Czytaj książkę: «Jean Philippe Baratier»

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herausgegeben von Thomas Götz

URSULA KAISER-BIBURGER

Jean Philippe Baratier

Das Schwabacher Wunderkind



Biografien machen Vergangenheit lebendig: Keine andere literarische Gattung verbindet so anschaulich den Menschen mit seiner Zeit, das Besondere mit dem Allgemeinen, das Bedingte mit dem Bedingenden. So ist Lesen Lernen und Vergnügen zugleich.

Dafür sind gut 100 Seiten genug – also ein Wochenende, eine längere Bahnfahrt, zwei Nachmittage im Café. Wobei klein nicht leichtgewichtig heißt: Die Autoren sind Fachleute, die wissenschaftlich Fundiertes auch für den verständlich machen, der zwar allgemein interessiert, aber nicht speziell vorgebildet ist.

Bayern ist von nahezu einzigartiger Vielfalt: Seine großen Geschichtslandschaften Altbayern, Franken und Schwaben eignen unverwechselbares Profil und historische Tiefenschärfe. Sie prägten ihre Menschen – und wurden geprägt durch die Männer und Frauen, um die es hier geht: Herrscher und Gelehrte, Politiker und Künstler, Geistliche und Unternehmer – und andere mehr.

Das wollen die KLEINEN BAYERISCHEN BIOGRAFIEN: Bekannte Personen neu beleuchten, die unbekannten (wieder) entdecken – und alle zur Diskussion um eine zeitgemäße regionale Identität im Jahrhundert fortschreitender Globalisierung stellen. Eine Aufgabe mit Zukunft.

DR. THOMAS GÖTZ, Herausgeber der Buchreihe, geboren 1965, studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie. Er lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Regensburg und legte mehrere Veröffentlichungen, vor allem zu Stadt und Bürgertum in Bayern und Tirol im 18., 19. und 20. Jahrhundert, vor. Darüber hinaus arbeitet er im Museums- und Ausstellungsbereich.

Inhalt

Einleitende Gedanken

Das Leben Jean Philippe Baratiers

I.

Die Kindheit

Die Herkunft der Familie / Begriffsklärung »Hugenotten« / Die Eltern François und Anne Baratier / Der Biograf Jean Henry Samuel Formey / Kindheitsjahre / Jean Philippes seltsame Essgewohnheiten / Kaum Umgang mit Gleichaltrigen

II.

Erste Schritte als »Wunderkind«

Der religiöse Einfluss auf die Erziehung / Der Reformator Johannes Calvin / Optimale Förderung mit Liebe und viel Unterhaltung / Lesen lernen ein Kinderspiel / Eine ungewöhnliche Sprachkompetenz / Griechisch und Hebräisch vervollständigen den Sprachenkanon / François Baratier: Vater, Erzieher, Lehrer und Förderer / Lesen allein genügt nicht mehr / Pädagogische Grundsätze des Vaters / Erste umfangreiche Übersetzung / Im Widerstreit mit einem Häretiker

III.

Die akademische Karriere

Studentenzeit in Altdorf / Umzug nach Halle / Ausflug in die glänzende Welt am preußischen Königshof / Ein Beispiel aus der Erziehungspraxis / Aufnahme in die Königliche Akademie der Wissenschaften / Rückkehr nach Halle / Zurück zu seinen ersten Themen / Unstillbarer Wissensdurst

IV.

Jean Philippe Baratier und die Astronomie

Entdeckung der Astronomie / Antwort der Royal Society / Die Längengrad-Berechnung / Astrolabium / Trotz Absagen wird weiter geforscht / Das Selbstbewusstsein wächst mit jeder Entdeckung

V.

Krankheit, Tod und Vermächtnis

Erste Krankheitszeichen bereits im Kindesalter / Machtlos der Medizin ausgeliefert / Das Ende bahnt sich an / Letzte Ehren und Vermächtnis / Jean Philippes Tod aus Sicht der Biografen / Tod der Eltern / Wunderkind oder »nur« hochbegabt?

Das Schwabacher Umfeld der Baratiers

VI.

Die französischen Glaubensflüchtlinge in Franken

Motive für die Ansiedlung der Refugiés in Franken / Die erste Station: das markgräfliche Ansbach / Die Bedeutung der Synoden bei den französischen Protestanten / Viele Privilegien nur für die Refugiés / Der beschützende Markgraf stirbt

VII.

Die französische Kolonie in Schwabach

Ein verlockendes Umzugsangebot / Ankunft in der zugewiesenen Stadt / Der Bau des Kirchenhauses / Neue Wohnhäuser, ein Schulhaus und ein Friedhof / Von Lehrern und Schülern / Michel de Claraveaux – Teppichwirker und Motor der französischen Kolonie / Neue Ideen versus alte Gewohnheiten / Wirtschaftlicher Aufschwung zu einem sehr hohen Preis / Permanente Konkurrenzkämpfe / Nichts als Zank und Streit im Stumpfwirker-Handwerk / Auch die französischen Bortenmacher haben zu leiden / Immer mehr französische Handwerker verlassen die Stadt / Die starke Mobilität der Franzosen wird zum Problem

Die Entwicklungen in der Kirchengemeinde

VIII.

Aus den Refugiés werden reformierte Protestanten

Im 18. Jahrhundert / Was bedeutet Kirchenzucht? / Im 19. Jahrhundert / Einblicke in das Gemeindeverzeichnis der Jahre 1860 bis 1875 / Veränderungen markieren den Weg in die Gegenwart

Schlussgedanke

Anhang

Zeittafel / Literaturverzeichnis / Bildnachweis / Dank

Einleitende Gedanken

Was verbindet Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven mit Jean Philippe Baratier? Gemeinhin werden sie als Wunderkinder bezeichnet! Früher ist das eine durchaus übliche Bezeichnung für Kinder mit ungewöhnlichen Talenten gewesen. Heute ist das anders. Zwar haben die beiden genannten Musiker eine wesentlich größere Popularität erlangt als der junge Geistes- und Naturwissenschaftler Baratier, aber gemeinsam ist allen dreien neben ihrer Genialität die Tatsache, dass sie im 18. Jahrhundert geboren worden sind. In jenem Jahrhundert hat es eine Vielzahl an ganz besonders begabten Kindern gegeben, die sich aufgrund ihrer außerordentlichen musikalischen, sprachlichen oder mathematisch-naturwissenschaftlichen Fähigkeiten von gleichaltrigen Kindern ihrer Zeit abgehoben haben und daher als sogenannte »Wunderkinder« gefeiert worden sind.

