Czytaj książkę: «Sand Talk»
Tyson Yunkaporta ist Angehöriger des im westlichen Kap York beheimateten Apalech Clans und Dozent für Indigenes Wissen an der Deakin University in Melbourne. Er hat sich eingehend mit den Sprachen der Aborigines befasst und war in der indigenen Bildung tätig. Zu seinen Forschungsfeldern gehören die mündliche Überlieferung von Naturkatastrophen, Sprache, Gesundheit und Erkenntnis. Er hat Gedichte veröffentlicht und als Künstler traditioneller Holzschnitzkunst an Ausstellungen teilgenommen.
Tyson Yunkaporta
Sand Talk
Das Wissen der Aborigines und die Krisen der modernen Welt
Aus dem Englischen von Dirk Höfer

Inhalt
Das Stachelschwein, das Paläo-Denken und der Große Entwurf
Albinojunge
Erstes Gesetz
Die Grenzen des »Für immer«
Linien im Sand
Von Geist und Geistern
Hoch entwickelt und hellhäutig
Steinzeit-Romantik
Falsche Apostrophe
Limo gegen Kopfschmerzen
Entenjagd geht jeden etwas an!
Unerschütterlich trifft auf Unwiderstehlich
Sei wie dein Land!
Wohin des Wegs
Danksagungen
Glossar
Das Stachelschwein, das Paläo-Denken und der Große Entwurf
Manchmal frage ich mich, ob Ameisenigel mitunter an der gleichen Wahnvorstellung leiden, wie sie viele Menschen befällt, nämlich, dass ihre Art das geistige Zentrum des Universums ist. Klug genug sind sie: Ihr präfrontaler Cortex, der Bereich des Gehirns, der für komplexes Denken und Entscheidungsfindung zuständig ist, ist bei ihnen im Verhältnis zur Körpergröße größer als bei allen anderen Säugetieren. Fünfzig Prozent des Ameisenigelgehirns werden für die schwierigsten Aspekte des Denkens verwendet. Beim Menschen sind es nur dreißig Prozent.
Dies anerkennend, erweise ich den fühlenden totemistischen Wesen ganz Australiens meinen Respekt, jenem Land, in dem die Ameisenigel oder Echidnas den Traumpfaden (songlines) ihrer Erschaffung folgen: Erzählungen als Landkarten, die Wissen entlang jener Energielinien transportieren, die sich als Gesetz in dem als eins gewussten Denken und Land manifestieren und sich netzartig durch die traditionellen Länder der Ersten Völker ziehen.
Vielleicht möchtest du dich mir anschließen, wenn ich den Menschen und anderen Lebewesen überall, die das Gesetz des Landes bewahren, meinen Respekt erweise:
Den Ältesten und traditionellen Hütern all jener Orte, an denen dieses Buch geschrieben wurde und gelesen wird.
Den Vorfahren, den Ahnen eines jeden Volkes, das heute auf diesem Kontinent und seinen Inseln lebt.
Unseren nichtmenschlichen Verwandten, denen auch die verschiedenen stacheligen Arten überall auf der Welt angehören, die Stachelschweine und Igel, die in der Erde nach Ameisen schnüffeln und dann weiß Gott was tun, wenn wir nicht hinsehen.
Ich weiß nicht, warum Stephen Hawking und andere sich Sorgen machen über hochintelligente Wesen von anderen Planeten, die auf die Erde kommen und mit ihrem fortgeschrittenen Wissen der Welt das antun könnten, was die industrielle Zivilisation ihr schon längst angetan hat. Wesen höherer Intelligenz sind bereits unter uns, waren sie schon immer. Sie haben ihre Intelligenz bloß noch nicht darauf verwendet, alles zu zerstören. Vielleicht tun sie es, sobald sie der Inkompetenz des domestizierten Menschen müde werden.
Alle Menschen haben sich über lange Zeit in vielschichtigen, landverbundenen Kulturen entwickelt und ein Gehirn mit einer Kapazität für über hundert Milliarden Nervenverbindungen ausgebildet, von denen wir heute nur einen kleinen Bruchteil einsetzen. Die meisten von uns sind aus solchen Ursprungskulturen vertrieben worden, eine weltweite Diaspora von Geflüchteten, die nicht nur vom Land selbst, sondern auch von dem unverfälschten Genius abgeschnitten sind, der dem Gefühl einer symbiotischen Beziehung zu ihm entspringt. Im Australien der Aborigines erzählen uns die Ältesten Geschichten, uralte Erzählungen, um uns vor Augen zu führen: Wenn du dich nicht mit dem Land bewegst, wird das Land dich bewegen. Siedlungen und die Zivilisationen, aus denen sie hervorgehen, sind nie von Dauer. Der Grund, warum all die leistungsstarken, in den Himmel gerichteten Instrumente noch keine hoch technisierten Alien-Zivilisationen entdeckt haben, könnte darin liegen, dass solche nicht nachhaltig agierenden Gesellschaften nicht lange genug bestehen, um Spuren im Weltall zu hinterlassen. Ein beunruhigender Gedanke.
Vielleicht müssen wir die brillanten Denkpfade unserer paläolithischen Urahnen von Neuem abgehen und dabei so viele geistige Funktionen zurückgewinnen, dass wir das unerträgliche, von der Zivilisation angerichtete Durcheinander wieder geraderücken können, bevor die Echidnas beschließen, uns alle zu feuern und den Planeten unter die Aufsicht ihrer Spezies zu stellen.
Die Geschichten, die heutzutage unser Denken bestimmen, beschreiben einen ewigen, aus einer Ursünde entspringenden Kampf zwischen Gut und Böse. Aber diese Bezeichnungen sind nur Metaphern für etwas, das schwieriger zu erklären ist, ein relativ junges Verlangen, der Komplexität der Schöpfung Einfachheit und Ordnung aufzuzwingen, ein Verlangen, das einem uralten Samen entspross, dem Samen des Narzissmus, der aufgrund eines neuen Ungleichgewichts in den menschlichen Gesellschaften aufging.
Es gibt ein Muster im Universum und in allem, was darin ist, und es gibt Wissenssysteme und Traditionen, die diesem Muster folgen, um ein Gleichgewicht zu wahren, um die Versuchungen des Narzissmus in Schach zu halten. In jüngster Zeit allerdings sind Traditionen entstanden, die die Schöpfungssysteme aufbrechen wie ein Virus, komplexe Muster mit künstlicher Einfachheit infizieren und über das, was bisweilen für Chaos gehalten wird, zivilisierende Kontrolle ausüben. Die Sumerer fingen damit an. Die Römer haben es perfektioniert. Die Anglosphäre hat es geerbt. Heute ist die Welt in diesem Morast versunken.
In Wirklichkeit ist der Krieg zwischen Gut und Böse eine Überlagerung von Weisheit und Komplexität mit Dummheit und Einfachheit.

Ein Stoß Seiten, gefüllt mit Zeichen, die Sprachlaute wiedergeben, ist eine komplizierte Art der Kommunikation, insbesondere wenn man das Muster der Schöpfung in einem praktischen Sinn vermitteln möchte, in einem Sinn, der die Krisen, denen die Welt heute gegenübersteht, beleuchten könnte. Kompliziert, nicht komplex. Das sind zwei verschiedene Dinge. Die Welt, durch eine Linse der Einfachheit betrachtet, lässt die Dinge komplizierter, zugleich aber weniger komplex erscheinen.
Für einen indigenen Australier, der aus einer mündlichen, stark auf persönlichen Austausch und wechselseitige Verpflichtungen angewiesenen Kultur kommt, wird, wenn er Symbole für Sprachlaute aufschreiben soll, damit Fremde sie lesen können, das Ganze noch komplizierter. Zusätzlich erschwert wird dies, wenn das Publikum einer bestimmten Vorstellung von Authentizität anhängt und in dem Verfasser lediglich den Angehörigen einer kulturellen Minderheit sieht, die das Recht, sich selbst zu definieren, eingebüßt hat. In der Sprache der Besatzungsmacht flüssig schreiben zu können, scheint dem Umstand zu widersprechen, dass der Autor einer indigenen Gemeinschaft angehört, von der nicht erwartet wird, über sich selbst überhaupt etwas zu Papier bringen zu können. Ich sehe mich also an dieser Stelle veranlasst, zu erklären, wer ich bin und was mich dazu brachte, dieses Buch zu schreiben.
In meiner eigenen Welt kenne ich mich so, wie mich meine Gemeinschaft kennt: als einen Jungen, der dem Apalech Clan aus dem westlichen Kap York angehört, ein Sprecher des Wik Mungkan mit Verbindungen, auch solchen, die auf Adoptionen zurückgehen, zu zahlreichen Sprachgruppen auf dem gesamten Kontinent. Manche dieser Adoptivbande sind informell – etwa diejenigen, die ich nach New South Wales und Western Australia habe –, meine vor zwei Jahrzehnten erfolgte Traditionelle Adoption in den Apalech Clan steht jedoch unter dem Aborigine-Gesetz, das streng und unveräußerlich ist. Dieses Gesetz verhindert, dass ich mich mit meinen nungari/ koori/schottischen Abstammungslinien identifiziere, und verlangt, dass ich ausschließlich jene Namen, Rollen und Genealogien annehme, die sich aus der Mitgliedschaft im Apalech Clan ergeben. Dies erkenne ich rückhaltlos an, auch wenn ich damit auf viel Unverständnis stoße und es mich lächerlich aussehen lässt: Wo mir die Leute im Süden erzählen, ich würde aussehen wie ein Inder, ein Araber oder ein Latino, sehe ich, neben meinem sehr dunkelhäutigen Adoptivvater stehend, wie Nicole Kidman aus.
Meine Lebensgeschichte hat nichts Erlösendes oder Inspirierendes, und ich erzähle sie nur ungern. Sie beschämt und traumatisiert mich, und ich muss mich selbst sowie andere schützen, die den Wirbelstürmen dieser chaotischen Kolonialgeschichte ausgesetzt waren. Doch die Leute bestehen darauf, etwas darüber zu erfahren, bevor sie meine Texte lesen, deshalb hier die Kurzversion.
Ich bin in Melbourne geboren, kam aber als kleines Kind in den Norden und wuchs, von Benaraby bis Mount Isa, in einem Dutzend entlegener oder ländlicher Gemeinden Queenslands auf. Nach einer schwierigen und manchmal entsetzlichen Schulzeit wurde ich schließlich, in einem Wirbel fliegender Fäuste und in meiner kulturellen Identität gestört, als zorniger junger Mann auf die Welt losgelassen. Die übelsten Szenen aus Filmen wie Die letzte Kriegerin, Conan, der Barbar und Goodfellas zusammengenommen, und man kann sich in etwa vorstellen, was damals passierte. Als Kind war ich nicht gerade ein Sonnenschein, und auch als ich, volljährig geworden, mein Leben selbst in die Hand nahm, verbesserte sich meine Gemütslage nicht. Und dafür gebe ich niemandem die Schuld außer mir.
Dass ich meinen »Stamm« unten im Süden ausfindig machte und mich wieder mit ihm verband, konnte den lange gehegten Traum, heimzukehren, nicht erfüllen, und ich fühlte mich ziemlich verzweifelt und allein. Aber nicht alles war schlecht. Ich konnte mich glücklich schätzen, bis zu diesem Punkt meiner Lebensreise recht viele Fragmente landverbundenen und kulturellen Wissens aufgeschnappt zu haben. In den 1990er-Jahren arbeitete ich als Lehrer, organisierte an den Schulen, an denen ich Theaterkurse gab und Sprachen unterrichtete, Förderprogramme für Aborigine-Schüler, fertigte meine Didgeridoos und Speere und Clapsticks an und tanzte auf Corroborees, jagte Kängurus und übte mich in den über die Jahre angeeigneten exotischen Elementen meiner Kultur. Aber dies alles war wie abgekoppelt, leer, blieb nur Fragment und Dekoration. Mich schaudert, wenn ich daran denke.
Irgendwie schaffte ich es sogar, inmitten dieses ganzen Chaos zu studieren, zu heiraten und zwei schöne Kinder zu bekommen, aber mein Leben war derart von Gewalt und Drogenmissbrauch geprägt, dass ich kaum einen echten Menschen abgab – lediglich ein aus extremen Reaktionen und Wut bestehendes Bündel. Mit Ende zwanzig lebte ich oben im Norden, ein verrohter Einzelgänger ohne Familie und Lebenssinn. Zu lange hatte ich mit dem Etikett »Halb-Aborigine« oder »Weißer mit Einschlag« gelebt und war dafür in den Einrichtungen, in denen ich arbeitete oder studierte, verspottet worden. Mit den endlos wiederkehrenden Fragen bezüglich meiner Identität kam ich nur schlecht zurecht. »Du bist doch kein Weißer? Welchen Hintergrund hast du? Aborigine? Nein, oder, du siehst wie ein Weißer aus. Wie viel Prozent Aborigine? Na ja, ein bisschen steckt ja in jedem von uns. Denke mal, die meisten Australier würden mit einem Bluttest und ein bisschen Ahnenforschung eine Aborigine-Abstammung bescheinigt bekommen.«
Oben im Norden trieben mich die rassistischen Anspielungen, mit denen ich konfrontiert war, in den Wahnsinn. Ich geriet völlig aus der Spur und war so gut wie am Ende. In einer fürchterlichen Nacht fanden mich Dad Kenlock und Mum Hersie in einem selbst verschuldeten lebensbedrohlichen Zustand und retteten mein Leben. Im Jahr zuvor hatten sie ihren jüngsten Sohn verloren – er war in meinem Alter gewesen und so wie ich in Gefahr geraten –, und sie beschlossen, mich als ihren eigenen Sohn aufzunehmen. Seither gehöre ich zu ihnen.
Diese Familie wurde also zu meinem Lebenszentrum, um das ich kreiste. Ich lebte länger am Kap York als an jedem anderen Ort zuvor und nahm Familienmitglieder mit in den Süden, wenn ich mich dort für verschiedene temporäre Jobs aufhielt. Auf diese Weise erhielten sie Zugang zu besseren Bildungsangeboten und zu Dienstleistungen, die in unserer Heimatgemeinde fehlten. Zu Hause gab es ohnehin keine richtige Arbeit, sodass Dad Kenlock mich aufforderte, hinaus in die Welt zu gehen und mit meinem Wissen »für die Rechte und Kultur der Aborigines zu kämpfen«.
Regelmäßig fuhr ich von zu Hause weg, um überall in Australien mit indigenen Gruppen und Gemeinschaften zu arbeiten, während meine Kinder und ihre Mutter sowie mein erweiterter Familienkreis meine langen Abwesenheiten zu ertragen hatten. Ich mehrte mein Wissen, zahlte dafür aber einen Preis. Ich musste hart arbeiten und studieren, um meine Kinder sowie weitere von mir abhängige Familienmitglieder zu unterstützen, aber ich musste auch in meiner Kultur leben und wachsen. Keine geringe Sache. Beides zugleich zu tun, ist unmöglich, ohne dass die wichtigsten persönlichen Beziehungen Schaden nehmen. Der Versuch kostete mich schließlich meine Ehe. Ich verpasste unzählige Beerdigungen und Geburtstage und wurde in meiner Gemeinschaft als schlechtes Beispiel angeführt: »Zu viel Arbeit und Schule, nicht gut, du wirst enden wie Bruder Ty.«
Doch was ich erwarb, war wichtig. Ich lebte während dieser Zeit meist draußen im Busch und stand in ganz Australien in engem Kontakt mit zahlreichen Ältesten und Wissensbewahrern, die mein Wissen über das alte Gesetz, das Gesetz des Landes, vertieften. Ich arbeitete mit Aborigine-Sprachen, Traumpfaden und philanthropischen Gruppen, an Schulen, Ökosystemen, Forschungsprojekten und Holzschnitzereien.
Auf meinen Reisen erkannte ich, dass es nicht die Welt der Gegenstände war, die uns erdete und erhielt, sondern die Art zu denken. Ich suchte also nach Worten und Bildern, um die indigenen Muster des Denkens, des Seins und des Tuns auszudrücken, die gewöhnlich unsichtbar sind und, weil unser Hauptaugenmerk exotischen Gegenständen und Darbietungen gilt, oft im Verborgenen bleiben. Diese Ideen begann ich, ins Englische zu übersetzen und in Druck zu geben, damit andere sie verstehen und unsere eigenen Leute sie bestätigen würden, während ich zugleich meinen Master und meine Promotion abschloss und Texte veröffentlichte. Als ich kürzlich nach Melbourne zog, um eine Zeit lang an meinem Geburtsort zu leben und zu arbeiten, begann ich, Artikel zu schreiben, die sich dieser Perspektive annahmen. Ich wurde gefragt, ob ich nicht ein Buch über die Themen dieser Artikel schreiben wollte, und hier ist es nun. Ich schreibe dies nur ein paar Straßen von dem Ort entfernt, an dem ich geboren wurde, und versuche, mich an das Stadtleben anzupassen und das Chaos zu beseitigen, das ich in den vergangenen fünf Jahrzehnten angerichtet habe.
