Czytaj książkę: «Nur eine kleine Operation»

Czcionka:

Tomas de Niero

NUR EINE KLEINE OPERATION


Du wirst haben eine Zeit,

wo der Schmerz zu dir kommt

und bleiben wird wie eine Geliebte.

Tomas de Niero

Für meine Frau Elke in tiefer Dankbarkeit.

Und für unsere Kinder Melanie, Nathalie, Daniel und Otto.

Inhalt

PROLOG

1975, Evelyn Künneke

Mein erster Flug

Wühlmäuse Berlin

1982, Afrika wir kommen

1985, Mama geht

1985, Mamas letzte Ruhe

2000, Indien

Frauen – meine Lieblingsgeschöpfe

April 2001, letztes Gespräch mit der für mein Leben so wichtigen Evelyn Künneke

2002, Klassisches Neuland

2004, das ging an die Nieren

2003, letzte Begegnung mit meinem Vater

2004, November WIEDERGEBURT

2014, Jan Josef Liefers liest

2016, Los Angeles – Roter Teppich

2016, Portocolom, Februar

2016, Juni

Juni 2017

Only one little Operation!

Anfang August 2017

Januar 2018

2018, Februar

November 2018 - Organspende

27. März 2019

2020, März

Ab März 2020

Im Juni 2020

8.8.2020

20.10.2020

3.11.2020

11.11.2020, Alaaf – dieses Jahr nicht

25.11.2020

1.12.2020, bye bye, alte transplantierte Niere

PROLOG


Mama und ich nach der Flucht 1975

In meinem 2015 bei Edel Books erschienenen Buch „Gedanken im Kofferraum“ beschreibe ich meine Flucht im Kofferraum eines Diplomatenwagens am Checkpoint Charlie mit meiner Mutter 1975.

Hier der Epilog daraus:

Ich bin jetzt 57 Jahre alt.

Nach der Flucht aus Ostberlin habe ich mir die Welt angesehen, oh ja! Mein Horizont hat sich erweitert; in Afrika, Amerika, in Asien und fast ganz Europa. Ich habe große Geschäfte gemacht und bin ein paar Mal pleitegegangen, die ganze Klaviatur der Möglichkeiten, die man in der Freiheit hat. Ich habe zweimal geheiratet, wurde zweimal geschieden, bin ein ewiger Flüchtling geblieben. Sobald jemand anfängt mir zu sagen, wie ich leben oder was ich machen soll, ziehe ich weiter. Auf diesem Weg habe ich einige Herzen gebrochen. Heute versuche ich, sie zu heilen.

Nun bin ich endlich angekommen und schreibe Bücher – in den letzten vierzig Jahren „kleine Bücher“, Songtexte, unzählige kleine Geschichten.

Und ich habe drei wunderbare Kinder: Melanie, Nathalie und Daniel. Aufgewachsen in Freiheit, ohne die hässliche Fratze einer Diktatur.

Der Stress der Flucht und die Angst vor dem neuen Leben hatten ein paar hübsche Krankheiten zur Folge, unter anderem Morbus Crohn, mal mehr und mal weniger, und mir versagten die Nieren. Nach der quälenden Zeit der Dialyse bekam ich 2004 auf Mallorca, wo ich seit Jahren lebte, endlich eine Spenderniere. Das gab mir meine Lebensqualität zurück, die Möglichkeit wieder zu arbeiten. In meinem Pass steht jetzt der Künstlername Tomas de Niero, mit „ie“ geschrieben, so wie die Niere, um diesen Neuanfang, der zugleich eine zweite Chance und eine Art Wiedergeburt war, für ewig festzuschreiben. Was für ein Spinner, werden vielleicht einige sagen, aber ich wollte den von schweren Krankheiten heimgesuchten Flüchtling behutsam in die Schatulle der Vergangenheit legen, mit allem nötigen Respekt, und als Tomas de Niero gesunden.

Wahrscheinlich ist das der Preis, den man zu bezahlen hat, wenn man sein Leben riskiert; man gewinnt etwas, in meinem Fall die Freiheit, und man verliert etwas anderes, zum Beispiel die körperliche Gesundheit. Es gibt das eine nicht ohne das andere. Ich gelte bei meinen Freunden als „unkaputtbar“. Meine positive Einstellung zum Leben ist ungebrochen und der Motor meiner Existenz.

Aber es gab auch Verluste.

Meine geliebte Oma Hedwig verließ diese Welt im Oktober 1984.

Mama heiratete ihren Michel, aber die Ehe hielt nicht lange. Den Brief, der einige Wochen vor unserer Flucht anonym bei der Stasi einging, hatte übrigens die Frau geschrieben, mit der Michel in Westberlin zusammenlebte.

Das, was meine Mutter im Kofferraum gedacht hatte, erzählte sie mir in der Zeit, die sie noch im Goldenen Westen hatte – zehn Jahre, in denen ich sie nie aus den Augen ließ, bevor sie 1985 im Alter von nur 51 Jahren verstarb. Das Herz, was auch sonst.

Mein Vater starb 2004, in dem Jahr, als ich meine neue Niere bekam. Gearbeitet hat er nicht mehr sehr viel, hat viel gelesen und noch einmal geheiratet und mir eine weitere Schwester, Tanja, geschenkt. Aber auch diese Ehe war längst Geschichte. Die Liebe zu seiner Tochter Tanja blieb, sie hatten ein sehr inniges Verhältnis zueinander, sie besuchte ihn regelmäßig.

Der Botschafter, unser Fluchthelfer, wurde wenige Tage nach unserer Flucht nach Afrika zurückbeordert und durfte nie wieder europäischen Boden betreten. Ein stiller Held, der zwei Menschen mitten im Kalten Krieg die Freiheit ermöglicht hat.

Mein Bruder Peer lebt mit seiner Frau in Berlin; er hat seine Mutter nie wieder gesehen.

Und Dirk, der Tagträumer, wurde im zarten Alter von sechzehn Jahren direkt nach unserer Flucht langsam zum Trinker. Man muss nicht lange nach den Gründen suchen. Nachdem er betrunken schwer gestürzt war, stand ich 1992 an seinem Bett im Krankenhaus und hielt seine Hand. Das Gehirn war tot, von einem Blutgerinnsel zerstört, und nach zwei Tests verstand auch ich, dass es ihn nicht mehr gab, nur noch seinen Körper. Diesmal musste ich eine schwere Entscheidung fällen und ließ schließlich schweren Herzens und nicht ohne Schuldgefühle die Maschinen abstellen.

Ein hoher Preis für eine einzige Flucht!

