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Canadian Boys: Nico & Logan
Ein Roman von Tim Glaab
Impressum
© dead soft verlag, Mettingen 2020
http://www.deadsoft.de
© the author
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© Michal Balada - shutterstock.com
© Cookie Studio - shutterstock.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-420-9
ISBN 978-3-96089-421-6 (epub)
Inhalt
Nico beschließt mit seiner besten Freudin Ava einen Urlaub in den kanadischen Rocky Mountains zu verbringen. Dank Nicos wohlhabender Eltern bekommen sie einen Chauffeur und ein absolutes Luxusferienhaus zur Verfügung gestellt. Doch was sowohl Avas als auch Nicos Aufmerksamkeit am meisten erregt, ist der attraktive Chauffeur Logan.
Das Problem daran ist: Avas Interesse wird von Logan offensichtlich nicht erwidert und Nico ist ungeoutet. Beides stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe, denn zwischen Nico und Logan entwickeln sich bereits in den ersten Tagen des gemeinsamen Urlaubs Gefühle.
Und anscheinend hatten auch Nicos Eltern andere Pläne bei der Idee, Nico und Ava einen gemeinsamen Urlaub zu schenken …
1. Kapitel
„Also, wann starten wir?“ Erwartungsvoll sehe ich meine beste Freundin Ava an.
„So schnell wie möglich? Was ist das denn bitte für eine Frage! Buchen und dann nichts wie ab.“ Ihre grünen Augen funkeln voller Vorfreude auf unseren ersten gemeinsamen Urlaub. Und das Ganze auch noch in Jasper, nahe des Jasper National Parks!
„Ich werde mich dann gleich mit meinen Eltern abstimmen und dir schreiben, sobald ich einen Termin habe, in Ordnung?“
Mit einem strahlenden Lächeln, das ihre weißen Zähne blitzen lässt, streicht sie sich eine Strähne ihrer blonden Haare aus dem Gesicht. „Ja!“
Ich lehne mich in dem gemütlichen Ledersessel zurück und nehme einen Schluck von meinem Latte Macchiato. Wir sitzen in unserem Lieblingscafé, hier in Kamloops und beobachten durch die große Scheibe die Schneeflocken, die sanft vom Himmel schweben und mittlerweile eine geschlossene Schneedecke auf den Straßen bilden.
„Weißt du eigentlich, wie abgefahren das wird? Ich meine, wir zwei im schönsten Nationalpark der Welt und das Ganze auch noch in der Vorweihnachtszeit? Besser geht’s doch gar nicht, oder?“ Ava fiepst und klatscht dabei wie ein kleines Kind.
„Ich schätze, es wäre einen kleinen Tick besser, wenn wir gemeinsam mit einem Partner den Trip machen würden. So als Doppeldate“, überlege ich laut. Ava kneift die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
„Reiche ich dir etwa nicht?“, beschwert sie sich gespielt.
„Wenn ich die Wahl zwischen dir und einer wohlgeformten, vollbusigen, schwarzhaarigen Frau hätte, dann würde ich nicht lange überlegen müssen, auf wen meine Wahl fällt“, meine ich. Dass ich in Wirklichkeit einen Kerl bevorzugen würde, weiß sie nicht.
„Klar, die würde nämlich auf mich fallen“, beantwortet sie die Frage und wir beide fangen an zu lachen.
Ihr Lachen ist herzhaft, meins gespielt.
Zwischen Ava und mir war schon immer eine tiefe Verbindung. Zu Beginn der Highschool hatten wir beschlossen, es miteinander zu versuchen, doch es sollte nicht mehr als eben dieser Versuch sein. Innerhalb von drei Monaten haben wir festgestellt, dass es nichts Ernstes mit uns wird. Klar, schuld daran war ich, denn mir wurde in dieser Zeit immer deutlicher, wie sehr ich mich nach einem Mann sehne und eben nicht nach einer Frau. Wir haben damals miteinander gesprochen und ich hatte behauptet, dass ich noch nicht über meine vergangene Beziehung hinweg war.
Klar, es war alles andere als fair von mir, ihr so ins Gesicht zu lügen, doch weder damals noch heute konnte ich ihr die Wahrheit sagen. So verständnisvoll sie auch ist, auch in ihrer Gegenwart kann ich meinen Schweinehund nicht überwinden.
Wir haben uns im Guten voneinander getrennt, doch sind seither die besten Freunde, die es gibt, auch wenn ich ihr diese eine Sache über mich nicht sagen kann.
Zum Glück ist sie ebenfalls mit einer kreativen Ader gesegnet, weshalb uns unser gemeinsamer Weg ans College führte. Mittlerweile verdienen wir beide unser Geld mit unserer Leidenschaft für das Schreiben. Ava ist als Bloggerin unterwegs und stellt ihren Followern verschiedene Urlaubsziele vor, während ich als Romanautor meinen Unterhalt verdiene.
„Ich möchte unbedingt so eine Tour mitmachen, bei der man den Gletscher sieht. Und Wellness sollte natürlich auch nicht zu kurz kommen“, plant Ava und ich grinse sie an. „Was?“, möchte sie wissen.
„Lass mich mal machen, ich bin mir sicher, wir finden schon einen guten Mittelweg zwischen sportlichen Aktivitäten mit Sightseeing und Entspannung.“
„Na, wenn du das sagst. Und wehe, wir hetzen uns ab! Das wird unser erster gemeinsamer Urlaub. Denn glaub mir, es kann sonst leicht sein, dass du deinen Urlaub baumelnd an einem Baum verbringen wirst, wenn du mich durch die Gegend hetzt.“
Sie nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee.
„Habe ich schon mal erwähnt, wie unglaublich ich mich darauf freue?“
„So an die einhundert Mal, ja.“
***
Zu Hause angekommen, lasse ich mich in mein Bett fallen. Es war ein wirklich anstrengender Tag, weshalb ich mich bereits jetzt auf mein Entspannungsritual freue.
Zuallererst steht das Abendessen an, anschließend folgt ein Saunagang und zum Abschluss geht es eine Stunde in den Whirlpool ... oder auch zwei.
Nachdem ich mich in etwas Bequemes geworfen habe, spaziere ich die große Treppe im Foyer hinunter in unser großes Esszimmer.
Meine Familie besitzt ein großes Anwesen mit riesiger Villa, die neben einem Fitness- und Wellnessflügel über sechs Schlafzimmer, drei Bäder, eine gewaltige Küche, einem Esszimmer, die zwei Büros meiner Eltern, ein Wohnzimmer in der Größe eines Kinos – deshalb von meinem Vater auch liebevoll als Cinema bezeichnet – und eine Bibliothek, von der sich so manch andere eine Scheibe abschneiden kann, verfügt. Das alles ist auf zwei Ebenen aufgeteilt.
Im Esszimmer angekommen, finde ich meine Eltern an der großen Tafel in einem Gespräch vertieft vor. Beide blicken völlig gebannt auf die Stapel mit Papieren, die sie vor sich auf dem Tisch ausgebreitet haben.
„Hey“, begrüße ich sie und tätschle beiden die Schulter im Vorbeigehen, ehe ich mich neben meinem Vater auf dem unbequemen Holzstuhl niederlasse, die mein Vater schon seit Jahren gegen etwas modernes, bequemes austauschen möchte. Meine Mutter jedoch hängt an diesen Stühlen, weshalb er sie ihr zuliebe nicht austauschen lässt.
„Hey mein Schatz, du kommst gerade richtig. Das Essen ist gleich fertig.“ Meine Mutter lächelt mich freundlich an und packt die vor sich ausgebreiteten Papiere zusammen. „Das besprechen wir am besten wann anders, Frank. Hat ja keine Eile“, richtet sie sich an meinen Vater, der zustimmend nickt und sich dann an mich wendet.
„Wie war dein Tag? Habt ihr schon einen Termin für euren Trip zum Nationalpark?“
„Na ja, Termin nicht direkt. Wir würden gerne noch innerhalb der nächsten Wochen dorthin, ein bisschen die Vorweihnachtszeit in Ruhe genießen, um relaxed in die Feiertage zu starten. Das alte Jahr also entspannt ausklingen lassen und dabei noch ein bisschen was von der Welt sehen“, lasse ich ihn wissen. „Ava möchte ein abwechslungsreiches Programm zwischen Sightseeing und Wellness. Ich werde mich also morgen mal näher damit befassen müssen, damit wir möglichst schnell buchen können. Vermutlich sind wir jetzt sowieso schon zu spät dran. So kurz vor Weihnachten würde es mich nicht wundern, wenn bereits alles ausgebucht ist.“
Mein Vater wirft meiner Mutter einen Blick zu, fast so als würde er sie um Erlaubnis für etwas bitten. Diese nickt unmerklich und mit einem breiten Grinsen sieht er mich wieder an.
„Was hältst du davon, wenn wir euch euer Weihnachtsgeschenk bereits vorab überreichen?“ Das Grinsen in seinem Gesicht reicht mittlerweile von einem bis zum anderen Ohr. Ehe ich ihn fragen kann, was er damit meint, taucht auch schon unsere Haushälterin Maria auf und stellt die üppig gefüllten Teller vor uns auf den Tisch. Sie wünscht uns noch einen guten Appetit und schon ist sie wieder aus dem Esszimmer verschwunden. Sie ist der „gute Geist“ in unserem Haus und versorgt uns mit den köstlichsten Menüs.
Doch das Essen wird noch einen Moment warten müssen. Zuerst muss mir mein Vater erklären, welches Geschenk er mir überreichen möchte.
Und das über einen Monat vor Weihnachten.
„Also, Dad. Von welchem Geschenk war die Rede?“
Er schneidet sich ein Stück von dem Steak ab und schiebt es sich in den Mund, ehe er genüsslich kaut.
Klar, den Sohn schmoren zu lassen ist ganz toll!
„Deine Mutter und ich haben uns gedacht, wir beteiligen uns an eurem Ausflug. Wir haben ein paar unserer Kontakte genutzt und für euch ein unglaubliches Angebot ausgehandelt. Ihr werdet in einem Ferienhaus in der Nähe des Jasper National Parks übernachten, von dem ihr es nicht sonderlich weit zu dem Gletscher habt. Ihr habt über euren gesamten Aufenthalt persönliche Ansprechpar-“
Mitten im Satz unterbricht ihn meine Mutter. „Ihr habt Ansprechpartner für eure Ausflüge, für das hervorragende Wellnessangebot und ein persönlicher Koch steht euch ebenfalls zur Verfügung. Wir haben euch nur das Beste vom Besten organisiert, damit sichergestellt ist, dass ihr nicht an irgendeinen Möchtegern geratet.“ Mit solchen Bemerkungen bringt mich meine Mutter regelmäßig in Verlegenheit.
Zum einen weil sie meinem Vater andauernd ins Wort fällt, zum anderen weil in ihren Augen alle Menschen, die nicht mindestens genauso viel Geld verdienen wie sie, nie gut genug sind.
„Genau. Und das Haus gehört die gesamte Zeit des Trips euch alleine“, ergänzt mein Vater kleinlaut, lächelt mich jedoch trotzdem freudig an.
Mit offenem Mund sehe ich meine Eltern an. Trotz der unhöflichen Unterbrechung meiner Mutter ist der Kern der Botschaft bei mir angekommen.
„Ihr sponsert uns den Ausflug?“, frage ich ungläubig.
„Na ja, nicht alles“, stellt meine Mutter klar, „alles, was ihr euch außerhalb des Ferienhauses leisten möchtet, geht auf eure Kappe. Es sind lediglich die Übernachtungen, der Wellnessbereich, das Essen, die Ausflüge und der Chauffeur frei. Das Taschengeld solltet ihr also nicht vergessen.“ Auch das Gesicht meiner Mutter ziert ein Lächeln, auch wenn es durchaus als kühl eingestuft werden kann.
Mein Kopf schwirrt und unweigerlich frage ich mich, ob ich im falschen Film bin. Oder träume ich das alles einfach nur? Ganz sicher! Gleich wache ich auf und es stellt sich heraus, dass das alles nur ein unglaublich toller Wunschtraum war. Klar, Wellness ist für mich jetzt nichts neues, doch die unbekannte Umgebung zu erkunden, ausgepowert in das Ferienhaus zurückzukehren, um anschließend eine Runde im Whirlpool zu entspannen, klingt zu schön, um wahr zu sein. Da geplant war, dass Ava und ich den Trip aus eigener Tasche zahlen wollen und weder sie mit ihrem Blog noch ich mit meinen Büchern ein so großes Vermögen angehäuft haben, um uns den gleichen Luxus zu gönnen, den ich von zu Hause gewohnt bin, habe ich mich bereits darauf eingestellt, alles auf ein Minimum reduzieren zu müssen.