Zu diesen Ausnahmeerscheinungen zählt Jean Philippe Baratier, der am 19. Januar 1721 geboren wurde. Wenngleich seine herausragenden Sprachkompetenzen zunächst nur innerhalb der bildungsbeflissenen höfischen Gesellschaft für Aufsehen sorgten, so erntete er doch alsbald allgemein Respekt und Bewunderung für seine Fähigkeiten. Besonders wichtig war für seine Entwicklung die bestandene Prüfung an der Universität Halle zum Magister Artium 1735. Im Alter von 14 Jahren, als Jüngster in diesem Kreis, erhielt Jean Philippe mit dieser Ernennung die gebührende Anerkennung und den Eintritt in die damalige Wissenschaftswelt.

Ohne Zweifel musste das Jahr 1721 ein ganz besonderes gewesen sein. Nur knapp drei Wochen nach der Geburt von Jean Philippe Baratier erblickte ein weiteres »Wunderkind« in Lübeck das Licht der Welt: Christian Heinrich Heineken (6. Februar 1721). Die beiden Knaben offenbarten bereits im frühesten Kindesalter außerordentliche Sprachfähigkeiten. Dennoch sah Immanuel Kant in ihnen nur »frühkluge Kinder«, wie Ingrid Bodsch in ihrer Abhandlung erwähnt. Vielleicht waren diese Begabungen für ihn gar nicht so ungewöhnlich, vielleicht nur »merk-würdig« im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Heineken konnte mit 14 Monaten das Alte Testament rezitieren, beherrschte mit zwei Jahren Französisch sowie Latein und mit knapp drei Jahren zählte er die Mitglieder aller europäischen Herrscherhäuser auf. Jean Philippe Baratier vermochte hier durchaus mitzuhalten. Mit fünf Jahren beherrschte er fehlerfrei vier Fremdsprachen. Als Sechsjähriger lernte er darüber hinaus Altgriechisch und die »heilige« Sprache Hebräisch. Während Christian Heinrichs Lebenslicht bereits in dessen vierten Lebensjahr am 27. Juni 1725 wieder erlosch, erblühten Jean Philippe Baratier sowie sein unbeschreiblich vielfältiges wissenschaftliches und naturwissenschaftliches Schaffen, das jedoch ebenfalls sehr früh endete: Im Alter von nur 19 Jahren starb Jean Philippe Baratier.

Betrachtet man das Leben dieses jungen Gelehrten, dann kann dies nur unter Einbeziehung seiner französisch-protestantischen Eltern geschehen, die ihn gemäß den religiösen Maximen von Jean Calvin erzogen haben.

Beide Elternteile mussten unabhängig voneinander Frankreich wegen ihrer calvinistischen Glaubensauffassung heimlich verlassen. Im Markgraftum Brandenburg-Ansbach konnten sie ihren Glauben in einer eigenständigen Kolonie als französisch-protestantische Gemeinde geschützt leben. Auch wenn die Mitglieder dieser französischen Kolonie viele Anfeindungen und Benachteiligungen durch die einheimische Bevölkerung erleben mussten, schafften sie es, bis heute als evangelisch-reformierte Gemeinde bestehen zu bleiben. Deshalb gehören die 300 Jahren alte Geschichte dieser Gemeinde und die Lebensbeschreibung von Jean Philippe Baratier zusammen; beide sind bis heute in Schwabach wichtig und sichtbar. Aus diesem Grund widmen sich der zweite und dritte Teil dieser Abhandlung der Entwicklung der evangelisch-reformieren Gemeinde.

Jean Philippe Baratier vor 1735. Kupferstich nach einem Gemälde von Antoine Pesne (1683–1757).

Anmerkung Die hier verwendete Schreibweise des Namens Jean Philippe basiert zum einen auf den alten Schriften aus dem 18. Jahrhundert in lateinischer, französischer und englischer Sprache und zum anderen auf der maßgeblichen wissenschaftlichen Festlegung in der Gemeinsamen Normdaten Bank (GNB). Nur in jüngeren deutschen Abhandlungen findet sich die Verwendung des Bindestrichs (Jean-Philippe).

DAS LEBEN JEAN PHILIPPE BARATIERS

I. Die Kindheit
DIE HERKUNFT DER FAMILIE

Die Eltern und Vorfahren von Jean Philippe waren französische Protestanten, die in Frankreich mit dem Schimpfwort »Hugenotten« belegt wurden. Sie zählten zu den evangelischen Christen, die der Glaubensauslegung des Schweizer Reformators Jean Calvin (1509–1564) folgten. Offiziell bezeichnete man sie im 16. und 17. Jahrhundert als »Christodins«.

Zwar erließ der französische König Heinrich IV. (1553–1610) am 13. April 1598 das Toleranzedikt von Nantes, in dem er vordergründig den Nichtkatholiken bzw. den evangelischen Protestanten die Ausübung ihrer Religion in Frankreich garantierte. Aber da er unvermindert die Glaubenseinheit im Blick hatte, blieb die Unterdrückung von religiös Andersdenkenden trotzdem ungestraft. Mit dem späteren König Ludwig XIV. (1643–1715) erlebten die evangelischen Protestanten und damit auch die Anhänger von Calvin eine gewaltige Unterdrückungswelle. Dieser Herrscher scheute nicht davor zurück, neben Repressalien auch Gewalt als probates Mittel für die Durchsetzung seines Grundsatzes: »Une foi, une loi, un roi« (dt. »ein Glaube, ein Gesetz, ein König«) anzuwenden. Der König ging nämlich davon aus, zur Sicherung seiner Macht, nicht auf die katholische Kirche verzichten zu können. Von daher duldete er kein weiteres religiöses Bekenntnis neben der katholischen Staatsreligion.

