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Die Füchsin
Ursula Tintelnot
Roman
Impressum
Copyright: © 2021 Ursula Tintelnot
Umschlagsfoto: © GSPictures
Covergestaltung: © Medusa Mabuse
Buchsatz: © Medusa Mabuse
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten
Klappentext:
Ihre Lebenswelten könnten nicht unterschiedlicher sein. Valerie, eine erfolgreiche Autorin lebt in ihrer luxuriösen Eigentumswohnung in einem angesagten Quartier in Hamburg. Sie lebt allein, ohne feste Bindung, mit ihrer Katze. Ihr Leben zwischen exquisiten Empfängen und anstrengenden Lesereisen ist vergleichsweise glamourös.
Adam ist durch einen Schicksalsschlag alleinerziehender Vater eines Eineinhalbjährigen und Besitzer einer Gärtnerei, vor den Toren der Stadt, auf dem platten Land geworden. Valerie kennt seinen Vornamen. Für Adam bleibt sie die Namenlose, die Füchsin, wie er sie bei sich nennt.
Nach einer zufälligen, kurzen Begegnung, bleibt beiden eine unstillbare Sehnsucht nacheinander. Immer wieder sehen sie sich im Gewühl der Großstadt ohne sich näher zu kommen. Keiner von beiden ergreift die Initiative. Beide sind verletzt in ihrer ganz eigenen Weise und fürchten, noch einmal verletzt zu werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Lesung
2 Juni
3 Juni
4 Juni
5 Juli
6 Juli
7 Ende Juli
8 Juli
9 Ende Juli
10 August
11 August
12 August
13 August
14 Oktober
15 Oktober
16 Januar
17 Mai
18 Mai
19 Juli
20 Juli
21 Sommer
22 Sommer
23 Sommer
24 August
25 Ende August
26 Dezember
27 Mai Juni
28 Juni
Über die Autorin und weitere Werke
1 Lesung
Adam sitzt mit einem schlafenden Kind auf dem Schoß in einem weiten Raum. Schwarze Eisenstreben überwölben die hohe Decke der ehemaligen Fabrikhalle. Jetzt, nach der Lesung, stehen die Tore offen. Gruppen von Rauchern auf dem gepflasterten Vorplatz, Gedränge an der Bar. Die Tische sind nicht alle besetzt.
»Ben möchte Sie kennenlernen.«
Die, die er anspricht ist … so alt wie er? Vielleicht. Attraktiv? Sehr attraktiv. Hat sie zu viel getrunken? Er ist stocknüchtern.
»Ihr Ben schläft gleich ein.« Sie lacht leise.
»Das ist ein Täuschungsmanöver. Er tut nur so.«
Er betrachtet sie, möchte sie noch einmal zum Lachen bringen. Schön geschwungene Lippen. Augen, grau oder grün? Das kann er nicht erkennen. Unter gesenkten Lidern blickt sie das Kind an. Nicht ihn. Ihre Finger spielen mit einer langen, hauchdünnen Silberkette über ihrem Dekolleté. Ein halb geleertes Glas in ihrer Hand. Sicher nicht das erste, denkt er. Sie macht einen Schritt von ihm weg. Eine leichte Unsicherheit. Ihre Hand greift Halt suchend eine Stuhllehne.
»Wie gefielen Ihnen die Gedichte?«
Sie zögert. »Zu viel Todessehnsucht.«
Ja, die Gedichte drehten sich um Tod, Einsamkeit und Verlassenheit. Passend zu seiner eigenen Seelenlage.
Sie wühlt in ihrer Umhängetasche. Eine zerknitterte Zigarettenpackung kommt zum Vorschein. Ihre Hand zittert leicht. Das Feuerzeug findet sie in der Tasche ihres Jacketts. Sie atmet den Rauch tief ein und hält ihm nach kurzem Zögern die Packung entgegen.
»Nein, danke. Ich habe aufgehört.«
»Vernünftig.«
Sie zieht den Stuhl zu sich heran und setzt sich halb abgewandt von ihm, so, dass sie in den Raum sehen kann.
Er betrachtet ihre hohe Stirn, die gerade Nase, das Kinn. »Die Beschäftigung mit dem Tod ist legitim.«
»Sicher.« Sie dreht den Kopf in seine Richtung.
Unwillkürlich fragt er sich, wie es wäre, diese Lippen zu küssen, die sich gerade um die Zigarette schließen. Sie raucht gierig.
»Ich bin Adam«, sagt er schnell. Er will nicht, dass sie geht, kann den Blick nicht von ihr wenden. Üppiges dunkelrotes, von einem Band im Nacken zusammengehaltenes Haar. Die Lider schwer über schmalen Augen.
Die Füchsin, die seit einiger Zeit um sein Haus herumschleicht, fällt ihm ein. Eine hochbeinige elegante Fähe, mit ungewöhnlich dunklem rotem Fell. Eine Füchsin, denkt er. Eine Füchsin mit einer verletzten Pfote. Ihm ist ihr leichtes Hinken aufgefallen.
Sie ist ungewöhnlich. Sicher die auffallendste unter all den Frauen. Sie hat so etwas wie einen Panzer um sich, unsichtbar, aber ein Panzer.
Er blickt sich um. Es gibt nur wenige Männer hier. Wie so oft sind die Frauen auch bei dieser Lesung in der Überzahl. Er interessiert sich für Gedichte, Literatur überhaupt. Und für Kräuter und Giftpflanzen. Er züchtet sie, baut sie an und fotografiert sie. Seine Erkenntnisse schreibt er akribisch auf.
Als er wieder in ihre Richtung schaut, ist sie nicht mehr da. Auf dem Tisch liegt ihre Zigarettenpackung, daneben das Feuerzeug. Ohne nachzudenken, steckt er beides ein. Im Ausgang sieht er kurz ihr Profil. Glanz auf ihrem Haar. Dann ist sie fort. Verdammt! Er hätte gerne mehr von ihr gewusst. Sie hat nicht einmal ihren Namen genannt. Er erhebt sich, als das Kind auf seinem Schoß sich regt.
»Wir gehen heim«, flüstert er.
Der kleine Junge legt die Arme um Adams Hals und schmiegt sich an ihn. »Dada«, flüstert er und schläft wieder ein.
Der rote Pritschenwagen ist alt und nicht sehr sauber. Ein Auto, dem man den Gebrauch ansieht. Ein Nutzfahrzeug, kein Statussymbol. Er schnallt das Kind im Kindersitz fest, schiebt die Tür so leise wie möglich zu und geht um den Wagen herum, um auf der anderen Seite einzusteigen.
Benjamin, denkt er, müsste in seinem Bett liegen, nicht mit mir an nächtlichen Veranstaltungen teilnehmen. Er bleibt eine Weile sitzen, ohne den Wagen zu starten, und starrt auf den regenfeuchten Asphalt. Ein kurzer warmer Sommerregen, der keine Abkühlung bringt. Adam fährt erst los, als der Regen nachlässt. Er hat wieder nicht an die defekten Scheibenwischer gedacht. Morgen, denkt er.
Diese Frau geht ihm nicht aus dem Kopf. Er ärgert sich, dass er sie hat gehen lassen. Eine Frau ohne Namen, eigentümlich vertraut.
Ben schnarcht leise, sein Köpfchen ist zur Seite gefallen. Mit beiden Händen hält er einen kleinen Stoffhund an die Brust gedrückt. Adam fragt sich nicht zum ersten Mal, wie er mit einem knapp Zweijährigen zurechtkommen soll. Seine Gedanken wandern zum dunkelsten Tag seines Lebens. Dem Tag, an dem seine Schwester starb und ihm ihr Leben hinterließ. Er hat es angenommen.
Jetzt startet er seinen Wagen. Fünfundvierzig Minuten später sieht er die Dächer der Gewächshäuser, glänzend nass vom Regen. Daneben die Scheune und das große alte Steinhaus. Vorsichtig biegt er in den Hof ein und parkt direkt vor der Haustür. Die Füchsin sitzt reglos zwischen den Gewächshäusern. Er hebt Ben aus seinem Sitz und bringt ihn, ohne ihn zu wecken, ins Bett.
2 Juni
Valerie hat es nicht eilig. Sie lebt allein mit ihrer Katze. Abgesehen von ihren Besuchen im Verlag hat sie einen einsamen Job.
Sie schreibt Liebesromane, obwohl sie an die Liebe nicht mehr glaubt, seit sie ein Teenager war, und die Kolumnen, die sie in verschiedenen Zeitschriften unterbringt, handeln nicht von Liebe, sondern von deren Nichtvorhandensein. An Abenden wie diesem gönnt sie sich Ausgang. Sie zieht um die Häuser, geht in ihre Stammkneipe, ins Theater und gelegentlich in die Oper oder besucht eine Lesung. Allein oder in Gesellschaft.
Wie hieß noch der kleine verschlafene Kerl? Ben? Auf die Idee, ein Kleinkind in die Nacht mitzunehmen, konnte nur ein Mann kommen. Sein Sohn? Vielleicht. Hat das Kind denn keine Mutter? Warum geht mir dieser Mann nicht aus dem Kopf?
Ihr Taxi hält vor einem hohen Stadthaus. Ein Altbau, vor Jahren renoviert, wie viele der Häuser hier. Oft mit Hinterhöfen, manche bepflanzt und zu idyllischen Gärten oder Spielplätzen umfunktioniert.
Wo ist der verflixte Hausschlüssel? Sie wühlt blind in ihrer Tasche, bis sie das kühle Metall spürt. Hinter sich hört sie gedämpft den Verkehr. Gelächter aus offenen Fahrzeugen, von den Balkonen der umliegenden Häuser. Die Nacht ist noch nicht zu Ende. Musik und der süße Duft von Phlox erfüllen die Luft.
Bevor sie aufschließen kann, öffnet sich die Haustür. Ein junger Mann hält ihr die Tür auf und verschwindet grußlos in der Dunkelheit. Im ersten Stock kracht eine Tür mit lautem Knall zu. Sie fragt sich, warum das Paar noch zusammenlebt. Kein Tag vergeht ohne lautstarke Auseinandersetzungen.
Sie steigt in den zweiten Stock, öffnet ihre Tür und hängt den Schlüsselbund an den dafür vorgesehenen Haken daneben. Ein leiser Plumps. Gleich darauf streicht die Katze um ihre Beine. Nachdem sie die Sandalen von den Füßen geschüttelt hat, nimmt sie die Katze auf den Arm und geht mit ihr in die Küche. Sie steckt die Nase in ihr Fell. Lieber die Katze als Magnus. Er hat das Tier bei ihr gelassen, er selbst hat den Aufwand nicht gelohnt. Sie drückt die Katze an sich.
Valerie liebt ihre Wohnung, ihr Alleinsein. Sie ist nicht dafür gemacht, mit jemandem zusammenzuleben. Die Wohnung ist großzügig geschnitten und mehr als sparsam möbliert. Ein bequemer Sessel. Ein paar Sitzmöbel von angesagten Designern. Küche und ein großes Wohnzimmer gehen ineinander über, ein separates Schlafzimmer, ein kleines Gästezimmer. In allen Räumen brennt Licht. Sie lässt es an, wenn sie die Wohnung verlässt.
Jetzt öffnet sie eine Dose für die Katze und sieht ihr, gegen den Küchentresen gelehnt, eine Weile beim Fressen zu.
Auf der Arbeitsplatte liegt das fertige Manuskript neben dem Drucker. Morgen wird sie es in den Verlag bringen. Gerade noch geschafft. Die Abgabetermine sind streng getaktet. Das neue Buch soll zur Buchmesse im Oktober herauskommen. Sie streicht über den Titel und sieht, dass der Anrufbeantworter blinkt. Sie lässt ihn blinken, dann drückt sie entschlossen auf eine Taste. Löschen. Ihr Verlag, ihre Mutter oder Magnus. Auf keinen von ihnen ist sie scharf.
Sie holt den Weißwein aus dem Kühlschrank, schenkt sich ein Glas ein und verlässt die Küche. Die Flasche nimmt sie mit. Valerie öffnet die Balkontür. Sie ist keine Blumenliebhaberin, aber sie liebt den Duft von Kräutern. Weißer Thymian, Majoran, Zitronenmelisse, Basilikum und Rosmarin wachsen üppig in großen grauen Kübeln. Bequeme Stühle, ein Tisch und eine breite Liege. Sie lehnt am Geländer und trinkt einen Schluck. Im Glas erkennt sie ihr Spiegelbild. Sie weiß nicht, wie lange sie hier steht. Um sie herum ist es still.
»Wir gehen schlafen«, verkündet sie der Katze.
Die Katze sitzt bewegungslos auf dem Tisch und fixiert sie. Nur die Schwanzspitze zuckt. Als Valerie im Bett liegt, starrt sie die Decke an und denkt an Magnus. Sie wartet auf den Schmerz, aber da ist nichts, sie vermisst ihn nicht, keine Trauer, kein Gefühl. In ihr bleibt es still.
Über das Bild von Magnus schiebt sich ein anderes. Adam. Verflucht, warum ist sie nicht einfach weggelaufen, als sie ihn im Foyer der Fabrikhalle entdeckt hat?
Du weißt, warum.
Die Ähnlichkeit dieses Mannes mit Samuel, ihrer ersten und einzigen Liebe, war frappierend, hatte ihre Knie weich werden lassen. Auch wenn sich beim Näherkommen die Ähnlichkeit verloren hatte. Die Anziehungskraft war geblieben. Das Gefühl, diesen Mann zu kennen. An die Stuhllehne geklammert, hatte sie sich setzen müssen. Nie mehr hatte sie gefühlt wie damals, bis heute.
Du bist geflohen, wie du immer fliehst, wenn es um Gefühle geht, denkt sie.
Valerie wird vom Telefon geweckt. Stöhnend zieht sie sich ihr Kissen über den Kopf. Um diese Uhrzeit kann nur es eine sein. Ihre Mutter.
»Valerie, ich weiß, dass du da bist.«
Warum ruft diese Frau immer so früh an? Für sie besteht doch keine Veranlassung, zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett zu springen. Ihre Mutter hat keinen Beruf, sie muss das Haus nicht verlassen wie die Mehrzahl ihrer Geschlechtsgenossinnen. Sie berichtigt sich, warum rufst du überhaupt an, Mutter?
