Czytaj książkę: «Tod eines Jagdpächters»
© 2011
eBook-Ausgabe 2011
Rhein-Mosel-Verlag Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel Tel. 06542-5151 Fax 06542-61158 Alle Rechte vorbehalten ISBN: 978-3-89801-807-4 Lektorat: Gabriele Korn-Steinmetz Umschlagsfoto: Cornelia Czerny
Thomas Sutter
Tod eines Jagdpächters
Kriminalroman
RHEIN-MOSEL-VERLAG
Für meinen Sohn Max, dem ich noch viele Bücher widmen möchte und für Ben, meinen treuen Begleiter auf dem Jakobsweg.
Der Rausch des Jägers
Allein der Gedanke an Pirsch erweckte ein großartiges Gefühl. Sich anschleichen, auflauern, im Hinterhalt geduldig warten, bis der Finger sich am Abzug leicht krümmte. Das erhabene Gefühl des Erlegens. Jedem Raubtier ist dieser Triumph bekannt.
Karl Nirbach hatte sich immer als Raubtier gefühlt, aber im Alltag hatten die Triumphe sehr nachgelassen. Im Geschäftsleben konnte er nicht mehr wie früher zuschlagen. Fette Beute machen war weitaus schwerer geworden. Erfolge waren lange nicht mehr so leicht wie in seinen Jahren in Köln und der ersten Zeit hier in der Eifel. Stattdessen zeichneten sich mittlerweile sogar Niederlagen ab. Die verflixte Staatsanwaltschaft wollte es doch wirklich wissen. Sie würde ihm nichts anhaben können, aber das Prozedere lähmte trotzdem, und die Firma, die er seiner Frau überschrieben hatte, in der er aber immer noch die Fäden zog, hatte Kunden verloren.
Deshalb hatte es ihn besonders gewurmt, in den letzten Wochen seiner Jagdleidenschaft nicht mehr frönen zu können. Seinem Ausgleich, bei dem die Triumphgefühle nie ausblieben.
Sämtliche Hochstände in seiner Pacht waren verwüstet worden. Leere Alkoholflaschen, Müll und Uringeruch waren noch das Harmloseste gewesen. Zwei Hochstände waren angesägt, und ein dritter war in Brand gesetzt worden. Zum Glück hatte er die Mistkerle erwischt. Auch ihnen hatte er, wie dem Wild, nachts aufgelauert. Er hatte sich in einer Art um sie gekümmert, die er seit seiner Jugend kannte und die er für richtig hielt: Keine Polizei. Was auf die Fresse, das wurde immer besser verstanden als Worte. Dabei war er nicht zimperlich vorgegangen. Die Burschen hatten richtig was abgekriegt.
Bei dem vollen Mond hatte er die Taschenlampe gar nicht erst eingeschaltet. Die Lichtstrahlen der matten Scheibe hatten den Weg durch die Tannen erkennen lassen, und es gab nicht viel Unterholz, über das er stolpern konnte. Ein leichtes Lüftchen bog die Bäume und das Knarren klang wie Seufzer. Kleinere Äste knackten unter seinen schweren Schuhen, dann fühlte er wieder leichten, federnden Boden. In der Ferne rief ein Käuzchen.
Mit seinem Schienbein stieß er gegen einen quer liegenden Stamm, aber er strauchelte nicht und brauchte auch jetzt die Lampe nicht einzuschalten, um darüber hinwegsteigen zu können.
Er hatte die Wildschweine flüchten gehört, aber er wusste, sie würden wiederkommen. Höchstens ein, zwei Stündchen in Ruhe auf dem Hochstand ausharren, dann waren sie wieder da.
Mit seinen fünfundfünfzig Jahren war er zeitweilig immer noch die Ungeduld in Person, aber nicht bei der Jagd. Da war Ungeduld ein Fremdwort für ihn. Das Adrenalin, das die Jagd im Körper aktivierte, verursachte genüssliche Wachsamkeit.
Der Wald wurde lichter, und es waren nur noch wenige Meter bis zur Rodung. Der Hochstand lag noch etwa zweihundert Meter weiter am Rande der Lichtung. Vor einer Woche hatte er ihn säubern und ausbessern lassen. Im Gegensatz zu den Wildschweinen würden diese jugendlichen Vandalen nicht noch mal hier auftauchen. Die hatten ihre Lektion bekommen und würden kein weiteres Unwesen mehr treiben. Dafür hatte er gesorgt.
Zuerst dachte Nirbach an ein Glühwürmchen. Aber der winzige glühende Punkt, der einige Meter von ihm entfernt stakkatoartig herumflirrte, war zu schnell für ein Glühwürmchen. Außerdem tanzte er über den Boden und flog nicht in der Luft.
Ein Schreckgedanke lähmte ihn. Konnte es wirklich das sein, was er befürchtete? Argwöhnisch beobachtete er, wie das rote Lichtchen im Zickzack auf ihn zuwanderte und ihn berührte. Wie es sprunghaft an ihm hochkletterte bis zur Brustgegend. Der Jagdpächter griff mit der Hand danach, aber da zeigte sich das rote Fleckchen auf seinem Handrücken, und als er die Hand zurückzog, blieb es wieder an seiner Brust kleben. Langsam bewegte es sich noch ein wenig nach links, wo es genau in der Herzgegend verharrte.
Er duckte sich, riss das Nachtsichtfernglas hoch und spähte in die Richtung, aus der der rote Punkt zu kommen schien. Entlang des Waldrandes war nichts zu erkennen. Auch zwischen den Tannen nahm er nichts Verdächtiges wahr. Dann aber erspähte er tief im Dickicht die Umrisse einer auf dem Bauch liegenden Gestalt in mindestens zweihundert Metern Entfernung, die mit einem Gewehr auf ihn zielte.
Bis zu den schützenden Bäumen war es zu weit, deshalb warf er sich zu Boden. Es gab ein paar Bodensenken und direkt vor ihm befand sich ein kleiner Hügel, dennoch fand das rote Lichtchen ungehindert den Punkt zwischen seinen Augenbrauen. Sofort zwängte er sich tiefer in die Kuhle.
Die Nacht war kühl, trotzdem begann ihm der Schweiß aus allen Poren zu strömen. Er spürte kein Adrenalin, das die Vorfreude der Jagd eben noch durch seine Venen gepumpt hatte, sondern nacktes, nervenzerreißendes Entsetzen.
Langsam tastete er nach seinem Gewehr, obwohl er befürchtete, dass dies seinen Beobachter zum Todesschuss anstacheln könnte. Sein Gewehr befand sich noch in der Tasche. Mit zittrigen Fingern begann er die Druckverschlüsse zu öffnen, und er fühlte das harte Holz seiner Waffe. Sollte er nicht einfach liegen bleiben? Was wollte der Schütze von ihm? Angst einjagen? Das war ihm gelungen. Aber Nirbach würde das nicht einfach so hinnehmen. Er hatte es schon mit einigen harten Jungs aufgenommen und er hasste es, sich vor diesem Mistkerl da drüben im Wald so zu erniedrigen. Der Kerl bluffte. Wahrscheinlich wollte er nur seinen Spaß haben. Aber dem Jagdpächter war absolut nicht nach Spaßen zumute. Er würde abdrücken, sobald er den Unbekannten im Visier hatte.
Seine Finger krampften sich um den Gewehrschaft. Zentimeter für Zentimeter, sehr bedacht, die Waffe am Boden zu halten, zog er sie aus der Hülle zu sich heran. Der rote Punkt war nicht mehr zu sehen. Vielleicht hatte derjenige, der ihm nach dem Leben trachtete, aufgegeben und war abgehauen.
Mit einer schnellen Bewegung wagte Nirbach, das Visier des Gewehrs an das rechte Auge zu bringen. Dann nahm er den roten Punkt, der von seiner Nase zur Stirn wanderte, wieder wahr. In seinem Visier erschienen die fernen Umrisse einer menschlichen Gestalt. Nirbach hatte den Finger bereits am Abzug, aber die Millisekunde, ihn durchzuziehen, blieb ihm nicht mehr.
Ein Anfang ist gemacht
Zuerst hatte er geplant, den Wagen weiter weg zu parken und einige Kilometer durch den nächtlichen Wald zu gehen. Aber das wäre zu riskant gewesen. Er hätte dabei auf andere Jäger stoßen können.
So hatte er das Auto vor dem Fußballplatz abgestellt, der zwischen Loch und Aichen lag. Es war ruhig hier oben. Nachts kam niemand hierher. Das hatte er ausgekundschaftet. Und selbst wenn, der Wagen war gestohlen und nicht mit ihm in Verbindung zu bringen. Morgen würde er ihn irgendwo in Bonn abstellen.
Eine Sache war nun vom Tisch. Ein Teil der Rechnung war beglichen. Aber nur ein Teil, und damit war es nicht getan. Die Wahrheit musste vollständig ans Licht. Vorher würde er keine Ruhe geben. Er fühlte sich sehr gut mit seiner Aufgabe. Einer Aufgabe, die seinen Fähigkeiten entsprach. Schade, dass er heute Nacht nicht durch den Wald wandern konnte. Mit dem Gewehr auf dem Rücken durch den nächtlichen Wald. Wie beim Training, bei dem er immer der Beste gewesen war.
Zahllose Nächte hatte er nachts im Wald verbracht. Eine mondhelle Nacht wie heute war nicht nötig, um im Busch zurecht zu kommen. Er brauchte nur wenige Minuten, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann bewegte er sich nachts genauso sicher im Wald wie tagsüber.
Dieser Nirbach hätte sich vorher überlegen sollen, wem er übel mitspielt. Aber Männer wie er überlegen sich solche Dinge nicht. Sie verhalten sich rücksichtslos, so lange, bis sie schließlich an den Falschen geraten. Und dann kann es unter Umständen keine Zeit für Reue mehr geben. Nirbach hatte nichts mehr zu bereuen. Aber seine Frau und dieser Lakai Klötsch. Für die beiden hielt er noch einige Überraschungen bereit.
Langsam fuhr er mit dem Wagen vom Parkplatz in Richtung Aichen. Das Dorf bestand höchstens aus zehn, fünfzehn Häusern und war tausendmal verschlafener als Loch. Die Wahr-scheinlichkeit, hier gesehen zu werden, war gering. Unten bog er auf der Schnellstraße rechts ab. Beim Gasthof »Vier Winden« fuhr er links Richtung Neukirchen und Rheinbach.
Kriminalhauptkommissar Manfred Beltel kommt auf den Hund
Es war wirklich verflixt. Gestern hatte man Manfred Beltel diesen kleinen Köter untergeschoben. Heute war er von der Arbeit nach Hause gekommen und hatte sein Plumeau zerbissen und die Treppe mit Federn übersät vorgefunden. Nun hatte er dem kleinen Biest den Gefallen getan und war mit ihm spazieren gegangen. Kaum war er unterwegs, klingelte sein Handy. Die Dienststelle. Er solle sofort in ein Waldgebiet nahe der Madbachtalsperre kommen. Ein Umweg nach Hause, um die Töle loszuwerden, kostete Zeit. Das Biest musste mit, aber scheinbar waren Autos nicht seine Sache. Auch nicht, wenn es sich dabei um einen wunderschönen Oldtimer handelte, wie den 501 BMW Baujahr 1956. Beltel hatte den Wagen vor drei Jahren von einem Onkel geerbt und restaurieren lassen.
Er liebte das Auto in erster Linie aufgrund von Erinnerungen. Als Dreikäsehoch hatte er auf dem Beifahrersitz neben seinem Onkel kaum über die Windschutzscheibe hinausgucken können. Auf herrlichen Spritztouren hatte er in dem Auto die Welt im Umkreis von bis zu fünfzig Kilometern entdeckt.
Es widerstrebte ihm von ganzem Herzen, den Hund in den Wagen und auf die Polster zu lassen, aber leider ging es nicht anders.
Beltel gab den Versuch sofort auf, den Stinker in den Wagen zu hieven. Der Dackel – oder was für eine Rasse war es eigentlich? – hatte sofort gefährlich geknurrt, als Beltel sich nur zu ihm hinuntergebeugt hatte. Außer Dackel wusste Beltel wirklich nicht, was für eine weitere sture Promenadenmischung da noch seine Gene hinterlassen haben könnte.
Mist, es eilte doch! Trick siebzehn half. Ein Leckerli als Vorspeise, ein weiteres auf den Rücksitz. Der Hund war drin. Aber noch mehr Leckerlis halfen nicht, das Bellen abzustellen. So klein wie er war, so frech und so laut gebärdete er sich. Beltel musste das Viech unbedingt wieder loswerden und zwar schon morgen!
Er stellte das Auto auf dem Waldparkplatz oberhalb der Madbachtalsperre ab. Einige Abendschwimmer hatten ihre Fahrzeuge ebenfalls dort geparkt. Der Sommer hatte gerade erst angefangen und wirklich warm konnte das Wasser noch nicht sein. In jungen Jahren war er selbst sogar schon im Frühling in einen der Seen gesprungen und hatte es von allen seinen Freunden immer am längsten im Wasser ausgehalten. Er konnte Plantschen und Kindergeschrei hören. Das Kläffen des zurückgelassenen Hundes begleitete ihn weit auf dem Waldweg. Dann vernahm er die Stimmen der Kollegen und nach circa hundert Metern, zwischen den Bäumen, sah er sie auf einer Lichtung. Der Köter klang nun, Gott sei Dank, weit entfernt. Kriminalhauptkommissar Hans Funk kam ihm entgegen. Er sah mitgenommen aus.
»Verdammte Sauerei, Manfred«, sagte Funk und wies auf einen jungen Beamten in Uniform. »Der Kollege aus Euskirchen hat kotzen müssen.«
Der junge Mann war leichenblass, aber Funk sah ebenfalls danach aus, als könne sich sein Magen bald umdrehen. Beltel ahnte, was ihn erwarten würde. Die Spurensicherung war noch nicht abgeschlossen.
Langsam ging er auf den Körper zu, der wenige Meter vor ihm lag.
Der Kopf des Mannes war halb weggeschossen und das, was von seinem Schädel noch übrig war, bot einen grausigen Blick auf Gehirnreste. Er trug Jägerkleidung. Ein Gewehr war halb unter ihm eingeklemmt.
Die Wiesenblumen und das Gras hinter ihm waren über mehrere Quadratmeter blutrot gesprenkelt, dazwischen klebten verteilt Klümpchen von Hirnresten.
