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Morgenroths Haus
Themarer Geschichten
Thomas Perlick
eBook EPUB: ISBN 978-3-96285-159-0
Print: ISBN 978-3-939611-02-8
1. Auflage 2006
Copyright © 2006/2020 by Salier Verlag, Leipzig und Hildburghausen
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat: Hans-Jürgen Salier
Umschlaggestaltung: Almut Siller
Herstellung: Salier Verlag, Bosestr. 5, 04109 Leipzig, GERMANY
www.salierverlag.de
Inhalt
Eins, zwei, drei, vier Eckstein
Weißt du noch?
Pepe, das Zigarrenkistchen
Mannsbilder im Freibad
Das Konzert der Flaschenhälse
Die Liebe in den Zeiten der Sehnsucht
Abendland
Doktorstunde
Eingesargt
Dieweil die Menschen schlafen
Die Frau des Schnitzers
Im ewigen Eis
Philosophie im Zeitladen
Über den Autor
Eins, zwei, drei, vier Eckstein
Lola, Frank, Ulli, Andreas und ich hockten auf dem Platz vor Morgenroths Haus. Wir hatten viel Blödsinn im Schädel:
Liebespaare am Bahnhof beschleichen, Mutproben beim Eisloch, Raubzüge in den Kirschbäumen. Wenn uns gar nichts mehr einfiel, dann spielten wir eben Verstecken.
Ja, wir spielten noch richtig: Es gab keine Computer, und der Fernseher in Müllers guter Stube durfte auch nicht angerührt werden. Also ging es in den Ferien schon am Morgen raus.
Treffpunkt Kino, Bahnschranke oder Morgenroths Haus.
„Ich suche aber nicht wieder als erster“, sagte Andreas.
„Ich auch nicht“, maulte Frank, der noch nicht ausgeschlafen hatte und schlecht gelaunt war. Blieben also Lola, Ulli und ich. Natürlich fanden sich in meiner Tasche Streichhölzer.
„Losen wirs halt aus!“, sagte ich mit unschuldiger Miene.
„Du machst das aber nicht!“, rief Ulli. „Du betrügst immer.“
Ich wollte protestieren, aber es hatte keinen Zweck. Betrogen habe ich schon immer ein bisschen. Heute allerdings in der Regel nur noch mich selbst.
„Gib her!“, sagte Frank. Er legte ein Streichholz in den Handteller, und schon begann die Qualifikation. Natürlich blieb ich übrig. Wer sonst? Ich bleibe immer übrig, wenn ich nicht schummle.
„Und jetzt zählst du laut bis zwanzig“, sagte Lola drohend. Sie durfte das. Die anderen nicht.
Also lehnte ich den Bauch an Morgenroths Hausmauer und schob den Kopf zwischen die Arme. Es hatte ja gar keinen Sinn zu schummeln. Das Gelände reichte auf der einen Seite bis zur Werra, auf der anderen bis zu Morgenroths Haus. Wer suchen musste, war die ärmste Sau. Er kam nur mit Glück wieder aus dieser Rolle heraus. Ständig flitzte jemand irgendwo lang. Dann ertönte das nervtötende:
„Ulli frei! Lola frei“, und so weiter.
„Du sollst den Vers sagen!“, rief Andreas.
Also begann ich „Eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss versteckt sein, Kopfnuss, Beinschuss, Hasenscheiße, Hosenstall, Doofe findste überall. Eins, zwei, drei, vier Eckstein ...“
Ich zählte bis fünfzehn. Das musste genügen. Es waren ja alle längst weg.
Ich stellte mich strategisch günstig. Freischlagen war an der oberen Ecke von Morgenroths Haus. Langsam lief ich Richtung Werra. Ullis Schuhe mit den Metallkanten waren in diese Richtung geklackt.
Unüberhörbar. Vielleicht hockte er hinter der alten Schule? Nein, kein Ulli. Lag er auf der Mauer? Nein, auch nicht. Weiter unten hörte ich jetzt den ersten ernüchternden Schrei: „Frank frei.“ Na toll, der hat sich wieder nicht an die Regeln gehalten, dachte ich. Wir hatten nämlich eine Sperrfrist festgelegt, weil der Suchkreis so groß war. Aber wer hält sich schon an Sperrfristen, wenn es um die persönliche Freiheit geht!
Irgendwo hier musste Ulli stecken. Darauf hätte ich meinen Lederhosenarsch verwettet und meine Glasmurmeln noch dazu. Am Wehr war Schluss – weiter oben konnte er also nicht sein. Vielleicht lag er ja im Wasser wie Bernhard damals, dieser verrückte Kerl: Hielt sich am Rand fest und tauchte ab, wenn man kam.
Aber das war im Sommer. Jetzt, im April, konnte man es nicht aushalten.
„Lola frei“, brüllte es aus der Stadt unten.
„Scheibenkleister“, zischte ich durch die Zähne. „Jetzt kreischt gleich Andreas, und dann hab ich nur noch diesen einen Schuss.“ Ulli musste hier sein. Vor der Mauer hatte ich alle Möglichkeiten abgegrast, da war ich mir ganz sicher. Also weitersuchen!
Auf dem Baum hockte der Kerl auch nicht. Hatte ich mich etwa doch geirrt? Nein, da war etwas: Ein Ton, oder besser ein Wimmern, aber außerhalb der Suchgrenze. Tja, mein Freund, das hast du nun davon, dachte ich. Bist irgendwo da draußen umgeknickt oder auf die spitzen Steine gekracht. Jenes kommt halt von diesem!
Ich lief trotzdem hin, Kumpel bleibt Kumpel. Da lag er tatsächlich, der Ulli, aber merkwürdig verkrümmt. Irgend jemand hatte ihn gefesselt und ihm einen Knebel in den Mund geschoben. Jetzt konnte er nur noch laut stöhnen.
Ich rannte schneller. Ulli wollte mich mit heftigen Kopfbewegungen davon abhalten. Aber es war zu spät. Plötzlich packte mich eine gewaltige Hand an der Schulter, zog mich zu Boden und schnürte mir die Hände auf den Rücken.
„Eins, zwei, drei, vier Eckstein ...“ flüsterte eine merkwürdig tonlose Stimme in mein Ohr. „Nicht umdrehen! Wer mich sieht, der muss sterben.“
Ich hoffte zunächst noch, es könnte Paul sein, aber der war niemals so kräftig. Das war kein Kind! Das war ...
Nein, dachte ich. Nicht Ruben! Nicht der Kinderfresser! Alle sollten es sein: Der dicke Stefan von der Brückenbande meinetwegen. Dann gab es halt ein paar Beulen, na und? Auch den langen Lothar hätte ich noch ertragen können. Nur nicht Ruben, den Kinderfresser!
„Eins, zwei, drei, vier Eckstein ...“, flüsterte es. Ich hätte am liebsten geschrien, aber es ging nicht. Der Kerl benutzte sein ekliges Taschentuch als Knebel. Es musste doch eine Möglichkeit geben, heil aus der Sache herauszukommen! Mir fiel schon manches ein: Vom Fußtritt in die unteren Regionen bis zum Stoß ins Wasser.
Aber die Möglichkeiten sind sehr eingeschränkt, wenn man fest verschnürt auf dem Werraufer liegt.
Das Schlimmste fiel mir zuletzt ein: Er hatte uns die Augen nicht verbunden. Ich wusste aus Abenteuergeschichten, dass damit das Todesurteil über uns gesprochen war. Alle Verbrecher verbanden ihren Opfern die Augen, um später nicht erkannt zu werden. Es sei denn ...
Ja, es sei denn, sie wollten sie ohnehin umbringen. Dann war es ja egal. Die Erkenntnis jagte mir den Schweiß auf die Stirn und nahm mir den letzten Krümel Hoffnung.
„Eins, zwei, drei, vier Eckstein“, flüsterte es jetzt hämisch über mir.
„Alles muss verreckt sein.“
„Verreckt sein?“, rief ich in das versiffte Taschentuch hinein. „Nein, nur das nicht!“
Wurden die anderen denn nicht endlich stutzig da unten? Und wieso kam eigentlich hier niemand vorbei? Die Leute waren vermutlich alle auf Arbeit oder am Tresen in Morgenroths Haus. Dort wäre ich jetzt auch am liebsten gewesen. Nirgends auf der ganzen Welt fühlte man sich so sicher wie dort. Selbst in der Kirche war es immer ein bisschen unheimlich.
„Eins, zwei, drei, vier Eckstein“, schnarrte die böse Flüsterstimme wieder los.
Ich hatte es ja nie glauben wollen. Schon seit Wochen lief in Themar das Gerücht vom Kinderfresser um. Erst war Peter, der Sohn des Schornsteinfegers, verschwunden. Dann die Marie, das Goldköpfchen. Gut, sie waren beide heimgekehrt. Aber man erzählte sich unter den Kindern, dass sie den Fängen des bösen Ruben nur mit knapper Not entronnen waren. Nun hielt er sich also an uns schadlos: An Ulli und mir.