Es gab viele geglückte Fluchten, allein 5075 über die Berliner Mauer (laut eines Projekts des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), der Bundeszentrale für politische Bildung und des Deutschlandradios). Nach Angaben des ehemaligen Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen gelang vom Mauerbau bis 1988 rund 40.000 DDR-Bürgern die Flucht in den Westen. Aber da waren auch all die gescheiterten Fluchtversuche. An der innerdeutschen Grenze starben mindestens 239 Menschen. Wegen der Vertuschungspraxis der Stasi allerdings eine nicht verlässliche Zahl.

Ich hatte Glück und versuche demütig zu sein.

Die Angst vor dem Tod habe ich im Kofferraum liegen lassen. (Zitat Ende)

Damit besser zu verstehen ist, was danach geschah und wie ich und Mutter nach gelungener Flucht ins „westliche Leben“ eingetaucht sind, will ich hier eine Frau beschreiben, die uns sehr in dieses neue Leben geholfen hat.

1975, Evelyn Künneke

Ich habe diese Künstlerin geliebt; wir waren 25 Jahre lang befreundet und durch unsere lange Zusammenarbeit habe ich auch viel Heiteres erlebt. Ihr wohl größter Verdienst war die Tatsache, dass sie meine Mutter und mich nach unserer Flucht in ihrer Wohnung in der Giesebrechtstraße 5 aufnahm und uns damit das Notaufnahmelager Marienfelde – ja, so was gab es auch für deutsche Flüchtlinge 1975 – ersparte.

Als Evelyn ihre Wohnung damals betrat und ich unsere zweite Retterin in Sachen Flucht, nach dem Diplomaten, der uns in seinem Wagen am Checkpoint Charlie in seinem Kofferraum in den Westen gefahren hatte, nun endlich kennenlernen durfte, begrüßten Mama und sie sich derart herzlich, als wären sie gestern erst zusammen gewesen. Meine Mutter und Evelyn kannten sich aus der Zeit vor dem Mauerbau 1961, da meine Oma Hedwig bei den Künnekes als Haushaltshilfe gearbeitet hatte und sich unsere Familien so näher kamen. Wir wohnten schon einige Tage bei ihr, denn sie hatte einer Freundin, die sich während ihrer Abwesenheit um ihre Wohnung kümmerte, gebeten, uns in die Wohnung zu lassen, um nicht ins Aufnahmelager zu müssen. Sie war in Hamburg auf Tour, hatte in diesem Jahr im „Onkel Pö“ ein grandioses Comeback hingelegt. Ich musterte sie genau. Die Statur war der meiner Mutter sehr ähnlich, großer Busen, nur in den Hüften war Mama ja eher schlank, Evelyn – ich würde sagen – stabiler.

Wir mochten uns auf Anhieb. Nächtelang saßen wir nun an einem kleinen runden Tisch im Arbeitszimmer ihres Vaters, des berühmten Operettenkomponisten Eduard Künneke, und rauchten und redeten. Natürlich wollte sie – ebenso wie der Geheimdienst der Amerikaner – von uns wissen, wie wir nun geflohen sind. Und hier bewunderte ich meine Mutter endlos. Wann immer diese Frage gestellt wurde, antwortete sie stereotyp:

„Das sage ich nicht, denn wenn jemand anderes fliehen will, und die wüssten wie und würden ihn dann erwischen, wäre ich ja mitschuldig an seinem Schicksal.“

Ende. Ich übernahm diese Sätze für Jahre genau so. Es waren sehr schöne und für mich auch wichtige Gespräche mit Evelyn. Sie war ein hervorragender Zuhörer mit einer schier unendlichen Geduld. Als ich mehrere Wochen lang Liebeskummer hatte, hörte sich Evelyn Abend für Abend, wieder und wieder dasselbe Gejammer von mir tapfer an. Und tröstete mich mit Worten wie:

„Tomas, bitte glaube mir, das geht vorbei! Ich hatte auch …“

Und dann erzählte sie von ihren eigenen Erfahrungen mit dem Thema Liebe. Und das waren wunderbare Geschichten aus ihrem bewegten Leben. Ein Satz beeindruckte mich derart, dass ich daraus ein Lied machte:

„Liebeskummer ist kein Scherz!“

Es tat mir einfach gut mit einem intelligenten Menschen zu sprechen, der sich Zeit für mich nahm. Schließlich war mir durch die Flucht alles weggebrochen, was vorher mein Leben ausmachte und meine soziale Entwicklung:

Meine Freunde, meine Freundin, mein Kiez Prenzlauer Berg, gewohnte Wege und vieles mehr. Im Westen kamen mir die Menschen zum größten Teil sehr oberflächlich vor, was bei rückwirkender Betrachtung natürlich so nicht stimmte, denn sie waren einfach nur anders. Freier. Nicht unter den Deckel einer Diktatur gepresst und kamen mir deshalb ungewohnt vor. Evelyn baute mir eine Brücke in mein neues Umfeld, und ich verdanke es ihr, mich dann doch relativ schnell eingefunden zu haben in diese neue Welt.

Und langsam aber sicher stellte sich mir die Frage nach meiner beruflichen Zukunft.

So lernte ich die Erfindung des Arbeitsamtes kennen.

Der Herr dort erklärte mir kurzerhand, dass ich meine Ausbildung als Tischler und Bühnenbauer, die ich ja nun durch unsere Flucht mittendrin am Deutschen Theater hatte unterbrechen müssen, im Moment nicht einfach so weiter machen könne. Aber damit ich, während ich mir was suchte, gutes Arbeitslosengeld bekäme, stufte mich der nette Herr als Metallhilfsarbeiter ein, damit ich mehr Geld für den Start hätte, wie er sagte. So bekam ich für von mir so empfundenes Nichtstun über 500 Mark. Ich war erstaunt und konnte so erst einmal etwas zum Unterhalt beitragen.

Im August 1975 bezogen wir unsere eigene Wohnung in der Schöneberger Nollendorfstraße. Eine Wohnung ganz oben im 6. Stock, mit Fahrstuhl, Gott sei Dank. Ich hatte einen Job gefunden als Dekorationshilfe bei Hertie am Mehringdamm. Den ganzen Tag in dieser unnatürlichen Kaufhausluft zu arbeiten machte mir zu schaffen, die Stunden zogen sich und der „Ossi“ war alles andere als beliebt bei den Kollegen. Als ganz entsetzlich ist mir der Chef der Dekoration in Erinnerung geblieben. Durch seine arrogante Art fühlte ich mich als Mensch zweiter Klasse und schmerzlich herausgerissen aus dieser viel interessanteren Künstlerwelt, die ich zum einen zuhause bei meiner Mutter fand und zum anderen während vieler Essen bei Evelyn.