„Ein Chauffeur? Das heißt, es muss nicht mal jemand von uns fahren?“, hake ich nach und meine Mutter nickt mir bestätigend zu.
Das ist noch das Beste an der ganzen Sache: Weder Ava noch ich müssen stundenlang hinter dem Steuer sitzen.
„Also, was sagst du dazu?“ Mein Vater sieht mich mit strahlenden Augen an.
„Was ich dazu sage? Ich bin sprachlos. Ich bin wirklich einfach sprachlos. Das wird der reinste Wahnsinn! Ava wird umkippen, wenn ich ihr erzähle, dass ihr den Trip sponsert. Und dann auch noch mit Personal, das uns rund um die Uhr zur Verfügung steht.“ Spätestens jetzt bin ich vom Grad der Aufregung auf dem gleichen Stand wie Ava noch vor wenigen Stunden bei unserem Treffen.
„Dann heißt das, diese Geschenkidee stößt auf Wohlgefallen?“, fragt meine Mutter.
„Was ist das denn für eine Frage? Natürlich! Das ist das mit Abstand beste Geschenk, das ich bisher von euch bekommen habe!“
Okay, jetzt höre ich mich sogar schon so an wie Ava!
„Hey, das hast du von den Socken zu deinem Geburtstag letztes Jahr auch gesagt“, erwidert meine Mutter entrüstet, schenkt mir jedoch ein breites Lächeln. „Schön, wenn wir euch eine Freude machen können.“
„Ihr müsst euch nur noch um einen Termin kümmern und uns mitteilen, wann ihr gerne mit eurem Ausflug starten möchtet. Um alles Weitere werden wir uns dann kümmern“, ergänzt mein Vater und tätschelt sanft die Hand meiner Mutter. Ein stilles Zeichen seiner Freude, wenn er jemandem etwas Gutes tun konnte. Ich springe vom Stuhl auf und drücke den beiden einen Kuss auf die Wange. Etwas, das ich schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr getan habe, doch in diesem Augenblick bin ich den beiden einfach unendlich dankbar für dieses unglaubliche Geschenk.
2. Kapitel
Am folgenden Tag treffe ich mich mit Ava zum Frühstück. Das Wochenende wollen wir gemeinsam entspannt ausklingen lassen und versuchen, endlich einen Termin für unseren Urlaub festzulegen. Mal davon abgesehen, habe ich ihr auch noch eine freudige Nachricht zu übermitteln. Immerhin wird der Trip ja von meinen Eltern bezahlt. Das dürfte sie unglaublich freuen. Schließlich hat sie leider nicht das Privileg reiche Eltern zu haben. Dank meiner Eltern, bleiben uns beiden diese Vorzüge im Urlaub erhalten, obwohl wir mit einem Gemeinschaftspool im Wellnessbereich eines Hotels gerechnet haben.
„Also, welche Termine stehen zur Verfügung?“, frage ich sie. In mir brodelt die Vorfreude auf ihren Gesichtsausdruck, wenn ich die Bombe platzen lasse.
„Ich habe mir die Woche vor Weihnachten bis einschließlich die erste Woche im neuen Jahr freigehalten“, lässt sie mich wissen.
„Okay, das klingt doch gut. Ich wäre gerne an Weihnachten bei meiner Familie. Was hältst du also von deiner ersten Urlaubswoche? Von Montag bis Sonntag. Weihnachten ist ja erst mittwochs. Wir hätten also fünf komplette Tage, wenn man Montag und Sonntag für An- und Abreise abzieht“, überlege ich laut und werfe somit den ersten Termin in den Raum. Ava sieht mich an und nickt langsam. In ihrem hübschen Köpfchen scheint es zu rattern. Gedankenverloren nimmt sie einen Schluck von ihrem Cappuccino.
„Das hört sich gut an. Dann haben wir das Wochenende zum Packen und können montags ganz entspannt in den Urlaub starten. Mit dem Fahren wechseln wir uns dann ab. Immerhin sind es von hier bis zum Jasper National Park knapp fünf Stunden. Mit Pausen werden es also gute sechs.“
Ich kann mich nicht länger zusammenreißen und wie von selbst breitet sich ein fettes Grinsen in meinem Gesicht aus. Ava sieht mich irritiert an.
„Warum grinst du so? Habe ich Milchschaum im Gesicht?“ Sie tastet in ihrer Handtasche nach einem kleinen Kosmetikspiegel und betrachtet ihr Spiegelbild. Als sie nichts gefunden hat, klappt sie ihn wieder zusammen und wirft ihn achtlos in die offene Tasche. Ich lehne mich über den Tisch, greife nach ihren Händen und drücke sie leicht, wobei mir ihre gemachten Fingernägel in die Haut stechen Die Aufregung breitet sich kribbelnd in meinem ganzen Körper aus und ich fühle mich, als wäre ich in einen Ameisenhügel gefallen.
„Ava, ich muss dir noch was sagen.“ Ich mache eine theatralische Pause und sehe sie dabei an. „Meine Eltern haben mir gestern Abend offenbart, dass sie uns den Trip zu Weihnachten schenken werden. Mit allem, was dazugehört. Wir wohnen in einem Ferienhaus mit recht zentraler Lage, uns steht Personal zur Verfügung und einen Chauffeur haben wir auch noch. Alles Grundlegende wird von ihnen bezahlt, lediglich was wir auf den Ausflügen kaufen oder neben der Grundverpflegung haben möchten, müssen wir selbst übernehmen.“ Ich gebe ihr die Zeit, um meine Worte wirken zu lassen. Sie sieht mich einfach an, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Als sie sich nach einer gefühlten Ewigkeit immer noch nicht rührt, werde ich misstrauisch.
„Ava? Ist alles gut?“, frage ich vorsichtig und wedle mit der Hand vor ihrem Gesicht herum. „Hallo?“
Plötzlich zieht sie mich quer über den Tisch an sich und drückt mich, bis ich das Gefühl habe zu ersticken. Zum einen weil sie trotz ihrer zierlichen Statur eine ziemliche Kraft hat, zum anderen weil ich ihr Parfüm mit jedem Atemzug tief einatmen muss.
„Ob alles gut ist? Du hast mir gerade erklärt, dass ich einen gesamten Urlaub, für den ich seit Beginn des Jahres gespart habe, von deinen Eltern geschenkt bekomme! NATÜRLICH IST ALLES GUT! Es ist sogar mehr als gut! Es ist PERFEKT!“, kreischt sie mir ins Ohr und verstärkt nochmals ihre Umarmung, ehe sie mich in die Freiheit entlässt und ich gierig wie ein Ertrinkender nach Luft schnappe.
„Dir ist bewusst, dass du mich gerade fast erwürgt hättest?“ Hustend schnappe ich nach Luft.
„Und dir ist bewusst, dass ich dank dir gerade fast einen Herzinfarkt bekommen hätte?“, gibt sie die Frage an mich zurück. Ich verdrehe die Augen und nehme einen Schluck von meinem Mimosa.
„Also, dann halten wir die erste Woche von deinem Urlaub fest?“
Ava nickt und atmet tief durch.
„Mein Gott, ich könnte gerade heulen vor Freude. Jetzt kann ich das gesparte Geld anderweitig verwenden. Ich hatte mich bereits darauf eingestellt, abends eine Stunde in einer Badewanne aufzuweichen, um zumindest das Gefühl eines Whirlpools zu bekommen.“ Sie tupft sich mit den Fingern unter ihren Augen herum, als würde sie bereits versuchen, Tränen wegzuwischen, damit diese nicht ihr Make-up ruinieren.
„Zum Beispiel kannst du deinem besten Freund ein riesiges Weihnachtsgeschenk machen“, sage ich, ehe ich wieder ernst werde. „ Dann werde ich später meinen Eltern bescheid geben. Sind ja zum Glück noch knapp sechs Wochen. Sie sollen dann schnellstmöglich mit ihren Leuten in Kontakt treten und das festmachen.“
„Oh Gott, ich kann es kaum abwarten!“, quietscht Ava und greift nach ihrem Mimosa. „Auf uns, auf deine Eltern und auf den bevorstehenden Urlaub!“ Unsere Gläser stoßen klirrend aneinander und auch ich komme immer mehr in Urlaubsstimmung.
***
Die restlichen Wochen bis zu unserem Urlaub vergehen wie im Flug.
Wir haben vereinbart, dass der Trip bei mir zu Hause startet und meine Eltern haben dem Chauffeur Bescheid gegeben, dass er uns gegen acht Uhr morgens abholen soll. Mit Ava habe ich ausgemacht, dass sie gegen halb acht bei uns sein soll, damit wir nochmal in Ruhe durchgehen können, ob wir alles haben, was wir für die Woche benötigen. Eventuell wäre dann sogar noch Zeit, um eine Kleinigkeit zu frühstücken.
Überpünktlich, wie Ava nun mal ist, geht die Klingel bereits um kurz nach sieben. Die Freude auf ihrem Gesicht spricht Bände, als ich ihr die Tür öffne.
„Guten Morgen, Sonnenschein“, begrüße ich sie und ziehe sie in eine Umarmung. „Na, gut geschlafen?“ Als wir uns aus der Umarmung lösen, bewundere ich sie einmal von oben bis unten. Ihre blonden, sonst schulterlangen Haare hat sie zu einem unordentlichen Dutt hochgebunden. Außerdem trägt sie einen beigefarbenen Parka, eine klassische Bluejeans und dicke Stiefel.
„Guten Morgen! Nein, nicht wirklich, wenn ich ehrlich bin. Ich bin viel zu aufgeregt und voller Vorfreude auf diesen Urlaub“, gesteht sie. „Frag nicht, wie viel Make-up ich im Gesicht habe, um meine Augenringe zu kaschieren.“
„Verständlich. Ging mir ähnlich. Wenn ich auf drei Stunden Schlaf komme, dann ist das viel.“
„Das sieht man. Ein wenig Make-up würde dir auch nicht schaden!“
Mit einem breiten Grinsen tritt sie ein und stellt ihren Koffer neben meinen. Vorsorglich habe ich auch noch eine kleine Reisetasche gepackt und einige Snacks darin verstaut. Man weiß ja nie, wann einen der Hunger übermannt.
„Sind deine Eltern auch schon wach?“
„Ja, sie sind gerade beim Frühstück im Esszimmer. Wir haben ja noch ein bisschen Zeit. Wenn du willst, können wir noch eine Kleinigkeit essen.“ Nickend stimmt sie mir zu und wir machen uns auf den Weg zu meinen Eltern. Maria hat sich wie immer selbst übertroffen und ein tolles Buffet auf der großen Tafel bereitgestellt. Neben Obst und zwei Sorten Cornflakes, befindet sich auch ein Korb mit einer Auswahl an Brötchen und Brot auf dem Tisch. Daneben steht eine silberne Platte mit Aufschnitt und eine weitere Platte mit Käse. Gekrönt wird das ganze mit zwei großen Krügen frischem Saft. Als wir am Tisch ankommen, eilt Maria bereits mit einem weiteren Teller herbei und richtet den Platz zu meiner Linken her. Kaum hörbar bedankt sich Ava bei ihr, als sie sich an den gedeckten Platz setzt.
„Guten Morgen, Mr. und Mrs. Brown!“, begrüßt Ava meine Eltern.
„Guten Morgen, Ava. Na, freust du dich auf euren Trip?“, fragt meine Mutter und nimmt einen Schluck von ihrem Saft.
„Oh ja! Ich bin schon ganz aufgeregt. Ich konnte heute Nacht kaum schlafen.“ Ava greift nach einer Scheibe Weißbrot, hält jedoch in ihrer Bewegung inne. Statt sich eine Scheibe zu nehmen, dreht sie sich kurz weg und kramt in einer Tasche, die mir zuvor gar nicht aufgefallen ist.
„Bevor ich es vergesse, ich habe hier noch eine Kleinigkeit. Ich weiß gar nicht, wie ich mich bei Ihnen dafür bedanken soll, dass Sie uns diesen unglaublichen Trip schenken!“ Sie überreicht meiner Mutter ein doch recht großes Päckchen, das in glänzendes Papier eingepackt und mit einer roten Schleife verziert ist. Wieder einmal bin ich überrascht, was in eine Stofftasche so alles reingeht, denn von außen war dieses Geschenk noch nicht einmal zu erahnen.
„Ach, das wäre doch nicht nötig gewesen“, bedankt sich meine Mutter, lächelt ihr freundlich zu und macht sich an der Schleife zu schaffen. Währenddessen wendet sich Ava meinem Vater zu.