„Gott im Himmel“, betete ich im Stillen. „Ich will nicht gegessen werden. Ich gebe alles zu, was mein verdorbenes Kinderleben an Sünden angesammelt hat: Ja, ich war an der Zigarrenkiste meines Onkels. Auch habe ich bei den alten Leuten an der Mauer den wassergefüllten Luftballon durchs offene Fenster geworfen. Er ist drin auf dem Sofa explodiert, so dass sie vier Tage nicht mehr gemütlich sitzen konnten. Und, obwohl ich es ja immer tapfer abgestritten habe: Ich sah der göttlich gewachsenen Tochter des Bürgermeisters von einer Setzleiter aus zu, wie sie sich entkleidete. Ja, das war ebenfalls ich mit weit aufgerissenen Augen vor einem verbotenen Fenster, lieber Gott“, sprach mein heißer Kindermund nach innen, denn nach außen ging es ja nicht.
„Es tut mir auch furchtbar leid und ich reudige mich sehr“, fügte ich in einer kleinen Falscherinnerung an das Beichtbekenntnis in der Kirche an. „Wenn du mich jetzt rettest, Allprächtiger, dann will ich zwar nicht Priester werden, weil man dann nicht heiraten darf, aber wenigstens Feuerwehrmann oder Glöckner in der Themarer Kirchturmwohnung.“
Offenbar waren meine Angebote an den lieben Gott entweder nicht ausreichend oder falsch zusammengestellt. Hilfe kam jedenfalls nicht, weder von oben, noch von meiner treulosen Kinderhorde vor Morgenroths Haus. Neben mir stöhnte der arme Ulli, über mir flüsterte der Kinderfresser. Jetzt ging er weg, und ich bemühte mich die ganze Zeit, ihn nicht anzublicken.
„Wer mich sieht, der muss sterben.“
Nein, sterben wollte ich noch nicht und geschlachtet werden schon gar nicht. Wäre mir doch nur die Sache mit der Bürgermeisterstochter nicht passiert! So was erzürnte die Gottheiten immer maßlos. Ruben, der Kinderfresser, kehrte schweren Schrittes zurück. Er schob irgendetwas vor sich her. Es war ein gummibereifter Wagen, und als ich hinblickte, war es auch schon geschehen. Ich hatte den Kinderfresser gesehen. Im Grunde war ich nun schon tot.
Das war er also, Ruben, der die kleinen Kinder verzehrte. Ein Ausbund an boshafter Hässlichkeit: Zwei feuerrote Augen, die noch in der Nacht leuchteten. Eng anliegende Ohren, in denen Ringe steckten, die aus der Schädeldecke heraus spießten und dann durch die Ohrläppchen geführt wurden. Aber das Schlimmste an diesem menschlichen Ungeheuer war die Nase. Eigentlich gab es sie nämlich nicht. Da waren nur zwei tiefe Löcher mitten im Gesicht, aus denen es unentwegt schniefte. Das war nun also unser Schicksal: eine Hausschlachtung beim Lochgesicht.
Der breite, böse Mund sprach genüsslich vor sich hin:
„Eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss verreckt sein.“
Ich begann, in Panik an meinen Fesseln zu reißen, aber sie waren hart geschnürt und bewegten sich nicht. Neben mir weinte Ulli, der doch sonst so viel vertragen konnte. Die Werra rauschte herzlos vor sich hin, und vom Turm der Themarer Kirche schlug es elf. Die anderen saßen sicher längst zuhause.
Ruben, der Kinderfresser, beugte sich zu uns herab. Er hob zunächst den schluchzenden Ulli auf seine Karre. Dann legte er eine Decke über den Verurteilten und beugte sich zu mir herab. Ich sah den weit geöffneten Mund auf mich zukommen, die schwarzen, fauligen Zähne, roch die entsetzliche Gaumenkloake. Aber als er mich dann um die Hüften packte, hörte ich plötzlich eine hohe, warme Frauenstimme. Die sprach:
„Schauen Sie nur, Herr Doktor, der Junge ist doch tatsächlich in meinem Laden eingeschlafen. Während Sie mit den Männern geredet haben und ich im Keller Kraut holte, ist der Bengel eingenickt. Hat wohl gestern Abend noch lange gelesen?“
Schweißnass von meinen Träumen sah ich mich um und jubelte in meinem Herzen wie die Engelschar zur Weihnacht: Ich saß auf einem Hocker in Morgenroths Kaufladen. Über mir das freundliche Gesicht der großherzigen Verkäuferin, neben mir das Regal mit den Lappen und Bürsten, auf der anderen Seite die Männer vor ihren Gläsern und mein Lieblingsonkel mit erloschener Zigarre im Mund. Einer der Männer hatte etwas gerötete Augen, aber glücklicherweise eine richtige Nase im Gesicht. In meinem ganzen Leben war ich nie wieder so erleichtert, in Morgenroths Haus zu sein.
„Vielleicht bekommt der Junge ja ein kleines Fieber“, sagte einer der Männer.
„Das denke ich nicht“, erwiderte mein Onkel, der ein Fieber auf hundert Meter erkennen konnte. „Ich befürchte eher, dass in seinem Bett eine Taschenlampe versteckt ist. Er liest nämlich gerade die Schatzinsel, und da haben wir doch alle keine Sperrstunde gekannt, nicht wahr, Jungs?“
Er nahm mich bei der Hand, und wir verließen Morgenroths Haus.
„Wollen wir Verstecken spielen?“, fragte Klaus, der draußen gewartet hatte.
„Nein, sei mir nicht bös’!“, erwiderte ich hastig. „Aber heute hab ich irgendwie keine Lust dazu.“
Weißt du noch?
Siehst du das stolze Schloss dort, den ersten Kaufmannsladen am Platz? Das ist Morgenroths Haus!
Nein, es ist nicht leer und schon gar nicht stumm. Du brauchst nur ein bisschen Phantasie. Du solltest von der Art der Träumer sein, ein Gaukler und Hofnarr des Fürstentums Erinnerung. Wenn du aber im Herzen blind bist und im Kopf ein kühler Rechner, dann geh’ lieber weiter! Troll dich Richtung Eigenheim Baujahr sechsundneunzig mit strahlweißen Häuten und sterilem Innentod. Ich bin dir ja nicht böse, wenn du es bequem haben willst und keine krummen Wände magst. Ich mag sogar krumme Menschen.
Hast du aber die Flöte des Hirten in der Tasche und vermagst die Lieder deiner fröhlichen Kinderstube zu spielen, dann bist du jetzt am richtigen Ort. Stell dich vor Morgenroths Haus! Dann wird es dich freundlich ansehen mit seinen hellen Fensteraugen.
Aber nimm dir Zeit! Lehn dich an die Murmelmauer! Lausch dem Geseufz und Gestöhn – oh ja, sinnlich ist sie auch noch, die alte Menschenhütte. Verschweigt nicht, welche Lüste einwohnten und welche Zeugungen gipfelten.
Am schönsten ist es am Morgen. Dann regt sich Geschäftigkeit im Lager. Du brauchst jetzt ganz große Ohren. Dann kannst du hören, was andere gesehen haben. Man packt nämlich gerade den Kaffee in braungebrannte Tüten: K. H. Schmidt steht in stolzer Schrift dar auf. Das ist Karl Hugo, der Erzvater, ein Kaufmann vom Scheitel bis zur Kohle. Sein Kaffee ist weltberühmt. Man trinkt ihn in den Tassen der Vorfahren. Riechst du dieses frisch gemahlene Schwarzpulver tief in der Nasennebenhöhle? Weißt du, wie oft wir es gemeinsam begossen haben?
Leg dein Ohr fester an die Mauer! Da ist der Laden, ach was, die Zauberwelt der kleinen Dinge. Lauter Kostbarkeiten, die man noch richtig lieb haben kann, bevor man sie verkauft. Hörst du die Schübe, wenn sie aufgezogen werden? Nicht? Dann drück deinen Kopf fester an Morgenroths Hausmauer! Spuck auf die Meinung der anderen! Ja, sie beobachten dich, einen kleinen Mann, der das Ohr am Hausputz hat. Bald holen sie die Polizei oder den Herrn Doktor aus der Psychiatrie. Beachte sie nicht! Du verpasst sonst den Moment, da sich das Rascheln der Tüten im Hause erhebt. Das ist die Sternstunde der Kinderherzen: Der vieltönende Gesang all der kleinen Dinge, die sich gern verkaufen lassen. Das Hohe Lied der Liebe zum Detail.
Hörst du den vollen Sopran der roten Bonbons? Sie klingen reiner als die blauen. Und die grünen Pfefferminzer brummen etwas.
Vielleicht sind sie noch im Stimmbruch? Puffmais kannst du gar nicht missdeuten. Er trifft sogar das hohe Fis.
Hörst du es? Morgenroths bauen ihre Wunderwelt im Kramladen. Sicher, er lädt auch zum Kaufen ein. Aber als erstes immer zum Schauen.
