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Die Füch­sin

Ur­su­la Tin­tel­not

Ro­man

Im­pres­s­um

Co­py­right: © 2021 Ur­su­la Tin­tel­not

Um­schlags­fo­to: © GSPic­tu­res

Co­ver­ge­stal­tung: © Me­du­sa Ma­bu­se

Buch­satz: © Me­du­sa Ma­bu­se

Alle Rech­te, ein­schließ­lich das des voll­stän­di­gen oder aus­zugs­wei­sen Nachrucks in jeg­li­cher Form, sind vor­be­hal­ten

Klap­pen­text:

Ihre Le­bens­wel­ten könn­ten nicht un­ter­schied­li­cher sein. Va­le­rie, eine er­folg­rei­che Au­to­rin lebt in ih­rer lu­xu­ri­ösen Ei­gen­tums­woh­nung in ei­nem an­ge­sag­ten Quar­tier in Ham­burg. Sie lebt al­lein, ohne fes­te Bin­dung, mit ih­rer Kat­ze. Ihr Le­ben zwi­schen ex­qui­si­ten Emp­fän­gen und an­stren­gen­den Le­se­rei­sen ist ver­gleichs­wei­se gla­mou­rös.

Adam ist durch einen Schick­sals­schlag al­lein­er­zie­hen­der Va­ter ei­nes Ein­ein­halb­jäh­ri­gen und Be­sit­zer ei­ner Gärt­ne­rei, vor den To­ren der Stadt, auf dem plat­ten Land ge­wor­den. Va­le­rie kennt sei­nen Vor­na­men. Für Adam bleibt sie die Na­men­lo­se, die Füch­sin, wie er sie bei sich nennt.

Nach ei­ner zu­fäl­li­gen, kur­z­en Be­geg­nung, bleibt bei­den eine un­still­ba­re Sehn­sucht nach­ein­an­der. Im­mer wie­der se­hen sie sich im Ge­wühl der Groß­stadt ohne sich nä­her zu kom­men. Kei­ner von bei­den er­greift die In­itia­ti­ve. Bei­de sind ver­letzt in ih­rer ganz ei­ge­nen Wei­se und fürch­ten, noch ein­mal ver­letzt zu wer­den.

In­halts­ver­zeich­nis

1 Le­sung

2 Juni

3 Juni

4 Juni

5 Juli

6 Juli

7 Ende Juli

8 Juli

9 Ende Juli

10 Au­gust

11 Au­gust

12 Au­gust

13 Au­gust

14 Ok­to­ber

15 Ok­to­ber

16 Ja­nu­ar

17 Mai

18 Mai

19 Juli

20 Juli

21 Som­mer

22 Som­mer

23 Som­mer

24 Au­gust

25 Ende Au­gust

26 De­zem­ber

27 Mai Juni

28 Juni

Über die Au­to­rin und wei­te­re Wer­ke

1 Le­sung

Adam sitzt mit ei­nem schla­fen­den Kind auf dem Schoß in ei­nem wei­ten Raum. Schwa­r­ze Ei­sen­stre­ben über­wöl­ben die hohe De­cke der ehe­ma­li­gen Fa­brik­hal­le. Jetzt, nach der Le­sung, ste­hen die Tore of­fen. Grup­pen von Rau­chern auf dem ge­pflas­ter­ten Vor­platz, Ge­drän­ge an der Bar. Die Ti­sche sind nicht alle be­setzt.

»Ben möch­te Sie ken­nen­ler­nen.«

Die, die er an­spricht ist … so alt wie er? Viel­leicht. At­trak­tiv? Sehr at­trak­tiv. Hat sie zu viel ge­trun­ken? Er ist stock­nüch­tern.

»Ihr Ben schläft gleich ein.« Sie lacht lei­se.

»Das ist ein Täu­schungs­ma­nö­ver. Er tut nur so.«

Er be­trach­tet sie, möch­te sie noch ein­mal zum La­chen brin­gen. Schön ge­schwun­ge­ne Lip­pen. Au­gen, grau oder grün? Das kann er nicht er­ken­nen. Un­ter ge­senk­ten Li­dern blickt sie das Kind an. Nicht ihn. Ihre Fin­ger spie­len mit ei­ner lan­gen, hauch­dün­nen Sil­ber­ket­te über ih­rem De­kol­leté. Ein halb ge­leer­tes Glas in ih­rer Hand. Si­cher nicht das ers­te, denkt er. Sie macht einen Schritt von ihm weg. Eine leich­te Un­si­cher­heit. Ihre Hand greift Halt su­chend eine Stuhl­leh­ne.

»Wie ge­fie­len Ih­nen die Ge­dich­te?«

Sie zö­gert. »Zu viel To­des­sehn­sucht.«

Ja, die Ge­dich­te dreh­ten sich um Tod, Ein­sam­keit und Ver­las­sen­heit. Pas­send zu sei­ner ei­ge­nen See­len­la­ge.

Sie wühlt in ih­rer Um­hän­ge­ta­sche. Eine zer­knit­ter­te Zi­ga­ret­ten­pa­ckung kommt zum Vor­schein. Ihre Hand zit­tert leicht. Das Feu­er­zeug fin­det sie in der Ta­sche ih­res Ja­cketts. Sie at­met den Rauch tief ein und hält ihm nach kur­z­em Zö­gern die Pa­ckung ent­ge­gen.

»Nein, dan­ke. Ich habe auf­ge­hört.«

»Ver­nünf­tig.«

Sie zieht den Stuhl zu sich her­an und setzt sich halb ab­ge­wandt von ihm, so, dass sie in den Raum se­hen kann.

Er be­trach­tet ihre hohe Stirn, die ge­ra­de Nase, das Kinn. »Die Be­schäf­ti­gung mit dem Tod ist le­gi­tim.«

»Si­cher.« Sie dreht den Kopf in sei­ne Rich­tung.

Un­will­kür­lich fragt er sich, wie es wäre, die­se Lip­pen zu küs­sen, die sich ge­ra­de um die Zi­ga­ret­te schlie­ßen. Sie raucht gie­rig.

»Ich bin Adam«, sagt er schnell. Er will nicht, dass sie geht, kann den Blick nicht von ihr wen­den. Üp­pi­ges dun­kel­ro­tes, von ei­nem Band im Nacken zu­sam­men­ge­hal­te­nes Haar. Die Li­der schwer über schma­len Au­gen.

Die Füch­sin, die seit ei­ni­ger Zeit um sein Haus her­um­schleicht, fällt ihm ein. Eine hoch­bei­ni­ge ele­gan­te Fähe, mit un­ge­wöhn­lich dunk­lem ro­tem Fell. Eine Füch­sin, denkt er. Eine Füch­sin mit ei­ner ver­letz­ten Pfo­te. Ihm ist ihr leich­tes Hin­ken auf­ge­fal­len.

Sie ist un­ge­wöhn­lich. Si­cher die auf­fallends­te un­ter all den Frau­en. Sie hat so et­was wie einen Pan­zer um sich, un­sicht­bar, aber ein Pan­zer.

Er blickt sich um. Es gibt nur we­ni­ge Män­ner hier. Wie so oft sind die Frau­en auch bei die­ser Le­sung in der Über­zahl. Er in­ter­es­siert sich für Ge­dich­te, Li­te­ra­tur über­haupt. Und für Kräu­ter und Gift­pflan­zen. Er züch­tet sie, baut sie an und fo­to­gra­fiert sie. Sei­ne Er­kennt­nis­se schreibt er akri­bisch auf.

Als er wie­der in ihre Rich­tung schaut, ist sie nicht mehr da. Auf dem Tisch liegt ihre Zi­ga­ret­ten­pa­ckung, da­ne­ben das Feu­er­zeug. Ohne nach­zu­den­ken, steckt er bei­des ein. Im Aus­gang sieht er kurz ihr Pro­fil. Glanz auf ih­rem Haar. Dann ist sie fort. Ver­dammt! Er hät­te ger­ne mehr von ihr ge­wusst. Sie hat nicht ein­mal ih­ren Na­men ge­nannt. Er er­hebt sich, als das Kind auf sei­nem Schoß sich regt.

»Wir ge­hen heim«, flüs­tert er.

Der klei­ne Jun­ge legt die Arme um Adams Hals und schmiegt sich an ihn. »Dada«, flüs­tert er und schläft wie­der ein.

Der rote Prit­schen­wa­gen ist alt und nicht sehr sau­ber. Ein Auto, dem man den Ge­brauch an­sieht. Ein Nutz­fahr­zeug, kein Sta­tus­sym­bol. Er schnallt das Kind im Kin­der­sitz fest, schiebt die Tür so lei­se wie mög­lich zu und geht um den Wa­gen her­um, um auf der an­de­ren Sei­te ein­zu­stei­gen.

Ben­ja­min, denkt er, müss­te in sei­nem Bett lie­gen, nicht mit mir an nächt­li­chen Ver­an­stal­tun­gen teil­neh­men. Er bleibt eine Wei­le sit­zen, ohne den Wa­gen zu star­ten, und starrt auf den re­gen­feuch­ten As­phalt. Ein kur­z­er war­mer Som­mer­re­gen, der kei­ne Ab­küh­lung bringt. Adam fährt erst los, als der Re­gen nach­lässt. Er hat wie­der nicht an die de­fek­ten Schei­ben­wi­scher ge­dacht. Mor­gen, denkt er.

Die­se Frau geht ihm nicht aus dem Kopf. Er är­gert sich, dass er sie hat ge­hen las­sen. Eine Frau ohne Na­men, ei­gen­tüm­lich ver­traut.

Ben schna­rcht lei­se, sein Köpf­chen ist zur Sei­te ge­fal­len. Mit bei­den Hän­den hält er einen klei­nen Stoff­hund an die Brust ge­drückt. Adam fragt sich nicht zum ers­ten Mal, wie er mit ei­nem knapp Zwei­jäh­ri­gen zu­recht­kom­men soll. Sei­ne Ge­dan­ken wan­dern zum dun­kels­ten Tag sei­nes Le­bens. Dem Tag, an dem sei­ne Schwes­ter sta­rb und ihm ihr Le­ben hin­ter­ließ. Er hat es an­ge­nom­men.

Jetzt star­tet er sei­nen Wa­gen. Fünf­und­vier­zig Mi­nu­ten spä­ter sieht er die Dä­cher der Ge­wächs­häu­ser, glän­zend nass vom Re­gen. Da­ne­ben die Scheu­ne und das gro­ße alte Stein­haus. Vor­sich­tig biegt er in den Hof ein und parkt di­rekt vor der Haus­tür. Die Füch­sin sitzt reg­los zwi­schen den Ge­wächs­häu­sern. Er hebt Ben aus sei­nem Sitz und bringt ihn, ohne ihn zu we­cken, ins Bett.

2 Juni

Va­le­rie hat es nicht ei­lig. Sie lebt al­lein mit ih­rer Kat­ze. Ab­ge­se­hen von ih­ren Be­su­chen im Ver­lag hat sie einen ein­sa­men Job.

Sie schreibt Lie­bes­ro­ma­ne, ob­wohl sie an die Lie­be nicht mehr glaubt, seit sie ein Tee­n­a­ger war, und die Ko­lum­nen, die sie in ver­schie­de­nen Zeit­schrif­ten un­ter­bringt, han­deln nicht von Lie­be, son­dern von de­ren Nicht­vor­han­den­sein. An Aben­den wie die­sem gönnt sie sich Aus­gang. Sie zieht um die Häu­ser, geht in ihre Stamm­knei­pe, ins The­a­ter und ge­le­gent­lich in die Oper oder be­sucht eine Le­sung. Al­lein oder in Ge­sell­schaft.

Wie hieß noch der klei­ne ver­schla­fe­ne Kerl? Ben? Auf die Idee, ein Klein­kind in die Nacht mit­zu­neh­men, konn­te nur ein Mann kom­men. Sein Sohn? Viel­leicht. Hat das Kind denn kei­ne Mut­ter? War­um geht mir die­ser Mann nicht aus dem Kopf?

Ihr Taxi hält vor ei­nem ho­hen Stadt­haus. Ein Alt­bau, vor Jah­ren re­no­viert, wie vie­le der Häu­ser hier. Oft mit Hinter­hö­fen, man­che be­pflanzt und zu idyl­li­schen Gär­ten oder Spiel­plät­zen um­funk­tio­niert.

Wo ist der ver­flix­te Haus­sch­lüs­sel? Sie wühlt blind in ih­rer Ta­sche, bis sie das küh­le Me­tall spürt. Hin­ter sich hört sie ge­dämpft den Ver­kehr. Ge­läch­ter aus of­fe­nen Fahr­zeu­gen, von den Bal­ko­nen der um­lie­gen­den Häu­ser. Die Nacht ist noch nicht zu Ende. Mu­sik und der süße Duft von Phlox er­fül­len die Luft.

Be­vor sie auf­schlie­ßen kann, öff­net sich die Haus­tür. Ein jun­ger Mann hält ihr die Tür auf und ver­schwin­det gruß­los in der Dun­kel­heit. Im ers­ten Stock kracht eine Tür mit lau­tem Knall zu. Sie fragt sich, war­um das Paar noch zu­sam­men­lebt. Kein Tag ver­geht ohne laut­star­ke Aus­ein­an­der­set­zun­gen.

Sie steigt in den zwei­ten Stock, öff­net ihre Tür und hängt den Schlüs­sel­bund an den da­für vor­ge­se­he­nen Ha­ken da­ne­ben. Ein lei­ser Plumps. Gleich dar­auf streicht die Kat­ze um ihre Bei­ne. Nach­dem sie die San­da­len von den Fü­ßen ge­schüt­telt hat, nimmt sie die Kat­ze auf den Arm und geht mit ihr in die Kü­che. Sie steckt die Nase in ihr Fell. Lie­ber die Kat­ze als Ma­gnus. Er hat das Tier bei ihr ge­las­sen, er selbst hat den Auf­wand nicht ge­lohnt. Sie drückt die Kat­ze an sich.

Va­le­rie liebt ihre Woh­nung, ihr Al­lein­sein. Sie ist nicht da­für ge­macht, mit je­man­dem zu­sam­men­zu­le­ben. Die Woh­nung ist groß­zü­gig ge­schnit­ten und mehr als spar­sam mö­bliert. Ein be­que­mer Ses­sel. Ein paar Sitz­mö­bel von an­ge­sag­ten De­si­g­nern. Kü­che und ein gro­ßes Wohn­zim­mer ge­hen in­ein­an­der über, ein se­pa­ra­tes Schlaf­zim­mer, ein klei­nes Gäs­te­zim­mer. In al­len Räu­men brennt Licht. Sie lässt es an, wenn sie die Woh­nung ver­lässt.

Jetzt öff­net sie eine Dose für die Kat­ze und sieht ihr, ge­gen den Kü­chen­tre­sen ge­lehnt, eine Wei­le beim Fres­sen zu.

Auf der Ar­beits­plat­te liegt das fer­ti­ge Ma­nu­skript ne­ben dem Dru­cker. Mor­gen wird sie es in den Ver­lag brin­gen. Ge­ra­de noch ge­schafft. Die Ab­ga­be­ter­mi­ne sind streng ge­tak­tet. Das neue Buch soll zur Buch­mes­se im Ok­to­ber her­aus­kom­men. Sie streicht über den Ti­tel und sieht, dass der An­ruf­be­ant­wor­ter blinkt. Sie lässt ihn blin­ken, dann drückt sie ent­schlos­sen auf eine Tas­te. Lö­schen. Ihr Ver­lag, ihre Mut­ter oder Ma­gnus. Auf kei­nen von ih­nen ist sie scha­rf.

Sie holt den Weiß­wein aus dem Kühl­schrank, schenkt sich ein Glas ein und ver­lässt die Kü­che. Die Fla­sche nimmt sie mit. Va­le­rie öff­net die Bal­kon­tür. Sie ist kei­ne Blu­men­lieb­ha­be­rin, aber sie liebt den Duft von Kräu­tern. Wei­ßer Thy­mi­an, Ma­jo­ran, Zi­tro­nen­me­lis­se, Ba­si­li­kum und Ros­ma­rin wach­sen üp­pig in gro­ßen grau­en Kü­beln. Be­que­me Stüh­le, ein Tisch und eine brei­te Lie­ge. Sie lehnt am Ge­län­der und trinkt einen Schluck. Im Glas er­kennt sie ihr Spie­gel­bild. Sie weiß nicht, wie lan­ge sie hier steht. Um sie her­um ist es still.

»Wir ge­hen schla­fen«, ver­kün­det sie der Kat­ze.

Die Kat­ze sitzt be­we­gungs­los auf dem Tisch und fi­xiert sie. Nur die Schwanz­spit­ze zuckt. Als Va­le­rie im Bett liegt, starrt sie die De­cke an und denkt an Ma­gnus. Sie war­tet auf den Schmerz, aber da ist nichts, sie ver­misst ihn nicht, kei­ne Trau­er, kein Ge­fühl. In ihr bleibt es still.

Über das Bild von Ma­gnus schiebt sich ein an­de­res. Adam. Ver­flucht, war­um ist sie nicht ein­fach weg­ge­lau­fen, als sie ihn im Foy­er der Fa­brik­hal­le ent­deckt hat?

Du weißt, war­um.

Die Ähn­lich­keit die­ses Man­nes mit Sa­mu­el, ih­rer ers­ten und ein­zi­gen Lie­be, war frap­pie­rend, hat­te ihre Knie weich wer­den las­sen. Auch wenn sich beim Nä­her­kom­men die Ähn­lich­keit ver­lo­ren hat­te. Die An­zie­hungs­kraft war ge­blie­ben. Das Ge­fühl, die­sen Mann zu ken­nen. An die Stuhl­leh­ne ge­klam­mert, hat­te sie sich set­zen müs­sen. Nie mehr hat­te sie ge­fühlt wie da­mals, bis heu­te.

Du bist ge­flo­hen, wie du im­mer fliehst, wenn es um Ge­füh­le geht, denkt sie.