„Das Geschenk ist für Sie beide. Ich hoffe, es gefällt Ihnen, auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist.“
Mein Vater setzt die Kaffeetasse ab und sieht sie überrascht an.
„Bestimmt, auch wenn ich meiner Frau recht gebe. Es wäre wirklich nicht nötig gewesen. Du weißt doch, wie gern wir dich haben. Du gehörst ja praktisch schon zu unserer Familie“, erklärt er ihr und zwinkert ihr zu.
„Wow!“, stößt meine Mutter aus und blickt abwechselnd zwischen uns und dem Inhalt der Box hin und her. Sie greift hinein und holt etwas Rundes mit glänzendem Rand hervor. „Hast du das selbst gemacht?“
Ava nickt und wird ein wenig rot. Sie liebt es, handgefertigte Geschenke zu verschenken und man merkt ihr ihre Freude dabei richtig an. In all ihren Geschenken steckt viel Liebe.
„Das sieht ja richtig cool aus. Was ist das alles?“, frage ich sie.
„Das ist eine Sauna-Torte. Die Mitte ist aus zwei großen Handtüchern für den Saunabesuch geformt. Die Deko besteht aus drei Fläschchen mit verschiedenen Düften für den Aufguss und verschiedenen Wellness-Tees und drum herum ist Schokolade für zwischendurch“, erklärt Ava stolz.
„Das ist wirklich sehr schön. Und so nett! Das wäre aber nicht nötig gewesen, Ava“, bedankt sich meine Mutter.
„Ich bin Ihnen für den Trip einfach unendlich dankbar. Deshalb wollte ich mich dafür revanchieren. Ohne Sie würden Nico und ich jetzt nicht in den Genuss eines Chauffeurs und eines hauseigenen Wellnessbereichs kommen. Und was gibt es Schöneres, als nach einem ausgiebigen Spaziergang oder einer Wanderung in einen Whirlpool zu steigen?“ Ava lacht in die Runde und nimmt schließlich einen Schluck Kaffee.
Die verbleibende Zeit bis zur Ankunft unseres Chauffeurs vergeht wie im Flug, dementsprechend gehetzt sind wir, als es pünktlich um acht Uhr an der Tür klingelt.
„Ihr habt alles?“, fragt meine Mutter und wir bejahen synchron ihre Frage. „Wunderbar. Dann wünsche ich euch eine wundervolle Zeit. Genießt die Eindrücke und lasst es euch gut gehen.“ Sie drückt uns zum Abschied und auch mein Vater lässt sich ein Schulterklopfen nicht nehmen.
Als wir aus der Tür treten, verschlägt es mir den Atem und nur mit Mühe bringe ich genügend Konzentration auf, um nicht zu stolpern. Unser Chauffeur ist kein alter Mann mit Bierbauch. Nein. Er ist jung, hat blonde, kurzrasierte Haare, sein Gesicht ziert ein gepflegter Bart und er sieht in seinem Anzug einfach umwerfend aus. Um mir nichts anmerken zu lassen, wende ich umgehend meinen Blick von ihm ab und bringe Avas und meinen Koffer zum Kofferraum.
„Guten Morgen, ich bin Logan Taylor und stehe Ihnen für die gesamte Dauer Ihres Ausflugs zur Verfügung“, stellt sich der junge Mann vor und Ava schüttelt entzückt seine Hand, ehe ich es ihr notgedrungen gleich tue. Sein Händedruck ist fest und doch hat er zugleich auch etwas Sanftes. Er sieht mich mit seinen haselnussbraunen Augen an und ich habe das Gefühl, er würde mir dabei direkt in die Seele blicken. Der Händedruck kommt mir ein wenig zu lang vor, oder bilde ich mir das nur ein? War die Begrüßung bei Ava ebenso lang wie bei mir? Oder länger? Abwesend entziehe ich langsam meine Hand und sehe Ava an, die mich etwas verwirrt mustert.
Der skeptische Blick meiner Mutter entgeht mir nicht. Sie beäugt unseren Chauffeur von oben bis unten und zieht unmerklich eine Augenbraue in die Höhe.
„Also dann, auf geht’s!“, gebe ich schnell den Startschuss für unseren Ausflug und möchte Ava schon die Tür aufhalten, als mir Logan lächelnd zuvorkommt. Im Moment möchte ich so schnell wie möglich los. Nicht nur, weil ich mich so auf unseren Urlaub freue, vielmehr ist es die Tatsache, dass ich nicht möchte, dass meine Mum einen doofen Spruch Logan gegenüber loslässt.
Apropos Logan.
Wie ich diesen Anblick die nächsten Tage überstehen soll, weiß ich leider nicht, doch ganz ehrlich?
Es gibt durchaus Schlimmeres!
***
Die ersten zwei Stunden vergehen wie im Flug. Ava und ich sitzen auf dem Rücksitz und sehen uns auf den Bildschirmen in den Nackenstützen vor uns Frozen an, um die Zeit ein wenig zu überbrücken. Da meine Eltern nicht geknausert haben, was den Service angeht, mangelt es uns auch nicht an Bequemlichkeit. Sitzheizung, Massage-Sitze und – die absolute Krönung – eine Flasche Champagner auf Eis. So lässt sich eine knapp sechsstündige Autofahrt aushalten. Klar, wenn die Flasche leer ist, dann ist sie leer, doch wir hatten ja auch nicht vor betrunken in unseren Urlaub zu starten.
So genießen wir die Fahrt, bewundern die Landschaft und diskutieren über alles, was wir noch nicht bis ins kleinste Detail durchdiskutiert haben. Als wir dann aber nach einer kurzen Pause keine Themen mehr haben, über die wir uns unterhalten können, schreibe ich Ava kurzerhand eine Textnachricht.
Nico 16.12. 10:52 AM
Meinst du, wir sollten uns mit
ihm mal unterhalten? Schließlich ist
er unser Fahrer für die nächsten Tage
Ava 16.12. 10:52 AM
Ähm, klar. Können wir.
Außerdem sieht er ja recht gut aus und
wer weiß, was die nächsten Tage noch
so passiert ;)
Nico 16.12. 10:53 AM
Stehst du etwa auf unseren Fahrer?!
Ava 16.12. 10:54 AM
Ach, halt doch die Klappe!
Ava legt ihr Handy beiseite und tippt unserem Chauffeur von hinten auf die Schulter. Mit einer gewissen Aufregung löse ich meine langen Haare aus dem Knoten, fahre kurz hindurch, nur um sie anschließend wieder zu einem unordentlichen Dutt zusammenzubinden.
„Hey, ähm. Wenn es dich nicht stört, könnten wir uns ja ein bisschen unterhalten und näher kennenlernen. Ich bin Ava“, stellt sie sich vor. Als sich ihre Blicke im Rückspiegel treffen, erkenne ich, wie sie mit ihren Wimpern zu klimpern beginnt.
Sie steht also doch auf unseren Fahrer!
„Nein, es stört mich nicht. Nett dich kennenzulernen, Ava. Ich bin Logan.“ Sein Blick ruht nun auf mir.
„Ich heiße Nico. Schön, dass du uns fährst“, stelle ich mich ebenfalls vor und versuche die aufsteigende Hitze in meinem Gesicht zu unterdrücken.
„Freut mich auch dich kennenzulernen, Nico!“ Er sieht mich noch eine ganze Weile lang im Rückspiegel an, ehe er sich wieder auf die Straße konzentriert.
Okay, ich habe keine Ahnung, was dieser Kerl an sich hat, aber ich springe voll drauf an. Und täuscht es mich, oder war das jetzt das zweite Mal, dass er mir eine Sekunde mehr Aufmerksamkeit schenkt als Ava? Oder bilde ich mir das einfach nur ein? Wunschdenken, zum Beispiel?
„Und, wie habt ihr zwei euch kennengelernt?“, fragt er uns, ohne erneut in den Rückspiegel zu sehen.
„Ach, wir kennen uns schon seit einer Ewigkeit. Wir verstehen uns einfach super und haben viel Spaß miteinander“, erzählt Ava. „Als beste Freunde“, schießt sie hinterher, was mir Indiz genug ist, um zu wissen, dass sie auf Logan abfährt. Ein leichtes Grinsen umspielt meine Lippen.
Logans Blick schnellt plötzlich doch wieder in den Rückspiegel und sieht zwischen uns hin und her.
„Beste Freunde? Ich dachte, ihr seid ein Paar“, gesteht er und fängt an zu lachen. Ich wechsle einen Blick mit Ava und wir stimmen in das Gelächter mit ein. Wir beide ein Paar? Klar, abwegig ist es garantiert nicht. So viel Zeit, wie wir miteinander verbringen. Doch Ava ist nicht die Richtige, das haben wir ja bereits ausprobiert. Sie ist einfach eine Frau.
„Nein, nur beste Freunde. Interessant, wie wir auf Außenstehende wirken.“ Ich ringe nach Luft und wische mir eine Träne aus dem Augenwinkel. Um Logans Augen bilden sich Lachfältchen und ich bin mir nicht sicher, ob ich schon jemals etwas so Süßes gesehen habe.
„Gut zu wissen“, sagt er und wendet sich wieder der Straße zu. Ein Zwinkern kann er allerdings nicht unterdrücken.
Okay, flirtet er gerade? Mit mir? Oder doch mit Ava?
„Und wie sieht es bei dir aus? Verheiratet? Kinder?“, möchte Ava ganz ungeniert wissen und greift zeitgleich wieder nach ihrem Handy und tippt eine Nachricht. Noch ehe Logan antworten kann, vibriert mein Smartphone.
Ava 16.12. 11:17 Uhr
Hast du das gesehen?
Er hat mir zugezwinkert!
Hoffentlich hat er keine Freundin!
„Nein, ich bin Single. Ist bei meinem Beruf aber auch nachzuvollziehen. Schließlich bin ich oft und lange unterwegs. Da hat man keine Zeit für einen Partner“, erklärt er und überholt einen Truck. „Aber wer weiß. Irgendwann finde ich schon den passenden Deckel!“
Ava 16.12. 11:19 Uhr
Bingo!
„Oh okay. Hätte man gar nicht gedacht bei deinem Aussehen. Aber klar. Das mit der Arbeit ist nicht so förderlich für eine Beziehung“, stimmt ihm Ava zu und ich sehe, wie sie innerlich Luftsprünge vollführt, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob sie den Teil mit der Arbeit und der fehlenden Zeit überhaupt gehört hat. Mal davon abgesehen finde ich ziemlich faszinierend, dass sie überhaupt nicht in Betracht zieht, dass Logan schwul sein könnte. Immerhin hat er MIR zugezwinkert und nicht ihr. Aber gut. Wir werden sehen, was die nächsten Tage noch so ans Licht bringen werden.
„Was macht ihr zwei denn beruflich, wenn ich fragen darf? Es ist ja nicht gerade selbstverständlich, so kurz vor Weihnachten Urlaub zu bekommen.“
„Ava ist Bloggerin und ich bin Autor“, antworte ich ihm. Logans Blick schnellt erneut in den Rückspiegel.
„Moment“, es bildet sich eine Falte auf seiner Stirn, als er nachdenkt, „bist du etwa Nicolas Brown? DER Nicolas Brown?“ Seine Augen werden riesig. Verschämt kratze ich mich am Hinterkopf und nicke.
„Ja, genau der bin ich.“
„Jetzt ernsthaft? Wow, damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Ich finde deine Bücher echt klasse.“
Okay, möglicherweise kennt mich der ein oder andere durch meine Bücher, da meine ersten beiden Romane sich richtig gut verkauft haben und über mehrere Wochen hinweg in den Bestseller-Rankings vertreten waren. Aber dass ich auf richtige Fans treffe, kommt doch eher selten vor. Schließlich bin ich nicht Beyoncé.
„Freut mich, wenn dir meine Bücher gefallen haben“, gebe ich freudig zurück.
„Wie funktioniert das mit dem Schreiben überhaupt? Kommen dir die Ideen einfach so oder planst du bereits im voraus, wie alles ablaufen soll?“
„Na ja, kommt drauf an. Es gibt Tage, da schreibe ich mehr oder weniger die erste Fassung eines ganzen Buches und dann wiederum gibt es Tage, da bringe ich nicht mal eine Seite zusammen. Geplant wird nur die ganz grobe Idee. Sobald die steht, schreibe ich einfach drauf los und schaue, was passiert“, erkläre ich ihm. Er fixiert mich im Rückspiegel und nickt eifrig vor sich hin. Allem Anschein nach findet er die Arbeit eines Autors ausgesprochen faszinierend.
