Czytaj książkę: «Spielen in der frühen Kindheit»

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Der Autor


Prof. Dr. phil. habil. Ulf Sauerbrey hat an den Universitäten Bamberg, Erfurt, Jena und Graz gelehrt und geforscht. Seit September 2020 ist er Professor für Kindheitspädagogik am Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung der Hochschule Neubrandenburg. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Pädagogik der frühen und der mittleren Kindheit, der Allgemeinen Pädagogik, der Erziehungsgeschichte sowie der qualitativen Sozialforschung.

Ulf Sauerbrey

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-034773-1

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-034774-8

epub: ISBN 978-3-17-034775-5

mobi: ISBN 978-3-17-034776-2

Für Edith und Elise

Inhalt

1  Ein Vorwort – um der Sache willen

2 

3  1 Spielen in der frühen Kindheit – ein anderer Blick auf Lernen

4 

5  2 Spielen und Spiele, Play und Game – eine Eingrenzung

6 

7  2.1 Spielen bzw. Play – die Tätigkeit des spielenden Subjekts

8  2.2 Spiele bzw. Games – Versuche einer kulturellen Institutionalisierung des Spiels

9  2.3 Was bleibt außer der Vielfalt an Begriffen und einer gewissen Unschärfe?

10  3 Spielen als Folge des Spiel- und Beschäftigungstriebs – eine Erinnerung an Friedrich Fröbel

11 

12  3.1 Pädagogische Impulse in Fröbels Biografie

13  3.2 Die Entdeckung des Spieltriebs

14  3.3 Spielpflege und Spielmittel als pädagogisch- didaktische Reaktion auf den Spieltrieb

15  4 Formen der Spielentwicklung im frühen Kindesalter

16 

17  4.1 Sensumotorische Spiele – Bewegungen sinnlich einüben

18  4.2 Informationsspiel und Explorationsverhalten – Dinge in der Umwelt erkunden

19  4.3 Als-ob-Spiel – fiktives Nachahmen

20  4.4 Konstruktionsspiele – schaffendes Tätigsein

21  4.5 Rollenspiele – Interaktionsweisen erproben und Normen aneignen

22  4.6 Regelspiele – Tätigsein in vorgefundenen Handlungsrahmen

23  5 Wie werden Dinge zu Spielzeug?

24 

25  5.1 Phänomenologie

26  5.2 Langevelds Pantoffel

27  5.3 Arrangieren als pädagogische Handlungsform der Auswahl von Spielmitteln

28  6 Spielorte in der Wohnung

29 

30  6.1 Was wir alles nicht wissen

31  6.2 Ein Beispiel

32  7 Spielorte im Freien

33 

34  7.1 Ausgewiesene Spielorte und Spielplätze

35  7.2 Von Kindern gewählte Spielorte

36  8 Spielen in Krippe und Kindergarten

37 

38  8.1 Spielen in den Bildungsplänen der Länder

39  8.2 Zur Bedeutung der Gruppe

40  9 Spielen mit digitalen Medien in der frühen Kindheit

41 

42  9.1 Zur Nutzung und Stellung digitaler Medien im Kontext frühkindlicher Freizeitaktivitäten

43  9.2 Sind digitale Spiele nützlich oder gefährlich?

44  10 Zum Abschluss: Das spielpädagogische Grundproblem im Spiegel empirischer Studien

45 

46  Ein Nachwort – um der Aufgabe willen

47 

48 Johanna Hopfner

49  Literaturnachweise

50 

Ein Vorwort – um der Sache willen

Nach Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention gehört das Spiel neben Ruhe, Freizeit, aktiver Erholung und freier Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben zu den Rechten von Kindern weltweit. Allein vor diesem Hintergrund erscheint es bereits geboten, das Spielen von Kindern regelmäßig in Erinnerung zu rufen. Ein Buch zum Thema Spielen in der frühen Kindheit zu schreiben, das im Untertitel auch noch ›Grundwissen für den pädagogischen Alltag‹ verspricht, ist dennoch ein Stück weit vermessen. Ich vermute, dass vielen, die sich näher mit dem Phänomen des Spielens beschäftigt haben, irgendwann einmal eine ähnliche Einsicht, wenigstens aber der Zweifel darüber gekommen ist, ob das Phänomen Spielen in all seinen Facetten überhaupt angemessen sprachlich und sachlich erfasst werden kann. Beschäftigt man sich mit der einschlägigen Literatur zum Thema, fällt auf, dass bereits die Definitionsversuche keineswegs Klarheit signalisieren. Kaum jemand schafft es, die vielfältigen Bestimmungsmerkmale des Phänomens in einen plausiblen Zusammenhang zu bringen. Die meisten Autorinnen und Autoren zählen vielmehr die Ideen und Unklarheiten zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen auf, die sich am Spiel, seinen Merkmalen und Erscheinungsformen abgearbeitet haben.

Das vorliegende Buch ist daher insofern problematisch, als es die Sache des Spielens wahrscheinlich kaum geben kann – und daran ändert kaum der Umstand etwas, dass hier die Lebensphase der frühen Kindheit, also das Alter von der Geburt bis zur Einschulung in den Blick genommen wird. Der Fokus auf die frühe Kindheit wurde gewählt, da diese weithin als sensible Lebensphase gilt, aber auch da die Lebensspanne von der Geburt bis zum Alter von sechs Jahren in modernen Industrienationen in den vergangenen 20 Jahren erneut und in einem zuvor nie dagewesenen Maße öffentlich und zugleich in wissenschaftlichen Disziplinen Gegenstand der Auseinandersetzung geworden ist. Diese auf das Tun kleiner Kinder gerichtete Aufmerksamkeit hat auch die Diskussion um die Bedeutung und den Sinn des Spielens neu entfacht.

