Czytaj książkę: «Sukkubus»
Tobias Bachmann
Sukkubus
Tödliche Leidenschaft
erotischer Roman

Tobias Bachmann
wurde 1977 in Erlangen geboren und veröffentlicht seit 1998 Erzählungen, Novellen und Romane; vornehmlich in den Genres der unheimlichen Phantastik (Horror, Science Fiction, Dark-/Urban- Fantasy), aber auch Krimis und Thriller werden von ihm umgesetzt. 2009 erhielt er den Vincent Preis in der Kategorie «Bester Horror-Roman deutschsprachig” für sein Buch Dagons Erben. Mehrere seiner Erzählungen wurden bereits für den Vincent Preis und den Deutschen Science Fiction Preis nominiert.
Tobias Bachmann ist verheiratet und lebt mit seiner Familie im Fränkischen Seenland. 2014 erscheinen neben »Sukkubus – Tödliche Leidenschaft« auch Kurzgeschichten von Bachmann bei Elysion-Books (»Türchen öffne dich« und »Alles Liebe – zum Fest der Hiebe«).
mehr unter: www.Tobias-Bachmann.de
Tobias Bachmann
Sukkubus
Tödliche Leidenschaft
erotischer Roman

ELYSION-BOOKS TASCHENBUCH
BAND 4076
Auflage: Oktober 2014
VOLLSTÄNDIGE TASCHENBUCHAUSGABE
ORIGINALAUSGABE
© 2014 BY ELYSION BOOKS GMBH, LEIPZIG
ALL RIGHTS RESERVED
UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinert
www.dreamaddiction.de LEKTORAT: Inka-Gabriela Schmidt www.inwisch.de LAYOUT &WERKSATZ: Hanspeter Ludwig www.imaginary-world.de PRINTED IN POLAND ISBN 978-3-942602-55-6
Inhalt
Prolog
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Epilog
Für Karo! Die Liebe in diesem Buch ist für Dich.
»Succubi (von lat. succumbere = sich beschlafen lassen): Dämonen, die in Frauengestalt erscheinen, sozusagen als weiblicher Teufel, und als Geisterbraut fungieren. Das maskuline Gegenstück sind die Incubi. Succubi und Incubi waren als Spukgestalten schon in der mittelalterlichen Dämonologie bekannt.«
Aus: Horst E. Miers – »Lexikon des Geheimwissens«, Goldmann, 1993.
»Ein Sukkubus bekommt von einem schändlichen Manne Samen; ist jener eigens diesem Mann zugeordnet, und will sich nicht bei der Hexe zum Inkubus machen, so wird jenen Samen derjenige Dämon dem Weibe oder der Hexe überbringen, der derselben zugeordnet ist; und zwar wird er sich bei der Hexe zum Inkubus machen unter einer bestimmten Konstellation, die ihm dienlich ist, sodass ein also Geborener oder eine also Geborene an Kräften stark zur Vollbringung von Hexentaten werden wird.«
Aus: Malleus Maleficarum – »Der Hexenhammer – die verschiedenen Arten und Wirkungen der Hexerei und wie solche wieder behoben werden können«, verfasst von den beiden Inquisitoren Jakob Sprenger und Heinrich Istitoris (a.D. 1484).
Prolog
Rufus Laurant war nackt, als er über die Straße rannte. Sein Glied befand sich in höchster Erregung und wippte bei jedem Schritt schmerzhaft auf und nieder.
Gerne hätte er es anders gehabt. Kleidung war dabei nicht sein dringendstes Bedürfnis. Wenn nur die verdammte Erektion nicht wäre.
Er blickte nach rechts und sah blendende Scheinwerfer auf sich zurasen. Vor Schreck stolperte er und rettete sich gerade noch auf den Bürgersteig, als das Auto auch schon hupend an ihm vorüberfuhr.
Laurant rappelte sich wieder auf und blinzelte durch die Nacht. Seine Brille hatte er irgendwo verloren.
Auf der anderen Straßenseite machte er eine Bewegung aus. Das konnte nur sie sein.
Panisch hechtete er durch die Büsche. Heckenrosen rissen ihm dabei die Haut auf.
Er achtete nicht auf den Schmerz, sondern kämpfte sich weiter durch das Gestrüpp, das mit angespitzten Fingern nach ihm zu greifen schien.
Endlich hatte er es überwunden. Er fand sich auf einer nur kärglich beleuchteten Parkanlage wieder. Wiese, Kieswege und arrangierte Blumenbeete, die im Schein der Leuchtstoffröhren ebenso grau wirkten wie der Rest der Stadt.
Er rannte weiter, versuchte auf der Wiese zu bleiben, da aufgrund der Kieselsteine seine baren Füße schmerzten. Das Barfußlaufen war er nicht gewohnt.
Was er brauchte, war ein Versteck. Doch so schön die Parkanlage auch sein mochte, nirgends war ein Ort, der einen ausreichend vor den Blicken der Verfolgerin schützen würde.
Weiter, trieb er sich an, immer weiter. Nur nicht umschauen.
Er umrundete einen Brunnen und blickte sich entgegen seines Vorsatzes doch um.
Seine Verfolgerin war ganz nah.
Er konnte das Funkeln in ihren Augen sehen.
Dann war sie verschwunden.
Irritiert blieb Laurant stehen. Wo war sie abgeblieben?
Er guckte nach links, nach rechts, vor und zurück, doch nirgends war sie auszumachen.
Plötzlich packte ihn etwas am Schwanz und wirbelte ihn herum.
Schmerzenstränen schossen ihm in die Augen. Laurant stürzte zu Boden.
Am eigenen Schwanz gepackt, dachte er. Wie ein Tier. Nur dass Tierschwänze für gewöhnlich hinten sind.
Breitbeinig stand sie über ihm.
Mit irgendetwas hatte sie seine Gliedmaßen fixiert. So schnell, dass er sich nicht mehr rühren konnte. Einzig sein Penis zuckte wild hin und her.
»Wir bringen zu Ende, was wir angefangen haben«, sagte die Stimme der Wollust.
Sie hatte ihn verführt und er hatte sich verführen lassen. So weit so gut. Dass die Sache aber nicht enden wollte, das verstörte ihn. Er wusste nicht, was sie ihm alles eingeflößt hatte, aber es war zu viel des Guten. Daher war er, kaum hatte sich ihm die Möglichkeit geboten, geflohen.
Jetzt legte sie ihr kurzes Röckchen ab und spielte so an sich herum, dass er es sehen konnte.
Der Eingang zur Hölle, dachte er.
Dann setzte sie sich abermals auf ihn und die Penetration begann von neuem.
Doch was ihn anbelangte, so war da keine Lust.
Es schmerzte mehr, als dass es ihn befriedigte.
Er konnte nur hoffen, dass sein Glied bald schlappmachen würde. Dass die Wirkung des Cocktails unterschiedlichster Potenzmittel endlich nachließ.
Ein weiteres Mal kam es ihm. Er konnte nicht sagen, das wievielte Mal.
Niemals im Leben hätte er gedacht, dass dergleichen möglich war.
Und weiter ging es: Penetration und Erguss. Penetration und Erguss.
Es war Folter. Vergewaltigung.
Und wenig später Mord, als Rufus Laurants Körper kollabierte, die fortwährende Flut künstlich herbeigeführter Erregung nicht mehr verarbeiten konnte.
Rufus Laurant war tot.
Und über München ging die Sonne auf.
Erstes Kapitel
»Einige Okkultisten glauben, dass die Phantasie des Menschen ein unstoffliches Sperma absondert, wenn sie durch wollüstige und unzüchtige Vorstellungen erregt wird. Aus diesem Sperma würden dann die Incubi und Succubi geboren.«
Aus: R.e. l. Masters – »Die Teuflische Wollust – Sex und Satanismus«, Lichtenberg, 1968.
Eins
Wenn es eines gab, wonach sich Alvin Mauser sehnte, dann war es ein Fall von Ehebruch. Nicht, dass es ihn besonders gereizt hätte, in menschlichen Tragödien zu graben. Doch im Endeffekt versprach ein Ehebruch stets schnelles Geld.
Ein solcher Fall war rasch gelöst. Der oder die Hintergangene beauftragte ihn mit der Beschattung des jeweiligen Ehepartners. Mauser brauchte nicht mehr zu tun, als ein paar Fotos schießen. Innerhalb einer Woche gab es entweder den Beweis, dass es eine heimliche Affäre gab, oder es hatte sich nichts dergleichen ergeben. Egal, welche Variante vorherrschte, sein Auftraggeber war damit stets zufrieden und Mauser konnte ruhigen Gewissens seine Rechnung mitsamt Spesenquittung überreichen.
Doch nicht einmal ein harmloser Ehebruch verirrte sich in sein Büro. Gelangweilt stand er am Fenster und blickte die vier Stockwerke hinunter auf die Münchner Freiheit.
Es war Sommer. Die Leute schwitzten unter einer Gluthitze. Man sah es selbst aus dieser Entfernung. Mauser dankte sich selbst für die Investition in seinen Deckenventilator. Leise nahm er Runde um Runde und sorgte für ausreichend kühle Luft.
Das Telefon klingelte. Er wartete vier Mal, dann hob er ab. »Privatdetektei Mauser, womit kann ich helfen?«
»Du klingst ja schwer beschäftigt«, meldete sich Juliette und kicherte.
»Das bin ich auch. Ich schiebe die Steuererklärung von einer Seite meines Schreibtisches zur anderen. Du glaubst gar nicht, was das für eine Arbeit ist.«
»Schwitzt du auch so wie ich?«
»Schwitzen ist gar kein Ausdruck. Ich zerfließe hier förmlich.«
Wieder ihr Lachen. Das Lachen, das seinen Magen auch nach zwölf Jahren Ehe noch auf Schmetterlingskurs zu bringen vermochte.
»Wie sieht es aus?«, fragte Juliette. »Lässt du dich heute Abend von mir zum Essen einladen?«
»Wie wäre es denn, wenn zur Abwechslung ich dich zum Essen einladen würde?«, wagte er den Versuch.
»Ach Alvin. Ich weiß doch, wie es um deine Finanzen steht.«
»Ein Abendessen hat nur schwerlich etwas mit meinem Finanzhaushalt zu tun. Die Steuer macht mir Sorgen. Nicht die Einladung zum Abendessen mit meiner Frau.«
»Sei doch nicht gleich wieder so echauffiert«, sagte sie. Ihr Dialekt stahl sich bei dem letzten Wort deutlich hindurch. Für gewöhnlich versuchte sie ihre französische Herkunft zu verbergen. Doch wenn sie leicht aufgebracht war, gelang ihr das nicht. Alvin gefiel das.
»Ich bin nicht echauffiert«, sagte er und äffte ihren Slang nach.
»Du kennst mein Angebot.«
»Was für ein Angebot?«
»Wir legen unsere Konten zusammen und du bist deine Geldsorgen los.«
Alvin seufzte. »Soll ich dir schon wieder erklären, warum ich das nicht will? Ich will mich nicht von dir abhängig machen.«
»Aber das machst du doch gar nicht.«
»Eben! Würden wir unsere Konten zusammenlegen, dann würde ich das aber tun. Glaub mir Juliette: Lieber habe ich Schwierigkeiten, die Miete für mein Büro zu zahlen, als mich beruhigt zurückzulehnen, da ich weiß, dass meine Frau für die Miete aufkommt. In dem Fall bräuchte ich mich überhaupt nicht mehr um einen Auftrag kümmern.«
»Ist ja gut, Schatz. Ich hab verstanden.«
Eine Pause herrschte. Doch kurz bevor diese unangenehm zu werden drohte, sagte Juliette: »Lädst du mich trotzdem zum Abendessen ein?«
Er grinste. Sieg auf der ganzen Linie, dachte er. »Na klar. Um Sieben bei unserem Italiener?«
Unser Italiener, das war das Bella Italia am Stachus. Hier kehrten sie häufig ein, wenn sie es etwas romantischer haben wollten. Nicht weil das Restaurant romantisch war, sondern weil es sie stets an den Beginn ihrer Beziehung erinnerte.
»Das klappt«, sagte sie. »Bis dann.«
Alvin legte den Hörer auf und lehnte sich zurück. Fall gelöst.
Doch nein: Das war ja gar kein richtiger Fall. Die richtigen Fälle fanden nur im Kino statt. Oder in der Zeitung. Er zog die letzte Ausgabe der ABENDZEITUNG vom Schreibtisch und schlug sie auf. NEUER SEXMORD prangte da ganz groß die Überschrift. Darunter: »Welche Rolle spielte das neue Opfer, Rufus Laurant (56) bei der brutalen Mordserie?«
Das war in der Tat eine interessante Frage, befand Mauser. Laurant war ein Top-Manager, der in der High Society agierte wie kein Zweiter. Schwarzgelder flossen in diesen Kreisen ebenso in Strömen, wie auf abendlichen Cocktailpartys der Champagner. Dabei war Laurant bereits das vierte Opfer, das man aus eben diesen Kreisen gefunden hatte. Eine Skurrilität gab es in der Mordserie auch: Es schien sich bei dem Täter nicht um das übliche Profil eines Serienkillers zu handeln, sondern die Opfer, die allesamt den elitären Kreisen angehörten, wurden ausnahmslos vergewaltigt. Jedoch auf etwas … nun ja … ungewohnte Weise.
Mehr aus Langeweile als aus wirklichem Interesse heraus hatte sich Mauser vergangenen Abend mit Kommissar Harmann im Hofbräuhaus getroffen, der ihm nach der zweiten Maß Bier einige geheime Details verraten hatte. Das Indiz der Vergewaltigung war nicht auf einen männlichen Täter zurückzuführen. War das noch nicht ungewöhnlich genug, so hatten die Opfer kurz vor ihrem Tod auf nicht freiwilliger Basis Verkehr gehabt. Und zwar – wenn man dem Gerichtsmediziner Glauben schenken durfte – unzählige Male.
»Wie kann man das denn feststellen?«, hatte Mauser seinen ehemaligen Schulfreund gefragt.
»Man hat erektionsfördernde Mittel im Blutkreislauf gefunden«, wusste Harmann. »Außerdem wurde scheinbar so kurioses Spielzeug wie Penispumpen angewendet.«
»Ist ja ekelhaft.«
»Ja. Man hat alles daran gesetzt, eine Erektion beim Opfer herbeizuführen und diese auch zu halten.«
»Kam es zur Ejakulation?«
»Bei allen. Ja. Mehrmals. Unnatürlich oft, wie der Gerichtsmediziner wusste. Hab ihn gefragt, was das heißen soll. Dann hat er mich gefragt: ›Wie oft war das Häufigste, dass Sie an einem Tag zum Erguss kamen?‹ – ich hab gesagt: ›so vier Mal vielleicht‹. Da war ich noch jung. Noch nicht so ausgelaugt wie heute und die Mädchen waren noch frisch und neugierig genug. – Daraufhin hat er wissentlich genickt und mich gefragt, wie sich mein bestes Stück nach dem vierten Mal angefühlt habe. Ob ich der Meinung sei, ich könne noch weitere vier Mal. Ich habe verneint und er hat gesagt, die Refraktärzeit eines durchschnittlichen Mannes liege bei durchschnittlichen vierundzwanzig Stunden.«
»Was ist denn eine Refraktärzeit?«, wollte Mauser wissen.
»Das ist die Zeit, die du brauchst, um ihn nach einem Orgasmus erneut hochzukriegen.«
»Und wie war die Refraktärzeit der Opfer?«
»Nach dem männlichen Orgasmus wird das Enzym Prolaktin ausgeschüttet, das dafür sorgt, dass die Frau sich schon sehr bemühen muss, ihn noch einmal auf Touren zu bringen. Nun gibt es aber Medikamente, die den Prolaktinspiegel für eine gewisse Zeitspanne hemmen. Ein solches Medikament findet bei Parkinson-Patienten Verwendung. Unsere Opfer hatten es völlig überdosiert in ihrem Blutkreislauf. Die hatten einen Dauerständer und müssen laut unserem Pathologen regelmäßig immer wieder aufs Neue gekommen sein, bis der Körper zusammengebrochen ist.«
»Sexuelle Folter?«
»Vergewaltigung. Von einer Frau!«
Kurz darauf hatten sie das Thema gewechselt.