Wer jemals in den Genuss gekommen ist, in der Giesebrechtstraße 5 bei der Künneke zum Essen geladen worden zu sein, weiß, wovon ich hier jetzt ein wenig erzähle. Man wurde bestens unterhalten. Stellen Sie sich bitte vor, Sie betreten eine Altberliner Wohnung, stehen in einem kleinen Flur, legen ab und schreiten links in die Bibliothek. Hier erwartet Sie eine Sammlung von in schwarzen Regalen geordneten Büchern des Eduard Künneke, Vater von Evelyn und Komponist von so unsterblichen Operetten wie beispielsweise „Der Vetter aus Dingsda“.

Die Wände sind mit roter Tapete im Stil der Zwanziger Jahre beschlagen und runden das Bild im Zusammenspiel mit den durchweg schwarzen Möbeln hervorragend ab. Rechts ein Klavier, ein Stutzflügel, natürlich der gut erhaltene von Eduard Künneke, an dem er so manche Komposition schuf.

Nun durchschreiten Sie einen Türbogen ohne Türen, an den Seiten von einem schweren Vorhang flankiert, und betreten einen der wohl wichtigsten Kommunikationsräume für Künstler in Berlin, das Künneke-Esszimmer!

Hier saßen Gustaf Gründgens, Marianne Hoppe, Helmut Qualtinger, Kai Rautenberg, Rosa von Praunheim, R. W. Fassbender, Brigitte (Biggi) Mira, Michael Jary, Manfred Krug, Helen Vita und viele andere bekannte Künstler, aber auch bis dahin noch völlig unbekannte Talente – also fast alle guten Künstler, die Berliner Boden je berührten. Sie merken, ich habe die Aufzählung abbrechen müssen, da sonst dieses Buch zu den dickeren gehören würde und ich Gefahr liefe, selbst Evelyn im Himmel noch damit zu langweilen.

Also sind wir hier im Esszimmer, in dem sich Evelyn am wohlsten fühlte -, außer auf einer Bühne zu stehen natürlich.

Aber in gewisser Weise war auch dies hier ihre Bühne. Sie entschied, wer zu welchem Essen kommen durfte, kochte selbst, übrigens ausgezeichnet und nicht ohne damit so manches Mal für große Heiterkeit zu sorgen, wenn mal was misslang.

Kurzum, das Essen war meist ein voller Erfolg, und ihre Fähigkeit, verschiedenste Leute beim Essen zusammenzubringen mochte ich sehr, da ich so fast nie einen langweiligen Abend zu erwarten hatte.

Ich habe an diesem Tisch sehr interessante Partner für meine künstlerische Arbeit kennengelernt und auch eine große Liebe, wenn auch nicht ganz ohne die leicht kuppelnde Hand von Evelyn.

In diesem Fall hatte sich die Künneke entschlossen, Teile des Archivs ihres Vaters, Noten und Partituren, der Akademie der Künste zu überlassen. Zu diesem Zweck fand in der Akademie eine Feier statt, bei der junge Künstler vorsangen. Mir fiel eine der Sängerinnen auf, Evelyn auch. Und in ihrer herzlichen Art, wenn sie jemanden in ihr Herz geschlossen hatte, lud Evelyn die besagte Sängerin zu einem ihrer Essen ein. Und mich dazu. Sonst war keiner weiter zugegen. Evelyn thronte wie immer am Kopfende des zehn Personen fassenden Tischs. Links von ihr saß Ulla, die gerade den Strauss-Wettbewerb gewonnen hatte und nicht nur eine perfekte Klassiksängerin war, sondern auch andere Songs wunderbar singen konnte. Außerdem ist sie die Großnichte des berühmten Schauspielers Victor de Kowa, weshalb sie später unter dem Künstlernamen Stephanie de Kowa arbeitete. Rechts von der freudig kuppelnden Diva saß wie immer ich. Ein paar Tage später ging ich mit Ulla ins Kino. Wir sahen den fantastischen Film „Das Leben ist schön“ und verliebten uns an diesem Tag ineinander.

War der Abend fortgeschritten, das Dessert eingenommen und das Dauerrauchen von Evelyn eröffnet, ergab es sich fast immer, dass sie aus ihrem Leben zu plaudern begann.

Ich will es offen sagen:

Vieles ist wahr, aber einige Beispiele für die, sagen wir mal, leichte Krümmung der Wahrheit, seien hier kurz aufgezählt:

Gerne erzählte Evelyn von ihrer Zeit als Kampfpilotin im Zweiten Weltkrieg, wo sie als solche über Feindgebiet abgeschossen wurde.

Dann erdolchte sie auch schon mal, in ihren aufregenden Schilderungen, einen Partisanen.

Auch überlebte sie einen Flugzeugabsturz, indem sie blind, nur dem „piep piep“ irgendeines Gerätes folgend, das Benzin heldenhaft ablassend, noch geradeso die Maschine landen konnte … als Pilotin, selbstverständlich …

Ich denke, sie hat damit ihre Art der Verarbeitung der schrecklichen Erlebnisse im Krieg gefunden.

Ihre Frontbetreuungen mit ihrem Riesenhit „Sing, Nachtigall, sing“, die Konzerte vor den deutschen Soldaten, die am nächsten Tag oft schon tot waren, haben in ihr sicher den Wunsch nach einer Korrektur all dieser grausamen Fakten geweckt. Und dank ihrer Phantasie baute sie sich in den zunehmenden Lebensjahren eine Art Parallelwelt auf, in der sie bei all dem Unglück Zuflucht fand.

Wenn man, wie ich, an unzähligen dieser Essen im Laufe von 26 Jahren teilgenommen hat, dann können Sie sich annähernd vorstellen, wie toll es ist, diese Geschichten immer und immer wieder zu hören. Faszinierend dabei ist, dass es kaum Menschen außer Rosa von Praunheim und mir an diesem Tisch gegeben hat, die irgendetwas von dem Erzählten laut bezweifelten. Alle saßen meist da, hörten zu und nickten an den entsprechenden Stellen.

So habe ich den Begriff „Club der todlangweiligen Ja-Sager“ geprägt.

Heftig zusammenreißen musste ich mich aber dann doch schon bei ihren immer wiederkehrenden Lieblingsgeschichten.

Ihre angeblich ein paar Tage in Paris andauernde Liebes- und Bettgeschichte mit Frank Sinatra beispielsweise, die sie auch gnadenlos in der Presse ausschlachtete.