Sie selbst hat einen Anlass aufzustehen, jetzt. Ein Termin mit ihrer Lektorin im Verlag. Auf ihrem Weg ins Bad füllt sie Wasser und Futter für die Katze in zwei Näpfe und setzt Kaffee auf. Nach dem zweiten Anruf ihrer Mutter an diesem Morgen nimmt sie nun doch ab.
»Grace hier. Endlich«, hört sie ihre Mutter, als ob sie es nicht wüsste. Für Valerie ist sie immer nur Grace, Mutter mache sie alt.
»Ich bin in Eile.« Sie mustert sich im Spiegel.
»Das bist du immer.«
»Ich habe einen Beruf.«
»Du schreibst, das ist etwas anderes. Ich möchte euch zum Abendessen sehen.«
»Wen meinst du mit euch. Soll ich die Katze mitbringen?«
Valerie hört ihre Mutter einatmen.
»Sei nicht albern.«
Wenn ich in deiner Gegenwart etwas nicht fühle, Mutter, ist es der Wunsch, albern zu sein.
Dann Grace Stimme: »Was ist denn mit Magnus? Er ist reizend und so gut erzogen.«
»Das ist die Katze auch. Wir haben uns getrennt. Die Katze hat er dagelassen.«
»Kannst du nicht einmal einen Mann halten?« Grace dehnt das einmal theatralisch. »Ich nehme an, dass du nicht mehr lange fruchtbar bist?«
Valerie holt tief Luft. »Ich bin zweiunddreißig, nicht hundert. Im Verlag erwartet man mich.«
»Eine Frau muss einen Mann finden, bevor sie völlig abstoße…«
Valerie knallt den Hörer auf die Station und fragt sich, warum die Gespräche mit ihrer Mutter immer zu einem Schlagabtausch gelingen. Die Katze verschwindet mit eingeklemmtem Schwanz unter einem Sessel. Warum ärgert sie sich immer wieder über ihre Mutter? Aber natürlich weiß sie es. Sie ist übergriffig und so taktlos, dass sie jedes Mal zusammenzuckt.
Valerie läuft die Stufen hinab, zieht die Haustür hinter sich zu und steigt in das wartende Taxi. Ihr Manuskript hat sie unter den Arm geklemmt, eine Umhängetasche über der Schulter. Da die Datei längst bei Ruth liegt, ist es nicht nötig, es mitzunehmen, aber sie will noch ein paar Stellen, die sie markiert hat, mit der Lektorin besprechen. Sie starrt blicklos aus dem Fenster. Erst als das Taxi den Mittelweg überquert, um über die Alsterchaussee den Harvestehuder Weg anzusteuern, wird sie wach. Sie muss sich auf die kommenden Gespräche konzentrieren.
Das rechteckige Gebäude des Verlages Neumeyer & Roth liegt in einem schönen parkähnlichen Gelände an der Außenalster. Ruth erwartet sie. Die Cheflektorin ist längst zu einer Freundin geworden. Sie hat von Anfang an ihre Romane betreut.
»Wie immer ein paar Minuten zu spät.« Ruth umarmt sie. »Macht nichts, der Kaffee kommt gleich. Der Chef will dich nachher auch noch sehen, aber erstmal machen wir uns an die Arbeit.« Sie lacht und zieht sie in ihr Büro.
Valerie legt ihr Manuskript auf den ausladenden Schreibtisch und lässt sich stöhnend in einen Sessel fallen. »Meine Mutter«, klagt sie.
»Was hat sie wieder angestellt?«
Statt einer Antwort fragt sie: »Bin ich eigentlich schon völlig abstoßend?«
Ruth lacht ihr Lausbubenlachen und nickt. »Du siehst grässlich aus.«
Was sie sieht, ist alles andere als reizlos. Eine attraktive, erfolgreiche Frau, die nicht ahnt, wie verführerisch sie ist. Warum weiß Valerie das nicht?
»Wie kommst du jetzt da drauf?«
Valerie schildert den morgendlichen Anruf.
»Warum telefonierst du überhaupt noch mit ihr?«
Valerie steht auf und tritt ans Fenster. Sie blickt auf die glitzernde Alster und auf die im Sonnenlicht kreuzenden weißen Segel. Auf diese Frage weiß sie keine Antwort. Sie hat sie sich selbst schon tausendmal gestellt.
3 Juni
Adam steht seit fünf Uhr im Gewächshaus. Ben schläft noch. Er hört sein leises Atmen aus dem Babyphone, das er neben blühendem Salbei deponiert hat. Seit er Benjamin bei sich hat, steht er früh auf, um so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen. Nichts hat ihn auf den Tag im letzten November vorbereitet. Er greift nach einer Pflanzkiste und zieht sie zu sich heran. Nicht daran denken! Aber er kann es nicht verhindern. Vor seinem inneren Auge taucht das sanfte schöne Gesicht seiner Schwester auf. Ben hat viel von ihrer Sanftheit, denkt er. Er blickt über die großen Metalltische. Es war Semeles Gärtnerei nach dem Tod des Vaters gewesen. Adam ist Biologe.
»Es ist nicht mein Ding, mir die Hände schmutzig zu machen«, hatte er lachend erklärt, als es um die Nachfolge ging.
Sein Vater gab seine Gärtnerei gerne in die Hände seiner Tochter und ließ seinen Sohn studieren. Jetzt steht Adam hier und packt die Pflanzkisten, die heute ausgeliefert werden sollen, er macht genau das, was er nie machen wollte, er macht sich die Hände dreckig. Er weiß, wie sehr sein Vater und seine Schwester die Gärtnerei geliebt haben. Adam kann sie nicht aufgeben. Schon deshalb nicht, weil sie alles ist, was Ben von seinem kleinen Leben geblieben ist.
»Wuff.«
Adam läuft los. Ben kann es nicht ertragen, alleine zu sein, besser, ohne ihn zu sein. Die kleine Hündin Bella flitzt vor ihm her. Auch sie ein Erbe seiner Schwester. Adam ist eher ein Katzenmensch. Mit dem Tod seiner Schwester und seines Schwagers ist er Mutter und Vater zugleich.
Sie waren auf dem Rückweg von seiner Party ums Leben gekommen. Er fühlt sich schuldig. Natürlich ist es nicht seine Schuld, aber er kann den Gedanken einfach nicht abschütteln. Er sieht die Polizistin mit einem weinenden Kleinkind auf dem Arm noch vor sich stehen.
»Ich muss Ihnen leider mitteilen … Sind Sie der einzige lebende Verwandte?«
Seit dieser Zeit hat er Ben bei sich. Wochenlang trägt er ihn auf dem Arm oder auf den Schultern. Sobald er ihn absetzt, klammert sich der Junge an ihn wie ein Äffchen. Einschlafen ohne Adam, Fehlanzeige. Duschen alleine kommt nicht in Frage. Zu Anfang war es lästig, jetzt, nach acht Monaten, fehlt ihm etwas, wenn der Kleine mal nicht auf seinen Schultern hockt. Ben sitzt im Bett, den Blick fest auf die Tür gerichtet. Er weint nicht, er wartet. Adam kämpft gegen die Tränen an. Er nimmt den Jungen auf den Arm und küsst ihn aufs aschblonde Haar. So blond und widerborstig wie sein eigenes.
»Guten Morgen, mein Kleiner. Auf geht’s. Jetzt gibt’s Frühstück.«
Ben schlingt seine Ärmchen um Adams Hals. »Dada.«
»Ich bin da. Und schau, da ist auch Bella.«
»Bella«, wiederholt Ben.
Die Hündin sieht ihn aus hellblauen Augen an. Ein Ohr hängt bekümmert nach unten, das andere steht fragend in die Höhe. Sie zeigt ein schiefes Lächeln, wenn sie eine Lefze hochzieht.
Eine Schönheit ist sie nicht, denkt Adam. Aber seine Schwester mochte sie. Und auch Ben liebt sie. Er lässt ihn nur los, um hinter Bella herzulaufen. Das gibt ihm die Zeit, sein Müsli vorzubereiten. Wickeln, waschen, füttern, alles ist zur Routine geworden.
Vor der Tür wird es laut. Ein Moped rattert über den Hof.
»Hinnerk«, sagt Adam.
Ben nickt und schiebt sich einen Löffel Müsli in den Mund. Er spricht nicht viel.
»Moin, bin da.« Hinnerk steckt den Kopf durch die Tür, winkt kurz und geht in Richtung der Gewächshäuser. Auch Hinnerk spricht nicht viel.
Der Morgen ist noch frisch, aber die Luft erwärmt sich fühlbar. Es wird wieder ein warmer Tag werden. Ben kratzt sorgfältig seine Schüssel sauber.
Mehrmals hat eine Dame vom Sozialamt Adam besucht:
»Ben gehört in einen Kindergarten. Er ist in seiner Entwicklung zurück.«
»Was meinen Sie damit?«
»Er spricht nicht, geht nicht auf mich zu, wie … norm… andere Kinder es tun würden.«
Er verkniff sich eine scharfe Antwort. Ich würde auch nicht auf dich zugehen, Zicke. Er verkniff sich auch den Hinweis, dass Ben den Unterschied zwischen Salbei, Thymian, Rosmarin und noch so einigen anderen Kräutern kennt.
»Und, soweit ich sehen kann, ist er auch noch nicht trocken.«
»Das war ich in seinem Alter auch noch nicht«, sagte er. »Ich habe noch mit fünf in die Hose gepisst, und wenn mein Neffe das möchte, darf er das auch.«
Er grinst, als ihm diese Szene einfällt, und stellt Bens inzwischen säuberlich leer gekratzte Schüssel in die Spüle.
»Wir gehen jetzt arbeiten«, sagt er und hebt Ben vom Kinderstuhl.
Hinnerk ist dabei, die gepackten Kisten auf dem Pritschenwagen zu stapeln. Das Auto mit der Aufschrift: S. Frank Gartenbau steht jetzt vor den Glashäusern.
S. Frank steht für: Simon, seinen Vater, und Semele, seine Schwester. Er hat es nicht über sich gebracht, seinen eigenen Buchstaben davorzusetzen. Nicht einmal die Website hat er aktualisiert. Er vermisst sie beide noch zu sehr. Vielleicht würde eines Tages ein B für Ben dazu kommen.
»Ist das alles?« Hinnerk steht vor ihm und deutet auf die Kisten.
»Nein, eine fehlt.« Adam konsultiert ein kleines Heft, das er aus der Tasche seiner Jeans zupft. »Hier. Thymus praecox, weißer Thymian.«
Ben zieht ihn zielsicher in die richtige Richtung, dorthin, wo die vorgezogenen Thymianpflanzen stehen.
»Sehr gut, mein Kleiner.«
Hinnerk lacht. »Du musst ihm bald Gehalt zahlen. Auf mich kannst du dann verzichten.«
Adam nickt. »Nur das mit dem Führerschein muss noch warten.«
Er packt noch eine weitere Kiste mit den winterharten Pflanzen und klebt einen Zettel mit der Adresse an die Seite. Hinnerk ist schon immer hier gewesen. Er ist mit Leib und Seele Gärtner. Er wüsste nicht, was er ohne ihn tun sollte. Adam spürt ein Ziehen. Er wäre gerne selbst gefahren, aber das macht er nicht. Die Bestellungen auszufahren und die Bepflanzung der Stadtbalkone und Gärten überlässt er Hinnerk. Er fühlt Bens Hand in seiner. Es ist richtig, was er tut. Ben setzt sich nicht gerne in ein Auto.
Adam nimmt sich den Ordner mit den Bildern. Von jedem der Balkone macht Hinnerk ein paar Aufnahmen, natürlich mit der Erlaubnis der Besitzerinnen, manchmal sogar mit einem Selfie seiner Kundinnen. Fast immer sind es Frauen, die sich an seine Firma wenden. In Gedanken fährt er mit Hinnerk durch Hamburg, liefert die bestellten Pflanzen aus und pflanzt sie auf Wunsch gleich in Kübel und Kästen ein. Soweit er sehen kann, hat er seit dem Tod seiner Schwester keine Kunden verloren. Hinnerk hat offensichtlich sehr gute Arbeit geleistet. Die Frauen mögen Hinnerk. Aber Adam hütet sich, das auszusprechen. Mit seiner tiefen Stimme und der ruhigen Art wirkt Hinnerk vertrauenswürdig. Er klappt den Ordner zu. Es gibt viel zu tun.
Er geht mit Ben zu dem kleinen, mit roten Ziegeln ummauerten Garten hinter den Glashäusern. Dort pflanzt er Heilkräuter an. Heilkräuter, die immer auch Giftkräuter sind. Deshalb schärft er Ben eindringlich ein, dass er nie, niemals ohne ihn, diesen Teil des Gartens betreten darf. Aber Ben geht ohne ihn nirgendwo hin. Darüber muss er sich noch keine Sorgen machen. Vor der roten Ziegelmauer blüht die schönste und höchste seiner Pflanzen, der tiefblaue Eisenhut, giftig bis in jede seiner Fasern.
Eine Giftpflanze mit krimineller Vergangenheit. Sie musste über Jahrhunderte als Mordinstrument herhalten. In all ihren Pflanzenteilen steckt Alkaloid Aconitin, das bereits in geringen Mengen tödlich wirkt. Die tödliche Dosis bei Erwachsenen liegt bei zwei bis vier Gramm der Wurzel. Das entspricht ein bis zehn Milligramm Aconitin pro Kilogramm Körpergewicht. Der Tod tritt meist innerhalb weniger Stunden ein, durch Herzversagen und Atemlähmung.
Der berühmteste Mord mit Eisenhut hatte sich wohl an Kaiser Claudius im alten Rom zugetragen. Seine Gattin und ihr Leibarzt sollen ihm giftige Pilze unter das Essen gemischt haben. Er konnte sich danach noch in seine Gemächer schleppen, in der Absicht, mit einer Vogelfeder einen Würgereiz hervorzurufen. Diese Vogelfeder allerdings war getränkt mit einem Extrakt aus Eisenhut, was letztendlich zu seinem Tod geführt haben soll.