Dass der Untertitel das vorliegende Werk als ein Buch über Grundwissen ausweist, hängt mit der Anfrage zusammen, die der Kohlhammer-Verlag im Jahr 2017 an mich gestellt hat – und auch mit meiner Reaktion darauf. Die Anfrage bezog sich auf ein Buch in der neuen Reihe Praxiswissen Erziehung. Nachdem ich mich bereits seit einigen Jahren als Teil eines wissenschaftlichen Netzwerks der Deutschen Forschungsgemeinschaft kritisch mit populären Ratgebermedien beschäftigt hatte und ohnehin schon seit Jahren eine deutliche Tendenz bei den wissenschaftlichen Verlagen hin zur Veröffentlichung von Ratgeberbüchern zu beobachten war, war ich mir zunächst unsicher, ob gerade ich ein Buch für diese Reihe schreiben sollte. Wenngleich ich regelmäßig nicht nur in der Lehre, sondern auch auf Fort- und Weiterbildungen vor pädagogischen Fachkräften zu kindheits- und sozialpädagogischen Themen referiere, so waren die bislang von mir verfassten Publikationen doch vorrangig an die Erziehungswissenschaft und nur selten unmittelbar an pädagogische Fachkräfte in pädagogischen Handlungsfeldern wie der Krippe, der Kita, der Schule oder auch an die Familie adressiert. Ich entschied mich dennoch, dieses Buch zu schreiben, nicht zuletzt, da ich die Wissenschaftskommunikation, d. h. den Transfer wissenschaftlichen Wissens in Zeiten des ›Postfaktischen‹, mehr denn je für unabdingbar halte. Dass das vorliegende Buch nun als ein Werk über Grundwissen aufwartet, gründet in dem Versuch, es explizit so auszuweisen, dass es nicht als Ratgeber gelesen werden soll! In diesem Fall halte ich mich an Janusz Korczak,1 der eingangs seines Hauptwerks mit dem ins Deutsche übersetzten Titel »Wie liebt man ein Kind« festgehalten hat: »Ich weiß nicht und kann nicht wissen, wie mir unbekannte Eltern unter unbekannten Bedingungen ein mir unbekanntes Kind erziehen können« (Korczak 1999, S. 10).

Dieser Satz, der gleichermaßen für an pädagogische Fachkräfte adressierte Bücher gelten kann, ist m. E. ein Paradebeispiel pädagogischer Haltung, da er eine lineare und technische Machbarkeit durch Erziehung zurückweist und zugleich auf die Eigenlogik pädagogischen Geschehens verweist: Einen auf konkrete Situationen bezogenen Rat kann im Grunde nur ein Mensch geben, der alle beteiligten Subjekte und ihre Lebensumstände in ausreichendem Maße kennt und einzuordnen weiß. Korczaks Aussage trifft dabei nicht nur auf Erziehung, sondern auch auf das Spielen zu, das in seinen vielfältigen Formen schlichtweg zu viele unbekannte Faktoren aufweist, als dass darüber ein Ratgeber, sprich: ein ›technologisches‹ Buch (Höffer-Mehlmer 2003, S. 7), geschrieben werden könnte. Dementsprechend wird auch im vorliegenden Buch keine Aussage darüber zu finden sein, wie ein Kind spielen soll, um ›richtig‹ oder ›gut‹ zu lernen. Da ich die Leserinnen und Leser sowie deren mutmaßliche in der Familie oder in frühpädagogischen Einrichtungen betreute Kinder und deren Lebensumstände nicht kenne, wäre es unredlich, anderes zu propagieren. Mein Anliegen ist es, grundlegendes Wissen über das Phänomen für die verschiedenen pädagogischen Handlungsfelder, in denen kleine Kinder aufwachsen, zur Verfügung zu stellen, so dass die in diesen Feldern agierenden Erwachsenen auf Basis wissenschaftlichen Wissens ihr Tun reflektieren und ihre Handlungskunst für sich und ggf. gegenüber anderen begründen können. Das Buch bietet den Leserinnen und Lesern darüber hinaus an vielen Stellen Anregungen zum Weiterlesen. Zu danken habe ich dem Kohlhammer-Verlag für sein Interesse an diesem Buch sowie besonders Claudia Schick, Johanna Hopfner und Michael Winkler für ihre wertvollen Kommentare zum Manuskript.

Widmen möchte ich das Buch meinen Kindern Edith und Elise. Sie sorgen mit ihrem wunderbaren Spiel- und Beschäftigungstrieb dafür, dass ich das Spielen nicht nur als wissenschaftliches Forschungsobjekt analysieren, sondern vielmehr alltäglich als ein spannendes Ereignis miterleben darf, in dem Neues und Unerwartetes geschieht und in dem sich das Innere der Kinder zeigt – darunter vieles, das wir Erwachsene ihnen vorleben.

Neubrandenburg, im Februar 2021

Ulf Sauerbrey

1 Zugunsten der Lesbarkeit habe ich in diesem Buch nur wenige Fußnoten gesetzt. An dieser Stelle ist eine biografische Anmerkung jedoch geboten: Janusz Korczak, Geburtsname Henryk Goldszmit (1878/79–1942), entstammte einer jüdischen Familie, lebte in Polen und wurde zu Lebzeiten bekannt als Arzt und Pädagoge. Er leitete ein jüdisches Waisenhaus im Warschauer Ghetto. 1942 wurde er mit 200 Kindern aus dem Waisenhaus nach Treblinka deportiert, wo die Kinder und ihr Erzieher ermordet wurden. Er ist einer der wichtigsten und zugleich einer der bislang zu wenig beachteten Pädagogen des 20. Jahrhunderts.

1
Spielen in der frühen Kindheit – ein anderer Blick auf Lernen

In seinem vielfach aufgelegten Standardwerk »Spielen – Lernen. Praxis und Deutung des Kinderspiels« hat der Erziehungswissenschaftler Andreas Flitner (1922–2016) sich umfassend mit dem Phänomen des Spielens beschäftigt. Der Anlass für sein 1972 erstmals erschienenes Werk war der Umstand, dass am Beginn der 1970er Jahre viele Akteurinnen und Akteure unter Bezugnahme auf Erkenntnisse aus der Lernpsychologie sich bemühten, »Spiel und Spielzeug in ›Training‹ und ›Lernzeug‹ zu verwandeln« (Flitner 1996, S. 9). Gegenüber dieser pädagogisch-didaktischen Technisierung des Spielens wies Flitner auf Basis von Untersuchungen auch aus der internationalen Forschung nach, dass die Frage nach dem kindlichen Lernen durch Spiel »nur einer der möglichen Zugänge« sei; andere Zugänge erforschten etwa, was Kinder im Spiel erleben, »was sie an Glück und Ängsten erfahren, was sie ›verarbeiten‹ an Eindrücken und Problemen und wie ihnen die Welt sich öffnet im Spiel« (ebd., S. 190).