Va­le­rie wird vom Te­le­fon ge­weckt. Stöh­nend zieht sie sich ihr Kis­sen über den Kopf. Um die­se Uhr­zeit kann nur es eine sein. Ihre Mut­ter.

»Va­le­rie, ich weiß, dass du da bist.«

War­um ruft die­se Frau im­mer so früh an? Für sie be­steht doch kei­ne Ver­an­las­sung, zu nacht­schla­fen­der Zeit aus dem Bett zu sprin­gen. Ihre Mut­ter hat kei­nen Be­ruf, sie muss das Haus nicht ver­las­sen wie die Mehr­zahl ih­rer Ge­schlechts­ge­nos­sin­nen. Sie be­rich­tigt sich, war­um rufst du über­haupt an, Mut­ter?

Sie selbst hat einen An­lass auf­zu­ste­hen, jetzt. Ein Ter­min mit ih­rer Lek­to­rin im Ver­lag. Auf ih­rem Weg ins Bad füllt sie Was­ser und Fut­ter für die Kat­ze in zwei Näp­fe und setzt Kaf­fee auf. Nach dem zwei­ten An­ruf ih­rer Mut­ter an die­sem Mor­gen nimmt sie nun doch ab.

»Grace hier. End­lich«, hört sie ihre Mut­ter, als ob sie es nicht wüss­te. Für Va­le­rie ist sie im­mer nur Grace, Mut­ter ma­che sie alt.

»Ich bin in Eile.« Sie mus­tert sich im Spie­gel.

»Das bist du im­mer.«

»Ich habe einen Be­ruf.«

»Du schreibst, das ist et­was an­de­res. Ich möch­te euch zum Abend­es­sen se­hen.«

»Wen meinst du mit euch. Soll ich die Kat­ze mit­brin­gen?«

Va­le­rie hört ihre Mut­ter ein­at­men.

»Sei nicht al­bern.«

Wenn ich in dei­ner Ge­gen­wart et­was nicht füh­le, Mut­ter, ist es der Wunsch, al­bern zu sein.

Dann Grace Stim­me: »Was ist denn mit Ma­gnus? Er ist rei­zend und so gut er­zo­gen.«

»Das ist die Kat­ze auch. Wir ha­ben uns ge­trennt. Die Kat­ze hat er da­ge­las­sen.«

»Kannst du nicht ein­mal einen Mann hal­ten?« Grace dehnt das ein­mal the­a­tra­lisch. »Ich neh­me an, dass du nicht mehr lan­ge frucht­bar bist?«

Va­le­rie holt tief Luft. »Ich bin zwei­und­drei­ßig, nicht hun­dert. Im Ver­lag er­war­tet man mich.«

»Eine Frau muss einen Mann fin­den, be­vor sie völ­lig ab­sto­ße…«

Va­le­rie knallt den Hö­rer auf die Sta­ti­on und fragt sich, war­um die Ge­sprä­che mit ih­rer Mut­ter im­mer zu ei­nem Schlag­ab­tausch ge­lin­gen. Die Kat­ze ver­schwin­det mit ein­ge­klemm­tem Schwanz un­ter ei­nem Ses­sel. War­um är­gert sie sich im­mer wie­der über ihre Mut­ter? Aber na­tür­lich weiß sie es. Sie ist über­grif­fig und so takt­los, dass sie je­des Mal zu­sam­men­zuckt.

Va­le­rie läuft die Stu­fen hin­ab, zieht die Haus­tür hin­ter sich zu und steigt in das war­ten­de Taxi. Ihr Ma­nu­skript hat sie un­ter den Arm ge­klemmt, eine Um­hän­ge­ta­sche über der Schul­ter. Da die Da­tei längst bei Ruth liegt, ist es nicht nö­tig, es mit­zu­neh­men, aber sie will noch ein paar Stel­len, die sie mar­kiert hat, mit der Lek­to­rin be­spre­chen. Sie starrt blick­los aus dem Fens­ter. Erst als das Taxi den Mit­tel­weg über­quert, um über die Als­ter­chaus­see den Ha­r­ve­ste­hu­der Weg an­zu­steu­ern, wird sie wach. Sie muss sich auf die kom­men­den Ge­sprä­che kon­zen­trie­ren.

Das recht­e­cki­ge Ge­bäu­de des Ver­la­ges Neu­mey­er & Roth liegt in ei­nem schö­nen par­k­ähn­li­chen Ge­län­de an der Au­ßen­als­ter. Ruth er­war­tet sie. Die Chef­lek­to­rin ist längst zu ei­ner Freun­din ge­wor­den. Sie hat von An­fang an ihre Ro­ma­ne be­treut.

»Wie im­mer ein paar Mi­nu­ten zu spät.« Ruth um­armt sie. »Macht nichts, der Kaf­fee kommt gleich. Der Chef will dich nach­her auch noch se­hen, aber erst­mal ma­chen wir uns an die Ar­beit.« Sie lacht und zieht sie in ihr Büro.

Va­le­rie legt ihr Ma­nu­skript auf den aus­la­den­den Schreib­tisch und lässt sich stöh­nend in einen Ses­sel fal­len. »Mei­ne Mut­ter«, klagt sie.

»Was hat sie wie­der an­ge­stellt?«

Statt ei­ner Ant­wort fragt sie: »Bin ich ei­gent­lich schon völ­lig ab­sto­ßend?«

Ruth lacht ihr Laus­bu­ben­la­chen und nickt. »Du siehst gräss­lich aus.«

Was sie sieht, ist al­les an­de­re als reiz­los. Eine at­trak­ti­ve, er­folg­rei­che Frau, die nicht ahnt, wie ver­füh­re­risch sie ist. War­um weiß Va­le­rie das nicht?

»Wie kommst du jetzt da drauf?«

Va­le­rie schil­dert den mor­gend­li­chen An­ruf.

»War­um te­le­fo­nierst du über­haupt noch mit ihr?«

Va­le­rie steht auf und tritt ans Fens­ter. Sie blickt auf die glit­zern­de Als­ter und auf die im Son­nen­licht kreu­zen­den wei­ßen Se­gel. Auf die­se Fra­ge weiß sie kei­ne Ant­wort. Sie hat sie sich selbst schon tau­send­mal ge­stellt.

3 Juni

Adam steht seit fünf Uhr im Ge­wächs­haus. Ben schläft noch. Er hört sein lei­ses At­men aus dem Ba­by­pho­ne, das er ne­ben blü­hen­dem Sal­bei de­po­niert hat. Seit er Ben­ja­min bei sich hat, steht er früh auf, um so viel Zeit wie mög­lich mit ihm zu ver­brin­gen. Nichts hat ihn auf den Tag im letz­ten No­vem­ber vor­be­rei­tet. Er greift nach ei­ner Pflanz­kis­te und zieht sie zu sich her­an. Nicht dar­an den­ken! Aber er kann es nicht ver­hin­dern. Vor sei­nem in­ne­ren Auge taucht das sanf­te schö­ne Ge­sicht sei­ner Schwes­ter auf. Ben hat viel von ih­rer Sanft­heit, denkt er. Er blickt über die gro­ßen Me­tall­ti­sche. Es war Se­me­les Gärt­ne­rei nach dem Tod des Va­ters ge­we­sen. Adam ist Bio­lo­ge.

»Es ist nicht mein Ding, mir die Hän­de schmut­zig zu ma­chen«, hat­te er la­chend er­klärt, als es um die Nach­fol­ge ging.

Sein Va­ter gab sei­ne Gärt­ne­rei ger­ne in die Hän­de sei­ner Toch­ter und ließ sei­nen Sohn stu­die­ren. Jetzt steht Adam hier und packt die Pflanz­kis­ten, die heu­te aus­ge­lie­fert wer­den sol­len, er macht ge­nau das, was er nie ma­chen woll­te, er macht sich die Hän­de dre­ckig. Er weiß, wie sehr sein Va­ter und sei­ne Schwes­ter die Gärt­ne­rei ge­liebt ha­ben. Adam kann sie nicht auf­ge­ben. Schon des­halb nicht, weil sie al­les ist, was Ben von sei­nem klei­nen Le­ben ge­blie­ben ist.

»Wuff.«

Adam läuft los. Ben kann es nicht er­tra­gen, al­lei­ne zu sein, bes­ser, ohne ihn zu sein. Die klei­ne Hün­din Bel­la flitzt vor ihm her. Auch sie ein Erbe sei­ner Schwes­ter. Adam ist eher ein Kat­zen­mensch. Mit dem Tod sei­ner Schwes­ter und sei­nes Schwa­gers ist er Mut­ter und Va­ter zu­gleich.

Sie wa­ren auf dem Rü­ck­weg von sei­ner Par­ty ums Le­ben ge­kom­men. Er fühlt sich schul­dig. Na­tür­lich ist es nicht sei­ne Schuld, aber er kann den Ge­dan­ken ein­fach nicht ab­schüt­teln. Er sieht die Po­li­zis­tin mit ei­nem wei­nen­den Klein­kind auf dem Arm noch vor sich ste­hen.

»Ich muss Ih­nen lei­der mit­tei­len … Sind Sie der ein­zi­ge le­ben­de Ver­wand­te?«

Seit die­ser Zeit hat er Ben bei sich. Wo­chen­lang trägt er ihn auf dem Arm oder auf den Schul­tern. So­bald er ihn ab­setzt, klam­mert sich der Jun­ge an ihn wie ein Äff­chen. Ein­schla­fen ohne Adam, Fehl­an­zei­ge. Du­schen al­lei­ne kommt nicht in Fra­ge. Zu An­fang war es läs­tig, jetzt, nach acht Mo­na­ten, fehlt ihm et­was, wenn der Klei­ne mal nicht auf sei­nen Schul­tern hockt. Ben sitzt im Bett, den Blick fest auf die Tür ge­rich­tet. Er weint nicht, er war­tet. Adam kämpft ge­gen die Trä­nen an. Er nimmt den Jun­gen auf den Arm und küsst ihn aufs asch­blon­de Haar. So blond und wi­der­bors­tig wie sein ei­ge­nes.

»Gu­ten Mor­gen, mein Klei­ner. Auf geht’s. Jetzt gibt’s Früh­stück.«

Ben schlingt sei­ne Ärm­chen um Adams Hals. »Dada.«

»Ich bin da. Und schau, da ist auch Bel­la.«

»Bel­la«, wie­der­holt Ben.

Die Hün­din sieht ihn aus hell­blau­en Au­gen an. Ein Ohr hängt be­küm­mert nach un­ten, das an­de­re steht fra­gend in die Höhe. Sie zeigt ein schie­fes Lä­cheln, wenn sie eine Lef­ze hoch­zieht.

Eine Schön­heit ist sie nicht, denkt Adam. Aber sei­ne Schwes­ter moch­te sie. Und auch Ben liebt sie. Er lässt ihn nur los, um hin­ter Bel­la her­zu­lau­fen. Das gibt ihm die Zeit, sein Müs­li vor­zu­be­rei­ten. Wi­ckeln, wa­schen, füt­tern, al­les ist zur Rou­ti­ne ge­wor­den.

Vor der Tür wird es laut. Ein Mo­ped rat­tert über den Hof.

»Hin­nerk«, sagt Adam.

Ben nickt und schiebt sich einen Löf­fel Müs­li in den Mund. Er spricht nicht viel.

»Moin, bin da.« Hin­nerk steckt den Kopf durch die Tür, winkt kurz und geht in Rich­tung der Ge­wächs­häu­ser. Auch Hin­nerk spricht nicht viel.

Der Mor­gen ist noch frisch, aber die Luft er­wärmt sich fühl­bar. Es wird wie­der ein war­mer Tag wer­den. Ben kratzt sorg­fäl­tig sei­ne Schüs­sel sau­ber.

Mehr­mals hat eine Dame vom So­zi­al­amt Adam be­sucht:

»Ben ge­hört in einen Kin­der­gar­ten. Er ist in sei­ner Ent­wick­lung zu­rück.«

»Was mei­nen Sie da­mit?«

»Er spricht nicht, geht nicht auf mich zu, wie … norm… an­de­re Kin­der es tun wür­den.«

Er ver­kniff sich eine scha­r­fe Ant­wort. Ich wür­de auch nicht auf dich zu­ge­hen, Zi­cke. Er ver­kniff sich auch den Hin­weis, dass Ben den Un­ter­schied zwi­schen Sal­bei, Thy­mi­an, Ros­ma­rin und noch so ei­ni­gen an­de­ren Kräu­tern kennt.

»Und, so­weit ich se­hen kann, ist er auch noch nicht tro­cken.«

»Das war ich in sei­nem Al­ter auch noch nicht«, sag­te er. »Ich habe noch mit fünf in die Hose ge­pisst, und wenn mein Nef­fe das möch­te, darf er das auch.«

Er grinst, als ihm die­se Sze­ne ein­fällt, und stellt Bens in­zwi­schen säu­ber­lich leer ge­kratz­te Schüs­sel in die Spü­le.

»Wir ge­hen jetzt ar­bei­ten«, sagt er und hebt Ben vom Kin­der­stuhl.

Hin­nerk ist da­bei, die ge­pack­ten Kis­ten auf dem Prit­schen­wa­gen zu sta­peln. Das Auto mit der Auf­schrift: S. Frank Gar­ten­bau steht jetzt vor den Glas­häu­sern.

S. Frank steht für: Si­mon, sei­nen Va­ter, und Se­me­le, sei­ne Schwes­ter. Er hat es nicht über sich ge­bracht, sei­nen ei­ge­nen Buch­sta­ben da­vor­zu­set­zen. Nicht ein­mal die Web­si­te hat er ak­tu­a­li­siert. Er ver­misst sie bei­de noch zu sehr. Viel­leicht wür­de ei­nes Ta­ges ein B für Ben dazu kom­men.

»Ist das al­les?« Hin­nerk steht vor ihm und deu­tet auf die Kis­ten.

»Nein, eine fehlt.« Adam kon­sul­tiert ein klei­nes Heft, das er aus der Ta­sche sei­ner Jeans zupft. »Hier. Thy­mus prae­cox, wei­ßer Thy­mi­an.«

Ben zieht ihn ziel­si­cher in die rich­ti­ge Rich­tung, dort­hin, wo die vor­ge­zo­ge­nen Thy­mi­an­pflan­zen ste­hen.

»Sehr gut, mein Klei­ner.«

Hin­nerk lacht. »Du musst ihm bald Ge­halt zah­len. Auf mich kannst du dann ver­zich­ten.«

Adam nickt. »Nur das mit dem Füh­rer­schein muss noch war­ten.«

Er packt noch eine wei­te­re Kis­te mit den win­ter­har­ten Pflan­zen und klebt einen Zet­tel mit der Adres­se an die Sei­te. Hin­nerk ist schon im­mer hier ge­we­sen. Er ist mit Leib und See­le Gärt­ner. Er wüss­te nicht, was er ohne ihn tun soll­te. Adam spürt ein Zie­hen. Er wäre ger­ne selbst ge­fah­ren, aber das macht er nicht. Die Be­stel­lun­gen aus­zu­fah­ren und die Be­pflan­zung der Stadt­bal­ko­ne und Gär­ten über­lässt er Hin­nerk. Er fühlt Bens Hand in sei­ner. Es ist rich­tig, was er tut. Ben setzt sich nicht ger­ne in ein Auto.

Adam nimmt sich den Ord­ner mit den Bil­dern. Von je­dem der Bal­ko­ne macht Hin­nerk ein paar Auf­nah­men, na­tür­lich mit der Er­laub­nis der Be­sit­ze­rin­nen, manch­mal so­gar mit ei­nem Sel­fie sei­ner Kun­din­nen. Fast im­mer sind es Frau­en, die sich an sei­ne Fir­ma wen­den. In Ge­dan­ken fährt er mit Hin­nerk durch Ham­burg, lie­fert die be­stell­ten Pflan­zen aus und pflanzt sie auf Wunsch gleich in Kü­bel und Käs­ten ein. So­weit er se­hen kann, hat er seit dem Tod sei­ner Schwes­ter kei­ne Kun­den ver­lo­ren. Hin­nerk hat of­fen­sicht­lich sehr gute Ar­beit ge­leis­tet. Die Frau­en mö­gen Hin­nerk. Aber Adam hü­tet sich, das aus­zu­spre­chen. Mit sei­ner tie­fen Stim­me und der ru­hi­gen Art wirkt Hin­nerk ver­trau­ens­wür­dig. Er klappt den Ord­ner zu. Es gibt viel zu tun.

Er geht mit Ben zu dem klei­nen, mit ro­ten Zie­geln um­mau­er­ten Gar­ten hin­ter den Glas­häu­sern. Dort pflanzt er Heil­kräu­ter an. Heil­kräu­ter, die im­mer auch Gift­kräu­ter sind. Des­halb schärft er Ben ein­dring­lich ein, dass er nie, nie­mals ohne ihn, die­sen Teil des Gar­tens be­tre­ten darf. Aber Ben geht ohne ihn nir­gend­wo hin. Dar­über muss er sich noch kei­ne Sor­gen ma­chen. Vor der ro­ten Zie­gel­mau­er blüht die schöns­te und höchs­te sei­ner Pflan­zen, der tief­blaue Ei­sen­hut, gif­tig bis in jede sei­ner Fa­sern.

Eine Gift­pflan­ze mit kri­mi­nel­ler Ver­gan­gen­heit. Sie muss­te über Jahr­hun­der­te als Mord­in­stru­ment her­hal­ten. In all ih­ren Pflan­zen­t­ei­len steckt Al­ka­lo­id Aco­ni­tin, das be­reits in ge­rin­gen Men­gen töd­lich wirkt. Die töd­li­che Do­sis bei Er­wach­se­nen liegt bei zwei bis vier Gramm der Wur­zel. Das ent­spricht ein bis zehn Mil­li­gramm Aco­ni­tin pro Ki­lo­gramm Kör­per­ge­wicht. Der Tod tritt meist in­ner­halb we­ni­ger Stun­den ein, durch Herz­ver­sa­gen und Atem­läh­mung.