Ben bleibt ein Stück weit davon entfernt stehen, wie Adam es ihm beigebracht hat. Selbst die Berührung ist gefährlich.
4 Juni
Valerie klopft, wartet aber nicht auf ein Herein, bevor sie die Tür öffnet. Viktor sitzt hinter seinem riesigen, unaufgeräumten Schreibtisch. Das Büro ist angenehm kühl. Er erhebt sich und schließt sein zweifellos nicht von der Stange gekauftes Jackett, als sie eintritt.
Wie gut er aussieht, denkt sie.
Mit einem kaum unterdrückten Tadel in der Stimme sagt er: »Du hast es mal wieder geschafft, uns alle in Atem zu halten.«
Valerie verzieht die Lippen.
»Das hält dich so unverschämt jung.«
Sie strahlt ihn an. Sie weiß, dass er sich ärgert, wenn sie Termine nicht einhält.
Er geht drei Schritte auf sie zu, küsst sie auf den Mund und legt eine Hand besitzergreifend auf ihren Rücken. »Wann sehen wir uns mal wieder außerhalb dieses Büros? Ich könnte heute in der Stadt bleiben.«
Zu forsch für ihren Geschmack. Sie löst sich von ihm und nimmt Platz auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch. Das gibt ihr die nötige Distanz. Sie will sich nicht noch einmal mit ihm einlassen. Er war nichts als eine Affäre, redet sie sich ein, und doch hat die Trennung von ihm Spuren hinterlassen. Sie will nicht an seine Frau und seine Kinder denken. Ihr fällt dennoch die weiße Villa an der Elbchaussee ein, mit einem traumhaft schönen Blick auf die Elbe. Valerie hat kein schlechtes Gewissen. Sie lächelt. Ihre moralischen Standards sind nicht gerade antiquiert. Wenn sie ehrlich ist, zieht sie Affären mit verheirateten Männern vor. Sie reden nicht über ihre Eroberungen und gehen nach angemessener Zeit wieder. Nichts von Dauer.
»Wie geht es deiner Frau und den Kindern?«, fragt sie, statt seine Frage zu beantworten.
»Ich hab’s verstanden«, sagt er lächelnd. »Wie geht es deinem Katzenmann?«
Nur noch Katze, kein Mann, denkt sie. Sie antwortet nicht.
Er nimmt das neue Exposé vom Tisch. »Du bist ja fleißig. Ich lese es durch. Hat Ruth es schon gesehen?«
»Wir haben kurz darüber gesprochen.« Valerie weiß, wie viel Viktor von der Meinung seiner Cheflektorin hält. Ruth hat ein gutes Gespür für die Themen der Zeit und eine untrügliche Nase, was bei Valeries Leserinnen ankommt.
Er nimmt einen Bogen Papier aus einer Schublade und legt einen Füller darauf. Valerie unterschreibt einen weiteren Vertrag.
Viktor beobachtet sie beim Schreiben. Sie sieht bezaubernd aus, denkt er, und sie ist verdammt anziehend. Valerie ist eines der Zugpferde seines Verlages. Jedes ihrer Bücher wird zum Bestseller. Sie besitzt eine geschliffene Sprache, und ihre Texte sind voller Humor. Interessant ist die Diskrepanz zwischen den Romanen und den Artikeln, die sie in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht. Dort verwandelt sie sich in eine Zynikerin, die zweifelt, fragt und verblüffende Zusammenhänge aufdeckt. Er liest sie ausnahmslos.
»Danke«, sagt er, als sie das Papier über die Tischplatte reicht. »Sagst du mir etwas über den Inhalt?«
»Nein.«
Valerie erhebt sich. Der schmale Rock ihres ärmellosen Leinenkleides lässt nur die Fesseln sehen. Beim Gehen öffnet er sich bis zu den Knien. Viktor erhebt sich ebenfalls. Sie ist bereits an der Tür, als er sie erreicht.
»Lies es durch«, sagt sie, »und sag mir, was du davon hältst.«
Viktor nimmt ihre Hand und haucht einen Kuss darauf.
»Mach ich. War schön dich zu sehen.«
Valerie verlässt das Verlagshaus. Sie geht langsam den Harvestehuderweg entlang. Zu ihrer Linken glitzert die Alster im Sonnenlicht. Segelboote.
Eine Postkarte, denkt sie, biegt in die Alsterchaussee ein, überquert den Mittelweg und läuft bis zur Hallerstraße. Die Gärten und Häuser nimmt sie kaum wahr. Am U-Bahnhof gibt sie auf. Die neuen Riemchensandalen drücken und sind nicht halb so bequem, wie sie aussehen.
»Paulsenplatz«, ächzt sie, wirft sich in die Polster des Taxis und löst die Riemchen an ihren Füßen.
»Bleibt es dabei?« Der Taxifahrer grinst.
»Versprochen«, sagt sie.
Den Nachmittag verbringt sie auf dem Balkon. Die Pflanzen duften und glänzen vor Nässe. Sie träumt von einem kühlen Glas Wein, einem Stück Käse am Abend nur mit ihrer Katze. Aber sie ist mit Ruth verabredet.
Valerie trifft ihre Freundin in der weiten Halle, in der auch die Lesung vor einigen Tagen stattgefunden hat. Ruth hat Karten für ein afrikanisches Tanztheater in der Fabrik. Tanz interessiert sie nicht, sie geht ihrer Freundin zuliebe mit. Ruths Armreifen klirren, wenn sie ihr Glas zum Mund führt. Sie stehen an der Theke, wo man in der Pause oder nach der Vorführung ein Glas Wein oder Prosecco trinken kann.
»Erwartest du jemanden?« Ruth sieht sich um.
»Nein. Wie kommst du darauf?«
»Weil du mich den ganzen Abend über noch nicht angesehen hast. Stattdessen hast du diesen suchenden Blick.«
Valerie hat tatsächlich an ihn gedacht. Vielleicht kommt er ja öfter hierher?
Sie spürt eine leichte Wärme auf den Wangen und beschließt, die halbe Wahrheit zu erzählen. Dann denkt sie, dass es überhaupt keine Wahrheit gibt, keine halbe und auch keine ganze. Unwillig über sich selbst schüttelt sie den Kopf.
»Also was ist?« Ruth lässt nicht locker.
»Gar nichts. Ich habe bei der Lesung neulich hier einen Mann gesehen.«
»Aha.« Ruths Brauen fahren interessiert in die Höhe. Armreifen und Ketten klingeln bei jeder Bewegung.
Sie sieht aus, als habe sie sich für diesen Abend mit bunten Perlen und Reifen folkloristisch aufgepeppt, aber es steht ihr gut. Ruth kann alles tragen, und sie ist unbestreitbar sexy. Kein Mann, der nicht einen Blick riskiert, denkt Valerie.
Sie sieht an ihrem eigenen schlichten schwarzen Kleid hinab. Dazu trägt sie eine lange schmale Silberkette und rote Pumps. An ihr klingelt nichts. Sie lächelt. Ruth sendet Signale an ihre Umgebung: Hey Leute, hier spielt die Musik. Und das tut sie mit Erfolg.
»Er war etwa zwei Jahre alt«, sagt Valerie jetzt »und saß auf dem Schoß seines Vaters. Ich nehme jedenfalls an, dass es sich um den Vater handelte. Keine Ahnung, wir haben nicht miteinander gesprochen.«
Sie weiß nicht, warum sie Ruth verschweigt, dass sie doch miteinander gesprochen haben. Es ist nicht wichtig, denkt sie. Warum kann sie sich dann an jedes Wort erinnern? Adam und Ben.
Ruth, denkt sie, hat nicht besonders viele Freunde, aber ganze Rudel von Bekannten. Sie weiß nicht mehr, wie oft ihre Freundin heute schon gegrüßt worden ist. Ruth kennt Gott und die Welt, weiß aber ihr Privatleben sehr sorgfältig zu schützen. Allerdings kann sie mit Gefühlen besser umgehen als sie selbst.
Valerie fällt plötzlich ein, dass sie ihre Kolumne für eine Zeitschrift nicht länger aufschieben kann. Die Redaktion braucht ihren Text morgen, und sie hat noch nicht einmal damit angefangen. Ausgerechnet über Gefühle soll sie schreiben.
»Ich muss gehen.«
In Gedanken ist sie schon bei der Arbeit, die vor ihr liegt. Valerie lässt sich von Ruth in den Arm nehmen, eine Körperlichkeit, die sie nur wenigen erlaubt. Diese künstliche Herzlichkeit hat ihr nie gefallen.
5 Juli
Adam studiert alte Rezepte. In der Nacht, wenn Ben fest schläft, sitzt er über seinen Büchern. Sein kostbarster Besitz ist ein abgegriffenes schwarzes Büchlein mit der schlichten Aufschrift Gift-Buch. Kein gedrucktes Buch, sondern eine Kladde, handgeschrieben von 1534. Er liest: Steppenraute, Tollkirsche, Quecksilber, Giftpilze, Geifer und Galle von Gifttieren. An Betäubungsmitteln (medicinae stupefactoriae) nennt der Verfasser: Bilsenkraut, Alraune, Opium, Giftlattich und Mohn; diese töten nur bei Überdosierung. Sehr beruhigend, denkt er.
Adam schaut auf, als Bella ein leises Knurren von sich gibt. In den Julinächten wird es nicht wirklich dunkel. Adam legt sein Heft zur Seite und tritt ans geöffnete Fenster. Vielleicht ein Fuchs oder ein anderes Tier, das sich an seinem Haus vorbeistiehlt. Bella sieht aufmerksam zu ihm auf.
Ist da ein Schatten, eine verstohlene Bewegung? Eine Weile bleibt er noch am Fenster stehen, aber nichts rührt sich.
»Da ist nichts, Bella«, sagt er.
Die Hündin trottet zurück zum Tisch und lässt sich seufzend auf den kühlen Steinboden fallen. Adam nimmt eine angebrochene Flasche Gavi aus dem Kühlschrank, schenkt sich ein Glas ein und geht damit an den Küchentisch. Er setzt die Kopfhörer auf und lauscht dem unfassbar süßen Sopran der Sängerin: »Porgi Amor … Hör mein Flehn, o Gott der Liebe …«
Er denkt an die Frau ohne Namen. Sie hat sich in seine Seele gebrannt. Immer wieder hört er sie leise lachen. Sieht ihren forschenden Blick.
Seit er Ben bei sich hat, ist Adam oft allein. Es überrascht ihn, wie sehr ihm dieses Leben gefällt. Sein Handy leuchtet auf. Christina! Auf dem Bildschirm erscheint ihr Gesicht. Das Foto hat er selbst gemacht. Sie lacht ihn an, ihr langes Haar flattert im Wind und verschwimmt im gleißenden Gelb des Rapsfeldes im Hintergrund. Er hat sie nicht vergessen, sie passt nur nicht mehr in sein Leben. Keine Frau der Welt hält einen Mann aus, auf dessen Hüfte oder Schultern über Wochen ein kleines Kind hockt. Das hat sie ihm bei ihrer letzten Begegnung sehr deutlich gemacht. Er setzt die Kopfhörer ab und nimmt den Anruf an.
»Adam, bist du das?« Ihre Zunge stolpert.
Sie ist betrunken, denkt er. »Christina.«
»Ich will dich wiedersehen.«
Er denkt an die letzten Auseinandersetzungen. »Ich glaube, das ist keine gute Idee.«
»Aber ich vermisse dich.«
Dieses andere Gesicht schiebt sich über das Christinas, nicht so jung, aber faszinierend. Das Gesicht einer Frau, die so präsent ist wie keine, die er kennt. Er hört sie leise lachen, die Namenlose. Ihr glänzendes Haar. Sein Puls beschleunigt sich.
»Adam, bist du noch dran?«
»Was?«
»Ich könnte morgen zu dir rausfahren. Lass uns reden.«
Er gibt nach. Dann legt er auf. Es ist fair, denkt er, mit ihr zu reden.
Adam starrt auf das Handy. Eigentlich weiß er, dass es nichts mehr zu sagen gibt. Als er aufschaut, steht Ben in der geöffneten Küchentür.
Adam nimmt den Jungen auf den Arm und geht mit ihm zum Fenster. Sie sehen beide hinaus auf die Apfelwiesen. Ein durchsichtiger Schleier aus Dunst liegt über allem. Die frühen Äpfel sind reif.
»Morgen pflücken wir Äpfel, Ben.«
Der Junge nickt verständig.
»Und jetzt gehen wir beide schlafen.«
Adam legt Ben in das altmodische Doppelbett, in dem seine Eltern schon geschlafen haben. Als er ins Bett kriecht, spürt er Bens tastende Hand auf seinem Gesicht. »Ich bin da, mein Kleiner.«
Gleich darauf hört er Bens ruhige Atemzüge.
Auf dem Dielenboden leises Klacken von Bellas Krallen. Ein Mann, ein Junge und ein kleiner Hund. Mit den Gedanken an die Arbeit morgen schläft er ein.
Das Rattern des Traktors weckt Adam in der Frühe. Er hält direkt vor der Haustür.
Das muss Hannah sein. Hannah ist Hinnerks Tochter. Sie ist neunzehn. Ein hübsches, kräftiges Mädchen, das nie weit über die Marsch hinausgekommen ist. Sie ist eigenwillig und wissbegierig. Ihr Vater hält sie für schwer erziehbar. Seit dem Tod der Mutter versorgt sie ihren Vater und hilft Adam bei der Ernte. Hinnerk ist ihm dankbar, dass er seine Tochter beschäftigt. Hannah kennt sich aus mit Pflanzen und weiß, wie man Äpfel pflückt, ohne den Baum zu beschädigen. Allerdings ist ihm ihre Anhänglichkeit manchmal zu viel.
Leise steht er auf. Ben schläft zusammengerollt wie ein Welpe. Adam steigt in seine Hosen und läuft barfuß zur Tür.