Hier soll an Flitners Differenzierung des Kinderspiels als Forschungsgegenstand erinnert und zugleich angeknüpft werden, denn erstens liegen uns inzwischen neuere Erkenntnisse zum Spielen in verschiedenen frühkindlichen Lebenswelten vor, zweitens haben sich diese Lebenswelten seit den 1970er Jahren noch einmal grundlegend verändert und drittens hat sich jedoch die von Flitner diagnostizierte Situation gegenüber dem Spiel nach einem halben Jahrhundert keineswegs grundlegend gewandelt:

»Teile der Wirtschaft, aber auch aus Lern- und Hirnforschung werfen der herkömmlichen Kombination von Kindergarten und Schule vor, Lernpotenziale der jungen Kinder zu wenig zu nutzen und Kinder massiv zu unterfordern. Deren Tenor lautet: Wir vergeuden zu viel Zeit mit (sinnlosem) Spielen und ›bewirtschaften‹ das kindliche Lernpotenzial zu wenig« (Hauser 2013, S. 11, Hervorhebung U. S.).

Deutlich festzustellen ist ein Streben, das kindliche Spielen aus der Perspektive Erwachsener sinnvoll (was auch immer dies bedeuten mag) und vor allem absichtsvoll zu gestalten – und dies betrifft heute nicht nur die Lern- und Hirnforschung bzw. ihre Rezeption in der Pädagogik. Mit Blick auf die Bildungsforschung insgesamt lässt sich eine Dichotomisierung zwischen Spielen und Lernen feststellen (vgl. vor allem für die USA: Spiewak Toub et al. 2016; für weitere Nationen vgl. auch: Hauser 2013, S. 12 ff.). Besonders durch Akteurinnen und Akteure des so genannten Global Education Reform Movements (GERM) wurde das Spielen im frühen Kindesalter wiederholt grundlegend infrage gestellt. Das GERM – Begriff und Akronym wurden vom finnischen Erziehungswissenschaftler Pavi Sahlberg geprägt – besteht aus verschiedenen weltweit vernetzten Institutionen, die vorrangig aus wirtschaftlichen und finanzpolitischen Gründen ausgewählte Kompetenzdimensionen von Heranwachsenden untersuchen und auf dieser Basis Empfehlungen an die Politik geben. Die wahrscheinlich prominenteste dieser Institutionen ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die in regelmäßigen Abständen die seit der Jahrtausendwende bekannt gewordenen PISA-Tests durchführt. Seit einigen Jahren plant die OECD eine International Early Learning and Child Well-being Study (IELS), in der die sprachliche und die mathematische Bildung, sozial-emotionale Fähigkeiten sowie die Regulationsfähigkeit von Kindern getestet werden (vgl. zur Übersicht: Knauf 2017). In jeder teilnehmenden Nation sollen ca. 3000 vier- bis fünfjährige Kinder untersucht werden – die Daten sollen später auch in Bezug zu den PISA-Daten gesetzt werden.

In ihrer Broschüre zur Durchführung der IELS-Studie mit dem Titel ›Early Learning Matters‹ verweist die OECD jedoch erstaunlicherweise mit keiner Silbe auf das Spielen von Kindern (vgl. OECD 2018). In der Broschüre ist lediglich die Rede von kindlichen Aktivitäten, die erfasst und beurteilt werden sollen. Spielen und Lernen erscheinen dabei als voneinander getrennt. Dies konnte zwar als notwendig operationalisierte Sprache einer empirischen Bildungsforschung verstanden werden, die durch PISA wie durch kaum eine andere großangelegte Studie repräsentiert wird. Problematisch ist jedoch, dass eine Delegation der OECD in Verhandlungen mit Nationen, die Interesse an einer Teilnahme an der IELS-Studie haben, Kinderspiele als ›verschwendete Aktivitäten‹ bezeichnet – Mathias Urban hat eine solche Rückmeldung eines Kollegen, der allerdings anonym bleiben wollte, in der Fachliteratur dokumentiert (vgl. Urban 2017, S. 20).

Bislang hat die IELS-Studie vergleichsweise eher wenig Zuspruch aus der wissenschaftlichen Frühpädagogik erhalten (vgl. Urban & Swandener 2016) und künftige Entwicklung bleiben abzuwarten (vgl. auch Wasmuth & Nitecki 2018). Auch könnte man diese Seitenblicke auf die OECD für übertrieben halten. Jedoch ist es inzwischen in den wissenschaftlichen Disziplinen, die das Feld Bildungsforschung formen, unbestritten, dass Institutionen wie die OECD, aber auch die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds einen starken Einfluss auf die Bildung in verschiedenen Nationen haben und eine Privatisierung sowie eine enge Form der Ökonomisierung des Bildungswesens fördern (vgl. Lohmann 2014; Münch 2018). Wenngleich es sich hier nur um ein ausgewähltes Beispiel handelt, bei dessen Einschätzung die Urteile in der Fachwelt unterschiedlich ausfallen: Bereits die skizzierte Diskussion um ›frühkindliche Kompetenzen‹ zeigt, dass es das Kinderspiel in jedem Fall verdient, hinsichtlich seines pädagogischen Sinns in der frühen Kindheit weiterhin beleuchtet zu werden. Dies ist vor allem notwendig, da die Auseinandersetzung mit dem Spielen allzu rasch in den Strudel der einen und stark selektiven Frage danach gerät, welche gesellschaftlich bedeutsamen Kompetenzen sich Kinder denn dabei genau aneignen. Diese Frage darf und muss zweifelsohne gestellt werden, insbesondere von Pädagoginnen und Pädagogen, die ihr Tun begründen müssen. Doch erstens ist die Frage nach dem Kompetenzerwerb im Spiel nur im Einzelfall mit Blick auf ein konkretes Spiel beantwortbar (und übrigens wird dabei viel zu selten die Perspektive der spielenden Kinder einbezogen). Und zweitens darf sie nicht die einzige Frage bleiben. Zu beachten ist auch, auf welche Art und Weise das Spielen gesellschaftlich in Anspruch genommen wird. Notwendig zu stellen ist auch die Frage nach der Veränderung der Kinderspiele, allzumal vor dem Hintergrund der rasanten technisch-kulturellen Weiterentwicklung digitaler Medien, die heute einen nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil des Aufwachsens von Kindern in den modernen Industrienationen bilden. Zentral ist schlussendlich auch die Frage nach den Orten und Sozialisationsfeldern, an bzw. in denen Kinder spielen. Denn allzu oft richtet sich der Blick auf das Kinderspiel einseitig auf Kindertageseinrichtungen.