Wie bereits gesagt, ist dies keine inspirierende, von Erlösung und dem Triumph über Widrigkeiten handelnde Geschichte. Ich bin weder eine Erfolgsstory noch Vorbild und auch kein Experte oder etwas Ähnliches. Ich bin immer noch ein reizbarer, aggressiver Junge, der sich vor der Welt fürchtet, obwohl dies inzwischen von einem ruhigen und einsichtigen Kern abgemildert wird, den in mir wachsen zu lassen meine Familie große Mühen aufgewendet hat. Dies hält mich am Leben, zusammen mit einem über den ganzen Kontinent reichenden Netz an verwandtschaftlichen Beziehungen und kulturellen Bindungen, dem ich mich verpflichtet fühle und das von mir verlangt, mich respektvoll und fürsorglich in der Welt zu bewegen. Oder es zumindest zu versuchen: Es gelingt mir nicht immer. Aber es gibt viele Menschen, die mir beistehen, mich bedingungslos in Schutz nehmen, und wenn ich unterwegs bin, gibt es immer ein Bett, eine Geschichte und eine Mahlzeit für mich. Meine Frau, meine Kinder und meine Gemeinschaft geben mir Kraft und halten mir den Rücken frei, so wie ich ihnen den ihren freihalte. Ich weiß, wer ich bin, wo ich hingehöre und wie ich mich selbst nenne, mehr braucht es nicht.
Wenn ich jedoch nicht zu Hause bei meiner Gemeinschaft bin, gibt es Leute, die mich in unvertraute Kategorien stecken möchten, und oft liegt es nicht an mir, wie ich mich nennen soll. Häufig muss ich mich Bama nennen, weil im Süden die Alten darauf bestehen. Auch wenn ich weiß, dass das Wort einfach nur »Mann« bedeutet und ich es eher mit einem p als mit einem b ausspreche. Oder dass sich in meiner Gemeinschaft eine Person nur in einer Situation als pama bezeichnen würde, in der sie, sich mit ihrer außerordentlichen Männlichkeit brüstend, einen Kampf anzetteln möchte. »Ngay pama! Ich bin ein Mann!« Oder dass ich im Grunde genommen noch nicht initiiert bin, das heißt, dass ich im Alter von siebenundvierzig noch immer nur über das kulturelle Wissen und den Status eines vierzehnjährigen Jungen verfüge. Auf dem Initiationsgelände zu Hause ist ein Swimmingpool gebaut worden, sodass diese Übergangsriten nicht mehr stattfinden. Wie heißt es so schön: Wenn du in Rom bist, mach es wie die Römer, also sehe ich mich meist genötigt, meine Identität in mundgerechte Stücke zu brechen, wenn ich mich vorstelle, und nenne mich Bama.

Da ich schon von Rom spreche: Es ist natürlich nichts Neues, dass imperiale Kulturen indigenen Menschen Klassifikationen aufbürden. Die Römer ordneten die Gallier in drei Gruppen ein: die Toga tragenden Gallier (im Grunde Römer mit Schnurrbart), dann die kurzhaarigen (halb zivilisierten) Gallier und schließlich die langhaarigen (barbarischen) Gallier. Zwar habe ich den größten Teil meines Lebens in Australien als langhaariger Gallier verbracht, muss mich aber fragen, ob ich überhaupt noch ein Anrecht habe, mich als solchen zu bezeichnen. Wenn ich ehrlich bin, muss ich eingestehen, mich nicht erinnern zu können, wann ich das letzte Mal außerhalb von Beerdigungsfeiern Schildkröte gegessen habe, also als zu meinem Lebensstil gehörig und nicht als Gedenken an verstorbene Menschen und vergangene Zeiten. Meine Füße, Hände und mein Bauch sind weich geworden, und ich benutzte den Begriff »Neoliberalismus« weitaus häufiger als das Wort miintin (Schildkröte). Ich denke vielleicht: »Oh, jetzt ist ja die Zeit, um Schildkröteneier und Yams auszugraben und die Wildschweine, die sich damit vollfressen, werden schön fett sein. Ich sollte auch wilden Sugarbag-Honig sammeln gehen.« Aber ich stehe in Melbourne in einem Zug und pendle täglich zur Arbeit, weil ich weder Geduld noch Disziplin genug aufbringe, irgendwo auf dem Land in einem Work-for-the-Dole-Programm zu versauern und darauf zu warten, am Wochenende Schweine jagen zu gehen. Ich muss einräumen, ich bin eine Art kurzhaariger Gallier.
Kurze Überlegung: An welchen Gallier würde sich ein Römer wenden, der im Indigenen Wissen Lösungen für die Zivilisationskrisen zu finden hofft? Dergleichen haben die Römer natürlich nicht versucht, was erklären mag, warum ihr System nach gerade einmal tausend Jahren zusammenbrach, doch hätten sie es getan, welche Gallier hätten ihnen die Lösungen, die sie suchten, bieten können? Die langhaarigen Gallier hätten ihnen vielleicht gezeigt, wie man auf Dauer mit Weideland umgeht, auf dem man Pferdeherden hält. Aber ohne Wissen um die Erfordernisse eines Imperiums – die Getreidegaben und Landzuteilungen für Veteranen – wäre ihr Rat zwar interessant, aber nicht anwendbar gewesen. Die Toga tragenden Gallier wären die Leute gewesen, die man über die wahre Natur der kommissarischen Steuereintreibung in den Provinzen hätte befragen können (obwohl man sie erst hätte ein kleines bisschen foltern müssen), aber sie profitierten so sehr von den Bestechungsgeldern und Vergütungen, die sie für die Unterdrückung ihrer eigenen Kultur bekamen, dass sie in Sachen Indigenem Wissen nur wenig hätten beitragen können.
Die kurzhaarigen Gallier hingegen verfügten noch über genügend bruchstückhaftes Indigenes Wissen und hatten genug mit der harten Wirklichkeit der sich ausbreitenden Romanisierung zu kämpfen, um zumindest einige hybride Einsichten anbieten zu können – ein paar innovative Nachhaltigkeitstipps für das untergehende Imperium, das ihr Land, ihr Herz und ihren Verstand besetzt hielt.
Die allzu einfachen Kategorien, mit denen besetzte Völker nach dem Grad ihrer Anpassung eingestuft werden, können den komplexen Wirklichkeiten heutiger indigener Gemeinschaften, Identitäten und Wissensformen natürlich kaum gerecht werden. Für Australien funktionieren sie mit Sicherheit nicht.
Die komplexe Geschichte, die wir als Erste Völker Australiens haben, ist mit den Kriterien, die von den Kolonisten zur Legitimierung und Identifizierung gefordert wurden, meistens unvereinbar. Das indigene »Selbst«, das von Außenstehenden entworfen wurde, um Programme zur Selbstbestimmung wasserdicht zu machen, hat mit unserer Wirklichkeit wenig zu tun. Sogar unsere Organisation in unterschiedliche »Nationen« (ein Instrument, die Struktur des Native Title verhandelbar zu machen und Bergbauvorhaben zu erleichtern) wird der Komplexität unserer Identitäten und Wissensformen nicht gerecht. Wir alle sprachen früher mehrere Sprachen und pflegten vielfältige Bindungen, trafen uns regelmäßig mit verschiedenen Gruppen, um Handel zu treiben, dazu kamen Eheschließungen und Traditionelle Adoptionen zwischen den Gruppen, darunter auch solchen aus Asien und Neu-Guinea. Ich kenne zahlreiche Menschen, für die diese Gesetze und Gebräuche noch Bestand haben, und ich bin einer von ihnen.
Ich weiß allerdings auch, dass der durch die europäische Besetzung ausgelöste fürchterliche Prozess damit endete, dass die meisten von uns ihren ursprünglichen Gemeinschaften entrissen und im Zuge gewaltsamer Assimilierungsprogramme in Reservate oder Einrichtungen fern ihrer Heimat verfrachtet wurden. Biologischer Genozid wurde angestrebt durch groß angelegte Bemühungen, Dunkelhäutigkeit »wegzuzüchten«, wobei die schändliche Politik der Gestohlenen Generationen nur einen Teil dieser Strategie darstellte. Sich mit männlichen Siedlern zu vermählen oder sich ihnen zu unterwerfen, damit die Kinder als Weiße durchgingen, war für viele Frauen die einzige Möglichkeit, diese Apokalypse zu überleben und auf sicherere Zeiten zu warten, um heimzukehren.
So ist auch die erst kürzlich erhobene »Authentizitätsanforderung«, bei der es darum geht, eine ununterbrochene, bis zurück in unvordenkliche Zeiten reichende kulturelle Tradition zu deklarieren, für die meisten von uns nur schwer beizubringen, sieht doch die Realität so aus, dass wir mit vielerlei Gruppen Verbindungen pflegen, zahlreiche Bande aber auch zerrissen wurden. Für viele sind diese traumatischen Beziehungen zu unsicher, als dass sie darüber sprechen würden, andere halten es für zu heikel, neu geknüpfte Bande öffentlich zu machen.
Wie könnten wir die verschiedenen Korpora Indigenen Wissens, die in diesem Kaleidoskop der Identitäten verstreut sind, identifizieren und nutzbar machen? Anhand einer simplifizierenden Kategorisierung jedenfalls nicht. Durch die Linse der Vereinfachung gesehen, werden historische Kontexte wechselseitiger Beziehungen und des Umbruchs beiseitegeschoben, die Authentizität Indigenen Wissens und der indigenen Identität wird durch eine illusionäre provinzielle Isolation festgeschrieben, und man bekommt lediglich ein weiteres Fragment primitiver Exotika, das untersucht, etikettiert und im Museum ausgestellt werden kann. Auf beiden Seiten finden sich eilfertige Torwächter, die kontrollieren und manches unterdrücken. Von dem durch dieses Nadelöhr dringende Wissen sind meist nur noch die elementarsten Aspekte vorhanden, Artefakte, Quellen und Daten, unterteilt in wesensfremde Kategorien, die gewährleisten, dass es nach Belieben aufbewahrt und geplündert werden kann. Unser Wissen wird nur geschätzt, wenn es fossilisiert ist, wobei unsere sich lebendig entwickelnden Bräuche und Denkmuster mit Widerwillen und Skeptizismus betrachtet werden.
An diesem einseitigen Dialog zwischen den Besatzern und den Besetzten kann ich nicht teilnehmen. Zum einen bin ich nicht manth thaayan, also jemand, der im Namen des kulturellen Wissens sprechen könnte. Ich bin ein jüngeres Geschwister, weshalb mir gemäß unserem Brauch diese Rolle nicht zukommt. Ich kann zwar über Teile dieses Wissens Auskunft geben, aber nicht in allen Einzelheiten für es sprechen. Dafür aber kann ich über die Vorgänge und Muster erzählen, die ich aufgrund meiner kulturellen Praxis kenne und die sich in den Verbindungen entwickelt haben, die ich mit meiner Heimatgemeinschaft und anderen Aborigine-Gemeinschaften, den Nyoongar, Mardi, Nungar oder Koori, überall auf dem Kontinent unterhalte.
Unser Wissen besteht weiter, weil jeder von uns einen Teil davon, wie bruchstückhaft auch immer, in sich trägt. Wenn man das Muster der Schöpfung verstehen möchte, spricht man mit allen und hört genau zu. Ist man mit diesem Muster vertraut, sind authentische Wissensprozesse leicht als solche auszumachen, jedes Teil spiegelt den Plan des gesamten Systems wider. Wenn das Muster vorliegt, ist das Wissen echt, gleich, ob der Sprecher einen Grasrock, einen Anzug oder eine Schuluniform trägt.
Ich drehe also die Linse um.
Ich berichte nicht für ein weltweites Publikum über indigene Wissenssysteme. Ich untersuche weltweite Systeme aus der Perspektive Indigenen Wissens. Die folgenden Symbole drücken dieses grundlegende Konzept als Handzeichen aus:

Der Leser mag diese körperliche Geste als lebendigen Text verstehen, indem er das Bild nachahmt, wobei die linke Hand, seitwärts gerichtet und mit geschlossenen Fingern, ein Blatt, einen Bildschirm oder allgemein das aufgeschriebene Wissen repräsentiert, während die rechte Hand, mit ihren wie bei einer Felsbildschablone gespreizten Fingern, die mündlichen Überlieferungen und das Wissen der Ersten Völker repräsentiert. Zu der Geste gehört auch, die gespreizte Hand wie eine Linse vor die Augen zu halten, durch die die geschlossene Hand betrachtet wird.
Das ist die in diesem Buch grundsätzlich verwendete Perspektive. Damit sie nicht in der Leere des gedruckten Worts verloren geht, habe ich die einzelnen Kapitel entsprechend der Dialogform mündlicher Überlieferungen aufgebaut: eine Reihe von Zwiegesprächen (yarns) mit verschiedenen Menschen, in deren Gegenwart ich mich nie ganz wohlfühle. Ich unterhalte mich mit ihnen, weil sie mein Wissen erweitern, mehr jedenfalls als diejenigen, die bloß wissen, was auch ich weiß. Manche nenne ich beim Namen, aber etliche andere sehen sich lieber nicht im Druck verewigt oder auf einen bestimmten gedanklichen Moment festgelegt; sie ziehen es vor, privat zu bleiben und, wie es in unserer Kultur Brauch ist, ihre Gedanken beim Ausspinnen von Geschichten zu entwickeln. Yarns sind wie Unterhaltungen, aber in der traditionellen Form, wie wir sie immer gepflegt haben, um Wissen zu erzeugen und weiterzugeben.
Für die einzelnen Kapiteln habe ich die logischen Abläufe und Ideen, die sich aus diesen Yarns ergaben, erst in traditionelle Objekte geschnitzt, bevor ich sie in geschriebene Worte übersetzte. Gewählt habe ich diesen Weg, damit die Perspektive meiner mündlichen Kultur durch die Niederschrift nicht fragmentiert und verzerrt wird.
Für diese Einleitung zum Beispiel habe ich zusammen mit meinem Schwager Hayden Kelleher und einem Worimi-Künstler namens Adam Ridgeway über mehrere Jahre Rindenschilde angefertigt. Mit Adam unterhielt ich mich über meine Bedenken und Befürchtungen, dieses Buch zu schreiben, und in Form von Yarns spielten wir durch, wie ich mich dabei zu schützen hätte. Als die Jahreszeit gekommen war, in der der Saft in den Bäumen fließt und die Wombats herumziehen und die Leierschwänze balzen, schnitten wir die Rinde von den Roten Eukalyptusbäumen. Wir formten Stücke davon über dem Feuer und brachten Griffe an, um Schilde daraus zu machen. Adam verwendete einige dieser Schilde für eine Kunstausstellung; er gestaltete Schöpfungsmuster aus dem Licht, das von auf die Schilde geklebten Spiegelscherben reflektiert wurde. Auch zeichnete er auf seinem iPad die oben gezeigten Handsymbole. Die Ideen dieser geschriebenen Einleitung sind also in den Schilden. Ich halte mir einfach diese Gegenstände vor Augen und übersetze Teile des Wissens, das ich auf ihnen sehe, in das gedruckte Wort.
Das ist meine Methode, und ich nenne sie umpan, denn dies ist unser Wort für schneiden, schnitzen und fertigen – inzwischen ist es auch das Wort, das für »schreiben« verwendet wird. In meine Methode des Schreibens inkorporiert sind Bilder und Geschichten, die an Orte und Beziehungen gebunden sind und ihren ersten Ausdruck in kulturellen und sozialen Aktivitäten gefunden haben. Mein Inhaltsverzeichnis ist bildlich und sieht so aus:

In jedem Kapitel kommt ein »Sand Talk« vor, mit dem an den Aborigine-Brauch erinnert wird, zur Weitergabe von Wissen Bilder auf den Boden zu zeichnen. Viel von diesem symbolischen Wissen kann ich hier nicht mitteilen, denn seine Weitergabe ist entweder beschränkt (durch Alter, Geburtsfolge, Geschlecht und Grade der Meisterschaft) oder nur für einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Gruppe geeignet. Ist zum Beispiel die Brolga-Überlieferung für mich als Angehörigen des Apalech Clans oder für andere mit demselben Totem relevant, heißt das nicht, dass dies allgemein für alle Leser und Leserinnen gilt. Das Wissen, das ich jeweils in dem Sand Talk der einzelnen Kapitel mitteile, ist deshalb Wissen auf Einstiegsniveau. Es wird auf Geschichten anspielen, sie aber nicht in Gänze erzählen. Ich werde allerdings Teile einer großen Geschichte erzählen, einer Meta-Geschichte, die sich mithilfe gewaltiger, durch Himmel und Erde gehender Traumpfade über ganz Australien erstreckt; es handelt sich dabei um einen Sternentraum (star dreaming), den Juma Fejo von den Larrakia mit allen Völkern teilen möchte. Dieses Dreaming geht überall hin, wo Schildkröten hingehen – und Schildkröten gibt es überall auf der Welt, selbst in Wüstengebieten –, also verbindet es alle.
