Czytaj książkę: «Mara und der Feuerbringer»

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Copyright © 2019 Tommy Krappweis

Copyright © 2019 by Edition Roter Drache für die deutsche Ausgabe

Edtion Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel

edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Umschlaggestaltung: *zeichenpool, München

Buchgestaltung: Holger Kliemannel

Korrektorat: Diane Krauss & Holger Kliemannel

Zeichnungen: Adriaan Prent

Fachberatung: Prof. Rudolf Simek

Gesamtherstellung: Jelgavas tipografia, Lettland

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN 978-3-964260-44-4

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Teil 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Teil 2

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Teil 1


Ich weiß Heimdalls Horn verborgen

Unter dem himmelhohen heiligen Baum.

Kapitel 1


Aber wenn uns jemand gesehen hat?«

»Dann ist noch lange nicht gesagt, dass er auch den Feuerbringer und die untoten Soldaten gesehen hat.«

»Aber wenn jemand gesehen hat, wie ich das ganze Wasser von überall her rausgezogen hab und wie es um das Denkmal rum ge… gedingst ist?«

»Dann ist noch lange nicht gesagt, dass jemand davon ausgeht, dass du die Ursache dafür warst.«

»Aber wenn jemand gesehen hat, wie ich unten in das Tor eingebrochen bin?«

Professor Weissinger blieb stehen und sah Mara an. Dann grinste er. »Dann, Mara, wird der Jemand sich hüten, dir zu nahe zu kommen.«

Mara nickte. Das traf im Moment sogar aus mehreren Gründen zu, denn sie sahen beide aus, als würden sie zum Himmel stinken. Was vielleicht sogar ebenfalls zutraf …

Keiner trug noch ein sauberes Kleidungsstück. Die Jacke des Professors war zudem an mehreren Stellen aufgescheuert, und der linke Ärmel war nur noch rudimentär an der Schulter befestigt. Beide hatten ein Loch im rechten Hosenbein auf Höhe des Knies und diverse kleine und größere Löcher in allen anderen Kleidungsstücken außer vielleicht den Socken. Dafür waren die aber wohl für den Geruch verantwortlich. Wahrscheinlich hatte bisher deshalb kein Auto angehalten, obwohl sie jedes Mal den Daumen ausgestreckt hatten. Vermutlich war von ihrem Gestank die Windschutzscheibe beschlagen, und man hatte sie übersehen.

Mara verdrehte die Augen. Witze brachten sie jetzt doch nicht weiter! Sie sah sich um. Alles kam ihr so seltsam unwirklich vor. Noch vor ein paar Stunden hatten sie zusammen im Kopf des Hermannsdenkmals auf dem Teutberg gestanden und gegen untote römische Legionäre gekämpft. Der Feuerbringer selbst hatte sie dann in Form eines hochhausgroßen Zenturios angegriffen.

Gut, sie hatten ihn mithilfe des Denkmals selbst und einer Million Liter Wasser empfindlich zurückgeschlagen, aber dafür hatte der Kampf einen Bannkreis der Verwüstung in die Gegend um Detmold gestempelt. Sogar hier, mehrere Kilometer vom Teutberg entfernt waren die Spuren des Kampfes noch deutlich sichtbar.

Seit einer knappen Stunde marschierten Mara und Professor Weissinger nun schon am Rand der Landstraße zurück Richtung Kalkriese. Und alles, was auch nur entfernt mit Wasser zu tun hatte, war … na ja … kaputt. Egal ob Brunnen, Rohre, Hydranten oder Kühlschränke in einer Tankstelle – all diese Dinge waren nun nicht mehr zu retten oder mindestens dringend reparaturbedürftig.

»Du liebe Zeit«, brummte der Professor, als sie gerade eine weitere geplatzte Leitung passierten.

Grotesk verdrehte Rohre ragten aus dem Boden rund um einen einsam stehenden Bauernhof.

Mara hatte sofort wieder ein seltsames Bild im Kopf: Es sah aus, als hätte das Gebäude seine dünnen Spinnenbeine aus dem Boden gezogen, um darauf wegzulaufen, wäre dann aber aufgrund des Gewichts wieder eingeknickt.

Aus ein paar Rohren tröpfelte es nur, aber eine dicke geborstene Leitung mitten in einem Kräutergarten hatte die aufwändig angelegten Beete in eine Schlammwüste verwandelt. Gartenzwerge lagen im Morast wie die Opfer einer Sturmflut, und ihr maskenhaftes Grinsen wirkte so noch psychopathischer.

Mara hatte sofort ein schlechtes Gewissen. Allerdings nicht so sehr wegen der Gartenzwerge. Die waren ihr schon als kleines Kind ebenso suspekt gewesen wie Zirkusclowns.

Stimmt, dachte sie, es könnte viel schlimmer sein, wenn der Feuerbringer zum Beispiel ein angemalter Clown wäre.

Ein tiefer Seufzer des Professors weckte sie aus ihrem skurrilen Tagtraum. Als er darauf noch ein weiteres Mal seufzte, wusste Mara ziemlich genau, warum. Die Seufzer galten dem Auto seiner Exfrau Stefanie, mit dem sie vom Museum aus vor den untoten Soldaten geflüchtet waren. Genauer gesagt, dem Gedanken, wie er das Steffi beibringen sollte.

»Tut mir leid, dass ich ein Loch ins Dach gemacht habe«, murmelte Mara. »Und dass dann was draufgefallen ist.«

Der Professor stierte nur stumm geradeaus. Okay. Sie versuchte es noch einmal: »Aber es war doch eine gute Idee, das Auto zu tarnen, oder?«

»Ja, Mara. Das war eine tolle Idee, verblüffend in ihrer Einfachheit. Allein der Teufel steckte hier wahrlich im Detail der Durchführung.«

Mara runzelte die Stirn. »Also ehrlich jetzt, ich kann doch nix dafür, dass da ein Berg ist und dass man das von oben nicht so direkt sehen konnte! Ich wusste doch auch nicht, dass es da gleich neben dem Weg steil bergab geht!«

»Nun ja, ich sag mal: Jetzt wissen wir es beide, was?«, antwortete der Professor. »Und das Auto weiß es nun auch.«

Bevor Mara noch etwas zu ihrer Verteidigung anbringen konnte, hob der Professor den Zeigefinger. »Ich habe einen Traum. Darf ich ihn dir erzählen?«

Mara nickte. Was kam denn jetzt?

Professor Weissinger blieb stehen und breitete die Arme aus. »Ich habe einen Traum«, rief er theatralisch. »In diesem Traum bist du gerade im Begriff, etwas zu tun, das ich für eine unfassbar schlechte Idee halte. Darum rufe ich so etwas Ähnliches wie Stopp! Halt! oder Hör um Gottes willen auf zu schieben! Und jetzt kommt das Schönste an diesem Traum: Du! Hörst! Auf! Mich!« Er wartete, bis auch das letzte »Mich« im nahen Waldrand verklungen war, drehte sich dann einfach um und ging weiter.

»Okay, hab’s kapiert«, brummelte Mara so leise, dass es kaum zu hören war. Aber es genügte, um beim Professor einen weiteren Seufzer auszulösen.

Sie holte zu ihm auf, und eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Mara lenkte ihre Gedanken von der wahnsinnigen Nacht hinter ihnen auf den Irrsinn, der vor ihnen lag.

Sie mussten jetzt erst mal zurück zu dem Museum in Kalkriese und ihre Koffer holen. Dann weiter nach Osnabrück und mit der nächsten Zugverbindung ab nach Hause. Nach München!

Denn dort würde dieser schmierige Dr. Thurisaz seine nächsten Seminare abhalten und dabei all den leichtgläubigen Esoterikfans den Vers des Feuerbringers in die weichen Birnen pflanzen. Sie wussten nun ganz sicher: Der Vers war dafür verantwortlich, dass der Feuerbringer namens Loge an Kraft gewann.

Außerdem hatte Mara Angst um ihre Mutter. Diese war in ihrer Begeisterung über das angebliche Rückführungsseminar des Gurus wild entschlossen, weitere Veranstaltungen von ihm zu besuchen!

»Wenn immer mehr Menschen den Vers vom Feuerbringer aufsagen«, fing Mara an.

»… wird er sich irgendwann nicht mehr darauf beschränken, dich zu piesacken«, beendete der Professor den Satz.

Mara runzelte die Stirn. Das machte irgendwie keinen Sinn. »Und das wäre dann die Götterdämmerung? Will der Loge das … das Ende der Welt? Warum denn?«

Der Professor schüttelte den Kopf. »Nein, das glaube ich nicht. Meine Vermutung ist aber, dass der Kampf, der dann mit diesem mächtigen Feuerwesen ausgetragen würde, einem Ende der Welt ziemlich nahe käme.«

Mara schwieg, denn das machte Sinn. Schön, wenn zur Abwechslung mal etwas Sinn machte. Schade, dass es ausgerechnet das war.

Zu Hause warteten also ein paar große Aufgaben. Und eine ganz besondere Aufgabe lag direkt vor ihnen.

»Ähm … haben Sie schon eine Idee, wie Sie Ihrer Exfrau das mit dem Auto erklären?«, fragte Mara.

»Ich weiß ziemlich genau, was ich tun werde, aber ich fühle mich dabei sehr unwohl«, antwortete der Professor zerknirscht. »Ich hasse es, zu lügen.«

»Ehrlich?«, entfuhr es Mara schneller, als sie sich selbst bremsen konnte. Denn sie hatte den Professor nun schon ein paar Mal so was von dermaßen brillant lügen gesehen, dass sich zufällig anwesende Balken nicht nur gebogen, sondern freiwillig in Brezelform gekringelt hätten. Natürlich war das immer im Dienste ihrer großen Aufgabe passiert oder weil er Mara schützen wollte. Trotzdem gefiel ihr dieses Talent so gar nicht. Schließlich bahnte sich da was zwischen Professor Weissinger und ihrer Mutter an, und Mama sollte auf keinen Fall mit einem talentierten Lügner zusammenkommen! Immerhin hatte er jetzt zum ersten Mal gesagt, dass er es nicht gerne tat. Oder hatte er da jetzt auch gelogen? Er hatte dabei allerdings sehr ehrlich ausgesehen. Aber genau das war ja das Problem!

Warum, verdammt noch mal, denke ich immer so viel über alles nach?, dachte Mara. Und warum denke ich jetzt auch noch drüber nach, dass ich immer über alles so viel nachdenke!?

Mara runzelte kurz die Stirn, als sie versuchte, darüber nachzudenken, dass sie gerade darüber nachdachte, wie sie darüber nachdachte, dass sie zu viel nachdachte. Das war mal wieder typisch! Genau dieses Herumgehirne ging ihr selbst so fürchterlich auf die Nerven.

Alles Gedenke hat nämlich auch nix dagegen geholfen, dass jetzt hier überall die Rohre aus dem Boden schauen, alles kaputt ist und vielleicht auch noch irgendwelchen Leuten was passiert ist, die mit dem ganzen Wahnsinn überhaupt nix zu tun haben!, ärgerte sich Mara und fühlte sich einfach nur beschissen. Was für eine Weltenretterin bin ich, wenn ich dabei alles zerstöre?

Sie hatte vor Kurzem einen Film gesehen, in dem sich riesige Roboter quer durch eine amerikanische Stadt prügelten. Dabei hatte der Chefroboter von den Guten immer mit tief donnernder Stimme etwas von »Menschen retten« und »Erde verschonen« gefaselt. Während dieser erdeverschonenden Menschenrettungsaktion zermalmte er aber genau wie alle anderen Robos unzählige Bürogebäude, Autos, U-Bahnen und andere Dinge in Schutt und Brösel. Mara hätte gerne gesehen, was nach dem Abspann passiert wäre. Wenn die Überlebenden nach dem Kampf aus den Trümmern gekrochen kamen und den siegreichen Robotern so was zubrüllten wie: »Rettung?! Verschonen?! Ich glaub, es HACKT!«

Wenn die Leute im Umkreis von Detmold auch nur geahnt hätten, dass das zerrissene Mädchen auf der Landstraße Richtung Osnabrück für die ganze Verwüstung verantwortlich war, hätten sie vermutlich was Ähnliches gebrüllt. Oder sie hätten ihre Fackeln und Mistgabeln ausgepackt, um sie aus dem Bundesland zu jagen. Ach nein, sie war ja nicht Frankensteins Monster, sondern eher so was wie eine Hexe. Und mit denen machte man ja bis vor wenigen Jahrhunderten ganz was anderes.

Was würde ich denn einem Mädel sagen, das gerade mit Zauberkraft mein Haus zerfetzt hat?, überlegte Mara. Ach, du wolltest die Welt retten? Dann glaube ich, du hast da was ganz Wesentliches nicht verstanden!

Mara fühlte sich schuldig und frustriert. Sie beschloss, das Thema zu wechseln, um … um das Thema zu wechseln. »Was machen wir denn jetzt als Nächstes?«

»Nun«, hub der Professor an zu sprechen, und im selben Moment blieb er stehen, als wäre er gegen eine Scheibe gelaufen. Verwundert tat Mara es ihm gleich und sah ihn an. »Was denn?«

»Da«, sagte er nur und deutete auf etwas, das ihnen auf der Straße entgegenkam.

Kapitel 2


Erst sah Mara gar nicht, was er meinte. Doch dann stellte sie fest, dass sich ihnen ein kleiner Punkt näherte. Und zwar mit hoher Geschwindigkeit und das auch noch mitten auf der Straße. War das Ding einfach nur verdammt weit weg und darum so klein oder …

Nein. NEIN! »Ratatösk!«, schrie Mara ebenso erschrocken wie wütend auf und riss ihren Stab empor.

»Warte!«, rief der Professor, doch es war zu spät. Mara hatte bereits auf das verdammte Eichhörnchen angelegt und ließ dem Wasser freien Lauf.

Zu beschreiben, was daraufhin aus dem Stab kam, wäre Mara nicht leicht gefallen. Tröpfeln wäre zu wenig, aber Strahl traf es auch nicht so recht. Okay, Rinnsal? Na ja, es war zu schnell wieder vorbei, als dass man es hätte rinnen sehen.

Etwas bedröppelt musterten Mara und der Professor die kleine Pfütze auf dem Asphalt direkt vor Maras Füßen. »Scheint, als wären die Götter noch ganz schön geschlaucht von gestern«, bemerkte der Professor trocken.

Mara nickte. Ja, das war tatsächlich der beste Beweis für das, was Odins Raben ihnen erklärt hatten: Die alten germanischen Götter hatten Mara in den letzten Wochen immer wieder ihre Kraft geliehen, und nur so hatte sie anscheinend all diese Wunderdinge vollbringen können. Odin und Konsorten hatten gestern im ganzen Land ein gigantisches Nordlicht an den Himmel gezaubert, um die Menschen davon abzulenken, den Spruch des Feuerbringers aufzusagen. So hatte er keine Kraft mehr schöpfen können, und Mara hatte ihn zum zweiten Mal besiegt. Die Aurora war den Göttern großartig gelungen, obwohl sie nur noch einen Bruchteil ihrer alten Macht zur Verfügung hatten. Und jetzt waren sie wohl ganz schön ausgelaugt und hatten nichts mehr übrig für Maras Wasserspielchen.

Mara schluckte den mächtigen Frust hinunter, der in ihr aufstieg. Endlich hatte sie sich dran gewöhnt, dass sie all diese coolen Dinge konnte, und nun konnte sie also doch nix. Zumindest nicht alleine.

Vielen Dank auch für diesen Dämpfer, dachte sie nur und griff den Stab fest mit beiden Händen. Das Eichhörnchen war vielleicht noch fünfzig Meter entfernt und hielt immer noch direkt auf sie zu.

»Komisch, bisher hat es immer aus dem Hinterhalt angegriffen«, ließ sich der Professor vernehmen. »Hat jetzt wohl die Faxen dicke.«

Mara nickte. »Sieht so aus, ja.« Sie griff ihren Stab noch ein bisschen fester. »Ich aber auch.«

Schon stellte sie sich in Gedanken vor, wie sie das Eichhörnchen damit quer über die Straße schmettern würde. Vielleicht hab ich Glück, und es kommt grad ein Laster. Mit Beton drin. Patsch, und es hat sich ausgehörnchent. Unter normalen Umständen hätte Mara so ein Tierchen einfach nur süß gefunden. Aber dieses Viech hatte von ihr keine Gnade zu erwarten, denn es war die puschelige Ausgeburt der Hölle!

Auch Ratatösk selbst hätte Mara, ohne zu zögern, vor den nächsten Reisebus geschubst. Es wollte an Maras Stab – und an den kleinen Bronzedelfin daran, koste es, was es wolle.

»Warum nur will Ratatösk unbedingt deinen Stab«, überlegte der Professor laut, während er am Straßenrand nach irgendetwas suchte, das gegen mythologische Eichhörnchen half. »Der bringt ihm doch nix ohne die Götterkräfte. Ebenso wenig wie dir.«

Aua. Mara spürte die Worte des Professors wie einen Stich mitten ins Herz. Er war also auch der Meinung, dass Mara ohne die Unterstützung der Götter nichts wert war? Sie war genauso nutzlos wie der Stab?

Mara bemerkte gar nicht, dass sie dabei die Arme sinken ließ, obwohl das Eichhörnchen immer näher kam.

Da drehte sich der Professor herum und richtete sich auf. In der rechten Hand hielt er einen großen Stein. Er war wohl tatsächlich zu allem entschlossen.

Überraschenderweise stoppte das Mistvieh etwa zehn Meter von ihnen entfernt. Einen Moment lang geschah gar nichts, als sich die Kontrahenten musterten wie bei einem Westernduell.

Die tiefe Morgensonne hinter Ratatösk warf den grotesk langen Schatten des winzigen Tieres über die Straße. Nichts war zu hören, außer dem leisen Rauschen der Bäume im Wind. Es schien, als hätten sich auch alle anderen großen und kleinen Tiere links und rechts der Straße zurückgezogen, um nicht von einem Querschläger getroffen zu werden. Mara musste die Vorstellung unterdrücken, wie eine Mäusemama ihre Kinder aufgeregt in den Bau zurückzog. Jetzt war nicht der Moment für Kopfkino. Allerdings war jetzt auch nicht der Moment für Westernduelle. Genau genommen, war jetzt der Moment für gar nichts. Und genau danach war Mara im Moment.

Sie warf den Stab mit dem Delfin vor sich auf die Straße, als wäre es ein Stück wertloses Holz. »Da. Und jetzt verpiss dich«, sagte sie nur und ging dann einfach weiter.

Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie der Professor sie erstaunt anstarrte. Aber das war ihr leider gerade völlig egal. Er hatte selbst gesagt, dass der Stab nichts wert war, und der blöde Delfin oben drauf war ja auch schon längst leer gezaubert. Also, was sollte sie sich noch groß mit dem elenden Eichhörnchen darum streiten?

»Ist das so etwas wie ein Plan? Dann erklär ihn mir bitte, denn ich verstehe ihn nicht!«, raunte der Professor ihr zu.

»Nein. Kommen Sie?«, antwortete Mara nur, ohne sich umzudrehen, und ging einfach weiter die Straße entlang. Das Eichhörnchen sah erst sie verwirrt an und dann wieder den Stab auf der Straße. Und zurück, und wieder hin und wieder her. Erstaunlich, dass diese kleinen Tiere sich so schnell bewegen konnten, dass man immer nur die Endpose sah, aber nicht die Bewegung selbst. Erstaunlich und egal. Mistviech.

»Aber, Mara! Was … was soll das?!«, hörte sie Professor Weissinger hinter sich rufen, aber sie antwortete nicht, sondern ging einfach weiter. Er konnte sich doch selbst zusammenreimen, was sie da tat. Schließlich hatte er es selbst gesagt, oder nicht?