Angewidert schob Mauser die Zeitung von sich. So langweilig es auch war, keinen Fall zu haben, so war er auch froh, nicht in Harmanns Haut zu stecken. Der hatte nämlich massive Probleme seitens der Staatsanwaltschaft. Der Druck sei kaum zum Aushalten, hatte er seinem Freund gestern anvertraut. Zwar hatte Mauser gefragt, ob er helfen könne – sie hatten da so ein stillschweigendes Abkommen – aber Harmann hatte abgewunken. »Vergiss es, Alvin. Wenn unser beider ›Eine-Hand-wäscht-die-andere-Prinzip‹ bei diesem Fall rauskommt, dann wird der Bundespräsident persönlich Lynchjustiz an mir begehen. Das ist kein Fall wie jeder andere. Die Opfer sind bedeutende Persönlichkeiten des Landes.«
Mit Harmann war Mauser buchstäblich bereits durch dick und dünn gegangen. Sie hatten gemeinsam die Schulbank gedrückt, sich dann für ein paar Jahre aus den Augen verloren und sich auf der Polizeischule wiedergetroffen. Doch während Harmann seine Karriere bis zum heutigen Tage stetig vorangetrieben hatte und nun als Hauptkommissar die Mordkommission leitete, hatte Mauser nach den ersten paar Jahren Streifendienst seine Polizeikarriere wegen einer künstlerischen Begabung an den Nagel gehängt: Er wollte Musiker werden. Doch der ersehnte Durchbruch im Jazz stellte sich trotz guter Ambitionen nicht ein, weswegen er nebenher zum Geldverdienen die Detektei Mauser gründete. Immerhin lernte er bei einem seiner Auftritte – er spielte seinerzeit Saxophon in einer kleinen Combo mit bedeutungslosen, aber gut improvisierten Standards – Juliette kennen.
Alvin war sofort fasziniert von ihrer graziösen Ausstrahlung gewesen. Mit ihrem langen dunkelrot gefärbten Haar, ihrem dunklen Teint, in dem grünfunkelnde Augen lagen, hatte sie ihre Reize schnell zur Geltung bringen können. Hinzu kam ihr französischer Akzent. Im Nachhinein sprach er stets von Liebe auf den ersten Blick.
Bereits zwei Jahre später hatten sie sich eine gemeinsame Wohnung gesucht und ein weiteres Jahr darauf das Ehegelübde abgelegt. Seitdem warteten sie vergeblich darauf, Kinder zu bekommen. Doch wenn er ehrlich zu sich selbst war, war er froh, dass der Kinderwunsch sich nie erfüllt hatte. Im weitesten Sinne war er zufrieden mit seinem Leben. Er hatte eine wunderbare Frau, um die ihn andere Männer beneideten, und einen spannenden Beruf, sofern es denn mal einen Fall gab, den Harmann ihm zuschob. Leider war das schon seit Längerem nicht mehr eingetreten und die aktuellen Fälle, mit denen der Hauptkommissar betraut wurde, ließen eine Zusammenarbeit kaum zu.
Er blickte auf die Uhr und entschied sich zu einer vorzeitigen Mittagspause.
Mauser griff nach seinem Jackett und schaltete den Anrufbeantworter ein. Danach verließ er das Büro, sperrte die Tür ab und ging den Gang entlang, bis er den Aufzug erreichte, der außerhalb des Gebäudes nach unten führte.
Der gläserne Aufzug entließ ihn neben dem Karstadt-Kaufhaus auf der Schellingstraße. Der Verkehr brauste durch die flirrende Mittagshitze. Fensterscheiben waren heruntergekurbelt. Aus den Fahrzeugen schepperte laute Musik und das Röhren der Klimaanlagen war allgegenwärtig. Diverse Passanten gaben sich dem Einkaufsstress hin.
Mauser wandte sich nach links und lief die Leopoldstraße entlang. In der Apotheke zur Münchner Freiheit kaufte er sich eine Packung Ibuprofen und einen Badezusatz für ›Wohlfühlmomente‹, der dort gerade beworben wurde. Danach bog er links in die Herzogstraße ein und erreichte alsbald in der Wilhelmsstraße das Il Bocco, eine kleine, aber feine Pizzeria. Hier gab es Pasta und Espresso für recht günstiges Geld, geschmacklich jedoch außergewöhnlich mediterran. Kaum zu glauben, dass es dergleichen im Herzen Bayerns zu finden gab.
Er bestellte noch einen Espresso-Grappa nach und sinnierte über den heutigen Tag. Um sieben Uhr in der Früh war er aufgewacht. Juliette war natürlich nicht da gewesen. Sie hatte die letzten Nächte in einem Hotel irgendwo in Berlin verbracht, wo sie als politische Dolmetscherin die vergangene Woche wegen irgendwelcher französischer Austauschtage gebraucht wurde. Heute würde sie zurückkommen, und er freute sich schon darauf, sie wiederzusehen. Am Abend zuvor hatte er die gemeinsame Wohnung aufgeräumt.
»Lass einen Mann nie eine Woche alleine in deiner Wohnung«, hatte er damals gesagt, als sie frisch zusammengezogen waren und Juliette das erste Mal für längere Zeit fortmusste.
»Wieso denn nicht?«
»Männer wie ich räumen nicht auf«, lautete seine Antwort. »Männer wie ich fangen an, sich Pizza zu bestellen und ein Sixpack nach dem nächsten zu trinken, wenn sie alleine sind. Männer wie ich lümmeln auf dem Sofa und rülpsen. Männer wie ich trinken Schnaps und schauen sich unanständige Filme an.«
»Soll ich absagen und lieber hier bei dir bleiben?«
»Männer wie ich räumen erst in letzter Sekunde auf. Vorausgesetzt, sie lieben ihre Frau. Unterstehe dich also, eher als vereinbart heimzukommen. Es könnte noch nicht aufgeräumt sein. Und glaub mir: Eine Wohnung, wie sie Strohwitwer führen, steht der Chaostheorie in nichts nach.«
Juliette hatte gelacht und war angenehm überrascht gewesen, dass die Wohnung picobello in Schuss war, als sie wieder zurückkam. Danach hatte sie nach Alvins unanständigen Filmen gefragt, und sie hatten sich einen angeschaut. Seitdem hatte sich dieser Ablauf in ähnlichen Variationen zu einer Art Ritual entwickelt.
Das Problem war nur: Alvin sah sich im Normalfall keine unanständigen Filme an. Seit über zehn Jahren war er daher dazu verdammt, sich immer einen solchen zu besorgen, sobald seine Frau mal beruflich ein paar Tage weg war. Sie bestand darauf. Und irgendwie schmeichelte es ihm.
Heute Morgen war er daher nicht direkt in sein Büro an der Münchner Freiheit gegangen, sondern hatte sich zunächst diesen Pornofilm angeschaut, den er sich aus dem Internet bestellt hatte. Es war ein Film, in dem ausnahmslos vermeintliche Lesben miteinander Verkehr hatten und das Beste an dem ganzen Film war letztlich die Musik gewesen: träumerisch jazzige Midtempo- bis Downbeat-Nummern. Das Saxophon brillierte auf exorbitant hohem Niveau und für kurze Zeit hatte sich Mauser überlegt, ob das nicht eine Möglichkeit für ihn sei: Musik für Pornofilme zu schreiben.
Nachdem er sich im Beisein des Filmes erleichtert hatte, verwarf er diesen Gedanken wieder. Er hatte geduscht und sich mit reichlicher Verspätung ins Büro aufgemacht. Da er dieses alleine betrieb, gab es auch keinen Menschen, mit dem er hätte sprechen können oder vor dem er sich hätte rechtfertigen müssen. Er hatte die Post geöffnet – Rechnungen und Mahnschreiben – hatte sie teilweise via Onlinebanking beglichen und dann zum hundertsten Mal versucht, seine Steuererklärung anzufangen. Wenig später war er trüb vor sich hin sinnierend auf dem Bürostuhl eingenickt.
Er brauchte einen Fall. Wenn auch nicht zur Abdeckung seiner Finanzen – denn das wusste er: Sollte es hart auf hart kommen, würde ihm Juliette aushelfen, ohne mit der Wimper zu zucken – so doch zur Abschaltung dieser gähnenden Langeweile.
Er zahlte und verließ das Lokal. Rechts daneben befand sich die sogenannte Autorenbuchhandlung ABC. Ein kleiner aber feiner Laden, der vor rund vierzig Jahren einmal von einer Autorenvereinigung gegründet worden war und seitdem versuchte, gegen den Mainstream zu existieren.
Noch nie hatte Mauser etwas darin gekauft. Jetzt blieb er stehen und betrachtete die Auslage: Bücher mit Tiefgang zumeist. Richtige Literatur. Keine Thriller oder Fantasysachen. Er nahm ein Buch von Paul Auster näher in Augenschein, als ihm durchs Schaufenster hindurch eine Frau auffiel. Dabei handelte es sich nicht um die sympathische Buchhändlerin, die er vom Sehen her kannte. Nein: Es war ein wunderlich hübsches Ding. Ein Anblick, der ihm unverzüglich in Mark und Bein schoss.
Dabei war es weniger die Schönheit der jungen Frau, die ihn in seinen Bann zog; obgleich sie nach allen gängigen Schönheitskriterien definitiv als schön galt. Daran bestand für Mauser nicht der geringste Zweifel. Vielleicht war sie ja Model oder Ähnliches, wobei er befand, dass dafür ihr Outfit nicht passend war. Sie trug ein schlichtes, dünnes Sommerkleid, das enganliegend ihre Rundungen perfekt zur Geltung brachte. Dazu Flip-Flop-Sandalen, in denen sie barfüßig vor der Ladentheke stand und sich mit der Buchhändlerin unterhielt.
Mauser beobachtete sie unverblümt durch das Schaufenster, wie sie eine Strähne ihres dunklen Haares hinters Ohr schob. Das Gesicht war weich und konturenreich. Aber da war noch etwas anderes, was ihn faszinierte. Der Detektiv konnte nicht recht sagen, was es war. Eine Art Aura, die von der Frau ausging, deren Alter er auf fünfundzwanzig schätzte. Die Ausstrahlung an sich. Er sah sie lachen und ihre weißen Zähne aufblitzen. Sie blickte zum Fenster und ihre Blicke trafen sich. Etwas zu lang für einen flüchtigen Moment.
Mauser zwang sich, auf das Buch in seiner Hand zu blicken und tat so, als hätte er daran Interesse. Plötzlich ging die Ladentür auf und die Frau mit dieser magischen, nicht näher definierbaren Ausstrahlung ging lächelnd an ihm vorüber. Sie hatte sich eine Sonnenbrille aufgesetzt. Während sie vorbeilief, schob sie eine Plastiktüte mit einem Buch in ihre Handtasche, die sie sich unter den Arm klemmte. Eine Woge süßlichen Parfüms brandete an Mausers Nase.
Er legte das Buch zurück auf die Auslage und blickte ihr nach. Intuitiv beschloss Mauser, ihr zu folgen.
Zwei
Juliette wartete in einem Café des Berliner Flughafens Tegel auf den Aufruf für Flugnummer ›LH 2053‹. Sie hatte ihr grünes Sommerkleid an, das ihrem Mann zufolge perfekt zu ihren Augen passte. Auf dem Tisch vor ihr stand eine frisch geleerte Tasse Cappuccino, in der sich der Restschaum am Tassenrand abgesetzt hatte. Mit dem Zeigefinger wischte sie ihn auf und lutschte den Finger ab. Unweigerlich dachte sie dabei an Alvin.
Sie freute sich darauf, ihn wiederzusehen, sehnte ihr gemeinsames Pornofilm-Ritual herbei, das stets in einem für beide Seiten befriedigenden Höhepunkt gipfelte, egal, wie schlecht die Filme auch waren, die Alvin ausgesucht hatte.
Traditionen dieser Art hatten sie einige. So war es etwa unausgesprochenes Gesetz des Paares, sich bei Telefonaten nicht voneinander zu verabschieden. Einer von beiden legte auf, wenn er das Gespräch für beendet hielt. Zwar erforderte dieses Vorgehen manch seltenes Mal einen Rückruf, aber im Großen und Ganzen war es ein Spiel, das sie bereits ihr gesamtes gemeinsames Leben spielten.
Eine weitere Sitte war es, sich gegenseitig nicht vom Flughafen abzuholen. Dies war darauf zurückzuführen, dass sie sich einmal verpasst hatten, was sich zu einem Drama entwickelt hatte. Von daher würde Juliette mit dem Taxi vom Franz-Josef-Strauß-Flughafen in ihre gemeinsame Wohnung fahren. Dort würde sie das Gepäck abstellen, schon mal eine Ladung Wäsche in die Maschine schmeißen und einen Blick auf den Film werfen, den Alvin hoffentlich besorgt hatte.
Einmal hatte er es vergessen und sie erinnerte sich daran, wie enttäuscht sie gewesen war. Doch Alvin hatte ihre Reaktion retten können, indem er sie spontan zum Besuch in einem Erotikkino überredet hatte. Derartige Liebeleien hielten ihr Liebesleben frisch und sorgten dafür, dass es auch nach zwölf Jahren Ehe ausreichend knisterte. Dass Juliette immer wieder für ein paar Tage oder Wochen beruflich unterwegs war, trug ebenso dazu bei. Sie freuten sich aufeinander und genossen ihre Wiedersehensrituale.
Sie blickte auf die Uhr. Wie immer war sie viel zu früh am Flughafen. Noch eine ganze Stunde würde sie warten müssen. Sie griff nach ihrer Handtasche, stand auf und suchte sich eine Toilette. Ihren Koffer hatte sie bereits am Gepäckschalter aufgegeben. Ein Glück. Es wäre lästig gewesen, ihn die ganze Zeit hinter sich herziehen zu müssen.
Als Pubertierende war sie von Frankreich aus das erste Mal nach Deutschland gereist. Damals waren die Gepäckbestimmungen noch anders gewesen. Heute durfte es nur ein Koffer pro Kopf sein, und der durfte bei Inlandsflügen nicht mehr als zehn Kilo wiegen. Eine Folge von Gesetzen, die von Beamten entwickelt wurden, die nicht die geringste Ahnung hatten, was eine Frau für eine Reise alles benötigte. Doch für einen einwöchigen Berlinaufenthalt langten zehn Kilo gerade noch aus.
Juliette fand ein Hinweisschild zur Damentoilette, trat durch eine gläserne Flügeltüre und folgte dem Weg eine Treppe hinab. Ein dicklicher, älterer Herr kam ihr entgegen und zog sich beim Laufen den Reißverschluss seiner Hose hoch. Juliette grinste bei der Vorstellung, dass der Mann sich soeben erst mit seinem Pullermann in der Hand erleichtert hatte. Händegewaschen hatte er mit Sicherheit auch nicht. Der Mann bemerkte ihren Blick, errötete und eilte an ihr vorüber.
Sie erreichte das Ende der Treppe, folgte einem langen Gang, vorbei am Herren- und am Behindertenklo und erreichte endlich die Damentoilette. Eine Frau im Stewardesskostüm stand am Spiegel und zog ihren Lippenstift nach.
Juliette betrat eine der vier Kabinen und schloss hinter sich ab. Es roch nach Handwaschseife, Desinfektionsmittel und Urin. Eine Geruchsmischung, die Juliette stets an einen Vorfall erinnerte, den sie vergeblich versuchte, zu vergessen.
Sie war jung gewesen. Anfang zwanzig. Die Disco war dafür berühmt, dass man nur dann alleine nach Hause ging, wenn man entweder zu betrunken war, um einen Partner für eine Nacht zu finden, oder aber die Sache gleich vor Ort erledigte. Sie hatte sich einen muskulösen, gutaussehenden Kerl geangelt. Mehrere Drinks hatte er ihr ausgegeben und sie beim Tanzen ordentlich angemacht. Ganz eng war er von hinten an sie herangetanzt und deutlich hatte Juliette seine pochende Erregung durch seine Jeans hindurch gespürt. Sie hatte die Sache erwidert und ein paar Mal wie zufällig mit der Hand seinen Schritt gestreift. Irgendwann hatten sie es nicht mehr ausgehalten und sie waren lachend und knutschend auf die dortigen Toiletten geeilt. In einer der Kabinen dann hatte er sie gepackt und gegen die Kabinenwand gedrängt. Fordernd hatte er ihr Höschen zerrissen, während sie den Reißverschluss seiner Hose öffnete, um sein Gemächt aus der Enge zu befreien. Sie hatte ihn in den Mund genommen und ihn noch schärfer gemacht, als er es ohnehin schon war. Danach hatte sie sich umgedreht, sich mit den Händen auf der Kloschüssel abgestützt und darauf gewartet, dass er in sie eindrang. Das tat er auch, jedoch im falschen Loch. Das war es, was sie ihm sagte: »Du bist im falschen Loch«, doch er hatte nur gesagt, sie solle ihr Maul halten und sie als Schlampe bezeichnet. Furchtbar tief hatte er ihren Anus gestoßen. Juliette hatte zuvor noch nie Analverkehr gehabt, weswegen sie versucht hatte, sich zu wehren. Doch der Kerl war zu kräftig. Zu stark. Zu geil. Vermutlich konnte er es selbst nicht mehr kontrollieren, redete sie sich ein.