Beltel hatte in den langen Jahren, die er bei der Mordkommission war, schon einiges zu Gesicht bekommen. Trotzdem konnte er sich, genau wie Kollege Funk, eines flauen Gefühls im Magen nicht erwehren. Die von der Spurensicherung waren da schon um einiges hartgesottener. Die haute so schnell nichts um. Da die Sonne schon ziemlich tief stand und nicht mehr viel Licht gab, wurden die ringsum aufgebauten Flutlichter aktiviert. Dem sich bietenden Bild wurden Sequenzen eines Horrorfilms beigemischt: Rotglühendes Sonnenlicht, das durch den Wald bis auf die Lichtung vordrang, dazu das künstliche Scheinwerferlicht, das sich auf das Blut und die grausigen Hirnreste konzentrierte.
Funk war Beltel gefolgt und stand jetzt neben ihm.
»Wer hat ihn gefunden?«, wollte Beltel von seinem Kollegen wissen.
»Ein Mitarbeiter namens Klötsch«, erklärte Funk. »Der Tote heißt Nirbach. Bauunternehmer, oder vielmehr Ex-Bauunternehmer und Jagdpächter. Klötsch ist der Geschäftsführer der Firma, die Nirbachs Frau Viola gehört. Er war heute Morgen mit ihm verabredet, Nirbach ist aber nicht aufgetaucht. Da er auch den ganzen Tag über telefonisch nicht erreichbar war, ist Klötsch am späten Nachmittag bei ihm zuhause vorbei gefahren. Da er wusste, dass Nirbach letzte Nacht jagen wollte, hat er sich dann hier im Waldgebiet umgesehen.«
»Was wissen wir über den Toten?«, erkundigte sich Beltel.
»Ziemlich wohlhabend. Seine Villa ist nicht weit von hier. Seine Frau ist zurzeit im Urlaub. Klötsch wird sie anrufen und ihr mitteilen, was passiert ist. Er hatte leider nicht mehr die Zeit, auf dich zu warten, aber er kommt morgen früh ins Präsidium. Hab ihn für halb neun bestellt. Er hat was von drei Jungs erzählt, mit denen sein Boss vor vier Nächten ein unangenehmes Zusammentreffen hatte. Ich hab ihre Namen notiert. Sie wohnen hier in Loch. Da sollten wir am besten heute Abend noch vorbeischauen.«
»Unangenehmes Zusammentreffen?«, hakte der Kriminalhauptkommissar nach.
»Die Burschen haben sich an Hochständen vergriffen. Jugendlicher Vandalismus. Klötsch wollte nicht so richtig mit der Sprache raus. Er sagte nur, Nirbach hätte sich die Jungs ordentlich vorgeknöpft. Scheinbar hat er sich dabei aber arg gehen lassen. Ich konnte so viel verstehen, dass Nirbach es nicht bei einer kleinen Abreibung belassen hatte. Einer der Jungs hat angeblich gedroht, Nirbach umzubringen«, erklärte Funk.
»Gut, fahren wir gleich mal nach Loch. Ich rede noch kurz mit den Leuten von der Spurensicherung.«
Der Kriminalhauptkommissar erfuhr, dass keine tatrelevanten Spuren gefunden worden waren. Es gab auch keinerlei Kampfspuren und nur Fußabdrücke, die von Nirbach selbst stammten. Auch das Todesgeschoss war noch nicht aufgetaucht. Wahrscheinlich war das Projektil genau unter dem Toten tief in den Boden eingedrungen. Im Falle eines Querschlägers oder mehrerer abgegebener Schüsse würde man die Erde in einem großen Umkreis sieben müssen. Aber dass Nirbach aus einiger Entfernung mit einem Präzisionsgewehr erschossen worden war, stand fest.
Auf dem Rückweg zum Auto war Beltels Kopf voller dunkler Gedanken. Funk redete, aber der Hauptkommissar hörte nur mit einem Ohr hin.
»Sieht so aus, als hätten diese Jungs dem Jagdpächter einen Grund zum Hass geliefert«, sagte Funk. »Wenn du mich fragst, ich glaube, da wollte sich jemand rächen.«
Beltel wusste, dass man mit voreiligen Schlüssen vorsichtig sein musste. Dieser Job im Wald sah nicht nach der Tat von ein paar Jungs aus. Vielmehr schien dies das Werk eines Profis zu sein. Sein Gefühl sagte ihm, dass die Lösung nicht einfach sein würde.
Dann spukte da auch plötzlich wieder das Problem mit dem Hund in seinem Kopf herum. Diese kleine Plage brachte sein Leben vollkommen durcheinander.
Im Moment hatte er sich offenbar beruhigt. Kein Kläffen war zu hören. Aber so wenig Beltel das Tier kannte, so sicher war er, dass das Kerlchen gleich wieder nerven würde.
»Kennst du dich mit Hunden aus?«, wandte er sich an Funk, der neben ihm ging.
»Mit Hunden? Wieso?«
»Seit gestern Abend habe ich einen. Vollkommen unfreiwillig. Der Nachbar meiner Haushälterin hat ihn mir gebracht. Sie musste plötzlich ins Krankenhaus und der Nachbar kann sich nicht um das Tier kümmern, da er allergisch gegen Hundehaare ist.« Beltel erwähnte nicht, dass seine Haushälterin zur Alkoholentgiftung in die Ehrenwallsche Klinik nach Ahrweiler eingeliefert worden war. Er war selbst total überrascht gewesen, als er davon erfuhr. Karin Münch hatte ihre Arbeit immer sehr gut erledigt. Sie war sauber und zuverlässig. Beltel hätte bei ihr nie ein Suchtproblem vermutet, aber seit sie geschieden war, hatte sie anscheinend ihre Probleme mit Alkohol zu lösen versucht und dies vor ihrer Umwelt längere Zeit verborgen.
Beltel mochte die Frau, sie hatte ihre Arbeit immer gut gemacht, aber die Sache mit dem Hund war zu viel. Er musste das Tier in eine Tierpension geben. Nur wie sollte er auf die Schnelle eine geeignete finden? Dieser Fall mit dem toten Jagdpächter würde ihn vollkommen in Anspruch nehmen. Da konnte er nicht mit einem Dackel in der Gegend herumfahren und Hundepensionen abklappern.
Funk grinste. »Du bist also auf den Hund gekommen?« Etwas ernster fügte er hinzu: »Meine Eltern hatten mal einen Hund. Ich bevorzuge aber Katzen. Marga und ich haben eine. Molly, ein Schmusetier.«
»Das heißt, du kannst mir also auch nicht weiter helfen?«
»Du dachtest, ich hätte mich um den Hund kümmern können?«
»Hätte ja sein können. Aber ich versteh schon. Du hast ’ne Katze und ich nehme an, Marga …«
»Richtig, Marga wäre da garantiert nicht mit einverstanden.«
Beltel hatte es schon geahnt. Terror Dog, weiß Gott, welche Rasse, erwachte sofort, als sie auf den Parkplatz traten und ließ seinen Aggressionen freien Lauf. Funk grinste und Beltel schüttelte verdrossen den Kopf.
Die netten Kollegen
Irgendein Witzbold hatte Beltel das Kalenderblatt vom Mai auf den Tisch gelegt, auf dem ein Dackelwelpe mit großen Augen aus dem Körbchen lugte. Solche Albernheiten waren Standard in seiner Abteilung. Aber nicht nur dort wurde ihm blöd und albern mitgespielt. Sondern auch in seiner Verwandtschaft. Seine Nichte Susanne, die in Bonn studierte, hatte ihn ohne sein Wissen bei einer Internet-Single-Börse angemeldet.
Susanne, die Tochter seiner Schwester, war sein Liebchen. Zwar total schräg, schrill und verzogen, aber tiefsinnig, intelligent und mitfühlend, wenn es drauf ankam. Insofern war er gern der Ansprechpartner, wenn es um Probleme der jungen, selbstbewussten Studentin ging. Meistens waren es wohlhabende Liebhaber, mit denen regelmäßig Beziehungsstress auftauchte, über den sie offen und ausführlich mit ihm, dem eingefleischten Junggesellen, sprach. Mitfühlend, wie sie sein konnte, schien sie es für nicht glaubhaft zu halten, dass er mit seinem Junggesellendasein zufrieden sein könnte. So hatte sie ihm eine Internet-Annonce als Partnersuchender Single eingebrockt. Dummerweise hatte er auf der Arbeit davon erzählt und einige der »netten« Kollegen hatten sofort komplottartig etwas ausgeheckt. Sie hatten ein zu ihm passendes weibliches Profil erfunden, sich ebenfalls in der Internet-Partnerbörse angemeldet und ihn mit charmanten E-Mails aus der Reserve gelockt.
Aus Spaß hatte er sich tatsächlich dazu verleiten lassen, der Anfrage einer vermeintlichen Dame, die so kultiviert und intelligent schreiben konnte, zu antworten. Von Anfang an hatte er aber durchblicken lassen, dass er keinesfalls an einer Partnerschaft interessiert sei, aber er könne sich so etwas wie eine E-Mail-Freundschaft vorstellen. Es war zu dem Austausch einiger Mails gekommen, im Laufe derer die vermeintliche Dame langsam dann doch irgendwie zu aufdringlich wurde und er an dem Punkt angelangt war, nicht mehr zu antworten. Hinterher stellte sich heraus, dass seine lieben Kollegen regelmäßig die Köpfe zusammengesteckt hatten, um diese Mails zu verfassen.
Zwar hatten sie den Scherz nicht auf die Spitze getrieben und sich davor gehütet, eine dieser Mails auszudrucken und irgendwo auf der Etage an ein schwarzes Brett zu hängen, aber das Getuschel und Gekicher in den Büros hatte sie entlarvt.
Er hatte einige Tage gebraucht, um dem Kollegenkreis den dämlichen Scherz zu verzeihen. Auch mit Susanne, die ihm diese Geschichte eingebrockt hatte und der er bis dahin noch nie etwas übel genommen hatte, hatte er eine ganze Woche nicht reden wollen. Aber da er gerade Susanne nicht lange böse sein konnte, hatte er hinterher sogar ein wenig darüber lachen können.
Nun ergötzten sich die Dämel an seiner Hundemisere, aber ihm war wieder nicht nach Witzen zumute. Letzte Nacht hatte der Hund ihn zwar schlafen lassen, und heute hatte er alle Decken, Kissen und was sonst noch den Zähnen des Biests anheimfallen könnte, in einem Schrank in Sicherheit gebracht, aber die Befürchtung, wieder eine böse Überraschung zu erleben, sobald er nach Hause käme, ließ ihn nicht los.
Anfangs hatte er versucht, Susanne anzurufen, in der Hoffnung, dass sie das Tier vielleicht zu sich nehmen könnte, aber nur ihren Anrufbeantworter erreicht. Dann hatte er mit dem Nachbarn seiner Haushälterin telefoniert und ihn gebeten, in Hundepensionen nach einem freien Platz zu fragen.
Der Nachbar informierte ihn über die Hintergründe, die Frau Münch betrafen. Von ihm hatte er erfahren, dass seine Haushälterin mit einer Überdosis Tabletten in ihrer Wohnung aufgefunden worden war. Ein Selbstmordversuch? Beltel hatte es erst nicht glauben wollen. Karin Münch befand sich mittlerweile auf der geschlossenen Abteilung der Dr. von Ehrenwallschen Klinik und war vorerst telefonisch nicht erreichbar. Beiläufig hatte Beltel nach dem Namen des Hundes gefragt. »Butz« klang ja eigentlich niedlich und gestern Abend hatte der Kriminalhauptkommissar auch eine andere Seite des Tieres kennengelernt. Nach einem Spaziergang hatte der Dackel im Wohnzimmer auf dem Sessel gelegen und ihn beim Grübeln beobachtet. Beltel sah es überhaupt nicht gern, dass sich ein Tier auf seinem bequemen Sessel breitmachte, dies hatte ihn geärgert. Er hatte erst gar nicht versucht, den Hund dort runterzujagen, weil er ahnte, dass er nicht nur niedlich, sondern eigensinnig und vielleicht auch bösartig sein konnte, wenn man ihm nicht seinen Willen ließ.
Seiner Gewohnheit, in einem Buch abendliche Entspannung zu finden, war er nicht nachgegangen. Noch hatte er, wie sonst, Musik aufgelegt und etwas Jazz gelauscht. Zu dieser Entspannung gehörte das Alleinsein, und da war dieses beobachtende Wesen in seinem Sessel, das den gewohnten Rhythmus total störte. Als er auch noch ein überlegenes Grinsen in dem Hunde-mischlingsgesicht zu entdecken glaubte, hatte er kapituliert und sich entschieden, sofort ins Bett zu gehen.
Er warf das Kalenderblatt in das Altpapier. Dann entdeckte er das Fax, das halb unter dem Dackelbild gelegen hatte.
Die Anfrage bezüglich Nirbachs und Klötschs etwaigen Vorstrafen war eingetroffen. Nirbach hatte in Köln einen Saunaclub betrieben. Eine Anzeige wegen Förderung der Prostitution hatte ihm eine Geldstrafe eingebracht und eine Betrugsgeschichte hatte zu einer Bewährungsstrafe geführt.
Klötsch hatte noch Besseres zu bieten. Schwere Körperverletzung, Förderung der Prostitution und Einbrüche waren mit einigen Jahren hinter Gittern geahndet worden. Seit den letzten vierzehn Jahren jedoch gab es keinen Eintrag mehr in der Strafregisterkartei.
Der Kriminalhauptkommissar hatte auch die Jugendlichen überprüfen lassen. Frank Bach und Markus Fromm waren noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, Ralf Schmitter dagegen hatte schon einiges auf dem Kerbholz. Wiederholte Körperverletzung und mehrfacher schwerer Diebstahl waren im Strafregister des Jungen vermerkt. Er hatte jede Menge Sozialstunden leisten müssen und er hatte auch schon den Jugendknast kennengelernt. Zurzeit gab es noch eine offene Bewährung, die er sich eingehandelt hatte, weil er einem Erzieher des Heims, in dem er noch vor einem Jahr gewohnt hatte, eine Cola-Flasche über den Kopf geschlagen hatte. Ralf Schmitter war offensichtlich ein schlimmes Früchtchen. Gestern Abend hatten Beltel und Funk noch mit Frank Bach und Markus Fromm geredet. Schmitter hatten sie nicht angetroffen.
Beltel sah auf die Uhr. Es war neun und Klötsch war noch nicht erschienen. Er wählte Funks Nummer.
»Was ist mit unserem Besuch, hat er sich vielleicht bei dir gemeldet?« Auch Funk hatte nichts gehört.
»Wer hat das Kalenderblatt auf meinen Tisch gelegt, Hans?«, fuhr der Hauptkommissar ärgerlich fort.
Funk erklärte, nichts von einem Kalenderblatt zu wissen.