Alles in ihr schrie danach, sich herumzudrehen und zu ihrem Stab zurückzurennen. Aber ihre Beine liefen wie von selbst immer weiter, und sie konnte nicht stoppen. Ratatösk schien wohl eine Falle zu wittern, denn es machte keine Anstalten, den Stab zu ergreifen. Oder es war einfach nur verwirrt. Obwohl Mara gerade verdammt frustriert und sehr genervt war, bereitete ihr das doch eine gewisse Freude. Trotzdem blieb sie nicht stehen.

Mara passierte das Eichhörnchen und würdigte es dabei keines Blickes. Aus den Augenwinkeln sah sie aber, wie Ratatösk sich schließlich doch entschloss, das Wagnis einzugehen. So blitzschnell, wie es seine Art war, schoss es los.

Mara hörte, wie der Professor einen wütenden Laut ausstieß und gleich darauf das Plockediplock des schweren Steins auf dem Asphalt. Er hatte ihn wohl nach dem Eichhörnchen geworfen, aber natürlich nicht getroffen. Stattdessen raste nur Sekunden später ihr eigener Stab an Mara vorbei. In der Mitte befand sich etwas Rotes, das sich so schnell bewegte, dass man es nur schemenhaft erkennen konnte: Ratatösk hielt den Stab quer umklammert und trug ihn mühelos in den Pfoten, während es die Straße entlangschoss. Dann bog es überraschend ab, und schon waren Eichhörnchen und Stab in dem angrenzenden Feld verschwunden. Nur die Halme der Pflanzen zeigten noch ein paar Sekunden lang, wo es sich befand, und dann regte sich gar nichts mehr. Stille trat ein, und Mara blieb stehen.

Da erst bemerkte sie, dass sie zitterte. Sie kannte dieses Gefühl. Das hatte sie immer, wenn sie begriff, dass sie gerade eine besonders dämliche Grütze verbrochen hatte. Instinktiv machte sie sich bereit für den lautstarken Anschiss ihrer Mutter. Stattdessen folgte ein lautstarker Anschiss von Professor Weissinger.

»Was war DAS denn, in drei Teufels Namen!?«, rief er, während er näherkam. »Ich kann es gar nicht glauben, und doch hab ich es gesehen! Du hast dem Viech deinen Stab überlassen? Kampflos?! Mit dem Delfin? Der Delfin aus dem Museum, den wir Steffi zurückgeben müssen?«

Nein! Mara wäre am liebsten im Boden versunken. Ganz egal, ob die Kraft des Delfins aufgebraucht war – er gehörte ihr nicht, und sie hatten versprochen, ihn zurückzubringen.

»D… daran hab ich gar nicht … ich dachte nur«, purzelte es kleinlaut aus ihr heraus.

»Du dachtest? Das möchte ich an dieser Stelle mal höchst wissenschaftlich anzweifeln, Mara Lorbeer! Wenn du gedacht hättest, dann hättest du das nicht getan!«

»Es ist doch nur, weil Sie gesagt haben, der Stab ist eh wertlos! So wie …« Maras Stimme versiegte, und gleichzeitig erweichte sich auch der Blick von Professor Weissinger.

»Du liebe Zeit, das war es also. Ach Gott, wie konntest du das nur so falsch verstehen.« Niedergeschlagen ließ sich der Professor auf einem verwitterten Grenzstein am Straßenrand nieder.

»Das tut mir leid«, sagte er und starrte zu Boden.

»Nein, mir«, entgegnete Mara sofort.

»Nein, mir. Ich wollte dir doch nicht das Gefühl geben, du wärst wertlos!«

»Nein, mir, weil Sie ja recht haben und ich den Delfin nicht hätte weggeben dürfen!«

»Nein, mir, aber trotzdem«, antwortete der Professor und musste dabei ein kleines bisschen grinsen.

»Immer einmal mehr als Sie«, sagte Mara und grinste auch.

»Immer einmal mehr als du plus tausend unendlich«, erwiderte Professor Weissinger. »Und mit der Unendlichkeit kenne ich mich besser aus als du! Weil ich älter bin und weil ich Wissenschaftler bin, nämlich!« Dabei stampfte er mit dem Fuß auf und machte ein dermaßen beleidigtes Leberwurstgesicht, dass Mara losprusten musste.

Da war der Professor auch schon aufgestanden und schlang seine Arme um Mara. Sie konnte und wollte gar nicht anders und schlang die ihren um ihn. Kaum war das geschehen, begann sie auch sofort, bitterlich zu weinen. Mara spürte, wie sie dabei zitterte und wie ihre Knie weich wurden, aber sie konnte nicht aufhören. Sie hörte die Stimme des Professors wie durch einen Schleier. »Es wird alles gut … Du schaffst das … Wir schaffen das zusammen, Mara«, sagte er, und obwohl seine Stimme beruhigend klang und einfach nur guttat, konnte Mara nicht aufhören zu weinen.

Kapitel 3


Ein lautes »Krah Krah« ließ sie erschrocken zusammenfahren.

Mara kannte nur zwei Raben, die »Krah Krah« sagten, anstatt es zu krähen. Der Professor hatte sie natürlich ebenfalls sofort erkannt. »Hugin und Munin! Wenn ihr keine guten Nachrichten habt, schlage ich vor, ihr kommt später wieder.«

Die beiden Raben hatten sich gerade erst auf einem Ast in Augenhöhe des Professors niedergelassen, machten nun aber sofort Anstalten, wieder loszufliegen.

»Stallþu«, rief der Professor sofort auf Altnordisch, was wohl so was wie Stopp hieß. »Das war ein Scherz!«

Ausdruckslos klappten die beiden Vögel ihre Flügel wieder ein und beschränkten sich erst einmal darauf, stumm von dem Ast herunterzublicken.

Doch auch Mara hatte ein Anliegen. Sie versuchte, sich einigermaßen zusammenzunehmen und kratzte alles zusammen, was sie noch an fester Stimme sammeln konnte. Dann erst bemerkte sie, dass sie den Professor immer noch fest umklammert hielt. Sie löste sich etwas zu schnell, als hätte man sie ertappt. Es war ihr eh immer schon unangenehm gewesen zu weinen. Und unter dem stoischen Blick der beiden komischen Vögel erst recht. Sie räusperte sich ein bisschen albern und sah die beiden Raben dann mit einem möglichst seherischen Blick an. »Erklärt mir bitte jetzt, wie das mit meinen Kräften und den Göttern zusammenhängt«, sagte sie.

Die beiden Raben Odins sahen sich für einen kurzen Moment an, als würden sie sich wortlos austauschen. Dann nickten sie, wie Raben eigentlich nur in animierten Trickfilmen nicken, und Munin begann zu sprechen:

Einst schritten die Rater zum Richterstuhl

Die heiligsten Götter hielten Rat —

»Stallschuh!«, rief Mara sofort dazwischen und hoffte, dass sie das altnordische Wort einigermaßen richtig ausgesprochen hatte. »Bitte diesmal ohne diesen nordisch-germanischen … Reim … Rätsel … Bampf!«

»Ich protestiere«, hörte sie den Professor neben sich, aber Mara hob die Hand. »Ich weiß, dass Sie viel Freude daran haben, das immer wieder zu entschlüsseln und so, aber ich will jetzt mal viel Freude daran haben, dass ich gleich alles verstehe.«

Der Protest des Professors brach sich in Form eines lautstarken Ausatmens Bahn, doch er sagte nichts. Mara blickte auffordernd zu Hugin und Munin. »Also? Wie sieht’s aus? Sagt ihr mir jetzt, wie das alles kam, oder nicht? Ich warne euch aber vor: Wenn ich nicht zufrieden bin mit der Erklärung, dann könnt ihr die so was von alleine retten, eure Welt!«

»Unsere«, verbesserte der Professor.

»Die wissen, was ich meine!«, fauchte Mara zurück, und alle schwiegen.

Ein paar Sekunden lang geschah nichts. Wieder wirkte es so, als würden die beiden Raben stumm miteinander kommunizieren. Doch dann passierte etwas Seltsames. Hugin drehte ziemlich plötzlich seinen Kopf zur Seite und starrte nun mit einem Auge direkt in Maras Kopf hinein. Ihr erster Gedanke war: Hoffentlich schaut der sich da drin jetzt nicht um! Ihr zweiter galt dem Professor, und sie hatte noch die Geistesgegenwart, ihn an der Hand zu packen, um ihn mit einzuschließen.

Aber schon der dritte Gedanke war nicht mehr der ihre. Stattdessen erfüllte die Stimme von Hugin all ihre Sinne. Schnell erkannte sie auch, was er sprach, und im nächsten Moment hörte sie schon nicht mehr, sondern fühlte nur noch …

Heimdall

Wächter der Götter, Bewacher von Bifröst,

Erwacht.

Wie lang schlief ich, wie lang wachte ich nicht?

Warten schon die Feinde, am anderen Ende der Farbenbrücke?

Ist Asgard schon Feuer, der Wohnsitz der Asen vernichtet?

Heimdall öffnet die Augen

Bifröst, prächtiger Regenbogen, einst Weg nach Asgard, zum Wohnsitz

der Götter – kaum mehr als eine Erinnerung …

Asgard, mein Asgard, einst Sitz der Götter, mit den großen Hallen der

Mächtigen – nichts als Reste vergangener Zeiten …

Die Götter, Odin, Frigg, Thor, Freyr und Freya, vergaßen sich – schlafende

Schatten in den Ruinen …

Und Heimdall weint um die Menschen.

Es passte eigentlich nicht zu der Erscheinung des Mannes, und gerade darum wirkte es so rührend. Er mochte auf den ersten Blick wie ein uralter Mann aussehen, mit seinem dichten, weißen Bart und den langen, zotteligen Haaren unter der Lederkappe. Aber die Körperspannung und die drahtigen Muskeln unter der Lederrüstung verrieten, dass er ein Kämpfer war.

Auffallend war außerdem die seltsam geformte Ledertasche auf seinem Rücken. Sie sah so ähnlich aus wie ein Köcher für Pfeile, war aber so gebogen, dass Pfeile dieser Form überallhin, nur sicher nicht ins Ziel geflogen wären.

Gleichzeitig war Mara ebenso verwundert wie auch gerührt, dass er nicht nur um sich und die alten Götter in Sorge war, sondern um die Menschen weinte! Ja, Heimdall bangte um die Menschen in Midgard, »der Welt in der Mitte«. Denn wie konnten sie überlebt haben, wenn ihre Götter nicht mehr waren?

Mara wusste natürlich die Antwort, konnte sie ihm aber nicht geben. Sie war nur Zuschauer dieser Erinnerung, musste ohnmächtig zusehen, wie der alte Gott verzweifelt durch die blassen Ruinen stolperte. Doch gleichzeitig spürte sie auch, wie dieser ehemals so mächtige Ort ihr selbst Kraft spendete. Es war nicht viel, gerade wie ein sanftes Kitzeln in den Fingerspitzen, aber es half Mara, sich zu konzentrieren.

Heimdall späht in die größte aller Hallen

Walhall, die Halle der Gefallenen, bei Tag kämpften sie hier, bei Nacht tranken sie und sangen, nun nur mehr ein Haus für Gebeine … die grauen Überreste Tausender Toter, ein zweites Mal gefallen ohne die Macht Allvaters …

Heimdall betritt Odins Palast

Valaskjalf ist kaum mehr als ein Haufen Stein … keine Treppen führen mehr hinauf zu des Rabengotts Thron, der goldene Hochsitz ist nun tief darunter vergraben …

Heimdall gräbt

Warum tut er das?, überlegte Mara. Was will er denn mit dem Thron von Odin? Oder sucht er nach Odin selbst?

»Natürlich! Hliðskjálf!«

Mara erschrak und ließ einen spitzen Schrei los, der ihr sofort peinlich war. Der Professor hatte gerade direkt in ihrem Kopf gesprochen! Heimdall schien nichts bemerkt zu haben. Er wuchtete nur weiter traurig Stein um Stein von dem Trümmerhaufen.

»Ich kann Sie hören! In meinem Kopf, ganz so als wären Sie neben mir … und trotzdem weit weg!«, sagte, oder besser, dachte Mara in Richtung des Professors. Der dachte lachend zurück: »Eine Seherin, die auch hören kann. Da denk ich doch mal: Respekt.«

Mara ignorierte den Halbscherz. »Das liegt an diesem Ort, Asgard. Da bin ich mir ganz sicher! Ich spür das.«

»Na, vielleicht liegen hier nicht nur die Trümmer der alten Götterfestung, sondern auch noch Überreste der alten Kräfte herum. Möglich wäre es doch. Und wenn nicht hier, wo dann?«, entgegnete der Professor. »Nutz es bitte für einmal Volltanken, wer weiß, wann wir es wieder brauchen.«

»So viel ist das leider nicht … reicht gerade für ein bisschen Kopfradio und Kribbeln in den Fingern«, seufzte Mara. Sie konnte den Professor ja gerade nicht einmal ohne Berührung in die Vision mit einschließen. Sie seufzte und wendete sich wieder dem Geschehen vor ihnen zu. »Also, was sucht der Mann denn da? Irgendwas mit Odins Thron hab ich mitbekommen, aber warum?«

»Nun ich denke, er sucht Odins Hochsitz, Hliðskjálf!«

Mara wurde ungeduldig. »Okay, er sucht Odins Thron, und der heißt wie eine Mischung aus Schnupfen und Husten. Aber was will er damit?«

»Na, Antworten will er.«

»Und die kriegt er vom Wiglaf?«

»Nein, vom Hliðskjálf, bitte schön, wie Hlið die Öffnung und skjálf, was vielleicht Gerüst oder gar Turm bedeutet. Also in etwa der Blick von oben herab – und zwar auf die ganze Welt!«

Mara hatte schon zu viel Götterzeugs erlebt, um sich nun über einen Thron zu wundern, der einem die ganze Welt zeigte. Dafür war ihr nun auch klar, was Heimdall vorhatte: Er wollte von Odins Thron einen Blick über die Welt werfen, um zu sehen, was passiert war. Oder ob es die Welt noch gibt, dachte sie.

Hliðskjálf, Odins Sitz …

Vorsichtig stellt Heimdall Allfaðirs Blick wieder auf, zögert erst voll Demut, setzt sich dann – und schweigt.

Das Gesicht des alten Gottes sprach Bände. Verwirrung, Bestürzung, Panik, Trauer, Verzweiflung! Mara konnte den Schmerz spüren, den all diese Eindrücke in Heimdall hervorriefen und hätte ihm am liebsten Trost gespendet. Stattdessen sah sie hilflos zu, wie der Wächter sich in Agonie hin und her warf, mit schmerzverzerrter Miene, dabei seine Finger um die Armlehne krallte, bis diese splitterte. Hölzerne Spreißel drangen tief in die Handfläche Heimdalls, aber er ließ nicht los, konnte nicht oder wollte nicht.

»Oh mein Gott«, flüsterte der Professor und merkte dabei gar nicht, wie passend dieser Ausruf gerade jetzt eigentlich war. »Wenn mich nicht alles täuscht, holt der arme Kerl gerade viele Hundert Jahre Menschheitsgeschichte nach.«

Mara schluckte den Spruch So was hätte ich mal im Geschichtsunterricht gebraucht ganz bewusst herunter, denn ihr war eigentlich gar nicht nach Witzen zumute. Warum fielen ihr die eigentlich immer nur in den unpassendsten Momenten ein?

Sie zuckte zusammen, als der morsche Sitz unter Heimdall mit der Lautstärke eines Gewehrschusses brach und der ganze Thron unter ihm zusammensackte. Dazu stürzten die letzten Reste der Treppe ein, und der alte Gott verschwand in einer Wolke aus Holz, Staub und Steinbrocken.

Was … was ist denn jetzt passiert?, dachte Mara in Richtung des Professors.

Mir scheint, dass der alte Thron diesem Ansturm an Geschichte und Geschichten nicht gewachsen war, Mara. Schade, denn ehrlich gesagt, hätte ich das auch gerne einmal ausprobiert, antwortete der Professor ihr in Gedanken, näherte sich dann neugierig den Trümmern und versuchte, den Stein zu berühren. Seine Hand glitt hindurch, und er wirkte enttäuscht.

Mara war fassungslos.

Wie bitte? Haben Sie denn nicht gesehen, wie der gerade gelitten hat, der Heimdall?

Oh, das habe ich wohl, und trotzdem denke ich, das wäre es wert gewesen, gab Professor Weissinger zurück und meinte spürbar jedes Wort ganz genau so, wie er es zu ihr hinüberdachte.

Mara schüttelte nur den Kopf. So viel Wissensdurst war ganz bestimmt nicht gesund.

Da rührte sich etwas in den Trümmern, und der Professor ging zur Sicherheit doch wieder auf Abstand.

»Zäher Hund«, murmelte Mara.

Muss er auch sein, als einziger Wächter vor dem einzigen Eingang zur Festung der Götter, hörte sie den Professor in ihrem Kopf sprechen. Mara nickte. Ja, da stellt man wohl am besten den zähesten Knochen von allen hin.

Sie war beeindruckt von dem alten Gott, der sich da vor ihr aus den Gesteinsbrocken schälte. Mit dem unnachgiebigen Grimm eines Mannes, der schon Dinge gesehen und erlebt hatte, die er am liebsten vergessen hätte, schob er das Geröll von sich und richtete sich wieder auf. Doch kaum stand er wieder auf seinen lederumwickelten Füßen, als er auch schon zu dem seltsamen Köcher auf dem Rücken fasste und mit geübtem Griff etwas daraus hervorzog.

»Ich werd verrückt, jetzt auch noch das Gjallarhorn«, rief der Professor und schlug sich sofort die Hände auf die Ohren. Mara überlegte nicht lange und tat es ihm gleich. Er würde schon seine Gründe haben. Doch kaum hatte sie seine Schulter losgelassen, als er auch schon verblasste und verschwand. Wenn sie den Kontakt zu ihm abbrach, sah er nicht mehr, was sie sehen konnte!

Sofort tat sie das einzig Richtige und machte einen großen Schritt in seine Richtung, ohne die Hände von den Ohren zu nehmen. Kaum berührte ihr Arm wieder den seinen, erschien er wieder und sah sie erleichtert an.

Sie war trotzdem verwundert, als die Stimme des Professors laut und deutlich in ihrem Kopf ertönte, obwohl sie sich die Ohren zuhielt. »Danke, Mara, es wäre wirklich schade, wenn ich das nicht miterlebt hätte. Wobei mir gerade etwas einfällt …« Dann lachte er und nahm die Hände von den Ohren. »Das bringt nix. Ist ja alles in unseren K…«

Alle Fasern von Maras Körper wurden nun von dem wahnwitzigsten Geräusch durchgerüttelt, das sie jemals gehört hatte und sicherlich auch jemals hören würde.

Heimdall stieß in sein Gjallarhorn.

Kapitel 4


Eine wahnwitzige Mischung aus Schiffstuten, Drucklufttröte, Schafsblöken und Hilfeschrei schmetterte sich durch die Köpfe von Mara und ihrem Mitstreiter. Es klang so widerlich, als würden vierhundert Schweine durch ebenso viele Vuvuzelas kreischen und dabei so erhaben wie Kirchenglocken.

Können die nicht einmal einfach nur ein ganz normales Geräusch machen, die Götter?!, schimpfte Mara in sich hinein.

Das Ohrenzuhalten half überhaupt nichts, denn natürlich konnte man sich innerhalb einer Vision, die nur im Kopf stattfand, nicht die Ohren zuhalten. Nun gut, natürlich konnte man. Es brachte nur nix.

Mara schlang trotzdem ihre Arme um den Kopf, denn es war nicht auszuschließen, dass dieser von dem Lärm bald platzen würde. Und zwar in fünf, vier, drei …

Odin erwacht

Allvaðir! Heimdall eilt zu dem kaum wahrnehmbaren, schemenhaften Umriss des Oberhaupts der alten Götter, will ihn stützen. Aber seine Hände gleiten durch die Gestalt, er kann nicht helfen. Gleichzeitig erscheinen rundherum weitere Schatten, manche etwas klarer, andere nicht mehr als ein Flirren der Luft.