Hannah schenkt ihm ein strahlendes Lächeln. Der Wind zerrt an ihrem weiten Blaumann und reißt ihr fast das Tuch vom Kopf. »Moin, Adam.«
»Moin, Hannah.«
Er hebt den Kopf. Weiße Sommerwolken ziehen schnell über den Himmel. »Wenn wir Glück haben, hält das Wetter.« Adam begrüßt auch die beiden Männer, die vom Traktor springen.
»Piet, Jan.«
»Moin.«
»Fangt auf der hinteren Wiese an und nehmt den Hänger aus der Scheune. Ich bin in einer halben Stunde bei euch.«
Ben wird gleich aufwachen. Adam geht in die Küche, setzt Kaffeewasser auf und nimmt Joghurt und Milch aus dem Kühlschrank. Danach schält er einen Apfel und schneidet ihn in kleine Stücke. Die Milch füllt er in einen Becher. Joghurt und Apfelstücke mischt er in einer Schüssel und gibt eine Handvoll Rosinen darüber.
»Dada!« Ben nennt ihn selten beim Namen.
Adam lächelt. Dada klingt wie eine Mischung aus Papa und Adam.
»Moin, Kleiner. Ausgeschlafen?« Er nimmt Ben auf den Arm und geht mit ihm ins Badezimmer. Die Windel ist seit ein paar Tagen trocken. Er wagt nicht, es anzusprechen, deshalb fragt er ihn: »Möchtest du eine neue Windel haben?«
»Ne!« Ben schüttelt energisch den Kopf.
»Gut.« Adam nimmt Bens winzige Latzhosen und hilft ihm beim Anziehen.
»Apfel flücken?« Ben schaut ihn fragend an. Er hat es nicht vergessen, und er hat gesprochen.
Das wird ein guter Tag, denkt Adam.
»Erst frühstücken, dann arbeiten«, sagt er.
6 Juli
Valerie bezahlt den Chauffeur und steigt aus dem Taxi. Die Front des Hauses ist erleuchtet. Sie fragt sich, ob das nötig ist und beantwortete sich die Frage gleich selbst mit einem klaren Nein. Es gibt ein Wort dafür: Lichtverschmutzung.
Die Mauern der beiden ersten Etagen sind cremefarben gestrichen und noch ohne Graffiti, die oberen drei leuchten in einem kräftigen Rot, nur unterbrochen von weißen Fensterrahmen. Es ist ein schönes altes Mietshaus. Vier kleine Balkone, schwarz umgittert, hängen an der Vorderseite. Ihr Balkon, sie hat Glück, hängt an der Seite. Von dort hat sie den Blick auf einen begrünten Platz mit hohen Bäumen, einem Kinderspielplatz und den Eingang. Sie bleibt einen Moment auf dem gepflasterten Vorplatz stehen. Nur zwei Wohnungen sind noch beleuchtet. Ihre eigene im zweiten Stock und die darunter, in der das junge, ewig streitende Paar wohnt.
Sie kramt in ihrer Tasche nach dem Haustürschlüssel, schließt auf und tastet nach dem Lichtschalter. Dann hört sie Lärm. Sie bleibt stehen und lauscht. Sekunden später wird über ihr eine Tür aufgerissen. Der junge Mann aus der Wohnung im ersten Stock rennt, ohne sie wahrzunehmen, an ihr vorbei. Langsam steigt Valerie die Stufen hinauf. Wieder bleibt sie stehen. Sie hört die Frau schluchzen. Soll sie fragen, ob sie Hilfe braucht? Valerie seufzt. Sie möchte nichts als einen ruhigen Abend, den sie nutzen will, um ihren Artikel zu schreiben. Ihr Finger legt sich ganz ohne ihren Willen auf die Klingel neben dem Schild, das verkündet, dass hier Klaus Weber und Katja Vogel wohnen. Webervogel, Valerie lächelt. Das Schluchzen im Innern der Wohnung wird leiser und verstummt. Eine belegte Frauenstimme fragt: »Wer ist da?«
»Valerie. Ich wohne im zweiten Stock. Brauchen Sie Hilfe?«
»Nein, gehen Sie!«
»Gute Nacht.« Valerie kommt sich dämlich vor. Aber sie kann verstehen, dass Katja sich in dem Zustand, in dem sie sich zweifellos gerade befindet, nicht zeigen will. Als sie ihre Wohnungstür öffnet, streicht die Katze maunzend um ihre Beine.
»Ich hab dich zu lange alleine gelassen.«
Magnus hat der Katze keinen Namen gegeben. Sie tauft sie auch nicht. Sie denkt an Frühstück bei Tiffany. In dem Film wird der Kater auch nur Kater gerufen.
Valerie öffnete eine Flasche Barolo. Sie gießt sich ein Glas ein und setzt sich an ihren Schreibtisch. Der erste samtige Schluck. Auch der Wein, wie die Katze, Magnus‹ Hinterlassenschaft. Die Katze liegt auf dem Tisch neben dem Laptop und starrt sie aus ihren schönen Augen an. Valerie denkt an den wunderbaren ersten Abend mit Magnus. Er hat sie überrascht, damals. Nicht daran denken, befiehlt sie sich. Mach deinen Artikel fertig. Sie öffnet den Computer, richtet die Seite ein und schreibt.
Wo wir fühlen, was wir fühlen.
Immer mehr Neurowissenschaftler beschäftigen sich inzwischen mit der Frage, wo sich der Sitz der Emotionen befindet, und glauben Sie mir, die Antwort ist nicht das Herz. Herz, Gefühl und Liebe haben nichts miteinander zu tun. Wenn Ihr Herz schneller klopft, wenn Sie den Liebsten sehen, heißt das nicht, dass die Liebe dort ihren Platz hat, Ihr Herz klopft auch schneller, wenn Ihnen die S-Bahn vor der Nase wegfährt oder Sie in Hundescheiße treten. Schuld an Ihren Gefühlen sind bestimmte Hirnregionen, nichts weiter …
Man könnte sogar sagen, dass die Liebe ihren Sitz in der Niere hat …
Als Folge des Verliebtseins treten alle anderen Gefühle in den Hintergrund. Die Stimmung ist gehoben, eine Vielzahl von Botenstoffen verändern ihre Konzentration in Gehirn und Körper. So erhöht das während der Verliebtheit im Nebennierenmark ausgeschüttete Adrenalin direkt den Puls. Herzklopfen …
Hier wandern ihre Gedanken doch wieder zu Magnus:
Wildtaube mit Honig und Pappardelle an weißer Trüffel. Magnus ist überwältigend, wenn er unangemeldet vor der Tür steht. In einer Hand ein Blumenstrauß von der Größe eines Kleinwagens, in der anderen eine Tüte von Le Beau Voisin, einem angesagten Franzosen in Winterhude. Der Wein ist aus Italien. Er bewegt sich in ihrer Küche, als sei es seine eigene.
Sie schließt die Augen. Aber nicht Magnus‹ vertrautes Gesicht erscheint, sonders das Adams, den sie nicht kennt. Wer bist du?
Ihr Puls beschleunigt sich. Sie steht auf, um sich noch ein Glas Wein zu holen. Als sie zurückkommt, liegt die Katze auf ihrer Tastatur und schnurrt mit der defekten Lüftung um die Wette. Valerie hat den Text nicht gesichert. Der Bildschirm ist schwarz, die Katze hat den Text gelöscht.
Auch das, denkt sie, lässt das Herz schneller schlagen.
Sie muss noch einmal von vorne beginnen. Valerie schüttelt die Pumps von den Füßen und setzt sich ein zweites Mal vor den Computer. Die Katze sieht sie vorwurfsvoll an, als Valerie ihr den Platz streitig macht und sie auf den Fußboden setzt.
»Böse Katze. Du kannst froh sein, wenn ich deine Dosen noch öffne.«
Valerie setzt sich ihre riesige Brille auf die Nase und legt die Finger auf die, jetzt katzenfreie, Tastatur. Zwei Stunden später, es ist zwei Uhr in der Nacht, schickt sie den fertigen Text an die Redaktion der Zeitschrift Herz und Hirn.
Sie weiß, dass Bruno ihre Texte zwar schätzt, weil die Leserinnen sie lieben, persönlich aber verabscheut. Sie entspricht nicht dem idealen Frauenbild, das der Redakteur pflegt. Mit ihr kann er nicht umgehen, er hält sie für eine ausgemachte Zynikerin. Valerie lehnt sich zurück und streckt sich, die Brille legt sie neben den Laptop.
Sie tritt hinaus auf den Balkon. Die Nacht ist lau, und die weißen Blüten ihrer Kräuter leuchten in der Dunkelheit. Sie streicht über die raublättrige Minze, prompt erreicht sie ihr unverwechselbarer zarter Duft. Unter ihr rauscht es leise in den Kronen der Bäume, die ein fast undurchdringliches Dach über dem Spielplatz bilden. Sie zögert einen Moment. Dann entschließt sie sich, obwohl der Wind zunimmt, auf dem Balkon zu schlafen. Das tut sie manchmal, wenn das Wetter es zulässt. Ein Vogel piepst im Schlaf. Die Geräusche der Stadt werden leiser, nur noch wenige Autos sind unterwegs. Bis sie einschläft, lauscht sie dem Schnurren der Katze auf ihrem Bauch. Regen, den der Wind unter die Überdachung treibt, weckt sie.
»Verdammt!«
Sie sammelt Kissen und Decke zusammen und flüchtet.
7 Ende Juli
Adam horcht auf das Gewitter. Draußen tobt der Sturm, zerrt an den Bäumen und treibt Zweige und kleine heruntergefallene Äste vor sich her. Ein Fensterladen klappert verdächtig. Hoffentlich hält er. Ben sitzt im Schlafanzug auf seinem Kinderstühlchen am Küchentisch. Er schiebt ein Holzauto hin und her und macht die entsprechenden Brummgeräusche. Christina sitzt ihm gegenüber. Ben beachtet sie nicht. Er antwortet auch nicht, wenn sie ihn anspricht. So hat sie sich ihren Besuch auf dem Lande wohl kaum vorgestellt.
Kurz vor dem Gewitter war sie auf den Hof gefahren. In ihrem weißen kurzen Sommerkleid und den Highheels eine wahre Augenweide. Jan und Piet haben sie angestarrt wie eine Erscheinung. Hannah hat sie übersehen, wie nur Frauen es können. Ben wollte auf seinen Arm und verhinderte damit eine innige Begrüßung. Dann der erste Donnerschlag und innerhalb von Sekunden Starkregen. Christina schaffte es, trocken ins Haus zu flüchten. Er selbst half Hannah und den beiden Männern, die schweren Apfelkisten in der trockenen Scheune zu stapeln. Ben und er sind klitschnass geworden.
Nach einer Dusche steht Adam jetzt am Herd und backt Pfannkuchen. Zum Warmhalten schiebt er sie in den Backofen. Er spürt Christinas Blicke hinter sich. Sie haben bis jetzt noch nicht viel geredet.
Christina nimmt eine Flasche Rotwein aus ihrer Tasche. »Wo ist der Öffner?«
Adam reicht ihn ihr. »Soll ich das machen?«
»Nein, geht schon.«
Mit einem leisen Plopp zieht sie den Korken aus der Flasche. Sie stellt sich neben ihn an den Herd, weit genug entfernt, wegen der Fettspritzer, und hält ihm ein Glas Wein entgegen.
Adam schüttelt den Kopf. »Nein, danke. Noch nicht. Ich will erst Ben ins Bett bringen.«
»Ist er behindert?«
»Was?«
»Er spricht nicht.«
Adam verharrt einen Moment mit der Kelle in der Hand. »Er heißt Ben.«
»Warum spricht er nicht mit mir?«
Adam lächelt. »Ich weiß es nicht. Vielleicht stellst du ihm nicht die richtigen Fragen.«
Er dreht sich zu Ben. »Ben, möchtest du einen Pfannkuchen?«
Ben nickt. »Ja«, sagt der, »mit Honig.«
»Vielleicht solltest du ihm mal beibringen, dass es höflich ist, Erwachsenen zu antworten.«
Adam spürt Zorn in sich aufsteigen, unangemessenen Zorn, er muss sich beherrschen. Er fragt sich, seit wann sie Expertin in Kindererziehung ist. Statt ihr diese Frage zu stellen, sagt er so gleichmütig wie möglich: »Höflich kann er später, meinst du nicht?«
»Wenn du glaubst.« Sie tritt ans Fenster und schaut hinaus in den Regen.
Adam backt den letzten Pfannkuchen, schiebt die Pfanne von der heißen Platte und holt den Teller mit dem Stapel Pfannkuchen aus dem Backofen. Er nimmt ein Glas Honig, drei Teller und Besteck und trägt alles an den Tisch.
Christina setzt sich und schenkt sich zum x-ten Mal Wein nach. Seinen Wein hat sie auch getrunken. Sie kichert und wirkt ziemlich beschwipst. »Pfannkuchen«, sagt sie, »habe ich zuletzt gegessen, als ich sechs Jahre alt war.«
In seine Gedanken schiebt sich die Frau ohne Namen. Wo mag sie gerade sein, die Füchsin? Wann hat sie zuletzt Pfannkuchen gegessen? Wenn er doch wenigstens ihren Namen wüsste.
»Hörst du mir überhaupt zu?«
Er sieht Christina an. »Entschuldige, ich war in Gedanken bei dem Tag morgen«, lügt er. »Was hast du gesagt?«
»Bei diesem Wetter kann ich nicht fahren. Ich werde hier übernachten müssen.«
»Ja, natürlich. Ich habe genügend Platz. Du darfst dir ein Zimmer aussuchen.«
Er sieht ihr an, dass sie diese Antwort nicht erwartet hat.
»Aber, Liebling, ich kann doch bei dir schlafen. Ich will dich, Adam, ich will dich wiederhaben. Lass uns nochmal von vorne anfangen.«
Sie ist anziehend und bildhübsch, aber Adam spürt, dass ihr Zauber ihn nicht mehr erreicht. Sie hat sich von ihm getrennt, nicht zuletzt wegen Ben. Als seine Schwester starb und er Christina erklärte, dass er den Jungen zu sich nehmen würde, hatte sie keine Begeisterung gezeigt.