»Okay«, sagte Beltel, wohl wissend, dass Funk flunkerte, »aber ich finde die Geschichte wirklich nicht lustig. Das Fax aus dem Vorstrafenregister ist mir erst gar nicht aufgefallen, und da geht es mir nah, wie ernst hier die Arbeit genommen wird.«
Natürlich wurden auch in der Mordkommission trotz der Ernsthaftigkeit der Fälle oft Späße getrieben und gelacht. Das gehörte einfach dazu. Eine ständige dunkle, ernste Stimmung trug nicht viel zu klaren Gedanken bei. Aber Beltel war von dem Problem mit dem Köter genervt und er hatte sich Luft machen müssen. Augenblicke später tat ihm seine Verärgerung schon wieder leid. »Schon gut, Hans, aber mir ist wirklich nicht nach Lachen zumute. Ich komme mit einer Menge klar, aber so was …«
Herrmann Klötsch
Klötsch kam um viertel nach neun ins Präsidium. Kein Wort der Entschuldigung für das verspätete Auftauchen. Er sah in keiner Weise vom Tod Nirbachs betroffen aus. Protziges Selbstbewusstsein ausstrahlend, nahm er Beltel gegenüber Platz.
Die tiefe Sonnenbräune konnte Anfang Juni nicht echt sein und Beltel vermutete, dass Klötsch Stammkunde im Sonnenstudio war. Das Goldkettchen, die teure Breitling-Uhr, das offen getragene weiße Hemd, die kurz geschorenen schwarzen Haare, die Rasierwasserwolke und Klötschs Figur, die garantiert durch Eisenstemmen im Fitnessstudio entstanden war, ließen ihn eher wie einen Zuhälter als einen Bauleiter aussehen. Vielleicht war er ja auch noch in beiden Bereichen tätig.
Beltel erkundigte sich nach Nirbachs Frau und erfuhr, dass sie den Urlaub in Spanien abbrechen würde. Sie musste nur einen Flug finden und das würde jetzt in der Urlaubssaison nicht einfach.
Im Gegensatz zu seinem äußeren Erscheinungsbild konnte Klötsch sich gewählt ausdrücken. Das hatte er sich sicherlich in der Geschäftswelt aneignen müssen. Und er schien zu wissen, was er der Polizei zu erzählen hatte und was nicht.
Beltel ließ sich schildern, was sich zwischen Klötsch und Nirbach und den Jugendlichen abgespielt hatte. Hatte Klötsch gestern Funk gegenüber noch angedeutet, dass Nirbach vielleicht ein bisschen übertrieben hatte, so war er heute viel vorsichtiger. Seine Aussage stand im Gegensatz zu dem, was Beltel gestern Abend von den Jugendlichen erfahren hatte. Den Jugendlichen zufolge – sie waren fünfzehn und sechzehn Jahre alt – hatte Nirbach sich an ihnen wie ein Berserker ausgetobt. Die beiden Jungs hatten sogar gestern noch Blessuren im Gesicht gehabt. Aber den fünfzehnjährigen Ralf Schmitter, den Beltel und Funk nicht angetroffen hatten, hatte es nach Aussage seiner beiden Freunde noch übler erwischt. Nirbach hatte ihm die Nase angebrochen und einen Zahn locker geschlagen. Beltel spürte Wut in sich hoch steigen, weil er Klötschs Verharmlosung zuhören musste. Als kleine Abreibung bezeichnete der Mann vor ihm das, was den Jungs widerfahren war.
Beltel wollte nicht länger drumherum reden. »Wie groß sind Sie und wie viel wiegen Sie?«
Klötsch grinste unverschämt. »Wenn Sie mir erklären, was die Frage soll, werde ich sie gerne beantworten.«
»Nun, ich schätze Sie auf über eins neunzig und wahrscheinlich an die hundertzehn Kilo schwer?«
»Ja und?« Klötsch blieb weiter vollkommen gelassen.
»Ihr Chef war nicht viel kleiner und ein Leichtgewicht war er auch nicht gerade. So wie Sie hier erzählen, hört es sich an, als hätten die Jungs ein paar Ohrfeigen bekommen. Die Teenager haben mir etwas ganz anderes erzählt. Nirbach hat mit voller Wucht und mit der Faust zugeschlagen und Sie haben sich auch nicht zurück gehalten«, erwiderte der Hauptkommissar.
»Die Bürschchen sind frech geworden und wollten Streit. Sie haben Karl zuerst angegriffen. Da hat er sich einfach gewehrt und ich habe ihm beigestanden«, verteidigte sich Klötsch ohne einen Anflug von Schuldgefühl.
»Herr Klötsch, ich werde den Eltern raten, Anzeige zu erstatten. Da steht die Aussage der drei gegen Ihre und da ich die Burschen gesehen habe, glaube ich kaum, dass die es gewagt hätten, jemanden wie Herrn Nirbach oder Sie anzugreifen. Ein Richter wird da sicher ähnlich denken. Ganz klar war die Verwüstung der Hochstände eine Straftat, aber für so was sind wir zuständig und die Zeiten der Selbstjustiz sind zum Glück lange vorbei.«
»Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Aber es geht hier um einen Mord und nicht um ’ne kleine Abreibung. Eins von den kleinen Arschlöchern hat geschrien, er würde Nirbach umlegen. Ich dachte, deshalb soll ich meine Aussage machen? Ich bin sicher, diese Drecksäcke stecken hinter Nirbachs Tod. Das aufzuklären, sind Sie in der Tat zuständig.« Er stand auf. »Kann ich jetzt gehen, ich hab noch zu arbeiten?« Klötsch klang nun nicht mehr wie ein seriöser Geschäftsmann, sondern eher wie ein Zuhälter.
Beltel war von der arroganten, herablassenden Art des Mannes aufgewühlt. Aber er war Profi genug, ruhig zu bleiben. »Einen Moment noch bitte, Herr Klötsch. Ihr Boss ist mit einem Präzisionsgewehr erschossen worden. Das sieht mir nicht nach jugendlichen Tätern aus. Könnte es vielleicht sein, dass Sie uns absichtlich auf eine falsche Spur führen möchten? Gab es eventuell noch irgendwelche alte oder neue Konflikte im Rotlichtmilieu, die zum Tod Nirbachs geführt haben könnten?«
Klötsch lächelte ungerührt. »Rotlichtmilieu? Herr Nirbach war bis vor einiger Zeit im Baugeschäft tätig. Er hat für einflussreiche Leute gearbeitet. Zu irgendeinem Rotlichtmilieu hatte er garantiert keine Kontakte. Herr Kommissar, ich habe noch einen wichtigen Termin. Bitte tun Sie Ihre Arbeit und lassen Sie diese falschen Verdächtigungen.«
Ohne abzuwarten erhob sich der Hüne, nickte Beltel noch einmal arrogant lächelnd zu und verließ das Büro.
»Kotzbrocken«, dachte Beltel, dann begab er sich rüber zu Funks Büro.
Naturkindergarten
Hans Funk wartete mit einer Neuigkeit auf. Ralf Schmitter war von seiner Pflegemutter bei der Polizei als vermisst gemeldet. Er war letzte Nacht nicht nach Hause gekommen. Die Kollegen aus Rheinbach und Euskirchen suchten bereits nach ihm.
Der Junge lebte seit einem Jahr bei dem Erzieherehepaar Gaby und Wolfgang Dederichs in Loch bei Rheinbach. Von seinem neunten bis zum vierzehnten Lebensjahr war er in einem Heim in Köln untergebracht gewesen. Wahrscheinlich hatten seine beiden Freunde ihm gestern Abend erzählt, dass die Polizei mit ihm sprechen wollte und nun war er untergetaucht. Aufgrund eines Motivs und der Vergangenheit des Jungen war es erforderlich, ihn unter die Lupe zu nehmen. Sein Verschwinden machte ihn nicht gerade unverdächtig.
Gaby Dederichs war halbtags im Naturkindergarten angestellt. Auf der Fahrt dorthin hatte Beltel mit einem Beamten aus Rheinbach telefoniert und erfahren, dass Ralf Schmitters Freundin Jessica Carlius ebenfalls von ihren Eltern als vermisst gemeldet worden war. Das Mädchen wohnte in Merzbach, nur wenige Kilometer von Rheinbach entfernt.
Den Eltern war erst am Morgen aufgefallen, dass ihre Tochter in der Nacht nicht zuhause war. Offensichtlich waren die beiden Teenager zusammen ausgerissen.
Die Rheinbacher Kollegen erklärten, dass sie die Mitschüler von Ralf und Jessica in der Schule aufsuchen und befragen würden.
Funk parkte auf dem Weg, der zum Naturkindergarten führte. »Ich frage jetzt echt nur aus Neugier: Konntest du eine Lösung wegen der unfreiwilligen Hundepatenschaft finden?«, erkundigte sich Funk, während sie in Richtung Naturkindergarten schritten.
Beltel wollte eigentlich überhaupt nicht daran erinnert werden. »Der Nachbar meiner Haushälterin will sich nach einer geeigneten Hundepension erkundigen«, brummte er. »Aber aufgrund seiner Allergie kann er den Hund dort nicht hinbringen und seine Frau hat keinen Führerschein. Das muss ich dann nach Feierabend machen, und du weißt selbst, wie lange momentan unsere Arbeitstage sind. Na ja, vielleicht kann ich Butz heute Abend schon loswerden. Dann werde ich erst mal tief durchatmen. Zum Glück konnte ich der Nachbarin meinen Hausschlüssel dalassen, so dass sie den Hund ein paar Mal am Tag zum pinkeln nach draußen führt. Das Kerlchen würde mir sonst noch den Teppich einsauen.«
Funk legte eine Hand auf seinen Bauch. »Also, wenn es nach mir ginge, würde ich dir ja helfen. Ich würde mir am liebsten sowieso einen Hund anschaffen. Viel spazieren gehen wäre nicht schlecht. Allein schon wegen meinen Kilos. Aber Marga mag nur Katzen und da zieh ich den Kürzeren.«
Beltel nickte kurz, ohne auf Funks Bauch zu schauen. »Hast in der Tat letzte Zeit einiges zugelegt.«
»Meine Frau hat so eine Scherzkarte an den Kühlschrank gepinnt: ›Alles schläft, einer frisst‹. Das passt leider wirklich. Nachts überkommt mich furchtbarer Heißhunger. Da kann ich gar nicht anders. Meistens spachtele ich drei Joghurts nacheinander rein. Und was es da für Sorten gibt. Im Moment steh ich total auf weiße Schokolade.«
»Ja, dann mach mal weiter so«, sagte Beltel schadenfroh lächelnd.
»Dann hab ich nachts sogar Ideen für weitere exotische Joghurt-Geschmacksrichtungen. Die vergesse ich dann wieder, weil ich schnell wieder einschlafe.«
»Schreib sie mal auf und dann schickst du sie an einen Joghurthersteller. Vielleicht kriegst du sogar Geld für die Erfindung einer neuen Joghurtkreation«, schlug Beltel scherzhaft vor.
»Habe ich auch schon dran gedacht«, nickte Funk und merkte gar nicht, dass sein Kollege ihn auf die Schippe nahm.
Nach wenigen Schritten standen sie vor dem Grundstück, auf dem sich die herrlich ausgebauten Bauwagen befanden, die den Kindern bei Regenwetter, anstatt eines Steinhauses, zur Verfügung standen. Beltel war froh, dass die Joghurtschwärmerei ein Ende gefunden hatte.
Letzte Nacht hatte es geregnet, und die Wiese des abgezäunten Grundstücks war nass. Fast zehn Kinder liefen in Gummistiefeln herum. Einige hatten Matschflecken an den Knien der Jeans und auch die T-Shirts und Hemdchen strahlten nicht gerade vor Sauberkeit.
Zwei Kleine saßen in einem Holzanhänger und ein Junge, der sicher nicht älter als vier war, versuchte den Wagen zu ziehen. Verzweifelt rief er nach Verstärkung, aber die anderen waren so beschäftigt, dass sie seiner Bitte nicht nachkamen. Der Junge gab auf, versetzte dem Holzkarren einen Tritt und blieb mit verschränkten Armen und Schmollmund stehen.
Beltel fühlte sich an seine eigene Kindheit erinnert. Obwohl er nie einen Kindergarten kennengelernt hatte. Er hatte sich auf dem Bauernhof seiner Eltern ausgetobt und ständig so ausgesehen wie diese Kids. Scheinbar gab es kein Plastik- und Lego-Spielzeug. Hier galt es, Pflanzen und Tiere zu erkunden. Beltel sah den angelegten kleinen Teich und hörte das Quaken der Frösche.
Für ihn waren seine ersten naturverbundenen Jahre die glücklichsten seines Lebens gewesen. Es gefiel ihm, dass es Kindergärten gab, die das »Zurück zur Natur« mit den Kleinen praktizierten.
Zwei Erwachsene standen vor einem großen braunen Bauwagen, der eher einem wunderschönen Zirkuswagen glich, und unterhielten sich. Nicht nur von außen war der Wagen mit dichten Pflanzen bewachsen. Durch die Fenster konnte man auch im Inneren Grünzeug erkennen, das die Funktion von Gardinen eingenommen hatte.
Die Frau sah Beltel und Funk kommen und ging ihnen entgegen.
»Sind Sie von der Polizei? Gaby Dederichs.« Sie reichte den Polizisten die Hand. Beltel und Funk stellten sich ebenfalls vor.
»Mordkommission?«, fragte sie ungläubig, ihr war die Farbe aus dem Gesicht gewichen. »Ralf ist doch nichts …?«
Beltel unterbrach sie. »Nein, Ihrem Pflegesohn ist nichts passiert. Aber vorletzte Nacht ist ein Mann namens Nirbach in einem Waldgebiet ganz in der Nähe von Ihrem Wohnort erschossen worden, und in dieser Angelegenheit würden wir gerne mit Ralf sprechen.«
»Aber Sie wissen sicher, dass Ralf letzte Nacht nicht nach Hause gekommen ist?« Gaby Dederichs konnte den sorgenvollen Ton in ihrer Stimme nicht verbergen.
»Das wissen wir. Seine Freundin Jessica Carlius ist letzte Nacht auch nicht zu Hause gewesen. Es sieht so aus, dass die beiden zusammen abgehauen sind. Haben Sie eine Ahnung, wo sie stecken könnten?«, fragte Funk.
