Czytaj książkę: «Birdie»
Tracey Lindberg
Birdie
Roman
Aus dem kanadischen Englisch
von Gesine Schröder und Karolin Viseneber

In Originalsprache unter demselben Titel
erstmals erschienen bei Harper Collins Canada, 2015
Copyright © 2015 by Tracey Lindberg
Für Cindy
INHALT
Prolog
WO SIE JETZT IST – NACH DEN ZWEI REISEN
ôtah mâcipayiw: Es beginnt hier
1WER SIE IST
nayahcikewiyiniw: jemand, der/die sich Dinge auf die Schultern lädt
2ZUHAUSE
witokemakan: jemand, der/die mit der Familie lebt
3BERNICE REIST MIT LEICHTEM GEPÄCK
awasispihk: davor. die Zeit davor
4WO SIE IST
kasakes: ein Vielfraß, jemand, der/die viel isst
5VIELE REISEN, VIELE LEIDEN
misiwanacihow: jemand, der/die etwas erlitten hat
6NIRGENDWO
anisinowin: verirrt. sich verirren oder verirrt haben
7WER DICH LIEBEN WIRD
awîyak ka kehnipat: jemand, der/die schlief
8WO SIE WAR
kakosoweht: er/sie ist jemand, der/die Angst vor Menschen hat
9WAS GETAN WURDE, WURDE GETAN
wahkewisiw: er/sie ist anfällig für Übelkeit
10SIE SCHREIBT IHRE EIGENE GESCHICHTE
omekinawew: jemand, der/die Essen teilt
11DIE LETZTE REISE VOR DEM ENDGÜLTIGEN ZIEL
nakipayiw: er/sie beendet die Reise, er/sie hört auf zu fahren
12LIEBE JENE, DIE ZU DIR STEHEN
Mîcimâpôhkêw: er/sie kocht Eintopf, er/sie kocht Brühe
13NACH HAUSE/ZUHAUSE
Kiwehtahiwew: jemand nimmt andere mit nach Hause
14ZEREMONIE – WAS SIE TUN MUSS
iskwew: Frau
15DIE WANDLUNG – WER SIE GEWORDEN IST
otâcimow: ein/e Geschichtenerzähler/in, jemand, der/die Legenden erzählt
Epilog
WO SIE BEGINNT – ALS MAGGIE ZWEI REISEN UNTERNAHM
Danksagung
Interview mit der Autorin
Anmerkung der Übersetzerinnen
Kakinow anniki okawipanak, nimisinanak, niseeminanak, kaki mantotacik, apo anniki westawow mekwac eka ka piswenemicik, kiwicikapowistatinan, kakinow annis omma kiwakotonanow.
Für alle Mütter und kleinen Mütter, Schwestern und Cousinen, die ermordet wurden, vermisst werden, verschwunden sind oder sich unsichtbar fühlen. Wir sind eins. Wir sind bei euch. Wir sind eine Familie.

BERNICE’ REISE
1. Zuhause Loon Lake
2. Nonnenschule und Pecker Palace
3. Pflegefamilie: Die Ingelsons
4. Leben auf der Straße (Edmonton)
5. Die Anstalt
6. Lolas Zuhause
Prolog
WO SIE JETZT IST – NACH DEN ZWEI REISEN
ôtah mâcipayiw: Es beginnt hier

Maggie sitzt in der alten Schenke, unter Freunden. An diesem Ort, dem Ort der endlosen Feste, gibt es nur jene Geister, die zwischen ihnen umherwirbeln, kleine Tornados aus Licht, Lachen, Liebe und Anmut. Sie streckt die Hand aus und berührt einen, wird erleuchtet, spürt ihre Kleinegroßefrautochter/mutter und weiß alles über die Liebe. Da ist ein Gefühl der Sattheit: erfüllt und genährt. Von Licht und Lachen, Liebe und Anmut. Sobald sie gegangen ist, wurde sie friedlich. Sie hat ihren Frieden gefunden, als sie den Geist berührt, von dem sie weiß, dass er in Bernice ist. Ihre Tochter ist reich, reich an Möglichkeiten und Lebenswillen. Maggie wird davon erfüllt, der ganze Raum wird davon erfüllt, und einen Moment lang verstummen alle vor Ehrfurcht, während es durch sie und über sie hinwegzieht. Ihr Mädchen ist voller Gefühle, die Maggie erst jetzt empfindet, an diesem Ort.
Sie fühlhört Klappern und Klatschen, als jemand die Bar betritt. Es ist Kohkom, zeremoniell gekleidet. In roten High Heels.
Und zum Tanzen bereit.
1
WER SIE IST
nayahcikewiyiniw: jemand, der/die sich Dinge auf die Schultern lädt

pawatamowin 1
In ihrem Traum ist sie nicht in dem Unterstand bei Pimatisewin2, sondern in Gastown in Vancouver. Im Nachthemd fliegt sie durch Kopfsteinpflasterstraßen und ist betört von dem Duft nach Kräutern und Speisen. Sie öffnet die Tür zu einem Feinkostladen. Als die rote Tür aufschwingt, sieht sie einen korpulenten weißen Mann in Jeans, der ihr den Rücken zuwendet. Der Frugal Gourmet dreht sich nach ihr um, hält ihr die Hand hin, ergreift ihre Klaue und zieht sie zum Fenster des kleinen Ladens.
Er zeigt nach draußen, auf Pimatisewin, und sagt in Cree: »Was sie braucht, ist Tiramisu.«
Bernice besitzt zwei Paar Schuhe. Sie findet, dass Schuhe eine Menge über ihre Besitzer verraten. Sie hat ein Paar Sneaker für die Arbeit und ein Paar High Heels, die sie in einem Laden der Heilsarmee gefunden hat. Beide erfüllen einen Zweck. Keins der beiden Paare, findet Bernice, verrät irgendetwas über sie, außer wie sie ihre Zeit verbringt. Über die meisten Leute verraten Schuhe eine Menge, findet Bernice.
Wie sie ihre Zeit verbringt, ist ihr immer öfter ein Rätsel. Stunden verrinnen, ohne dass sie es mitbekommt. Ab und zu ertappt sich Bernice dabei, dass sie so still und stumm dasitzt, als würde sie schlafen. Aber das ist es nicht. Sie weiß nicht genau, was sie da tut, aber was sie nicht tut, weiß sie ziemlich sicher. Und. Schlafen. Tut sie nicht.
Dass etwas mit ihr passierte, sagte ihr anfangs nicht ihr Kopf, sondern ihr Körper. Manchmal bekam sie Krämpfe in den Beinen. Davon, dass sie zu lange unbeweglich dagesessen hatte. Oder. Vielleicht. Von der Kraft, die es kostete, nicht zu sein, wo sie war. Sie wusste es nicht. Manchmal passierte es, wenn sie nicht allein war. Auch dann wusste sie nicht, was sie tat, aber fast immer bekam sie den Moment mit, in dem sie »zurückkam«. Wenn sie es tat. Damals, als sie es noch tat. Dann schnipste jedes Mal ein ungeduldiger, unfreundlicher Jemand mit den Fingern, stieß mit dem Fuß nach ihr oder schrie sie, einmal zumindest, an. (»Ey, Matschbirne, ich rede mit dir!«)
Manchmal saß sie (reglos, vermutlich) so lange in der Kälte oder im Wind, dass ihre Narben knittrig und ihre Augen trocken wurden.
Damals, als sie noch zurückkam, setzte sie sich öfter in den Park, schaute den Fischerbooten zu und blickte über das aufgewühlte Wasser. Unbeweglich und bewegt zugleich, saß sie einfach nur da, schaute und starrte sich in ihre Zeit hinein. Das war nichts für zu Hause. In Edmonton hätte sie es nie probiert. Aber Gibsons ist gerade so sicher. Genug.
Den meisten Menschen, denkt sie, wäre diese … diese Leere ihres Selbst beunruhigend oder erschreckend vorgekommen. Bernice nicht. Die Leere, die sie verspürte, war irgendwie anziehend; sie verschluckte alles um sie her und machte sie leichter. Jetzt, in ihrem Bett, betrachtet sie diese Phase als die Zeit, in der sie zu verschwinden lernte. Es wurde Teil von ihr, eine langsame Veränderung, breitete sich aus, bis alles in ihr beweglich und biegbar wurde: Erinnerungen. Schlimme Gedanken. Die Zeit. Es war, wie wenn ein Stein über das Wasser springt, deshalb erschrickt sie nicht einmal, als sie untergeht. So lange ist schon alles seltsam, dass sie nicht ansatzweise sagen könnte, wie sich Normalität anfühlt. Aus ihrer Zeit zu sich selbst zurückzukommen, das fühlte sich normal an. Dieses Gefühl war das eine, aber wenn sie dann zerkratzte Fußsohlen oder blaugeschlagene Hände hatte oder als sie das eine Mal mit Blut im Mund, aber ohne Verletzungen zurückkam, da fragte sie sich schon, wo sie gewesen war. An jenem Tag, dem letzten Tag mit den Booten auf dem Wasser, schaute sie an sich herab und entdeckte in ihren vernarbten und frisch verschorften Händen einen Notizzettel:
Muskeg
Grapefruit
Zitrone
Kumin
Es ist nicht ihre Handschrift. Ist es nie. Allerdings würde sie ihre eigene Handschrift auch nicht mehr erkennen. Mit den Pflastern an den Fingern wäre ihr das Schreiben sowieso schwergefallen. Bevor sie untergegangen ist, hat eine Art Pilz ihre Haut besiedelt. Erst wurden die Stellen wund und bildeten Krusten. Jetzt, im Licht ihres Zimmers, ähneln sie dem Blasenrost, der sich zu Hause an die Stämme der Küsten-Kiefern heftet. Als es anfing, zupfte und kratzte sie die raue, schrundige Haut säuberlich erst nur von den Ellbogen, dann von den Waden, Knien, Hüften, dem linken Schenkel und neuerdings von den Fingern. Die immer wieder abgepellte und nachgewachsene Haut ähnelt jetzt nicht mehr einer frisch verheilten Verletzung. Sie sieht aus wie ein geschältes Stück Grapefruit, bei dem das Gewebe mit seinen säuberlich geordneten Schichten bloßliegt. Anstatt dass die Pusteln sie ihrem Körper entfremden, fühlt Bernice sich wohler in ihrer Haut. Als passte sie jetzt besser dazu, wie sie sich darunter anfühlt.
Je mehr sie kratzte, desto schneller schien der Pilz sich auszubreiten. Ihr machte das nichts aus; sie kommt sich wohnlich vor. Fühlt sich begehrt. Vor allem fühlt sie, dass aus ihr etwas wird. Irgendetwas. Neues.
Es war nicht einfach, ihre Hände vor Lola zu verbergen, und jetzt ist sie erleichtert, dass sich niemand mehr für so etwas wie wunde Stellen interessiert. Bevor sie – sich veränderte? Erkrankte? Unterging? Davor hat sie sich morgens für die Arbeit die Finger verbunden, lange Ärmel getragen, Lola die Seite ihres Halses ohne Ausschlag zugewandt und gehofft, dass es ihr nicht auffiel. Bernice hasst Konflikte, und Lola hätte ganz sicher ein Problem damit gehabt, dass sie mit ihren braunen und schreiend roten Händen das Gebäck, den Teig und die Rührschüsseln berührte. Lola hat zu allem eine Meinung und hätte garantiert nicht gezögert, sie ihr zu sagen. Bernice schaudert – von außen betrachtet wirkt es wie ein kleiner Tremor –, bei dem Gedanken daran, was Lola davon halten würde, dass sie nur wegen der Strandpiraten-Serie nach Gibsons gekommen ist.
Sie weiß selbst nicht, wann diese … diese Obsession, muss man wohl sagen, angefangen hat. Irgendwann jedenfalls im Laufe ihres Lebens (vor der Academy, vor den Ingelsons, vor Edmonton und lange vor Gibsons) ist Pat John ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Nicht dass sie es je übertrieben hätte, das nicht. Sie findet ihn einfach richtig nett. Dass er zum Beispiel Verwandte als Komparsen eingeschleust hat, wenn sie bei den Strandpiraten mehr Indianer brauchten.
Wie alle anderen auch, lernte sie ihn beim Serienstart Anfang der Siebziger als Jungen mit dürren Armen und abgeschnittenen T-Shirts kennen. Sie wartete darauf, dass er sich verlieben würde, was er nie so richtig tat. Und ja, auch in den Achtzigern hatte sie ihn im Blick, als er sich anscheinend nur noch von Zucker und Stärke ernährte. Aber aufgeblüht war ihre Liebe zu Pat John, als er den jungen Jesse spielte. Zwanzig Jahre älter als sie, aber nicht unerreichbar: ein gesunder indianischer Mann mit einem festen Job.
Deswegen also ist sie hier gelandet, in Gibsons, B.C. Oder besser gesagt hat sie es Lettie aus Sechelt zu verdanken. Letties Mann war zur selben Zeit in der Anstalt wie Bernice. Die beiden hatten ihr in der mintgrünen Cafeteria beim Mittagessen etwas Räucherlachs angeboten, und obwohl sie kein Wort gesagt, sondern nur zugehört hatte, bekam Bernice mit, dass sie in Sechelt lebten. Nach ihrer Entlassung und als sie wusste, was zu tun war, erschien es ihr naheliegend, bei ihnen anzuklopfen. Ob Lettie es seltsam fand, dass eine massige Cree-Frau, die nie ein Wort mit ihr gewechselt hatte und im Vorjahr mit ihrem Mann in der Psychiatrie gewesen war, plötzlich vor ihrer Tür stand, war ihr nicht anzumerken. Sie (ihr Mann war auf Fischfang) bat Bernice herein, gab ihr Fisch und Bannockbrot zu essen und war froh, jemanden zum Reden zu haben. Wenn Lettie einkaufen ging, putzte oder kochte, beschäftigte Bernice die Kinder. Trotz ihres Schweigens und obwohl sie in dieser Zeit lernte, ihren Körper zu verlassen, schätzte Lettie ihre Gesellschaft. Einmal nahm Lettie sie mit zum Sechelt Inlet, und während die Kinder herumtobten, ließ Bernice das Wasser, die Berge, die Luft auf sich wirken. Es roch so frisch. Den Geruch von Luft und Wasser, Tier und Leben hatte sie ganz vergessen.
Letties Leute wohnten über vier kleine Dörfer verteilt, ein Reservat konnte man es kaum nennen. Viele der Männer arbeiteten als Fischer oder für Fischereien, und einige Frauen hatten wie Lettie Jobs in der Stadt. So sehr es Bernice dort gefiel und so sehr die Kinder an ihr hingen, sehnte sie sich doch manchmal nach Ruhe. Sie war ein bisschen erleichtert, als Letties Mann heimkehrte. Für sie war es das Zeichen, weiterzuziehen. Ihr war sowieso nicht wohl dabei, mit ihm unter einem Dach zu wohnen, also fuhr sie am nächsten Tag auf Jobsuche nach Gibsons. Ein Aushilfe-gesucht-Schild in einem blitzsauberen Schaufenster, auf dem in geschwungenen Lettern »Lola’s Little Slice of Heaven« stand, wies Bernice nicht nur den Weg zu einem Job, sondern auch zu einem neuen Zuhause. Lola ließ Bernice zur Probe ein Blech Kekse backen, dann stellte sie sie ein und bot ihr auch an, über dem Laden zu wohnen. Dass Bernice beim Bewerbungsgespräch nur stumm lächelte und nickte, schien sie nicht zu stören; wahrscheinlich hatte sie es nicht einmal bemerkt. Lola war, wie sich herausstellte, ziemlich geschwätzig. Also zog Bernice in die Wohnung über dem Café um (mit der Aer-Lingus-Tasche, einer Posterrolle und einem abgewetzten Koffer, der den Charme eines ausrangierten Sofas hatte). Genau drei Monate waren vergangen, seit sie die Anstalt hinter sich gelassen hatte. Drei Monate unterwegs. Drei Monate seit ihrem Traum.