Das Spielen an sich ist allerdings nichts Neues und schon gar kein besonderes Phänomen der Moderne. Es lässt sich vielmehr als ein Anthropologumenon bezeichnen – als ein konstitutiver Bestandteil des menschlichen Daseins seit Anbeginn unserer Gattungsexistenz. Anders formuliert: Seit es uns Menschen gibt, spielen wir. In Gesellschaften, die spezifische Formen der Trennung zwischen Arbeit und Freizeit eingerichtet haben und die Kindheit als ein Moratorium verstehen, lässt sich das Spielen vor allem in der frühen und mittleren Kindheit beobachten. Spielen gilt mithin als kindliche Lebens- und Handlungsform schlechthin. Nicht nur der Fokus auf Kindertagesstätten oder auf Familien mit kleinen Kindern legt diese Vermutung nahe; auch wenn man erwachsene Menschen fragt, was sie in ihrer frühen Kindheit getan haben, so erinnern sie sich nicht selten an das Spielen und an bestimmte Spielsituationen. Spielen in der frühen Kindheit ist schlussendlich eine kollektive Erfahrung, denn: »[d]ass Kinder spielen, kann man geradezu als ihr gemeinsames Merkmal ansehen« (Prange & Strobel-Eisele 2015, S. 118).

Dennoch existieren gerade in der wissenschaftlichen und praktischen Frühpädagogik gleich mehrere Konflikte rund um das Thema: Ist das Spielen kleiner Kinder ein von Freiheit geprägtes und zweckfreies Tun oder ist es vielmehr Mittel zum Zweck im Sinne erzieherischer Ambitionen? Was ist überhaupt ›Spiel‹ und wo liegt der Unterschied zwischen angeleitetem und freiem Spielen? Und kann das Kinderspiel junge Menschen überhaupt angemessen auf das Leben in Gesellschaften wie der unsrigen vorbereiten? Diese pädagogisch relevanten Fragen bilden den Ausgangspunkt des vorliegenden Buchs. Um sie zu klären, will ich mich dem Spielen in der frühen Kindheit aus verschiedenen Blickwinkeln nähern und die relevanten Themen in einzelnen Kapiteln schlaglichtartig beleuchten. Damit soll insbesondere Eltern und pädagogischen Fachkräften kindliches Spielverhalten in den Phasen der frühkindlichen Entwicklung verständlich gemacht werden. Zugleich wird dies jedoch nicht in der Absicht geschehen, das Spielen einseitig zu verteidigen, indem für oder gegen bestimmte Spielformen oder gar pro oder contra Spielpädagogik plädiert wird. Der Spiel- und Bildungsforscher Bernhard Hauser hat in einer tiefgehenden Literaturanalyse zur Bedeutung des Spielens in Krippen und Kindergärten darauf hingewiesen, dass wir es uns vor dem Hintergrund vielfältiger empirischer Forschungsergebnisse heute »nicht mehr leisten« können, »das Spiel der jungen Kinder dogmatisch zu verteidigen« – vielmehr sei es »an der Zeit, sich mit dem Spiel und vor allem mit dem Beitrag des Spiels zum Lernen der Kinder gründlich zu beschäftigen« (Hauser 2013, S. 14). Dies soll auch hier geschehen, indem vor allem die verschiedenen Sozialisationsfelder von kleinen Kindern in den Blick genommen werden.

Zunächst wird in Kapitel 2 jedoch eine begriffliche Eingrenzung vorgenommen, gefolgt von einem historischen Blick auf den Spiel- und Beschäftigungstrieb unter Bezugnahme auf Friedrich Fröbel in Kapitel 3. Die wichtigsten Phasen der frühkindlichen Entwicklung des Spielens werden in Kapitel 4 dargestellt. Im Anschluss daran erfolgt ein Perspektivenwechsel hin zum Erleben der Kinder und zu den alltäglichen Erfahrungen in bestimmten Spielkontexten. Da Kinder nicht nur mit Gegenständen spielen, die wir Erwachsene ihnen als Spielzeug reichen, wird in Kapitel 5 gezeigt, wie Dinge aus Sicht von Kindern zu Spielzeug werden können. Anschließend werden in Kapitel 6 die von Kindern in ihrer Freizeit genutzten Spielorte in der Wohnung und in Kapitel 7 ihre Spielorte im Freien thematisiert. Das Spielen an diesen Orten hat sich im Zuge einer Individualisierung kindlicher Freizeittätigkeiten in den vergangenen Jahrzehnten verändert, u. a. da Kinder heute »aus einer großen Bandbreite von Möglichkeiten wählen können, aber auch wählen müssen« – und dies ist insbesondere der Fall, »da sich die Freizeit nicht mehr selbstverständlich aus der Tatsache ergibt, dass ein Kind vor die Türe tritt, auf der Straße Freunde trifft und mit diesen etwas unternimmt« (Fuhs 2002, S. 637). In Kapitel 8 wird zudem ein Blick auf das Spielen in Krippe und Kindergarten geworfen und damit auf Orte, an denen Kinder nicht selten erstmals in Kontakt mit größeren Kindergruppen kommen. Ein kulturgeschichtlich neuartiges Phänomen, das derzeit vielen Erwachsenen Sorgen bereitet, ist das in Kapitel 9 umrissene Spielen mit digitalen Medien. Hierzu wird ein Überblick über die aktuelle empirische Studienlage gegeben. In Kapitel 10 soll schließlich darauf eingegangen werden, inwieweit Spielen in der frühen Kindheit zwischen Anleitung und Freispiel stattfinden kann – eine einerseits grundlegende wissenschaftliche, aber andererseits auch von pädagogischen Fachkräften und Eltern tagtäglich gestellte Frage.

Allen, die durch dieses Buch Lust aufs Weiterlesen bekommen haben, seien insbesondere die Bücher und Aufsätze in der Literaturliste ans Herz gelegt. Ich habe mich bemüht, diese Liste übersichtlich zu halten. All diejenigen Kolleginnen und Kollegen aus der Forschung, die mit ihren Untersuchungen in diesem Buch nicht genannt sind, mögen mir verzeihen – ein Buch über Grundwissen zwingt zur Reduktion und Konzentration aufs Wesentliche.

2
Spielen und Spiele, Play und Game – eine Eingrenzung

Spielen kann gefühlt unendlich vieles sein. Aus unserem Alltag in modernen Gesellschaften kennen wir unter anderem Kreisspiele, Gedankenspiele, Wettkampfspiele, Planspiele oder Glücksspiele, die jeweils für sich einen eigenen Sinn aufweisen und die verschiedentlich in Pädagogik, Wirtschaft, Populärkultur und Freizeit anzutreffen sind. Ganz grob lässt sich zunächst einmal feststellen, dass Spielen »körperliches und mentales Handeln« ist und dass im Spiel »Welten und Menschen« (inter-)subjektiv erzeugt werden (Bilstein et al. 2005, S. 7). Im Spiel stellen wir uns etwas oder jemanden vor, wir nehmen Rollen ein, wir agieren in einem ›Als-Ob‹-Modus oder wir erproben und experimentieren.