»Eigentlich wollte ich mir heute hier frei nehmen. Leider sind aber zwei Kolleginnen krank und es ging nicht. Na ja, ich hätte sowieso nicht gewusst, wo ich nach Ralf suchen sollte.«
Eines der Kinder fiel hin und Gaby Dederichs musste die Unterredung kurz unterbrechen. Ihr Kollege eilte herbei und nahm ihr die Aufgabe ab, sich um den kleinen Jungen zu kümmern. Das Kind hatte zu weinen begonnen, weil es nass geworden war. Der Erzieherkollege verschwand mit dem Jungen im Bauwagen und Gaby Dederichs wandte sich wieder an die Polizisten. »Wissen Sie, Ralf war sehr schwierig. Die ersten Monate mit ihm beanspruchten die Kräfte meines Mannes und mir dermaßen, dass wir schon aufgeben wollten. Aber nach und nach ging es besser. Teilweise hat er etwas Vertrauen zu uns aufbauen können. Nur was er mit seinen Freunden so treibe, ginge uns nichts an und erst recht nichts, was seine Freundin betraf. Darüber wollte er nicht mit uns reden. Wahrscheinlich haben die meisten Teenies in der Pubertät keine Lust, mit den Eltern über ihre Privatsphäre zu sprechen. Wo die beiden sich getroffen haben, was sie zusammen unternommen haben, weiß ich leider nicht.«
»Frau Dederichs, Ralf hat keine einfache Geschichte. Einiges ist uns bekannt. Auch, dass er bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, unter anderem wegen Gewaltdelikten. War Ihr Pflegesohn immer noch bereit, Gewalt anzuwenden?«, wollte Beltel wissen.
Gaby Dederichs seufzte. »Die Erzieher im Heim sind überhaupt nicht mehr mit ihm klargekommen. Dort hätte wahrscheinlich bald wieder die Jugendstrafanstalt angestanden und wie gesagt, waren auch mein Mann und ich anfangs total überfordert. In den ersten Monaten wollte ich so wenig wie möglich mit dem Jungen alleine bleiben. Von mir hat er sich überhaupt nichts sagen lassen. Das war schon frustrierend. Wenn Sie definitiv nach Gewalt fragen, dann muss ich sagen, dass ich anfangs auch Angst vor ihm hatte. Ralf war sicher ein ganz schwieriges Kind, aber es hat eine – für seine Maßstäbe – enorme Entwicklung stattgefunden. Mein Mann und ich haben da echt was hingekriegt. Aber sicherlich lag es auch an diesem Medikament. Ich war eigentlich dagegen, dass Kinder so ein Zeug nehmen. Dennoch gab ich nach, denn die Ärzte hatten bei Ralf dieses so genannte ADHS diagnostiziert und ihm Ritalin verschrieben. Wie gesagt, hat mir das anfangs gar nicht gefallen, dann aber sah ich ein, dass etwas geschehen musste. Und ja, dieses Medikament hat wirklich eine extreme Änderung herbeigeführt.«
Funks Gesicht war ein einziges Fragezeichen. »ADHS?«, hakte er nach.
»Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. So genannte Hyperaktivität. Kinder, die extrem den Unterricht stören und durch Ritalin dann viel ruhiger werden«, erklärte Beltel.
»Stimmt«, fuhr Gaby Dederichs fort. »Aber die Ursachen für diese Diagnose sind seelischer Art. Das Medikament hilft den Kindern, besser in ihrer Umwelt zu funktionieren. In ihrer Seele sind sie aber trotzdem weiter leidende Wesen. Sie müssen wissen, dass Ralf von seinem leiblichen alkoholkranken Vater sehr viel Prügel einstecken musste. Im Heim hat er im Prinzip auch einiges über Faustrecht kennengelernt. Sich nichts gefallen lassen und zuschlagen, bevor der andere zuschlägt, das war lange sein Motto. Aber nach einiger Zeit bei uns ist er wieder in die Schule gegangen, und die Lehrer haben uns nicht einmal wegen einer Prügelei oder Ähnlichem kontaktiert.«
»Wussten Sie, dass Ralf von dem Ermordeten dabei erwischt worden ist, dass er Jäger-Hochstände verwüstet hat und deshalb von ihm zusammengeschlagen wurde?«, erkundigte sich Funk.
Die Erzieherin war betroffen. »Ich habe seine Nase und die geschwollene Lippe gesehen und sein blutiges Sweatshirt in der Wäsche gefunden. Er hat mir gesagt, er sei hingefallen. Ich habe nicht weiter nachgehakt. Sicher war ich besorgt und hatte die Befürchtung, dass da was anderes vorgefallen ist. Aber ich wusste, dass Ralf nichts weiter dazu sagen würde.«
Der Erzieher kam mit dem kleinen Jungen wieder aus dem Bauwagen. Das Kerlchen hatte frische Sachen an und rannte sofort wieder freudestrahlend zu seinen Spielkameraden. Beltel ahnte, dass auch die frische Kleidung nicht lange trocken bleiben würde und lächelte in sich hinein. Dann kam er zu der Frage, die ihm am Herzen lag: »Frau Dederichs, könnten Sie sich vorstellen, dass Ralf für die Prügel, die er bezogen hat, Rache genommen haben könnte?«
Die Frau zögerte kurz. Dann klang ihre Antwort umso entschlossener. »Herr Beltel, Ralf ließ sich nichts gefallen, und er reagierte auf Gewalt mit Gegengewalt. Aber kaltblütig jemanden ermorden? Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Er konnte in enorme Wut geraten. Insofern wäre es möglich, dass er im Affekt reagiert hätte. Dennoch traue ich es ihm nicht zu, einen Racheakt über Tage zu planen und dann mit einem Mord in die Tat umzusetzen.«
»Aber was glauben Sie, weshalb Ralf nun abgehauen ist?«
»Wie Sie wissen, hat Ralf in der Vergangenheit schon Be-kanntschaft mit der Polizei gemacht, und er hatte noch dieses Misstrauen, dass man ihm immer nur was anhaben wollte. Wahrscheinlich hat er erfahren, dass Sie nach ihm gefragt haben. Ich kann mir denken, dass er Panik bekommen hat, weil Sie ihm sowieso nicht glauben würden und dann seine Bewährung futsch wäre.«
»Hat Ihr Mann Waffen im Haus? Oder wissen Sie von Nachbarn, bei denen Ralf ein Gewehr geklaut haben könnte? Hatte Ralf sonst irgendwie Kontakt zu Waffen, war er vielleicht in einem Schützenverein?«
Die Erzieherin schüttelte vehement den Kopf. »Mein Mann hasste Waffen und in unserer Nachbarschaft ist mir niemand bekannt, der ein Gewehr besitzt. Und zu Ihrer dritten Frage: Ralf war nicht in einem Schützenverein, und ich kann mir nicht denken, dass er jemals mit einem Gewehr geschossen hat.«
Beltel nickte und lächelte freundlich. »Wir danken Ihnen für Ihre ehrliche Auskunft, Frau Dederichs. Sie wissen sicher, dass Sie einen weiteren Mann namens Klötsch, der Nirbach geholfen hat, Ralf zusammenzuschlagen, anzeigen können? Ich an Ihrer Stelle würde dies tun.«
»Eine Anzeige ist erst mal nicht das Wichtigste. Die können wir in die Wege leiten, sobald Ralf wieder da ist. Ich hoffe nur, dass ihm nichts passiert ist.« Die Erzieherin begleitete die beiden Polizisten zum Ausgang des Kindergartengeländes. Beltel und Funk verabschiedeten sich und begaben sich in die Richtung ihres Wagens.
Der Poet
Er war schon lange nicht mehr in so einem Waldgebiet gelaufen. Er hatte nicht vor, sich noch einmal richtig in Form zu bringen. Diese Art von Ehrgeiz wäre sinnlos. Es ging nur um dieses herrliche Gefühl der Freiheit beim Laufen, das er lange vermisst hatte. Die frische Luft, fernab von Verkehrsstraßen. Die Ruhe des Waldes und die Erinnerung an den militärischen Drill, der ihm vor langer Zeit so viel gegeben hatte. Außerdem hatte er vor diesem kleinen Lauf die Aufgabe eines Boten erfüllt. Eine Nachricht hinterlassen. Verschlüsselt, aber klar genug, um ein wenig Licht in eine Angelegenheit zu bringen, die ihm seit Langem am Herzen lag. Er grüßte die beiden Männer, von denen er wusste, dass sie Polizisten waren und er war sicher, dass sie seine verschlüsselte Nachricht als richtige Spur deuten würden. Etwas schneller trabte er in die Frische des Waldes.
Außerhalb einer größeren Stadt wie Bonn sind die Menschen in der Regel freundlicher, dachte Beltel mit einem Blick auf den Sportler. Deshalb lebte er auch in Altenahr. Dort waren sogar die großstädtischen Kegelclubtouristen freundlich, besonders, wenn sie besoffen und ausgelassen waren.
Noch wenige Meter vom Auto entfernt, glaubte Beltel an ein Knöllchen. Aber beim Näherkommen sah der Zettel unter der Windschutzscheibe nicht nach etwas Amtlichem aus. Funk hatte ihn zuerst in der Hand. Er entfaltete das Blatt vor den Augen seines Vorgesetzten und las laut:
Der Jäger jagte nicht nur das Tier
Auch Frauen gehörten in sein Revier
Da war ein schönes Mädchen aus Polen
Dem hat er die Unschuld gestohlen
Das arme Mädchen wurde schwanger
Der Jäger wollte nicht an den Pranger
Ivonna Martiniak pflückte Erdbeeren in Loch
Wahrscheinlich tut sie das immer noch
Funk sah Beltel fragend an. »Was für ein Poet hat uns denn dieses Gedicht untergejubelt?«
Beltel war überfragt. Reimen konnte die Person, aber als Poet wollte der Kriminalhauptkommissar sie nicht unbedingt betiteln.
»Da will uns offensichtlich jemand etwas über Nirbach mitteilen.«
»Meinst du wirklich?«
»Es scheint mir, dass wir die Zeilen ernst nehmen sollten.«
Funk nahm ein Tütchen aus dem Handschuhfach und steckte den Zettel dort hinein. »Ja und, was nun?«, wollte er wissen.
»Fahren wir nach Loch. Dort arbeiten polnische, rumänische und Menschen anderer osteuropäischer Nationalitäten als Saisonarbeiter. Fragen wir mal nach einer Ivonna Martiniak. Lassen wir die Kollegen weiter nach Ralf Schmitter suchen. Heute Nachmittag können wir noch mal mit seinen beiden Kumpeln reden, aber du glaubst doch auch nicht, dass der Junge dahintersteckt?« Beltel hatte schon die Wagentür geöffnet und stieg ein.
»Warum ist er dann abgehauen? Das sieht doch sehr nach einem schlechten Gewissen aus. Außerdem war er kein pubertierendes Bürschchen mehr, Manfred. Bei so einer Vergangenheit hat eine ganz andere Entwicklung stattgefunden als bei einem Kind aus normalen Verhältnissen. Wie oft ist es in der letzten Zeit vorgekommen, dass Jungen in seinem Alter dutzendweise Mitschüler und Lehrer abgeballert haben?« Funk war ebenfalls eingestiegen. Vor ihnen ging eine Frau mit einem Dackel an der Leine in Richtung Wald.
Beltel musste wegsehen. »Die Kollegen von der Spurensicherung gehen trotz weniger Anhaltspunkte davon aus, dass der Schuss aus etwa zweihundert Metern abgegeben wurde. Das heißt, der Täter muss mindestens hundert Meter von der Lichtung entfernt und dicht von Bäumen umgeben gewesen sein. Nirbach befand sich zwar auf der Lichtung, aber dennoch, da muss man erst mal einen Standpunkt finden, der einigermaßen freie Sicht und Flugbahn erlaubt. Hat man den, muss man die Konzentration eines Schachweltmeisters beibehalten. Ich habe beim Bund nicht viele Scharfschützen kennengelernt, die so etwas hingekriegt haben. Wir kennen zwar den Gewehrtyp noch nicht, aber es handelt sich in jedem Fall um eine Präzisionswaffe. Da kommt man nicht leicht ran. Also erstens traue ich einem fünfzehnjährigen, an der Waffe unausgebildeten Jungen so einen Schuss nicht zu und zweitens glaube ich auch nicht, dass er sich so ein Gewehr besorgt haben könnte.«
»Okay, Manfred, gehen wir diesem mysteriösen Gedicht nach und fahren nach Loch. Dennoch sollten wir keine Scheuklappen anziehen. Auch wenn ich deine Überlegung nachvollziehen kann, unser Hauptaugenmerk sollte trotzdem auf Ralf Schmitter liegen.«
»Früchte des Zorns«
Kurz hinter Rheinbach begannen die Hügel. Willkommen in der Eifel, hieß es hier für die Flachländer. Es war sonderbar. Plötzlich befand man sich in einer vollkommen anderen Landschaft. Irgendwie hatte man das Gefühl, als würden hier die Uhren anders ticken.
Nach fünf Kilometern Waldstrecke erblickte man Loch in einem Tal. Die Hütten, in denen die Erdbeerpflücker untergebracht waren, befanden sich oberhalb von Loch, einem Teil, der sich Queckenberg nannte. Hinter der Kreuzung, an der es rechts nach Flamersheim und Euskirchen und links nach Altenahr ging, wand sich die Straße durch einen relativ neuen Dorfteil nach oben.
Beltel war hier schon gewandert, auf dem Weg von Rheinbach nach Bad Münstereifel. Von Merzbach kommend musste man hier durch. Allerdings rechts von dieser Straße, sozusagen durch Lochs Altstadt. Besonders ein Fachwerkhäuschen unten am Dorfrand, mit einer zugewachsenen Terrasse, war ihm immer wieder aufgefallen. Der Innenhof mit der alten Scheune, der im Sommer zum draußen sitzen einlud, hatte ihn auf den Gedanken kommen lassen, sein Häuschen in Altenahr zu verkaufen und sich so etwas Schönes zu suchen.
Aber er war ein Gewohnheitsmensch und wusste, er würde diesen Wunsch nicht in die Tat umsetzen. Schon der Gedanke, dass dieser komische freche Dackel ihn für eine Zeit aus seinem gewohnten Rhythmus brachte, war zu viel. Ein Umzug mit dem Inventar eines ganzen Hauses, eine neue Nachbarschaft und eine neue Umgebung schreckte zu sehr, als dass er ihn wirklich in Angriff nehmen würde.
Beltel bog links oberhalb der Kirche in Richtung Madbachtalsperre ein und hielt nach wenigen Metern.
Die Unterkünfte der Saisonarbeiter waren leer und auch der Hof wirkte wie ausgestorben. Nur die Wäscheleine, auf der die Sachen einer ganzen Kompanie zum Trocknen hingen, zeugte von Leben. Nach zweimaligem Läuten trat eine Bäuerin aus dem Haus, das den Hof in L-Form umgab. Die Polizisten stellten sich vor und erklärten, dass sie gerne mit einer Frau namens Ivonna Martiniak reden würden.