Der Traum. In dem Traum hatte Jesse, Pat John, aus einem Baum einen Ring geschnitzt und sie eingeladen, den Rest ihres Lebens mit ihm zu verbringen. Am Morgen nach diesem Traum hatte sie die Klinik verlassen. Und weil in Gibsons das Molly’s Reach stand, in dem Jesse in der Serie arbeitete, war sie jetzt dort.
Sie weiß, dass sie Glück hatte, diesen Job zu bekommen, besonders, weil Lola in ihrem Little Slice of Heaven nie viel mit »Brownies« zu tun bekommen hatte, wie sie alle Menschen nannte, die ebenso spärlich pigmentiert waren wie Bernice. Es war sogar erträglich. Sie musste Lola allerdings ins Gewissen reden, ihre »Süßen Squaws« in Karamell-Cremeschnitten umzubenennen. Und Lola war gar nicht, oder eigentlich doch, so schlimm, wie man hätte meinen können. Aber Bernice findet, dass Lola ein großes Herz und ein Händchen für Zahlen hat. Diese Eigenschaften kann man anerkennen, denkt sie, ohne sie deshalb gleich zum Abendessen einladen zu müssen. Solchen Lolas ist sie schon öfter begegnet. Sie trugen andere Namen und waren manchmal sogar Männer, aber es war trotzdem ein und dieselbe Person. Lolas waren immer ganz fasziniert von ihr, weil sie noch nie echte Indianer kennengelernt hatten.
Wie fasziniert sie wohl wäre, wenn sie wüsste, dass ich keine elf war, als mich zum ersten Mal jemand gefickt hat?, denkt Bernice. Dass ich täglich gekifft habe, dass ich jeden einzelnen Roman von Jackie Collins gelesen habe, auch die schlechten? Nein, ihr geht es nur um die edle Wilde.
Einmal hatte Lola sie sogar als »stoisch« bezeichnet. Bernice hatte gelacht, eine freundliche Grimasse geschnitten und der alten Schnepfe in den Kaffee gespuckt, sobald die sich dem Telefon zugewandt hatte.
Ihre kurze Zeit in der Bäckerei ist also nicht reibungslos verlaufen. Aber sie sagt sich immer wieder, dass sie mit einem festen Ziel hergekommen ist und dass sämtliche Entbehrungen es eines Tages wert sein werden. Manchmal malt sie sich die Szene aus – Jesse, wie er auf ein Stück Mokka-Käsekuchen oder einen Snack vorbeikommt. Später korrigiert sie sich in Gedanken – bloß, weil er in Gibsons gearbeitet hat, ist nicht gesagt, dass er auch dort wohnt.
Aber vielleicht kommt er ja mal zu Besuch, denkt sie.
Meistens jedenfalls stellt sie sich vor, wie er allein im Jeep unterwegs ist und gegenüber im Starbucks einkehrt (der Bens Café Bean There, Done That ersetzen müsste). Er ist dann kurz davor, wieder in den Jeep zu steigen, als er unwillkürlich einen Blick in Lolas Bäckerei wirft. Er überquert die Straße mit demselben Gesichtsausdruck wie damals, als er beschlossen hatte, das Molly’s Reach hinter sich zu lassen. Ernst und entschlossen, so las Bernice diesen Blick. Ernst und entschlossen betritt er Lolas Bäckerei.
Ratlos und zerrissen (was beinahe so gut ist wie ernst und entschlossen) tritt er mit dem Kaffee in der Hand über die Schwelle. In den Strandpiraten war er nie ratlos oder zerrissen, aber es ging ihr ja auch um den echten Menschen. An der Stelle unterbrach sie sich immer, weil sie für Pat John, wie er heute aussehen müsste, nichts empfindet. Sie ist so alt, wie er es beim Serienstart war. Heute muss er fünfundvierzig oder fünfzig sein, wenn nicht älter.
Sie hat mit niemandem über die Sache mit Jesse geredet. Klar, ihre Familie wusste Bescheid – wegen der akribisch eingehaltenen Sendezeiten und ihrer Postersammlung. Aber sonst ahnte niemand etwas von ihrer Liebe zu Jesse. Am allerwenigsten die Jungs, mit denen sie damals ausging. Wenn einer von ihnen die Haare lang trug, kniff sie manchmal die Augen halb zu und schaute durch die bewimperten Schlitze, und dann sah er fast ein bisschen aus wie Jesse in dieser einen Folge, in der er zwei ganze Sätze aufsagen durfte. Zwei Verben und sogar ein Adverb.
In Gibsons gibt es niemanden, der Jesse ähnelt. Hier sind alle stark gebräunt – viel dunkler als Bernice. Und alle haben gute Zähne. Lola hat gesagt, in Gibsons sei Fluorid im Wasser, und oben im Norden wäre das vermutlich anders. Bernice nimmt sich immer vor, irgendjemanden danach zu fragen, aber das geht nicht. Sie will Auntie Val nicht noch mehr Kummer machen – die war schon völlig fertig, als Bernice gegangen ist. Als der Entschluss gefasst war, hat sie nur die Bilder von Jesse von den Wänden genommen, die sie seit ihrem elften Lebensjahr besitzt (und die sie von der Eingangstür des CBC Edmonton hat mitgehen lassen), hat ein paar Sachen eingepackt und war weg.
Wenn sie jetzt daran denkt, wie sie sich fühlte und wie sie die Sachen packte, um Pat John näher zu sein, kommt sie sich albern vor. Schließlich muss er inzwischen ein alter Mann sein. Würde sie die Augen öffnen, könnte sie ihn vom Bett aus auf einem der Poster sehen. Es hängt an den ehemals kahlen Wänden der kleinen Wohnung über der Bäckerei.
Als sie dort ankam, hatte die Wohnung eine Verschönerung bitter nötig. Bernice zögerte, bevor sie die Bilder aufhängte – sie fragte sich, ob die Poster das Problem waren oder ob erst das Problem da war und dann die Poster. Eine Ordnung hineinzubringen war nicht einfach, und Bernice fragte sich, ob sie eine Zukunft vorwegnahm, in der sie die Poster nicht mehr haben wollen würde, oder ob sie sie brauchte wie ein Nachschlagewerk.
Eins ist dabei, von dem sie gleich wusste, dass sie es nicht aufhängen würde, das sie noch nie aufgehängt hat – Jesse in einer Folge von 1983, in der er aus lauter Wut auf Relic auf eine Wand eingedroschen hat. An die Folge und die ganze Staffel erinnert sie sich deutlich, weil die Serie von dem Jahr an eine halbe Stunde später gesendet wurde. Bernice musste immer noch zu ihrem Onkel, obwohl ihre Mom nicht mehr zum Makramee ging. Jetzt fuhr sie sonntags stattdessen mit Auntie Maisie zum Bingo, während Onkel Larry allein auf Bernice aufpasste. Ihre Mutter und Tante steckten in jenem Jahr in einer Pechsträhne. Von dem Makramee-Kurs waren nur knubbelige Wandbehänge, knubbelige Blumenampeln und knubbelige Platzdeckchen geblieben. Bernice’ Dad war längst weg, und sie verbrachte viel Zeit in Gedanken an die Cunninghams, die Partridges und die Bradys. Ihre weiße Haut, ihre weißen Zähne und ihre makellosen weißen Wände.
Das war das Jahr, in dem Onkel Larry mehr von ihr wollte, als dass sie auf seinem Schoß saß und sich befingern ließ. Daher fragte sie sich, ob die Fotos von Jesse wegen ihres Onkels da hingen oder ihm zum Trotz. Oder damit etwas Befremdliches sich normaler anfühlt. Aber das glaubte sie nicht; sie weiß, dass daran überhaupt nichts normal war, nicht an der Sache und nicht an ihm.
Nicht an Denen.
Ein leiser Seufzer entweicht ihr, wie wenn ein Baby träumt. Sie stellt sich vor, wie er mit einem dumpfen Schlag neben dem Bett auf dem Boden auftrifft.
Einmal, als Maggie sie nach dem Bingo abgeholt hat – im Winter, glaubt sie –, hat Maggie Bernice angeschaut und sie gefragt, ob alles okay sei. Bernice hat auf dem gesamten Heimweg kein Wort mit ihr geredet. Von da an weigerte sie sich, das Haus ihrer Onkels zu betreten, egal, wie sehr ihre Mutter sie drängte. Eine Zeit lang ging sie regelmäßig zu ihren Nachbarn, Mr und Mrs Olson. Mr Olson brauchte einen Urinbeutel zum Pinkeln, der war also in Ordnung. Irgendwann musste ihre Mutter Bingo aufgeben und alles andere auch. Larrys Frau, Auntie Maisie, kam eine Weile später, um mit Bernice zu reden. Sie schenkte ihr ein Tiger-Beat-Heft mit einem Fonzie-Poster. Das Heft hatte sie in einen nachgebauten kleinen Briefkasten der Canada Post gesteckt. Vermutlich waren solche Kästen nach Weihnachten bei der Post im Sonderangebot gewesen. Als Bernice sah, dass das Ding abschließbar war, schleuderte sie es in ihrem Zimmer zu Boden, so sehr empörte es sie, dass ihre Tante Larrys Geheimnis-Tuerei scheinbar mittrug.
Jahrelang stand der Briefkasten in einer oberen Ecke ihres Schranks. Er war schwer und aus Metall – heutzutage wäre so etwas wohl aus Plastik. Irgendwann nahm Bernice ihn herunter, schloss ihr Tagebuch darin ein und hängte sich den Schlüssel um den Hals. Und irgendwann später war sie aus der Sache herausgewachsen.
Jetzt habe ich wohl größere Geheimnisse, denkt sie.
Manchmal macht es sie noch immer wütend, dass seine Frau ihr dieses Geheimnis-Geschenk gemacht hat. Dann wieder beschließt sie, nicht so hart zu ihr zu sein. Es kann nicht sein, denkt Bernice, dass eine Frau von so etwas weiß und dann nichts tut. Männer hat sie mehr oder weniger abgeschrieben, aber für Frauen hält sie in ihrem Herzen noch immer einen Platz frei.
Bei der Arbeit in Lolas Laden hat sie sich manchmal gefragt, was passiert wäre, wenn sie damals schon mit Schlachtermessern hätte umgehen können. Dann verdrängte sie den Gedanken; das musste sie, denn sonst zitterten ihr die Hände, und sie musste ihren Inhalator benutzen. Aber was auch immer das war, es verzog sich meistens wieder.
Tja, meistens.
Sie steigt die Treppe hoch, mit wummerndem Herzen. Ihr Kopf fühlt sich wattig an, ihr Brustkorb prallvoll. Sie probiert, an drei Dinge zu denken, wie sie es in der Anstalt gelernt hat. Drei Dinge, die sie beruhigen sollen. Etwas, das sie hört: Das Brummen der Klimaanlage, die in der Wohnung die Hitze von den Öfen mildert. Etwas, das sie sieht: Die Posterrolle im obersten Schrankfach. Etwas, das sie fühlt: Das Schlachtermesser, das da, wo sie sitzt, ihre Matratze ausbeult. Sie beruhigt sich kein bisschen.
1Traum
2Leben. Kurz für: Baum des Lebens
2
ZUHAUSE
witokemakan: jemand, der/die mit der Familie lebt

pawatamowin
Sie spürt eine Liebkosung ihrer Wange, eine kalte Hand auf ihrer warmen Stirn und hört das zarte Schuhu Schuhu der kohkohkohow3. Sie träumt: »Ah, es ist also doch Nacht.« Beim Blick in den Traumspiegel entdeckt sie Klauenkratzer in ihrem Gesicht.
Vier Nächte in Folge wiederholt sich der Traum von der Eule. Voller Liebe wacht sie am vierten Morgen auf. Als habe sie sich über Nacht verliebt. Sie fühlt sich umarmt und fragt sich, ob sie einen Traum mit Jesse vergessen hat. Es kommt ihr jedoch irgendwie anders vor, sie hat schließlich schon oft von ihm geträumt und ist dann ganz verliebt aufgewacht. Diesmal fühlt sich die Wärme an, wie ein Zuhause sich in ihrer Vorstellung anfühlen sollte. Irgendjemandes Zuhause zumindest.
Wenn sie sich an ihre Mutter erinnert, ist Maggie meistens in der Küche. Leichtfüßigkeit, sämige Soße und Schweigen. Traurige Seufzer. Es fällt schwer, sich Maggie als junges Mädchen vorzustellen, das in dem viel zu großen, geerbten Kleid zum Abschlussball geht. (»Das Kleid ist zu alt für dich«, hatte ihr Begleiter gesagt. Bewundernd und vorwurfsvoll zugleich.) Sie ist sehr zierlich, vogelartig, ihre schmalen Knochen hat auch ihre Tochter geerbt, zart angeordnet und schon früh unter immer neuen Fettschichten versteckt. Ihre zierliche Statur wurde dem Raum, den sie einnahm, nie gerecht. Oder eher dem Raum, den ihr Geist einnahm. Zu leben forderte so viel Kraft von ihr und erschöpfte sie sichtlich. Hinzu kamen Kinder, Nichten, Neffen und eine Tochter, und trotz ihrer innigen und reinen Liebe, spürten sie alle die Last. Im Weg zu sein.
Der Bereich, den sie für sich beansprucht, lässt sich nicht räumlich festlegen, aber Bernice spürte es deutlich, wenn sie an etwas rührte, das ihre Mutter für sich haben wollte. Leere Schokoriegelverpackungen in einer Handtasche, deren köstlicher Inhalt nie zu Hause ankam. Oder noch schlimmer. Aufgefuttert wurde, wenn niemand zugegen war. Bernice kam das vor wie Verrat, dieses Hamstern von Leckereien, die sie niemals zu Gesicht bekommen würde. Niemals probieren würde. Es war wie ein Verleugnen der Mutterrolle, das Bewahren eines Geheimnisses.
Aus dunklen Winkeln krochen weitere Geheimnisse hervor. In hitzigen Schimpftiraden wurden sie wie Schrot auf jeden bedauerlichen Mann abgefeuert, der gerade in der Nähe trank; Maggie schrie, sie halte es mit »diesen verdammten Kindern« nicht mehr aus. Als sei Bernice gar nicht ihr eigenes Fleisch und Blut. Als wären die Nichten und Neffen nicht mit Maggie verwandt. Nicht ihre Verantwortung. Ihr »diese Kinder« trieb einen Keil zwischen sie. Oder wenn ihre Mom betrunken in Erinnerungen schwelgte und ihr offenbarte, dass sie doch damals bloß ihren Freund aus Jugendjahren hätte heiraten sollen (war es der, der ihr Abschlussballkleid als zu erwachsen empfunden hatte?, fragte sich Bernice), dann wäre sie jetzt ein kleines spanisches Baby. »Aber dann wäre ich doch gar nicht ich, Mom, oder?«, hatte Bernice die stumm vor sich hin brütende Maggie gefragt.