Juma und ich – uns-zwei – arbeiteten mit diesem Wissen und daran, diese Geschichten quer über den Kontinent miteinander zu verknüpfen, seit 2012, jenem Jahr, in dem, wie viele aufgrund einer abenteuerlichen Interpretation des Maya-Kalenders glaubten, die Erde untergehen sollte. Für ein tieferes Verständnis nehme ich in jedem Kapitel Teile von Jumas Dreaming auf. Es gibt sechs Bilder, drei an jedem Ende des Schildkrötenpanzers, die jeweils von einem Yarn begleitet werden. Die sieben anderen Bilder stammen von mir; ich habe sie in den Jahren, bevor ich mit meinem Doktorat begann, geschaffen, weil ich befürchtete, mein akademisches Wissen könnte mein kulturelles Wissen überdecken. Ich musste selbst erst etwas hervorbringen, das größer war als eine Doktorarbeit. Ich habe diese Ideen mit Menschen an vielen verschiedenen Orten geteilt, um ihnen, als Gerüst für die Erkenntnisse, die für die Ko-Kreation nachhaltiger Systeme nötig sind, einen Weg in das Denken und Wissen der Aborigines zu eröffnen.
Ich war auf zahlreichen Konferenzen und Vortragsreihen über Indigenes Wissen und Nachhaltigkeit und habe zahllose Artikel zu diesem Thema gelesen. Die meisten überbringen die gleiche allzu einfache Botschaft: Die Ersten Völker sind bereits seit x-tausend Jahren hier, sie wissen, wie man im Gleichgewicht mit unserer Umwelt lebt, und wir sollen, um Lösungen für heutige Nachhaltigkeitsfragen zu finden, von ihnen lernen. (Ich frage mich oft, auf wen sich »wir« in diesen Äußerungen bezieht.) Daraufhin werden ein paar vereinzelte Beispiele nachhaltiger Praxis aus der Vorkolonialzeit aufgezeigt, und das ist es dann. Das Publikum bleibt zurück mit der Frage: »Ja, aber wie? Welche Einsichten bietet uns das für die Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind?«
Solche Fragen bleiben unbeantwortet, weil die indigenen Teilnehmer für gewöhnlich nur formelhafte Ich-Erzählungen und Artefakte anbieten, ein Fenster, durch das Außenstehende zwar in eine sorgfältig kuratierte Vergangenheit blicken können, doch geht der Blick nur in eine Richtung. Wir geben nicht preis, was wir sehen, wenn wir durch dieses Fenster zurückblicken. Am Anfang gibt es eine Willkommenszeremonie und am Ende einen Tanz, und alle gehen gut gelaunt, aber kein bisschen klüger nach Hause.
Nur selten werden Nachhaltigkeitsfragen globaler Natur unter dem Gesichtspunkt indigener Herangehensweisen und Denkprozesse angesprochen. Nirgendwo erblicken wir ökonometrische Modelle, die indigenes »Denken in Mustern« für ihre Modellierungen heranzögen. Stattdessen wird uns ein Dot-Painting präsentiert und dringlich darum ersucht, in Anbetracht der Pläne, die Bevölkerung einer Stadt binnen weniger Jahrzehnte »nachhaltig« zu verdoppeln, doch an Beschäftigungsprogramme für Indigene zu denken. Erörterungen indigener Wissenssysteme bestehen in der Regel in nichts anderem als der höflichen Anerkennung der besonderen Beziehung zum Land; ein wirkliches Engagement findet kaum je statt. Immer geht es um das Was und nie um das Wie.
Dieses Phänomen möchte ich umkehren. Ich möchte das indigene »Denken in Mustern« dazu heranziehen, die gegenwärtigen Systeme zu kritisieren, und einen Einblick in das Muster der Schöpfung selbst gewähren. Das in der indigenen Literatur weitverbreitete Genre der Ich-Erzählung und der Autobiografie möchte ich vermeiden, werde aber zur besseren Veranschaulichung Anekdoten und Yarns einfließen lassen. Was ich sage, wird natürlich trotzdem subjektiv und fragmentarisch bleiben und – ein Problem aller gedruckten Texte – fünf Minuten, nachdem es geschrieben wurde, schon wieder veraltet sein. Das echte Wissen wird im Land und in den Völkern fortleben, und ich werde ihm nachziehen. Und auch du wirst dich weiterentwickeln. Vielleicht möchtest du bereits das oben gezeigte Handzeichen abwandeln und ihm deine eigenen Bedeutungsschattierungen hinzufügen, es mit anderen teilen und aus diesem Muster etwas entstehen lassen, was man sich niemals auf einer Seite ausmalen könnte. Ich möchte diese Konzepte weitergeben, damit ich sie hinter mir lassen und in die nächste Wissensphase hineinwachsen kann. Gäbe ich sie nicht weiter, hieße dies, sie wie einen Stein mit mir herumzutragen und mein Wachsen sowie die Erneuerung der Systeme, in denen ich lebe, abzuwürgen. Ich bin es müde, in meiner Kultur ein Junge im mittleren Alter zu sein.
Dieses Buch ist nur eine Übersetzung eines in der Zeit eingefrorenen Schattenfragments. Ich mache keine absolute Wahrheit oder Autorität geltend. Von einem Moment zum anderen schalte ich von der akademischen zur Lagerfeuerstimme um. Das alles mag unstrukturiert wirken; meine Logik folgt den komplexen Mustern, die ich zu beschreiben versuche, und spiegelt nicht das übliche Ursache-Wirkung-Verhältnis des verschriftlichten Denkens wider.
Einer der faszinierenderen Aspekte der englischen Sprache besteht darin, dass sie eine Kreolsprache ist und mit ihren Orten auch ihre Gestalt wechselt. Ich werde diese Qualität würdigen und das Englische in die Mangel nehmen, um auszutesten, wie weit es sich verbiegen lässt.
Das wird herausfordernd sein, denn mit dem Englischen rücken die Weltanschauungen der Siedler ins Zentrum jeden Begriffs, was ein wirkliches Verständnis erschwert. So ist es zum Beispiel ein vergebliches Unterfangen, die Aborigine-Zeitbegriffe zu erklären, denn auf Englisch [bzw. auf Deutsch] lassen sie sich nur als nichtlinear beschreiben, was sofort eine dicke Schneise mitten durch die Synapsen schlägt. Das »nicht« wird nicht registriert, nur das »linear«: So wird das Wort verarbeitet, das ist die Gestalt, die es in deinem Kopf annimmt. Am schlimmsten jedoch: Das Konzept wird beschrieben durch das, was es nicht ist, und nicht durch das, was es ist. In unseren Sprachen haben wir kein Wort für nichtlinear, denn es würde niemandem auch nur einfallen, auf geradem Weg zu reisen, zu denken oder zu sprechen. Ein Pfad ist immer ein sich schlängelnder Pfad und braucht keinen Namen.
Vor vielen Tausend Jahren versuchte ein Mann, sich in einer geraden Linie fortzubewegen; er wurde als wamba (verrückt) bezeichnet und zur Strafe hinauf in den Himmel geworfen. Eine sehr alte Geschichte, eine der vielen Geschichten, die uns erzählen, wie wir in frei mäandernden Mustern zu reisen und zu denken haben, und uns davor warnen, auf verrückte Weise vorankommen zu wollen. In diesem Buch werden also Geschichten, Bilder und Yarns das Englische [bzw. Deutsche] zum Klingen bringen, und Bedeutung wird nicht in den einzelnen Worten selbst, sondern in den mäandernden Pfaden zwischen den Worten entstehen.
Es gibt zahlreiche englische Wörter für die Benennung unserer Ersten Völker, und da keines davon völlig passend oder genau ist, verwende ich die meisten von ihnen abwechselnd und nach dem Zufallsprinzip, wobei das von den einen bevorzugte von den anderen womöglich als beleidigend erachtet wird. Vor der europäischen Besetzung nannten wir uns in unseren jeweiligen Sprachen schlicht »Menschen«; da ich aber nicht für eine einzelne Sprachgruppe spreche, verwende ich viele der unpassenden englischen Ausdrücke, sobald ich insgesamt Bezug auf uns nehme. Ich verwende auch viele andere Ausdrücke, die ich nicht besonders mag, etwa »Traumzeit« (Dreaming, eine Fehlübersetzung und Fehlinterpretation), weil viele der Alten, die ich respektiere und die ihr Wissen an mich weitergaben, diese Wörter gebrauchen. Es steht mir nicht zu, mich ihnen gegenüber respektlos zu verhalten, indem ich ihre Wortwahl ablehne. Ich weiß, was diese Wörter bedeuten, und sie wissen es auch, also können wir diese Bezeichnungen durchaus verwenden. Jedenfalls ist Englisch zu sprechen, ohne auf sie zurückgreifen zu können, nahezu unmöglich, außer man möchte alle fünf Minuten »die den traditionellen Ritualkomplexen innenwohnende suprarationale, interdimensionale Ontologie« sagen. Also bleibt es bei »Traumzeit«.
Ich gehe auf das Anfängerwissen über die Aborigine-Kosmologie ein, suche dann nach Mustern und anschließend nach den Implikationen für die Nachhaltigkeit, in einem eher frei schweifenden Diskurs, der niemals für bare Münze genommen werden sollte. Ich schreibe, eine Art dialogischen und reflektierenden Prozess mit dem Leser suchend, um das Denken anzuregen und nicht um Fakten darzustellen. Dafür nutze ich oftmals die duale erste Person. Es handelt sich dabei um ein in den indigenen Sprachen gebräuchliches Pronomen, das im Englischen jedoch nicht vorkommt; deshalb übersetze ich es als »uns-zwei«, wobei meine Finger diese Buchstaben tippen, während mein Mund das Wort ngal formt.
Lösungen für komplexe Probleme bedürfen vieler ungleicher Auffassungen und Entwurfsperspektiven, deshalb müssen wir sie gemeinsam angehen und zur Bildung von Netzwerken dynamischer Interaktion mit so vielen anderen Uns-zweis wie möglich in Verbindung treten. Ich liefere keine Experten-Antworten, sondern lediglich verschiedene Fragen und Anschauungsweisen. Auch wenn ich gut zu einem verbindenden Denken anregen kann, bin ich mit Sicherheit keine Autorität, was die in diesem Buch behandelten Ideen anbelangt, und meine Betrachtungsweise ist, selbst in meiner eigenen Gemeinschaft, eher marginal. An den Rändern jedoch findet sich häufig fruchtbarer Boden.
Die Hoffnung ist, dass uns-zwei aus dieser randständigen Perspektive Dinge in den Blick bekommen können, die übersehen worden sind, einen Aspekt des Schöpfungsmusters zu erhaschen und ein paar Gedankenexperimente durchzuführen vermögen, die aufzeigen, wohin dieses Muster uns führt. Für Einstein hat dies funktioniert; er betrat nur selten ein Labor, sagte bloß: »Wenn dies, dann das, dann das«, und schuf so Simulationen in einem Traumzeitraum, mit denen er Beweise und Lösungen erstaunlicher Komplexität und Genauigkeit erzielte. In diesem Raum stellte sich selbst, was er für seinen größten Fehler hielt, später als seine größte Entdeckung heraus. So schwierig kann es also nicht sein. Wenn wir nicht mehr weiterwissen, bitten wir die Ameisenigel um Hilfe.
Wir sollten mit jenen anfänglichen Fragen beginnen, die bei der Annäherung an dieses Wissen immer eine Barriere bilden. Wer gehört wirklich zu den Indigenen? Wer von ihnen trägt echtes Indigenes Wissen in sich, und welche Aspekte dieses Wissens sind relevant, wenn es um das schwierige Problem geht, sich heute mit dem Entwurf nachhaltiger Systeme zu befassen?
Albinojunge
Uns-zwei gehen mit Cancy McKellar, dem Wangkummarra Song-Mann, die Traumpfade entlang. Das sind uralte Traumpfade, die in Gesang und Geschichten in die Landschaft geätzt und in unseren Köpfen und Körpern und Beziehungen mit allem, was uns umgibt, kartiert sind: Wissen, das in jedem Gewässer und jedem Fels gespeichert ist. Wir wandern durch das Corner Country, wo Queensland, South Australia und New South Wales zusammentreffen. Cancy macht meine Ahnenlinien ausfindig und zeigt mir, wo sich deren Geschichten mit den seinen verbinden.
Keiner von uns ist besonders dunkelhäutig, und vielleicht deshalb streicht er die Albino-Charaktere in seinen Überlieferungen besonders heraus. Eine weiße Eulenfrau mit heller Haut und blondem Haar, die eine Gubbiwarlga wird, eine weise Frau, und sich schließlich in einen Quarzbrocken verwandelt. Ein Albinojunge, der in seiner Gemeinschaft durch ihm übel Gesinnte erst geächtet und schließlich verbannt wird. Als wir an die Stelle mit Steinen kommen, die von dem Albinojungen aufgestellt wurden, verschlägt es mir den Atem. In seiner Verbannung ließ er den Kopf nicht hängen, sondern arbeitete hart und mutete sich einiges zu.
Überall sind massive, behauene und glatt geschliffene Felsbrocken zu sehen, die der Junge auf aufrecht stehenden Steinen platziert und ausbalanciert hat, zu losen Pulks gestapelt oder zu Prozessionen aufgereiht. An dieser gewaltigen Stätte, zu der auch ein die Jahreszeiten und die Bewegungen der Himmelskörper anzeigender Sonnenuhrkalender gehört, stehen mehr Steine, als uns-zwei zählen können. Es ist mir unverständlich, warum ich bislang noch nie von diesem Ort gehört habe, warum er nicht so berühmt ist wie Stonehenge. Als ich meine Hand auf einen der Steine lege, spüre ich ein tiefes duum aus ihm aufsteigen, das, aus dem Boden kommend, durch meine Schulter bis hinunter in meine Eingeweide nachdröhnt, und denke, damit eine Antwort auf meine Frage erhalten zu haben.
Dies ist keine archäologische Stätte, an der Grabungen und Forschungen vorgenommen werden. Der Ort ist immer noch bewohnt. Der Junge ist nach wie vor da, und er wird keinen Wert auf uneingeladene Besucher legen. Der Ort ist kein Monument. Er lebt. Jeder Stein ist lebendig, ein fühlendes Wesen – in unserer Weltsicht gilt dies freilich für alle Steine. Weit weg von hier gibt es eine geheime Höhle, auf deren Boden eine Miniaturreplik dieser Stätte nachgebaut ist. Menschen, die wissen, wie man mit den Steinen dort umgeht, können angeblich in der Zeit eines Wimpernschlags zwischen den beiden Stätten hin- und herreisen. Zudem stehen die beiden Orte mit Steinformationen auf dem ganzen Kontinent in Verbindung.
Später, während der Tagundnachtgleiche, stehe ich am Wurdi Youang in Victoria: eine C-förmige Steinformation, die die Bewegung der Sonne im Laufe des Jahres nachzeichnet. Ich schaue von dem hangabwärts liegenden Aussichtsstein zu, wie die Sonne am höchsten Punkt der Formationen hinter einem Zeigerstein untergeht, wie der Mond genau hinter mir aufgeht und sich Venus, Jupiter, Saturn und Mars entlang derselben Achse reihen. Es geht hier nicht nur um den Augenblick, an dem die Himmelskörper eine ordentliche Schlange bilden, sondern auch um Tausende verschiedene Geschichten, die zusammenlaufen, sowie um das Muster, das sie in einem Dialog zwischen Erde und Himmel und mir kreieren. Die Art, in der eine Person diese Geschichten kennt, ist subjektiv – wie sie zu dieser Zeit und an diesem Ort von dieser Person gewusst werden, stellt einen einzigartigen Blickpunkt dar, der heilig ist, eine Kommunikation zwischen dem Erdcamp und dem Himmelscamp, zwischen den Menschen und einem fühlenden Kosmos. Uns-zwei sind beide zugegen, aber wir sehen verschiedene Geschichten.
Die über mir fliegenden Vögel sind in diesem Augenblick Teil des Schöpfungsgesangs. Ein Satellit. Ein Flugzeug. Im Norden zwei Wolken, die sich wie Schlangen in seltsamen Spiralen ringeln. Wir nennen das »Etwas«, ein Zeichen oder eine Botschaft von unseren Ahnen. Ich denke an die Zwei-Schlangen-Geschichte und wo ich sie zum ersten Mal gehört habe, als ich von Gundabooka im Nordwesten von North South Wales an die Küste reiste. Über mir sehe ich Mars und Venus und kenne sie als die Augen des Schöpfers, der in vielen Gebieten im Süden tagsüber durch die Augen des Adlers und nachts durch diese Planeten sieht.
Nahe der Grenze zwischen New South Wales und Queensland werden regelmäßig Zeremonien abgehalten. Dorthin bringen Murris roten Opal aus Quilpie und blauen Opal aus Lightning Ridge, einen aus dem Norden und einen aus dem Süden, um Mars und Venus als Augen des Schöpfers zu vereinen. Daran denke ich und an die Stelle weiter südlich, in der Nähe von Walgett, wo die Adleraugen zwei tiefe Löcher im Fels sind. Ich denke an die totemistische Beziehung, in der meine Frau zum Adler steht, und wie sie diese Verbindung verkörpert. Dieses Netz aus Verbindungen zwischen Gemeinschaften auf der Erde und dem Land im Himmel erweitere ich Zug um Zug. Lebende Felsen gibt es dort oben wie hier unten, und die dunklen Gebiete zwischen den Sternen sind kein Vakuum, sondern festes Land, das Masse besitzt und empfindungsfähig ist und in dem sich Orte und Zeiten auf der Erde widerspiegeln. Ich erkenne das Muster – bis zu dem Moment, da ich es aufzuschreiben versuche und es sich in Rauch auflöst.