»Grete Much«, machte die Bäuerin sich bekannt. »Ivonna ist auf dem Erdbeerfeld. Ist etwas passiert? Hat sie etwas verbrochen?«
Beltel erklärte, dass Karl Nirbach ermordet worden war und dass davon auszugehen war, dass Ivonna den Mann gekannt hatte.
Die Bäuerin war schockiert. »Der Nirbach ist tot?«
Die Polizisten antworteten nur mit einem kurzen Nicken und Frau Much fuhr fort. Nun war Groll in ihrer Stimme zu erkennen. »Man soll die Toten ja ruhen lassen und ermordet zu werden ist wirklich ein Grauen, aber viele Tränen werden diesem Mann bestimmt nicht nachgeweint. Das kann ich mir nicht anders vorstellen. Allein die Geschichte mit der Ivonna war eine Sauerei. Der Mann hatte hier in der Gegend überhaupt keinen guten Ruf. Da können Sie sich ruhig umhören.«
»Welche Geschichte mit der Ivonna gibt es denn da?«, erkundigte sich Beltel.
Frau Much ging ein paar Schritte in das Hofinnere. Dann senkte sie ihre Stimme und sprach leiser, als hätte sie etwas Geheimes zu erzählen.
»Na ja, die Ivonna hat letztes Jahr noch auf einem anderen Gut in Schweinheim gearbeitet. Dort hat sie diesen Kerl kennengelernt. Er ist mit dem Gutsbesitzer bekannt. Um die jungen Saisonarbeiterinnen ist er wie ein Pfau herumgeschlichen. Und Ivonna ist auf ihn hereingefallen.«
Draußen auf der Straße zockelte ein Traktor vorbei. Die Bäuerin verstummte, bis das Dröhnen des alten Diesels wieder verebbte. »Sicherlich hat er ihr mit seinem dicken Mercedes imponiert, und wie ich weiß, hat er sie auch mit in seine schicke Villa genommen. Seine Frau muss in Urlaub gewesen sein, und natürlich hat er Ivonna nicht erzählt, dass er verheiratet ist. Tja, und wie es bei einem Mädchen aus armen Verhältnissen kommen kann, hat ihr der ganze Luxus scheinbar imponiert. Das Spielchen hat er eine Weile gespielt, dann wurde sie schwanger und er hat sie fallen lassen. Ich verurteile sie nicht, weil sie sich mit einem dreißig Jahre älteren Typ eingelassen hat. Die meisten der Saisonarbeiter kommen aus wirklich armen Verhältnissen, und für sie schien hier in Deutschland ein Traum in Erfüllung zu gehen. Er wird ihr sicher jede Menge Versprechungen gemacht haben. Aber stattdessen hat er sie ins Unglück gestürzt.«
Beltel hatte Klötsch kennengelernt. Von Nirbachs Vergangenheit als Saunaclub-, sprich Puff-Betreiber wusste er auch. Das Bild, das er sich von dem Toten gemacht hatte, bestätigte sich in gutem Maße. »Was ist mit dem Kind?«
»Er hat sie zu einer Abtreibung gezwungen und danach hat sie trotzdem ihre Arbeit auf dem anderen Gut verloren. Dieses Jahr ist sie zu uns gekommen, und ich bin sehr zufrieden mit ihr. Ihr Bruder Dariuz hat damals auch in Schweinheim gearbeitet und ist ebenfalls entlassen worden, weil er sich mit Nirbach angelegt hat. Angeblich hat er einen Diebstahl begangen. Er hat schon bei mir gearbeitet, da wurde er verhaftet und nach einer Zeit im Gefängnis wurde er nach Polen abgeschoben. Ivonna hat mir geschworen, dass ihr Bruder diesen Diebstahl nicht begangen hat, und ich glaube ihr. Ich habe eine gute Menschenkenntnis und er machte auf mich einen sehr guten Eindruck. Die meisten der Saisonarbeiter sind anständige Leute, die hart arbeiten, gar nicht dem Bild entsprechend, das bei vielen Deutschen über Menschen aus osteuropäischen Ländern herrscht.«
»Können wir mal mit Frau Martinak reden?«, bat Beltel.
»Kommen Sie mit«, sagte die Bäuerin. »Sie ist auf dem Erdbeerfeld. Sie spricht Englisch und nur ein paar Brocken deutsch, aber mein Vorarbeiter Mihau Grechuta kann übersetzen. Ich kann mir allerdings denken, dass sie nicht gerne über die Geschichte reden möchte. Es wird ihr sehr peinlich sein.«
Beltel fühlte sich an den Roman »Früchte des Zorns« von John Steinbeck erinnert. Garantiert lebten und arbeiteten die Menschen hier auf dem Erdbeerfeld besser als die Figuren in Steinbecks Roman. Verglichen mit den Löhnen, die in ihren Heimatländern gezahlt wurden, verdienten sie sogar außerordentlich gut und von dem, was sie hier in ein paar Monaten ansparten, konnten sie zuhause wahrscheinlich ein ganzes Jahr leben. Dennoch war die Erdbeerernte alles andere als ein einfacher Job. Beltel erblickte mehrere Menschen, die auf die Sechzig zugingen. In Deutschland bereitete man sich in diesem Alter gemächlich auf die Rente vor. Diese Leute hier hatten für Monate ihre Familien verlassen und verrichteten eine Arbeit, die vor allem für einen alten Rücken Gift sein konnte. Die Gesichter waren von einem harten Leben gekennzeichnet. Auch die Alten sahen sehr robust und stark aus, aber dennoch zehrte der Knochenjob sichtbar an ihnen. Er sah Frauen mit bunten Kopftüchern, wie er sie aus Dokumentationen über Russland von russischen Bäuerinnen kannte. Viele trugen im feuchten Boden Gummistiefel. Einige stapften mit matschverklumpten Sportschuhen zwischen den Erdbeerbeeten herum. Über der Szene hatten sich am blauen Himmel ein paar Wolken breit gemacht und der Tag schien heute für die Pflücker zum Glück nicht sengend heiß zu werden.
Frau Much grüßte die Saisonarbeiter, die am Rande des Feldes arbeiteten und rief Ivonnas Namen. Eine Frau mit einem rot-blau gemusterten Kopftuch drehte sich um und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann kam sie auf Frau Much und die beiden Polizisten zu. Der Vorarbeiter Mihau Grechuta war einer der Männer am äußeren rechten Feldrand. Er blickte herüber und setzte sich in Bewegung, nachdem Frau Much ihm gewinkt hatte.
Beltel und Funk begrüßten Ivonna Martiniak auf Englisch. Sie war wahrscheinlich Ende zwanzig. Ihre blonden, langen Haare waren am Rande des Kopftuchs schweißverklebt. In ihrem braungebrannten Gesicht spiegelte sich das helle Sonnenlicht in einer feuchten Schweißschicht. Sie rieb sich mit den lehmverschmierten Händen über die Augen und hinterließ eine braune Spur.
Beltel hatte als Kind seinen Onkel von den schönen Polenmädchen schwärmen hören. Hier hatte er eine dieser Schönheiten leibhaftig vor sich stehen. Von Frau Much hatte er erfahren, dass Ivonna in Polen Sport und Englisch studiert hatte, aber mit diesem Abschluss in ihrem Land nicht genug Geld verdienen konnte.
Sie war also kein Dummchen, aber anscheinend doch naiv genug, um auf einen Kerl wie Nirbach hereinzufallen. Sie zeigte sich schüchtern. Wahrscheinlich ihr Charakterzug, vielleicht aber auch, weil sie von Polizisten aufgesucht wurde.
Mihau Grechuta war nun bei der Gruppe. Nach kurzem Händeschütteln begann er zu übersetzen, aber es war, wie Frau Much vermutet hatte: Die junge Polin wollte im Prinzip nicht über Nirbach reden.
Beltel hatte das Gefühl, dass sie am liebsten geleugnet hätte, diesen Mann überhaupt zu kennen. Aber sie ahnte, dass die Polizisten wahrscheinlich schon den Großteil ihrer Geschichte kannten, daher musste sie in den unliebsamen Erinnerungen kramen und sie vor diesen fremden Männern preisgeben. Sie druckste herum.
»Er wollte Arbeit geben«, übersetzte der Vorarbeiter, wobei Ivonna mit den Tränen kämpfte, »in Büro sollte ich für ihn arbeiten. Er gesagt, dass er Inhaber von Fitnesskette kennt und dort mir als Leiterin von Studio Arbeit geben.« Grechuta musste immer wieder kleine Pausen machen, um die richtigen Worte zu finden. »Aber langsam ich erkennen, dass er nur Sex wollen. Keine Arbeit in Büro, keine Gespräch mit Freund in Sportstudio. Ich nicht mehr möchte zusammen sein mit geile, alte Mann. Aber zu spät. Ich schwanger und er mir befehlen und Angst machen, Baby muss weg. Ich gehorche, weil große Angst. Viel Angst auch vor diese Mann Klötsch.«
»Ihrem Bruder hat das alles nicht gefallen?«, hakte Beltel nach.
Die junge Polin ließ ihren Tränen freien Lauf. »Ich niemanden sagen, schwanger und Baby wegmachen, Dariuz trotzdem erfahren. Mein Bruder sehr wütend und reden mit Nirbach. Nächste Tag wir keine Arbeit.«
Beltel hätte die weinende Frau am liebsten nicht weiter belästigt, aber er musste nachfragen. »Hat Ihr Bruder Nirbach dann in Ruhe gelassen?«
Ihr musste klar sein, dass sie ihren Bruder mit der Wahrheit belasten könnte, aber scheinbar hatte sie auch Angst zu lügen. »Dariuz noch mehr Wut auf Nirbach und wollen mit seine Frau reden. Ich nicht gewusst, dass Nirbach verheiratet. Erst später. Er mich immer anlügen: keine Frau. Und viele, viele andere Lügen.
Dann eine polnische Mann Dariuz mit Motorrad fahren lassen. Diese polnische Mann arbeiten für Klötsch und Nirbach. Wir auch erst hören später. Motorrad geklaut und Fingerabdrücke von Dariuz drauf. Dariuz im Gefängnis und nicht mehr in Deutschland sein darf. Nirbach Ruhe vor meine Bruder. Einfache Arbeit, wie schlimmste Verbrecher.«
Konnte da was dran sein? Oder schützte die Schwester den Bruder? Möglich war’s schon: Jemandem ein geklautes Motorrad unterzuschieben und schon war man ihn los, ging es Beltel durch den Kopf. »Ihr Bruder ist in Polen? Können Sie uns bitte seinen Namen und seine dortige Anschrift aufschreiben?«, fragte er und nahm einen kleinen Block und einen Stift aus der Innentasche seines Jacketts.
Diesem Wunsch schien sie nun wirklich sehr ungern nachkommen zu wollen. »Ich habe oft versucht zu telefonieren mit meine Bruder, aber nicht gesprochen«, übersetzte der Vorarbeiter.
»Nun gut«, ließ der Hauptkommissar nicht locker. »Können Sie uns trotzdem bitte seine polnische Adresse vollständig aufschreiben?«
Zögerlich nahm sie Stift und Block und begann zu schreiben. Die Worte, die der Übersetzer mit »meine Bruder nichts getan« übersetzte, klangen flehend.
Beltel lächelte freundlich. »Wir glauben Ihnen, Frau Martiniak. Wir möchten nur gerne mit ihm sprechen. Kennen Sie auch den Namen des Mannes, der ihrem Bruder das Motorrad angeboten hat?«
»Nur Vornamen kennen, Darek«, schluchzte sie.
»Danke«, sagte Beltel, »Sie haben uns sehr geholfen.«
Die Polizisten schüttelten den beiden Saisonarbeitern die Hand. Frau Much begleitete sie noch ein Stück auf dem Weg zurück zum Auto.
Beltel stieg ein und telefonierte sofort mit dem Präsidium.
Noch immer keine Spur von Ralf Schmitter und seiner Freundin. Beltel gab die Daten von Dariuz Martiniak durch und bat um eine Überprüfung. Dann teilte der Kollege in Bonn mit, dass ein Nachbar Beltels im Präsidium angerufen und dringend um Rückruf gebeten hatte. Beltel ließ sich die Nummer und den Namen des Nachbarn geben. Herr Espel! Ihm schwante, wo-rum es ging. Mit einer dunklen Ahnung, was auf ihn zukommen würde, wählte er die Nummer.
»Herr Beltel, was ist da in Ihrem Haus los?«, polterte Espel sofort los. Beltel war dem Mann bislang immer aus dem Weg gegangen. Espel war der Einzige in der Nachbarschaft, dem eigentlich jeder aus dem Weg ging. Ein Kleinlichkeitskrämer, der mehr als die Polizei darauf achtete, dass ordentlich geparkt wurde. »Das Gekläffe ist ja nicht auszuhalten. Mein Baby kann nicht schlafen. Seit wann haben Sie denn einen Hund?«
Beltel hatte die Töle im Laufe des Vormittags zum Glück vergessen können. Nun war er mit ihr wieder leibhaftig konfrontiert. Er wollte beschwichtigend antworten, aber Espel schimpfte weiter. »Das ist eine Unverschämtheit. Ich werde die Polizei anrufen und eine Anzeige erstatten. Dieses Tier schaffen Sie wieder ab. Dafür werde ich sorgen.«
Beltel wollte noch erklären, dass der Hund nur für kurze Zeit bei ihm sein würde, da hatte Espel schon aufgelegt. Funk hatte das Gespräch mitbekommen. Er wich Beltels Blick aus, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen.
Der Kriminalhauptkommissar war genervt. »Der Hund muss unbedingt weg. Ich hoffe, der Nachbar meiner Haushälterin hat eine Hundepension aufgetan. Dann habe ich schon heute Abend eine große Sorge weniger.«
Er hatte noch einen Anruf zu tätigen. Von Funk ließ er sich Klötschs Karte geben und wählte die Nummer.
»Herr Klötsch, kennen Sie einen Polen namens Darek? Er soll für Herrn Nirbach gearbeitet haben.«
Klötsch war wieder ganz der selbstbewusste Geschäftsmann. »Darek? Nein, ist mir nicht bekannt. Herr Nirbach hatte einen Tschechen und zwei Türken beschäftigt. Einen Polen gab es nicht in der Firma.«
»Danke, Herr Klötsch, mehr wollte ich erst mal nicht wissen«, sagte Beltel und beendete das Telefonat. Dann wandte er sich an Funk. »Der Kerl lügt, dass sich die Balken biegen.«
»Du magst ihn nicht, was?«
»Du etwa?«
Funk zuckte mit den Schultern. »Ich versuche, mich nicht von persönlichen Abneigungen leiten zu lassen. Das ist unprofessionell, Manfred. Aber das brauche ich dir eigentlich nicht zu sagen. Okay, wir haben nun mit diesem Dariuz Martiniak eine zweite Person mit Motiv. Dennoch könnte es sich als sträflich erweisen, wenn wir die Suche nach Ralf Schmitter ausschließlich den Rheinbacher Kollegen überlassen«, sagte Funk.
