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Gungo Large - Spiel mir das Lied vom Troll

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Thomas Niggenaber
Gungo Large Spiel mir das Lied vom Troll

Impressum

Texte: © Thomas Niggenaber

Cover: © breakermaximus / Adobe Stock

Verantwortlich für den Inhalt:

Thomas Niggenaber

Stockumer Str.12

44225 Dortmund

Vertrieb: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

1

»Blöde Prärie!«, knurrte der Ork. »Öde, blöde Prärie!«

Merluzo Fuerte de la Raqueta – so der Name des grobschlächtigen, grünhäutigen Burschen – saß auf dem Gatter, welches die südlichen Weideflächen der Tolemak-Ranch begrenzte. Übellaunig und gelangweilt beobachtete er, wie langsam die Sonne hinter den Bergen weit im Westen unterging.

Die Schönheit dieses Naturschauspiels – die wundervollen Farben, die das Abendrot in den Himmel malte und die glutrot leuchtenden Berggipfel – beeindruckte den Ork allerdings herzlich wenig. Auch die faszinierenden, vielförmigen Schatten, welche sich ganz gemächlich über die endlos weiten Grasflächen ausbreiteten, waren ihm völlig schnuppe.

Er war halt, so wie die meisten Angehörigen seiner Rasse, weit davon entfernt, ein Schöngeist zu sein. Sein Interesse galt eher den einfachen Dingen des Lebens: Essen, Trinken, Schlafen und in besonderem Maße der exzessive Konsum von Kautabak. Nahezu ständig kaute er mit leidenschaftlichem Eifer auf dem schwarzen, in harte Riegel gepressten Kraut herum. Wenn er sich im Freien befand, war er meist schon nach wenigen Minuten von schwarzen, klebrigen Speichelflecken umgeben, die er achtlos in die Gegend gespuckt hatte. Meistens blieb dabei ein Großteil der nikotinhaltigen Masse an einem seiner beiden Hauer hängen. Wie bei all seinen männlichen Artgenossen ragten diese aus seinem weit vorgeschobenen Unterkiefer über seine Oberlippe hinaus und waren daher beim Spucken oftmals im Weg. Üblicherweise Stolz und Zierde eines jeden männlichen Orks waren seine Hauer deshalb auch eher unansehnliche, fleckige und kariöse Zahnruinen.

Doch das störte Merluzo Fuerte nicht. Er war ohnehin nicht das attraktivste Mitglied seiner Gattung. Obendrein gehörte Zahnpflege zu den unendlich vielen Dingen, an die er in seinem Leben noch nie einen Gedanken verschwendet hatte. Nachdenken gehörte generell nicht zu seinen bevorzugten Tätigkeiten. Es strengte ihn viel zu sehr an und nach einer Weile bereitete es ihm meist üble Kopfschmerzen.

An diesem Abend jedoch, welcher sich nun schwül-warm über das Land legte und bald schon von einem vollen, tief stehenden Mond erhellt wurde, verlangte Merluzo sich diese große Mühsal ab.

Warum er hier Wache schieben musste, das begriff er nämlich ganz und gar nicht. Wieso durfte er nicht wie die anderen Cowboys in den Unterkünften um seinen spärlichen Lohn pokern oder sich mit billigem Whisky betrinken? Noch nie hatte es eine Nachtwache auf der Tolemak-Ranch gegeben, weshalb war sie jetzt vonnöten? Wilde Tiere, die den Rindern hätten gefährlich werden können, gab es in diesem Teil des Landes kaum und wer sonst hätte es wagen sollen, sich am Eigentum von Colonel Don Athuro zu vergreifen? Einen der vermögendsten, einflussreichsten und mächtigsten Zwerge der verbündeten Reiche zu bestehlen, auf die Idee wäre wohl kein Viehdieb gekommen, der auch nur das geringste Interesse an seinem Weiterleben hegte.

Es gab also keinerlei Veranlassung für diese Vorsichtsmaßnahme – zumindest keine, die Merluzo mit seinen bescheidenen geistigen Fähigkeiten hätte erkennen können. Auch sein Vorarbeiter hatte ihm keine triftigen Gründe genannt, als er ihm diesen Auftrag erteilt hatte.

»Dieser Job ist wie geschaffen für so eine hässliche Hohlbirne wie dich«, hatte er stattdessen in seiner gewohnt freundlichen Art erklärt. »Also schieb deinen grünen, runzligen Hintern hinaus und halt die Augen offen.«

Merluzo tat fast immer, was man ihm sagte – Befehle befolgen ersparte ihm die unnötig anstrengende Denkarbeit. Deshalb saß er nun hier, ohne zu wissen warum und in Gesellschaft unzähliger Longhorn-Rinder, die hinter ihm auf der Koppel friedlich grasten, schliefen und hin und wieder ein leises Muhen von sich gaben.

»Blöde Rinder«, knurrte der Ork. »Öde, blöde Rinder.« Beinahe schon liebevoll tätschelte er dabei seine doppelläufige Schrotflinte, die in seinem Schoß ruhte. Diese Waffe bedeutete dem Ork sehr viel, wesentlich mehr als eine Waffe seinem Besitzer normalerweise bedeutet. Schon seit Generationen befand sich diese Flinte im Besitz der de la Raquetas. Sein Urgroßvater – seinerzeit einer der besten Büchsenmacher Enchicos – hatte sie einst aus Zwergenstahl gefertigt. Er hatte sie mit einem Kolben aus weißem, echtem Drachenknochen versehen und mit zahlreichen Ornamenten verziert, die sich über die zwei Läufe bis hin zum Schaft erstreckten.

Ein ebenso durchschlagskräftiges wie schönes Meisterstück hatte er so erschaffen, das die meisten anderen Waffen vergleichbarer Art in allen Belangen übertraf. Nach seinem Ableben hatte sein Sohn, Merluzos Großvater, die Flinte geerbt. Dieser wiederum hatte sie dann kurz vor seinem Tod Merluzos Vater vermacht.

Merluzo letztendlich hatte sie seinem Vater schlichtweg gestohlen. Die Angst vor der Vergeltung seines Vaters hatte ihn im Anschluss an diese Tat dazu bewogen, sein Heimatland Enchico zu verlassen und ein neues Leben in den verbündeten Reichen von Avaritia zu beginnen. Dass er sich seitdem für einen kargen Lohn als Hilfsarbeiter auf einer Ranch verdingen musste, das schien ihm ein angemessener Preis für den Besitz dieser Waffe zu sein. Denn sie verlieh ihm jene Selbstsicherheit, an der es ihm aufgrund seines Aussehens und seines arg begrenzten Denkvermögens oftmals mangelte. Außerdem konnte man mit ihr so wunderbar Dinge wegballern.