Der Professor drehte sich um die eigene Achse, deutete hin und her und stieß verzückte Laute aus, die Mara einfach mal als Namen nordisch-germanischer Götter interpretierte.

»Óðinn … Þórr … Sunna … Ullr … Forseti … Sif … Höðr … Viðarr … Frigg … Freyr … ich kann nicht mehr …«

Mara registrierte, dass sie nun tatsächlich von alten Göttern eingekreist waren. Also war das vielleicht der geeignete Moment, um hier abzuhauen. Andererseits war sie nun ganz nah an einer Antwort auf viele, viele Fragen, und sie hatte es gründlich satt, weiter dumm durch die Gegend zu stolpern. Also blieb sie einfach stehen, wo sie war und sah zu, was weiter passierte.

Da kam Heimdall direkt auf sie und den Professor zu, und beide reagierten leider etwas asynchron: Während Mara in Richtung des Professors ausweichen wollte, drängelte der in die entgegengesetzte Richtung, und so blieben sie ein paar wertvolle Sekunden rangelnd in der Mitte wie zwei Schuljungen.

So kam es, dass der alte Heimdall nun im wahrsten Sinne zwischen ihnen stand: Ihn schien es nicht zu stören, dass er jetzt eine Schnittmenge von etwa 85 Prozent mit Mara und dem Professor aufwies. Aber den beiden war das höchst unangenehm, und so einigten sie sich recht schnell auf einen geordneten Rückzug von etwa zwei Metern hinter Heimdall.

»Brr, das war nicht schön«, zischte Mara dem Professor zu. »Der stand echt mitten in uns drin!«

»Ich habe aber nichts gespürt, du etwa?«, fragte Professor Weissinger.

»Außer dass es mir saumäßig unangenehm hoch tausend war? Nö, gar nix«, gab Mara zurück. »Und hat der gerade echt mit der Tröte des Wahnsinns alle alten Götter geweckt?«

»Gjallarhorn«, antwortete der Professor recht einsilbig. »Übersetzt: laut tönendes Horn.«

»Laut tönend? Die haben es echt drauf mit dem Untertreiben, die nordischen …« Sie verstummte auf der Stelle, als Heimdall das Wort ergriff. »Ihr Asen!«, rief er mit brüchiger Stimme. »Hört mich an! Wachsam war ich, wachsam bin ich und muss es immer sein! So erwachte ich, und wie es scheint, doch zu spät! Asgard ist in Trümmern. Ich saß auf Hliðskjálf, hielt Ausschau, suchte nach den Göttern. Doch keinen der mächtigen Richter fand ich, nur sah ich Loki Asenfeind – immer noch gebunden, doch voller Kraft – in seinem Gefängnis am Ende der Zeit.«

Ein Raunen ging durch die schattenhaften Umrisse, doch einer von ihnen hob nur die Hand, und alle hielten augenblicklich inne.

Heimdall fuhr fort: »Viele Monde sind vergangen, die Welt ist eine andere, und der Eine Gott ist nun mächtig! Viel mächtiger, als wir es sind, vielleicht mächtiger als wir es jemals waren! Einzig voller Kraft noch liegt Loki, gefesselt zwar, jenseits der Welten! Und ich sage euch, es braucht nur noch wenig, und er wird sich befreien!« Heimdalls Stimme wirkte belegt, er wirkte, als würde eine schreckliche Last seine Schultern niederdrücken, als er weitersprach: »Asen! Ihr wisst, was wir ihm angetan. Die Fesseln aus seines Sohnes Gedärmen, gerissen vom Bruder in Wolfsgestalt! Darüber Skaðis giftiges Geschenk, ihn peinigend für alle Ewigkeit! Strafe, ich weiß, Vergeltung für die Schmähungen in Ägirs Halle, für den Tod von Balder, Odins Sohn, Licht unter den Göttern …«

Er verstummte und für einen Moment wurde Heimdalls Blick sanft. Mara wusste, was er dachte. Sie hatte Balder selbst kennengelernt, bei ihrem unfreiwilligen Besuch in der nordischen Unterwelt. Balder hatte sie vor der Todesgöttin Hel beschützt, kurz bevor diese Mara mit Stumpf und Stiel verschlingen wollte. Ein netter Kerl, der Balder. Warum nur hatte Loki ihn getötet?

»Mara, es wird interessant«, raunte der Professor, und sie konzentrierte sich wieder auf das Geschehen vor ihnen.

»Hört mich an, ich sage euch!«, rief Heimdall den anderen Göttern zu. »Lokis Fesseln sind schwach, wie wir schwach sind! Er wird sich lösen, und er wird grausame Rache üben! Um uns sorg ich mich nicht, denn nichts mehr als Schatten sind wir. Doch wir alle wissen, was die Weissagung spricht. Das Endschicksal der Götter ist auch das Ende für die Menschen, deren Schutz, deren Schicksal wir einst waren. Diese Erde wird brennen, wie es vorausgesagt ist. Und wir sind schwach, können nichts mehr tun … nichts mehr …« Und damit sank der alte Wächter im Kreise der alten Götter auf die Knie und weinte. Es tat Mara weh, den Alten so verzweifelt zu sehen. Er weint um uns, dachte sie in einem fort, um uns Menschen.

»Das ist es also«, wisperte der Professor. »Die Angst vor Loki! Dem einzigen der alten Götter, der noch seine alte Kraft besitzt. Von wegen Feuerbringer, es ist tatsächlich Loki, den du aufhalten sollst!«

»Aber«, wollte Mara gerade widersprechen, als etwas geschah: Vor ihren Augen nahm einer der Schatten Gestalt an, und gleichzeitig hörte sie ein seltsames Geräusch. Es klang so ähnlich wie »Wuuhu, wuhuuhu …«


Mara stellte fest, dass es von Professor Weissinger kam, der vor Aufregung ganz zappelig war.

»Odin … das ist Odin …«, wiederholte er immer und immer wieder und wirkte wieder einmal wie ein kleiner, aufgeregter Junge. Doch Mara sah keinen Odin, sie sah jemand völlig anderes. Vor ihren Augen stand nun nämlich …

»Gandalf?«, hauchte Mara völlig überfordert, denn die Ähnlichkeit mit dem Zauberer aus Herr der Ringe war wirklich verblüffend. Bis auf die Augenklappe stand in der Tat Gandalf der Graue ein paar Meter von ihr entfernt. Der Professor hatte ja schon mehrfach auf die Parallelen zwischen der nordischen Mythologie und dem Werk Tolkiens hingewiesen, aber das war einfach nur … krass.

»Hab ich’s nicht gesagt?«, jubilierte der Professor neben ihr. »Ach was, gesagt! Geschrieben hab ich’s in meinem Buch über die nordisch-germanischen Einflüsse auf die Werke von …«

»Ja, ja, ja!«, winkte Mara ab. »Ich will doch hören, was der jetzt sagt, der G…«

»Odin! Der graue Wanderer Odin! Da steht er, hohoo! Seht her!«

»Herr Professor, bitte!«

Als der Oberste der nordischen Götter nun sprach, rechnete Mara trotzdem fest mit der deutschen Synchronstimme des Schauspielers Ian McKellen. Sie war allerdings auch keine Sekunde enttäuscht, als sie Odins wohlklingenden Bass im Magen spürte. Das war mehr Gänsehaut, als es von den Viechern gab auf der Welt! Boah …

»Heimdall Menschenfreund«, brummte Odin gutmütig und half dem alten Wächter wieder auf die Beine. »Die Asen danken dir für deine Wachsamkeit über das Vergessen hinaus. Ehre sei dir und Dank. Wiewohl ist es, wie du sagst, und doch ist nicht alles verloren. Denn auch wenn die Menschen Midgards mich vergaßen, so nennen sie wohl doch noch oft meinen Namen.«

Da trat ein weiterer Gott nach vorn. Er wirkte noch viel älter als Heimdall oder Odin, sein Gesicht war von Narben übersät. Auch er schien an Festigkeit zuzunehmen, bis auf seinen rechten Arm. Der blieb verschwunden.

»Der einarmige Tyr. Vielleicht der älteste aller Asen«, murmelte Professor Weissinger.

»Du sprichst wahr, denn auch ich spüre, was du sagst, Odin«, sprach der alte Gott. »Man sagt auch meinen Namen, und ich erstarke. Seelenlos wird er gesprochen, und ungewohnt klingt er. Aber ich bin es, den sie nennen. Und doch huldigen sie mir nicht.«

Zwei weitere Gestalten traten vor, und Mara erkannte den einen sofort. Es war Thor oder Donar, wie man ihn hierzulande genannt hatte. Sein Gesicht mit den breiten Wangenknochen und dem kantigen Kinn hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, seit sie ihn auf seinem irrsinnigen Fischzug begleitet hatten, wo er versucht hatte, die Midgardschlange zu angeln.

Die andere Gestalt war eine Frau, und Mara musste unwillkürlich an die Frauenquote denken, über die sie in Sozialkunde debattiert hatten. Sieh mal an, die Asen hatten freiwillig eine Frau im Vorstand, dachte sie. Nicht genug für die Quote, aber immerhin.

»Mein Gemahl«, sprach die Frau und griff Odins Hand. »Auch ich spüre es: keine Riten, keine Opfergaben … und doch nennt man mich.«

Der Professor grübelte. »Odin, Tyr, Thor, Frigg … was könnte der Grund sein, dass ausgerechnet die vier … Hm …«

Er fasste Mara am Arm, um nicht den Kontakt zu verlieren, und zog sanft daran. »Komm mit, ich will die genauer ansehen, wer weiß, wann ich das noch einmal erleben darf!«

Mara folgte ihm widerwillig, denn ihr war die Situation nach wie vor unheimlich. Trotzdem gingen sie nun langsam im Kreis und sahen sich die Götter ganz genau an. Die nahmen von ihnen weiterhin keine Notiz, waren auch ohnehin genug mit sich selbst beschäftigt.

»Odin, Tyr, Thor oder Donar … Frigg oder Frija … Ich hab’s! Natürlich, die Wochentage! Es sind die Wochentagsnamen!«, rief der Professor plötzlich aus. »Der englische Wednesday ist Odins Tag, Wodens Day!«

»Ich weiß, das hab ich …« begann Mara, aber der Professor war schon voll in Fahrt. »Tyrsdagr ist unser Dienstag, dazu Donarstag und der Friday, Frjadagr, der Freitag! Das ist die Erklärung, Mara! Verstehst du nicht?«

»Wann hätte ich denn sagen sollen, dass ich was verstehe? Sie lassen einem ja nicht mal ein Komma«, gab Mara etwas beleidigt zurück. Denn die Sache mit den Wochentagen wusste sie ja in der Tat schon lange. Das war eins der ersten Dinge, die sie im Internet über die alten Götter rausgefunden hatte.

Allerdings machte das wirklich Sinn. Die Menschen nutzten die Wochentagsnamen millionenfach täglich, ohne wirklich zu wissen, dass darin die Namen alter Götter versteckt waren. Und der Effekt war nicht viel anders als bei dem verdammten Feuerbringer! Sie schöpften Kraft daraus, obwohl damit kein wirkliches Glaubensbekenntnis verbunden war.

Man konnte ja auch keiner der Schwurbelhexen vorwerfen, dass sie an den großen Loge glaubten. Trotzdem hatte das stupide Wiederholen der Zeilen eine Wirkung. Wohl nicht so viel, wie ein richtiges Gebet mit echtem Glauben voller Hingabe gesprochen, aber immerhin genug, um Loge für kurze Zeit zu einem übermächtigen Gegner werden zu lassen, der unter anderem ganze Armeen von Untoten aus dem Boden holen und gegen sie antreten lassen konnte.

»Wohlan«, brummte Odin gerade. »Dann sei der Menschen Aufgabe, was die Götter nicht mehr vermögen.«

»Ein Mensch?«, fragte Heimdall und sah Odin erstaunt an. »Du willst einen Menschen zu Loki schicken?«

»Allvater, bei Thrymrs gespaltenem Haupt!«, schaltete sich auch Thor polternd ein. »Was soll ein Menschlein ausrichten gegen einen Gott, sei er gefesselt oder nicht?«

»Oh, keinen gewöhnlichen Menschen, mein Sohn«, entgegnete Odin. »Es gilt, einen zu finden, in dem die alte Gabe noch lebt.« Mit diesen Worten griff der oberste nordische Gott in den Trümmerhaufen und hob ein Stück seines geborstenen Thrones heraus. Er umschloss das ehemals so aufwändig vergoldete Stück Edelholz, und sein verbliebenes Auge wendete sich für einen Moment so weit nach innen, dass Mara nur das Weiße seines Augapfels sah. Trotzdem konnte sie den Blick nicht abwenden, denn sie war sehr aufgeregt. Das ist es, jetzt komm ich! Gleich geht’s um mich!, schoss es ihr immer und immer wieder durch den Kopf. Auch der Professor blinzelte zu ihr herüber und war ganz Ohr.

»Ein Menschenkind mit den Fähigkeiten zu sehen und zu hören«, hob Odin feierlich an zu sprechen. »Gefäß für unsere Kräfte, so wir sie freiwillig geben und geben können … für die Magie der Asen ein Fass.«

Da haben wir’s jetzt, dachte Mara, und sofort stieg ihr der Frust bis hoch in den Hals. Es stimmt also doch! Ich bin echt nur ein Gefäß. Ein Fass auch noch, na toll. Nix als ein Dings, wo man Götterkräfte reintut, und dann schubst man mich in die richtige Richtung. Und ich Vollrind denk dabei doch immer wieder, Wunder, wie toll ich das hinkriege, und huihui, was ich alles kann, und dabei bin ich nur der Erfüllungshirni? Vielen Dank, das hab ich jetzt wirklich gebraucht!

Dem Professor war anzusehen, dass er genau wusste, was Mara nun dachte, und er wollte gerade etwas sagen, als Odin weitersprach:

»Möge dieser Mensch die Last der Götter in ein Geschenk für die Welt verwandeln, auf dass die Erde gerettet wird.«

Mara musste sich sehr zusammenreißen, um nicht loszuschreien. Die Last in ein Geschenk verwandeln? Wie soll das denn gehen? Hallo Erde, ich hab da ein Geschenk für dich! Ich hab all meine Probleme hier in dieses Päckchen gepackt, mit Schleifchen drumrum in Rosa! Hach, du wirst erstaunt sein, Welt, denn meine Probleme sind nämlich witzigerweise eigentlich die deinen. Bitte mach es aber erst auf, wenn ich ganz, ganz weit weg bin. Ich bin nämlich der Geschenkeschlumpf, und ich will nicht dabei sein, wenn es Bumm macht und die Götterdämmerung aus der Torte hüpft, bis dann!

»Und der Name dieses Menschen ist …«

Kapitel 5


Was?, dachte Mara Lorbeer, als sie sich völlig unvermittelt auf der Straße wiederfand. Sie sah sich um und starrte in das Gesicht von Professor Weissinger.

Der Professor verzog das Gesicht.

»Zahnputzzeug ist in deinem Koffer, stimmt’s?«

Mara war nicht in der Stimmung für Witze, aber vermutlich war das gerade eben nicht mal witzig gemeint. Verstohlen hauchte sie sich kurz in die hohle Hand und sog die Luft durch die Nase ein. Oh. Kein Witz. Um Gottes willen. Um davon abzulenken, versuchte Mara trotz massivem Frustaufkommen irgendwie ein Gespräch in Gang zu bringen. »Wieso war das jetzt plötzlich vorbei? Da geht das so ewig, und dann fehlt der Schluss.«

Der Professor schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung, das musst du die beiden da fragen.« Doch die beiden Raben machten nicht den Eindruck, als hätten sie dem Ganzen noch etwas hinzuzufügen.

Sofort platzte es aus Mara heraus: »Schon klar, dass ihr jetzt wieder nix sagt! Hauptsache, ich weiß, dass ich ein Fass bin, toll!«

Professor Weissinger sah sie mit leuchtenden Augen an. »Aber Mara, abgesehen davon … es war doch einfach unglaublich! Odin, Thor, Freya, Heimdall … Ich habe sie alle gesehen! Mara, ich habe die alten Götter gesehen!«

Mara seufzte. »Ja doch, ich doch auch. Aber was bringt uns das? Was machen wir jetzt damit?«

Aber der Professor war noch viel zu aufgeregt, um einen klaren Gedanken zu fassen. »Und ich hatte recht, hahaha! Odin sieht aus wie Gandalf! Oder sieht Gandalf aus wie Odin, hihi? Ich glaub das einfach nicht! Da saßen sie alle! Da gingen die Götter zu den Richterstühlen, hohe Götter hielten Rat! Alle, direkt vor mir, ich hätte Thor in die Backen kneifen können.«

»Bin echt froh, dass Sie das nicht gemacht haben. Aber noch mal meine Frage …«

Der Professor klappte beide Zeigefinger aus und hielt sie vor Maras Nase. »So nah war ich! SO NAH!«

Mara sah ihn schweigend an. Sie blinzelte nicht einmal. Der Professor verstand, verharrte aber in der gebückten Position und sprach in einem besonders ruhigen und abgeklärten Ton: »Einen Moment bitte noch, Mara, ich brauche nur ein paar Minuten, um mich zu beruhigen. Ich hab’s gleich.«

»Versprochen?«

»Versprochen.«

»Gut. Viel Spaß.«

»Danke«, sagte der Professor ganz ruhig, ließ sich dann aber recht plötzlich auf die Knie fallen und drückte sich mit beiden Händen die Backen zusammen.

»Ifff habe Obiimm geffehmmm!!!!«, presste er zwischen zusammengepressten Lippen heraus und verfiel dann in ein unterdrücktes Kichern.

Mara sah seinem Treiben eine Zeit lang zu und wendete sich dann ab.

Die beiden Raben saßen immer noch auf dem Ast und blickten auf sie herunter. Mara war die Reaktion des Professors ziemlich unangenehm, und sie verspürte irgendwie den Drang, es den Raben erklären zu müssen.