»Glaub mir, Hans, der Junge war’s nicht«, erwiderte Beltel. »Das war die Tat eines Profis, der außerordentlich gut mit einem Gewehr umgehen kann. Lass uns nach Schweinheim fahren. Reden wir dort mit ein paar Saisonarbeitern und dem Erdbeerbauern. Außerdem wäre es mir sehr lieb, wenn wir an den Gedichtschreiber, oder den Poeten, wie du ihn nennst, rankommen könnten. Ich hab das Gefühl, dass wir noch von ihm hören werden.«
Funk gab nicht so schnell auf. »Es könnte doch sein, dass wir es mit einem Ausnahmetalent zu tun haben. Es gibt Kinder, wesentlich jünger als Schmitter, die im Schützenverein sind und besser als viele Alte treffen. In unserem Dorf ist letztes Jahr ein Vierzehnjähriger Schützenkönig geworden.«
Beltel nickte und lächelte, innerlich davon überzeugt, dass ihn sein Riecher nicht täuschte.
Der Trauerzug
Nachdem sie von der Schnellstraße Richtung Flamersheim und Euskirchen rechts nach Schweinheim abgebogen waren, tauchte wieder ruhige, hügelige Waldlandschaft auf. Schweinheim lag flach, kleiner und irgendwie mehr abseits scheinend als Loch. Rechts tauchte ein wunderschönes Fachwerkhaus auf, das von Schatten spendenden Bäumen und von einer grünen Mauer von der Straße abgeschirmt wurde. Links befand sich ein größerer Reiterhof. Dann musste Beltel abrupt bremsen. Nach einer Kurve bewegte sich ein Beerdigungszug durch das Dorf. Ungefähr dreißig bis vierzig überwiegend ältere, schwarz gekleidete Menschen folgten einem mit Blumen geschmückten Sarg. Der Zug bewegte sich zu leiser Trauermusik Schritt für Schritt Richtung Dorfmitte.
Plötzlich entstand eine Unruhe unter den Trauergästen. Beltel stellte den Motor ab und stieg aus. Auch Funk verließ den Wagen, um zu sehen, was passiert war. Die beiden Polizisten begaben sich zu der Trauergruppe. Eine Frau um die siebzig war zusammengebrochen. Sicherlich handelte es sich um eine nahe Angehörige des Toten.
Zwei Männer kümmerten sich um die bewusstlose Frau. Beltel zückte sein Handy und wählte die Nummer des Notarztes. Währenddessen ging Funk zum Auto zurück, um ein Kissen zu holen. Er legte es unter den Kopf der Frau. Beltel tastete nach ihrem Puls. Der Puls ging unregelmäßig, aber scheinbar war die belastende Trauer der Grund für die Ohnmacht der älteren Frau.
Waldhotel Rheinbach
Herrmann Klötsch war genervt. Jemand hatte ihn im Auftrag des Architekten Jens Breitbach angerufen und sich über die Innenarbeiten im Waldhotel Rheinbach beschwert. Angeblich hatten Klötschs Mitarbeiter dort schlampig verputzt.
Er hasste es, diesen Lackaffen gegenüber freundlich bleiben zu müssen. Das war einer der Nachteile im Baugewerbe. Früher im Puff hatte er nicht weniger verdient und sich Beschwerden nur einmal anhören müssen. Wer motzte, flog hochkantig raus.
Aber hier herrschten andere Gepflogenheiten. Ohne Zufriedenheit des Kunden gab es kein Geld. Und es war noch eine große Summe offen, die Breitbach zu überweisen hatte. So blieb Klötsch nichts anderes übrig, als am Waldhotel vorbeizufahren und den Arschkriecher zu spielen.
Arbeiter einer anderen Firma waren noch vor dem Gebäude beschäftigt. Innen war es fast schon bezugsfertig. In nur wenigen Monaten würde das Hotel den Betrieb aufnehmen. Ein Luxuskasten, dessen Bauart modernen und alten Stil miteinander vereinte. Wenn die Gartenbaufirma loslegte, würde das Gelände hier ganz anders aussehen. Der zurzeit noch kiesige Weg würde zu einer beidseitig von Gartenarchitekten bepflanzten Prachtauffahrt werden.
Klötsch könnte einen Urlaub gebrauchen. Aber im Moment war dies nicht möglich. Er führte die Geschäfte für Viola Nirbach, die es sich bis heute in Spanien hatte gut gehen lassen. Vor einem halben Jahr hatte Viola Karls Firma übernommen und sie war zu Klötschs Chefin geworden. Aber genau wie vorher war Klötsch nicht nur Befehlsempfänger gewesen. Er hatte nicht selten mitentscheiden können und er hatte immer sehr gut mitverdient. Sein Bankkonto in Liechtenstein wies genug auf, um sich irgendwo in der Karibik zur Ruhe setzen zu können. Aber noch nicht jetzt.
Jetzt, da Nirbach tot war, hatte er zwar noch mehr um die Ohren, aber es waren auch noch mehr Euros drin. Viola war nun vollkommen auf ihn angewiesen, deshalb würde er bald mit ihr über eine kleine Gehaltszulage reden müssen. Das wollte er geschickt anstellen und nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, denn sie war härter im Geschäftsleben, als Karl es jemals hätte sein können. Aber sie war auch fair und wusste gute Arbeit zu schätzen. Insofern hatte er gute Karten.
Zwanzig Jahre hatte er Nirbach gekannt. Er war immer loyaler Untergebener gewesen und es war nie zu Spannungen gekommen. Karl, Viola und er waren wie eine Familie gewesen. Trotzdem hatte Klötsch kaum Trauer verspürt, als er Karl im Wald erschossen aufgefunden hatte. Wut ja, auch ein wenig Angst. Der Polizist hatte nach Kontakten in Köln gefragt, aber die gab es im Geschäftsleben tatsächlich nicht mehr. Höchstens privat waren Nirbach und er nochmal auf der ein oder anderen Party von Puffbesitzern gewesen.
Dennoch hatte auch Klötsch sich gefragt, ob wirklich die Jungs hinter Karls Ableben steckten. Nur, wer konnte sonst Karl aus dem Weg geräumt haben? Der Bulle hatte nach Darek gefragt. Weshalb gerade nach ihm? Der Pole hatte gelegentlich Jobs für Nirbach und ihn erledigt. Kleine Sachen, wie Baumaschinen von konkurrierenden Firmen lahmlegen, oder mal jemanden aufmischen.
Sicherlich hatten Nirbach und er etlichen Leuten auf den Schlips getreten. Aber das waren Spießer gewesen. Hosenscheißer, die versucht hatten, gerichtlich gegen sie vorzugehen. Keiner von denen hatte den Mumm eines Killers. Der Junge dagegen, dem Nirbach die Nase blutig geschlagen hatte, hatte ihn an sich selbst erinnert. Extrem jähzornig und zu stolz, um die Tracht Prügel einfach so hinzunehmen. Dieser halben Portion war mehr Mumm zuzutrauen als den verspießerten Geschäftsleuten oder Kunden, die ebenfalls einen Pick auf Nirbach hatten.
Der Hotelbau war nicht verschlossen. Breitbachs Mitarbeiter hatte ihn auf das Restaurant hingewiesen. Dort war der Putz angeblich unter aller Sau gemacht worden. Klötsch wusste, dass seine Mitarbeiter normalerweise ordentlich arbeiteten. Er wollte sich das ansehen, und wenn da wirklich gepfuscht worden war, würden ein paar Köpfe rollen. Gute Bauarbeiter konnte er an jeder Straßenecke finden.
Aufgrund der Leere wirkte der Gang wie ein Krankenhausflur, davon abgesehen, dass hier noch alles Dekorative fehlte. Es gab keine Bilder, keine Lampen, keine Vasen. Nur kalter, steriler, weißer Putz.
In dem Raum, der als Restaurant dienen würde, tuckerte ein leiser Motor. Klötsch drückte die Klinke des großen Raums. Die Tür ließ sich nicht einfach ziehen. Irgendetwas klemmte und nur Stück für Stück gab sie nach. Auf der Fensterbank, genau der Tür gegenüber, war eine merkwürdige Apparatur aufgebaut. Größer als ein Bohrer oder ein Akkuschrauber. Ein Schlauch lief zu einem Druckluft- Kompressor, den er von draußen gehört hatte. Dann sah er den Faden, der von der Tür zu der Apparatur entlang der Decke gespannt war. Eine Nagelmaschine, schoss es ihm durch den Kopf. Aber das Denken hatte zu viel Zeit für eine Reaktion zum Ausweichen gekostet. Ein leises, zischendes Plopp – und etwas bohrte sich sehr schmerzhaft in seine rechte Schulter. Er wurde zurückgeschleudert, taumelte und brauchte einige Sekunden, um zu kapieren. Er tastete nach der Wunde. Der Nagel war ganz in die Schulter eingedrungen. Klötsch erkannte sein enormes Glück, denn nur wenige Zentimeter trennten den Nagel von Hals, Lunge oder dem Herz. Die Wunde war klein und es floss nur wenig Blut. Mehr vom Schock als durch die Verletzung taumelnd schaffte er es nach unten, wo er einen Arbeiter anschrie, sofort einen Notarzt zu rufen.
Ralf und Jessica
Ralf hatte nur wenige Stunden geschlafen. Das Stroh piekte und er grübelte. Obwohl dicht aneinandergeschmiegt und trotz der warmen Schlafsäcke, hatten er und Jessica ein wenig gefroren.
Er wiegte die Glock in seiner Hand. Damit konnten sie sich Geld beschaffen. Dann nichts wie ab. Vielleicht nach Holland, oder sogar nach Spanien. Ein Freund aus dem Heim hatte ihm von Amsterdam erzählt und die Stadt als einen Ort beschrieben, an dem viele junge Ausreißer recht einfach unterkamen. Aber südliche Sonne, Strand und Meer wären noch tausendmal besser.
Im Heim hatte es ein paar Typen gegeben, die bewaffnete Raubüberfälle begangen hatten. Diese Typen hatten ihm früher imponiert. Doch Ralf erkannte, dass er sich in der letzten Zeit von seiner Vergangenheit immer mehr löste. Die Zeit bei den Dederichs hatte etwas in seinem Denken bewirkt. Er hatte ein Gefühl für etwas wie einen gradlinigen Weg entwickeln können. All die Monate bei der Pflegefamilie war ihm dieses neue Denken gar nicht richtig bewusst geworden, doch er hatte sich mit sich selbst viel mehr vertraut gefühlt. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er gespürt, dass er kein schlechter Kerl war. Sogar die Schule hatte ihm mehr und mehr Spaß gemacht. Er hatte einiges schnell aufarbeiten können und sogar ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein in einem Bereich entwickeln können, über den er sich vorher höchstens lustig gemacht hätte. Es war ein tolles Gefühl gewesen, zu entdecken, nicht dumm zu sein. Er hatte die erstaunliche Tatsache kennengelernt, von Lehrern beachtet und nicht missachtet zu werden. Es war in etwa so gewesen, wie Frieden nach einem langen, unnötigen Krieg zu schließen. Und es war sogar relativ einfach gewesen. Hatte er in den Jahren davor Aufmerksamkeit durch Stören, Aggression und Desinteresse erzielt, so hatte er diese in den letzten Monaten durch Mitarbeit, Ruhe und Interesse erhalten. Er war zu einem vernünftigen Jungen herangereift. Einen gradlinigen Weg zu gehen lohnte sich wirklich. Das hatte er von den Dederichs lernen können. Vor allem wegen Jessica, die dieses Gefühl verstärkte. Dieses starke Gefühl von Sicherheit.
Aber nun hatte seine Vergangenheit ihn eingeholt. Er würde sich wieder so verhalten, wie er es früher gelernt hatte. In einer Notwehrsituation bis aufs Ganze gehen. Hart sein, rücksichtslos. Er sah keinen anderen Weg. Jessica und er brauchten jetzt schnell Geld und das war nur auf die altbekannte Art zu beschaffen. Eine Bedrohung war aufgetaucht, an der er keine Schuld trug, so wie er für die Dinge in seinen jungen Jahren keine Schuld trug, und er konnte noch nicht mal den Dederichs vertrauen.
Okay, er und seine Kumpel hatten die Hochstände verwüstet. Purer Übermut war das gewesen. Warum sie das getan hatten, wussten sie alle drei selbst nicht genau. Manchmal war da einfach nur Scheiße im Kopf. Markus und Oli waren im Grunde normale Kids, aber die beiden hatten die Initiative für diesen Unsinn ergriffen. Auch sie konnten ganz schön durchtriebene Jungs sein, deren Unfug bisher aber zu nichts Drastischem geführt hatte.
Hätte Ralf ausschließlich brave Jungs in Loch und Umgebung kennengelernt, wäre er vor Einsamkeit eingegangen. Markus und Oli waren genau richtig gewesen. Nicht so hart wie die Heimkids, aber auch nicht brav angepasst wie die meisten Langweiler aus der Umgebung. Die Verwüstung der Hochstände hätte ihn seine Bewährung kosten können – das war ihm natürlich klar. Insofern war es besser, die Tracht Prügel erhalten zu haben. Als Nirbach und Klötsch auf ihn losgingen, hatte dies tatsächlich Mordlüste in ihm geweckt, aber er hatte den Mann nicht getötet, und war entschlossen, es gar nicht erst darauf ankommen zu lassen, dass ihm niemand glaubte.
Pflegeeltern und Lehrern hatte er gelernt, bis zu einem gewissen Grad zu vertrauen. Polizei und Justiz jedoch würden aber wahrscheinlich nie zu Institutionen zählen, denen er trauen mochte.
Er brauchte einen Grundstock für den Start in ein neues Leben zusammen mit Jessica. Im Ausland würden sie sich eine Arbeit suchen, eine gemeinsame Wohnung und sich Stück für Stück etwas aufbauen. Er musste einen Plan entwickeln und zwar schleunigst. In dieser Scheune wollte er auf keinen Fall eine weitere Nacht verbringen. Sie mussten so schnell wie möglich weg aus der Eifel und aus Deutschland.
Jessica räkelte sich. Sie vertraute ihm und Ralf fühlte sich in der Beschützerrolle stark wie nie zuvor in seinem Leben. Er würde ihr eine ganz neue Zukunft bieten. Egal zu welchem Preis.