Der be­rühm­tes­te Mord mit Ei­sen­hut hat­te sich wohl an Kai­ser Clau­di­us im al­ten Rom zu­ge­tra­gen. Sei­ne Gat­tin und ihr Leib­a­rzt sol­len ihm gif­ti­ge Pil­ze un­ter das Es­sen ge­mischt ha­ben. Er konn­te sich da­nach noch in sei­ne Ge­mä­cher schlep­pen, in der Ab­sicht, mit ei­ner Vo­gel­fe­der einen Wür­ge­reiz her­vor­zu­ru­fen. Die­se Vo­gel­fe­der al­ler­dings war ge­tränkt mit ei­nem Ex­trakt aus Ei­sen­hut, was letzt­end­lich zu sei­nem Tod ge­führt ha­ben soll.

Ben bleibt ein Stück weit da­von ent­fernt ste­hen, wie Adam es ihm bei­ge­bracht hat. Selbst die Be­rüh­rung ist ge­fähr­lich.

4 Juni

Va­le­rie klopft, war­tet aber nicht auf ein Her­ein, be­vor sie die Tür öff­net. Vik­tor sitzt hin­ter sei­nem rie­si­gen, un­auf­ge­räum­ten Schreib­tisch. Das Büro ist an­ge­nehm kühl. Er er­hebt sich und schließt sein zwei­fel­los nicht von der Stan­ge ge­kauf­tes Ja­ckett, als sie ein­tritt.

Wie gut er aus­sieht, denkt sie.

Mit ei­nem kaum un­ter­drück­ten Ta­del in der Stim­me sagt er: »Du hast es mal wie­der ge­schafft, uns alle in Atem zu hal­ten.«

Va­le­rie ver­zieht die Lip­pen.

»Das hält dich so un­ver­schämt jung.«

Sie strahlt ihn an. Sie weiß, dass er sich är­gert, wenn sie Ter­mi­ne nicht ein­hält.

Er geht drei Schrit­te auf sie zu, küsst sie auf den Mund und legt eine Hand be­sitz­er­grei­fend auf ih­ren Rü­cken. »Wann se­hen wir uns mal wie­der au­ßer­halb die­ses Bü­ros? Ich könn­te heu­te in der Stadt blei­ben.«

Zu forsch für ih­ren Ge­schmack. Sie löst sich von ihm und nimmt Platz auf dem Stuhl vor sei­nem Schreib­tisch. Das gibt ihr die nö­ti­ge Di­stanz. Sie will sich nicht noch ein­mal mit ihm ein­las­sen. Er war nichts als eine Af­fä­re, re­det sie sich ein, und doch hat die Tren­nung von ihm Spu­ren hin­ter­las­sen. Sie will nicht an sei­ne Frau und sei­ne Kin­der den­ken. Ihr fällt den­noch die wei­ße Vil­la an der Elb­chaus­see ein, mit ei­nem traum­haft schö­nen Blick auf die Elbe. Va­le­rie hat kein schlech­tes Ge­wis­sen. Sie lä­chelt. Ihre mo­ra­li­schen Stan­dards sind nicht ge­ra­de an­ti­quiert. Wenn sie ehr­lich ist, zieht sie Af­fä­ren mit ver­hei­ra­te­ten Män­nern vor. Sie re­den nicht über ihre Er­obe­run­gen und ge­hen nach an­ge­mes­se­ner Zeit wie­der. Nichts von Dau­er.

»Wie geht es dei­ner Frau und den Kin­dern?«, fragt sie, statt sei­ne Fra­ge zu be­ant­wor­ten.

»Ich hab’s ver­stan­den«, sagt er lä­chelnd. »Wie geht es dei­nem Kat­zen­mann?«

Nur noch Kat­ze, kein Mann, denkt sie. Sie ant­wor­tet nicht.

Er nimmt das neue Ex­posé vom Tisch. »Du bist ja flei­ßig. Ich lese es durch. Hat Ruth es schon ge­se­hen?«

»Wir ha­ben kurz dar­über ge­spro­chen.« Va­le­rie weiß, wie viel Vik­tor von der Mei­nung sei­ner Chef­lek­to­rin hält. Ruth hat ein gu­tes Ge­spür für die The­men der Zeit und eine untrüg­li­che Nase, was bei Va­le­ries Le­se­r­in­nen an­kommt.

Er nimmt einen Bo­gen Pa­pier aus ei­ner Schub­la­de und legt einen Fül­ler dar­auf. Va­le­rie un­ter­schreibt einen wei­te­ren Ver­trag.

Vik­tor be­ob­ach­tet sie beim Schrei­ben. Sie sieht be­zau­bernd aus, denkt er, und sie ist ver­dammt an­zie­hend. Va­le­rie ist ei­nes der Zug­pfer­de sei­nes Ver­la­ges. Je­des ih­rer Bü­cher wird zum Best­sel­ler. Sie be­sitzt eine ge­schlif­fe­ne Spra­che, und ihre Tex­te sind vol­ler Hu­mor. In­ter­es­sant ist die Dis­kre­panz zwi­schen den Ro­ma­nen und den Ar­ti­keln, die sie in ver­schie­de­nen Zeit­schrif­ten ver­öf­fent­licht. Dort ver­wan­delt sie sich in eine Zy­ni­ke­rin, die zwei­felt, fragt und ver­blüf­fen­de Zu­sam­men­hän­ge auf­deckt. Er liest sie aus­nahms­los.

»Dan­ke«, sagt er, als sie das Pa­pier über die Tisch­plat­te reicht. »Sagst du mir et­was über den In­halt?«

»Nein.«

Va­le­rie er­hebt sich. Der schma­le Rock ih­res är­mel­lo­sen Lei­nen­klei­des lässt nur die Fes­seln se­hen. Beim Ge­hen öff­net er sich bis zu den Kni­en. Vik­tor er­hebt sich eben­falls. Sie ist be­reits an der Tür, als er sie er­reicht.

»Lies es durch«, sagt sie, »und sag mir, was du da­von hältst.«

Vik­tor nimmt ihre Hand und haucht einen Kuss dar­auf.

»Mach ich. War schön dich zu se­hen.«

Va­le­rie ver­lässt das Ver­lags­haus. Sie geht lang­sam den Ha­r­ve­ste­hu­der­weg ent­lang. Zu ih­rer Lin­ken glit­zert die Als­ter im Son­nen­licht. Se­gel­boo­te.

Eine Post­kar­te, denkt sie, biegt in die Als­ter­chaus­see ein, über­quert den Mit­tel­weg und läuft bis zur Hal­ler­stra­ße. Die Gär­ten und Häu­ser nimmt sie kaum wahr. Am U-Bahn­hof gibt sie auf. Die neu­en Riem­chen­san­da­len drü­cken und sind nicht halb so be­quem, wie sie aus­se­hen.

»Paul­sen­platz«, ächzt sie, wirft sich in die Pols­ter des Ta­xis und löst die Riem­chen an ih­ren Fü­ßen.

»Bleibt es da­bei?« Der Ta­xi­fah­rer grinst.

»Ver­spro­chen«, sagt sie.

Den Nach­mit­tag ver­bringt sie auf dem Bal­kon. Die Pflan­zen duf­ten und glän­zen vor Näs­se. Sie träumt von ei­nem küh­len Glas Wein, ei­nem Stück Käse am Abend nur mit ih­rer Kat­ze. Aber sie ist mit Ruth ver­ab­re­det.

Va­le­rie trifft ihre Freun­din in der wei­ten Hal­le, in der auch die Le­sung vor ei­ni­gen Ta­gen statt­ge­fun­den hat. Ruth hat Kar­ten für ein afri­ka­ni­sches Tanz­the­a­ter in der Fa­brik. Tanz in­ter­es­siert sie nicht, sie geht ih­rer Freun­din zu­lie­be mit. Ruths Arm­rei­fen klir­ren, wenn sie ihr Glas zum Mund führt. Sie ste­hen an der The­ke, wo man in der Pau­se oder nach der Vor­füh­rung ein Glas Wein oder Pro­sec­co trin­ken kann.

»Er­war­test du je­man­den?« Ruth sieht sich um.

»Nein. Wie kommst du dar­auf?«

»Weil du mich den gan­zen Abend über noch nicht an­ge­se­hen hast. Statt­des­sen hast du die­sen su­chen­den Blick.«

Va­le­rie hat tat­säch­lich an ihn ge­dacht. Viel­leicht kommt er ja öf­ter hier­her?

Sie spürt eine leich­te Wär­me auf den Wan­gen und be­schließt, die hal­be Wahr­heit zu er­zäh­len. Dann denkt sie, dass es über­haupt kei­ne Wahr­heit gibt, kei­ne hal­be und auch kei­ne gan­ze. Un­wil­lig über sich selbst schüt­telt sie den Kopf.

»Also was ist?« Ruth lässt nicht lo­cker.

»Gar nichts. Ich habe bei der Le­sung neu­lich hier einen Mann ge­se­hen.«

»Aha.« Ruths Brau­en fah­ren in­ter­es­siert in die Höhe. Arm­rei­fen und Ket­ten klin­geln bei je­der Be­we­gung.

Sie sieht aus, als habe sie sich für die­sen Abend mit bun­ten Per­len und Rei­fen folk­lo­ris­tisch auf­ge­peppt, aber es steht ihr gut. Ruth kann al­les tra­gen, und sie ist un­be­streit­bar sexy. Kein Mann, der nicht einen Blick ris­ki­ert, denkt Va­le­rie.

Sie sieht an ih­rem ei­ge­nen schlich­ten schwa­r­zen Kleid hin­ab. Dazu trägt sie eine lan­ge schma­le Sil­ber­ket­te und rote Pumps. An ihr klin­gelt nichts. Sie lä­chelt. Ruth sen­det Si­gna­le an ihre Um­ge­bung: Hey Leu­te, hier spielt die Mu­sik. Und das tut sie mit Er­folg.

»Er war etwa zwei Jah­re alt«, sagt Va­le­rie jetzt »und saß auf dem Schoß sei­nes Va­ters. Ich neh­me je­den­falls an, dass es sich um den Va­ter han­del­te. Kei­ne Ah­nung, wir ha­ben nicht mit­ein­an­der ge­spro­chen.«

Sie weiß nicht, war­um sie Ruth ver­schweigt, dass sie doch mit­ein­an­der ge­spro­chen ha­ben. Es ist nicht wich­tig, denkt sie. War­um kann sie sich dann an je­des Wort er­in­nern? Adam und Ben.

Ruth, denkt sie, hat nicht be­son­ders vie­le Freun­de, aber gan­ze Ru­del von Be­kann­ten. Sie weiß nicht mehr, wie oft ihre Freun­din heu­te schon ge­grüßt wor­den ist. Ruth kennt Gott und die Welt, weiß aber ihr Pri­vat­le­ben sehr sorg­fäl­tig zu schüt­zen. Al­ler­dings kann sie mit Ge­füh­len bes­ser um­ge­hen als sie selbst.

Va­le­rie fällt plötz­lich ein, dass sie ihre Ko­lum­ne für eine Zeit­schrift nicht län­ger auf­schie­ben kann. Die Re­dak­ti­on braucht ih­ren Text mor­gen, und sie hat noch nicht ein­mal da­mit an­ge­fan­gen. Aus­ge­rech­net über Ge­füh­le soll sie schrei­ben.

»Ich muss ge­hen.«

In Ge­dan­ken ist sie schon bei der Ar­beit, die vor ihr liegt. Va­le­rie lässt sich von Ruth in den Arm neh­men, eine Kör­per­lich­keit, die sie nur we­ni­gen er­laubt. Die­se künst­li­che Herz­lich­keit hat ihr nie ge­fal­len.

5 Juli

Adam stu­diert alte Re­zep­te. In der Nacht, wenn Ben fest schläft, sitzt er über sei­nen Bü­chern. Sein kost­bars­ter Be­sitz ist ein ab­ge­grif­fe­nes schwa­r­zes Büch­lein mit der schlich­ten Auf­schrift Gift-Buch. Kein ge­druck­tes Buch, son­dern eine Klad­de, hand­ge­schrie­ben von 1534. Er liest: Step­pen­rau­te, Toll­kir­sche, Queck­sil­ber, Gift­pil­ze, Gei­fer und Gal­le von Gift­tie­ren. An Be­täu­bungs­mit­teln (me­di­ci­nae stu­pe­fac­to­riae) nennt der Ver­fas­ser: Bil­sen­kraut, Al­rau­ne, Opi­um, Gift­lat­tich und Mohn; die­se tö­ten nur bei Über­do­sie­rung. Sehr be­ru­hi­gend, denkt er.

Adam schaut auf, als Bel­la ein lei­ses Knur­ren von sich gibt. In den Ju­li­näch­ten wird es nicht wirk­lich dun­kel. Adam legt sein Heft zur Sei­te und tritt ans ge­öff­ne­te Fens­ter. Viel­leicht ein Fuchs oder ein an­de­res Tier, das sich an sei­nem Haus vor­bei­s­tiehlt. Bel­la sieht auf­merk­sam zu ihm auf.

Ist da ein Schat­ten, eine ver­stoh­le­ne Be­we­gung? Eine Wei­le bleibt er noch am Fens­ter ste­hen, aber nichts rührt sich.

»Da ist nichts, Bel­la«, sagt er.

Die Hün­din trot­tet zu­rück zum Tisch und lässt sich seuf­zend auf den küh­len Stein­bo­den fal­len. Adam nimmt eine an­ge­bro­che­ne Fla­sche Gavi aus dem Kühl­schrank, schenkt sich ein Glas ein und geht da­mit an den Kü­chen­tisch. Er setzt die Kopf­hö­rer auf und lauscht dem un­fass­bar sü­ßen So­pran der Sän­ge­rin: »Por­gi Amor … Hör mein Flehn, o Gott der Lie­be …«

Er denkt an die Frau ohne Na­men. Sie hat sich in sei­ne See­le ge­brannt. Im­mer wie­der hört er sie lei­se la­chen. Sieht ih­ren for­schen­den Blick.

Seit er Ben bei sich hat, ist Adam oft al­lein. Es über­rascht ihn, wie sehr ihm die­ses Le­ben ge­fällt. Sein Han­dy leuch­tet auf. Chris­ti­na! Auf dem Bild­schirm er­scheint ihr Ge­sicht. Das Foto hat er selbst ge­macht. Sie lacht ihn an, ihr lan­ges Haar flat­tert im Wind und ver­schwimmt im glei­ßen­den Gelb des Raps­fel­des im Hin­ter­grund. Er hat sie nicht ver­ges­sen, sie passt nur nicht mehr in sein Le­ben. Kei­ne Frau der Welt hält einen Mann aus, auf des­sen Hüf­te oder Schul­tern über Wo­chen ein klei­nes Kind hockt. Das hat sie ihm bei ih­rer letz­ten Be­geg­nung sehr deut­lich ge­macht. Er setzt die Kopf­hö­rer ab und nimmt den An­ruf an.

»Adam, bist du das?« Ihre Zun­ge stol­pert.

Sie ist be­trun­ken, denkt er. »Chris­ti­na.«

»Ich will dich wie­der­se­hen.«

Er denkt an die letz­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen. »Ich glau­be, das ist kei­ne gute Idee.«

»Aber ich ver­mis­se dich.«

Die­ses an­de­re Ge­sicht schiebt sich über das Chris­ti­nas, nicht so jung, aber fas­zi­nie­rend. Das Ge­sicht ei­ner Frau, die so prä­sent ist wie kei­ne, die er kennt. Er hört sie lei­se la­chen, die Na­men­lo­se. Ihr glän­zen­des Haar. Sein Puls be­schleu­nigt sich.

»Adam, bist du noch dran?«

»Was?«

»Ich könn­te mor­gen zu dir raus­fah­ren. Lass uns re­den.«

Er gibt nach. Dann legt er auf. Es ist fair, denkt er, mit ihr zu re­den.

Adam starrt auf das Han­dy. Ei­gent­lich weiß er, dass es nichts mehr zu sa­gen gibt. Als er auf­schaut, steht Ben in der ge­öff­ne­ten Kü­chen­tür.

Adam nimmt den Jun­gen auf den Arm und geht mit ihm zum Fens­ter. Sie se­hen bei­de hin­aus auf die Ap­fel­wie­sen. Ein durch­sich­ti­ger Schlei­er aus Dunst liegt über al­lem. Die frü­hen Äp­fel sind reif.

»Mor­gen pflü­cken wir Äp­fel, Ben.«

Der Jun­ge nickt ver­stän­dig.

»Und jetzt ge­hen wir bei­de schla­fen.«

Adam legt Ben in das alt­mo­di­sche Dop­pel­bett, in dem sei­ne El­tern schon ge­schla­fen ha­ben. Als er ins Bett kriecht, spürt er Bens tas­ten­de Hand auf sei­nem Ge­sicht. »Ich bin da, mein Klei­ner.«

Gleich dar­auf hört er Bens ru­hi­ge Atem­zü­ge.

Auf dem Die­len­bo­den lei­ses Kla­cken von Bel­las Kral­len. Ein Mann, ein Jun­ge und ein klei­ner Hund. Mit den Ge­dan­ken an die Ar­beit mor­gen schläft er ein.

Das Rat­tern des Trak­tors weckt Adam in der Frü­he. Er hält di­rekt vor der Haus­tür.

Das muss Han­nah sein. Han­nah ist Hin­nerks Toch­ter. Sie ist neun­zehn. Ein hüb­sches, kräf­ti­ges Mäd­chen, das nie weit über die Marsch hin­aus­ge­kom­men ist. Sie ist ei­gen­wil­lig und wiss­be­gie­rig. Ihr Va­ter hält sie für schwer er­zieh­bar. Seit dem Tod der Mut­ter ver­sorgt sie ih­ren Va­ter und hilft Adam bei der Ern­te. Hin­nerk ist ihm dank­bar, dass er sei­ne Toch­ter be­schäf­tigt. Han­nah kennt sich aus mit Pflan­zen und weiß, wie man Äp­fel pflückt, ohne den Baum zu be­schä­di­gen. Al­ler­dings ist ihm ihre An­häng­lich­keit manch­mal zu viel.