Somit wurde das relativ tolerante Edikt von Nantes widerrufen und durch das harte Edikt von Fontainebleau am 18. Oktober 1685 ersetzt. Das bedeutete, dass die Ausübung des protestantisch-reformierten Glaubens verboten sowie der Abriss aller bestehenden reformierten Tempel (so wurden deren Kirchen damals bezeichnet) befohlen wurde. Den Pastoren bzw. Pfarrern blieb nur übrig, entweder ins Exil zu gehen oder sich zu bekehren. Für jeden Gläubigen gab es also nur noch die katholische Religionszugehörigkeit. Qual, Not, Leid und Ermordung gehörten fortan für die französischen Protestanten zum Alltag. Um zu überleben, mussten sie sich daher öffentlich zum katholischen Glauben bekennen und diesen auch demonstrieren oder sie mussten Frankreich verlassen.

Das Hugenottenkreuz, Kennzeichen der französischen Protestanten, stammt vermutlich von einem Goldschmied aus Nîmes um 1688.

Die Protestanten, die zwangsweise und gegen ihre Überzeugung diesem Postulat folgten, wurden als Neukonvertierte bezeichnet. Fortan mussten sie auf die strenge Einhaltung des sonntäglichen Messebesuchs und aller katholischer Sakramente von der Taufe bis zum Empfang der letzten Ölung in der Todesstunde achten. Daher übten nicht wenige Neukonvertierte ihren reformierten Glauben nur noch heimlich zu Hause aus. Alternativ fanden ihre Versammlungen unter freiem Himmel an abgelegenen Orten statt. Wenn aber diese Treffen entdeckt wurden, dann erwarteten die »Widerspenstigen« Strafen im Gefängnis oder auf den Galeeren. Als Ausweg gab es nur das Wagnis der – strengstens verbotenen – Flucht ins Ausland, wobei die Menschen alles, was sie an Hab und Gut besaßen, zurücklassen mussten. Etwa 170.000 französische Protestanten, darunter auch die Familie Baratier, nahmen die Gefahren der heimlichen Flucht auf sich. Die Wege der Refugiés führten in die Schweiz, die Niederlande und in die benachbarten deutschen Fürstentümer. Ein Großteil ließ sich in Norddeutschland oder im Herrschaftsgebiet des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620–1688) nieder. Auch im Markgraftum Brandenburg-Ansbach fanden sie offene Türen.

Begriffsklärung »Hugenotten«

Die Bezeichnung »Hugenotten« wurde zunächst von den katholischen Gegnern als Spottname verwendet. Seit 1553 war dieser in der Stadt Tours an der mittleren Loire belegt, stellte Johannes Bischoff fest. Zuvor bezeichnete man die evangelischen Christen in Frankreich, die sich im 16. und 17. Jahrhundert auf den Schweizer Reformator Jean Calvin (1509–1564) beriefen, als »Christodins«. Aber weil sich die Anhänger Calvins mit ihren heimlichen nächtlichen Zusammenkünften selbst »etwas Gespenstisches« verliehen hatten, wurden sie im verächtlichen Vergleich mit der Gestalt Hugo Capets als »huguenots« (dt. »die kleinen Hugos«) verspottet. Denn nach damaligem Aberglauben soll jener Hugo als Ahnherr und Begründer des französischen Königshauses der Kapetinger die Gassen in der Nacht als Gespenst unsicher gemacht haben.

Die französischen Protestanten bezeichneten sich selbst nie als »Hugenotten«. Und in Deutschland kam diese Bezeichnung im mündlichen Sprachgebrauch erst vor etwa hundert Jahren auf. Vor 300 Jahren nannte man die französischen Protestanten »Français Reformés« oder »Refugiés Français« (dt. »französische Flüchtlinge«) oder einfach nur »Franzosen«. Allerdings sollte man diese Bezeichnung nicht mit den Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg gleichsetzen. Diese französischen Protestanten setzten sich ganz bewusst, aus freiem Entschluss wegen ihres Glaubens und ihres Bekenntnisses zum Evangelium, dem Wagnis der verbotenen Flucht aus. Sie nahmen dabei den Verlust von Heimat, Besitz und gesicherten Einkommensverhältnissen in Kauf. Deshalb wird in diesem Buch auf die Verwendung des ansonsten üblichen Begriffs »Hugenotten« verzichtet.

DIE ELTERN FRANÇOIS UND ANNE BARATIER

Der Vater François Baratier, vermutlich ein Kaufmannssohn, stammte aus Romans-sur-Isère in der Provinz Dauphiné, wo er im Jahr 1682 geboren wurde. Als er drei Jahre alt war, floh seine Mutter Isabeau mit ihm aus religiösen Gründen in die Schweiz in den Kanton Waadtland. Nach den Aufzeichnungen von Karl Eduard Haas wurde François Baratier in Vevay und Lausanne unterrichtet, ehe er mit 17 Jahren in Berlin-Dorotheenstadt als Primaner das »Collège français« besuchte. Nebenbei war er als Erzieher in einer vornehmen Berliner Familie angestellt. Sein Wissen musste bemerkenswert gewesen sein, denn sonst hätte er nicht ohne ein vorangegangenes Studium 1710 sein theologisches Examen in Frankfurt/Oder erfolgreich ablegen können.