Übrigens eine große Fähigkeit der Künneke, sich immer bei der Presse im Gespräch zu halten, sei es auch noch so aberwitzig. Ein weiteres Beispiel für ihr Geschick medienwirksam die Diva zu geben, war zweifellos die Verlobung mit Rosa von Praunheim, was beiden viel Presse brachte. Auch die Behauptung, sie habe 5463 Liebhaber in ihrem Leben gehabt –, man urteile selbst. Wann hätte sie denn dann all die Auftritte, Filme und anderen künstlerischen Tätigkeiten, wie zum Beispiel Malen, schaffen können? Lustig.

Und die Geschichte ihrer Tochter, die in den USA lebt, zu ihr keinen Kontakt habe, und die sie im zarten Alter von 15 Jahren in der Hocke, die wirklich schönste Umschreibung einer nie stattgefundenen Geburt, die ich jemals gehört habe, zur Welt gebracht haben will.

Ich habe oft darüber nachgedacht und ich glaube heute, dass Evelyn ihren Wunsch nach Liebe auch hiermit zu verarbeiten gesucht hat. Schließlich gab es keinerlei Verwandtschaft mehr um sie herum. Sie war als das Einzelkind berühmter Eltern ein wenig zu unerzogen, ja fast verzogen, weshalb sie sicher ihre tödlichste und für Freunde auch sehr anstrengende Waffe entwickelt haben mochte: ihre Wutausbrüche!

Spätestens als ich ihre Testamente las, wusste ich, dass da nie eine Tochter existiert hat, aber wer sollte da den ersten Stein werfen?

Ihre Sehnsucht nach Liebe hat nie aufgehört, bis in ihre letzten Tage hinein war sie in ihren Pianisten verliebt. Liebe kennt kein Alter … … und der Wunsch nach ihr ist wohl unsterblich.

Ich fing früh, schon 1975, an Songs zu schreiben und schrieb erste Texte für Evelyn. Nach mehreren Versuchen gefiel Evelyn mein Text „Schaufensterboy“ gut und sie ließ ihn vertonen. Zum ersten Mal saß ich in einer ihrer Vorstellungen im Kleinen Theater am Südwestkorso, geleitet von Sabine Fromm, und hörte, wie jemand einen Text von mir sang. Ein Schlüsselerlebnis.

Mama blieb zuhause und versuchte ihre Bilder, die sie nun zahlreich malte, an den Mann zu bringen, was nicht so recht gelingen wollte.

Und sie legte wieder Karten. Sie nannte das Lebensberatung. War aber nicht glücklich damit.

Daher stand sie plötzlich eines Tages im Herbst vor mir und verkündete:

„Wir machen eine Diskothek für Schwarze auf. Ich habe einen Geldgeber gefunden und auch das passende Lokal in der Martin-Luther-Straße. Wir nennen es La Mama.“

Ich kündigte glücklich bei meinem Dekorations-Chef und lud ihn zur Eröffnung ein. Sein Gesichtsausdruck, in etwa zwischen Alice im Wunderland und Rumpelstielzchen, war eine adäquate Entschädigung für all die Sticheleien der vergangenen Wochen. Herrlich.

Nun war ich Discjockey. Aha. In dem Lokal stand ganz hinten an der Tanzfläche ein schneeweißes Klavier. Dort thronte ich in angemessener Erhöhung und spielte die Soul-Hits jener Tage. Von Barry White bis Stevie Wonder war alles dabei und ich liebte diese Musik über alles. Mama schmiss die Bar mit Michel, den sie inzwischen geheiratet hatte, und an der Tür stand ein Zwei-Meter-Mann namens Willy aus Jamaika. Eine tolle Zeit. Mit viel sehr guter Soulmusik. Wenn etwas weniger los war, legte ich eine Scheibe von Hamilton Bohannon mit einem mehrere Minuten langem Klaviersolo im Opening auf und tat an meinem weißen Flügel – die Schallplattenspieler und das Mischpult waren darin so eingebaut, dass man es im Lokal nicht sehen konnte – so, als würde ich das selbst spielen. Ich reckte meinen Kopf in die Luft, verschloss die Augen und alles sah ziemlich echt aus, wie Mutter und verblüffte Gäste feststellten.

Nach einigen Monaten mussten wir wieder schließen. Natürlich.

Michel, der heißgeliebte Ehemann meiner Mutter, machte sich aus dem Staub nach Frankreich, natürlich nicht, ohne das letzte Geld vom Konto abzuheben.

Die Malerin aus dem Osten und ihr tapferer Sohn hatten nicht die geringste Ahnung von der Gastronomie und vom Überleben im Westen und mit einigen Schulden mehr am Hals hieß es nun wieder: Neuanfang.

Wir zogen ein zweites Mal zu Evelyn.

Ich wurde von Evelyn kurzerhand als ihr Sekretär eingestellt und schleppte fortan ihre Koffer, reiste mit ihr durch die verschiedensten TV-Sender, Schwulenclubs und Kleinkunstbühnen Deutschlands. Das war sehr lehrreich. Und auch ein bisschen anstrengend für einen blonden, schlanken, heterosexuellen jungen Mann wie mich. Bei Tisch zuhause sagte Evelyn bei Flirtversuchen ihrer diversen schwulen Freunde immer denselben Satz: „Vergiss es Schätzchen, Tommy ist durch und durch eine Hete!“

Das schützte mich ein wenig, aber es machte für viele die Sache auch noch spannender. Nicht einfach, aber da ich seit frühester Kindheit durch meine Mutter viele Schwule kannte, war das nicht wirklich ein Problem, oft auch durchaus heiter. Ich gewöhnte mir als Verteidigung an sie einfach nachzumachen, wenn sie mir gegenüber saßen, um sie völlig zu verwirren. Da fand ich mich grandios.

Ich taumelte zwischen meiner Traumwelt, in der ich bereits ein erfolgreicher Künstler war, und Wirklichkeit hin und her wie ein Blatt im Herbstwind. Als kleinen Einblick in meine ersten Tätigkeiten für Evelyn seien hier zwei kurze Beschreibungen angeführt.