»Wisst ihr, er … er freut sich eben«, sagte Mara. »Professor Weissinger beschäftigt sich schon viele, viele Jahre mit den Göttern und dem allem. Hat sogar ein Lexikon drüber geschrieben. Und das gerade eben war für ihn eben etwas sehr Besonderes …«

Hugin – oder war es Munin – musterte Mara eindringlich. »Wir verstehen sein Gebaren, Litilvölva. Er hat die Götter gesehen. Weniger kräftige Männer im Geiste sahen wir schon daran zugrunde gehen, schwache Priester dem Wahnsinn verfallen.«

»Was wir jedoch nicht verstehen«, sprach der andere Rabe, »ist deine Ruhe.«

Mara sah die Raben erstaunt an. »Meine Ruhe? Also bitte, was soll das denn jetzt? Soll ich mich auch auf dem Boden rollen und Odinodinodin rufen? Tut mir echt leid, dass mich ein paar Leute mit Hammer, Bart und Augenklappe vielleicht nicht mehr sooo schockieren wie der Drache auf der Ludwigsbrücke oder ein hochhausiger römischer Zenturio aus Millionen kleiner Flammen!«

Mara bemerkte gar nicht, wie der Professor innehielt und ihr mit nachdenklichem Gesicht zuhörte, während sie auf die Raben einredete. »Oder meint ihr, ich soll erst mal einen gepflegten Heulkrampf kriegen? Ist es das? Ey, da hätte ich grad sogar jede Menge Lust drauf! Ich weiß nicht, ob ihr das auch gehört habt, aber ich hab grad aus erster Hand erfahren, dass ich selbst gar nix kann, außer ein Fass sein! Ein verdammtes Fass! Vielen Dank, echt jetzt! Das ist nicht nur kein Kompliment, sondern auch noch deswegen echt kacke, weil ich eben doch nix kann!«

Der Professor legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. »Also Mara, das stimmt doch so überhaupt nicht.«

»Doch, das stimmt eben schon!«, rief Mara aufgebracht. »Ich bin also eine Spákona, und? Wow, toll! Wenn die Götter nicht grad ein bisschen Kraft für mich überhaben, dann kann ich genau das, was ich vorher schon konnte und gar nicht wollte: Sachen sehen, die ich gar nicht sehen will! Und nur weil ich Sachen sehe, die ich gar nicht sehen will, muss ich Sachen machen, die ich gar nicht machen will! Und gar nicht kann! Ich will nicht die Welt retten, und ich kann’s auch gar nicht, verdammt. Warum machen das nicht die, die dafür ausgebildet sind?«

»Ach du liebe Zeit, wer sollte das denn sein?«

»Na, der Siegfried von mir aus! Der soll einfach sein Schwert nehmen und auf den Dr. Thurisaz draufhauen! Wie das die Leute eben so machen, wenn sie ein Schwert haben!«

Der Professor seufzte. »Ich verstehe ja, was du meinst. Aber was sollte das denn bitte bringen?«

»Na, das bringt schon mal, dass irgendwer auf den Thurisaz draufgehauen hat, und … und … das ist schon mal eine ganze Menge!«

Professor Weissinger fasste Mara an beiden Schultern und hielt sie fest, als wolle er dafür sorgen, dass sie nirgendwo anders hinsehen konnte als direkt in seine Augen. Dann erst sprach er ganz ruhig und trotzdem eindringlich: »Mara. Bitte entschuldige, dass ich vorhin so einen Unsinn gesagt habe. Ich sehe, dass ich damit eine Menge Schaden angerichtet habe, und es tut mir wirklich leid. Alles das, was wir gerade eben gesehen haben, mag auf dich jetzt so wirken, als wäre es die Bestätigung dessen.«

Mara nickte. Genau so hatte sie es empfunden. Aber sie sagte nichts. Dafür sprach der Professor weiter: »Aber das ist einfach falsch! Du bist trotz allem die Einzige, die die Kräfte der Götter überhaupt nutzen kann, verstehst du das denn nicht?«

Überraschend wand sich Mara plötzlich aus dem Griff des Professors und drehte sich weg. Dann ging sie einfach los, weiter die Straße hinunter. Sie musste nachdenken. Alleine.

Raff es, Mara, sprach sie zu sich selbst. Du bist jetzt wieder genau das, was du vor ein paar Wochen noch unbedingt sein wolltest. Einfach nur Mara Lorbeer. Okay, du bist Mara Lorbeer, das Fass. Klingt echt dämlich, und ist es irgendwie auch, aber du wolltest nur Mara Lorbeer sein und warst gerade echt zufrieden damit, bis dann der Zweig kam und alles auf den Kopf gestellt hat. Das heißt doch, dass du jetzt nicht schlechter dran bist als vorher. Und es heißt doch auch, dass der ganze Irrsinn in dem Moment aufhört, wo wir den blöden Dr. Riese und seinen Feuerbringer mitsamt dem verdammten Eichhörnchen endgültig erledigt haben. Das ist zwar eigentlich völlig unmöglich, aber wenigstens ein Ziel. Außerdem hab ich keinen Bock mehr auf …

Sie öffnete die Augen und drehte sich wieder um zu Professor Weissinger. »Ich hab keinen Bock mehr.«

Der war ihr schweigend gefolgt und sah sie nun erschrocken an. »Wie meinst du das? Auf was hast du keinen Bock mehr? Auf diese Diskussion? Auf den Feuerbringer? Auf Weltretten?«

»Nein«, widersprach Mara, und ihre Stimme klang plötzlich eiskalt. »Ich habe keinen Bock mehr auf Weglaufen.«

Ein breites Grinsen teilte den Bart des Professors in zwei Hälften. »Das trifft sich gut, Mara, denn darauf hab ich auch keine Lust mehr.« Er drehte sich schwungvoll um zu den beiden Raben, die sich gerade auf einem der Begrenzungspfosten an der Straße niedergelassen hatten, und deutete mit einem ausgestreckten Zeigefinger auf sie. »Ihr beiden! Ihr kommt ab sofort mit, denn ihr seid unsere Verbindung zu den Göttern. Sobald die wieder aufwachen und einer von ihnen ein bisschen Saft übrig hat, sagt ihr uns Bescheid. Ich will dann wissen, welcher Gott es ist, und wann er Mara seine Kräfte zur Verfügung stellt. Und wenn möglich wüsste ich auch gerne, wann diese Kraft jeweils aufgebraucht ist.«

»Das ist kein Problem«, warf Mara ein. »Das kann ich inzwischen ziemlich genau sagen. Aber es wäre echt gut, wenn ich vorher wüsste, was ich jetzt gleich kann. Für kurz.«

Ehrlich gesagt, gefiel ihr die Idee von Professor Weissinger sogar ganz gut. Es fühlte sich richtig gut an, dieser ganzen Götterkraftgrütze nicht mehr so hilflos ausgeliefert zu sein. Allein der Gedanke, in Zukunft zu wissen, ob sie die Vision einer Spinne im Pausenhof erschaffen, Lindwürmer beamen oder das Wasser kontrollieren konnte, würde eine Hilfe sein und ihr endlich ein bisschen mehr Kontrolle geben. Sie hütete sich aber, das dem Professor zu zeigen. Offiziell war sie noch im BoahBinIchGenervtModus, und den gab man nicht so einfach auf.

Früher, als ich kleiner war, sprang dabei wenigstens ab und zu ein Eis raus, dachte sie und musste fast grinsen.

Der Professor suchte noch bei den Raben nach irgendeiner Art von Zustimmung oder Ablehnung. Aber sie saßen nur da und starrten ihn an. Professor Weissinger wartete noch einen Moment, dann nickte er. »Ich werte euer Schweigen als Zusage. Vielen Dank dafür, ihr helft uns damit sehr. Und nicht nur uns, sondern auch Odin und allen anderen.« Voller Elan drehte sich der Professor zu Mara um. »Also, dann gehen wir jetzt zurück nach Osnabrück, holen unterwegs in Kalkriese unser Zeug und steigen dann in den Zug nach München. Und dort …«

»Dort kümmern wir uns um Thurisaz«, sagte Mara und wollte gerade noch einen markigen Spruch über Eichhörnchen, Puschelschwänze und einen Tacker loswerden, als sie der Blick des Professors verstummen ließ. Gleichzeitig knirschte etwas, ein lautes Zischen war zu hören, die Straße verdunkelte sich, und Mara fuhr erschrocken herum.

Sie blickte auf einen Truck.

Kapitel 6


Eine Zugmaschine mitsamt riesigem Anhänger hatte direkt hinter ihnen angehalten, und gerade stieg der Fahrer erstaunlich leichtfüßig aus. Das war deswegen so erstaunlich, weil der Fahrer zu den dicksten Menschen gehörte, die Mara jemals live und in Farbe gesehen hatte.

»Alles okay?«, fragte er mit einer freundlich singenden Stimme, und Mara konnte nicht anders. Sie mochte ihn sofort.

»Es geht so«, antwortete Professor Weissinger. »Es würde uns in der Tat etwas besser gehen, wenn Sie uns ein Stück mitnehmen würden. Wir wollen Richtung Osnabrück, aber unser Auto … äh …«

»Schon klar«, nickte der Trucker. »Sind ein paar echt komische Sachen passiert in der Nacht. Ihr Karren ist nicht der einzige, der den Geist aufgegeben hat. Na, dann steigen Sie ein. Ist genug Platz.« Er lachte kurz und zeigte mit beiden Händen auf seinen gigantischen Bauch. »Trotz dem da.«

»Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen«, bedankte sich der Professor.

Sie erkletterten den erstaunlich hoch gelegenen Führerstand des Trucks auf der Beifahrerseite, und Mara sah sich um.

»Ist ja echt viel Platz hier drin«, sagte sie. Dann erst entdeckte sie die kleine Schlafkabine hinter den Sitzen. »Cool.«

»Yep«, machte der Trucker und grinste. »Kannst gern mal hinten reinklettern, aber ich sag’s gleich: Hab nicht aufgeräumt.«

Mara beließ es bei einem Blick, denn irgendwie fühlte sie sich unwohl bei dem Gedanken, auf dem Bett von irgendwem herumzukrabbeln. Stattdessen setzte sie sich auf den mittleren Platz zwischen dem Fahrer und dem Beifahrer.

»Hey!«, rief der Trucker plötzlich erschrocken und begann wild mit den Armen zu wedeln. »Schh! Schh! Raus!«

»Krah Krah«, sagten Hugin und Munin, machten aber keine Anstalten das Führerhaus zu verlassen. Seelenruhig setzten sie sich neben den Professor auf das geräumige Armaturenbrett und blickten stumm umher. Der Fahrer sah Mara und den Professor verwundert an. »Äh … gehören die irgendwie … zu euch?«

»Ja«, sagte der Professor.

»Nein«, sagte Mara im selben Moment, und sie sahen sich kurz irritiert an.

»Was Mara meint, ist, dass sie uns natürlich nicht gehören, weil wir sie nicht zwingen bei uns zu bleiben. Wir wollten sie eigentlich mit dem Auto zum Tierarzt in Osnabrück bringen, um sie mal wieder auf Würmer und ähnliches zu überprüfen«, log Professor Weissinger. Wie immer klang es aus seinem Mund als wäre das nichts als die Wahrheit. Mara nickte eifrig, und selbst das kam ihr im Vergleich zu der routinierten Lüge des Professors viel zu aufgesetzt vor.

Hugin und Munin war allerdings deutlich anzusehen, dass ihnen der Teil mit den Würmern nicht so richtig gut gefallen hatte. Trotzdem blieben sie erfreulich still und bemühten sich um einen möglichst rabigen Eindruck.

Der Trucker nickte schließlich. »Aha. Okay. Aber nicht dass die mir hier die Armaturen vollkacken.«

»Krah!«, erwiderte Munin, und die beiden Raben drehten sich beleidigt weg. Ein Moment der Stille kehrte ein, als der Fahrer von den Raben zu Mara und dem Professor und dann wieder zu den Raben sah. Doch dann zuckte er mit den Achseln und wandte sich seinem Zündschlüssel zu.

»Krasse Viecher«, bemerkte er, als er den mächtigen Motor anließ. »Seid ihr Zirkusleute oder so was?«

»Nein, wir haben einfach nur beide jeweils einen Vogel«, antwortete der Professor und grinste Mara an. »Verzeih diesen unsäglichen Witz, den will ich schon seit Längerem anbringen.«

»Schön, dass wir es jetzt hinter uns haben«, gab Mara trocken zurück und schnallte sich an.

»Also, ich bin der Willi«, stellte sich der Trucker vor und ließ den Motor an, als sie in die nahe Auffahrt zur Autobahn einbogen. »Und ihr?«

»Mara und Reinhold Weissinger«, antwortete der Professor. »Sie ist meine Nichte.«

»Freut mich«, sagte Willi und lächelte freundlich. »Ist es okay, wenn ich Musik anmache?«

»Kommt drauf an«, murmelte Mara, die nichts nerviger fand als den Einheitsbrei der einschlägigen Radiosender.

Aber der Professor sah sie tadelnd an. »Nur zu! Wer fährt, bestimmt.«

Willi grinste und drückte eine Taste an seinem Lenkrad. Mara betrachtete das Lenkrad genauer und erkannte, dass er von dort wohl auch die Lautstärke und den CD-Player bedienen konnte. Praktisch. Vor allem für ihn, denn vermutlich hätte er Schwierigkeiten gehabt, das Radio über seinen mächtigen Bauch hinweg zu erreichen.

Doch nun war sie erst einmal verwundert, als ihr aus den Boxen nicht Das Beste der Achtziger, Neunziger und von heute entgegenschepperte. Stattdessen hörte sie ein paar Akkorde aus akustischen Gitarren. Und dann eine Männerstimme, die man nicht anders als »samtig« bezeichnen konnte.

Ev’rybody gonna pray

On the very last day

»Na, das passt ja«, ließ sich der Professor vernehmen. Und da stimmten auch schon zwei weitere Stimmen ein.

Ev’rybody gonna pray

To the heavens on the judgement day

Da Mara sich immer schon für die Texte der Songs interessiert hatte, die ihr auch ansonsten gefielen, konnte sie gut genug Englisch, um zu verstehen, um was es in diesem Lied ging. Leise stöhnte sie auf.

»Judgement Day … Die singen nicht wirklich vom Weltuntergang, oder?«, fragte sie in die Runde und der Professor lachte trocken auf. »Ich bin ehrlich gesagt auch etwas baff. Das nenn ich mal einen Zufall.«

Willi kicherte ebenfalls: »Ja, das passt echt ganz gut auf diese Sache von der letzten Nacht. Kann mir vorstellen, dass ein paar Leute gedacht haben, die Welt geht unter. Das muss man sich mal vorstellen: Der Tankwart aus dem Ort hinter uns hat mir erzählt, dass ihm der gesamte Inhalt seiner Kühlschränke um die Ohren geflogen ist. Und er schwört bei allem, was ihm heilig ist, dass die Getränke aus den Flaschen und den Dosen einfach nur rauswollten, weil …« Er machte eine Pause als würde er erst jetzt darüber nachdenken. »… weil sie irgendwohin wollten …« Willi runzelte die Stirn und schwieg. Eine Weile hörten sie still dem Song zu.

Get ready, brother, for that day

Ev’rybody gonna pray

When you hear that bell

Ring the world away

»Wenn du die Glocke hörst, die die Welt wegbimmelt?«, fragte Mara stirnrunzelnd.

»Na ja, so ähnlich. Auf Deutsch würde man wohl eher sagen, die Glocke läutet das Ende der Welt ein«, antwortete Professor Weissinger. Aber ihm war anzusehen, dass ihn das Lied auch nicht gerade fröhlicher machte. Trotzdem übte der Text zusammen mit dem eindringlichen Gesang der drei Stimmen eine seltsame Anziehungskraft auf sie aus. Es war fast unmöglich, sich dem Song zu entziehen. Oder ging es nur ihnen so, wegen all des Weltuntergangswahnsinns?

Ev’rybody gonna pray

To the heavens on the judgement day

Ein letztes Mal hatten die zwei Männer und die Frauenstimme den Refrain angestimmt, dann endete das Lied mit einem finalen Gitarrenakkord.

»Peter, Paul & Mary …«, sagte Willi in dem Moment und es klang verzückt. »Die sind einfach immer noch der absolute Hammer.«

Das Erste, an das Mara bei den drei Namen dachte, war das Lehrbuch aus dem Englischunterricht. Wie hieß doch gleich der Hund … Egal.

Sie wurde unruhig. So langsam brannte es ihr doch unter den Nägeln, sich mit dem Professor über das vorhin Erlebte und Erfahrene auszutauschen. Der Ende-der-Welt-Song gerade eben hatte das noch mal verstärkt. Abgesehen von der niederschmetternden Gewissheit, ein Götterfass zu sein, waren ihr noch ein paar Dinge aufgefallen, die vielleicht wichtig werden könnten.

Mara überlegte kurz und kam zu dem Schluss, dass sie sich jetzt mit dem Professor unterhalten wollte und nicht erst in ein paar Stunden. Sie spürte kurz in sich hinein und sofort wurde ihr klar, dass sie es gar nicht erst versuchen brauchte mit Gehirnstimmen, Visionen oder Ähnlichem. Maras Magie-Akku stand bei minus tausend und in etwa auf dem Level befand sich auch ihr Bock-O-Meter auf irgendwelchen Seherinnen-Kram.

Aber wer weiß denn, ob es nicht gleich wieder losgeht, und plötzlich stehen wieder schwarzäugige Heinis vor mir, oder es wachsen Römerzombies aus dem Boden! Ich will jetzt mit dem Professor reden. Jetzt!

Und da kam ihr eine Idee: Warum sollten sie sich denn nicht über nordisch-germanische Göttergeschichten unterhalten? Sie musste doch eigentlich nur weglassen, dass sie es mit eigenen Augen gesehen hatten, oder nicht?

»Apropos Ende der Welt. Wissen Sie eigentlich, dass …«, fing sie also an und schwieg sofort wieder, als sie der Professor alarmierend ansah.

»Nein, was denn?«, fragte Willi nach, und Mara verstand: Sie hatte den Professor gesiezt, obwohl er sich ja als ihr Onkel vorgestellt hatte. Also hatte sich natürlich jetzt Willi angesprochen gefühlt. Nun ja, warum nicht. Mara warf dem Professor einen vielsagenden Blick zu und begann nun in Richtung von Willi zu erzählen: »Na, ich meine, da gibt’s doch diese Religion. Beziehungsweise gab es, weil gibt’s jetzt nicht mehr. Also gibt’s so mehr oder weniger, nicht mehr so richtig, aber …«

Sie bemerkte, dass Willi ihr nicht so richtig folgen konnte. Und das lag nicht an seinem Intellekt, sondern an ihrem dämlichen Gestammel. Auch die beiden Raben sahen Mara irgendwie mitleidig an, und das nervte Mara noch mehr!

Konzentration!, dachte sie und fing einfach noch einmal von vorne an. »Es gibt auch ein Ende der Welt in der nordisch-germanischen Mythologie, wollte ich sagen. Da heißt es Ragnarök.«

»Nordisch-germanisch?«, sagte Willi. »Ach, na klar, Wotan, Donar und die dicken Frauen mit den Hörnerhelmen! Kenn ich!«

Der Professor stöhnte so lautstark auf, dass Mara für einen Moment dachte, er würde die beiden Raben vom Armaturenbrett pusten.

»Genau!«, erwiderte sie trotzdem. »Ist ja toll, dass Sie sich da so gut auskennen!«

»Tja, hab ich alles meinem erlesenen Musikgeschmack zu verdanken«, erklärte Willi stolz.

»Schon klar … Wagner«, seufzte Professor Weissinger neben Mara durch das Führerhaus.

»Was? Nee, um Gottes willen! Heavy Metal!«, lachte Willi und zog mit geübtem Griff eine CD-Hülle aus dem Seitenfach an der Tür. Mara reichte sie an den Professor weiter, und der zog die Augenbrauen hoch. »Manowar? Aha.«

Der Professor studierte die CD-Hülle:

»Hörnerhelme, wie nett« …

»Soll ich es einlegen?«, bot Willi an. Wussten die Raben, was Heavy Metal war? Zumindest schien ihnen Willis Angebot auch eher als eine Art Drohung vorzukommen: Sie blickten unruhig zwischen der CD-Hülle und Mara hin und her.

»Vielleicht später, vielen Dank«, beeilte sich Professor Weissinger zu sagen, und auch die Raben schienen wieder zu entspannen. Mara selbst hatte mit Heavy Metal keine großen Probleme. Ihrer Meinung nach gab es kaum ein Metal-Stück, dass es von der Härte mit »Helter Skelter« der Beatles aufnehmen konnte. Nicht umsonst hatten es einige Heavy-Bands schon mal gecovert. Und alle waren sie im Vergleich zahmer gewesen. Wo war sie gleich noch mal stehen geblieben? Ach ja, Götterdings.

»Also, was ich ja so interessant finde, ist, dass es da diesen Heimdall gibt«, machte Mara weiter.

»Der Wächter auf der Brücke namens Bifröst«, ergänzte Professor Weissinger.

»Aha, ich meine ja, ja, genau der. Und der hat wohl ein Problem mit Loki.«

»Mit wem?«, fragte Willi dazwischen, aber der Professor kam gerade in Fahrt. »Ja, Heimdall und Loki sind Erzfeinde, musst du wissen. Kein Wunder, dass Heimdall der Erste war, der spürte, dass Loki noch immer quicklebendig und bei Kräften ist. Er hat Loki immer misstraut und jeden seiner Schritte bewacht. Die beiden treten auch während der Ragnarök gegeneinander an und töten sich gegenseitig.«

»Nein!«, rief Mara erschrocken, und Willi sah verwundert rüber.