Mit 32 Jahren kam François Baratier 1714 als Pfarrer bzw. Prediger in die »Hugenottensiedlung« Wilhelmsdorf bei Emskirchen. Dort ehelichte er am 22. Oktober 1715 die Kaufmannstochter Anne Charles, die aus Chalons-sur-Marne stammte. Auch sie gehörte zu den unterdrückten Glaubensflüchtlingen aus Frankreich. Alsbald wurde der erste Sohn des jungen Paares geboren, der jedoch gleich nach der Geburt verstarb.

Gemäß des Chronisten Heinrich von Falkenstein trat François Baratier im Juni 1719 seinen Dienst als zweiter Pfarrer neben Jacques Astruc (1699–1729) in Schwabach an. Hier kam der zweite Sohn Isaac François zur Welt; doch auch er starb bereits nach elf Monaten. Ein Schicksal, das nicht wenige Eltern zu jener Zeit erfahren mussten. Umso glücklicher dürfte das Ehepaar wohl gewesen sein, als am 19. Januar 1721 ihr dritter Sohn Jean Philippe geboren wurde und sich guter Konstitution erfreute. Getauft wurde der kleine Jean Philippe vom Amtsbruder des Vaters, Jaques Astruc. Seine Taufpaten waren der Fabrikant Jean Savin und Marie Magdelaine Claraveaux, die Tochter des »berühmten« und für die Schwabacher französische Kolonie so bedeutungsvollen, aber bereits früh verstorbenen Teppichwirkers Michel de Claraveaux (1664–1688).

Blick auf das französische Spital und das sich dahinter anschließende Elternhaus von Jean Philippe.

Der Biograf Jean Henry Samuel Formey

Die vorliegende Lebensbeschreibung von Jean Philippe Baratier basiert auf der Darstellung von Jean Henry Samuel Formey. Dessen populäre Biografie ist 1755 in der dritten Auflage erschienen; diese Auflage zählt zu den gebräuchlichsten und ist auch hier verwendet worden. Im Vergleich dazu sind sowohl die Erstausgabe von 1741 als auch die zweite Auflage von 1743 seltener zu finden. Sie sind jedoch in der Universitätsbibliothek von Gent einsehbar. Zusätzlich zu der französischen Formey-Biografie hat hier auch die englische Übersetzung der 2. Auflage Verwendung gefunden, die von James Robinson 1745 herausgegeben worden ist und die sich ziemlich genau an die französische Fassung hält. Allerdings finden sich hier auch manche Abweichungen. Zudem wird der ansonsten genaue Übersetzungstext vereinzelt mit Kommentaren ergänzt. Deshalb wird im Folgenden immer wieder auf die englische Übersetzung verwiesen.

Jean Henry Samuel Formey wurde als Sohn von geflohenen französischen Protestanten am 31.5.1711 in Berlin geboren. Nach einer fundierten und sehr erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung war er als Prediger, Pfarrer und Philosophielehrer in Berlin tätig. Zudem gehörte er seit 1744 der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften an, für die er als ständiger Sekretär arbeitete. Bis zu seinem Tod am 8.3.1797 schrieb Formey über zahlreiche Themen – insbesondere als Gegner der Freidenker. Mit seinem Werk über die Philosophie von Christian Wolff und Jean Jacques Rousseau wurde er über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Zudem arbeitete er mit 33 Autoren an dem Folgewerk d’Yverdon der Pariser Enzyklopädie mit. Dabei handelte es sich um ein umfangreiches Nachschlagewerk mit ausführlichen Texten in 58 Bänden, die zwischen 1770 und 1780 entstanden waren und in Yverdon in der Schweiz vom Italiener Fortunato Bartolomeo De Felice (1723–1789) als französische Enzyklopädie in einer Neufassung herausgegeben wurden. Insgesamt hielt Formey dank seiner über 17.000 Korrespondenzen und Veröffentlichungen mit über 150 Schweizer Wissenschaftlern, Pfarrern, Hauslehrern und Erzieherinnen aus Genf und Basel sowie mit Auslandschweizern in Berlin, in Dänemark und sogar in St. Petersburg kontinuierlich Kontakt.

KINDHEITSJAHRE

Wohl behütet wuchs der kleine, lebhafte Jean Philippe in dem neuen Pfarr- und Schulhaus in Schwabach auf, das die französischen Protestanten nach der Erlaubnis des Markgrafen im März 1721 am westlichen Altstadtrand bauen durften. Als Pfarrer hatte François Baratier in erster Linie seine seelsorgerischen Aufgaben zu erfüllen sowie den Kindern französischen Religions- und Sprachunterricht zu geben. Dafür verdiente er 70 Gulden abzüglich 25 Gulden Miete pro Jahr. Den größten Teil seiner übrigen Zeit widmete er sich der Erziehung und Förderung seines Sohnes Jean Philippe.

Nichts deutete zunächst auf das außerordentliche Talent eines »Wunderkindes«.

Die Freude über den kleinen Sprössling wurde nur durch die üblichen Kinderkrankheiten wie den damals lebensbedrohlichen Masern geschmälert, mit denen der Vierjährige zu kämpfen hatte. Die Ursache für diese Widerstandskraft sah der Biograf Jean Henry Samuel Formey darin, dass die Eltern dem ausgiebigen Schlafbedürfnis von Jean Philippe Rechnung trugen. Bis zum zwölften Lebensjahr schlief der Junge täglich zwölf bis 13 Stunden. Diese Zeit reduzierte sich auf zehn Stunden, nachdem er die Kinderpocken überstanden hatte. Hinzu kam noch, dass Jean Philippe im Alter von zehn Jahren eine äußerst schmerzhafte Behandlung einer durchscheinenden, pelluciden Schwellung (vergleichbar mit einer besonderen Art von Zyste) an seinem Finger über sich ergehen lassen musste.

Jean Henry Samuel Formey, nach einem Stich des deutschen Kupferstechers Johann Christian Gottfried Fritzsch (1720–1802/1803).