Da, dieses Klappern: Man hat die Deckel der Holzkistchen geöffnet! Jetzt sieht man die Zigarren in ihren Miniröcken um den schlanken Leib. Mir brachten sie später einen schönen Durchfall ein mit feuerrotem Po und Wundmalen an der Innenseite. („Junge, wann kommst du eigentlich mal vom Klo herunter?“) Die kleinen Sünden bestraft der Herr nämlich sofort. Aber auch für diesen Fall holte man die Salbe nicht beim Apotheker. Sie lag in Morgenroths Regal, links, nicht weit von der Kernseife.
Endlich knackt der Schlüssel und nun öffnet sich die Tür. Die Männer kommen auf ein Bier und eine dicke Havanna.
(„Ach, scheiß auf die Alte! Wird der Zins halt verraucht, statt versoffen!“)
Kannst du mich sehen? Nicht? Dann träum dich zurück. Es sind nur vierzig Jahre! Das bin ich wirklich, der Kleine in Lederhosen! Der Gütige neben mir, das ist mein Onkel, Landarzt und Kaltraucher. Auch so ein Zigarrenkunde. Immer steckte das braune Rohr erloschen zwischen seinen Lippen.
Komm, schauen wir durch die Fenster in Morgenroths Haus hinein! Ich kann mich nicht mehr beherrschen.
Siehst du mich vor den Lakritzen? Jetzt greift die freundliche Frau Morgenroth nach den Brezeln und ich darf ins Süße langen. Ich mag die Streifenbonbons, diese Zahnzieher, die sich so schön verkleben. Frau Zahndoktor Senf wird’s schon richten mit ihrem lärmenden Gaumenbohrer.
Nun sitzen die Schwatzmänner am Tresen und schütteln sich ihre Morgengeschichten aus den Hirnrinden. Sie wissen alles besser. Das darf man auch, wenn man aus den Gläsern liest.
So war die kleine Welt in Morgenroths Haus. Ich seh’ sie noch und du kannst das auch. Man muss nur lieben, was vergangen ist. Dann geht es schon!
Pepe, das Zigarrenkistchen
Nein, ein Kolonialwarenladen war das Kaufparadies Morgenroth gewiss nicht. Die meisten Dinge zählten zu den Einheimischen. Sie waren nämlich mit der Bahn gekommen. Dennoch gab es weitgereiste Burschen, die nach Fremde rochen und düstere Geschichten erzählen konnten. Das waren vor allem die Zigarren, braungebrannte, windgegerbte Kerle, die sich vor nichts fürchteten und eine raue Stimme hatten.
Sie kamen aus Übersee und hatten nach einer langen Reise die Freie und Hansestadt Hamburg erreicht, die Königin der Hafenstädte. Wer von dort nach Themar kam, wurde besonders beneidet. Denn in Hamburg gab es nicht nur feine Leute und mehrstöckige Kaufhäuser, sondern vor allem ein berühmtes Bordell, das ganz anders war als die billigen Absteigen sonstiger Hafenmetropolen. Obwohl es eingerichtet war wie ein Hotel erster Klasse, fanden selbst Leichtmatrosen aus Ostfriesland dort Aufnahme, sofern sie ihre Heuer noch beisammen hatten. Freilich mussten sie sich zunächst in einem der Bäder des Hauses ausgiebig reinigen. Erst danach erwählte man sich die Dame des Abends und stillte das lange gezügelte Begehren.
Wer aus Hamburg kam, der hatte zwar oft kein Geld mehr, konnte aber von einer Liebe berichten, für die man gern bezahlt. Auch die abenteuerliche Reise der Zigarrenkiste Pepe hat mit diesem Ort käuflicher Lüste zu tun.
Aber beginnen wir die Geschichte an ihrem Anfang:
Pepe wurde am 26. April des Jahres 1921 in Rio von dem achtfachen Familienvater Julio gefertigt, und zwar aus sehr dünnen Brettchen, die in einem neu entwickelten Verfahren gefalzt, geklebt und schließlich am Deckel mit Messingbeschlägen verschraubt wurden. Julio hatte darin eine solche Fertigkeit entwickelt, dass er pro Tag an die zwanzig Kistchen mehr herstellte als seine Kollegen. Deshalb konnte er sowohl seiner drallen Frau wie auch seinen dunkeläugigen Kindern manche Freude bereiten, freilich in sehr bescheidenem Maße, denn der Lohn war karg und nur die Firmenbosse wurden fett.
Julio stellte das fertige Produkt auf ein Förderband. Nun konnte die runde Maria mit einem geschickten Griff genau achtzehn dicke Zigarren in das Behältnis legen, es verschließen und mit einer roten, bedruckten Banderole bekleben. Am Ende wurde die brasilianische Herkunft durch einen Echtheitsstempel bestätigt, den ein Herr vom Zoll mit bedeutungsvoller Miene aufdrückte.
Pepe war die zweiundvierzigste Kiste, die vom geschickten Julio an diesem 26. April 1921 fertiggestellt, von Maria verschlossen sowie von der Staatsmacht gestempelt wurde. Ein ganzer Fuhrpark langer Kutschen wartete schon auf dem Hof, so dass Pepe ohne Verzögerung zu einem stolzen Segelschiff namens „Antonia“ transportiert werden konnte. Zur Besatzung gehörten: der feige Kapitän Jens Leid, der versoffene Steuermann Per Bodenstein, der Schiffskoch Bodo Belter und nicht weniger als 16 Leichtmatrosen, darunter Fritz Teumer, und natürlich der Schiffsjunge Martin Winter, der in unserer Geschichte noch eine herausragende Rolle spielen wird, ein Waisenknabe aus dem Allgäu, der im Gegensatz zu zwei Dritteln der Besatzung die kommende Tragödie überlebte.
Schiffsjunge Martin und Leichtmatrose Fritz freundeten sich bereits am Anfang der langen Seereise an. Beide waren aus einer bösen Kindheit gekrochen und hatten nun tollkühn ihr Schicksal in die eigene Hand genommen.
Während eines windstillen Tages erzählte Martin seinem väterlichen Freund vom Waisenheim „Theodor Fontane“, dessen menschenverachtende Pädagogik den Ruf des unschuldigen Dichters in den Herzen der Kinder gründlich ruiniert hatte. Von entsetzlichen Strafen berichtete Martin dem erstaunten Fritz: Vom Barfußlaufen im Schnee und den Nächten, die man stehend im stillgelegten Kamin des Südflügels verbringen musste. Außerdem erzählte Martin von jenen Dingen, die der Herr Direktor mit einigen Mädchen machte, wenn sie zwar erst zwölf, aber schon erblüht waren. Fritz Teumer, der sich Kinder wünschte, spuckte dreimal aus.
„Schiffsratten allesamt“ fluchte er laut und schwor eine Rache, die er nicht mehr vollstrecken musste. Der Herr Direktor starb wenig später an einer Pilzvergiftung. Er hatte die Todsünde begangen, eines seiner Mädchen in der Küche anzustellen, als es für seine Gelüste schon zu alt war.
„Die Herren Großmäuler sind das schlimmste Saupack in dieser verkommenen Zeit“, fluchte der Leichtmatrose.
Nun hatte die Erwähnung des Missbrauches in dem liebestollen Fritz aber ein heißes Begehren entfacht. Er begann, dem Schiffsjungen Martin von dem herrlichen Haus der Freuden in der Hamburger Innenstadt zu erzählen. Er pries die bildreichen Tapeten und schwärmte davon, dass die Betten immer sauber rochen.
Außerdem fände man stets Sekt und Salziges auf den Tischchen. Am wichtigsten allerdings sei, dass die Dame eigener Wahl immer zwei geschlagene Stunden für ihren Liebhaber Zeit habe. Das alles sei in dem stolzen Preis enthalten. Drei Viertel seiner Heuer müsse man dort hinlegen, sagte Fritz mit leuchtenden Augen. Er fahre also von hundert Seemeilen fünfundsiebzig nur für diese zwei fröhlichen Stunden. Aber das sei es ihm allemal wert.
Der jungfräuliche Martin hörte mit fiebrigem Gesicht zu.
„Dann ist es also unmöglich vom Lohn des Schiffsjungen“, sagte er traurig. Aber sein Freund Fritz wusste eine Lösung.
„Halt mir den Rücken frei!“, sagte er und stieg in den Laderaum hinab. Dort war eine Wache aufgestellt, Alois, ein versprengter Bayer mit Liebe zur See.
„Alois“, sagte Fritz, „ich sing dir die Bayrische Hymne, wenn du mir ein einziges Kistchen voller Zigarren überlässt.“
Alois, der Sehnsucht nach der See hatte, wenn er in Pasing war und Sehnsucht nach Pasing, wenn er auf den Meeren segelte, schwankte kurz in seinem Entschluss. Mit Geld war er nicht zu bestechen. Mit Musik schon.