Oberflächlich betrachtet ist das alles von geringem Nutzen. Wir können uns sagen: »Seht doch, wir sind schon seit Tausenden von Jahren Astronomen, das heißt, unser Wissen ist etwas wert. Und ihr, ihr Bastarde, habt alles kaputt gemacht.« Aber welches Wissen haben wir sonst noch zu bieten, das in Sachen Nachhaltigkeit und anderen komplexen Fragen erhellend wäre? Juma Fejo sagt, dass in der Schöpfung alles mit der Traumzeit verbunden sei, sogar Scheibenwischer und Mobiltelefone, warum aber sollte dann unser Schöpfungswissen als Artefakt in der Zeit eingefroren werden?
Steine auf der Erde und im Himmel, all diese Geschichten und ihre Verbindungen haben uns mehr mitzuteilen als die bloße Tatsache, dass sie bereits soundso viele Jahrtausende existieren. Sie können uns sagen, wie wir mit den Komplikationen und der Zerbrechlichkeit menschlicher Gesellschaften verfahren sollen, wie wir zerstörerische Exzesse in diesen Systemen eingrenzen und vor allem wie wir mit Idioten umgehen sollen. Um dieses Wissen aufzuspüren, müssen wir praktisch vorgehen. Versuchen wir es vielleicht mit einem Sand Talk und betrachten zunächst eines von Oldman Jumas Symbolen.

Die beiden Symbole innerhalb des Hexagons haben unterschiedliche Bedeutungen, die über ihre heutige mathematische Bedeutung hinausgehen. Getrennt betrachtet, handelt es sich jeweils um ein Zeichen für Beuteltiere (<) und eines für Vögel (>) als verschiedene totemistische Kategorien für Fleisch. Die Zeichen erklären sich aus der Richtung, in der diese Tiere am Knie ihre Beine abwinkeln. Zusammengenommen (<>) stehen sie für die beiden einzigen auf dem Kontinent heimischen Plazentatiere, Menschen und Dingos. Sie ergeben eine Form, die die Heiratsregeln in einem Verwandtschaftssystem aufzeigt; aus einem anderen Winkel gesehen, können sie als Zeichen für die Angelegenheiten der Männer gelesen werden. Sie zeigen zudem einen Einschlagpunkt, einen Schöpfungsmoment im Zusammenhang mit dem Sternbild des Orion (der immer und überall auf der Welt ein Jäger oder Krieger ist), einen Urknall, der aus einem Kampf zwischen dem Ameisenigel und der Schildkröte hervorgegangen war. Das traumatische Ereignis führte dazu, dass sich das Erdcamp und das Himmelscamp trennten und das Universum sich in tiefen Zyklen auszudehnen und wieder zusammenzuziehen begann wie ein Atmen und in einem Muster, das allem Gestalt gab.
Das Muster des Urknalls, dieses anfänglichen Einschlagpunkts, tritt nicht nur in der gewaltigen Größenordnung des Universums auf, sondern wiederholt sich unendlich in all dessen Ländern und Teilen. Auf diesen Einschlagpunkt, der häufig mit einem Stein im Zentrum von Ort und Geschichte bezeichnet wird, beziehen sich zahlreiche Schöpfungsgeschichten. Uluru ist der Stein im Zentrum der diesem Kontinent innewohnenden Geschichte, ein Muster, das sich in den miteinander verknüpften und unterschiedlichen Geschichten vieler kleinerer Gebiete wiederholt, sich in unseren Körpern am Nabel und dann in immer kleineren Teilen bis hinunter auf die Quantenebene unserer Kosmologie reflektiert findet. In dieser Form des Wissens gibt es keinen Unterschied zwischen einem selbst, einem Stein, einem Baum oder einer Verkehrsampel. All diese Elemente enthalten Wissen, Erzählung, Muster. Wenn wir uns auf diese Erzählung einlassen, wenn wir das Muster erkennen wollen, müssen wir uns zunächst der Untersuchung von Gesteinen widmen.
Die Aussage »Granit ist ein kristalliner, aus Quarz, Glimmer und Feldspat bestehender Mix magmatischen Ursprungs« wäre dabei kaum hilfreich. Ebenso wenig hilfreich wäre es, mit einem Batikhemd angetan, Felsen zu umarmen und sie zu bitten, ihre Geheimnisse auszuplaudern, indem sie mit uns über unsere Bauchnabelpiercings kommunizieren. Man muss schon Geduld und Respekt aufbringen, sich nicht frontal annähern, eine Weile dasitzen und warten, dass man eingeladen wird. Bevor wir uns also den Angelegenheiten der Steine zuwenden und den Fragen, wem das Wissen über sie gestattet ist und wie dieses Wissen uns heute das Überleben sichern könnte, sollten wir uns vielleicht zu einem weiteren Sand Talk einfinden:
Ich habe viel Zeit damit verbracht, immer wieder das Vogel-Beuteltier-Symbol zu zeichnen, habe mich mit anderen darüber unterhalten und schließlich eine Steinaxt angefertigt, um meine Einsichten festzuhalten. Ein Jahr habe ich gebraucht. Es hat deshalb so lange gedauert, weil ich immer wieder auf die beiden Arten von Beinen zurückgekommen bin, die in meinem Kopf das Bild von Emu und Känguru ergaben, immer wieder von Neuem – als ein Traumzeitbild, aber auch als Australiens Wappen. Die Siedler müssen seine Bedeutung erkannt haben, als sie es als Symbol für ihre Kolonie übernahmen. Ich habe so meine Probleme mit Emu, mit seiner Rolle in der Schöpfung und den daraus entspringenden Verhaltensmustern, die der Menschengesellschaft und im Weiteren der ganzen Schöpfung Probleme bereiten.
Emus Problem zeigt sich in der mathematischen »Größer als, kleiner als«-Interpretation des Symbols. Emu ist ein Unruhestifter, der die denkbar zerstörerischste Vorstellung in die Welt gebracht hat: »Ich bin besser als du; du bist weniger wert als ich.« Das ist der Ursprung allen menschlichen Elends. Über Tausende von Jahren hat sich die Aborigines-Gesellschaft bemüht, mit diesem Problem fertigzuwerden. Manche Menschen sind einfach Idioten – und jeder ist mal für eine Zeit lang ein kleiner Idiot, wenn etwas von tief innen kommt und flüstert: »Du bist was Besonderes. Du bist besser als die anderen Menschen und was noch um dich herum ist. Du bist wichtiger als alles andere und alle anderen. Du kannst über alles, was es gibt, und alle anderen Menschen verfügen.« Dieses Verhalten muss kontrolliert und gezügelt werden, um den Schaden, den es verursachen mag, einzudämmen.
Es gibt eine Menge Geschichten, die erklären, wie das Ganze seinen Anfang nahm, und als ein Brolga-Junge (traditionell ein Feind von Emu) kenne ich sie alle. Meine Lieblingsgeschichte stammt von dem Nyoongar-Ältesten Noel Nannup aus Perth. Er erzählt die Traumzeitgeschichte einer Zusammenkunft, bei der sich alle Spezies zu einem Yarn niederließen, um zu entscheiden, welches Tier zum Hüter über die gesamte Schöpfung ernannt werden sollte. Emu veranstaltete ein riesiges Tohuwabohu, rannte durch die Gegend, um mit seiner Schnelligkeit anzugeben und seine Vorrangstellung einzufordern, er beanspruchte, der Boss zu sein, und schrie alle anderen nieder. Die dunkle Gestalt von Emu ist in der Milchstraße zu sehen. Känguru, dessen Kopf das Kreuz des Südens ist, hält ihn nieder, Echidna packt von hinten zu, und die große Schlange hat sich um seine Beine geringelt. Nur in der Gruppe gelingt es, die Exzesse bösartigen Narzissmus zu zügeln.
Heute bedeutet die Kombination aus sozialer Fragmentierung und blitzschneller Kommunikation, dass wir allein, als Individuen, mit diesen verrückten Menschen umzugehen haben, uns in einem rechtsfreien Leerraum mit diesen Narzissten herumschlagen müssen. Und sie gedeihen in solchen Umgebungen ungezügelt. Sich allein mit ihnen auseinanderzusetzen, ist vergeblich: Versuche nie, mit einem Schwein zu ringen, besagt ein altes Sprichwort, denn am Schluss seid ihr beide besudelt, aber das Schwein fühlt sich wohl dabei. Für Narzissten gelten die grundlegenden Regeln des zwischenmenschlichen Handelns nicht, obwohl sie sie gegen alle anderen ausspielen.
Wie in den meisten Gesellschaften gehören auch in der Aborigines-Gesellschaft Respekt und das Anhören aller Standpunkte während eines Yarn zu den grundlegenden Verhaltensregeln. Narzissten fordern dieses Recht ein, erlauben aber keine anderen Standpunkte mit der Begründung, dass jede abweichende Meinung irgendwie gegen ihre Redefreiheit verstoße oder beleidigend sei. Sie zerstören die grundlegenden auf Wechselseitigkeit beruhenden gesellschaftlichen Vereinbarungen (die es ermöglichen, ein auf der Großzügigkeit des Miteinander-Teilens beruhendes Ansehen zu gewinnen, um sich anhaltender Verbundenheit und Unterstützung zu versichern), indem sie diese der Harmonie geltenden Rahmenbedingungen mit wenigen Worten hässlichen Geredes zertrümmern. Sie pflegen eine Doppelmoral und reißen Systeme des Gebens und Nehmens so lange ein, bis alle Angehörigen einer sozialen Gruppe nur noch isoliert sind und sich in darwinistischen Kämpfen nach Macht und schrumpfenden Ressourcen aufreiben, die alles zerstören. Dann gehen sie an den nächsten Ort, zur nächsten Gruppe. Es dürfte nicht schwerfallen, dieses Muster auf globale und historische Verhältnisse zu übertragen.
Wir besitzen Geschichten über dieses Verhalten, Gedenksteine, die in der Landschaft entlang der Traumpfade verstreut sind, Opfer und Missetäter, nach epischen Kämpfen in Steine verwandelt, die nun für alle Zeiten als warnende Legenden dienen. Clancy McKellar brachte mich an eine Stelle, wo drei Brüder, die Frauen entführt hatten, bestraft und in Steine verwandelt worden waren. Die überall in Tibooburra stehenden roten Felsen sind Menschen, die in Steine verwandelt wurden, weil sie das Gesetz gebrochen oder mit Ritualen zur Wetterbeeinflussung zu viel Chaos angerichtet hatten. In den Steinen ist Gesetz und Wissen über das Gesetz. Jeder Gesetzesbruch rührt aus diesem ersten bösen Gedanken, aus der Ursünde, sich über das Land und über andere Menschen zu stellen.
In unseren traditionellen Gesetzessystemen bedenken wir jedoch, dass von Zeit zu Zeit jeder einmal ein Idiot ist. Die Bestrafung ist hart und erfolgt umgehend, aber danach gibt es kein Strafregister, keinen Groll gegen den Missetäter. Gesetzesübertreter sind nur Kriminelle, solange sie nicht bestraft sind; danach können sie wieder Respekt erlangen und von Neuem beginnen, zum Wohl der Gruppe beizutragen. So wird verhindert, dass die Menschen lügen oder die Schuld anderen zuschieben oder der Bestrafung zu entgehen versuchen, indem sie die Regeln verdrehen, um sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Sie dürfen einen Neuanfang erwarten und sind deshalb bereitwillige und gleichberechtigte Teilnehmer ihrer eigenen Bestrafung und Verwandlung, die vor allem ein Lernprozess ist.
Vielleicht ist dies ein Aspekt, der sich lohnt, aus unseren Stein-Geschichten übernommen zu werden, um heutige Justizsysteme effektiver und nachhaltiger zu machen. Jene alten, über das ganze Land verteilten und in Steinen verewigten Kriminellen sind keine verwerflichen Figuren, sondern respektierte Wesen, die ihre Bestrafung erhalten haben und nun in ihrer Rolle als Gesetzeshüter verehrt werden. Wenn wir sie respektieren und ihre Geschichten anhören, haben sie uns einiges über das Wie eines besseren Zusammenlebens zu sagen.
Wirklich viel aber weiß ich nicht über Felsen. Ich fühle mich eher in der offenen Savanne und den trockenen Hartlaubwäldern zu Hause, und mein Geschichtsort (Story Place) besitzt nur einen einzigen Stein, der sich nach eigenem Gutdünken bewegt und sich bei jedem Besuch an einer anderen Stelle befindet. Er kam, von einem Zyklon hierher verfrachtet, aus Asien und ist nie so richtig zur Ruhe gekommen; er lebt nicht das langsame Leben anderer Steine. Ich muss mich also mit jemanden austauschen, der wirklich versteht, wie Steine funktionieren. Wie üblich finde ich das einsichtigste Wissen in den randständigsten Betrachtungsweisen. Ich spreche mit einem jungen tasmanischen Aborigine-Jungen namens Max.
Max hat silbriges weißes Haar und alabasterfarbene Haut. Er sieht aus und spricht, als wolle er anstelle eines australischen Arbeitspferds einen Drachen reiten. Er ist ein echter Nerd, der einfach so Hunderte Nachkommastellen von Pi auswendig lernt, glaubt, seine Kampfkünste seien besser, als sie es wirklich sind, und ein enzyklopädisches Wissen über Elfen, Hobbits und Superhelden mit sich herumträgt. Zudem schreibt er Lieder in der Sprache seiner Vorfahren, die mich zum Weinen bringen.
Wir haben viel Zeit damit verbracht, uns im traditionellen Kämpfen zu üben, das früher mit Steinmessern ausgetragen wurde. Die Regeln sind so, dass man seinem Gegner nur an den Armen, Schultern oder am Rücken (sehr schwierig) Schnitte zufügen darf – und der Clou des Ganzen: Wenn der Kampf zu Ende ist, müssen dem Gewinner die gleichen Schnitte zugefügt werden wie dem Verlierer, sodass keiner der beiden mit einem Groll aus der Kampfbahn geht. Es ist schon äußerst schwierig, seinem Gegner in den Rücken zu schneiden, wenn er dir das Gleiche antun will, aber noch schwieriger ist es, wenn man weiß, dass man bei jedem Schnitt, den man ihm zufügt, sich letztlich selbst schneidet. In den Yarns, die solchen Übungsrunden folgten, sind wir uns einig geworden, dass diese Art der Auseinandersetzung einen zwingt, sich in den Widersacher hineinzuversetzen, und es am Ende unmöglich ist, sich als Gegner zu betrachten, weil man durch gegenseitigen Respekt und wechselseitiges Verständnis miteinander verbunden ist. Weitere Lektionen, die einem die Steine erteilen – aber wie sie heute in die Praxis umsetzen? Klingt doch ganz nach einer guten Gelegenheit, ein Gedankenexperiment durchzuführen.
Ich denke, wenn man sich eine aktuelle, auf permanenten Krieg ausgerichtete Wirtschaftsweise vornehmen und versuchen wollte, sie nachhaltig zu gestalten, könnte man ähnliche Wettkampfregeln anwenden. In dem Steinmesser-Modell allerdings sind die Feinde keine erneuerbare Ressource, und irgendwann würde es keine mehr geben. Für die Kriegsmaschine wäre es deshalb alles andere als nachhaltig, würden sich alle Seiten in ihren Betrachtungsweisen gegenseitig respektieren. Die übertragbare Weisheit besteht hier wohl einfach darin, dass die meisten jungen Männer, um den schrecklichen Narzissmus zu beschneiden, der sie überfällt, wenn ihre Schamhaare zu sprießen beginnen, etwas Herzhafteres als Achtsamkeitskurse benötigen. Vielleicht würden sie dann gar nicht in die Verlegenheit kommen, zu Männern heranzuwachsen, die Kriege anzetteln.
Dies bringt uns zurück auf den Grundfehler, auf die luziferische Lüge: »Ich bin besser als du; du bist schlechter als ich«. Weil sein Aussehen nicht der Vorstellung entspricht, die manche Leute mit seiner kulturellen Identität verbinden, ist Max täglich mit auf diesem Denkfehler beruhenden Beleidigungen konfrontiert. Aufgrund dieses grundsätzlichen Mankos wird seine Identität sowohl von Aborigines als auch von Nichtaborigines angezweifelt; sie stellen sich selbst in eine Besser- als-Position und ziehen aus der Beurteilung seiner Existenz einen kleinen Kick. Max macht sich Gedanken über diese Begegnungen und kommt meist zu dem Schluss, dass diesen Leuten eine eigene authentische Identität fehlt und sie deshalb Trost darin finden, die seine anzugreifen.
