein«, zischte David.

»Egal«, murmelte Birte. »Es wird nur Martha sein oder der Gärtner, sie werden gleich wieder verschwinden. Küss mich, David, und vergiss das da draußen … Komm, küss mich …«

Sie legte ihre Finger an seine Lippen und strich sacht darüber. Ein süßlicher Duft stieg in Davids Nase, und erneut wurde ihm schwindlig. Vor seinen Augen schienen die Geschehnisse sich zu beschleunigen, oder seine Wahrnehmung verlangsamte sich. Immer weiter öffnete sich die Tür. Mühsam drehte er den Kopf zur Seite, weg von Birtes Fingern. Inzwischen war die Glastür schon halb aufgeschoben, dass ein Mensch hindurch schlüpfen konnte. David schob Birte zur Seite und sprang auf.

»Wer ist da?«, rief er. Unwillkürlich tastete er nach der Stelle an seinem Gürtel, an der normalerweise sein Dolch hing. Doch der war jetzt im Mantel, und der Mantel hing im Flur.

Erneut schwappte Schwindelgefühl in einer Welle über ihn hinweg. Er sah, dass Birte sich aufsetzte und ihr Haar ordnete. Mit gerunzelter Stirn sah sie von der Terrassentür zu David und stand dann auf. Sie machte keinerlei Anstalten, ihre Bluse wieder zu schließen, und der Anblick ihrer sich unter dem hochgeschobenen BH in perfekten Rundungen wölbenden Brüste verwirrte seine Gedanken. Das Bild einer anderen Frau tauchte in seinem Geist auf, einer Frau mit kastanienbraunen Haaren und einem selbstbewussten Blick in bernsteinfarbenen Augen, einer Frau, mit der ihn etwas verband. Erneut fühlte sich falsch an, was hier geschah, und es war nicht nur die Gestalt an der Tür.

»Es ist alles in Ordnung«, schnurrte Birte und schmiegte sich an ihn. »Das ist gar niemand, nur ein dummer Junge, der gleich wieder verschwindet. Nur wir zwei sind wichtig, nichts und niemand sonst. Komm, küss mich …«

Sie hob ihr Gesicht, und David sah auf sie hinunter, und erneut füllten ihre goldenen Augen und der süße Duft ihres Parfüms all sein Denken aus.

Rian starrte mit gerunzelter Stirn auf die Hausfront, die sie mit ihrem kühlen Klassizismus abzuweisen schien.

»Es ist nirgends Licht zu sehen«, stellte sie fest.

Mats schaltete die Taschenlampe an, ging zum Kofferraum, öffnete ihn und holte eine Holzfälleraxt heraus. Um Lärm zu vermeiden schloss er den Deckel langsam, ehe er die Axt schulterte und ebenfalls zum Haus sah. Mats war das letzte Stück nur noch mit Standlicht gefahren, und sie hatten ein neben der Auffahrt angehalten.

»Ihr Auto steht vor der Tür«, stellte der Schwede fest und deutete auf die dunkle Mittelklasse-Limousine. »Sie müssen hier sein. Wir sollten um das Haus herumgehen und schauen, ob wir vom Garten aus etwas sehen. Zu unserem Glück gibt es keine Zäune und keine Überwachung. Marta fand das immer seltsam, noch einer der Gründe, die mich misstrauisch machten.« Er nickte Rian zu. »Gehen wir.«

Ohne auf Antwort von Rian zu warten ging Mats mit langen Schritten los, auf die linke Hausecke zu. Rian folgte ihm eilig. Der alte Schwede erwies sich nicht nur als unternehmungslustig, sondern auch als erstaunlich rüstig. Sie musste ihre langen Beine weit ausgreifen lassen, um mit ihm Schritt zu halten. Dabei dehnte sie zugleich all ihre Sinne aus und versuchte, zu erfassen, was genau sie an diesem Ort so abstieß. Vielleicht war es ein Schatten der Tragödie, die sich hier abgespielt hatte, der die Energien des Ortes verdunkelte. Sie hatte das Gefühl, dass noch ewas dabei war, das gepflegt und erhalten wurde. Und die Empfindungen, die sie über ihr Band von David empfing, wurden zunehmend verwirrender.

»Vorsicht«, flüsterte Rian, als sie die Hausecke erreichten. »Hier lauert Gefahr. Schalte die Taschenlampe aus, ich führe dich.«

Mats knipste die Lampe aus. Während für ihn nun alles stockfinster erscheinen musste, genügte Rian das wenige Sternenlicht zwischen den Wolken, um alles klar zu erkennen. Der Schwede legte seine Hand auf ihre Schulter und sie schritten vorsichtig voran, auf die nächste Hausecke zu.

»Wwer isssn da?«, erklang in diesem Moment eine gedämpfte Männerstimme aus dem Haus. Rian erstarrte. Erst mit Verzögerung erkannte sie, dass es die Stimme ihres Bruders war.

Er kann unmöglich in so kurzer Zeit so viel Alkohol getrunken haben, dass er dermaßen lallt, dachte sie. Als wäre er halb betäubt!

»Mats …« Selbst im Flüstern konnte sie die Sorge nicht aus ihrer Stimme halten.

»Ich habe es gehört«, antwortete er leise. »War das David?«

Rian nickte. In diesem Moment war ein dumpfer Knall zu hören, als würde ein Möbelstück umfallen, und ein hoher, erboster Aufschrei folgte. Ohne zu zögern oder an Mats zu denken rannte Rian los, um die Hausecke herum und dort weiter auf einen schwachen Lichtschein zu, mit den Händen ohne bewusste Anstrengung ein Zaubernetz aus einigen ihrer eigenen Haare webend. Nur am Rand registrierte sie den schwankenden Lichtkegel, der zeigte, dass Mats die Taschenlampe angeschaltet hatte und ihr folgte.

»David!«, rief sie laut. »David, wo bist du?«

Das Licht, das sie bemerkt hatte, kam durch einige Fenster und eine breite Glasfront und erleuchtete die weiße Pflasterung einer Terrasse, die davor lag. Eine menschengroße Gestalt schob sich gerade durch die halb geöffnete Tür unbeholfen ins Haus. Rian sah David neben einem umgestürzten Sessel stehen, leicht taumelnd und eine Hand am Kopf, als habe er eine Wunde erlitten. Eine Frau mit offener Bluse kroch auf der anderen Seite des liegenden Möbelstückes weg, als sei sie darüber gestürzt und vom Aufprall noch zu benommen, um aufzustehen.

Als Rian die Glastür erreichte, schlurfte das Wesen auf David zu. Die Elfe schleuderte mit einem Schrei ihr Geflecht. Die leuchtenden Linien dehnten sich im Flug rasend schnell aus und umwickelten das Wesen, schmiegten sich an seine Haut und begannen dann, zu schrumpfen. Einen Moment taumelte die Gestalt, in ihren Bewegungen behindert, doch dann riss sie die Arme hoch, und das Netz flammte hell auf. Schreckensstarr beobachtete Rian, wie ihr Zauber zerfetzt wurde und in kleinen sprühenden Funken verging.

Der Unhold hat eine starke magische Aura, schoss es ihr durch den Kopf. Einen mit solchen Energien kann man nicht so einfach einfangen.

Zumindest aber hatte Rian offensichtlich seine Aufmerksamkeit von David abgelenkt und auf sich gezogen, denn er wandte sich langsam um. Rote Augen glühten der Elfe aus einem Gesicht entgegen, das nur entfernt als menschlich zu erkennen war. Löcher klafften in den Wangen, und die Stirn war eingedrückt, als wäre etwas Schweres dagegen geschlagen worden. Die Haut war grau und matt, über jedem Knochen papiern gespannt, alle Muskeln weggeschrumpft. Weiße Haarbüschel standen vom Kopf wirr in alle Richtungen ab, und fadenscheinige Reste von dem, was einmal seine Kleidung gewesen sein mochte, hingen an den Gliedern. Um den Hals trug der Untote ein silbern glänzendes Amulett mit eingravierten Zeichen.

»Der Draugr!«, rief Mats, nahm die Axt von der Schulter und packte sie mit beiden Händen.

6.
Gefährliche Neugier

Sie mag mich … sie genießt meine Nähe …

Wie ein endloser Kreisgesang hallte es in Ainfars Kopf. Was so viele Elfen am Hof sich ersehnten, er hatte es erreicht, wenn auch auf anderem Wege als er früher gehofft hatte, wenn er ihr für kurze Momente nahe war. Sie, die hohe Herrscherin des Schattenlandes, deren Anblick jeden alles vergessen ließ außer dem Wunsch, ihr zu dienen und ihr Wohlwollen zu erlangen … sie liebte ihn.

Nicht auf die Art, wie sie einen Mann lieben würde, aber es war besser als alles, was Ainfar sich als Mann jemals hätte wünschen dürfen.

Er räkelte sich in ihrer schlanken Hand, während sie sich mit ihrem Tischnachbarn unterhielt. Es schien, als sei sie ähnlich süchtig nach dem Wohlgefühl seines dichten seidigen Fells geworden wie er nach ihrer Berührung. Ein Kribbeln erfüllte ihn, als ihr Finger über seinen Rücken hinunter strich, und er schnurrte wohlig.

Bandorchu lachte.

»Fühlst du dich wohl, mein kleiner Liebling, ja? Dein ganzer Körper bebt …« Man hörte ihr an, dass es ihr gefiel, und so verstärkte Ainfar das Geräusch noch etwas. Zugleich sah er mit seinen schwarzen Knopfaugen zu ihr hoch und wackelte ein wenig mit der Stupsnase. Erneut lachte sie auf.

»Er ist wirklich allerliebst. Man könnte fast meinen, er wüsste genau, was mir gefällt, und würde alles tun, um mich zu erfreuen.«

Wie wahr das doch ist, dachte er. Was tu ich nicht alles für einen Blick deiner strahlenden Augen, meine Herrscherin, für dein helles Lachen, deine zärtliche Berührung … würde ich nur einmal, nur ein einziges Mal diese Berührungen auch erwidern dürfen, dich mit meinen Händen liebkosen wie du es bei mir tust, dich die Lust erleben lassen, die du in mir erregst, ohne dass ich es jemals ausleben darf … Ah. Ich würde mein Leben dafür geben. – Und das würde es mich vermutlich auch kosten.

Mit einem inneren Seufzen ließ er seinen Kopf wieder auf die Hand der Königin sinken, schloss die Augen und gab sich der Glückseligkeit des Augenblicks hin.

Neben dem Stimmengemurmel hörte er ein Flüstern über sich. Vermutlich erhielt Bandorchu eine Mitteilung, die nicht jeder hören sollte. Ainfar spitzte die Ohren, rührte sich jedoch nicht.

Im nächsten Moment spürte er, wie Bandorchu erstarrte. Ihre Finger verharrten in seinem Fell, und sie krümmten sich leicht unter einer plötzlichen Anspannung. Schmerzhaft gruben die Kanten ihrer scharfen Nägel sich in seine Haut, und er konnte ein schmerzliches Fiepen nicht unterdrücken. Er öffnete die Augen und starrte zu ihr hoch. Die Schlangenköpfige, die Ainfar schon damals im Garten gesehen hatte – vor Tagen, vor Leben, vor Äonen des Genusses … was ist inzwischen außerhalb dieser Mauern geschehen? –, zog sich zurück. Bandorchus Gesicht war reglos, wie ein Kristall, erstarrt in ihrer absoluten und reinen Schönheit. Lediglich ihre Augen durchbrachen das Bild der Eisstatue, denn sie funkelten und glitzerten in dunklem Feuer.

»Er ist zurück«, flüsterte sie, und gierige Erregung durchpulste jedes ihrer Worte. »Endlich!«

Ainfar bewegte sich ein wenig, versuchte, sich aus ihrem schmerzhaften Griff zu lösen. Sie schien es zu bemerken und sah zu ihm hinunter. Schlagartig verschwand die Starre wieder, und ihre Züge wurden weich. Zugleich entspannte sich ihre Hand, und der stechende Schmerz in seiner Seite schwand. Vorsichtig hob sie die Hand, in der er ruhte, bis auf die Höhe ihres Gesichtes. Ainfar fand sich Auge in Auge mit der Herrscherin, und unter der Intensität ihres Blicks erlebte er ein Wechselbad der Gefühle, durchlebte panische Angst und endlose Sehnsucht zugleich.

»Entschuldige, kleiner Ariàn«, sagte sie mit süßer Unschuld in der Stimme, die so gar nicht zu dem grünen Feuer ihrer Augen passen wollte. »Du musst verstehen, ich bin so aufgeregt … ich bekomme etwas, worauf ich schon lange gewartet habe. Aber was rede ich, du bist nur ein dummes Tier …«

Ich verstehe es, Herrin!, wollte er hinausbrüllen. Ich verstehe es! Würde ich nur einen Hauch von Euch erhalten, einen Kuss, einen Augenblick allein mit Euch, in meiner wahren Gestalt … die Vorfreude würde mich nicht anders sein lassen als Euch jetzt …

Doch seinem Mund entwich nur ein weiteres leises Fiepen, und er rieb stattdessen seine Nase an ihrer Hand.

»Aber vielleicht verstehst du mich doch«, sagte sie nachdenklich. »Vielleicht geht mehr in deinem kleinen Köpfchen vor, als ich annehme. Manchmal wüsste ich gern, woran du so denkst, mein kleiner Ariàn, mein Silberling …«

Eisiger Schreck durchfuhr den Tiermann. Auf einmal wurde ihm wieder bewusst, in welcher Lage er sich befand.

Was, wenn sie in meine Gedanken eindringt? Wenn sie erkennt, was ich wirklich bin?

Der Blick ihrer hellen Augen schien ihn bis auf den Grund seiner Seele zu durchdringen. Doch dann lächelte sie.

»Aber egal ob du mich verstehst oder nicht – es ändert nichts daran, dass ich mich für eine Weile von dir trennen muss. Melemida! Nimm unseren kleinen Liebling und pass auf ihn auf.«

Bandorchu erhob sich, und die Dryade trat zu ihr. Im nächsten Moment fühlte Ainfar sich hochgehoben und landete auf den knorrigen Zweigen. Bandorchus Fingerspitzen strichen noch einmal sanft über sein Rückenfell, dann wandte sie sich zum gehen.

»Bis später, Ariàn. Benimm dich anständig.«

Ainfar hockte auf den Armen eines Kristallleuchters, der von innen heraus strahlte und Bandorchus Empfangszimmer durch aufgespannte Prismenfeenflügel hindurch in vielfarbiges, zittriges Schimmern tauchte. Sein Bauch fühlte sich an, als läge ein kalter Eisbrocken darin.

Er ist bei ihr. Sie hat sich geschmückt, hat sich bereit gemacht, um ihn zu empfangen, allein.

Witternd sog er mit seiner kleinen Nase die Luft ein, als könne er die eisige Aura riechen, die der Getreue verbreitete. Dessen Rückkehr war es gewesen, die Bandorchu gemeldet worden war, und die ihn, Ainfar, aus ihrer Nähe verbannte.

In ihren eigenen Räumen empfängt sie ihn. Und sie wird ihm das schenken, wonach sich jeder Elf in diesem Schloss verzehrt. Vielleicht schon jetzt …

Er starrte zu der Tür, die in ihre Gemächer führte. Doch er sah nicht die zu kunstvollen Ornamenten verschmolzenen weißen Knochenbögen, aus denen sie bestand. Was er sah, spielte sich nur vor seinem inneren Auge ab.

Er sah die Königin in ihrem hauchdünnen weißen Gewand, das an den passenden Stellen dem Blick für atemberaubende Momente Durchgang gewährte, um Ahnungen zu erzeugen, nur um ihn im nächsten Augenblick schillernd zurückzuweisen. Er sah sie sich bewegen, sich langsam so setzen, dass kurzzeitig der Stoff an der Seite aufsprang und ihre makellose schneeweiße Haut sehen ließ, die über das Leder des Sitzes glitt, ehe Bandorchu in aufreizender Art die Beine überschlug. Er sah ihren Augenaufschlag, der das klare Grün offenbarte, das wie kaltes Feuer war. Wie sie mit den Händen den Stoff ihres Gewandes glatt strich und damit die Ahnungen ihres Körpers zu Gewissheiten werden ließ, wie sie sich vorbeugte, den Mund leicht geöffnet, die gewölbten Lippen ein stummes Versprechen … all die kleinen Gesten, die er schon so oft an ihr gesehen hatte, wenn sie sie einsetzte, um sich ihre Untertanen willfähriger zu machen.

Doch hier würde es nicht nur bei Gesten bleiben. Er hatte sie gehört, mehr als einmal, wenn er da war. Ihr Stöhnen, ihr lustvolles Keuchen. Er hatte sich vorgestellt, wie diese eiskalten Finger über ihren warmen Körper glitten, ihre Brüste umstrichen und die Brustwarzen sich aufrichten ließen, wie ihre Härchen sich aufstellten wo immer er sie berührte, und ihr Körper sich wand … wie seine Hände tiefer glitten, er ihre Lippen mit seinen verschloss, sein Blick sich mit ihrem verschränkte, während er sie an sich riss und sie seine Erregung spüren ließ …

Ainfar ächzte innerlich vor Eifersucht.

Warum gerade er? Was gibt ihm solche Macht über sie? Was hat er, das ihr Begehren weckt? Erregt sie das Bewusstsein seiner Macht? Benutzt sie die Vereinigung mit ihm, um ihn zu kontrollieren? Beherrscht er sie, oder sie ihn?

Es war ein verwirrendes Spiel zwischen diesen beiden mächtigen Wesen.

Und beide stellen sie Rätsel dar, jeder auf seine Art. Bandorchu – sie wirkt inzwischen, als wäre dies ihr wahres Zuhause. Und der Getreue, aus dem Nichts gekommen, vom Kau mitgebracht aus der Welt der Sterblichen, als dieser das erste Mal ein von Bandorchu geschaffenes Tor durchschritt … Wer ist er? Was ist er?

Es war eine Frage, die sich hinter vorgehaltener Hand jeder in der Zitadelle stellte.

Obwohl er sich in der Art seiner Bewegungen den Elfen angepasst hatte, konnte jeder spüren, dass der Getreue keiner von ihnen war. Es war nicht nur Kälte, die er ausstrahlte – es war die Kälte seiner Aura, mit einer Intensität, die jeden schaudern ließ, der für diese Dinge empfindlich war. Tief in die Dunkelheit seines schwarzen Kapuzenumhangs gehüllt verstärkte er diesen Eindruck und hütete seine Geheimnisse. Selbst die Blicke der Flügelsphinxen hatten den Stoff nicht durchdringen und seine wahre Gestalt ergründen können.

Das Leder ihrer Flügel zierte nun die Türen seiner Gemächer und ihre Augenbälle beleuchteten sie, während sie selbst klagend und blind über die Ebene streiften.

Manchmal konnte man Augen dort erahnen, wo unter der Kapuze das Gesicht des Getreuen sein sollte. Doch der Tiermann hatte den Eindruck, dass es eher sein Blick war, den man spürte. Und seine heisere Stimme, die Ainfar seit der Begegnung im Gang stets zusammenzucken ließ, wann immer sie erklang, bot ebenso wenig Hinweis auf seine Herkunft.

Er war ein Rätsel.

Und was, wenn ich das Rätsel löse?

Ein wagemutiger Gedanke kam ihm. Vielleicht konnte er sich besser vor dem Getreuen schützen, wenn er wusste, was er war. Und vielleicht würde es ihm sogar die Möglichkeit geben, Macht über ihn zu gewinnen. Zumindest musste es ein wertvolles Wissen sein, wenn er es so sehr hütete.

Ainfars Blick wanderte über die Ornamente der Wände hinauf, dorthin, wo durch schmale, unter den Musterungen kaum erkennbare Schlitze Luft von außen eindrang, ohne dem Licht Eintritt zu gewähren. Schlitze, durch die kaum etwas hindurch kam, außer dem Staub der Ebene … und vielleicht ein kleines Silberhörnchen.

Ainfar verfluchte seine Neugier. Dennoch kehrte er nicht um.

Der Schlitz, durch den er sich gedrückt hatte, hatte ihn in einen unregelmäßig geformten Gang geführt, der sich durch die Mauer der Zitadelle wand. Es war ein vertrautes Gefühl gewesen, dort hindurch zu huschen – fast als wäre es ein Silberhörnchen-Bau. Doch der Gang hatte ihn nicht dorthin geführt, wohin er wollte. Stattdessen fand er sich plötzlich in grellem Licht wieder, und im nächsten Moment jagte ein dunkler Schatten über ihn hinweg.