Sofort bemühte sich der Professor um eine Erklärung für diesen emotionalen Ausbruch. »Aber Mara, das ist doch nur eine alte Geschichte aus der Edda. Und außerdem wollen wir die ja verhindern, die Götterdämmerung … äh, nicht wahr, Willi?«

»Öh, ja, ich denke mal schon …«, antwortete der zunehmend verwirrt. Eigentlich war das doch eine Unterhaltung gewesen, die mit ihm und dem Mädchen begonnen hatte. Aber Willi musste nun langsam das Gefühl bekommen, keine allzu große Rolle mehr zu spielen. Wie konnte er ahnen, dass seine Rolle nicht nur nicht groß, sondern im Gegenteil so winzig klein war, dass selbst ein Bakterium ein Mikroskop gebraucht hätte, um sie wahrzunehmen.

»Also, der Heimdall hat bemerkt, dass es Loki noch gibt und dass es ihm, mal von den Fesseln und der Schlange abgesehen, in seinem Gefängnis viel besser geht als den anderen Göttern?«, überlegte Mara laut weiter.

»Ja genau, so stelle ich mir das vor«, stimmte der Professor zu. »Und daraufhin weckte er all die anderen Götter mit dem Gjallarhorn und …«

»Mit wem?«, fragten Mara und Willi gleichzeitig, und der Professor stöhnte auf. »Mit dem gellenden Horn, Mara. Eine mächtig laute Tröte, was Jungs?« Die beiden Raben nickten schicksalsergeben. Vielleicht hatte das Höllenhorn die beiden mehr als einmal aus der Luft getutet. Mara war froh, dass Willi die Augen auf der Straße hatte und nicht auf die beiden Raben achtete.

»Und kaum waren sie alle wachgegjallart, beschloss man, was zu unternehmen«, sprach der Professor gerade weiter. »Aber wie sollten die alten Götter das anstellen? Kaum jemand glaubt mehr an sie, keiner bringt ihnen mehr Gebete oder Opfer dar. Und ich denke, wenn ein Gott nichts mehr hat außer vielleicht die Erwähnung in einem Wochentagsnamen, dann ist da nicht mehr viel zu wollen. Odin und Konsorten sind heute nur noch Schatten ihrer selbst. Darum fürchten sie alle Lokis Rache, denn nun ist er – dank seinem Gefängnis jenseits von Raum und Zeit – der mächtigste Gott aller Asen!«

»Also, davon hab ich bis jetzt in keinem Song von Manowar gehört«, murmelte Willi.

Aber Mara war viel zu aufgeregt, um jetzt auf ihn zu achten. »Und weil sie so schwach waren, haben sie nach einem Menschen gesucht, der ihr Fass sein sollte?«

»Wer sie? Ich komm nicht ganz mit«, versuchte Willi einzuwerfen und wurde weiterhin ignoriert.

»Richtig!«, rief der Professor so laut, dass Willi zusammenzuckte. »Und darum hast du eben doch eine ganz spezielle Fähigkeit!«

Willi sah verwirrt zum Professor. »Wer? Warum? Wer hat jetzt hier eine Fähigkeit? Sagt mal, was ist denn hier bitte los!?«

Professor Weissinger setzte sofort sein bestes Harmlosgesicht auf und sprach mit der Ruhe eines tibetischen Mönchs kurz nach der Morgenmeditation: »Gar nichts ist los, alles ist in bester Ordnung, wir unterhalten uns nur.«

Doch das schien Willi nicht zu genügen. »Also bitte, ihr schlurft auf der Landstraße rum, habt zwei Raben dabei und redet vom Ende der Welt als wär’s morgen Vormittag um neun! Entschuldigung, aber seid ihr noch ganz dicht?«

Du glaubst ja gar nicht, wie oft ich mir diese Frage in der letzten Zeit gestellt hab, dachte Mara ...

Gleichzeitig hatten sie nun beide erkannt, dass sie wohl ein wenig zu weit gegangen waren. Auch Hugin und Munin blickten recht vorwurfsvoll drein.

Diese Situation war, zumindest für Mara, eine neue Erfahrung. Jetzt bin ich schon wie der Professor, dachte sie. Kaum dass ich was durchblickt hab, krieg ich einen Laberflash. Oh Mann.

Wie immer war es Professor Weissinger, der eine Antwort parat hatte. »Ach nein …«, winkte er ab. »Es ist alles viel banaler, als Sie denken. Mara soll nur in einer Schulaufführung die Frau des listigen Gottes Loki spielen …«

»Genau, Sigyn! Ich spiel die Sigyn, nämlich!«, warf Mara etwas zu laut ein, und der Professor nickte. »Exakt, und das Stück ist leider ein wenig kompliziert. Da ich mich in dem Thema recht gut auskenne – rein hobbymäßig – muss ich ihr nun helfen, die Zusammenhänge zu klären.«

»Schulaufführung?«, sagte Willi und zog seine Stirn in Falten. Er sah skeptisch aus, und beide starrten ihn erwartungsvoll an. Würde er den Köder schlucken?

Doch da lachte der massige Mann hinter dem Steuer und schüttelte den Kopf. »Du liebes bisschen, das kenn ich noch von früher. Musste da auch ein paar Mal mitmachen und hab nie verstanden, um was es geht!« Und dann lachte er so laut, dass es in Maras Ohr ein paarmal ganz laut knackste. »Schon in der dritten Klasse haben wir die Fabel von dem Hasen und dem Igel aufgeführt, und ich hab’s nicht gerafft! Ich war damals schon ein bisschen pummelig und sollte darum die Doppelrolle von Herrn und Frau Igel spielen. Hab aber das Stück nie gelesen und drum nicht gecheckt, warum ich immer schon da sein sollte, wo doch der Hase viel schneller läuft, hahaha!«

Um Gottes willen, schau nach vorne!, dachte Mara, als Willi auffordernd zu seinen beiden Beifahrern hinüberlachte. Irgendwie war klar, dass er erst wieder nach vorne schauen würde, wenn sie beide genug mitlachten. Also bemühte sich Mara, ebenso wie Professor Weissinger, um ein einigermaßen authentisches Gelächter. Hauptsache, der schaute wieder nach vorne.

»Na, dann macht mal weiter mit eurer Analyse, ich find’s ja ganz spannend. Lern ich vielleicht doch noch was«, kicherte Willi und wendete sich dann endlich wieder der Straße zu.

Mara und der Professor sahen sich an, und beide atmeten so erleichtert aus, dass sie den Luftzug des anderen in ihren Gesichtern spürten. Das erinnerte Mara an etwas anderes: »Ähm, Sie haben nicht zufällig einen Kaugummi oder ein Mintdrops oder so was in der Art?«

Willli lachte noch einmal: »Haha, na klar. Direkt vor dir in der Ablage findest du ein ganzes Sortiment an »Lufterfrischern«, wenn du das meinst.«

»Mein‘ ich, danke«, antwortete Mara, fummelte zwei Lutschpastillen aus einer Packung, auf der die Worte »Fresh« und »Extra« besonders groß gedruckt waren, und steckte sich eine davon in den Mund. Die andere legte sie dem Professor in die dankbar geöffnete Hand.

»Wo waren wir? Ach ja, richtig«, fuhr dieser schließlich vielsagend fort. »Nun, Mara … die Rolle, die du in dem Ganzen spielst, ist tatsächlich die eines Fasses.«

»Hey, das wär doch eigentlich eine Rolle für mich!«, warf Willi ein und kicherte wieder.

»Glauben Sie mir, das wollen Sie nicht spielen«, antwortete Mara trocken.

»Es ist ja auch eher ein Fass im Sinne eines perfekten Behälters gemeint«, erklärte der Professor. »Bei anderen, weniger perfekten Fässern ginge vielleicht was daneben, und da läuft auch schon mal was aus, verstehst du? Bei dir eben nicht. Wenn man dich mit Götterkräften auffüllt …« Professor Weissinger sah kurz zu Willi hinüber, der schon wieder die Stirn runzelte. »Also, dich in der Rolle in dem Stück, du verstehst …« Und Mara nickte eifrig.

»Also, wenn man dich mit Götterkraft auffüllt, dann kann man sicher sein, dass du nichts davon verschwendest und dass es im Sinne der Sache eingesetzt wird. Weil du ein reines Herz hast und weil du nichts nur zu deinem eigenen Vorteil tun würdest.«

Mara überlegte einen Moment. Dann zuckte sie mit den Schultern. »Tja, das haben die jetzt davon, die Götter. Eine Spákona, die keinen Bock hat und dazu ’nen größenwahnsinnigen Esoknilch, einen jähzornigen Feuerbringer und ein gemeingefährliches Eichhörnchen.«

»So!«, rief Willi dazwischen. »Jetzt reicht’s mir aber!«

Erschrocken sahen Mara und der Professor ihn an.

»Das ist ja wohl der größte Schwachsinn, den ich jemals gehört hab!«, schimpfte Willi weiter, und sein Gesicht wurde dabei immer röter. »Was für ein blödes Theaterstück ist das denn bitte? Was denken sich denn die Lehrer bei so was! Warum kann man die alten Geschichten nicht einfach so aufführen, wie sie gehören! Muss da immer dieser moderne Kram mit rein ge… gedingst werden? Ich meine, was hat bitte ein Eichhörnchen mit der Götterdämmerung zu tun?«

»Mehr als Sie denken«, sagte Mara leise, aber Willi hörte es nicht, denn er war jetzt richtig wütend.

»Wieso müssen Kinder in deinem Alter ein Stück spielen, das hinten und vorn keinen Sinn macht, außer man entschlüsselt es zusammen mit dem Opa, der sich zufällig damit auskennt!? Also, da ist was ganz schön faul an unserem Schulsystem, sag ich euch! Ich weiß schon, warum ich da selten war, in dem Laden. Also wirklich! Götterdämmerung mit Eichhörnchen, wo gibt’s denn so was!?« Willi lachte trocken und verstellte dann seine Stimme zu einem theatralischen Säuseln. »Oh nein, seht, da ist das Eichhörnchen, und es stürzt uns alle in die Hö…«

In dieser Sekunde stieg Willi so brutal auf die Bremse, dass Mara von dem Gurt die Luft wegblieb!

Die Bremsen quietschten, und sie spürte gleichzeitig, wie das Gewicht des Anhängers den Truck nach vorne und zur Seite schob! Würden sie umkippen? Nein, Willi war ein routinierter Trucker und hatte das riesige Gefährt sofort wieder unter Kontrolle. Dann kam der Laster endlich zum Stillstand, und Mara schaute erschrocken hinüber zu Willi. Der sah aus, als hätte er ein Gespenst gesehen.

»Hallo?«, fragte Mara vorsichtig, aber Willi reagierte nicht. Er sah nur nach vorne und blinzelte nicht einmal.

»Mara! Da!«, rief der Professor und deutete schräg nach unten auf die Straße. Mara folgte seinem Zeigefinger und sah: Ratatösk.

Das kleine rote Eichhörnchen saß mitten auf der Straße. In den putzigen Krallen hielt es den Stab, und nach wie vor war der Delfin oben befestigt.

»Was will es?«, flüsterte Mara. Obwohl sie oben im Führerhaus des LKWs saßen, war ihr irgendwie mulmig zumute.


»Keine Ahnung«, gab der Professor zurück. »Aber es sieht wütend aus, findest du nicht?«

Da meldete sich Willi zu Wort. »Warum geht das Tier nicht weg? Und warum hat es ein Stück Holz?«

Bevor irgendwer was antworten konnte, griff Willi zur großen Drucklufthupe und zog. Ein lautes dröhnendes Tuten ertönte. Das Eichhörnchen rührte sich nicht.

»Wer das Gjallarhorn gewöhnt ist, dürfte sich kaum vor einer Lastwagenhupe fürchten«, murmelte der Professor.

»Gibt’s doch nicht.« Willi schüttelte erstaunt den Kopf und drückte dann auf den Fensterheber.

»Moment!«, entfuhr es Mara erschrocken, die genau wusste, wie schnell Ratatösk in Willis Haaren stecken würde, wenn es nur wollte. Doch Willi hatte schon seinen Kopf aus dem Fenster geschoben und machte: »Ksch! Ksch! Gehste weg! Ja, gehst du weg!«

Er wartete einen Moment, aber nichts passierte. Willi zog seinen Kopf wieder zurück und setzte sich gerade hin. Dann zuckte er mit den Schultern. »Dann halt nicht«, sagte er und startete den Motor.

»Sie wollen doch nicht …«, rief Mara erschrocken und wunderte sich im selben Moment, warum ihr das jetzt gegen den Strich ging. Das da vorne war Ratatösk, verdammt noch mal! Ihr Feind! Und er hatte ihren Stab, verdammt! Eine Stimme in Mara schrie: »Fahr’s platt!« Eine andere, zaghaftere Stimme flüsterte jedoch gleichzeitig irgendwas von »Puschelschwänzchen« und »Knopfaugi« und war trotz der Flüsterei irgendwie viel, viel lauter. Warum musste es auch ausgerechnet ein Eichhörnchen sein!

Der Professor sagte gar nichts, aber seine linke Hand suchte Halt an einem Griff über der Tür. Auf was, bitte, bereitete er sich denn vor?

»So. Wird spät, ich muss los«, sagte Willi trocken und löste die Handbremse. Er startete den mächtigen Motor der Zugmaschine, und Mara spürte die Vibration im ganzen Körper. Sie bemerkte, wie die beiden Raben freudig erregt mit den Flügeln schlugen und ertappte sich kurz dabei, sie voll gemein zu finden.

Willi ließ den LKW einen drohenden Ruck vollführen, aber Ratatösk zuckte nicht mal.

»Das gibt es doch nicht«, brummte der massige Mann und schickte sich nun tatsächlich an, das kleine Tier zu überrollen.

»Nein!«, schrie Mara und fasste Willi an den Arm. Das war nicht richtig! Egal, was das Mistviech getan oder vorgehabt hatte zu tun, das war falsch!

Und da kam plötzlich Bewegung in das Eichhörnchen. Es hob den Stab hoch über den kleinen Kopf. Mara und der Professor duckten sich instinktiv. Die Knopfaugen funkelten wütend. Der Motor röhrte ein weiteres Mal auf …

… und Ratatösk warf Maras Stab wütend vor sich auf die Straße. Dann machte es eine uneichhörnchenhafte Bewegung, die sie alle hochgradig erstaunte, und war dann so schnell verschwunden, als hätte es jemand weggebeamt. Nur das raschelnde Gebüsch am Straßenrand verriet, dass hier gerade ein kleines Tier durchgeschlüpft war.

Eine ganze Weile war es still im Truck. Dann schaltete Willi den Motor wieder aus. Erst nach einer weiteren langen Pause drehte er sich zu Mara und dem Professor und sagte dann mit lahmer Stimme: »Hat dieses Tier gerade wirklich das gemacht, was ich glaube, dass es das gemacht hat?«

Mara nickte, und der Professor tat es ihr gleich.

»Und ich hab mir das nicht nur eingebildet, es hat damit tatsächlich mich gemeint?«

Wieder nickten die beiden. Es hatte eindeutig Willi angesehen.

Dann war es wieder still. Willi überlegte.

»Also bin ich nicht verrückt, wenn ich jetzt sage, dass da gerade ein Eichhörnchen mit seinen kleinen ausgestreckten Fingerchen erst auf seine eigenen Augen und dann auf meine gedeutet hat, als wäre es Robert De Niro, der sagen will: ›Ich sehe dich, Mann.‹?«

»Nein, ich finde, das haben Sie sehr treffend beschrieben, Willi«, antwortete der Professor. »Willst du nicht deinen Stab holen, Mara?«

Mara nickte. Der Professor öffnete die Beifahrertür, löste seinen Gurt und stieg aus. Mara kletterte hinter ihm aus dem Führerhaus und ging um den Kotflügel des Wagens herum. Kaum zu glauben, aber hier lag ihr Stab, scheinbar unversehrt. Sie hob ihn hoch und spürte sofort die vertraute Kälte.

»Ob das vielleicht so was wie eine Falle ist?«, fragte sie, als sie zum Professor trat und dabei den Stab nicht aus den Augen ließ.

»Keine Ahnung. Aber ich glaube, ehrlich gesagt, dass Ratatösk einfach nur sauer war, dass der Stab wider Erwarten keine eigene Kraft hat und der Delfin auch bereits ausgelaugt ist.«

»Sie meinen, das Mistviech dachte die ganze Zeit über, es wären der Stab und der Delfin, die mir meine Kräfte verleihen?«

Der Professor nickte. »Nun, das wäre doch eine gute Erklärung, warum es hinter beidem so hartnäckig her war, oder?«

Mara versuchte, sich an die Situationen zu erinnern, in denen ihnen Ratatösk begegnet war, und es war tatsächlich so, wie der Professor gesagt hatte: Das Puschelmonster war immer nur an dem Stab und dem Delfin interessiert gewesen und nicht an Mara. Gut, ihre Haare mal ausgenommen, aber das war wohl so eine Mischung aus Wut, Boshaftigkeit und Spieltrieb gewesen …

»Ja, da haben Sie vielleicht wirklich recht«, überlegte Mara und kletterte mit dem Stab wieder ins Führerhaus. Dort saß immer noch Willi und schaute auf die Stelle, wo vor einer Minute noch ein Eichhörnchen seinem Truck getrotzt und ihn danach recht eindrucksvoll bedroht hatte.

»Es hat so gemacht …«, wisperte Willi ungläubig und machte die Geste dabei ein paar Mal fahrig nach. »Das Eichhörnchen hat so gemacht. Ich hab’s gesehen. Ich dreh durch.«

»Ach bitte, tun Sie das nicht, Willi. Das ist nicht gut für Ihren und erst recht nicht für unseren Zeitplan«, ließ sich der Professor vernehmen, als er hinter Mara ins Führerhaus stieg. »Wir können Ihnen das gerne alles erklären, wenn Sie wollen. Aber danach müssten wir sie leider erschießen.«

Willis Gesichtszüge entgleisten, als wären hier die Schienen zu Ende. Mara sah den Professor vorwurfsvoll an, und der winkte seufzend ab. »Gut, das war vielleicht jetzt nicht der allergeschmackvollste Scherz, aber ich versichere Ihnen, es war trotzdem einer.«

Es dauerte eine lange Sekunde, bis sich Willi ein »Witzig« abrang.

»Danke«, antwortete der Professor der Höflichkeit halber.

»Ähm, wollen wir vielleicht weiterfahren?«, schlug Mara etwas hilflos vor. »Wir könnten uns ja während der Fahrt auch noch weiterwundern … oder so.«

»Von wegen!«, rief Willi jetzt ganz aufgebracht. »Entweder ihr erzählt mir jetzt, was hier los ist, oder ihr steigt sofort aus! Irgendwas läuft hier ganz komisch, und ich kann es gar nicht leiden, wenn mich jemand verscheißert, und warum schaut mich der eine Rabe so komisch an?«

»gleymið«, sagte Munin, und Willi wurde still.

Kapitel 7


Willi fuhr die beiden sogar bis vor die Tür des Museums in Kalkriese. Sie bedankten sich artig und winkten dem netten Trucker noch hinterher. Der ließ noch einmal fröhlich die trötende Hupe erschallen, und dann war Willi mitsamt seinem riesigen Lastzug verschwunden.

»Nun, Munin, ich denke, da können wir uns nur bedanken«, sagte der Professor und schaute zu Mara.