Lei­se steht er auf. Ben schläft zu­sam­men­ge­rollt wie ein Wel­pe. Adam steigt in sei­ne Ho­sen und läuft ba­r­fuß zur Tür.

Han­nah schenkt ihm ein strah­len­des Lä­cheln. Der Wind zerrt an ih­rem wei­ten Blau­mann und reißt ihr fast das Tuch vom Kopf. »Moin, Adam.«

»Moin, Han­nah.«

Er hebt den Kopf. Wei­ße Som­mer­wol­ken zie­hen schnell über den Him­mel. »Wenn wir Glück ha­ben, hält das Wet­ter.« Adam be­grüßt auch die bei­den Män­ner, die vom Trak­tor sprin­gen.

»Piet, Jan.«

»Moin.«

»Fangt auf der hin­te­ren Wie­se an und nehmt den Hän­ger aus der Scheu­ne. Ich bin in ei­ner hal­b­en Stun­de bei euch.«

Ben wird gleich auf­wa­chen. Adam geht in die Kü­che, setzt Kaf­fee­was­ser auf und nimmt Jo­ghurt und Milch aus dem Kühl­schrank. Da­nach schält er einen Ap­fel und schnei­det ihn in klei­ne Stü­cke. Die Milch füllt er in einen Be­cher. Jo­ghurt und Ap­fel­stü­cke mischt er in ei­ner Schüs­sel und gibt eine Hand­voll Ro­si­nen dar­über.

»Dada!« Ben nennt ihn sel­ten beim Na­men.

Adam lä­chelt. Dada klingt wie eine Mi­schung aus Papa und Adam.

»Moin, Klei­ner. Aus­ge­schla­fen?« Er nimmt Ben auf den Arm und geht mit ihm ins Ba­de­zim­mer. Die Win­del ist seit ein paar Ta­gen tro­cken. Er wagt nicht, es an­zu­spre­chen, des­halb fragt er ihn: »Möch­test du eine neue Win­del ha­ben?«

»Ne!« Ben schüt­telt ener­gisch den Kopf.

»Gut.« Adam nimmt Bens win­zi­ge Latz­ho­sen und hilft ihm beim An­zie­hen.

»Ap­fel flü­cken?« Ben schaut ihn fra­gend an. Er hat es nicht ver­ges­sen, und er hat ge­spro­chen.

Das wird ein gu­ter Tag, denkt Adam.

»Erst früh­stü­cken, dann ar­bei­ten«, sagt er.

6 Juli

Va­le­rie be­zahlt den Chauf­feur und steigt aus dem Taxi. Die Front des Hau­ses ist er­leuch­tet. Sie fragt sich, ob das nö­tig ist und be­ant­wor­te­te sich die Fra­ge gleich selbst mit ei­nem kla­ren Nein. Es gibt ein Wort da­für: Licht­ver­schmut­zung.

Die Mau­ern der bei­den ers­ten Eta­gen sind cre­me­fa­r­ben ge­stri­chen und noch ohne Graf­fi­ti, die obe­ren drei leuch­ten in ei­nem kräf­ti­gen Rot, nur un­ter­bro­chen von wei­ßen Fens­ter­rah­men. Es ist ein schö­nes al­tes Miets­haus. Vier klei­ne Bal­ko­ne, schwa­rz um­git­tert, hän­gen an der Vor­der­sei­te. Ihr Bal­kon, sie hat Glück, hängt an der Sei­te. Von dort hat sie den Blick auf einen be­grün­ten Platz mit ho­hen Bäu­men, ei­nem Kin­der­spiel­platz und den Ein­gang. Sie bleibt einen Mo­ment auf dem ge­pflas­ter­ten Vor­platz ste­hen. Nur zwei Woh­nun­gen sind noch be­leuch­tet. Ihre ei­ge­ne im zwei­ten Stock und die dar­un­ter, in der das jun­ge, ewig strei­ten­de Paar wohnt.

Sie kramt in ih­rer Ta­sche nach dem Hau­s­tür­sch­lüs­sel, schließt auf und tas­tet nach dem Licht­schal­ter. Dann hört sie Lärm. Sie bleibt ste­hen und lauscht. Se­kun­den spä­ter wird über ihr eine Tür auf­ge­ris­sen. Der jun­ge Mann aus der Woh­nung im ers­ten Stock rennt, ohne sie wahr­zu­neh­men, an ihr vor­bei. Lang­sam steigt Va­le­rie die Stu­fen hin­auf. Wie­der bleibt sie ste­hen. Sie hört die Frau schluch­zen. Soll sie fra­gen, ob sie Hil­fe braucht? Va­le­rie seufzt. Sie möch­te nichts als einen ru­hi­gen Abend, den sie nut­zen will, um ih­ren Ar­ti­kel zu schrei­ben. Ihr Fin­ger legt sich ganz ohne ih­ren Wil­len auf die Klin­gel ne­ben dem Schild, das ver­kün­det, dass hier Klaus We­ber und Kat­ja Vo­gel woh­nen. We­ber­vo­gel, Va­le­rie lä­chelt. Das Schluch­zen im In­nern der Woh­nung wird lei­ser und ver­stummt. Eine be­leg­te Frau­en­stim­me fragt: »Wer ist da?«

»Va­le­rie. Ich woh­ne im zwei­ten Stock. Brau­chen Sie Hil­fe?«

»Nein, ge­hen Sie!«

»Gute Nacht.« Va­le­rie kommt sich däm­lich vor. Aber sie kann ver­ste­hen, dass Kat­ja sich in dem Zu­stand, in dem sie sich zwei­fel­los ge­ra­de be­fin­det, nicht zei­gen will. Als sie ihre Woh­nungs­tür öff­net, streicht die Kat­ze maun­zend um ihre Bei­ne.

»Ich hab dich zu lan­ge al­lei­ne ge­las­sen.«

Ma­gnus hat der Kat­ze kei­nen Na­men ge­ge­ben. Sie tauft sie auch nicht. Sie denkt an Früh­stück bei Tif­fa­ny. In dem Film wird der Ka­ter auch nur Ka­ter ge­ru­fen.

Va­le­rie öff­ne­te eine Fla­sche Ba­ro­lo. Sie gießt sich ein Glas ein und setzt sich an ih­ren Schreib­tisch. Der ers­te sam­ti­ge Schluck. Auch der Wein, wie die Kat­ze, Ma­gnus‹ Hin­ter­las­sen­schaft. Die Kat­ze liegt auf dem Tisch ne­ben dem Lap­top und starrt sie aus ih­ren schö­nen Au­gen an. Va­le­rie denkt an den wun­der­ba­ren ers­ten Abend mit Ma­gnus. Er hat sie über­rascht, da­mals. Nicht dar­an den­ken, be­fiehlt sie sich. Mach dei­nen Ar­ti­kel fer­tig. Sie öff­net den Com­pu­ter, rich­tet die Sei­te ein und schreibt.

Wo wir füh­len, was wir füh­len.

Im­mer mehr Neu­ro­wis­sen­schaft­ler be­schäf­ti­gen sich in­zwi­schen mit der Fra­ge, wo sich der Sitz der Emo­ti­o­nen be­fin­det, und glau­ben Sie mir, die Ant­wort ist nicht das Herz. Herz, Ge­fühl und Lie­be ha­ben nichts mit­ein­an­der zu tun. Wenn Ihr Herz schnel­ler klopft, wenn Sie den Liebs­ten se­hen, heißt das nicht, dass die Lie­be dort ih­ren Platz hat, Ihr Herz klopft auch schnel­ler, wenn Ih­nen die S-Bahn vor der Nase weg­fährt oder Sie in Hun­de­schei­ße tre­ten. Schuld an Ih­ren Ge­füh­len sind be­stimm­te Hirn­re­gi­o­nen, nichts wei­ter …

Man könn­te so­gar sa­gen, dass die Lie­be ih­ren Sitz in der Nie­re hat …

Als Fol­ge des Ver­liebt­seins tre­ten alle an­de­ren Ge­füh­le in den Hin­ter­grund. Die Stim­mung ist ge­ho­ben, eine Viel­zahl von Bo­ten­stof­fen ver­än­dern ihre Kon­zen­tra­ti­on in Ge­hirn und Kör­per. So er­höht das wäh­rend der Ver­liebt­heit im Ne­ben­nier­en­mark aus­ge­schüt­te­te Ad­re­na­lin di­rekt den Puls. Herz­klop­fen …

Hier wan­dern ihre Ge­dan­ken doch wie­der zu Ma­gnus:

Wild­tau­be mit Ho­nig und Pap­par­del­le an wei­ßer Trüf­fel. Ma­gnus ist über­wäl­ti­gend, wenn er un­an­ge­mel­det vor der Tür steht. In ei­ner Hand ein Blu­men­s­trauß von der Grö­ße ei­nes Klein­wa­gens, in der an­de­ren eine Tüte von Le Beau Voi­sin, ei­nem an­ge­sag­ten Fran­zo­sen in Win­ter­hu­de. Der Wein ist aus Ita­li­en. Er be­wegt sich in ih­rer Kü­che, als sei es sei­ne ei­ge­ne.

Sie schließt die Au­gen. Aber nicht Ma­gnus‹ ver­trau­tes Ge­sicht er­scheint, son­ders das Adams, den sie nicht kennt. Wer bist du?

Ihr Puls be­schleu­nigt sich. Sie steht auf, um sich noch ein Glas Wein zu ho­len. Als sie zu­rück­kommt, liegt die Kat­ze auf ih­rer Ta­s­ta­tur und schnurrt mit der de­fek­ten Lüf­tung um die Wet­te. Va­le­rie hat den Text nicht ge­si­chert. Der Bild­schirm ist schwa­rz, die Kat­ze hat den Text ge­löscht.

Auch das, denkt sie, lässt das Herz schnel­ler schla­gen.

Sie muss noch ein­mal von vor­ne be­gin­nen. Va­le­rie schüt­telt die Pumps von den Fü­ßen und setzt sich ein zwei­tes Mal vor den Com­pu­ter. Die Kat­ze sieht sie vor­wurfs­voll an, als Va­le­rie ihr den Platz strei­tig macht und sie auf den Fuß­bo­den setzt.

»Böse Kat­ze. Du kannst froh sein, wenn ich dei­ne Do­sen noch öff­ne.«

Va­le­rie setzt sich ihre rie­si­ge Bril­le auf die Nase und legt die Fin­ger auf die, jetzt kat­zen­freie, Ta­s­ta­tur. Zwei Stun­den spä­ter, es ist zwei Uhr in der Nacht, schickt sie den fer­ti­gen Text an die Re­dak­ti­on der Zeit­schrift Herz und Hirn.

Sie weiß, dass Bru­no ihre Tex­te zwar schätzt, weil die Le­se­r­in­nen sie lie­ben, per­sön­lich aber ver­ab­scheut. Sie ent­spricht nicht dem ide­a­len Frau­en­bild, das der Re­dak­teur pflegt. Mit ihr kann er nicht um­ge­hen, er hält sie für eine aus­ge­mach­te Zy­ni­ke­rin. Va­le­rie lehnt sich zu­rück und streckt sich, die Bril­le legt sie ne­ben den Lap­top.

Sie tritt hin­aus auf den Bal­kon. Die Nacht ist lau, und die wei­ßen Blü­ten ih­rer Kräu­ter leuch­ten in der Dun­kel­heit. Sie streicht über die rau­blätt­ri­ge Min­ze, prompt er­reicht sie ihr un­ver­wech­sel­ba­rer zar­ter Duft. Un­ter ihr rauscht es lei­se in den Kro­nen der Bäu­me, die ein fast un­durch­dring­li­ches Dach über dem Spiel­platz bil­den. Sie zö­gert einen Mo­ment. Dann ent­schließt sie sich, ob­wohl der Wind zu­nimmt, auf dem Bal­kon zu schla­fen. Das tut sie manch­mal, wenn das Wet­ter es zu­lässt. Ein Vo­gel piepst im Schlaf. Die Ge­räu­sche der Stadt wer­den lei­ser, nur noch we­ni­ge Au­tos sind un­ter­wegs. Bis sie ein­schläft, lauscht sie dem Schnur­ren der Kat­ze auf ih­rem Bauch. Re­gen, den der Wind un­ter die Über­da­chung treibt, weckt sie.

»Ver­dammt!«

Sie sam­melt Kis­sen und De­cke zu­sam­men und flüch­tet.

7 Ende Juli

Adam horcht auf das Ge­wit­ter. Drau­ßen tobt der Sturm, zerrt an den Bäu­men und treibt Zwei­ge und klei­ne her­un­ter­ge­fal­le­ne Äste vor sich her. Ein Fens­ter­la­den klap­pert ver­däch­tig. Hof­fent­lich hält er. Ben sitzt im Schlaf­an­zug auf sei­nem Kin­der­stühl­chen am Kü­chen­tisch. Er schiebt ein Holz­au­to hin und her und macht die ent­spre­chen­den Brumm­ge­räu­sche. Chris­ti­na sitzt ihm ge­gen­über. Ben be­ach­tet sie nicht. Er ant­wor­tet auch nicht, wenn sie ihn an­spricht. So hat sie sich ih­ren Be­such auf dem Lan­de wohl kaum vor­ge­stellt.

Kurz vor dem Ge­wit­ter war sie auf den Hof ge­fah­ren. In ih­rem wei­ßen kur­z­en Som­mer­kleid und den High­heels eine wah­re Au­gen­wei­de. Jan und Piet ha­ben sie an­ge­st­arrt wie eine Er­schei­nung. Han­nah hat sie über­se­hen, wie nur Frau­en es kön­nen. Ben woll­te auf sei­nen Arm und ver­hin­der­te da­mit eine in­ni­ge Be­grü­ßung. Dann der ers­te Don­ner­schlag und in­ner­halb von Se­kun­den Star­k­re­gen. Chris­ti­na schaff­te es, tro­cken ins Haus zu flüch­ten. Er selbst half Han­nah und den bei­den Män­nern, die schwe­ren Ap­fel­kis­ten in der tro­ckenen Scheu­ne zu sta­peln. Ben und er sind klit­sch­nass ge­wor­den.

Nach ei­ner Du­sche steht Adam jetzt am Herd und backt Pfann­ku­chen. Zum Warm­hal­ten schiebt er sie in den Back­ofen. Er spürt Chris­ti­nas Bli­cke hin­ter sich. Sie ha­ben bis jetzt noch nicht viel ge­re­det.

Chris­ti­na nimmt eine Fla­sche Rot­wein aus ih­rer Ta­sche. »Wo ist der Öff­ner?«

Adam reicht ihn ihr. »Soll ich das ma­chen?«

»Nein, geht schon.«

Mit ei­nem lei­sen Plopp zieht sie den Kor­ken aus der Fla­sche. Sie stellt sich ne­ben ihn an den Herd, weit ge­nug ent­fernt, we­gen der Fettsprit­zer, und hält ihm ein Glas Wein ent­ge­gen.

Adam schüt­telt den Kopf. »Nein, dan­ke. Noch nicht. Ich will erst Ben ins Bett brin­gen.«

»Ist er be­hin­dert?«

»Was?«

»Er spricht nicht.«

Adam ver­harrt einen Mo­ment mit der Kel­le in der Hand. »Er heißt Ben.«

»War­um spricht er nicht mit mir?«

Adam lä­chelt. »Ich weiß es nicht. Viel­leicht stellst du ihm nicht die rich­ti­gen Fra­gen.«

Er dreht sich zu Ben. »Ben, möch­test du einen Pfann­ku­chen?«

Ben nickt. »Ja«, sagt der, »mit Ho­nig.«

»Viel­leicht soll­test du ihm mal bei­brin­gen, dass es höf­lich ist, Er­wach­se­nen zu ant­wor­ten.«

Adam spürt Zorn in sich auf­stei­gen, un­an­ge­mes­se­nen Zorn, er muss sich be­herr­schen. Er fragt sich, seit wann sie Ex­per­tin in Kin­der­er­zie­hung ist. Statt ihr die­se Fra­ge zu stel­len, sagt er so gleich­mü­tig wie mög­lich: »Höf­lich kann er spä­ter, meinst du nicht?«

»Wenn du glaubst.« Sie tritt ans Fens­ter und schaut hin­aus in den Re­gen.

Adam backt den letz­ten Pfann­ku­chen, schiebt die Pfan­ne von der hei­ßen Plat­te und holt den Tel­ler mit dem Sta­pel Pfann­ku­chen aus dem Back­ofen. Er nimmt ein Glas Ho­nig, drei Tel­ler und Be­steck und trägt al­les an den Tisch.

Chris­ti­na setzt sich und schenkt sich zum x-ten Mal Wein nach. Sei­nen Wein hat sie auch ge­trun­ken. Sie ki­chert und wirkt ziem­lich be­schwipst. »Pfann­ku­chen«, sagt sie, »habe ich zu­letzt ge­ges­sen, als ich sechs Jah­re alt war.«

In sei­ne Ge­dan­ken schiebt sich die Frau ohne Na­men. Wo mag sie ge­ra­de sein, die Füch­sin? Wann hat sie zu­letzt Pfann­ku­chen ge­ges­sen? Wenn er doch we­nigs­tens ih­ren Na­men wüss­te.

»Hörst du mir über­haupt zu?«

Er sieht Chris­ti­na an. »Ent­schul­di­ge, ich war in Ge­dan­ken bei dem Tag mor­gen«, lügt er. »Was hast du ge­sagt?«

»Bei die­sem Wet­ter kann ich nicht fah­ren. Ich wer­de hier über­nach­ten müs­sen.«

»Ja, na­tür­lich. Ich habe ge­nü­gend Platz. Du darfst dir ein Zim­mer aus­su­chen.«

Er sieht ihr an, dass sie die­se Ant­wort nicht er­war­tet hat.

»Aber, Lieb­ling, ich kann doch bei dir schla­fen. Ich will dich, Adam, ich will dich wie­der­ha­ben. Lass uns noch­mal von vor­ne an­fan­gen.«

Sie ist an­zie­hend und bild­hübsch, aber Adam spürt, dass ihr Zau­ber ihn nicht mehr er­reicht. Sie hat sich von ihm ge­trennt, nicht zu­letzt we­gen Ben. Als sei­ne Schwes­ter sta­rb und er Chris­ti­na er­klär­te, dass er den Jun­gen zu sich neh­men wür­de, hat­te sie kei­ne Be­geis­te­rung ge­zeigt.