Das alles fügte sich zu der – so tief wie die Schokoriegelverpackungen in der Handtasche vergrabenen – Erkenntnis, dass Maggie sich etwas Anderes wünschte. Ein Anderes. Ein anderes Leben. Mit weniger Nichten, Neffen und Bernicen um sich. Mit weniger lauten Kindern. Mit einem Kind, das sie nicht eines Abends nach dem Essen dabei erwischte, wie es sich händeweise Kartoffelbrei einverleibte, sodass ihr die abgelegte Kinderkleidung von der Verwandtschaft nicht passte und sie jedes Mal, wenn sie wieder zugenommen hatte, neue Sachen brauchte. Und das geschah häufig.
Wenn es dieses Andere gäbe, hätte Bernice sie vielleicht nicht allabendlich auf dem Rücken liegend im Bett entdeckt, den Blick starr auf die Zimmerdecke gerichtet, als könne sie diese nicht sehen, von dem Leben träumend, das sie hätte haben können. Vor Bernice’ innerem Auge ziehen wie Schnappschüsse Erinnerungsbilder von wichtigen Momenten vorbei. Glücklicherweise kann sie diese Bilder jederzeit aufrufen. Seitdem sie untergegangen ist, fließt sie mühelos durch Vergangenheit und Gegenwart wie Wasser durch ein Regenrohr. In den Tagen zwischen Edmonton und Gibsons hat sich die Zeit verflüssigt. Bernice hat keine Erinnerung daran – sie kann darauf nicht zurückblicken wie auf ihre Zeit in Little Loon. Nicht wie auf das Leben in der Anstalt. Es ist anders. Die Zeit fließt, aber nicht mit der Eile eines Flusses. Sie driftet dahin wie ein Bächlein, das Bernice mitnimmt, sie kann zurückpaddeln und mit einer anderen Strömung wieder von Neuem beginnen. Gibsons war eine Art Nebenfluss, der von dem tosenden Strom ihrer Vergangenheit abzweigte. Träge lässt sie sich treiben, wird von irgendwelchen Strudeln mitgerissen. Nach Gibsons brachte sie ein sanfter Nebenfluss des reißenden Gewässers, das von Loon nach B.C. rauschte. Sie in Lolas Café schwemmte. Dort paddelte sie auf der Stelle, bis Freda kam und begann, neben ihr in der kleinen Bäckereiwohnung Wache zu halten. Bernice spürte ihre Cousine neben sich, die versuchte, ihr Halt zu geben – eine feste Gestalt aus zierlichen Knochen, die Biegung ihres Rückens neben ihr auf dem Bett. Bernice liegt im Bett, bewegungslos, aber sie bemerkt die sanfte Strömung des Wassers, als sie ihren Weg flussaufwärts antritt. Vorbei an ihrer Vergangenheit. Es fühlt sich friedlich an. Sie weiß, dass sie sich manchmal den Weg flussaufwärts wird erkämpfen müssen. Bislang schwebt sie, fühlt sich frei. Bislang, das weiß sie, reicht es aus, weiterzugleiten, nur nicht unterzutauchen. Bislang bleibt sie im Bett, und keine der um sie versammelten Frauen ahnt etwas von ihrer Reise. Bernice spürt tief in ihrem Inneren, dass sie unterwegs ist. Ob sie sich auf einen Ort zu oder davon wegbewegt, vermag sie nicht zu sagen. Sie weiß nur, dass Wasser weiblich ist. Schützend. Sie fürchtet sich nicht, unterzugehen. Nicht, weil es nicht passieren könnte, sondern weil es ihr lieber wäre als offenes Gelände. Lola hat es natürlich bemerkt. Sie muss Freda angerufen haben. Freda, die nie in Panik gerät, muss Auntie Val verständigt haben. Und jetzt wechseln sich die drei ab, sie sitzen auf, stehen bei oder warten an der Matratze. Sich ins Bett (»ihr Krankenbett«) zu begeben, fiel Bernice so leicht oder sogar noch leichter als atmen. Diese un/bewusste Entscheidung wurde von ihrem Geist getroffen. Als es an der Zeit war, als der Zorn ihrer Vergangenheit ihrer Zukunft vorauspreschte, legte sie sich einfach hin.
Von ihrem Bett aus stellt sie sich manchmal ihre Mom auf den alten Bildern von Indianerinnen vor, die sie in Geschichtsbüchern und anthropologischen Texten gesehen hat. Gut passt sie dort hinein – so dunkel und ernst, mit zwei schwarzen Zöpfen, die lang und dick an ihrem Rücken hinunterhängen. Sie hatte richtig schokoladenbraune Haut, keine milchkaffeebraune wie Bernice. Sie war ständig in Bewegung und hätte sicher nur einen kurzen Moment für die Aufnahme stillgehalten: ein zierlicher Wirbelwind auf lichtempfindlichem Film.
Manchmal kann Bernice beim Blick in den Spiegel Maggies Knochen erkennen. Meist sind sie allerdings eher wie Fischgräten, unsichtbar und trotzdem da. Diese tief in ihr vergrabenen Knochen beschützen sie, ohne dass es jemand ahnt.
Da ist Bernice anders als ihre Cousinen oder Tanten, die ihre Knochen wie eine Rüstung tragen. Die Knochen von Cousine Freda stechen überall hervor. Sie sieht aus, wie man sich die typische Indianerin vorstellt. Wie eine Kriegerin. Wangenknochen, Hüftknochen, Schlüsselbeine, sie alle ragen bedrohlich hervor. Auf Bernice wirkt es, als seien Fredas kleine Knochen wütend. Nimm mich wahr! Nimm mich wahr! Nimm mich wahr!
Bernice und Auntie Val sind nicht der Typ, den man fotografieren würde – der Typ, an den man sich erinnert und erinnern möchte. Eine fette Indianerin mag niemand. Na ja, die Männer schon, aber niemand druckt sie auf Postkarten oder andere Andenken für die Lieben daheim. Vielleicht galt Fett einfach nicht als edel. In gewisser Weise war Bernice sogar stolz darauf. Sie und ihre Tante ähnelten den Pionieren, die »allein Neuland betraten«, denkt sie und legt sich die Hand auf den Mund, um ein Lachen zu unterdrücken, das Freda und Lola ein Stockwerk weiter unten darauf aufmerksam machen könnte, dass sie in ihrem Körper anwesend ist.
Diese Bilder laufen vor ihrem inneren Auge ab. Äußerlich ganz ruhig, ist Bernice innerlich aufgewühlt, lebendig. Eine aufgeladene Batterie in einer pausierenden Maschine, nur ihr Körper wartet im Leerlauf. Auf ein Zeichen. Auf Erfüllung. Auf den Moment. Wenn sie sicher ist. Bilder und Erinnerungen verschwimmen miteinander wie bei einer Diaschau. Val und Freda aktiv, ihre winzige Mom passiv, sie fällt fast aus dem Rahmen. Eine Aufnahme ihres Vaters, der sich entfernt. Während Bernice sich an sie erinnert, immer und immer wieder, schreitet sie die Grenzen ihres emotionalen Ground Zero ab, geht nie weit genug darauf zu und schaut nie direkt hin, doch sie hofft Überlebende des Ortes zu finden, dem sie entkommen ist.
Ein anderes Bild. Ein heißer Sommer in Alberta, als ihre Mom und Auntie Val ziemlich angetrunken waren, und laut, lauter, richtig laut wurden nach einem alkoholisierten Abend. Sie konnte diese Verbindung zwischen dem Trinken und der Freude, die aus der Küche strömte, nicht richtig verstehen und malte sich die beiden Schwestern aus, wie sie nah beieinandersaßen und wie beste Freundinnen über fast leeren Gläsern miteinander lachten. Die Flasche Canadian Club stand in ihrer Vorstellung zwischen den beiden, während sie abwechselnd kicherten, die schwarzen Haare über die Schulter zurückwarfen und sich vor Lachen krümmten.
Sie waren so ehrlich in ihrer gegenseitigen Wertschätzung und Liebe zueinander, dass Bernice sich ganz benommen fühlte. In jener Nacht hatte sie überlegt, Freda zu wecken, damit auch sie diese Freude sah, aber Freda schlief den süßen Schlaf des reinen Gewissens. Das sie nicht hätte haben dürfen, wie Bernice sich selbst in Erinnerung rief.
Sie hatte den Stimmen aus der Küche gelauscht und sich vorgestellt, wie die Frauen einander die Haare flochten und sich Geheimnisse zuflüsterten, wenn es still im Zimmer wurde. Sie presste ihr Ohr gegen die Wand, die die Küche von ihrem winzigen Zimmer trennte, und hörte:
Ihre Tante, die voller Gefühle sagte: »Schwester, wirst du mir die Kinnhaare zupfen, wenn ich alt bin? Versprich es mir!«
Maggie antwortete daraufhin mit dem Ernst einer Braut vor dem Altar. »Ja, Schwester. Das werde ich.«
An diesem Abend lernte Bernice zwei Dinge. Erstens: Sie würde vermutlich im Alter ein Gesichtshaarproblem bekommen. Das war in Ordnung, sie hatte schließlich auch eine Schwester (also Skinny Freda eben). Außerdem würde sie lernen müssen, in ihrem Leben etwas für eine andere Person zu tun. Sie würde jemanden finden, mit dem sie feierliche Versprechen austauschen konnte, wenn sie angetrunken war. Damit auch sie in ihrer Erinnerung lebendig wären.
Das Geklapper aus einer anderen Küche und die aufsteigende Backofenhitze lassen sie auf ihrer Erinnerungsreise einen Augenblick innehalten. Sie macht eine Bestandsaufnahme. Keine Inventur, das Ganze gleicht eher einer Patchwork-Decke. Wo sie auch beginnt, mit ruhigem Körper und regem Kopf, die Gefühle in Alarmbereitschaft, sie endet immer in Loon. Fredas wildes Lachen bahnt sich einen Weg die Treppe hinauf, landet erwartungsvoll auf ihrer Bettdecke. Bernice bewegt sich nicht, will es nicht spüren. Wird es nicht unter der Decke willkommen heißen. Sie kennt dieses Lachen.

Das Aufheulen der Rennboote hat sie noch immer im Ohr. Wasser. Sonnenschein. Auntie Val. Freda. Vor ihrem inneren Auge laufen wechselnde und sich auswechselnde Bilder ab. Diese lenken ihre Aufmerksamkeit auf das Wasser. Sie sieht, wie der Motor wütenden Schaum aufwirbelt, auf dem ein geröteter Mann entweder mit furchtloser Geschmeidigkeit oder leichtsinniger Gleichgültigkeit dahinhüpfte. Eine junge Frau in einem bunten Bikini feuerte ihn an – das Aufblitzen weißer Zähne, weißer Haare und brauner Haut, brauner als die Haut von Bernice. Der Skifahrer klatschte spektakulär ins Wasser, sein Körper wurde abrupt und vollständig abgebremst, als er sich in einen Wellenkamm pflügte. Sie erinnert sich an diesen Tag.
»Lass’as Seil los!«, riefen Auntie Val, Skinny Freda und Bernice wie aus einem Mund.
Bernice schälte eine Orange und versuchte die blonde Bikini-Frau telekinetisch von ihrem Sitz, auf dem sie gesund und ihre Haarpracht schwenkend saß, in das aufgewühlte Kielwasser hinter dem Außenbordmotor zu befördern.
»Echt ’ne schlimme Sache mit Willie Belcourt, findet ihr nicht?«, sagte da gerade Skinny Freda, wodurch der blonde Bikini einen Augenblick lang vor Bernice’ Zorn in Sicherheit war.
»Hä?« Auntie Val zog eine Augenbraue hoch. Skinny Freda war zwar eigentlich ihre Nichte, zugleich aber Valenes beste Freundin und adoptierte Tochter und dafür bekannt, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen, wenn sie einer guten Geschichte im Weg stand. Val bot ihr einen Keks an und bedeutete Skinny Freda, fortzufahren. Bernice erinnert sich noch mit besonderem Entzückentsetzen an den silbrig glitzernden Zweiteiler, den ihre Tante stolz und mit einer Selbstverständlichkeit trug wie andere Leute ein Büffelfell.
Bernice beachtete den Keks nicht und wandte ihre geschlossenen Augen der Sonne zu. Sie hatte sieben Pfund abgenommen, am meisten davon an den Beinen, und an diesem Tag wagemutig eine kurze Hose angezogen. Sie war seit einem Monat in Loon und musste erst in sechs Wochen wieder an die Christ’s Academy. Und das auch nur, wenn sie bis dahin das Geld für ein weiteres Schuljahr zusammenbekämen. Sie hoffte, dass der Gewichtsverlust und die gebräunten Beine ihr die anderen vierzehnjährigen Mädchen vom Leib halten würden.
»Also«, begann Skinny Freda, ganz die geübte Geschichtenerzählerin, »er ist mit dieser weißen Frau nach St. Albert.« Freda sagte das mit dem ihr eigenen singenden Tonfall und vollkommen wertfrei. Sie selbst hatte sich schließlich auch mit ein paar moniawak4 verabredet, seitdem Val ihr erlaubt hatte auszugehen. Bernice schielte zu ihr hinüber; ihre Schwestercousine kam ihr wie ein Gegenbild ihrer selbst vor. Bernice war immer davon ausgegangen, dass Freda unter ihren Wangenschatten und spitzen Knochen vor Selbstbewusstsein überfloss. Dass eine Mischung aus graziler Sicherheit und dem Dürrenglück der Zeitschriftenmodels genau da aus ihr heraussickerte, wo Bernice unter all dem Schweigen und der Polsterung etwas fehlte. Erst mit den Jahren verstand sie, dass der Zerrspiegel ihrer gemeinsamen Kindheit bestimmte, wie sie sich selbst wahrnahmen, und verbog, was andere in ihnen sahen.
»Jetzt erzähl schon, Freddy.« Bernice’ Worte klangen ungeduldiger, als sie war. Sie erinnert sich an den verstohlenen Blick ihrer Tante, die sich vermutlich über ihre Erregung wunderte.
»Also«, sagte Skinny Freda betont langsam, »er lässt Flora wie jedes Jahr allein, aber dieses Jahr hat er diese weiße Frau auf seiner Jagdroute.«
Sie sah erst Valene und dann Bernice erwartungsvoll an.
Auntie Val versucht sich ihre offensichtliche Neugier nicht anmerken zu lassen. Freda konnte widersprüchlich sein, die Sorte Mensch, die Bannockbrot auf ihrem Teller liegen lässt, obwohl sie genau weiß, dass man es gern essen würde, es einem jedoch nicht anbietet, bis man schon vorhat, es aufzugeben. Eine Art Cree-typische passive Aggressivität, die Bernice nur zu gut kennt. Val, die das Manöver durchschaute, heuchelte Desinteresse. »Und …?«, drängte sie widerwillig.
»Als er aus St. Albert zurückkommt, um mit Flora den Winter zu verbringen, wohnt doch glatt dieser fette weiße Kerl bei ihr!«
Auntie Val war begeistert. »Flora? Die ist doch noch nie fremdgegangen!«
Skinny Freda überschlug sich fast vor Eifer. »Und sie leben zusammen im Reservat.«
»Nein!«, riefen Valene und Bernice fast gleichzeitig.