Max weiß vielleicht nicht alles über seine Abstammungslinie oder seine Kultur, die von einem katastrophalen Genozid zerstört wurde, aber er weiß, wer er ist, und die Bruchstücke kulturellen Wissens, die ihn prägen, sind unverfälscht und haben ihren Wert. Er wendet die in diesen Fragmenten aufscheinenden Muster auf alle Aspekte des Alltagslebens an.
»Ich weiß nicht, was ich ohne meine Identität wäre, denn ich kenne eigentlich kein Leben ohne sie. Ich kann keinen Unterschied machen zwischen dem, was in mir indigen und was nicht-indigen ist, denn alles, was ich tue, ist indigen geprägt – die Art, wie ich mich durch die Welt bewege, mich gegenüber anderen verhalte, die Art, wie ich über alles nachdenke. Egal bei welcher Gelegenheit, es dringt dir aus allen Poren.«
Max tritt nicht aus seiner Identität heraus, wenn er hundert Nachkommastellen von Pi aufsagt; er singt ein Schöpfungsmuster von Norden nach Süden. Und er muss, um dies zu tun, nicht den Wissensstand eines Ältesten haben. Er muss einfach nur das Muster erkennen in dem, was er weiß. Wissensbewahrer sehen, wie er sich verhält, und wissen, dass er so weit ist, Verantwortung für neu hinzukommendes Wissen zu übernehmen. Also geben sie Wissensstoff an ihn weiter. Genau so funktioniert Indigenes Wissen.
Ich behaupte nicht, Max sei perfekt. Auch er ist anfällig für Momente, in denen die Besser-als/schlechter-als-Täuschung zuschlägt. Manchmal bringt er mich damit fast um den Verstand. Einmal habe ich ihn so heftig angeschrien, dass ich für ein oder zwei Tage keine Stimme mehr hatte, aber meine Reaktion auf sein Verhalten war letztlich genauso schlimm, weshalb ich Abbitte leisten musste. Ich habe Max eine Menge beigebracht, aber auch er lehrt mich einiges, etwa wie ich aus fehlerhaftem Verhalten herauskomme. Ich habe von ihm viel über Steine gelernt, denn Tasmanier haben eine besondere Beziehung zu ihnen.
»Für mich sind Steine diejenigen Gegenstände, die das ganze Leben widerspiegeln, mehr noch als Bäume oder andere sterbliche Dinge, denn Steine sind beinahe unsterblich. Sie wissen Dinge, die sie sich über sehr lange Zeiten angeeignet haben. Stein steht für Erde, Werkzeuge und Geist, vermittelt Sinn durch seinen Gebrauch und seine Widerstandsfähigkeit gegenüber den Elementen. Und doch altert er, bekommt, wenn ihn die Zeit angreift, Risse und erodiert.«
Wir sinnieren über die Empfindungsfähigkeit der Steine und den Fehler der alten Griechen, »tote Materie« lebender Materie gegenüberzustellen und damit über Jahrhunderte das westliche Denken in seiner Möglichkeit eingeschränkt zu haben, Dinge wie Bewusstsein und selbstorganisierende Systeme, etwa Galaxien, zu fassen zu bekommen. Sie betrachteten das Weltall zwischen den Sternen als leblos und leer; unsere eigenen Geschichten stellten diese dunklen Gegenden, basierend auf der Beobachtung, dass sie Himmelskörper anziehen, als lebendes Land vor. Die Theorien über tote Materie und leeren Raum hatten zur Folge, dass die westliche Wissenschaft erst spät dazu kam, die sogenannte »dunkle Materie« zu entdecken und festzustellen, dass die Gebiete »toten und leeren« Raums den überwiegenden Teil der Materie im Universum enthalten.
Dies bringt uns zurück zu Uncle Noel Nannups Schöpfungsgeschichte, als Emu durchdrehte. In dieser Geschichte war der Raum, wie er vor der Schöpfung existierte, fest: Er saß schwer auf dem Boden und zerdrückte mit seinem Gewicht alles, was ins Sein zu kommen versuchte. Erde und Himmel mussten geteilt werden, indem die Ahnen die Himmelstriche mit ihrer Körperkraft nach oben stemmten. In unseren Geschichten sind die Länder des Himmels fassbar, sie besitzen Masse, und zwar auf eine Weise, die ein Wissen um die dunkle Materie offenbart. Dieses ganze Himmelsterritorium steht fortwährend in Kommunikation mit uns, übt Kräfte auf uns aus und tauscht sogar – in der Form von Felsgestein, das durch unsere Atmosphäre stürzt – Materie mit uns aus. Unsere Geschichten zeigen unser uraltes Wissen darüber, wie Asteroiden Krater bilden, eine Erkenntnis, die erst vor wenigen Jahrzehnten Eingang in das wissenschaftliche Wissen gefunden hat.
Max und ich sprechen darüber, dass unser Wissen über diese Dinge nicht immer auf unsere Kultur beschränkt gewesen sein kann, sind doch die alten Namen für die Sternbilder oft weltweit den unseren gleichbedeutend – die sieben Schwestern (Siebengestirn), die zwei Brüder (Zwillinge), der Adler, der Jäger (Orion). Dies sind weltweite Geschichten und Wissenssysteme, die einmal allen Menschen gemeinsam gewesen sein müssen. Im Norden muss etwas Schreckliches geschehen sein, so unser Gedanke, dass die Menschen all das vergessen haben und die Wissenschaft, anstatt auf schon bestehendes Wissen aufzubauen, wieder bei null anfangen musste. Worin mag diese Katastrophe bestanden haben? Ich stelle mir vor, dass der Schwarze Tod daran seinen Anteil hatte, vermute aber, dass es schon viel früher begann. Ich denke, Emus Schwindel ist irgendwann außer Kontrolle geraten und hat sich ausgebreitet, sodass immer mehr Menschen sich für besser hielten als das Land, besser als die anderen, besser als die Frauen, die unser Leben in ihren Händen und Bäuchen halten. Was immer es auch gewesen sein mag, die Katastrophe wird schlimmer, und ich frage mich, wie wir sie aufhalten können.
Max antwortet:
Der Stein lehrt uns, dass wir, trotz allem, was uns zum Zerspringen bringen oder uns mürbe machen will, stark sein und mithilfe unserer Kultur und unseres Glaubens einen unzerbrechlichen Kern bewahren sollen. Der Großteil der Erde besteht aus Gestein, und obwohl Wasser und Pflanzen die Oberfläche bilden, besteht der Körper der Erde, der Teil, der alles zusammenhält, aus Gestein. Leben und Schöpfung, das ist alles da, aber ohne eine solide Basis wird es zerbröseln, das gilt auch für die Gesellschaft, für Firmen, Beziehungen, Identitäten, Wissen, für fast alles, sei es materiell oder nicht. Wie diese Wälder und Bäume, die wie eine Haut auf dem Felsgestein der Erde sitzen – ohne die Stärke im Inneren, ohne den Stein, würde alles zerbröseln.
Die von Max beschriebene Gestalt der Welt und die Haut auf ihr vor Augen, denke ich über die Physik unserer Schöpfungsgeschichten nach und darüber, wie das Felsgestein mit der Zeit zu runden Körpern erodiert. Ich erkenne ein Muster im Universum, wonach die Kugel die effektivste Form darstellt, Materie zusammenzuhalten. Der wachsenden Zahl der Flache-Erde-Anhänger da draußen möchte ich deshalb sagen: »Blast mir eine abgeflachte Blase, und ich denke gerne über eure Theorie nach.« Aber dies würde mich in eine Besser-als-Position rücken. Ich sollte also in mich gehen, ihnen Beachtung schenken und daran denken, dass sich auch in randständigen Auffassungen immer etwas Wertvolles verbirgt.
Ich höre ihnen also online zu und entdecke, dass die Kugel nicht die endgültige Form dieses Schöpfungsprozesses ist. Unsere Galaxie war am Anfang eine Kugel und flachte zu einer Scheibe ab; und auch die Erde wird wie ein Lehmklumpen auf einer Drehscheibe nach und nach flacher. Bislang hat sie sich an den Polen zwar bloß um etwa zwanzig Kilometer abgeflacht, aber sie ist auf dem besten Weg. Gut also, dass ich die Flache-Erde-Anhängerinnen nicht kurzerhand beiseitegewischt habe, denn sonst hätte ich diese Sache kaum je richtig verstanden.
Aber inwiefern könnte dieses Denken nützlich sein? Nun ja, mit einem Gedankenexperiment lassen sich vielleicht ein paar Anwendungsbereiche ausmachen. Beim Verpacken zum Beispiel ließen sich Platz und Ressourcen weit wirksamer ausschöpfen, wenn man berücksichtigte, dass man viel mehr in eine kleine Kugel als in eine große Kiste packen kann. Was aber würde solche Kugeln daran hindern, von den Regalen zu rollen? Die Flache-Erde-Anhänger haben eine Lösung dafür: Man muss die Kugeln nur etwas flach drücken. Danke, Flach-Erdlinge. Diese Neuerung könnte uns ein paar Mülldeponien ersparen und uns ein bisschen Aufschub gewähren.
Max glaubt, es brauche eine größere Veränderung im Denken, um die Zerstörung des Planeten abzuwenden, und dass wir von den Steinen mehr über Respekt lernen müssten. Ich stimme ihm zu – die Einsicht, dass wir weder besser noch schlechter als ein Fels sind, würde, wenn sie denn die Menschen in genügend hoher Zahl gleichzeitig überfiele, Veränderungen bewirken. Wer glaubt, besser als ein Felsbrocken zu sein, sollte in einen verwandelt werden – dann würde man feststellen, dass man gar nicht so besonders ist, und könnte endlich glücklich sein. Max meint, dass in den letzten Jahrzehnten ein größeres Bewusstsein für den Geist der Steine entstanden sei, und erinnert mich an die Ereignisse rund um den Uluru.
Dort gibt es einen Schuppen voller Steine. Über lange Zeit haben Touristen Felsbrocken von der heiligen Stätte als Souvenir mitgenommen, doch dann, vor ein paar Jahrzehnten, geschah plötzlich etwas Seltsames. Die Touristen fingen an, die Steine zurückzuschicken, und berichteten voller Panik von seltsamen Ereignissen, Schlafstörungen, Schicksalsschlägen, Heimsuchungen durch Geister und fürchterlichen Unfällen. Irgendwie ahnten sie, dass dies an den Steinen liegen musste, und schickten sie mit verzweifelten Entschuldigungen zurück. So viele wurden zurückgegeben, dass ein großer Schuppen für ihre Aufbewahrung gebaut werden musste.
In unserem Gesetz wissen wir, dass Felsen fühlende Wesen und beseelt sind. Man kann sie nicht einfach aufheben und mit nach Hause nehmen, da man so ihren Geist stört und dieser im Gegenzug einen selbst stören würde. Egal, wo man auf diesem Kontinent mit Aborigines an einem Lagerfeuer sitzt und Geschichten erzählt, man wird mit Sicherheit eine abschreckende Anekdote über einen Verwandten zu hören bekommen, der so unklug war, einen Stein vom Boden aufzuheben und mit nach Hause zu nehmen, und der dann krank, heimgesucht, umgebracht oder verrückt wurde. Viele Steine sind gutwillig und freuen sich, wenn sie verwendet oder gehandelt werden, es gilt aber, dem Rat der Alten zu folgen, wenn man wissen will, welche man in Gebrauch nehmen darf. Steine müssen respektiert werden.
Vielleicht muss noch weiter ergründet werden, was Bewusstsein ausmacht und was Leben. Wenn die Definition dieser beiden Dinge auch die Steine als fühlende Wesen mit einschlösse, würde das erheblich dazu beitragen, die Emu-haften Verhaltensweisen, die derzeit auf der Erde und im Cyberspace grassieren, einzudämmen. Entweder das, oder wir könnten dazu übergehen, Uluru-Steine an all die Narzissten der Welt zu verschicken, um ihnen eine Lektion in Sachen Respekt für andere zu erteilen.
Ich hoffe, ich konnte bereits einige Vorstellungen davon vermitteln, was Indigenes Wissen ist, welche indigenen Menschen über es verfügen und wo es Anwendung finden könnte. Falls es doch entgangen sein sollte, die Antworten lauten: in allem, wir alle und alles. Wer aber ist indigen? Im Rahmen der in diesem Buch behandelten Gedankenexperimente über Nachhaltigkeit handelt es sich bei einer indigene Person um ein Mitglied einer Gemeinschaft, die Erinnerungen an ein nachhaltig gelebtes Leben auf Grundlage des Landes bewahrt und sich selbst als Teil des Landes betrachtet. Indigenes Wissen ist jede Anwendung dieser Erinnerungen als lebendiges Wissen zur Verbesserung gegenwärtiger und zukünftiger Umstände.
Erstes Gesetz

»Warum siehst du denn die Blumen nicht?«, sagte das junge Mädchen. Ich war dabei, ihr das Bild im Sand zu erklären, erzählte ihr etwas über Zeit und Tiefenzeit, und sie beschämte mich, brachte mich dazu, die Dinge anders zu sehen. Auf eine schöne Art, die gerade richtig war, wo die Jetztzeit alle Zeit und mit Freude erfüllt war. Auch Oldman Juma zwang mich, es anders zu sehen, als er meine Wange auf den Boden drückte, damit ich in der »Ameisenperspektive« eine Land-Topografie in dem in Sand gemalten Bild sah, all die Täler und Höhenzüge. Zeit und Ort dasselbe. Bloß die drei Kreise, von der Schöpfungszeit zur Ahnenzeit zur gegenwärtigen Zeit; das Muster wiederholt sich im Kleinen, mit drei Generationen, Lebensstadien und sogar mit den drei Abschnitten eines Tages, einer Aufgabe, eines Moments.
Es kommt dir aus dem Boden entgegen, dieses Bild, in 3-D, und es ist ein bewegtes, wirbelndes Energiesystem. Und, ganz außen, ein neuer Kreis, der eigentlich nichts anderes ist, als der in der Mitte, denn alles kehrt zurück, speist sich in Zeit und Ort in dieses System ein, endlose Zyklen von Wachstum und Erneuerung. Wir sterben nicht, wir gehen zurück ins Land, kommen dann ein drittes Mal wieder. Schöpfung ist kein »Lang, lang her«-Ereignis, denn die Schöpfung entfaltet sich auch heute noch und wird es auch weiterhin tun, wenn wir das Wie des Wissens wissen.
Alles geht aus diesem zentralen Einschlagpunkt hervor, diesem Urknall, der sich ausdehnt und zusammenzieht, ein- und ausatmet, der ohne Anfang und Ende, sondern ein Dauerzustand ist, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins sind, eine Zeit, ein Ort. Jeder jemals gemachte Atemzug ist noch in der Luft zum Atmen. Ich atme die Atemzüge der Ahnen und aller anderen auch. War immer, ist immer, wird immer sein. Es gibt Blumen hier, und sie lassen mich lächeln.
Manchmal ist es schwierig, auf Englisch zu schreiben, wenn man gerade mit seiner Urgroßmutter am Telefon gesprochen hat und sie auch deine Nichte ist und es in ihrer Sprache keine unterschiedlichen Wörter für Zeit und Ort gibt. In ihrem Verwandtschaftssystem findet alle drei Generationen ein Reset statt, bei dem die Eltern deiner Großeltern in einem ewigen Kreislauf der Erneuerung als deine Kinder eingeordnet werden. In ihrer traditionellen Sprache fragt sie dich etwas, das sich ins Englische unmittelbar als »an welchem Ort« übersetzt, aber eigentlich »zu welcher Zeit« bedeutet, und du begibst dich nur zögerlich in dieses Paradigma, denn du weißt genau, wie verdammt schwer es dir fallen wird, sich aus ihm zu lösen, wenn du wieder weiterarbeiten möchtest. Verwandtschaft bewegt sich in Zyklen, das Land bewegt sich in saisonalen Zyklen, der Himmel bewegt sich in Sternenzyklen, und die Zeit ist in diese Dinge so sehr eingebunden, dass sie sich begrifflich nicht vom Raum unterscheidet. Wir erleben Zeit ganz anders als Menschen, die in flachen Terminplänen und geschichtenlosen Oberflächen versunken sind. In unseren Existenzblasen verläuft die Zeit nicht in einer geraden Linie, und sie ist so spürbar wie der Boden, auf dem wir stehen.
In dem Sand-Talk-Bild oben ist der Einschlagpunkt im Zentrum der Schöpfungsmoment, der Zeit/Raum in Bewegung setzte. Es zeigt drei große Zeitalter der Tiefenzeit in konzentrischen Kreisen, die alle im gleichen Moment entstehen. Das Symbol bildet eine dreidimensionale apfelförmige Gestalt des Universums, wenn man sein »Schauen« in ein »Starren« verändert und es auf sich wirken lässt. Die Kugel ist in Bewegung, weil sich die drei Zeitalter fortwährend von außen nach innen und wieder zurück bewegen, sich ausdehnen und zusammenziehen, sich in einer rollenden Bewegung überblenden und sich endlos in einem stabilen Muster reproduzieren. Das ist ein nachhaltiges System.