Merluzo grinste. Wegballern – dieses Wort gefiel ihm außerordentlich gut und er benutzte es bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Er spuckte einen weiteren Klumpen rabenschwarzen Speichels in das Präriegras. Dann erhob er seine Schrotflinte und tat so, als würde er irgendwelche Dinge wegballern. Die Schussgeräusche imitierte er dabei so voller Inbrunst, dass er das seltsame Geräusch glatt überhörte, welches sich wie das Rauschen des Windes in den Bäumen anhörte. Es gab hier im Umkreis von vielen Meilen jedoch keinen einzigen Baum. Den Schatten, der kurz darauf über ihn hinwegglitt, bemerkte er hingegen schon. Zu groß für einen Vogel und mit hoher Geschwindigkeit streifte dieser den Ork nur für den Bruchteil einer Sekunde. Das reichte jedoch schon aus, um dessen Argwohn zu erwecken.

Verwundert legte er seine wulstige Stirn in Falten und sah nach oben. Er stellte fest, dass der bunte Sombrero auf seinem Kopf seine Sicht in diese Richtung stark einschränkte, schob selbigen deshalb in den Nacken und blickte erneut in den Himmel. Natürlich gab es dort mittlerweile nur noch die unzähligen Sterne zu sehen, die friedlich auf ihn herabschienen. Der Schatten war schon längst nach Norden in Richtung Ranchgebäude entschwunden.

Merluzo stieg vom Zaun herab, wobei seine ledernen Chaps, die er über seiner alten, speckigen Jeans trug, ein lautes Knirschen und seine Sporen ein leises Klingeln verursachten. Ansonsten war es plötzlich völlig Still.

Selbst die Rinder gaben keinerlei Laute mehr von sich. Sie standen wie versteinert herum, zeigten keinerlei Regung mehr und glotzten allesamt mit starrem Blick in Richtung Ranch.

Solch ein Verhalten kannte der Ork von den Longhorns nicht. Sie schienen in eine Art Angststarre verfallen zu sein, so wie das Meerschweinchen, dem Merluzo als Kind eine Freude hatte machen wollen. Da sein kleiner, pelziger Freund einen etwas einsam Eindruck gemacht hatte, war er auf die Idee gekommen, ihm eine Schlange als Spielgefährten in den Käfig zu legen. Anstatt mit seinem neuen Freund zu spielen, hatte das undankbare Nagetier allerdings ein ähnlich merkwürdiges Gebaren gezeigt wie die Rinder. Das anschließende Verschwinden des Nagers – am nächsten Tag hatte nur noch eine träge und übersättigt wirkende Schlange im Käfig gelegen – war für Merluzo stets ein Rätsel geblieben.

Der Ork dachte kurz darüber nach, ob seine derzeitige Aufgabe auch das Untersuchen seltsamer Schatten beinhaltete. Er verspürte nämlich keinerlei Motivation, selbiges zu tun. Doch so sehr er auch in den selten genutzten Windungen seines Gehirns danach suchte, er fand keine Ausrede dafür, diesen ungewöhnlichen Vorkommnissen nicht nachgehen zu müssen.

Also setzte er sich widerwillig und langsam in Bewegung, in Richtung Herrenhaus, dem größten und nächstgelegenen Gebäude der Tolemak-Ranch. Er wählte dabei den kürzesten Weg nach Norden, quer über die Koppel hinweg und zwischen den erstarrten Rindern hindurch. Diese schenkten ihm keinerlei Beachtung. Selbst als er einem der Tiere kräftig am Schwanz zog, zeigte es keinerlei Reaktion.

Merluzo Fuerte de la Raqueta war kein Feigling. Wie alle Orks verfügte auch er über ein hohes Maß an körperlicher Kraft. Außerdem fehlte es ihm schlicht an der nötigen Fantasie, sich unbekannte Gefahren ausmalen zu können. Allmählich jedoch erwachte die Furcht in ihm.

Zu dieser gesellte sich die Verärgerung darüber, dass sich dieser Vorfall ausgerechnet während seiner Wache ereignen musste – einer Wache, die zudem niemand außer ihm jemals hatte halten müssen. Lediglich die Aussicht auf eine mögliche Gelegenheit, vielleicht mal wieder irgendwas wegballern zu können, beschwichtigte ihn etwas.

Kurz bevor er die Ranch erreichte, drangen Stimmen, Lachen und andere Geräusche aus den nordöstlich gelegenen Unterkünften der Bediensteten zu ihm. Seine Kollegen genossen offensichtlich ihren Feierabend. Anstatt den Neid in ihm zu wecken, beruhigten ihn diese vertrauten Töne. Sie brachten etwas Normalität zurück in diesen etwas außergewöhnlichen Abend.

Auch Don Athuros Herrenhaus, ein dreistöckiges Gebäude aus weiß gestrichenem Holz mit zwei Kaminen und einem Sockel aus roten Backsteinen, lag nun friedlich und ruhig vor ihm. Die ihm zugewandte Rückseite des beeindruckenden Hauses wirkte vergleichsweise schlicht im Gegensatz zur Front, welche von einer ausladenden, prachtvollen Veranda geschmückt wurde. Doch die hohen Sprossenfenster und das mit grauen Schindeln gedeckte Dach versprühten auch nach hinten eine Eleganz, welche offensichtlich Einfluss und Status des Hausbesitzers widerspiegeln sollte.

Oft schon hatte Merluzo sich gewünscht, einmal das Innere dieses vornehmen Gebäudes besichtigen zu dürfen. Doch das war neben den Bewohnern nur den Hausangestellten und dem Vorarbeiter gestattet. Einem kleinen Hilfsarbeiter wie ihm, der es noch nicht einmal bis zum Viehtreiber gebracht hatte, würde diese Ehre niemals zuteil werden. Er hätte wohl auch gar nicht gewusst, wie er sich in solch einer Umgebung hätte benehmen müssen. Bei dem Gedanken daran, mit schmutzigen Stiefeln über den bestimmt überall ausliegenden, teuren Teppich zu latschen und dabei dicke Kautabakflecken auf dem erlesenen Mobiliar zu hinterlassen, musste Merluzo unwillkürlich Grinsen.