Das Außen!

Kurz hatte er sich zurück in den Schacht geduckt, hatte die Pfoten über die Augen gelegt, um nicht sehen zu müssen, was dort draußen war. Doch dann hatte die Neugier gesiegt.

Gut, dieser Schacht endet an der Außenmauer, dachte er. Dann muss von hier ein anderer Schacht in ihr Zimmer führen. Und dort, wenn Bandorchu und der Getreue ihr Vorgeplänkel beendet haben, wird er seine schützende Hülle ablegen, und dann …

Zu Ainfars Glück war auch die Außenwand der Zitadelle voller verschnörkelter Verzierungen, die einerseits einen Sinn für Ästhetik, andererseits einen Ausdruck von Grausamkeit und Hass offenbarten. Jedes Detail, das man betrachtete, schien andere Bilder von Schmerz und Wahnsinn zu zeigen, und so zog es Ainfar vor, einfach nur darüber hinweg zu huschen auf der Suche nach einem neuen Einstieg, durch den er den wehenden Schatten entkommen konnte. Er fand ihn in einem Ornament, das aussah wie das unter Qualen schreiende Gesicht einer wunderschönen Elfe. Durch den Mund konnte er erneut ins Mauerwerk der Zitadelle schlüpfen.

Am Ende des Gangs fand er sich in Melemidas Raum wieder. Enttäuscht hastete er zurück. Auch der nächste und der übernächste Gang erwiesen sich als falsche Wege, keiner von ihnen führte ans Ziel. Zudem befürchtete er, dass er den ursprünglichen Weg nicht mehr wiederfinden würde, denn die Oberfläche der Zitadelle war für ein Wesen seiner Größe ein unüberschaubares Labyrinth. Würde jemand misstrauisch werden, wenn er nicht mehr an seinem Platz in Bandorchus Vorraum war? Würde man irgendetwas vermuten, wenn er plötzlich an einem völlig anderen Ort auftauchte? Die Möglichkeiten, die ihm die neu gefundenen Verbindungswege boten, würde er nur ungern verlieren. Vielleicht würde er auf diesem Weg hinter einige der Geheimnisse Bandorchus kommen … und das war doch sein Ziel, oder?

Im Moment allerdings trieb ihn nur seine Neugier bezüglich des Getreuen.

Er tauchte in den Schatten des nächsten Luftschlauchs, schob sich durch die engen Windungen, die das Eindringen von Licht und Staub verhindern sollten. Als er sich mit einer Drehung aus der engsten Stelle befreite, hörte er leise Stimmen. Sein Herz jubelte, doch im nächsten Moment verspürte er Enttäuschung, als er Bandorchus Worte hörte.

»Wann wirst du wiederkommen?«

Er hörte ein Rascheln von Stoff.

»Bald.« War das die Stimme des Getreuen? Wenn er sie auch nur gedämpft hörte, kam es ihm doch so vor, als läge nicht die übliche Heiserkeit darin.

Ainfar huschte weiter den Gang entlang, bis er Schlitze erreichte, die denen ähnelten, durch die er im Vorzimmer hinaus geschlüpft war. Vorsichtig lugte er in das Zimmer und schnaufte dann enttäuscht. Zwischen ihm und dem Bett, bei dem die beiden sich ihren Stimmen nach befanden, stand ein Sichtschirm mit floralen Ornamenten, die sich stetig umgruppierten, ohne jedoch mehr als Schemen dahinter erahnen zu lassen. Ainfar drückte den Kopf durch die Schlitze und sah sich um. Ein Absatz verlief ein wenig unterhalb von ihm. Er schob sich in den Raum und ließ sich hinunterfallen. Auf dem Weg erzeugten seine Krallen ein Kratzen auf dem Stein, das in seinen Ohren wie Donner dröhnte. Bei der Landung raste sein Herz vor Aufregung, und er kauerte sich zunächst nur auf dem Absatz zusammen.

»Ich werde den nächsten Knoten aufsuchen«, fuhr die Stimme gerade fort. »Ich weiß noch nicht, wie viel Zeit es kosten wird, und ich muss sicher sein, dass es der Richtige ist. Wir können uns in diesem Spiel keine Fehler erlauben.«

»Und du wirst keine machen.« Ihre Stimme klang zugleich lasziv und unterschwellig bedrohlich.

Sie hatten ihn nicht bemerkt.

Bisher.

Er zog die Krallen ein, so gut es ging und folgte tief geduckt dem Absatz.

Nur ein kleines Stückchen, dann kann ich um den Schirm herum sehen. Nur ein kleines Stückchen …

»Ich werde keine machen.« Es war kein reines Versprechen des Getreuen, sondern drückte selbstsichere Gewissheit aus. »Wir werden unser Ziel erreichen. Du wirst die Welt der Sterblichen betreten, und ich werde sie dir zu Füßen legen.«

Ainfar erstarrte, wo er war.

Die Welt der Sterblichen betreten?

Er bemerkte erst, dass er weit genug dem Absatz gefolgt war, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Hinter dem Sichtschutz stand Bandorchus Himmelbett aus weißer Seide und matt schimmerndem Kristall. Sie lag auf der Seite, das Seidenlaken um ihren Körper und ein Bein geschlungen, während das andere leicht angezogen darüber lag. Sie beobachtete die dunkle Gestalt, die sich vor ihrem Bett hinunterbeugte, mit dem Rücken zu Ainfar.

Der Getreue!

Ainfar musste um Augenblicke zu spät gekommen sein. Der Getreue hatte bereits seine Kutte übergeworfen – Wenn er sie überhaupt abgelegt hat! –, und ehe er einen Blick auf mehr als zerzaustes schwarzes Haar und die Ahnung blasser Haut erhaschen konnte, griff dieser mit seinen behandschuhten Händen nach hinten und schlug die Kapuze hoch.

Bandorchu machte indessen eine nachlässige Geste, die nicht zu dem harten Blick ihrer Augen passen wollte.

»Sterbliche. Sieh zu, dass wir nicht selbst wie sie enden. Das Tor ist wichtig – aber es ist mindestens ebenso wichtig, den Verfall aufzuhalten, und in dieser Hinsicht hast du bisher keine großen Erfolge aufzuweisen.« Sie setzte sich auf und hob die Arme, um ihre Haare nach hinten zu streifen. Das Laken glitt an ihrem Körper hinab, und der Anblick ihrer makellos milchweißen Haut, der weichen Rundungen ihrer Brüste und der wie kleine rosa Knospen darauf sitzenden Brustwarzen lies Ainfars Atem stocken. Seine Gedanken verwirrten sich, und er konnte kaum noch wahrnehmen, was weiter gesprochen wurde.

»Ich kann mich nicht um zu viele Dinge gleichzeitig kümmern, und so lange ich mit Helfern wie Cor und dem Kau oder diesem Stümper Alebin arbeiten muss, wird es immer wieder Rückschläge geben. – Aber wir werden sehen. Vielleicht finde ich ja unter den Sterblichen Verbündete, die mich erfolgreicher unterstützen. So lange muss ich mich wohl mit dem begnügen, was mir zur Verfügung steht, und wir müssen mit den Erfolgen zufrieden sein, die wir haben. Und solange sie in der Sache des Quells glauben, uns voraus zu sein, wiegen sie sich in Sicherheit.« Er lachte leise. »Sie waren dabei, als ich den ersten Knoten für uns versiegelt habe, und dennoch haben sie offensichtlich keinen einzigen weiteren Gedanken darauf verschwendet, was das bedeuten könnte. Sie jagen nur dem Quell hinterher … und es kann uns nicht stören, wenn sie ihn vor uns finden sollten. So oder so fällt am Ende alles uns in die Hände.«

Langsam drang das Gehörte zu Ainfars Bewusstsein durch, und der Schock durchfuhr ihn bis ins Innerste. Seine Gedanken, beim Anblick von Bandorchus Körper zäh geworden wie Tannenharz, rasten nun so schnell wie sein Herzschlag.

Alebin … im Dienst Bandorchus … noch immer! Alebin, mein Bruder, der Meidling, wegen dem ich hier bin … wer hätte geahnt, dass er mit der gleichen Absicht zurückgeblieben ist, mit der ich mitgegangen bin? Und Regiatus und Fanmór sind so ahnungslos, wie ich es war. Tore … und die Herrschaft über die Welt der Sterblichen … sie plant tatsächlich, schon in absehbarer Zeit das Schattenland zu verlassen!

Ihm wurde schwindlig, und damit begann sein Verderben. Der Absatz unter ihm war schmal, und eine seiner Pfoten rutschte ab. Erschrocken versuchte er, seinen Absturz zu verhindern, indem er seine Krallen ausfuhr. Doch der Fels war glatt und bot keinerlei Halt. Mit einem hässlichen Kratzen von Krallen auf Stein kam er ins Rutschen.

Der Getreue fuhr herum, und sein Blick glitt suchend durch den Raum.

»Was ist das?«, zischte er. Im nächsten Moment spürte Ainfar, wie der Blick des Mannes sich auf ihm festsog und dessen kalte Aura nach ihm griff. Seine Glieder wurden steif, Lunge und Herz schmerzten von der Anstrengung, sich gegen die Starre zu wehren.

»Ungeziefer«, stellte der Getreue verächtlich fest. Aus dem Augenwinkel sah Ainfar, wie er eine Hand hob.

In diesem Moment gaben seine Muskeln nach, und er stürzte ungebremst dem tief unter ihm liegenden Boden entgegen.

7.
In die Tiefe

Der Draugr schlurfte auf seinen dürren, mit Pergamenthaut überzogenen und Stofffetzen behangenen Beinen auf Rian zu, die Finger nach ihr ausgestreckt, als wolle er sie packen. Unwillkürlich trat sie einen Schritt von der Glastür zurück auf die Terrasse. Auch Mats wich ein Stück, den Blick in einer Mischung aus Furcht und Faszination auf den Untoten gerichtet.

Es ist keine gute Idee, sich von einem Draugr verletzen zu lassen, hallten Mats Worte durch Rians Gedanken. Sie verbreiten Leichengift …

Die Elfe zog den kleinen Dolch, den sie mit sich führte; der einzige Kompromiss, den sie an Waffen machte. Im Gegensatz zu David hatte sie sich nie dafür begeistern können.

»Rian«, hörte sie in diesem Moment ihren Bruder rufen. »Du … was machst du hier?«

»Ich ziehe dich aus dem Mist, in den du dich mal wieder reingeritten hast«, antwortete sie. Erneut wich sie ein Stück nach hinten, die Klinge vor sich gehalten. »Aber es wäre nett, wenn du dich ein wenig beteiligen würdest.«

Der Draugr hatte die Glastür erreicht und stieß sie ganz auf, ehe er hindurchtrat. Von der Wucht seines Stoßes wurde die Tür über den Anschlag hinausgetrieben und verkantete sich in der Schiene. Mit einem Knacken entstand ein Riss quer über das Glas. Der Draugr trat über die Schwelle und blieb stehen. Sein Blick pendelte zwischen Rian und Mats, als könne er sich nicht entscheiden, wem er sich zuerst zuwenden sollte.

»Mats, wie tötet man einen Draugr?«, fragte Rian, während sie beide ein Stück weiter zum Rand der Terrasse zurückwichen.

»Das ist nicht sicher«, antwortete Mats mit vor Aufregung heiserer Stimme. Er hielt die Axt ähnlich abwehrend vor sich wie Rian den Dolch. »Angeblich muss man ihnen den Kopf abschlagen, ihn an ihr Gesäß legen und sie dann verbrennen. Ausprobiert habe ich das natürlich noch nicht.«

Rian riskierte einen Blick vorbei an dem Draugr. Die Frau hatte sich wieder aufgerichtet und musterte die Szene mit verkniffenem Gesicht. Nichts war mehr von der Schönheit zu erkennen, die Rian vorher im Gasthaus aufgefallen war. Die Augen glühten in hellem Schwefelgelb, ihr Gesicht wurde von einer großen Hakennase beherrscht, und das Haar hing ihr in filzigen Strähnen um das Gesicht. Wo die Bluse noch immer offen stand, konnte man unter faltiger grauer Haut ihre Rippen erkennen. Ihr Busen hing schlaff herunter und die breiten Hüften stachen knochig selbst durch den Stoff ihres engen Rockes hervor.

Ganz sicher nicht das Schönheitsideal, das David normalerweise verfolgt, schoss es Rian mit einer gewissen Schadenfreude durch den Kopf.

Ihr Bruder hatte die Lähmung anscheinend noch nicht ganz überwunden, die ihn erfasst hatte. Er hatte die Hand von seinem Kopf genommen, und Rian stellte erleichtert fest, dass er nicht verletzt war. Aber sein herumirrender Blick ließ vermuten, dass er noch immer Schwierigkeiten hatte, die Lage klar zu erfassen.

Der Untote verharrte weiterhin unschlüssig im Durchgang. Er hatte beide Hände erhoben, um auf sie und Mats zu zeigen, und sein Blick ging zwischen ihnen hindurch in die Nacht. Erst als sie das kurze Aufwallen starker Magie bemerkte, wurde Rian klar, dass er nicht etwa aus Unentschiedenheit zögerte.

Sie fuhr mit einem Warnschrei herum, doch sie sah nur noch einen schwarzen Brocken heranzischen, ehe etwas gegen ihren Kopf schlug und sie herumwarf. Schmerz explodierte in ihrem Schädel und ließ sie weiter taumeln. Der Dolch entglitt ihrer Hand, schlug klirrend auf der Terrasse auf, während Schwärze hinter ihren Augen aufstieg und ihre Knie nachgaben. Den harten Aufprall auf dem Stein spürte sie nicht mehr.

»Vorsicht!«

Der Aufschrei seiner Schwester riss David endgültig in die Gegenwart zurück. Mit einem Brüllen sprang er vor, doch ein anderer stand bereits zwischen Rian und dem sich auf sie zu schleppenden Draugr. Der alte Mann, der mit Rian gekommen war, hatte sich bei ihrem Ruf zur Seite geworfen, und ein ähnlicher Gesteinsbrocken hatte ihn daher lediglich am Oberarm gestreift. Hastig raffte er sich wieder auf und stand nun mit drohend erhobener Axt schützend vor Rians reglosem Körper. Den Draugr schien das nicht zu irritieren.

»Du wirst das Mädchen nicht retten können, Elf«, hörte David Birte mit schnarrender Stimme sagen. »Genausowenig wie dieser pathetische Alte da draußen. Mein Diener wird euch allen das Licht auslöschen.«

In diesem Moment ließ Mats seine Axt auf den ausgestreckten Arm des Draugr niedersausen, und wie zur Bestätigung von Birtes Worten prallte der Stahl einfach zurück. Die Waffe entglitt den Händen des Alten und flog in die Nacht hinaus, während er mühsam um sein Gleichgewicht kämpfte.

David fuhr zu Birte herum, sprang über den umgestürzten Sessel und packte sie. Ehe sie reagieren konnte riss er sie grob hoch und zog sie in seinen Würgegriff. Ihr Aufschrei erstickte in einem Gurgeln.

»Wenn du ihn nicht aufhältst, bringe ich dich um«, zischte David.

Befriedigt stellte er fest, dass Birtes Schrei den Draugr innehalten ließ. Langsam drehte der Untote sich um und heftete das rote Glühen seiner Augen auf David.

Der Elf drückte kurz fester zu. »Also?«

Birte kicherte. »Wenn du mich tötest, wird er erst recht über euch herfallen«, sagte sie. »Dann kann ihn nichts mehr aufhalten. Du solltest dir das gut überlegen.«

»Ich habe aber auch keinerlei Grund, dich am Leben zu lassen, wenn du nicht tust, was ich sage«, erwiderte David. »Und ich hätte gute Lust, mich dafür zu rächen, dass du mich in diese Falle gelockt hast.«

Der Draugr hatte sich auf die Glastür zu in Bewegung gesetzt. Offensichtlich betrachtete er nun David als die Hauptgefahr und hatte die anderen beiden vergessen. Der Alte hockte neben Rian und versuchte, sie zu sich zu bringen.

Mein Dolch, dachte David. Er ist im Mantel. Ich muss an ihn herankommen. Er gehört zu den Waffen, mit denen man auch Untote verletzen kann. Fieberhaft überlegte er, wie er an den Mantel gelangen konnte. Den alten Mann konnte er nicht schicken, der würde den Dolch nicht berühren können. Elfenwaffen wehrten sich gegen Sterbliche, außer, sie wurden für diese geschaffen. Rian war bewusstlos. Er musste selbst an die Garderobe gelangen.

Mit Birte fest im Griff bewegte sich David rückwärts um den umgestürzten Sessel herum, immer den Körper der Frau zwischen sich und dem Draugr. Das Wesen zögerte, doch da es keinen anderen Befehl bekam, folgte es ihnen. David bewegte sich in einem Bogen hinter der Couch herum, Richtung Tür. Er wollte den Draugr ausmanövrieren, doch die sich schlaff hängenlassende Birte behinderte ihn so sehr, dass er sich trotz Zögern nicht schneller bewegen konnte als der Untote.

»Greif ihn dir, Ole!«, kreischte die Frau plötzlich. »Kümmer dich nicht um mich! Reiß ihn in Stücke!«

David war versucht, ihr in diesem Moment mit einem schnellen Griff das dürre Genick zu brechen. Doch tot nutzte sie ihm weniger als lebendig, und so entschied er sich für das nächstbeste. Als der Draugr sich mit ausgestreckten Armen nach vorn stürzte, stieß er Birte in dessen Arme. Gleichzeitig packte er die Whiskyflasche und schleuderte sie auf den Draugr. Bei dem Aufprall an seinem Schädel öffnete sie sich, und der Inhalt ergoss sich über den Untoten. David hechtete gleichzeitig auf die Tür zu. Der Draugr stieß die kreischende Birte zur Seite. Der Prinz erreichte endlich seinen Mantel, riss den Dolch an sich und kehrte ins Zimmer zurück. Erleichtert sah er, dass Rian sich aufrichtete, wenngleich mit benommenem Blick. Er sprang an dem zupackenden Draugr vorbei und war mit zwei weiteren langen Sätzen auf der Terrasse, neben seiner Schwester. Der alte Mann suchte im Halbdunkel draußen nach seiner Axt.

Der Draugr streckte die Hände aus. Am Rand der Terrasse lösten sich Steine aus der Pflasterung und rasten auf die Elfen zu. Mit Schwung warfen sie sich beide jeweils zur Seite und rollten sich weg, während die Steine mit dumpfem Knall an der Hauswand auftrafen und die Scheiben der Glastüren durchschlugen. Noch am Boden kauernd sah David sich nach weiteren Geschossen um, doch es schien eine Atempause zu geben, während der Draugr durch die Türöffnung auf die Terrasse trat.

Erneut hob der Untote die Hände, und dieses Mal erhoben sich zusätzlich zu den Steinen und den Plastiktrümmern die Glasscherben. Alles sammelte sich in einem Wirbel um den Draugr, bis er ihn mit einer Handbewegung auf David steuerte. Doch dieses Mal war der Elf vorbereitet, er schwang seine Klinge in einem schnellen Wirbel vor sich, bis man nur noch einen schimmernden Kreis sehen konnte. Mit einem Wort der Macht gab er dem Klingenschild Gestalt und schickte ihn gegen den Wirbel.

Die Geschosse wurden entweder zurückgeworfen oder zersprangen in harmlose kleine Stücke. Scherben wurden auf den Leib des Toten geschleudert, ohne weiteren Schaden anzurichten, als dass seine whiskygetränkte Kleidung zerfetzt wurde. Der Mund des Unwesens öffnete sich zu einem stummen Schrei aus verwesten Stimmbändern, und die Augen fingen an, heller zu brennen.

Der Draugr trat in den Klingenschild, die Magie flackerte und löste sich dann auf. Er wollte einen weiteren Schritt gehen, doch eine dünne Ranke fiel zwischen seine Beine und schlug Wurzeln. Rians Werk! Die Ranke schlang sich um ihn und der Draugr kam ins Taumeln. Doch dann verging die Ranke in einem roten Aufflammen, glitzernde Asche blieb zurück. Aus dem Augenwinkel sah David, dass Rian erneut etwas warf – ein helles Geflecht, kaum sichtbar, das direkt vor dem Fuß des Draugr landete. Er trat darauf, und seine Augen verloren an Helligkeit.