Als sie um Hilfe rufen wollte, drängte er ihren Kopf in die Kloschüssel, stieß sie noch ein paar Mal und kam alsbald in ihr oder auf ihr – sie wusste es nicht mehr genau. Auch nicht mehr, wie die Sache endete, ob er etwas zu ihr sagte, nachdem er mit ihr fertig war. Was sie jedoch auf ewig in Erinnerung behalten würde, war dieser Geruch, den sie nun auf der Flughafentoilette wahrnahm und der wohl auf jeder öffentlichen Toilette vorherrschte.
Aus dem Vorfall hatte sie zwei Dinge gelernt. Erstens: Analverkehr war nichts für sie. Und zweitens: Wenn sie einen Mann zu sehr aufheizte, würde sie die Kontrolle über ihn verlieren.
Immerhin war die Sache glimpflich ausgegangen. Sie hatte keinerlei Verletzungen geschweige denn irgendwelche Krankheiten aus der Sache davongetragen. Auch psychisch hatte die Sache keinerlei Folgen für sie, sah man einmal von der Geruchsaversion gegen öffentliche Toiletten ab sowie Alvins enttäuschten Blick, als er einmal den Wunsch geäußert hatte, mit ihr Analverkehr machen zu wollen.
Alvin war ein guter Mann. Sie hatte ihm die Geschichte erzählt und er hatte nie wieder darum gebeten oder irgendwelche Versuche unternommen, sie umzustimmen.
Eines Tages, das nahm sich Juliette fest vor, würde sie ihn mit dieser Spielart der Lust überraschen. Als Belohnung. Aus Liebe. Einfach nur so.
Eines Tages – wenn sie bereit dazu war.
Nachdem Juliette ihr Geschäft verrichtet hatte, ging sie wieder nach oben in den Wartebereich. Das hektische Treiben eines Flughafens war nicht so furios wie an Bahnhöfen, fand sie. Bei Zugfahrten gab es immer irgendwelche Passagiere, die zu spät waren, die es eilig hatten, einen Anschlusszug zu erwischen, die gehetzt mit einem Wagen voll Gepäck von einem Bahnsteig zum anderen rannten.
Das war der Grund, weswegen Juliette Flughäfen Bahnhöfen vorzog. Hier konnte man sich treiben lassen. Es stimmte einen ein auf den Flug über den Wolken.
Sie flanierte an den Geschäften vorbei, besah sich einen Stand mit Taschenbüchern, probierte einige Sonnenbrillen und kaufte sich irgendwo ein paar Liebeswürfel. Sie waren alles andere als teuer und Alvin würden die Dinger gefallen. Mit dem einen würfelte man die Körperstelle und mit dem anderen die Art der Liebkosung. Beigelegt war dem Paket zudem eine Eieruhr, damit die Sache gerecht zuging, wenn man sich mit dem Würfeln abwechselte.
Eine billige Idee, dachte sie, aber die Umsetzung könnte spannend werden.
Schon einmal hatte sie sich mit Alvin an einer Art erotischem Gesellschaftsspiel versucht. Dabei war das Regelwerk so umfangreich wie ein Lexikon gewesen und alleine der Aufbau des Brettspiels mit all seinen unterschiedlichen Kartenstapeln und Spielsteinen war eine Herausforderung für sich gewesen. Als entsprechend lustlos erwies sich das Ganze, weswegen sie sich geschworen hatten, von derartigen Experimenten abzusehen. Die Würfel hingegen waren einfach und könnten Spaß machen.
Gemächlich bahnte Juliette sich ihren Weg zum Security-Check. Die Menschen standen in drei verschiedenen Reihen in der Schlange. Urlauber, Geschäftsreisende, Jugendliche und Familien. Jeder hatte sein eigenes Ziel. Weiter vorne sah sie eine Gruppe junger Männer, die mit PET-Flaschen trommelten und dazu sangen. Musiker vermutlich, deren Instrumente bereits verladen wurden.
Juliette hatte Alvin bei einem seiner Konzerte kennengelernt, die er früher, als er noch aktiv eine Karriere als Musiker anstrebte, regelmäßig mit seiner Kombo in den verschiedensten Jazzkellern Münchens gab. Sie hatte sich die CD gekauft und war nach dem Konzert ehrfürchtig an Alvin herangetreten, um ihn um ein Autogramm zu bitten. Ihre Blicke hatten sich getroffen und blieben etwas zu lang aufeinander gerichtet. Er signierte die CD mit einem Edding und reichte sie ihr, wobei sich ihre Fingerspitzen berührten. Eine angenehme Berührung, die Juliette wie ein warmer, sanfter Blitzschlag vorkam. Als sie spürte, wie sie rot wurde, eilte sie davon.
Später betrachtete sie voller Herzklopfen die CD und stellte zu ihrer Überraschung fest, dass Alvin nicht nur seinen Namen, sondern auch seine Telefonnummer darauf geschrieben hatte. Über eine Woche hatte Juliette gebraucht, den Mut aufzubringen und die Nummer zu wählen. Sie hatten sich im Bella Italia am Stachus verabredet und die Nacht gemeinsam verbracht.
Noch immer machte sich dieses angenehme Bauchkribbeln in ihrem Unterleib breit, sobald sie daran zurückdachte.
Alvin war ein liebevoller und zärtlicher Liebhaber, der sie voller Hingabe aber auch mit Rücksicht auf ihre eigenen Bedürfnisse zu nehmen wusste. Das Vorspiel war lang, die Leidenschaft enorm und der Orgasmus verebbte nach Minuten der Lust nur langsam.
Die Schlange hatte sich bereits verkürzt. Juliette legte ihre Ohrringe und ihren Armreif ab und verstaute beides in ihrer Handtasche. Der Mann vor ihr musste wiederholt durch den Metalldetektor laufen. Ein kleines Mädchen schrie jämmerlich, als der Sicherheitsbeamte ihre Puppe entwendete, um sie zu durchleuchten.
Endlich war Juliette an der Reihe. Sie legte ihre Handtasche in den Plastikbehälter und lief durch den Detektor. Er piepste nicht und die Signalleuchte gab grünes Licht. Der Beamte vor ihr nickte. »Alles in Ordnung. Sie können Ihre Sachen wieder haben.«
»Danke.«
Sie lief weiter, die Gangways entlang und erreichte den Duty-free-Bereich. Da sie noch etwas Zeit hatte, betrat sie das Geschäft und wanderte zielgerichtet zum Parfümerieregal.
Das Spiel der körperlichen Liebe hatten Juliette und Alvin im Laufe ihrer gemeinsamen Zeit perfektioniert. Jeder wusste, worauf es dem anderen ankam und vermochte es gleichermaßen, mit Neuem zu überraschen. Kurze Momente der Lust waren ebenso vorhanden wie lange Nächte der Leidenschaft. Juliette konnte sich beim besten Willen nicht beschweren.
Manchmal kam es ihr unwirklich vor, dass sie mit der Wahl ihres Mannes ein solches Glück hatte. Doch wie alle schönen Dinge des Lebens hatte auch dies seine Schattenseiten. Allzu gerne hätte Juliette ein Kind gehabt. Oder zwei oder drei. Doch der Kinderwunsch blieb ihnen bislang verwehrt. Nach Jahren der vergeblichen Versuche hatte Alvin sich ärztlich untersuchen lassen, mit der hoffnungslosen Diagnose: ›unfruchtbar‹. Nach einer schwierigen Zeit aber hatten sie festgestellt, dass dies weder ihrer Ehe noch ihrer Leidenschaft einen Nachteil brachte. Vielmehr hatte es ihrem Leben neuen Sinn gegeben. Juliette hatte sich auf ihre Karriere als Dolmetscherin konzentriert und Alvin hatte seine Detektei gegründet.
Sie kaufte für sich ein Parfum von Jil-Sanders und für Alvin ein Aftershave der selben Marke. Danach folgte sie den Gangways, bis sie den Check-in-Schalter erreichte. Noch war er geschlossen. Sie verglich die Nummer des Schalters mit dem auf ihrem Flugticket und setzte sich zu den anderen Wartenden auf einen freien Platz. Neben ihr lag eine zerlesene Zeitung, aber die Überschrift zog ihre Aufmerksamkeit auf sich.
»NEUES PROMI-OPFER IN MÜNCHNER MORDSERIE«, stand da und etwas kleiner darunter: »Wieso musste Rufus Laurant sterben?«
Juliette kannte Laurant. Genauer gesagt seine Stimme. Sie hatte ihn schon einige Male dolmetschen müssen. Wenn sie sich recht entsann, waren das irgendwelche Französisch-Deutschen Austauschtage gewesen, bei denen Frankreichs Wirtschaftsabgeordnete nach München gereist waren und Laurant als Vorsitz des regionalen Energieministeriums eine Rede gehalten hatte. Die Rede hatte zwei Stunden gedauert und Juliette, die an jenem Tag mit einer Erkältung und Halsschmerzen zu kämpfen hatte, an die Grenze des körperlich möglichen gebracht.
Von der Mordserie selbst hatte sie nur am Rande etwas mitbekommen. Am Telefon hatte Alvin ihr davon erzählt und so wusste sie, dass Harmann die Untersuchungen leitete. Harmann war ein seltener aber gerngesehener Gast in ihrem Haus. Sie hatten schon manchen geselligen Grillabend miteinander verbracht, doch seit Harmann keine Lebensgefährtin mehr hatte, ließ er sich nur noch selten blicken. Angesichts der Mordserie war das natürlich auch kein Wunder. Dem Zeitungsartikel nach war Laurant das fünfte Opfer. Die Polizei tappte nach wie vor im Dunkeln.
Alvin hatte Harmann schon so einige Male bei den Ermittlungen geholfen. Sie konnte nur hoffen, dass er es bei diesem Fall bleiben ließ. In Juliette keimte der Gedanke, dass es bei der Mordserie um wahrlich brutale und gemeingefährliche Machenschaften ging. Die Zeitung sprach auch nicht von einem Killer, sondern von einer ganzen Bande.
»Lesen Sie den ausführlichen Bericht auf Seite 3«, stand da, doch Juliette wollte nicht. Angewidert faltete sie die Zeitung zusammen und gab sich wieder ihren lustvollen Gedanken der Vorfreude hin. Bald würde sie Alvin wiedersehen. Sie freute sich darauf, mit ihm zu schlafen.
Endlich wurde der Check-in-Schalter geöffnet. Juliette erhob sich und stellte sich in die Schlange der Reisenden.
Ihre Muschi juckte. Alvin würde einiges mit ihr zu tun haben. Es galt, eine ganze Woche Liebesabstinenz aufzuholen.
Juliettes Unterleib kribbelte in stiller Vorfreude und Erwartung.
Aus ihrer Handtasche kramte sie das Flugticket und ihren Ausweis. Dabei sah sie die Liebeswürfel, die sie vorhin gekauft hatte. Sie lächelte, als sie an den Schalter trat.
Drei
Harmann nahm es in Kauf, dass sie auf ihm saß. Ihre bleichen Schenkel rieben an seinen Hüften und die Nässe ihres Schoßes schmatzte bei jedem Auf und Ab ihrer Lenden.
Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass er Olgas Dienste in Anspruch nahm, wenn ihm ein Fall über den Kopf wuchs. Olga bezeichnete Harmann als ihren treuesten Stammkunden und so war es kein rein körperliches Geschäft, wie all die anderen Freier, die sie bediente. Harmann wusste das und genoss das stillschweigende Abkommen, das sie miteinander geschlossen hatten: Sie gewährte ihm auf ihre Liebesdienste zehn Prozent Nachlass und er unterstützte sie dabei, dass sie niemals Probleme mit der Auslandsbehörde bekommen würde. Das funktionierte nun schon seit über sieben Jahren so, auch wenn sie Derartiges nie offiziell vereinbart hatten.
Bewundernd verfolgte Harmann die Schweißperlen, die sich auf Olgas Brüsten gebildet hatten. Obwohl sie ihn heftig ritt, richtete er sich auf, um die Tropfen von dort aufzusaugen. Olga umschlang seinen Kopf und presste ihn zwischen ihre Brüste. Seine Hände glitten ihr Rückgrat entlang, erreichten ihre Pobacken und umklammerten dort ihre Hüften, um den Rhythmus besser zu kontrollieren.
Harmann stöhnte auf. Gleich ist es so weit, dachte er und spürte, wie Olga sich an ihn klammerte, die Beine um ihn herum schwang, und sich von ihm auf und niederbewegen ließ .
Dann gab sie seinen Oberkörper frei und lehnte sich zurück, bis sie mit dem Kopf über der Bettkante hing. Seine Erektion stieß nun von innen gegen den oberen Rand ihrer Vulva. Das war eine gute Stelle, denn so kam auch sie.
Ein Beben durchfuhr ihren gesamten Körper, was Harmann begeistert zur Kenntnis nahm, so dass er nun auch den letzten Funken Kontrolle fahrenließ. Er spürte, dass er nicht mehr an sich halten konnte, lehnte sich ebenso zurück, stützte sich auf seine Ellbogen und vollführte die letzten Paar Stöße, zu denen er fähig war.
Lustvoll schrie Olga auf und selbst dem schweigsamen Harmann entfuhr ein lautstarkes Keuchen, als er in Olga kam, die ihm jauchzend ihren Unterleib entgegenstemmte.
Erschöpft und befriedigt lehnte sich Harmann zurück aufs Bett.
Olga richtete sich auf, langte an seinen Schaft und entzog sich ihm. Vorsichtig entfernte sie das Präservativ von seinem noch immer erigierten Glied und leckte ihn sauber.
Bei einem regulären Kunden würde sie das nie machen. Doch sie kannte Harmann zu gut, als dass sie sich wegen irgendetwas sorgen müsste. Dass Harmann auf geschütztem Verkehr bestand, war nur normal.
Als er sauber war, kuschelte sie sich an ihn und kraulte seine Brust.
Harmann hatte seine Arme hinter seinem Kopf verschränkt und brummte zufrieden.
»Du süßer Bär, du«, schnurrte sie.
Harmann schwieg.
Olga schloss die Augen und dämmerte hinweg. Auch das würde ihr vermutlich bei keinem ihrer sonstigen Kunden passieren. Doch bei Harmann war das anders. Er gab ihr Sicherheit und ihr Verhältnis war – obgleich geschäftlich – vertrauensvoll und von gegenseitigem Respekt geprägt.
Harmann war froh, Olga gefunden zu haben. Allein diese Tatsache grenzte schon an ein Wunder, wenn man bedachte, dass sich in München fast zweihundert bordellartige Betriebe und Etablissements befanden. Laut den aktuellen Statistikblättern seiner Kollegen vom Fachkommissariat K 35 gab es fast dreitausend Prostituierte in seiner Stadt. Allerdings besaßen nur fünfundzwanzig Prozent die deutsche Staatsangehörigkeit. Olga war rumänischer Herkunft und hatte noch nicht einmal einen Pass besessen, bis Harmann sich für sie eingesetzt hatte. Er hatte sie vor vielen Jahren aus dem Kreis eines Zuhälters befreit. Es war eine schwierige Zeit gewesen, für Olga, doch zwischenzeitlich hatte er einiges für sie regeln können und so pendelte sich auch für sie so etwas wie Normalität ein. Außerdem gab es seit Einführung des Prostitutionsgesetzes 2002 hinsichtlich Arbeitszeiten, Arbeitsorte und Preise rechtliche Vorgaben. Für Olga zählte das nicht mehr. Sie war mittlerweile selbstständig und empfing ihre Kunden in einem eigens zu diesem Zweck von ihr gemieteten Appartement.
Olga atmete gleichmäßig auf seiner Brust. Das beruhigte Harmann, der sich manchmal wünschte, nicht leitender Kommissar der Mordkommission zu sein. Immerhin halfen ihm seine regelmäßigen Besuche bei Olga, den Kopf freizubekommen. Er kannte viele Kollegen, die Alkoholiker waren oder Pillen nahmen, mit denen sie ruhig schlafen konnten. Harmann brauchte das alles nicht. Olga war seine Droge und nach jedem Besuch fühlte er sich wieder ruhig, befreit und bereit für die Gräuel des Lebens.
Ohnehin vertrat Harmann die Theorie, dass man das Leben nur unter der Voraussetzung bestehen konnte, sexuell ausgeglichen zu sein. Keine Frage, dass die Opfer seines aktuellen Falls alles andere als sexuell ausgeglichen waren.