Dieses Grinsen erstarb jedoch schnell, als ein ihm unbekanntes Geräusch an seine spitzen, ungewaschenen Ohren drang. Irgendetwas Großes hatte sich bewegt, zu seiner Linken, hinter der westlichen Ecke des Hauses.

So leise es ihm seine grobe Motorik und die Sporen an seinen Stiefeln gestatteten, bewegte Merluzo sich dorthin. Im Westen lagen die Pferdeställe, doch dieses Geräusch hatte eindeutig nicht so geklungen, als hätte ein Pferd es verursacht. Es hatte den Ork an das Rascheln von Gefieder erinnert. Er konnte sich jedoch beim besten Willen nicht vorstellen, wie groß das Federvieh sein musste, das ein Rascheln dieser Lautstärke erzeugen konnte.

War es etwa ein Monsterhuhn, dass hinter der Ecke lauerte? Ein Pollo Diablo, jenes Wesen aus den Ammenmärchen, mit dem man in seinem Heimatland die Kinder erschreckte und ihnen drohte, wenn sie nicht artig waren?

Seine Hände verkrampften sich um seine Schrotflinte, so dass die Gelenke seiner Finger ein leises Knacken von sich gaben. Dann spannte er die beiden Hähne seiner Waffe mit dem Daumen, so leise und behutsam, wie es ihm möglich war. Nur noch ein Schritt trennte ihn davon, um die Hausecke spähen zu können. Er nahm all seinen Mut zusammen, atmete tief ein und wagte diesen Schritt.

Was er dann zu sehen bekam, jagte einen kalten Schauer über seine grüne Haut. Der Schreck stimulierte spontan seinen Schluckreflex, sodass sich der Rest Kautabak, welcher noch in seinem Mund verblieben war, heftig brennend seinen Weg durch die Speiseröhre in den Magen bahnte. Dieses Ungemach registrierte er jedoch gar nicht aufgrund des Anblicks, der sich ihm bot.

Das erste Mal in seinem Leben erblickte Merluzo einen leibhaftigen Greif. Größer als ein ausgewachsener Bisonbulle lag das Wesen da, den weiß gefiederten Kopf, der dem eines Adlers stark ähnelte, auf den Vorderpfoten ruhend. Die gewaltigen, ebenfalls weißen Schwingen hatte es angelegt. Hin und wieder zuckte einer der Flügel leicht und verursachte so eben jenes Rascheln, das Merluzo vor Kurzem vernommen hatte. Ansonsten zeigte der massige, raubkatzenartige Körper keinerlei Regung.

Die geschlossenen Augen und das leise Schnarchen, das aus dem gebogenen, leicht geöffneten Schnabel drang, ließen Merluzo dann endlich begreifen, dass der Greif dort ein Nickerchen machte. Von der Anwesenheit des Orks hatte das beeindruckende Tier noch keinerlei Notiz genommen.

»Wegballern!«, war natürlich das erste, was Merluzo in den Sinn kam. Er verspürte nicht das Bedürfnis, herausfinden zu wollen, was dieses Wesen mit ihm anstellen würde, sollte es ihn bemerken. Dem Greifen zwei Ladungen aus seiner Flinte in den Leib zu jagen, würde der Gesundheit des Orks wohl wesentlich zuträglicher sein. Doch dann bemerkte er das Zaumzeug und den Sattel, was den Greifen eindeutig als Reittier kenntlich machte. Dieses Vieh hatte jemanden hierher gebracht. Doch wo war dieser jemand jetzt?

Von weiteren Überlegungen oder Handlungen hielt ihn der heftige Schlag ab, der ihn plötzlich von hinten traf. Irgendetwas knallte an seinen Hinterkopf, riss ihm den Sombrero herab und schickte ihn augenblicklich zu Boden. Vor seinen Augen erschienen Millionen schwarzer Flecken, die sich immer mehr zu einer Schwarzen Fläche verdichteten und ein dumpfer Schmerz machte sich in seinem Schädel breit. Einen so heftigen Schmerz hatte das Denken dann doch noch nie in ihm verursacht.

Noch nicht ganz ins Land der Träume entschwunden, spürte er, wie ihm jemand seine geliebte Schrotflinte aus den Händen nahm. Es gab nichts, was er dagegen hätte unternehmen können. Dann hörte er gedämpft, so als hätte er Watte in den Ohren, Stimmen und Schritte, die sich von ihm entfernten und in Richtung des Greifen bewegten.

Einen starken Luftzug und das Schlagen riesiger Flügel vernahm er noch, dann schwanden ihm endgültig die Sinne.

2

Es gibt vieles, was ich nach einer durchzechten Nacht im Saloon so ganz und gar nicht gebrauchen kann – lautes Klopfen an meiner Tür rangiert auf dieser Liste ganz weit oben.

Ich ignorierte deshalb diese dreiste Störung meines Deliriums an jenem Morgen und zog mir meine Decke über den Kopf. Dabei versuchte ich, jede überflüssige Bewegung zu vermeiden, damit sich das Rindvieh in meinem Kopf weiterhin einigermaßen ruhig verhielt.

Diese Kuh – ich hatte sie Elsa getauft – war in diesen alkoholreichen Tagen oft zu Gast in meinem Schädel. Sie vollzog dort meist irgendwelche wilden Tänze, deren Schritte äußerst schmerzhaft und dröhnend in meiner Hirnschale widerhallten. Nur enorm viel Schlaf und körperliche Inaktivität vermochten es, ihr Einhalt zu gebieten.

Das zweite Klopfen weckte darum den aufrichtigen Hass gegen den Verursacher dieses Geräusches in mir. Doch Elsas erste Tanzschritte hielten mich davon ab, mich mit seinem Ableben zu beschäftigen.

Erst das dritte Klopfen, das mir beinahe heftig genug erschien, die Tür aus den Angeln zu heben, ließ meinen Zorn über Elsa triumphieren und mich aus meinem Bett hochfahren. Jeglichen Schmerz unter meiner Schädeldecke ignorierend und lauthals fluchend stürmte ich zur Tür meines kleinen Zimmers. An den genauen Wortlaut meiner Flüche kann ich mich nicht mehr erinnern, die Worte verrecke, Arschloch und Kopf abreißen kamen aber bestimmt darin vor.