„Aber du nimmst eines aus der hinteren Reihe“, sagte er, „da fällt es nicht so auf.“
Nun sang Fritz Teumer, der Ostfriese, die Hymne der Bayern, und dem träumerisch veranlagten Alois rollten die Tränen über die Wangen.
„Da sieht man das ganze Gebirg’ vor sich stehen“, stöhnte er und winkte den Sänger nach hinten. Der griff fröhlich zu und hielt das Zigarrenkistchen Pepe in der Hand, das den Beginn unserer Geschichte bildete, weil es im Morgenrothschen Hause steht bis auf den heutigen Tag.
Alois, den wir noch weinend vor uns sehen, hat das Gebirg’ nicht mehr erblickt. Fritz dagegen, der glücklicherweise überlebte, kam nun mit dem Kistchen nach oben und versteckte es unter einem losen Brett in seiner Kajüte.
„Dafür bekommst du deine zwei Stunden“, sagte er zu dem Schiffsjungen Martin, der sich nun in einem Zwiespalt zwischen Vorfreude und Furcht befand, denn er hatte noch keinerlei Erfahrungen im Rätselreich sinnlicher Liebe. Also ließ er sich von dem kundigen Fritz allerlei Erklärungen geben, wobei der Leichtmatrose merkwürdigerweise ein wenig kurzatmig wurde.
In jene etwas schwüle Unterrichtsstunde krachte die erste Kugel aus der Kanone eines portugiesischen Piratenschiffes. Sie riss den Leichmatrosen Bernhard Polt vom Mast und trennte seinen Kopf vom Rumpf, wobei nur letzterer auf die Planken stürzte. Als man an die eigenen Geschütze eilte, war es im Grunde schon zu spät. Der zweite Treffer führte innerhalb weniger Minuten zu einer ordentlichen Schlagseite. Backbord ließ der feige Kapitän gemeinsam mit dem betrunkenen Steuermann ein Boot zu Wasser. Während die Besatzung in Panik durcheinander rannte, sagte der schlaue Fritz zu seinem jungen Freund Martin: „Es ist Zeit, zu gehen.“
Er holte seinen Schiffssack und verstaute das Kistchen Pepe fachgerecht darin. Dann ließen sich Fritz und Martin an Seilen herab ins Boot. Der Kapitän war zu dick, sie abzuwehren, der Steuermann zu besoffen. Fritz und Martin kämpften sich ans Ruder. Bald jagten sie durch Pulverdampf und aufkommenden Abendnebel aus Sichtweite der Piraten und nahmen Kurs auf ein Eiland, von dem sie nur hoffen konnten, dass es nicht das Zuhause der Seeräuber war. Der betrunkene Steuermann war inzwischen rittlings über Bord gegangen und sofort gesunken.
Pepe, das Zigarrenkistchen, spürte die Gefahr der Stunde, denn bei Nässe stirbt jede gute Zigarre einen grausamen Tod. Mehrere hundert Kameraden, deren Umladen in das Piratenschiff nicht mehr gelungen war, erlitten gerade dieses entsetzliche Schicksal. Aber Pepe wurde durch die erotischen Sehnsüchte eines hübschen, aber noch unerweckten Schiffsjungen gerettet.
Als sich das Gemisch aus Nebel und Pulverdampf lichtete, sehen sie die Insel, ein tellerflaches Ding ohne Vegetation.
„Grundgütiger!“, rief Fritz, „Nicht mal Wasser wird man dort finden.“
Nun war der Kapitän zwar feige und ohne jedes Pflichtgefühl, hatte aber eine ganze Seekarte im Kopf, was sich jetzt als höchst nützlich erwies. Mit etwas Glück navigierte er die kleine Besatzung tatsächlich in einen sicheren Hafen. Hier erzählte er einem Kollegen die furchtbar erlogene Geschichte seines heldenhaften Kampfes gegen das elende Seeräuberpack. Fritz Teumer spuckte dreimal aus, beschloss aber ansonsten, sich nicht weiter darum zu kümmern und heuerte zwölf Tage später gemeinsam mit dem Schiffsjungen Martin bei einem englischen Frachter an, der seine Ladung im Hamburger Hafen löschte.
Dort kamen die beiden Freunde am 11. Mai 1921 glücklich an. Im Gepäck hatten sie die Heuer eines Leichtmatrosen und Pepe, das Zigarrenkistchen. Der Schiffsjunge Martin sah den Hamburger Hafen zum ersten Mal. Er zählte die Zwölfmaster und die gewaltigen Dampfschiffe. Er sah den Männern bei ihrer schweren Arbeit zu und entdeckte die ersten leichten Damen, hochbeinig und mit bemalten Augenwimpern.
„Davon lass die Finger und was du sonst noch so hast!“, knurrte Fritz.
Dann warf er sich den Seesack über die Schulter und lief davon. Martin, der Schiffsjunge, hätte sich gern noch ein bisschen umgesehen. Die Bierkutscher standen in langer Reihe und warteten.
Riesige Werbeschilder prangten von den Wänden: „Schneeweiß – der Gardinenkönig: Sicher, sauber, schnell“, hieß es da. Oder, in dicken Buchstaben: „Der Motor machts – Rothstein und Söhne: Mit uns kommen Sie um die Welt!“
Fritz saß etwas abseits und wartete. Er behielt seinen jungen Freund immer im Auge. Und da, tatsächlich, eine der knapp bekleideten Damen ging direkt auf Martin zu: „Na, Kleiner, gerade angekommen?“
„Ja, eben in diesem Moment“, erwiderte Martin, der sie gar nicht wahrnahm, weil er den Hafen in den Augen hatte.
„Bist du zum ersten Mal in Hamburg?“
„Ja“, sagte er, „hier ist die ganze Welt beisammen, nicht wahr?“
„Sicher“, sagte sie, „und alles Schöne auch. Du bist noch so jung. Für dich mache ich einen Sonderpreis.“
Jetzt erst blickte Martin sie an, eine korpulente Dame, die seine Mutter hätte sein können.
„Tut mir leid“, stotterte er verlegen, „mein Freund sagte ...“ Aber da war Fritz auch schon zwischen ihnen.
„Komm, Junge, wir sind besseres gewohnt“, sagte er.
„Elender Sauhund“, fluchte die Frau und schickte noch eine erstaunlich reichhaltige Kanonade an Schimpf- und Schandeworten hinter ihnen her: „Schiffsratten, elende! Pestbeulengesichter! Eunuchenpack, versifftes! Schweinebande! Scheißkerle ...!“ Martin hörte die Tiraden noch, als sie schon um die Ecke gebogen waren.
„Jetzt geht es ihr wieder besser“, sagte Fritz trocken.
Es wurde dunkel, und die Geschäfte zeigten ihre beleuchteten Auslagen: Der Juwelierladen mit seinen funkelnden Kostbarkeiten, das Haus des Hutmachers Paroli, in dem gerade umdekoriert wurde. Das Pralinengeschäft Mayer, aus dem es so süß duftete, und schließlich das amerikanische Kaufhaus, in dem es vom Hausschuh bis zum Pelzmantel nicht weniger als alles gab.
Jetzt wurde es lauter. Straßenbahnen kreischten und die Marktschreier am unteren Ende konnte man auch schon hören:
„Bananen bester Qualität, frisch aus Übersee! Einen Groschen billiger als gestern. Brezeln, frische Salzbrezeln!“
„Wiedergeburt“, schrie eine heisere Männerstimme, „das Haarwuchsmittel mit Erfolgsgarantie!“
„Hier gibt es reinweg alles“, sagte Fritz zu seinem staunenden Freund, der nur so dahintaumelte vor Schaulust. Die Straßenlaternen flammten auf, große, milchgesichtige Ballons, die über den Menschen hingen. Ein Kriegsversehrter hockte am Brunnen und verkaufte Schwefelhölzer mit seiner verbliebenen Hand.
„Es ist der Unterschied“, murmelte Fritz, „er macht einen so meschugge, Kleiner. Der Unterschied.“
Martin wusste nicht, was sein Freund meinte, aber er ahnte es natürlich.
„Gerade Seeleute verstehen es oft nicht“, begann Fritz wieder, „sie fahren Monate auf den einsamen Meeren herum. Dann kommen sie nach Hamburg. Die erste Hure nimmt ihnen schon die Hälfte der Heuer für einen elend schnellen und lieblosen Dienst. Dann kommen sie hierher, werden aufgesogen und ausgepresst, versinken in all dem Überfluss und kommen leer wieder nach oben wie eine Flasche, die sich unter Wasser verschüttet hat. Schon nach der ersten Nacht haben sie keinen Groschen mehr in der Tasche. Dann nehmen sie irgendeine Schinderarbeit am Hafen an oder fahren gleich mit dem nächsten Kahn wieder ab. Es ist der Unterschied, Kleiner! Er raubt dir die Vernunft. Merk’ dir das!“
Sie bogen in eine Seitenstraße ein. Die Schaufenster wurden kleiner: Ein Schuster, ein Schneider und die Leuchtschrift des Messerschmiedes Dörfer in dritter Generation.