»Bit­te, lass mich bei dir blei­ben.«

Er möch­te, dass sie auf­hört, ihn an­zu­bet­teln. Er möch­te nicht, dass sie sich wei­ter de­mü­tigt.

»Lass gut sein, Chris­ti­na. Der Platz ne­ben mir ist nicht mehr frei.«

Für einen Mo­ment ist sie fas­sungs­los. »Wer …?«, fragt sie. »Ist es die­ses Mäd­chen?«

»Han­nah, meinst du? Nein, nicht Han­nah. Lass uns nach­her re­den. Ich brin­ge jetzt die­sen jun­gen Mann ins Bett.«

Adam spürt ih­ren Blick. Er steht auf, nimmt Ben auf den Arm und ver­lässt die Kü­che. Sei­ne Ge­dan­ken sind nicht bei dem Bil­der­buch, das er sich mit Ben an­sieht. Gute Nacht, Go­ril­la, die abend­li­che Bett­lek­tü­re.

Du hät­test Chris­ti­na nicht kom­men las­sen dür­fen, denkt er. Er hat eine Hoff­nung in ihr ge­weckt, die er nicht er­fül­len will. Adam streicht Ben über die Haa­re. Du bist so tap­fer, mein Klei­ner.

»Go­ril­la schläft«, sagt Ben und deu­tet auf sein Bil­der­buch.

»Ja«, sagt Adam, »und Ben schläft jetzt auch.«

Chris­ti­na steht am Fens­ter. Sie dreht sich zu ihm um, als er die Kü­che be­tritt. »Also wer ist es?«

Jetzt schenkt Adam sich ein Glas Wein ein. Chris­ti­na hat eine zwei­te Fla­sche ge­öff­net. Er will sie nicht ver­let­zen, aber er muss ihr klar ma­chen, dass er sich um sei­ne an­de­ren Le­ben­s­um­stän­de und, noch wich­ti­ger, um Ben küm­mern muss.

»Ich will kei­ne Be­zie­hung, Chris­ti­na, es hat nichts mit dir zu tun.« Adam nimmt einen Schluck Wein und stellt das Glas auf den Tisch. »Ich will den Hof er­hal­ten …«

»Aber das kannst du doch auch, wenn wir zu­sam­men sind.« Ihre Zun­ge ge­horcht ihr schon eine Wei­le nicht mehr. »Du hast doch kei­ne Ah­nung von Kin­der­er­zie­hung, der Jun­ge ist si­cher in ei­nem gu­ten Kin­der­heim bes­ser auf­ge­ho­ben als auf ei­nem schmut­zi­gen Ap­fel­hof.«

Sie sieht ihn so fle­hend an, dass er sich für sie schämt. Das hat sie nicht nö­tig, ver­dammt noch mal! Sie macht es ihm wirk­lich schwer. Wenn sie wie­der nüch­tern ist, wird sie sich selbst und ihn has­sen. Ge­nau das, was er ver­mei­den will. Adam fragt sich ver­zwei­felt, wie er sie in ein Bett krie­gen soll, das nicht sein ei­ge­nes ist. In­zwi­schen ist sie ziem­lich hin­über. Er hofft, dass sie mor­gen nichts mehr von dem weiß, was sie heu­te Nacht ge­sagt hat.

»Komm, ich zeig dir, wo du schla­fen kannst.« Adam trägt sie ins Zim­mer sei­ner Schwes­ter. Chris­ti­na ist schwe­rer, als er ver­mu­tet hat.

Wil­lig, wie ein klei­nes Mäd­chen, hebt sie die Arme, als er ihr das Kleid über den Kopf zieht.

»Komm ins Bett«, flüs­tert sie und schlingt die Arme um sei­nen Nacken.

8 Juli

Va­le­rie wird vom Te­le­fon ge­weckt.

»Was ha­ben Sie sich denn da­bei ge­dacht?« Bru­no legt so­fort los: »Müs­sen Sie denn al­les ins Lä­cher­li­che zie­hen?«

Einen Mo­ment lang herrscht Stil­le im Äther.

»Hö­ren Sie mich, Va­le­rie?«

»Ich höre Sie sehr gut, Bru­no, Sie sind ja laut ge­nug.«

Sie zieht das La­ken vom Kör­per und schwingt die Bei­ne aus dem Bett. Wäh­rend sie auf­steht, stellt sie den Laut­spre­cher an und tapst schlaf­trun­ken ins Bad.

Sie hat nichts an­de­res er­war­tet. Bru­no, der Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift Herz und Hirn hat Pro­ble­me mit ih­rem Stil. Zu männ­lich, zu zy­nisch. Und wä­ren sei­ne Mit­a­r­bei­ter nicht so ve­he­ment für al­les, was sie schreibt, hät­te sie kei­ne Chan­ce. Auch die Le­ser­brie­fe, die auf sei­nem Schreib­tisch lan­den, spre­chen da­für, sie wei­ter zu be­schäf­ti­gen. Der Re­dak­teur in ihm muss sie be­schäf­ti­gen, der Pri­vat­mann Bru­no lehnt sie ab. Ein Di­lem­ma. Sie lä­chelt sich im Spie­gel über dem Wasch­be­cken zu.

»Bru­no, wenn Sie den Ar­ti­kel nicht brin­gen wol­len, ich fin­de eine an­de­re Re­dak­ti­on.«

»Sie könn­ten ihn um­schrei­ben. Et­was we­ni­ger Ge­hirn, et­was we­ni­ger Zy­nis­mus, et­was mehr Ge­fühl, Sie sind doch eine Frau.«

Va­le­rie stöhnt. Je­des­mal, also im Drei-Mo­nats-Takt, die­sel­be Dis­kus­si­on.

»Was mei­nen Sie mit: Sie sind doch eine Frau?«

Sie sieht förm­lich, wie er sich die Haa­re rauft.

»Als Frau müss­ten Sie doch, ich mei­ne, also …«

»Sanf­ter sein?«, hilft sie ihm auf die Sprün­ge.

»Ja, ge­nau, Sie schrei­ben wie ein Mann.«

Sie hält kurz die Luft an. Oh nein, nicht die Num­mer.

»Und Sie mei­nen, wenn ich ein Mann wäre, dürf­te ich so schrei­ben, als Frau je­doch nicht?«

Sie hat ihn. Er ist sprach­los.

»Nein«, stot­tert er. »Ich mei­ne ja nur, dass Sie et­was we­ni­ger zy­nisch …, mei­ne Frau …«

Sie kennt Mira, sei­ne Frau. Sie kann sich nicht ge­gen ihn durch­set­zen, scheut Aus­ein­an­der­set­zun­gen, ist aber be­geis­tert, wenn je­mand an­de­res Bru­no Pa­ro­li bie­tet. Bru­no fürch­tet, dass ihre Ar­ti­kel sein schö­nes Welt­bild von zar­ten Frau­en ins Wan­ken bringt. Und er fürch­tet, nicht ganz zu Un­recht, dass Mira von ih­ren An­sich­ten an­ge­tan ist, ja, dass sei­ne ge­hor­sa­me Frau Va­le­ries An­sich­ten in­zwi­schen teilt.

»Was tun Sie da, was ist das für ein Ge­räusch?«

»Ich put­ze mei­ne Zäh­ne.« Va­le­rie spuckt Zahn­pas­ta ins Wasch­be­cken.

»Und jetzt brau­che ich Kaf­fee. Ma­chen Sie mit dem Text, was Sie wol­len, Bru­no, und grü­ßen Sie Mira von mir.« Sie weiß, wie sehr er es ver­ab­scheut, wenn eine Frau zu bur­schi­kos ist. Eine Frau muss Kin­der ge­bä­ren und hat sanft zu sein. Sie hat ihn ein­mal schwa­dro­nie­ren hö­ren: »Eine Frau ist für mich kei­ne Frau, wenn sie kin­der­los ist.«

Da­bei hat er sie an­ge­se­hen. Sei­ne un­g­lü­ck­li­che Frau muss­te Jah­re auf das ers­te Kind war­ten, ein Mäd­chen, und be­kam dann in schnel­ler Fol­ge drei wei­te­re.

Va­le­rie ahnt, wie sehr Mira un­ter ihm lei­det, kör­per­lich wie see­lisch. Aber Mira spricht nicht über ihre Ehe.

Va­le­rie löf­felt Kaf­fee­pul­ver in einen Be­cher und gießt hei­ßes Was­ser und kal­te Milch dazu. Die Kat­ze be­kommt eine Hand­voll Tro­cken­fut­ter und fri­sches Was­ser. Der Bal­kon ist noch feucht vom nächt­li­chen Ge­wit­ter. Sie lehnt sich ans Ge­län­der und saugt den in­ten­si­ven Duft von La­ven­del und Thy­mi­an ein. Der Spiel­platz un­ter den Bäu­men liegt ver­waist. Über ihr, in der drit­ten Eta­ge, to­ben die Zwil­lin­ge, zwei Bu­ben. Sie fragt sich, ob die­se Kin­der je­mals schla­fen. Der Lärm stört sie nicht, aber sie be­nei­det die El­tern nicht um die bei­den.

Aus dem ers­ten Stock dringt noch kein Laut. Das Paar hat sich wohl wie­der ver­söhnt, bis zum nächs­ten Streit.

Ihr Smart­pho­ne stöhnt, ein Ton, den sie ih­rer Mut­ter zu­ge­ord­net hat.

»Da ge­hen wir nicht dran«, sagt sie zur Kat­ze. Gleich dar­auf das Fest­netz.

»Ich weiß, dass du zu Hau­se bist, Va­le­rie. Geh bit­te ans Te­le­fon. Es ist wich­tig.« Es ist im­mer wich­tig, wenn Grace an­ruft.

Statt den An­ruf an­zu­neh­men, öff­net sie ihre Mails. Nur eine scheint in­ter­es­sant zu sein. Eine Ein­la­dung zu ei­nem TV-In­ter­view. Dar­über muss sie nach­den­ken. Vik­tor wäre be­geis­tert, wenn sie an­näh­me. So kurz vor Er­schei­nen ih­res neu­en Bu­ches wäre das die ide­a­le Wer­bung. Vik­tor hat vie­le Kon­tak­te. Hat er die Wer­bung lan­ciert? Egal. Sie macht sich einen zwei­ten Be­cher Kaf­fee und setzt sich an ih­ren Schreib­tisch, wie je­den Mor­gen.

Sie starrt auf die lee­re Sei­te. Der Ro­man, den sie be­gon­nen hat, ist an­ders als sei­ne Vor­gän­ger. Das Smart­pho­ne ne­ben ihr stöhnt wie­der. Sie schal­tet es auf stumm. Es fällt ihr schwer, sich zu er­in­nern, in die ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit ein­zu­t­au­chen, wenn die Frau, die ihr die­se Ver­gan­gen­heit be­schert hat, im­mer wie­der an­ruft. Wenn ihre Mut­ter nicht …

Va­le­rie merkt, dass sie eine Schul­di­ge sucht. Im­mer wie­der kommt sie an die­sen Punkt, ob­wohl sie weiß, sie wird sich von Grace nicht lö­sen, so­lan­ge sie ihr die Ver­ant­wor­tung für ihr Le­ben in die Schu­he schiebt. Sie hat sich lan­ge ver­bo­ten, be­stimm­te Din­ge zu den­ken. Ver­drän­gen hilft nicht. Viel­leicht kann sie, in­dem sie dar­über schreibt, mit der Ver­gan­gen­heit ab­schlie­ßen? Viel­leicht hö­ren die Alb­träu­me dann end­lich auf, und die Angst­at­ta­cken?

Ein lei­ser Schrei, ein zer­knit­ter­tes Ge­sicht­chen. Jah­re ist das jetzt her. Sie war vier­zehn, als ihre Mut­ter ihr den drit­ten Stief­va­ter be­scher­te. Grace er­war­te­te stets von ihr, dass sie ge­nau­so an­ge­tan von je­dem der Neu­en war und ist wie sie selbst. In­zwi­schen hat Va­le­rie vier Stief­vä­ter und hofft, dass Grace es da­mit ge­nug sein lässt. Die Iro­nie des Schick­sals ist, dass sie aus­ge­rech­net ih­ren bio­lo­gi­schen Va­ter nie ken­nen­ge­lernt hat. Ihre Stief­vä­ter ha­ben die­se Lü­cke mehr als aus­ge­füllt.

Ha­ben sie das wirk­lich, oder re­det sie sich das nur ein? Ich habe ihn nie ver­misst, schreibt sie.

Va­le­rie hebt den Kopf und sieht durch die of­fe­ne Bal­kon­tür die Kat­ze auf dem Git­ter ba­lan­cie­ren. Wür­de eine Kat­ze einen Sturz aus dem zwei­ten Stock über­le­ben? Ein Mensch si­cher nicht.

Das Dis­play ih­res Han­dys öff­net sich. Mira, Bru­nos Frau, lä­chelt ihr ent­ge­gen. Va­le­rie nimmt den An­ruf an. Sie darf sich eine Pau­se er­lau­ben. Tau­send Wör­ter pro Tag hat sie sich ver­ord­net. Ihr heu­ti­ges Pen­sum hat sie al­ler­dings noch nicht ge­schafft. Sie si­chert ih­ren Text und klappt den Lap­top zu.

»Mira, du ret­test mich.«

Mi­ras hel­les La­chen. »Wo­vor?«

»Vor mei­nen Er­in­ne­run­gen.«

»So schlimm?«

»Schlim­mer.« Va­le­rie lacht. »Nein, nicht wirk­lich. Ich den­ke an die vier Stief­vä­ter, die Grace mir in­ner­halb der letz­ten drei­ßig Jah­re prä­sen­tiert hat.«

»Die wa­ren doch ganz nett?«

»Je­den­falls war kei­ner je­mals so takt­los wie mei­ne Mut­ter.«

»Möch­test du …«

»Nein, Mira, ich habe schon bei Ruth Dampf ab­ge­las­sen. Sag mir lie­ber, war­um du an­rufst.«

Mira seufzt. »Kön­nen wir uns zum Lunch tref­fen?«

Im Hin­ter­grund hört Va­le­rie Kin­der­stim­men.

»Na­tür­lich.« Va­le­rie schiebt ih­ren Stuhl zu­rück und nimmt ih­ren lee­ren Be­cher mit zum Kü­chen­tre­sen. »Wo?«

»Im elv? Wenn es dir recht ist. Bei dem Wet­ter kön­nen wir drau­ßen sit­zen und eine Klei­nig­keit es­sen.«

Zwei Stun­den spä­ter sitzt Va­le­rie mit ih­rer Freun­din auf der Ter­ras­se des Re­stau­rants an der Elb­chaus­see. Das Was­ser der Elbe plät­schert ge­müt­lich ge­gen die Stei­ne des Ufers. Va­le­rie isst ka­na­di­schen Räu­cher­lachs in Ho­nig-Dill-Sau­ce mit Kar­tof­fel­rös­ti. Mira sto­chert in ei­nem ge­misch­ten Sa­lat mit ge­grill­ter Hähn­chen­brust. Sie macht tap­fer die tau­sends­te Diät, denkt Va­le­rie. Für Bru­no muss sie nicht nur Kin­der ge­bä­ren, son­dern auch noch schlank sein. Ihr Blick wan­dert über den fast schmerz­haft silb­ri­gen Strom zum an­de­ren Ufer. Sie wühlt in ih­rer Ta­sche, bis sie die Son­nen­bril­le fin­det.

»Also, sprich mit mir«, for­dert sie ihre Freun­din auf. »Was ist los?«

Mira legt die Ga­bel auf ih­ren Tel­ler. »Er will noch ein Kind.«

Va­le­rie hört auf zu kau­en. »Bit­te?«

»Du hast ganz rich­tig ge­hört. Vier sind drei zu viel. Und dann noch eins, das ist eine Zu­mu­tung.« Mira seufzt.

»Er kann dich kaum zwin­gen, Mira. Wach auf! Das ist doch auch dei­ne Ent­schei­dung.«

»Ja, aber …«

»Nix aber, ich wür­de ihn in sei­ne Blü­ten­blät­ter tre­ten.«

Mira reißt die Au­gen auf und bricht in schal­len­des Ge­läch­ter aus.

»Bru­no soll­te mal eine Wo­che mit dir ver­hei­ra­tet sein.«

Va­le­rie macht eine ab­weh­ren­de Ges­te. »Lie­ber nicht. Wir hat­ten heu­te schon das Ver­gnü­gen. Eine hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung we­gen mei­nes neu­en Tex­tes für die nächs­te Aus­ga­be von Herz und Hirn.«

Mira be­stellt Cham­pa­gner, ihr Lieb­lings­ge­tränk, dem Va­le­rie nicht so viel ab­ge­win­nen kann. Sie trinkt ihn Mira zu­lie­be.

»Ich könn­te heim­lich die Pil­le neh­men und be­haup­ten, un­frucht­bar zu sein.«

Va­le­rie schüt­telt den Kopf. »War­um sagst du nicht ein­fach die Wahr­heit? Wenn es denn die Wahr­heit ist.«

»Was meinst du da­mit?«

»Viel­leicht willst du doch noch ein­mal schwan­ger wer­den?«

»Nein«, sagt sie, »das will ich wirk­lich nicht.«

Mira winkt dem Kell­ner. Sie zahlt und er­hebt sich nach ei­nem Blick auf ihre Arm­band­uhr.

»Soll ich dich nach Hau­se fah­ren?«

In­zwi­schen ist die Son­ne ge­sun­ken und ver­wan­delt das Sil­ber des Was­sers in Gold.

»Ich bin mit dem Fahr­rad hier. Das soll­test du auch mal pro­bie­ren, dann dürf­test du auch Kar­tof­fel­rös­ti es­sen.«

Mira stöhnt. »Der Spruch hat mit noch ge­fehlt.«

Sie um­armt Va­le­rie und steigt in ih­ren SUV. Bei vier Kin­dern, viel­leicht bald fünf, braucht sie den auch.