Mein erster Flug

Während ich begann für Evelyn Songs zu schreiben, wurde ich auch ihr Sekretär … Was nun genau dies bedeutete, war uns allen nicht ganz klar, aber es klang erst einmal nach etwas, oder? In dieser mir nun verliehenen Wichtigkeit packte ich meinen und teilweise auch ihre Koffer. Da die Wohnung sehr groß war, wurde ich in das sogenannte Balkonzimmer einquartiert. Ein sehr schöner Raum mit einem riesigen, Gott weiß wie altem Bett, das sicher schon so manches Erlebnis hatte über sich ergehen lassen müssen. An den Wänden hingen Plakate verschiedenster Auftritte von Evelyn und ein paar selbst gemalte Bilder der Künstlerin. Der Balkon gewährte einen herrlichen Blick auf die zahlreichen Bäume dieser Straße und auf den Platz, an dem sich das Kino „Kurbel“ befand. Ein wirklich sehr schönes Stück Berlin. Mit eben diesem Balkon verbindet mich ja ein ganz besonderes Erlebnis: Nach gelungener Flucht im Kofferraum eines Diplomatenautos von Ost- nach Westberlin stand ich hier auf jenem Austritt mit meiner Mutter Waluscha. Wir waren ziemlich am Ende, aber überglücklich. Meine Mutter schaute hinunter auf die parkenden Autos und ich sagte: „Guck mal Mama, überall nur Westautos hier in der Straße, es muss wohl Pfingsten sein …“ Tja, das waren noch Zeiten, als Deutschland West sich in Deutschland Ost mit allerlei Geschenken zu den Feiertagen sehen ließ …

Ich war einigermaßen aufgeregt, schließlich war ich bis dato noch nie geflogen, und Evelyn beruhigte mich auf ihre herrliche Weise. Sie sei im Krieg selbst Flugzeuge geflogen und im Notfall könne sie den Vogel auch sicher zur Erde bringen … naja. Das beruhigte mich nicht wirklich und so fuhr ich sehr angespannt zum Flughafen. Am Schalter zündete sich Evelyn eine HB-Zigarette an, was mir immer angenehm auffiel, kannte ich doch aus meiner heimlichen Westfernseh-Guckerei den Werbespot für diese Zigarettenmarke. „Man muss doch nicht gleich in die Luft gehen, mein Freund, greife erst mal zur HB …“, oder so ähnlich hieß es da. Wenn man mit Evelyn privat länger als einen Tag verkehrt hatte, dann wusste man, dass sie in der Tat die richtige Marke rauchte, denn sie pflegte in dieser Zeit sehr schnell in die Luft zu gehen. Was für ein Doppelsinn angesichts des Fliegens und so stehen wir also an der Abfertigung in Berlin Tegel, um eben ganz genau dies zu tun: In die Luft gehen! Die Dame hinter dem Schalter tauschte mit der Künneke einige Nettigkeiten aus, bis ich das Kommando von ihr hörte: „Tomas, die Koffer aufs Fließband!“ Ich bewege mich natürlich sofort dienstbeflissen und wuchte das Gepäck in die gewünschte Lage. „Und jetzt noch meine Boas!“ Treu ergeben folge ich auch diesem Wunsch und lege einen grünen Seesack auf das Transportband. Zufrieden mit ihren Anweisungen, die Zigarette lässig wie ein amerikanischer Filmstar im Mundwinkel hatte sie diesen zweiten Befehl ausgestoßen. Die nette, bisher um vorzüglichen Service bemühte Dame hinter dem Abfertigungstisch erhebt nun ihrerseits die Stimme und sagt in das vor ihr qualmende Gesicht: „Haben Sie denn eine Impfbescheinigung für die Tierchen?“ Evelyn, erstaunten Blickes, nun fast hilflos dreinschauend, fragt nach: „Was haben Sie gesagt?“ „Sie brauchen, auch bei Inlandsflügen, eine Impfbescheinigung, sonst dürfen Sie die Schlangen nicht mit sich führen!“ Nun entbrannte das, was ich in den folgenden Jahren mehrmals erleben durfte, mich aber nie wieder derart ernsthaft in seelische Verwirrungen bringen sollte. „Gott, sind Sie blöde, Schätzchen, das sind doch nur meine Boas! Die brauche ich für meine Bühnenshow! Sie wissen wohl nicht, wer ich bin, oder?“ Mein Verstand hatte das offensichtliche Missverständnis ja bereits verarbeitet, aber meine Gefühle waren noch nicht klargekommen mit der Situation, und so fühlte ich mich auserwählt, der netten Dame den Sachverhalt zu erklären. Ich schob mich mit meinem ausgezehrten Körperchen an der nicht unerheblichen Leibesfülle meiner Künstlerin vorbei ins Bild und begann: „Sehen Sie, die Boas …“ „Tomas! Das mache ich selbst, ich bin durchaus noch in der Lage, meine Belange selbst zu regeln!“ Damit war ich wieder in Reihe zwei, hinter mir raunte eine Anzahl flugwilliger Menschen etwas von „unerhört, typisch Künstler“ und Ähnlichem. Die Dame hatte sich inzwischen in voller Lebensgröße erhoben, was sich gegen Evelyn ausnahm wie der Versuch von G. G. Anderson Bernhard Brink gerade in die Augen blicken zu wollen, und wiederholte unerschütterlich ihre Anweisung: „Ohne eine Impfbescheinigung können Sie ihre Tiere nicht mitnehmen, und wenn Sie der Schah von Persien sind!“ Evelyn verlagerte ihre Stimme nunmehr ins Zickige und erwiderte: „Schätzchen, der Schah von Persien wüsste Dank seiner sicher ihren Horizont weit übersteigenden Intelligenz, dass es sich hierbei nicht um Tiere handelt, sondern …, ach was rede ich, Tomas, gib mir mal eine meiner Boas aus dem Seesack!“ Wieder tat ich wie mir befohlen und reichte ihr aus dem grünen Ding eine ihrer Bühnenboas. „Sehen Sie hier, Schätzchen“, flötete Evelyn nun so lieblich wie die Dumpfbacke aus der schrecklich netten Familie, während sie die wirklich schöne Federboa um ihren runden Körper schlang, „dies hier beispielsweise ist ‚Marlene‘, eine meiner liebsten Boas. Ich pflege mit ihr ‚Johnny, wenn du Geburtstag hast‘ zu singen; ist es in Deutschland inzwischen verboten damit zu reisen?“ Diese Vorstellung hatte sie halb zur Abfertigungsdame, aber eigentlich schon mehr zu den Leuten in der Schlange hinter uns gegeben (… den Leuten hinter uns in der ‚Schlange‘ machte jetzt wieder doppelt Sinn). Nun sank, in trüber Peinlichkeit gefangen, die Dame wieder auf ihren Arbeitsstuhl zurück und gab uns endlich die lang umkämpften Bordkarten. Im Flugzeug beobachtete ich Evelyn und tat ihr alles gleich, um bei meinem ersten Flug in derart prominenter und auffälliger Begleitung nicht als Erstlingsflieger enttarnt zu werden. Hierbei, wir flogen ja nur von Berlin nach Hamburg, lernte ich, dass Evelyn von großer, grandios überspielter Flugangst erfasst war. Sie kompensierte diese Nervosität mit drei Dingen: Lesen von Konsalik-Romanen, Kettenrauchen und mit der Stewardess streiten.