Die nickte. »Ja, danke. Das war schon alles ein bisschen wenig schlau von mir, und es ist auf jeden Fall besser, wenn er sich jetzt an nix mehr erinnert. Aber ich wollte doch nur versuchen, ob wir irgendwie reden können ohne …«

»Ohne etwas zu sagen?«, beendete der Professor ihre Erklärung amüsiert und Mara musste grinsen. Im Nachhinein kam sie sich wirklich ziemlich blöd vor. »Aber wir konnten doch auch nix dafür, dass das verdammte Puschelmonster plötzlich auf der Autobahn steht.«

»Nicht direkt, nein«, lachte der Professor. »Auf jeden Fall ist mir jetzt klar, dass du, Munin, deinen Namen völlig zu Recht trägst.«

»Was heute Hugin, ist morgen Munin«, entgegnete der Rabe und neigte seinen Kopf.

Mara war überrascht, dass sie auch mal ein Rätsel verstand, ohne dass es ihr der Professor erklären musste. Hugin hieß so viel wie »Gedanke« und Munin war die »Erinnerung«. Also bedeutete der Satz des Raben: Der Gedanke von heute ist die Erinnerung von morgen.

»Wo er recht hat …«, begann der Professor und wendete sich dann an die beiden Raben. »Es ist zwar ebenso logisch wie verrückt, dass ein Vogel namens Erinnerung selbige auch nehmen kann. Aber ich frage mich nun doch, was ihr noch so draufhabt.«

Die Antwort der Raben bestand aus einem stummen Blick.

Mara musterte die beiden Vögel. Ob sie auch nur geliehene magische Kräfte hatten, so wie sie selbst? Nein, gab sie sich selbst die Antwort. Dies waren Odins Raben, und der hatte sicher Besseres zu tun gehabt, als alle paar Tage für seine Vögel Tankstelle zu spielen.

»Nun ja, eine Aufzählung hätte mich jetzt auch gewundert«, murmelte der Professor und zuckte mit den Achseln. »Wie sieht’s aus, Mara Lorbeer? Wollen wir mal schauen, ob unser Gepäck noch da ist?«

»Viel wichtiger ist mir, ob da immer noch Wäsche zum Wechseln drin ist«, erwiderte Mara, die sich schon seit Stunden so verpappt und zerdrückt vorkam wie ein Klebestift im Kindergarten.

Wenige Minuten später standen sie auch schon vor der Sicherheitstür des Gebäudes, das die Restaurationsabteilung und die Büros des Museums beinhaltete. Dort hatten sie gestern ihre Koffer zurückgelassen. Der Professor wollte gerade den Finger nach der Klingel ausstrecken, als sie beide erschrocken zusammenfuhren.

»Wo. Ist. Mein. Auto?«

Mara und der Professor drehten sich um und blickten in die furiosen Augen von Stefanie Warnatzsch-Abra. Die Exfrau von Professor Weissinger sah aus, als würde sie jeden Moment spontan explodieren, und als könnte nur eine ehrliche Antwort sie davon abhalten.

»Du bist aber früh hier«, antwortete der Professor ungerührt und lächelte dazu unschuldig.

»Ich bin nicht früh hier, du Scherzartikel, sondern lange!«, entgegnete Steffi scharf. »Denn als ich irgendwann gegen drei Uhr endlich aus dem Büro kam, stand mein Auto nicht mehr auf dem Parkplatz.«

»Geklaut? Ach du liebe Zeit, aber wer sollte denn ausgerechnet hier …«, wollte der Professor gerade loslügen, aber er wurde sofort unterbrochen.

»Du«, sagte Steffi. »Du und dieses wunderliche Mädchen.«

Wunderlich? Na toll, vielen Dank. Genau das wollte ich nie sein. Hab ich also doch was geerbt von meiner Mama, dachte Mara und verdrehte die Augen.

»Du brauchst gar nicht so zu gucken, als würdest du um Beistand von Oben bitten, junge Dame!«, schimpfte Steffi weiter. »Der hilft euch jetzt auch nicht! Los, raus damit. Wer sonst weiß, wo ich seit Jahr und Tag meinen Ersatzschlüssel versteckt habe?!«

»Dein amtierender Ehemann vielleicht?«, entgegnete Professor Weissinger lahm.

Steffi lächelte ihn kalt an. »Eloquent pariert, Herr Professor. Aber ich wüsste nicht, warum der extra seine Studien in Norwegen abbrechen sollte, um mal eben mein Auto den Teutberg runterzuschubsen!«

Diese Antwort ließ sogar Professor Weissinger kurz die Balance verlieren, und er brauchte einen Moment, um das zu verarbeiten. Auch Mara war erstaunt. Woher wusste sie …

Stefanie Warnatzsch-Abra war anzusehen, dass sie diesen Moment genoss: »Da fragt ihr euch jetzt, wie ich das wissen kann, nicht wahr? Nun, die Antwort ist denkbar simpel. Ich habe gestern Nacht direkt das Auto als gestohlen gemeldet und siehe da, eben gerade bekam ich einen Anruf, dass man es gefunden hat: bei Detmold, zwischen ein paar Bäumen am Hang des Teutbergs! Der Polizist am Telefon ist wohl ebenso ein Witzezäpfchen wie du, Reinhold, denn er sagte, er hätte nur am Nummernschild erkannt, dass es sich bei dem Haufen um ein Auto handelt. Hahaha!«


Gott sei Dank war Mara nicht zum Lachen zumute. Ihr war das Ganze einfach nur fürchterlich unangenehm. Denn schließlich hatte Steffi ja einfach nur recht!

Inzwischen hatte der Professor allerdings genug Zeit gehabt, um sich einigermaßen zu sammeln. Er hob beschwichtigend die Hände. »Hohoho, nun mal langsam, verehrte Frau Professor. Das heißt doch noch lange nicht, dass wir …«

Steffi nickte. »Zugegeben, ich kann es nicht beweisen. Aber hier sind die erdrückenden Indizien: Ihr musstet gestern von hier verschwinden. Zu Fuß ist so gut wie sinnlos, gestern fuhr aber auch kein Bus mehr, und der Mann vom Taxifunk in Bramsche hat gestern Abend niemanden hier abgeholt, jadahabichangerufenunterbrichmichnicht. Du kennst mein Auto, du weißt, wo der Ersatzschlüssel ist, und ihr hattet es eilig. Trotzdem habt ihr euer Gepäck hiergelassen, somit hattet ihr vor zurückzukommen! Also?«

Wow, die hat’s ja ganz schön drauf, dachte Mara. Nicht schlecht. Vielleicht muss man so was als Archäologin aber auch können, wenn man nach der Buddelei die Funde deuten soll.

Aber Steffi war noch nicht fertig. Sie deutete auf Maras Stab. »Und jetzt will ich zwei Dinge: erstens den Delfin wieder zurück, und zweitens eine ehrliche Antwort auf die Frage: WARUM!«

Bevor der Professor wieder dagegenhalten konnte, hatte Mara den kleinen Bronzedelfin vom Stab gezogen. Sie reichte ihn Steffi, und ihre Stimme klang belegt. »Hier. Vielen Dank, der hat uns letzte Nacht das Leben gerettet. Von außen sieht er genauso aus wie gestern, also können sie ihn jetzt wieder in die Vitrine legen.«

Steffi nahm das kleine Kunstwerk und sah Mara nachdenklich an. »Komisch. Gerade eben noch wollte ich unbedingt wissen, was ihr da mitten in der Nacht in Detmold zu suchen hattet … und jetzt fühlt es sich so an, als sollte es mir unbedingt egal sein.«

»Ich kann nur so viel sagen«, meldete sich der Professor zu Wort. »Es ist besser für dich, wenn du nichts weißt.«

»Reinhold, ich bin wie du. Ich hasse es, etwas nicht zu wissen. Erst recht dann, wenn ich etwas besser nicht wissen sollte. Also raus mit der Sprache. Und wehe, die Antwort gefällt mir nicht, dann werd ich richtig sauer, und du als mein Herr Ex weißt, was das bedeutet. Also?« Und dabei sah sie Mara durchdringend an.

»Ähm … gleymið«, antwortete Mara und erreichte damit nichts als einen fragenden Blick. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie die beiden Raben mitleidig den Kopf schüttelten.

Alles klar. Ich kann grad gar nix außer dem üblichen Seherinnenmist, dachte Mara frustriert. Na, ganz toll, Hauptsache, ich bin das coole Fass, das man so spitzenmäßig mit Götterkräften füllen kann. Wenn nur mal welche da wären. Echt spitze!

Am liebsten hätte sie Steffi einfach alles erzählt, aber das würde nicht anders laufen als ihr erstes Treffen mit Professor Weissinger. Und der hatte ihr ja auch erst geglaubt, als … hm.

Sie sah wieder zu den Raben hinüber, dann zum Professor, und in ihrem Kopf entstand so etwas Ähnliches wie ein Plan.

»Liebe Steffi, so leid es mir tut, ich kann dir leider wirklich nicht sagen, warum das alles passiert ist«, erklärte der Professor gerade.

»Wieso? Meinst du, ich bin zu dumm, es zu verstehen?«, schnappte Steffi.

»Aber nein, nein, ganz im Gegenteil! Ich würde sogar sagen, du bist viel zu intelligent und würdest darum tausend und einen Grund finden, warum das alles Quatsch ist, was wir erzählen! Trotzdem ist es nichts als die Wahrheit.« Dem Professor war anzusehen, dass er nicht weiterwusste. Der höchst reale Fakt des kaputten Autos passte nun mal überhaupt nicht zu dem ganzen irrealen Götterwahnsinn.

»Wie sagt der Engländer so schön: Try me«, erwiderte die Archäologin und sah den Professor herausfordernd an.

Der blickte zu Mara, und sie nickte nur. Wenn Hugin und Munin ein Problem darin sahen, dass die Exfrau des Professors eingeweiht war, würden sie auch ihre Erinnerung löschen, wie sie das bei Willi getan hatten. Da war sich Mara sicher.

Inzwischen hatte sie sowieso das komische Gefühl, dass die beiden Vögel eine ziemlich gute Vorstellung davon hatten, was wie zu passieren hatte. Oder zumindest, was auf keinen Fall passieren durfte. Gerne hätte sie die beiden sofort zur Rede gestellt, aber erstens war jetzt nicht der geeignete Moment für eine Unterredung zwischen ihr und zwei sprechenden Vögeln, und zweitens würden die eh wieder in grenznervigen Rätseln sprechen. Darauf hatte sie schon unter normalen Umständen keinen Bock.

Da musste Mara einmal kurz trocken in sich hineinlachen. Normale Umstände? Was war bitte normal an einer Diskussion mit zwei mythologisch reimenden Raben?

Der Professor atmete einmal entschlossen durch, und sein Blick wurde sanft. »Also gut, Steffi. Wo können wir bequemer reden als hier vor der Tür?«

»Hier vor der Tür«, antwortete die Professorin trocken. »Ich würde es nur vorziehen, wenn es jetzt passiert und nicht erst, wenn wir alle in Walhalla hocken.«

Professor Weissinger seufzte. »Oder in der Hel, nun gut. Mara, willst du, oder soll ich?«

»Ich will«, sagte Mara und schickte eine stumme Frage zu den beiden Raben. Die gaben ihr ebenso stumm die Antwort, die sie sich erhofft hatte, und Mara streckte die Hand nach Steffis Schulter aus.

»Um Gottes willen, nicht SO!«, rief der Professor, aber er war zu langsam.

Kapitel 8


Ein Becher schlug direkt neben Mara auf, und Bier spritzte in alle Richtungen. Der Raum war erfüllt von Gelächter, Gesang und Geschrei. Und von Wikingern.

Sofort zog Mara Steffi hinter eine dicke Holzsäule und hob trotz des Lärms die Finger an die Lippen. Aber Steffi war im Moment eh nicht in der Stimmung für ein Schwätzchen. Ihr Hirn wurde gerade via Augen und Ohren mit Eindrücken geflutet, die es zu verarbeiten galt.

Mara ging es, ehrlich gesagt, nicht so viel anders. Sie hätte unmöglich sagen können, wie viele Menschen tatsächlich in dieser Halle waren. Hunderte? Tausende? Außerdem hatte sie noch nie eine Halle dieser Größe gesehen. Ach was, das war keine Halle, das war ein überdachter Landkreis! Okay, es gab Wände, es gab Säulen, und es gab ein Dach … aber allein die unzähligen riesigen Türen, durch die man Willis Truck hätte quer durchschieben können … dieser Ort widersetzte sich ganz einfach jeder Beschreibung.

Mara suchte nach einem Vergleich, der ihr half, das Ganze für sich selbst zu erfassen, und das Beste, was ihr einfiel, war: hölzernes Oktoberfestzelt von der Größe einer Großstadt. Mit Wikingern drin. Dafür ohne Blasmusik.

Als hätte jemand ihre Gedanken gelesen, dröhnte in dem Moment ein Geräusch los, das sich nur deswegen in den Themenkreis »Musik« einordnen ließ, weil zu dem scheppernden Getröte auch Trommeln geschlagen wurden. Die Tausendschaften von Wikingern grölten los, wer noch stehen konnte, erhob sich, und wer das nicht mehr konnte, erhob sich trotzdem, stand aber nicht lang. Dazu wurden Trinkhörner und Becher erhoben, und ein Wort gebrüllt. Immer und immer wieder.

Mara hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, so laut war das Gebrüll. Aber gleichzeitig hätte sie zu gerne verstanden, was die Saufkumpane da eigentlich in die Halle schrien.

Da krallten sich Steffis Finger in Maras Arm, und sie zeigte zitternd in den Tumult. Mara folgte ihrem Blick und sah, wie sich die Menge respektvoll teilte, um jemanden durchzulassen. Sie erkannte einen großen Mann mit schneeweißem Bart, der langsam auf einen der Plätze mitten unter den Leuten zuschritt. Er trug einen großen grauen Schlapphut und ein ebensolches, wallendes Gewand. Ein einfacher Gürtel mit einem Schwert raffte den Stoff um die Hüfte, und auch ansonsten machte seine Aufmachung nicht den Eindruck einer sonderlich wichtigen Person. Das war auch gar nicht nötig, denn von diesem Mann ging eine dermaßen gleißende Kraft aus, dass Mara im ersten Moment dachte, es würde sie blenden. Doch als sich ihr seherischer Blick darauf eingestellt hatte, wurde es nicht nur erträglich, sondern sogar irgendwie … wärmend.

»D… der sieht aus wie … das ist …«, stotterte Steffi leise.

»Gandalf«, vollendete Mara den Satz, denn das wusste sie ja nun bereits. Zu dem einen Unterschied, der Augenklappe, hatten sich nun auch noch zwei andere Unterschiede gesellt: Odin wurde begleitet von zwei Wölfen.

»Odin! Das ist Odin höchstpersönlich! Ich werd verrückt«, flüsterte Steffi einfach weiter und machte unwillkürlich einen Schritt hinaus aus ihrer Deckung in die Halle hinein.

Ruppiger, als sie gewollt hatte, riss Mara die erwachsene Frau wieder zurück hinter den reich verzierten Holzbalken. »Bitte nicht! Es wäre echt besser, wenn die uns gar nicht bemerken! Ich glaube nämlich, dass die uns sehen könnten. Ich hab zwei Arten von Visionen. Entweder erzählt mir wer was, und es ist wie eine Art Film, wo ich einfach nur zuschaue und keiner mich sieht, oder ich steig selber rein in die Vision, und dann bin ich aber auch wirklich da.«

»Ah…, aha?«, stammelte Steffi nur.

»Ja, zumindest ist das meine Vermutung, und irgendwie passt es zu dem, was wir bisher so erlebt haben. Garantie hab ich keine. Ist auf jeden Fall besser, wenn wir hier stehen bleiben. Oder wieder abhauen. Ich wollte ja nur zeigen, was hinter der ganzen Sache steckt – und zwar so, dass Sie mir glauben. Glauben Sie mir jetzt?«

»Ich … ich weiß nicht … das ist alles sehr …« Steffi war noch nicht bereit für ganze Sätze nach den geltenden grammatischen Regeln. Zu sehr war sie damit beschäftigt, alles in sich aufzusaugen, was sich vor ihren Augen abspielte.

»Gut, dann bleiben wir noch ein bisschen. Aber nicht mehr lange, weil es geht bestimmt gleich wieder was schief«, sagte Mara.

»Es geht was schief? Was denn?«, fragte Steffi zögerlich.

»Keine Ahnung. Aber schiefgehen wird es.«

Gerade hatte sich Odin gesetzt, und nach ihm nahmen auch alle anderen in der Halle wieder Platz. Mara fiel auf, dass der oberste Gott offensichtlich keinen Wert auf allzu große Sonderbehandlung zu legen schien. Zumindest war der Platz, auf den er sich gesetzt hatte, von den anderen Tausenden Sitzplätzen nicht zu unterscheiden.

Vorsichtig wagte sich Mara nun doch etwas weiter aus ihrer Deckung. Da flatterte etwas über ihren Kopf hinweg, und Mara duckte sich erschrocken. Zwei schwarze Schatten rasten auf Odin zu und ließen sich dann direkt vor ihm auf dem Tisch nieder: Hugin und Munin.

Sofort zog sich Mara wieder zurück, denn obwohl die beiden Raben zu diesem längst vergangenen Zeitpunkt eigentlich noch nichts von Mara Lorbeer gehört haben konnten, wollte sie kein Risiko eingehen.

»Das ist doch alles nicht wahr, ich glaub das nicht«, hörte sie da Steffi hinter sich brabbeln.

»Also, wenn Sie es jetzt immer noch nicht glauben, dann können wir ja genauso gut wieder abhauen«, flüsterte Mara und fasste ihr an die Schulter.

»Nein, warte! WARTE!«, entgegnete Steffi und wand sich aus Maras Griff. »Ich … ich muss noch … das ist alles so … unfassbar!«

Sie lehnte sich an das Holz und starrte auf die feiernden Massen. Langsam schien sie ihre Sinne wieder aufgeklaubt und in die richtigen Regale im Hirn geräumt zu haben. »Es ist alles genau so, wie es die eddischen Texte beschreiben: die vielen Tore, das Dach aus Schilden und Speeren, Odin mit seinen Wölfen Geri und Freki, Hugin und Munin … Moment mal, saßen da vorhin nicht auch zwei Raben direkt neben euch?«

Mara nickte. »Ja, das sind dieselben. Die haben mir auch die Kraft ausgeliehen, damit ich Sie hierher bringen kann und wir uns so Diskussionen sparen.«

»Ich weiß gar nicht, ob wir uns damit Diskussionen sparen oder verhundertfachen«, sagte die Archäologin, und Mara fiel einmal mehr auf, wie viel sie mit ihrem Exmann Professor Weissinger gemeinsam hatte. Wie seltsam eigentlich, dass die beiden es nicht miteinander ausgehalten hatten. Gut, der Professor hatte argumentiert, dass genau diese Gemeinsamkeiten das Problem ausgemacht hatten. Aber Mara konnte sich nicht vorstellen, wie zu viele Gemeinsamkeiten einen Scheidungsgrund ergeben konnten. Bei Mama und Papa war es schließlich das genaue Gegenteil gewesen. Diskussionen zwischen den beiden hatten auf Mara immer so gewirkt, als würde jeder nur in sein eigenes privates Universum hineinreden. Ohne Wurmlochverbindung. Da waren zu viele Gemeinsamkeiten doch sicher deutlich besser, oder nicht?

Mara wurde aus ihren beziehungstheoretischen Gedanken gerissen, als sich in der Halle plötzlich etwas tat: Die Wand hinter ihnen bewegte sich! Nein, okay das war keine Wand, sondern der linke Flügel eines dieser gigantischen Tore. Sofort drückten sich Mara und Steffi ein Stück um die Säule herum, um auch von dort aus nicht gesehen zu werden.