Titelblatt der 3. (und bekanntesten) Auflage der Biografie von Jean Henry Samuel Formey von 1755.

JEAN PHILIPPES SELTSAME ESSGEWOHNHEITEN

Auch der Vater fragte sich, woher sein Sohn über diese Kraft verfügte, um gegen all die Krankheiten zu bestehen. Es musste wirklich der lange Schlaf sein, denn im Gegensatz zu anderen Kindern hätte Jean Philippe – nach Aussagen seines Vaters – niemals so viel Energie aus seiner Ernährung gewinnen können. In der Abhandlung »Merckwürdige Nachricht, von einem sehr frühzeitig gelehrten Kinde« von 1728 beklagte François Baratier, dass sein Sohn außer Suppe und Wasser, das mit etwas Wein angereichert wurde, nichts essen wollte; Fleisch oder andere Beilagen blieben unberührt. Allerdings liebte sein Spross trockenes Brot und reichlich kleine Kuchen. Bei Obst, Konfekt oder »Zucker-Werck« und anderen süßen Sachen musste ihn sein Vater »bremsen«, denn hiervon konnte Jean Philippe nie genug bekommen. Es gehörte nämlich zur Erziehung des Vaters, dass der Sohn bereits als Kleinkind die Mäßigung kennen lernen sollte, damit er nicht zu übermütig würde. Zudem erkannte der Vater, dass zu viel Süßes seinem Sohn nicht guttat und dieser noch wilder wurde. Direkte Verbote sprach der Vater jedoch nicht aus. Vielmehr überließ er es einem »unsichtbaren Engel«, die begehrten Süßigkeiten sowie Obst in Maßen als Lob und Anerkennung dem Kind in kleinen Stücken zukommen zu lassen. Dann legte der unsichtbare Engel eine Birne, einen Apfel oder Zuckerwerk in ein kleines Körbchen und belohnte so den Fleiß des Kindes bei den täglichen Übungen. Dies wirkte auf das aufgeweckte Kind sehr motivierend und förderte seine Freude beim Lernen ungemein.

KAUM UMGANG MIT GLEICHALTRIGEN

Den gesellschaftlichen Sitten des 18. Jahrhunderts entsprechend lag die Erziehung der Kinder, insbesondere der Knaben, meist in den Händen der Väter. So war es auch bei der Familie Baratier. Während sich die Mutter um Philippes gutes und frommes Benehmen sorgte, kümmerte sich der Vater von Anfang an und in jeder freien Minute sehr liebevoll, einfühlsam und verständnisvoll um die Förderung seines Sohnes. Anstrengend war diese Aufgabe durchaus, denn Jean Philippe wurde von seinem Vater als ein sehr lebhaftes, unbeschwertes Kleinkind beschrieben, das bereits im Alter von zwei Jahren voller Freude »plapperte« und fröhlich zusammen mit den Eltern und Bediensteten in den Wohnräumen lebte und aufgeweckt durch die Räume tanzte. Mit anderen Kindern kam Jean Philippe nur selten zusammen. Der Vater ließ diese nur gelegentlich in die Wohnung, damit das Kind so die deutsche Sprache erlernen konnte. Zwar war der Vater überzeugt, dass Kinder nicht als Einsiedler leben oder zu Hause wie in einem Gefängnis eingesperrt werden sollten, doch zugleich sprach er sich dafür aus, Kinder überwiegend im Hause zu behalten, um sie vor einem schlechten Einfluss zu bewahren und sie so optimal fördern zu können. Deshalb wandte er gegenüber seinem Sohn raffinierte Tricks an, damit beim kleinen Jean Philippe erst gar kein Verlangen entstehen konnte, mit den Kindern auf der Straße zusammen zu sein. In seiner Abhandlung »Merckwürdige Nachricht, von einem sehr frühzeitig gelehrten Kinde« beschrieb der Vater seine pädagogische Förderung und erläuterte in diesem Zusammenhang: »Mein Sohn ist dessen ein lebendiges Exempel. Ob er zwar von ungemeiner Lebhaftigkeit, und täglich ein Haufen Kinder vor unseren Fenstern spielen siehet, so begnüget er sich doch, ihnen nur zu zusehen, sie zu ruffen, und durch das Fenster mit ihrer Gesellschaft zu seyn, noch weniger aber hat er sich der Freiyheit angemasset, jemahls allein auf der Strassen zu gehen…«

II. Erste Schritte als »Wunderkind«
DER RELIGIÖSE EINFLUSS AUF DIE ERZIEHUNG

Die Erziehung und die Förderung von Jean Philippe fußten auf den Grundsätzen der calvinistischen Glaubenslehre. Dass François Baratier als Prediger und Pfarrer diese umsetzte, war selbstverständlich.

Das Wissen von Calvins Grundsätzen lassen die Erziehung Jean Philippe Baratiers plausibler erscheinen. So hat Jean Philippe keine Ängste oder Vorbehalte gegenüber Obrigkeiten oder hierarchische Ordnungen gezeigt. Festgelegte Machtstrukturen sind ihm weder in seiner Familie noch in seiner reformierten Gemeinde begegnet. Deshalb ist er den Menschen in den höchsten Rängen genauso höflich und respektvoll entgegengetreten wie jedem anderen Menschen auch. Da er im Sinne der »Zehn Gebote« erzogen worden ist, sind Gehorsam und Achtung den Eltern gegenüber bis zu seinem frühen Sterben selbstverständlich gewesen.

Gemäß seiner religiösen Erziehung ist Jean Philippe zudem vorgelebt worden, dass man als Laie die Aufgabe hat, Verantwortung für das Gemeindeleben zu übernehmen: ob als Prediger oder wie Jean Philippe als Elfjähriger. Aufgrund seiner theologischen Fachkenntnisse hat er zugestimmt, nach seiner Wahl von 1731 in der Vorschlagskommission der Synode der Reformierten, Verantwortung in der Gemeinde zu übernehmen. Denn ihm ist damals schon klar gewesen, wie sich Sorge und Verantwortung füreinander unter der Calvinischen Maßgabe der »Kirchenzucht« im täglichen Leben zeigen. Nicht zuletzt hat er von seinem Vater gelernt, dass es, wenn man als Mensch Fehler begeht, Hilfe braucht, um das eigene Verhalten zu ändern.