Oder er tut nur so, weil er ein höflicher Mensch ist
„Ich schreibe ja auch“, bringt sich Ava ins Spiel und ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich ihr dafür dankbar sein soll oder nicht. Logans Augen wandern im Rückspiegel zu ihr.
Täusche ich mich, oder scheint ihn das nicht im Geringsten zu interessieren?
„Stimmt ja. Wie sieht das ganze bei dir aus?“, geht er auf ihre Anmerkung ein. Dieses Mal tatsächlich aus reiner Höflichkeit, was unschwer zu erkennen ist.
„Wie Nico ja bereits erwähnt hat, blogge ich über Reisen und Wochenendtrips. Unserem Urlaub möchte ich auch einen Beitrag widmen. Ich habe mich auch schon über die ein oder andere Sehenswürdigkeit informiert.“
Aha.
Mit einem Nicken quittiert Logan, was Ava gerade über ihre Arbeit berichtet hat.
Erzählt hat mir Ava davon schonmal nichts. Mal davon abgesehen dachte ich, wir wären hier im Urlaub und nicht auf einer Tour, über die sie anschließend bloggt.
„Benötigt ihr noch eine Pause, oder haltet ihr durch, bis wir angekommen sind?“, fragt Logan und richtet seinen Blick wieder auf mich. Allem Anschein nach ist für ihn damit das Gespräch über Avas Arbeit erledigt. Ich sehe zu ihr, doch ehe sie etwas sagen kann, beantworte ich die Frage für uns beide.
„Nein, wir können es aushalten. Sollte ja nicht mehr soo lange sein.“
Sie hebt eine Augenbraue und sieht mich fragend an, doch ich richte meine Aufmerksamkeit wieder auf die vorbeirauschende Landschaft.
Was die Aktion sollte? Keine Ahnung. Vermutlich war das mein Unterbewusstsein, das in Ava eine Konkurrenz sieht. Obwohl mir noch nicht einmal klar ist, worin Ava meine Konkurrentin sein soll.
Im Kampf um Logan? Wohl kaum. Schließlich weiß sie nicht, dass ich auf Kerle stehe und für sie eine Konkurrenz darstellen könnte.
Ob das bei unserem Trip zum Problem wird? Wer weiß.
Möglich wäre es.
***
Die letzten Kilometer ziehen sich unendlich in die Länge und im Nachhinein wäre eine weitere Pause gar nicht schlecht gewesen, denn von dem langen Sitzen tun mir die Knochen weh. Allerdings wollte ich mir jetzt auch nicht mehr die Blöße geben, kurzfristig doch eine Pause einzufordern, schließlich war ich es, der Logans Angebot abgelehnt hat. Umso glücklicher bin ich, als wir gegen Mittag endlich in unserem Domizil ankommen.
Und, was soll ich sagen? Meine Eltern haben sich richtig ins Zeug gelegt! Schon von außen wirkt das Ferienhaus sehr freundlich und einladend. Klar, im Vergleich zu meinem Elternhaus ist es eher klein und unscheinbar. Doch wenn man bedenkt, dass Ava und ich ohne die finanzielle Unterstützung meiner Eltern sicherlich niemals hier gelandet wären, wirft das ein völlig anderes Licht auf unsere Unterbringung.
Für die nächsten Tage bewohnen wir ein Haus, das man sich als normalsterblicher Mensch sicherlich niemals leisten könnte. Die Fassade ist strahlend weiß gestrichen und macht den Eindruck, als wäre das Haus erst am Tag zuvor renoviert worden. Es erstreckt sich über zwei Stockwerke, soweit man das auf den ersten Blick beurteilen kann, und besitzt ein Dach mit glänzend dunkelblauen Ziegeln, die im starken Kontrast zur weißen schneebedeckten Umgebung stehen. Gekrönt wird das Ganze von einem Kamin, aus dem schwarze Rauchwölkchen in den Himmel schweben und sich langsam auflösen. Logan lenkt den Wagen in die Garage neben dem Hauptgebäude und holt unsere Koffer aus dem Kofferraum. Als ich aus dem Auto aussteige, ziehe ich meinen Schal enger um den Hals, ehe ich mich ausgiebig strecke. Die lange Fahrt macht sich durch Gliederschmerzen bemerkbar und ich bin froh, endlich am Ziel angekommen zu sein.
Der Urlaub kann beginnen!
3. Kapitel
Mit Sack und Pack treten wir in einen warmen Flur. Die Tür hat uns Mica, eine Frau Anfang dreißig, geöffnet und uns mit einem einnehmenden Lächeln begrüßt. Nachdem wir ihr der Reihe nach die Hand gegeben und unsere Sachen neben die Garderobe im Hausflur abgestellt haben, um unsere nassen Schuhe auszuziehen, stellt sie uns nun die restliche Truppe des Hauses vor.
Zum einen hätten wir da Benji, wie er sich uns vorstellt, der als unser persönlicher Guide auf Ausflügen fungiert, sofern wir seine Unterstützung in Anspruch nehmen möchten. Für den Wellnessbereich ist Grace verantwortlich. Sie wird uns für Massagen zur Verfügung stehen, während wir uns mit Gabriel, unserem Koch, immer morgens kurzschließen sollen, wann wir zum Abendessen zurück sein werden. Außerdem möchte er von uns wissen, ob jemand von uns Unverträglichkeiten hat, schließlich möchte er nicht, dass einer von uns die meiste Zeit des Urlaubs über der Schüssel verbringt.
„Schön, dass ihr hier seid“, lässt uns Mica wissen, nachdem wir uns alle miteinander bekannt gemacht haben. „Ich werde euch jetzt hoch in den ersten Stock begleiten, damit ihr euch eure Zimmer aussuchen könnt.“ Sie geht voraus und bedeutet Benji und Gabriel unsere Koffer und Taschen zu nehmen, die diese freundlicherweise die Treppe hinauftragen und zu Beginn des Flures abstellen.
„Danke“, rufe ich den beiden hinterher, als sie sich wieder auf den Weg nach unten machen.
„So“, beginnt Mica und sieht uns der Reihe nach an. Man erkennt, dass ihr die Arbeit Spaß macht. „Ihr findet hier oben drei Schlafzimmer und ein großes Badezimmer mit Dusche, Badewanne und WC. Ein kleines Bad mit Dusche ist auch noch unten im Erdgeschoss. Die Schlafzimmer könnt ihr selbst unter euch aufteilen. Logan, du wirst ebenfalls hier im Haus übernachten. Nicos Eltern haben darauf bestanden, dass du ganz in der Nähe untergebracht bist, damit du jederzeit verfügbar bist. Die Zimmer sind alle drei gleich ausgestattet. Außerdem findet ihr am Ende des Flurs noch einen Balkon. Alles Weitere kann ich euch gerne heute Abend beim Abendessen erklären. Jetzt packt erst einmal in Ruhe aus und kommt hier an. Wenn was ist, ich bin unten im Esszimmer. Das ist der Raum rechts neben dem Foyer.“ Sie lächelt uns erneut an, ehe sie die Treppe wieder nach unten geht.
„Also, wer möchte welches Zimmer?“, möchte Ava wissen und sieht zwischen Logan und mir hin und her.
„Mir ist es egal, macht das unter euch aus“, sagt Logan sofort.
„Bevor jetzt die großen Diskussionen losgehen, nehme ich einfach das gleich rechts neben der Treppe.“ Ich schnappe mir meinen Koffer.
„Okay, dann nehme ich das in der Mitte und du Logan das hinten neben dem Balkon?“
Logan nickt zustimmend.
„Sehr gut. Dann packen wir jetzt in aller Ruhe aus und können ja später drüber reden, wann wir essen wollen“, schlage ich vor.
„Sehr gut. Wir sehen uns!“ Ava greift sich ebenfalls ihren Koffer und macht sich auf zu ihrem Zimmer. Auch Logan macht sich mit seinem Koffer auf den Weg und läuft vor mir her in Richtung seines Zimmers. Während er so vor mir herläuft, mustere ich seinen Hintern, der sich bilderbuchmäßig in seiner Anzugshose abzeichnet.
Logan hier im Haus? Der Trip wird immer besser!
***
Das Zimmer ist schlicht gehalten, aber trotzdem gemütlich. An der Wand gegenüber dem großen Doppelbett befindet sich eine Kommode, mit einer Flasche Wasser und einem Glas. Darüber hängt ein großer Flachbildfernseher an der Wand. Der Kleiderschrank befindet sich rechts neben der Tür und ist mit einer Spiegelfront versehen, in der sich die Sonne, die durch die Fenster gegenüber scheint, spiegelt und den Raum erhellt.
Ich stelle meinen Koffer vor den Schrank, ziehe mir die Jacke aus und stelle mich vor das große Doppelfenster. Als ich die weißen Gardinen zur Seite schiebe, erstreckt sich vor mir ein Panorama aus Berggipfeln und nichts außer weißem, unberührtem Schnee. Verträumt blicke ich in die Ferne und bin meinen Eltern unheimlich dankbar, dass sie dieses Haus für uns ausgesucht haben. Zwar wissen wir noch nicht, was sich hier alles verbirgt, doch ich bin mir sicher, wir werden noch die ein oder andere Überraschung erleben.
Sorgfältig schiebe ich die Gardine zurück an ihren ursprünglichen Platz, bevor ich nach meinem Handy greife und meiner Mutter eine kurze Nachricht sende.
Nico 16.12. 15:52 Uhr
Ihr seid wahnsinnig!
Dieses Haus ist ein Traum! Das muss
euch doch ein Vermögen gekostet haben!
Ich schicke euch die nächsten Tage noch
Bilder, damit ihr auch was von unserem
Trip habt!
DANKE! DANKE! DANKE!
Gut, das mit dem Vermögen ist so eine Sache für sich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich meine Eltern den Trip leisten können, ohne dass sie sich auch nur im geringsten Gedanken um ihre Finanzen machen müssen. Trotzdem ist es mir wichtig, mich bereits jetzt bei ihnen zu bedanken. Denn eins ist sicher: Dieses Haus ist der absolute Wahnsinn!
Die Antwort meiner Mutter lässt auch nicht lange auf sich warten.
Mum 16.12. 15:56 Uhr
Das freut uns sehr! Du weißt doch,
nur das Beste ist gut genug!
Lasst es euch gut gehen.
Bin gespannt auf die Bilder!
Grinsend lege ich mein Handy auf das kleine Schränkchen neben dem Bett und lasse mich rücklings auf die weiche Matratze fallen. Wie von allein fallen meine Augen zu und ich dämmere in einen leichten Schlaf, der mich jedoch überraschenderweise fit und ausgeruht erwachen lässt. Ein Blick auf mein Handy verrät, dass es bereits fast sechs Uhr ist.
Bevor es Zeit für das Abendessen wird, schnappe ich mir meine Jacke und schlendere zum Balkon, um mir die Aussicht von meinem Zimmerfenster genauer anzusehen. Als ich die Tür hinter mir schließe, nehme ich eine Bewegung im Augenwinkel wahr. Erschrocken fahre ich herum und blicke in Logans überraschtes Gesicht. Seine Hände hält er vor sich, als wäre ich ein aufgeschrecktes Pferd, das er zur Ruhe bringen muss.
„Hey, alles gut. Bin nur ich“, sagt er sanft.
Erleichtert greife ich mir an die Brust und atme tief durch.
„Mann. Du hast mich jetzt aber erschreckt“, gebe ich von mir und schiebe ein freundliches Lächeln hinterher.
„Hallo? So furchtbar sehe ich jetzt aber auch nicht aus.“ Er lacht und kratzt sich verlegen am Hinterkopf.
Okay, war das eine Anspielung? Oder legt er es auf etwas an?
Sein Blick wandert von unten herauf und sucht meinen.
Erwartet er jetzt ernsthaft eine Antwort?
„Liegt wohl im Auge des Betrachters“, gebe ich trocken von mir. Sein verlegener Gesichtsausdruck wandelt sich schlagartig in eine Schockstarre und ich fange an zu lachen. „Das war ein Witz. Für einen Kerl siehst du echt ganz gut aus.“ Ich verdrehe die Augen und bin versucht ihm kumpelhaft auf die Schulter zu schlagen, lasse es aber letztendlich doch bleiben. Wir kennen uns gerade einmal ein paar Stunden und ich möchte nur ungern irgendeinen Fehler machen, den ich im Endeffekt bereuen könnte.
„Gut gerettet“, kontert er und schenkt mir ein traumhaftes Grinsen, das seine strahlendweißen Zähne zum Vorschein bringt.
Beruhig dich! Er ist dein Chauffeur und nichts weiter!, flüstert der Engel auf meiner Schulter. Ja, im Moment. Doch was nicht ist, kann ja noch werden!, kontert der Teufel auf der anderen. Ich wende meinen Blick auf die Berggipfel hinter ihm.