Er müsste jetzt dem verschlungenen Pfad folgen, in den Rian ihr Haar gewoben hatte, bis zu seinem Ende, ohne zu erkennen, dass er sich in einem unsichtbaren Labyrinth befand. Das funktionierte bei den meisten Wesen. Für den Draugr aber war es vermutlich nur eine kurze Ablenkung, die David nicht ungenutzt verstreichen lassen würde. Immerhin hielt Birte sich aus dem Kampf heraus, sie vertraute wohl voll und ganz auf ihren untoten Helfer. Der Menschenmann kam gerade zurück, seine Pfeife glühte wie ein Punkt in der Dunkelheit auf, und Tabakdunst wehte ihm voraus. Der Kerl hatte die Ruhe weg, nicht zu fassen! Doch umso leichter für den Prinzen, sich auf den Kampf zu konzentrieren.

David hob seine grünlich pulsierende Klinge und stürmte vorwärts. Nur am Rande registrierte er, dass an ihm vorbei etwas auf den Toten zugeflogen kam, etwas Dunkles, Gebogenes, aus dem es rötlich leuchtete. Dann, im gleichen Moment, in dem Davids Schwert gegen den Hals des Untoten sauste, traf dieses Geschoss und verstreute glühenden Tabak über die Schulter des Draugr. Mit einem leisen Puff entzündete sich der Whisky.

Innerhalb von Sekunden war der Draugr von Flammen eingehüllt. Gleichzeitig biss Davids magische Klinge in den ausgetrockneten und von Verwesung zerfressenen Körper und trennte ohne spürbaren Widerstand Haut, Sehnen und Halswirbel durch. Noch während der Draugr die Hände hob, um auf die Flammen zu schlagen, flog sein Kopf als feurige Kugel durch die Luft, prallte auf der Terrasse auf und rollte noch einige Meter weiter bis zum Rand. Der Körper geriet aus dem Gleichgewicht und taumelte wie eine brennende Fackel hinterher.

Die Flammen zerfraßen den brüchigen Stoff der Kleidung, doch der eigentliche Körper darunter schien noch nicht in Mitleidenschaft gezogen. Das Feuer wurde weniger, statt sich immer weiter zu entzünden.

David fiel in einem Aufblitzen das wild pendelnde Amulett ins Auge, das noch immer um den Halsstumpf hing. Er duckte sich unter den wirbelnden Armen hindurch und riss die Kette mit einem kurzen Dolchstoß herunter. In einem weiten Bogen flog das Schmuckstück durch die Luft und fiel dann klingend zu Boden. Im selben Moment flammte das Feuer wieder auf und fraß sich zischend in den ausgetrockneten Kadaver. Zwei Schritte taumelte der Körper noch, dann stolperte er über den brennenden Kopf und stürzte.

Der Menschenmann kam mit der Axt herbei und schob mit der Scheide den Kopf zum Gesäß des Toten. »Nur um sicher zu sein«, sagte er. »Wer weiß schon, welche Details bei diesen Dingen wichtig sind und welche nicht.«

Eine Weile blieben sie alle drei stehen. Erst als das Feuer ausgebrannt und von dem Wesen nichts mehr als weiße Asche übrig war, die von Wind und Regen verstreut würde, machten sie sich daran, das Haus zu untersuchen. Von Birte war keine Spur mehr zu finden, und von ihren Gemälden tropfte in langen Schlieren die Farbe.

»Vielen Dank noch einmal, Mats.« David reichte dem Weißhaarigen die Hand. Mats hatte die Zwillinge zum Bootssteg begleitet.

Der schlug kräftig ein. »Das war doch selbstverständlich. Der Draugr musste weg, so oder so. Und die Polizei um Hilfe zu bitten hätte wohl nicht viel gebracht.«

Rian lachte leise. »Wohl eher nicht, da hast du Recht.«

David klopfte Mats auf die Schulter. »Du hast wirklich viel Mut bewiesen. Mehr als man erwarten konnte. Und jede Menge Einfallsreichtum.«

Mats sah auf und lächelte etwas wehmütig. »Ja, aber meine beste Pfeife ist dahin. Sie war ein altes Erbstück. Ich hoffe, ich finde noch mal so eine.«

»Ich wünschte, ich könnte eine Pfeife für dich zu besorgen, in der der Tabak niemals zu Ende geht«, sagte Rian. »Aber leider ist alles, was ich dir als Dank geben kann, das hier.« Sie beugte sich vor und küsste Mats auf beide Wangen und die Stirn.

Der alte Mann blinzelte und errötete leicht. »Ach … ich wollte ohnehin mit dem Rauchen aufhören«, sagte er mit einem verlegenen Lächeln. »Es ist ungesund, das weiß doch heute jedes Kind. Aber der Kuss einer Elfe, der muss mindestens zehn Jahre mehr Leben bedeuten.«

»Vielleicht nicht ganz so viel, aber ein wenig schon.« Rian lächelte leicht. »Ich habe dir einen Hauch von meiner Lebenskraft mitgegeben.«

Mats blieb der Mund offen stehen. Als er ihn schließlich schloss, atmete er tief durch. »Wenn ich mit hundert noch immer vor meinem Kamin sitze, werde ich mir eine Geschichte ausdenken, in der ich das stolze Elfenpaar erwähne. Wenn ich mein langes Leben als Beweis anführe, wird mir sicher niemand glauben.« Er grinste.

»Tu das, aber lass dir Zeit, ehe du damit anfängst. Im Moment solltest du besser nicht zu viel über uns reden. Es könnte die falschen Leute anziehen.«

Mats nickte.

Die Zwillinge stiegen in ihr Boot, und Mats löste die Leinen. Wind griff in die gehissten Segel und drückte den Bug weg vom Steg, in den Strom hinein. Der Schwede warf ihnen die Leinen zu, und sie legten ab. Rian sah zurück, während das Boot davontrieb, und winkte.

Wieder trieb das Boot in einem Nebel dahin, der in diesem Land allgegenwärtig zu sein schien. Die Segel standen voll, sie machten gute Fahrt. Rian hatte David wieder die Pinne überlassen, lag entspannt auf der Bank und naschte Pralinen.

Es könnte eine weitere ruhige Reise werden; vielleicht erreichten sie bald das ersehnte Ziel …

»Verflucht!« Ihr Bruder riss plötzlich die Pinne herum und warf die Großschot los. Der Schiffsrumpf neigte sich, und Trüffel kullerten aus der Tüte und rollten über die Planken. Rian griff nach der Reling, um nicht ebenfalls von der Bank zu fallen, und löste mit einem Wink ihrer Hand die Vorschot.

»Was ist …« Da sah sie es bereits selbst. Vor ihnen trat der Fluss aus einer Höhle aus, deren Oberkante ihnen bei Weiterfahrt glatt den Mast abrasiert hätte. Dank Davids schneller Reaktion dümpelten sie jetzt dahin, mit gerade noch genug Druck in den Segeln, um auf der Stelle zu bleiben.

»Was jetzt?«

»Vermutlich verläuft der Fluss einfach nur eine Weile unterirdisch. Es müsste möglich sein, auf ihm weiterzureisen, sonst hätten uns die Nöcks nicht zu diesem Weg geraten.«

»Der Durchlass wäre groß genug für das Schiffchen. Also gut, bauen wir um.« David hielt aufs Ufer zu.

Zwei Stunden später hatten sie den Mast gelöst und umgelegt und stattdessen Dollen zur Befestigung von Rudern gesetzt. Sie belegten die Ruder mit Magie, die sie ohne weitere Muskelkraft voranbringen würde. Gleichmäßig hoben und senkten sich die Ruderblätter und hinterließen eine Linie kleiner kreisender Wirbel, als sie in die Höhle einfuhren.

Das andere Ende der Höhle war nicht zu erkennen, und bald wurde es so dunkel, dass selbst die Elfen nichts mehr sehen konnten. Rian öffnete eine Tüte mit Käfern, die sie unterwegs einmal nach einer sehr finsteren Nacht gefangen hatten, um sich künftig besser zurechtzufinden, flüsterte ihnen einige Worte zu und ließ sie dann frei. Die Insekten erhoben sich mit leisem Brummen und Surren und leuchteten hell. In ihrem Licht war erkennbar, dass die Felsdecke sich allmählich hob und die Höhle breiter wurde. Auf beiden Seiten lief der Fels jenseits des Wassers zunächst nur flach aus, ehe er sich zu den Höhlenwänden erhob, als habe der Fluss zu anderen Zeiten mehr Wasser geführt oder oft das Bett gewechselt. Jetzt strömte er ruhig und gleichmäßig dahin.

Das Platschen und leise Gurgeln des Wassers um die Ruderblätter wurde vom sie umgebenden Fels zurückgeworfen und war für lange Zeit das einzige, was die beiden Elfen hörten. Irgendwann fiel Rian auf, dass ein an Lautstärke zunehmendes Rauschen dazu kam. Alarmiert sah sie zu David, doch der zuckte nur die Achseln.

»Wir werden feststellen, was es ist. Dann können wir entscheiden.«

Rian nickte und sah wieder nach vorn. Wenig später erkannten sie die Quelle der Geräuschänderung. Vor ihnen schäumte das Wasser, wo der Fluss in Stromschnellen eine langgezogene Schräge hinunterrauschte. Die Decke hatte sich inzwischen bis außerhalb ihrer Sichtweite erhoben, und sie konnten nicht erkennen, wie weit die Schräge hinauf reichte. Doch sie erkannten, dass das Flusswasser nicht von ganz oben kam, sondern auf halber Höhe aus mehreren breiten Spalten sprudelnd hervorschoss.

»Damit ist unsere Bootsfahrt an dieser Stelle wohl doch zu Ende«, stellte Rian fest.

Langsam trieb das Boot seitlich an die Uferwand, bis der Kiel am Fels entlangschrammte. Die Leinen in den Händen stiegen sie aus und zogen das Boot noch ein Stück weiter hoch, ehe sie es an einigen Felsbrocken festmachten.

»Lassen wir es noch im Wasser, bis wir wissen, ob es sich lohnt, es herauszunehmen.« David deutete in die Richtung, in der die schräge Rinne aufwärts führte. »Vielleicht finden wir den Fluss ja oben wieder.«

Rian sah ebenfalls hinauf. Dort, wo der Fluss hinunterrauschte, würden sie ein wenig im Sprüh der Gischt laufen, aber oberhalb konnten sie bequem weiter hochsteigen. Die Steigung war keine echte Herausforderung, und sie hatten sich bei Antritt der Reise kleidungsmäßig passend ausstaffiert.

Sie nahmen ihre Taschen und gingen los.

»Das war es dann wohl«, schrie Rian, um das Rauschen zu übertönen, und starrte den Wasserfall an, der vor ihnen aus der Höhe direkt in den Fels unter ihren Füßen hineinzufallen schien.

»Nicht unbedingt«, antwortete David und deutete auf einige unregelmäßige Felsplatten, die nahe der Seitenwand in Stufen nach oben verliefen.

»Vielleicht kommen wir darüber bis nach oben und können das Boot dort wieder einsetzen.«

Zweifelnd sah Rian hinauf. »Denkst du, das Boot passt da durch? Da ist die Felsdecke, und vermutlich wird der Wasserfall aus einer Höhle kommen, die schmaler ist als die unten.«

»Solange wir nicht nachschauen, werden wir es nicht wissen. Also, gehen wir. Das Stückchen macht jetzt auch keinen Unterschied mehr.«

Sie stiegen die Felsabsätze hinauf. Der tobende Lärm des Wasserfalls machte jede Unterhaltung vollends unmöglich, je weiter sie hochstiegen und je näher sie dabei der Wasserwand kamen. Die Absätze wurden von Stufe zu Stufe höher, und nach einer Weile mussten sie klettern. Rians Zweifel daran, dass sie selbst mit magischen Hilfsmitteln das Boot hier herauf bringen konnten, wuchsen.

Allerdings zeigte das Licht der im Sprühregen zunehmend nervöser schwirrenden Käfer ihnen inzwischen die Oberkante, über die das Wasser in breiter Front herabstürzte. Die natürlichen Stufen reichten bis hinauf, und die Decke blieb weiterhin hoch. Fast kam es Rian so vor, als rieche sie frische Luft. Da so nah an der Sturzkante des Wassers jedoch die Luft durchgewirbelt und durch die Gischt erfrischt wurde, konnte sie sich auch täuschen.

Der letzte Absatz war so schmal, dass sie nicht mehr nebeneinander stehen konnten. Zuerst kletterte David hoch. Die Stufe von dort zur Kante war höher als er selbst, doch David zog sich problemlos hinauf. Danach konnte Rian ihn nicht mehr sehen. Hektisch surrten die Käfer über ihr hin und her, flogen immer wieder zu ihr hinunter, als wollten sie sie zur Eile nötigen. Sie kletterte ebenfalls auf den Absatz, griff zur Kante darüber und stemmte sich mit ihrer Elfenkraft hoch, richtete sich auf und blickte sich um. Die Höhle verlief ab hier wieder fast waagrecht weiter, und ein Ausgang war nicht zu sehen. Und was auch nicht zu sehen war, war David.

Rian runzelte die Stirn und zögerte. Ein Stück weiter machte der Gang eine Biegung. Vielleicht war David vorausgegangen.

Beim ersten Schritt verlor sie den Boden unter den Füßen.

Rian schrie auf, als sie plötzlich fiel. Was auch immer unter ihr nachgegeben hatte, schloss sich wieder wie eine zurückschnalzende Membran und stürzte sie in Dunkelheit. Sie prallte auf eine schräge Felsfläche auf, doch sie spürte nicht die erwarteten schmerzhaften Ecken und Spitzen. Stattdessen glitt sie über Stein, der blankpoliert war wie Marmor, in unregelmäßigen Windungen weiter abwärts. Sie versuchte mit Händen und Füßen, ihre Fahrt zu bremsen, doch sie war zu schnell. Dann erfasste sie kurz Schwindelgefühl, und ein Prickeln ging über ihre Haut. Plötzlich verschwand der Fels unter ihr. Der Schwung, den sie aus der letzten Kurve mitbekommen hatte, führte dazu, dass sie sich im freien Fall drehte und schließlich mit dem Bauch voran tief in etwas Weiches stürzte, das ihren Fall beendete. Modrig riechender Staub wirbelte um sie herum auf, der ihr in der Nase kitzelte, als sie den Kopf hob. Sie musste niesen, und ihr wurde schwindlig. Licht flackerte auf, und ein Schatten fiel auf die Elfe.

»Gotcha!«, hörte sie eine raue Stimme sagen, ehe ihre Gedanken in bunte Wirbel und umherstiebende Funken zersprangen.

Als Rian erwachte, hatte sie Kopfschmerzen, wie sie sie noch nie erlebt hatte. Kopfschmerzen waren ohnehin etwas, das sie nur sehr selten bekam – lediglich intensive Magienutzung hatte bisher solche Folgen gehabt.

»Rian?«

Die Elfe drehte den Kopf und blinzelte. »David?«

Erneut wurde ihr schwindlig, und ihr Blick blieb unscharf. Sie sah nur bunte Farbflecken. Aber zumindest war es nicht mehr dunkel.

Sie spürte grobes Leinen, und darunter etwas Schwammiges, das bei jeder ihrer Bewegungen schwankte. Sie schloss die Augen wieder, das war weniger irritierend als die verschwommenen Bilder.

»Sie haben uns betäubt und irgendwohin geschleppt.« David stöhnte unterdrückt. Rian vermutete, dass er unter ähnlichen Nachwirkungen litt wie sie.

»Sie? Weißt du, wer?«

»Wer auch immer den Fluss umgeleitet und den Tunnel in die Anderswelt geschaffen hat.«

Anderswelt? Sie stutzte. Da war dieser Moment gewesen, das Prickeln … ja, in diesem Tunnel war ein Tor, und sie waren hinüber gerutscht.

Rian rieb sich die Augen und öffnete sie testweise wieder. Die Umrisse wurden etwas schärfer. Alles hier schien in verschiedene Braun- und Grüntöne getaucht zu sein. Vorsichtig setzte sie sich auf.

»Guten Morgen, Schwesterchen.«

Die Umrisse der Person, die vor ihr stand, waren ihr vertraut – und sie musste David nicht sehen, um zu wissen, dass er grinste.

»Nur weil du schon länger wach bist und vermutlich bereits klar siehst, musst du nicht herumfeixen«, sagte sie und zog einen Schmollmund. Sie fuhr mit einer Hand durch ihr Haar und rieb sich erneut die Augen. Die Umrisse ihrer Umgebung begannen, sich hervorzuschälen. »Los, erzähl schon, was du gesehen hast. Mach es nicht so spannend.«

»Wir sind in einer Holzhütte. Ziemlich grobe Bauart, aber massiv, und die Tür ist mit mindestens drei dicken Querbalken von außen verschlossen. Nicht so leicht zu durchbrechen, insbesondere, da wir keinen Zugriff auf Magie haben.« Rian sah, dass David eine Hand nach ihrem Arm ausstreckte, und im nächsten Moment spürte sie kaltes Metall an ihrer Hand. Bevor David ihn nach vorn geschoben hatte, war der Ring wegen ihres Pullovers nicht zu spüren gewesen. Sie erschauderte unter der Berührung und schob das Metall schnell wieder zurück. Dabei spürte sie grobe Gravuren auf der Oberfläche, vermutlich Runen, die dafür sorgen sollten, dass die Ringe nicht so leicht zu öffnen waren. Vielleicht verstärkten die Symbole sogar die blockierende Wirkung des Eisens.

»Jetzt verstehe ich, warum mein Kopf so wehtut.«

»Ich glaube, das liegt nicht nur daran, sondern ist auch eine Nachwirkung der Sporen, mit denen sie uns betäubt haben.«

»Sporen?« Blinzelnd sah Rian zu David hoch. Ihr Bruder nickte.

»Wir sind auf einem riesigen Pilz gelandet«, erklärte er. »Dabei haben sich Sporen gelöst, und denen haben wir das Lichterspiel in unseren Köpfen zu verdanken, und die Bewusstlosigkeit. Du bist nicht nur erst später ins Traumland geschickt worden, sondern hast zusätzlich sowohl deine eigene Ladung als auch noch die Reste von meiner abbekommen. Darum hat es dich heftiger erwischt als mich.«

»Wer hat jemals behauptet, irgendeine Welt sei gerecht«, murmelte Rian. »Und weiter?«

»Ich habe nicht gesehen, wer uns da unten in Empfang genommen hat, aber ich schätze, es ist schon einmal ein guter Anfang, dass wir noch leben. Unsere Sachen sind allerdings weg, wir sind ausgeraubt bis auf das, was wir am Leib haben.«

»Dein Dolch?«

»Weg.« Sie konnte sich Davids säuerliche Miene lebhaft vorstellen, auch wenn sein Gesicht für sie immer noch kaum mehr als ein verwaschener Punkt war.

»Und hast du irgendetwas darüber herausgefunden, wo diese Hütte steht?«

»Wenig. Ich vermute, dass wir immer noch unter der Oberfläche sind, und wenn du ganz still bist, kannst du das Rauschen des Flusses hören.«

Rian spitzte die Ohren. Sie waren anscheinend weniger von den Pilzsporen beeinträchtigt als die Augen, denn sie konnte tatsächlich ein fernes gleichmäßiges Rauschen ausmachen, das nach schnell fließendem Wasser klang.

»Meinst du, das hier ist die Höhle, durch die der Fluss fließt?«

»Möglich. Aber ich hoffe, dass wir bald mehr erfahren, denn wenn man sich schon den Aufwand gemacht hat, uns gefangenzunehmen, dann wird man auch etwas von uns wollen.«

Rian neigte den Kopf und rieb sich erneut mit beiden Handballen heftig die Augen. Langsam wurde ihre Sicht klar. Sie konnte die groben Bohlen des Bodens erkennen, wenn auch noch nicht deren Maserung. Die Wände waren ebenfalls aus grob behauenem Holz zusammengesetzt, das wie bei einem Blockhaus aufeinandergesetzt war. Pilzschwämme wuchsen an den Balken, und Moos in den Zwischenräumen. Die Decke bestand ebenfalls aus mit leichter Schräge über die Wände gelegten Bohlen.