Mit dem festen Vorsatz also, dem Störenfried unendliche Schmerzen zu bereiten, riss ich die Tür auf. Doch der Anblick meines unerwünschten Besuchs ließ mich dieses Vorhaben schnell wieder vergessen. Es wäre wohl nicht besonders ratsam gewesen, dem örtlichen Arm des Gesetzes selbigen zu brechen. Denn es war Beinir McHardy der vor mir stand, der Sheriff unserer kleinen Zwergensiedlung Copperhole.

McHardy war offensichtlich darum bemüht, mir gegenüber sofort Autorität und Respekt auszustrahlen. Der Umstand, dass er gut einen Kopf kleiner war als ich, machte ihm dies allerdings nicht gerade einfach. Nur das Gewehr in seiner Hand und der Stern auf seiner Brust glichen dieses Manko zum Teil wieder aus.

Natürlich hatte er auch seinen Deputy dabei, einen widerlichen Schleimbeutel von einem Zwerg namens Laurel Ombringer. Dieser bewegte sich ständig im Fahrwasser des Sheriffs und versuchte so, sein mickriges Ego aufzupolieren. Warum McHardy gerade diesen rückgratlosen Nichtskönner zum Hilfssheriff gemacht hatte, war allen Einwohnern Copperholes ein Rätsel. Physisch waren ihm nämlich viele, psychisch fast alle überlegen. Er stand ein Stück hinter McHardy und grinste dümmlich, was er eigentlich immer tat und in mir – auch immer – das dringende Bedürfnis weckte, ihm dieses Grinsen aus der Visage zu dengeln.

»Zieh dich an, Large«, forderte McHardy mich mit Blick auf meine Unterhose, dem einzigen Kleidungsstück das ich trug, auf. »Du bist verhaftet!«

Ich stöhnte genervt auf. »Och nöööö, nicht schon wieder. Das ist doch Ogerkacke!«

Elsa begann diese frohe Botschaft mit einem Freudentanz in meinem Schädel zu feiern. Wieder einmal wünschte ich mir, dass irgendwann mal ein Kräuterweib, Apotheker oder Alchemist ein Mittel gegen Kopfschmerzen erfinden würde

»Stell dich doch nicht so an«, mischte sich Ombringer ein. »Die Zelle ist doch schon so etwas wie ein zweites Zuhause für dich.«

Ich ignorierte diesen Kriecher und begann stattdessen, mein Zimmer behäbig nach brauchbaren Kleidungsstücken zu durchsuchen. Jede Bewegung meines Kopfes quittierte Elsa dabei mit einem schwungvollen Polkaschritt. Die Gesetzeshüter folgten mir.

»Bei allen Göttern, Large!« McHardy sah sich um und rümpfte demonstrativ die Nase. »Hier sieht es ja aus wie bei einem Kobold unter dem Sofa! Du solltest hier unbedingt mal Ordnung schaffen.«

»Hab ich doch erst vor Kurzem«, erwiderte ich. Meiner Meinung nach sah es hier, abgesehen von ein paar Dutzend leerer Flaschen und einigen nur leicht angeschimmelten Essensresten, ganz manierlich aus. Die Kakerlaken fühlten sich hier zumindest sehr wohl und meine Vermieterin, die gute, alte Witwe Latro, hatte sich auch noch nie beschwert. Letzteres lag aber wohl daran, dass ich sie seit meinem Einzug in ihre kleine Pension erfolgreich davon abgehalten hatte, mein Zimmer zu betreten.

»Was habe ich denn überhaupt verbrochen?«, wollte ich wissen und und angelte meine Hose unter dem Bett hervor.

Das Grinsen inmitten Ombringers fuchsrotem Bart wurde noch breiter. »Hast dein Erinnerungsvermögen wohl auch schon versoffen, was? Du hast dich mal wieder geprügelt und dabei den halben Coppercoin-Saloon in Trümmer gelegt.«

Ich wankte zu meinem Waschtisch und benetzte mein Gesicht mit etwas von dem Wasser, welches sich noch vom Vortag oder dem Tag davor in der Schüssel befand. Ganz langsam kehrte meine Erinnerung an die letzte Nacht zurück, wenn auch nur in Bruchstücken.

»Stimmt, irgend so ein Arsch hat mich Halbmensch genannt.« Ich entdeckte mein Hemd, das statt eines Handtuches am Handtuchhalter hing und zog es an, nachdem ich mich damit abgetrocknet hatte. »Hab ich irgendein Möbelstück auf ihm zertrümmert?«

»Das hast du«, antwortete McHardy. »Und nicht nur eins. Wir mussten ihn unter einem ganzen Berg aus Tischen und Stühlen hervorholen. Der Doc hatte gar nicht genug Schienen, um all seine Brüche zu versorgen.«

Ombringer wäre nicht Ombringer gewesen, wenn er diese Gelegenheit, mich zu provozieren, ungenutzt gelassen hätte. »Dabei hatte der Typ doch nicht ganz unrecht«, spottete er. »Du bist mehr als einen Meter siebzig groß, viel zu dürr für einen Zwerg und die paar Flusen an deinem Kinn kann man wohl kaum einen Bart nennen. Würde mich nicht wundern, wenn es wirklich ein Mensch war, der da mal kurz über deine Mutter gestiegen ist.«

Ich hatte gerade einen meiner Stiefel unter meinem Kopfkissen hervorgeholt und ihn leider schon angezogen, sodass ich ihn dem Deputy nicht mehr an den Schädel werfen konnte. Mein Vater, den ich niemals kennengelernt hatte, war ein ganz heikles Thema für mich, sozusagen mein wunder Punkt. Zwar hatte mir meine Mutter nie etwas über ihn erzählt und sowohl das Wissen über seine Herkunft als auch über seine Rasse mit ins Grab genommen, doch die Möglichkeit, dass er ein Mensch war, hatte ich seit frühester Kindheit ausgeschlossen. Welches vernunftbegabte Wesen will schon mit einem Menschen verwandt sein?