Nichts wird geschaffen oder zerstört; es bewegt und verändert sich nur, und das ist das Erste Gesetz. Schöpfung befindet sich fortwährend in einem Zustand der Bewegung, und als Hüterart müssen wir uns mit ihr bewegen, denn sonst fügen wir dem System Schaden zu und weihen uns dem Untergang. Nichts kann festgehalten, angehäuft oder aufbewahrt werden. Jede Einheit braucht in einem stabilen System Geschwindigkeit und Austausch, oder sie stagniert – dies gilt für Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme ebenso wie für natürliche Systeme. Sie folgen alle den gleichen Gesetzen.
Um den inneren Kreis verlaufen drei Bögen (oder Blütenblätter, für die ich sie nun halte), die versinnbildlichen, wie unser Gesellschaftssystem in das Schöpfungssystem eingeschrieben ist, mit drei Generationen starker Frauen um jedes Kind – Schwestern/Cousinen, Mütter/Tanten und Omas. Die Mutter der Großmutter geht zurück ins Zentrum und wird zum Kind, und alle zusammen kreisen auf ewig durch diese Rollen, der Geist des Kindes wiedergeboren durch das Land. Eine jede nimmt auch alle Rollen zugleich ein – so ist die Schwester auch eine Tante von jemand anderem sowie Großmutter der Tochter ihrer Nichte.
So zeigt sich das System je nach dem Beziehungskontext einer Person, die es zu einem gegebenen Moment betrachtet, in unterschiedlicher Weise. Wenn du das Kind im Zentrum bist, siehst du einen Fächer von Beziehungen, aber vom Standpunkt deines eigenen Kinds aus siehst du einen anderen. Auch die Tante des Kindes ist, im Zentrum ihres eigenen Systems, jemandes Kind. Jedes Mal, wenn man jemandem begegnet und eine Beziehung herstellt, bringt man multiple Universen zusammen. Es besteht keine Möglichkeit, dieses System von außen zu betrachten – man muss sich in es hineinbegeben, um es dreidimensional sehen zu können, und man muss sich in ihm bewegen und Verbindungen herstellen, um weitere mannigfache Dimensionen zu erkennen. Von außen ist es lediglich ein flaches Bild.
In der modernen Wissenschaft und Forschung müssen die Forschenden Objektivität behaupten, eine unmögliche und gottähnliche (Besser-als) Position, die im leeren Raum schwebt und das Feld beobachtet, ohne ihm anzugehören. In der Quantenphysik ist diese Illusion der Allwissenheit auf Schranken gestoßen. Sosehr man sich auch von der Realität abzusetzen versucht, es wird immer Beobachtereffekte geben, da die Realität sich je nach Standpunkt verschiebt. Die Wissenschaft bezeichnet dies als Unschärferelation.
Ich bin ein Novize in Bezug auf diese Art von Physik, verstehe sie aber so, dass ein subatomares Teilchen, nach dessen Position man sucht, ein Partikel wird, hingegen eine Welle, wenn man seine Bewegung messen möchte. Und deshalb verändert sich seine physikalische Wirklichkeit je nachdem, wie man auf es blickt. Das Alltagsdenken hat daraus Folgendes gemacht: »Wenn ich mit meinen Gedanken die Wirklichkeit verändern kann, möchte ich, dass mir das Universum einen Lamborghini schenkt.«
So funktioniert es nicht, meint Percy Paul, ein First Nations-Mann und theoretischer Physiker am kanadischen Perimeter Institute, als wir uns miteinander austauschen. Er hat offenbar das Gefühl, dass die komplizierten Gleichungen der Unschärferelation nur wenig Einfluss auf seine Lebenswirklichkeit als indigene Person haben. Ich höre ihm zu, wie er seine Art zu leben und sein Verständnis des Universums erklärt, und versuche, seinen Standpunkt nachzuvollziehen: Ich stelle mir vor, dass ein Elektron zu jedem gegebenen Zeitpunkt ein Wahrscheinlichkeitsfeld für seinen potenziellen Ort bildet und nicht auf einen einzelnen Punkt in der linearen Zeit festgelegt werden kann, es sich also wie ein Strand verhält, an dem jedes Sandkorn die Möglichkeit für dessen Vorhandensein darstellt. Für mich heißt das, dass die konkrete Wirklichkeit nur trotz der linearen Zeit existiert.
Ihm gegenüber dies vorzubringen, fühle ich mich zu dumm, mein Ego verhindert also, dass wir uns darüber austauschen. Egos stehen einem guten Yarn immer im Wege. Stattdessen spreche ich mit Percy über den ersten und zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, und er lässt mich an einigen erstaunlichen Ideen teilhaben, doch dann laufen unsere Denkwege auseinander, der Austausch ist zu Ende, und wir finden auch nicht mehr richtig zu ihm zurück. In der indigenen Welt kannst du niemanden zwingen, Wissen mitzuteilen – du akzeptierst einfach, was man dir mitzuteilen für richtig hält. Meistens ziehen sich die Wissensbewahrer zurück, wenn sie in ihrem Gegenüber Narzissmus zu spüren vermeinen, und ich weiß, dass ich diesen Yarn in einem falschen Bewusstseinszustand angegangen habe. Die Körner, die mir Percy überlässt, picke ich freilich dankbar auf.
Meine Yarns mit Percy veranlassen mich, mich noch einmal mit Schrödingers Katze zu beschäftigen, der beste Weg für Uneingeweihte, die Unschärferelation zu verstehen. In diesem berühmten Gedankenexperiment stellt man sich vor, eine Katze, die vergiftet wurde, in eine Kiste zu sperren. Da man sie nicht sehen kann, weiß man nie, ob sie schon gestorben ist, das heißt, die Katze ist gleichzeitig tot und lebendig. Der Vorgang der Beobachtung, dass die Katze atmet, macht sie gewissermaßen lebendig, und der Vorgang, sie zu sehen, wie sie einen mit erloschenen Augen, erstarrt in einer von Todeskampf und Panik gemalten Maske, fixiert, macht sie tot. Jesus.
Aus der kosmologischen Sicht der Aborigines ist das Problem der Unschärfe gelöst, wenn man sich als Teil des Felds versteht und seine Subjektivität akzeptiert. Wenn du unbedingt wissen willst, was in der Kiste ist, nimm selbst das Gift und klettere hinein. Nach meinen Yarns mit Percy verstehe ich die Unschärferelation nicht mehr als Gesetz, sondern als Ausdruck der Frustration, nicht zu einer gottähnlichen wissenschaftlichen Objektivität gelangen zu können.
Heutzutage müssen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sämtliche Spuren von sich aus den Experimenten entfernen, denn sonst gelten ihre Daten als kontaminiert. Kontaminiert womit? Mit der schmutzigen Realität des Dazugehörens? Der toxischen Erkenntnis, dass wir, wenn wir uns nicht außerhalb eines Feldes befinden, es nicht besitzen können? Ich sehe nicht, dass sich die Wissenschaft so bald indigener Forschungsmethoden annehmen wird, denn Indigenes Wissen ist nicht wegen des Wie, sondern wegen des Was, nicht als Quelle eines Wissensprozesses, sondern als Ressource, die geplündert werden kann, gefragt. Zeige mir ein paar Pflanzen, damit ich ein Präparat daraus herstellen und zu Arznei verarbeiten kann!
Ich kann in Gedankenexperimenten mit Katzen in Kisten keine Nachhaltigkeitslösungen erkennen, sehe aber Möglichkeiten in dem oben erwähnten, aus drei Frauengenerationen geschaffenen Muster. Es zeigt mir, dass man sich in einem System, das sich in einem andauernden Zustand der Bewegung und Anpassung befindet, bewegen und anpassen muss. Und damit auch, wie uns-zwei das System auf nachhaltige Weise beeinflussen können – jeder Versuch, das System von einem außerhalb befindlichen, festen Standpunkt kontrollieren zu wollen, ist ein fehlgeleiteter Eingriff, der scheitern wird. Wie also kann beispielsweise eine Gesellschaft auf eine weltweit instabile Finanzlage reagieren? Uns-zwei könnten aus der Urgroßmutter-Nichten-Geschichte ein Gedankenexperiment ableiten – in einer Simulation des Universums, wie es von diesen drei Generationen starker und das tragende Sozialgefüge einer erweiterten Familie bildenden Frauen erlebt wird.
Durch ihre Augen können wir vielleicht in all den großen ökonomischen Turbulenzen der letzten Jahrzehnte ein paar kleine Inseln der Nachhaltigkeit und des stabilen Wachstums erkennen, die letztlich auf einer Sache beruhen. Nein, nicht auf Gold. Auf der erweiterten Familie. Die Geldüberweisungsökonomie der Dritten Welt – also das Geld, das von den Leuten, die in die Erste Welt ausgewandert sind, nach Hause geschickt wird und in der Gesamtsumme nahezu den internationalen Hilfeleistungen entspricht – ist während der letzten Finanzkrise nicht zusammengebrochen. Sie ist, was viele Ökonomen verblüfft hat, in mancherlei Hinsicht sogar gewachsen. Die Massen verzweifelt armer Menschen, die in der Fremde arbeiten, schicken auch weiterhin Milliarden Dollar an ihre erweiterten Familien und Gemeinschaften nach Hause, und dieser ökonomische Vorgang stellt sich als schrumpfungsresistent heraus.
Auch in Frankreich und Deutschland sind in dieser Zeit – wie in zwei Weltkriegen zuvor und ungeachtet des Zusammenbruchs europäischer Imperien – wirtschaftliche Aspekte, die mit der erweiterten Familie zu tun haben, stabil geblieben. Das verdankt sich gemeinschaftlicher Eigentumsgesetze, die es in dem globalisierenden System der Anglosphäre nicht gibt. Französischen und deutschen erweiterten Familien steht die Möglichkeit offen, Kapital kollektiv zu besitzen und mittelgroße Familienunternehmen zu führen, ohne dass dies alles nominell Eigentum einer Einzelperson ist oder von dieser kontrolliert wird. Damit lassen sich generationenübergreifende Besitzstände bilden. Diese Familienkreise verfügen über unterschiedliche Portfolios, arbeiten aber zusammen und bündeln mehrere Einkommen, womit sichergestellt ist, dass ihr Risiko gut verteilt ist. Sie bieten ein internes soziales Sicherheitsnetz und schützten sich somit untereinander gegen zufällig auftretende Austeritätsphasen und andere Turbulenzen.
Australien würde vielleicht gut damit fahren, seine Wirtschaft gegen Einbrüche zu schützen, indem es Familieneigentumsgesetze und entsprechende Anreize einführte – dies kann, ein Nebeneffekt, auch die Sozialausgaben mindern und die Arbeitslosigkeit abbauen. Für den Fall, dass wir uns nicht ganz sicher sind, wie ein derartiges Modell aussieht, könnten wir uns von Australiens asiatischer Gemeinschaft beraten lassen, die offenbar bereits eine auf dem Modell der erweiterten Familie basierende informelle Ökonomie betreibt. Oder wir fragen einfach meine Omas.
Dieses Kapitel sollte sich eigentlich um Physik drehen, ich weiß, aber heute lassen sich die einzelnen Felder ebenso wenig voneinander trennen, wie man sich selbst von einem Feld absondern kann. Unabhängig davon, in welchem Feld man sich gerade befindet, alles ist Natur und folgt deshalb denselben Naturgesetzen, derselben Physik. Aus deiner Sicht mag sich das Universum von jenem anderer Betrachtungsweisen unterscheiden, aber alle folgen sie den gleichen Gesetzen.
Zwischen den Ersten Völkern und den Zweiten Völkern scheint jedoch, was das Wesen der Realität und die grundlegenden Seinsgesetze anbelangt, eine fundamentale Uneinigkeit zu bestehen. Das Gesetz der Ersten Völker besagt, dass aufgrund der unendlichen und sich erneuernden Verbindungen zwischen Systemen nichts geschaffen oder zerstört wird. Deshalb ist die Zeit nichtlinear und erneuert die Schöpfung in unendlichen Kreisläufen. Das Gesetz der Zweiten Völker besagt, dass die Systeme voneinander isoliert werden müssen und in einem Vakuum individueller Schöpfung existieren, dass sie zwar komplex begonnen, aber vereinfacht und heruntergebrochen werden müssen, bis sie ihr Ende finden. Weil alle Dinge demnach einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben, ist Zeit linear.
Erfunden wurde diese Idee von Aristoteles. Für ihn ist das Ende (telos) das Prinzip allen Wandels. Es handelt sich um einen merkwürdigen Fluch, der auf der Grundlage unvermeidlicher Abnahme und Vernichtung eine Illusion unendlichen Wachstums verlangt. Um das Erste Gesetz außer Acht lassen und Zeit geradlinig erleben zu können, sind die Zweiten Völker und ihre »Gefangenen« genötigt, rückhaltlos an dieses Paradox, das nur aufgrund des Ich-bin-besser-Trugschlusses möglich ist, zu glauben.
Uns-zwei können Aristoteles jedoch dafür nicht die Schuld in die Schuhe schieben. Die Idee lag bereits in Form einer zivilisierenden Gründungsmythologie des Uroboros vor. Uroboros ist eine Metapher für Unendlichkeit – eine zu einem Ring gebogene Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Sie enthielt jedoch bereits den gleichen Fluch, den gleichen Widerspruch: Wie kann diese Schlange ein Symbol der Unendlichkeit sein, wenn sie sich letztlich selbst auffrisst?
Ich habe dieses Kapitel komponiert, indem ich aus einem Mulga-Baum einen boondi geschnitzt habe, eine hölzerne Keule, die wir in meinem Clan allerdings eher als yuk puuyngk oder Gesetzesstock bezeichnen. Das ist meiner Ansicht nach ein geeignetes Mittel, um zu erforschen, wie sich die Gesetze für Raum und Zeit zwischen den Ersten und Zweiten Völkern unterscheiden. Ich studierte die Gesetze der Thermodynamik und tauschte mich darüber (sowie über einige alte tote weiße Typen) mit Ältesten und mit Percy Paul aus, speicherte dieses Wissen in meiner inneren Karte der Great Dividing Range ab, des Großen Australischen Scheidegebirges, das den Körper der Regenbogenschlange darstellt. Es trennt übrigens gar nichts, sondern verbindet Systeme entlang eines gewaltigen Traumpfads. Parallel dazu verläuft eine andere Schlange in Form einer Teppichpython, das Great Barrier Reef, das im Übrigen keine Barriere ist, sondern eine weitere unendlich verbindende Erzählung. Mit Ältesten und Wissensbewahrern bin ich diesen Traumpfad von Caboolture nach Hinchinbrook Island entlanggereist. Auf solchen Traumpfaden wird Indigenes Wissen bewahrt, also legte ich dort auch das oben genannte Wissensmaterial ab, das ich zudem als Erinnerungshilfe in die Keule geschnitzt hatte.
Um den Keulenkopf gravierte ich ein Bild des Uroboros, das für das Gesetz der Zweiten Völker und den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik steht. Die Dreidimensionalität der Keule verleiht dem zweidimensionalen Bild aber noch eine weitere Bedeutungsschicht, eine Wahrheit, die sich enthüllt, wenn man den Stock auf Lehm abrollt. Das Bild einer endlosen Schlangenprozession erscheint, Kopf an Schwanz, das das Gesetz der Ersten Völker und den Ersten thermodynamischen Hauptsatz darstellt.
Laut dem Ersten Hauptsatz der Thermodynamik wird Energie weder geschaffen noch zerstört – sie ändert sich nur und bewegt sich zwischen den Systemen. Laut dem Zweiten nimmt die Entropie oder der Zerfall in einem komplexen, zwangsläufig auseinanderfallenden System zu. Dadurch entsteht – jedoch nur in einem geschlossenen System –, was Physiker als »Zeitpfeil« bezeichnen. Vielleicht ist der Wunsch, geschlossene Systeme zu schaffen und die Zeit in einer geraden Linie verlaufen zu lassen, der Grund dafür, dass die Zweiten Völker so obsessiv damit beschäftigt sind, Zäune und Mauern, Grenzen, große Trennungen und große Barrieren zu schaffen. In der Wirklichkeit bewohnen wir keine geschlossenen Systeme, warum sich also für euer Zeitmodell auf den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik verlegen?
Wenn uns-zwei diesen Bogen im Himmel sehen, diese Regenbogenschlange, sehen wir nur einen Teil davon, und dieser ist subjektiv: nur für uns. Wenn wir uns bewegen, bewegt sich auch der Regenbogen, sein Aussehen ist abhängig von unserem Standpunkt. Steigst du auf den nächsten Hügel, siehst du ihn in einer anderen Position als ich von dem Ort, an dem ich stehe. Die Mondschwestern sind einem ähnlichen Phänomen in die Falle gegangen, als sie auf der Oberfläche des nächtlichen Meeres den Mond jagten und glaubten, sein Spiegelbild sei ein Fisch, den sie harpunieren könnten. Aber dieses Bild bewegt sich wie der Regenbogen, je nachdem, wo man sich gerade befindet, also waren sie außerstande, es zu fangen. Nun sind ihre Schatten auf dem Mond zu sehen, wo sie bis auf den heutigen Tag gefangen sind, eine Warnung all denen, die Illusionen nachjagen, die sich aus festen Standpunkten ergeben.