Va­le­rie fragt sich, wäh­rend sie zum Je­nisch­park hoch­stram­pelt, wie Mira sich ent­schei­den wird. Ob sie sich of­fen weh­ren wird oder heim­lich die Pil­le wei­ter­nimmt? Sie er­reicht Hoch­rad und biegt kur­ze Zeit spä­ter in die Max-Brau­er-Al­lee ein. Als sie am Paul­sen­platz an­kommt, steht die Son­ne schon tief. Va­le­rie stellt ihr Fahr­rad un­ter dem Schild ab, das ver­bie­tet Fahr­rä­der, Kin­der­wa­gen, Kin­der­spiel­zeug und Rol­ler hier ab­zu­stel­len. Kei­ner der Haus­be­woh­ner hält sich dar­an oder regt sich dar­über auf, au­ßer dem al­ten Zau­sel un­ter dem Dach, der we­der das eine noch das an­de­re be­sitzt.

Sie steigt hin­auf in ihre Eta­ge. Mira, denkt Va­le­rie auf dem Weg nach oben, ist har­mo­nie­süch­tig. Sie wird sich nicht mit Bru­no aus­ein­an­der­set­zen.

Die Kat­ze maunzt schon hin­ter der Tür.

»Hast du mich ver­misst?«

Ihr ers­ter Weg führt sie in die Kü­che. Sie öff­net eine Dose Kat­zen­fut­ter, kippt den In­halt in einen Blech­napf und stellt ihn auf den Fuß­bo­den. Im Schlaf­zim­mer ent­le­digt sie sich ih­rer Schu­he und geht mit blo­ßen Fü­ßen auf den Bal­kon. Die Pflan­zen brau­chen drin­gend Was­ser. Vom Spiel­platz drin­gen Kin­der­stim­men und Hun­de­ge­bell zu ihr em­por. Sie sieht auf die Uhr. Zeit für ein Glas Wein. Sie packt ein paar Krä­cker, ein Stück Zie­gen­gou­da und grü­ne Oli­ven auf einen Tel­ler. Da­mit lässt sie sich auf dem Bal­kon nie­der und sieht zu, wie der Him­mel sich rosa ver­färbt. Kein gu­tes Wet­ter mor­gen.

9 Ende Juli

Adam er­wacht und stellt er­leich­tert fest, dass er im ei­ge­nen Bett liegt und nicht Chris­ti­nas Drän­gen nach­ge­ge­ben hat. Sei­ne Träu­me ha­ben ein an­de­res Sze­na­rio ab­ge­bil­det. Er will nicht an den gest­ri­gen Abend den­ken und ver­drängt die Traum­bil­der, in de­nen Chris­ti­na eine tra­gen­de, re­spek­ti­ve lie­gen­de Rol­le in­ne­ge­habt hat.

»Schläfst du, Dada?« Sein rech­tes Au­gen­lid wird vor­sich­tig nach oben ge­zo­gen. Ben schaut ihn an. »Wach«, sagt er zu­frie­den.

Adam zieht den Klei­nen an sich. »Gut ge­schla­fen?«

Ben nickt eif­rig und gibt ihm einen feuch­ten Kuss.

»Und jetzt frisst dich das Kro­ko­dil«,

Adam greift blitz­schnell wie­der nach ihm und kit­zelt ihn durch, bis sie bei­de au­ßer Atem sind. Bens La­chen ent­schä­digt Adam für al­les, was er für ihn auf­ge­ge­ben hat.

Was ge­nau hat er ei­gent­lich auf­ge­ge­ben? Einen Job bei ei­nem Dok­tor­va­ter an der Uni, der sei­ne Er­kennt­nis­se bei der For­schung für sei­ne ei­ge­nen aus­gab? Fünf­und­zwan­zig über­teu­er­te Qua­drat­me­ter in der Schan­ze, eine Bude, vor der Tag und Nacht Ver­kehrs­lärm zu hö­ren war? Er er­in­nert sich an Tage, die nicht en­den, an schlaf­lo­se Näch­te, an Freun­de, mit de­nen er bis zum Mor­gen in den Knei­pen trank. Jetzt sinkt er am Abend tod­mü­de, er­schöpft und zu­frie­den ins Bett. Stil­le hüllt ihn ein. Er weiß, was er ge­tan hat. Ihm fehlt nichts, er sucht nichts, er hat et­was Neu­es ge­fun­den, das ihn völ­lig aus­füllt.

Flüch­tig sieht er Se­me­les lä­cheln­des Ge­sicht vor sich. Was wür­de sei­ne Schwes­ter sa­gen, wenn sie ihn jetzt sähe? »Ich habe im­mer ge­sagt, an dir ist ein Gärt­ner ver­lo­ren­ge­gan­gen.«

Nein, er hat nichts auf­ge­ge­ben, er hat et­was be­kom­men.

»Dada!« Ben zerrt an sei­ner Hand.

»Ich kom­me«, sagt Adam.

Er nimmt Ben auf den Arm und geht mit ihm in die Kü­che. Bel­la we­delt ihm ent­ge­gen. Von Chris­ti­na ist nichts zu hö­ren und zu se­hen, sie scheint noch zu schla­fen.

Sie wird Kopf­schmer­zen ha­ben, denkt er.

Adam füllt Bel­las Napf. Ben hockt sich ne­ben das Hünd­chen und schaut ihm beim Fres­sen zu. Adam be­rei­tet für Ben Jo­ghurt mit Obst zu. Für sich selbst legt er Speck in eine Ei­sen­pfan­ne und schlägt drei Eier dar­über.

»Das riecht sehr le­cker.« Han­nah er­scheint lä­chelnd in der of­fe­nen Kü­chen­tür.

»Moin«, sagt Adam.

Han­nah hat sich ein Tuch ums Haar ge­bun­den und sieht in ih­rem bun­ten Som­mer­kleid rei­zend aus.

»Gu­ten Mor­gen.« Chris­ti­nas Auf­tritt ist eher auf­rei­zend. Sie trägt nichts au­ßer ei­nem win­zi­gen Schlüp­fer und dunk­len Rin­gen un­ter den Au­gen. Sie drän­gelt sich an Han­nah vor­bei, geht auf Adam zu und küsst ihn auf den Mund. »Wo ist das Ba­de­zim­mer?«

»Zwei­te Tür links«, sagt er und reißt die Pfan­ne vom Herd. »Ver­dammt!« Er öff­net den Müll­ei­mer und kippt den ver­kohl­ten In­halt hin­ein. »Was gibt’s?«

Han­nah steht im­mer noch wie er­starrt in der Tür, als die Ba­de­zim­mer­tür sich hin­ter Chris­ti­na schließt. Sein Han­dy brummt auf der Tisch­plat­te. Jetzt nicht, denkt er. Han­nah be­wegt sich wie­der.

»Also, was willst du?«

»Papa hat Zahn­schmer­zen, er muss zum Arzt.«

Auch das noch! Adam seufzt. »Macht nichts. Ich fahr nach­her die Be­stel­lun­gen selbst raus.«

»Ich kann mit­kom­men, wenn …«

»Nee, lass mal. Küm­me­re dich um Hin­nerk. Sag ihm gute Bes­se­rung.«

»Hat sie dich rum­ge­kriegt?«

»Was meinst du?«

Han­nah nickt in Rich­tung Ba­de­zim­mer. »Der Hun­ger­ha­ken da.«

»Was geht das dich an?«

Han­nah sieht ihn wü­tend an, dreht sich um und ver­lässt mit stei­fem Rü­cken die Kü­che. Ihr Kör­per drückt ab­grund­tie­fe Ver­ach­tung aus.

»Bis mor­gen«, ruft Adam ihr hin­ter­her.

»Viel­leicht.«

»Wei­ber«, sagt Adam ge­nervt. Aber er weiß, dass Han­nah am nächs­ten Tag da sein wird. Er hört ein Mo­ped da­von­fah­ren.

»Wei­ber.« Ben wie­der­holt das neue Wort.

»Alle.«

Ben schiebt sei­nen Tel­ler von sich weg, steigt vom Stuhl und krab­belt un­ter den Tisch zu Bel­la. »Wei­ber«, sagt er zu der Hün­din.

Adam grinst in sei­nen Kaf­fee­be­cher.

»Ist sie weg, dei­ne Klei­ne?« Chris­ti­na be­tritt mit ge­schürz­ten Lip­pen, voll­stän­dig an­ge­zo­gen die Kü­che.

Bel­la knurrt lei­se un­ter dem Tisch.

Ben mur­melt: »Wei­ber.«

»Sie ist nicht mei­ne Klei­ne. Setz dich. Kaf­fee? Eier und Speck? Jo­ghurt?«

»Nur Kaf­fee.«

Er fragt sich, wie Frau­en es schaf­fen, so zu tun, als sei nichts ge­we­sen. Ihm ist der Abend noch pein­lich ge­nau in Er­in­ne­rung.

»Ha­ben wir … Ich mei­ne, du weißt schon …«

»Nein?«

»Ich war heu­te früh nackt und kann mich nicht er­in­nern, mich aus­ge­zo­gen zu ha­ben.«

»Ich habe dir das Kleid aus­ge­zo­gen, und nein, wir ha­ben nicht mit­ein­an­der ge­schla­fen.«

Adam stellt einen Be­cher Kaf­fee vor Chris­ti­na auf den Tisch. Ich schla­fe nicht mit be­trun­ke­nen, fast weg­ge­tre­te­nen Frau­en, denkt er.

Sie sucht in sei­nem Ge­sicht nach der Wahr­heit. »Zeigst du mir dei­ne Gärt­ne­rei?«

»Nein, Chris­ti­na, heu­te nicht. Wir ha­ben viel zu tun. Und nun ist auch noch Hin­nerk aus­ge­fal­len.«

»Wer ist das?«

»Der Va­ter von Han­nah. Er hilft mir, die Be­stel­lun­gen zu den Kun­den zu fah­ren. Heu­te muss ich das selbst ma­chen, und ich bin schon spät dran.«

»Dann ein an­der­mal«, sagt Chris­ti­na er­staun­lich sanft.

Erst als er ih­rem Wa­gen nach­sieht, merkt er, dass sie ihn über­töl­pelt hat. Sie hat »ein an­der­mal« ge­sagt und da­mit einen nächs­ten Be­such in Aus­sicht ge­stellt. Er hat nicht nein ge­sagt. Wir Män­ner sind manch­mal er­staun­lich blöd.

Adam nimmt Ben an der Hand und geht mit ihm in die Scheu­ne. Ohne Hin­nerk ist er auf­ge­schmis­sen. Die Kis­ten mit den Äp­feln kann er heu­te noch lie­fern. Aber die Kräu­ter und Bal­kon­pflan­zen müs­sen war­ten. Er wür­de je­den ein­zel­nen Kun­den an­ru­fen müs­sen, um die Lie­fer­ter­mi­ne zu ver­schie­ben.

10 Au­gust

Va­le­rie sitzt seit Stun­den am Com­pu­ter. Sie quält sich mit ih­ren Er­in­ne­run­gen, die nur spär­lich aus ih­rem Un­ter­be­wusst­sein tröp­feln. Nichts, das sie fest­hal­ten und auf­schrei­ben kann. Sie fühlt sich wie eine Ten­nis­s­pie­le­rin, die den Ball des Geg­ners mit er­ho­be­nem Schlä­ger er­war­tet, einen Ball, der im­mer wie­der im Netz auf der an­de­ren Sei­te hän­gen bleibt.

Grace will sie nicht fra­gen. Sie wird ih­rer Mut­ter über­haupt nicht sa­gen, dass sie einen Ro­man schreibt, der au­to­bio­gra­fi­sche Züge trägt. Sie kann sich vor­stel­len, wie Grace re­a­gie­ren wür­de. Mit ei­ner Mi­schung aus Ei­tel­keit und der Furcht, dass Din­ge ans Ta­ges­licht kom­men könn­ten, die sie lie­ber im Dun­keln las­sen wür­de. Sie legt ihre rie­si­ge Le­se­bril­le ab und lehnt sich zu­rück. Wie schwie­rig es ist, ehr­lich zu sein, er­kennt Va­le­rie jetzt. Wie schil­dert man sei­ne Ge­füh­le, ohne sich völ­lig der Lä­cher­lich­keit preis­zu­ge­ben?

Sie macht sich den drit­ten Be­cher Kaf­fee und geht da­mit auf den Bal­kon. Das gel­be Fahr­rad des Brief­trä­gers steht vor dem Haus. Sie über­legt, ob sie nach der Post se­hen soll. Die Brief­käs­ten für alle Haus­be­woh­ner hän­gen un­ten im Ein­gang.

Es gibt nichts Frus­trie­ren­de­res, als vor dem Lap­top zu sit­zen und auf den viel zu hel­len un­be­schrie­be­nen Bild­schirm zu star­ren, wäh­rend man auf eine Ein­ge­bung war­tet. Va­le­rie geht am Lap­top vor­bei, ohne das Ge­rät ei­nes Bli­ckes zu wür­di­gen. Sie muss raus. Fri­sche Luft wird ihr gut­tun. Sie hat die Ein­la­dung zu ei­nem TV- In­ter­view noch nicht be­ant­wor­tet, den An­ruf ih­rer Mut­ter igno­riert und im Ver­lag noch nicht zu­rück­ge­ru­fen.

Sie zieht die Kühl­schrank­tür auf. So gut wie leer. Nur ein hal­b­es Glas Bens Blü­ten­ho­nig, ein Ge­schenk von Mira, sieht ihr ent­ge­gen, sie starrt einen Mo­ment zu­rück, lässt die Tür zu­fal­len und stellt fest, dass sie hung­rig ist. Sie hat nicht mal mehr ein Stück Brot in der Brot­do­se. Va­le­rie öff­net den Kühl­schrank noch ein­mal. Ben. Kurz blitzt das Ge­sicht­chen des klei­nen Jun­gen auf Adams Schoß auf. Sie sieht eine Ap­fel­b­lü­te und eine win­zi­ge Kar­te auf dem Schild­chen des Ho­nig­gla­ses. Dem­nach ist der Ho­nig aus der Ge­gend hin­ter We­del. Hin­ter We­del am Deich ist auch Fähr­manns­sand.

Wie lan­ge ist sie nicht mehr dort ge­we­sen?

Der Ge­dan­ke an Brat­kar­tof­feln lässt sie bei­na­he ohn­mäch­tig wer­den. Zu­letzt hat­te sie dort mit Stief­va­ter Num­mer zwei Brat­kar­tof­feln ge­ges­sen. Sie war noch in dem Al­ter, in dem man Dra­chen stei­gen lässt, er schon wie­der. Sie er­in­nert sich gut an ihn und ger­ne. Ein net­ter Mann, reich, auf arme Män­ner ließ ihre Mut­ter sich nicht ein, und sehr viel äl­ter als Grace. Er ist schon lan­ge tot. Auf ihn folg­te Stief­va­ter Num­mer drei, an ihn er­in­nert sich Va­le­rie nicht so ger­ne. Er war zu jung für ihre Mut­ter und zu alt für ihre Toch­ter.

Va­le­rie sitzt zu ih­rer ei­ge­nen Ver­blüf­fung nach dem Fund des Ho­nig­gla­ses wie­der am Com­pu­ter und dies­mal flie­gen die Ge­dan­ken un­ge­fil­tert über das Netz zu ihr. Sie hackt die Buch­sta­ben förm­lich in die Tas­ten, spürt kei­nen Hun­ger mehr, denkt nicht an die Post und un­be­ant­wor­te­te Mails, igno­riert Te­le­fon­an­ru­fe. Sie kann die­sen Text ih­rer Mut­ter nie­mals zei­gen …

Sie wäre ent­setzt. Auch wenn sie be­stimm­te Din­ge si­cher nicht mehr nur ahnt, son­dern weiß, hat sie im­mer ver­mie­den, dar­über zu spre­chen. Sie ist im Ver­drän­gen noch bes­ser als sie selbst.

Nach dem Vor­fall, wie Grace es nennt, wird Ehe­mann Num­mer drei schnell zum Ex. Nicht, ohne eine be­trächt­li­che Ab­fin­dung zu hin­ter­las­sen. Grace‹ Schei­dungs­an­walt, Ge­org, wur­de Stief­va­ter Num­mer vier. Und da­mit hof­fent­lich der letz­te. Grace ist über sech­zig. In die­sem Al­ter las­sen sich wohl­ha­ben­de Ehe­män­ner nicht mehr so leicht auf­trei­ben. Ihre Mut­ter ist ihr ein Rät­sel. Ohne Ehe­mann ist sie eine Su­chen­de. Mit ei­nem Mann an ih­rer Sei­te be­ginnt sie zu leuch­ten. Eine hin­ge­bungs­vol­le Ehe­frau, bril­lan­te Gast­ge­be­rin, per­fekt in je­der Be­zie­hung. Nur das Müt­te­r­li­che müss­te man ihr noch bei­brin­gen. Die Durst­stre­cken zwi­schen den Ehe­män­nern wa­ren, dem Him­mel sei Dank, nur kurz. Grace war und ist im­mer noch eine be­ste­chend at­trak­ti­ve Frau.

Va­le­rie streckt sich, si­chert den Text, und greift nach dem letz­ten tro­ckenen Keks ne­ben dem Ge­rät. Sie über­legt ob sie nach Fähr­manns­sand fah­ren soll. Der Abend ist mild und sie hat Hun­ger. Viel­leicht mit Ruth …? Va­le­rie be­sitzt kein Auto. Mit dem Rad ist sie in der Stadt mo­bi­ler. Au­ßer­dem, wozu gibt es Ta­xis? Sie ist so hung­rig, dass sie die Kat­ze fres­sen könn­te. Nein, sie muss so­fort … Be­vor sie nach dem Te­le­fon grei­fen kann, klin­gelt es Sturm. Und Sturm ist im­mer Ruth. Sie drückt auf die Sprech­an­la­ge und öff­net gleich­zei­tig die Tür.