»Dünnes Eis, Ombringer!« Ich trat nahe an den Deputy heran, sah auf ihn herab und hoffte, dass mein Blick eine gehörige Portion Verachtung ausstrahlte. »Ganz dünnes Eis, auf dem du dich da bewegst! Vor allem für jemanden, dessen Vater sämtliche Esel im Ort begattet hat.«

Selbst jetzt erstarb das dümmliche Grinsen im Gesicht des Hilfssheriffs nicht. »Hältst du es für schlau, in deiner Situation eine solch dicke Lippe zu riskieren?«

Noch während er diese Frage stellte, rammte er mir den Kolben seines Gewehres in den Magen. Ich klappte augenblicklich zusammen und konnte nur noch ein kurzes »Uff« von mir geben. Obendrein lief Elsa jetzt zur Höchstform auf. Ich konnte mich echt nicht entscheiden, ob nun das Hämmern unter meiner Schädeldecke oder meine schmerzende Körpermitte den Höhepunkt dieses wundervollen Morgens darstellte.

»Lass den Scheiß!«, fuhr der Sheriff seinen Gehilfen an. »Du weißt, dass ich es nicht leiden kann, wenn man so mit unseren Kunden umgeht.«

Er half mir auf die Beine und reichte mir meinen zweiten Stiefel. Keine Ahnung, wo er selbigen gefunden hatte. Meinen Revolvergurt, der an einem Haken an der Wand hing und als einziger Gegenstand in diesem Raum seinen festen Platz hatte, durfte ich natürlich nicht anlegen.

Ohne diesen fühlte ich mich noch immer irgendwie nackt, als wir die Pension verließen, obwohl ich mittlerweile vollständig bekleidet war. Nur mein schöner, schwarzer Hut blieb unauffindbar und eben diesen vermisste ich schmerzhaft, als wir auf die staubige Hauptstraße Copperholes hinaustraten.

Die Morgensonne brannte nämlich erbarmungslos auf mein noch immer vom Alkohol vernebeltes Gehirn und das helle Tageslicht stach mir in die Augen. All meine übrigen Sinne befanden sich zu dieser ungewohnt frühen Stunde noch in einer Art Dämmerzustand.

Dennoch bemerkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte.

Die sonst so belebten Straßen der kleinen Bergarbeitersiedlung schienen beinahe wie leergefegt. Nur hier und da konnte man einen Einwohner entdecken, der durch den Ort spazierte oder vor einem der schlichten Holzhäuser auf der Veranda saß.

Doch wo waren all die Zwerge, die ihrem Tagewerk nachgingen? Wo waren all die Kutschen, Pferde und Reiter, die sich sonst ihren Weg über die unebenen, holprigen Straßen bahnten, über die jetzt nur ein paar Büschel vertrockneter Steppengräser rollten?

Ich sondierte die Umgebung mit zusammengekniffenen Augen. Der Gemischtwarenhandel auf der gegenüberliegenden Straßenseite war geschlossen, ebenso Russels Drugstore und Littles Lebensmittelgeschäft daneben. Die unnatürliche Ruhe ließ mich vermuten, dass dies bei den anderen Geschäften der Stadt auch der Fall war. Selbst das laute, metallische Hämmern, mit dem der hiesige Hufschmied an normalen Tagen die Ortschaft beschallte, war nicht zu hören.

Dass meine zwei Begleiter all dem keinerlei Beachtung schenkten, stimmte mich zusätzlich misstrauisch. Ich entschloss mich deshalb spontan dazu, diesem Mysterium auf den Grund zu gehen. Selbst unbewaffnet wollte ich mich den unbekannten Herausforderungen stellen.

»Was ist hier los?«, wollte ich wissen. »Warum ist das Kaff wie ausgestorben?«

»Weil es Sonntagmorgen ist, du Trottel«, enträtselte Ombringer dieses Geheimnis unerwartet schnell. »Wahrscheinlich der erste, den du nicht verpennst.«

Mit einem Stoß in den Rücken machte er mir klar, dass ich mich endlich in Bewegung setzen sollte und so marschierten wir drei nach Norden, in Richtung Sheriffbüro, los.

Die wenigen braven Bürger, denen wir unterwegs begegneten, bedachten mich mit abwertenden Blicken und dem Schütteln ihrer biederen, rechtschaffenen Häupter, in denen es, meiner Meinung nach, schrecklich tugendhaft und öde zugehen musste. Vermutlich erweckte mein wenig adretter Kleidungsstil und der augenscheinliche Umstand, dass ich gerade abgeführt wurde, ihre Missbilligung. Ähnliche Reaktionen auf meinen Anblick war ich allerdings schon gewohnt. Wie immer erwiderte ich diese mit einem freundlichen Ihr-könnt-mich-mal-Lächeln, das von Herzen kam.

»Hast du schon meine neue Knarre gesehen?«, fragte der Sheriff nach einer Weile, in der wir schweigend nebeneinander hergegangen waren. Mit stolzgeschwellter Brust hielt er mir sein Gewehr unter die Nase. »Ist ein echtes iRifle von Peach – war verflucht teuer und ich musste eine Ewigkeit beim Waffenhändler dafür anstehen.«

Mit einem kurzen Schulterzucken tat ich mein Desinteresse kund. »Muss ich nicht haben. Da bezahlt man doch nur den Namen. Andere, preiswertere Gewehre haben die gleichen Funktionen und seltener Ladehemmungen.«

Meine Meinung enttäuschte McHardy offensichtlich.

»Du hast doch keine Ahnung, Large!« Schmollend ließ er sein Gewehr wieder sinken. »Du warst zwar in der Army, hast aber trotzdem keine Ahnung! Ein Revolverheld der keine Ahnung von guten Gewehren hat – unglaublich!«

Sein Deputy stieß ein verächtliches Schnaufen aus »Revolverheld? Der Suffkopp? Der hat seine Kanone doch das letzte mal im Krieg benutzt und das ist Jahre her.«

Zu meinem großen Bedauern musste ich dem Widerling in diesem Punkt Recht geben. Seit ich aus der Army zurück in meine Heimatstadt gekommen war, hatten sich keinerlei Gelegenheiten ergeben, mir meinen Lebensunterhalt mit dem Revolver zu verdienen. In ganz Copperhole gab es keinen Bedarf an professionellen, mietbaren Schützen. Bewaffnete Auseinandersetzungen gab es kaum und weder die Kupferminen noch die Wagentrecks, welche das Kupfer aus der Stadt brachten, waren hochwertig oder bedeutend genug, um bewacht werden zu müssen.