„Traumhaft, nicht?“, sagt Logan leise und stellt sich neben mich.
„Ja“, stimme ich ihm zu, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich die Aussicht oder Logan meine. Er kramt nach etwas in seiner Jackentasche und ein leichter Windhauch trägt den Duft seines Parfüms in meine Nase. Die Mischung aus fruchtig und scharf brennt sich mir sofort ins Gedächtnis ein.
„Stört’s dich?“, fragt er mich und mit einem „Hmm?“ drehe ich mich ihm zu. In seinem Mund wippt eine Zigarette freudig auf und ab.
Mein Blick bleibt auf seinen Lippen kleben.
Bereit geküsst zu werden!, raunt der Teufel nah an meinem Ohr.
„Nicht solange du mir eine abgibst“, erwidere ich.
Ich habe einmal in meinen 26 Jahren an einer Zigarette gezogen und finde es furchtbar. Warum ich das jetzt mache? Keine Ahnung!
Er reicht mir die Schachtel und ich ziehe mir eine Zigarette heraus. Während er die Packung wieder in seiner Jackentasche verschwinden lässt, zündet er sich seine Zigarette an und ehe ich fragen kann, ob er mir das Feuerzeug gibt, brennt meine ebenfalls. Langsam nehme ich einen Zug, inhaliere den Rauch und puste ihn wieder aus meinen Lungen. Das alles geschieht im reinsten Schneckentempo, aber nur, weil ich mich mehr anstrengen muss nicht zu husten, als ein Kind beim Lernen des ABCs.
„Hätte nicht gedacht, dass du rauchst“, lässt er mich wissen und klopft die Asche in den Aschenbecher, der auf dem Tisch neben der Tür steht.
Ich auch nicht!
„Ab und zu, wenn mir danach ist. Und hier in dieser Umgebung finde ich es ganz passend“, erwidere ich. Und so stehen wir auf dem Balkon, sein Blick in die Ferne gerichtet und meiner, der die Gelegenheit nutzt, Logan einmal aus nächster Nähe zu mustern.
Die kurzrasierten blonden Haarstoppeln, der getrimmte Bart und die Tatsache, dass er sportlich ist, sprechen mich wahnsinnig an. Er wirkt wie einer der Sportler, denen ich damals auf der Highschool heimlich hinterhergeschmachtet habe. Mittlerweile hat er auch seinen Anzug gegen eine schlichte Jeans eingetauscht. Was er allerdings unter seiner dicken Winterjacke trägt, erkenne ich nicht. Ich nehme erneut einen Zug von der Zigarette und stelle mit Erschrecken fest, dass es mir diesmal schon deutlich leichter fällt als beim ersten. Logan tut es mir gleich, blickt mich dann jedoch unvermittelt an.
„Was wolltest du eigentlich hier draußen?“
„Ich schätze mal das gleiche wie du. Die Natur genießen so lange, bis es zum Abendessen geht“, antworte ich wahrheitsgemäß.
„Stimmt. Deshalb bin ich auch hier. Der Ausblick ist einfach Wahnsinn! Ich weiß, du hast mich nicht ausgesucht und ich bin beruflich hier. Trotzdem möchte ich mich bedanken, dass ich die Chance habe, euch hier herumfahren zu dürfen. Das wird vermutlich die aufregendste Zeit überhaupt.“ Irgendwie schmeichelt es mir, ihn glücklich zu machen, doch er hat schon recht. Nicht ich oder Ava haben ihn ausgesucht, sondern meine Eltern. Und die haben sich vermutlich nichts dabei gedacht. Einfach die Agentur angerufen und einen Fahrer bestellt und der Rest war Schicksal.
Zufall! Der Rest war Zufall!
„Freut mich, wenn es dir gefällt. Ich bin gespannt, was die nächsten Tage so bringen werden. Wir sollten uns beim Abendessen mit Ava absprechen, was ihre Pläne für Morgen und die nächsten Tage sind“, überlege ich laut und drücke die Zigarette schließlich im Aschenbecher aus.
„Ihr könnt euch ja Gedanken machen, was ihr gerne machen möchtet und mir dann bescheid geben. Ich werde in meinem Zimmer zu Abend essen.“
Mit Mühe kann ich gerade noch so verhindern, dass meine Kinnlade nach unten klappt.
„In deinem Zimmer? Wieso das denn?“
„Na, es ist euer Urlaub und wie bereits gesagt, ich bin nur euer Fahrer.“
Ich glaube, mich verhört zu haben.
„Das ist doch jetzt nicht dein Ernst, oder? Du wirst mit uns zusammen essen. Und Widerworte werden nicht geduldet!“
Er nimmt einen letzten Zug von seiner Zigarette, ehe er sie ebenfalls ausdrückt und sieht mich direkt an.
„Wirklich? Ich meine, ist es euch wirklich recht, wenn ich mich zu euch setze?“, fragt er vorsichtig, was schon wieder etwas Süßes hat.
Ich nicke.
„Ja, ist es. Und jetzt los. Das Essen sollte fertig sein“, scheuche ich ihn vor mir her und schließe hinter uns die Balkontür. Mittlerweile habe ich richtig Kohldampf, immerhin haben wir seit heute Morgen nichts mehr gegessen.
***
„Oh mein Gott, dass Essen ist so unglaublich gut“, stöhnt Ava und schiebt sich einen weiteren Bissen des Filet Mignon in den Mund.
„Mhhhm.“ Ich stimme ihr mit vollem Mund zu und auch Logan, der zum Glück keine weiteren Anstalten mehr gemacht hat in seinem Zimmer zu essen, nickt kauend wie ein Wackeldackel. Wir sitzen zu dritt an dem großen, runden Holztisch inmitten des großen Esszimmers und genießen die erste Mahlzeit unseres Aufenthalts in dieser Luxusvilla.
Gabriel, unser Koch, hat uns ein Filet Mignon im Speckmantel gezaubert. Dazu gibt es eine Pfefferrahmsoße, Speckbohnen und Kartoffelwedges. Innerhalb kürzester Zeit haben wir die Teller geleert, zu lange ist unser aller Frühstück her.
Als Mica die leeren Teller abgeräumt hat, gesellt sie sich noch kurz zu uns, um uns einige Dinge über das Haus zu erzählen.
„Nachdem ich euch bei eurer Ankunft nur einen kleinen Einblick in den obersten Stock gewährt habe, muss ich euch noch etwas über das Highlight in unserem Haus sagen. Und zwar befindet sich im Kellergeschoss ein großer Indoorpool, ein Whirlpool und ein Sauna- und Wellnessbereich. Ihr könnt euch gerne jederzeit dort unten aufhalten. Bei Massagewünschen richtet ihr euch einfach an Grace. Sie wird sich dann um euch kümmern“, erklärt sie uns und Ava strahlt. „Also, was habt ihr für morgen alles geplant?“
Ich sehe zu Ava hinüber und sie sagt: „Morgen gibt es eine Mischung aus Bewegung und Entspannung. Wie wäre es, wenn wir uns nach dem Frühstück auf den Weg in einen der umliegenden Parks machen, ein wenig spazieren gehen und am Nachmittag kommen wir hierher zurück und entspannen ein bisschen in Pool und Sauna?“
„Das klingt nach einem sehr verlockenden Plan. Dann machen wir den Ausflug morgen ohne Benji und nehmen ihn beim nächsten Mal mit“, pflichte ich ihr bei. Mein Blick wandert zu Logan, der gerade einen Schluck von seiner Cola genommen hat. „Dann frühstücken wir morgen gemeinsam um sieben Uhr und machen uns anschließend auf den Weg?“
Er nickt.
„Wunderbar, ich werde Grace sagen, sie soll sich für den Nachmittag bereit halten“, lässt uns Mica wissen und erhebt sich von ihrem Stuhl. „Ich wünsche euch noch einen schönen Abend und wenn noch etwas ist, meine Telefonnummer findet ihr in der Mappe in der Schublade eures Nachtschränkchens.“ Sie winkt uns zum Abschied und schon ist sie in Richtung Küche verschwunden. Kurze Zeit später klappert es hinter uns und als ich mich umdrehe, sehe ich Gabriel, der mit einer silbernen Platte auf uns zu kommt.
„Ich habe hier noch ein paar süße Leckereien für euch. Ich werde mich jetzt auf den Weg nach Hause machen. Wenn ihr Kaffee oder andere Getränke möchtet, in der Küche im Kühlschrank findet ihr Softdrinks und auch ein, zwei Flaschen Wein. Bier gibt es leider keines, kann ich euch aber für morgen besorgen, wenn ihr möchtet. Die Kaffeemaschine befindet sich direkt daneben. Mica hat mich außerdem in Kenntnis gesetzt, dass das Frühstück morgen für sieben Uhr angesetzt ist. Habt ihr irgendwelche speziellen Wünsche?“ Er sieht sich fragend in der Runde um, doch niemand scheint Heißhunger auf etwas Außergewöhnliches zu haben. „Okay, dann schaue ich mal, was ich euch auftische. Schönen Abend noch!“ Er winkt uns zum Abschied und verschwindet wieder in die Richtung, aus der er gekommen ist.
„Und was machen wir jetzt noch mit dem angefangenen Abend?“, möchte Ava wissen. Ich sehe auf die Uhr. Es ist erst kurz nach acht. Ich zucke mit den Schultern.
„Was haltet ihr davon, wenn wir es uns im Wohnzimmer vor dem Kamin gemütlich machen? Vielleicht finden wir auch noch ein Spiel, oder wir schauen einen Film?“, frage ich in die Runde.
„Ist es für euch auch wirklich in Ordnung, wenn ich mich euch anschließe? Schließlich ist es euer Urlaub. Ich möchte mich da nicht irgendwie aufdrängen oder so.“ Logan sieht uns beide an.
Ernsthaft? Ist das das Einzige, was ihm durch den Kopf geht?
„Ja, Logan. Es ist absolut okay. Wir würden dir schon sagen, wenn es nicht für uns in Ordnung wäre, wenn du dabei bist. Hinterfrag nicht dauernd alles. Du bist erwünscht und ich bin mir sicher, das wir zu dritt einen wunderschönen Urlaub verbringen werden.“ Kurzschlussreaktion!
Noch ehe ich mir überlegen kann, was ich sagen möchte, macht sich mein Mund selbstständig und die Worte sprudeln nur so aus mir heraus. Hilfesuchend sehe ich zu Ava, die verwundert eine Augenbraue in die Höhe zieht. Doch schon hat sie sich wieder gefangen.
„Sehe ich genauso. Du bist ein wirklich netter Mensch und wir kommen doch super miteinander klar, oder?“, pflichtet sie mir bei. Logan nickt leicht und schenkt uns ein mattes Lächeln. Vermutlich war dieser kleine Ausbruch genau das, was er gebraucht hat, um endlich von seinem Ich-störe-euch-bei-eurem-Urlaub-Trip runter zu kommen.
„Also wäre das auch geklärt. Logan, du nimmst das Tablett mit den Dingern hier, Ava, du schaust im Wohnzimmer nach einem Spiel oder nach einem Film und ich kümmere mich um die Getränke. Wer möchte was?“, verteile ich die Aufgaben, ehe sich die Aktion noch mehr in die Länge zieht.
„Ich hätte gerne einen Latte. Passt vermutlich ganz gut zu den Teilen“, sagt Ava und erhebt sich von ihrem Stuhl.
„Dem schließe ich mich an.“ Mit diesen Worten steht auch Logan auf, schnappt sich das Tablett und folgt Ava ins Wohnzimmer. Ich mache mich auf den Weg in die Küche.
„Drei mal Latte“, rede ich vor mich hin, damit ich es nicht vergesse, bis die Kaffeemaschine bereit ist. Wäre schließlich nicht das erste Mal, dass mich mein Gedächtnis im Stich lässt. Wenn ich bei der Planung meiner Bücher nicht die grundlegenden Ideen direkt aufschreiben würde, hätte ich sie direkt wieder vergessen. Während ich die Kaffeemaschine anschalte, hole ich die Milch aus dem Kühlschrank und stelle die Gläser bereit. Die Maschine ist ein typischer Kaffeevollautomat. Auf dem touchbetriebenen Bildschirm hat man die Auswahl aus zig verschiedenen Getränken, von denen ich nur einen Bruchteil kenne. Als die Maschine bereit ist, stecke ich den Schlauch in die Milchpackung, stelle das erste Glas unter die Düsen und drücke auf dem Bildschirm auf die Fläche für den Latte Macchiato. Nachdem ich diesen Vorgang noch zwei weitere Male wiederholt habe, verstaue ich die Milchpackung zurück im Kühlschrank und bemerke erst jetzt, dass dort zwei Flaschen Sekt stehen.