Wühlmäuse Berlin

Evelyn hatte im Berliner Kabarett-Theater „Die Wühlmäuse“, gegründet vom Kabarettisten Dieter Hallervorden, einen Auftritt. Wir hatten am Nachmittag eine kurze Tonprobe und sahen dem Abend eigentlich entspannt entgegen. In Berlin war Evelyn in den Achtzigern zwar bekannt, aber in Hamburg berühmt und geliebt. Gerade dieser Unterschied war eklatant. In Hamburg behandelten die Leute sie wirklich unglaublich liebevoll, hier feierte sie auch 1975 ihr Comeback im „Onkel Pö“ … Aber der Prophet gilt ja bekanntlich nichts im eigenen Land. Die Werbetrommel war gerührt und so sah eigentlich alles nach einem schönen Auftrittsabend in Berlin aus. Das Haus war angenehm ausverkauft und ich fuhr das Opening vom Tonband ab. Strahlend wie immer betrat Evelyn die Bühne und sang. Kaum war der erste Song verklungen, schaute ich von meinem seitlich der Bühne befindlichen Technikerplatz irritiert zur Bühne. Das Publikum hatte nur teilweise geklatscht, sehr armselig klang dies nach dem Getöse eines 60 Mann starken Orchesters vom Band. Tapfer und professionell ging sie zu Song zwei über, welcher eigentlich einige Heiterkeit allein aus dem Text heraus versprach. Wieder das gleiche Bild! Kaum Beifall, zwei vereinsamte Lacher, das war es. Nach dem dritten Song, meine Mitleidensfähigkeit war auf das stärkste geprüft worden, höre ich plötzlich Evelyn meinen Namen rufen, in den immer noch mehr als verhaltenen Applaus hinein: „Tomas, Saallicht an!“ Völlig durch den Wind schaute ich sie seitwärts an und sah die unmissverständliche Ernsthaftigkeit dieser Aufforderung auf ihrem Gesicht. Ich konnte förmlich körperlich ihre Anspannung fühlen, und so suchte ich geschwind die entsprechenden Schalter. Das Saallicht, das ich im Nachhinein eher als bösartiges Reinigungslicht bezeichnen möchte, erhellte den Zuschauerraum nun derart, dass sich all die lieben Zuschauer gegenseitig sehen konnten und mussten. Evelyn stand breitbeinig wie Max Schmeling auf der Bühne und sagte in die erstaunten Gesichter vor ihr, zischend und so falsch lächelnd wie ein Politiker nach verlorener Wahl, die folgenden Worte ganz langsam und unnatürlich:

„BittesprechenSiemirnach:

ICH BIN L E B E N D I G!“

Danach klatschten die Zuschauer sogar in kleinen Orchesterpausen mitten in den Songs.

Ich habe an Evelyns Seite viel gelernt, Bühnenpräsenz, mit dem Publikum spielen, pünktlich zu sein und konzentriert, wenn es darauf ankommt, und vieles mehr.

Damit der Leser nicht anfängt zu glauben, ich sei nun ewig der Sekretär der Künneke geblieben, hier nun die weitere Entwicklung des dünnen Ostlers im Goldenen Westen …

Ich hatte ja einige Songs für Evelyn geschrieben und konnte davon selbstverständlich noch nicht leben. Evelyn war auf der Bühne unschlagbar, aber ihre Schallplatten hatten in dieser Zeit die Neigung wie Senkblei in den wenigen Filialen, zu denen sie Zutritt fanden, liegen zu bleiben.

Ich war also gezwungen, sie von meinen Nichteinahmen in Kenntnis zu setzen und machte sie darauf aufmerksam, dass ich nicht wie sie jedes Jahr über 100 000 Mark aus den Tantiemen ihres Vaters erhielt und so keine Sicherheit wie sie hatte.

So beschloss sie kurzerhand, ich solle weiter ihre Playbacks in ihren Shows abfahren, mich aber auch um alles drum herum kümmern. So würde ich was verdienen und könnte eine Menge lernen und die Welt sehen. Als Minimanager sozusagen. Ich begann ihre Reisen zu koordinieren, nahm ihr Telefonate ab und schrieb fleißig Songs für sie.

Das war so auch richtig, ich erweiterte meinen Horizont um ein Vielfaches und bin heute durch die Künneke-Schule in der Lage, jede Art von Künstler nicht nur zu betreuen, sondern auch zu ertragen. Nichts, aber auch gar nichts an Facettenreichtum einer Diva könnte mich jemals wieder erschüttern noch verblüffen.

Auch glaube ich, dass ich diesem Umstand, Mädchen für alles für die Künneke gewesen zu sein, auch bis zu einem gewissen Grade meine Menschenkenntnis verdanke. Man kann nirgendwo anders so viel zwischen Schein und Sein lernen wie in der Unterhaltungsbranche, ganz ohne Zweifel!

Nun ist das Künstlerdasein natürlich nicht frei von diversen Krisen. Ich habe an Evelyns Seite so einiges miterleben dürfen, was nicht selten sämtliche Nervenreserven in Anspruch genommen hatte. Begonnen hatte das schon sehr früh, 1976. Als ich mit Evelyn nach Hamburg flog, wohnten wir im Künstlerhotel „Bellevue“ an der Alster. Dort wohnten fast alle großen Stars in den Siebzigern. Es gab im Keller ein Restaurant, in dem wir in den kommenden Jahren oft saßen. Hier empfing Evelyn nun ihre Freunde und auch Journalisten zu Interviews. Es war quasi ihr Hamburger Wohnzimmer, nur das hier in der Küche ein lieber Frank kochte und nicht sie selbst. Und hier erlebte ich ihre erste große Krise in meinem Beisein.

Ich ging wie immer zum Abendbrot nach unten und fand Evelyn in schlechter Stimmung vor, was selten vorkam an diesem Ort. Denn Evelyn war in freudiger Erwartung von Essen eigentlich immer sehr gut drauf. Diesmal nicht. Es hatte eine schlechte Kritik in einer Zeitung gegeben und Evelyn bestellte sich einen Whisky. Das war außergewöhnlich, weil sie nach ihrer Alkoholintensivphase keinen Alkohol mehr trank.