Er hatte Olga gebeten, sich etwas umzuhören, doch sie hatte nicht das Geringste in Erfahrung bringen können. Mittlerweile war er auch schon von der Idee abgekommen, dass die Spuren der toten Manager im Rotlichtmilieu der Stadt zusammenliefen.
Laurant, Leiter eines der führenden Unternehmen für neue Energie war das fünfte Opfer. Nur wenige Wochen zuvor hatten sie mit dem Immobilienhai Christoph Matern das vierte Opfer im englischen Garten gefunden. Den Aktionär Dennis Wittmann fand man gleichzeitig mit dem Shootingstar der IT-Branche im Olympiapark liegend vor. Als skandalträchtig erwies sich vor allem der Fund des ersten Opfers, Stadtrat Leopold zu Guthmann, erster Vorsitzender des Aufsichtsrats der Automobilindustrie. Allen waren nur zwei Dinge gemein: erstens die Tatsache, dass es sich bei ihnen um Topmanager aus den elitärsten Kreisen handelte und zweitens die Todesursache nebst weiteren Gemeinsamkeiten des Obduktionsberichts.
Ansonsten: Nichts. Keine gemeinsamen Geschäftsbeziehungen – und wenn, dann fielen diese nicht ins Gewicht, keine obskuren Liebschaften, keine zu vertuschenden Skandale, kaum Schwarzgeldaffären und keinerlei dubiose Kontakte zu verbrecherischen Organisationen.
Kollegen und Ehefrauen hüllten sich in Schweigen. Persönliche Bekannte sagten nichts.
Die einzige Spur, die Harmann bislang hatte finden können, war ein Symbol, das in den jeweiligen Terminkalendern der Opfer eingetragen worden war, und zwar als Notiz im Kalenderblatt ihres Todesdatums. Ein Pentagramm. Doch nichts – absolut gar nichts – hatte ihm die Verfolgung dieser Spur gebracht. Zwar wusste Harmann mittlerweile alles, was man in Verbindung mit Pentagrammen herausfinden konnte, doch nichts deutete auf die Gemeinsamkeit hin. Es fehlte das Bindeglied. Das verknüpfende Element.
Harmann hatte andere Manager überprüfen lassen, die dem Opferschema entsprachen, nur um festzustellen, dass diese keinen Pentagrammeintrag in ihren Kalendern stehen hatten.
Mehr hatte er nicht. Nach drei Monaten Ermittlungsarbeit.
Er wusste nicht mehr weiter. Presse, Polizeipräsident und Staatsanwaltschaft saßen ihm gleichermaßen im Nacken, so dass Harmann froh war, für ein paar Stunden bei Olga abschalten zu können.
Sanft berührte er sie an der Schulter.
Olga räkelte sich. »Bin ich mal wieder eingeschlafen?«, sagte sie mit ihrem leicht rumänischen Akzent.
»Wie immer«, sagte Harmann. »Aber mich stört das nicht.«
»Ich weiß, mein Lieber.«
»Sag mal«, er richtete sich auf. »Wenn du an deinen Berufsstand denkst in Verbindung mit einem Pentagramm. Was assoziierst du damit?«
»Mit einem Pentagramm?«
»Ja, dieses Hexensymbol. Satanismus und so weiter.«
»Ich weiß, was ein Pentagramm ist. An meinen Beruf muss ich dabei jedoch weniger denken.«
»Aber gibt es da nichts, was die beiden Sachen in Verbindung bringt? Ich meine Hexensabbate und Orgien und solche Sachen. Da muss es doch was geben hier in München. Wo gehen Leute hin, die auf solche Sachen stehen?«
»Da gibt es bestimmt etwas. Für jede sexuelle Spielart gibt es die passenden Partner.« Sie stand vom Bett auf und ging in die Küchenzeile, wo sie den Kühlschrank öffnete. Etliche Flaschen Sekt und Prosecco stapelten sich darin, aber auch Bier, Wein und alkoholfreie Getränke. Olga wählte eine Cola. »Willst du auch etwas trinken?«
»Ich trink bei dir mit, danke«, sagte Harmann und begann damit, sich anzuziehen.
»Ich kann mich ja mal umhören«, sagte Olga. »Ich kann mir aber vorstellen, dass du in der BDSM-Szene fündig wirst. Vielleicht gibt es aber auch was Neues in der Stadt. Wer weiß das schon. Vermutest du, dass deine toten Manager auf Hexensabbatorgien ermordet wurden?«
»Ist bislang nur ’ne Vermutung«, sagte er. »Außer dem Pentagrammsymbol und dem mehrmaligen Verkehr, der letztlich zum Tode führte, habe ich nicht den geringsten Anhaltspunkt.«
Sie reichte ihm die Cola. »Es gibt da einen Laden für BDSM. Geschäftsinhaber ist Jörg Meister. Der hat mal ein Buch geschrieben über Sexualmagie und solche Sachen. Vielleicht weiß der was.«
»Sexualmagie?« Er gab Olga die Cola zurück und zwängte sich in seine Socken.
»Ja. Das fängt bei Liebeszauber an und endet bei Praxistipps zur Durchführung okkulter Orgien. Eine Kollegin von mir hat mal davon geschwärmt.«
»Okkulte Orgien, aha.« Harmann zog die Schuhe an und stand auf. »Wo finde ich den Laden?«
»In der Schwanthaler Straße. Hausnummer weiß ich nicht. Eher in Richtung Bahnhof.«
»Ein Versuch ist es wert.« Harmann knöpfte sein Hemd zu und stand auf. Er war schon viel zu lange hier.
»Kämm dir die Haare«, sagte Olga und stand auch schon mit einer Haarbürste vor ihm, um die Sache für ihn in Ordnung zu bringen. Harmann ließ es über sich ergehen. Gleichzeitig kramte er in seinem Geldbeutel nach dem Geldschein, den er ihr auf die Kommode legte.
»So, jetzt siehst du wieder hübsch aus«, sagte sie.
»Das siehst du immer«, sagte er und wurde rot.
Olga schmunzelte. »Wann beehren Sie mich wieder, Herr Kommissar?«
Er nahm sie an der Hand und ging zur Tür. »Ich denke, wir machen es so, wie immer. Ich ruf dich an, wenn ich dich brauche.«
»Und wenn ich dich brauche?« Sie strich ihm neckisch über die Wange.
»Dann rufst du mich an, denke ich«, sagte er und gab ihr einen Kuss auf den linken Mundwinkel.
»Nutten küsst man nicht«, sagte sie und grinste.
»Du bist doch keine Nutte, Olga. Du bist eine Geschäftsfrau und du verkaufst etwas Wunderschönes.« Er küsste sie noch mal. Diesmal direkt auf den Mund und sie erwiderte den Kuss.
Sein Herz schlug bis in den Magen hinab. Irritiert blickte er sie an.
»Mach’s gut«, sagte sie.
Er versuchte ein Lächeln. »Du auch. Und pass auf dich auf.«
»Mach ich.« Sie öffnete ihm die Tür und Harmann trat auf den Gang hinaus. Nach zwei Schritten hielt er inne, drehte sich zu ihr um und wollte etwas sagen. Eine Einladung zum Essen oder so etwas. Doch die Worte kamen nicht über seine Lippen. »Tschüss«, sagte er daher nochmal, drehte sich um und ging geschäftigen Schrittes zum Treppenhaus.
Olga stand noch immer nackt in der Tür und blickte ihm nach.
Vier
Alvin folgte der geheimnisvollen Frau aus der Buchhandlung schon eine gute halbe Stunde. Nun stand er an der Theresienstraße an der Ampel und blickte ihr auf der anderen Straßenseite hinterher. Lärmend drängten die Autos an ihm vorbei und ließen keine Möglichkeit, schnell über die Straße zu huschen.
Jetzt sah Alvin, wie die Fremde um eine Ecke bog. Oder doch nicht? Ein Omnibus hielt direkt vor seiner Nase. Er konnte sie nicht mehr sehen. Er rannte zur Seite, damit er am Bus vorbeiblicken konnte, doch in diesem Moment fuhr dieser weiter, und als er endlich vorüber war, war die Schönheit verschwunden.
»Scheiße«, sagte er und sprang nervös hin und her, da die Ampel noch immer rot für ihn zeigte und der Verkehr dicht an dicht drängte.
Endlich hielten die Fahrzeuge an.
Alvin wartete nicht darauf, dass die Ampel auf Grün schaltete. Er rannte los, auf die andere Seite und hin zu der Ecke, wo er die Unbekannte zuletzt gesehen hatte.
Keine Spur.
Er rannte weiter die Straße entlang, blickte ohne Erfolg in Seitenstraßen und Hinterhöfe.
Enttäuscht blieb er endlich stehen und gab die Jagd auf.
»Mein Gott«, sagte er lachend und keuchte. »Was mache ich hier eigentlich?« Er setzte sich auf eine Grundstücksmauer und wartete, bis er wieder zu Atem kam. Da war er doch tatsächlich einer wildfremden Frau zu Fuß von Schwabing bis nach Maxvorstadt gefolgt, ohne dass es dafür einen ersichtlichen Grund gab.
»Doch, den gab es«, sagte er zu sich selbst. »Noch nie habe ich so ein hübsches Frauenzimmer gesehen. Noch nie! So was gibt es doch gar nicht. Das ist doch nicht normal.«
Alvin fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Er verstand sein eigenes Denken und Handeln nicht.
Noch immer hatte er den Geruch ihres Parfums in der Nase, das er wahrgenommen hatte, als sie die Buchhandlung verlassen und an ihm vorübergegangen war. Er schloss die Augen und sah sie vor sich laufen. Ihr dunkles, welliges Haar, das ihr bis zur Rückenmitte reichte und bei jedem Schritt schwungvoll wippte. Ihr dünnes Kleid, das sich eng an ihre weiblichen Kurven schmiegte. Alvin war sich sicher, dass sich kein Höschen unter dem dünnen Stoff abgezeichnet hatte. Er mochte es, wenn Frauen auf Unterwäsche verzichteten. Juliette tat dies auch hin und wieder und nutzte manchmal die Gelegenheit, ihn bei einem abendlichen Spaziergang damit zu überfallen. Doch bei einer wildfremden Frau dieses Kalibers hatte ihn das ganz schön durcheinandergebracht.
Was auch immer er sich von dieser Verfolgungsjagd erhofft hatte, sie war fort und er würde sie wohl auch nicht mehr wiedersehen. Resignierend stand er auf und lief den Weg zurück, den er hierhergekommen war.
Seine Füße schmerzten etwas nach diesem unüberlegten Fußmarsch. Kurz überlegte er, ob er die U-Bahn nehmen sollte, entschied sich aber dagegen. Die Geruchsausdünstungen einer Dönerbude lockten ihn und er betrat das Geschäft, um sich ein Exemplar der Sorte »mit alles und mit scharf« zu bestellen.
Genüsslich mampfend lief er weiter und versuchte weiterhin zu ergründen, was denn nun das Besondere an der Unbekannten gewesen war. Schöne Frauen gab es viele. Er vertrat sogar die Ansicht, dass es genau genommen nur schöne Frauen gab. Naja, es gab auch welche, die ihm optisch weniger zusagten, doch das tat seiner Grundüberzeugung keinen Abbruch. Letztlich war es doch so, dass das eigentlich Schöne einer Frau aus ihrem Herzen strahlte.
Juliette würde nun zu ihm sagen, er sei ein unverbesserlicher Romantiker. Nun, vielleicht war das so. Daran war nichts Schlechtes.
Er blickte auf die Uhr seines Handys und wusste, dass Juliette in Kürze in München landen würde. Er freute sich auf heute Abend.
Gleichzeitig überkamen Alvin Gewissensbisse. Seit er mit Juliette zusammen war, hatte er sich nicht wirklich für andere Frauen interessiert. Die triebgesteuerte Verfolgungsjagd von vorhin indes bewies das Gegenteil. Stimmte etwas nicht? War es an der Zeit, seine Gefühle Juliette gegenüber in Frage zu stellen?
Dabei war sich Alvin sicher, dass seine Liebe zu Juliette ungebrochen war. Daran konnte auch eine dahergelaufene Schönheit nichts ändern.
»Ach verdammt, war sie hinreißend gewesen.« Mit einer Serviette wischte er sich etwas von der tropfenden Joghurtsoße des Döners vom Mundwinkel.
Abermals drängte sich ihm das Bild der verführerischen Fremden auf. Ihr strammer Po, der in ihrem enganliegenden Kleid beim Laufen aufreizend hin und her schwang. Alvin stellte sich vor, wie er das Kleid anhob, um die braungebrannten Pobacken freizulegen. Er spürte, wie es im Schritt seiner Hose eng wurde.
»Verdammt noch mal, Alvin!«, ermahnte er sich, knüllte seinen Döner mitsamt dem Papier zusammen und warf ihn in einen Abfalleimer.
Sein Handy vibrierte in seiner Hosentasche. Er zog es heraus, entsperrte es und besah sich die Nachricht, die von Juliette stammte. Eine Bildnachricht.
»Ich freue mich auf dich«, hatte sie geschrieben. Er drückte auf den Button, der den Befehl gab, das Bild aus dem Netz zu laden, was keine fünf Sekunden dauerte.
»Oh Gott, ich liebe meine Frau«, sagte er, als er das Bild ihrer Vagina betrachtete. Dem wenigen zufolge, was er von der Umgebung erkennen konnte, war das Foto auf der Flugzeugtoilette gemacht worden.
»Au Mann. Ausgerechnet jetzt.« Alvin sah sich um. Wo könnte er für die Antwort hingehen?
Die Bildnachricht war eines ihrer vielen Rituale. Einer schickte spontan dem anderen ein erotisches Bild oder Video von sich, und der andere hatte eine Stunde Zeit, mit entsprechend eindeutigem Material zu antworten.
Alvin betrat die Filiale eines Bekleidungsgeschäfts. Er streunte durch die Herrenabteilung und entschied sich, ohne die Ware zu begutachten, für irgendeine Hose. Mit dieser bewaffnet machte er sich auf zu den Umkleidekabinen. Zwei von Dreien waren frei.
Er entschied sich für die Linke und zog den blickdichten Vorhang hinter sich zu. Dann zog er sich Hose und Unterhose aus und betrachtete sein rasiertes Glied im Spiegel. Nichts, wofür er sich schämen musste. Ein stattliches Gemächt.
Alvin nahm ihn in die Hand und vollführte die seit der Pubertät geübten Bewegungsabläufe, wobei er das Bild auf seinem Handy besah, das Juliette ihm geschickt hatte.
Als sein Penis steif war, nahm er sich einen Moment Zeit, um seine Eier zu streicheln. Seine Gedanken glitten ab, wieder zu der geheimnisvollen Fremden hin. Er zog ihr das Kleid nach oben und rieb sein Glied zwischen ihren Pobacken.
Seine Linke umfasste wieder seinen Schaft und vollführte gemächliche Auf- und Abbewegungen.
In seiner Fantasie beugte sich die Fremde nach vorne. Alvin holte sich den Geruch ihres Parfums zurück ins Gedächtnis und spürte die Erregung in sich aufwallen.
Die Bewegungen seiner Hand wurden schneller. Er legte das Handy auf den Stuhl der Umkleide und umfasste mit der anderen seinen Hodensack.
Im Geiste sah er sein Glied, wie es sich zwischen den Pobacken am Rande ihres Anus rieb.
Immer schneller wurden seine Bewegungen und er versuchte, ein Keuchen zu unterdrücken.
Dann benetzte er seine Phantasmagorie am Ansatz ihrer Pofalte mit seinem Samen.
In Wirklichkeit kam er und es schoss druckvoll aus ihm heraus. Alvin ging dabei leicht in die Knie und stieß in die Luft. Seine Bewegungen wurden langsamer und schwer atmend hielt er schließlich inne.
Er nahm sein Handy zur Hand, stellte die Kamera ein und fotografierte seine Hand mit seinem noch immer steifen Penis so, dass man die weißen Spritzer auf dem Spiegel der Umkleidekabine sehen konnte.
Schöne Sauerei, dachte er und schrieb als Nachrichtentext dazu: »Kann es nicht erwarten.« Dann wählte er Juliettes Nummer und drückte auf Senden.
Zum Glück hatte er ein Päckchen Taschentücher dabei, um sich selbst und den Spiegel notdürftig zu säubern. Danach kleidete er sich wieder an und verließ erleichtert und mit leicht geröteten Wangen das Geschäft, ohne etwas gekauft zu haben.
Der Sommer empfing ihn mit sengender Hitze.