Sie breitete die Arme aus und lächelte ihn an. Sofort ließ er die Grübelei sein und nahm sie in die Arme. Die Wärme war wieder da. Jessica und er waren eine Einheit. Er wusste, sie würde alles für ihn tun und er für sie. Nie wieder würde ihr Vater eine Hand an sie legen und nie wieder würde Ralf in ein Heim oder den Knast gehen. Er war stark genug, sie beide aus dieser verflixten Erwachsenenwelt zu befreien.
Ein Geräusch riss die beiden aus ihrer Umarmung. Die alte Scheune war undicht und gab an einigen Stellen den Blick nach draußen frei. Ralf griff sofort nach der Glock, als er den Streifenwagen den Feldweg herauffahren sah. Jessica klammerte sich ängstlich an ihn. Er überlegte, sich hinter dem Scheunentor zu platzieren, um die Bullen zu überraschen. Aber der Polizeiwagen war noch weit genug entfernt, so dass eine Flucht mit dem Roller gelingen musste.
»Wir müssen zum Roller, aber nicht durch das Tor!«, zischte er aufgeregt und wies auf die Strohballen, die sich bis zur Scheunendecke hin stapelten. »Wir springen hinten raus. Schnapp deine Sachen.«
Jessica folgte seinen Anweisungen und wollte sich daranmachen, ihren Schlafsack aufzurollen. »Nein, dafür ist keine Zeit! Die Schlafsäcke lassen wir hier, mach schnell.«
Ralf steckte die Glock in die Jackentasche, aber die Walther konnte er nicht finden. Dann sah er die zweite Pistole. Sie war zwischen zwei Strohballen nach unten gerutscht. Ein Blick nach draußen ließ ihn zu der Entscheidung kommen, auf die zweite Waffe zu verzichten.
Jessica war schon an dem Fenster oberhalb der seitlich gelagerten Strohballen angekommen. Sie mussten etwa zweieinhalb Meter tief springen.
»Lass mich zuerst«, hielt Ralf sie zurück.
»Wieso?«
Jessica war schon unten, bevor Ralf antworten konnte. Er warf die hastig gepackte Tasche hinunter und sprang dann selbst. Schnell brachte er die Kabel zusammen, mit denen er bereits gestern Abend den Roller kurzgeschlossen hatte, schwang sich auf das Gefährt und fuhr zusammen mit Jessica los.
Der Polizeiwagen parkte mit knirschenden Reifen vor der Scheune. Aber das knatternde Motorengeräusch des Rollers verriet die beiden. Der Wagen startete sofort wieder und schoss mit durchdrehenden Reifen hinter die Scheune.
Jessica hatte die Tasche umgehängt und sich fest an ihren Freund geklammert. Der Polizeiwagen scherte, eine Staubwolke verursachend, ebenfalls Richtung Wald ein. Auf dem holprigen Weg konnte das Auto nicht schnell aufholen, es kam dennoch immer näher. Die Tachonadel des Rollers näherte sich der vierzig. Bei dieser Geschwindigkeit war es nicht möglich, die Schlaglöcher zu umfahren. Die Stoßdämpfer stießen hart auf, und der Junge musste den Lenker mit aller Gewalt festhalten. Immer wieder sah er nach hinten.
Der Streifenwagen fuhr gefährlich dicht auf. Nun war er nur noch wenige Meter hinter ihnen. Jetzt stieg der Weg auch noch an und der Roller verlor immer mehr an Geschwindigkeit. Der Streifenwagen näherte sich bis auf höchstens drei Meter. Ralf schaltete runter, aber auch in den tieferen Gängen nahm der Roller bei dem Anstieg keine Geschwindigkeit auf. Er scherte nach rechts aus. Quer durch den Wald, wo es wieder nach unten ging. Die ganze Zeit hielt Jessica sich fest an ihn geklammert.
Nun stoppte das Polizeifahrzeug und die Beamten sprangen heraus.
Von dem Gefälle her gab der Roller nun wieder alles, aber das Unterholz war im Weg. Ralf konnte die Polizisten einfach nicht abhängen, obwohl sie nun zu Fuß unterwegs waren. Plötzlich sah er den Pfad, der höchstens zehn Meter unterhalb und eben verlief. Die Polizisten keuchten und fluchten, während Ralf auf der ebenen Strecke in den nächsthöheren Gang schaltete und endlich die Verfolger abschüttelte.
Gedicht Nummer zwei
Nachdem der Notarzt beim Beerdigungszug eingetroffen war, konnten Beltel und Funk sich wieder ihrer eigentlichen Arbeit widmen. Aber sie hatten in Schweinheim weniger Glück als in Loch. Der Erdbeerbauer war in Euskirchen unterwegs und niemand vermochte zu sagen, wann er zurückkam. Unter den Saisonarbeitern war kein Übersetzer, so dass keine Verständigung stattfinden konnte. Dann kam der Anruf von den Rheinbacher Kollegen. Beltel erfuhr von Klötschs Verletzung und dass er sich im Krankenhaus Euskirchen befand. Beltel wollte sich unbedingt die als Falle konstruierte Nagelpistole ansehen. Die Befragung in Schweinheim musste später nachgeholt werden.
Vor dem Waldhotel Rheinbach standen zwei Streifenwagen, sowie ein Fahrzeug von der Spurensicherung. Die Treppen wurden noch untersucht, so dass Beltel und Funk noch nicht ins Hotelinnere durften. Ihre Geduld wurde nicht zu sehr strapaziert. Nur etwa zehn Minuten nach ihrer Ankunft trat Wolfgang Langen von der Spurensicherung nach draußen. Den Zettel in seiner rechten Hand hielt er mit einer Pinzette in Augenhöhe.
»Hans, Manfred«, er nickte den Kollegen zu, »das hing in einem der unteren Räume hinter die Tür geklebt.«
Beltel hatte seine Brille schon aufgesetzt.
Schaffe, schaffe Häusle baue
Las Dir nix vom Nirbach klaue
Dieses miese, üble Schwein
Zerstört den Traum vom Eigenheim
Kassiert nur Dein gutes Geld
Liefert nicht das, was Du bestellt
Nie mehr geh in die Psychiatrie
Vielmehr fick diesen Kerl ins Knie
»Was soll das denn nun schon wieder?« Beltel steckte seine Brille in die Innentasche seines Jacketts.
»Unser Poet hat sich wieder gemeldet«, sagte Funk. »Ich habe es geahnt. Die erste Botschaft kam mir allerdings weniger verschlüsselt vor.«
Langen übergab den Zettel einem Kollegen, der das Papier sorgfältig eintütete.
»Die zweite Botschaft?«, hakte der Mann von der Spurensicherung nach.
Funk ging zum Auto und holte das Tütchen, in das er die ersten Gedichtzeilen gesteckt hatte. »Ja, das hier hatten wir heute Morgen unter dem Scheibenwischer.«
Wolfgang Langen nahm das Tütchen entgegen. Durch die Folie hindurch konnte er die Zeilen lesen. »Hört sich echt schräg an. Wer soll denn diese Ivonna Martiniak sein?«
Funk erklärte kurz, was sie bezüglich Ivonna Martiniaks Schwangerschaft herausgefunden hatten.
»Scheint, als ob da jemand Spuren legt. War dieser Nirbach nicht Bauunternehmer?«, fragte Langen.
Beltel nickte. »Schaffe, schaffe Häusle baue. In diesen Zeilen spielt der anonyme Schreiber anscheinend auf unschöne Erfahrungen mit dem Bauunternehmer Nirbach an.«
»Unschöne Erfahrungen ist sehr mild ausgedrückt«, sagte Funk. »Dieses miese, üble Schwein. Da schreit jemand ziemlichen Hass heraus.«
»Genau wie du sagst, Wolfgang, jemand legt Spuren. Mit den ersten Reimen hat er uns auf einen zweiten Verdächtigen aufmerksam gemacht. Wenn wir erfahren, was hinter diese Zeilen steckt, werden wir wahrscheinlich auf eine weitere oder vielleicht sogar mehrere Personen stoßen, die ein Motiv für den Mord an Nirbach hatten«, schlussfolgerte Beltel.
Bevor Langen oder Funk antworten konnten, klingelte Beltels Handy. Sein Gesicht verfinsterte sich. Er stellte ein paar knappe Fragen, lauschte und legte dann auf.
»Ralf Schmitter und Jessica Carlius sind in einer Scheune aufgespürt worden«, erklärte er.
»Schön«, sagte Funk. »Damit hätten wir schon mal den Hauptverdächtigen.«
Beltel schüttelte missmutig den Kopf. »Sie sind entwischt, und bei der Durchsuchung der Scheune wurde eine Waffe gefunden. Der Junge hatte also eine Waffe dabei. Die hat er wohl in der Eile liegengelassen.«
»Dieser Fall beginnt mir langsam wirklich zu stinken«, fluchte Funk.
»Ich beneide euch nicht, Kollegen. Das Einzige, was ich jetzt für euch tun kann, ist mit der Arbeit dort drinnen weiterzumachen. Vielleicht finden wir ja noch was Interessantes«, sagte Langen.
Kaum hatte er ausgesprochen, trat einer seiner Mitarbeiter nach draußen. »In einem der Kellerräume haben wir Flusen auf dem Boden gefunden. Wahrscheinlich von einem Schlafsack«, erklärte der Mann.
Langen wandte sich noch mal an Beltel und Funk: »Ihr seht, in den Räumen ist noch was zu holen. Wir geben euch Bescheid.«
Der Plan geht auf
Die Polizei war eifrig bei der Arbeit und bei dem Blick durch das Fernglas machte sich ein befriedigendes Lächeln auf seinem Gesicht breit.
Dieser Kriminalhauptkommissar und sein Partner machten einen guten Eindruck. Bedächtige, ruhige Männer. Das sprach für Grips. Sie passten genau in den Plan. Ein Spiel, bei dem die Polizei sich seinem Tempo anpassen musste. Die beiden Bullen sahen nach den passenden Gegenspielern aus, deren Geduld noch auf die Probe gestellt werden würde, denn einfach würde er es ihnen nicht machen.
Der Mann ließ das Fernglas sinken und reckte sich. Die Nacht auf dem Betonboden verlangte nach ein wenig Gymnastik. Mit offenen Handflächen berührte er den Boden und dehnte Rücken und Beine. Er hatte eine kleine Wohnung gemietet, aber trotzdem schlief er gelegentlich im Wald, oder eben in so einer Kellerbaustelle. Verrückt? Nein, ganz und gar nicht. Menschen waren nicht dafür geschaffen, ständig in weichen Betten zu liegen. Er konnte ohne Probleme auf hartem Beton schlafen. Ob auf einer Matratze oder einem Steinboden, er brauchte nur wenig Zeit bis zum Einschlafen.
Nachdem er gestern Abend die Nagelpistole aufgestellt hatte, hatte er die Nacht im Keller verbracht. Es wäre nicht nötig gewesen. Er hätte heute Morgen zurückkommen können, um den Kompressor der Nagelpistole einzuschalten. Aber er liebte diese Übungen aus seiner Ausbildungszeit und wollte sie nicht aufgeben. Übungen, die damals für den Ernstfall trainiert worden waren. In der Lage sein, in verfallenen Gebäuden zu nächtigen, an Flüssen, Moorgebieten oder auf windigen Ebenen zu schlafen. Mit allen Gegebenheiten zurechtzukommen. Die meisten Menschen waren einfach viel zu verweichlicht.
Nochmals das Fernglas ansetzend sah er die Polizisten wegfahren. Er würde seinem Rücken noch etwas Gutes mit ein paar Dehnübungen tun und dann wie ein gewöhnlicher Bürger in seine kuschelige, bürgerliche Wohnung zurückkehren. Askese beinhaltete eine sehr simple Weisheit: Wer eine Nacht auf hartem Beton verbrachte, konnte erst richtig den Wert einer angenehm weichen Matratze schätzen.
Teambesprechung
Aufgrund eines Installations-Problems herrschte an diesem Morgen im Bonner Polizeipräsidium großes Durcheinander. Beltel hatte von der verstopften Abflussleitung gehört und sich noch gedacht, dass mancher Kollege auf seiner Etage wohl zu viel Zeit auf der Toilette verbrachte. Nun war das Chaos perfekt! Wasser drang aus den Toilettenräumen bis auf den Flur. Es roch übel. Doch die Installateure waren bereits in den Waschräumen zugange und der Presslufthammer dröhnte extrem. Alle auf der Etage, die sich mit konzentrierter Arbeit befassen mussten, wichen auf Räumlichkeiten in anderen Stockwerken aus, sofern welche vorhanden waren.
Beltel hatte sein Team in die sechste Etage gebeten, in der nur ein leises Brummen des Presslufthammers aus dem zweiten Stock zu hören war. Der Geruch war zwar bis einige Etagen weiter hinauf erhalten geblieben, aber hier oben war die Luft in Ordnung.
Beltel und Funk betraten zusammen den viel zu kleinen Besprechungsraum, in dem schon etliche Kollegen anwesend waren. Sie saßen dicht an dicht und es gab kaum Platz, sich zu bewegen. Es war ärgerlich, dass es nur dieses kleine Räumchen zum Ausweichen gab, aber sie waren schließlich nicht das einzige Team, das von den derzeitigen Problemen betroffen war und in Ersatzräume ausweichen musste. Im Präsidium ging es heute Morgen geschäftig wie in einem Ameisenhaufen zu, so dass man froh sein konnte, überhaupt irgendwo tagen zu können.
Holters war noch nicht anwesend, er würde wie gewöhnlich ein wenig später eintreffen. Er gehörte zu den nikotinsüchtigen Kollegen, die vor jeder Besprechung den langen Weg vom Raucher- zum Besprechungsraum immer noch nicht richtig einschätzen konnten. Und nun lag dieser Raum auch noch ein paar Stockwerke höher. Beltel wusste, dass einige Kollegen von diesem Verhalten genervt waren, Holters hatte sich schon heftige Beschwerden anhören müssen. Beltel, als Leiter der Kommission, sah über diese kleine Schwäche hinweg. Da war er ja schon – und nur zwei Minuten zu spät. Holters war ein sehr guter Mann und mit dieser Macke konnte Beltel durchaus leben.
Beltel hatte das Team seiner Mordkommission sorgfältig zusammengestellt. Alles erfahrene Leute, mit denen er schon sehr oft zusammen gearbeitet hatte.
Außer Beltel hatten alle an dem quadratischen Tisch Platz genommen, der für die Anzahl der Personen ebenfalls zu klein war. Die Unterlagen, die die Teilnehmer vor sich ausgebreitet hatten, waren teilweise von den Unterlagen des Nachbarn überdeckt. Die Enge trug nicht unbedingt der Konzentration bei. Beltel stellte sich neben ein Flipchart.
Nachdem das Rascheln der Unterlagen und das Rücken der Stühle aufhörte, begrüßte er sein Team.