Meine außergewöhnliche Begabung im Umgang mit Schusswaffen blieb daher völlig ungenutzt an diesem viel zu friedvollen Ort. Dabei machte mich dieses einzigartige Talent – ohne Übertreibung – zu dem wohl besten Schützen in ganz Avaritia. Entdeckt hatte ich diese Fähigkeit erst nach meinem Eintritt in die Army, da ich nie zuvor eine Waffe in den Händen gehalten hatte. Sie ermöglichte es mir, egal mit welcher Schusswaffe, immer mein Ziel zu treffen, egal ob ich nüchtern war oder volltrunken und egal unter welchen Umständen. Mühe musste ich mir dabei keine geben, konzentrieren musste ich mich auch nicht und geübt hatte ich es erst recht noch nie. Ich musste einfach nur daran denken, etwas oder jemanden zu treffen. Fast zeitgleich mit dem Beenden dieses Gedankens war es dann auch schon passiert. All dies geschah automatisch, ohne mein Zutun und oft schon hatte ich hinterher verwundert auf meine Waffe geblickt, ohne mich daran erinnern zu können, wie ich sie gezogen und abgefeuert hatte.

Im Krieg war mir dieses Talent natürlich sehr gelegen gekommen und es hatte mir viel Anerkennung und Bewunderung eingebracht. Aufgrund meines ausgeprägten Problems mit Autoritäten – wahrscheinlich bedingt durch das Fehlen einer Vaterfigur während meiner Kindheit...Bla Bla Bla – und meinem Unvermögen, auch mal die große Klappe zu halten, hatte ich es in der militärischen Hierarchie dennoch nicht sehr weit gebracht. Als mittelloser Ex-Private war ich bei Kriegsende nach Copperhole zurückgekehrt, mit wenig Glanz und ganz ohne Gloria.

Meine finanzielle Situation konnte man deshalb getrost als katastrophal bezeichnen, zumal ich die paar Dollars, welche ich mir borgte, erschnorrte oder mit irgendwelchen Handlangerjobs erarbeitete, umgehend wieder in die lokale Wirtschaft oder besser gesagt den örtlichen Saloon investierte.

»So kann es mit dir nicht weitergehen«, bemerkte McHardy, so als hätte er meine Gedanken gelesen. Ich glaubte sogar, eine gewisse Besorgnis aus seiner Stimme heraushören zu können. »Du brauchst endlich einen vernünftigen Job. Warum arbeitest du nicht in den Minen, so wie die meisten anderen Zwerge auch?«

Eigentlich verspürte ich überhaupt keine Lust, solch eine Diskussion zu führen. Ich war voll und ganz damit beschäftigt, Elsas Tanzwut zu zügeln.

Dennoch antwortete ich wahrheitsgemäß. »Die Stollen sind viel zu niedrig für mich. Außerdem habe ich keinen Schimmer vom Bergbau. Schnell ziehen und immer treffen – das ist es, was ich kann.«

Der Sheriff nickte. »Und das kannst du verdammt gut. Wahrscheinlich bist du der beste Schütze, den ich je gesehen habe, doch hier wirst du damit keinen lausigen Cent verdienen. In den größeren Städten im Osten oder Süden könntest du dir mit deinen Fähigkeiten echt einen Namen als Revolverheld machen, so wie Basilisk Bill oder Doc Gargoyle. Hast du schon mal darüber nachgedacht, von hier fortzugehen?«

Natürlich hatte ich das. Fast jeden Tag war mir dieser Gedanke mindestens fünf Mal durch den Kopf geschossen wie eine Gewehrkugel, während ich meine Zeit mit Saufen und Herumlungern verschwendet hatte. Doch zum einen fühlte ich mich in diesem Kaff trotz allem recht wohl, zum anderen hatten mir der Müßiggang und der regelmäßige Alkoholkonsum einen Großteil meiner Abenteuerlust und Entscheidungsfreudigkeit geraubt. Ich hatte ja noch nicht einmal ein Pferd und ohne die entsprechende Barschaft in die Welt hinauszuziehen, erschien mir ebenfalls nur wenig verlockend.

Ombringer hingegen war von dieser Idee natürlich sehr angetan. »Es wäre das Beste, was dieser Stadt passieren könnte, wenn sich dieser Penner endlich verpissen würde. Zu den verkommenen Menschen im Osten würde dieses lange Elend auch hervorragend passen.«

Ich lächelte ihn an. »Dabei würde ich dich doch so sehr vermissen! Vielleicht ist es sogar dein dämliches, debiles Grinsen, was mich hier hält.«

An dieser Stelle mussten wir unser freundschaftliches Gespräch leider beenden, da wir unser Ziel erreicht hatten, was mir wohl einen weiteren Hieb mit dem Gewehrkolben oder eine andere Aufmerksamkeit des Deputys ersparte.

Das Büro des Sheriffs war eines der wenigen Gebäude in Copperhole, dessen Wände aus massiven Backsteinen bestand. Angesichts der Tatsache, dass sich in ihm auch Arrestzellen befanden, war das auch durchaus sinnvoll. Ansonsten war der Flachbau völlig schmucklos, mal abgesehen von dem uralten Holzschild über der Tür, auf dem in verblichenen Buchstaben Sheriffs Office geschrieben stand.

»Du kennst dich ja hier aus«, bemerkte McHardy, als wir seine Amtsstube betraten. Deren Einrichtung bestand lediglich aus zwei Schreibtischen mit Stühlen, ein paar Regalen und einem üppig gefüllten Waffenschrank. »Also geh schon mal vor, ich schließe gleich hinter dir ab.«

Er entledigte sich seines Hutes und suchte in der Schublade seines Schreibtisches nach den Zellenschlüsseln. Ombringer parkte seinen dicken Hintern indes mit einem zufriedenen Seufzer auf seinem Stuhl.

Ich schlenderte derweil quer durch das Büro in den hinteren Teil des Gebäudes, betrat die mir sehr vertraute Zelle und ließ mich auf die ebenso vertraute Pritsche darin fallen. Wie angekündigt folgte mir McHardy kurz darauf und schloss die Zellentür hinter mir ab.

»Wie lange?«, wollte ich wissen und irgendwie ahnte ich schon, dass mir die Antwort darauf nicht gefallen würde.