Die Schlange liebt das Wasser, denn das Wasser macht es uns möglich, sie zu sehen, und so kommuniziert sie mit jedem Einzelnen von uns, aber sie ist nicht nur ein Wasserwesen. Sie ist ein Lichtwesen. Der Teil, den wir im nassen Himmel sehen oder in der feinen Gischt, die vom Bug eines schnell fahrenden Dingis aufspritzt, ist nur eine Linie über dem Rand einer Kugel. Die Linie bewegt sich über mehrere Kugeln, die sich endlos überlappen, sich in Spiralen einwärts und auswärts bewegen, sich überallhin erstrecken, wo dieses Licht hingelangt (oder hingelangt ist oder hingelangen wird), und die Regenbogenschlange schlängelt sich durch diese Lichtbildgewebe der Schöpfung. Sie gelangt auch unter die Erde, denn dort war das Licht in der Vergangenheit, und die lineare Zeit setzt ihr keine Schranken.
Aha, aber ist sie eine Welle oder ein Teilchen? Ich nehme an, das hängt davon ab, wie du sie anschaust, wir werden sie aber als eine Welle, eine Schlange erblicken, denn sie bewegt sich unentwegt durch Systeme, die fortwährend in Bewegung und mit allem, was ist, war und sein wird, verflochten sind. Von ihr existieren auf der ganzen Welt zahllose Varianten in allen Formen und Größen – Wyrm, Drache, Uräus und je nach Region viele verschiedene weitere Namen –, die die Gestalt des jeweiligen Ortsgeistes annehmen. Sie war immer da und wird immer da sein, außer die Menschen versuchen weiterhin, sie dazu zu bewegen, sich selbst in den Schwanz zu beißen.
Ich kann sie allerdings nicht richtig sehen, denn ich bin farbenblind. (Optometristen meinen, das liege daran, dass ich kein »Vollblut-Aborigine« bin – offenbar gilt, je schwarzer du bist, desto weniger wahrscheinlich bist du farbenblind.) Ich sehe die Schlange nur als vagen, dünnen Streifen am Himmel. Doch meine Farbenblindheit lässt sie mich an anderen Orten suchen, und so finde ich Wissen an unerwarteten Stellen. Meine Beeinträchtigung lässt mich auch die getarnte Schlange im Gras vor uns erkennen, wenn wir gehen und uns unterhalten; es handelt sich also um eine nützliche Behinderung. Jede Perspektive ist nützlich, und jede Gruppe ist auf eine große Bandbreite von Sichtweisen angewiesen, will sie sich durch dieses Universum navigieren oder gar als sein Hüter auftreten. Ich stehe in dieser Schlucht und sehe den Regenbogen an einer bestimmten Stelle, du stehst auf dem Hügel und siehst ihn an einer anderen, er schickt uns verschiedene Botschaften, die wir nach Möglichkeiten einander mitteilen sollen.
Mein subjektiver Blick auf die Regenbogenschlange hilft mir, Probleme mit den Zeitschienen zu erkennen, die wir heute alle erzwungenermaßen bewohnen (auch wenn ich dadurch Verabredungen verpasse und in logischen Reihen schreibe, denen nicht leicht zu folgen ist). Der Zeitpfeil, wie er in der Physik vorgeschrieben wird, funktioniert in Laborexperimenten und ist ein reales, beobachtbares Phänomen innerhalb geschlossener Systeme. Er ist ein richtiges Gesetz. Er ist nur das falsche Gesetz, wenn man es auf Wesen anwenden will, die in offenen und miteinander verflochtenen Systemen leben. Es ist in etwa so, als ob man die Theorie, dass eine Wirtschaft floriert, wenn die Aktienmärkte boomen, anpreisen würde – die Bewohner dieser Wirtschaft selbst aber sagen: Klar, die Aktienkurse stehen hoch, aber wir hungern trotzdem!
Die selektive Anwendung verschiedener Gesetze und Theorien ist der Grund für die Krise der Zivilisation, die wir auf diesem Planeten erleben werden, bis wir Aristoteles’ telos, das unvermeidliche Ende, erreichen. Es handelt sich um eine Metapher, die auf Täuschung basiert, und in der Weltsicht der Aborigines ist dies die Art, in der Flüche funktionieren. Man nimmt einen Teil eines Systems (etwa das Haar einer Person) und beobachtet in diesem Fragment das Muster des Gesamtsystems (etwa ihren Körper, ihren Geist und ihre Seele), dann singt man ein falsches Muster aus dem Teil (etwa: Du wirst sterben) in das Ganze, und führt ihm mit einem anderen, in ständiger Bewegung befindlichen System (etwa fließendem Wasser) Energie zu. Der Fluch ist eine wahr gemachte Täuschung – entweder eine absolute Lüge oder ein richtiges Gesetz, ein Muster, das an falscher Stelle angewendet wird. Es ist wie ein Computervirus, eine hinterhältige Programmzeile, die das ganze System zum Absturz bringt. Den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik auf offene, miteinander verflochtene Systeme anzuwenden hat die gleiche Wirkung. Es ist ein Fluch.
Um die Krise der Zivilisation in dieser Art zu verstehen, müssen wir zuerst bestimmen, was Zivilisation aus der Perspektive des Gesetzes der Ersten Völker bedeutet. Die meisten würden wohl sagen, es sei eine Kultur, die Wissen, Technologie, Gesetze und Kunst hervorbringt, aber dies ließe sich über jede andere auf der Welt existierende Gemeinschaft sagen. Indigene Menschen behaupten häufig: »Wir hatten all diese Dinge auch, also waren wir eine Zivilisation.« Eine Zivilisation ist jedoch etwas anderes. Ein Dorf oder eine Hirtengemeinschaft oder eine umherziehende Gruppe, die zeitweise das Land ihrer Ahnen bewirtschaftet, ist keine Zivilisation, denn Zivilisationen bauen Städte. Wakanda in den Black Panther-Comics von Marvel ist eine afrikanische Zivilisation, weil sie Städte hervorbringt. In der wirklichen Welt wiederum lebten die Menschen Simbabwes, die einst Städte aus Stein bauten, in einer Zivilisation, bis diese unweigerlich zusammenbrach. Dies war keine indigene Kultur, nur weil ihre Bewohner eine dunkle Haut hatten. Zivilisationen sind Kulturen, die Städte erschaffen, Gemeinschaften, die erst alles in ihrer Umgebung und dann sich selbst aufzehren. Sie können keine indigenen Kulturen sein, solange sie nicht ihre städtebauenden Zivilisationen hinter sich lassen – eine Lektion, die die Ältesten von Simbabwe aus bitterer Erfahrung durch alle Zeiten bis heute überliefert haben.
Eine Stadt ist eine auf einem Zeitpfeil angesiedelte Gemeinschaft, ein nach oben weisender Zeitpfeil, der ständiges Wachstum verlangt. Wachstum ist die Maschine der Stadt: Wenn der Zuwachs aufhört, geht die Stadt unter. Aus diesem Grund sind die lokalen Ressourcen schnell verbraucht, und das Land in der Umgebung der Stadt stirbt. Erst wird es aller Biota beraubt, dann verschwindet der Mutterboden, dann das Wasser. Es ist kein Zufall, dass heute die Ruinen der ältesten Zivilisationen meistens in Wüsten liegen. Zuvor gab es dort keine Wüste. Die Stadt sagt sich, sie sei ein geschlossenes System, das ewiges Wachstum verlangt und zugleich zerfallen muss, damit die Zeit geradlinig verläuft. Das bedeutet, sie muss ihren Zerfall so lange wie möglich nach außen verlagern.
Deshalb ist eine Stadt darauf angewiesen, Ressourcen aus miteinander verflochtenen Systemen jenseits ihrer Grenzen zu importieren. Die Stadt platziert sich selbst in der Mitte dieser Systeme und plündert sie aus, um ihr Wachstum zu füttern, wobei sie die Kreisläufe der Zeit, des Landes, des Wetters, des Wassers und des ökologischen Austauschs zwischen den Systemen unterbricht. Der Austausch erfolgt jetzt nur noch in einer Richtung. Materie und Energie werden auch in dieser Reaktion nicht geschaffen oder zerstört; anstatt den Systemen wieder zugeführt zu werden und sie zu durchlaufen, werden sie zu stationären Massen aufgehäuft.
Die von den Städten ausgehende exponentielle Zerstörung speist das exponentielle Wachstum von Infrastruktur und Bevölkerung. Damit dies geschehen kann, werden Gesetze wie das von Angebot und Nachfrage falsch angewendet: Damit Wirtschaftswachstum stattfinden kann, muss es mehr Nachfrage als Angebot geben. Grob übersetzt heißt dies, es muss mehr Menschen geben, die Grundgüter und lebenswichtige Dienstleistungen benötigen, als es an Gütern und Dienstleistungen gibt. Anders formuliert: Damit die Wirtschaft wachsen kann oder damit etwas einen Wert bekommt, müssen viele Menschen auf eigentlich überlebenswichtige Dinge verzichten. Da das Wachstum exponentiell zunimmt, nimmt auch die Zahl der Menschen exponentiell zu, denen etwas fehlt. So kann sich kein Gleichgewicht einstellen.
Die von diesen elenden Massen ausgehenden Störungen gilt es, mit Brot und Spielen, Fußball und Facebook abzuwehren. Man muss sie fragmentieren, damit sie sich nicht in Gemeinschaften oder erweiterten Familien gegenseitig unterstützen, denn sonst wird die Nachfrage sinken. Vor allem muss man sie sich wie die Karnickel vermehren lassen, denn so stellt man sicher, dass ihr einziges Gut das energetische Potenzial ihrer Kinder ist.
Ich glaube nicht, dass viele Menschen meiner Definition der Nachhaltigkeit zustimmen. Ich höre sie über nachhaltiges exponentielles Wachstum reden, wobei sie außer Acht lassen, dass ein Großteil des Mutterbodens mittlerweile auf dem Boden der Ozeane angekommen ist. Es ist schwierig, mit den Leuten über die unmögliche Physik der Zivilisation zu sprechen, besonders wenn man Aborigine ist: Du führst die Farben und Federn vor, die hübschen Dinge deiner Kultur und sprichst über deine einzigartige Verbindung mit dem Land, während die Leute in Vitrinen blicken und dir zuschauen, aber dass du in ihre Richtung blickst oder beschreibst, was du siehst, ist nicht vorgesehen.
Aber es gibt es noch das Erste Gesetz. Wir müssen mutig genug sein, es auf unsere Realität unendlich miteinander verflochtener, selbst organisierender, selbst erneuernder Systeme anzuwenden. Wir sind die Hüter dieser Realität, und für eine Hüterspezies ist der Zeitpfeil kein angemessenes Modell, von dem aus sich operieren ließe. Wenn ich jetzt über all die Großmütter und Nichten und Schwestern nachdenke, frage ich mich, ob ich nicht den falschen Weg gegangen bin, indem ich all die Wurmlöcher der Physik abgefangen und jedes negative Teilchen angestupst habe. Diese Frauen machen in aller Ruhe weiter und halten die Schöpfungssysteme durch verwandtschaftliche Beziehungen in Gang; sie machen sich keine großen Gedanken, fragen sich höchstens, welches Chaos ich als Nächstes anrichten werde. Vielleicht haben sie es kapiert. In einer Lebenswelt, in der deine Urenkel deine Eltern werden, hat man ein berechtigtes Interesse daran, an der Erschaffung eines stabilen Systems mitzuwirken, in dem diese agieren können, und auch, für ein bisschen Gerechtigkeit zwischen den Generationen zu sorgen. In ruhigen Momenten sitze ich daher gerne auf dem Land in der wohligen Umarmung dieses weiblichen Schöpfergeistes. Ich höre noch, wie die Bulldozer kommen und höre keine Frösche mehr. Aber ich sehe die Blumen.
Die Grenzen des »Für immer«
Uns-zwei wollen nun einen Moment lang über das Ende der Welt und die Grenzen des »Für immer« nachdenken, und zwar mit ein paar nichtlinearen Gedanken über den Nikolaus, Flaggen, Rassenillusionen, Karten, Memes und Bumerangs zum Fischen. Wie üblich beginnen wir mit einem Yarn.
Ich sitze mit zwei Sámi-Frauen zusammen. Die Sámi sind eine indigene, in der Nähe des Nordpols lebende Volksgruppe, die eine totemistische Verbindung zu den Rentierherden pflegen, denen sie auch heute noch durch die von ihnen seit Tausenden Jahren bewohnten arktischen Landschaften folgen. Sie bleiben ihrem Land verbunden, das aktuell von modernen Staaten wie Finnland, Schweden, Norwegen und Russland beansprucht wird. Sie stellen meine Welt auf den Kopf.
Sie tragen moderne Kleidung und sprechen in Dialekten, die für mein ungebildetes Ohr nordisch klingen. Sie haben gelbes Haar und rosige Wangen. Und trotz allem, was mir meine Sinne sagen, bin ich absolut nicht imstande, sie als »weiß« einzuordnen. Wenn ich mit ihnen zusammensitze, habe ich genau das gleiche Gefühl, wie wenn ich mit meinen Tanten aus meiner Gemeinschaft zusammensitze. Das gleiche logische Muster, das gleiche Muster des Seins und der Verbundenheit. Wie sie eine Beziehung zu mir aufbauen, spiegelt meine eigene Art, zu anderen indigenen Menschen Beziehungen herzustellen. In ihrer Gemeinschaft sind sie ranghohe Wissensbewahrerinnen, und ich bin nur ein junger Kerl, der seinen Platz in der Welt erst zu verstehen sucht. Ich habe vielleicht dunklere Haut als diese Ladys, aber sie sind zehnmal schwärzer als ich.
Nach dem Ende des Yarn halte ich »Weißsein« nicht mehr für einen nützlichen Begriff in meinem Vokabular. In meiner Gemeinschaft verwenden wir im Alltag die Wörter »schwarz« und »weiß« als bequeme Kurzform, um die Beziehungen zwischen Besatzern und Besetzten zu beschreiben, aber diese Begriffe sind für die Beschreibung der heutigen Realität fürchterlich unangemessen, vor allem in multikulturellen und internationalen Kontexten.
In einer Welt, in der sich schwarze afrikanische Kolonisten das traditionelle Land der hellhäutigen Nemadi-Jäger aneignen, in der Kelten gegen die englische Vorherrschaft aufbegehren und Basken in Spanien und Korjaken in Russland darum kämpfen, ihre alten Gebiete und Sprachen zu bewahren, in der in der Diaspora lebende Menschen verschiedener Hautschattierungen seit Generationen in so gut wie allen Ländern Babys in die Welt gesetzt haben, ist schwarz und weiß als Paradigma zum Verständnis der indigenen Erfahrung nur von begrenztem Wert. Als eigenständige Realität lässt sich die indigene Erfahrung ohnehin nur schwer beschreiben, wenn nicht-indigene Gemeinschaften erst vor relativ kurzer Zeit aus den eigenen, angestammten Ursprungsgebieten vertrieben worden sind und in große Städte und Ortschaften abwanderten, um die Arbeit zu leisten, wie sie der Fortschritt verlangt.
Es ist schwierig, die Verwerfungen und Muster globaler Machtsysteme zu beschreiben, wenn wir im Zusammenhang mit Rasse und Kolonialismus nur auf die Sprache des neunzehnten Jahrhunderts zurückgreifen können. Für Australier sind die alten, verschwommenen Rassendichotomien zutiefst verwirrend geworden, denn sie lassen sich nur schwer auf einem farbcodierten Kontinuum von Opfern und Unterdrückern einordnen. Im Bemühen um ökonomische Gleichstellung reihen sich auch »Farbige« in den Ansturm zur Ausbeutung von Aborigine-Land und -Ressourcen ein und werden in den Vorstandsetagen willkommen geheißen, solange sie sich die Werte und Identitätsauffassungen der Siedler zu eigen machen. Das Kohlebergbau-Projekt eines indischen Unternehmens zerstört Aborigine-Land und -Wasser in Queensland, und nun stehen Farmer, die sich einst vehement gegen den Native Title aussprachen, neben den Traditionellen Eigentümern, um gegen diese Entwicklung zu protestieren. Afroamerikanische Besucher, die in den Indigenen Zentren unserer Universitäten vorbeischauen, fühlen sich beleidigt, wenn wir uns selbst mit dem Ausdruck »schwarz« beschreiben, obwohl viele von uns noch nicht einmal genug Melanin zusammenkratzen könnten, um einen Taxifahrer abzuschrecken.
Die Sámi-Frauen, mit denen ich mich austausche, können nicht auf die archaische Kurzform »weiß« zurückgreifen, um die Menschen zu benennen, die Raketenabschussrampen zur Weltraumerkundung auf ihrem Land errichten, auf ihren heiligen Stätten nach Öl suchen und, indem sie ihre Flüsse vergiften oder aufstauen, ihre Rentiere, ihre Sprache und ihre Alten töten. Bei welchem Namen soll man diese Täter nennen? Sind bestimmte kulturelle Gruppen verantwortlich? Sind es Einzelpersonen?