»Und …«
»Sag’s nicht, sag’s nicht! Sie …« Valene gestikulierte in ihrer unnachahmlichen Dickgeschmeidigkeit wild herum und zog dadurch die Blicke der Leute am Strand auf sich.
»… hat sich von ihm schwängern lassen!«, vollendete Skinny Freda triumphierend, nahm Vals Zigarette und schnipste eine Fingerlänge Asche in den Sand, während sie das gluckernde Lachen genoss, dass aus Vals beträchtlichem Bauch emporstieg.
»Echt?«, fragte Bernice.
»Ja. Sie hat ihn bei diesem Wohltätigkeitsding in Loon kennengelernt, ihr wisst schon, was diese Umweltschützer veranstaltet haben. Wegen Pimatisewin«, fügte Skinny Freda hinzu, als ob weitere Einzelheiten es glaubwürdiger machen würden.
Zufrieden saßen sie eine Weile ganz still da und dachten über die Vergänglichkeit der Liebe nach. Irgendwann fingen Auntie Val und Skinny Freda an, andere Geschichten über romantische Abenteuer auszutauschen. Falls sie Bernice’ Schweigen überhaupt bemerkten, beachteten sie es nicht weiter und ließen sie in Ruhe.
Sie dachte an Pimatisewin und dieses Wohltätigkeitsding und fragte sich, ob der alte Baum wohl überleben würde. Es hieß, es gäbe vier davon, zwei in Nordamerika und zwei in Südamerika. Der am Loon Lake war in einem erbärmlichen Zustand. Sie hatte gehört, der in B. C. wäre auch kurz davor, abzusterben, wegen der Luftverschmutzung, wurde gemunkelt. Die Reservatsverwaltung und die gesamte Gemeinschaft hatten sich zusammengetan, um ihn zu retten. Sie hoffte, dass das Geld von der Wohltätigkeitsveranstaltung dabei helfen würde.
Sie nahm sich eine Cola, öffnete sie und reichte sie an ihre Tante weiter. Als Valene genug hatte, bot sie die Flasche Skinny Freda an, die den Kopf schüttelte und sie Bernice zurückgab. Gerade wollte sie ablehnen, als ein Flachskopf aus einer Horde Jugendlicher ihr zurief: »He, meinst du, das brauchst du wirklich?«
Skinny Freda war von der Decke aufgesprungen und auf die Gruppe zumarschiert.
»Fick dich!«, schrie Skinny Freda ihn an, was ihre Begleiterinnen ebenso überraschte wie die Jugendlichen, die noch jung genug waren, um sich von der Autorität oder Unvorhersehbarkeit Erwachsener beeindrucken zu lassen.
»Eine richtige Lady«, sagte Bernice beeindruckt.
»Wer sich keinen Respekt verschafft, der wird auch nicht respektiert«, ließ Auntie Val verlauten, als hätte sie selbst eingegriffen. Sie war stolz auf das Temperament ihrer Tochternichte.
Die drei packten ihr Hab und Gut zusammen, machten sich auf den Weg zu Skinny Fredas Pickup und ließen die verdatterten Jungs mit ihrem Gehabe in den Trümmern ihrer Großmäuligkeit zurück.

Irgendetwas ist mit diesem Sommer, irgendetwas sitzt in ihr fest, und sie kann es nicht richtig fassen. Eine Andeutung oder ein ganz leises Flüstern hat sich in ihren Kopf geschlichen, während sie in ihrer eigenen Unruhe in der Matratze versinkt. Das Gefühl, das sie in ihrem stillen Zimmer begleitet, ist beinahe Verlangen. Fast so etwas wie Sehnsucht. Sie wird sich ihres körperlichen Selbst bewusst, weil die Emotionen schmerzen.
Sie nimmt wahr, dass Freda immer wieder heraufkommt und heute von Mal zu Mal mehr redet, aber ihr ist nicht nach zuhören zumute. Vielleicht, dachte sie, lag das am Frugal Gourmet. Morgens hatte er »Pinienkerngebäck« gemacht. Zuletzt hatte sie bei der Totenwache ihres Onkels Gebäck gegessen. Bei Lola gab es zwar jede Menge davon, aber Bernice konnte nichts davon essen, seitdem sie nach Gibsons gekommen war. Seit der Totenwache, genauer gesagt. Essen kann einen zurückversetzen, denkt sie.
Essen ist für sie jedoch kein Problem mehr. In ihrem Wachschlaf-Zustand hat sie überhaupt kein Bedürfnis danach. Sie giert nach Alleinsein, wie ein trockener Alkoholiker nach einem Drink. Sie hat Appetit auf die Wandlung – bis der nicht gestillt ist, da ist sie ziemlich sicher, braucht sie kein Essen mehr. Auch wenn sie immer noch nicht wieder isst, fällt ihr das Schlafen leichter.
acimowin 5
Hier kommt eine gute Geschichte; die bringt die Mädchen zum Lachen.
Es war einmal ein Staubkorn, das war immer
allen Leuten im Weg.
Dann, eines Tages, flog die kleine Staubflocke
dem Falschen ins Auge.
»Ayuh«, sagte er zu der Flocke.
»Du nervst und nervst mich und jetzt schicke ich dich fort!«
Und mit einem Handstreich verwandelte er
die Staubflocke in eine Eule.
Tags drauf ist sie wieder da, die Eule, und
Sie fliegt ihm voll ins Gesicht
Und hackt sein Auge aus.
Und deshalb fallen die Mädels immer
Den Jungs ins Auge.
3Eine kleine Eule
4Weiße Männer, weiße Menschen
5Geschichte
3
BERNICE REIST MIT LEICHTEM GEPÄCK
awasispihk: davor. die Zeit davor

pawatamowin
Sie geht mit Auntie Val und Skinny Freda zu Pimatisewin. In ihrem Traum geht es dem Baum sichtlich schlecht. Es ist erst Spätsommer, doch seine Äste sind kahl und recken sich bedürftig. Alte Leute, die von überallher angereist sind, stehen, knien, sitzen um den Baum herum und beten. Beim Näherkommen bemerkt sie eine zierliche Frau, die dicht am Stamm Pimatisewins an einem Kochfeuer sitzt und im Topf rührt. Die Frau schüttelt den Kopf, und als ihr Tuch herunterrutscht, enthüllt es das runzlige alte Gesicht ihrer Chefin Lola. Lola flüstert den Frauen zu, für den Baum sei kein Essen mehr da. Sie erklärt, der alte Baum sei ein Kohkom6-Baum, und rührt weiter in ihrem Topf.
Als Bernice auftaucht, wirkt die Luft im Raum verändert, der Geruch aus dem Café im Erdgeschoss ist beinahe bedrückend süß. Da Lola heute noch nicht da gewesen ist, nimmt sie an, dass ihre Chefin ein Dessert des Tages plant und sich ganz auf die Zubereitung konzentrieren muss. Es ist nicht so, dass Lola eine schlechte Köchin wäre – sie ist eine tolle Köchin –, aber Backen ist nicht gerade ihre Stärke. Sie hat sich dabei auf Bernice’ gutes Gespür verlassen. Bernice fragt sich etwas gereizt, wie es um das Gebäck steht, jetzt, wo sie sich nicht darum kümmert, verwirft dann aber die Überlegung und schläft wieder ein.
Um vier wacht sie auf und spürt, dass weder Lola noch Skinny Freda da sind. Sie überlegt, ob sie um fünf den Fernseher anschalten sollte, entscheidet sich aber dagegen. Wenn sie sich zu viel bewegt, das weiß sie, werden die anderen sie bald nicht mehr beachten. Freda wäre besonders gewissenhaft unaufmerksam – ihre Gleichgültigkeit in Krisensituationen ist legendär.
Als ihr kein Abendessen gebracht wurde, wusste sie, dass im Café etwas im Gange war. Von draußen sind Gelächter und das Gekreisch ungezügelter Heiterkeit zu hören, und Bernice fragt sich, ob es ein Feiertag ist. Schwer zu sagen, denn der Frugal Gourmet macht keine Themensendungen und wird ohnehin endlos wiederholt, aber der Himmel war hell und hatte nicht mehr diesen Farbstich, diesen matten Bernsteinton wie bei kaltem Wetter.
Zuhause war der Frühling üppiger und freundlicher als hier an der Küste. Man konnte eine andere Sorte Eis unter den Füßen knacken hören und daraus folgern, dass es nicht mehr schneien würde. Oder ein bestimmtes Kaninchen ließ sich kurz blicken, und das bedeutete, dass der Frost vorbei war.
Außerdem wusste man, dass es Frühling wurde, wenn man zum ersten Mal beinahe Fredas Titten sehen konnte, denkt sie und verkneift sich ein Grinsen. Es stimmte zwar, dass mit dem Frühlingsanfang für ihre Cousine eine Zeit der hohen Absätze, kurzen Röcke und tiefen Ausschnitte anbrach, aber es war nicht nett, das zu denken. Oder zu denken, dass es leichter war, einen Blick auf Fredas Arsch zu erhaschen als auf ein gerade erwachtes Murmeltier, Ersteres aber genauso verlässlich den Wechsel der Jahreszeit anzeigte.
Die beiden Cousinen hätten unterschiedlicher kaum sein können. Sie haben, wie Bernice weiß, beide ihre Stärken. Und sind beide auf eine Weise gnadenlos, die Val und Bernice’ Mutter fremd ist. Wenn die vier Frauen eins gemeinsam hatten, dann, dass sie sich nur auf sich verließen. Da sie mitangesehen hatten, wie Väter und Ehemänner aus ihrem Leben verschwanden (mit einer Pulle oder einer Brünetten im Arm), wussten sie aus erster Hand um die Notwendigkeit weiblicher Solidarität. Sie verließen sich ausschließlich auf andere Frauen, und das schloss mit ein, dass sie Probleme auf eine Weise angingen, die von Frau zu Frau weitergereicht wurde, mit weiblichen Methoden. Deshalb konnten sie alle vier, obwohl Freda fest der Hiebe-statt-Liebe-Denkschule angehörte, um der Familie und ihrer Gemeinschaft willen mühelos Geschlossenheit demonstrieren. Eine schäbige Geschlossenheit vielleicht, aber zumindest verlässlich. Auf jeder von ihnen lastete eine übergroße Verantwortung, als bezahlten sie für die Bürde, welche die Männer ihnen vor die Füße fallen ließen, mit einem Verlust an Haltung und an emotionalem Reichtum, der noch nicht zu beziffern war.
Bernice fragt sich, wie lange schon, seit wie vielen Generationen die Frauen die Verantwortung für Kinder, Familie, das Zuhause und die Versorgung tragen. In ihrer Gemeinschaft gingen die Männer weg. Manche in die Stadt. Um zu arbeiten. Oder auch nicht. Manche ins Gefängnis. Zu Recht oder zu Unrecht. Manche gingen einfach nur so, und man hörte jahrelang nichts mehr von ihnen.
Manchmal glaubt Bernice, es war besser so. Als ihr Dad wegging, hat Bernice (in dem Augenblick) nicht geglaubt, dass es so besser war. Immer, wenn sie an ihren Vater denkt, spürt sie einen Kloß im Hals. Kein Vergleich zu dem Schmerz in der Brust, den sie beim Gedanken an ihre Mutter empfindet. Es ist ein Unterschied wie zwischen einem Penny, der in eine Pfütze fällt, und einer Springflut.

»Finger weg, Mädchen, ab fünf Uhr gehört Cola in den Whisky!«, hatte Onkel Louis sie angeschnauzt.
Sie war zusammengeschreckt, und alle Erwachsenen hatten gelacht, als sie die Flasche wieder losließ, einige ganz besonders laut. Wenn sie jetzt davon trank, musste später vielleicht jemand losgehen und Nachschub holen. Sie wusste, dass sie damit durchkommen konnte, eine schlagfertige Antwort zu geben und sich einzuschenken. Wenn sie die Erwachsenen nur zum Lachen brachte, würden sie ihr verzeihen. So dringend wollte sie die Cola dann aber doch nicht.
Ihr Onkel hatte verächtlich geschnauft. »Du solltest eh besser abspecken.«
Sie hatte im Rausgehen noch die Stimme ihrer Mutter gehört. »Also echt, Lou, auf ein Glas kommt es jawohl nicht an«, sagte sie.
»Die ist viel zu empfindlich«, hörte Bernice ihren Onkel murren.
Es tat ihr leid, den Raum verlassen zu haben. Als ihr Blick die Bücherstapel aus der Bibliothek streifte, die auf ihrem Zimmerfußboden lagen (der Teppich war von dieser Sorte, die sich anfühlen soll wie frisches grünes Gras), ging es ihr schon besser. Der Samstag war damals für sie so ziemlich der beste Tag der Woche. Vier Stunden brachte sie in der Bibliothek zu; dreieinhalb Stunden zu viel, wenn man Miss Robbins fragte. Miss Robbins musste mindestens siebzig sein, dachte Bernice. Und sie war fast sicher, dass Miss Robbins – Clara Robbins – rauchte. Sie hatte arthritische Hände und kannte in der Bibliothek von Grande Prairie jeden einzelnen Titel. Ihre gelblichen, fleckigen, pergamentenen Finger sprangen in erschreckender Geschwindigkeit von einem Buchrücken zum nächsten, wenn sie etwas aussuchte, das Bernice lesen konnte. Außerdem war die alte Frau mit den orange geschminkten Lippen – einem Orange, das in freier Natur nicht vorkam – in Bernice’ Erinnerung notorisch misstrauisch.
»Bernice Meetoos, das Buch ist zu erwachsen für dich. Judy Blume ist nichts für zehnjährige Kinder«, sagte sie einmal fast lauernd, gar nicht mit ihrer Bibliothekarinnenstimme, sondern mit einer anderen, einer in-krimi-nierenden Stimme, wie Bernice fand. Sie wusste nicht genau, was das hieß, aber es klang, als würde man etwas Kriminelles in jemanden reintun. Sie hatte das Wort im New Yorker gelesen (was Miss Robbins ein lauteres missbilligendes Schnalzen entlockt hatte als je zuvor). Bernice hatte sich zusammengereimt, dass Miss Robbins nun einmal dazu neigte, in die Vorlieben von Zehnjährigen etwas Kriminelles hineinzulegen.
Bernice’ Momma war der Ansicht, Bernice dürfe lesen, was sie wollte. Oder zumindest durfte sie mit nach Hause bringen, was sie wollte. Bernice ging davon aus, dass ihre Mutter das so hielt, weil sie am allerbesten beurteilen konnte, was Bernice lesen sollte, fast so gut wie Bernice selbst. Daran erinnerte sie Miss Robbins zum sechzehntausendsten Mal.
Miss Clara Robbins schnalzte mit der Zunge und sagte: »Die Mutter will ich ja mal sehen.«
Das klang in Bernice’ Ohren, als ob sie nicht einmal glaubte, dass Bernice eine Mutter hatte.
Sobald Miss Robbins ihr den breiten Bibliothekarinnenhintern zuwandte, streckte Bernice ihr die Zunge raus und machte sich, so beeindruckt sie auch von der Breite dieses Hinterns sein mochte, wieder auf die Suche nach dem perfekten Buch.