»Lange genug um deine Sucht nach Fusel vollständig zu kurieren«, lautete dann auch die erschreckende Prognose des Sheriffs. »Der Friedensrichter kommt in drei Wochen und wird dann entscheiden, was mit dir passieren soll. So lange bist du auf jeden Fall unser Gast.«

Bei dem Gedanken daran, mindestens drei Wochen auf dem Trockenen zu sitzen, befiel mich ein leichtes Gefühl der Panik. Auch die Aussicht auf regelmäßige, kostenlose Mahlzeiten konnte dieses Gefühl nicht schmälern. Zwar ließ Sheriff McHardy manchmal mit sich reden – ganz im Gegensatz zu seinem fiesen Deputy –, doch es würde einiges an Überzeugungskraft kosten, ihm den ein oder anderen Schluck Whisky abzuschwatzen.

Trübe Aussichten also, mit denen ich mich auf die Pritsche niederlegte, um mir und Elsa die dringend benötigte Ruhe zu gönnen. Unter gleichmäßig abnehmendem Pochen in meinen Schläfen gelang es mir dennoch, langsam in den Schlaf zu gleiten.

Dass die seltsame, super spannende und unbedingt lesenswerte Geschichte, welche ich hier erzählen möchte, bereits in weit entfernten Teilen des Landes ihren Anfang genommen hatte, davon ahnte ich natürlich nichts.

Um jeglicher Klugscheißerei vorzubeugen sei erwähnt, dass ich mir von den meisten Geschehnissen, bei denen ich nicht zugegen war, bis ins kleinste Detail berichten ließ, um sie hier niederschreiben zu können. Den Rest habe ich mir irgendwie zusammengereimt – der geneigte Leser wird damit schon klarkommen.

3

Während ich in Copperhole schnarchend und verkatert auf einer harten Pritsche lag, lag weit im Osten ein Elf auf noch wesentlich härterem Felsgestein.

Seit Stunden schon verharrte er bäuchlings liegend am Rand eines hoch gelegenen, ausladenden Felsvorsprunges. Von hier aus beobachtete er aufmerksam das Geschehen unter sich, welches in solch großer Entfernung stattfand, dass nur die enorm scharfen Augen eines Elfen Einzelheiten und Details erspähen konnten.

Ungeachtet der Hitze und seiner unbequemen Position würde er noch länger hier ausharren, solange bis ein anderer Elf aus seinem Dorf kommen und seinen Platz als Späher einnehmen würde. So hatte es der Häuptling befohlen und so wurde es auch gemacht.

Die Gebirgskette inmitten der Prärie war ideal für dieses Unterfangen, denn von hier konnte man fast das ganze Gebiet des Moonytoad-Stammes überblicken. Selbiges bestand fast nur aus spärlich bewachsener, ebener Graslandschaft und erstreckte sich fast bis zum Seven-Hills-Gebirge, weit im Westen.

Viele Generationen lang hatte es hier, außer den Moonytoads, nur Bisons, Koyoten und irgendwelche Reptilien gegeben. Doch seit einigen Wochen tummelten sich hier Wesen, die seit jeher das Misstrauen und Argwohn eines jeden Elfen weckten. Menschen und Zwerge waren es, die das Land zu Tausenden mit ihrer Anwesenheit besudelten. Mit Pferdewagen waren sie gekommen, so schwer mit Holz, Metall und Werkzeug beladen, dass ihre Räder tiefe Narben in der Erde hinterlassen hatten. Dann hatten sie ihre Lager aufgeschlagen, Unterkünfte für Arbeiter sowie Stauräume für Unmengen an Material gebaut. Um die Versorgung mit ausreichend Wasser zu gewährleisten, hatten sie tiefe Brunnen in den Boden getrieben. So war das Camp schon bald zu einer kleinen Siedlung aus Zelten, Hütten und anderen Holzkonstruktionen herangewachsen.

Doch das war nur der Anfang ihrer Verbrechen gewesen, die sie in den Augen der Elfen an der Natur begingen. Sie malträtierten den Boden mit Spitzhacken und Schaufeln, sprengten Felsen, die ihnen im Weg waren und formten das Land rücksichtslos nach ihren Bedürfnissen. Über viele hundert Meilen hinweg verunstalteten Sie das Antlitz der Steppe mit dem, was Sie Bahnschienen nannten und all das geschah nur, damit das metallene Monstrum namens Eisenbahn in naher Zukunft durch die Prärie würde fahren und sich regelmäßig würde verspäten können.

Dass dies ungestört im Land der Elfen geschehen durfte, war Inhalt des Friedensvertrages, welchen man den Elfen nach ihrer Niederlage im großen Krieg aufgezwungen hatte. Neben weiten Teilen ihres Landes hatte man allen Stämmen das Einverständnis abgepresst, die Eisenbahnlinie unbehelligt durch das ihnen noch verbliebene Land bauen zu dürfen. Ansonsten hätte es keinen Frieden zwischen den Elfen und der Allianz aus Zwergen und Menschen gegeben.

Dass sich diese Wesen unbeobachtet in ihrem Gebiet bewegen durften, davon stand allerdings nichts in dem Vertrag und deshalb sandten die Moonytoads regelmäßig ihre Späher aus. Diese sollten die Bauarbeiten an den Gleisen beobachten und darüber wachen, dass die unerwünschten Eindringlinge eben jenem Gebirgszug nicht zu nahe kamen, in dessen Höhen die Späher ihren Posten bezogen hatten.

Tief unter diesen Bergen nämlich – die Elfen nannten sie die Säulen der Unvergänglichkeit – befand sich das bedeutsamste Heiligtum der gesamten elfischen Rasse. Hinter einem magisch versiegelten Tor, in einem gigantischen Labyrinth aus Höhlen, Gängen und Tunneln, lagen hier die Grabstätten der Ältesten verborgen, den Urahnen und Gründern aller Stämme Avaritias. So was von dermaßen total uneingeschränkt absolut heilig und unantastbar waren diese Gräber, dass kein lebendes Wesen ihrer je ansichtig werden durfte. Nicht einmal den einflussreichsten Häuptlingen oder Schamanen der Elfen war es gestattet, diese Höhlen zu betreten.

Von den mannigfaltigen Mysterien, Wundern und Gefahren dieses in finsteren Tiefen schlummernden Heiligtums wurde in den alten Schriftrollen berichtet. Doch auch diese wurden von uralten, weisen Männern gehütet, als seien sie ein Teil ihrer selbst. Wer diese Männer waren und wo sie die Schriftrollen verborgen hielten, das war – wer hätte das gedacht – ein total uneingeschränkt absolut geheimes Geheimnis.

Über die Säulen der Unvergänglichkeit zu wachen, dazu waren deshalb nur die angesehensten und besten Krieger des Moonytoad-Stammes auserkoren.