Schließlich fällt noch das Element der Freiheit in der Erziehung Jean Philippes auf. In einer beeindruckenden Konsequenz ist sie im Hause Baratier bereits von Kleinkindalter an bis zu Jean Philippes Tod spürbar geblieben. Von daher möchte man nicht ausschließen, dass gerade dieser religiöse Grundsatz sowie die zeitintensive und liebevolle väterliche Förderung zu stetig größerem Wissen die Entwicklung von Jean Philippe zum Wunderkind sehr begünstigt haben.

Der Reformator Johannes Calvin

Der Franzose Johannes Calvin (1509–1564) galt – neben Martin Luther – als einflussreichster Reformator. Er wurde als Jean Cauvin in Noyon/Picardie am 10. Juli 1509 als Sohn eines bischöflichen Beamten geboren. Er besaß daher die besten Voraussetzungen, um in Orléans, Bourges und Paris zu studieren. Auf Wunsch seines Vaters begann er zunächst mit dem Studium der Philosophie und wechselte nach väterlichem Betreiben zu Jura. 1533 erwarb er den Doktortitel der Rechte. Nach dem Tod des Vaters (26.05.1531) fühlte er sich nicht mehr an den väterlichen Wunsch gebunden und begann in Paris mit humanistischen Studien. 1535 wechselte er zum Studium der Theologie. In dieser Zeit bekannte er sich öffentlich zu den Thesen der Reformation. 1536 veröffentlichte er sein Hauptwerk »Christianae Religionis Institutio« (Eine Unterweisung in der christlichen Religion); wobei er sich in seinem Vorwort an König Franz I. wandte und dabei das Anliegen der französischen Protestanten rechtfertigte. Aufgrund seiner als ketzerisch empfundenen Äußerungen musste er nach Genf fliehen. Dort versuchte er massiv, dass die Bürger und die Stadträte seine reformatorischen Gedanken in aller Reformstrenge übernehmen sollten. Doch nachdem er sich 1538 geweigert hatte, die vereinbarte Abendmahlsfeier mit Hostien am Ostersonntag zu feiern, gelang ihm dies zunächst nicht. Denn der Magisgrat wies ihn aus der Stadt. Allerdings holte er ihn ein paar Jahre später zurück und beschloss 1541 Calvins neue Kirchenordnung. Diese beinhaltete neben der Verkündigung des Wortes Gottes auch eine strenge Gemeindezucht und den Kampf gegen den Sittenverfall. Getrieben von der Verbreitung seines reformatorischen Denkens hielt Calvin unzählige Predigten, Bibelstunden und Vorlesungen. Er verfasste theologische Abhandlungen, Bibelkommentare und Gottesdienstordnungen. Außerdem gründete er in Genf 1559 eine Lateinschule für Jungen (Collège de Genève) und eine eigene Hochschule (Académie de Genève).

Calvin achtete kaum auf seine Gesundheit, war stets getrieben in seinen Arbeiten, trotz Migräne, Gicht und Nierenproblemen. Gegen Ende seines Lebens konnte er das Bett nicht mehr ohne fremde Hilfe verlassen, so sehr quälte ihn die Gicht in seinen Beinen. Letztlich führten Tuberkulose und Lungenbluten zu seinem Tod am 27. Mai 1564. Johannes Calvin starb im Alter von 54 Jahren. Trotz seiner Popularität war er selbst immer bescheiden geblieben; auch einen Grabstein hatte er sich aus diesem Grund verbeten. Er wollte verhindern, dass sein Grab zu einer Pilgerstätte würde.

Nach Calvin kommt es auf diese vier Grundsätze an: sola scriptura (allein die Schrift, die Bibel, ist die Grundlage des christlichen Glaubens, nicht die Tradition), solus Christus (allein Jesus Christus, nicht die Kirche hat die Autorität über die Gläubigen), sola gratia (allein durch die Gnade Gottes wird der Mensch errettet, nicht wegen seiner eigenen Güte), sola fide (allein durch den Glauben wird der Mensch gerechtfertigt, nicht durch seine guten Werke).

Auf die Lebens- und Arbeitsweise bezogen, glaubte Calvin daran, dass die Absichten Gottes den Menschen verborgen bleiben. Deshalb müsse jeder im Sinne einer tugendhaften Lebensführung handeln, gerade so, als ob er von Gott auserwählt sei. Rastloser Fleiß und wirtschaftlicher Erfolg könnten deshalb als Zeichen für den Gnadenstand gewertet werden. Jedoch habe der Mensch keinerlei Einfluss auf die göttliche Entscheidung.

Reformator Johannes Calvin im Alter von 53 Jahren – Kupferstich von René Boyvin (1525–1580) aus dem Jahr 1562.

OPTIMALE FÖRDERUNG MIT LIEBE UND VIEL UNTERHALTUNG

Darin zeigte sich der Erfolg, auf den der Vater mit allerlei Angeboten geschickt hingearbeitet hatte, ohne dass dies seinem Kind aufgefallen wäre. Nachdrücklich betonte er, dass sein Sohn weder durch Gewalt noch durch Furcht davon abgehalten worden sei, mit den Kindern draußen zu spielen. Allerdings bekannte der Vater auch, nachdem Jean Philippe eine gewisse Zeit mit den Kindern verbracht habe, dass dieser dann »wild« und »unkonzentriert« gewesen sei und weniger Lust zum Lesen gehabt hätte, was seiner Förderung auf Dauer natürlich abträglich gewesen wäre. Um dies zu verhindern, lenkte er Jean Philippe von diesen Kinderspielen mit immer neuen Angeboten ab. Dazu zählten abwechslungsreiche und vielfältige Spaziergänge und Ausflüge in andere Städte. Mit geduldiger Zuwendung schaffte es François Baratier, dass sein Sohn aus freien Stücken lieber im Haus bei der Mutter und vor allem bei seinem über alles geliebten Vater blieb. Von daher sah Jean Philippe gelassen den Kindern vom Fenster aus zu. Es stellt sich aber dennoch die Frage, ob er tatsächlich keine Sehnsucht nach dem Kontakt mit Gleichaltrigen hatte.