»Bitte, lass mich bei dir bleiben.«
Er möchte, dass sie aufhört, ihn anzubetteln. Er möchte nicht, dass sie sich weiter demütigt.
»Lass gut sein, Christina. Der Platz neben mir ist nicht mehr frei.«
Für einen Moment ist sie fassungslos. »Wer …?«, fragt sie. »Ist es dieses Mädchen?«
»Hannah, meinst du? Nein, nicht Hannah. Lass uns nachher reden. Ich bringe jetzt diesen jungen Mann ins Bett.«
Adam spürt ihren Blick. Er steht auf, nimmt Ben auf den Arm und verlässt die Küche. Seine Gedanken sind nicht bei dem Bilderbuch, das er sich mit Ben ansieht. Gute Nacht, Gorilla, die abendliche Bettlektüre.
Du hättest Christina nicht kommen lassen dürfen, denkt er. Er hat eine Hoffnung in ihr geweckt, die er nicht erfüllen will. Adam streicht Ben über die Haare. Du bist so tapfer, mein Kleiner.
»Gorilla schläft«, sagt Ben und deutet auf sein Bilderbuch.
»Ja«, sagt Adam, »und Ben schläft jetzt auch.«
Christina steht am Fenster. Sie dreht sich zu ihm um, als er die Küche betritt. »Also wer ist es?«
Jetzt schenkt Adam sich ein Glas Wein ein. Christina hat eine zweite Flasche geöffnet. Er will sie nicht verletzen, aber er muss ihr klar machen, dass er sich um seine anderen Lebensumstände und, noch wichtiger, um Ben kümmern muss.
»Ich will keine Beziehung, Christina, es hat nichts mit dir zu tun.« Adam nimmt einen Schluck Wein und stellt das Glas auf den Tisch. »Ich will den Hof erhalten …«
»Aber das kannst du doch auch, wenn wir zusammen sind.« Ihre Zunge gehorcht ihr schon eine Weile nicht mehr. »Du hast doch keine Ahnung von Kindererziehung, der Junge ist sicher in einem guten Kinderheim besser aufgehoben als auf einem schmutzigen Apfelhof.«
Sie sieht ihn so flehend an, dass er sich für sie schämt. Das hat sie nicht nötig, verdammt noch mal! Sie macht es ihm wirklich schwer. Wenn sie wieder nüchtern ist, wird sie sich selbst und ihn hassen. Genau das, was er vermeiden will. Adam fragt sich verzweifelt, wie er sie in ein Bett kriegen soll, das nicht sein eigenes ist. Inzwischen ist sie ziemlich hinüber. Er hofft, dass sie morgen nichts mehr von dem weiß, was sie heute Nacht gesagt hat.
»Komm, ich zeig dir, wo du schlafen kannst.« Adam trägt sie ins Zimmer seiner Schwester. Christina ist schwerer, als er vermutet hat.
Willig, wie ein kleines Mädchen, hebt sie die Arme, als er ihr das Kleid über den Kopf zieht.
»Komm ins Bett«, flüstert sie und schlingt die Arme um seinen Nacken.
8 Juli
Valerie wird vom Telefon geweckt.
»Was haben Sie sich denn dabei gedacht?« Bruno legt sofort los: »Müssen Sie denn alles ins Lächerliche ziehen?«
Einen Moment lang herrscht Stille im Äther.
»Hören Sie mich, Valerie?«
»Ich höre Sie sehr gut, Bruno, Sie sind ja laut genug.«
Sie zieht das Laken vom Körper und schwingt die Beine aus dem Bett. Während sie aufsteht, stellt sie den Lautsprecher an und tapst schlaftrunken ins Bad.
Sie hat nichts anderes erwartet. Bruno, der Herausgeber der Zeitschrift Herz und Hirn hat Probleme mit ihrem Stil. Zu männlich, zu zynisch. Und wären seine Mitarbeiter nicht so vehement für alles, was sie schreibt, hätte sie keine Chance. Auch die Leserbriefe, die auf seinem Schreibtisch landen, sprechen dafür, sie weiter zu beschäftigen. Der Redakteur in ihm muss sie beschäftigen, der Privatmann Bruno lehnt sie ab. Ein Dilemma. Sie lächelt sich im Spiegel über dem Waschbecken zu.
»Bruno, wenn Sie den Artikel nicht bringen wollen, ich finde eine andere Redaktion.«
»Sie könnten ihn umschreiben. Etwas weniger Gehirn, etwas weniger Zynismus, etwas mehr Gefühl, Sie sind doch eine Frau.«
Valerie stöhnt. Jedesmal, also im Drei-Monats-Takt, dieselbe Diskussion.
»Was meinen Sie mit: Sie sind doch eine Frau?«
Sie sieht förmlich, wie er sich die Haare rauft.
»Als Frau müssten Sie doch, ich meine, also …«
»Sanfter sein?«, hilft sie ihm auf die Sprünge.
»Ja, genau, Sie schreiben wie ein Mann.«
Sie hält kurz die Luft an. Oh nein, nicht die Nummer.
»Und Sie meinen, wenn ich ein Mann wäre, dürfte ich so schreiben, als Frau jedoch nicht?«
Sie hat ihn. Er ist sprachlos.
»Nein«, stottert er. »Ich meine ja nur, dass Sie etwas weniger zynisch …, meine Frau …«
Sie kennt Mira, seine Frau. Sie kann sich nicht gegen ihn durchsetzen, scheut Auseinandersetzungen, ist aber begeistert, wenn jemand anderes Bruno Paroli bietet. Bruno fürchtet, dass ihre Artikel sein schönes Weltbild von zarten Frauen ins Wanken bringt. Und er fürchtet, nicht ganz zu Unrecht, dass Mira von ihren Ansichten angetan ist, ja, dass seine gehorsame Frau Valeries Ansichten inzwischen teilt.
»Was tun Sie da, was ist das für ein Geräusch?«
»Ich putze meine Zähne.« Valerie spuckt Zahnpasta ins Waschbecken.
»Und jetzt brauche ich Kaffee. Machen Sie mit dem Text, was Sie wollen, Bruno, und grüßen Sie Mira von mir.« Sie weiß, wie sehr er es verabscheut, wenn eine Frau zu burschikos ist. Eine Frau muss Kinder gebären und hat sanft zu sein. Sie hat ihn einmal schwadronieren hören: »Eine Frau ist für mich keine Frau, wenn sie kinderlos ist.«
Dabei hat er sie angesehen. Seine unglückliche Frau musste Jahre auf das erste Kind warten, ein Mädchen, und bekam dann in schneller Folge drei weitere.
Valerie ahnt, wie sehr Mira unter ihm leidet, körperlich wie seelisch. Aber Mira spricht nicht über ihre Ehe.
Valerie löffelt Kaffeepulver in einen Becher und gießt heißes Wasser und kalte Milch dazu. Die Katze bekommt eine Handvoll Trockenfutter und frisches Wasser. Der Balkon ist noch feucht vom nächtlichen Gewitter. Sie lehnt sich ans Geländer und saugt den intensiven Duft von Lavendel und Thymian ein. Der Spielplatz unter den Bäumen liegt verwaist. Über ihr, in der dritten Etage, toben die Zwillinge, zwei Buben. Sie fragt sich, ob diese Kinder jemals schlafen. Der Lärm stört sie nicht, aber sie beneidet die Eltern nicht um die beiden.
Aus dem ersten Stock dringt noch kein Laut. Das Paar hat sich wohl wieder versöhnt, bis zum nächsten Streit.
Ihr Smartphone stöhnt, ein Ton, den sie ihrer Mutter zugeordnet hat.
»Da gehen wir nicht dran«, sagt sie zur Katze. Gleich darauf das Festnetz.
»Ich weiß, dass du zu Hause bist, Valerie. Geh bitte ans Telefon. Es ist wichtig.« Es ist immer wichtig, wenn Grace anruft.
Statt den Anruf anzunehmen, öffnet sie ihre Mails. Nur eine scheint interessant zu sein. Eine Einladung zu einem TV-Interview. Darüber muss sie nachdenken. Viktor wäre begeistert, wenn sie annähme. So kurz vor Erscheinen ihres neuen Buches wäre das die ideale Werbung. Viktor hat viele Kontakte. Hat er die Werbung lanciert? Egal. Sie macht sich einen zweiten Becher Kaffee und setzt sich an ihren Schreibtisch, wie jeden Morgen.
Sie starrt auf die leere Seite. Der Roman, den sie begonnen hat, ist anders als seine Vorgänger. Das Smartphone neben ihr stöhnt wieder. Sie schaltet es auf stumm. Es fällt ihr schwer, sich zu erinnern, in die eigene Vergangenheit einzutauchen, wenn die Frau, die ihr diese Vergangenheit beschert hat, immer wieder anruft. Wenn ihre Mutter nicht …
Valerie merkt, dass sie eine Schuldige sucht. Immer wieder kommt sie an diesen Punkt, obwohl sie weiß, sie wird sich von Grace nicht lösen, solange sie ihr die Verantwortung für ihr Leben in die Schuhe schiebt. Sie hat sich lange verboten, bestimmte Dinge zu denken. Verdrängen hilft nicht. Vielleicht kann sie, indem sie darüber schreibt, mit der Vergangenheit abschließen? Vielleicht hören die Albträume dann endlich auf, und die Angstattacken?
Ein leiser Schrei, ein zerknittertes Gesichtchen. Jahre ist das jetzt her. Sie war vierzehn, als ihre Mutter ihr den dritten Stiefvater bescherte. Grace erwartete stets von ihr, dass sie genauso angetan von jedem der Neuen war und ist wie sie selbst. Inzwischen hat Valerie vier Stiefväter und hofft, dass Grace es damit genug sein lässt. Die Ironie des Schicksals ist, dass sie ausgerechnet ihren biologischen Vater nie kennengelernt hat. Ihre Stiefväter haben diese Lücke mehr als ausgefüllt.
Haben sie das wirklich, oder redet sie sich das nur ein? Ich habe ihn nie vermisst, schreibt sie.
Valerie hebt den Kopf und sieht durch die offene Balkontür die Katze auf dem Gitter balancieren. Würde eine Katze einen Sturz aus dem zweiten Stock überleben? Ein Mensch sicher nicht.
Das Display ihres Handys öffnet sich. Mira, Brunos Frau, lächelt ihr entgegen. Valerie nimmt den Anruf an. Sie darf sich eine Pause erlauben. Tausend Wörter pro Tag hat sie sich verordnet. Ihr heutiges Pensum hat sie allerdings noch nicht geschafft. Sie sichert ihren Text und klappt den Laptop zu.
»Mira, du rettest mich.«
Miras helles Lachen. »Wovor?«
»Vor meinen Erinnerungen.«
»So schlimm?«
»Schlimmer.« Valerie lacht. »Nein, nicht wirklich. Ich denke an die vier Stiefväter, die Grace mir innerhalb der letzten dreißig Jahre präsentiert hat.«
»Die waren doch ganz nett?«
»Jedenfalls war keiner jemals so taktlos wie meine Mutter.«
»Möchtest du …«
»Nein, Mira, ich habe schon bei Ruth Dampf abgelassen. Sag mir lieber, warum du anrufst.«
Mira seufzt. »Können wir uns zum Lunch treffen?«
Im Hintergrund hört Valerie Kinderstimmen.
»Natürlich.« Valerie schiebt ihren Stuhl zurück und nimmt ihren leeren Becher mit zum Küchentresen. »Wo?«
»Im elv? Wenn es dir recht ist. Bei dem Wetter können wir draußen sitzen und eine Kleinigkeit essen.«
Zwei Stunden später sitzt Valerie mit ihrer Freundin auf der Terrasse des Restaurants an der Elbchaussee. Das Wasser der Elbe plätschert gemütlich gegen die Steine des Ufers. Valerie isst kanadischen Räucherlachs in Honig-Dill-Sauce mit Kartoffelrösti. Mira stochert in einem gemischten Salat mit gegrillter Hähnchenbrust. Sie macht tapfer die tausendste Diät, denkt Valerie. Für Bruno muss sie nicht nur Kinder gebären, sondern auch noch schlank sein. Ihr Blick wandert über den fast schmerzhaft silbrigen Strom zum anderen Ufer. Sie wühlt in ihrer Tasche, bis sie die Sonnenbrille findet.
»Also, sprich mit mir«, fordert sie ihre Freundin auf. »Was ist los?«
Mira legt die Gabel auf ihren Teller. »Er will noch ein Kind.«
Valerie hört auf zu kauen. »Bitte?«
»Du hast ganz richtig gehört. Vier sind drei zu viel. Und dann noch eins, das ist eine Zumutung.« Mira seufzt.
»Er kann dich kaum zwingen, Mira. Wach auf! Das ist doch auch deine Entscheidung.«
»Ja, aber …«
»Nix aber, ich würde ihn in seine Blütenblätter treten.«
Mira reißt die Augen auf und bricht in schallendes Gelächter aus.
»Bruno sollte mal eine Woche mit dir verheiratet sein.«
Valerie macht eine abwehrende Geste. »Lieber nicht. Wir hatten heute schon das Vergnügen. Eine heftige Auseinandersetzung wegen meines neuen Textes für die nächste Ausgabe von Herz und Hirn.«
Mira bestellt Champagner, ihr Lieblingsgetränk, dem Valerie nicht so viel abgewinnen kann. Sie trinkt ihn Mira zuliebe.
»Ich könnte heimlich die Pille nehmen und behaupten, unfruchtbar zu sein.«
Valerie schüttelt den Kopf. »Warum sagst du nicht einfach die Wahrheit? Wenn es denn die Wahrheit ist.«
»Was meinst du damit?«
»Vielleicht willst du doch noch einmal schwanger werden?«
»Nein«, sagt sie, »das will ich wirklich nicht.«
Mira winkt dem Kellner. Sie zahlt und erhebt sich nach einem Blick auf ihre Armbanduhr.
»Soll ich dich nach Hause fahren?«
Inzwischen ist die Sonne gesunken und verwandelt das Silber des Wassers in Gold.