»Die kann man nicht hochstemmen«, kam David Rians Gedanken zuvor. »Ich habe es versucht. Entweder sind sie stabil befestigt, oder es sind Felsen drauf gelegt. Sie haben sich nicht einmal ein Fingerbreit bewegt.«

Rian senkte den Blick wieder. David hatte sich abgewandt und setzte sich auf sein Lager. Ein grobes Leinentuch, das vermutlich noch nie gewaschen worden war, lag über einem schwammigen weißen Oval, das in der Mitte eine leichte Kuhle aufwies und Rian seltsamerweise an Marshmallows erinnerte. Es war durchaus bequem, wie Rian eingestehen musste, und hätte das Tuch nicht so vor Dreck gestarrt, wäre sie versucht gewesen, sich wieder für eine Weile in der Kuhle einzurollen.

Auch sonst wirkte der Raum bis auf das Fehlen von Fenstern nicht wie ein Gefängnis. Es war warm, umhertreibende Leuchtkügelchen tauchten alles in schummriges Blaugrün, und auf dem Boden lag zwischen den Lagern etwas, das wie ein unregelmäßiger Moosteppich aussah. Ein großer Baumstumpf stand mitten im Raum, der wohl als Tisch gedacht war, wie auch die kleineren Baumstümpfe darum vermuten ließen, auf die man sich setzen konnte. In einer Ecke waren Schachteln aufgestapelt.

»Spielkarten, Würfel- und Brettspiele«, erklärte David. »Einige davon eindeutig aus der Menschenwelt.«

»Oh!« Rian lächelte und schüttelte den Kopf. »Irgendwie kommt mir das nicht wie ein Gefängnis vor, sondern eher wie eine für uns geräumte Wohnung.«

»Kommt mir auch so vor. Und das lässt mich hoffen, dass unsere Lage nicht so schlecht ist, wie man annehmen könnte.« Er wies auf den Kistenstapel. »Lust auf ein Spiel, während wir warten?«

Sie waren bei der zweiten Runde Backgammon, als jemand an die Tür hämmerte.

»Na, sind die Vögelchen wach?«, krächzte eine Stimme. »Wir wollen euch zur großen Vogelfängerin bringen.« Leises Kichern erklang, und das Kratzen von Holz auf Holz sowie ein anschließendes Poltern bewiesen, dass die Balken vor der Tür weggenommen wurden. Rian und David standen auf und sahen sich an. Die Elfe bemerkte die Angriffslust in den Augen ihres Bruders.

»Ich schätze, wir verlieren nicht viel dabei, wenn wir uns erst einmal ansehen, was los ist«, meinte sie leise. »Lass uns mitgehen und ruhig bleiben, bis wir mehr wissen.«

David verzog die Mundwinkel, nickte jedoch.

Als die schwere Holztür aufgeschoben wurde, fiel von draußen helleres Licht herein, das ebenfalls nur aus Blau- und Grüntönen bestand. Vor der Tür standen in einem Halbkreis mehrere Gestalten, von denen keine der anderen glich. Sie alle hielten Waffen bereit, und alle fünf waren nach Rians Einschätzung Trolle.

»Kommt raus aus dem Käfig, meine Vögelchen«, sagte der größte und winkte mit seiner freien Hand. In der anderen hielt er einen langen Speer mit Widerhaken. Er war mindestens zwei Köpfe größer als Rian, hager, und hielt sich leicht gebeugt. Eine spitze Nase stach wie ein Rabenschnabel aus seinem Gesicht nach vorn, und die Augen glühten in raubtierhaftem Grün. Alle sichtbare Haut war mit kurzem blauem Fell bedeckt, in dem sich in kleinen Kügelchen Dreck angesammelt hatte. Sein langes Haar hatte er mit einem Band am Hinterkopf zusammengefasst und zu verfilzten Zöpfen geflochten, die Rian an Rastas erinnerten. Auf den Wangenknochen wuchs das Haar ebenfalls länger und in Locken.

Dazu passte das schäbige schwarze T-Shirt, das er trug. Silberketten baumelten daran herunter, und eine rote Aufschrift besagte: Ich trage Schwarz, bis es eine dunklere Farbe gibt. An seinen spitzen, nach hinten ragenden Ohren hingen in dichter Reihe silberne Ohrclips mit herunterbaumelnden Totenköpfen, Schwertern, Pentakeln und anderen Symbolen. Zwei breite schwarze, mit spitzen Silbernieten besetzte Lederbänder um die Handgelenke und eine schwarze Lederhose mit weiteren Silberketten daran vervollständigten die Seltsamkeit des Bildes, das er abgab. Seine haarigen Füße hingegen waren bloß, und die Dreckränder auf und unter den spitzen Zehennägeln ließen vermuten, dass sie das immer waren.

Der deutlich kleinere Troll neben ihm trug Springerstiefel, khakifarbenes Hemd und Hose aus Stoff. Er hatte seine orangen Haare so kurz geschnitten, dass sie von seinem Kopf abstanden. In der Rechten hielt er ein Messer mit langer Klinge, und die Linke umschloss einen Schlagring. Seine Augen funkelten angriffslustig, als würde er sich wünschen, dass sie einen Fluchtversuch unternahmen.

Die anderen drei Trolle waren weniger bemerkenswert, obwohl auch sie fleckige und rissige T-Shirts und Hosen trugen, die besser zu menschlichen Jugendlichen gepasst hätten als in die Anderswelt. Es war nicht zu übersehen, dass hier ein Austausch stattgefunden hatte – ob nur in die eine Richtung oder in beide, war eine andere Frage. In jedem Fall hatte man sich um Fanmórs Gebot der Weltentrennung aber offensichtlich wenig geschert.

Rian und David kamen langsam aus der Hütte, die Hände leicht erhoben, obwohl es ohnehin nichts gab, wonach sie hätten greifen können, um einen Angriff zu versuchen. Rian rümpfte die Nase, als die Körpergerüche der Trolle sie trafen. Offensichtlich wuschen sie nicht nur ihre Bettwäsche nie.

Vor der Hütte war der Boden felsig, und Davids Vermutung schien sich zu bestätigen: Sie befanden sich immer noch in einer Höhle, wenn auch in einer riesigen Ausmaßes. Ihre Hütte stand nicht weit von einer Felswand an einem Hang, der in sanftem Schwung abwärts führte. Weitere Hütten waren zu sehen, ohne Ordnung hingestreut zwischen Felsen und ausgedehnten bewachsenen Flächen, die Grün, Blau, Weiß und Braun schimmerten. Die Luft war hier dicht von den Leuchtkügelchen erfüllt, die sie auch in der Hütte gehabt hatten, und zudem wuchsen am Boden und an der hoch über ihnen hängenden Felsdecke große runde Kugeln, die hell leuchteten. Jenseits der Hütten konnte man dort, wo der Fels am tiefsten war, ein dunkles Band ausmachen, und von dort kam auch das Rauschen.

Die Trolle umringten die Zwillinge, und der Große nickte zufrieden. »Gehen wir zur Altmutter. Ihr kommt besser ohne Gegenwehr mit.«

»Sonst hauen wir euch platt«, setzte der Orange mit hoher Stimme hinzu und ballte die Hand zur Faust.

»Schnauze, Bur«, knurrte der Blaue.

Auf einen Wink von ihm hin wandte die Gruppe sich dem Weg zu, der hinunter zu den anderen Hütten führte. Rian und David blieb nichts übrig, als in ihrer Mitte mitzugehen, wollten sie nicht riskieren, »plattgehauen« zu werden.

Eine Weile gingen sie schweigend an Felsen und Feldern von Pilzen, Moosen und niedrigen Gebüschen vorbei. Schließlich fasste Rian Mut und fragte: »Wo bringt ihr uns hin, und was wollt ihr von uns?«

Der Große knurrte und bleckte seine spitzen Zähne. Rian fragte sich, ob das ein Lächeln sein sollte. »Ihr kommt zur Altmutter, hamwa doch gesagt. Die wird entscheiden, was wir mit euch machen. Ihr seid ins Unterland gekommen, obwohl so Leute wie ihr hier nix zu suchen ham, und niemand hat euch hier ham wolln.«

»Aber doch nicht freiwillig! Wir sind in ein Loch gestürzt, das wie eine Falle war!«

»Ändert nix dran. Ihr seid hier und habt hier nix zu suchen. Is’ unser Revier. Ihr habt’s verletzt. Die Altmutter wird sich ne Strafe überlegen. Sie is’ der Boss hier.«

»Platthauen«, murmelte der orange Troll, ohne dass jemand ihn beachtete.

»Und was ist mit unseren Sachen?«, fragte Rian

»Behält sie bestimmt. Schadenersatz.«

Die Elfe stöhnte. All die Schmuckstücke und anderen Geschenke, die ihnen den Weg hatten ebnen sollen, waren jetzt weg, gestohlen. Sie hätten mit so etwas rechnen und einen magischen Bann auf die Taschen legen sollen. Nicht dass sie nicht problemlos neue Sachen hätten besorgen können, sobald sie die lästigen Handfesseln los und wieder in der Menschenwelt waren – aber es würde sie Zeit kosten.

Sie hoffte, dass sie wenigstens ihre Lieblingshandtasche zurückbekommen würde, auch wenn die Schuhe, zu denen sie sie gekauft hatte, vermutlich verloren waren.

»Geht ihr oft in die Menschenwelt?«, fragte Rian, um sich auf andere Gedanken zu bringen.

Der Troll schüttelte den Kopf und knurrte. Sie bemerkte, dass die anderen ein wenig die Schultern hochzogen und die Köpfe hängen ließen.

»Altmutter hat’s verboten. Eigentlich schon immer, aber … jetz’ noch mehr.«

Rian musterte den Blauen. »Es ist aber doch deutlich zu sehen, dass ihr alle öfter dort wart. Oder ist das alles durch eure Löcher gefallen?«

»Nee.« Er steckte einen Finger in den Mund, fuhr sich über die Zähne und begann, mit seinen Fingernägeln an einer Zahnlücke herumzubohren.

»Wir warn früher ab un’ zu oben«, sagte eine angenehme Stimme hinter Rian. Sie sah sich um. Hinter ihr lief eine Trollin mit so kurzem und hellem türkisfarbenem Fell, dass es fast als Haut hätte durchgehen können. Wo die Ärmel des weißen T-Shirts endeten, waren aufgemalte dunkelrote Ornamente zu sehen, die an Tribal Tattoos erinnerten. Auch die Ohren waren mit mehreren Clips bestückt, und ein kleiner Clip mit funkelndem Stein klemmte am linken Nasenflügel.

Wieder blitzten Rian spitze Zähne entgegen.

»Schöner Schmuck«, sagte Rian.

»Danke. Is’ halt Mist, dass wir uns nix stechen lassn könn’. Wächst alles in nem Tag oder zweien wieder raus, das ist so zum …« Sie machte den Mund weit auf und deutete mit einem Finger rein, als wolle sie das Anstoßen des Brechreizes andeuten. Dann zeigte sie auf das Muster an ihrem Arm. »Tattoos sind auch nich’ drin. Bin stattdessen zu Henna übergegangen, das hält wenigstens ne Weile. Mein Fell nimmt die Farbe gut an.«

»Ah. Ich habe immer gedacht, es wäre eine gute Sache, wenn Wunden so schnell heilen wie bei euch, aber ich sehe, es hat auch Nachteile.«

»Is’ ja egal jetz’«, knurrte der Große. »Is’ eh Essig jetz’ mit den Ausflügen, wenn wir nich riskieren wolln, rauszufliegen. Also wird’s bald auch nix mehr sein mit Henna und so. Wird Jackie sich was anderes suchen müssen.«

»Jackie?«

»Das Mädel da. Jaksarani eigentlich, aber nennt sich Jackie.« Er machte eine Kopfbewegung zu der Trollin mit den Ornamenten.

»Tut mir echt leid, ich geh nämlich genauso wie du gern shoppen.«

Jackie winkte ab. »Null Problemo. Hab Schlimmeres erlebt und überlebt, wird sich auch wieder ändern. Was glaubste, wie die Menschen mich angeguckt ham, wenn meine Tarnung mal ’n bisschen nachgelassen hat?« Sie kicherte.

»Ich kann es mir vorstellen. Menschen haben leider meistens ziemliche Probleme mit allem, was ihnen fremd ist. Wir kennen das zur Genüge. David und ich haben eine Weile in Paris gelebt.«

»Echt jetz’?« Die Trollin bekam große Augen. »Ey, Paris … Wahnsinn. Wart ihr auch mal in New York? Da soll es ja echt hart hergehen.«

»Nein.« Rian schüttelte den Kopf. »Wir sind in Europa geblieben, in der Nähe zu Earrach. Wir sind ja nicht aus Spaß in die Menschenwelt gegangen.«

»Hat man euch rausgeschmissen?«, fragte der Blaue.

»Nein. Wir haben einen Auftrag.«

Der Troll knurrte. »Das is’, schätz ich, was, was ihr dann besser der Alten erzählt. Hrm, der Altmutter«, setzte er hinzu, als Jackie ihm einen Knuff gab. Er machte eine Handbewegung nach vorn. »Sind schon fast da, also denkt nach, was es euch so wert is’, hier wieder weg zu komm’ und nich für uns in den Pilzfeldern zu arbeiten oder von Bur plattgehauen zu werden.«

Dieses Mal war es definitiv ein Grinsen.

Die Hütten waren inzwischen von niedrigen Häusern abgelöst geworden. Es gab also auch unter den Trollen Unterschiede in Wohlstand und Ansehen. Die Häuser waren aus Holz gebaut, lang und schmal im Grundriss und mit Ried gedeckt, das jedoch an vielen Stellen Schimmelflecken hatte oder überwachsen war. Vermutlich hielt in Wirklichkeit nur Magie diese Häuser gegen den Verfall zusammen. Die Wände waren schräg, und zusätzliche, von außen dagegen gestemmte Balken stützten das Dachgebälk ab.

Das Haus, dem sie sich näherten, sah ähnlich aus, nur ein gutes Stück länger und breiter als die anderen. Außerdem war es aus Stein gebaut, und auf dem Dach lagen neue Ziegel. Rauch drang aus einem von mehreren hohen Kaminen und ließ die Leuchtkugeln umherwirbeln.

»Das Feuerhaus«, sagte der Große. »Is’ der einzige Ort im Dorf, wo Feuer brennen darf. Für manche Sachen isses halt ganz nützlich, und da essen wir dann auch alle, aber alles in allem mögen wir Feuer halt nich so gern. Is’ eben das einzige, das uns richtig wehtun kann. Naja, un’ Sonnenlicht. Und damit der Alt…mutter ihre Knochen nich kalt werden und sie mit’m Körper nich auch noch so starr wird wie in ihrem Kopf, sitzt se immer beim Feuer dabei.«

Sie erreichten das Haus. Ein Durchgang ohne Tür führte in das dunkle Innere hinein. Im hölzernen Türsturz darüber waren Runen eingeritzt, die böse Geister fernhalten sollten, wobei Rian sich fragte, wie die Magie die Unterscheidung machen sollte, wenn man bedachte, wie wenig die Trolle sich schon untereinander mochten. Dennoch spürte sie, dass echte Magie an dieser Stelle am Werk war.

Hinter der Tür empfing sie ein großer dunkler Raum, der nur zu einem kleinen Teil von flackerndem Feuerschein erhellt wurde, und ein eindringlicher, aber nicht unangenehmer rauchiger Geruch, der die Ausdünstungen der Trolle gnädig überdeckte. Die Lichtkugeln mochten wohl die Nähe des Feuers nicht, oder aber sie wurden absichtlich ferngehalten, um den Effekt der Flammen hervorzuheben.

Das ganze Haus diente offensichtlich nicht zum Wohnen, sondern war ein Gemeinschaftshaus. Es war nur mit Säulen und einfachen Stellwänden unterteilt. An jeder Seite waren mehrere Feuerstellen zu erkennen, teilweise einfache offene Feuerschalen, teilweise Kamine und Öfen aus Lehm, Stein oder Metall. Anhand der Bauformen und der dabei liegenden Geräte war erkennbar, dass jede Stelle zu etwas anderem diente: zum Kochen, Backen, Räuchern, Grillen und Braten. Im Moment war allerdings keine davon angefeuert, obwohl sich in einigen Ecken Trolle herumtrieben und Dinge taten, die Rian nicht genau erkennen konnte.

In der Mitte des Raums flackerte ein großes Feuer, in einer Feuerstelle, die nur von einem Kreis von Setzsteinen eingegrenzt war. Mehrere Holzscheite lagen sorgfältig aufgeschichtet in den Flammen und spendeten Licht in einem Umkreis von mehreren Metern. Immer wieder stiegen Funken auf, wenn die Restfeuchtigkeit im Holz es zum Platzen brachte oder Teile auseinanderbrachen. Ähnlich den Lichtkügelchen tanzten die Funken in der Luft und wurden dann nach oben abgesogen. Etwas erzeugte auch ohne einen gebauten Abzug hier den notwendigen Sog, um den Rauch zum Großteil durch das Dach nach außen zu lenken.

Dicht beim Feuer saß eine einzelne massige Gestalt zusammengesunken und anscheinend schlafend auf einem hochlehnigen und breiten Sitz aus dunklem Holz. Felle polsterten die Sitzfläche und hingen über die geschwungenen Armlehnen, auf denen ihre dicken Arme ruhten. Langes graues Haar hing in fettigen Strähnen von ihrem nach vorn gesunkenen Kopf und verdeckte ihr Gesicht. Unter den Zotteln trug sie ein wohl ehemals ansehnliches burgunderrotes Kleid mit Goldstickerei, das nun aber ausgebeult, abgewetzt und fleckig um ihren Körper hing. Die Finger waren trotz ihrer Körperfülle erstaunlich dürr und von grauer, glatter Haut überzogen.

Die Haltung der Trolle, die Rian und David hierhergebracht hatten, hatte sich seit dem Eintreten in das Haus deutlich geändert. Ihr vorheriges sorgloses Selbstbewusstsein war zunächst einer gewissen Unruhe und sogar Anspannung gewichen, und als sie sich nun der Gestalt näherten, wurden ihre Schritte immer kürzer und zögerlicher. Mehrere Meter entfernt blieben sie schließlich stehen, und es dauerte einen Moment, ehe der Große tief einatmete, weiter vortrat und dann in die Hocke ging, die wohl einem Kniefall gleichzusetzen war. Eine Faust auf dem Boden und den Kopf ein wenig gesenkt sagte er:

»Altmutter, wir haben die Gefangenen gebracht.«

Seine Stimme klang scheu, und nichts war mehr von der Respektlosigkeit zu spüren, die er zuvor im Gespräch gezeigt hatte. Selbst seine Aussprache war deutlich bemühter.

Die Alte atmete keuchend ein und schnaubte, ehe sie langsam den Kopf hob. Eine große Hakennase war das Erste, was zwischen den Zotteln hervorstach, und ein spitzes Kinn, das dieser Nase entgegenzustreben schien. Dann schüttelte die Alte die Haare beiseite. Wangen wurden sichtbar, auf denen die Haut graue Falten bildete, und darüber glosten schwefelgelbe Augen.

»Sieh an, sieh an. Die Elfenvögelchen sind da«, ertönte ein hohes Krächzen.

David atmete scharf ein.

»Birte!«, flüsterte er.

8.
Licht und Schatten

Ainfar fiepte leise und ließ seine kleine Hand über einen der Gitterstäbe des Käfigs gleiten.

»Ich weiß, Kleiner«, sagte Melemida, ohne die tägliche Umgestaltung des Eingangsraums zu unterbrechen, die zu ihren Aufgaben gehörte. »Aber ich kann dich nicht rauslassen, selbst wenn ich es wollte. Die Königin hat deinen Käfig mit ihrem eigenen Siegel verschlossen. Und damit hast du noch richtig Glück gehabt. Der Getreue hätte dir vermutlich genüsslich jedes einzelne Fellhaar herausgerupft und dann angefangen, dir die Haut in kleinen Streifen abzuziehen, wenn sie es erlaubt hätte.« Sie kicherte kurz. »Ich wüsste ja zu gern, was du dort drinnen gesehen hast …«

Ainfar sank wieder auf seine Hände hinunter und betrachtete Melemida. Die Zweige und Borkenstücke, die sie unter Bandorchus Zorn verloren hatte, wuchsen allmählich wieder nach, und sie wirkte nicht mehr wie ein in den Sturm geratener alter Baum, sondern gewann langsam etwas von der Biegsamkeit und Frische eines Sprösslings zurück.