Die Antwort ergibt sich beim Blick auf die Grundzüge seiner Erziehung. Dazu gehörten generell eine große Fürsorge und Liebe. Der Vater bestand darauf, dass sein Sohn, sobald er laufen konnte, nie alleine auf die Straße ging. Er wurde stets von seinen Eltern oder einem anderen vertrauenswürdigen Erwachsenen begleitet. Es war ein Ritual, dass der Vater und sein eineinhalbjähriger Sohn alle Tage Spaziergänge außerhalb der Stadt unternahmen. Möglichst viel sollte Jean Philippe kennenlernen. Dafür wurde so mancher Künstler besucht, oder der Junge begleitete seinen Vater bei dessen dienstlichen Besuchen. Durch die vielen Eindrücke sollte sich Jean Philippe nicht mehr nach dem Spiel mit seinen Altersgenossen sehnen. Außerdem hielt es der Vater grundsätzlich für viel förderlicher für die kindliche Entwicklung, wenn sich kleine Kinder grundsätzlich nur zu Hause aufhielten. Allerdings sollte sich das Kind in der familiären Umgebung sehr wohlfühlen. Dadurch war der Vater nicht nur der Lehrer, sondern er wurde auch zunehmend zum Spielkameraden seines Sohnes.

Zu seiner besonderen Erziehungsmethode gehörte es, dass der Vater vermied, Verbote auszusprechen. Vielmehr bevorzugte er, seinem Sohn anschauliche und kindgerechte Geschichten zu erzählen. Jean Philippe liebte diese Geschichten sehr. Darunter war auch diejenige, in der Jean Philippe erfuhr, was beim Spiel mit Kindern auf der Straße passieren kann. Dazu gehörte vor allem der Hinweis, dass der Sohn aus Dummheit und Streit in eine Schlägerei mit mehreren Kindern verwickelt werden könnte und deswegen völlig unnötig Schmerzen und Tränen zu ertragen hätte. Verständlicherweise wollte Jean Philippe so etwas nicht erleben. Nach diesen »Schauermärchen« zog der Junge also noch viel lieber den Schutz seiner Familie insbesondere des Vaters vor und blieb am Fenster in sicherer Distanz zu seinen Altersgenossen. Unglücklich schien der Junge aber darüber nicht zu sein, das Alleinsein machte ihm nichts aus.

Er konnte sich immer gut beschäftigen. Zusätzlich taten seine Eltern alles dafür, dass ihr Kind sein Zuhause liebte. Sie kümmerten sich unerlässlich darum, dass Jean Philippe jede Menge Kurzweil und Spaß in seinem Elternhaus erlebte und sie gewährten ihm insbesondere ein hohes Maß an Freiheit. Innerhalb des Hauses konnte Jean Philippe deshalb seinen Tagesablauf selbst so gestalten, wie er wollte. Wenn er keine Lust hatte, die 20 bis 25 Verszeilen zu lesen oder zu lernen, ließ ihn der Vater in Ruhe. Diese Einstellung zahlte sich aus. Dann erwachte bei dem aufgeweckten Jungen die Neugier. Er wurde ruhiger, konzentrierter und erfreute sich wieder am Lesen und Erlernen neuer Dinge. Der altbekannte Lerneifer stellte sich bei dem Kinde wieder ein.

LESEN LERNEN EIN KINDERSPIEL

Nachdem der Vater die Begeisterung seines Sohnes beim Sprechen bemerkt hatte, begann er, dem Zweijährigen spielerisch die Buchstaben näherzubringen. Dies geschah in einer Weise, dass er die einzelnen Buchstaben dem Kind laut vorsprach, um dessen Gehör zu trainieren. Zusätzlich malte er ihm die einzelnen Buchstaben auf. »Wer also lesen will, darff nur bloß den Thon eines jedweden Buchstabens insonderheit wissen, und solche geschwinde aussprechen«, beschrieb der Vater seine Vorgehensweise.

Anfänglich zeigte der Vater ihm nur zwei Buchstaben, als ob es sonst keine anderen geben würde. Er malte sie ihm auf Papier, beim Spazierengehen in den Sand oder bei jeder anderen Gelegenheit auf. Dazu sprach der Vater diese Buchstaben wie bei einem Spiel vor, bis das Kind den Klang dieser Buchstaben mit den beiden gezeichneten Buchstaben verband und selbstständig wiederholte. Erst dann folgen die nächsten beiden neuen Buchstaben. Nach einer gewissen Anzahl hörte der Vater mit der Einführung neuer Buchstaben auf, damit sich der Sohn in einem vergnüglichen Kinderspiel mit den bisher gelernten beschäftigte und diese mehrfach und intensiv wiederholte, ohne sie zu verwechseln. Zu den ersten Buchstaben gehörten die Vokale e und i, weil sie im Vergleich zu den anderen »einen einfachen Klang haben und dem C und G einen besondern Laut mittheilen«, erklärte der Vater. »Dem e habe ich anfänglich nur einen stummen Laut gegeben…« (wie beim Wort »Femina«). Den hellen und deutlichen des E-Masculini, welches mit einem Accent bezeichnet wird, hat mein Sohn ohn Mühe und durch Übung gelernet.« Als kleine Lerneinheiten wurden diese Übungen mehrmals am Tage wiederholt, wobei der Vater stets darauf bedacht war, nicht zu übertreiben.