In dem perfekten Buch, fand Bernice, müsste es ein sauberes Haus geben, und in jedem freien Behältnis wären Blumen. Es gäbe keine Brandlöcher in grellbunten Teppichböden, keine leeren Flaschen, keine halbleeren oder ausgekippten Gläser auf dem Fußboden nach dem Wochenende und keinen ungebetenen Besuch von Freunden der Eltern. Niemand würde sie in ihrem Zimmer unter der Treppe behelligen, und sie würde nicht davon aufwachen, dass jemand die Stufen hochdonnerte (wenn es Streit gab) oder herunterpolterte (wenn jemand stürzte). Es gäbe nur strahlend glückliche Bewohner, die einander lächelnd in die Arme nahmen. Nie würden sie aufeinander rumhacken oder sich übereinander lustig machen, um andere zum Lachen zu bringen.
Sie würden in Disneyland Urlaub machen und als Familie zusammen spazieren gehen und gemeinsam essen und einander dabei Fragen stellen, deren Antworten sie brennend interessierten. Es gäbe auch eine etwas mollige, sehr schlaue und beliebte Tochter. Diese Tochter, die zufällig genauso alt wäre wie Bernice, würde Kleidung aus einem richtigen Laden tragen, sich die Haare in einem Salon schneiden lassen (dieses Wort liebte Bernice, und sie liebte auch »schwülstig«, »Nomenklatur« und »Konglomerat«) und bräuchte keine Bücher aus der Bibliothek auszuleihen, sie hätte nämlich ihre eigene Bibliothek. Guten Freunden würde sie manchmal Bücher leihen, aber Fremden niemals, und ihre Lieblingsbücher würde sie auch niemandem geben. Sie könnte Bücher lesen, so viel sie wollte, und müsste nie damit aufhören, weil Makramee-Kurs war oder weil Verwandte zu Besuch kamen – oder weil sie sich fragte, was da oben los war, wenn jemand auf den Boden krachte oder die Treppe herunterfiel.
Da sie das perfekte Buch nie fand, musste sie sich mit Geschichten über perfekt wirkende Familien zufriedengeben.
Ein Schwall von grölendem (was von »Groll« kommen musste, dachte sie) Gelächter schwappte durchs Wohnzimmer in die Abstellkammer (inzwischen ihr Schlafzimmer) unter der Treppe. Sie tippte leise mit dem Zeh gegen die Tür (was sie vom Bett aus schaffte; sie hatte dieses Manöver schon vor Jahren perfektioniert), um sie zu schließen, ohne dass es jemand bemerkte. Dann überlegte sie es sich anders, öffnete die Tür wieder und knallte sie zu, gerade laut genug, dass die anderen es hörten. Darunter schien das letzte wintrige Tageslicht hindurch, ein kleiner Spalt nur und eine Erinnerung daran, dass in perfekten Familien niemand mit den Türen knallen musste, um anderen zu sagen, dass sie heimgehen sollten.
Dem Türenknallen folgte verwaschenes weibliches Gelächter.
»Das war laut und deutlich, Kiddo!«, rief Terry, die Freundin ihrer Mom. Bernice’ Mom hielt sie zumindest für ihre Freundin, aber Bernice kannte ein Geheimnis. Terry wollte nämlich was von ihrem Dad. Eines Nachts, als sie sich ein Glas Wasser holte, sah sie, wie sich Terry in der Küche an ihrem Vater rieb. Ihr Dad atmete dabei so komisch. Daraus schloss sie, dass es ihn nicht besonders störte. Sie setzte sich auf einen Küchenstuhl und wartete stur, bis die beiden sie bemerkten. Terry lächelte und kam auf sie zugelaufen. »Was ist denn los, Süße, hast du schlecht geträumt?« Sie beugte sich über Bernice und strich ihr das Haar aus der Stirn.
Bernice wurde von Terrys Alkohol- und Zigarettenatem schwindlig. Sie schielte zu ihrem Dad hinüber und sagte sehr betont zu Terry: »Deine Bluse ist offen.«
Dann stand sie auf und ging, während ihr Vater Terry auslachte, die hastig ihre Kleidung in Ordnung brachte.
»So ein Miststück«, hörte Bernice Terry zu ihrem Dad sagen, als sie ihr Ohr an die Tür presste.
»Sie ist’n schlaues kleines Halfbreed«, antwortete er stolz, und obwohl Bernice lauschte, bis sie erschöpft einschlief, hörte sie aus der Küche keine weiteren Geräusche.
Das Wort »Halfbreed« gefiel ihr überhaupt nicht (wobei sie erst Jahre später richtig erfasste, was es bedeutete, so genannt zu werden). Vielleicht lag es daran, dass sie bei »breed« an »die intimste aller Begegnungen« denken musste. Bernice hatte im Frühsommer mit einem Harlequin-Romance-Heftchenroman begonnen, und darin wurde es so bezeichnet. Ihr Onkel Larry hatte es nicht so mit Intimität und nannte es »rammeln«. Das Wort mochte sie auch nicht. Es erinnerte sie an Kaninchen und daran, dass man ihnen das Fell über die Ohren zog. Bei der Vorstellung, wie Fett und Fleisch aufeinander klatschten, wurde ihr übel. Sie hatte einen empfindlichen Magen, und wenn sie nicht aufpasste, woran sie dachte, musste sie kotzen. Ein paarmal hatte sie das ausgenutzt, um aus der Schule wegzukommen, bis ihre Momma es durchschaute.
Sie ging aber sowieso nicht oft in die Schule. Manchmal hatte ihre Mutter eine dieser Kopfschmerzattacken, dann blieb Bernice zu Hause und verhielt sich leise. Wenn Maggie aufwachte, meist erst gegen elf oder zwölf, legte Bernice sich ins Bett und las, bis jemand sie bemerkte. Manchmal stellte sie sich auch krank, und es schien niemanden groß zu interessieren. Bernice fehlte öfter als alle anderen und hatte trotzdem ein ganz ordentliches Zeugnis. Ein paarmal war sie tatsächlich krank gewesen, und ihre Mutter hatte sie getröstet und versucht, ihre Leiden zu lindern, indem sie ihr ein Glas Ginger Ale gab, bei dem sie die Kohlensäure herausgerührt hatte, oder einen Tee mit viel Milch. Einmal allerdings hatte Bernice über Bauchschmerzen geklagt, und ihre Mom hatte ihr ein kleines Stück Seife in den Po geschoben. Daraufhin hatte sie sich das mit den Krankheiten und Ausreden gründlich überlegt.
Die Haustür ging auf und ließ die frostkalte Luft herein, Bernice merkte es sogar in ihrem Zimmer. Kurz darauf wurde es still im Haus, und bis auf die schweren Schritte ihrer Mutter (ein Geräusch, das zum Saubermachen nach einer Party fest dazugehörte) war nichts mehr zu hören. Ihre Anspannung löste sich ein wenig, und sie machte die Atemübungen, die ihr die Ärztin empfohlen hatte, damit sie besser Luft bekam, wenn das Asthma ihr zu schaffen machte. Es hing immer noch zu viel Rauch in der Luft, und vom tiefen Atmen wurde das Schwindelgefühl stärker. Trotzdem gefiel ihr das Haus gleich besser, wenn sie mit ihrer Mutter dort allein war. Freda war noch bei Kohkom; dort verbrachte sie inzwischen die meiste Zeit und würde erst am Montag wiederkommen.
Ihre Mom steckte den Kopf in den Raum unter der Treppe, ohne anzuklopfen. »Willst du jetzt eine Cola, mein Mädchen?«
Bernice folgte ihrer Mom in die Küche, die wieder erstaunlich ordentlich war, und schenkte sich ein Glas ein. Sie setzten sich zusammen an den Tisch, das war eins ihrer Rituale, und Bernice schaute ihrer Momma beim Zigarettendrehen zu. Manchmal wachte sie nachts auf und hörte das Tipp-Tipp-Tippen auf dem Tisch, wenn ihre Mom dafür sorgte, dass der Tabak bis zum Filter herunterrutschte. Dann saß sie nur da, stundenlang manchmal, und rauchte und starrte die Wand an. Ihr Schweigen ängstigte Bernice, die darauf angewiesen war, dass andere die Stille in ihr übertönten.
Trotz des Rauchs und des Bierdunstes roch ihre Mom nach Zwiebeln und frisch gebackenem Brot. Es war ein angenehmer Geruch, ein Zuhausegeruch, der an Tagen wie heute den ganzen Raum erfüllte, wenn ihre Mutter Brot, Bannockbrot und Brötchen für die Familie backte und einfror.
»Na, was treibst du da wieder in deiner Höhle?« Sie wies mit den Lippen in Richtung von Bernice’ Zimmer und erwartete die Antwort ihrer Tochter.
»Ich hab’ ein neues Buch angefangen.«
»Schon wieder? Meine Güte, wo lässt du bloß die vielen Wörter, Birdie?«
Ihre Mutter schaute sie ernst und nachdenklich an. Bernice, die es gewohnt war, sich jeder Aufmerksamkeit zu entziehen, wandte den Blick ab. »Du wirst die Erste von uns sein, die einen Schulabschluss bekommt. Um dich muss ich mir nie Sorgen machen, und ich weiß immer: Egal, was kommt, Bernice wird damit fertig. – Du siehst deiner Tante so ähnlich. Du kannst echt froh sein, dass du ihren Grips und ihr Aussehen hast«, fuhr ihre Mom fort. »Und ein Glück, dass du nicht ihre …« Maggie Meetoos zögerte. »Nicht die ganze Packung geerbt hast.« Sie lachte.
Bernice zuckte zusammen und hielt sich unwillkürlich die Hand vor den Mund. Sie hatte nicht gewusst, dass ihre Mutter sie hübsch fand. Für sie war immer Freda die Schönheit gewesen, die jedem auffiel. Außerdem fragte sie sich, was Auntie Vals ganze Packung war. Es klang nicht unbedingt nach etwas Gutem.
»Wusstest du, dass deine Tante früher auch ein Bücherwurm war?«, fragte ihre Mom.
Zwei Geheimnisse. Zwei Dinge, die sie bisher nicht wusste. Bernice wurde klar, dass ihre Mom getrunken hatte. Maggie hortete Geheimnisse, wie andere Konserven: gut versiegelt an einem dunklen Ort, bis man sie brauchte. Wenn ihre Mom betrunken war, versuchte Bernice ihre Angst und ihre Neugier im Gleichgewicht zu halten. Und Angst hatte sie zwar immer, einen Knoten im Magen und eine Anspannung im Rücken, aber es war wie in der Schwitzhütte: Die Leute waren kaum zu erkennen, aber man wartete gespannt, was sie als Nächstes von sich gaben. Das Problem war nur, dass Bernice immer nervöser wurde, je mehr ihre Mutter sich entspannte. Bei den seltenen Gelegenheiten – mit den Jahren weniger selten –, wenn ihre Mutter sich maßlos betrank, versteckte sich Bernice im Keller und las im Licht einer schulterhohen Lampe neben dem Trockner. Den Trockner schaltete sie an, um sich daran zu wärmen und um den Lärm der Erwachsenen über ihr auszublenden. Weißes Rauschen, das das braune Rauschen schluckte.
»Als du klein warst, iskwesis«, sagte ihre Mutter, »hat Auntie Val dich immer an sich gedrückt und zu mir gesagt, du wärst ihre Tochter.«
Maggie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, als wäre ihr vom Alkohol unwohl in ihrer Haut. »Das hatte ich noch nie erlebt, dass sich jemand so sehr in ein Kind verliebt, das nicht das eigene ist.«
Zu Bernice’ Erstaunen hatten sich die Augen ihrer Mutter mit Tränen gefüllt.
»Sie ist deine kee kuh wee sis, deine kleine Mutter.«
Drei Geheimnisse. Drei. Bernice hatte noch eine Mutter.
»Als Valene dann …« – Maggie suchte im Gesicht ihrer Tochter nach Anzeichen, was das kluge Mädchen bereits wusste – »weggegangen ist, weg von hier, da hat sie nie angerufen oder so. Ist einfach weg. Sie war sauer auf uns und wahnsinnig wütend auf die Welt. Als sie wiederkam, war sie nicht mehr dieselbe.«
Sie bemerkte den besorgten Blick ihrer Tochter und fügte hinzu: »Sie liebt dich immer noch genauso, Birdie, sie hat nur den Teil von sich verloren, der das auch zeigen kann.«

Das zu zeigen, damit hat auch Bernice zu kämpfen, als sie an dieses Gespräch zurückdenkt. In ihr wogen die Erinnerungen und prickeln die körperlichen Andenken an ihr Leben. Vor. Dem hier. Körper und Gefühle sind jetzt untrennbar verbunden, ihre Sealy-Matratze ein Schmelztiegel, in dem eins vom anderen ununterscheidbar wird. Da liegt sie voller Emotionen und Gefühle – Schmerzen, Kränkungen, Sehnsüchte, Liebe und Reue –, doch ihr ruhiger Körper gibt nichts davon preis. Freda und Lola, denen man die Sorge anmerkt wie einen schlimmen Kater, glauben, dass sie verfällt, aber Bernice weiß es besser. Sie weiß, dass sie sich sammelt.
Es ist ein echter Kraftakt, denkt sie. Ohne dass sie wüsste, was Zuhause ist, und obwohl sie dort nie war, fegt Heimweh über sie hinweg wie ein Rocksaum über den Boden. Könnten die Frauen in sie hineinschauen, dann würden sie einen Wirbel sehen, eine Beschleunigung, einen wahren Sturm. Was auch immer geschah – ihr Puls bleibt ruhig, während sich ihre Haut anfühlt, als ob sie von innen brennt.
Das Gefühl ähnelt dem Augenblick vor einer Ohnmacht, wenn sie sich richtig erinnert. Darin ist sie praktisch Expertin und meint zu wissen, dass es sich anfühlt, als ob man seine Haut ablegt und dann wieder anlegt. Sie versucht, sich selbst als Elchgulasch zu begreifen: Sie wird schon merken, wann sie gar ist. Das Gulasch ihrer Mom war das beste; vielleicht lag es an dem ganz frischen Fleisch, vielleicht auch daran, dass ihr selbstgemachtes Bannockbrot dazu gereicht wurde. Jedenfalls war ihr Elchgulasch ein Elixier, das fast alles heilte. Vielleicht ist Elch ihr Zuhause, denkt Bernice.
Das letzte Mal hat sie im Herbst, bevor sie in die Stadt gezogen ist, um dort zur Schule zu gehen, frischen Elch gegessen. Da muss sie zwölf oder dreizehn gewesen sein. Natürlich hatte ihn wieder ihre Mom gekocht. Sie wirkte klein und erschöpft, ungewöhnlich schwerfällig, als sie aufstand und zu dem hohen Kiefernholzschrank ging, den sie vor Kurzem lackiert und in die Küche gestellt hatte. Ihr kurzer brauner Arm reichte nur knapp bis an die Rückwand des Fachs, und sie verschwand fast im Schrank, um von dort etwas hervorzuholen. Bernice beobachtete, wie ihre Lider flatterten, als sie fand, was sie suchte, es mit den Fingern nach vorn kippte und daran zog. Es war eine braune Schachtel, in der Münzen klimperten. Ihre Mom hatte sichtlich Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten, und auf dem Weg zu ihrem Stuhl am Küchentisch schwankte sie zuerst in Richtung Treppe.
Maggie hatte einen Fünfdollarschein aus der Schachtel geangelt. »Würdest du mir Salz holen, aus dem HiLo? Es ist ja noch früh, und heute Abend brauchen wir welches.«
»Salz? Heute? Wir haben doch noch.« Bernice hatte den Salzstreuer in der Hand gewogen, der wie eine fette, tanzende weiße Frau geformt war. Er fühlte sich schwer an.