Er kaufte sich ein Eis und lief weiter, zurück in sein Büro. Dort öffnete er den Kühlschrank, entnahm ihm eine Flasche Mineralwasser und trank sie zur Hälfte aus.
Sein Handy piepste. Wieder eine Nachricht von Juliette: »Verschieß nicht dein ganzes Pulver. Ich möchte auch noch was haben; -)«, lautete die Botschaft.
Alvin lächelte.
Gleichzeitig machte er sich Sorgen. Denn es lag nun mal auf der Hand, dass er bei seinem spontanen Akt der Selbstbefriedigung nicht an Juliette gedacht hatte, sondern an eine Frau, die er noch nie zuvor gesehen hatte und der er eine halbe Stunde lang hinterhergelaufen war.
»Vielleicht wirst du einfach nur verrückt«, sagte er zu sich. »Oder notgeil. Oder …« und doch wusste er, dass dem nicht so war.
Es war allein die unbekannte Schöne selbst, die ihm den Verstand raubte. Nicht ihr Aussehen und auch nicht der Geruch ihres Parfums.
Ihre – ja was war es denn nun? – Aura, wenn man so mochte. Es haftete ihr schlichtweg etwas an, das Alvin noch nie bei einem Menschen wahrgenommen hatte. Etwas Anziehendes. Eine erotische Kraft. Etwas, das nach sofortiger Trieberfüllung verlangte.
Diese Frau, die ihn in ihren Bann geschlagen hatte, war für Alvin die Verkörperung purer Wollust.
Eine Sünde auf zwei Beinen.
Und Alvin hatte Angst, aufgrund einer nur flüchtigen Begegnung fortan von dieser Teufelin besessen zu sein.
Fünf
»Hallo Francesco. Ist mein Mann schon da?«, fragte Juliette den Kellner, als sie das Bella Italia betrat.
»Noch nicht Julietta, aber er hat einen hübschen Tisch im Innenhof reservieren lassen.« Francesco, der ihren Namen immer mit dem italienischen ›a‹ zum Ende aussprach, nahm sie in die Arme und küsste sie links und rechts auf die Wangen.
Er führte sie in den mediterran gestalteten Garten zu einem Tisch, der ein wenig separiert von den übrigen stand und der bereits romantisch eingedeckt war.
»Passt es so, Julietta?« Er zog den Stuhl zurück, damit sie sich setzen konnte.
»Aber natürlich. Wie immer perfecto.«
»Prego. Ich bringe schon mal die Speisekarte.«
»Und eine Flasche von unserem Wein, bitte«, ergänzte Juliette.
»Chianti Rivideri 1998, wie immer«, sagte Francesco und eilte davon. Als Stammgäste seit über zehn Jahren genoss das Paar einige Privilegien, die Juliette zu schätzen wusste.
Sie erinnerte sich daran, als sie zum ersten Mal mit Alvin hier gegessen hatte. Alleine der Antipastiteller war ein Genuss für sich gewesen. Juliette mochte eigentlich keine Oliven, doch diese hier schmeckten aromatisch, herzhaft. Gleich so, wie die Beziehung zwischen ihr und Alvin war.
Francesco kam bereits mit einem Tablett, auf dem sich zwei Rotweingläser und eine Flasche ihres Weines befanden.
»Soll ich ihn karaffieren?«, fragte Francesco, nachdem er ihr einen Schluck zum Kosten ins Glas geschenkt und Juliette ihn probiert hatte.
»Das ist nicht nötig, danke.«
Er schenkte ihr Glas voll, und als Alvin von hinten an ihn herantrat und sagte: »Mir bitte auch«, füllte er auch dessen Glas. Alvin und der Wirt begrüßten sich und Alvin bestellte sogleich den üblichen Vorspeisenteller.
Juliette stand auf, schlang ihre Arme um ihren Mann und zog ihn zu sich. Instinktiv trafen sich ihre Lippen und verschmolzen zu einem langen, intensiven Kuss, bei dem Alvin ein wenig an ihrer Unterlippe knabberte. Nachdem sie sich nur widerwillig voneinander gelöst hatten und sich gegenübersaßen, erzählte Juliette kurz von ihrem Berlinaufenthalt. Alvin hörte zu und sie unterbrach ihre Erzählung auch nicht, als der Teller mit den Oliven, gefüllten Peperoni und dem Weißbrot kam.
Alvin lehnte sich zurück und schnabulierte ein paar Oliven. Die Kerne drapierte er an den Tellerrand.
»Und dir? Wie ist es dir ergangen?«, fragte Juliette und trank von ihrem Wein.
Er seufzte. »Die Auftragslage lässt zu wünschen übrig. Mit Harmann habe ich mich mal getroffen, doch der ist mit seinem Fall um die ermordeten Manager völlig überfordert, wobei er meine Hilfe nicht in Anspruch nehmen kann, da der Fall zu delikat ist, wie er sich ausdrückte.«
»Wieso delikat?«
»Nun ja. Die Opfer entstammen elitären Kreisen. Da vermischen sich die verschiedensten Interessen aus Politik und Lobbyismus. Wenn herauskommen würde, dass die Polizei auf Privatermittler zurückgreift, wäre die Öffentlichkeit schockiert und der Polizeipräsident persönlich würde an Harmann ein Exempel statuieren.«
»Könntest du denn helfen?«
Alvin zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich kenne die Details nicht. Ich wüsste genauso wenig, wo ich anfangen sollte.«
»Das jüngste Opfer, Rufus Laurant, kannte ich. Ich habe ihn bereits gedolmetscht.«
»Wirklich?« Ein kurzer Funken beruflichen Interesses glomm in Alvins Augen auf, verlosch aber augenblicklich, als er abwinkte und sagte: »Aber ich wüsste dennoch nicht, wie uns das weiterhelfen sollte. Ach, was rede ich. Wenn ich ehrlich bin, bin ich froh, nichts mit der Sache zu tun zu haben.«
Francesco trat an ihren Tisch und das Paar bestellte sich Lasagne und eine Pizza quattro formaggi zur Hauptspeise sowie als Nachtisch zwei Portionen Tiramisu.
Die Gespräche der beiden wanderten während der Vorspeise zum Geschehen der Tagespresse, erreichten beim Servieren des Hauptgerichts diverse Anekdoten aus dem Bekanntenkreis und flauten dabei etwas ab, da das Essen so vorzüglich schmeckte. Hin und wieder stießen sie auf den gemeinsamen Abend an, wobei sie sich tief in die Augen blickten und als Juliette sich satt zurücklehnte, Alvin aber noch weiter an seiner Pizza aß, schlüpfte sie aus ihren Schuhen und streckte ihr rechtes Bein aus, um es sanft in Alvins Schritt zu positionieren. Er zuckte leicht zusammen, ließ sie aber gewähren.
Vorsichtig massierte Juliette mit dem Fuß die Intimzone ihres Mannes und beobachtete ihn dabei belustigt, wie er ein wenig hin und her rutschte, spürte, wie er die Beine weiter spreizte und ebenso die Härte, die sich in seinem Schritt ausbreitete.
»Am liebsten würde ich dich gleich hier auf dem Tisch hernehmen«, sagte er irgendwann und lehnte sich zurück.
»Aber wir haben noch Nachtisch bestellt«, antwortete sie und rieb nun stärker.
»Übertreib es nicht«, sagte er. »Wenn du für feuchte Hosen bei mir sorgst, dann garantiere ich für später nichts mehr.«
Juliette zog einen Schmollmund und ließ ihren Fuß sinken. Stattdessen beugte sie sich vor und gewährte Alvin einen tiefen Einblick in ihr Dekolleté. Er runzelte die Stirn und sie gab ihm über den Tisch hinweg einen Kuss auf die Nasenspitze. »Ich geh kurz auf die Toilette«, sagte sie lächelnd. Schmachtend blickte er seiner Frau hinterher, wie sie im Inneren des Restaurants verschwand.
Francesco brachte Tiramisu und zwei Gläser Grappa, die traditionell aufs Haus gingen. Alvin nutzte die Gelegenheit, die Rechnung zu begleichen und entlohnte seinen Kellner mit einem überhöhten Trinkgeld.
Juliette kam zurück und umgarnte ihn sogleich erneut, in dem sie von hinten an ihn herantrat, die Arme um ihn schlang und ihr Gesicht in seine Halskuhle vergrub. »Sag mal, das Bild, dass du mir heute Mittag geschickt hast«, schnurrte sie. »Wo hast du das aufgenommen?«
Alvin grinste. »In der Umkleidekabine eines Herrenausstatters.«
Juliette spielte die empörte: »Aber Herr Mauser. Das grenzt ja schon an Erregung öffentlichen Ärgernisses.«
»Du tust doch nichts anderes, wenn du im Flugzeug auf der Toilette sitzt. Außerdem darf man in der Luft keinen Zugriff aufs Netz haben. Man wird darauf hingewiesen, sein Handy auszuschalten oder es zumindest in den sogenannten ›Flugzeugmodus‹ zu stellen.«
»Ich hab die Nachricht ja auch erst nach der Landung abgeschickt«, sagte sie. »Aber während des Fluges habe ich daran denken müssen, was wir beide jetzt gleich miteinander tun werden.«
»Ah ja. Und was werden wir tun?«, fragte er, während sie sich ihm wieder gegenübersetzte und mit der Gabel in ihr Tiramisu stach.
»Ich hoffe, du hast einen inspirierenden Film mitgebracht. Alternativ habe ich uns ein Würfelspiel besorgt.«
»Ein Würfelspiel?« Auch er machte sich nun über die Süßspeise her.
Juliette griff in ihre Handtasche und holte das Würfelpaar heraus. Sie öffnete die Verpackung, nahm die Würfel heraus und würfelte sie zu ihm hinüber.
Alvin zog die Augenbrauen in die Höhe. »Auf dem einen steht Lecken und auf dem anderen ein Fragezeichen.«
»Das Fragezeichen ist individuell belegbar. Ich würde sagen, es dient unser beider Geschlechtsorganen. Je nachdem, wer gerade würfelt.«
»Das heißt, ich müsste jetzt zwischen deinen Beinen tätig werden?«
»Ich kann es kaum erwarten«, sagte sie und kümmerte sich weiter um ihr Tiramisu.
Als sie fertig waren, tranken sie ihren Grappa aus und standen auf. Sie verabschiedeten sich von Francesco und verließen das Bella Italia.
Den Weg zu ihrer Wohnung in der Maxvorstadt legten sie zu Fuß zurück. Schon unterwegs griff Alvin mehrere Male unter Juliettes Rock nach ihrem Po und auch umgekehrt konnte sie nicht von ihm lassen, in dem sie ihm mehrmals zwischen die Beine langte. Einmal blieben sie unter einer Straßenlaterne stehen, um sich eng umschlungen zu küssen und währenddessen bahnte sich ihre Hand in seine Hose, um dort nach dem Rechten zu sehen. Sie kicherten viel und scherzten miteinander, nur um alsbald wieder stehen zu bleiben, um sich zu küssen. Ihre Zungen umspielten einander, und als sie endlich daheim waren, dauerte es nicht lange, da hatten sie auch schon keine Klamotten mehr am Leibe.
Sie hatten das Wohnzimmer noch nicht ganz erreicht, da lag Juliette bereits auf dem Teppichboden und Alvin vergrub seine Zunge in ihrer Höhle. Mit geübtem Schwung ließ er sie vor und zurückgleiten, umschmeichelte ihre Klitoris, was Juliette laut aufstöhnen ließ. Mit den Händen streichelte er ihren flachen Bauch und tastete sich bis zu ihren Brüsten hinauf, deren Warzen aufrecht standen.
Während er sich an Juliettes Säften labte, umfasste sie Alvins Kopf, streichelte seine Haare und stemmte ihm ihren Unterleib entgegen, als sie kurz vor dem Höhepunkt war. In diesem Moment ließ er von ihr ab. Er legte sich auf sie und küsste sie einmal mehr lange und innig, wobei ihm nicht entging, dass ihre Hand seinen Schwanz nahm und versuchte, ihn bei ihr einzuführen. Doch Alvin zog sich ein weiteres Mal zurück, nahm ihr sein Glied aus der Hand und rieb seine Eichel an ihrer Vulva.
Juliette war feucht und es schmatzte, als er ihre Schamlippen entlangfuhr, dabei immer wieder leicht in sie einfuhr, nur um ihn gleich wieder herauszuziehen. Dieses Spiel hielt sie ein paar Umkreisungen lang durch, bevor sie die Initiative ergriff, ihn an seinem harten Stück packte und mit den Worten »Fick mich endlich«, in sich hineinschob.
»Und was ist mit dem Film, den ich ausgesucht habe?«, sagte er, als er spürte, wie ihre feuchte Enge ihn lustvoll aufnahm.
»Ich brauche keinen Film.«
»Und die Würfel?«
»Halts Maul und fick mich, bevor ich es mir selbst besorge«, stöhnte sie.
Das war Ansporn genug. Alvin stieß sie gefühlvoll aber hart und Juliette gab sich ihm voller Ekstase hin. Sie stöhnte laut und Alvin musste sich zusammenreißen, nicht jetzt schon zu kommen. Doch als er gerade darüber nachzudenken versuchte, wie er ein vorzeitiges Kommen verhindern konnte, spürte er bereits das berühmte Kribbeln im kleinen Zeh. Dort begann es stets, wenn er nicht mehr an sich halten konnte. Das Kribbeln begann am linken kleinen Zeh und wanderte sein Bein hinauf, bis es seinen Po erreichte und damit auch den übrigen Lendenbereich. Er stöhnte auf und Juliette unterstützte es mit mehreren »Ja, ja, ja«, was ihm den Rhythmus diktierte, in dem er sie nehmen musste.Alvin erreichte den Gipfel der Wollust, in dem er seine Augen schloss und verschiedene Farben verquirlt ineinanderflossen sah. Wie ein Kaleidoskop explodierten die Farben am Firmament seines Bewusstseins. Als es Juliette kam, schrie sie die Ekstase hinaus und er spürte, wie sein Glied noch härter wurde, er sich verkrampfte und Sekunden später zuckend in sie ergoss.
Erschöpft keuchend klappte Alvin über Juliette zusammen und schmiegte sich an ihre Brust. Schweißperlen wanderten zwischen ihren lustwarmen Körpern entlang. Sie kitzelten leicht, doch er störte sich nicht daran.
»Ich liebe es, wenn du mich wie ausgehungert hernimmst«, sagte sie.
Schläfrig antwortete er: »Ich liebe dich.«
»Dann lass uns aufstehen, duschen und endlich den Film anschauen, den du besorgt hast.«
Noch immer zitternd vor Verausgabung erhob sich Alvin, ging auf alle viere und löste sich von ihr. Es gab ein schmatzendes Geräusch, als er aus ihr herausglitt. »Du willst wirklich noch den Film anschauen?«
»Na klar«, sagte sie. »Tradition ist schließlich Tradition.«
Sie duschten gemeinsam und tranken danach nackt auf dem Balkon Kaffee. Die Nacht war angenehm warm und ihre Körper kühlten dadurch ein wenig ab.
Alvin bewunderte Juliettes Silhouette im Mondlicht. »Du bist wunderschön«, sagte er.
»Du auch, du Romantiker du.«
Als der Kaffee leer war, fanden sie sich auf der Couch ein und besahen sich das Liebesspiel, das Andrew Blake in Zeitlupe von zwei vollbusigen Damen durchführen ließ.
»Ist das noch Porno oder ist das schon Kunst?«, fragte Juliette.
»Ich weiß es nicht, aber ich finde vor allem die Musik gut.«
»Vielleicht solltest du auch mal Musik für solche Filme schreiben«, schlug sie vor.
»Das habe ich auch schon überlegt. Der Künstler, der für Andrew Blake die Musik macht, nennt sich Raoul Valve, aber über den findet man im Internet nahezu nichts heraus. Genauso wenig darüber, wie man Musiker für ästhetische Pornofilme wird. Wie kommt man an so ’nen Job ran? Soll ich ein Bewerbungsschreiben aufsetzen? Ein Demotape hinschicken? Den Link eines Youtube-Videos senden?«
Sie beugte sich zu ihm hinab. »Dann müssten wir ja erst einmal eines drehen«, flüsterte sie, nahm sein Glied in den Mund und saugte ihn in Stellung.
Was hatte Harmann über Refraktärzeiten zu ihm gesagt? Irgendetwas von vierundzwanzig Stunden. Alvin beschloss, dass es keine Sache der körperlichen Fähigkeiten war, sondern einzig und allein Sache der jeweiligen Frau. Wenn eine solche es richtig anstellte, konnte Mann ohne weiteres erneut Verkehr haben.