Ruth mit ei­nem Ta­blett Su­shi. »Das müs­sen wir schnell es­sen, sonst wird es schlecht.«

»Du ahnst nicht, wie schnell ich es­sen kann.« Va­le­rie um­armt die Freun­din. »Wo­her wuss­test du, dass ich am Ver­hun­gern bin?«

Sie geht in die Kü­che um Glä­ser und Weiß­wein zu ho­len. Als sie zu­rück­kommt, er­starrt sie. Ruth steht vor dem Lap­top und sieht auf den Schirm. Sie wen­det sich ihr zu. »Was ist das für ein Vor­fall, von dem du …«

Mit zwei Schrit­ten ist Va­le­rie bei ihr und klappt den Lap­top zu. Ruth weicht einen Schritt zu­rück.

»Das ist nichts, nichts, was ich mit mei­ner Lek­to­rin schon be­spre­chen möch­te.«

So ab­wei­send hat Ruth Va­le­rie sel­ten er­lebt. »Ent­schul­di­ge, der Kas­ten stand of­fen ich dach­te nicht, dass …«

»Ver­giss es, ich bin noch nicht so weit, um über den Text zu spre­chen.«

»Ver­ste­he.«

Va­le­rie stellt die Glä­ser ne­ben das Ta­blett mit Su­shi. Und lässt sich in einen der be­que­men Bal­kon­stüh­le fal­len. Sie stöhnt auf, als sie das ers­te Fisch­röll­chen in den Mund schiebt. »Du ret­test mir das Le­ben.«

»Darf ich dich dar­an er­in­nern, dass der Ver­lag drin­gend auf den nächs­ten Ro­man von dir war­tet. Das al­lein ist der Zweck die­ser Le­bens­ret­tung.«

Va­le­rie lacht und greift nach ih­rem Glas. »Ich ahn­te, dass du Hin­ter­ge­dan­ken hast.«

»Ich soll dich von Vik­tor grü­ßen. Er will wis­sen, ob du das an­ge­frag­te In­ter­view an­nimmst.«

»Ich den­ke schon, aber ich habe noch nicht zu­ge­sagt. Das ma­che ich mor­gen.«

Der süß­li­che Duft von nicht ganz le­ga­lem Räu­cher­werk zieht kaum merk­bar durch die Luft. Ruth beugt sich übers Ge­län­der.

»Dei­ne Halb­star­ken ha­ben den Spiel­platz über­nom­men.«

Va­le­rie schaut auf ihre Uhr und nickt. Zwei­und­zwan­zig Uhr. Sie gähnt.

»Ich wür­de auch ger­ne mal wie­der eine rau­chen.«

Sie er­in­nert sich, dass sie ihre Zi­ga­ret­ten und das Feu­er­zeug auf dem Tisch hat lie­gen­la­sen, an dem sie Adam ge­trof­fen hat. Woll­te sie ihm da­mit sa­gen, dass sie ihn wie­der­zu­se­hen wünscht? Freud hät­te es ver­mut­lich so in­ter­pre­tiert.

Ruth lacht. Ihre Zäh­ne leuch­ten weiß in ih­rem, von blau­schwa­r­zem Haar ein­ge­rahm­ten, dunk­len Ge­sicht. »Das nächs­te Mal brin­ge ich dir, statt Su­shi, ein Sträuß­chen Can­na­bis mit.«

Bei dem Wort Sträuß­chen fällt Va­le­rie die Ap­fel­b­lü­te auf dem Eti­kett ih­res Ho­nig­gla­ses ein. Sie nimmt sich vor, nach­zu­se­hen, wo­her der Ho­nig stammt.

Nach­dem Ruth ge­gan­gen ist, sucht sie nach der Adres­se auf dem Auf­kle­ber des Ho­nig­gla­ses. Aber die ist un­le­ser­lich. Sie fragt sich, wie sie auf die Idee kommt, dass Adam der Ho­nig­pro­du­zent sein könn­te. Und sie fragt sich, was es ist, das sie so oft an die­sen Mann den­ken lässt. Der Ge­dan­ke an ihn lässt ihr Herz schnel­ler schla­gen.

Va­le­rie stellt das Glas zu­rück und geht ins Ba­de­zim­mer. Im­mer noch spukt Adam in ih­rem Kopf her­um, sie sieht sein ge­bräun­tes Ge­sicht vor sich, das auf Ar­beit im Frei­en schlie­ßen lässt. Sei­ne kräf­ti­gen, eben­falls braun­ge­brann­ten Hän­de, die den klei­nen Jun­gen fest­hal­ten, se­hen auch nicht nach Schreib­tisch­tä­ter aus.

Sie ist hun­de­mü­de, aber sie kann, wie so oft, nicht ein­schla­fen. Adam und Ben spu­ken in ih­rem Kopf her­um.

11 Au­gust

Adam fährt den Prit­schen­wa­gen auf den Hof. Er hat ei­ni­ge sei­ner Kun­den mit Äp­feln be­lie­fert. Un­ter an­de­rem ein Café in der Nähe, das eine Ap­fel­wo­che an­bie­ten will, mit Re­zep­ten, wie ihm der In­ha­ber er­klärt, in de­nen der Ap­fel eine Haup­t­rol­le spielt. Von Ap­fel­crum­ble bis ge­bra­te­nem Chi­corée und Ap­fel zu Spa­get­ti oder Ap­fel­spat­zen ist al­les da­bei.

Vor der Tür der Scheu­ne parkt ein Jeep. Er winkt. Die Fah­re­rin des Wa­gens, die ge­ra­de aussteigt, kennt er in­zwi­schen gut. Er hat sie ein­mal be­lei­digt, in­dem er ih­ren ur­al­ten Jeep als fah­ren­den Müll­hau­fen be­zeich­net hat.

Die Bie­nen­kö­ni­gin. Liz kennt sich mit Bie­nen so gut aus, wie nie­mand sonst. Sie weiß al­les über Bie­nen. Sie kommt, wann im­mer es nö­tig ist. Adam hat drei Bie­nen­völ­ker auf dem Hof vor­ge­fun­den. Ein Ste­cken­pferd sei­ner Schwes­ter. Als Bio­lo­ge kann er Bie­nen per­fekt se­zie­ren, aber wie man sie pflegt und mit ih­rer Hil­fe Ho­nig her­stellt, da­von ver­steht er nichts. Will er auch nicht, Ar­beit hat er ge­nug, ohne Ho­nig zu ma­chen. Liz kommt aus Het­lin­gen, ganz in der Nähe. Im Mai hat sie zwei der Bie­nen­völ­ker ge­teilt. Jetzt hat Adam fünf Völ­ker. Liz ist ih­ren Schütz­lin­gen nicht un­ähn­lich. Sie trägt di­cke, run­de Au­gen­glä­ser mit gel­ber Um­ran­dung. Ihr Ge­sicht ist ge­bräunt von zu viel Son­ne. Der hell­gel­be ab­ge­wetz­te Over­all, den sie ge­ra­de über Jeans und T-Shirt zieht, be­tont eine schma­le Tail­le und ein sehr weib­li­ches Hin­ter­teil. Un­ei­tel und al­ters­los. Er hat kei­ne Ah­nung, wie alt Liz ist. Ir­gen­d­et­was zwi­schen fünf­und­vier­zig und sech­zig. Ihre Stim­me ist dun­kel und weich und be­ru­hi­gend. Wil­lie, ein grau­er Misch­ling un­be­kann­ter Her­kunft, ein Tier, von Re­spekt ein­flö­ßen­der Grö­ße, springt hin­ter ihr aus dem Jeep.

Ben hüpft auf­ge­regt in sei­nem Kin­der­sitz auf und ab. Die ein­zi­ge Per­son, au­ßer ihm und Hin­nerk, der er sein Ver­trau­en schenkt, ist Liz.

Adam be­eilt sich, Ben aus sei­nem Sitz zu be­frei­en.

»Moin.« Liz winkt ihm kurz zu, be­vor sie mit Ben an der Hand zu den Bie­nen­käs­ten, den so­ge­nann­ten Beu­ten, geht. Wil­lie folgt den bei­den. Liz wird sich auch in Win­ter­mo­na­ten um die Bie­nen küm­mern. Sie re­det nicht viel. Viel­leicht ist das der Grund, war­um Ben sie mag. Sie fragt nichts, ant­wor­tet aber ge­dul­dig auf Bens Fra­gen.

Adam be­tritt das Ge­wächs­haus, in dem er sel­te­ne Kräu­ter züch­tet. Sei­ne Idee, klei­ne Stadt­bal­ko­ne oder Gär­ten mit blü­hen­den Kräu­tern, statt mit Blu­men zu be­pflan­zen, kommt in der Stadt gut an. Sein Blick glei­tet über die vor­ge­zo­ge­nen Pflan­zen. Ei­ni­ge sind so weit, dass er Sa­men neh­men und trock­nen kann. Hier ex­pe­ri­men­tiert er mit na­tür­li­chem Dün­ger, der ef­fi­zi­en­ter als han­dels­üb­li­cher Na­tur­dün­ger oder che­mi­scher Dün­ger wer­den soll. Pes­ti­zi­de kom­men ihm nicht ins Haus.

Adam geht hin­über zur Scheu­ne. Er packt einen Sta­pel Holz­kis­ten auf sei­nen Kas­ten­wa­gen und fährt ihn vor das zwei­te Ge­wächs­haus, wo die vor­ge­zo­ge­nen Pflan­zen, die noch vor dem Herbst ge­setzt wer­den sol­len, war­ten. Er füllt die Kis­ten mit grau­grü­nem Sal­bei, Min­ze und Thy­mi­an, win­ter­har­tem La­ven­del, Berg-Boh­nen­kraut, das an­ders, als Som­mer-Boh­nen­kraut, kal­te Tem­pe­ra­tu­ren pro­blem­los über­steht, und Ros­ma­rin.

Hin­nerk kann nach den Plä­nen, die Adam ge­zeich­net hat, ar­bei­ten. Jede der Kis­ten be­kommt ein Schild­chen mit Na­men und Adres­sen. Die Plä­ne legt er oben drauf.

Drei Bal­ko­ne und ein Stadt­gar­ten in Ham­burg war­ten mor­gen auf die Be­pflan­zung. Mehr kön­nen Hin­nerk und Piet nicht schaf­fen. Wenn sie Pech ha­ben, müs­sen sie die schwe­ren Kis­ten über zwei oder drei Eta­gen, ohne Auf­zug nach oben wuch­ten. Dazu kommt noch das Ar­beits­ge­rät und Sä­cke mit der Spe­zi­al­er­de. Bei der Hit­ze, die jetzt noch herrscht, kein rei­nes Ver­gnü­gen. In jede der Pflanz­kis­ten stellt er ein Gra­tis-Ho­nig­glas. Wenn Liz und die Bie­nen flei­ßig sind, denkt er, kann ich nächs­tes Jahr viel­leicht schon Ho­nig ver­kau­fen. Den Groß­teil der letz­ten Ern­te hat er Liz über­las­sen und nur we­ni­ge Glä­ser für den Ei­gen­be­da­rf und sei­ne Kun­den be­hal­ten. Adam schaut nach der Be­wäs­se­rungs­an­la­ge und schließt das Ge­wächs­haus hin­ter sich ab.

In Ge­dan­ken prüft er noch ein­mal sei­ne Te­le­fon­lis­te. Er hat am Mor­gen nicht alle Kun­den er­reicht, um für Hin­nerk ab­zu­sa­gen und neue Ter­mi­ne zu ma­chen. Er zieht sein Han­dy aus der Ta­sche und sucht eine Num­mer. Ein AB schal­tet sich ein. »Sprich mit mir«, hört er. Er lä­chelt. Was für eine un­ge­wöhn­li­che Auf­for­de­rung. Und eine un­ge­wöhn­li­che Stim­me.

Sie klingt in sei­nen Oh­ren wie eine Ein­la­dung, ein Flirt, ein Ver­spre­chen. Ein Ver­spre­chen wo­für? Er bit­tet um Rü­ck­ruf und er­klärt, dass Hin­nerk den Ter­min für mor­gen nicht ein­hal­ten kann.

Schon von wei­tem sieht er Ben in sei­nem wei­ßen Schutz­an­zug. Ben steht vor Liz und scheint et­was zu sa­gen. Beim Nä­her­kom­men hört er Liz: »Ho­nig­schleu­der« sagt sie lang­sam und deut­lich.

Gleich dar­auf wie­der­holt Ben feh­ler­los: »Ho­nig­schleu­der.«

Er strahlt über das gan­ze Ge­sicht­chen und läuft Adam ent­ge­gen. Adam fängt ihn auf und wir­belt ihn her­um. »Ich bin dei­ne Ho­nig­schleu­der.«

Ben kreischt vor Ver­gnü­gen.

»So«, sagt Liz, »wir sind fer­tig.«

Adam nimmt Ben auf den Arm und geht mit ihm und Liz zum Haus.

»Ich könn­te dir zei­gen, wie man sie ge­gen Mil­ben schützt und im Win­ter füt­tert.«

»Nee, Liz. Lass mal. Mir ist es lie­ber, du machst das.«

Adam weiß, wie wich­tig die Be­hand­lung ge­gen Var­ro­amil­ben ist. Sie kön­nen gan­ze Bie­nen­völ­ker aus­rot­ten, und nicht nur sei­ne ei­ge­nen, son­dern auch die der Nach­barn. Im­mer, wenn Liz da ist, es­sen sie zu­sam­men. Nor­ma­le­r­wei­se ist sie aus­ge­gli­chen und zum Re­den be­reit. Vor­aus­ge­setzt, sie re­den über Bie­nen. Heu­te je­doch wirkt sie be­un­ru­higt.

»Kann ich bei dir du­schen?«

Adam schaut über­rascht auf. »Ist dei­ne Du­sche ka­putt?«

»Ja.«

»Ja, klar. Lass mich erst mit Ben du­schen, da­nach bist du dran. Hand­tü­cher lie­gen auf dem Re­gal über der Ba­de­wan­ne.«

Ir­gend­was stimmt nicht mit Liz. Er rub­belt Bens Haa­re tro­cken und steckt ihn in ein fri­sches T-Shirt.

Adam steht am Herd. Er brät Zwie­beln in Öl an, wirft klein­ge­schnit­te­nes Ge­mü­se, Zuc­chi­ni, Boh­nen und Möh­ren in die Pfan­ne und fährt die Hit­ze her­un­ter. In ei­ner zwei­ten Pfan­ne brut­zeln rohe Kar­tof­fel­schei­ben.

Liz kommt, nach Dusch­gel duf­tend, aus dem Bad. Sie nimmt drei Tel­ler und Glä­ser aus dem Schrank und stellt al­les auf den Tisch.

»Wein steht im Kühl­schrank«, sagt Adam.

Nach dem Es­sen bringt er Ben ins Bett und setzt sich zu Liz. »Also, was ist?«

»Was soll sein? Nix is.«

»Liz.«

Adams Han­dy mel­det sich. »Ent­schul­di­ge.«

Er steht auf und geht ans Fens­ter. Hin­nerk teilt ihm mit, dass er in zwei Ta­gen wie­der fit sein wird.

»Die Ent­zün­dung ist raus«, sagt er, »und die Zahn­schmer­zen sind weg.«

»Al­les klar, Hin­nerk.«

Adam steckt das Han­dy ein. Als er sich um­dreht, ist Liz ge­gan­gen.

»Ver­dammt!« Adam seufzt. Et­was ist nicht in Ord­nung mit ihr, da ist er sich si­cher. Er lauscht dem ka­put­ten Aus­puff ih­res Jeeps nach.

Seit ei­ner Stun­de sitzt Adam am Schreib­tisch. Er schreibt Rech­nun­gen und macht Über­wei­sun­gen. Ein Blick auf die Uhr sagt ihm, dass es nach zwei­und­zwan­zig Uhr ist. Ganz schön spät für ein Kun­den­ge­spräch. Er zupft das Han­dy noch ein­mal aus der Ta­sche.

»Gar­ten­bau­fir­ma Frank.«

Stil­le.

»Hal­lo?«

»Herr Frank, ent­schul­di­gen Sie bit­te, dass ich so spät an­ru­fe, ich hat­te mit ei­nem An­ruf­be­ant­wor­ter ge­rech­net.«

Adam drückt den Hö­rer fes­ter ans Ohr. Da ist sie wie­der, die­se be­rü­cken­de Stim­me. Er hat sie schon ein­mal ge­hört, aber wo?

»Ich hof­fe, ihr Hin­nerk ist nicht krank?«

»Nichts Schlim­mes«, sagt Adam und kommt sich däm­lich vor. War­um sagt er nicht, dass Hin­nerk Zahn­schmer­zen hat? »Tun Sie ein­fach so, als sei ich der AB.«

Ihr lei­ses La­chen. »In Ord­nung. Hier ist Va­le­rie Fuchs, ich bin eine Wo­che lang auf ei­ner Ge­schäfts­rei­se. Wenn ich wie­der da bin, kön­nen wir einen neu­en Ter­min ver­ein­ba­ren. Ich mel­de mich bei Ih­nen.«

»Ge­schäfts­rei­se, was macht man da?«

»Man reist und macht Ge­schäf­te.« Wie­der die­ses La­chen. »Seit wann stellt ein An­ruf­be­ant­wor­ter Fra­gen? Gute Nacht, AB, schla­fen Sie gut.«

Da­mit ist sie weg. Er starrt sein Han­dy an, als könn­te er sie da­mit zu­rück­ho­len.

Va­le­rie, ein me­lo­di­scher Name, alt­mo­disch. Sie hat Witz. ›Gute Nacht, AB`. Er wird Hin­nerk nach ihr fra­gen. Adam geht sehr nach­denk­lich ins Bett.

Mit­ten in der Nacht wird Adam von ei­nem Ge­räusch ge­weckt, das ihm gar nicht ge­fällt. Schwe­re Schrit­te un­ter dem Dach sei­nes Hau­ses. Er lauscht noch eine Wei­le. Als sei­en Mö­bel­pa­cker un­ter­wegs. Mor­gen muss er et­was ge­gen die Mar­der un­ter­neh­men.