»Ich bin mit dem Fahrrad hier. Das solltest du auch mal probieren, dann dürftest du auch Kartoffelrösti essen.«
Mira stöhnt. »Der Spruch hat mit noch gefehlt.«
Sie umarmt Valerie und steigt in ihren SUV. Bei vier Kindern, vielleicht bald fünf, braucht sie den auch.
Valerie fragt sich, während sie zum Jenischpark hochstrampelt, wie Mira sich entscheiden wird. Ob sie sich offen wehren wird oder heimlich die Pille weiternimmt? Sie erreicht Hochrad und biegt kurze Zeit später in die Max-Brauer-Allee ein. Als sie am Paulsenplatz ankommt, steht die Sonne schon tief. Valerie stellt ihr Fahrrad unter dem Schild ab, das verbietet Fahrräder, Kinderwagen, Kinderspielzeug und Roller hier abzustellen. Keiner der Hausbewohner hält sich daran oder regt sich darüber auf, außer dem alten Zausel unter dem Dach, der weder das eine noch das andere besitzt.
Sie steigt hinauf in ihre Etage. Mira, denkt Valerie auf dem Weg nach oben, ist harmoniesüchtig. Sie wird sich nicht mit Bruno auseinandersetzen.
Die Katze maunzt schon hinter der Tür.
»Hast du mich vermisst?«
Ihr erster Weg führt sie in die Küche. Sie öffnet eine Dose Katzenfutter, kippt den Inhalt in einen Blechnapf und stellt ihn auf den Fußboden. Im Schlafzimmer entledigt sie sich ihrer Schuhe und geht mit bloßen Füßen auf den Balkon. Die Pflanzen brauchen dringend Wasser. Vom Spielplatz dringen Kinderstimmen und Hundegebell zu ihr empor. Sie sieht auf die Uhr. Zeit für ein Glas Wein. Sie packt ein paar Kräcker, ein Stück Ziegengouda und grüne Oliven auf einen Teller. Damit lässt sie sich auf dem Balkon nieder und sieht zu, wie der Himmel sich rosa verfärbt. Kein gutes Wetter morgen.
9 Ende Juli
Adam erwacht und stellt erleichtert fest, dass er im eigenen Bett liegt und nicht Christinas Drängen nachgegeben hat. Seine Träume haben ein anderes Szenario abgebildet. Er will nicht an den gestrigen Abend denken und verdrängt die Traumbilder, in denen Christina eine tragende, respektive liegende Rolle innegehabt hat.
»Schläfst du, Dada?« Sein rechtes Augenlid wird vorsichtig nach oben gezogen. Ben schaut ihn an. »Wach«, sagt er zufrieden.
Adam zieht den Kleinen an sich. »Gut geschlafen?«
Ben nickt eifrig und gibt ihm einen feuchten Kuss.
»Und jetzt frisst dich das Krokodil«,
Adam greift blitzschnell wieder nach ihm und kitzelt ihn durch, bis sie beide außer Atem sind. Bens Lachen entschädigt Adam für alles, was er für ihn aufgegeben hat.
Was genau hat er eigentlich aufgegeben? Einen Job bei einem Doktorvater an der Uni, der seine Erkenntnisse bei der Forschung für seine eigenen ausgab? Fünfundzwanzig überteuerte Quadratmeter in der Schanze, eine Bude, vor der Tag und Nacht Verkehrslärm zu hören war? Er erinnert sich an Tage, die nicht enden, an schlaflose Nächte, an Freunde, mit denen er bis zum Morgen in den Kneipen trank. Jetzt sinkt er am Abend todmüde, erschöpft und zufrieden ins Bett. Stille hüllt ihn ein. Er weiß, was er getan hat. Ihm fehlt nichts, er sucht nichts, er hat etwas Neues gefunden, das ihn völlig ausfüllt.
Flüchtig sieht er Semeles lächelndes Gesicht vor sich. Was würde seine Schwester sagen, wenn sie ihn jetzt sähe? »Ich habe immer gesagt, an dir ist ein Gärtner verlorengegangen.«
Nein, er hat nichts aufgegeben, er hat etwas bekommen.
»Dada!« Ben zerrt an seiner Hand.
»Ich komme«, sagt Adam.
Er nimmt Ben auf den Arm und geht mit ihm in die Küche. Bella wedelt ihm entgegen. Von Christina ist nichts zu hören und zu sehen, sie scheint noch zu schlafen.
Sie wird Kopfschmerzen haben, denkt er.
Adam füllt Bellas Napf. Ben hockt sich neben das Hündchen und schaut ihm beim Fressen zu. Adam bereitet für Ben Joghurt mit Obst zu. Für sich selbst legt er Speck in eine Eisenpfanne und schlägt drei Eier darüber.
»Das riecht sehr lecker.« Hannah erscheint lächelnd in der offenen Küchentür.
»Moin«, sagt Adam.
Hannah hat sich ein Tuch ums Haar gebunden und sieht in ihrem bunten Sommerkleid reizend aus.
»Guten Morgen.« Christinas Auftritt ist eher aufreizend. Sie trägt nichts außer einem winzigen Schlüpfer und dunklen Ringen unter den Augen. Sie drängelt sich an Hannah vorbei, geht auf Adam zu und küsst ihn auf den Mund. »Wo ist das Badezimmer?«
»Zweite Tür links«, sagt er und reißt die Pfanne vom Herd. »Verdammt!« Er öffnet den Mülleimer und kippt den verkohlten Inhalt hinein. »Was gibt’s?«
Hannah steht immer noch wie erstarrt in der Tür, als die Badezimmertür sich hinter Christina schließt. Sein Handy brummt auf der Tischplatte. Jetzt nicht, denkt er. Hannah bewegt sich wieder.
»Also, was willst du?«
»Papa hat Zahnschmerzen, er muss zum Arzt.«
Auch das noch! Adam seufzt. »Macht nichts. Ich fahr nachher die Bestellungen selbst raus.«
»Ich kann mitkommen, wenn …«
»Nee, lass mal. Kümmere dich um Hinnerk. Sag ihm gute Besserung.«
»Hat sie dich rumgekriegt?«
»Was meinst du?«
Hannah nickt in Richtung Badezimmer. »Der Hungerhaken da.«
»Was geht das dich an?«
Hannah sieht ihn wütend an, dreht sich um und verlässt mit steifem Rücken die Küche. Ihr Körper drückt abgrundtiefe Verachtung aus.
»Bis morgen«, ruft Adam ihr hinterher.
»Vielleicht.«
»Weiber«, sagt Adam genervt. Aber er weiß, dass Hannah am nächsten Tag da sein wird. Er hört ein Moped davonfahren.
»Weiber.« Ben wiederholt das neue Wort.
»Alle.«
Ben schiebt seinen Teller von sich weg, steigt vom Stuhl und krabbelt unter den Tisch zu Bella. »Weiber«, sagt er zu der Hündin.
Adam grinst in seinen Kaffeebecher.
»Ist sie weg, deine Kleine?« Christina betritt mit geschürzten Lippen, vollständig angezogen die Küche.
Bella knurrt leise unter dem Tisch.
Ben murmelt: »Weiber.«
»Sie ist nicht meine Kleine. Setz dich. Kaffee? Eier und Speck? Joghurt?«
»Nur Kaffee.«
Er fragt sich, wie Frauen es schaffen, so zu tun, als sei nichts gewesen. Ihm ist der Abend noch peinlich genau in Erinnerung.
»Haben wir … Ich meine, du weißt schon …«
»Nein?«
»Ich war heute früh nackt und kann mich nicht erinnern, mich ausgezogen zu haben.«
»Ich habe dir das Kleid ausgezogen, und nein, wir haben nicht miteinander geschlafen.«
Adam stellt einen Becher Kaffee vor Christina auf den Tisch. Ich schlafe nicht mit betrunkenen, fast weggetretenen Frauen, denkt er.
Sie sucht in seinem Gesicht nach der Wahrheit. »Zeigst du mir deine Gärtnerei?«
»Nein, Christina, heute nicht. Wir haben viel zu tun. Und nun ist auch noch Hinnerk ausgefallen.«
»Wer ist das?«
»Der Vater von Hannah. Er hilft mir, die Bestellungen zu den Kunden zu fahren. Heute muss ich das selbst machen, und ich bin schon spät dran.«
»Dann ein andermal«, sagt Christina erstaunlich sanft.
Erst als er ihrem Wagen nachsieht, merkt er, dass sie ihn übertölpelt hat. Sie hat »ein andermal« gesagt und damit einen nächsten Besuch in Aussicht gestellt. Er hat nicht nein gesagt. Wir Männer sind manchmal erstaunlich blöd.
Adam nimmt Ben an der Hand und geht mit ihm in die Scheune. Ohne Hinnerk ist er aufgeschmissen. Die Kisten mit den Äpfeln kann er heute noch liefern. Aber die Kräuter und Balkonpflanzen müssen warten. Er würde jeden einzelnen Kunden anrufen müssen, um die Liefertermine zu verschieben.
10 August
Valerie sitzt seit Stunden am Computer. Sie quält sich mit ihren Erinnerungen, die nur spärlich aus ihrem Unterbewusstsein tröpfeln. Nichts, das sie festhalten und aufschreiben kann. Sie fühlt sich wie eine Tennisspielerin, die den Ball des Gegners mit erhobenem Schläger erwartet, einen Ball, der immer wieder im Netz auf der anderen Seite hängen bleibt.
Grace will sie nicht fragen. Sie wird ihrer Mutter überhaupt nicht sagen, dass sie einen Roman schreibt, der autobiografische Züge trägt. Sie kann sich vorstellen, wie Grace reagieren würde. Mit einer Mischung aus Eitelkeit und der Furcht, dass Dinge ans Tageslicht kommen könnten, die sie lieber im Dunkeln lassen würde. Sie legt ihre riesige Lesebrille ab und lehnt sich zurück. Wie schwierig es ist, ehrlich zu sein, erkennt Valerie jetzt. Wie schildert man seine Gefühle, ohne sich völlig der Lächerlichkeit preiszugeben?
Sie macht sich den dritten Becher Kaffee und geht damit auf den Balkon. Das gelbe Fahrrad des Briefträgers steht vor dem Haus. Sie überlegt, ob sie nach der Post sehen soll. Die Briefkästen für alle Hausbewohner hängen unten im Eingang.
Es gibt nichts Frustrierenderes, als vor dem Laptop zu sitzen und auf den viel zu hellen unbeschriebenen Bildschirm zu starren, während man auf eine Eingebung wartet. Valerie geht am Laptop vorbei, ohne das Gerät eines Blickes zu würdigen. Sie muss raus. Frische Luft wird ihr guttun. Sie hat die Einladung zu einem TV- Interview noch nicht beantwortet, den Anruf ihrer Mutter ignoriert und im Verlag noch nicht zurückgerufen.
Sie zieht die Kühlschranktür auf. So gut wie leer. Nur ein halbes Glas Bens Blütenhonig, ein Geschenk von Mira, sieht ihr entgegen, sie starrt einen Moment zurück, lässt die Tür zufallen und stellt fest, dass sie hungrig ist. Sie hat nicht mal mehr ein Stück Brot in der Brotdose. Valerie öffnet den Kühlschrank noch einmal. Ben. Kurz blitzt das Gesichtchen des kleinen Jungen auf Adams Schoß auf. Sie sieht eine Apfelblüte und eine winzige Karte auf dem Schildchen des Honigglases. Demnach ist der Honig aus der Gegend hinter Wedel. Hinter Wedel am Deich ist auch Fährmannssand.
Wie lange ist sie nicht mehr dort gewesen?
Der Gedanke an Bratkartoffeln lässt sie beinahe ohnmächtig werden. Zuletzt hatte sie dort mit Stiefvater Nummer zwei Bratkartoffeln gegessen. Sie war noch in dem Alter, in dem man Drachen steigen lässt, er schon wieder. Sie erinnert sich gut an ihn und gerne. Ein netter Mann, reich, auf arme Männer ließ ihre Mutter sich nicht ein, und sehr viel älter als Grace. Er ist schon lange tot. Auf ihn folgte Stiefvater Nummer drei, an ihn erinnert sich Valerie nicht so gerne. Er war zu jung für ihre Mutter und zu alt für ihre Tochter.
Valerie sitzt zu ihrer eigenen Verblüffung nach dem Fund des Honigglases wieder am Computer und diesmal fliegen die Gedanken ungefiltert über das Netz zu ihr. Sie hackt die Buchstaben förmlich in die Tasten, spürt keinen Hunger mehr, denkt nicht an die Post und unbeantwortete Mails, ignoriert Telefonanrufe. Sie kann diesen Text ihrer Mutter niemals zeigen …
Sie wäre entsetzt. Auch wenn sie bestimmte Dinge sicher nicht mehr nur ahnt, sondern weiß, hat sie immer vermieden, darüber zu sprechen. Sie ist im Verdrängen noch besser als sie selbst.
Nach dem Vorfall, wie Grace es nennt, wird Ehemann Nummer drei schnell zum Ex. Nicht, ohne eine beträchtliche Abfindung zu hinterlassen. Grace‹ Scheidungsanwalt, Georg, wurde Stiefvater Nummer vier. Und damit hoffentlich der letzte. Grace ist über sechzig. In diesem Alter lassen sich wohlhabende Ehemänner nicht mehr so leicht auftreiben. Ihre Mutter ist ihr ein Rätsel. Ohne Ehemann ist sie eine Suchende. Mit einem Mann an ihrer Seite beginnt sie zu leuchten. Eine hingebungsvolle Ehefrau, brillante Gastgeberin, perfekt in jeder Beziehung. Nur das Mütterliche müsste man ihr noch beibringen. Die Durststrecken zwischen den Ehemännern waren, dem Himmel sei Dank, nur kurz. Grace war und ist immer noch eine bestechend attraktive Frau.
Valerie streckt sich, sichert den Text, und greift nach dem letzten trockenen Keks neben dem Gerät. Sie überlegt ob sie nach Fährmannssand fahren soll. Der Abend ist mild und sie hat Hunger. Vielleicht mit Ruth …? Valerie besitzt kein Auto. Mit dem Rad ist sie in der Stadt mobiler. Außerdem, wozu gibt es Taxis? Sie ist so hungrig, dass sie die Katze fressen könnte. Nein, sie muss sofort … Bevor sie nach dem Telefon greifen kann, klingelt es Sturm. Und Sturm ist immer Ruth. Sie drückt auf die Sprechanlage und öffnet gleichzeitig die Tür.