Juliette besaß diese Fähigkeit zweifellos. Alvin gefiel das. Er sah sich den Schwarzweiß-Film an, wo zwei gutaussehende Damen miteinander kopulierten und genoss die saugende Liebkosung seiner Frau.
Als er endgültig dazu bereit war, schliefen sie erneut miteinander. Dieses Mal zärtlicher und leidenschaftlicher und länger als das hungrige Mal zuvor.
Zweites Kapitel
»Die Frau, die ich Stück für Stück, Füße, Hände, Haare, Lippen, Ohren, Brüste, vom Nabel zum Mund und vom Mund zu den Augen forschend betrachtete, der ich verfallen war, in die ich meine Krallen schlug, die ich biss und mit Küssen erstickte (…), war ebenso undurchdringlich wie eine kalte Statue in dem vergessenen Garten eines verlorenen Kontinents.«
Aus: Henry Miller – »Sexus«, Rowohlt, 2002.
Eins
Alvin erwachte eng an Juliette gekuschelt auf der Couch liegend. Im Fernsehen lief das DVD-Menü in Dauerschleife. Szenen des Andrew-Blake-Films des gestrigen Abends, an den sich Alvin kaum noch erinnern konnte. Dafür schossen schlagartig zwei andere Erinnerungen in ihn: die körperliche Liebesnacht mit Juliette und das Antlitz der geheimnisvollen Fremden, die er gestern Mittag verfolgt hatte.
Obwohl er mit Juliette zusammen eine Flasche Wein beim Italiener, einen Grappa und zu Hause noch einen Martini getrunken hatte, verspürte er keinen Kater. Die Nacht war heiß gewesen und er hatte den Alkohol definitiv herausgeschwitzt.
Er gab der noch schlummernden Juliette einen Kuss auf die Stirn und erhob sich von der Couch. Er schaltete das Fernsehgerät aus und zog die Vorhänge auf. Die Sonne stand bereits hoch am Firmament und es war abzusehen, dass es wieder ein heißer Tag werden würde.
Die Hormone spielen bei Hitze ohnehin verrückt, dachte er, als er wieder an die fremde Schönheit denken musste. Vermutlich lag es daran, dass er ihr gestern gefolgt war. Er war sexuell ausgehungert gewesen und die Frau hatte schlichtweg in sein Beuteschema gepasst.
Er blickte auf seine schlafende Frau, die so auf dem Sofa unter der Wolldecke lag, dass er ihre Brüste sehen konnte. Heute würde mir das nicht passieren, dachte er. Er hatte eine wundervolle Nacht verbracht, gleich zweimal Sex mit seiner ebenso wunderbaren Frau gehabt und war sich sicher, dass sie bis ans Ende aller Zeiten beieinanderbleiben würden. So viel zum Thema Beuteschema. Alvin musste nicht mehr auf die Jagd gehen.
Er ging unter die Dusche und dachte über den bevorstehenden Tag nach. Juliette würde in ihr Büro gehen, und er in seines. Im Gegensatz zu seiner Frau würden ihn dort jedoch keinerlei Aufgaben erwarten, es sei denn, es würde sich endlich ein potentieller Auftraggeber bei ihm melden. Wenn er es sich recht überlegte, war sein gegenwärtiger Status eine Farce. Juliette hatte ja recht, wenn sie sagte, dass seine Detektei ein einziges Draufzahl- oder Minusgeschäft war. Vielleicht wäre es an der Zeit, in Werbung zu investieren. Doch mehr als eine wöchentliche Anzeige in der Abendzeitung hatte er diesbezüglich nicht am Laufen. Aber was konnte er noch tun? Genial wäre es, er würde einen Fall lösen, der ausreichend in der Presse besprochen werden würde. Positive Schlagzeilen mochten seinen Ruf als Privatermittler bekannter machen. Das würde zwar noch lange nicht bedeuten, dass ihm mögliche Kunden die Bude einrennen würden, aber seine finanzielle Lage erheblich verbessern. Jedoch sprach dagegen, dass die meisten seiner Kunden sich aus Gründen der Diskretion an ihn wandten. Mein Gott, sein letzter Fall lag bereits gut drei Wochen zurück.
Er trocknete sich ab, rasierte sich und zog sich an. Als er das Wohnzimmer betrat, stand eine nackte Juliette vor ihm.
»Ich habe Kaffee gemacht«, sagte sie und deutete mit ihrer Tasse auf die Kaffeemaschine in der Küche.
»Danke«, sagte er und schenkte sich eine Tasse ein.
»Du gehst ins Büro?«, fragte sie.
»In der Hoffnung, einen Auftrag zu bekommen. Ja.«
Sie nickte. »Alles klar, mein Schatz. Ich mach mich denn auch mal fertig. Wir sehen uns heute Abend, okay?«
»Wir könnten etwas würfeln«, sagte er und gab ihr einen Kuss.
»Ja, würfeln wir. Oder wir sehen den Film noch mal. Ich habe gestern nicht viel davon mitbekommen.«
»Och, nicht schon wieder. Würfeln ist gut«, sagte er und gab Juliette einen Klaps auf den Po, als sie in Richtung Dusche an ihm vorbeilief.
Alvin trank seinen Kaffee leer, stellte die Tasse auf den Küchentresen, nahm seine Schlüssel und verließ die Wohnung.
Den Weg in seine Detektei legte er stets zu Fuß oder mit der U-Bahn zurück. Zwar verfügte er über einen Wagen, aber der stand in der Tiefgarage gut, wie er befand, und das Wetter musste man ausnutzen. Jeder, der den Münchner Berufsverkehr kannte und mit ein wenig Vernunft gesegnet war, würde ähnlich entscheiden, wenn er so nahe am Arbeitsplatz wohnen würde.
Während er lief, kreisten seine Gedanken abermals um die geheimnisvolle Frau, die seinem Leben gestern eine so unerwartete Wendung beschert hatte. Die Tatsache, dass sie seine Gedanken so unverfroren einnahm, grenzte an eine Frechheit. Doch sobald er die Augen schloss, sah er sie vor sich, wie er sie gesehen hatte, als er ihr durch die Straßen folgte. Ihre gleichmäßig hin und her schwingenden Hüften. Die einladenden Kurven ihres verlängerten Rückens. Ihre Taille, die zum Umfassen einlud. Ihre freiliegenden Schultern, die von fester Haut umspannt waren, so dass er am liebsten hineingebissen hätte. Die schlanken, graziösen Beine. Die dunkelgelockte Haarmähne. Der Duft ihres Parfums, der mit Pheromonen angereichert war, und den sie hinter sich herzog, um Männer wie ihn um den Verstand zu bringen.
Als er sein Büro erreichte, lief er daran vorbei. Einer inneren Eingebung zufolge wollte er ein weiteres Mal zur ABC-Autorenbuchhandlung gehen. Die Chance, sie dort wiederzutreffen, war natürlich mehr als unwahrscheinlich, aber wenn er die Buchhändlerin in ein Gespräch verwickelte, konnte er vielleicht durch eine geschickte Befragung etwas über seinen heimlichen Schwarm in Erfahrung bringen.
Das schlechte Gewissen, das ihn übereilte, als er an seine Steuererklärung dachte, die in seinem Büro auf ihn wartete, schob er rasch beiseite, so wie er es mit den Unterlagen für das Finanzamt auf seinem Schreibtisch gemacht hätte.
Die Hitze stahl sich bereits wieder ihren Weg durch die Häuserschluchten. Alvin knöpfte seinen oberen Hemdknopf auf und lief über einen Zebrastreifen, nachdem endlich ein Fahrer die Güte besessen hatte, anzuhalten. Weitere Passanten nutzten die Gelegenheit, um rasch die Straßenseite zu wechseln. Eine Blondine mit freizügigem Dekolleté verursachte ein Hupkonzert, begleitet von bewundernden Pfiffen diverser männlicher Fahrer.
Alvin ließ ihr Anblick kalt, obgleich er natürlich einen instinktiven Blick riskierte. Doch keine Frau konnte seiner Juliette das Wasser reichen, wie er befand. Keine, außer eine – ein Rätsel, das er untersuchen musste.
Ebenso war es ihm jedoch ein Rätsel, wie er etwas über die Unbekannte herausfinden sollte. Mit der Buchhändlerin über Bücher zu sprechen, könnte sich in seinem Fall bereits als schwierig erweisen. Das letzte Mal, da Alvin einen Roman in der Hand gehalten hatte, musste eine halbe Ewigkeit her sein. Als Kind, ja, als Kind hat er viel gelesen und auch als Jugendlicher noch. Da waren es vor allem die Kriminalromane, die es ihm angetan hatten. Eine Zeitlang hatte er die Heftromane um Jerry Cotton regelrecht verschlungen. Doch mit dem Älterwerden kam das Privatfernsehen und damit einhergehend unermesslich viele Programme, die einen die Abendgestaltung betreffend regelrecht entmündigten, sofern man sich nicht mit Kumpels in einer Bar zum Trinken verabredet hatte. Die Ausbildung auf der Polizeiakademie erledigte schließlich den Rest und reduzierte Freizeit und freie Zeit auf das nötigste Minimum.
Nun, Jahre später, hätte er rein theoretisch wieder die Zeit, sich mit dem Medium Buch zu beschäftigen, doch schaffte er es nicht so recht, sich darauf einzulassen.
Vielleicht sollte er der Buchhändlerin genau das erzählen, befand er, als er den Laden endlich erreichte.
Was Alvin als Erstes auffiel, als er das Geschäft betrat, war die kuriose Lampe, die aus etlichen handschriftlichen und maschinenbeschriebenen Zetteln bestand. Es war auf den ersten Blick erkennbar, dass die Zettel künstlerischer Bestandteil der Lampe waren und nicht nur als eigenwillige Dekoration dort hin geklemmt wurden.
Alvin erwiderte die Begrüßung der Verkäuferin und umrundete die Buchregale. Auf die Frage, ob man ihm helfen könne, meinte er, er wolle nur ein wenig stöbern. Er besah sich eine stattliche Anzahl unterschiedlichster Dürrenmatt-Bände und erinnerte sich der kruden Deutschunterrichtstunden, in denen er »Der Henker und sein Richter« Szene für Szene durcharbeiten musste. Wenn er ehrlich war, dann hatte sein damaliger Deutschlehrer ihm die Lust auf sogenannte hohe Literatur grundlegend vermasselt.
Auf Juliette traf das alles nicht zu. Sie las ein Buch nach dem nächsten und das meist auch noch in der Originalsprache. Wenn Alvin ein Geschenk für sie suchte, brauchte er bloß in irgendeiner Buchhandlung ein x-beliebiges Buch kaufen und konnte sich sicher sein, dass sie es auch lesen würde.
Er selbst war mit seinem Abonnement des Münchner Abendblatts bereits überfordert.
Die Tür öffnete sich, was Alvin am Scheppern einer Glocke hören konnte. Ein Student betrat den Laden und holte ein bestelltes Buch ab. Er zahlte und ging ebenso rasch, wie er gekommen war.
Alvin hatte einen Bildband entdeckt, der sein Interesse erweckte. Er schlug ihn auf und sah auf einer Doppelseite das Abbild zweier nackter, dürrer Männer mit erigierten Penissen, die sich gegenüberstanden und wie selbstverständlich auf das Geschlecht ihres Gegenübers hinabblickten. Kopfschüttelnd blätterte Alvin weiter und sah eine Frau, die breitbeinig über einem Spiegel hockte, um sich darin ihren behaarten Unterleib zu betrachten.
Ist das noch Kunst oder bereits Pornographie, überlegte er. Verständnislos klappte er das Buch zu. Der Fotograf sagte ihm nichts, wurde jedoch auf der Rückseite als Visionär gelobt, der es wie kein anderer verstehen würde, das Genderproblem unserer Gesellschaft in Szene zu setzen.
Alvin schlenderte weiter, zu einem anderen Regal, als die Tür sich wieder öffnete. Von seinem Standpunkt aus konnte er nicht erkennen, wer den Laden betreten hatte, aber der Geruch, der an seine Nase brandete, schien ihm vertraut.
Unter abertausenden von Wohlgerüchen hätte er diesen wiedererkannt.
Wie angewurzelt blieb er vor dem Regal stehen und entnahm ihm irgendein Buch. Sein Herz schlug bis zum Hals, als er hörte, wie die Buchhändlerin seine schöne Unbekannte begrüßte und diese mit einer sanften, wohlklingenden Stimme den Gruß erwiderte. »Ist es schon da?«, fragte sie.
Welch’ seltsame Sogkraft doch ihre Stimme auf ihn ausübte.
»Selbstverständlich. Die Lieferung kam gestern Abend noch rein. Soll ich es Ihnen einpacken?«
»Nein danke. Ich nehme es gleich so.«
»Gerne. Das macht dann vierundzwanzig Euro und achtzig Cent, bitte.«
Alvin hörte das Klimpern von Münzen und das Rascheln von Scheinen. Sie bezahlte. Danach würde sie gehen. Es galt nun, keine Zeit mehr zu verlieren.
Er trat um das Regal herum und erblickte sie. Vorsichtig stellte er sich hinter der Schönheit an. Leise und tief sog er ihren Duft ein.
Wie eine Droge, dachte er. Dieser Geruch berauscht mich förmlich.
»Dankeschön«, riss ihn da die Stimme der Buchhändlerin aus seinen Gedanken. »Und einen schönen Tag noch.«
Alvin blickte seiner reizvollen Unbekannten hinterher, wie sie den Laden verließ. Er bemerkte nicht, wie die Buchhändlerin ihm das Buch aus der Hand nahm, er ihr das Geld aushändigte und sie seinen Kauf mitsamt Kassenbon in eine Tüte packte.
Kaum hatte er diese in der Hand, eilte er wie wahnsinnig aus dem Geschäft und folgte einmal mehr der Fremden, mit dem festen Vorhaben, sie dieses Mal nicht aus den Augen zu verlieren.
Zwei
Der BDSM-Shop in der Schwanthalerstraße war kaum zu finden. Harmann fand das Geschäft erst nach mehrmaligem Umherirren und war dabei sogar bis in den weiter entfernten Beate-Uhse-Shop gelaufen, um dort nach dem Laden zu fragen, den er suchte. Zurück in der Schwanthalerstraße fand er den Laden dann endlich, in dem er einen Hinterhof betrat, über den man eigentlich das Berufsbildungswerk erreichte.
Gestern hatte er nicht mehr die Zeit gefunden, Olgas Tipp zu folgen, so dass er zumindest heute nicht drum herumkam.
Er betrat das Geschäft durch einen klappernden Perlenvorhang. Das erste, was Harmann neben der anstrengenden Schwarzlichtbeleuchtung ins Auge stach, war die Ansammlung von Riesendildos und Plastikvaginas, die ein großes Regal im Eingangsbereich einnahmen.
Hinter einer Verkaufstheke starrte ein Mann mit kahlgeschorenem Haar in einen Computerbildschirm, der diverse offene Chatfenster und eine Facebook-Seite zeigte. Er grüßte Harmann nicht, der sich noch einen Moment im Laden umsah. Es gab Lack- und Leder-Accessoires, Peitschen, Masken, Fesseln und Handschellen, Liebesschaukeln und weitaus kuriosere Dinge, welche Harmann noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte.
Ein Schild mit der Aufschrift »Zu den Kabinen« wies auf ein offenes Treppenhaus. Von dort schallte das Bassgewummer lauter House-Musik.
Harmann trat an den Verkäufer heran und räusperte sich.
Der Verkäufer blickte auf. »Ja?«
»Ich, ich habe eine Frage«, sagte Harmann und versuchte sich daran zu erinnern, was Olga ihm gestern über diesen Jörg Meister erzählt hatte.
»Für die Kabinen bezahlt man oben. Hier bezahlen Sie nur, wenn Sie was kaufen. Umsehen kostet nix. DVDs sind auch oben.«
»Haben Sie auch Literatur?«
»Klar, da drüben«, sagte der Mann und deutete auf ein drehbares Regal mit pornographischen Schmonzetten.