Auf den ersten Blick scheint das Phänomen also überschaubar zu sein. Doch der Schein trügt. Sobald man beginnt, die o. g. Spielgestalten auf gemeinsame Merkmale hin zu untersuchen, gelingt es kaum, eine sachliche Substanz des Spielens festzustellen. Der Kinderarzt und Kommunikationsforscher Hanuš Papoušek (1922–2000) hat daher einmal treffend festgehalten, dass das Wort Spiel »ein täuschend einfacher Begriff« ist – täuschend ist er dabei, da es »eine kaum zu meisternde Aufgabe« darstellt, ihn angemessen zu bestimmen (Papoušek 2003, S. 17). Besser lässt sich das Problem dieses Kapitels kaum auf den Punkt bringen. Von einer wissenschaftlichen Disziplin werden in der Regel möglichst klare Begriffsbestimmungen erwartet. Im Fall des Spiels würde dies jedoch nicht nur den Rahmen dieses Kapitels sprengen, es wäre vielmehr eine überhaupt erst einmal zu leistende integrative Forschungsarbeit, wie sie als Ganzes bislang kaum existiert (vgl. jedoch: Hauser 2013). Hinzu kommt, dass in den wissenschaftlichen Debatten über das Spiel nicht nur dieser Begriff, sondern unter anderem auch der des Spielens bzw. – folgt man der internationalen Forschung – auch die Begriffe play und game verwendet werden. Im Folgenden wird der Versuch einer Integration dieser Begriffe vorgenommen, ohne dabei die vollständige Tiefe der in den wissenschaftlichen Disziplinen stattfindenden Auseinandersetzung wiedergeben zu können. Stattdessen werden mit Blick auf die frühe Kindheit hier zwei zentrale Perspektiven eingenommen: die des spielenden Kindes (Spielen bzw. play) und die der Kultur, die das Kind umgibt und die Spielsituationen durch spezielle Spielangebote beeinflusst (Spiele bzw. Games).

Dabei folge ich hinsichtlich der Terminologie einer Theorie des Sozialphilosophen George Herbert Mead (1863–1931), der den Phänomenen play und game (neben Sprache) einen zentralen Stellenwert bei der Entstehung der Identität (›self‹) zugewiesen hat: Im play entwickle das Kind demnach seine Identität durch Nachahmung von Handlungen, die es in der Gesellschaft beobachtet, und im game entwickle es sich folgend weiter, indem es verschiedene Haltungen, die in gesellschaftlichen Rollen existieren, übernimmt (vgl. Mead 1934): »Der erwachsene Mensch ist durch das Tor der Kindheit in die Gesellschaft eingetreten und brachte schon eine bestimmte Identität mit, die sich aus der Übernahme verschiedener Rollen entwickelt hatte« (Mead 1968/2017, S. 417). Jedoch ist Meads Theorie als Phasenmodell angelegt und bezieht sich vorrangig auf Nachahmungs- und Rollen- sowie Regelspiele in Gruppen. Meads Unterscheidung macht deutlich, dass die Spielaktivität, die zunächst vom kleinen Kind ausgeht (play), zunehmend durch gesellschaftliche Repräsentantinnen und Repräsentanten, besonders durch so genannte signifikante Andere, kulturell überformt wird (game). Die möglichen Spielformen des Kindes sind jedoch vielfältiger und folgen nicht zwingend einer Stufenabfolge ( Kap. 4). Im vorliegenden Buch werden die beiden Begriffe play und game zur Unterscheidung des spielenden Subjekts einerseits und der auf das Spielen kulturell einwirkenden (anderen) Subjekte andererseits – vor allem Erwachsene, aber auch peers – verwendet.

2.1 Spielen bzw. Play – die Tätigkeit des spielenden Subjekts

Spielen ist nicht nur bei Menschen zu beobachten. Es ist zwar eine »anthropologische Konstante« und lässt sich sogar als ein grundlegendes Bedürfnis einordnen, denn »zu allen Zeiten haben Menschen in allen Kulturen gespielt« (Stenger 2012, S. 52). Sein universelles Vorkommen in menschlichen Kulturen ist jedoch nicht unabhängig von Rahmenbedingungen, denn »in modernen Gesellschaften und in Hirtengesellschaften« wird häufiger gespielt als etwa in »Sammlerkulturen« (Hauser 2013, S. 134). Zudem ist Spielen keine ausschließlich menschliche Tätigkeit. Auch Tiere spielen, wie bereits der Philosoph und Psychologe Karl Groos (1861–1946) in einer eindrucksvollen Beobachtungsstudie beschrieben hat (vgl. Groos 1896). Sie tun dies vor allem in Situationen, die von keinem Mangel bestimmt sind (z. B. Hunger oder Durst). Groos konnte bestätigen, was schon Friedrich Schiller (1759–1805) in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen zum Spielen notiert hatte: »Das Tier arbeitet, wenn ein Mangel die Triebfeder seiner Tätigkeit ist, und es spielt, wenn der Reichtum der Kraft diese Triebfeder ist, wenn das überflüssige Leben sich selbst zur Tätigkeit stachelt« (Schiller 1795/1913, S. 109). Wichtig ist diese Einsicht auch für das Spielen bei uns Menschen, denn dieses scheint nicht nur selbst ein Grundbedürfnis und Bedingung für ein gutes Leben zu sein. Als Bedingung dafür, dass Spielen überhaupt stattfinden kann, müssen – bei Menschen wie bei Tieren – andere Bedürfnisse zunächst erfüllt sein. Diese Bedürfnisse sind jedoch nicht nur Hunger und Durst, sondern betreffen auch andere körperlich-emotionale Zustände (vgl. Nussbaum 2018). Ein Kind spielt z. B. nicht, wenn es Schmerzen hat. Und es spielt auch nicht, wenn es Angst hat. Es muss im wahrsten Sinne des Wortes ›frei‹ von einschränkenden physischen und psychischen Zuständen sein, damit Spielen möglich wird.