„Da drüben ist es!“, sagte Fritz feierlich.
Martin war ein bisschen enttäuscht. Von außen machte das Haus nicht viel her: Kleine Fenster, vor denen blaue Gardinen hingen, eine schwach beleuchtete Tür und ringsum keine Menschenseele.
„Wir sind noch etwas früh dran!“, sagte Fritz. „Erst ab zehn geht es so richtig los. Aber wir können schon unsere Karten holen.“
Sie schritten forsch in die Empfangshalle. Auf dem Teppichboden konnte man allerlei Badeszenen beobachten. Martin lief gedämpften Schrittes auf den Bildern nackter Damen und Herren herum. Fritz kümmerte sich inzwischen um das Geschäftliche.
„Die Herren wünschen sich zu amüsieren?“, fragte eine Dame in die Untiefen ihres Dekolleté hinein.
„Jawohl“, sagte Fritz Teumer, der Leichtmatrose und hinterlegte das geforderte Geld. Nun bekam er eine Karte mit Bändchen an der Seite.
„Und was ist mit dem verträumten Jüngling dort?“, fragte die Dame.
„Ein Anfänger, mit Verlaub!“, sagte Fritz. „Geld hat er kaum, aber mit dieser kleinen Kostbarkeit wird es schon gehen, nicht wahr?“ Die Dame nahm das Kistchen Pepe in die Hand und prüfte das Gewicht.
„Ihr Kerle habt doch keine Bambushölzchen drin?“
„Wo denken Sie hin!“
„Man erlebt hier so manches, mein Lieber. Ich habe schon eine vollständig versiegelte Flasche Champagner entgegengenommen, in der nichts als Seifenwasser war. Nun gut, der Kleine muss es sowieso mit seiner Erwählten selbst aushandeln. Gib ihm die Kiste zurück!“, sagte die Vollbusige und händigte die zweite Karte aus.
„Junge, das sind doch nur Bilder!“, sagte Fritz zu seinem in den Fußboden versunkenen Freund. „Das kommt alles noch viel besser. Hier, nimm!“
Und so kam das Zigarrenkistchen Pepe in den Genuss, das erlesenste Freudenhaus der Freien und Hansestadt Hamburg kennen zu lernen. Es schritt mit dem verklärten Martin durch den Saal. Dort saßen allerlei elegant gekleidete Herren und rauchten Pfeife oder lange Zigaretten. Auch ins Casino schlenderte Fritz mit seinem Freund, wo die Großkopfer, wie er sagte, ihr Geld verspielten. Die Herren saßen an einem riesigen Tisch und starrten so fiebrig auf den Lauf der Kugel, als ob ihr Schicksal davon abhinge.
„Der Reeder Emsmussen hat hier im Laufe der Zeit seine neun Schiffe verloren und sich dann im Stadtpark aufgeknüpft. Spielen ist noch schlimmer als Saufen. Lass am besten von beidem die Finger!“
Wir sehen bewundernd: Fritz Teumer war seinem jugendlichen Gefährten ein wirklich guter Freund. Er bemühte sich, ihn vor dem Schlimmen zu bewahren und zum Schönen zu verführen.
Das Schöne war freilich noch nicht da. Es war gerade mal acht und die Damen marschierten erst Punkt Zehn in einer langen Parade ein. Aber die so genannten Badenixen arbeiteten schon. Gegen ein kleines Trinkgeld massierten sie sogar die müden Schultern und Rücken. Sie trugen hochgeschlossene Kleider und ließen sich auf keinerlei Wünsche eines verfrühten, durch Baddämpfe und eigene Nacktheit erwachten Begehrens ein. Im Badesaal war um diese Zeit noch wenig los. Martin hatte zunächst Probleme mit dem Entkleiden, denn es bestand noch eine beträchtliche Unausgewogenheit zwischen seinem männlichen Sehnen und seiner kindliche Scham.
„Das erste Mal?“, fragte eine Frau, die schon jenseits der mittleren Jahre war.
„Ja, sozusagen.“
„Delegiert?“, fragte sie.
„Bitte?“
„Ob du vom Vater geschickt worden bist, Kleiner?“
„Ich habe keinen Vater.“
„Ach so, weißt du, die vermögenden Väter schicken ihre Söhne gern zu uns. Sie sollen das Handwerk von Professionellen lernen. Und nun setz dich da rein! Es dampft zwar ordentlich, aber du wirst dich nicht verbrühen.“
Martin ließ sich in das Schaumbad fallen. Es war wunderbar. Nicht weit von ihm sang Fritz Teumer aus vollem Halse die Hymne der Bayern, die noch vor wenigen Tagen der gerührte Alois unter allerlei Tränen gehört hatte, bevor er gemeuchelt auf den Meeresgrund sank, wo er das Gebirg’ nun endgültig nicht mehr sehen wird.
„Na, wie ist es?“, rief Fritz, als er seinen Gesang beendet hatte.
„Wunderbar“, erwiderte Martin aus dem Schaum heraus, „aber sie hat meine Sachen fortgetragen.“
Fritz lachte: „Die bekommst du schon zurück. Nach der Wanne geben sie einem immer Bademäntel. Die muss man sich später, wenn die Bescherung kommt, nicht einmal selbst ausziehen.“ Martin verspürte wieder dieses flaue Gefühl in der Magengegend. Man konnte sich furchtbar blamieren bei diesen Dingen.
„Hier Kleiner, ich leg alles auf den Stuhl“, sagte die Badedame.
„Deine Zigarren stehen auch dabei. Du lässt sie wohl niemals aus dem Auge?“
„Ich brauche sie zum Bezahlen!“
„Das dachte ich mir. Mach’ sie nicht nass, sonst gehst du heute Abend leer aus!“
Das Zigarrenkistchen Pepe hörte die Bewegungen des Wassers, das Singen des Leichtmatrosen, der nun zu frivolen Seemannsliedern überging, und das Lachen der beiden Damen, die etwas abseits saßen. Irgendwann brachten sie den Herren große Handtücher, massierten sie mit einem Duftöl, das die Atmung beschleunigte, und gaben ihnen lange, weiße Bademäntel mit tiefen Taschen, in die nun das Zigarrenkistchen Pepe wanderte. Es ging auf halb Zehn, und die ersten Herren aus dem Billardzimmer trafen ein. Sie schauten etwas abschätzig auf Fritz und Martin in ihren sorgfältig geschlossenen Morgenmänteln und setzten sich auf die andere Seite.
„Saupack, elendes!“, knurrte Fritz und verbat sich, auszuspucken.
„Wenn du einmal reich wirst, Kleiner, dann bleib immer auf deinem Korridor. Mach’ es nicht so wie die da drüben!“
Jetzt traten die ersten Tänzerinnen auf. Sie warfen die Beine in die Höhe und bückten sich rittlings, die Röcke über den Rücken nach oben schleudernd.
„Das sind nur die Anheizerinnen!“, sagte Fritz.
Die Herren aus dem Spielcasino trafen ein, sofern sie nicht, vom Spiel berauscht, die ganze Nacht hocken blieben. Die Kapelle spielte einen Tusch, die Tänzerinnen verschwanden und nun war es kurze Zeit still. Nur die Ungezogensten riefen Unflätiges, wurden aber sogleich ermahnt. Es war ein bisschen wie Weihnachten im bürgerlichen Heim: Die Spannung riss an der Stille, die Erwartung machte das Atmen schwer. Die weiße Garde in ihren Bademänteln, fast alle von irgendeinem stolzen Schiff im Hamburger Hafen ausgespuckt, verknotete die Hände, bis sie weiß wurden. Amor, der Geiger, fiedelte mancherlei jauchzenden Ton und endlich, endlich zogen die Damen ein. Jetzt begannen die Bravorufe, die Pfiffe und das Gejohle. Einige klatschten, andere hatten die Hände nicht frei. Die Herrlichkeiten betraten die Bühne, eine nach der anderen, bis sie in einer langen Reihe standen und hinabwinkten. Alle trugen hohes Schuhwerk, das die Beine noch mehr streckte, die ja ohnehin bis zu den Bäuchen langten. Einige verrauschten sich in durchsichtigen Strümpfen, die auf halber Höhe der Oberschenkel endeten.
Die nackten Hälse zeigten wie Finger nach unten, wo die Brüste durch aufgeklebte Goldsterne mehr verziert als verdeckt wurden.
„Kruzitürkennochemol!“, rief Fritz Teumer im Dialekt des verblichenen Alois. „Hat sich die ganze Schinderei doch wieder gelohnt!“ Martin, unser Schiffsjunge mit Pepe in der Tasche, bestaunte die Bäuche der Damen, auf die man Zahlen gemalt hatte. Von der 1 bis zur 42 war mancherlei zu sehen: ganz Schlanke fast ohne Wölbung, richtig Fette, deren Wülste überhingen, und natürlich auch die dazwischen, denen das Schicksal die göttliche Idealziffernkombination geschenkt hatte.