»Fassen wir zusammen, was wir haben. Eben habe ich erfahren, dass es sich bei der Mordwaffe um ein Präzisionsgewehr mit dem Namen McMillan TAC-50 handelt. Das ist ein US-amerikanisches Gewehr, das in erster Linie von den kanadischen Streitkräften verwendet wird. Kaliber 12,7 x 99mm.« Er nahm den Filzschreiber von der Ablage und begann zu schreiben. »Kein Wunder, dass Nirbachs Schädel in tausend Stücken über den Boden verteilt wurde. Das McMillan stellt den Rekord auf, was die Distanz für einen Todesschuss angeht: 2450 Meter. Unser Schütze hat aus ungefähr zweihundert Metern getötet. Aus dieser Entfernung muss man zwar nicht der absolute Meisterschütze sein, aber nachts im Wald ist auch so ein Treffer keinem Anfänger zuzutrauen. Was ich aber noch wichtiger finde, ist die Tatsache, dass man an so eine Waffe nicht ohne weiteres rankommt. Die kann man nicht so einfach unter der Hand kaufen. Wir haben es also mit einem Profi zu tun, der gute Kontakte zu Topwaffenschiebern hat.« Beltel räusperte sich, dann fuhr er fort. »Auf das McMillan passt ein Schalldämpfer mit der Bezeichnung Typ BR Tuote T8M. Auch dabei handelt es sich um ein höchst professionelles Utensil. Den fünfzehnjährigen Verdächtigen Ralf Schmitter, der mit seiner Freundin flüchtig ist, möchte ich daher als Täter erst mal ausklammern. Das betrifft natürlich nicht die Fahndung nach ihm.« Er notierte den Namen des Jungen.
»Gibt es da schon was Neues, Petra?«
Kriminalhauptkommissarin Petra Tollas war die Verbindungsfrau zu den Rheinbacher und Euskirchener Kollegen, die sich auf der Suche nach den Jugendlichen befanden. »In der Scheune, in der sich der Junge und das Mädchen versteckt hatten, hat man eine Pistole gefunden. Dabei handelt es sich um eine Walther P1, die frühere Standardpistole der Bundeswehr. Sie lag zwischen zwei Strohballen«, gab sie Auskunft. »Wir haben die Seriennummer überprüft und festgestellt, dass sie einem gewissen Horst Richter, wohnhaft in Aichen gehört. Nach der Flucht aus der Scheune hat man den von den Kids geklauten Roller an der Steinbachtalsperre gefunden. Von dort könnten sie mit einem Bus weitergefahren sein. Die Kollegen von der Schutzpolizei befragen gerade die diensthabenden Busfahrer. Natürlich könnte es auch sein, dass die Jugendlichen ein anderes Fahrzeug zur weiteren Flucht geklaut haben, aber bislang liegt keine Diebstahlanzeige vor. Sollten sie zu Fuß unterwegs sein, wäre das für uns am leichtesten, denn die Schutzpolizei durchkämmt großflächig die umliegenden Waldgebiete, Felder und Dörfer.«
Beltel nickte verdrossen. Die Sache mit den Jugendlichen war eine brenzlige Angelegenheit, die total aus dem Ruder laufen konnte. »Wilfried«, wandte er sich an Holters, »du kümmerst dich um diesen Richter. Stell fest, wie der Junge in den Besitz der Waffe gekommen ist.« Beltel unterbrach sich für einen Moment, um dann fortzufahren: »Petra, wenn es dir irgendwie gelingen könnte, den Kids klarzumachen, dass wir sie nicht für Mörder halten, dann könnte ich mir sogar vorstellen, dass sie aufgeben. Je mehr der Junge sich jedoch in die Ecke gedrängt fühlt, desto gefährlicher wird er.«
»Manfred, ich bin immer noch der Meinung, dass du dem Jungen zu wenig Aufmerksamkeit widmest. Er ist und bleibt unser Hauptverdächtiger«, warf Funk erneut ein. »Seine Flucht, jetzt die Waffe, so viel spricht gegen ihn. Was ist, wenn einer seiner Freunde uns die dämlichen Gedichte zukommen lässt, einfach um von Ralf abzulenken?«
»Auch da muss ich einwenden, dass ich die Jungs für keine Privatdetektive halte. Unser anonymer Schreiber hat ganz schön viel Privates über den Ermordeten in Erfahrung gebracht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Jugendlichen – du hast sie selbst gestern kennen gelernt – diese Infos in so kurzer Zeit zusammenbekommen hätten. Außer Petra sind noch eine Menge Schutzpolizisten hinter Ralf Schmitter und Jessica Carlius her, und das reicht im Moment. Sollte sich herausstellen, dass dieser Horst Richter auch ein Präzisionsgewehr der Marke McMillan im Besitz hatte, dann werde ich meine Ansicht revidieren und wir werden uns intensiv um den Jungen und seine Freundin kümmern.« Beltels letzter Satz und der Ton, in dem er ihn ausgesprochen hatte, ließen erkennen, dass er diese Diskussion keinesfalls weiterführen wollte.
Funk nickte. »Gut, wenn du meinst. Du bist der Chef, und deine Argumente machen Sinn.«
Beltel schaute in die Runde. Auch die anderen schienen einverstanden zu sein.
»Wie allen bekannt sein dürfte, gibt es jemanden, der uns anonyme Botschaften zukommen lässt«, ging Beltel zum nächsten Punkt über und schrieb »Poet« auf den Papierblock. »Durch diesen Anonymus, den wir ›Poet‹ genannt haben, sind wir auf eine Person namens Dariuz Martiniak gestoßen«, fuhr er fort und notierte den Namen. »Nirbach hat Martiniaks Schwester anscheinend geschwängert und zu einer Abtreibung gezwungen. Unseren Informationen zufolge hat Martiniak sich deshalb mit Nirbach angelegt. Man hat uns erzählt, dass Nirbach seinem Widersacher danach einen Diebstahl unterschob und ihn so ins Gefängnis gebracht hat. Dariuz Martiniak ist Pole. Nach seiner Haft in Deutschland wurde er nach Polen abgeschoben. Das sind im Moment nur Informationen aus zweiter Hand, denen wir nachgehen müssen, denn sollten sie stimmen, könnten sie ein Motiv für einen Mord sein.«
Dirk Wagner hob den Finger. Beltel nickte ihm zu.
»Und dieser Poet hat euch auf die Spur dieses Polen gebracht?«, wollte Wagner wissen.
»Ja, und das hat mit Sicherheit etwas zu bedeuten. Aber unser Poet legt es darauf an, uns zu verwirren. Wir haben bereits einen zweiten Hinweis erhalten, und ich glaube, es werden weitere folgen. Aber auf diesen anonymen Schreiberling werde ich zum Schluss noch mal eingehen. Betrachten wir erst mal das, was er uns geliefert hat.« Beltel wandte sich an Kriminalhauptkommissar Joachim Elze. »Hat die Anfrage bei den Kollegen in Polen schon etwas ergeben?«
»Leider noch nichts. Aber wir alle wissen ja, dass so was mit ausländischen Kollegen immer dauert. Ich werde dran bleiben und denen ein wenig auf die Nerven gehen.« Durch den Raum ging ein bestätigendes Raunen. »So funktioniert es in der Regel dann etwas schneller.«
Elze kramte in seinen Unterlagen und zog zwei Fotos hervor.« Ich habe ein Foto von Martiniak auftreiben können und bin dabei auf etwas Interessantes gestoßen. Vor etwa sechs Wochen wurde eine Kreissparkasse in Rurberg überfallen. Der Täter hatte einen osteuropäischen Akzent und ein Bankangestellter, der sich mit Akzenten ein wenig auskennt, ist sich sicher, dass es Polnisch war. Obwohl der Täter maskiert war und das Bild der Überwachungskamera nicht sehr deutlich ist, konnte ich eine große Ähnlichkeit mit Martiniak entdecken. Die Größe des Täters stimmt ebenfalls mit der Martiniaks überein.«
Er reichte die Bilder Wolfgang Langen, der rechts von ihm saß. Es handelte sich um ein Foto, das bei Martiniaks Verhaftung aufgenommen worden war, sowie ein Fahndungsfoto von dem Bankräuber. Langen, der einen längeren Blick auf die beiden Fotos geworfen hatte, gab sie an seinen Nachbarn weiter.
»Es könnte also sein, dass sich Martiniak nach seiner Rückkehr nach Deutschland auf diese Art Geld beschafft hat.«
Beltel trat hinter Dieter Stochaus Stuhl und warf einen Blick auf die Fotos. An dieser Theorie konnte in der Tat was dran sein.
»Dieser Spur werden wir nachgehen. Martiniak hat in Deutschland als Saisonarbeiter gearbeitet, und wenn er tatsächlich zu einem Rachefeldzug zurückgekehrt sein sollte, braucht er Geld. Die Ähnlichkeit zwischen dem Bankräuber und Martiniak kann natürlich Zufall sein. Dieter, am besten, du setzt dich mit den Kollegen vom Raubdezernat wegen diesem Bankraub in Rurberg in Verbindung«, wandte sich Beltel an Stochau. »Hans und ich waren heute in Schweinheim, wo Martiniak und seine Schwester gearbeitet haben, aber aufgrund des Vorfalls im Waldhotel mussten wir dort nach kurzer Befragung wieder weg«, fuhr Beltel fort. »Joachim, du fährst heute noch mal in Schweinheim vorbei und befragst alle, die Martiniak kennen. Vor allem den Erdbeerbauern. Versuche etwas über den Diebstahl herauszufinden. Höre dir so viele Meinungen wie möglich über den Polen und seine Schwester an. Außerdem haben wir noch den Namen eines Polen, der Martiniak angeblich ein gestohlenes Motorrad untergeschoben hat. Darek heißt dieser Mann. Leider haben wir nur den Vornamen, aber vielleicht kannst du auch etwas über ihn in Erfahrung bringen.«
Beltel schrieb Klötschs Namen auf das Flipchart. »Herrmann Klötsch ist der Bauleiter der Firma, die seit einiger Zeit Nirbachs Frau gehört. Bei Klötsch sehen wir zwar noch kein Motiv und außerdem scheint irgendjemand es nun sogar auf ihn abgesehen zu haben, aber ich möchte, dass auch Klötsch unter die Lupe genommen wird. Wir wissen, dass Klötsch und auch Nirbach früher im Kölner Milieu angesiedelt waren. Da wäre es doch interessant zu erfahren, inwieweit da heute noch Kontakte bestehen. Möglich, dass unser Täter aus diesen Kreisen kommt. Ich habe da noch ein paar Quellen in Köln. Hans und ich werden dort nachhaken. Irgendwie schwant mir, dass die beiden einigen Dreck am Stecken haben, entweder immer noch im Milieu, oder in anderen Bereichen. Und da sind wir bei unserem nächsten Punkt. Gedicht Nummer zwei: Die Anspielung auf Betrügereien im Baugewerbe. Konnten wir diesbezüglich schon etwas herausfinden?«
Dirk Wagner meldete sich zu Wort. »Gegen Nirbach wurde ein Betrugsverfahren eingeleitet. Anscheinend hat er für Arbeiten an Eigenheimen Gelder im Vorfeld bekommen und dann die Arbeiten nicht geleistet. Die Geschädigten haben sich zusammengeschlossen und gemeinsam eine Klage eingereicht. Das Verfahren läuft noch.«
»Sehr interessant. Mein Instinkt sagt mir, dass wir damit der Bedeutung von Gedicht Nummer zwei schon sehr nahe gekommen sind«, sagte Beltel. »Dirk, du setzt dich mit den Geschädigten in Verbindung und bringst in Erfahrung, was da gelaufen ist. Unser anonymer Gedichtschreiber könnte eventuell einer der Geschädigten sein.«
Beltel schrieb Viola Nirbachs Namen auf das Flipchart. »Was wissen wir über diese Dame? Da sie zum Zeitpunkt des Mordes in Urlaub war, kommt sie wohl nicht in Frage. Aber wir wollen auch über sie so viel wie möglich wissen. Ist das Alibi Spanien wasserdicht? Kommen wir an Zeugen aus dem Hotel ran, die aussagen können, dass Frau Nirbach tatsächlich dort war? Aber vor allem möchte ich wissen, hätte auch sie ein Motiv gehabt? Als Täterin möchte ich sie an und für sich ausklammern, aber sie könnte einen Auftrag erteilt haben. Einen Killer, der den Mord für Geld erledigt hat. Meine Kontaktquelle in Köln unterliegt zwar der Verschwiegenheit den eigenen Kreisen gegenüber, aber ich denke, ich kann da wenigstens ein paar oberflächliche Infos bekommen, die unser Puzzle vielleicht etwas vervollständigen. Ferdi«, sprach er den Kollegen Franzen an, »ich möchte dass du dich um Frau Nirbach kümmerst, sobald sie aus Spanien zurück ist. Dann möchte ich die Dame umgehend hier im Präsidium sehen. Überreiche ihr eine offizielle Einladung.«
Jetzt umkreiste Beltel mit seinem Stift die Bezeichnung »Poet« auf dem Flipchart. »Kommen wir also noch mal zu unserem Schreiberling«, fuhr er fort. »Außer Viola Nirbach, die sich im Ausland aufhält, könnte praktisch jeder unserer Verdächtigen der anonyme Hinweisgeber sein. Aber auch sie könnte dahinterstecken, indem sie jemanden beauftragt hat. Fragen wir uns also, was mit diesen Hinweisen beabsichtigt ist.«
»Ablenken?«, meldete sich Wagner zu Wort. »Für mich sieht es danach aus, dass uns da jemand verwirren will. Um uns so vom wahren Täter abzulenken.«
»Mir kam gerade in den Sinn, dass es theoretisch auch mehrere Täter sein könnten. Was meint ihr: Ein Komplott gegen einen gemeinsamen Feind?«, fragte Dieter Stochau.
Beltel wartete auf weitere Wortmeldungen, aber es folgten keine. »Mehrere Täter? Interessant. Ja, interessant. Aber mir ist auch der Gedanke gekommen, ob uns da nicht jemand etwas über Nirbach und nicht unbedingt über den Täter sagen möchte. Das ist nur so eine Überlegung von meiner Seite, aber alle Gedanken sind wichtig. Wir sollten in alle Richtungen schauen. Welches Motiv hat der Poet für seine Hinweise? Lasst euch diese Frage durch den Kopf gehen, vielleicht kommen wir so weiter. Wir dürfen uns nicht von ihm oder vielleicht auch von ihr verwirren lassen, wir müssen das Spiel so schnell wie möglich durchschauen.« Beltel blickte in die Runde. Die Gesichter waren allesamt konzentriert. Offenbar ließ jeder Einzelne das Besprochene langsam in sich sacken.
Darmowy fragment się skończył.