Die Königin war wütend darüber gewesen, dass sie in den Augen Bandorchus die Aufsicht über Ainfar – oder »Ariàn«, wie sie ihn genannt hatte – vernachlässigt und dadurch ihr Schoßtier in Gefahr gebracht hatte. Sie hatte Melemida übel misshandelt, und die Zofe musste danach für einige Zeit mit den Sammlern auf die Ebene. Doch inzwischen hatte die Königin sie zurückgeholt, und die Dryade ging ihren gewohnten Pflichten nach.

Der Tiermann hätte es verstanden, wenn Melemida ihrerseits ihm das Geschehene nachgetragen hätte, doch es schien, als dächte sie nicht einmal daran. In dieser Welt war ein anschmiegsames Schoßtierchen, wie er es darstellte, etwas, das selten war und daher behütet wurde. Das hatte ihm auch das Leben gerettet, als er staubbedeckt und benommen am Boden von Bandorchus Schlafzimmer nach kurzer Bewusstlosigkeit wieder zu sich gekommen war.

»Er gehört mir! Wage es nicht noch einmal, ihn anzugreifen!« Die schneidende Kälte in der Stimme der Königin hatte Ainfar erschauern lassen. Ein Blick nach oben zeigte ihm, dass der Stiefelabsatz des Getreuen nicht mehr über ihm hing. Mit schmerzendem Kreuz raffte er sich wieder auf, um dorthin zu sehen, wo Bandorchu hoch aufgerichtet stand. Ihr Gesicht war zu einer eisigen, von goldenem Haar wie Flammen umlohten Maske erstarrt, und der harte Blick ihrer Augen bohrte sich förmlich in ihr Gegenüber. Ihre Gedanken hatten um ihren Leib ein feuerrotes Kleid geboren, das ihren Zorn mit den Wellen unterstrich, mit denen der Stoff über ihren Körper wogte.

Auch den Getreuen ließ all das offensichtlich nicht unberührt. Mit gesenktem Kopf stand er leicht gebeugt vor ihr, die Hände in die Ärmel seiner Robe geschoben. Er wirkte, als warte er einen Sturm ab.

»Verzeiht, meine Königin. Ich dachte, es sei nur irgendein Tier, das von draußen hereingeschlüpft sei. Ich konnte nicht ahnen, dass Euch etwas an ihm liegt.« Seine Stimme war sanft, fast schon unterwürfig.

Sie schüttelte unwillig ihr Haar zurück. »Jetzt weißt du es. Und ich erwarte, dass du in Zukunft mein Urteil abwartest, ehe du in meinen Mauern deine Macht gegen einen meiner Untertanen einsetzt.«

Der Kopf des Getreuen hob sich ein Stück, und einen Moment schien es fast, als wolle er widersprechen, als würde es zu einem Messen der Kräfte zwischen ihm und der Herrscherin kommen. Einen scharfen Atemzug lang lag unerträgliche Spannung in der Luft. Doch dann deutete der Dunkle eine Verbeugung an.

»Wie Ihr es wünscht, Herrin.«

Ein Lächeln ließ Bandorchus Gesicht aufleuchten. Sie musterte den Getreuen zufrieden und legte eine Hand auf seine Brust. Die dunkle Robe bebte leicht unter einem Schauder, der den Mann offensichtlich bei dieser Berührung überlief. Er sank vor ihr auf die Knie, und sie legte lächelnd eine Hand auf seinen Kopf.

Dann wandte sie sich Ainfar zu, und etwas von der vorherigen Kälte kehrte in ihren Blick zurück.

»Und nun zu dir, du neugieriger kleiner Störenfried …«

Seither lebte er in diesem Käfig, außer wenn die Königin ihn mit sich nahm. Diese Gelegenheiten schienen allerdings zuzunehmen. Zudem kümmerte sie sich jetzt stets persönlich um ihn, anstatt ihn Melemida zu überlassen. Das gab ihm mehr Gelegenheiten als früher, sich an sie zu schmiegen und sie mit seinem weichen Fell zu liebkosen, oder sie mit seinen großen Knopfaugen anzusehen und all die kleinen Gesten zu vollführen, von denen er wusste, dass sie Bandorchu in Entzücken versetzten. Trotz des Käfigs war er sicher, ihre Zuneigung zurückgewonnen oder sogar über das alte Maß hinaus gesteigert zu haben.

Aber was nützt mir das alles, wenn ich keinen der Momente unbeobachtet bin, in denen ich frei bin?

Er war in mehr als einer Hinsicht aufgewacht, als er das Bewusstsein nach seinem Sturz wiedererlangt hatte. Plötzlich war ihm klar geworden, dass er sich erneut vergessen hatte. Wieder war sein eigentliches Ziel aus seinen Gedanken gedrängt worden durch das Leben, das er hier führte – nur war er dieses Mal in Glückseligkeit versunken anstatt in Lethargie. Wäre seine Neugier nicht gewesen, vielleicht wäre es ihm nie mehr bewusst geworden.

Und nun weiß ich Dinge, die lebenswichtig sind für Fanmór und das Reich der Crain, und kann sie nicht weitergeben. Ich kann nicht einmal nach einem Weg suchen, es zu tun.

Wären es nur die Gitterstäbe gewesen, hätte Ainfar leicht die Gestalt zu etwas noch Kleinerem wechseln können, um hinaus zu schlüpfen. Doch mit ihrem Siegel hatte die Königin einen Bann um den Käfig gelegt, der ihm nicht einmal erlaubte, die Nase zwischen den Stäben hindurch zu stecken. So half es ihm auch nicht, dass niemand ahnte, wie er wirklich in Bandorchus Zimmer gelangt war. Alle gingen davon aus, dass er gemeinsam mit dem Getreuen durch die Tür geschlüpft war und sich die ganze Zeit dort aufgehalten hatte.

Wäre er nur frei gewesen, dann hätte er alles Wissen sammeln können, das Fanmór brauchte. Das Netz dieser kleinen Schlitze, die in der Zitadelle verteilt waren, hätte ihm erlaubt, unbemerkt überall hinzugehen, alles zu belauschen und zu beobachten …

Und wozu? Mit wem willst du dein Wissen teilen?

Ainfar ließ den Kopf hängen, trottete in die Mitte des Käfigs und rollte sich zusammen. Solange er keinen Weg fand, Verbindung zu Regiatus aufzunehmen, war alles Sammeln von Wissen nur Vorwand, um das Leben im Schattenland nicht als ganz so sinnlos zu empfinden. Und es war nicht das schlechteste Leben, das er führte, das musste er zugeben. Er hatte keine Verpflichtungen, außer die Königin zu erfreuen, konnte mit ihr an der Tafel speisen und in seinem goldenen Käfig auf einem Lager aus Seidenstoff und weichem Nymphenhaar schlafen.

Der einfachste Weg wäre, dem Vergessen nachzugeben und zu werden, was er bisher nur vorgab zu sein. Er würde ohnehin nie einen Weg hinaus finden. Nichts verließ das Schattenreich, außer denen, für die die Königin mühsam ein Tor öffnete.

Aber muss ich denn selbst gehen? Sie schickt Diener, die in ihrem Auftrag handeln – könnte ich nicht vielleicht ebenso einen Boten schicken, anstatt selbst zu gehen?

Der Gedanke ließ ihn sich aufsetzen.

Warum sollte es nicht möglich sein? Sie erschuf die Tore hier, in ihren Gemächern. Er konnte versuchen, in solch einem Moment etwas hinauszuschmuggeln. Aber dafür musste er erst wieder aus diesem Käfig herauskommen. Er brauchte Freiheit … und er musste dafür der Königin womöglich noch näher kommen.

»Hier, mein Kleiner. Ein Nachtisch.« Zwischen ihren schlanken Fingerspitzen hielt Bandorchu ihm eine Wurzel hin.

Ainfar richtete sich dort auf, wo er neben ihrem Teller in der Mitte der oberen Tafel saß, an der er selbst früher einmal bedient hatte. Andere begleiteten jetzt die Schüsseln und Platten mit ihrem Singsang und legten der Königin und ihrem Hofstaat vor. Und Ainfar wurde nun bedient, von niemand anderem als der Königin selbst.

Seine kleinen Pfoten griffen nach dem Wurzelstück, während er der Herrscherin einen langen Blick aus glänzenden schwarzen Knopfaugen schenkte und dabei mit der Nasenspitze zuckte. Sie lächelte.

»Immer bedacht, mir zu gefallen. Du bist wirklich der treueste meiner Untertanen.« In ihrer seidigweichen Stimme klang ein gurrender Unterton mit, der Ainfars Innerstes erzittern ließ. Irgendwo in ihm klang der alte betäubende Kreisgesang wieder auf … sie mag mich … sie genießt meine Nähe … Er blinzelte und drängte es zurück.

Nicht wieder vergessen. Ich darf mich nie wieder vergessen. Ich habe ein Ziel.

Er senkte den Blick auf die Wurzel und konzentrierte sich darauf, sie auf manierlichste Weise zu verspeisen, zum Entzücken der Königin und aller anderen Wesen am Tisch, die mit leisen Freudenlauten jede seiner Bewegungen kommentierten.

Schranzen, dachte Ainfar abfällig. Wie viele von ihnen meinen wohl, was sie sagen, und welche hoffen nur, auf diesem Weg der Königin zu gefallen?

Er schob sich den letzten Bissen Wurzel in den Mund, leckte die Finger ab und sah zu Bandorchu auf. Erneut ließ er die Nasenspitze zucken und streckte sie ihr entgegen.

»Du kleiner Strolch, du bettelst ja … aber wenn du noch mehr isst, passt du irgendwann nicht mehr durch die Käfigtür.«

Ainfar zuckte zusammen, als er das Wort hörte, ließ sich auf seine Vorderpfoten sinken und sah die Königin aus großen Augen an. Sie lachte auf und ließ ihren Zeigefinger über seinen Rücken gleiten. Er streckte den Körper, um den Moment der Berührung zu verlängern, und hob den Kopf, um seine Wange an ihrer Hand zu reiben. Bandorchu beugte sich vor und sah ihm in die Augen.

»Also gut, kleiner Racker, du hast gewonnen«, flüsterte sie. »Kein Käfig mehr für dich. Aber ich werde trotzdem dafür sorgen, dass du keine ungeplanten Ausflüge mehr unternimmst. Ich werde dich nämlich keinen Moment mehr aus meiner Nähe lassen.«

Ainfar glaubte, sein kleines Herz müsse zerspringen.

Keinen Moment ohne sie … Er hatte die Glückseligkeit erreicht.

»Und damit ich sicher sein kann, dass du dich nicht doch davonstiehlst, werde ich dich an die Leine legen.«

Sie musste es erdacht haben, während er nur in ihre Augen gesehen und wenig Acht auf die Berührung ihrer Finger an seinem Hals gegeben hatte. Doch nun lösten sich ihre Fingerspitzen, und die Wärme wurde durch etwas Kaltes, Hartes ersetzt. Erschrocken hob er die Pfoten zu dem Ding an seinem Hals und versuchte, dorthin zu schielen.

»Oh, was für ein edles Halsband.« Eine Hofdame schlug mit entzücktem Gesichtsausdruck die Hände zusammen. »So hübsche Kristallsplitter, und ganz in Silber gefasst, und … ist das Rote darunter Seide oder Haut?«

Ainfar schüttelte sich bei dem Gedanken, es könne die Haut irgendeines Wesens aus den Katakomben sein.

»Seide«, antwortete Bandorchu und streckte erneut die Finger aus, um Ainfar am Halsband hochzuheben. Einen Moment glaubte er, ersticken zu müssen, als er in der Luft hing, doch dann setzte sie ihn auf ihrer Handfläche ab.

»So, mein kleiner Ariàn. Mit diesem Band wirst du dich nie weit von mir entfernen können, es sei denn, ich wünsche es so. Und jetzt begeben wir zwei uns zur Ruhe.«

Sie erhob sich und ließ ihn in eine hinzugedachte Tasche in ihrem weiten Ärmel gleiten. Ein Freudentaumel erfasste ihn und zündete ein Feuerwerk in seinem Kopf, während ihr weiches Dahingleiten ihn sanft im Stoff ihres Gewandes schaukeln ließ.

Sie mag mich … sie will mich bei sich haben … sie teilt ihr Bett mit mir …

In diesem Moment wollte er mit keinem Wesen innerhalb oder außerhalb des Schattenlands tauschen.

Eng zusammengerollt lag Ainfar auf der seidigen Decke, hineingekuschelt in die Kniebeuge seiner Königin. Wie schon so oft ließ er seinen Blick ihre sich als schlanke Formen abzeichnenden Beine hinaufwandern, bis zu jener Stelle, an der sie sich vereinten. Keine Nacht verging, in der ihr Duft, das Geräusch ihres Atems, die Nähe ihrer Haut und die leisen Laute, die sie gelegentlich im Schlaf von sich gab, ihn nicht in Träume voller Leidenschaft warfen. Wie oft hatte er schon mit dem Gedanken gespielt, sich als Maus des Halsbandes zu entledigen während sie schlief und sich dann in seiner wahren Gestalt zu ihr zu gesellen.

Er schloss die Augen, und seine Nase zitterte, während er ihren Geruch einsog und sich seinen Fantasien hingab. Ihre Haut zu berühren, ihren Atem einzusaugen, während seine Lippen sich ihren näherten, mit seinen Fingern ihre Brüste zu umstreichen, bis die Höfe sich zusammenzogen und die Brustwarzen der kühlen Luft entgegenhoben …

Bandorchu stöhnte leise und streckte die Beine aus. Ainfar schreckte auf. Die näher rückenden Beine schoben ihn aus seiner Kuhle und drückten ihn so tief in die seidigen Falten, dass er in Gefahr geriet, zu ersticken. Strampelnd befreite er sich von dem Stoff und krabbelte vom Körper der Königin weg. Alle Träume darüber, was seine Hände und seine Lippen auf ihrer Haut tun würden, waren wie weggeblasen. Hastig kletterte er zu den Kissen hinauf, die am Kopfende des Bettes verteilt waren, und brachte sich auf einem von ihnen in Sicherheit, während Bandorchu sich umdrehte. Ihr Gesicht wandte sich ihm zu, und die Elfe schlug die Augen auf.

Wie immer fühlte Ainfar sich sofort von ihrem Blick gebannt.

»Ariàn«, murmelte sie und streckte die Hand aus, um über sein Fell zu streichen. Die Berührung jagte einen wohligen Schauer über seinen Rücken. Im nächsten Moment setzte sie sich auf, und ein Funkeln trat in ihre Augen.

»Er kommt zurück«, flüsterte sie. »Ich spüre ihn. Er hat das Tor durchschritten, das ich für ihn erschaffen habe.« Hastig stand sie auf und hüllte sich mit nicht mehr als einer Handbewegung in ein Gewand von demselben Smaragdgrün wie ihre Augen. Ainfar setzte sich auf. Die Gier, die in ihrem Ausdruck lag, machte ihm Angst. Falten und Schatten entstanden in ihrem Gesicht, als wolle die Haut sich straff über den Knochenschädel spannen, wie bei einer lebenden Toten. Das Leuchten der Augen schien auf einmal aus tiefen, dunklen Höhlen hervorzudringen.

»Endlich. Endlich erhalte ich wieder Nahrung …«

Ainfar blinzelte und setzte sich auf. Unwillkürlich entfuhr ihm ein fragendes Fiepen.

Bandorchu drehte sich um, und ihr Gesichtsausdruck wurde wieder weich, als ihr Blick auf ihn fiel. »Ja, du magst dich wundern. Du brauchst nichts für deine Ernährung als Essen und Trinken. Aber ich brauche mehr. Materie allein kann meinen Hunger nicht stillen, kleiner Silberling, und keine Reiche erschaffen wie das meine hier.« Sie breitete die Arme aus und drehte sich einmal um sich selbst. »Es benötigt wahre Macht, nicht nur ein wenig Begabung im Umgang mit Magie. Und wahre Macht braucht wahre Nahrung …«

Die sonst so reine Stimme erhielt einen kratzenden, gierigen Unterton, der die Schönheit verzerrte und entstellte, sie ins Gegenteil verkehrte, stärker als wenn sie von grundsätzlicher Hässlichkeit gewesen wäre. Ainfar kuschelte sich wieder in sein Kissen. Diese Bandorchu wollte er nicht sehen und nicht hören! Sie musste schön sein, immer schön!

Es war der Getreue, der diese Hässlichkeit in ihr hervorlockte. Er war schuld an allem, da war sich Ainfar nun sicher. Auch wenn er immer noch nicht begriff, wovon seine Königin sprach, es war klar, dass es etwas mit diesem Fremden zu tun hatte, der sich in die Gemeinschaft um Bandorchu gedrängt und den Platz als Favoriten an ihrer Seite beansprucht hatte.

Wie sehr Ainfar ihn hasste!

Ainfar nagte an der Nuss, die Bandorchu ihm gegeben hatte, und sah immer wieder zu der Tür, die zum innersten Gemach der Königin führte. Seit sie von der Audienz mit dem Getreuen zurückgekehrt waren, hatte sie sich darin eingeschlossen. Ainfar hatte sie in ihrem privaten Wohnraum davor gelassen, den er wegen des roten Halsbands nicht ohne ihren Willen verlassen konnte. Aber im Gegensatz zum Käfig würde hierbei eine einfache Verwandlung genügen, um das zu umgehen. Doch noch zögerte er.

Er dachte mit Schaudern an die Audienz zurück. Die Gegenwart des Getreuen jagte ihm nach wie vor Angst ein, und einen Moment hatte seine Nähe alle Pläne Ainfars sinnlos erscheinen lassen. Doch er hatte den Moment überstanden, und mehr denn je war er jetzt entschlossen, alles herauszufinden, was von Bedeutung sein mochte.

Und das, was der Getreue der Königin übergeben hatte, mochte von Bedeutung sein, auch wenn Ainfar noch nicht begriff, warum und wie. Aber die aufflackernde Gier, mit der sie den Sack bei der Übergabe betrachtet hatte, und die Hast, mit der Bandorchu danach in ihre Gemächer zurückgekehrt war, sagten Ainfar eindeutig, dass er das enthielt, weswegen sie die Rückkehr des Getreuen so herbeigesehnt hatte.

Ainfar fragte sich, was in dem Sack sein mochte. Etwas Lebendes auf jeden Fall, denn das Gewebe hatte sich immer wieder ausgebeult, als versuche etwas verzweifelt, daraus zu entkommen. Als Erstes waren ihm kleine Tiere in den Sinn gekommen, aber das hätte nicht die starke Aura gerechtfertigt, die den Sack umgab. Es war etwas darin, das von gewöhnlichem Stoff nicht gehalten werden konnte. Ein Geisterwesen vielleicht?

Er würde es nicht wissen, bis er es gesehen hatte.

Ainfar schloss die Augen. Es wurde Zeit, seinem Plan zu folgen und mehr herauszufinden. Es war gefährlich, sicher – aber was wären seine Pläne noch wert, wenn er nicht bereit war, Gefahren dafür auf sich zu nehmen?

Er löste das Bewusstsein seiner jetzigen Gestalt auf, das er im hintersten Winkel seines Denkens festhielt, und ersetzte es durch das einer neueren, kleineren: Eine winzige graue Maus, wie sie überall zuhauf vorkamen, als scherten sie sich nicht um Grenzen von Welten und Zeiten und seien die eigentlichen Herrscher des Universums. Er umfasste das Bild und gab ihm die Energie, die es brauchte, um Wahrheit zu werden.

Seine Haut zog sich zusammen, und ein schmerzliches Fiepen entkam seinen Mund, ehe er es aufhalten konnte. Mit spürbarem Knirschen verschoben seine Knochen sich, ehe sie schrumpften, und etwas schob sich schmerzhaft am Steißbein aus seinem Körper. Er verlor das Gleichgewicht. Spastische Zuckungen durchliefen seinen Körper. So lange lag die letzte Verwandlung zurück, dass er fast vergessen hatte, wie es sich anfühlte, wie viel zerrender Schmerz darin lag. Es war nur ein kurzer Moment, doch einer, der sich in die Ewigkeit zu dehnen schien.