Die von Michael Jary 1940 als Sängerin in der „Ciro Bar“ in Berlin entdeckte Künneke nannte sich da noch Evelyn King und war eine bekannte Stepptänzerin, die in vielen Varietés auftrat. Daraus wurde dann Evelyn Künneke.

In der Nazizeit war „Sing, Nachtigall sing“ ihr berühmtestes Lied, auch von Michael Jary geschrieben, das sechs Millionen Mal verkauft wurde. Evelyn trat in vielen Wehrmachtsveranstaltungen auf, drehte in Budapest ihren ersten Film („Karneval der Liebe“).

Dann Ende der fünfziger Jahre begann der Ruhm der Evelyn Künneke zu verblassen. Ein Artikel im „Stern“ aus dem Jahr 1961 stürzte sie privat in tiefe Depressionen und ein „Morgenpost“-Artikel mit der Überschrift „Sie trank mehr als sie sang“ tat dies beruflich. Durch ihren Alkoholkonsum galt sie als sehr unzuverlässig und sie glaubte fest, zu alt für das Singen geworden zu sein. Sie versuchte es mit Chansons, eröffnete ohne Erfolg ihr eigenes Lokal. Sie heiratete einen Computerfachmann, ging Tennis spielen und Reiten. Die Ehe hielt aber nicht. Und sie hatte viele unglückliche Liebschaften in der Folgezeit. In dieser Phase fing sie an zu malen, fand allein aus der feuchten Krise heraus und trank keinerlei Alkohol mehr.

Also saß ich im Keller des Hotels neben der überraschend wieder trinkenden Evelyn, als sie nach einigen Whiskys begann mir zu erzählen, dass sie sich in dieser Nacht umbringen würde. Sie habe nun nie wieder Erfolg, sei beruflich erschossen worden, hätte ja auch keinen Lebenspartner – also was lohnt sich noch? Ich war entsetzt und redete eine weitere Stunde auf sie ein, erfolglos. Schließlich wollten die das Restaurant endlich schließen und so gingen wir hoch in den ersten Stock, wo sich Evelyns Suite befand und mein etwas bescheideneres Zimmer. In dieser Nacht ging ich mehrere Male leise auf den Flur und lauschte an ihrer Tür. Ich war voller Angst und stellte mir den Presseradau ab morgen vor, sollte sie es wirklich getan haben. Schließlich fiel ich in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen war ich früh wach und ging hinunter zur Rezeption. Ich fragte angespannt, ob Evelyn schon unten zum Frühstück wäre. Man gab mir einen Zettel, auf dem stand, ich solle in den „Alsterpavillion“ am Jungfernstieg an der Binnenalster kommen, um dort mit ihr zu frühstücken.

Ich nahm mir ein Taxi. Im Café fand ich eine gut gelaunte Künstlerin vor, so als sei nichts gewesen. Ich wollte das Thema auch nicht mehr ansprechen und blieb so mit meinem Entsetzen allein. In den kommenden Jahren wiederholte sich das Szenario noch ein paar Mal, nur da war ich mir sicher, dass Evelyns Lebenswille erheblich stärker war als diese Anwandlungen. Da blieb ich dann entsprechend cool und litt nie mehr darunter. Das kann sogar sehr lustig sein.

Ebenso wie das folgende Erlebnis.

Ich sitze neben ihr an ihrem Tisch und die Gäste nicken artig, egal was sie erzählt. Das sieht für mich dann ein bisschen wie Massenhypnose aus, sehr unterhaltsam. Diven, herrlich! Bei einem Essen, an dem Stephanie de Kowa teilnahm, erzählte Evelyn wieder einmal ihre Geschichten und ich schlug mir an einer unglaubwürdigen Stelle unterbewusst gegen die Stirn und schüttelte mein leidendes Haupt. Evelyn kommentierte das mit dem Satz:

„Ach, der Tommy kennt das alles ja schon!“, und fuhr unbeirrbar fort mit ihrer unfassbaren Geschichte.

Stephanie räumte mit mir die Essensreste in die Küche der Künneke und fragte mich, wie ich mich trauen könnte in Evelyns Beisein so zu reagieren. Ich fragte sie, ob sie denn all das Gehörte glauben würde. Wir lächelten beide wissend.

Später war ich nun auch Evelyns Produzent und so erhöhte sich auch meine Verantwortlichkeit für den Weitergang ihrer Karriere.

Nach einem Auftritt in Berlin schrieb eine Zeitung, Evelyn habe zum Thema Marlene Dietrich die Äußerung getätigt, sie halte diese für eine Vaterlandsverräterin, da diese für die Amis gesungen und gespielt habe, während ihre Landsleute auf der anderen Seite starben.

Es ist müßig heute darüber zu debattieren, ob sie dies so gesagt hat, Fakt war, jeder glaubte es gern und das stürzte sie in die größte Krise, seit ich sie kannte. Sie wurde zu verschiedensten Events nicht mehr eingeladen, ja auch einmal vor einer Berliner Theatertür deshalb abgewiesen.

Wir verbrachten nun ganze Nächte mit diesem elenden Thema und eines schönen Tages kam ihr die Idee.

Sie sagte zu mir, ihr wäre vor dem Einschlafen aufgefallen, dass ich eigentlich in den letzten Jahren immer ein Lied für sie zu schreiben gewusst hätte, das ihr das Weiterauftreten ermöglicht habe. Damals war es der Titel „Da flog dem Heck die Brille weg“, später dann „Deutschlands heißeste Oma“, „Siebzig Jahre und kein bisschen leise“ usw. Nun wünsche sie sich von mir ein ernsthaftes Chanson, mit dem sie ihre Position klar erklären könne.

„Lass dir was einfallen!“, rief sie in ihrer unnachahmlichen Art aus und schickte mich in meine längste Songschreiberphase, seit ich Lieder schreibe.

Ich grübelte schlaflose Nächte hindurch, war schrecklich vom Ehrgeiz gepackt und kam schließlich und endlich mit einem Song zurück. „Ich hab’ das alles schon einmal geseh’n“. Ein toller Song gegen Rechts.

Ich gab ihr meinen Text zu lesen, spielte die Musik dazu vor, die ich mit meinem damaligen musikalischen Partner Uwe Scholz komponiert hatte, und ihr Gesicht erhellte sich.

„Ja, ja, ja, das ist es!“, verkündete sie und wir nahmen den Song in meinem Studio auf.

„Ich hab’ das alles schon einmal geseh’n“ ist ein Lied gegen wieder aufkeimende braune Gesinnung in diesem Land geworden und Evelyn hat es überzeugend interpretiert.