Ruth mit einem Tablett Sushi. »Das müssen wir schnell essen, sonst wird es schlecht.«
»Du ahnst nicht, wie schnell ich essen kann.« Valerie umarmt die Freundin. »Woher wusstest du, dass ich am Verhungern bin?«
Sie geht in die Küche um Gläser und Weißwein zu holen. Als sie zurückkommt, erstarrt sie. Ruth steht vor dem Laptop und sieht auf den Schirm. Sie wendet sich ihr zu. »Was ist das für ein Vorfall, von dem du …«
Mit zwei Schritten ist Valerie bei ihr und klappt den Laptop zu. Ruth weicht einen Schritt zurück.
»Das ist nichts, nichts, was ich mit meiner Lektorin schon besprechen möchte.«
So abweisend hat Ruth Valerie selten erlebt. »Entschuldige, der Kasten stand offen ich dachte nicht, dass …«
»Vergiss es, ich bin noch nicht so weit, um über den Text zu sprechen.«
»Verstehe.«
Valerie stellt die Gläser neben das Tablett mit Sushi. Und lässt sich in einen der bequemen Balkonstühle fallen. Sie stöhnt auf, als sie das erste Fischröllchen in den Mund schiebt. »Du rettest mir das Leben.«
»Darf ich dich daran erinnern, dass der Verlag dringend auf den nächsten Roman von dir wartet. Das allein ist der Zweck dieser Lebensrettung.«
Valerie lacht und greift nach ihrem Glas. »Ich ahnte, dass du Hintergedanken hast.«
»Ich soll dich von Viktor grüßen. Er will wissen, ob du das angefragte Interview annimmst.«
»Ich denke schon, aber ich habe noch nicht zugesagt. Das mache ich morgen.«
Der süßliche Duft von nicht ganz legalem Räucherwerk zieht kaum merkbar durch die Luft. Ruth beugt sich übers Geländer.
»Deine Halbstarken haben den Spielplatz übernommen.«
Valerie schaut auf ihre Uhr und nickt. Zweiundzwanzig Uhr. Sie gähnt.
»Ich würde auch gerne mal wieder eine rauchen.«
Sie erinnert sich, dass sie ihre Zigaretten und das Feuerzeug auf dem Tisch hat liegenlasen, an dem sie Adam getroffen hat. Wollte sie ihm damit sagen, dass sie ihn wiederzusehen wünscht? Freud hätte es vermutlich so interpretiert.
Ruth lacht. Ihre Zähne leuchten weiß in ihrem, von blauschwarzem Haar eingerahmten, dunklen Gesicht. »Das nächste Mal bringe ich dir, statt Sushi, ein Sträußchen Cannabis mit.«
Bei dem Wort Sträußchen fällt Valerie die Apfelblüte auf dem Etikett ihres Honigglases ein. Sie nimmt sich vor, nachzusehen, woher der Honig stammt.
Nachdem Ruth gegangen ist, sucht sie nach der Adresse auf dem Aufkleber des Honigglases. Aber die ist unleserlich. Sie fragt sich, wie sie auf die Idee kommt, dass Adam der Honigproduzent sein könnte. Und sie fragt sich, was es ist, das sie so oft an diesen Mann denken lässt. Der Gedanke an ihn lässt ihr Herz schneller schlagen.
Valerie stellt das Glas zurück und geht ins Badezimmer. Immer noch spukt Adam in ihrem Kopf herum, sie sieht sein gebräuntes Gesicht vor sich, das auf Arbeit im Freien schließen lässt. Seine kräftigen, ebenfalls braungebrannten Hände, die den kleinen Jungen festhalten, sehen auch nicht nach Schreibtischtäter aus.
Sie ist hundemüde, aber sie kann, wie so oft, nicht einschlafen. Adam und Ben spuken in ihrem Kopf herum.
11 August
Adam fährt den Pritschenwagen auf den Hof. Er hat einige seiner Kunden mit Äpfeln beliefert. Unter anderem ein Café in der Nähe, das eine Apfelwoche anbieten will, mit Rezepten, wie ihm der Inhaber erklärt, in denen der Apfel eine Hauptrolle spielt. Von Apfelcrumble bis gebratenem Chicorée und Apfel zu Spagetti oder Apfelspatzen ist alles dabei.
Vor der Tür der Scheune parkt ein Jeep. Er winkt. Die Fahrerin des Wagens, die gerade aussteigt, kennt er inzwischen gut. Er hat sie einmal beleidigt, indem er ihren uralten Jeep als fahrenden Müllhaufen bezeichnet hat.
Die Bienenkönigin. Liz kennt sich mit Bienen so gut aus, wie niemand sonst. Sie weiß alles über Bienen. Sie kommt, wann immer es nötig ist. Adam hat drei Bienenvölker auf dem Hof vorgefunden. Ein Steckenpferd seiner Schwester. Als Biologe kann er Bienen perfekt sezieren, aber wie man sie pflegt und mit ihrer Hilfe Honig herstellt, davon versteht er nichts. Will er auch nicht, Arbeit hat er genug, ohne Honig zu machen. Liz kommt aus Hetlingen, ganz in der Nähe. Im Mai hat sie zwei der Bienenvölker geteilt. Jetzt hat Adam fünf Völker. Liz ist ihren Schützlingen nicht unähnlich. Sie trägt dicke, runde Augengläser mit gelber Umrandung. Ihr Gesicht ist gebräunt von zu viel Sonne. Der hellgelbe abgewetzte Overall, den sie gerade über Jeans und T-Shirt zieht, betont eine schmale Taille und ein sehr weibliches Hinterteil. Uneitel und alterslos. Er hat keine Ahnung, wie alt Liz ist. Irgendetwas zwischen fünfundvierzig und sechzig. Ihre Stimme ist dunkel und weich und beruhigend. Willie, ein grauer Mischling unbekannter Herkunft, ein Tier, von Respekt einflößender Größe, springt hinter ihr aus dem Jeep.
Ben hüpft aufgeregt in seinem Kindersitz auf und ab. Die einzige Person, außer ihm und Hinnerk, der er sein Vertrauen schenkt, ist Liz.
Adam beeilt sich, Ben aus seinem Sitz zu befreien.
»Moin.« Liz winkt ihm kurz zu, bevor sie mit Ben an der Hand zu den Bienenkästen, den sogenannten Beuten, geht. Willie folgt den beiden. Liz wird sich auch in Wintermonaten um die Bienen kümmern. Sie redet nicht viel. Vielleicht ist das der Grund, warum Ben sie mag. Sie fragt nichts, antwortet aber geduldig auf Bens Fragen.
Adam betritt das Gewächshaus, in dem er seltene Kräuter züchtet. Seine Idee, kleine Stadtbalkone oder Gärten mit blühenden Kräutern, statt mit Blumen zu bepflanzen, kommt in der Stadt gut an. Sein Blick gleitet über die vorgezogenen Pflanzen. Einige sind so weit, dass er Samen nehmen und trocknen kann. Hier experimentiert er mit natürlichem Dünger, der effizienter als handelsüblicher Naturdünger oder chemischer Dünger werden soll. Pestizide kommen ihm nicht ins Haus.
Adam geht hinüber zur Scheune. Er packt einen Stapel Holzkisten auf seinen Kastenwagen und fährt ihn vor das zweite Gewächshaus, wo die vorgezogenen Pflanzen, die noch vor dem Herbst gesetzt werden sollen, warten. Er füllt die Kisten mit graugrünem Salbei, Minze und Thymian, winterhartem Lavendel, Berg-Bohnenkraut, das anders, als Sommer-Bohnenkraut, kalte Temperaturen problemlos übersteht, und Rosmarin.
Hinnerk kann nach den Plänen, die Adam gezeichnet hat, arbeiten. Jede der Kisten bekommt ein Schildchen mit Namen und Adressen. Die Pläne legt er oben drauf.
Drei Balkone und ein Stadtgarten in Hamburg warten morgen auf die Bepflanzung. Mehr können Hinnerk und Piet nicht schaffen. Wenn sie Pech haben, müssen sie die schweren Kisten über zwei oder drei Etagen, ohne Aufzug nach oben wuchten. Dazu kommt noch das Arbeitsgerät und Säcke mit der Spezialerde. Bei der Hitze, die jetzt noch herrscht, kein reines Vergnügen. In jede der Pflanzkisten stellt er ein Gratis-Honigglas. Wenn Liz und die Bienen fleißig sind, denkt er, kann ich nächstes Jahr vielleicht schon Honig verkaufen. Den Großteil der letzten Ernte hat er Liz überlassen und nur wenige Gläser für den Eigenbedarf und seine Kunden behalten. Adam schaut nach der Bewässerungsanlage und schließt das Gewächshaus hinter sich ab.
In Gedanken prüft er noch einmal seine Telefonliste. Er hat am Morgen nicht alle Kunden erreicht, um für Hinnerk abzusagen und neue Termine zu machen. Er zieht sein Handy aus der Tasche und sucht eine Nummer. Ein AB schaltet sich ein. »Sprich mit mir«, hört er. Er lächelt. Was für eine ungewöhnliche Aufforderung. Und eine ungewöhnliche Stimme.
Sie klingt in seinen Ohren wie eine Einladung, ein Flirt, ein Versprechen. Ein Versprechen wofür? Er bittet um Rückruf und erklärt, dass Hinnerk den Termin für morgen nicht einhalten kann.
Schon von weitem sieht er Ben in seinem weißen Schutzanzug. Ben steht vor Liz und scheint etwas zu sagen. Beim Näherkommen hört er Liz: »Honigschleuder« sagt sie langsam und deutlich.
Gleich darauf wiederholt Ben fehlerlos: »Honigschleuder.«
Er strahlt über das ganze Gesichtchen und läuft Adam entgegen. Adam fängt ihn auf und wirbelt ihn herum. »Ich bin deine Honigschleuder.«
Ben kreischt vor Vergnügen.
»So«, sagt Liz, »wir sind fertig.«
Adam nimmt Ben auf den Arm und geht mit ihm und Liz zum Haus.
»Ich könnte dir zeigen, wie man sie gegen Milben schützt und im Winter füttert.«
»Nee, Liz. Lass mal. Mir ist es lieber, du machst das.«
Adam weiß, wie wichtig die Behandlung gegen Varroamilben ist. Sie können ganze Bienenvölker ausrotten, und nicht nur seine eigenen, sondern auch die der Nachbarn. Immer, wenn Liz da ist, essen sie zusammen. Normalerweise ist sie ausgeglichen und zum Reden bereit. Vorausgesetzt, sie reden über Bienen. Heute jedoch wirkt sie beunruhigt.
»Kann ich bei dir duschen?«
Adam schaut überrascht auf. »Ist deine Dusche kaputt?«
»Ja.«
»Ja, klar. Lass mich erst mit Ben duschen, danach bist du dran. Handtücher liegen auf dem Regal über der Badewanne.«
Irgendwas stimmt nicht mit Liz. Er rubbelt Bens Haare trocken und steckt ihn in ein frisches T-Shirt.
Adam steht am Herd. Er brät Zwiebeln in Öl an, wirft kleingeschnittenes Gemüse, Zucchini, Bohnen und Möhren in die Pfanne und fährt die Hitze herunter. In einer zweiten Pfanne brutzeln rohe Kartoffelscheiben.
Liz kommt, nach Duschgel duftend, aus dem Bad. Sie nimmt drei Teller und Gläser aus dem Schrank und stellt alles auf den Tisch.
»Wein steht im Kühlschrank«, sagt Adam.
Nach dem Essen bringt er Ben ins Bett und setzt sich zu Liz. »Also, was ist?«
»Was soll sein? Nix is.«
»Liz.«
Adams Handy meldet sich. »Entschuldige.«
Er steht auf und geht ans Fenster. Hinnerk teilt ihm mit, dass er in zwei Tagen wieder fit sein wird.
»Die Entzündung ist raus«, sagt er, »und die Zahnschmerzen sind weg.«
»Alles klar, Hinnerk.«
Adam steckt das Handy ein. Als er sich umdreht, ist Liz gegangen.
»Verdammt!« Adam seufzt. Etwas ist nicht in Ordnung mit ihr, da ist er sich sicher. Er lauscht dem kaputten Auspuff ihres Jeeps nach.
Seit einer Stunde sitzt Adam am Schreibtisch. Er schreibt Rechnungen und macht Überweisungen. Ein Blick auf die Uhr sagt ihm, dass es nach zweiundzwanzig Uhr ist. Ganz schön spät für ein Kundengespräch. Er zupft das Handy noch einmal aus der Tasche.
»Gartenbaufirma Frank.«
Stille.
»Hallo?«
»Herr Frank, entschuldigen Sie bitte, dass ich so spät anrufe, ich hatte mit einem Anrufbeantworter gerechnet.«
Adam drückt den Hörer fester ans Ohr. Da ist sie wieder, diese berückende Stimme. Er hat sie schon einmal gehört, aber wo?
»Ich hoffe, ihr Hinnerk ist nicht krank?«
»Nichts Schlimmes«, sagt Adam und kommt sich dämlich vor. Warum sagt er nicht, dass Hinnerk Zahnschmerzen hat? »Tun Sie einfach so, als sei ich der AB.«
Ihr leises Lachen. »In Ordnung. Hier ist Valerie Fuchs, ich bin eine Woche lang auf einer Geschäftsreise. Wenn ich wieder da bin, können wir einen neuen Termin vereinbaren. Ich melde mich bei Ihnen.«
»Geschäftsreise, was macht man da?«
»Man reist und macht Geschäfte.« Wieder dieses Lachen. »Seit wann stellt ein Anrufbeantworter Fragen? Gute Nacht, AB, schlafen Sie gut.«
Damit ist sie weg. Er starrt sein Handy an, als könnte er sie damit zurückholen.
Valerie, ein melodischer Name, altmodisch. Sie hat Witz. ›Gute Nacht, AB`. Er wird Hinnerk nach ihr fragen. Adam geht sehr nachdenklich ins Bett.