Die Tasthärchen um seine Nase zitterten, als er die Augen wieder öffnete. Ihm wurde schwindelig beim Anblick des plötzlich ins noch Größere verzerrten Raumes, obwohl der Unterschied in der Größe gering war gegen das, was er bei der Aufgabe seiner Elfengestalt erlebt hatte. Doch vielleicht war es gerade das fast-richtig, das die Wahrnehmung verschlimmerte – als sähe man durch ein Wasserglas. Alles blieb erkennbar und war dennoch verzerrt und in falscher Perspektive.

Hastig trippelte Ainfar aus dem Halsband heraus, kauerte sich hin und leitete die Rückverwandlung ein. Jede Nutzung von Magie mochte ihn verraten, doch als Maus würde es ihn zu viel Zeit kosten, die Schlitze zu erreichen. Dieses Mal auf den Schmerz vorbereitet gelang es ihm, ihn auszublenden. Erleichterung durchströmte ihn, als er die Augen wieder öffnete und alles erneut so war, wie er es gewohnt war.

Im nächsten Moment jagte er auch schon über den Boden und sprang über Stuhl und Tischchen zu den Wandverzierungen hinauf, die ihm erlaubten, die gebogenen Schlitze zu erreichen. Er erinnerte sich noch klar an seinen ersten Ausflug, als er den Zugang zum Schlafgemach gesucht hatte. Einer seiner Fehlwege hatte ihn in den Raum geführt, in den er nun wollte, und er hatte sich den Weg sorgfältig eingeprägt. Ainfar huschte hinaus in das grelle Licht und die scharfen Schatten, die über die Wände des dunklen Kristallpalastes huschten, orientierte sich einen kurzen Moment anhand der Stuckaturen und schlüpfte dann durch ein schmales Loch.

Ein hoher, klagender Ton empfing ihn, der seine Härchen sich aufstellen ließ. Zuerst hielt er es für ein Geräusch des Windes, der sich an einer Mauerverzierung fing. Doch je weiter er durch die Mauer drang, umso deutlicher wurde der Laut, und umso mehr fuhr er ihm in die Knochen.

Wie die Klage einer Banshee, dachte er.

Schließlich erreichte er das Ende des Tunnels. Er streckte den Kopf hinaus und sah sich um, doch die Wandfläche war hier so geneigt, dass sich ihm lediglich eine Ecke des düsteren, von flackerndem Licht erfüllten Raums offenbarte. Die Schlitze waren offensichtlich Teil eines Reliefs, das er nicht genau erkennen konnte. Es schien jedoch genug Halt zu bieten, dass er nicht in den Raum fallen würde.

Mühsam zwängte Ainfar sich durch die Öffnung, die gerade groß genug war für seinen Körper, und fand sich in der Darstellung eines Käfigs wieder, in dem Skelette und halb verweste Kadaver mit gebrochenen Knochen und schwärenden Wunden hingen. Der Anblick ließ in ihm Übelkeit aufsteigen, und sein erster Impuls war, sich wieder zurück in den Gang zu schieben.

Was für ein Wesen kann derartige Freude an Grausamkeit haben, dass es solche Bilder in seinen Gemächern haben will? Hat Bandorchu etwa ebenso viel Freude am Leid anderer, wie man es dem Getreuen nachsagt? Ich dachte immer, sie sei nur so hart wie es erforderlich ist, um ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten … doch das hier ist mehr als das!

Der Ton, der Ainfars Weg durch den Tunnel begleitet hatte, war in ein leiseres Wimmern übergegangen. Er löste den Blick von den Schreckensbildern um ihn herum und drehte den Kopf zum Raum, um herauszufinden, welches gequälte Wesen diesen Laut hervorbrachte.

Er sah direkt in die schreckgeweiteten Augen Bandorchus.

Ainfars Herz setzte für einen Schlag aus, dann begann es vor Angst zu rasen.

Sie sieht mich …

Doch es wirkte nicht, als würde die Königin ihn wahrnehmen, denn sie zeigte keinerlei Reaktion. Es war Zufall gewesen, der seinen Blick dem ihren hatte begegnen lassen. Ihre Augen huschten durch den ganzen Raum, während ihre Hände immer wieder tastend über ihr Gesicht glitten.

»Was ist nur aus mir geworden«, flüsterte sie. »Wer bin ich … was bin ich …«

Der Sack, den sie vom Getreuen erhalten hatte, lag zu ihren Füßen, leer, soweit Ainfar das beurteilen konnte. Sie taumelte ein wenig, trat darauf und geriet ins Rutschen, fing sich jedoch sofort wieder. Ein Ausdruck schierer Panik breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie auf das schwarze Tuch hinunter sah.

»Seit wann brauche ich das? Wann bin ich so geworden? Wie konnte das geschehen?«

Es war der reine helle Klang von Bandorchus Stimme, doch es war, als würde eine andere sie benutzen. Niemals hatte Ainfar die Stimme in dieser Art zittern oder brechen hören. Niemals zuvor hatte er Verzweiflung oder vielmehr abgrundtiefen Horror darin gehört.

»Was für ein … Unding bin ich geworden?«

Erneut fuhren ihre Finger über ihre Wangen, krümmten sich und hinterließen rote Striemen. Ihre Augen quollen so sehr hervor, dass Ainfar glaubte, sie müssten im nächsten Moment als grüne Kristalle herausfallen. Doch stattdessen löste sich lediglich glasklares Wasser, rann über ihre Haut und fiel in glitzernden Tropfen zu Boden, um dort aufzuplatzen und in winzigen Spalten und Rissen zu versickern.

»Was für ein Monster frisst Seelen, um die eigene Macht zu erhalten?«, flüsterte sie.

Kälte fuhr in Ainfars Knochen, als stünde der Getreue neben ihm.

Seelenfresser?

Wenn es das war, was Bandorchus Macht erhielt, dann hatte sie wirklich die letzte Grenze überschritten. Dann war sie nicht mehr als ein Monster.

Aber was geschieht hier?

Bandorchus Kopf fuhr herum. Sie musterte die Steinwächter, die als bedrohliche Schatten in den Ecken standen, und die umherschwirrenden Kristallwespen, mit denen Bandorchu kürzlich die Herztöter ersetzt hatte. Sie verhielten sich unruhig, als spürten sie, dass mit ihrer Herrin etwas nicht stimmte. Einen Angriff wagten sie jedoch nicht.

Bandorchus Blicke streiften die Wände, irrten weiter, als wolle sie nicht sehen müssen, was sich ihr dort bot. Schließlich warf sie den Kopf zurück, legte die Hände an die Ohren und schloss die Augen, als sei ihr alles um sie herum unerträglich. Die Perlen auf ihrem hochgetürmten Haar lösten sich und fielen wie ein milchiger Regenschauer zu Boden, während die gelöstem goldenen Strähnen ihnen wie ein Sturzbach folgten. Erneut stieg der Klagelaut aus ihrer Kehle auf.

»Ich will das nicht … das bin nicht ich! Ich bin Gwynbaen … ich bin Gwynbaen …«

Ainfars Magen zog sich zusammen. Gwynbaen! Wie lange hatte er diesen Namen nicht mehr gehört?

Seit sie im Schattenland lebten, hatte die Königin sich nur noch Bandorchu nennen lassen, die Dunkle Frau. Ainfar erinnerte sich vage an die Frau, die sie vor dem Krieg gewesen war. Er hatte sie nur einmal gesehen, doch damals hatte sie Güte und Weisheit ausgestrahlt, und eine Wärme, die nichts mit dem Begehren zu tun hatte, das jetzt so viele an sie band. Er war stets der Meinung gewesen, er wäre damals einer Täuschung erlegen, einer bewussten Illusion. Doch nun verdichtete sich die Annahme, dass es die wahre Gwynbaen gewesen war. Was hatte sie so sehr verändert? Was hatte sie in den Krieg getrieben, der so viele Elfen das Leben gekostet hatte?

Ein Knurren ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken. Bandorchu hatte den Kopf wieder gehoben, und ihr Gesicht hatte sich erneut verändert, strahlte Winterkälte aus. Ihre Finger tasteten über die Kratzer, die sie sich selbst zugefügt hatte, die Haut schloss sich darunter und nahm wieder die gewohnte blasse Tönung an. Sie schnaubte verächtlich.

»Warum muss einem jeglicher Genuss verleidet werden!«, fragte die Königin mit schneidender Stimme den leeren Raum. Sie hob die Hand, und eine der Kristallwespen ließ sich mit zufriedenem Surren darauf nieder. »Egal. Ein wenig Ruhe noch, um zu genießen, dass ich endlich wieder satt bin … und dann werde ich meinen treuesten Diener belohnen.«

Ainfar hatte genug gesehen. Bandorchu würde bald den Raum verlassen und sein Fehlen bemerken. Hastig drückte er sich durch den Schlitz, rannte und schlitterte durch die Schächte zurück in den Vorraum und ließ sich auf den Boden hinunter fallen. Direkt an das rote Stofffutter gedrückt begann er die Verwandlung und stoppte, als er merkte, dass der Kopf noch nicht richtig durch das Halsband gedrückt war. Er schob den Kopf in Position und setzte die Verwandlung fort. Dann ließ er sich erschöpft sinken. Wellen von Schwindel trieben über ihn hinweg, die nicht nur von der Anstrengung kamen, sondern auch von dem, was er gesehen hatte.

Die Tür zu Bandorchus Gemach öffnete sich, und sie kam heraus. Ihre Haare waren wieder in verschlungenen Flechten hochgesteckt und mit Perlen und Smaragden verziert, die mit ihren Augen um die Wette leuchteten. Eine spürbare Aura der Macht umgab sie, und die Sattheit, die sie ausstrahlte, ließ Ainfars Magen sich zusammenziehen, als sie sich hinunterbeugte, um ihn zu kraulen.

»Du musst noch etwas warten«, gurrte sie. »Ich erwarte Besuch und muss mich gebührend darauf vorbereiten. Sobald er sich verabschiedet hat, bist du wieder mein einziger Schatz.«

Ainfar zwang sich, in gewohnter Weise seine Nase an ihrer Hand zu reiben. Sie lächelte ihn an, erhob sich und verschwand in ihr Schlafgemach. Der Tiermann hatte keine Zweifel, wer sie dort bald besuchen kommen würde. Vorsorglich verkroch er sich unter einem der Schränke. Das Letzte, was er jetzt ertragen konnte, war eine weitere Begegnung mit dem Getreuen.

Gwynbaen, dachte er. Sie lebt, irgendwo unter all der Kälte und Grausamkeit, die Bandorchu ausmachen. Und der Seelenfraß hat sie geweckt. Vielleicht gelingt es mir, sie das nächste Mal dauerhaft wach zu halten. Wenn es gelingt, die Veränderung rückgängig zu machen … und wenn ich Regiatus das mitteilen kann, dann nimmt es doch noch ein gutes Ende.

Erschöpfung überwältigte Ainfar, und er sank in einen unruhigen Schlaf.

9.
Unterland

Die Alte Trollin warf den Kopf zurück und lachte keckernd.

»Ich sehe, ihr habt meine liebe Schwester Bjartaki schon kennengelernt. Was für ein Zufall. Aber ihr solltet mich nicht mit ihr verwechseln. Zum einen bin ich um Klassen schöner …« Sie grinste, richtete sich im Stuhl auf und drückte die Brust vor, sodass ihr übergroßer Hängebusen voll zur Geltung kam. Dann tippte sie sich mit einem Finger gegen den Nasenflügel. »Und zum anderen bin ich ein gutes Stückchen schlauer. Glaubt also nicht, dass ihr mich so leicht überwinden könnt wie sie.«

»Ihr wisst von unserer Begegnung mit ihr?«, hakte Rian nach.

»Natürlich. Im Unterland reisen Nachrichten schnell, und Bjartakis Wutschrei, als ihr kleiner Liebling von euch ins Vergessen geschickt wurde, war kaum zu überhören.« Die Alte rieb sich die Hände und kicherte hämisch. »Ich muss sagen, dass ich allein deswegen schon geneigt bin, Milde walten zu lassen im Umgang mit euch. Aber rechnet euch dabei nicht zu viel aus. Ihr könnt froh sein, dass ihr überhaupt noch lebt. Die meisten ungebetenen Besucher landen bei uns entweder direkt am Bratspieß oder werden zu Pilzdünger und Fischfutter verarbeitet.«

Rian schluckte. Sie hatte nicht den Eindruck, dass die Trollin log oder übertrieb. Es überraschte sie nicht.

Die Augen der Alten funkelten. »So, wie ich die Dinge sehe, habt ihr jede Menge Probleme. Ihr seid mit einem Boot gekommen, weit von Süden, und ihr folgt dem Kalten Strom. Ihr dürftet einen triftigen Grund dafür haben, denn das ist nichts, was man aus Zufall macht, und das Ziel einer solchen Reise ist keines, zu dem man ohne Not reist. Wohin wollt ihr? Asgard? Jotunheim? Hel? Aber nein, Hel kennt ihr schon, oder zumindest das Land, zu dem es gehört. Ich kann den Schatten förmlich an euch riechen.«

»Wir wollen zum Weltenbaum«, antwortete Rian in der Hoffnung, dass die Alte dann aufhören würde, über Schatten zu reden. David runzelte die Stirn, sagte aber nichts, obwohl sie seinen Unmut spürte.

»Sieh an, sieh an. Die Vögelchen wollen zu einem großen Baum, aber wohl kaum, um sich dort ein Nest zu bauen, oder?«

»Was wir dort wollen, geht dich nichts an«, sagte David und verschränkte die Arme vor der Brust. »Aber du solltest uns besser nicht aufhalten, denn wir haben eine wichtige Aufgabe.«

»Soso-soso. Tssss. Die Überraschungen nehmen gar kein Ende. Und was für eine wichtige Aufgabe ist das? Wer hat sie erteilt?«

»Fanmór.«

»Ha! Fanmór!« Die Alte zog geräuschvoll hoch und spuckte auf den Boden. »Dass ich nicht lache. Warum sollte der alte Riese zwei solche Jungspunde wie euch ausgerechnet zu Yggdrasil schicken? Das ist eine Reise für Helden, nicht für Kinder!«

Rian spürte, wie Wut in David hochkochte und er zu einer hitzigen Entgegnung ansetzte. Hastig legte sie eine Hand auf seinen Arm. Ihre Blicke begegneten sich, und David presste die Lippen in eisigem Schweigen zusammen.

»Das mag sein«, sagte Rian daraufhin, wieder an die Alte gewandt, »aber wie die Menschen so sagen, erfordern ungewöhnliche Umstände manchmal ungewöhnliche Maßnahmen. Darum haben wir uns daran gemacht, diese Aufgabe zu erfüllen.«

Die Alte neigte den Kopf zur Seite und musterte Rian aufmerksam. »Das klingt nicht unbedingt, als hättet ihr Fanmór vorher um seine Meinung gefragt, falls ihr denn überhaupt etwas mit ihm zu tun habt.«

Rian zog nur leicht die Achseln hoch und lächelte schief. Tatsächlich war das nicht einmal unwahr, denn mehr oder weniger hatten sie den Auftrag durch Erpressung erhalten.

»Gut, gut. Ihr gefallt mir immer besser. Fanmór … es hat sicher schon schlechtere Herrscher gegeben, aber er hat für mein Empfinden die Finger in zu vielen Sachen drin, will zu vieles kontrollieren. Alles wissen, alles können, alles beherrschen. Ha!« Wieder glommen ihre Augen. »Nur Trolle beherrschen Trolle. Mit anderen gibt es Verhandlungen und Vereinbarungen, aber niemand kann uns etwas befehlen.«

»Ist das der Grund, warum Ihr sein Gebot der Weltentrennung ablehnt?«, fragte Rian neugierig.

Die Trollin zog die Stirn zu tiefen Runzeln zusammen. »Wer sagt, dass ich das Gebot ablehne? Es war eines der wenigen schlauen Dinge, die jemals von ihm gekommen sind! Aber die Jungtrolle da, die tanzen mir auf der Nase herum. Ha! Als ob ich das nicht wüsste. Als ob die Strafe nicht früher oder später jeden ereilen würde. Es gibt nichts, aber auch gar nichts, das im Unterland ohne mein Wissen geschieht.« Gewittergrollen klang aus ihrer Stimme, und die jungen Trolle sanken sichtlich in sich zusammen. »Lange habe ich gedacht, ihr werdet von selbst schlau werden, dass etwas Kluges hinter dem steckt, was die alte Volistaki sagt. Aber nein, es muss erst was passieren.«

»Ja, Altmutter«, murmelten die Trolle kleinlaut.

»Was ist denn geschehen, wenn ich fragen darf?«, fragte Rian erstaunt.

»Verloren haben sie sie«, zischte die Alte. »Verloren! Vier unserer Kinder … verloren!«

»Verloren? Wie verloren?«

»Sie sind ausgebüxt. Weggelaufen, alle zusammen, weil sie Menschenkram sehen und Menschenkram erleben wollten. Aber während die hier wiedergekommen sind«, sie deutete mit ihren langen Fingern auf die Jungtrolle, »haben sie die anderen allein gelassen. Und jetzt sind sie fort! Keiner von ihnen ist wiedergekommen. Keiner!« Ihre Stimme war zu einem wütenden Kreischen angestiegen, und ihre Blicke verschossen mörderische Blitze auf die Trolle, ehe sie langsam den Kopf senkte. »Wahrscheinlich werden wir sie nie wiedersehen. Und wofür? Für ein wenig Spaß mit lustigem Menschenkram.« Bitterkeit triefte aus den Worten.

»Sie sind bei den Menschen geblieben?«

Die Alte schüttelte den Kopf. »Nicht freiwillig, das ist sicher. Niemand von uns bleibt freiwillig oben, nur die, die nicht mehr runter dürfen, wie Bjartaki. Sie hat einmal zu oft gegen unsere wenigen Gebote verstoßen. Aber kein Unterland-Troll setzt sich freiwillig länger der Sonnengefahr aus. Andere Trolle leben in der Düsternis des Waldes oder im Schatten der Berghänge, denn unsere Art stirbt im Sonnenlicht. Unsere Haut verhärtet sich, außen wie innen, und wir ersticken, unsere Herzen bleiben stehen.«

Nicht gerade eine Todesart, die ich jemandem wünschen würde, der mir nichts getan hat, dachte Rian.

»Niemand bleibt freiwillig so lange oben, wie sie schon weg sind«, fuhr die Alte fort. »Hier in der Gegend sind sie nicht mehr, das haben wir herausgefunden, und weiter können wir nicht weg, ohne dass es zu gefährlich wird.«

Rian fuhr sich durch das Haar.

»Wir kennen uns bei den Menschen ein wenig aus, und wir können uns gefahrlos an der Oberfläche bewegen«, sagte sie. »Wenn ihr uns bei unserem Auftrag helft, werden wir euch bei der Suche unterstützen.«

Die Alte hob den Kopf und sah sie zwischen den Zotteln hindurch an. »Ja, was denn sonst?«, knarrte sie und kniff die Augen zusammen. »Was glaubt ihr, warum ich euch am Leben gelassen habe?«

Noch immer recht kleinlaut kauerten die fünf Trolle auf dem Boden der Hütte, zwischen den beiden Lagern, auf die David und Rian sich wieder gesetzt hatten. Der Orange, der zuvor so angriffslustig geschaut hatte, wirkte am kläglichsten. Zu einer Kugel zusammengerollt hielt er ein Stück Pilz in der Hand und presste und drückte daran herum, als könne ihm das Trost bringen.

»Das Ganze is’ jetz’, ich weiß nich, ich glaub sechs Tage her«, sagte Mikkilik, der sich selbst Mik nannte. »Wir waren mal wieder auf Tour … na ja, s’ is’, wie’s die Alte gesagt hat: Menschenkram halt. Als wir innen Ort kamen, wo wir uns sonst immer rumtreib’n, kam grad ’n Bus an, und da kam einer auf die Idee, doch mal rüber in die Stadt zu fahrn. Is’ ja nich mal ne Stunde, und es is’ ja noch so, dass die Nächte nich wirklich kürzer als die Tage sin’ un’ man zu ner guten Zeit da ankommt.«

»Kannst ruhig zugeben, dass das deine Scheißidee war«, knurrte Jolkvart alias Jok.

»In dem Moment hast’s aber nich als Scheißidee empfunden«, brauste Mik auf. Jok hob beschwichtigend die Hände und zog etwas den Kopf ein.