„Siehst du die 17?“, flüsterte Fritz. „Das ist Helene. Die hatte ich beim letzten Mal. Ein bisschen albern, aber sehr eifrig, Die könnt ich dir empfehlen.“
Die ersten Herren riefen ihre Nummern. Hier musste man schnell sein. Die Nummer 21 beispielsweise war sofort weg. Ein blondes Traumweib mit Beinen, die bis zum Himmel gereicht hätten, wären sie nicht von anderem aufgehalten worden. Auch die 9 hatte keine Not, sich zu verdingen. Ein reiferer Herr mit Monokel zog mit ihr davon.
„Die wird nicht viel Freud’ haben mit dem Gockel da!“, sagte Fritz ärgerlich. Er hätte die 9 auch gern gehabt. Jetzt nahm er halt die 12, schwarzhaarig, voll in den Hüften und oben herum das Gebirg’ des verstummten Alois.
„Du musst dich ranhalten, mein Junge“, sagte Fritz im Gehen, „am Ende stehen nur noch die Ladenhüter im Schaufenster.“
Aber Martin hockte trockenen Mundes wie festgeklebt auf seinem Stuhl. Er hatte ein zartes Mädchen mit wunderschönen Augen entdeckt, kaum älter als er selbst. Auf der Bühne standen nur noch siebzehn Damen. Martin fürchtete bei jedem weiteren Ruf, nun werde Nummer 31 wohl erwählt. Aber sie blieb stehen, und endlich gab sich Martin einen kräftigen Stoß, rief, so laut es ihm sein kratziger Hals erlaubte: „Einunddreißig.“
Da erschrak die Schönäugige ganz entsetzlich. Sie sah mit ihren flehenden Augen zu ihm hin. Aber er war schon aufgestanden, um sie zu holen, seinen Preis des Abends. Und so ging sie mit ihm. Auch das Zimmer, in dem sie verschwanden, war die 31. Es gab ein breites Bett darin, ein Tischchen mit Gebäck und Wein, einen Kleiderständer und die gedämpfte Lampe. Martin setzte sich.
„Es tut mir leid“, sagte er, „ich bin zum ersten Mal hier und kenne die Gepflogenheiten nicht. In Wahrheit war ich überhaupt noch nie mit einer Frau zusammen. Mir fehlt die Erfahrung in diesen Dingen.“
Jetzt erst wagte er aufzublicken.
„Mir auch“, sagte die Zarte leise.
„Aber Sie sind doch hier angestellt!“, sagte Martin verwundert.
„Ja, seit Montag, aber es hat mich nie jemand genommen, und mir wars recht so.“
Martin blickte auf, sah ganz tief in die braunen Pupillen hinein und verliebte sich zum ersten Mal in seinem jungen Leben gleich dermaßen heftig, dass ihm ganz schwindlig wurde. Er nahm die Decke und legte sie dem Mädchen um die Schultern. Jetzt war ihr kleiner Sternenbusen ebenso bedeckt wie die schlanken Beine. Martin griff verlegen in die Tasche, wo er auf Pepe, das Kistchen stieß, einen Voyeur wider Willen.
„Das habe ich als Bezahlung mitgebracht“, sagte er. „Rauchen Sie?“ Sie lachte: „Auch darin bin ich noch unschuldig. Bei uns im Heim war es streng verboten.“
Plötzlich sah der Schiffsjunge Martin das Waisenheim „Theodor Fontane“ wieder vor sich und wurde hellhörig.
„Sie waren auch im Kinderknast?“
„Ja, sozusagen.“
„Dann verbindet uns ja doch etwas. Im übrigen bin ich Martin Winter, der Schiffsjunge.“
„Angenehm“, sagte sie, „Irene Friedenthal. Verhinderte Prostituierte.“
Sie sahen sich lachend in die Augen, und plötzlich begann in Zimmer 31 ein langes, bitteres und doch unerhört vertrautes Fragen und Antworten, Kichern und Schluchzen und vor allem ein heißes Verlieben in den gequälten Herzen. Als die zwei Stunden verstrichen waren und draußen der Gong ertönte, da saß das Mädchen Irene noch immer dicht bei dem Schiffsjungen Martin, in die Decke gehüllt, jungfräulich beide nach wie vor, aber glücklicher als alle anderen in diesem freudenreichen Haus. Pepe hatte mancherlei gehört, aber wenig gesehen und wars zufrieden. Was interessiert sich ein Zigarrenkistchen auch für die fleischlichen Dinge?
Fritz Teumer, der selige Leichtmatrose, hockte schon fertig angezogen da, als Martin mit der schönäugigen Irene kam.
„Aber Kumpel“, sagte Fritz, „du darfst die Dame des Abends doch nicht einfach mitnehmen. Wo denkst du hin?“
„Mach ich aber“, sagte Martin übermütig, „und vielen Dank für alles!“
Fritz sah ihn entgeistert an: „Die Lust hat dich doch nicht zum Narren gemacht, mein Freund?“
„Wenn schon, dann die Liebe!“, erwiderte Martin, seine Irene fest im Arm haltend.
„Hast du denn nicht ...“
„Nein, wir mussten einfach zu viel reden.“
„Und die Zigarren?“
„Die sind noch da“, sagte Martin.
Nun wurde Pepe mitten im Hamburger Nobelbordell geöffnet, denn man findet hier genügend Abnehmer für brasilianische Zigarren.
Bis auf eine einzige wurde Pepe leer gekauft und das verliebte Paar beschloss nun in seinem fröhlichen Übermut zu verreisen. Am Bahnhof las man einander allerlei mögliche Ziele laut vor: Hameln, Querfurt, Rothenstein. Aber am verheißungsvollsten klang Sonneberg in Thüringen. Als Martin zum Fahrkartenschalter ging, erklärte man ihm dort, dass sein Geld nicht bis Sonneberg reichte. Man könne auf dieser Strecke allenfalls bis Themar kommen.
Das klang zwar vom Namen her nicht so schön, wie es dann in Wirklichkeit war, aber die beiden Hochverliebten waren in so ausgelassener Stimmung, dass sie nun eine Fahrkarte von Hamburg nach Themar lösten. Martin bestaunte die riesige Dampflok ausgiebig und plauderte mit Lokführer Ludwig. Am Ende stellten beide erfreut fest, dass die Bahn einen unbestreitbaren Vorteil hat: Sie kann nämlich niemals untergehen.
Die zarte Irene, die vollständig angezogen viel bezaubernder aussah als unter ihren Goldsternen, schenkte dem Lokführer Ludwig die letzte Brasil, so dass unser Kistchen Pepe nun leer, aber durchaus sehr erleichtert war.
Auf der langen Fahrt mit mehrmaligem Umsteigen schmiegten sich die beiden Liebenden aneinander. Die schöne Irene legte ihren Lockenkopf auf Martins Schoß. Im benachbarten Abteil der dritten Klasse führte eine Bäuerin zwei Gänse in einem Käfig mit sich. Das Federvieh machte einen so entsetzlichen Lärm, dass Martin seine großen Hände über die Ohren der Liebsten legte, ihren Schlaf zu behüten. Er wusste schon damals, dass er sie beschützen musste – ihr ganzes Leben lang. Allerdings ahnte er noch nicht, wie nötig sie seine großen Hände einmal haben würde. Irene war nämlich Halbjüdin von Geburt, und es kamen bald die Jahre ganz anderer goldener Sterne in ihrem Leben. Sie wurden auf die Jacke genäht und bedeuteten das sichere Todesurteil. So fuhr Martin schließlich im Jahre 1937 noch einmal mit dem Schiff, und zwar mit Irene und den Kindern nach Amerika. All seine Ersparnisse langten nicht, aber es gab Menschen mit offenen Händen im kleinen Themar, den Schnitzer und den Geschäftsinhaber eines gewissen Kaufladens.
Aber so weit sind wir noch nicht.
Irene schlief noch, beschützt von einem Liebsten, den sie auf höchst ungewöhnliche Weise kennen gelernt hatte. Die Gänse stiegen jetzt aus und ein Offizier ein. Er schaute das Paar durch seinen Feldstecher hindurch an und eine kleine Sehnsucht regte sich in ihm. Aber seine Seele war bei Verdun gestorben und lag verschüttet in einem der eingestürzten Schützengräben.
Auch Martin war nun eingeschlafen. Das Kistchen Pepe stand neben ihm, leer an Zigarren, aber reich an Erfahrungen eines kurzen und doch ereignisreichen Lebens.
Der Zug rumpelte dahin. Manchmal pfiff die Lok laut auf. Ein andermal hörte man die Bahnschranken klirren. Im Ozean sank gerade das letzte Zigarrenkistchen, durch eine freundliche Strömung bisher immer in Bewegung gehalten, auf den Meeresboden hinab, wo schon Alois, der Bayer, und fünfzehn Leichtmatrosen ruhten. Nur den Schiffskoch hatten die Piraten mitgenommen, denn ihr Fraß war bisher schauerlich, und das rettete ihm das Leben.