Mitten in der Nacht wird Adam von einem Geräusch geweckt, das ihm gar nicht gefällt. Schwere Schritte unter dem Dach seines Hauses. Er lauscht noch eine Weile. Als seien Möbelpacker unterwegs. Morgen muss er etwas gegen die Marder unternehmen.
12 August
Valerie zwingt sich, ihre Mutter anzurufen. Da sie nur den AB erreicht, steckt sie, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, das Smartphone wieder ein. Sie ist ohnehin an ihrem Ziel. Vor ihr ragt riesig die Elbphilharmonie auf. Sie bezahlt das Taxi und steigt aus.
Hier, mit Blick auf die Konzerthalle, liegt das Restaurant Carls, ein Ableger des Hotel Louis C. Jacob an der Elbchaussee. Die Elbe glitzert im Sonnenlicht. Der Sommer ist noch nicht vorbei. Ein gewaltiger Containerriese bewegt sich, von Lotsenbooten begleitet, den Strom hinunter.
Simone, die TV-Moderatorin, mit der sie verabredet ist, sitzt mit dem Rücken zur Elbe. Sie erhebt sich bei Valeries Anblick. Ihr Designer Kostüm sitzt straff wie eine Uniform. Ihre Stimme bringt Glas zum Schmelzen. Valerie sieht sich unruhig um. Jeder Gast an den Tischen um sie herum kann ihrem Gespräch folgen.
»Kommen Sie, ja, kommen Sie. Ich habe schon gewählt, ja, gewählt.« Sie setzt sich wieder. Die Moderatorin reicht ihr die Karte. »Simone, sagen Sie Simone zu mir.«
»Valerie.«
Sie ist irritiert. Die Frau scheint jedem ihrer Sätze Nachdruck verleihen zu wollen, indem sie das Gesagte wiederholt.
»Das Essen hier ist ausgezeichnet, ja, sehr gut.«
Valerie vertieft sich in die Karte. Sie isst selten um diese Zeit und hat auch jetzt keinen Hunger. Als der Kellner an ihren Tisch tritt, bestellt sie Salade César mit Parmesan und Riesengarnelen. »Den Speck lassen Sie bitte weg.«
»Sehr wohl, Madame.«
Simone bestellt ein Drei-Gänge-Menü. Valerie schaudert es. So lange wird sie die Frau nicht ertragen. Sie sieht auf ihre Uhr. Das Essen zieht sich dank der drei Gänge, die Simone zu sich nimmt, wie Valerie befürchtet hat. Sie sitzt inzwischen bei einem Mocca, von dem sie hofft, dass er sie vor einer Ohnmacht bewahrt. Nachdem sie zum x-ten Mal auf die Uhr gesehen und genug von Simones Small Talk hat, sagt sie: »Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir jetzt zum Punkt kommen. Ich bin spät dran und habe noch eine Verabredung.«
»Oh, natürlich, natürlich.«
Simone, denkt Valerie, als sie das Carls verlässt, ist eine unglaublich indiskrete Frau. Eine Frau, die mit ihrem Wissen um die Promis dieser Welt nicht eben sparsam umgeht. Sie fragt sich, was Simone wohl von ihr erzählen wird. Ein Interview mit ihr kommt jedenfalls nicht in Frage, auch wenn sie sich damit Viktors Unmut zuziehen wird. Viktor ist geil nach nahezu jeder Art von Werbung. Vor allem dann, wenn sie nichts kostet.
Wie aufs Stichwort meldet sich ihr Smartphone. Viktor!
»Und, was habt ihr ausgemacht?« Viktor meldet sich nie mit seinem Namen. Er erwartet, dass sie seine Stimme erkennt und fällt jedes Mal mit der Tür ins Haus. Wie Grace.
»Gar nichts, wir haben gar nichts ausgemacht. Diese Frau ist unerträglich. Interview ja, mit ihr, nein.«
»Warum nicht?«
»Hab ich gerade erklärt, wir sind nicht kompatibel.«
Sie steckt das Handy in die Tasche, ohne sich zu verabschieden, und biegt links ab auf Am Kaiserkai, als das Handy vibriert.
»Endlich erreiche ich dich mal.« Auch ihre Mutter macht keine Umwege.
»Hallo, Grace.«
Valerie überlegt, in die Speicherstadt zu gehen. Diese roten Backsteinbauten, die zum Weltkulturerbe gehören, faszinieren sie. Nach Tagen der Isolation braucht sie frische Luft und Bewegung. Dieser Tag ist zu schön, um ihn wieder vor dem PC zu verbringen.
»Bist du noch dran?«
»Ja, natürlich.«
Sie überquert eine Brücke. Kehrwiedersteg. Ein hoffnungsvoller Name für die Seeleute, die oft monatelang auf See sind. Gleich darauf biegt sie rechts ab und steht vor dem Miniatur Wunderland. Die ganze Welt im Miniformat. Wie lange ist sie nicht mehr hier gewesen? Kurz überlegt sie, hineinzugehen, verwirft den Gedanken, als sie die Schlange der Wartenden vor dem Gebäude wahrnimmt.
»Was hältst du davon?«
»Entschuldige, was hast du gesagt?«
»Ich habe dich zum Essen …«
»Grace, ich rufe dich an, wenn ich zu Hause bin. Es ist furchtbar laut hier, ich kann dich kaum verstehen.«
Valerie steckt das Gerät in die Tasche. Sie hört gerade noch ein: »Aber …«
Sie kann sich vorstellen, wie beleidigt ihre Mutter sein wird, wenn sie nachher zurückruft. Damit stürzt sie Valerie noch immer in Verzweiflung. Grace ist in der Lage, tagelang kein Wort mit ihr zu reden. Sie fragt sich, wen ihre Mutter diesmal zum einem ihrer eleganten Essen eingeladen hat. Sie kann es nicht lassen, einen attraktiven Junggesellen dazu zu bitten. Georg, ihr derzeitiger Ehemann, Stiefvater Nummer vier, kann nach Bedarf frisch Geschiedene herbeizaubern. Er ist nicht umsonst Scheidungsanwalt.
Anscheinend ein florierendes Geschäft, denkt sie zynisch.
Wie dumm von ihr, Grace die Trennung von Magnus zu gestehen, das musste ja ihren Kupplerinnen-Instinkt aktivieren.
Es war Grace wichtig, was Freunde und Nachbarn dachten. Eine verheiratete Tochter wäre ein Erfolg, vor allem für sie als Mutter. Selbstverständlich mit einem gut situierten, angesehenen Mann.
Valerie verzieht die Lippen. Ich sollte mir einen Clochard suchen.
Ein halbes Leben lang hat sie getan, was Grace von ihr verlangte. Jetzt nicht mehr, schwört sie sich. In Gedanken versunken läuft sie bis zum Rödingsmarkt. Sie überlegt, ein Taxi zu rufen, entscheidet sich dann aber vorher den Michel, das Wahrzeichen Hamburgs, zu besuchen. Zuletzt ist sie im Dezember dort gewesen. In dieser wunderschönen Kirche Bachs Weihnachtsoratorium zu hören, ist eines der wenigen vorweihnachtlichen Rituale, das sie noch pflegt.
Valerie ist nicht gläubig, eine Kirche betritt sie nur, um Konzerte zu hören oder vor der Hitze zu flüchten, wie heute. Sie setzt sich in eine der vorderen Bänke, die deutlich breiter und bequemer sind, als die hinteren. Das Senatsgestühl ist bei Festakten, auch Trauerfeiern, für Regierende vorgesehen. Sie fragt sich, ob die feineren Leute empfindlichere Hintern als das gewöhnliche Volk haben. Der lichtdurchflutete Raum umfängt sie mit wohltuender Stille. Sie legt den Kopf in den Nacken und genießt die schlichte Schönheit des Deckengewölbes. Verkehrslärm, der nur ein leises Rauschen in den Kirchenraum schickt, macht die Stille noch stiller.
Babygeschrei lässt sie hochfahren. Diesmal ist es nicht das Schreien des Säuglings, der sie in ihren Träumen heimsucht. Eine Frau schiebt einen Kinderwagen durch den Gang neben ihr.
Valerie erhebt sich und flieht. Sie friert trotz der Hitze. Über die Taxi-App bestellt sie einen Wagen. Während sie wartet, blickt sie zum Turm der Kirche empor. Sie denkt an den Text, den sie nur für sich schreibt. Ob sie ihn jemals veröffentlichen wird, weiß sie nicht. Ob er ihr helfen wird, von ihren Albträumen loszukommen, weiß sie auch nicht. Je länger sie hinaufstarrt, desto schneller scheint der Turm auf sie herabzustürzen. Erst als sie das Taxi hört, wendet sie sich ab.
Sie wird sich an den Roman setzen, für den sie bei Viktor schon den Vorvertrag unterschrieben hat. Noch hat sie keine Zeile geschrieben. Von dem Honorar, das er vorab zahlt, kann sie leben. Sie vermutet, dass er ein schlechtes Gewissen hat. Schweigegeld? Vielleicht. Soll er sich fürchten. Obwohl er eigentlich wissen müsste, dass sie über ihre Affäre niemals ein Wort verlieren würde. Sie mag seine Frau.
Valerie steigt aus dem Taxi und stöckelt mühsam zur Haustür. Die hochhackigen Schuhe anzuziehen war keine gute Idee. Bei dieser Hitze fließen ihre Füße von alleine aus den Schuhen. Sie bleibt stehen, zieht die Pumps aus und läuft barfuß die Stufen zum zweiten Stock hoch. Wie immer sucht sie nach dem Schlüssel.
Von innen hört sie die Katze maunzen und an der Tür kratzen. Eine hässliche Angewohnheit. Man kann an der Tür dunkle Kratzspuren erkennen. In dem Moment, in dem sie den Schlüssel ins Schloss steckt, hört sie Schritte im Treppenhaus. Sie hebt den Kopf und lauscht. Der alte Meckerer von oben? Valerie dreht den Schlüssel und stößt die Tür so heftig auf, dass die Katze einen Satz rückwärts macht. Bevor sie die Tür zuschlägt, sieht sie die schlanke Gestalt ihrer Nachbarin nach unten hasten. Was tat sie dort oben? War sie ihrem Ehemann entflogen. Vielleicht hieß sie nicht umsonst Katja Vogel?
Valerie hebt die Katze auf. Von unten ist nichts zu hören. Entweder ist der Ehemann nicht zu Hause, oder die beiden vertragen sich zur Abwechslung mal.
Nachdem die Katze versorgt ist, betritt sie ihr Badezimmer. Sie hat nur noch einen Gedanken: Duschen.
In ein weißes Frotteetuch gehüllt, nimmt sie ein Glas Leitungswasser mit auf den Balkon. Auch die Pflanzen brauchen Wasser. Sie zieht den Topf mit der weißen Euphorbia weiter nach vorne, sodass sie die eingegangene Pflanze dahinter, deren Namen sie vergessen hat, verdeckt. Sie betrachtet ihre Finger, die das Wasserglas umspannen, keiner davon ist grün. Nein, sie besitzt keinen Grünen Daumen. Bevor sie zum Schreibtisch geht, berührt sie die zarten Blüten des Zauberschnees, der tatsächlich bis zum Winter blüht.
Valerie setzt sich an ihren Computer, ruft eine neue Seite auf und tippt den Arbeitstitel des Romans, den sie ihrem Verlag angeboten hat: Königskinder.
Zwei Stunden später hat sie immer noch keine Zeile geschrieben und stellt sich die Frage, ob ihre Mutter sich einem ihrer vier Ehemänner je ungeschminkt gezeigt hat. Sie kann sich nicht erinnern, Grace einmal ohne Make Up gesehen zu haben. Wie hat sie das angestellt? War sie blitzschnell nach dem Aufwachen zum Schminktisch gejumpt?
Valerie tappt zum Badezimmerspiegel. Was siehst du?, fragt sie sich. Mit zehn Fingern fährt sie sich durch die von Hitze und Feuchtigkeit gelockten Haare. Sie bringt ihr Gesicht ganz nah an das Spiegelglas.
Halb geschlossene Augen, gerade Augenbrauen. Schnell wechselnde Bilder, ihr Gesicht wird jünger, so jung. Als ob sie ein Kalenderblatt nach dem anderen abreißt. Dahinter immer sie, immer jünger, immer kindlicher. Jahre blättern ab, Valerie sieht sich mit fünfundzwanzig, mit zwanzig, achtzehn, sechzehn, fünfzehn, vierzehn. Nein, weiter zurück kann sie nicht, will sie nicht gehen. Sie reißt den Kopf hoch.
Tränen in ihren Augen, hinter ihrer Stirn das Gesicht eines Cherubs.
Der Junge ist schön und in seinem Rollstuhl gefangen. Sie trifft ihn auf den langen Krankenhausfluren, später im Garten der Klinik, in der Grace sie untergebracht hat. Die letzte kleine Operation, die nur eine kosmetische ist. Ihre Mutter kann sich nicht mit einer sichtbar beschädigten Tochter abfinden. Manchmal fragt sie sich, warum sie sich niemals gewehrt hat.
»Ich werde nie mehr gehen können«, sagt Samuel, ihre erste und einzige Liebe.
Valerie hat keinen Trost für ihn. Sie beugt sich zu ihm, hält seine Hand und küsst ihn auf die Stirn. Sie weint. »Ich werde morgen ganz früh entlassen. Meine Mutter holt mich ab.«
Er nimmt ihr Gesicht in beide Hände. Von ihm bekommt sie ihren ersten richtigen Kuss. Den ersten richtigen Kuss von einem querschnittsgelähmten Rollstuhlfahrer auf einem menschenleeren Klinikflur. Absurd? Sie hat es nie so empfunden.
Valerie findet ihn am Morgen darauf. Angeschnallt in seinem leise schlingernden Rollstuhl, auf dem Grund des Schwimmbeckens. Sein langes aschblondes Haar schwebt auf der Wasseroberfläche. Nie wird sie diesen Anblick vergessen. Samuel war erst achtzehn, als er sich ertränkt hat.
Darmowy fragment się skończył.