»Jedenfalls, wir ham den Bus genommen, und inner Stadt sin wir dann endlich mal in so’n Kino mit richtig großer Leinwand und gutem Sound gegangen, den neuen Horrorstreifen gucken.«

»So geil!«, schwärmte Jackie. »Als die Fledermäuse da rausflogen …«

Mik sah sie an, und sie schloss den Mund wieder.

»Dann sin wir noch in so ne Spielhalle, haben ein wenig mit Lasergewehren rumgeballert. Bo hier is’ schier ausgerastet da drin. Als die um Mitternacht dann zugemacht ham, wollt’n die annern vier noch in ne Kneipe. Aber ich hab gesagt, dass wir schaun müssn, den letzten Bus zu kriegn, weil’s mit dem ersten Bus am Morgen vielleicht schon hell is’, eh wir zu Hause sin. Die annern ham gesagt, der Frühbus würd’ bestimmt auch noch reichen, und falls es doch schon zu hell wär wenn der fährt, wollt’n se sich halt über den Tag im Bahnhof rumdrücken, oder ’n Zimmer innem Hotel nehm’. Solang wir nich im direkten Licht sin’ geht’s ja einigermaßen mit der Sonne, is’ zwar unangenehm und so, bewegen wird schwerer, aber ’s geht. Also hab ich gesagt, ›macht was ihr wollt‹, und wir fünf sin gegangen.« Er zuckte die Achseln und ließ den Kopf hängen. »Die sin bis heute nich zurückgekommen.«

Rian nickte. »Wisst ihr denn, in welche Kneipe die anderen wollten?«

Die Trolle schüttelten die Köpfe. »Nee«, antwortete Mik. »Wusstense ja selbst nich. Aber wir hatten da welche gesehn, wo fett Musik lief, und ich glaub, zu einer von denen wollten die.«

»Damit lässt sich vielleicht sogar etwas anfangen. Allerdings … ihr seid wahrscheinlich nicht in euren wahren Gestalten durch die Stadt gelaufen, oder?«

»Nee, natürlich nich. Obwohl du an manchen Abenden so schräge Gestalten rumlaufen siehst, da wür’n wir auch nich auffallen. Aber trotzdem, nee.«

»Könnt ihr uns beschreiben, wie die Verschwundenen ausgesehen haben?«

»Na ja … es warn zwei Jungs, Lassan und Murtik, un’ zwei Mädels, Umili und Mieli. Lassan … er is’ so ungefähr so groß wie Jok, aber als Mensch macht er sich größer, und er hat so schwarze lange Haare …« Mik wirkte zunehmend ratlos, während er versuchte, das menschliche Aussehen der Trolle zu beschreiben.

»Ich könntse zeichnen«, warf Jackie ein.

Rian klatschte die Hände zusammen. »Das wäre großartig! Dann könnten wir die Bilder benutzen, um andere Leute zu fragen, ob sie sie gesehen haben!«

Sie holten die Spielschachteln aus der Ecke und durchsuchten sie, bis sie einen Block mit Punktetabellen und einen Stift fanden. Auf den Rückseiten der Blätter begann Jackie, unter ständiger Diskussion mit den anderen, die Gesichter der Vermissten aufzuzeichnen. Unter die Ergebnisse, die von den anderen als zutreffend anerkannt wurden, schrieb Rian jeweils die Namen. Sicherheitshalber fertigte Jackie auch Skizzen ihrer wahren Gestalten an. Rian nahm sie alle an sich und wollte zu einem Bewahrungszauber ansetzen, als prompt die Metallbänder sich zusammenzogen. Sie stöhnte auf.

»Die Armbänder müssen aber auf jeden Fall weg, ehe wir gehen«, stellte sie fest. »Sonst können wir bei den Menschen nicht viel ausrichten, weil wir uns nicht einmal tarnen können.«

»Klaro«, sagte Mik. »Ihr werdet die Dinger los, sobald wir euch über die Grenze gebracht haben. Und wenn ihr mit unseren Freunden wiederkommt, bekommt ihr se auch nich wieder verpasst.«

»Das will ich hoffen!« Rian war froh, dass sie die Altmutter davon hatten abbringen können, einen von ihnen beiden als Geisel dazubehalten. Stattdessen hatte die Alte einen Bannfluch auf sie gelegt, der sie auf jeden Fall nach sieben Tagen hierher zurückziehen würde.

»Ein Tipp noch«, sagte Bo und entrollte sich. Seine Stimme klang erstaunlich weich, und Wasser schimmerte in seinen Augen. »Die da«, er tippte auf Umilis Bild, »ist die Tochterstochter der Altmutter. Wenn ihr die nich findet, braucht ihr gar nich mehr wiederkommen.« Er wischte sich über die Augen und fuhr leiser fort: »Und sollte ihr jemand was angetan haben … dann macht den platt! Hört ihr? Plattplattplatt!«

Erleichtert sog Rian die frische Nachtluft ein, die ihr entgegenschlug. Sie befanden sich am oberen Ende der Höhle, wo der Fluss in den Berg hinein verschwand, um dann in die Anderswelt zu stürzen. Über ihnen glosten die Sterne am klaren Himmel, und auf den Büschen ringsum lagerte sich knisternd Reif an. Vor Rian stand eine Tasche mit einem Teil der Kleidung, die ihnen von der Altmutter zurückgegeben worden war.

Auffordernd hielt Rian Mik die Arme hin. Der Troll zog einen Weidenzweig aus seiner Hose, zeichnete murmelnd einen Kreis in die Luft und berührte dann mit der Spitze das Metall. Die Spange öffnete sich und fiel zu Boden. Mit dem gleichen Ritual löste er Rians zweite Spange und Davids Bänder.

»Ich wünschte, ich könnte mitkommen«, murmelte er und steckte die Rute weg. »Aber wir dürfen nich, oder wir brauchen uns vermutlich gar nich mehr im Unterland blicken lassen.«

»Das käme vermutlich darauf an, ob wir Erfolg haben«, meinte Rian. »Wer im Triumph zurückkehrt, bei dem wird selten nachgefragt, ob er die Erlaubnis zum Auszug hatte.«

»Vielleicht habt ihr Recht … aber die Alte hat jetzt schon ’n scharfes Auge auf uns, und wenn se uns beim Abhauen erwischen würde, wär’n wir vermutlich schneller Grilltrolle als uns lieb is’. Na ja … ich drück euch was.« Er hob beide Hände und quetschte die Daumen so ein, dass Rian Angst bekam, sie könnten brechen, ehe er sich umwandte und wieder in der Höhle verschwand.

Die Zwillinge fanden dank Miks Beschreibung schnell den Weg zur nächsten Ortschaft und warteten dort auf den ersten Bus. Es gab tagsüber eine teilweise stündliche Pendelverbindung, die in der Nacht für mehrere Stunden aussetzte. Wenig später saßen David und Rian in einem dieser Busse, auf den Spuren der widerspenstigen Jungtrolle.

»Irgendwie sind sie mir ja sympathisch«, meinte Rian, während sie Muster auf das beschlagene Fenster malte.

»Du meinst hoffentlich nicht die Unterland-Trolle allgemein«, meinte David. »Ihre Altmutter zumindest geht mir ziemlich gegen den Strich. Sie ist keinen Deut besser als unser Vater, was den Drang zur Kontrolle betrifft.«

»Und genau deshalb kann ich die Jungtrolle so gut verstehen«, antwortete Rian mit einem Lächeln. »Sie sind wie wir, nur noch ein wenig unverfrorener, findest du nicht? Sie haben es einfach gemacht. So wie Pirx.«

»Nur ist Pirx immer zurückgekommen, und er hat sich nie in flagranti erwischen lassen.«

»Aber gewusst hat es Fanmór trotzdem.«

»Vermutlich. Was bei einem Pixie durchgeht, hätte er bei seinen eigenen Kindern aber sicher nicht so einfach übersehen.«

Rian seufzte. »Wahrscheinlich hast du Recht.« Ihre Gedanken glitten zu dem quirligen Pixie mit den Igelstacheln und der roten Mütze, und von dort zu ihrem anderen Begleiter auf ihren vorherigen Ausflügen, dem ruhigen Grog. Sie vermisste die beiden. Als sie und David nach Norden aufgebrochen waren, hatten die Kobolde sich auf die Spur des Getreuen gesetzt. Irgendwoher hatte Regiatus erfahren, dass die Dunkle Königin begann, Kraftknoten nach einem bestimmten System besetzen zu lassen. Die vier Knoten, die bereits besetzt waren, hatten dem Getreuen erst vor kurzem erlaubt, aus eigener Kraft ein Tor ins Schattenland zu öffnen. Würde der fünfte Knoten hinzukommen, bestand die Gefahr, dass er und Bandorchu ein stabiles Tor erschufen, das in beide Richtungen durchschritten werden konnte.

Daher hatten sie sich aufgeteilt, und während David und Rian weiter auf der Spur des Lebensquells blieben, um den Elfen die Unsterblichkeit zurückzubringen, hatten Pirx und Grog sich auf den Weg gemacht, um den Getreuen zu suchen.

»Wo die beiden wohl im Moment sind?«

Ihr wurde erst bewusst, dass sie die Frage laut ausgesprochen hatte, als David darauf antwortete.

»Ich kann nur für sie hoffen, dass es dort wärmer ist. Grogs Haare würden hier einfrieren und abbrechen.«

Rian lachte auf. »Vielleicht. Aber ich glaube eher nicht. Die Trolle scheinen das Problem ja auch nicht zu haben. Sein Haarkleid würde ihn vermutlich sogar angenehm warmhalten.«

»Na gut, dann hoffen wir, dass er es sich nirgendwo ankokelt.« David grinste, und Rian kicherte.

Nach etwa einer Stunde Fahrt erreichten sie die Stadt. Es war keine Großstadt wie Paris, nicht einmal wie München, aber für schwedische Verhältnisse wohl groß. Rian hatte in einem Reiseführer gelesen, dass selbst die Hauptstadt Stockholm nur eine knappe Million Einwohner hatte. Die drei größten Städte des Landes und ihr jeweiliges Umland machten zusammen ein Drittel der gesamten Einwohnerschaft Schwedens aus. Da blieb nicht mehr viel für die riesige restliche Fläche übrig.

Das erklärte, warum die Anderswelt ihre Tore hier offener halten konnte, ohne große Gefahren einzugehen – wenn in den meisten Gegenden auf einem Quadratkilometer im Schnitt nicht mal zwanzig Menschen lebten, war die Wahrscheinlichkeit recht gering, zufällig einem Elf zu begegnen. Die Jungtrolle waren nur in ihre Misere geraten, weil sie die Nähe der Menschen absichtlich gesucht hatten.

David und Rian nahmen sich zunächst ein Zimmer in einem Hotel, da die Kneipen erst am Abend wieder öffnen würden. Kaum waren sie eingezogen, ließ Rian warmes Wasser in die Badewanne und glitt mit einem Liebesroman, den sie am Bahnhof gekauft hatte, und den neu erstandenen Pralinen in Griffweite ins Wasser, um es für die nächsten zwei Stunden nicht mehr zu verlassen. David duschte, sah fern und leerte die Minibar von Chips und Erdnüssen.

Am Spätnachmittag machten sie sich auf, um die Stadt zu erkunden. Sie besorgten sich an der Rezeption einen Stadtplan und erkundigten sich nach Kinos, Spielhallen und Musikkneipen. Das Angebot war begrenzt, und das Gebiet, in dem sie sich würden umschauen müssen, war nicht besonders groß. Das meiste lag auf Höhe des Hauptbahnhofs in dem weniger als einen halben Kilometer breiten Streifen zwischen Bahnlinie und Fluss.

Sie folgten einer breiten Allee, an der nicht nur an den Seiten, sondern auch in der Mitte zwischen den Fahrbahnen lange Baumreihen standen. Birken, die aufgrund der Kälte auch im April noch immer kahl waren. Auch in der Innenstadt war nahezu jede Straße oder Gasse mindestens an einer Seite mit Birken gesäumt. Das helle Leuchten ihrer Rinde im Licht der Frühlingssonne prägte das Bild der Stadt ebenso wie die niedrigen, meist karmesinroten oder weißen historischen Häuser, zwischen die modernere Gebäude eingefügt worden waren. In den Parks lag teilweise noch Schnee, wie auch an der Uferpromenade, und das Weiß hielt sich auf dem Dach der gotischen Kathedrale.

Rian genoss den Spaziergang im Sonnenlicht. Die klirrende Kälte machte die Luft klar, und überall roch es wegen der vielen Bäume nach Frische und Natur. Die Häuser waren für ihren Geschmack allerdings zu schlicht, mit nordischem Pragmatismus und einer Neigung zu klaren Linien erbaut, die ihrer Vorliebe für Schnörkel und Verzierungen widersprach. Dennoch ergab sich aus allem ein Gefühl des Friedens und freundlicher Gelassenheit, das die Elfe fast vergessen ließ, warum sie hier waren.

Unterwegs dachte sie endlich daran, ein Prepaid-Handy zu kaufen, und ließ sich die Aktivierung und Funktionsweise erklären. David meinte, ein Handy würde ja wohl genügen, und interessierte sich nicht weiter dafür.

Schließlich kamen sie an dem Kino vorbei, das Mik gemeint haben musste. Es war ein typisches Multiplex, das jedoch von einem historischen Gebäude umrahmt war. Eine rote Neonreklame prangte auf dem Vordach über dem Eingang, und große Plakate bewarben die Filme im laufenden Programm oder Ankündigungen. Rian studierte sie.

»Keine Nachtvorstellungen«, stellte sie fest. »Hierher zurückgekommen sind unsere Vermissten nicht.«

»Obwohl ein Kino vermutlich ein guter Schlafplatz für sie wäre«, meinte David. »Aber die letzte Vorstellung endet vor Mitternacht, und da sind sie in der Spielhalle gewesen. Ich glaube nicht, dass wir hier etwas erfahren können.«

Rian nickte und deutete die Straße hinunter. »Die Spielhalle da unten könnte passen. Fragen wir da nach, ob jemand sie gesehen hat. Um diese Zeit sind vielleicht schon die Leute von der Spätschicht da.«

Sie schlenderten die Straße hinunter, bis sie einen Eingang erreichten, über dem in kräftigen Lettern Megazone geschrieben stand. Mit zweifelndem Blick sah Rian durch das Fenster in der Tür.

»Billard-Tische und Spielautomaten. Sagte Mik nicht etwas von Laserschießen oder so?«

David zeigte auf einen Schriftzug. »Laserdome. Klingt das nicht passend?«

»Doch. Gehen wir rein.«

Sie traten ein und wurden von der verwirrenden Klangfülle unzähliger Spielautomaten empfangen. Überall blinkte und blitzte es, kleine Melodiefetzen wurden gespielt, oder Geräusche untermalten das Geschehen an den Automaten. Es wurde geschossen und gefahren, Bälle sausten durch komplizierte Aufbauten, und ein Metalltisch mit unzähligen kleinen Löchern lud dazu ein, Puks reibungsfrei über das aufgebaute Luftkissen in das Tor eines Gegners zu treiben.

Weiter hinten im Raum standen durch eine niedrige Mauer abgetrennt mehrere Billardtische. Zwischen den beiden Bereichen gab es Tische und Stühle und einen Tresen, an dem man Essen kaufen konnte. Außerdem konnte man dort auch für die Nutzung der Billardtische oder das Mitspielen im Laserdome bezahlen. Hinter dem Tresen stand ein junger Mann. Als Rian ihm die Bilder zeigte, erkannte er sie sofort.

»Klar waren die hier. Da war noch so einer in Militärkluft dabei, mit orangen Haaren, die nach allen Seiten abstanden«, erinnerte er sich. »Der hat da drin einen nach dem anderen abgeschossen. Wahnsinnige Punktzahl! Die anderen Spieler haben teilweise nen ziemlichen Hass geschoben, weil sie meinten, das wären Profispieler, die ihnen den Spaß verderben. Aber ich meine, man kann nicht immer gewinnen, oder?« Der junge Mann lächelte und hob die Schultern. »Soweit ich weiß, sind die alle zusammen gegangen, als wir Schluss gemacht haben. Vor der Tür haben sie dann rumdiskutiert …«

»Sie wollten noch zu einer Kneipe mit Musik«, warf David ein. »Fällt dir da eine ein?«

»Hm, um die Uhrzeit gibt es hier in der Gegend nicht mehr viele Möglichkeiten, abgesehen von den Discos. Da wäre das Invito, aber das passt nicht recht zu denen. Dann das Rex im Rathaus, oder das X3M, wenn man es richtig voll und laut mag. Die haben alle bis zur Sperrstunde offen.«

»Wann ist die?«, fragte der Prinz.

»Um zwei Uhr wird alles dicht gemacht, danach laufen höchstens noch private Sachen, Studentenparties und so.«

Rian gab ihm ihre Handynummer. »Falls dir noch was einfällt, schreib eine Nachricht an Rian Bonet. Nur SMS, bitte.«

»Mach ich«, versprach er. »Mein Name ist Peter Lindell – damit du weißt, von wem die Nachricht ist.« Dazu zwinkerte er verschwörerisch und David verdrehte die Augen.

Weil das Rex praktisch gegenüber der Spielhalle war, versuchten sie hier zuerst ihr Glück. Dumpf hörte man Bässe aus dem Obergeschoss, während vom Keller gelegentlich Schlagermusik hochschwappte, wenn jemand die Tür öffnete. Es dauerte eine Weile, bis sie herumgefragt hatten, und am Ende verlief die Suche ergebnislos. Im Invito hatten sie nicht mehr Glück.

Sie ließen sich den Weg zum X3M Club erklären, der auf der anderen Seite der Innenstadt lag. Es war längst dunkel, die Luft hatte trotz des bewölkten Himmels merklich weiter abgekühlt. Rian reckte die Nase und atmete tief ein. Es roch nach Schnee.

Eine Weile gingen die Zwillinge schweigend nebeneinander her. Rian warf immer wieder Blicke in die Schaufenster, an denen sie vorbeikamen – Kleidung, Schmuck, Bücher, DVDs und großflächige Fernseher luden dazu ein, Geld auszugeben. Nicht zum ersten Mal stellte die Elfe fest, dass sie mit den Trollen mitfühlen konnte. Das schnelle Leben der Menschenwelt faszinierte sie, der Glanz und Glitter, auch wenn er oft falsch war. Aber das war sie als Elfe gewohnt – kaum etwas, das sie umgab, war jemals echt gewesen. Und warum nicht? Warum sollte man sich seine Welt nicht so formen, wie sie einem gefiel, wenn man es konnte?

Trotzdem blieb das Verschwinden ein Rätsel. Wären die Trolle bei ihrem dritten oder vierten Besuch in der Stadt geblieben, hätte Rian vermutet, dass sie des Unterlandes überdrüssig geworden waren und Möglichkeiten gefunden hatten, auch im Sonnenland zu leben. Aber nicht beim ersten Mal.

»Was machen wir, wenn im letzten Club auch niemand etwas weiß?«, fragte sie.

David stopfte die Hände in die Taschen seiner hellen, wollgefütterten Lederjacke. »Dann fragen wir, ob sie noch andere Clubs wissen, wo die Jungtrolle hingegangen sein könnten. Und wenn die uns auch nicht weiter bringen, klappern wir morgen den Bahnhof und die Hotels ab.«

Rian nickte. Es klang nach einem Plan.

»Wir sollten allerdings auch überlegen, was wir tun, falls wir die Trolle nicht finden«, fuhr er fort. »Wir müssen dann auf jeden Fall Nadja anrufen, und wir müssen dafür sorgen, dass Fanmór Nachricht erhält.«

Rian musterte David von der Seite. Er hatte die Schultern etwas hochgezogen und den Kopf gesenkt, als wolle er sich gegen eine Kälte schützen, die in Wirklichkeit in seinem Inneren herrschte.

»Mach dir nicht so viele Sorgen, David«, sagte sie. »Wir schaffen das schon. Wir haben bisher noch immer alles hinbekommen, was wir uns vorgenommen haben – wer weiß, vielleicht auch deshalb, weil wir nie Zweifel daran hatten, dass wir Erfolg haben. Also, wirf die Zweifel über Bord. Sie können nicht helfen, aber behindern.«

David presste kurz die Lippen zusammen, dann hob er den Kopf und straffte die Schultern. »Du hast Recht. Machen wir uns Gedanken über die weiteren Schritte, wenn es soweit ist.«

Der Club war zum Bersten voll. Gleich an der Garderobe hatten sie Erfolg, die junge Frau erkannte sofort einen der Trolle.