»Ayuh, wir brauchen mehr, ich will heute Fleisch trocknen und Gulasch kochen.«
»Heute noch?« Sie versuchte ihre Mom in ein Gespräch zu verwickeln, weil sie wenig Lust hatte, im Dunkeln und in der windigen Kälte vor die Tür zu gehen.
»Trödel nicht, zieh dir was über. Je eher du losgehst, desto eher bist du wieder zu Hause.«
Bernice war zur Haustür getrottet und hatte ihre Jacke angezogen.
»Nicht die, nimm den Parka, und vergiss nicht die Schneehose.«
»Die sieht dumm aus, ich hasse die Hose, Mom, die ist zu klein, und ich sehe darin aus wie …« – sie suchte nach einem passenden Ausdruck – »wie ein Bimbo.«
Bimbo, der Geburtstagsclown trat jeden Samstagmorgen um halb sieben in der Uncle-Bobby-Show auf. Von dem ganzen Marathon aus Professor Kitzel, Max der Maus und Spider-Man, den sich Bernice mit Freda und wechselnden Cousins und Cousinen zusammen anschaute, war er die schlimmste Etappe.
»Das Wort will ich in diesem Haus nicht hören!«, fuhr ihre Mutter sie an. Sie dachte offensichtlich nicht an Bimbo aus der Show, sondern an das Schimpfwort Bimbo für Frauen: Hirnloses Flittchen. »Sag das nie wieder.«
Zierlich wie sie war, pflanzte sie sich bedrohlich vor Bernice auf. Einen Moment lang hatte Bernice Angst, ihre Mutter würde sie schlagen.
»Nicht hauen.« Bernice kauerte sich in voller Montur in die Ecke – mit dem Parka, der Schneehose und den Fausthandschuhen hoffentlich gut genug gepolstert, dass es nicht so wehtun würde.
Irgendetwas begann sich auf dem Gesicht ihrer Mom abzuzeichnen. Etwas zwischen Schrecken und Scham. Sie war einen Schritt zurückgetreten und hatte leise gesagt: »Los jetzt, Birdie, geh spazieren und schnapp ein bisschen frische Luft. Du bist viel zu viel drinnen. Geh schon.«
In der Stille ihres Zimmers kann Bernice ihren eigenen zitternden Atem hören. Sie spürt, wie ihre Mom sich mit etwas abfindet und will nicht wissen, womit. Es ist etwas Vertrautes und Schmerzhaftes, das Bernice bei dem rumpelnden Lärm aus der Backstube unter ihr kaum bemerkt und sich weigert, es wiederzuerkennen. Doch sie besitzt einen sensiblen Gaumen für Schmerzen. Sie erinnert sich an das bittere, dumpfe Aroma. So schmecken Niederlagen.
Bernice hatte sich eine Mütze aufgesetzt und war in die spätherbstliche frühe Dunkelheit hinausgegangen. Der Wind heulte und pfiff ihr hinterher, als sie durch den Neuschnee stapfte. Der verfestigte sich unter ihren Füßen, und sie fand, dass er anfing, sich wie brauner Zucker anzufühlen.
Sie lief so schnell, wie ihr Asthma und die dicke Winterkleidung es ihr erlaubten. An der Hauptstraße wartete sie, bis keine Autos mehr kamen, und als sie sich wieder in Bewegung setzte, merkte sie an der Kälte in ihren Beinen, dass sie sehr lange am Straßenrand gestanden haben musste.
Auf dem vereisten Parkplatz des HiLo rutschte sie aus und wäre beinahe hingefallen.
»Cooler Stunt, Büffelkuh!«, rief jemand.
Es war Tim Lerat, der mit Jeansjacke und Jagdmütze breitbeinig dastand. Im Dunkeln, mit zerzausten Haaren und einer Kippe im Mund, sah er noch gespenstischer aus als sonst. Natürlich hatte er ein paar Jüngere dabei, die sich vergeblich bemühten, so auszusehen und so zu sein wie er.
»Yeah, super cool«, eiferte Shorty Moostoos ihm nach. Er war fünfzehn, zwei Jahre jünger als Tim, aber nur wenig größer als Bernice.
»Fahrt zur Hölle!«, schrie sie, als sie die Tür erreicht hatte, und bedankte sich im Stillen bei Mickey Spillane für diese Entgegnung.
Sie behielt die Jungs durch die Glasfront des HiLo im Auge, aber nur, wenn sie in einen der Gänge einbog und stehen blieb, um die Waren in den Regalen anzustarren. Sie lauerten auf sie, wie die Wölfe in Ruf der Wildnis. Bernice stellte sich vor, wie sie am Glas kratzten, mit harten Tierkrallen gegen die Scheiben klackerten und wie rasend versuchten, sich zu ihrer Beute durchzugraben.
Sie schaut sich nach dem alten Pocock um, dem Besitzer des HiLo, der niemandem über den Weg traute und sie genau beobachtete. Doch Bernice wusste über ihn Bescheid. Er ging davon aus, dass sich jeder so verhalten hätte, wie er es seit Jahren tat – er versuchte sich zu bereichern, indem er die Alten, die Dummen und die Minderjährigen betrog. Von lauter Reichtümern umgeben, wollte er dennoch immer mehr besitzen und nahm nicht wahr, was er hatte. Er war wie die großen Leute in Der kleine Prinz, die keiner einzigen Rose in ihrem Blumengarten Beachtung schenkten, weil es ihnen nur auf die Menge ankam. Sie wusste genau, dass er bloß einen Hut sah, und musste lächeln, weil sie selbst nicht nur den Elefanten in der Schlange erkannte, sondern sogar hörte, wie er zu ihr sprach.
»Was suchst du, Bernice Meetoos?« Pocock schrie fast, obwohl sie dicht vor ihm stand.
Sie schielte zum Ausgang hinüber. Die Wölfe waren noch da; sie spuckten und rauchten, wie es alle bösen Wölfe tun.
»Ich, äh, suche, äh, ich bräuchte Salz.« Sie wusste, dass die Sifto-Kartons direkt hinter ihr aufgestapelt waren.
»Bist du blind? Da ist es doch!« Er sprang von seinem Hocker auf und zeigte mit dem Finger auf das Salz, aber ohne es zu berühren. Es sah fast so aus, als wollte er nichts anfassen, was sie kaufen und mit nach Hause nehmen würde.
»Ach, ja, danke, ich seh’s.«
Sie nahm eine Packung und ließ sie im nächsten Moment fallen, weil das Geräusch von Shortys Gelächter und Tims Geheul sie erschreckte. Sie schaute zur Tür und sieht, dass Tim sich die Hose ausgezogen, nein, heruntergezogen hatte und seine gespaltenen, gespreizten, plattgedrückten Pobacken direkt vor ihr gegen die Scheibe presste.
Stumm bestaunte sie diesen Anblick. Sie war fast sicher, dass ihm Haare am Hintern wuchsen.
Als sie sich wieder dem alten Pocock zuwandte, tat sie, als hätte sie nichts gesehen, obwohl sie wusste, dass er es besser wusste. Sie ging zur Kasse, streifte einen Handschuh ab und nahm den Fünfdollarschein aus der Tasche. Sie gab ihm den Schein und schaute genau zu, wie er mit den drei Fingern an seiner rechten Hand das Wechselgeld abzählte. Sie wartete darauf, dass er es auf den Tresen legen würde, aber er stand wie immer einfach nur da, bis sie die Hand ausstreckte und er es hineinlegen konnte. Er hat es aufgegeben, ihr zu wenig herauszugeben, weil sie ihn dank ihrer Rechenkünste schon zwei Mal ertappt hat. Freda meinte, der Alte täte das aus Spaß, um herauszufinden, welche Kinder schlau waren und welche dumm. Bernice war es egal, sie blieb nie länger als nötig in seinem Laden.
»Ich hätte gern eine Tüte, bitte.«
Mit einem Grunzen griff er unter den Tresen; er hatte ihr noch kein einziges Mal von sich aus eine Tüte angeboten.
Langsam wandte sie sich ab und stellte erleichtert fest, dass die Wölfe verschwunden waren. Sie wusste aber auch, dass sie nicht weit sein konnten, und rannte die drei Häuserblocks nach Hause. Als sie in ihre Straße einbog, keuchte und schnaufte sie, ihr flacher Atem erreichte kaum ihre Lunge. Sie lief langsamer und versuchte ihre Übungen zu machen.
Ihre Atmung war fast wieder normal, als sie ihr Haus erreichte. In der Auffahrt und auf der Straße davor parkten Autos. Sie ging zu Onkel Larrys Pickup, der in der Mitte der Auffahrt stand. Manchmal brachte er auf der Ladefläche Bierkästen mit. Wenn ja, wollte Bernice sie verstecken. Das hatte sie schon öfter getan, und zweimal waren die Gäste dann früher gegangen. Sie schaute durch das Fenster seines Chevy und sah Terrys Handtasche ausgekippt auf dem Sitz liegen. Dass die Tasche Terry gehörte, weiß sie wegen des leuchtend grünen Leders. Es musste von einer Kuh sein, die so aussah wie die Pferde in der Smaragdstadt im Zauberer von Oz, dachte sie.
Hinten auf der Ladefläche war kein Bier, sondern Blut. Es sah aus wie rosa Slush, weil es in der Kälte zu Kristallen gefroren war. Rosa Kleckse und rote Flecken führten von der Klappe am Ende der Ladefläche die Auffahrt hoch. Sie folgte der Spur bis zur Garage. Nancy Drew hätte gewusst, was jetzt zu tun war, aber Bernice fiel nichts Besseres ein, als an der Garagenwand, die zum Haus der Olsons hin lag, auf einen Schneehaufen zu klettern und durchs Fenster zu spähen.
Aus dem Fest war jetzt eine Jagdfeier geworden. Terry, Bernice’ Onkel Larry, ihr Dad, Colin Ratt, Leonard Auger und Billy Morin saßen auf Milchkisten rings um einen tintenschwarzen Elch. Sie sah, dass das Bier schon in der Garage stand und dass die Männer mit geröteten Gesichtern und ausladenden Gesten lebhaft diskutierten. Terry lachte mit zurückgeworfenem Kopf über etwas, das Bernice’ Dad ihr zugeflüstert hatte. Sie stand auf, um sich ein Bier zu nehmen, und beugte sich direkt vor ihm aus der Hüfte herunter.
»Bimbo.« Bernice atmete gegen die kleine Fensterscheibe, die sofort beschlug. Der Dunst verdeckte Terrys Minirock und ihre Beine.
Auf den Werkbänken, die zusammengeschoben worden waren, lag eine Plastikdecke, und auf dem Zementboden eine große Rolle braunes Einschlagpapier.
Wie auf Kommando näherten sich die Männer plötzlich dem Elch. Die Garage verschwamm und kippte auf Bernice zu, als sie in der Hand ihres Onkels ein Messer aufblitzen sah. Rasch und präzise häutete er den Elch und ließ die Schnauze dran. Die Schnauze ist eine Delikatesse, wie sie wusste, und war für das Festessen vorgesehen. Der noch warme Elch begann zu dampfen, als die kalte Luft auf seine Nacktheit trifft. Terry schnappte sich ein Messer wie ein Gefängnisinsasse bei einem Aufstand und griff nach dem Ohr des Elchs. Das Blut vernebelt Bernice’ Blick, und sie übergab sich, wobei sie nicht sich selbst traf, sondern den Fliederbusch. Sie setzte sich und schaute zu, wie die colabraune Flüssigkeit an seinen dürren Zweigen festfror – wie winzige Dekorationen an einem Weihnachtsbaum.
Eine Weile darauf hörte sie ihre Mom nach ihr rufen, und dann legten sich ihre Arme um Bernice.
»Komm rein, mein Mädchen, du warst aber lange weg.« Sie warf einen raschen Blick durch das Fenster. »Die haben mehr Spaß daran, als sie sollten.« Ihre Stimme klang ein bisschen komisch, und Bernice sah, als sie sich an ihr festhielt, in ihren müden, schimmernden braunen Augen Tränen glänzen.
Bernice wurde in die Badewanne gesteckt, ihre Mutter presste Orangen in das warme Wasser.
Bernice ließ heißes Wasser nachlaufen, bis es aufgebraucht war. Sie zog sich das Sturgeon-Lake-T-Shirt ihrer Mutter über und verkroch sich im Bett. Ihre Mom hatte ihr eine zusätzliche Decke aufs Bett gelegt und schaute hin und wieder nach, ob Bernice schon schlief. Sie fühlte sich fiebrig und fragte sich, ob sie krank sei, war aber zu müde, um etwas zu sagen.
Später wurde sie von schweren Schritten geweckt, die von der Vordertür quer durch die Küche polterten, zur Kühltruhe vermutlich.
Noch später folgen die Geräusche von Bierflaschen, die auf dem Boden abgestellt werden, während die Gäste sich ihre Stiefel ausziehen, weil sich die Feier von der Garage ins Haus verlagert. Sie schaute auf die kleine Uhr, die sie von ihrer Mom zu Weihnachten bekommen hatte. Es war halb fünf Uhr morgens.
Ein leises Gespräch war zu hören, dann ein lauter werdender Streit, und Bernice bekam mit, dass ihre Mom erst mit ihrem Mann, dann mit ihrem Bruder schimpfte. Es wurde geschrien, und es gab ein Handgemenge. Bernice war sich nicht sicher, wie lange das so ging, denn sie döste immer wieder ein, wurde aber irgendwann wieder hellwach, weil die Bierflaschen aneinander klirrten und eine Tür zuschlug. Als sie das nächste Mal erwachte, hörte sie nichts mehr. Sie nahm an, dass alle eingeschlafen waren, und spürte, wie ihre Anspannung nachließ.

Ahhhhhhhhhh. Sie vermisst ihre Mutter. Der Schmerz im Magen wächst und greift auf den Brustkorb über. Bald wird er ihr die Kehle hochsteigen und sich aus ihren Augen ergießen, wenn sie nicht aufpasst. Die Liebe, diese Liebe, die ihr durch die Adern rauscht wie ein Strom, der über die Ufer zu treten droht, war üppig und gehaltvoll. Die Erinnerung beruhigt sie, und ganz unbemerkt setzt ihre Atmung aus.
Sie kann die Dunkelheit im Zimmer riechen, die Leere hören, und Bernice fühlt, wie sich Fredas schmaler Leib auf die Matratze schiebt. Wie lange ist sie schon … auf Reisen? Sie hält die Augen geschlossen, spürt aber den Blick ihrer Cousine auf sich ruhen. So bleibt es lange.
Bernice spürt, wie Freda sich unruhig neben ihr herumwälzt. Die alten Bodendielen der Wohnung seufzen kaum hörbar, als wäre die Bewegung der Schlusspunkt eines Satzes voller müder Verben und kraftloser Pronomen.
Sie fragt sich, ob Freda sie noch sehen kann oder ob das Bett leer ist, wo sie sonst immer liegt.
Ich bin nicht hier, denkt sie. Ich habe mich verwandelt.
6Großmutter
4
WO SIE IST
kasakes: ein Vielfraß, jemand, der/die viel isst

pawatamowin
Sie traumriecht Mandeln und Pesto.