»Ich suche eher etwas vom Fach. Man sagte mir, dass der Inhaber dieses Ladens, ein gewisser Jörg Meister einmal ein Buch über Sexualmagie geschrieben habe.«
»Jörg Meister, das bin ich. Und es stimmt. Habe auch noch ein paar Exemplare hier. Ist allerdings nicht auf dem aktuellen Stand. Der Laden läuft zu gut, als dass ich die Zeit für eine aktualisierte Neuausgabe aufbringen könnte. Es gibt zwischenzeitlich auch bessere Bücher darüber. Wer hat Sie denn zu mir geschickt?«
»Eine Freundin hat das Buch erwähnt«, sagte Harmann wahrheitsgemäß. »Geht es darin auch um okkulte Riten?«
»Klar. Aber das ist nicht Hauptbestandteil des Buches. Letztlich bietet es eine Übersicht über alle möglichen Formen und Praktiken und Gebräuche der erotischen Okkulta.« Der Inhaber des verrufenen Ladens trat hinter seiner Verkaufstheke hervor und sagte: »Warten Sie ’nen Augenblick. Ich will sehen, ob ich die Kiste mit den Restexemplaren unten finde. Bin gleich zurück.«
Meister lief zum Treppenhaus und verschwand die Stufen hinab. Harmann schlenderte derweil durch den Laden und besah sich die dargebotenen Gerätschaften wie Einmachgläser mit menschlichem Hirn in einem Kuriositätenkabinett.
Ein Kunde trat durch den Perlenvorhang, nickte Harmann nervös zu und eilte die Treppenstufen hinauf.
Harmann nahm sich vor, Jörg Meister zu fragen, was man in solchen Kabinen üblicherweise anstellte. Doch als dieser endlich kam, hatte er den Gedanken bereits wieder verworfen.
»Hat etwas gedauert«, sagte Meister, »aber ich habe doch glatt noch ein Exemplar gefunden. Viele sind es nicht mehr. Und da es den Verlag nicht mehr gibt, wird es wohl bald restlos vergriffen sein.« Er reichte Harmann das dünne Buch, das als Cover ein Pentagramm und eine nackte Frau zeigte, die dieses auf ihren Bauch tätowiert hatte.
»Sexualmagie. Ansichten, Ursprung, Verbreitung und liebesmagische Rezepte«, las Harmann den Buchtitel. »Worum geht es da genau? Ich meine, steht da drin, wie ich mittels Zaubersprüche eine Frau herumbekomme oder was muss ich mir darunter vorstellen?«
Meister lachte auf. »Nein, nein. Da liegen Sie ganz falsch. Sicherlich finden Sie darin auch das eine oder andere Rezept für ein Aphrodisiakum: Teemischungen gegen Frigidität und dergleichen. Aber in erster Linie geht es darum, dass die Sexualität ein Triebfeld des Okkulten ist. Das Okkulte hat die Menschheit schon immer fasziniert, genauso wie das Pornographische. Beides miteinander kombiniert ist somit die Quintessenz der Wollust, wenn Sie so möchten.«
»Aber was hat Sexualität mit Okkultismus zu tun?«
»Wir sind natürlich aufgrund unserer christlich religiösen Kultur gesellschaftlich so geprägt, dass Sexualität in erster Linie etwas Schmutziges ist, sofern es nicht der Fortpflanzung dient. Aber genau hier geht es doch schon los«, ereiferte sich Meister. »Das Essen der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis, wie uns die Bibel den Sündenfall beschreibt, ist keineswegs die Auflehnung gegen den Christengott, sondern vielmehr Sinnbild für das Streben des Menschen nach Erkenntnis. Adam und Eva überschreiten eine Grenze, wenn sie vom Apfel essen. Dies ist gleichzusetzen mit dem Erfahren sexueller Grenzerlebnisse.«
»Und was lernt der Leser dieses Buches?«
»Nicht das, was die Tagespresse darunter versteht. In erster Linie geht es um die Umwandlung der Geschlechtskraft oder auch der Lebenskraft, was man eventuell mit dem Kundalini-Yoga gleichsetzen kann. Fakt ist aber, dass es schon immer und in jeder Kultur sexuelle Kulthandlungen gegeben hat und diese sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen. Rituelle Magie nennt man das eigentlich, denn wenn man es schafft, die sexuelle Kraft, die der gegensätzlichen Polarität aus Mann und Frau entströmt, umzuwandeln, dann lassen sich damit Dinge anstellen, die Sie sich nur schwer vorstellen können.«
»Und wer praktiziert derartige Dinge und vor allem wo und mit wem?«
Der Mann zuckte mit den Schultern. »Da bin ich beim besten Willen überfragt. Es ist ja auch schon ’ne Weile her, dass ich mich mit dem Zeug beschäftigt habe. Es gibt sicherlich neue Strömungen und Gruppierungen, die sexualmagische Zusammenkünfte organisieren. Allerdings werden Sie enttäuscht sein, wenn Sie derartige Gruppierungen suchen. Es ist nicht Sinn und Zweck seine Lust in sexualmagischen Logen auszuleben. Vielmehr geht es um das Liebesgeschehen als kosmischen Schöpfungs- und Zeugungsakt.«
»Demnach geht es um Fortpflanzung«, fragte Harmann verblüfft, der nun gar nicht mehr wusste, wie er das soeben Gehörte mit seinem Fall in Einklang bringen sollte.
»Bedingt. Wenn man berücksichtigt, dass der sexuelle Akt für den Menschen die einzige Möglichkeit darstellt, Leben zu erschaffen, so wie Gott es ja getan haben soll, so haftet dem Ganzen natürlich etwas Mysteriöses an.«
»Sex ist also nichts anderes als Macht.«
»Natürlich. Darum geht es hauptsächlich. Sowohl hier in meinem BDSM-Shop als auch bei sexualmagischen Vereinigungen. In manchen Mythologien wird die Erschaffung der Welt mit sexuellen Handlungen göttlicher Wesen erklärt. Bedenken Sie nur die sexuellen Eigenschaften der griechischen Gottheiten. Ein wahrer Sündenpfuhl, der griechische Himmel. Sex verschafft ein gesteigertes Bewusstsein. Ekstase ist nichts anderes als religiöse Verehrung. Das wird natürlich von den unterschiedlichsten Ideologien und Praktiken anders dargelegt. Jede Gruppierung hat da ihre eigenen Schwerpunkte. Die einen arbeiten bei ihren Treffen auf eine Art Orgie hin, bei den anderen ist es bereits verpönt, wenn es zum Samenerguss kommt. Vielmehr soll der Samen in die Blutbahnen umgeleitet werden, um das eigene Hirn zu befruchten, um so eine höhere Bewusstseinsebene zu erreichen.«
»Und das steht alles in Ihrem Buch?«
»Nicht alles, nein. Es ist, wie gesagt, auch bereits veraltet. Aber es kann Ihnen als Einstieg dienlich sein. Wenn Sie sich aber ernsthaft für das Thema interessieren, dann kann ich Ihnen einen Tipp geben: In Kürze wird ein neues Buch erscheinen. Den Titel weiß ich nicht, aber der Verfasser heißt Matthias Wagner. Er wird aus dem Buch lesen, und zwar übermorgen. Oder doch morgen schon? Hier.« Er holte hinter dem Tresen einen Flyer hervor und reichte ihn Harmann. »Die sollte ich eigentlich auslegen, aber meine Kunden entsprechen definitiv nicht der Zielgruppe. Auf jeden Fall ist Wagners Buch topaktuell und sicherlich ernster hinsichtlich des Themas. Der kann Ihnen bestimmt weiterhelfen.«
»Sehr gut. Das hilft mir weiter. Und Ihr Buch kaufe ich auch«, sagte Harmann.
»Geht klar«, antwortete Meister und verlangte zwanzig Euro dafür.
Drei
Wie am Tag zuvor eilte Alvin der Fremden hinterher, mit nur einem Unterschied: Dieses Mal hatte sie ihn bemerkt. Immer wieder wandte sie sich im Laufen um und schenkte ihrem Verfolger ein neckisches Lächeln.
Alvin trafen diese Blicke wie Messerstiche in seinen Bauch. Er bewegte sich wie in Trance, ohne so recht zu wissen, was er da gerade tat und warum. Dabei war er sich nicht sicher, ob es die Sonne war, die ihn blendete und ihn so erhitzte, dass der Schweiß ihm auf der Stirn stand, oder aber ob es das Antlitz dieser Göttin war, die ihm vorkam, als wäre sie wie ein Engel vom Himmel gefallen und direkt vor ihm gelandet.
Ihr betörender Duft wallte an ihn heran und vernebelte seinen Verstand. Obwohl er gut fünfzig Meter hinter ihr lief, spürte er die teuflische Wollust, die in ihm aufbrodelte und die ohne Zweifel von ihr ausging. Wie ein Magnet entsandte sie ihm lüsterne Strahlen der Erregung. Die Enge seiner Hose machte sich schmerzhaft bemerkbar.
Derartiges hatte er noch nie erlebt.
Sie erreichte einen Taxistand, trat an eine der Taxen heran und öffnete die Tür zur Rückbank, um darin zu verschwinden.
Alvin lief schneller. Er wollte sie nicht noch einmal aus den Augen verlieren.
Als er das Fahrzeug erreicht hatte, wunderte er sich zunächst, warum die Tür noch offenstand und das Taxi noch nicht losgefahren war. Zögernd gab er seinem Drang nach und setzte sich zu seiner angebeteten Fremden.
So nah wie jetzt war er ihr noch nie zuvor gewesen. Sie saß hinter dem Fahrer auf dem schwarzen Ledersitz, die Tüte aus der Buchhandlung auf dem Schoß und blickte ihn lächelnd an. Die Augen waren von der Sonnenbrille verborgen. Alvin nahm die Rundungen ihrer Brüste wahr, die sich überdeutlich unter dem dünnen Kleid abzeichneten, dessen Stoff sich eng um ihre Kurven spannte. Ihre Brustwarzen waren klar erkennbar.
Alvin saß einfach nur da und starrte sie an. Er wusste nicht, was er tun sollte und war völlig irritiert und perplex, der unnatürlichen Situation wegen.
»Schließen Sie bitte die Tür, damit ich losfahren kann«, meldete sich da mit einem Mal der Taxifahrer. Alvin hatte die Gegenwart des Mannes kaum wahrgenommen. Er stammelte eine verlegene Entschuldigung und kam der Aufforderung nach, ohne den Blick von dem fremden Engel neben sich abzuwenden.
»Und wohin soll es gehen?«, fragte der Fahrer.
Die Schönheit nannte ihm eine Adresse im Stadtteil Bogenhausen und das Taxi fuhr los.
Noch immer starrte Alvin das verstörende weibliche Wesen an. Er spürte die Wärme, die von ihrem Körper ausging. Zwischen ihnen war nicht mehr als ein halber Meter Luftraum. Ihr Odeur hüllte das ganze Taxi ein. Wie sich der Fahrer auf die Straße konzentrieren konnte, war Alvin einerseits ein Rätsel, andererseits egal. Er hatte nur Augen für seine anonyme Angebetete, die sich scheinbar nicht um seine Gegenwart kümmerte. Ihr Kopf blickte aus dem Seitenfenster hinaus, durch das man die verschiedenen Straßenzüge Münchens sehen konnte.
Als sie die Säule mit dem Friedensengel passierten, erreichten sie Bogenhausen, das sich als das Nobelviertel der Stadt etabliert hatte. Dort wohnten diejenigen, denen die überteuerten Mieten der anderen Stadtteile zu schäbig waren. Wer hier wohnte, der sagte von seiner Behausung, dass sie das Geld immerhin Wert war.
Der Fahrer verließ die Prinzregentenstraße und bahnte sich seinen Weg durch die kaum befahrenen Nebenstraßen mit ihren prachtvollen Villen, vorbei an schön angelegten Parks und dem Friedhof, wo Persönlichkeiten wie Rainer Werner Fassbinder, Walter Sedlmayr oder Bernd Eichinger begraben lagen. Schließlich erreichten sie die modernen Villen des Herzogparks, der besten Wohnanlage oberhalb der Isar. Und genau vor so einem Prunkbau, der nüchtern betrachtet nicht mehr als ein viereckiger, weißgetünchter Kasten war, mit schwarzen, überdimensionierten Fenstern und elektronischen, videoüberwachten Sicherheitszäunen darum herum, hielt das Taxi nun an.
Der Fahrer nannte seinen Preis und die Schönheit beugte sich am Fahrersitz vorbei, um diesen zu begleichen. Nun war sie Alvin noch näher.
Mein Gott, er brauchte unbedingt etwas zu trinken. Alleine ihre Gegenwart vernebelte seinen Geist und seinen Verstand. Ihm war, als hätte man ihn unter Drogen gesetzt.
Die Dame seiner Begierde stieg aus dem Taxi und Alvin machte sich daran, auf seiner Seite auszusteigen.
Das Taxi fuhr davon und Alvin beobachtete, wie die Frau auf die Nobelvilla zulief und anstatt eines Schlüssels die Tür mit einem Zahlencode öffnete, den sie in das installierte Gerät neben dem Briefkasten und der Türklingel eintippte.
Ein Summer ertönte und die Tür ließ sich nach innen aufdrücken.
Wortlos folgte Alvin ihr, ohne zu wissen, worauf er sich hier soeben einließ. Er lief wie auf Watte, als wäre er direkt in einen Traum hineinkatapultiert worden. Alles mutete unwirklich an.
Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, öffnete sie die Haustür und ging Alvin voran, durch einen geräumigen Flur hindurch, in ein kärglich eingerichtetes, lichtdurchflutetes Wohnzimmer. Hier endlich waren die Eindrücke so massiv und fremdartig, dass Alvin das erste Mal den Blick von der Fremden abwandte, um sich kurz in dem Raum umzusehen.
Es war kein Wohnzimmer. Es war eine Wohnhalle. Der Boden aus polierten, dunklen Dielenholzbrettern, auf denen ein weißer Flokati lag, auf dem wiederum ein gläserner Couchtisch in grotesker Nierenoptik stand. Darum herum ein Monster von Sofa und sonst … nichts. Von dem beschriebenen Inventar abgesehen war der Raum leer. Im Hintergrund erkannte er die wandeinnehmende Glasfront, die den Blick auf eine Terrasse freigab, an die sich ein Garten anschloss, der in weiter Ferne in eine Art Wald überging.
Alvin sah zur Linken einen in Glas gefassten Kamin, der so in die Wand integriert war, dass er vom Nachbarzimmer aus ebenso genutzt werden konnte. Da kein Feuer darin brannte, konnte man in das Nachbarzimmer sehen, doch konnte man nicht erkennen, was sich darin befand. An der gegenüberliegenden Wand hing ein großformatiges Bild mit einer dunklen, drohend dreinblickenden Teufelserscheinung. Derartiges hatte er noch nie zuvor gesehen.
Er blickte wieder zu der unbekannten Schönheit, die ihn hierher gelockt hatte und ihn die ganze Zeit über schelmisch grinsend beobachtet hatte. Nun legte sie ihre Tüte mit dem Buch auf den Couchtisch und nahm ihre Sonnenbrille ab. Als er ihre Augen erblickte, rumpelte es in Alvins Magengegend, als wäre darin ein Feuerwerk, das am Implodieren wäre.
Wortlos und den Blick nicht abwendend, schälte sich die Göttin aus ihrem Kleid und stand alsbald nackt vor ihm.
Alvin zitterte am ganzen Körper. Gierigen Blickes sog er alles in sich auf, sah ihre straffe Haut, deren Farbe gesund und appetitlich aussah, besah sich ihre Brüste mit den roten Warzen, ihren perfekt proportionierten Nabel, ihren rasierten Schoß, ihre graziösen Beine – ja ihre ganze gottgleiche Erscheinung, die ihm den Verstand raubte.
Zitternd vor Erregung trat er auf sie zu, doch sie schüttelte den Kopf. Er blieb stehen und sie trat an ihn heran, um sein Hemd aufzuknöpfen. Sanft streifte sie es von seinem Oberkörper und strich noch sanfter mit ihrer flachen Hand über seine Brust. Auch seine Brustwarzen waren hart und es schmerzte nahezu, da er die Fremde gerne an sich pressen würde. Doch mit seiner letzten Willenskraft, die ihm verblieben war, hielt er sich zurück und ließ sie gewähren, als sie den Gürtel seiner Hose öffnete, woraufhin seine Hose nach unten glitt. Sie trat einen Schritt zurück und Alvin machte sich daran, sich von der Hose um seine Beine zu befreien. Bei dieser Gelegenheit zog er auch die Schuhe, Socken und seine Retroshorts aus. Sein Gemächt stand aufrecht und blickte stramm nach oben.
Er sah die Fremde an. Jetzt nickte sie, breitete die Arme aus und Alvin stürzte sich auf sie, wie ein Verhungernder auf einen Laib Brot.
Ihre Haut war wie Samt und umschmeichelte seinen Körper an jeder Stelle, wo sie sich berührten. Ihre Brüste waren fest und weich zugleich. Alvin biss gierig hinein, wie in die verbotene aber saftige Frucht vom Baum der Erkenntnis. Zaghaft nur stöhnte sie auf, streichelte seinen Rücken, und als sich endlich ihre Lippen trafen, war es, als schmeckte er die Essenz des Lebens.