»Er hat ungeschickt geflirtet und wollte mich sogar kneifen«, erinnerte sie sich. »Er war in Begleitung … die da könnten dabei gewesen sein. Sie haben mit ein paar Studenten Komasaufen gemacht und alles bezahlt. Eine Menge Geld, und sie sind als Letzte gegangen. Sie waren schwer entschlossen, noch weiter zu feiern, weil ja noch keiner unter den Tisch getrunken war. Die wollten mich sogar noch einladen …«

»Hast du eine Ahnung, wo sie hin wollten?«

Die Frau rieb sich mit einem Finger über die Wange. »Irgendwo in einer der Studentengegenden sollte noch eine Feier sein. Mal überlegen … Marienhem, glaube ich. Aber da werdet ihr heute kein Glück mehr haben.«

»Vielen Dank! Du hast uns sehr geholfen.«

Peter Lindell meldete sich am nächsten Morgen per SMS: Muss dich sofort sprechen. Wo bist du? Verwundert gab Rian die Hoteladresse durch und bat um eine halbe Stunde, damit sie vorher noch frühstücken konnten.

Als sie in die Lobby kamen, sahen sie Peter sofort. Mit ernstem Gesicht saß er in einem Sessel und hielt eine Zeitung in der Hand, die er ständig auseinander- und wieder zusammenrollte. Als er sie sah, sprang er auf, als habe er auf einer Spiralfeder gesessen.

Rian ging mit strahlendem Lächeln auf ihn zu. »Peter, guten Morgen! Hast du Neuigkeiten für uns?«

Der junge Mann nickte langsam. »Ja. Aber … schaut am besten selbst.« Er deutete auf einen Artikel.

»Rätselhafter Leichenfund am Nyalasee«, las Rian vor. »Gestern fanden Angler auf dem Weg zum Nyalasee in einem Gebüsch am Wegrand die Leiche eines jungen Mannes. Sie alarmierten sofort die Polizei … blablabla … konnte den Todeszeitpunkt nicht feststellen, da die Leiche eine seltsame … oh, Verhärtung der Haut zeigte. Die Ursache dafür ist unbekannt. Der Tote konnte bislang nicht identifiziert werden … vermutlich Student … die Polizei bittet um die Mithilfe der Bevölkerung …« Sie runzelte die Stirn, drehte die Zeitung herum und starrte auf die Skizze, die dort abgebildet war. Sie spürte die Kälte sich in ihrem Magen ausbreiten und sah zu David auf.

»Es ist Murtik«, stellte sie fest.

10.
Geflügelte Worte

Es gab nicht mehr viele Dinge, die vor Ainfar verborgen blieben, und so konnte er bald selbst erleben, dass die Gerüchte stimmten, von denen die Schwanenfrau Branid ihm erzählt hatte. Die Leichtigkeit, mit welcher Bandorchu die Energien des Landes an diesem Tag aufsog, bewies, wie sehr es bereits ihre Heimat war. Augenblicke später griff sie hinaus, um mit nicht mehr als einer Handbewegung die Realität aufzureißen. Wabernd hing eine bläulich schimmernde Wunde im Gewebe des Schattenlands vor der Königin in der Luft, deren Mitte sich erst mit sternglitzernder Schwärze füllte, während der Spalt sich weitete, und dann zu einem grauen, gestaltlosen Nichts verblasste.

Ein Portal in eine andere Welt.

Wie oft musste sie das schon getan haben, dass sie inzwischen nicht mehr Konzentration dafür benötigte als für das Formen eines neuen Kerzenleuchters? Woher kam diese Kraft? Allein aus den Seelen? Oder hatte sie noch andere Quellen?

Das ungeformte Grau geriet in Bewegung, und für Augenblicke glaubte Ainfar, Umrisse erkennen zu können. Ein breiter Fluss, eine Brücke, getragen von dünnen Seilen an schlanken Pfeilern, eine gepflasterte Promenade. Dann trat eine kleine Gestalt hindurch, die Ainfar als den Kau erkannte – dünne Spinnenglieder, spitz aufragende Ohren und glitzernde dunkle Augenschlitze. Er schleifte einen Sack hinter sich her, von dem der Tiermann gehofft hatte, ihn nicht so bald wiedersehen zu müssen. Wie beim ersten Mal zuckte der Stoff unter den Versuchen der gefangenen Seelen, ihrem Schicksal zu entkommen.

Bandorchu trat vor und streckte ihre Hand aus, ein gieriges Glitzern in den Augen. Der Kau duckte sich ein wenig, als könne die Bewegung ihn aus dem Einfluss ihrer Machtaura bringen, und hielt ihr bereitwillig den Sack entgegen. Sie nahm ihn mit einem grazilen Neigen des Kopfes und entspannte sich. Ihre Beute war sicher.

Das schemenhafte Bild wurde erneut verdeckt, und reine Dunkelheit schien durch das Tor in den Raum zu dringen, die sich im nächsten Moment zur schwarz verhüllten Gestalt des Getreuen materialisierte. Er trat auf die Königin zu und verbeugte sich tief.

»Unser Einsatz hier war erfolgreich«, berichtete er mit der gewohnten heiseren Stimme, die er in Gegenwart anderer stets benutzte. »Der vierte Knotenpunkt steht unter unserer Kontrolle. Es wird nicht mehr lange dauern, und es wird Euch frei stehen, in der Welt der Sterblichen zu wandeln, meine Königin.«

Bandorchu trat einen Schritt vor und ihre aufgerichtete Gestalt reckte sich noch ein wenig mehr. Sanft umschmeichelte ihr hüftlanges goldblondes Haar ihre schlanke, in ein blütenweißes Gewand gehüllte Gestalt, und die Aura der Macht umflorte sie wie ein sichtbares Glühen.

»Ich werde dort nicht nur wandeln, ich werde herrschen«, sagte sie mit einer Bestimmtheit in der Stimme, die keine Zweifel zuließ. »Es gibt nichts, was diese Sterblichen mir entgegensetzen können, wenn ich in der Fülle meiner Macht in ihre Welt komme. Sie werden mir dienen dürfen, um meine Kräfte zu mehren für mein eigentliches Ziel …« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Aber zu mehr, vielleicht noch als interessante Spielzeuge, taugen sie nicht.«

»Wir sollten den Löwen nicht häuten, ehe er erlegt ist, wie man hier gelegentlich sagt«, antwortete der Getreue. »Auch wenn ich keine Zweifel habe, dass die Jagd erfolgreich sein wird. Ich werde Cor und den Kau nach Süden zum fünften Knotenpunkt schicken, um den genauen Ort zu finden, an dem die beiden nördlichen Linien sich treffen. Sie werden dafür sorgen, dass alles für uns vorbereitet wird, während unsere Verbündeten sich auf der Insel in einem Dorf nahe des Vulkans sammeln. Ich selbst werde abwarten, bis die Wellen der Übernahme abgeklungen sind und sie nicht mehr rückgängig gemacht werden kann – auch um zu verhindern, dass Fanmór davon erfährt und er sich weiter in Sicherheit wähnt, bis wir den fünften Knoten besetzt und das Tor stabil halten.«

»Vergiss nicht das Mischblut«, warf Bandorchu scharf ein. »Sie ist ebenso wichtig wie die Knotenpunkte. Sie wird mir den Übergang erleichtern. Bring sie endlich her, wie du es versprochen hast!«

Der Getreue neigte den Kopf. »Das war meine Absicht. Ihre Heimat liegt auf dem Weg. Alebin hat mir bestätigt, dass Fanmór nicht geneigt ist, die Zwillinge wieder gehen zu lassen, nachdem Dafydd in solche Gefahr geraten ist. Sie werden mir also nicht mehr in die Quere kommen.«

»Gut. Bring mir die Frau, und dann können wir den Anbeginn des neuen Zeitalters feiern, bevor du dich zum letzten Knotenpunkt aufmachst.« Ein leises Schnurren schwang in ihrer Stimme mit. Der Getreue atmete hörbar ein. Das Versprechen, das in ihren Worten lag, ließ ihn offensichtlich nicht unberührt.

»Ich lebe darauf hin.« Er hob eine Hand an die Brust und verneigte sich erneut, ehe er sich zum Kau umwandte und diesen mit einer herrischen Geste zurück durch das Tor scheuchte. Kaum war die Gestalt des Kobolds verschwunden, folgte auch er. Die Ränder des Tors waberten und stürzten schließlich mit dem Geräusch einer vom Sturm zugeschlagenen Tür zusammen. Einen Moment starrte Bandorchu reglos auf die Stelle, an der sich das Portal geschlossen hatte. Dann drehte sie den Kopf, bis ihr Smaragdblick auf Ainfar fiel. Sie lächelte, hob ihn vorsichtig von der Ablage, auf der sie ihn abgesetzt hatte, und hielt ihn auf Augenhöhe.

»Bald werden wir aus dieser Welt der Schatten entkommen, mein kleiner Silberschatz«, murmelte sie. »Und dort werde ich endlich meine Kräfte auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren. Die Menschenwelt wird mir gehören, und dann …« Sie hob die andere Hand und schloss sie, als wolle sie darin etwas zerdrücken. »Dann wird Fanmór bereuen, was er mir, was er uns allen angetan hat. Und ich werde dafür sorgen, dass sich seine Reue und die seiner treuen Gefolgsleute sehr, sehr lange hinzieht.« Kalte Grausamkeit lag in diesem Versprechen, obwohl sie unverändert weiter lächelte. Ainfar fühlte sich, als würde sie mit einem ihrer langen Fingernägel sein Rückgrat entlang fahren, anstatt ihn zärtlich zu kraulen. Er schloss die Augen und rollte sich auf der Hand der Königin zusammen.

Regiatus muss davon erfahren! Es muss gelingen, oder alles ist verloren! Sie darf nicht aus dem Schattenland entkommen … nicht, solange sie Bandorchu ist!

Es war ein Wagnis, gerade hier in seine eigene Gestalt zurückzukehren, doch es war eines, das er eingehen musste.

Ainfar saß auf dem Dach der Zitadelle, unter den jagenden Schatten und dem grellen Licht, und spürte, wie die Angst an ihm zerrte. Doch das, wofür er hier heraufgekommen war, während die Königin schlief, konnte er nicht als Ariàn tun. Und welche Bedeutung hatten schon seine Furcht und sein Leiden im Verhältnis zu dem, was die Königin für zwei Welten plante, und vielleicht sogar darüber hinaus?

Regiatus! Ich wünschte, du wärst hier, um mir zu helfen …

Er hielt das Bild seines Halbbruders in seinem Geist fest, um Mut und Stärke daraus zu beziehen. Der Cervide hatte stets Notwendigkeit vor seine eigenen Bedürfnisse gesetzt, und jetzt wurde es Zeit, dass Ainfar das auch tat. Er hatte lange genug die Bequemlichkeiten des Lebens als Schoßtier genossen. Es wurde Zeit, seinem Dasein wieder einen Sinn zu verleihen.

Ainfar schloss die Augen, ließ das Bild des Silberhörnchens aus seinem Bewusstsein gleiten und wollte es durch seine eigene Gestalt ersetzen. Er griff nach der Erinnerung, doch sie zerfloss unter seinen Händen, zerbröckelte wie ein altes Stück Papier.

Zu lang! Der Schreck fuhr ihm bis in die Knochen. Ich bin zu lange in dieser Gestalt gewesen … ich habe die Erinnerung verloren!

Für Momente blendete Panik alle anderen Empfindungen aus. Es war erneut das aufblitzende Bild von Regiatus, das ihn zurück zu klarem Denken brachte.

»Wenn du in Schwierigkeiten gerätst, nutzt es dir nichts, in Angst zu versinken«, hörte er in seinem Geist die Stimme des Älteren. »Du brauchst in diesen Momenten deinen klaren Verstand mehr als sonst. Leere ihn von aller Furcht, von allem Gefühl, und fokussiere ihn darauf, das Problem zu untersuchen, um Lösungen zu finden.«

Ainfar atmete tief ein und wieder aus und zwang seinen Körper, sich zu entkrampfen. Einige Atemzüge später kehrte er zu dem Problem zurück, das vor ihm lag. Die Rückverwandlung …

Rückverwandlung! Ich brauche keine Gestalt! Ich kehre zurück!

Ainfar wollte erleichtert auflachen, doch Silberhörnchen waren nicht dafür ausgelegt. Wie hatte er das nur vergessen können? Wie hatte ein so grundlegender Teil seines Lebens seinem Bewusstsein entgleiten können, wenn auch nur für Augenblicke?

Vielleicht, weil etwas in mir sich gegen die Rückverwandlung sträubt?

Mit einem inneren Seufzen rollte Ainfar sich zusammen, schloss erneut die Augen und verbannte alle Bilder aus seinem Geist, ehe er die Energien freiließ, die seinen Körper formten.

Das Ziehen und Zerren an allen Teilen seines Leibs war schlimmer als bei den üblichen Verwandlungen der letzten Zeit. Sein Aufschrei aus einem noch ungeformten Mund ließ hunderte kleine Schillerflügler aufsteigen, die sich an den Wänden und dem Dach der Zitadelle angesiedelt hatten, um sich an den Restschwingungen der Energien und Erinnerungen zu laben, mit welchen die Königin den Kristall geformt und geschwärzt hatte. Eine Ewigkeit lang war es, als hätten wilde Tiere ihre Zähne in Ainfars Glieder geschlagen und zerrten daran, um ein Stück aus der Beute zu reißen, während ihm zugleich jemand bei lebendigem Leibe die Haut vom Fleisch riss. Neu geformte Stimmbänder vibrierten unter einem Heulen, das sie nicht lange würden ertragen können, und das in den neu geformten Ohren schmerzte. Endlich endete das Ziehen, und seine gequälten Nerven kamen zur Ruhe. Er öffnete die Augen, starrte auf die dunklen Muster, von denen die grüne Haut seiner Hand durchzogen wurde, und die wilden braunen Haarsträhnen, die ihm ins Gesicht hingen.

Ich, dachte er.

Er drehte sich auf den Rücken, ohne die Wolken über sich wahrzunehmen, strich mit seinen Händen über den nackten Körper, als wolle er jeden Fleck davon neu kennenlernen. Ichichichichich … Ein erleichtertes Lachen drang aus seinem Mund.

»Ich!«

Seine Stimme war rau von der langen Zeit, in der sie nicht benutzt worden war. Einen Moment lang fühlte er sich versucht, zu singen, doch der Anblick der über ihm schwebenden Schillerflügler ernüchterte ihn. Er hob eine Hand, sah zu ihnen hinauf und wartete geduldig, bis eines der kaum daumengroßen Wesen sich aus dem Schwarm löste und auf seiner Handfläche niederließ. Es faltete die Flügel wie einen Kokon um den Körper und betrachtete den Tiermann aufmerksam.

Auf den ersten Blick hätte man den Schillerflügler mit einem Blumen- oder Seidenelfchen verwechseln können. Die sechs schillernden Flügel, welche das Licht in allen Farben brachen, setzten an einem schlanken hellen Körper mit zwei dünnen Beinen und einem beweglichen Kopf an, aus dem zwei blaue Augen Ainfar anleuchteten. Damit endete die Ähnlichkeit, denn Mund, Nase und Ohren fehlten, und im Gegensatz zu den Seidenelfchen hatte dieses Wesen auch keine Arme. Die Füße hatten drei Krallen statt Zehen, mit denen sie kopfunter hängen konnten.

Schillerflügler nährten sich ausschließlich von magischen Energien, und das war es, was Ainfar ausnutzen wollte. In der Welt der Sterblichen würden sie sich instinktiv zu den Kraftfeldlinien hingezogen fühlen, und wo Ley-Linien waren, würden sie früher oder später auch auf Tore treffen. Sie würden die Energien spüren, die auf der anderen Seite warteten, und hindurchstoßen.

Das hoffte er zumindest. Und da es die einzige Hoffnung war, die er im Moment sah, klammerte er sich daran fest.

»Hallo, mein Kleiner«, sagte er sanft und streckte seinen Geist nach dem des Schillerflüglers aus. Eine milde Form von Intelligenz antwortete ihm.

Was bist du?

»Ich bin ein Freund«, antwortete er und sandte das Bild eines anderen Schillerflüglers in den Geist des Wesens. »Wer bist du?«

Das Bild, das er empfing, zeigte einen schwachen gelben Fleck auf einem der Flügel des Wesens. Er hob es gegenüber den anderen aus dem Schwarm hervor.

»Gelbfleck also. Ich bin Blaufell.« Er stattete sein eigenes Bild eines Schillerflüglers mit einem bläulichen Flaum aus anstatt des üblichen hellen, der sich kaum von der Haut abhob. »Ich brauche Hilfe, um einen anderen Schwarm zu warnen, vor Gefahr.« Er visualisierte ein großes, lederflügliges Tier, das sich auf einen Schillerflügler stürzte und ihn auffraß, dann sich selbst, wie er den anderen warnte und der Raubvogel daher ins Leere flog. »Willst du mir helfen?«

Gelbfleck betrachtete ihn aus großen Augen. Dann nickte er langsam.

Anspannung ließ Ainfars Muskeln sich verkrampfen, während er auf das sich öffnende Portal starrte. Bandorchus Hunger schien immer mehr zu steigen, und sie beschränkte sich nicht mehr nur auf das, was der Getreue ihr brachte. Schon zuvor hatte sie direkt Agenten ausgeschickt, um für sie auf Seelenfang zu gehen. Ainfar hatte auf solch eine Gelegenheit gehofft, denn wenn sich das Portal erst wieder geöffnet hätte, wenn der Getreue das Halbblut brachte, das Bandorchu von ihm gefordert hatte, wäre es womöglich zu spät gewesen.

Folge den Linien, schickte Ainfar in Gelbflecks Gedanken. Suche das Tor zur Welt der frei fließenden Kräfte. Der Mann mit dem Geweih wird dich dort finden. Ich habe dir mein Muster aufgeprägt, das er schon von Ferne spürt, sobald du in unserer Welt bist …

Das Bild, das von dem Schillerflügler zu Ainfar zurückkam, war das eines von den Flügeln schützend umfassten Jungflüglers.

Keine Angst … sei ruhig …

Ainfar atmete durch. Es war leichter gesagt als getan …

Der Schillerflügler hatte sich in den Gängen in die Kleidung eines der Diener Bandorchus gehängt, die dieses Mal das Tor durchschreiten würden. Schon vor Tagen hatte Ainfar ihm den Weg durch die Schlitze gezeigt, und seither konnten die Schillerflügler sich noch dichter an den Quellen nähren, deren Magie das Schloss gestaltete. Bisher war die Anwesenheit der neuen Bewohner nicht aufgefallen, oder sie störten niemanden. Ainfar hoffte, dass es so bleiben würde. Vielleicht würde ihm das einen Weg eröffnen, in Zukunft jedes Mal Botschaften an Regiatus zu schicken, wenn ein Portal geöffnet wurde. Aber zunächst musste diese eine ankommen, oder alles andere wäre sinnlos.

»Geht und erntet«, erfüllte Bandorchus Befehl den Raum. »Bringt mir Nahrung für den Moment, der uns alle zurück in die Freiheit führen wird!«

Die Mitglieder der Gruppe verneigten sich. Ein Umhang schlug dabei zurück, und für einen winzigen Augenblick jagten Reflexionen von Gelbflecks Flügeln wie prismatische Lichtspeere durch den Raum. Ainfar winselte innerlich, doch seine Sorge war grundlos. Anscheinend war er der Einzige, der es bemerkt hatte.

»Wir hören und gehorchen«, schnarrte ein braunhäutiger Fassgeist, ehe er sich als erster durch das Portal warf. Die anderen folgten schnell, und hinter ihnen schnurrte die Lücke wieder zu einem Strich zusammen und verschwand.

Ainfar atmete auf.

Dieser Teil ist erledigt. Ich habe getan, was ich konnte, um vor der drohenden Gefahr zu warnen. Er straffte sich und sah zu Bandorchu, die sich damit beschäftigte, ihr Haar auf neue Weise zu bändigen und zu schmücken.

Jetzt liegt es an mir, ob es gelingt, die Gefahr zu unterbinden, ehe sie eintritt.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
660 str.
ISBN:
9783946773245
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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