Besonders gut untersucht ist das Spielen bei Säugetieren. Phylogenetische Studien – darunter vor allem Verhaltensbeobachtungen und experimentelle Versuche – an Beuteltieren, Nagetieren, Herbivoren, Carnivoren, Delphinen, Affen und Hominiden zeigen, dass diese auf verschiedenste Arten spielend tätig sind (vgl. Papoušek 2003, S. 19).2

Doch welche Merkmale kennzeichnen nun das menschliche Spiel, wenn alle notwendigen Bedürfnisse befriedigt sind und ein Kind tatsächlich eine Spieltätigkeit beginnt? Laut dem Entwicklungspsychologen Rolf Oerter lässt sich Spielen durch drei zentrale Merkmale kennzeichnen (vgl. Oerter 2008, S. 237): Erstens besitzt es immer einen »Selbstzweck«, d. h. im Spiel ist das spielende Kind immer »um der Handlung willen« (ebd.) tätig. Zweitens findet in der Spieltätigkeit immer ein »Wechsel des Realitätsbezuges« (ebd.) statt. Dies geschieht dadurch, dass Situationen fiktiv vom spielenden Kind konstruiert werden. Zudem zeigen sich drittens in allen Spielformen potenziell »Wiederholungen von Handlungen« (ebd.), die vom spielenden Subjekt zum Teil sogar exzessiv und ritualisiert betrieben werden.

2.2 Spiele bzw. Games – Versuche einer kulturellen Institutionalisierung des Spiels

Auch wenn die Spieltätigkeit eines Kindes und bestimmte Spielangebote im Ereignis des Spielens zusammenfallen können (vor allem bei Regelspielen, sofern die spielenden Kinder die Regeln tatsächlich befolgen), so herrscht dennoch eine systematische Differenz. Kinder spielen schließlich auch ohne Angebote, indem sie Alltags- oder Naturgegenstände umfunktionieren und umnutzen ( Kap. 5). Daher sind Spiele als kulturelle Angebote von der Spieltätigkeit des Kindes zu unterscheiden.

Bei uns Primaten bilden Spiele im Vergleich zur Spieltätigkeit der Tiere die »differenzierteste Ebene« des Spielens, das »in variationsreichen, frei gestalteten Formen« stattfindet (Papoušek 2003, S. 24). Diese verschiedenen Formen der Spieltätigkeit, die bestimmte Merkmale aufweisen, die sich gruppieren lassen und die sogar Regeln folgen, werden gemeinhin als Spiele bzw. im angloamerikanischen Sprachraum als Games bezeichnet. Sie werden nicht durchweg von Kindern in einer freien Spieltätigkeit – quasi durch explorierende Entdeckung – selbst entwickelt, sondern bilden aus einer (meist erwachsenen) Beobachtungsperspektive jeweils bestimmte Verhaltensmuster, die sich etwa in Konstruktionsspiele, Rollenspiele, Regelspiele und weitere Spiele gliedern lassen ( Kap. 4). Solche Spiele überhaupt festzustellen, lässt sich bereits als eine Form der kulturellen Institutionalisierung des Spielens bezeichnen, die dann ihren pädagogischen Höhepunkt findet, wenn Spiele absichtsvoll entwickelt und Kindern aus didaktischen Gründen angeboten werden. Das beste Beispiel für eine solche intendierte Schaffung von Spielen ist Spielzeug. Als Mittel zur geplanten Einwirkung auf Kinder und Jugendliche haben die Spielmittel eine lange Tradition, die in der Menschheitsgeschichte Jahrtausende zurückreicht (vgl. Retter 1979). In der Pädagogik der frühen Kindheit gelten Fröbels Spiel- und Beschäftigungsmittel ( Kap. 3) oder auch Maria Montessoris Lern- und Entwicklungsmaterialien entsprechend als ›klassisch‹.

Doch nicht nur Erwachsene bieten Kindern bestimmte Spielformate an, auch innerhalb von Kinderkulturen werden bestimmte Spiele weitergegeben. Dies meint keine Kultur für Kinder, die von Erwachsenen intentional geschaffen und z. T. geschäftsmäßig beworben wird, sondern eine Kultur von Kindern für Kinder. Ein wichtiges, wenn nicht sogar das zentrale Element einer solchen Idee von Kinderkultur ist das Spielen selbst: »Dabei lernen sie über sich und die Welt, und dies in eigener Regie und ohne Pädagogik« (Wegener-Spöhring 2011, S. 27). Diese besondere Form der Games entsteht quasi zur reinen Unterhaltung und Freizeitbeschäftigung, sprich: um des Spielens selbst willen.

Während im 20. Jahrhundert Nachbarschaften und Schulhöfe entsprechende Orte der Weitergabe und Vermittlung verschiedenster Kinderspiele von Kindern für Kinder waren (vgl. Friedl 2015), so haben wir es heute jedoch mit einer deutlich komplexeren Situation zu tun.3 Gegenwärtig besteht in modernen Industrienationen eine deutlich breitere Auswahl und Vielfalt an verfügbaren Spielangeboten – auch und gerade in der frühen Kindheit. Hinzugetreten sind gänzlich neue Spiele, darunter auch die digitalen Spiele auf festen und tragbaren Spielkonsolen, Tablets und Smartphones (bei denen im Übrigen ebenso wie bei Spielen an Straßen, in Höfen und auf Schulhöfen eine Weitergabe von Spielhandlungen und -techniken von Kind zu Kind vermutet werden darf).

Es ist allerdings auch festzuhalten: Dem spielenden Subjekt sind solche Gliederungen von Spielangeboten und Verhaltensweisen in der tatsächlichen Handlung des Spielens wahrscheinlich ziemlich gleichgültig. Für das spielende Kind sind Lusterfüllung oder Spannung in der Spieltätigkeit entscheidende Aspekte für Beginn, Durchführung und Dauer des Spielens (vgl. Hauser 2013).

2.3 Was bleibt außer der Vielfalt an Begriffen und einer gewissen Unschärfe?

Die oben vorgenommene Unterscheidung zwischen Spielen (als subjektive Spieltätigkeit) und Spiel (als kulturelles Angebot von Spielhandlungen und/oder -materialien) ist insbesondere für pädagogische Situationen zwischen den Generationen relevant: Was ein Kind spielt bzw. was für Kinder tatsächlich ein Spiel ist, sieht für Pädagoginnen und Pädagogen nicht immer nach einem Spiel aus. Die wohl bekannteste und am meisten diskutierte Spielform, die hierfür als Beispiel dienen kann, ist das im Einzelfall gar nicht so leicht einzuschätzende Rough-and-Tumble-Play, bei dem Kinder körperliche Auseinandersetzungen simulieren, die aber auch an der Grenze zur körperlichen Gewalt stattfinden können. Gerade dies scheint aus Sicht von Kindern aber auch der Reiz solcher Spiele zu sein, die von Erwachsenen nicht selten unterbrochen werden, weil sie aus deren Sicht eben nicht als Spiele gelten. Auf der anderen Seite machen sich Erwachsene nicht selten viel Mühe, das kindliche Spielen absichtsvoll zu initiieren. Erfahrungsgemäß führt dies aufseiten von Kindern aber nicht zwangsläufig zu einer Spieltätigkeit.