Mara erkannte den Mann, der nun in die Halle schritt, sofort, obwohl er sicher zwanzig Meter von ihrem Versteck entfernt war und sie ihn nur von der Seite sehen konnte: Loki.

Am liebsten hätte Mara seinen Namen gerufen, aber natürlich riss sie sich zusammen. Sie hatte Loki ja erst getroffen, als der schon seit über zweitausend Jahren gefesselt in einer Höhle gelegen hatte. Der Loki, der da vor ihr in die Halle einmarschierte, würde Mara erst viel später kennenlernen.

Forschen Schrittes durchmaß der Halbgott die Halle und hielt direkt auf Odins Sitzplatz zu. Dabei würdigte er die Umsitzenden keines Blickes. Mara fand, er sah irgendwie wütend aus. Oder entschlossen? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall wirkte er ungewöhnlich ernst und schweigsam. Sie kannte ihn eigentlich ganz anders.

Man konnte förmlich zusehen, wie die Neuigkeit des Ankömmlings unter den Anwesenden die Runde machte. Wie in einer Mischung aus Stille Post und La-Ola-Welle drehten die Menschen ihren Kopf und wurden dann ganz still. Obwohl, das stimmte nicht so ganz. Denn wenn sich Mara nicht täuschte, hörte sie da jemanden kichern? Konnte das sein?

So ein Quatsch, dachte Mara. Warum sollten die kichern, wenn Loki hier reinspaziert? Ausgerechnet bei Loki gab es genug Gründe eben genau gar nicht zu kichern. Mara hätte sich das auf jeden Fall nicht getraut, und auch der Professor würde sich hüten. Vor allem, weil der all die Geschichten rund um Loki kannte.

Doch da war es schon wieder! Ganz eindeutig hatte da gerade jemand gelacht! Loki blieb stehen und drehte sich sehr langsam um. Sofort wurde es mucksmäuschenstill in der riesigen Halle.

Doch Loki sagte kein Wort, trat nur an einen der Tische heran und sah in die Runde. Die Krieger, die nun direkt vor ihm saßen, zogen instinktiv ihre Köpfe ein.

Loki tat einen Moment lang gar nichts. Dann erst fuhr er zwischen die Teller und Schüsseln auf dem wuchtigen Tisch und griff sich ein Stück Fleisch an einem Knochen. Er betrachtete das Stück prüfend, roch daran, während er sich wieder wegdrehte und anschickte, weiterzugehen. Doch gerade, als die Männer wieder aufatmeten, schrie jemand an einem der Nebentische auf. Schreckensschreie und Tumult zeigten Mara und Steffi, wo sie hinzusehen hatten: Einer der Krieger war aufgesprungen und machte sehr unappetitliche Geräusche. Er röchelte schrecklich und fasste sich dabei mit beiden Händen an den Hals. Sein Hals war seltsam dick, und es sah aus, als steckte etwas Großes darin fest, was den Mann am Atmen hinderte.

Mara und Steffi wendeten den Blick ab, als der Mann gurgelnd vornüberkippte und nach ein paar weiteren verzweifelten Versuchen zu atmen, hilflos mit den Armen ruderte, noch ein paarmal zuckte und dann liegen blieb.

Alle blickten zu Loki. Das Stück Fleisch in seiner Hand war verschwunden.

»Loki hat den Mann … umgebracht?«, wisperte Mara fassungslos. »Einfach so, weil er gekichert hat?«

Steffi nickte nur und sagte nichts, was man nicht auch ihrem Blick entnehmen konnte.

Niemand lachte jetzt mehr oder machte irgendein Geräusch, während Loki seinen Weg fortsetzte. Als er schließlich vor Odin haltmachte, war nichts mehr zu hören außer dem grollenden Knurren der beiden Wölfe zu Füßen des ältesten und mächtigsten Gottes der Germanen.

Seltsamerweise sprach Loki immer noch kein Wort. Das war schon ungewöhnlich. Dafür flüsterte Steffi Mara zu: »Ich hab eine Ahnung, wer das ist. Das könnte …«

»Das ist Loki«, unterbrach Mara sie ebenso leise. »Wir kennen uns. Okay, jetzt gerade kennt er mich noch nicht.«

Steffi sah Mara seltsam leer an, und Mara seufzte: »Also, dieser Loki da ist nicht der Loki, den ich … nein, das stimmt nicht. Er ist schon der Loki, den ich später mal kennenlerne, aber er weiß das jetzt noch nicht. Weil jetzt früher ist, und ich ihn erst später kennenlerne. Und weil er jetzt wohl auch … anders ist, und ich ihn jetzt gar nicht kennen will. Wie bei den Raben. Oh Mann, die will ich schon kennen, ich meine: Die wissen jetzt auch noch nicht, wer ich bin. Sein werde. Bin. So.«

Steffis Blick blieb so leer wie eine Pfandflasche, aber sie rang sich ein sehr langsames Nicken ab.

»Gut«, sagte Mara. »Ist nämlich echt nicht einfach zu erklären.«

Dann wendeten sie sich beide von dem unlösbaren Problem des Zeitreiseparadoxons ab und den Geschehnissen in der Halle zu.

Odin sagte gerade irgendetwas, das sie über die Entfernung nicht verstanden, und Loki blieb die ganze Zeit über still. Dann plötzlich lachte wieder jemand. Es war Odin persönlich. Dazu bedeutete er Loki mit einer nachlässigen Handbewegung zu verschwinden.

Loki blieb einen Moment lang unschlüssig stehen, doch als die beiden Wölfe Odins grollten, drehte er sich schließlich um und ging wortlos den Gang zwischen den Bänken zurück, den er gekommen war.

Das Lachen Odins begleitete ihn den ganzen Weg entlang, aber niemand wagte es mehr mitzulachen.

Erst als Loki die Säule passierte, hinter der Mara und Steffi versteckt waren, konnten sie ihn endlich richtig von vorne sehen. Mit diesem einen Blick beantworteten sich mehrere Fragen: erstens warum Loki nichts gesprochen hatte, zweitens warum er so wütend war auf den Kicherer und warum Odin ihn ausgelacht hatte. Lokis Lippen waren zusammengenäht mit einem dicken schwarzen Lederband.

Mara schrie auf und wusste sofort, dass das ein ganz großer Fehler war.


Kapitel 9


Unzählige Augenpaare richteten sich auf Mara. Schneller, als sie achduscheißedummdumm denken konnte, waren schon die ersten Krieger aufgesprungen und hatten ihre Waffen gezogen.

Loki selbst stieß ein ersticktes Knurren zwischen seinen zugenähten Lippen hervor, und seine düsteren Augen verengten sich zu Schlitzen. Er hatte so gar nichts von dem schalkhaften Kerl, den Mara in der Höhle kennengelernt hatte. Dieser Loki hier war ein mörderischer, rachsüchtiger Dämon!

Mara wich zurück und versuchte, Steffis Arm zu erwischen, um mit ihr körperlichen Kontakt aufzunehmen. Nur dann konnte sie sicher sein, dass sie sie wieder mit zurücknehmen würde! Sie erwischte einen Ärmel, riss ihn zu sich und konzentrierte sich sogleich auf den Platz vor dem Museumstrakt.

Professor Weissinger war ebenso überrascht, wie Mara aufgeregt war: »Wow, das war knapp!«, sprudelte sie sofort los. »Wir waren in der Halle mit den toten Kriegern! Odin war auch da und Loki! Und er hatte den Mund zugenäht, warum könnte das denn sein, oder ist das wieder irgend so eine brutale Göttergeschichte? Auf jeden Fall bin ich erschrocken und zwar zu laut. Und alle haben hergesehen, Loki auch, und da sind wir sofort abgehauen, boah, war das knapp!«

Sie sah den Professor an, doch der sagte nichts. »Hallo?«, fragte Mara. »Alles okay?«

Der Professor schüttelte den Kopf und deutete dann nur mit seinem Blick und einem Nicken seines Kinns an, wohin Mara schauen sollte. Mara drehte den Kopf und erschrak noch einmal: Sie hielt den Ärmel eines Wikingers in der Hand.

»Ah!«, rief Mara und sprang zur Seite wie ein Flummi. Gleichzeitig zog der Wikinger sein Schwert. Ein wütender Kampfschrei klang dumpf unter dem breiten Nasenschoner des Helmes hervor, als er das Schwert geschickt um den Körper kreisen ließ, um dann von ganz oben mit voller Wucht zuzuschlagen.

Mara stolperte rückwärts, prallte gegen die Hauswand und rutschte zitternd daran herab. Sie hatte keine Chance, dem Hieb auszuweichen, und wusste das. Sie wusste auch, dass es nichts brachte, die Augen zu schließen und dabei schützend die Arme über den Kopf zu heben, und tat es trotzdem.

Da hörte sie einen weiteren Schrei und öffnete die Augen. Es war die Stimme des Professors, der Maras Stab in beiden Händen hielt und gerade einen Hieb des Wikingers parierte.

»Weg von der Mauer!«, rief er ihr zu, während er sich seitlich zu seinem Gegner postierte, um weniger Angriffsfläche zu bieten und gleichzeitig die linke Hand vom Stab löste. Mit der Rechten führte er nun den Stab wie ein Schwert, ließ ihn durch eine Bewegung des Unterarmes zweimal blitzschnell kreisen und schlug dann dem Wikinger aus einem überraschenden Winkel mit voller Wucht auf die Schwerthand. Der schrie wütend auf und ging zum Angriff über. Doch sein Schwert glitt ins Nichts, denn der Professor stand nun daneben und vollführte mit dem Stab eine seltsame Drehbewegung entlang der gegnerischen Klinge. Bevor Mara verstehen konnte, wie der Professor das gemacht hatte, fiel das Schwert des Wikingers auch schon in den Kies. Mara bemerkte sehr wohl, dass der Professor sein typisches Ich-liebe-es-wenn-ein-Plan-funktioniert-Gesicht trug. Sie schrie erschrocken auf, als der Wikinger nach seiner Waffe tauchte.

Professor Weissinger schwang den Stab wie einen Golfschläger und traf das Schwert präzise am Knauf. Singend schlitterte die Waffe des Wikingers über den Kiesboden und schlug mit der Spitze am Fuß eines Baumstamms ein. Der Wikinger landete bäuchlings im Kies.

Gerade als er sich aufrappeln wollte, um hinter dem Schwert herzurennen, schob ihm Professor Weissinger den Stab zwischen die Füße. Der Wikinger vollführte einen halben Salto in der Luft, und es machte ziemlich laut PANK, als der Helm auf den Kiesboden prallte. Da der Kopf des Wikingers nach wie vor im Helm war und an dem Kopf der Rest des Wikingers dranhing, machte es wohl auch in dem Wikinger ganz schön laut PANK. Bevor der sich’s versah, hatte der Professor ihm seinen Fuß auf den Hals gestellt und schaute ihn mit einem Blick an, den Mara so noch nie an ihrem Mitstreiter gesehen hatte.

»Ekki bregð við eða ek skal þrýsta!«, sprach der Professor, und Mara ahnte schon, dass das eine Drohung war, in der das Wort zudrücken vorkam.

»Mara! Hol das Schwert!«, befahl der Professor, und Mara stolperte sofort los. Die Klinge ließ sich leider nicht so leicht aus dem Baum ziehen wie erhofft, aber nachdem sie einmal fest gegen den Griff getreten hatte, löste sich die Spitze aus dem Holz, und sie hob das Schwert auf.

Sie war überrascht, wie schwer es war. Mit der Klinge nach unten reichte sie dem Professor die Waffe. Der nahm seinen Fuß vom Hals des Kriegers und hielt ihm jetzt dafür die Spitze seines eigenen Schwertes unters Kinn.

Sehr darauf bedacht, keine hektische Bewegung zu machen, breitete nun der Wikinger auf dem Boden die Arme aus und drehte die Handflächen nach oben. Er ergab sich.

»Krass«, schulhofte es aus Mara hervor. Es passte nun mal perfekt zu der Situation. Sie war gleichzeitig verwundert und fasziniert, wie gut Professor Weissinger tatsächlich mit dem Schwert umgehen konnte.

Dieser merkte das. »Um ehrlich zu sein, ich war nicht ganz fair. Ich kenne dieses historische Schwertmodell, und es ist fürchterlich kopflastig. Damit kann man zwar wuchtig zuschlagen, aber dafür verliert man schnell die Kontrolle, wenn ein geschickter Gegner – in dem Falle also ich – an der richtigen Stelle Druck ausübt. Mit einem hochmittelalterlichen Schwert vom Typ XIII nach Oakeshott hätte er mich filettiert.«

Mara verzichtete darauf, zu fragen, was für ein Typ der Oakeshott war. Sie wollte den Professor in einer solchen Situation nicht noch in den Erzählmodus schalten. Schließlich lag da nach wie vor ein wütender Wikinger vor ihm auf dem Kies!

Der Professor ließ seinen Gegner nicht aus den Augen.

»Eingar heimskar!«, sagte er auf wikingerisch, und Mara konnte wieder nur raten, was es wohl bedeutete. Vermutlich so was wie: »Brav bleiben, Schnubbelchen, und die Flossen, wo ich sie sehen kann.« Was man eben so sagte, wenn man jemanden mit einer Waffe bedrohte.

»So, dann bring ich den jetzt mal zurück und hol Ihre Exfrau wieder«, verkündete Mara und trat neben den Professor.

»Eine klitzekleine Sekunde bitte noch!«, bat der Professor. »Lass uns wenigstens nachsehen, mit wem wir hier die Ehre haben!«

»Herr Professor! Ihre Exfrau rennt vermutlich gerade vor einem Haufen Wikinger davon!«

»Oder die vor ihr«, brummte der Professor in seinen Bart.

»Bitte?!«

»Ich sagte, du hast natürlich recht. Also dann, ich bin bereit.«

Mara beschloss, die letzten Sätze zu ignorieren, damit sie nicht noch mehr Zeit verloren, und schloss die Augen, um sich zu konzentrieren. Und öffnete sie wieder. »Geht nicht«, sagte sie nur.

»Wie, ›geht nicht‹?«

»Na, das Fass namens Mara ist wieder mal leer. Reicht grad mal für mich alleine, aber nicht für drei«, antwortete Mara und seufzte. »Wo sind denn Hugin und Munin? Vielleicht geben die mir was ab?«

Sie sah sich um. Die beiden Raben waren verschwunden. Auch der Professor wagte einen Blick zur Seite, wo die beiden vorher noch gesessen hatten, und schnaubte wütend: »Die sind doch tatsächlich abgehauen! Na, vielen Dank!«

Ein Fehler, wie er schnell bemerkte, denn der Wikinger nutzte sofort die Chance, schlug mit seinem lederumwickelten Unterarm die Klinge des Schwertes zur Seite, rappelte sich auf und rannte dann wie der Teufel davon, in Richtung des Haupthauses.

»Verdammt noch eins!«, rief der Professor und machte sich sofort an die Verfolgung. »Du musst Steffi alleine zurückholen! Du schaffst das, Mara! Ich weiß das!«

Es klirrte und schepperte, und ein überraschter Schrei mischte sich unter den Lärm. Der Krieger war mit voller Wucht durch die gläserne Eingangstüre des Haupteingangs gerannt und schlitterte auf der anderen Seite zusammen mit den Scherben über den polierten Boden. Sogar von hier aus konnte Mara sehen, wie verwirrt der Kerl war, dass etwas, das man kaum sehen konnte, so verdammt stabil war. Da schrillte auch schon die Alarmanlage los, und der Wikinger erschrak so fürchterlich, dass er Mara fast leidtat.

»Los jetzt, Mara! Tu es!!«, rief Professor Weissinger und folgte dem Wikinger durch die zerschmetterte Glastür ins Museum.

Und Mara tat es.

Kapitel 10


Als Mara in die Halle der Gefallenen trat, war dort kein einziger Gefallener. Stattdessen räumte eine kleine Armada an Frauen die Tische ab, wischte Bier vom Boden auf und rückte Bänke an ihre Stelle. Von draußen tönte Kampfeslärm.

Ist mal wieder typisch, dachte Mara. Die Jungs toben draußen rum, und die Mädels räumen auf. Dann kommen die Jungs nach Hause, sauen mit ihren Straßenschuhen wieder alles ein und wollen dann aber, dass die Mädels über die Schrammen am Knie pusten.

Andererseits … Mara überlegte. Vielleicht wollte sie doch lieber hier drin Teller stapeln, wenn die Alternative war, sich da draußen gegenseitig mit Schwertern die Birne runterzuhauen.

Genug davon. Mara griff sich ein grobes Leinentuch, das zusammengeknüllt in einer Ecke lag, wickelte es notdürftig über ihre moderne Kleidung und band es mit ihrem Ledergürtel an der Hüfte zusammen. Schließlich schulterte sie noch eine große Holzschüssel, um irgendwie einen arbeitenden Eindruck zu machen, und wagte sich aus der Deckung. Sie blieb trotzdem im Schatten zwischen den Holzsäulen und der Wand, um nicht aufzufallen.

Sie musste gar nicht lange suchen, als sie die Exfrau des Professors schon erkannte. Zugegeben, das war auch nicht sonderlich schwer. Stefanie Warnatzsch-Abra stand umringt von einer Gruppe Frauen auf einem der Tische und redete in einer fremden Sprache auf sie ein. Die Frauen hörten gebannt zu und nickten dabei eifrig. Mara wagte sich etwas näher heran und versuchte, die Aufmerksamkeit von Steffi zu erhaschen. Doch die war voll in ihrem Element und sprach wie ein Wasserfall. Vereinzelt wurden nun zustimmende Rufe laut. Anscheinend traf Steffi einen Nerv mit ihrer Rede.

»Psst! Frau Warnatzsch-Abra! Hallo, ich bin’s!«, zischte Mara zu ihr hinauf, aber sie drang nicht durch.

Verdammt, jeden Moment kommt wieder irgendein Gott mit Wölfen, Raben oder abbem Arm hier rein, und dann hab ich’s dreifach schwer, ärgerte sich Mara. Sie spürte kurz prüfend in sich hinein und stellte fest, dass ihre Kraft nicht ausreichen würde, um mit Steffi zusammen hier zu verschwinden. Okay, das ist blöd, dachte sie und sah sich etwas ratlos um. Da entdeckte sie etwas, das ihr bekannt vorkam: Eine große Schale Äpfel stand auf dem Tisch, an dem Odin gesessen hatte. Sofort war Mara klar, dass dies keine gewöhnlichen Äpfel sein konnten, denn sie schillerten golden im Licht, das von oben zwischen den Schilden hindurch in die Halle fiel.

Hatte der Professor da nicht etwas erzählt? Irgendwas mit Äpfeln, die Loki geklaut hatte? Wie war das noch gleich? Auf jeden Fall waren die Dinger irgendwie wichtig für die Götter, und was für die Götter gut war, konnte doch wohl kaum schlecht für Mara sein, oder?

Okay, bei Adam und Eva war die Apfelnummer echt schlecht ausgegangen. Hm …

Sie blickte noch einmal verstohlen auf die Früchte. Ja, die sahen auf jeden Fall so aus, als wären sie voll mit … mit Zauberdings.

Und ich brauch jetzt ganz dringend was mit Zauberdings, dachte Mara entschlossen. Im schlimmsten Fall hab ich dann halt weniger Hunger, und das ist auch nicht so schlecht.

Vorsichtig zog sich Mara aus der Gruppe der Zuhörerinnen zurück und näherte sich der Schale. Als sie nah genug dran war, drehte sie sich mit dem Rücken zum Tisch und streckte heimlich die Hand aus ihrem improvisierten Kleid. Blind tastete sie sich an der Schale hoch und griff sich einen der Äpfel.


AU! Mara zuckte zurück und starrte auf ihren blutigen Handrücken. Auf dem Tisch stand ein Rabe und funkelte sie wütend an.