In Erfurt stiegen Irene und Martin zum vorletzten Mal um. Irene streichelte Pepe ganz zart: „Mein Glückskistchen!“, sagte sie leise.
Die beiden Liebsten hatten noch niemals einen Tunnel passiert. Nun stürzten sie plötzlich in Finsternis, erschraken, hielten sich aneinander und lachten, als es wieder hell wurde.
Und so kamen sie schließlich in Themar an, ein leeres Zigarrenkistchen im Gepäck. Als sie vom Bahnhof aus Richtung Kirche gingen, da standen sie plötzlich vor Morgenroths Haus. Pepe entdeckte in der Auslage einen Bruder, das Zigarrenkistchen Rio, das schon vor einem halben Jahr angekommen war.
„Ich habe noch drei Pfennige“, sagte Irene, „wir wollen sehen, was wir dafür bekommen können.“
Im Laden standen zwei Männer in sägemehlweißen Latzhosen. Sie drehten sich natürlich um, denn die Liebe kommt auch hier nicht jeden Tag so fröhlich hereinspaziert. Die eifrige Frau Morgenroth fragte nach dem Begehr und Irene legt das letzte Geld auf den Ladentisch.
„Ich hab da auch noch ein leeres Zigarrenkistchen“, sagte Martin.
„Hm“, murmelte Frau Morgenroth „nun gut. Als Behältnis immer willkommen.“
Sie kochte Kaffee, belegte einige Brote mit Wurst und schaute zufrieden, als die beiden aßen. Dann holte sie den Kuchen vom Sonntag und Martin aß ihn ganz allein auf, denn Irene war immer viel zu schnell satt. Als die beiden schließlich hinter einem der Arbeiter herzogen, weil er ein Zimmer für sie hatte und Arbeit für den kräftigen Martin, blieb das Zigarrenkistchen Pepe endgültig zurück. Aber wenn Irene später in Morgenroths Haus kam, um einzukaufen, dann warf sie stets einen dankbaren Blick auf Pepe.
Als sie im Jahr 1937 mit der Bahn nach Hamburg zurückreisen und nach Amerika auswandern mussten, weil es Martin glücklicherweise so wollte, sagte Irene zu den traurigen Morgenroths:
„Ich komme wieder. Hebt mir den Kleinen auf!“
Und die tüchtigen Ladeninhaber nickten, allerhand Tränen in den Augen. Es war nach der kalten Nacht der Kristalle, als der Mob sich austobte und mit Lust brandschatzte. Der kluge Martin, einst Schiffsjunge und verhinderter Liebhaber, erkannte die Unheilszeichen der Zeit und handelte. Diesmal hatten sie den treuen Pepe nicht im Gepäck, aber sie hatten einander, die Kinder und allerlei Erinnerungen, die eine Rückkehr versprachen. In Themar wartete eine Tischlerei, ein Kaufmannsladen und eine gut gehütete Zigarrenkiste, die der dreijährige Kaufmannssohn Arnd Morgenroth im Jahre 1945 zum ersten Mal ganz bewusst wahrnahm. Dass er daraufhin sofort „Pepe“ sagte, ist nur ein Gerücht, aber ein sehr liebenswertes.
Irene, Martin und die Kinder Johanne, Annemarie und (wir erinnern uns, aus welchem Grunde:) Fritz kehrten im Jahre 1952 zurück nach Themar und zu Pepe, dem alten hölzernen Kameraden in Morgenroths Haus.
Warum? Weil diese Geschichte einen guten Schluss haben muss. Basta und Pepe!
Mannsbilder im Freibad
Schaut euch das mal an“, sagte Ulli, „fünfzig laufende Meter Unterwäsche.“
Frank pfiff ordentlich durch die Zähne, denn fünfzig laufende Meter Unterhosen, Seidenstrümpfe und manches mehr auf einer Wäscheleine unweit der Ladestraße, das ist schon was. Selbst wenn es eigentlich nur zwölf Meter waren.
„Und wo sind die BHs?“, fragte ich.
„Die hängt sie nicht raus! Die müssen auf dem Dachboden trocknen.“
„Aber bei der Tochter des Bürgermeisters nicht.“
„Nein“, sagte Frank, „bei der hängen sie zwischen den Obstbäumen.“
Die Tochter des Bürgermeisters hieß Ellen und war das unerreichbare Ziel unserer verfrühten Männersehnsüchte. Sie hatte alles, was man sich mit zwölf Jahren erträumt.
„Ich hab sie schon mal fast nackt gesehen“, sagte ich.
„Ja, ja, die Geschichte kennen wir schon.“
„Sie hatte ja noch was an!“, maulte Andreas.
„Nur ein rotes Höschen und einen Büstenhalter.“
„Toller Erfolg, echt!“, spottete Ulli.
So ging das oft. Wir drangen nur bis in den Vorhof all der Geheimnisse, die sich mit den großen Damen verbanden. Frauen waren rätselhafte Fabelwesen, was ihre Körper betraf, Sirenen, die unentwegt lockten und dennoch keinerlei Erfüllung schenkten.
Auch die Mädchen in unsere Klasse waren zum Teil um Lichtjahre weiter und lachten uns aus, wenn wir beim Umziehen schief auf ihre Bäuche starrten. Sie schwärmten für Kerle aus der neunten oder zehnten Klasse, nicht für uns. Und wir berauschten uns an der drallen Tochter des Bürgermeisters, außerdem an Marion, die in käuflichem Ruf stand, und an Sebastians Mutter, Mitte dreißig schon, aber mit dem Körper einer Göttin gesegnet. Der Schöpfer hatte die Welt mit allerlei Reizvollem ausgestattet, unter anderem auch mit Lippen, Augenwimpern und Wölbungen unter engen Pullovern, die mehr versprachen als die Gleichberge bei Römhild. Die ganz Kecken unter uns behaupteten, alles schon zu wissen. Das waren die schlimmsten Lügenbolde.
„Die Marion machts mit den Kerlen für Geld“, meinte Ulli mit einem leichten Schaudern in der Stimme.
„Ja, das sagt man“, nickte Frank.
„Wir könnten sie ja mal fragen“, sagte ich.
Andreas war dagegen. Er war ja auch noch ein bisschen jünger als wir.
„Man muss doch nur bis zur siebenten Klasse warten. Dann kommt das in Bio dran!“, sagte er trotzig.
„Das geht doch nicht theoretisch.“
„Wieso nicht?“
„Weil mans machen muss, sonst hat es keinen Zweck.“
„Mein Bruder sagt, man muss dabei an Urlaub denken“, sagte Frank.
„Quatsch!“
„Doch, an Palmen oder so was eben. Sonst geht es nicht.“
„Große Brüder lügen bei solchen Themen immer“, behauptete Ulli.
„Die tun wer weiß wie und dann haben sie noch gar keine Frau gehabt.“
„Also, stimmen wir ab!“, sagte ich ungeduldig. „Wer ist dafür, dass wir Marion fragen? Wir können doch unser Taschengeld zusammenlegen, und wenn es nur für einen langt, dann gucken die anderen halt zu.“
Andreas war dagegen, Ulli wollte nur zuschauen. Also mussten Frank und ich es ausknobeln. Es erwischte natürlich wieder mich. Ich hatte ja auch den Mund zu voll genommen.
„Gut, und jetzt?“, fragte Frank.
„Jetzt bringen wir uns erst einmal in Stimmung!“, sagte ich.
„Was soll das denn nun wieder werden?“, fragte Andreas.
„Wir gehen ins Waldbad und schauen durch die Löcher in die Umkleidekabinen!“
„Das letzte Mal hast du uns den nackten Hintern unseres Mathematiklehrers gezeigt.“
„Gut, das war halt Pech. Diesmal klappt es besser.“
Wir liefen also in einem großen Bogen von hinten an das Themarer Waldbad heran. Dort, wo der Zaun am niedrigsten war, kletterten wir drüber und schlenderten auffällig sorglos über die große Liegewiese.
„Guck mal, die Brigitte!“ hauchte Ulli aufgeregt.
Tatsächlich, da lag die schöne Schlanke aus der neunten Klasse, ein Traumweib mit Beinen, so lang wie die heißen Gedanken daran.
„Sie liegt auf dem Bauch und der Rücken ist frei!“, stammelte nun sogar Andreas.
„Wenn die sich jetzt umdreht!“
Sie drehte sich aber nicht um. Die aufregende Brigitte las gerade in einer Romanzeitung und lag rückenfrei vor uns.
„Was glotzt ihr denn so?“, fragte sie unvermittelt, ohne auch nur einmal von ihrer Lektüre aufzublicken.
„Wir wollten nur ...“, stotterte Frank, aber es fiel ihm nichts ein.
„Macht die Mücke, Babys!“, sagte sie in hartem Befehlston, und wir gehorchten natürlich.