Um seinen Sohn bei denjenigen Buchstaben, die eine gewisse Gleichheit aufweisen wie bei »b« und »d« oder »p« und »q«, nicht zu verwirren, behandelte der Vater jeweils diese Buchstaben-Paare einzeln und in gesonderter Weise. Allerdings bemerkte der Vater schnell, dass sein Sohn keine Mühe hatte, diese zu unterscheiden und auch richtig auszusprechen.

Bei Buchstaben, die gleich ausgesprochen werden, wie »i« und »y«, fügte der Vater neben den kleinen Buchstaben die Großbuchstaben dazu. In dieser Weise ging er auch bei den Doppelvokalen/Doppellauten »ei« und »ay« vor.

Im nächsten Schritt hatte François Baratier seinem Sohn beigebracht, »die Buchstaben nach ihrem einfachen und natürlichen Thon« zu lesen. So hatte der Sohn die Worte nach einer natürlichen Orthografie schreiben können, sobald er nur des Lesens kundig gewesen war.

Damit das Lernen nicht zu trocken wurde, bediente sich der Vater speziell gefertigter Plättchen oder Karten, auf die er mit Reiß-Blay – so wurde damals das Graphit bezeichnet – einzelne Buchstaben bzw. Silbenbilder geschrieben oder gemalt hatte. Diese förderten zusätzlich die Fantasie seines Sohnes. Jean Philippe verwendete sie in seinen Spielen als Figuren, mit denen er so manche Geschichten neu erzählte oder alte wiederholte. Der Vater indes nutzte diese Figuren-Plättchen besonders gerne, wenn er Zusammenfügungen von Buchstaben bzw. Silbenverbindungen darstellen wollte.

Insgesamt hatte François Baratier seinem Sohn kein Buch, keine Tabelle und kein gesamtes Alphabet in die Hände gegeben, sondern nur einzelne Buchstaben. Das gesamte Alphabet wurde erst dann anhand von Tafelanschriften gelehrt, nachdem der Junge alle Buchstaben einzeln lesen konnte.

EINE UNGEWÖHNLICHE SPRACHKOMPETENZ

Binnen sechs Monaten lernte der Sohn spielerisch jeden einzelnen Buchstaben des französischen Alphabets nur mit Hilfe von Klang, Aussprache, Zeichnungen und den speziellen Reiß-Blay-Plättchen. Auf diese Weise konnte der Dreijährige nach einem knappen Jahr die Buchstaben korrekt verbunden lesen und schnell aussprechen. Sonstige Bücher oder Tabellen verwendete der Vater nicht. Ohne auf die Grammatik einzugehen und in derselben Art, wie der Vater ihm das Lesen der französischen und deutschen Buchstaben beigebracht hatte, begann er mit der Einführung der lateinischen Sprache. Auch hier ging der Vater ohne Bücher vor und arbeitete nur mit Zeichnungen auf Schiefertafeln, im Sand und auf dem Tisch. Kurze lateinische Wörter fügte er nur gesprochen mit ihrem Klang in den alltäglichen französischen Sprachgebrauch ein. Fragen seines Sohnes wurden in französischer Sprache beantwortet und mit einzelnen lateinischen Wörtern ergänzt. So lernte Jean Philippe nun seine dritte Sprache. Dies geschah ziemlich schnell. Um sich nicht zu langweilen, erfand der Knabe eigene Geschichten, in denen die Buchstaben-Blättchen bzw. Karten zu lebendigen Personen seiner Fantasie wurden. Diese kindliche Gedankenwelt griff der Vater seinerseits in seinen Erzählungen auf und fügte mal lateinische, mal französische Worte im Wechsel ein. Auf diese Weise erschloss sich der Junge den einzelnen Wortsinn in der jeweiligen Sprache nur aus dem Kontext. Der kleine Baratier hatte also gelernt, sowohl die lateinischen Begriffe als auch die französischen Wörter im jeweiligen Zusammenhang richtig anzuwenden. Lediglich zu Beginn dieser Lernphase hängte er an die französischen Wörter noch die lateinischen Endungen an, inhaltlich aber verstand Jean Philippe den Sinn eines jeden Wortes für sich und sprach mit vier Jahren mühelos Französisch, Deutsch und Lateinisch, ohne diese Sprachen durcheinander zu bringen.

Allein aus der veränderten Tonlage hatte er die lateinische Grammatik mit allen Zeiten und Fällen gelernt. Damit hatte der Vater jedoch erst begonnen, nachdem sein Spross alle Buchstaben perfekt lesen konnte.

Auf diese Weise hatte der vierjährige Jean Philippe diese drei Sprachen im Spiel kindgerecht und nachahmend verinnerlicht. Das Französische hörte er von den Eltern, die deutsche Sprache von den Bediensteten und den Kindern auf der Straße. Und mit dem Vater las er die Bibel in der lateinischen Sprache. Mit großer Freude bemerkte der Vater, dass sein kleiner Sohn mit Vergnügen und beeindruckender Leichtigkeit diese Sprachen erlernte. Einen festen Stundenplan gab es für Jean Philippe bis zu seinem fünften bzw. sechsten Geburtstag allerdings nicht. Immer wieder am Tag beschäftigte sich der Sohn unter Anleitung des Vaters mit den vorgegebenen Übungen. Allerdings achtete der Vater konsequent darauf, dass die 15-minütigen Lerneinheiten nicht länger andauerten, selbst wenn sein Sohn darum bettelte. Schließlich wollte der Vater Jean Philippe nicht überfordern. Deshalb zeigte er sich später auch nachsichtig, wenn der festgelegte Stundenplan für den Sohn insbesondere nach Krankheitstagen, nicht eingehalten wurde, weil Jean Philippe dann keine Lust hatte zu lesen. Dann ließ es auch der Vater gut sein.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 września 2025
Objętość:
164 str. 25 ilustracji
ISBN:
9783791762074
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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