Aus der kleinen Bäckerei dringt ein hefiger, kräftiger Geruch, der ihren Traum vertreibt. Lola hat vermutlich nachts Brötchen gebacken, denkt Bernice. Das war ihre Aufgabe, bevor … bevor sie sich ins Bett gelegt hat. Mit anfallartigen Kopfschmerzen, denkt sie und öffnet die Augen. Morgens um vier Uhr aufzustehen und zu backen, vermisst sie nicht gerade, das stete Geplauder der Kunden in Lolas Bäckerei jedoch schon. Sie servierte die Speisen selten selbst, freute sich aber immer, wenn jemand nett zu ihr war. Ihre Beine schmerzen ein wenig, als hätte sie draußen geschlafen oder wäre die ganze Nacht gelaufen. In diesem Einvernehmen zwischen ihrem Körper (den sie mittlerweile als Hülle begreift) und ihrem Geist (worin Gefühle, Gedanken und Erinnerungen einander überlagern, Nebelschwaden auf einer Straße), erkennt sie, dass ihr Körper vor Emotionen bebt. Ein Beobachter könnte denken, sie befände sich mitten im Tiefschlaf und würde unter unruhigen Beinen leiden. In diesen Nebelschwaden entdeckt Bernice Schuldgefühle in ihrem Körper, die sie loswerden will. Ihre Hülle weist die Schuldgefühle ab. Scham. Sich schlecht fühlen, weil man sich gut fühlt.
Als sie in Gibsons ankam, benahm sie sich … na ja, sie benahm sich nicht. Manchmal wachte sie morgens allein in ihrem Zimmer auf. Manchmal jedoch setzte sie sich erschrocken auf und fand sich an einem ihr unbekannten Ort neben einem Fremden wieder. Einmal erwachte sie morgens neben einem stinkenden Mann. Irgendetwas an dieser Person neben ihr im Bett war abstoßend. Der Mann hatte einen soldatischen Haarschnitt – und bei Gott, im Militärdienst konnte er schon seit zwanzig Jahren nicht mehr sein. Ein Bürstenschnitt; das graumelierte Haar stand ihm forsch vom Kopf ab. Er war kein Jesse. Nicht einmal ein Nick Adonodis. Er drehte sich um und furzte, und sie erstarrte, machte sich auf das unangenehme Gefühl seiner Berührung oder auf gebrummte Worte gefasst. Der Gestank blieb allein und war ihr daher erträglich.
Sie weiß, dass sie nicht mit ihm ins Motel hätte gehen sollen. Wie so vieles, dass sie nicht hätte tun sollen. Gin trinken. Flirten. Mit Fremden reden. Gin trinken. Mit Fremden flirten, die ihr Gin spendierten. Es war wirklich ein kleiner und teuflischer Kreis. Der erste Drink war der schwierigste. Also, der Weg zu diesem ersten Drink war der schwierigste. Sie erlaubte sich nicht den Luxus, es bei dem einen Drink zu belassen (oder auch sonst irgendetwas nur einmal zu tun). Am meisten Kraft kostete es, über die Schuldgefühle hinwegzukommen, dass sie eine trockene Trinkerin/Trinkende war (machen wir uns nichts vor, sie würde es sich niemals eingestehen). Danach jedoch, wenn die Welt sich rosarot färbte und ihr Schutzpanzer aufweichte, wurde es immer einfacher.
Sie trank. Sie trank und die Grenzen zwischen ihr und anderen lösten sich auf. Sie konnte in den Arm nehmen, Liebe schenken, über Dinge lachen, die ihr nüchternes Selbst nicht lustig gefunden hätte, und tauschte Denken gegen Fühlen ein. Sie trank, um sich so zu fühlen, wie sie sich jetzt gerade fühlt, eingewickelt in die Kuscheldecke, die Freda mitgebracht hat. In ihrem friedlichen Wachschlaf kann sie die Vergangenheit fühlen, ohne sie durchleben zu müssen – sie sehen, ohne sie noch einmal durchzumachen.
Das hilft, denn manches davon war wirklich ziemlich … entwürdigend. Nein. Sie widersetzt sich, spürt, wie ihre Hände sich verkrampfen. Demütigend. Es fühlte sich an, als hätte sie schon an die hundert Nächte mit dem verheirateten Mann in diesem billigen Hotel verbracht. Das stimmte natürlich nicht, aber das Gefühl von diesem speziellen Typ Mann ließ sie nicht wieder los. Art? Al? Sein Name bestand nur aus einer Silbe, daran erinnert sie sich noch – mehr hätte sie gegen Mitternacht auch nicht mehr aussprechen können. Wenn sie genauer darüber nachdachte, war das vielleicht der Grund dafür gewesen, warum sie mit ihm mitgegangen war und nicht mit seinem zweisilbigen Freund. Sein Nachname war der eines der Rentiere, die den Weihnachtsschlitten zogen. Na ja, genaugenommen spielte das ja auch keine Rolle.
Von Anfang an war ihr bewusst gewesen, dass er etwas Ungewöhnliches an sich hatte. Ein dünner, weißer, leicht zerzauster Mann, der in einer Indianerbar rumhing (wie kommt es eigentlich, dass sie alle imperialistische Namen tragen, fragt sie sich: King George, The Empire Hotel, The Lord Tupper, The Royal), war nichts Besonderes. Schon eher seltsam waren seine Attraktivität und seine gute Kleidung. Aber als sie in diese Augen, diese blauen Augen (welche Farbe wohl Knud Rasmussens Augen hatten?) sah, bemerkte sie, dass etwas nicht stimmte. Was es war, würde sich noch schnell genug herausstellen, aber in diesem Augenblick wirkte es nur fast-wahnsinnig. Beinahe-irre. Pseudo-verrückt.
Er strahlte zwar die gewohnte Anziehungskraft weißer Männer aus, doch sie war noch nie besonders von Gewohntem angezogen worden. Oder von weißen Männern. Oder anziehenden Männern. Er war es, der auf sie zuging, sobald er sie erblickte. Damals dachte sie, es läge an ihrem Geist. Jetzt weiß sie: Es war das Blut im Wasser der Bar, das ihn wie einen Hai anzog. Bevor sie unterging, in der Zeit als sie bereit war, mit Art/Al zu schlafen, in der Zeit der Haie, wusste sie noch nicht, dass man seinen Schmerz und seine Angst nicht verbergen kann. Und. Auch wenn sie nicht der größte Teil ihres Selbst waren, stiegen sie an die Oberfläche wie verdorbene Sahne im Kaffee.
Durch die Feindseligkeiten, die in üblen Bars dichter wabern als Zigarettenrauch und schneller fließen als das Bier vom Fass, war ihr Radar für Niedertracht ausgeschaltet.
An diesem Morgen. Dem Morgen von Art/Al? ging es ihr besonders elend. Ihre Schicht bei Lola würde in zwanzig Minuten beginnen. Genügend Zeit, um ihn von sich abund aus sich herauszuwaschen und pünktlich in der Bäckerei zu sein. Wenn sie rannte. Was sie nicht tat. Sie beschloss, sich unbemerkt aus dem Staub zu machen. Zog ihn zu sich heran und rollte sich darüber – keine leichte Aufgabe mit ihren über zweihundert Pfund. Er knurrte im Schlaf (was sie daran erinnerte, dass er auch im Wachzustand geknurrt hatte). Sie passte auf, die Gin-Flasche nicht umzuwerfen, und zog sich ihre XXXL-Unterhose, ihren XXL-Jeansrock und die Schuhe in Größe 36 an. Hob ihre Handtasche auf, die Gin-Flasche und seine Geldbörse. Und überließ Art/Al seinem Grummeln, Furzen und Schnarchen.
Sie bewegt sich und spürt Schweiß auf ihrer Haut, die Laken sind feucht von zu viel Bedeutung, die sie nicht versteht. Sinkt tiefer. Weiter. Haikäfig. Ruft sich die Gedanken in Erinnerung, die sie hatte, als sie vor dem schmutzigen Motel und dem alten Mann floh.
Einmal, als Skinny Freda achtzehn war und sie und Bernice begonnen hatten, den Abstand zwischen ihrem jeweiligen Körperumfang weiter auszubauen, nahm Freda ihre Cousine zu einer Haus-Party (oder vielmehr einer Motel-Party) in High Prairie mit. Bernice wurde immer stiller, als ihre Cousine wiederholt mit einem viel älteren Mann den Raum verließ und mit jedem Mal zerzauster zurückkehrte. Als Freda am Morgen nach ihr suchte (sie hatte sich, um sich zu verstecken, auf den Boden zwischen Bett und Wand gelegt), hatte der alte weiße Mann, der nach Secondhand-Laden und Erbrochenem roch, zu ihr gesagt: »Eine Squaw, die nicht gefunden werden will, wird man nicht finden.« Sie sah auf und beobachtete, wie Skinny Freda ihm in die Eier trat, ihr in ihrem Versteck zuzwinkerte und sagte: »Komm, Bernice, Verlierer wie ihn verliert man gern.«
Als sie an jenem Morgen daran zurückdachte, hatte die Angst, ihr eigener Verlierer könnte sie finden, Bernice Beine gemacht.
Sie rannte tatsächlich und warf Arts/Als Geldbörse fort, nachdem sie seine zweiundzwanzig Dollar genommen hatte (wenn er sie nicht geschlagen hätte, wäre sie nie auf die Idee gekommen, das Geld einzustecken). Schwitzend und außer Atem hatte sie die Tür der Bäckerei aufgestoßen und Lola im Hinterraum mit einer Kippe im Mund ein Lied singen hören, das Bernice als einen von Chers großen Hits erkannte. Lola war ziemlich angetan von Cher. Und auch von Sonny, und das musste verdammt nochmal was heißen. Was es genau über Lola aussagte, dass sie Sonny mochte, wusste Bernice selbst nicht. Es war allerdings nichts Gutes.
»Ich habe zweimal geklopft, bist wohl erst spät ins Bett gekommen«, sagte Lola zu ihr, ohne andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. »Du siehst aus …« – sie hatte effekthascherisch eine Pause eingelegt, weil es Lola nur um den Effekt ging und der Grund sie überhaupt nicht interessierte – »als wäre es ziemlich schlecht gelaufen.«
Bernice marschierte an ihr vorbei, ihr zu kurzer Jeansrock betonte den gerissenen Riemen an ihren Walmart-Schuhen. Als sie ihr Spiegelbild in dem Edelstahlofen erblickte, bemerkte sie Blut auf ihrer Lippe. Und seltsamerweise auch in ihrem Auge.
Sie konnte sich nicht daran erinnern, aufs Auge geschlagen worden zu sein.
»Manche Männer haben keine Ahnung, wann eine Frau …«, setzte Lola an, aber Bernice war bereits auf dem Weg nach oben, um zu duschen und sich umzuziehen. Sie hatte sich nicht zum ersten Mal gefragt, ob es so eine kluge Idee war, so nah an ihrem Arbeitsplatz zu wohnen.
Sie hatte sich geärgert, und eine Notlüge erfunden: »… bin auf dem Weg hingefallen. Hab bei Freunden übernachtet. Ich komm’ gleich.«
Lola kannte die Wahrheit. Nicht weil Lola ihr üble Dinge unterstellte. Sondern weil Lola wusste, dass Bernice keine Freunde hatte. Sie besaß schließlich nicht einmal ein Telefon, und auch in der Bäckerei kamen keine Anrufe für sie an. Zu diesem Zeitpunkt war Bernice schon fast einen Monat in Gibsons, und bisher hatte es nicht das kleinste Anzeichen dafür gegeben, dass sie außer Brotbacken, Käsekuchenvorbereiten und Gebäckausliefern noch irgendetwas anderes mit ihrer Zeit anstellte.
Im Grunde wusste Lola nichts über Bernice. Einmal hatte Bernice Lola dabei beobachtet, wie sie in der Mülltüte herumschnüffelte, die sie hinter dem Laden entsorgt hatte. Sie hatte das Bild noch genau vor Augen – Lolas spinnenartige Polyesterbeine, die aus dem roten Abfallcontainer in der Gasse hinterm Haus ragten. Sie stellte sich den überraschten Gesichtsausdruck der alten Frau vor, als sie die Papierknäuel aus Zeitungsausschnitten und Postern von Jesse aus den Strandpiraten fand. Bernice hatte nur zwei Bilder behalten.
Sie hatte sich unter die Dusche gestellt – es war eigentlich nur ein Schlauch, der an der einen Schmalseite der Badewanne hochlief, wo ihr die Kacheln bis zu den Schultern reichten –, und mit kaltem Wasser abgespült. Es gab kein warmes Wasser in der Wohnung, aber das machte ihr nichts aus. Sie benutzte Glycerinseife, um sich zu säubern. Begann mit den Armen und den Brüsten. Wusch ihre Geschlechtsteile und dann den Rest. Sie wusste nicht, wie sie aussah. Kannte ihren Körper nicht. Das eiskalte Rinnsal ergoss sich auf unbekanntes Terrain, das kreuz und quer von Dehnungsstreifen durchzogen war. Sie wollte sich gerade die langen Haare waschen, als ihr einfiel, dass sie den Zopf abgeschnitten hatte. Er lag noch immer in dem Körbchen in einer Ecke des Badezimmers – wo sie ihn zurückgelassen hatte, als die Neuigkeiten von zu Hause sie erreichten. Die Nachricht, dass ihre Mutter gegangen war, woraufhin sie sich geschoren hatte.
Seitdem wusch sie sich die Haare in Sekundenschnelle. Meist machte sie sich gar nicht die Mühe.
Lola hatte gegen ihre Decke geklopft, das Geräusch hallte im Boden von Bernice’ Wohnung wider. Bernice wusste, dass es von einem Sneaker auf einem Besenstil stammte. Sie wusste auch, dass es schon fast sechs Uhr war. Sie ließ sich Zeit, und das Gefühl von Art/Al? tropfte von ihr ab.
Sie hoffte, dass sie vorsichtig gewesen war, ihm nicht verraten hatte, wo sie arbeitete.
Lola tipp-tipp-tippte eine frisch gedrehte Zigarette auf den Tresen. Bernice hatte gelernt, Geräuschlosigkeit wertzuschätzen. Manchmal wechselte sie ganze Tage über mit niemandem ein Wort. Nicht einmal in Gedanken. Sie antwortete der Stimme nicht, die in ihrem Kopf herumspukte. Ganz egal, wo und wer sie gerade war. Es kam ihr nie der Gedanke, dass sie krank sein könnte. Dass ihr Schweigen ungesund war. Dass ihr Sprechen Wert haben könnte. Dass der Verlustschmerz herausgelassen werden musste. Wenn sie überhaupt sprach, dann meist in ihrem gebrochenen Cree.
»Mah«, schimpfte sie, wenn ihr ein Missgeschick passiert war. Das Wort segelte wie ein Weidensamen zu Boden. Manchmal, dachte sie, wichen ihr die Wörter aus, schwebten durch die Luft, wenn sie das Mehl, den Zucker und das Backpulver nachts vom Boden aufwischte. Andere Male, wie an dem Tag, als sie spürte, dass ihre Mutter gegangen war, wogen sie schwer und bewegten sich kaum von der Stelle, so sehr sie auch wischte. Auch ihre Arme waren bleiern, als sie stundenlang, so schien es, an ihren Haaren sägte, bis die letzten Strähnen nachgaben und sie den Zopf in der Hand hielt, ihn anstarrte, ohne ihn wiederzuerkennen.
»Geh ins Bett, mein Mädchen«, hatte Lola an jenem Abend in Bernice’ Sprache zu ihr gesagt, und sie hatten einander eindringlich angeschaut, weil Lola gar kein Cree spricht. Wegen dieses einen Geschenks ließ Bernice sich heute von Lola die Treppen hinunterbeordern.