Durch eine Zusammenarbeit mit der Punkband „Abstürzende Brieftauben“, mit der sie zusammen das Lied „Karussell“ ihres Vaters aufgenommen hatte, verschlug es uns in die „Große Freiheit“ nach Hamburg zu einem Punkkonzert. Evelyn sang mit den wilden Jungs den gemeinsamen Titel.

Es war proppenvoll und ich stand oben, auf einer Art Galerie, mit meinem Freund und Verleger Matthias Bosch. Matthias lernte ich als Begleiter von Evelyn Jahre zuvor kennen; er spielte Klavier und Gitarre zu ihren Auftritten und schrieb auch einige Titel für sie.

Er ist zu einem meiner besten Freunde, die ich an einer Hand zu zählen in der Lage bin, geworden.

Wir beobachteten nun gemeinsam das Treiben unter uns. Es war im Sinne unserer Evelyn das reinste Chaos. Leute tranken aus Flaschen und Büchsen Bier, warfen sich übereinander und waren sichtlich unter einer Glocke von sehr unterschiedlichen Genussmitteln versunken. Es war tierisch laut und ich begann mir mit Matthias langsam aber sicher zu überlegen, ob wir Evelyn nicht von ihrem Vorhaben, gleich ein Lied solo singen zu wollen, abhalten sollten. Also stiefelten wir los, um Schlimmeres zu verhindern.

Zu spät, denn auf halbem Wege war Evelyn bereits auf der Bühne erschienen und sah hinunter zu den tobenden Massen.

Sie rief sinngemäß ins Mikrofon, die Leute sollten doch mal einen Moment ruhig sein, denn sie wolle ihnen nun ein Lied vorsingen, um auf eine Gefahr hinzuweisen, die es in Deutschland heute zu beachten gelte.

Ich hielt den Atem an, ebenso mein Verlegerfreund Bosch, und dann wurden wir Zeugen eines unvergleichlichen Schauspiels.

Sie stand ganz gerade da und sang die erste Strophe von „Ich hab’ das alles schon einmal geseh’n“, und unmerklich legte sich der ganze panische Krach bis hin zur völligen Andacht. Leute, die eben noch umher gesprungen waren, lagen sich nun in den Armen, Feuerzeuge leuchteten auf und der zweite Refrain wurde teilweise schon mitgesungen. Das Lied nahm die meist jungen Leute einfach mit und ich hatte Tränen in den Augen, die ich sonst nur bei Oscarverleihungen und ähnlichen Ereignissen zu vergießen bereit bin.

Hinter mir stand plötzlich ein Mann, der meinen Freund Bosch fragte, wer das Lied denn geschrieben oder produziert hätte. Matthias wies auf mich und der mir bis dahin unbekannte, damalige Chef der Plattenfirma MCA, Heinz Canibol, schlug mir auf die Schulter und sagte unter dem Eindruck des eben Geschehenen, dass ich einen Plattendeal für diesen Titel mit Evelyn in der Tasche hätte. Was für ein Abend, ein Lied aus tiefster Verzweiflung entstanden!

Evelyn hatte einen riesigen Applaus erhalten und wurde danach, überglücklich, in der Garderobe, zusammen mit den „Abstürzenden Brieftauben“, von einem Kamerateam interviewt.

Auf die Frage, ob die Musik der Punkband ihr denn überhaupt in Anbetracht ihres doch schon fortgeschrittenen Alters gefiele, antwortete sie mit einem klaren Ja. Auf die darauf folgende Frage, ob die Musik nicht zu laut für sie wäre, sagte sie sinngemäß:

„Nein, das macht mir nichts aus, ich bin schon ein bisschen schwerhörig, wissen Sie?!“

Wer jemals mit Evelyn bei ihr zu Hause mit fernsehen durfte, oder besser musste, der weiß, wie schwerhörig sie war! In der Giesebrechtstraße konnte man unter dem Fenster ihrer im ersten Stock gelegenen Wohnung bei angeschaltetem Fernseher unschwer hören, ob sie gerade „Dallas“ sah oder „Denver-Clan“.

Tage danach saßen Matthias Bosch und ich zur Vertragsverhandlung in der MCA.

Ich will es kurz machen, wir hatten einen Vertrag. Danke Heinz Canibol!

EVELYN

DIR HABE ICH IMMER GERN UND SCHNELL VERZIEH’N

WARST GROSS - ARTIG

UND GLEICH WIEDER UNGEZOGEN

HAST SO MANCHE WAHRHEIT LEICHT VERBOGEN

WARST DA, ALS ICH NACH HEISSER FLUCHT

IM GOLDENEN WESTEN HALT GESUCHT

UND BEI DIR SO SCHNELL GEFUNDEN

WARST FREUNDIN IN MEINEN SCHWERSTEN STUNDEN

UND EIN ZIRKUSPFERD MIT ALLER MACHT

HAST HEIMLICH WIE EIN CLOWN GEWEINT

UND HERRLICH OFT ZU LAUT GELACHT

UNTER DIR HABEN DIE BERÜHMTEN BRETTER,

DIE DIE WELT BEDEUTEN, LAUT GEBEBT

EVELYN

DU HAST NICHT UMSONST GELEBT

Tomas de Niero


Evelyn Künneke mit mir bei der Veröffentlichung meines Songs durch MCA „Ich hab’ das alles schon einmal geseh’n“ in Hamburg

Ich bin stärker als jedes Problem – solange ich lebe

Mein mentaler oft erfolgreicher Umgang mit Problemen, Belastungen kommt nicht von ungefähr. Schon früh habe ich angefangen, mir aus allen Erfahrungen das für mich Funktionierende zu behalten und im Notfall anzuwenden. Und auch in Sachen ungewöhnlicher Wege war ich immer offen, selbst wenn diese von anderen verlacht wurden. Denn aus jeder Religion, jeder Weisheit und jeder Lebenserfahrung lässt sich etwas Nützliches für einen selbst herausziehen. Und natürlich aus dem Erfahrungsschatz meiner Mutter Waluscha. Als ich 14 Jahre alt war, bot sie mir an nicht mehr Mama zu ihr sagen zu müssen, ich könne sie auch Waluscha nennen. Das war cool, denn wenn Freunde bei mir zu Besuch waren, dachten die oft, sie wäre eine Bekannte, die sich in unserer Wohnung aufhielt.

Ich war in den Endsiebzigern und frühen Achtzigern mit meiner Mutter Waluscha im fremden Afrika, um dort so einige verwunderliche, aber auch bis heute durchaus anwendbare Dinge zu erleben. Und das kam so:

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
208 str. 48 ilustracji
ISBN:
9783969020135
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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