Wer weiß, für was die später noch gut sind!
Ich stelle unsere Gläser auf ein Tablett, das ich auf einem der Schränke gefunden habe und versuche möglichst unfallfrei unsere Kaffees in das Wohnzimmer zu manövrieren.
Zum Glück konzentriere ich mich auf eine Karriere als Autor, denn als Kellner würde ich es nicht weit bringen. Nachdem ich die Kurve aus dem Esszimmer ins Foyer zu schmal genommen habe und mit dem Tablett am Türrahmen hängengeblieben bin, ist aus allen drei Gläsern etwas Kaffee übergeschwappt. Als ich schließlich eintrete, sitzt Logan auf dem Sofa und beobachtet Ava dabei, wie sie die Schränke durchsucht.
„Und, hast du schon was gefunden?“ Ich stelle das Tablett auf dem kleinen Glastisch ab. In der Mitte des Tischs stehen Untersetzer, die ich verteile, um anschließend die Gläser darauf abzustellen. Mit einer Serviette trockne ich die Gläser unauffällig ab, die alle in einer Kaffeelache stehen. Das Tablett wische ich ebenfalls kurz ab, lasse es anschließend auf der unteren Ablage des Tisches verschwinden und nehme neben Logan platz. Zum zweiten Mal an diesem Tag weht sein Duft zu mir herüber und gerade so gelingt es mir, mich zusammenzureißen und nicht näher an ihn heranzurutschen, um einen tiefen Atemzug zu nehmen. Etwas an ihm ist so anders als an den Kerlen, die ich bisher kennengelernt habe und er wirkt deutlich reifer.
Liegt vielleicht daran, dass er hetero ist und du dich bisher nur mit Schwulen getroffen hast, die auf dein Geld geil waren. Er ist zwar nicht schwul, aber das mit dem Geld wird früher oder später auch noch kommen, nörgelt das Teufelchen auf meiner Schulter.
Ob er hetero ist, wissen wir überhaupt nicht. Das wird sich noch im Laufe der nächsten Zeit zeigen. Und auf dein Geld ist er ganz bestimmt nicht aus. Dafür ist er viel zu zurückhaltend und sympathisch, widerspricht das Engelchen auf der anderen Seite.
Ich seufze leise und nehme einen Schluck von meinem Kaffee.
„Nein, ich finde weder ein Spiel noch eine DVD. Und im Fernsehen läuft auch nichts Interessantes. Das haben wir schon durch. Vielleicht finden wir ja auf Netflix was“, antwortet mir Ava auf meine Frage.
„Also ich kenne mich leider gar nicht mit Technik aus“, gesteht Logan und verzieht schuldbewusst das Gesicht.
„Ich schon.“ Zugegeben, was Handy oder Tablet angeht, gehe ich voll mit der Zeit. Jedesmal, wenn ein neues Smartphone rauskommt und mich von sich überzeugt, muss ich es haben. Egal, wie alt – oder jung – mein derzeitiges Handy ist. Und mit Smart-TV kenne ich mich ebenfalls aus. Ich stehe also vom Sofa auf, trete zu Ava und nehme ihr die Fernbedienung ab. Mit wenigen Handgriffen habe ich die Netflix-App auf das Gerät heruntergeladen, mich mit meinen Zugangsdaten angemeldet und bitte die beiden mir zu sagen, welchen Film sie gerne sehen möchten. Nach kurzer Diskussion entscheiden wir uns für eine Komödie, die noch niemand von uns dreien gesehen hat.
Gerade als ich mich neben Logan setzen möchte, kommt mir Ava zuvor und grinst mich dabei an. Etwas irritiert bleibe ich stehen, mustere sie von oben, ehe ich mich kommentarlos umdrehe und auf dem Sessel auf Logans anderer Seite platz nehme. Ava möchte ihm nahe sein, um auf Tuchfühlung mit ihm zu gehen, denn ihrem Verhalten im Auto nach zu urteilen, versucht sie Logan von sich zu überzeugen.
Auch wenn er allem Anschein nach kein sonderlich großes Interesse an ihr hat.
Ich starte den Film und schon nach kurzer Zeit verschwende ich keinen Gedanken mehr an die Sitzordnung.
Nach einer knappen Stunde ist der Kaffee ausgetrunken. Also stelle ich kurzentschlossen die Gläser auf das Tablett und trage es zurück in die Küche. Nachdem ich das Geschirr in der Spülmaschine verstaut habe, suche ich nach Sektgläsern und schnappe mir die beiden Sektflaschen aus dem Kühlschrank.
Was passt denn besser zu einer Komödie, als zwei Flaschen Sekt?
Im Wohnzimmer angekommen, sehe ich Ava, die sich zu Logan herumgedreht hat und ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Eifrig nickt sie mit dem Kopf, auch wenn Logan allem Anschein nach nur etwas über seine Arbeit als Chauffeur erzählt und dabei wenig begeistert aussieht. Ava hingegen hängt an seinen Lippen und zwirbelt verspielt eine ihrer blonden Strähnen zwischen den Fingern. Eine Angewohnheit, die ich bei ihr schon des öfteren gesehen habe, sobald sie sich mit einem hübschen Kerl unterhält. Ich stelle die Gläser auf unsere Untersetzer und öffne die erste Flasche mit einem lauten Plopp, was die beiden erschrocken auseinanderfahren lässt. Logan wirft mir einen fast dankbaren Blick zu.
„Was gibt das denn jetzt?“, möchte Ava wissen. Ihrem Blick entnehme ich, dass ihr meine Unterbrechung so gar nicht in den Kram passt.
„Nach was sieht des denn aus?“, stelle ich unbeeindruckt die Gegenfrage.
„Wie es aussieht möchtest du uns abfüllen“, bemerkt Logan. Ein Lächeln umspielt seine Lippen.
„Gut erkannt“, lobe ich ihn und fülle die Sektgläser eines nach dem anderen mit der prickelnden Flüssigkeit. „Außerdem sind es doch nur zwei Flaschen für drei Personen. Sonderlich betrunken werden wir davon jedenfalls nicht.“
Falsch gedacht!
Als der Film zu Ende ist und der Abspann läuft, lachen wir alle drei gleichermaßen. Angeheitert von den beiden Flaschen Sekt, die bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken sind, halten wir uns die Bäuche.
„Und jetzt?“, fragt Ava und kichert. Bei ihr macht sich der Sekt bereits deutlich bemerkbar.
„Klingt zwar kindisch, aber was sagt ihr zu einer Runde Flaschendrehen?“, möchte Logan wissen. Irritiert sehe ich ihn an, ehe ich schließlich lauthals beginne zu lachen. Auch Ava scheint nicht zu wissen, was sie von der Idee halten soll.
„Flaschendrehen? Wie alt sind wir, zehn?“ Belustigt schüttelt sie den Kopf. „Ich glaube nicht, dass das in unserem Alter so unterhaltsam ist wie damals zur Schulzeit.“
„Also … na ja. Es kommt halt drauf an, wie man es spielt“, nuschelt Logan vor sich hin.
Moment, er spielt aber doch nicht gerade etwa mit der Idee …?!
„Wir könnten ja die nicht jugendfreie Version davon spielen.“
Okay, also doch!
Ist das jetzt sein Ernst? Immerhin kennen wir uns gerade mal seit ein paar Stunden und er macht jetzt schon so einen Vorschlag?
Was Alkohol so alles bewirkt!
„Hmm“, brummelt Ava vor sich hin. Anscheinend spielt sie tatsächlich mit dem Gedanken, Logan in seinem Vorschlag zu unterstützen.
Nur weil sie sich einen Kuss mit ihm erhofft, knurrt das Teufelchen wieder nah an meinem Ohr.
Sieh doch mal die andere Seite. Wenn sie einen Kuss mit ihm bekommen kann, dann du auch. Schließlich weiß man nie, was bei diesem Spiel passiert!, teilt mir der Engel mit. Und ehrlich gesagt hat er gar nicht mal so unrecht. Sollte es eine Möglichkeit dazu geben, dann ja wohl jetzt!
„Also gut. Ich bin dabei“, stimme ich der ganzen Aktion zu, ehe ich es mir anders überlege. Logan schenkt mir einen überraschten Blick, während Ava etwas verdutzt ausschaut.
„Hauptsache wir machen jetzt noch IRGENDWAS“, gibt Ava klein bei und leert ihr Sektglas in einem Zug. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sie nicht gerade begeistert ist. Ob von der Idee, Flaschendrehen spielen zu müssen, oder ob es an etwas völlig anderem liegt, kann ich nicht beurteilen.
„Gut, dann hole ich eine Flasche aus Plastik. Wir wollen doch nicht gleich an unserem ersten Abend für Scherben sorgen, oder?“ Logan springt auf und ist auch schon aus dem Zimmer verschwunden, als Ava den Abstand zwischen uns mit einem Sprung überwindet und mich an den Schultern packt. Leicht wankend steht sie vor mir.
„Wenn ich Pflicht nehme, sagst du, dass ich ihn küssen muss!“
Abgemacht, wenn du das gleiche bei mir machst!
Mit verschleiertem Blick sieht sie mich an und jedes Mal, wenn sie ausatmet, schlägt mir eine Alkoholwolke entgegen. Ihr Gesichtsausdruck zeigt mir allerdings, dass es ihr ernst ist mit dem, was sie da gerade gesagt hat. Dennoch finde ich die ganze Situation ziemlich amüsant.
„Das ist Spielmanipulation, das ist dir schon bewusst, oder?“, frage ich belustigt.
Irgendwie passt mir das trotzdem alles gar nicht in den Kram. Ich habe mich auf einen erholsamen Urlaub eingestellt mit genügend Zeit für uns, doch im Moment habe ich eher das Gefühl, als würde sie viel lieber den Urlaub mit Logan verbringen, anstatt mit mir. Mal davon abgesehen komme ich mir vor, als wäre ich das fünfte Rad am Wagen.
„Ach, stell dich doch nicht so an. Diesen kleinen Gefallen wirst du mir wohl tun können, oder? Schließlich brichst du dir keinen Zacken aus der Krone!“
Okay, dieser Tonfall ist mir vollkommen neu! Vermutlich dem Alkohol geschuldet.
„Er scheint es dir wohl richtig angetan zu haben, hm?“, frage ich trocken. Eifersucht macht sich in mir breit.
„Ähm. Du hast schon gesehen, wie er aussieht, oder?“ Sie zieht verständnislos eine Augenbraue nach oben.
„Kann ich nicht beurteilen.“
Kann ich doch, gebe ich aber nicht zu.
Schritte nähern sich und schon steht Logan wieder in der Tür.
„Also, können wir?“, fragt er und nimmt neben dem Kamin platz.
Lasset die Spiele beginnen!
4. Kapitel
„Kommt ihr rüber? Dann können wir uns hierhin setzen.“
Ava und ich setzen uns ihm gegenüber auf den Boden und bilden so ein Dreieck. Die Flasche ist unser Mittelpunkt.
„Also, wer möchte anfangen?“ Logan sieht fragend in die Runde. Ich zucke mit den Schultern, also greift Ava zur Flasche und dreht. Okay, sie versucht es. Ihr erster Anlauf war zu schwach, der Zweite hingegen viel zu stark, weshalb die Flasche einmal quer durch das Zimmer rutscht, was mich auflachen lässt.
„Zum Glück haben wir nicht eine der Sektflaschen genommen“, gebe ich breit grinsend von mir. Logan springt auf und holt die Flasche zurück.
„Versuche es mit mehr Gefühl“, rät er ihr. Sie schaut ihm tief in die Augen, ehe sie es ein drittes Mal versucht.
Die Flasche dreht sich und zeigt auf mich.
„Wahrheit oder Pflicht?“, fragt mich Logan .
„Okay, irgendwie komme ich mir vor wie im Kindergarten.“ Ich kann mir ein weiteres Kichern nicht verkneifen. Das ist eine der Angewohnheiten, die ich entwickle, sobald ich zu viel getrunken habe. Und ist der Grund dafür, dass ich normalerweise auch nicht so über die Stränge schlage wie heute Abend. Oder aber ich tue Dinge, die ich später bereue. „Wahrheit“, beantworte ich die Frage.
„Wer stellt sie jetzt?“, möchte Ava wissen.
„Du, du hast ja die Flasche gedreht.“ Mittlerweile hat Logan einen leicht genervten Unterton in der Stimme.
Liegt vermutlich daran, dass wir uns schlimmer benehmen als Kindergartenkinder!
Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass wir Flaschendrehen spielen. Die Regeln sind uns bekannt und trotzdem stellen wir uns ziemlich dämlich dabei an.
„Also gut. Wir sind alle volljährig, dementsprechend gestalten wir die Sache jetzt interessanter als damals in der Schule. Mit wem hattest du dein erstes Mal?“
Okay, das kommt jetzt überraschend.
Ich habe mit vielem gerechnet, aber dass sie direkt in die Vollen geht, hätte ich nicht erwartet.
„Dana Watson“, beantworte ich die Frage wahrheitsgemäß. Klar, ich stehe schon immer auf Kerle, trotzdem habe ich – dank ausgiebigem Alkoholkonsum – mein erstes Mal mit einer Frau erlebt. Was ich bereue, denn mit einem Kerl wäre es vermutlich deutlich besser gewesen.
Aber es war ... okay. Traumhaft, wie man es sich in seinen Träumen vorstellt, war es definitiv nicht, aber trotzdem auch nicht das Grauenhafteste der Welt. Genug jedoch, um mir vollkommen sicher zu sein, dass ich auf Kerle stehe. Ohne eine weitere Reaktion abzuwarten, greife ich zur Flasche und drehe.
Sie zeigt auf Ava, die mich sofort mit großen Augen ansieht. Ihr Blick spricht Bände.
„Wahrheit oder Pflicht?“, möchte ich von ihr wissen.
„Pflicht“, kommt es wie aus der Pistole geschossen.
Auch wenn sie mir im Vorfeld gesteckt hat, was ich zu tun habe, entscheide ich mich doch anders. Ich möchte sie schmoren lassen. Es ist schließlich unser Urlaub und seitdem wir Logan mit einbezogen haben, schmeißt sie sich an ihn ran und lässt mich links liegen.
„Ich möchte, dass du dich wie ein Huhn verhältst, bis du wieder an der Reihe bist.“ Den Blick, den sie mir schenkt, werde ich so schnell nicht vergessen. Als Logan ihn sieht, fällt er in ein grollendes Gelächter und ich stimme mit ein.
„Ist das dein Ernst?“, möchte sie wissen.
„Ah ah ah. Ein Huhn kann nicht sprechen“, erwidere ich streng und wische mir eine Träne aus dem Augenwinkel, was sich allerdings als völlig sinnlos herausstellt, da sie im nächsten Augenblick zu gackern anfängt, was Logan und mich zeitgleich nach Luft japsen lässt.
„Jetzt kriegt euch mal wieder ein! So lustig ist das nun auch wieder nicht!“, meckert sie.
Diesmal ist es Logan, der sie zurechtweist. „Ava, ein Huhn kann nicht sprechen. Also hör auf und gackere weiter!“
Als sie der ganzen Sache noch einen Hahnenschrei aufsetzt, während sie dabei die Augen verdreht, ist es mit uns vollkommen vorbei. Ich lasse mich nach hinten fallen und halte mir den Bauch, der vom vielen Lachen schon wehtut. Sie verstummt und der Farbe ihres Gesichts nach zu urteilen, ist es ihr nicht peinlich. Nein, sie ist fuchsteufelswild.
Nachdem Logan und ich uns wieder etwas beruhigt haben – was eine gefühlte Ewigkeit dauert – dreht sie die Flasche, die auf Logan zeigt. Sie sieht mich mit funkelnden Augen an, bis mir klar wird, was sie von mir will.
„Okay, okay. Du darfst für die Aufgabe mit ihm sprechen“, beschwichtige ich sie. Ich schwöre, wenn Blicke töten könnten, würde ich jetzt aufgespießt an der Wand hinter mir hängen.
„Wahrheit oder Pflicht?“
„Pflicht.“
Gespannt warten wir ab, was Ava sich für ihn ausdenkt.
„Gut, ich möchte, dass du dein Oberteil ausziehst“, lässt sie Logan wissen. Ihr Gesicht ziert ein schelmisches Grinsen. Logan zuckt mit den Achseln, gibt keinen Ton von sich und streift sich seinen Pullover samt T-Shirt vom Leib.
Gerade so gelingt es mir, meine Augen vom Herausfallen abzuhalten. Meine Vermutung auf einen durchtrainierten Körper war vollkommen richtig. Auf seinem Bauch zeigt sich das Sixpack, das ich schon immer haben möchte, jedoch nie genügend Disziplin an den Tag gelegt habe, um es auch zu erreichen. Schnell wende ich den Blick ab, streiche mir eine lose Haarsträhne hinters Ohr und sehe zu Ava, die sich nicht so gut im Griff hat wie ich. Ihre Augen sind doppelt so groß geworden. Fehlt nur noch, dass sie zu sabbern beginnt.
„Gut, ich bin dran.“ Logan greift nach der Flasche und dreht sie. Die Muskeln in seiner Brust spannen sich kurzzeitig an.
Er ist heiß!, sagen Engelchen und Teufelchen nahezu synchron.
Die Flasche bleibt erneut auf Ava gerichtet stehen. Zum Glück muss Logan ihr die Aufgabe stellen, denn ich weiß genau, dass ich sie nicht noch eine weitere Runde hinhalten könnte. Vermutlich würde sie mich vor Logans Augen erwürgen.
„Wahrheit oder Pflicht?“
„Wahrheit.“ Ach, bei ihm kein Pflicht?
Logan senkt den Blick auf die Flasche und überlegt.
„Okay, wenn du eine Superkraft hättest, welche wäre das und warum?“ Ohne zu überlegen gibt sie ihm eine Antwort.
„Ich würde gerne fliegen können wie ein Vogel. Oben im Himmel hätte ich meine Ruhe, könnte einen Bogen um stressige Situationen machen. Zumal es sicherlich in dem ein oder anderen Moment von Vorteil wäre, fliegen zu können“, erklärt sie.
„Ja da stimme ich dir zu. Ich glaube es gab schon so einige Momente in denen ich mir gewünscht habe fliegen zu können. Und sei es nur um von einem Fleck zum anderen zu kommen“, meint Logan.
„Fliegen? Ich dachte, als Chauffeur fährt man?“, gebe ich belustigt von mir.
„Natürlich fährt man da. Ich meinte jetzt auch eigentlich eher nicht ganz so einfache Zeiten. Schließlich hatte doch schon jeder so seine Probleme, in denen er am liebsten abgehauen wäre. Flügel auf und ab. “
„Da hast du wohl recht“, stimmt Ava ihm zu, ehe sie zur Flasche greift und sie dreht.
Sie zeigt auf Logan.
„Okay, also wenn ihr allein spielen wollt, kann ich auch ins Bett gehen“, nörgle ich gespielt.
„Ich nehme Pflicht“, beantwortet Logan die ungestellte Frage, sieht mich unvermittelt an und reißt erwartungsvoll die Augen auf. Ava hingegen betrachtet den Raum, als müsse sie angestrengt nachdenken, bis ihr Blick auf mir zum Ruhen kommt. Es breitet sich eine für mich unangenehme Stille aus, denn ich kann ganz genau sagen, welche Aufgabe sie Logan stellen wird, noch bevor sie diese überhaupt ausgesprochen hat.
„Suche dir eine Person aus, die du küsst.“
Richtig gedacht!
Gut. Nachdem Ava die Sache nun selbst in die Hand nimmt, hat sich der Gefallen also erledigt. Ich will gerade nach meinem Sektglas greifen, um mir das nicht ansehen zu müssen, als zwei Dinge gleichzeitig passieren. Zum einen realisiere ich, dass mein Glas bereits leer ist, während ich im Augenwinkel eine Bewegung bemerke. Logan beugt sich zu mir herüber, nimmt meinen Kopf behutsam in seine Hände und zieht mich zu einem Kuss an sich heran, der mich alles um uns herum vergessen lässt. Völlig perplex strecke ich die Hände in die Luft, als würde ich mich ergeben, damit Ava sieht, dass nicht ich derjenige bin, der die Schuld daran trägt.
Logans Lippen fühlen sich genauso zart an, wie ich es mir die letzten Stunden vorgestellt habe. Sein Bart pikst hier und da, doch das stört mich nicht im Geringsten. Der Kuss ist nicht nur ein kurzer Schmatzer, wie ich es eigentlich erwartet hätte. Nein, es ist ein richtiger Kuss – wenn auch ohne Zunge. Logans Augen sind dabei geschlossen, so als würde er die Sache in vollen Zügen genießen.
Oder aber er stellt sich einfach eine andere Person dabei vor.
Gerade als ich drohe, mich in dem Kuss zu verlieren, trennen sich unsere Lippen und er sieht mir direkt in die Augen.
„Hoffe, das war okay“, haucht er, die Lippen gerötet von unserem Kuss, die Augen verschleiert, als wäre er gerade aus einem tiefen Schlaf geweckt worden.
„Ähh … ähm ja. Klar“, stottere ich, nicke sicherheitshalber und starre irritiert zu Boden. So hatte sich das Ava sicher nicht vorgestellt.
Oh Gott, Ava!
Langsam drehe ich meinen Kopf in ihre Richtung und finde sie genau so vor, wie ich es erwartet habe. Den Mund weit aufgerissen, die Augen noch größer als bei Logans Striptease.
„Ich muss drehen, oder?“, fragt er und räuspert sich. Er hat wohl ebenfalls erkannt, wie verwirrend die Aktion gerade war. Und dass Ava etwas anderes erwartet hatte, dürfte ihm dank ihres Gesichtsausdrucks mittlerweile auch klar sein. Ohne auf eine Reaktion zu warten, dreht er die Flasche, während er sich am Hinterkopf kratzt. Allem Anschein nach ist das eine Angewohnheit von ihm, wenn er verlegen oder verunsichert ist.
Die Flasche kommt langsam zur Ruhe und ich bin dran.
„Wahrheit oder Pflicht?“
„Wahrheit“, gebe ich noch völlig benommen von mir.
„Hast du jemals mit dem Gedanken gespielt, du könntest auf das gleiche Geschlecht stehen?“
Baam! Nach diesem Kuss? Wer bitte würde da nicht auf das gleiche Geschlecht stehen wollen?
Trotzdem war es die Frage, auf die ich die Antwort schon seit etlichen Jahren kenne, die ich aber noch nie öffentlich mitgeteilt habe.
„Ich, ähm. Nein ... das heißt ... ähh.“
Keine Ahnung, wie ich darauf antworten soll. Mir würde sicher niemand den Kopf abreißen, trotzdem möchte ich nur ungern den Urlaub in Gefahr bringen. Ich weiß ja nicht einmal, wie Ava auf ein solches Geständnis reagieren würde. Hätte mich gestern jemand gefragt, hätte ich ohne mit der Wimper zu zucken geantwortet, sie hätte keinerlei Probleme damit. Mittlerweile bin ich mir aber nicht mehr so sicher. Schließlich benimmt sie sich seit unserem Aufbruch am Morgen vollkommen anders.
Wenn du gestehst, dass du auf Kerle stehst, würde das den Urlaub aber deutlich interessanter machen. Schließlich könntest du ihr den Kerl ausspannen. Da war er wieder, der kleine Teufel.
Durch ein Outing besteht für dich aber die Möglichkeit, Logan besser kennenzulernen und wer weiß, was sich daraus entwickelt. Das Engelchen hat recht. Sollte sich Logan ebenfalls zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, könnte ich den Urlaub auch dazu nutzen, ihn besser kennenzulernen und möglicherweise entwickelt sich doch mehr daraus.
„Ich habe noch nie mit dem Gedanken gespielt, nein. Ich weiß, dass ich auf Kerle stehe und das schon seit meiner frühen Jugend.“
Zack, schon ist es draußen.
Und es hat noch nicht einmal wehgetan. Um Logans Lippen spielt ein Lächeln, doch Ava scheint gerade völlig neben der Spur zu sein.
„WAASS?! Wieso in Gottes Namen hast du mir davon noch nie etwas erzählt?!“, kreischt sie und springt vom Boden auf. „Ich dachte, wir sind beste Freunde?“
Ich erhebe mich ebenfalls, um mit ihr möglichst auf einer Augenhöhe zu sein. „Ja, das sind wir auch. Aber du hast mich doch noch nie danach gefragt, oder? Wenn das jemals als Thema aufgekommen wäre, dann hätte ich dich sicherlich nicht angelogen. Aber von allein spreche ich so ein Thema nicht an. Schließlich tut es nichts zur Sache, auf wen ich stehe“, versuche ich sie zu beruhigen, was allerdings eher den gegenteiligen Effekt hat.
„ES TUT NICHTS ZUR SACHE?! Was ist denn, wenn wir beide auf den gleichen Typ stehen würden? Wir würden ernsthafte Probleme bekommen!“ Wie eine Furie baut sie sich vor mir auf, ihr Kopf rot vor Zorn. Einen besseren Beweis für ihre Eifersucht hätte sie mir nicht liefern können.