Welche Gruppe, welche Einzelperson könnte Verantwortung dafür übernehmen, dass der Westen sich immer zur Weihnachtszeit die Sámi-Kultur auf die barbarischste Weise aneignet? Die Schamanen der Sámi waren Anfang des letzten Jahrhunderts so großzügig, Außenseiter an winterlichen spirituellen Praktiken mit Roten Fliegenpilzen teilhaben zu lassen, mussten aber bald feststellen, dass Elemente ihrer Rituale gestohlen und von der europäische Kultur auf frevlerische Weise vereinnahmt wurden.
Ihre traditionellen Zipfelmützen wurden ihnen vom Kopf gerissen und kindlichen Elfen aufgesetzt. Das Lager des Weihnachtsmanns wurde von Holland an den Nordpol verlagert und die Praxis der Sámi-Schamanen, Behausungen durch den Kamin zu betreten (um psychotrope Pilze zu verteilen) wurde für seine Zwecke umgedeutet. Die Farbe seines Kostüms änderte sich in das emblematische Rot und Weiß des Fliegenpilzes. Dann stieg er mit den Rentieren der Sámi in die Luft, gab ihnen komische Namen und benutzte sie im Zuge der Erweiterung seines Winterwunderlands als Transportmittel. Gäbe es zur Apokalypse der Sámi Filmmusik, wäre es »Jingle Bells«.
Können wir einem einzigen gealterten, übergewichtigen »weißen« Mann für diesen kulturellen Diebstahl die Schuld zuschieben? Können wir allen dicken alten weißen Männern die Schuld zuschieben? Wir sollten vielleicht die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Zerstörung von Landstrichen und Kulturen weltweit gesehen ein bisschen mehr benötigt als ein paar Leute, die für sich entscheiden, ob sie die Rolle des Helden, des Bösewichts oder des Opfers übernehmen. Vielleicht lassen sich noch nicht einmal mehr ethnische Gruppen überzeugend nach diesem Raster kategorisieren.
Nach meinem Yarn mit den Sámi-Frauen hat sich in dem Vokabular, das ich bislang zur Beschreibung meiner Welt benutzt habe, eine große Lücke aufgetan. Die Wörter, die meiner Gemeinschaft in der Sprache der Besatzer gegeben wurden, um unsere von Rassenkategorien bestimmte Realität zu beschreiben, haben uns für die wahre Natur unserer Realität blind gemacht. Wir benennen Opfer und Täter entsprechend eines Farbcodes, der die eigentlichen Kräfte und Muster, die uns quälen, verdeckt. Auf dem linken Auge sehen wir ethnische Gruppierungen und auf dem rechten Individuen, für alles andere aber sind wir blind. Wir sind nicht in der Lage, die in der Welt vorherrschenden Ströme der Macht und Kontrolle zu erkennen, den systemischen Sog, der die Ressourcen aus dem Süden in den Norden verlagert. Über unsere Frontalhirn hat sich eine raumzeitliche Illusion gelegt, eine falsche Weltkarte von Orten und Menschen.
Als Aborigines besaßen wir stets unser eigenes Verfahren, Zeit/Ort zu kartieren. Vielleicht sollte ich, um die Lücke zu schließen, die die Sámi-Frauen in meiner Weltsicht geschaffen haben, nochmals unsere Karten in Augenschein nehmen und die darauf enthaltenen Muster auf die Welten jenseits des Lokalen ausdehnen. Uns-zwei könnten also die von Oldman Juma in den Sand gezeichnete Karte betrachten, diesen Mustern nachgehen und schauen, wohin sie uns bei dem Versuch führen, die jedwede Existenz bedrohenden schädlichen Muster und Kräfte zu bestimmen.
Dies ist sowohl eine Karte als auch eine Art Kompass, aber sie ist nicht auf den magnetischen Norden ausgerichtet. Nach alter Art ist die Richtung dynamisch und beruht auf den jahreszeitlichen Sonnenbewegungen, zu jedem gegebenen Moment von deinem Standpunkt aus gesehen, wann du wo stehst, gehst oder dein Lager aufschlägst.

Zeit und Ort werden in den Aborigine-Sprachen gewöhnlich mit demselben Wort bezeichnet – sie sind nicht voneinander zu trennen. Im Zentrum des Kompasses steht der Einschlagpunkt zur Zeit eines Schöpfungsmoments, eines Schöpfungsorts; dieser Punkt stellt zusammen mit den anderen die sieben Geisterfamilien und ihre heiligen Plätze dar.
Der erste Mann und die erste Frau sind im Osten und im Westen, und auch ihre Wanderungen sind eingezeichnet, wobei sie auf ihrer Reise durchs Land verschiedene Verwandtschaftsgruppen und Orte schaffen. Die Wanderstrecken entlang der inneren Kreislinien des Symbols bilden die Gestalt des Kanus des ersten Mannes nach. Die Wanderstrecken auf den äußeren Kreislinien zeigen, wie er paddelt, um dem Lauf der Sonne zu folgen, was die Richtung dynamischer macht als bei der modernen magnetischen Version. Das sollte fürs Erste reichen, um dich kirre zu machen. »Was? Norden ist kein fester magnetischer Punkt? Osten kann Norden sein? Er ändert sich je nach Jahreszeit?« Ich empfehle hier eine eher ablehnende Reaktion, es sei denn, du möchtest für ein paar Tage der Arbeit fernbleiben und dich hinlegen, um dein Gehirn wieder einzurenken. So wie es aussieht, machen bei diesem speziellen Sand Talk nämlich viele diese Erfahrung.
Es wird noch schlimmer, wenn Oldman sagt, die vorliegende Ansicht des Symbols sei ein umgedrehtes Bild, dass du nur richtig zu sehen bekommst, wenn du dich geistig unter die Erde begibst und es von unten anschaust.
Zusammengenommen zeigen die Linien dieser Sand-Talk-Karte die Gestalt des australischen Kontinents als eine auf den Kopf gestellte Version der Mercatorprojektion, wie wir sie heute kennen. In vielen nichtwestlichen Sprachen, darunter Maori, nahöstlichen und Aborigine-Sprachen, liegt der Norden unten und der Süden oben. Frühe Weltkarten aus der Zeit, bevor die Europäer ihre Imperien aufbauten und die Karten drehten, um sich oben verorten zu können, waren ebenso angelegt. Die Europäer zogen auch die obere Hälfte der Karte auseinander, um sich größer aussehen zu lassen, sodass der Äquator eigentlich tiefer liegt, als er es sollte, und das kleine Grönland aussieht wie ein Kontinent. Wenn du mir nicht glaubst, schau auf einer beliebigen Karte nach, wo der Äquator liegt. Er befindet sich nicht in der Mitte, sondern darunter. In Oldman Jumas Karte liegt Tasmanien in der Welt ganz oben und ist weit größer.
Ich beschloss, mich mit jemandem von der Spitze der Welt auszutauschen, einer indigenen tasmanischen Denkerin namens Lauren (alias Blackie), die mit ihrer Frau in Sydney lebt und an ihrer Doktorarbeit schreibt. Sie hat einige gute Texte zum Thema Entwicklung und ihren Folgen für indigene Wirklichkeiten verfasst. Ich habe vor einem Jahr einen Fisch-Bumerang aus Ti-tree-Holz geschnitzt und ihr gegeben. Auf ihm sind Oldman Jumas Zeit- und Ortskarten sowie ein paar Bilder von Ameise und Schmetterling aus einem Tanz, den wir einst erarbeitet haben. Ein Fisch-Bumerang ist eine seltene Jagdwaffe aus Western Australia, die kaum jemand kennt.
Als ich vor ein paar Jahren dort die Erlaubnis erhielt, solche Bumerangs zu schnitzen, fertigte ich gleich sehr viele davon an. Sie sehen nicht wie normale Bumerangs aus. Sie sind in etwa so groß wie eine gespreizte Hand und geformt wie ein winkliges Komma mit einer scharfen Spitze. Oldman Juma bezeichnet sie als Blackfella-Ninja-Sterne. Sie fliegen rasend schnell, durchschneiden das Wasser und schlagen Fische bewusstlos. Wenn sie gut gemacht sind, hilft ihr Winkel dabei, abzuschätzen, wo sich die Fische wirklich befinden, anstatt danach zu gehen, wo sie, da das Wasser das Licht bricht, zu sein scheinen. Aus dem Gebrauch dieser Bumerangs lassen sich gute Lektionen ziehen; Lektionen über Illusionen, Perspektiven und Wirklichkeiten.
Ursprünglich wurden sie aus Hartholz hergestellt, aber als Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Wellblech ins Land kam, wurde oft auch dieses Material verwendet. Ich dachte, dieses flüchtige, anpassungsfähige Instrument würde gut zu den schlüpfrigen, Zeit und Richtung betreffenden Ideenschwärmen passen, die mit den Mitteln der mündlichen Kultur schon schwer zu fassen sind und schwieriger noch mit dem geschriebenen Wort.
Diesen kleinen, aber tödlichen Bumerang habe ich Blackie gegeben, damit sie ihn zu ihrem Schutz in ihrer Handtasche trägt. Statistisch gesehen, ist es nämlich für eine Aborigine-Frau nicht besonders sicher, in der Stadt nachts alleine nach Hause zu gehen.
Kürzlich habe ich Blackie gefragt, was sie über den Bumerang, den sie nun seit einem Jahr bei sich trägt, so gedacht hat. Sie antwortete:
Deckt man mit der Hand erst das eine und dann das andere Auge ab, fängt das ganze Teil an zu fliegen und flattert mit den Flügeln wie ein Schmetterling. Durch abwechselndes Schauen ändert es seine Richtung. Der Boomy wird durch das ganze Symbol in die Höhe gehoben, starke flatternde Flügel erzeugen Auftrieb, der sich durch die restliche Geschichte fortpflanzt. Ich denke, das ist Teil der Verwandlung. Beim Zusammentreffen mit diesen grenzenlos begrenzten Wachstumsnationen müssen wir wirklich nur Schwung in diese Flügel bekommen und verdammt noch mal abheben. Diesen so wenig nachhaltigen Systemen davonfliegen. Wie du gesagt hast, diese Modelle sind immer ortlos, universell, aber sie vergessen manchmal auch, was Raum bedeutet. Als Leute, die widerstehen, müssen auch wir uns wieder über den Raum Gedanken machen. Überall leben diese ganzen ortsbasierten Sachen auf, sodass manchmal selbst Blackfellas solche Dinge wie Raum, Zeit, Bewegung, Dimension übersehen.
Blackie spricht von Entkolonialisierungsbewegungen, die so sehr auf die Ablehnung westlicher Systeme versessen seien, dass sie sich allzu sehr auf Wissensformen versteift hätten und zu wenig auf solche des Seins. Dies habe dazu geführt, dass viel Indigenes Wissen, anstatt sich im Alltagsleben eingebettet zu finden, sich in der Theorie verloren habe. Andererseits habe eine neuerliche Fixierung auf die »Ontologie« das Pendel zurückschwingen lassen, da die Leute authentische, aber individuell unverwechselbare Grundlagen für traditionelles Wissen suchten, worüber sie in verschiedenen Medien berichteten.
In all diesen Zuweisungen und Neuzuweisungen Indigenen Wissens gehen Dinge verloren, oder sie werden kontaminiert. Das ist etwas anderes, als wenn bei der Herstellung von Fisch-Bumerangs Holz durch Wellblech ersetzt wird; Letzteres ist in Ordnung, denn es demonstriert Kontinuität und Anpassungsfähigkeit als Reaktion auf den Wandel. Bei Ersterem ist es eher so, als ob jemand, der Oldman Juma über Blackfella-Ninja-Sterne scherzen hört, sich eine Traumzeitgeschichte über Japaner ausdenkt, die vor Tausenden vor Jahren Australien besucht haben. Indigenes Wissen ist ständig, von innen wie von außen, von solch schrägen Zufügungen und Falschinterpretationen bedroht. Die physische Apokalypse der Invasion erreichte uns mit einem Knall, aber unser kulturelles Armageddon ist mehr ein Wimmern, eine langsame Kontamination und Zerfaserung gemeinschaftlichen Wissens durch außergewöhnliche Einzelpersonen.
Ich habe erfundene Traumzeitgeschichten gehört, die keinerlei Verbindung mit Traumpfaden oder realen Orten hatten. Ich habe komplizierte, aus New-Age-Tand fabrizierte pseudo-indigene Rituale gesehen. Jemand sagt: »Heute führe ich ein buddubigwan, das traditionelle Aborigine-Wort für Werkstatt«, und hält eine PowerPoint-Präsentation gemischt mit Vertrauensübungen, Gesichtsbemalung und vagen herzerwärmenden Affirmationsphrasen. Jemand anderes übersetzt das Oxford Dictionary in eine Aborigine-Sprache und erfindet neue Wörter für Dinge wie Tableau, quijotesk und Xenophobie. Sicherlich ein geniales Vorhaben – das Problem ist nur, dass sich Kulturen nicht auf diese Art anpassen und entwickeln. Wie bei allen Dingen, die Bestand haben, muss so etwas in einer kollektiven Anstrengung erfolgen und mit den Schöpfungsmustern, die sich aus dem Leben in einer bestimmten Landschaft herauslesen lassen, im Einklang stehen.
Die Neuerer, die diese Beispiele hervorbringen, argumentieren, dass sich unsere Kultur in einem fortwährenden Wandlungs- und Anpassungsprozess befindet, und damit haben sie recht. Echter kultureller Wandel aber geschieht nicht einseitig. Kulturelle Neuerungen finden in den tiefgehenden Verbindungen zwischen Land, Geist und Gruppen von Menschen statt. Eine im traditionellen Wissen »hochrangige« Person mag vielleicht einen Pfad in einer Traumzeit finden, wenn sie tief mit dem Land, der Überlieferung, dem Geist und der Gemeinschaft verbunden ist. Aber dieser Pfad muss dann von anderen aufgenommen und über viele Iterationen hinweg schrittweise verändert werden, bevor er Teil der Kultur werden kann. Ohnedies kann ein solcher Pfad nur in einem über Tausende Jahre von dieser Gemeinschaft entwickelten rituellen Prozess gefunden werden. Der Pfad selbst ist weniger wichtig als der gemeinschaftliche Wissensprozess, der ihn hervorgebracht hat.
Die meisten dauerhaften kulturellen Neuerungen treten in der Alltagskultur auf, in den Praktiken und Formen, die sich in einer organischen Anpassungsfolge aus dem alltäglichen Leben und Miteinander von Menschen und Orten entwickeln. Wenn diese Vorgänge ungehindert von willkürlichen Kontrollmaßnahmen und Plänen sozial hervorgehobener Individuen ablaufen können, spiegelt ihre Entstehungsweise die Muster der Schöpfung wider.
Ich habe erlebt, wie Neuerungen authentisch im Alltagsleben meiner Kultur aufkamen, und sie über lange Zeit sorgfältig beobachtet. Ich weiß, wie sie aussehen, wenn sie echt sind. Ich habe im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends der Entstehung eines neues Bestattungsrituals beigewohnt, einer Grabsteinzeremonie, die etwa ein Jahr nach der Beerdigung der verstorbenen Person stattfindet. Der Neuerungsprozess begann in einer Gemeinde, die auf ihrem Friedhof bislang nur Holzkreuze hatte, und wurde angeführt von einer Frau, die für ihren toten Sohn einen Stein als Grabmarkierung haben wollte.
Die Herausbildung der Zeremonie zur »Eröffnung« dieses ersten Grabsteins war ein gemeinschaftlicher Vorgang, der von mehreren Ältesten und Familienmitgliedern gestaltet wurde und ältere, außer Gebrauch gekommene Elemente des traditionellen Trauerrituals inkorporierte. Dadurch, dass die Zeremonie von vielen Familien und in verschiedenen Gemeinschaften wiederholt und modifiziert wurde, wurde sie eine authentische, in die lebendige Kultur eingebettete Neuerung. Sie betraf sogar Familien- und Haushaltssparpläne, um Geld für den Grabstein und das der Zeremonie folgende Gemeinschaftsfest anzusparen. Dieses vielschichtige, schöne und heilsame Ritual hätte nicht von einer Einzelperson und auch nicht von einer »Arbeitsgruppe« erdacht werden können.
Nachhaltige Systeme lassen sich nicht durch Einzelpersonen oder einberufene Komitees zusammenbasteln, vor allem nicht in Zeiten, die von starkem Wandel und Umbrüchen gekennzeichnet sind. Diejenigen, die in indigenen Kulturen nach nachhaltigen Methoden suchen, sollten sowohl nach altem als auch zeitgenössischem, der Alltagskultur entsprungenem Wissen Ausschau halten und nicht nach individuellen Erfindungen und Anpassungen. Damit ist nicht gesagt, dass alltagskulturelle Neuerungen immer gut sind. Wenn man aber auf viele Stimmen und viele Geschichten hört und sieht, wie sich daraus ein tiefes und komplexes Muster entwickelt, kann man in der Regel bestimmen, was echt ist und was um fragwürdiger Ziele willen nur oberflächlich retuschiert oder von dahergelaufenen Narzissten korrumpiert wurde.
Darmowy fragment się skończył.