12 Au­gust

Va­le­rie zwingt sich, ihre Mut­ter an­zu­ru­fen. Da sie nur den AB er­reicht, steckt sie, ohne eine Nach­richt zu hin­ter­las­sen, das Smart­pho­ne wie­der ein. Sie ist oh­ne­hin an ih­rem Ziel. Vor ihr ragt rie­sig die Elb­phil­har­mo­nie auf. Sie be­zahlt das Taxi und steigt aus.

Hier, mit Blick auf die Kon­zert­hal­le, liegt das Re­stau­rant Ca­rls, ein Ab­le­ger des Ho­tel Louis C. Ja­cob an der Elb­chaus­see. Die Elbe glit­zert im Son­nen­licht. Der Som­mer ist noch nicht vor­bei. Ein ge­wal­ti­ger Con­tain­er­rie­se be­wegt sich, von Lot­sen­boo­ten be­glei­tet, den Strom hin­un­ter.

Si­mo­ne, die TV-Mo­de­ra­to­rin, mit der sie ver­ab­re­det ist, sitzt mit dem Rü­cken zur Elbe. Sie er­hebt sich bei Va­le­ries An­blick. Ihr De­si­g­ner Ko­s­tüm sitzt straff wie eine Uni­form. Ihre Stim­me bringt Glas zum Schmel­zen. Va­le­rie sieht sich un­ru­hig um. Je­der Gast an den Ti­schen um sie her­um kann ih­rem Ge­spräch fol­gen.

»Kom­men Sie, ja, kom­men Sie. Ich habe schon ge­wählt, ja, ge­wählt.« Sie setzt sich wie­der. Die Mo­de­ra­to­rin reicht ihr die Kar­te. »Si­mo­ne, sa­gen Sie Si­mo­ne zu mir.«

»Va­le­rie.«

Sie ist ir­ri­tiert. Die Frau scheint je­dem ih­rer Sät­ze Nach­druck ver­lei­hen zu wol­len, in­dem sie das Ge­sag­te wie­der­holt.

»Das Es­sen hier ist aus­ge­zeich­net, ja, sehr gut.«

Va­le­rie ver­tieft sich in die Kar­te. Sie isst sel­ten um die­se Zeit und hat auch jetzt kei­nen Hun­ger. Als der Kell­ner an ih­ren Tisch tritt, be­stellt sie Sa­la­de César mit Par­me­san und Rie­sen­gar­ne­len. »Den Speck las­sen Sie bit­te weg.«

»Sehr wohl, Ma­da­me.«

Si­mo­ne be­stellt ein Drei-Gän­ge-Menü. Va­le­rie schau­dert es. So lan­ge wird sie die Frau nicht er­tra­gen. Sie sieht auf ihre Uhr. Das Es­sen zieht sich dank der drei Gän­ge, die Si­mo­ne zu sich nimmt, wie Va­le­rie be­fürch­tet hat. Sie sitzt in­zwi­schen bei ei­nem Moc­ca, von dem sie hofft, dass er sie vor ei­ner Ohn­macht be­wahrt. Nach­dem sie zum x-ten Mal auf die Uhr ge­se­hen und ge­nug von Si­mo­nes Small Talk hat, sagt sie: »Wür­de es Ih­nen et­was aus­ma­chen, wenn wir jetzt zum Punkt kom­men. Ich bin spät dran und habe noch eine Ver­ab­re­dung.«

»Oh, na­tür­lich, na­tür­lich.«

Si­mo­ne, denkt Va­le­rie, als sie das Ca­rls ver­lässt, ist eine un­glaub­lich in­dis­kre­te Frau. Eine Frau, die mit ih­rem Wis­sen um die Pro­mis die­ser Welt nicht eben spar­sam um­geht. Sie fragt sich, was Si­mo­ne wohl von ihr er­zäh­len wird. Ein In­ter­view mit ihr kommt je­den­falls nicht in Fra­ge, auch wenn sie sich da­mit Vik­tors Un­mut zu­zie­hen wird. Vik­tor ist geil nach na­he­zu je­der Art von Wer­bung. Vor al­lem dann, wenn sie nichts kos­tet.

Wie aufs Stich­wort mel­det sich ihr Smart­pho­ne. Vik­tor!

»Und, was habt ihr aus­ge­macht?« Vik­tor mel­det sich nie mit sei­nem Na­men. Er er­war­tet, dass sie sei­ne Stim­me er­kennt und fällt je­des Mal mit der Tür ins Haus. Wie Grace.

»Gar nichts, wir ha­ben gar nichts aus­ge­macht. Die­se Frau ist un­er­träg­lich. In­ter­view ja, mit ihr, nein.«

»War­um nicht?«

»Hab ich ge­ra­de er­klärt, wir sind nicht kom­pa­ti­bel.«

Sie steckt das Han­dy in die Ta­sche, ohne sich zu ver­ab­schie­den, und biegt links ab auf Am Kai­ser­kai, als das Han­dy vi­briert.

»End­lich er­rei­che ich dich mal.« Auch ihre Mut­ter macht kei­ne Um­we­ge.

»Hal­lo, Grace.«

Va­le­rie über­legt, in die Spei­cher­stadt zu ge­hen. Die­se ro­ten Back­stein­bau­ten, die zum Welt­kul­tur­er­be ge­hö­ren, fas­zi­nie­ren sie. Nach Ta­gen der Iso­la­ti­on braucht sie fri­sche Luft und Be­we­gung. Die­ser Tag ist zu schön, um ihn wie­der vor dem PC zu ver­brin­gen.

»Bist du noch dran?«

»Ja, na­tür­lich.«

Sie über­quert eine Brü­cke. Kehr­wie­der­steg. Ein hoff­nungs­vol­ler Name für die See­leu­te, die oft mo­na­te­lang auf See sind. Gleich dar­auf biegt sie rechts ab und steht vor dem Mi­nia­tur Wun­der­land. Die gan­ze Welt im Mi­ni­for­mat. Wie lan­ge ist sie nicht mehr hier ge­we­sen? Kurz über­legt sie, hin­ein­zu­ge­hen, ver­wirft den Ge­dan­ken, als sie die Schlan­ge der War­ten­den vor dem Ge­bäu­de wahr­nimmt.

»Was hältst du da­von?«

»Ent­schul­di­ge, was hast du ge­sagt?«

»Ich habe dich zum Es­sen …«

»Grace, ich rufe dich an, wenn ich zu Hau­se bin. Es ist furcht­bar laut hier, ich kann dich kaum ver­ste­hen.«

Va­le­rie steckt das Ge­rät in die Ta­sche. Sie hört ge­ra­de noch ein: »Aber …«

Sie kann sich vor­stel­len, wie be­lei­digt ihre Mut­ter sein wird, wenn sie nach­her zu­rück­ruft. Da­mit stürzt sie Va­le­rie noch im­mer in Ver­zweif­lung. Grace ist in der Lage, ta­ge­lang kein Wort mit ihr zu re­den. Sie fragt sich, wen ihre Mut­ter dies­mal zum ei­nem ih­rer ele­gan­ten Es­sen ein­ge­la­den hat. Sie kann es nicht las­sen, einen at­trak­ti­ven Jung­ge­sel­len dazu zu bit­ten. Ge­org, ihr der­zei­ti­ger Ehe­mann, Stief­va­ter Num­mer vier, kann nach Be­da­rf frisch Ge­schie­de­ne her­bei­zau­bern. Er ist nicht um­sonst Schei­dungs­an­walt.

An­schei­nend ein flo­rie­ren­des Ge­schäft, denkt sie zy­nisch.

Wie dumm von ihr, Grace die Tren­nung von Ma­gnus zu ge­ste­hen, das muss­te ja ih­ren Kupp­le­rin­nen-In­stinkt ak­ti­vie­ren.

Es war Grace wich­tig, was Freun­de und Nach­barn dach­ten. Eine ver­hei­ra­te­te Toch­ter wäre ein Er­folg, vor al­lem für sie als Mut­ter. Selbst­ver­ständ­lich mit ei­nem gut si­tu­ier­ten, an­ge­se­he­nen Mann.

Va­le­rie ver­zieht die Lip­pen. Ich soll­te mir einen Clo­chard su­chen.

Ein hal­b­es Le­ben lang hat sie ge­tan, was Grace von ihr ver­lang­te. Jetzt nicht mehr, schwört sie sich. In Ge­dan­ken ver­sun­ken läuft sie bis zum Rö­dings­markt. Sie über­legt, ein Taxi zu ru­fen, ent­schei­det sich dann aber vor­her den Mi­chel, das Wahr­zei­chen Ham­burgs, zu be­su­chen. Zu­letzt ist sie im De­zem­ber dort ge­we­sen. In die­ser wun­der­schö­nen Kir­che Bachs Weih­nachts­o­ra­to­ri­um zu hö­ren, ist ei­nes der we­ni­gen vor­weih­nacht­li­chen Ri­tu­a­le, das sie noch pflegt.

Va­le­rie ist nicht gläu­big, eine Kir­che be­tritt sie nur, um Kon­zer­te zu hö­ren oder vor der Hit­ze zu flüch­ten, wie heu­te. Sie setzt sich in eine der vor­de­ren Bän­ke, die deut­lich brei­ter und be­que­mer sind, als die hin­te­ren. Das Se­nats­ge­stühl ist bei Fes­t­ak­ten, auch Trau­e­r­fei­ern, für Re­gie­ren­de vor­ge­se­hen. Sie fragt sich, ob die fei­ne­ren Leu­te emp­find­li­che­re Hin­tern als das ge­wöhn­li­che Volk ha­ben. Der licht­durch­flu­te­te Raum um­fängt sie mit wohl­tu­en­der Stil­le. Sie legt den Kopf in den Nacken und ge­ni­eßt die schlich­te Schön­heit des De­cken­ge­wöl­bes. Ver­kehrs­lärm, der nur ein lei­ses Rau­schen in den Kir­chen­raum schickt, macht die Stil­le noch stil­ler.

Ba­by­ge­schrei lässt sie hoch­fah­ren. Dies­mal ist es nicht das Schrei­en des Säug­lings, der sie in ih­ren Träu­men heim­sucht. Eine Frau schiebt einen Kin­der­wa­gen durch den Gang ne­ben ihr.

Va­le­rie er­hebt sich und flieht. Sie friert trotz der Hit­ze. Über die Taxi-App be­stellt sie einen Wa­gen. Wäh­rend sie war­tet, blickt sie zum Turm der Kir­che em­por. Sie denkt an den Text, den sie nur für sich schreibt. Ob sie ihn je­mals ver­öf­fent­li­chen wird, weiß sie nicht. Ob er ihr hel­fen wird, von ih­ren Alb­träu­men los­zu­kom­men, weiß sie auch nicht. Je län­ger sie hin­auf­starrt, des­to schnel­ler scheint der Turm auf sie her­ab­zu­stür­zen. Erst als sie das Taxi hört, wen­det sie sich ab.

Sie wird sich an den Ro­man set­zen, für den sie bei Vik­tor schon den Vor­ver­trag un­ter­schrie­ben hat. Noch hat sie kei­ne Zei­le ge­schrie­ben. Von dem Ho­no­rar, das er vor­ab zahlt, kann sie le­ben. Sie ver­mu­tet, dass er ein schlech­tes Ge­wis­sen hat. Schwei­ge­geld? Viel­leicht. Soll er sich fürch­ten. Ob­wohl er ei­gent­lich wis­sen müss­te, dass sie über ihre Af­fä­re nie­mals ein Wort ver­lie­ren wür­de. Sie mag sei­ne Frau.

Va­le­rie steigt aus dem Taxi und stö­ckelt müh­sam zur Haus­tür. Die hoch­ha­cki­gen Schu­he an­zu­zie­hen war kei­ne gute Idee. Bei die­ser Hit­ze flie­ßen ihre Füße von al­lei­ne aus den Schu­hen. Sie bleibt ste­hen, zieht die Pumps aus und läuft ba­r­fuß die Stu­fen zum zwei­ten Stock hoch. Wie im­mer sucht sie nach dem Schlüs­sel.

Von in­nen hört sie die Kat­ze maun­zen und an der Tür krat­zen. Eine häss­li­che An­ge­wohn­heit. Man kann an der Tür dunk­le Kratz­spu­ren er­ken­nen. In dem Mo­ment, in dem sie den Schlüs­sel ins Schloss steckt, hört sie Schrit­te im Trep­pen­haus. Sie hebt den Kopf und lauscht. Der alte Me­cke­rer von oben? Va­le­rie dreht den Schlüs­sel und stößt die Tür so hef­tig auf, dass die Kat­ze einen Satz rü­ck­wärts macht. Be­vor sie die Tür zu­schlägt, sieht sie die schlan­ke Ge­stalt ih­rer Nach­ba­rin nach un­ten has­ten. Was tat sie dort oben? War sie ih­rem Ehe­mann ent­flo­gen. Viel­leicht hieß sie nicht um­sonst Kat­ja Vo­gel?

Va­le­rie hebt die Kat­ze auf. Von un­ten ist nichts zu hö­ren. Ent­we­der ist der Ehe­mann nicht zu Hau­se, oder die bei­den ver­tra­gen sich zur Ab­wechs­lung mal.

Nach­dem die Kat­ze ver­sorgt ist, be­tritt sie ihr Ba­de­zim­mer. Sie hat nur noch einen Ge­dan­ken: Du­schen.

In ein wei­ßes Frot­tee­tuch gehüllt, nimmt sie ein Glas Lei­tungs­was­ser mit auf den Bal­kon. Auch die Pflan­zen brau­chen Was­ser. Sie zieht den Topf mit der wei­ßen Eu­phor­bia wei­ter nach vor­ne, so­dass sie die ein­ge­gan­ge­ne Pflan­ze da­hin­ter, de­ren Na­men sie ver­ges­sen hat, ver­deckt. Sie be­trach­tet ihre Fin­ger, die das Was­ser­glas um­span­nen, kei­ner da­von ist grün. Nein, sie be­sitzt kei­nen Grü­nen Dau­men. Be­vor sie zum Schreib­tisch geht, be­rührt sie die zar­ten Blü­ten des Zau­ber­schnees, der tat­säch­lich bis zum Win­ter blüht.

Va­le­rie setzt sich an ih­ren Com­pu­ter, ruft eine neue Sei­te auf und tippt den Ar­beits­ti­tel des Ro­mans, den sie ih­rem Ver­lag an­ge­bo­ten hat: Kö­nigs­kin­der.

Zwei Stun­den spä­ter hat sie im­mer noch kei­ne Zei­le ge­schrie­ben und stellt sich die Fra­ge, ob ihre Mut­ter sich ei­nem ih­rer vier Ehe­män­ner je un­ge­schminkt ge­zeigt hat. Sie kann sich nicht er­in­nern, Grace ein­mal ohne Make Up ge­se­hen zu ha­ben. Wie hat sie das an­ge­stellt? War sie blitz­schnell nach dem Auf­wa­chen zum Schmink­tisch ge­jumpt?

Va­le­rie tappt zum Ba­de­zim­mer­spie­gel. Was siehst du?, fragt sie sich. Mit zehn Fin­gern fährt sie sich durch die von Hit­ze und Feuch­tig­keit ge­lock­ten Haa­re. Sie bringt ihr Ge­sicht ganz nah an das Spie­gel­glas.

Halb ge­schlos­se­ne Au­gen, ge­ra­de Au­gen­brau­en. Schnell wech­seln­de Bil­der, ihr Ge­sicht wird jün­ger, so jung. Als ob sie ein Ka­len­der­blatt nach dem an­de­ren ab­reißt. Da­hin­ter im­mer sie, im­mer jün­ger, im­mer kind­li­cher. Jah­re blät­tern ab, Va­le­rie sieht sich mit fünf­und­zwan­zig, mit zwan­zig, acht­zehn, sech­zehn, fünf­zehn, vier­zehn. Nein, wei­ter zu­rück kann sie nicht, will sie nicht ge­hen. Sie reißt den Kopf hoch.

Trä­nen in ih­ren Au­gen, hin­ter ih­rer Stirn das Ge­sicht ei­nes Che­rubs.

Der Jun­ge ist schön und in sei­nem Roll­stuhl ge­fan­gen. Sie trifft ihn auf den lan­gen Kran­ken­h­aus­flu­ren, spä­ter im Gar­ten der Kli­nik, in der Grace sie un­ter­ge­bracht hat. Die letz­te klei­ne Ope­ra­ti­on, die nur eine kos­me­ti­sche ist. Ihre Mut­ter kann sich nicht mit ei­ner sicht­bar be­schä­dig­ten Toch­ter ab­fin­den. Manch­mal fragt sie sich, war­um sie sich nie­mals ge­wehrt hat.

»Ich wer­de nie mehr ge­hen kön­nen«, sagt Sa­mu­el, ihre ers­te und ein­zi­ge Lie­be.

Va­le­rie hat kei­nen Trost für ihn. Sie beugt sich zu ihm, hält sei­ne Hand und küsst ihn auf die Stirn. Sie weint. »Ich wer­de mor­gen ganz früh ent­las­sen. Mei­ne Mut­ter holt mich ab.«

Er nimmt ihr Ge­sicht in bei­de Hän­de. Von ihm be­kommt sie ih­ren ers­ten rich­ti­gen Kuss. Den ers­ten rich­ti­gen Kuss von ei­nem quer­schnitts­ge­lähm­ten Roll­stuhl­fah­rer auf ei­nem men­schen­lee­ren Kli­nik­flur. Ab­surd? Sie hat es nie so emp­fun­den.

Va­le­rie fin­det ihn am Mor­gen dar­auf. An­ge­schnallt in sei­nem lei­se schlin­gern­den Roll­stuhl, auf dem Grund des Schwimm­be­ckens. Sein lan­ges asch­blon­des Haar schwebt auf der Was­ser­o­ber­flä­che. Nie wird sie die­sen An­blick ver­ges­sen. Sa­mu­el war erst acht­zehn, als er sich er­tränkt hat.

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Ograniczenie wiekowe:
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Objętość:
274 str. 8 ilustracji
ISBN:
9783754925096
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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