»Hast du es schon gehört?« Lola ließ ihre Worte hüpfen, als wollten sie irgendwo hin, obwohl sie genau wusste, dass Bernice das Radiokabel aus der Wand gezogen hatte.
»Irgendein Computergenie hat am Flughafen Vancouver den Radar lahmgelegt. Jeden Moment können da Flugzeuge zusammenstoßen.«
Lola hatte beinahe enttäuscht darüber geklungen, dass noch keins abgestürzt war. Manchmal dachte Bernice fiese Gedanken und nahm sie auch nicht zurück. Andere Male dachte sie gute Gedanken und verteilte sie im Zimmer – nur für den Fall, dass irgendjemand mitzählte. Außerdem hatten die hässlichen Gedanken dann einen weichen Untergrund für die Landung.
Sie hatte das Gefühl, die Verbindung sei gekappt. Nicht die zur Realität – ein Ort, an dem sie oft nur zu Besuch war –, nein, sie verlor tatsächlich ihr menschliches Gespür. Sie betrachtete ihre von Butter und Schmalz weichen Hände und spürte keine Hitze, obwohl sie auf der Ofentür lagen.
»… und ich sag’ noch beim Poker, dass bei all diesen neumodischen Computerchips genau so was irgendwann passieren würde«, verkündete Lola stolz.
»Hmmmmm«, machte Bernice.
Manchmal sagte sie auch »interessant« oder »wow«, aber an diesem Tag fand sie einfach keine Worte, die die Lücke hätten füllen können, also summte sie nur. An diesem Tag waberten die Stimmen und die Wandlung um sie herum wie Sommernebel über dem Gras nach dem Regen. Sie erinnert sich, an den über ihr schnaufenden Art/Al? gedacht zu haben, und an ihre Sorge, er könnte einen Herzinfarkt bekommen. Sie weiß nicht, was sie dann getan hätte.
»Spaß gehabt gestern?«, fragte Lola unfreundlich und wäre verletzt gewesen, wenn man ihr Unfreundlichkeit vorgeworfen hätte.
Bernice wollte, von der Frage überrumpelt, wieder nur summen.
»Ja.« Ihr Kopf führte wohl ein geheimes Eigenleben, dachte sie. Sie erinnerte sich daran, als sie und Skinny Freda sich fragten, was wohl Geheimes in den Köpfen von Kühen vorging. Manchmal fuhren sie mit Fredas zerbeultem Pickup aufs offene Land hinaus und hupten, um zu sehen, ob die Kühe darauf reagierten. Was sie niemals taten, bis zu jenem letzten kalten Sonntag, bevor sie wegging. Sie hatte einen Tag Ausgang von der Anstalt, und Freda und sie machten eine Spritztour. Als sie an einer Weide vorbeikamen, stellten sie begeistert fest, dass eine der Kühe auf ihr Hupen hin zu ihnen aufsah. Sie und Freda tranken ihre Cola aus und fuhren zurück. Seitdem haben sie nicht miteinander gesprochen. Manchmal fühlt sie sich wie diese Kuh – als wäre es bloß Zufall oder ein seltsamer, unerwarteter erwartbarer Reflex, der sie antrieb. Reaktion statt Aktion – wenn Lola mit ihr sprach, sprang sie manchmal darauf an, obwohl ihre Fähigkeit zur Interaktion stetig abnahm. Lola, die immer noch neugierig und ungeduldig war, hatte sie weiter gelöchert – ohne zu bemerken, dass ihre Angestellte direkt vor ihren Augen auf Reisen ging.
»Neue Freunde kennengelernt?«, stichelte sie und machte dabei eine Bewegung mit ihrer nikotinfleckigen Hand, die wohl einen Akt nachahmen sollte, den Bernice nicht erkennen wollte.
Und doch erkannte.
»Ein paar.«
»Männer?«
»Wenige.«
»War einer dabei, den du mal mit nach Hause bringen und deiner alten Freundin Lola vorstellen wirst?«
Nach Hause. Als würden sie in diesem überdimensionierten Backofen leben. Sie wollte lügen, fand aber an dieser Stelle nichts mehr.
»Unwahrscheinlich.« Ihr war aufgefallen, dass ihre Fähigkeit zu Lügen mit der Zeit nachließ. Wenn sie sich das Sprechen ganz sparen könnte, müsste sie auch nicht mehr lügen.
»Ah, der Typ Mann, den man nicht mit nach Hause bringt …«
In Bernice’ Kopf war nichts als das Geräusch flackernder Flammen. Sie konnte nichts anderes hören. Lolas Lippen bewegten sich und Erwartung stand ihr ins Gesicht geschrieben, aber Bernice mixte, goss, rührte bereits und hob Eischnee unter.
Eines Tages traf ein Brief von ihrer Kohkom in der Bäckerei ein. Kohkom war die Einzige, der Bernice gesagt hatte, wohin sie gegangen war. Sie hatte es ihr in Cree erzählt, als könnte es so, in ihrer eigenen Sprache, nicht in die weiße Welt gelangen. Der Brief war in Fredas Handschrift verfasst, und Bernice wusste, dass Kohkom Skinny Freda alles hatte aufschreiben lassen, was sie Bernice sagen wollte. Ihn zu lesen war, als könnte sie ihre Großmutter sprechen hören. Ihre Mutter war gegangen (und Bernice bemüht sich nicht zu denken von uns gegangen). Oder über den Jordan gegangen. Das stand da nicht. Es war nicht wichtig, sie hatte es ohnehin gespürt. Trotzdem machte es ihr Sorgen, dass ihre Kohkom es sagen und Freda es aufschreiben musste. Niemand wusste, wo Maggie war, so hatte Freda es übersetzt.
Bernice kannte jedoch die Wahrheit. Sie hatte ihre Mutter getötet. Bernice’ Geheimnisse mitzutragen war zu viel für ihre Mutter gewesen. Sie hätte ihr nicht die Wahrheit sagen sollen. Nicht im Schlaf zu Maggie gehen sollen. Ihr nicht die Schande zu einem Traumbündel schnüren dürfen. Hätte sie glauben lassen sollen, sie sei einfach so weggelaufen. Aber jetzt war es zu spät, und außer ihr war niemand da, um diese Last zu tragen. Ein paar Mal hatte sie es beinahe Freda erzählt, es sich dann aber anders überlegt, wenn die hässlichen Worte von innen an ihren Lippen zerrten und herauswollten. Als sie in die Anstalt gegangen war, hätte sie es Freda sagen sollen, damit sie auf sich aufpassen konnte. Stattdessen atmete sie ganz tief ein und hielt so lange den Atem an, bis sie sich krümmte und Sternchen sah. Jeder weiß, dass zu viel Sauerstoff unerwünschte Worte erstickt. Jetzt ist sie froh, dass sie geatmet hat, weil diese Worte Skinny Freda genau wie ihre Mom getötet hätten.
Sie war damals ruhelos, denkt sie, als würde ihr Inneres sich winden, um sich ihrem Äußeren anzupassen. Oder ihr Äußeres versuchte, die Person wiederzufinden, die es bisher bewohnt hatte. Lola starrte sie an. Sagte Worte, die Bernice nicht hören konnte. Bernice fuhr sich, um wieder ruhiger zu werden, mit den Fingern durchs Haar und erschrak schon wieder, weil es so kurz war. Ihr Haar reichte zu der Zeit schon wieder über die Ohren. Inzwischen ist es auf Schulterlänge, aber als Lola entdeckte, was sie getan hatte, marschierte sie sofort mit ihr zu Shear Talent auf der anderen Straßenseite, um alles auf eine Länge bringen zu lassen. Bernice erinnert sich nicht mehr daran, wer das bezahlt hat. Vielleicht war es eine dieser liebenswürdigen Gesten, mit denen Lola sie überhäuft, die nicht so richtig spürbar oder messbar sind, sodass man sie eigentlich gar nicht richtig wahrnimmt. Wie etwa die kostenlosen Mahlzeiten. Oder dass sie in ihrer Nähe nicht so laut Kaugummi kaut oder spricht. Wie die Aktion, bei der sie Bernice in ihren 74er Chevrolet Malibu lockte und so tat, als hielte sie nicht nach Pat-Johns-Haus Ausschau. Der hätte sich vielleicht erschreckt, wenn er eine ausgemergelte Zweiundsechzigjährige in türkiser Strumpfhose mit knallrotem Lippenstift und eine füllige Cree-Frau in weißer Arbeitskleidung vor seinem Haus hätte parken sehen.
Sie fuhr zusammen, bemerkte, dass Lola wild gestikulierend etwas nachahmte, das sie und die Whippets letztes Jahr in Reno getan hatten. Bernice kannte die Geschichte bereits und starrte Lola an, hörte jedoch nur das Knacken des Feuers, als der Wind die Flammen aufpeitschte.
»Okay, bring mir doch ein Päckchen Salem mit«, hatte Lola gesagt und nach ihrer Handtasche gegriffen.
»Was?«
»Kind, du hast von ›Zigaretten‹ gesprochen, als wärste selbst Raucherin.«
»Wolltest du nicht reduzieren?«
»Nicht heute. Lights bitte, okay?« Sie versuchte, Bernice einen Zehner aufzudrängen.
»Ich habe Geld.« Sie hatte Arts/Als? zweiundzwanzig Dollar genommen und war nach nebenan in Ralphs kleinen Laden gegangen.

Lolas und Fredas Lachen weht die Treppe herauf. Sie ist geräuschempfindlich geworden und fragt sich, wann das begonnen hat. Sie hat Wolfsohren, denkt sie und lächelt dabei innerlich ein wenig. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich schon so lange in demselben kleinen Zimmer aufhält – jedenfalls kommt es ihr so vor, als wären alle ihre Sinne schärfer geworden. Sie bekommt es mit, wenn Freda ihre Tage hat. Sie weiß ganz genau, wann die Sonne auf- und untergeht. Merkt, wenn Freda in der Hoffnung die Treppe heraufschleicht, sie dabei zu erwischen, dass sie … wach ist? Lebendig? In ihrer Haut?
Sie ahnt aber, denkt Bernice, dass ich nicht oft ich selbst bin. Nicht mehr.
Das nimmt sie als ihre Wahrheit an, schließt die Augen und schläft nicht ein. Sondern. Geht auf Reisen.

Freda war Maggie immer schon wie aus dem Gesicht geschnitten. Früher hatte es Bernice gestört, dass diese winzig kleine Frau von einer anderen Mutter abstammte und dennoch Maggie enger verbunden war als sie es je sein konnte. Freda war schon als schrumpelige alte Frau auf die Welt gekommen, und gleicht auch heute manchmal einer, aber als sie jung war, saßen Freda und Maggie oft in der Schwitzhütte nebeneinander, und dann war der Platz zwischen Bernice und ihrer Mutter durch eine Mini-Maggie-Doppelgängerin besetzt. Obwohl es sie störte, hatte Bernice es als natürlich akzeptiert, dass sie nicht die Stelle der Nichtentochter neben der winzigen Mom einnehmen konnte, die sie schon im Alter von zehn Jahren überragte.
Am schmerzhaftesten war jedoch vermutlich, dass Maggie Freda gegenüber eine Art Zuneigung zum Ausdruck brachte, wie sie es ihrer Tochter gegenüber nicht konnte. Bernice musste mitansehen, wie ihre Mom Fredas Haare glattstrich, ihr den Kopf tätschelte und in der Öffentlichkeit ihre Hand hielt. Dadurch, das wusste Bernice, gab ihre Mom der mutterlosen Cousine Mutterliebe. Warm und großzügig war sie. Dennoch beschlich Bernice das Gefühl, ihre Mutter sei nicht besonders gut darin, mehr als ein Kind auf einmal zu lieben. Freda war aber auch wirklich ein liebenswertes Kind. Gesprächig, neugierig und umgänglich; Worte sprudelten aus ihr hervor wie Flusswasser über Steine. Bernice, die sich selbst als wenig liebenswert empfand, war zu dem Schluss gekommen, dass ihre Mutter nicht in der Lage war, sie zu lieben. Nicht in der Lage war, die massige Bernice in ihr Herz zu schließen. Da sie nicht genug Liebe für alle in sich hatte.
Als sie das Auntie Val gegenüber erwähnte, hatte die Dickefrauschwesterkleinemutter ihr die Hand getätschelt. »Nein, Birdie. Nein. Sie liebt Freda nicht mehr als dich. Sie liebt dich zu sehr, als dass sie so mit dir umgehen könnte.«
Bernice hatte nicht gewusst, was ihre Tante meinte, bis sie einen Vogel gefunden hatte – leblos auf dem Boden –, nachdem er gegen ihr großes Fenster geflogen war. Sie hatte ihn gefüttert und ihm Wasser gegeben, ihn stundenlang beobachtet und gebetet, dass er wieder gesund werde. Berührt hatte sie ihn jedoch nicht. Sie wollte ihn nicht beschmutzen, damit er zu seinesgleichen zurückfand und wieder dazugehörte.
Außerdem hat Bernice nichts von dieser Angstwut und diesem Zorn in sich, der auf Maggies und Fredas Haut klaffte wie eine Wunde. Bernice’ Leiden glichen eher inneren Verletzungen wie nach einem Unfall. Sie schmerzten, waren ständig da und konnten sich jederzeit bemerkbar machen. Die meiste Zeit aber blieben sie unter der Oberfläche. Unbemerkt.
Fredas Zorn war eindeutig greifbarer und sichtbarer als Maggies. Sie hatte ein reizbares (und später ein whiskeygereiztes) Gemüt, das schnell aufloderte und genauso schnell wieder abkühlte. Maggie brauste zwar seltener auf, doch die Heftigkeit der Ausbrüche war Bernice so vertraut, dass sie sich Sorgen machte, wenn sie nichts davon spürte.
Es gab eine Zeit, in der Bernice den Zorn ihrer Mom jeden Tag wahrnehmen konnte. Wenn Freda bei ihnen zu Besuch war, hing er in der Luft wie drohende Gewitterwolken. Selbst ihr gelang es nicht, die Vorzeichen zu lesen. Bernice schon. Das Haus schwoll an vor Groll; die Luft war beißend vor Verbitterung. Ihre Augen brannten von der Essigschärfe der Boshaftigkeit. Bernice hätte nicht genau sagen können, wie es begann, begriff aber, dass zwei verschiedene Dinge daraus folgten. Auntie Val kam zu ihnen, solange Maggie das Bett hüten musste. Sie überhäufte Bernice und Freda mit Nettigkeiten, Essen und Umarmungen. Und zweitens: Freda zog von Maggie zu Val und wurde ihre Tochter. Nie sprach jemand darüber. Es gab eine Menge Dinge, über die niemand sprach. Was mit Fredas Mom passiert war. Warum Freda bei jedem irgendwann einmal wohnte. Warum Maggie aufgehört hatte, mit anderen zu sprechen. Wann der Strom wieder eingeschaltet werden würde. Warum niemand bei den Onkeln lebte. Das Schweigen darüber, was um sie herum geschah, sickerte zuerst in die Küche. Durchdrang die Vorhänge. Fraß sich ins Linoleum. Ließ sich irgendwann im Kühlschrank nieder. War wie eine schlechte Medizin – Freda machte es dünn, Bernice fett, und Maggie ließ es verschwinden.
Darmowy fragment się skończył.