Wie bereits angedeutet wurde, ist es schwierig, die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten des Spiels auf einen Begriff zu bringen, und dies hat nicht allein mit der Sache an sich zu tun. Ein weiterer »Grund für diese Schwierigkeiten liegt möglicherweise in der deutschen Sprache, die mit dem Wort ›Spiel‹ viele und recht unterschiedliche Sachverhalte belegt« und dabei ein regelrechtes »Feuerwerk an sprachlichen Analogien und Metaphern« bereithält (Fritz 2004, S. 14). Dementsprechend lässt sich das Phänomen Spiel auch in Bildungssituationen keineswegs leicht erkennen und es ist außerdem auch »gar nicht ausgemacht, dass das, was wir als Beobachter für kindliches Spiel ansehen, für das Kind selber eben diese Bedeutung hat« (Prange & Strobel-Eisele 2015, S. 122). Dieser subjektiv begründeten Komplexität gemäß sind auch die wissenschaftlichen Debatten über das kindliche Spiel vielfältig. Sie bewegen sich zwischen Ethnologie und Kulturgeschichte, Kunst und Sprachwissenschaft sowie Entwicklungspsychologie und Pädagogik. In der wissenschaftlichen Literatur der vergangenen 200 Jahre finden sich zahlreiche Versuche zur Bestimmung eines Spielbegriffs. Eine besondere Hürde bei den allerdings wenigen Versuchen, einen allgemeinen Spielbegriff herzuleiten, bilden die unterschiedlichen Ansprüche an das Spiel. Hierbei vermengen sich meist die Ideen darüber, was das Spiel ist (faktische Begriffsbestimmung) und wie das Spiel sein sollte (welche Aufgaben es in einer Gesellschaft oder für das spielende Individuum zu erfüllen hat).

Bei allen Unterschieden lässt sich jedoch grundlegend festhalten: Damit ein Spiel überhaupt geschieht, muss jemand spielen, d. h. spielend tätig sein. Spiel ist dabei ein variables Geschehen, das verschiedenen Mustern und Handlungsrahmen folgt und dementsprechend in unterschiedlichen Gestalten auftritt ( Kap. 4, die Formen des Spiels). Spielen ist jedoch als subjektive Tätigkeit desjenigen Menschen, der spielt, immer ein absichtsvolles und gegenstandsbezogenes Handeln (vgl. Oerter 2011). In diesem Sinne prägte das Spielen seit Anbeginn der menschlichen Gattungsexistenz unser Verhaltensrepertoire und tut dies noch immer. Absichtsvoll ist das Spielen in dem Sinne, dass Menschen nur dann spielen, wenn sie auch spielen wollen. Sie lassen sich nicht dazu zwingen und müssen schon ein Mindestmaß an Lust mitbringen, um ein Spiel überhaupt zu beginnen. Die Motivation zum Spielen kommt somit »von innen heraus« (Mietzel 2002, S. 155). Gegenstandsbezogen ist das Spielen zudem, da es sich aus der Sicht des Menschen als ›Subjekt‹ immer auf ein ›Objekt‹ richtet. Diese Objekte können materiell (Dinge, Menschen) oder geistig (Ideen, Gedanken) bzw. körperlich (eine bestimmte Fertigkeit wie z. B. Seilspringen) sein.4 Wenn Kinder spielen, verfolgen sie somit Absichten und Interessen und richten diese immer auf ›etwas‹. Dieses ›etwas‹ bildet entweder unmittelbar das Thema des Spiels (z. B. der Ball) oder aber es erfüllt zumindest eine Funktion in der Auseinandersetzung mit einem Thema (das Hin- und Herrollen des Balls). Nicht selten finden im Spiel zudem Gegenstände Verwendung, die durch die spezifische Spieltätigkeit – insbesondere des kleinen Kindes – eine Spielbedeutung erlangen, die sich von der üblichen, durch die Erwachsenenwelt zugeschriebenen unterscheidet (vgl. Ėl’konin 1980/2010, S. 335; Kap. 5).

2 Nicht alle körperlichen Reaktionen wie auch Emotionen von Kindern sind jedoch hinderlich für das kindliche Spiel. Manche bieten sogar Spielanlässe. Unter Rückgriff auf die pädagogische Theorie Wolfgang Sünkels lassen sich solche emotionalen innerlichen Akte als »spontane Tätigkeitsdispositionen« bezeichnen, die etwa als »Liebe, Trauer, Freude, Empörung, Hass, Verzweiflung« (Sünkel 2011, S. 59) usw. Aneignungssituationen und damit auch Spiele regelrecht befördern können. Vor diesem Hintergrund bieten sich Spiele z. B. sogar an, um Kindern die Angst vor einer OP, vor einem Besuch bei einer Zahnärztin usw. zu nehmen.

3 Formeln wie »[v]om Straßenkind zum verhäuslichten Kind« (Zinnecker 1990, S. 142) zeigen gewisse Veränderungen des Alltags von Kindern vom 19. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein an. Allerdings ist es heute mitnichten der Fall, dass häusliche Kinderspiele die Spiele im Freien abgelöst hätten ( Kap. 6 und 7).

4 Insbesondere diese in der Spieltätigkeit von Kindern ausgeübten Fertigkeiten zeigen uns Erwachsenen meist sehr anschaulich, welches Können sich Kinder im Modus des Spiels bereits angeeignet – sprich: gelernt – haben (vgl. grundlegend: Sünkel 2011).