»Hugin! Oder Munin! Spinnst du oder was?«, rief sie und hielt sich die schmerzende Hand. »Ich sag dir, das wirst du noch bereuen, wenn du erst einmal weißt, wer ich bin! Ich rette euch gerade allen den Hintern, verdammt!«

Immerhin hatte sie es mit ihrem Monolog geschafft, dass der Rabe sie verwirrt anstarrte. Ach ja, und auch Steffi schwieg und sah fragend herüber. Zusammen mit ihren Zuhörerinnen.

Okay, na dann … Mara gab sich einen Ruck und rannte los. Sie hörte den Raben krähen und mit den Flügeln schlagen und legte noch einen Zahn zu. Er würde jeden Moment einen Luftangriff starten, da war sich Mara sicher. Und sein Schnabel war eine verdammt fiese, schwarze, spitze Waffe! Trotzdem blieb sie nicht stehen, hob im Rennen den Apfel mit der blutigen Hand zum Mund und biss hinein.

Innerhalb einer Millisekunde fühlte sich Mara … kurzbeinig?

Sie stolperte über ihre Verkleidung, obwohl ihr die doch nur bis zu den Knien ging, und wollte sich mit den Händen an einem der Tische abstützen. Doch irgendwie war der Tisch weiter weg, als sie dachte. Mara prallte fies mit der Schulter auf eine der Bänke, bevor sie auf dem Boden aufschlug.

Gerade noch rechtzeitig hörte sie ein verräterisches Flattern über sich und hatte noch die Geistesgegenwart, die große Holzschüssel wie ein Schild über ihren Kopf zu halten. Es machte laut BONK, und direkt danach machte es leise »Krächz«. Neben ihr fiel der Rabe bewusstlos zu Boden.

»Tut mir leid!«, quietschte Mara seltsam, rappelte sich auf und lief weiter auf Steffi zu. »Frau Warnatzsch-Abra!«, rief sie und wunderte sich über ihre eigene schrille Stimme.

»Mara?!«, antwortete Steffi und sprang vom Tisch. »Aber … aber du … du bist …«

»Ja, ich weiß, ich war weg, aber jetzt bin ich wieder da, und wir hauen hier ab! Ihre Hand!«, piepste Mara heiser und streckte ihre Finger nach Steffi aus. Doch als sie ihre eigene Hand vor sich sah, erschrak Mara so sehr, dass sie fast noch einmal hingefallen wäre. Ihre Finger waren … Fingerchen!?

»Du bist … ein Kind!«, stotterte Steffi und starrte Mara völlig entgeistert an.

»Ich bin ein … aber … was?«, stammelte Mara verwirrt. Und doch schien alles darauf hinzudeuten, dass Steffi recht hatte: die Finger, die kürzeren Beine, die Stimme – Mara hatte sich verjüngt!

Alles, aber doch DAS nicht!, schrie es in Mara, ich hab ewig gebraucht, um vierzehn zu werden, bitte nicht noch mal!

»Du … du hast doch nicht etwa von den Äpfeln der Idun gegessen?!«, rief Steffi erschrocken. »Bist du denn von allen guten Geistern verl…«

Ein lautes Krachen und Knarren ließ sie verstummen, und beide sahen sich um.

Zu allem Überfluss öffnete sich direkt neben ihnen gerade eines der gigantischen Doppeltore. Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins. Okay, alle. Und in die Halle flutete durch jedes Tor eine Hundertschaft an blutverschmierten, johlenden und lachenden Wikingern.

Sie warfen ihre Waffen, Helme und Schilde achtlos zur Seite, rissen sich um die Tische, schubsten und schlugen sich feixend und schrien nach Essen und Trinken. Das verstand Mara zwar nicht, aber sie hatte trotzdem keinen Zweifel daran. Was sonst hätten sie brüllen sollen? »Für mich bitte eine Rhabarbersaftschorle mit Strohhalm?!« Oder was?

Da hatte Steffi Mara endlich erreicht und griff mit beiden Händen ihren Arm. »Los, weg hier! Die sind jetzt erst mal beschäftigt.«

Mara verstand erst nicht, was Steffi meinte. Doch als sie zurückschaute zu den Frauen, auf die Steffi vorhin so eindringlich eingeredet hatte, wurde ihr alles klar: Die Frauen sahen den Männern schweigend zu, hatten die Arme verschränkt, die Lippen zusammengepresst und bewegten sich keinen Millimeter.

Steffi grinste schelmisch. »Dachte, es kann auch hier in Walhall nicht schaden, wenn sich die Männer zur Abwechslung mal ihr Bier selber holen. Jetzt aber los.«

Mara nickte und konzentrierte sich.

Kapitel 11


Das Gute an den magischen Kräften der Äpfel war, dass es Mara spielend leicht gelang, sie beide wieder zurück in die Gegenwart nach Kalkriese zu holen. Das Schlechte daran war, dass Mara nicht älter aussah als acht Jahre.

»Daf darf doch nicht wahr fein«, lispelte Mara, kaum dass sie sich orientiert hatte, und schlug sich sofort mit der Hand auf den Mund. Ich lisple!? Ich lisple wieder?! Nein! NICHT DAS!

»Ganz ruhig, Mara, beruhige dich bitte«, hörte sie Steffi sagen, aber Mara sah wirklich überhaupt keinen Grund, sich zu beruhigen. Am liebsten hätte sie jetzt ganz laut losgeschrien und geschimpft. Sie schämte sich aber so für ihre Stimme und ihr Lispeln, dass sie es bei einem unterdrückten Wutschrei irgendwo in der Kehle beließ und dazu wie wild auf dem Kies herumtrampelte.

»Mara! Das bringt überhaupt nichts! Hör auf damit!«, rief Steffi. »Das geht wieder vorbei. Ganz sicher! Die Götter mussten regelmäßig von den Äpfeln der Idun essen, weil sie so ewig jung blieben! Das heißt, dass du ganz schnell wieder älter wirst, wenn du nicht mehr davon isst, verstehst du?«

Mara überlegte fieberhaft, was sie wohl sagen konnte, ohne dass irgendwelche S-Laute darin vorkamen. Sie entschied sich schließlich für ein multifunktionales »Aaahrgh!« und schlug dazu mit den kleinen Fäustchen so lange auf einen Baum ein, bis ihr die Knöchel wehtaten.

Da griff ihr jemand mit beiden Händen an die Handgelenke und hielt sie eisern fest. Steffi drehte Mara geschickt herum, ohne sie loszulassen und sah ihr dann direkt in die Augen. »Mara, du wirst dich jetzt beherrschen«, sagte sie ganz leise und ruhig. »Ich weiß, du kannst das. Du hast anscheinend schon ganz andere Sachen geschafft, und das schaffst du jetzt auch. Okay?«

Mara biss sich auf die Lippen und sagte nichts. Steffi seufzte. »Na gut, du siehst also nicht nur wieder aus wie acht, sondern verhältst dich auch so.«

»Gar nicht!«, rief Mara und riss sich trotzig los. Dabei hatte sie allerdings nicht wirklich das Gefühl, sich jetzt besonders erwachsen aufzuführen.

Etwas schepperte laut, und beide sahen zum Museum hinüber. Der Wikinger rannte aus dem Gebäude, als wäre der Teufel hinter ihm her. In der Hand hielt er ein seltsames Schwert: Es war an mehreren Stellen geknickt, fast wie eine Wellenlinie, und außerdem ganz schön verrostet.

Dicht hinter ihm folgte Professor Weissinger und keuchte wie eine Dampflok. Trotzdem schien er ungebrochen zu sein und schwang das Schwert des Wikingers wie ein geübter Kämpfer, während er hinter seinem Gegner herrannte. »Du … du … legst das … pff … zurück … pff …«, schnaufte er. »Das ist ein Museumsstück … du Barbar … pfff …«

Mutig stellten sich Steffi und Mara in den Weg und breiteten die Arme aus. »Stallþu!«, rief Steffi, und Mara tat ihr Bestes. »Ftallfuh!«, brüllte sie ebenso falsch wie lispelnd und kam sich sofort so dermaßen blöd vor, dass sie am liebsten spontan implodiert wäre.

Doch anstatt anzugreifen, schlug der Wikinger einen überraschenden Haken und rannte nun quer durch die Bäume und Büsche in Richtung des Parkplatzes.

Der Professor wollte direkt weiterrennen, besann sich aber dann und wendete sich kurz an Steffi: »Schön, dass du, äh, gerettet bist. Scheidung hin oder her.« Dann grinste er frech, und zu Maras Überraschung grinste Steffi sogar zurück. Doch kurz bevor er sich wegdrehen wollte, sah er noch einmal Mara an.

»Iduns Äpfel?«, fragte er, und Steffi nickte. »Geht vorbei«, sagte der Professor nur und rannte dann weiter dem Wikinger hinterher.

»Komm!«, rief Steffi Mara zu, und sie folgten ihm querfeldein in Richtung Parkplatz.

Dort angekommen, bot sich ihnen ein unerwartetes Bild: Der Wikinger war umringt von einer Schar von Touristen jeden Alters und sah aus wie ein scheues Reh. Überall riefen Menschen nach ihm.


»Schau hierher, Wickie!«

»Kuckuck!«

»Cheeeeese!«

Man stellte sich neben ihn, posierte, und es herrschte ein großes Hallo.

Etwas abseits stand Professor Weissinger auf das Schwert gestützt, und obwohl er schwitzte und schnaufte, grinste er bis über beide Ohren. »Neun Uhr, Öffnungszeit«, meinte er nur und deutete auf den großen Reisebus, aus dem immer mehr Touristen strömten. Sobald sie den Wikinger zwischen den Mitreisenden erblickten, hatten sie schneller ihre Fotoapparate und Handys gezückt als Lucky Luke den Colt und ballerten wild drauflos.

»Gibt es irgendeinen Wagen, den wir … ähm … verwenden könnten?«, flüsterte der Professor Steffi zu. Die sah ihn groß an. Aber Professor Weissinger zuckte die Achseln. »Wir müssen nach München. Dringend. Also?«

Seine Exfrau seufzte ergeben und deutete auf einen dunklen Jeep. »Der Wagen gehört dem Museum. Die Schlüssel sind im Büro. Ich geh sie holen.«

Sie drehte sich um, ging schnellen Schrittes zurück zum Bürogebäude und winkte dabei Mara heran. »Komm mit, du willst doch sicher eure Koffer?«

»Aber«, fing Mara an, doch der Professor wedelte mit der Hand. »Geh nur, ich hab das hier im Griff. Wenn die mit ihm fertig sind, wird er nicht mehr kämpfen wollen. Dann braucht er höchstens jemanden, der ihn in den Arm nimmt. Ach, und nehmt bitte das alte Schwert mit. Es ist aus der Sonderausstellung im zweiten Stock.«

Mara hob die verbogene, rostige Waffe vom Boden auf und löste sich von dem seltsamen Schauspiel. Dann folgte sie Steffi. Was sonst hätte sie tun sollen? Eben.

Als sie beide nur wenig später mit dem Gepäck zurückkamen, waren die Touristen inzwischen im Museum verschwunden. Professor Weissinger und der Wikinger standen auf dem Parkplatz und waren in ein Gespräch verwickelt. Hätte der Krieger nicht so kriegerisch ausgesehen, man hätte meinen können, dass sich hier zwei Arbeitskollegen unterhielten, bevor sich jeder in seinen Büroverschlag zurückzog. So aber bot es schon ein seltsames Bild.

»Dann nimm doch mal deinen Helm ab«, forderte der Professor ihn gerade auf, deutete auf den Helm und dann auf die Sonne. Der Wikinger zögerte kurz, zuckte dann recht modern mit den Achseln und zog den schweren Helm mit dem breiten Nasenschoner vom Kopf.

Mara war ebenso erstaunt wie der Professor, als darunter ein schmutziges, aber überraschend junges Gesicht zum Vorschein kam. Außerdem fielen lange dunkelblonde Haare aus dem Helm und kräuselten sich nun bis über die lederbedeckten Schultern.

»Hvat er nafn þitt?«, fragte der Professor, und der Junge antwortete mit einem seltsamen Wort. Er sagte: »Thumelicus.«

Professor Weissinger runzelte die Stirn, und seine Exfrau sog überrascht die Luft ein. »Das kann doch nicht …«, flüsterte sie und sah den Jungen dabei mit einem seltsamen Blick an, der diesem offensichtlich gar nicht geheuer war.

»Um waf geht’f hier, bitte?«, lispelte Mara dazwischen und hätte jetzt wirklich alles dafür gegeben, Zeichensprache zu beherrschen.

»Ich habe ihn nach seinem Namen gefragt, und die Antwort hat uns, vorsichtig ausgedrückt, überrascht«, antwortete der Professor.

»Wiefo?«, fragte Mara, während sie überlegte, wie der junge Wikinger wohl gewaschen aussah. Andererseits würde er sich ja wohl kaum für ein achtjähriges, leicht angepummeltes Lispelmädchen interessieren.

»Wie gesagt, Thumelicus«, gab der Professor zurück.

»Daf ift ein Name?«

»Ja, und zwar ein römischer. Somit ist das hier eigentlich gar kein Wikinger, sondern ein Germane.«

Mara sah den Professor fragend an. Der Junge war ein Germane, weil er einen römischen Namen trug? Hatten nicht vor allem Römer römische Namen?

Steffi antwortete für den Professor: »Das ist wieder mal typisch Reinhold Weissinger, unglaublich. Damit will er nur erreichen, dass man ihn fragt, und ich kürz das mal eben ab. Also, wenn dieser Junge DER Thumelicus ist, den wir meinen – dann ist er ein germanischer Fürstensohn, trägt aber einen römischen Namen, weil er in römischer Gefangenschaft aufwuchs. Jeder Historiker, der sich durch die Schriften des Tacitus kämpfen durfte, kennt ihn. Und wir hier im Museum Varusschlacht kennen ihn sogar ganz besonders gut.«

Aha, ist also ein Promi, der Tunnelkuss, dachte Mara und beschloss, ihn deswegen nicht anders zu behandeln als jeden anderen nett aussehenden Jungen mit dunkelblonden Locken und braunen Augen …

Professor Weissinger nickte. »Ja, Thumelicus ist nämlich der Name des Sohnes von Arminius.«

Sofort blitzte es in den Augen des Jungen auf. »Sigurd!«, rief er wütend. Und schimpfte dann irgendwas in einer ganz anderen Sprache, wollte gar nicht mehr aufhören.

Beruhigend hob Professor Weissinger die Hände und sprach leise, aber bestimmt auf ihn ein. Mara erkannte, dass der Professor jetzt lateinisch mit dem Jungen sprach. Na klar, Thumelicus war bei den Römern aufgewachsen, und die hatten ihm sicher kein Germanisch beigebracht. Die nordische Sprache hatte er dann wohl erst in Walhall gelernt.

Der Junge verstummte schließlich und drehte sich dann weg. Mara kannte diese Bewegung sehr gut, und zwar von sich selbst. Sie machte das immer dann, wenn sie weinen musste und es niemand sehen sollte. Und jetzt wurde ihr bewusst, dass genau das Wegdrehen eigentlich schon alles verriet. Mist.

»Ich glaube, wir sollten ihm mal erzählen, wo er hier eigentlich ist. Das sind wir dem armen Kerl schuldig«, sagte Steffi. »Nimm du dir doch die Zeit und kläre Mara kurz auf. Dann fahren wir nach München.«

»Wir? Moment mal, wieso …«, begann der Professor, doch Steffi schnitt ihm das Wort ab. »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mich jetzt wieder hier in mein Erdloch setze und weiter germanische Pfeilspitzen ausgrabe, wenn ich mit euch die Chance habe, zu sehen, wie die Dinger abgeschossen werden?«

Den Ich-bin-ja-so-froh-dass-wir-geschieden-sind-Seufzer des Professors komplett ignorierend, wendete sie sich an Thumelicus und sprach leise mit ihm. Dabei deutete sie ab und zu auf das Museum und auf die umliegende Gegend. Der Junge blieb die ganze Zeit über still.

»Also, Mara, dann will ich mal nicht dem Befehl meiner Ex zuwiderhandeln und dich schnell aufklären«, fing der Professor an und grinste. »Soll ich mir den Bienchen-und-Blumen-Witz sparen oder …«

»Ich feh nur fo auf wie acht«, grummelte Klein-Mara und verschränkte die Ärmchen.

»Verzeih mir, du haft … äh, hast ja recht«, verbesserte sich Professor Weissinger und sprach lieber gleich weiter. »Thumelicus ist also in der Tat der Sohn von Arminius. Wir erinnern uns: Der germanische Fürst, der nach allem, was wir wissen, hier in Kalkriese die römischen Soldaten des Varus besiegte. Die Reaktion des Jungen auf den anscheinend verhassten römischen Namen seines Vaters war Beweis genug. Die Tatsache, dass dessen germanischer Name Sigurd lautet, ist nicht weniger als eine kleine Sensation, denn das könnte bedeuten, dass Arminius und der Siegfried aus der Nibelungensage vielleicht doch miteinander zu tun haben!«

Der Professor machte eine Pause, als Thumelicus Steffi eine Frage stellte und dabei nach oben deutete. »Er fragt gerade, warum er seinen Vater nicht in Walhall finden konnte. Dort kämen doch alle großen Krieger hin«, erklärte er dann und schluckte.

Mara hatte auch augenblicklich einen Kloß im Hals. Die Vorstellung, dass der Junge schon eine halbe Ewigkeit in diesen Tausenden von Menschen nach seinem Vater suchte und ihn nicht finden konnte, berührte irgendetwas in ihr.

»Wiefo ift er überhaupt in Walhall?«, fragte sie und schniefte.

»Thumelicus, meinst du? Nun, dort kommen, laut den alten Schriften, die Krieger hin, die im Kampf gefallen sind und dann von den engelsartigen Walküren ausgesucht wurden. Odin holte sich nur die Besten in sein Totenheer.«

Mara fand das sofort unlogisch. Wenn man auf dem Schlachtfeld fiel, war man doch eben genau nicht der Beste, oder? Andererseits, hätte Odin nach jeder Schlacht die siegreichen Überlebenden in seine Halle der Toten geholt, hätte sich bald die Frage gestellt, warum man dann überhaupt siegen wollte. Wieder einmal stellte Mara fest, dass sie wohl zu viel nachdachte. Das machte es nicht immer leichter, aber fast immer deutlich komplizierter.

»Wie dem auch sei, wir sollten ihn auf jeden Fall wieder zurückbringen nach Walhall«, sagte der Professor nun.

»Nein!«, widersprach Mara viel zu laut und erntete damit einen erstaunten Blick. Ich bin so eine Gurke, dachte sie sofort. Was denkt der jetzt von mir!

»Ich meine … er kann doch noch … bleiben. Kurpf«, setzte sie hinterher und fühlte sich gleich noch etwas gurkiger.

»Richtig, wir nehmen ihn mit«, hörte sie plötzlich Steffi sagen und das entgurkte sie schneller als jeder Gurkenhobel.

»Echt?«, rief sie.

»WAS?«, rief der Professor.

»Wir nehmen ihn mit, Reinhold. Hast du es jetzt akustisch verstanden, oder soll ich es ein drittes Mal wiederholen?«, fragte Steffi ungerührt und drückte auf den Autoschlüssel. Es piepte in unmittelbarer Umgebung, und die Lampen eines schwarzen Jeeps blinkten kurz auf.

»Aber … das können wir doch nicht so einfach machen!«, entgegnete der Professor hitzig. »Er gehört nicht hierher, er ist … der Junge ist ein toter Germane und gehört darum in das germanische Jenseits nach Walhall! Wir wissen doch gar nicht, was wir damit anrichten, wenn wir ihn nicht wieder dorthin zurückbringen! Wer weiß, was das für menschheitsgeschichtliche Konsequenzen hat!«

Darmowy fragment się skończył.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
374 str. 25 ilustracji
ISBN:
9783964260444
Właściciel praw:
Автор
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