„Die spinnt wohl. So spricht man nicht mit einem Mann!“, sagte Ulli, als wir in sicherer Entfernung waren.
„Nee, mit einem Mann nicht“, spottete Andreas, „aber mit uns schon.“
„Du hast genauso hingeglotzt!“, maulte Frank.
„Hab ich nicht!“, behauptete Andreas.
Immerhin, es war ein richtiger Festtag für uns. Auf der linken Seite lag nämlich die Schwarzhaarige aus der Eisdiele, Waltraut, die Weiche. Ein bisschen zu füllig, aber immer an den richtigen Stellen.
„He, die Waldi ist auch da!“, sagte Frank.
„Ja, schon!“, erwiderte ich. „Aber wenn alle hier draußen rumliegen, dann kann ja nur noch der Magerquark in den Kabinen sein.“ Das war unser Wort für die Kleinen und Dürren, an denen man überhaupt keine vernünftigen Sichtstudien betreiben konnte.
„Jetzt sind wir einmal hier, da versuchen wir es auch!“, sagte Ulli.
„Klar“, meinte Frank, „wir verteilen uns. Wer einen Treffer hat, gibt Zeichen.“
Es war gar nicht so einfach, im Freibad einen Treffer zu landen. Es zogen sich ja nicht alle Damen gleichzeitig um, und die Auserwählten schon gar nicht. Man musste viel Glück haben.
Wir verteilten uns und schlichen von hinten an die Holzkabinen heran. Ulli hatte wieder Pech. Seine war leer. Andreas durfte den Bauch eines Klempners aus Reurieth bewundern, aber Frank hob den Daumen, während ich gerade vorsichtig mein rechtes Auge an einen ordentlich breiten Spalt legte. Man musste nämlich höllisch aufpassen. Die Damen konnten ausgesprochen brutal zu Werke gehen, wenn sie sich ertappt fühlten. Einmal war der kleine Bodo Binsenstein schreiend auf die Wiese gelaufen, das rechte Auge wild reibend. Ein Mädchen aus der Achten hatte ihm durch das Guckloch Shampoo in die Pupille gespritzt und der Bademeister spülte das Auge lange, bis die Schmerzen nachließen. Binsenstein musste nach Meiningen zum Augenarzt und war noch einige Tage der Dumme in der Schule mit seinem feuerroten Auge.
Frank hatte in seinem Sichtfenster eine halbnackte Mutter mit Kleinkind erwischt und die anderen wollten sie auch mal sehen. Reden durfte keiner, nur Zeichen geben oder Winken.
Ich blieb, wo ich war und spähte durch den Spalt. Als ich mich an das Dämmerlicht gewöhnt hatte, traute ich meinen Augen nicht: Patrizia Weihmann, die Mutter aller unzüchtigen Knabenträume, splitterfasernackt! Ich wollte die anderen herbeiwinken. Sie würden mir nachher sowieso nicht glauben bei all dem, was ich immer erfunden habe. Endlich kam wenigstens der Ulli angerannt und sah durch den Spalt. Ich dachte schon, er würde wieder sein blödes
„Sau, noch mal!“ herausbrüllen, aber er nahm sich glücklicherweise zusammen. Patrizia Weihmann rieb sich mit Sonnenöl ein. Das dauerte glücklicherweise eine ganze Weile. Sie fuhr mit ihren Fingern über alle möglichen Erdteile. Als die anderen endlich begriffen hatten, dass wir nicht schummelten, entbrannte ein mörderischer Kampf um den Durchblick zum Paradies. Selbst Andreas mischte nun mit. Das Ungestüme aber ist in solchen Momenten immer das Falsche. Und dann war es auch schon passiert.
„Saubande, elende!“, schrie Patrizia, die Göttliche, von innen. Dummerweise hatten wir nicht bemerkt, dass auf der anderen Seite Patrizias Beschützer wartete, fast zwei Meter groß und von entsprechenden Kräften. Der kam nun um die Ecke geflitzt. Frank floh nach hinten, Ulli und ich nach links, und so erwischte es Andreas, der wie versteinert stehen blieb. Er musste es nun ausbaden. Wir warteten in sicherer Entfernung. In solchen Fällen gibt es nur eine begrenzte Solidarität. Da muss jeder selbst klarkommen.
Jetzt bog auch noch Patrizia, in knappem Badeanzug, um die Ecke und mischte mit. Dem guten Andreas ging ordentlich die Muffe, das konnte man sehen. Es nutzte ihm jetzt auch nichts mehr, dass er als einziger dagegen gestimmt hatte. Abweichlern geht es irgendwann immer an den Kragen.
„Soll ich ihm die Birne einschlagen?“, fragte der Kerl triumphierend.
„Verdient hätte er’s ja, aber wir wollen gnädig sein. Wir stechen ihm nur die Augen aus“, sagte Patrizia.
Mein Freund Andreas wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Patrizias Liebhaber hatte nämlich tatsächlich ein Taschenmesser. Der Kerl fuhr mit der Klinge vom Bauchnabel bis zum Kinn.
„Wie heißt du?“, fragte er.
„Äh, äh, ich heiße Andreas.“
„So, in Zukunft heißt du blinder Andreas.“
„Aber das können Sie doch nicht machen!“
„So, kann ich nicht?“
Mir reichte es. Ich verließ das Gebüsch, die anderen folgten.
„Du lässt das jetzt!“, rief ich.
„Oh, da sind ja die anderen Spanner!“, sagte Patrizia. „Seid ihr wenigstens auf eure Kosten gekommen?“
„Es tut uns ja leid“, sagte Frank, „aber ein Staatsverbrechen ist das doch nun auch wieder nicht.“
„Nein, aber einen von euch müssen wir schon bestrafen, oder?“
Sie kam auf uns zu. Wir konnten gar nicht hinschauen. Wir hatten noch das andere Bild von ihr im Kopf.
„Es sei denn, ihr befreit ihn irgendwie aus dieser unangenehmen Lage“, sagte sie, dicht vor mir stehend.
„Das machen wir auch“, erwiderte ich kämpferisch. Andreas keuchte noch immer im Würgegriff des Riesen.
„Also, wer von euch Knalltüten hat genug Mut?“
Frank schaute zu Boden, Ulli kaute an seinen Fingernägeln.
„Tja, Kleiner, tolle Freunde hast du!“
Andreas schaute mich kurz an. Jetzt war es klar: Ich musste mich opfern. Sonst brauchte ich gar nicht mehr im ersten Stock Georgstraße 17 an die Tür zu klopfen. Das konnte ich mir dann für alle Zeiten abschminken. Also trat ich vor.
„Ich mach das.“
„Oh, doch ein Held! Na, dann wollen wir mal“, sagte Patrizia mit einem unheildrohenden Lächeln auf den tollen Lippen. „Siehst du die Frau da unten auf dem blauen Handtuch?“
„Die mit der Badekappe?“
„Ja, genau die. Kennst du sie?“
„Nö, nie gesehen.“
„Das ist meine Klassenlehrerin, ein fieses Raff, ein Ausbund an Gemeinheit. Sie hat ihre Lieblinge in der Klasse, die Streber und die Duckmäuser. Alle anderen sind am Arsch. Letzte Woche hat sie mir eine Fünf gegeben, obwohl ich fast alles richtig hatte. Du wirst
jetzt zu ihr gehen und ganz laut ‚fette, schmierige, alte Kuh‘ sagen.“
„Bist du verrückt geworden?“
„Toll, Patrizia, das ist echt fetzig!“, sagte der Riese plötzlich. „Das haut voll durch.“
„Aber die zinkt mich doch an!“, protestierte ich.
„Du musst dich entscheiden!“, lächelte Patrizia. „Der kleine Blinde wird es dir ewig übel nehmen, wenn du das Falsche tust.“
Das war natürlich nicht von der Hand zu weisen. Mein bester Freund Andreas, im Schwitzkasten und mit einer kühlen Klinge auf der Haut: Das war schon ein unschlagbares Argument.
Also ging ich langsam los.
„Und so laut, dass es alle hören können!“, sagte Patrizia. „Sonst gilt es nicht. Soll ich dir die Botschaft noch einmal vorsprechen?“
„Danke“, sagte ich, „das war nicht so schwer zu merken.“
Also lief ich schneller. Es hatte ja keinen Sinn, das Ganze in die Länge zu ziehen. Davon wurde es auch nicht besser. Also baute ich mich vor der Dame auf. Ich konnte ihren faltigen Körper sehen, den Hängebauch und die braunen Flecken darauf. Es konnte also gar nicht so schwer sein, zu ihr etwas ganz Gemeines zu sagen. Aber es war verdammt schwer. Ich sah mich um, entdeckte meine Freunde und blickte in das triumphal grinsende Engelsgesicht der schönen Patrizia. Dann sagte ich, so laut es mein zugeschnürter Hals erlaubte: „Sie fette, schmierige, alte Kuh!“
Bevor die Dame so richtig begriff, was geschehen war, hatte ich schon das Weite gesucht.
Darmowy fragment się skończył.