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Spielen als Folge des Spiel- und Beschäftigungstriebs – eine Erinnerung an Friedrich Fröbel

Wer sich mit dem Spielen in der frühen Kindheit beschäftigt, kommt an einer Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kinderspiels und dabei auch an Friedrich Fröbel (1782–1852) und den von ihm ausgebildeten Kindergärtnerinnen nicht vorbei. Laut dem Erziehungshistoriker Frithjof Grell (2013) war es Fröbel, dem erstmals in der Geschichte der Pädagogik eine »überzeugende Lösung der Aufgabe« gelungen sei, »Kindern im Vorschulalter die Welt in einer geordneten und zugleich sinnlich erfahrbaren Form zugänglich zu machen« (ebd., S. 158). Im Jahr 1840 gründete Fröbel in Blankenburg den weltweit ersten Kindergarten. Für diese neuartige Institution hatte er ein grundlegend reformiertes spielpädagogisches Handlungskonzept für frühpädagogische Fachkräfte entworfen und nach 1840 gemeinsam mit Kindergärtnerinnen, die aus seinen Ausbildungskursen mit dieser neuen Berufsbezeichnung hervorgingen, erprobt und weiterentwickelt (vgl. Sauerbrey & Winkler 2018). Am Wichtigsten für das Verständnis dieser neuen Spielpädagogik für den Kindergarten – im Übrigen aber auch für die Familie – ist der so genannte Spiel- und Beschäftigungstrieb des Kindes. Die Impulse in Fröbels Biografie, die zur Entwicklung dieser Idee beigetragen haben, werden im Folgenden knapp skizziert. Im Anschluss wird die Bedeutung des aus Fröbels Sicht »gesetzmäßig verlaufenden Spieltrieb[s]« (Höhne 2016, S. 185) aufgezeigt.

3.1 Pädagogische Impulse in Fröbels Biografie

Fröbel wurde als sechstes Kind seiner Familie in Oberweißbach im Thüringer Wald geboren. Seine Mutter starb wenige Monate nach seiner Geburt. Sein Vater, ein protestantischer Pfarrer, betreute neben Oberweißbach weitere Orte als Seelsorger. Vor diesem Hintergrund war Fröbel schon früh weitgehend auf sich selbst gestellt. In seinen Briefen beschrieb er später, dass Selbsterziehung und Selbstbetrachtung seine Kindheit geprägt haben (vgl. Sauerbrey & Winkler 2018). Die spätere Suche nach einem zufriedenstellenden Beruf blieb lange Zeit erfolglos – einer Ausbildung als Feldvermesser folgte ein Studium der Naturwissenschaften an der Jenaer Universität, das aber bereits nach kurzer Zeit abgebrochen wurde, im Anschluss erneut eine Arbeit als Feldvermesser, dann als Gutsverwalter, dann als Sekretär. Im Juni 1805 reiste Fröbel schließlich nach Frankfurt am Main, um sich als Architekt auszubilden. Inmitten dieser Suche nach einem zufriedenstellenden Beruf kam Fröbel dort an einer Reformschule mit der Pädagogik Johann Heinrich Pestalozzis (1746–1827) in Kontakt. Fröbels erste Reaktion in einem Brief an seinen Bruder war begeistert: »[E]s war mir, als wäre ich […] zu diesem Geschäfte geboren« (Heiland 1982, S. 20). Neben der Anstellung als Lehrer in der Schule arbeitete Fröbel auch als Hauslehrer bzw. Privaterzieher und hospitierte in der Schweiz am Institut des seinerzeit bereits prominenten Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi, wo Fröbel dessen ›Elementarbildung‹ als Vermittlungsmethode kennenlernte und erprobte. Fröbel übernahm jedoch nicht bloß Ideen Pestalozzis, der seine Elementarbildung als pädagogische Universalmethode verstand, sondern entwickelte auch eigene Ansätze. Vor allem hatte Fröbel erkannt, dass für das Lernen jüngerer Kinder eine besondere Form des pädagogischen Handelns erforderlich ist, die gerade nicht durch eine Universalmethode ersetzt werden kann (vgl. Sauerbrey & Winkler 2018). Doch erst später sollte er diese Idee wieder aufgreifen und für die Frühpädagogik fruchtbar machen. Gemeinsam mit einigen Mitstreitern gründete Fröbel 1816 zunächst die ›Allgemeine Deutsche Erziehungsanstalt‹ – eine Schule ähnlich der späteren Landerziehungsheime, die 1817 ihren festen Sitz in Keilhau bei Rudolstadt fand und die noch heute dort in Form einer Gemeinschaftsschule fortbesteht. Unterstützung bei der Erziehung der Kinder bekam Fröbel von seiner Ehefrau Henriette Wilhelmine Hoffmeister. Ausgehend von seinen bisherigen pädagogischen Erfahrungen schuf er in Keilhau nun sein pädagogisches Hauptwerk mit dem Titel ›Die Menschenerziehung‹ (vgl. Fröbel 1826/1982). Das Buch wurde 1826 veröffentlicht und gilt noch heute als Grundlage der Pädagogik Fröbels. An zahlreichen Stellen findet sich darin die pädagogische Praxis der Keilhauer Schule, aber auch der Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern wird bereits beschrieben. Dabei hebt Fröbel ausführlich die Bedeutung des Spiels im frühen Kindesalter hervor. Spiel sei demnach keine »Spielerei«, es habe vielmehr »hohen Ernst und tiefe Bedeutung« (ebd., S. 36). Diese Idee war ebenso wie Fröbels Bild vom Kleinkind eher unzeitgemäß: Im Kind sei Göttliches angelegt und somit sei es von Grund auf gut. Erziehung bedeute vor diesem Hintergrund immer die Anregung einer bereits vorhandenen (für Fröbel: göttlichen) Kraft im Kind. Bei einer solchen Erziehung im Sinne Fröbels bilden das Sich-Bewusstwerden und die Selbstbestimmung des Kindes zentrale Elemente der menschlichen Entwicklung (vgl. ebd.).

Zwischen 1831 und 1836 lebten Fröbel und seine Gattin in der Schweiz, wo er an weiteren Erziehungseinrichtungen arbeitete. Ende 1836 kehrte das Ehepaar jedoch zurück und nahm seinen Wohnsitz in Blankenburg nahe Keilhau. In der Schweiz hatte Fröbel seine früheren Ideen zu einer besonderen Form pädagogischen Handelns in der frühen Kindheit weiterentwickelt (vgl. Sauerbrey 2013). Diese Handlungsform, das Spielen bzw. das Arrangieren und Begleiten von Kinderspielen, darf jedoch nicht als starre ›Methode‹ verstanden werden. Sie war nicht wie Pestalozzis Idee der Elementarbildung für Kinder aller Altersklassen vorgesehen. Fröbels Pädagogik orientierte sich – gemäß seinem Erziehungsverständnis und seinem Bild vom Kind – vielmehr an der Entwicklung des einzelnen Menschen. In Blankenburg arbeitete er diesen Ansatz in zahlreichen Aufsätzen und Briefen zu dem aus, was wir heute als seine Spielpädagogik kennen (vgl. Heiland 1998).

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
19 grudnia 2025
Objętość:
122 str. 4 ilustracji
ISBN:
9783170347755
Właściciel praw:
Bookwire
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