Irgendwann lagen sie, halb auf dem Boden, halb auf dem Loungesofa und Alvin spürte und genoss die Wärme ihrer Haut, kostete den salzigen Geschmack ihres Schweißes, der vermengt war mit ihrem ureigenen Odeur und dem ihres Parfums. Jene Mischung, die ihn schon bei seiner Verfolgung so benebelt hatte. Nun war es ein einziger Sinnesrausch, dem sein Trieb endlich nachgeben konnte.
Ganz ohne führende Hände drang er in sie ein und es war, als wäre er im Garten der Lust angekommen. Sie war eng und feucht und wohlig warm. Gierig stieß er in sie, wollte tiefer und tiefer in sie dringen und sie tat alles, damit ihm dies gelang. Weder wusste Alvin, wo oben oder unten war, noch wo er sich gerade befand oder was er tat. Jegliches Denken war ausgelöscht. Es gab nur noch Lust und Ekstase.
Er spürte rinnende Säfte, schmatzende Flüssigkeiten und den Geschmack von herber Süße, von dem er nicht genug kriegen konnte. Sein Leben und der gesamte Sinn, den man vergeblich darin suchte, fokussierte sich vollends auf die orgiastische Gefühlswelt aus Schlüpfrigkeit und Begierde, die ihn umgab. Wie ein Fötus im Mutterleib, so wohlig war ihm, und er wollte mehr und mehr.
Alvin schrie und weinte und lachte vor Glückseligkeit, so übermannten ihn seine Gefühle. Die Fremde, die mit ihm verschmolz, stöhnte und klammerte sich fest an ihn. Er bemerkte wie die Muskeln, die sein Glied festhielten, zu zucken begannen, und wie es immer feuchter in ihrer Grotte wurde. Eine brodelnde Energie machte sich in ihm breit und stand kurz davor, zu explodieren. Und als dies endlich geschah, brüllte Alvin all seine Wollust hinaus und die Fremde, die ihm diese Gefühle der Wonne bescherte, tat dies ihresgleichen. Sternbilder kreisten und auf dem Gipfel der höchsten Euphorie stürzte das Sternenfirmament über ihm zusammen. Ihre Körper zuckten wild und ekstatisch. Ihre Becken knallten gegeneinander. Liebessäfte spritzten von beiden Seiten und verbreiteten eine zähflüssige Wärme auf ihren Geschlechtern.
Keuchend, erschöpft und befriedigt blieb Alvin auf ihr liegen. Er brauchte einige Minuten, um sich zu erholen. Sein Körper war wie ermattet. Ausgesaugt und leer und kraftlos.
Sie streichelte seinen Rücken und brauchte ihrerseits, um wieder zu Atem zu kommen.
Irgendwann richtete sich Alvin auf. Es war eine unnatürliche Pose, wie sie dalagen, mit den Unterleibern auf dem Sofa und den Oberkörpern halb auf dem Boden.
Nur widerwillig löste er sich von ihr, erhob sich und setzte sich erschöpft aufs Sofa. Denken konnte er noch nichts. Sein Kopf war leer.
Er beobachtete, wie die wunderschöne Teufelin es ihm gleichtat, und sich neben ihm auf dem Sofa niederließ. Alvin nahm die Bisswunden auf ihrem Körper wahr, die er ihr zugefügt hatte. Er sah die Schweißperlen, die von ihren Brüsten tropften, sah ihren feuchten Bauch und das völlig durchnässte und mit Liebessekret verschmierte Becken. Er blickte an sich hinab und nahm Selbiges in seinem Schoß wahr. Seine verebbende Erregung zeugte von dem begangenen Spiel von Pfahl und Wunde. Auch das Sofa war voll mit den Feuchtigkeiten ihres Aktes und sogar der Flokati hatte etwas abbekommen.
Wieder blickte er sie an. Keiner sagte etwas.
Fassungslos über das soeben erlebte, schüttelte Alvin den Kopf. Die Fremde lächelte kaum merkbar. Spöttisch? Er wusste es nicht.
Ebenso wie zuvor wusste er nicht, wie er sich jetzt verhalten sollte. Da sie keinerlei Anstalten machte, etwas zu tun oder zu sagen, stand er schließlich auf. »Gibt es hier eine Toilette?«, fragte er nun.
»Auf dem Gang, die zweite Tür rechts«, sagte sie mit ihrer warmen Stimme. Zögernd wandte er sich ab und folgte der Wegbeschreibung.
Die Toilette erwies sich als Badezimmer und er nutzte die Gelegenheit, sich zu waschen. Nach und nach kehrte die Fähigkeit des Denkens zurück und damit einhergehend so etwas wie Schuldgefühle. Seit er mit Juliette zusammen war, hatte er keine andere Frau mehr gehabt. Er war ein treuer Ehemann. Einen kurzen Moment keimte Reue in ihm auf. Doch dann entflammte die Erinnerung an das soeben Erlebte und seine Männlichkeit regte sich erneut.
Nein, nicht schon wieder, dachte er. Einmal genügt.
Krampfhaft versuchte er, an Juliette zu denken. Im Geiste bat er sie um Verzeihung. Sein Herz klopfte. Sein Geschlechtsteil auch.
Noch nie hatte er Derartiges erlebt, noch nie solche Lust empfunden, noch nie derartige Wonnen verspürt. Und die Anziehungskraft, die von diesem Wesen dort drüben in dem kargen Wohnzimmer ausging, war nun mal nicht von der Hand zu weisen. Er bildete sich das nicht ein.
»Hatte ich eine andere Wahl?«, fragte er sein Spiegelbild, das ihm eine Antwort schuldig blieb.
Als er zurück zu der Frau kam, die ihn so bedingungslos und ohne Worte zu gebrauchen verführt hatte, stellte er fest, dass sie nichts von ihrer Schönheit und magischen Anziehungskraft verloren hatte. Im Badezimmer hatte er den kurzen Moment die Hoffnung gehabt, dass er nun, nach der Befriedigung, ihr wahres Gesicht erkennen würde. Er würde sehen, dass es die Sache nicht Wert gewesen war, würde Defizite an ihrem Körper ausmachen, Bewegungen, die ihm missfielen oder sie würde sich von ihrem Gebaren her auf für ihn abstoßende Weise präsentieren.
Doch wie er sie auf dem Sofa vorfand, halb sitzend, halb liegend, da wusste er, dass seine Lust zwar befriedigt war, nicht aber seine Begierde dieser Person gegenüber.
Wortlos zog er sich an.
»Kommst du wieder?«, sagte die Fremde plötzlich.
Alvin blickte auf, irritiert darüber, ihre Stimme zu hören.
»Nun, äh … Ich, ich weiß es nicht«, stammelte er.
Sie stand auf und trat zu ihm, schlang die Arme um seinen Hals, zog ihn zu sich und küsste ihn unverblümt.
Mein Gott, dachte er. Ich sollte gleich hier bleiben, bei ihr und es gleich noch einmal tun. Stattdessen aber sagte er, nachdem sich ihre Lippen langsam voneinander lösten und ihn wie betäubt in einer Schaumwolke zurückließen: »Ich glaube nicht, dass ich noch einmal kommen werde. Wenn es das Schicksal aber vorsieht, dann werden wir uns wiedersehen.«
Sie nickte und lächelte wissend.
Alvin verfluchte sich derweilen innerlich. Was für einen Schmarrn er doch da erzählte. Wenn es das Schicksal aber vorsieht … so ein Blödsinn. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen brachte eine zufällige Begegnung sein Leben durcheinander und schon faselte er hier etwas von Schicksal.
»Ich bin jederzeit für dich da, falls du dich für eine Rückkehr entschließen solltest«, sagte die Venus.
Er nickte nur. Dann wandte er sich ab und ging in Richtung Tür.
Als er bereits seine Hand auf dem Türgriff hatte, sagte sie: »Warte!«
Er wandte sich zu ihr um und sie eilte zu ihm, die Tüte aus dem Buchladen in der Hand. »Hier, das ist deins. Du hast es liegenlassen.«
Er bedankte sich und nahm die Tüte entgegen.
Dann öffnete er die Tür und –wandte sich einem Instinkt folgend nochmals um, zog sie an sich und küsste sie forsch auf die Lippen. Sie erwiderte sein Drängen, schlang ein Bein um seine Hüften und zog ihn näher an sich heran.
Er umfasste ihre Brust, küsste sie auf Wangen und in die Halskuhle. Er beugte sich hinab, um ihre Brüste zu küssen und ging schließlich auf die Knie, küsste Bauch und Nabel und glitt tiefer hinab, dorthin wo sich ihre Beine öffneten und führte dort seine Zunge ein. Sie stemmte sich ihm entgegen, und er labte sich an ihr, schmeckte ihren Saft und das, was er vorhin erst in sie hineingepumpt hatte, liebkoste ihren Venushügel, führte zwei Finger ein und leckte ihre Klitoris.
Sie stöhnte auf, ließ es geschehen, bebte kurz und ergoss sich ein wenig über sein Gesicht, als sie kam.
Danach umarmte er ihr Becken, presste seine Wange gegen ihre Scham und hielt sie einige Zeit lang eng umschlungen fest. Sie streichelte seinen Kopf.
Dann beugte sie ihre Knie und sank zu ihm hinab. Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, flüsterte ein »Danke«, und küsste ihn ein letztes Mal.
»Und jetzt geh«, sagte sie. »Und komm zurück, wenn du bereit dazu bist.«
Alvin ging, verließ das Haus ohne sich umzublicken. Er öffnete das Tor, das ihn hinaus auf die Straße führte, spürte, wie es hinter ihm ins Schloss fiel, und blieb erleichtert stehen.
Alvin besah sich das Klingelschild und stellte fest, dass kein Name auf dem Briefkasten prangte. Dann öffnete er die Tüte und sah sich das Buch an, das er gekauft hatte: »Sexus«, von Henry Miller.
»Wie passend«, murmelte er.
Er spürte, wie die Sonne die Flüssigkeit ihres Körpers auf seinem Gesicht trocknete.
Beschwingt und glücklich, aber auch aufs tiefste irritiert, lief er zu Fuß in Richtung Innenstadt.
Vier
Juliette hatte den Tag über nicht viel zu tun gehabt und dennoch war er wie im Fluge vergangen. Den Vormittag hatte sie im Büro ihrer Dolmetscheragentur verbracht. Dort hatte sie einen Bericht über die vergangene Woche in Berlin geschrieben, hatte einem Meeting beigewohnt und sich im Anschluss für den Rest der Woche freigenommen. Ihr Chef war hinsichtlich ihrer Überstunden und den noch abzuleistenden Urlaubstagen ohne Einwände damit einverstanden. »Aber nächste Woche brauche ich Sie, Frau Mauser. Sie wissen ja, da kommt der französische Außenminister. An dem Job kommen Sie nicht vorbei. Also erholen Sie sich gut und werden Sie mir auf gar keinen Fall krank«, hatte er gesagt.
Danach hatte sie sich mit ihrer Freundin Lisa zum Shoppen getroffen. Zwei Stunden war sie mit ihr und ihren zwei Kindern durch die Münchner Innenstadt flaniert, hatte Kaffee getrunken, war bei McDonalds eingekehrt und hatte sich einen neuen BH gekauft. Nachdem sich die beiden Frauen voneinander verabschiedet hatten, war sie noch in einem Drogeriemarkt, wo sie einen Badezusatz kaufte, und beim Floristen, wo sie neben einem kleinen Bananenbaum noch eine Tüte Rosenblütenblätter erstanden hatte.
Jetzt war sie damit beschäftigt, die Badewanne mit dem neuen, auf Kokosmilch basierenden Badezusatz zu füllen und die Rosenblätter einzustreuen. Sie stellte Kerzen auf und entzündete sie.
Sie stellte eine Flasche Sekt nebst zwei Gläsern bereit. Die restlichen Rosenblütenblätter verteilte sie auf dem Bett und legte eine Spur, die von der Wohnungstür zum Badezimmer führte.
Die vergangene Nacht hatte ihr gezeigt, wie wichtig Romantik und die Kunst der Verführung in einer Partnerschaft waren. Was das anging, so sprang Alvin eigentlich auf jede ihrer erotisch eindeutigen Versuchungen an. Und da sie wusste, dass Alvin ein Romantiker war, und sie selbst auf solche Dinge stand, machte sie dergleichen immer wieder Mal, stets gerne und intuitiv.
Die Würfel legte sie auf das Bett mit den Rosenblüten und für den Fall, dass dem allen noch nicht genug war, suchte sie nun im CD-Schrank nach der passenden, musikalischen Untermalung für ihr erotisierendes Ambiente. Fündig wurde sie mit Miles Davis »Kind of Blue«, ein phänomenales Jazzalbum, wie Alvin wusste. Er bezeichnete es neben der folgenschweren Entwicklung, die Davis durch das »Bitches Brew« Album durchmachte, als sein wichtigstes und sogar als das wichtigste Jazzalbum der Geschichte.
Juliette verstand nicht viel von Jazz. Sie glaubte dem, was Alvin darüber erzählte und hörte sich die Sachen gerne an. Sie hatte eine Vorliebe für verträumte Passagen entwickelt, liebte daher alles aus dem Hause ECM-Records und war sich mit Alvin darüber einig, dass keine Musik das Leben besser in Szene setzen konnte, als gute Jazzmusik.
Was ihr nicht gefiel, waren solche Sachen, wie Dixieland oder Swing, aber die atmosphärischen Klänge, langsame getragene Melodien über sich ausbreitende Klanglandschaften – die hatten es ihr angetan.
Sie bedauerte es, dass Alvin mit der Musik keinen Erfolg hatte. Mittlerweile spielte er nur noch selten. Hin und wieder ging er in einen Club, um an sogenannten Jamsessions teilzunehmen und manchmal entwickelte sich daraus wieder so etwas wie Leidenschaft. Doch sobald der Ernst des Lebens zuschlug – oder eher, wie es bei Alvin gelegentlich doch vorkam – ein neuer Fall, dann steigerte er sich darin so begierig hinein, dass er die Musik darüber vergaß.
Nun war alles fertig, befand sie. Sie legte sich in die Wanne, schenkte sich ein Glas Sekt ein, trank und lehnte sich zurück. Sie schätzte, dass Alvin in etwa zehn Minuten zur Tür hereinkommen würde. Und selbst wenn er sich verspätete, war es auch egal. Sie würde zur Not ihren Spaß alleine haben.
Sie prostete in die Luft und nahm einen weiteren Schluck, bevor sie das Glas zur Seite stellte und mit ihren Händen über ihren Körper strich.
Sie hatte Glück gehabt. Sie sah noch immer gut aus, wie sie befand. Als sie heute ihre Freundin Lisa gesehen hatte, war sie im ersten Augenblick erschrocken. Sie hatte zugenommen und gleichzeitig dicke Augenringe gehabt. Lisa hatte es auf den Stress mit ihren Kindern geschoben. Außerdem war sie alleinerziehend. Einen neuen Partner fand sie nicht und mit dem alten wollte sie nichts mehr zu tun haben, hatte sie Juliette heute erst wieder erklärt.
Juliette konnte sich ihrer Meinung nach glücklich schätzen, einen Mann wie Alvin gefunden zu haben. Er war treu und ehrlich, befriedigte sie nach allen Regeln der Kunst und auch nach zwölf Ehejahren konnte sie noch immer mit ihm Pferdestehlen gehen.
Sie schloss die Augen und genoss das warme Prickeln des Badewassers. Sie spürte die milchig-cremige Konsistenz, in die der Badezusatz das Wasser verwandelt hatte, spürte die Blütenblätter, die sich farblich im Kerzenlicht gut auf der Wasseroberfläche abzeichneten, und mochte den Geruch, der sie umgab.
Das erste Lied der Miles Davis-CD, »So What« lag in den letzten Zügen. Sie lauschte dem verklingenden Basslauf, in Kombination mit dem Piano und dem leicht swingenden Schlagzeug. Es folgte mit »Freddie Freeloader« die schnellste Nummer des Albums.
Juliette entspannte sich dabei, strich mit ihren Händen über ihren Bauch und massierte kurzzeitig ihre Brüste, was ihr ein angenehmes Prickeln bescherte. Ihre linke Hand glitt tiefer und drang ohne zu Zögern mit zwei Fingern in ihre Vagina ein. Sie genoss das Gefühl, der leichte Schauer, der sie dabei überkam und massierte mit sanften, kreisenden Bewegungen und geübten Handgriffen, bis das Gefühl der Entspannung vollkommen war.
Darmowy fragment się skończył.