Wir WÜRDEN ernsthafte Probleme beim gleichen Kerl bekommen? Süße, die HABEN wir doch schon!
„Okay, Ava. Du übertreibst. Wir beide haben von Grund auf einen vollkommen unterschiedlichen Geschmack, was das Thema Männer angeht. Mal davon abgesehen sind die Männer, auf die du stehst, bekanntlich heterosexuell, oder sehe ich das falsch?“ Klar, sie spielt auf Logan an, doch wir wissen beide noch nicht, welches Geschlecht er bevorzugt. Aber im Grunde genommen war es schon immer so. Jedes Mal, wenn sie mir von einem Kerl vorgeschwärmt hat, war er zum einen nicht mein Typ und zum anderen durch und durch ein heterosexueller Mann. Nur langsam scheint sie das Gesagte zu verstehen und allmählich nimmt ihr Kopf wieder eine normale Farbe an.
„Trotzdem hättest du etwas sagen können!“ Sie zieht sich das Gummi aus ihren Haaren, sodass sich ein Meer aus blonden Wellen über ihren Schultern ausbreitet. Ich merke, wie hin- und hergerissen sie ist. Mit gespreizten Fingern streicht sie sich durch die Haare, ehe sie die Hände im Genick verschränkt. „Du hättest doch nur etwas sagen müssen.“ Ihren letzten Satz sagt sie mehr zu sich selbst, denn das Ende ist eher ein Flüstern. Unschlüssig tritt sie von einem Fuß auf den anderen, bis sie mir schließlich den Rücken zuwendet und tief durchatmet.
„Ja, hätte ich. Tut mir leid, dass ich das nicht getan habe. Doch es hat nichts mit unserer Freundschaft zu tun und es wird sich zwischen uns auch nichts ändern“, versuche ich ihr nochmals zu verdeutlichen. Sie holt tief Luft, dreht sich wieder zu mir um
„Okay, okay.“ Sie legt eine kurze Pause ein, bevor sie weiterspricht, „das kommt nur gerade ziemlich überraschend. Komm her!“ Sie zieht mich in eine feste Umarmung und zum ersten Mal an diesem Abend kommt sie mir vor wie die Ava, die ich als beste Freundin habe und nicht wie die, die sich vollkommen auf einen Kerl eingeschossen hat.
Vielleicht hätte ich es ihr doch schon früher sagen sollen.
Als wir uns aus der Umarmung trennen, steht Logan neben uns und sieht mich etwas geknickt an.
„Sorry, ich wollte dich jetzt eigentlich nicht zu einem unfreiwilligen Coming-out zwingen“, sagt er und kratzt sich verlegen am Hinterkopf. Wieder spannen sich die Muskeln unter seiner Haut an und ich senke den Blick.
Macht er das eigentlich mit Absicht?!
Ich habe gehört, was er gesagt hat, doch ich kann keinen klaren Gedanken fassen, da ich erneut auf seinen nackten Oberkörper starren muss.
„Schon okay“, entgegne ich und riskiere schließlich nochmals einen Blick auf seinen Sixpack, ehe ich ihm wieder ins Gesicht sehe.
„Irgendwann wäre es sowieso rausgekommen.“
Er nickt, schenkt mir ein weniger überzeugendes Lächeln und blickt zur Flasche.
„Wollen wir weitermachen oder lieber aufhören?“
„Wir können ruhig noch weitermachen. Es ist ja noch recht früh“, sagt Ava, während sie ihre Haare wieder zusammenbindet und wir lassen uns alle wieder auf dem Boden nieder. Ich merke ihr an, dass sie – trotz des Alkoholpegels – wieder bei klarem Verstand ist.
Gerade als ich die Flasche drehen möchte, sieht sie mich direkt an.
„Sag mal … War das der Grund, warum du damals unsere Beziehung beendet hast?“ Ihr Blick zeigt, dass sie eins und eins zusammengezählt hat und meine Antwort nur noch als Bestätigung hören möchte.
„Ja. Ich war damals in einer Phase, in der ich mir noch nicht ganz sicher war, doch während unserer Beziehung zeichnete es sich immer mehr ab, dass ich nicht auf Frauen stehe. Ich wollte dir damals nicht noch mehr wehtun, als ich es ohnehin schon getan habe, deshalb dachte ich, ich sage lieber, ich sei nicht über meine letzte Beziehung hinweg“, gestehe ich ihr. „Es tut mir leid.“
Gedankenverloren nickt sie immer wieder, bis sie mich wieder ansieht.
„Schon okay. Ich kann mir vorstellen, dass es für dich nicht ganz einfach war. Ist in Ordnung.“ Verständnisvoll lächelt sie mich an.
„Freunde?“, möchte ich von ihr wissen.
„Freunde!“, gibt sie zurück und nochmals ziehen wir uns in eine kurze Umarmung.
Wir spielen noch eine ganze Weile und vergessen fast die Zeit. Als ich mich schließlich umsehe, zeigt die Uhr über dem Kamin bereits kurz vor Mitternacht.
„So, einmal drehe ich noch und danach können wir aufhören“, sage ich und kann ein Gähnen nicht unterdrücken. Der Tag war lang und auch die sechsstündige Autofahrt ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Die beiden stimmen mir zu und somit drehe ich ein letztes Mal die Flasche, die auf Logan zeigend zum Stehen kommt.
„Ich nehme Pflicht.“ Seine Augen sind bereits glasig und auch ihm sieht man an, wie müde er ist.
„Gib Ava einen Kuss. Schließlich sollte sie auch in den Genuss von deinen Lippen kommen“, necke ich und zwinkere ihm zu. Einen solchen Kommentar offen auszusprechen, fühlt sich unglaublich befreiend an. Zumal ich es Ava zu Beginn des Spiels versprochen habe. Und dieses Versprechen möchte ich auch halten.
Logans Gesicht jedoch scheint für den Bruchteil einer Sekunde in eine Schockstarre zu verfallen, ehe er sich wieder im Griff hat und nickt. Plötzlich wirkt er hellwach. Er lehnt sich über die Flasche, drückt Ava einen Schmatzer auf den Mund und kehrt zurück in seine alte Position, ehe er sich sein T-Shirt samt Pullover über den Kopf zieht.
Okay, damit habe ich jetzt nicht gerechnet!
Auch Ava sieht vollkommen verdutzt aus. Jetzt habe ich ihr den Gefallen getan und trotzdem funktioniert es nicht, weil ER nicht mitmacht. Ehe sich eine peinliche Stille zwischen uns ausbreitet, nehme ich die Flasche und stelle sie auf den Tisch.
„Das wars für heute. Was bin ich froh, wenn ich jetzt in mein Bett fallen kann.“ Ich gähne und reibe mir die Augen. Es ist wirklich allerhöchste Zeit. Schon allein der Gedanke an den bevorstehenden Ausflug morgen lässt mich leise mit den Zähnen knirschen. Hätte ich gewusst, wie müde ich jetzt bin, dann hätte ich für morgen einen kompletten Wellnesstag vorgeschlagen. Ganz ohne Wanderung. Aber jetzt spontan mit Ava und Logan den Tag umzuplanen klingt mir zu stressig. Zumal Grace sich für den Mittag bereithält. Mal davon abgesehen schadet die Bewegung nicht und umso größer ist die Freude auf den Whirlpool, wenn wir von unserem Ausflug zurückkommen. Langsam stehen wir auf, Ava streckt sich und Logan reibt sich über das Gesicht.
„Wollen wir noch einen Plan machen, wer morgen früh wann ins Bad geht?“, möchte Ava wissen, während wir langsam in Richtung Treppe schlendern.
„Also ihr könnt das gerne unter euch ausmachen. Ich werde nur eine Kleinigkeit frühstücken und würde mich danach ins Bad zurückziehen, um mich fertig zu machen“, sagt Logan.
„Dann stehe ich um halb sechs auf und gehe in aller Ruhe duschen. Wenn dir eine dreiviertel Stunde reicht, bin ich gegen viertel nach sechs wieder aus dem Bad verschwunden“, meint Ava. Am Beginn des Flurs unserer Zimmer bleiben wir stehen.
„Okay, so machen wir das. Wir sehen uns morgen in aller Frische beim Frühstück“, beschließe ich und verabschiede mich von den beiden.
In meinem Zimmer angekommen, sehe ich mich nochmals um. Auf der Kommode gegenüber meines Bettes steht eine Flasche Wasser und ein Glas.
Bingo!
Wie zu Hause auch schenke ich mir etwas von dem Wasser ein und nehme das Glas mit zum Bett, ehe ich mich hineinfallen lasse. Sofort fallen mir die Augen zu und ich streife mir mühsam meine Kleidung vom Leib. Ich habe das Gefühl, eine Tonne zu wiegen. Gerade als ich mich unter die Bettdecke gekuschelt habe, geschieht das Unvermeidbare.
Meine Blase meldet sich.
„Das ist doch jetzt nicht wahr, oder?“ Genervt verdrehe ich die Augen, schlage die Bettdecke zurück und mache mich auf den Weg zur Tür. Da die beiden aller Wahrscheinlichkeit nach bereits in ihren Betten liege, gehe ich nur in Boxershorts zum Ende des Flurs, an dem sich das große Badezimmer befindet.
Als ich schließlich wieder aus dem Badezimmer trete, renne ich direkt in Logans Arme.
„Oh, sorry. Ich hab dich gar nicht gesehen“, sage ich völlig verdutzt. Eine Wolke von kaltem Rauch weht zu mir herüber. „Du warst wohl nochmal eine rauchen?“
Wie in Zeitlupe nickt er. Erst jetzt fällt mir auf, dass sein Blick völlig ungeniert über meinen Körper gleitet. Im Gegensatz zu ihm stehe ich allerdings nahezu nackt vor ihm.
Schützende Deckung? Fehlanzeige!
Sein Blick scheint an meinen Boxershorts festzukleben.
„Hast du gefunden, nach was du suchst?“ Ich stemme provokativ die Hände in die Hüfte und drücke sie ein Stück nach vorn.
„Oh, sorry! Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich dich so anstarre!“ Verlegen kratzt er sich am Hinterkopf und sieht mir peinlich berührt in die Augen.
„Alles gut, ging mir vorhin genauso, als du dein Shirt ausgezogen hast“, gestehe ich ihm. Erneut durchströmt mich eine Welle der Freiheit. Nachdem die beiden jetzt wissen, dass ich auf Kerle stehe, und ich mir keine Gedanken mehr darum machen muss, was ich sage, hat sich mein Selbstbewusstsein fast verdoppelt. Dieses neuerrungene Gefühl fühlt sich unglaublich an und ich frage mich ernsthaft, warum ich mich Ava nicht schon viel früher anvertraut habe.
„Moment, du hast mich vorhin auch so angestarrt?“, fragt er ungläubig.
„Ja, ist ja nicht so, als hättest du keinen ziemlich gut definierten Body.“
„Wow, okay. Danke.“ Erneut kratzt er sich am Hinterkopf.
„Okay, hör auf. Du musst nicht dauernd so verlegen sein. Wir sind zwei erwachsene Menschen, die sich gegenseitig Komplimente machen. Ist schon okay.“
„Na wenn du das sagst.“
„Ja, das sage ich.“ Ich sehe an ihm vorbei. Gott sei Dank bemerkt Ava nichts von diesem Treffen der etwas anderen Art. Wer weiß, was sie sich vorstellen würde, wenn sie uns so sieht.
„Ich mache mich mal auf den Weg ins Bett. Morgen wird ein ziemlich anstrengender Tag, würde ich sagen.“ Ich gehe an ihm vorbei und bin mir augenblicklich bewusst, wie sein Blick auf meinem Hintern klebt. „Wir sehen uns dann morgen. Gute Nacht.“ Ohne mich erneut zu ihm umzudrehen laufe ich in mein Zimmer und schließe hinter mir die Tür. Mit klopfendem Herzen lehne ich mich dagegen und atme tief durch.
Logan ist schon ein klasse Kerl. Auch wenn er noch nichts über seine sexuelle Orientierung gesagt hat, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich bessere Chancen bei ihm habe als Ava. Ihr gegenüber wirkt er schon fast kalt, während er mir immer seine volle Aufmerksamkeit schenkt. Vor allem, wenn ich nur in Boxershorts vor ihm stehe. Ich bin gespannt, was uns die nächsten Tage noch alles bringen werden, denn eines ist sicher. Dieser Urlaub dürfte noch ziemlich interessant werden!
Darmowy fragment się skończył.