Und das waren die Greifenreiter.

Der Elf zog sich, immer noch auf dem Bauch liegend, ein Stück vom Rand des Felsvorsprunges zurück. Dann warf er einen Blick über die Schulter nach hinten. Dort saß sein Greif. Offensichtlich gelangweilt, doch artig dem Befehl seines Herren folgend, verhielt er sich ruhig und regte sich kaum. Nur hin und wieder gähnte er ausgiebig und fuhr sich mit einer seiner Vorderpfoten über Augen und Schnabel, was trotz seiner enormen Größe beinahe possierlich wirkte.

Der Elf lächelte. Er liebte dieses prächtige Tier von ganzem Herzen. Eine tiefgehende, nahezu mystische Verbindung mit dem Greifen hatte der Elf bereits empfunden, noch bevor dieser das Licht dieser Welt erblickt hatte. Schon als er das Griffogotchi – so die Bezeichnung der Elfen für Greifeneier – vor langer Zeit das erste mal in Händen gehalten hatte, waren in ihm diese Gefühle erwacht. Den Greifen großzuziehen und aus ihm ein folgsames Reittier zu machen, war ihm aufgrund dessen auch ungewöhnlich leicht gefallen und mithilfe seines gefiederten Gefährten hatte er vor einigen Jahren den Rang des Greifenreiters erlangt. Ein strenges, langwieriges Auswahlverfahren hatten sie gemeinsam überstehen müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Denn nicht jeder Elf, der einen Greif besaß, durfte diesen Titel tragen.

Der Stamm der Moonytoads sucht den nächsten Greifenreiter – so lautete die traditionelle Bezeichnung dieses althergebrachten Verfahrens, in dem alle Anwärter eine Vielzahl schwieriger Aufgaben zu bewältigen hatten. Vier Stammesältere beurteilten anschließend die Leistungen eines jeden Prüflings. Sie entschieden darüber, wer qualifiziert genug war, um in die Endrunde zu kommen. In dieser wählten sämtliche Stammesmitglieder, Männer, Frauen und auch Kinder, schließlich den fähigsten Elfenkrieger unter den Bewerbern aus. Natürlich spielte bei dieser Wahl auch die Beliebtheit des Kandidaten eine Rolle - vor allem die jungen Squaws ließen sich eher vom Aussehen als von den Fähigkeiten selbiger beeinflussen.

Mit Bravour hatte der Elf all diese Hürden genommen und war mit einer überragenden Mehrheit zum neuen Greifenreiter gewählt worden. Nicht zuletzt hatte er das der hohen Lernfähigkeit und Begabung seines Reittieres sowie der tiefen Verbundenheit mit ihm zu verdanken.

Doch nicht nur der außergewöhnliche Intellekt seines Greifen und seine überdurchschnittliche Größe waren es, die ihn deutlich von seinen Artgenossen unterschieden. Auch nicht die ungewöhnliche, samtschwarze Färbung seines Gefieders, welches Kopf und Flügel bedeckte, oder das ebenso schwarze Körperfell war sein ungewöhnlichstes Merkmal. Dieser Greif besaß eine Fähigkeit, die absolut einzigartig war unter den Wesen seiner Gattung: Er konnte sprechen.

Leider hatte er dies bislang ausschließlich im Beisein seines Besitzers getan und niemand glaubte dessen Erzählungen darüber – meist verursachten diese nur Schmunzeln oder gar schallendes Gelächter. Der Elf selbst hätte es wohl nicht geglaubt, hätte er es nicht schon oftmals miterlebt. Wenn der Greif aufgeregt war oder ihn andere starke Emotionen ereilten, entrang sich seinem Schnabel ein klar artikuliertes Wort. Wann und wo er dieses Wort gelernt hatte und warum es anscheinend nur dieses eine war, welches er aussprechen konnte, das war seinem Herrn jedoch ein Rätsel.

Ein aus der Ferne zu ihm dringendes Geräusch – ein Schnaufen und Stampfen, begleitet von einem steten Dröhnen – riss den Elfen aus seinen Gedanken. Eine leichte Vibration, welche das gesamte Gebirge und die angrenzende Steppe zu erfassen schien, ging mit diesem Geräusch einher. Schnell robbte er zurück an den Rand des Plateaus, von wo aus er einen Zug beobachten konnte, der sich aus dem Westen über die bereits fertiggestellte Bahnstrecke näherte.

Es war nicht der erste Zug, den der Elf zu Gesicht bekam. Beinahe täglich zog eine solche schwarz-rot lackierte Dampflok eine Vielzahl nahezu identisch aussehender Waggons voller Material zur Baustelle. Doch der Anblick dieser mechanischen Abscheulichkeiten erschütterte ihn jedes Mal aufs Neue. Warum nur, so fragte er sich abermals, erschufen vernunftbegabte Wesen so widernatürliche Dinge, die ihrer Umwelt in solch hohem Maße Schaden zufügen? Sahen sie denn nicht die dicken Dampfwolken, mit denen dieses Ungetüm den sonst makellos blauen Himmel verdunkelte? Rochen sie denn nicht diesen abscheulichen Gestank nach verbrannter Kohle, Holz und Öl, den es verströmte? Selbst jetzt schon reizte dieser Gestank seine empfindliche Nase, obwohl der Zug noch Meilen entfernt war.

Wahrscheinlich war es ihnen egal, schlussfolgerte der Elf. Dies bekräftigte ihn in seiner Meinung, dass Menschen und Zwerge skrupellose, unsensible Wesen waren, die sich nur von ihrer Gier, ihrer Bequemlichkeit und ihrem absurden Glauben an den technischen Fortschritt leiten ließen.

»Richtige Husos«, benutzte der Elf flüsternd eine unter den Moonytoads übliche Beleidigung, welche die Nachkommen einer wenig keuschen Frau beschreibt. »Irgendwann werden die Götter sie für all ihre Frevel bestrafen. Früher oder später, auf die ein oder andere Art – aber echt ey!«

Der Zug brauchte nicht lange, um sein Ziel zu erreichen. Als ob dieser Koloss nicht schon genug Lärm verursacht hätte, betätigte der Lokführer die Dampfpfeife, bevor er bremste, um die Arbeiter an den Gleisen zu warnen. Diese wichen ein paar Schritte zurück und mit lautem Quietschen und Kreischen kam der Zug schließlich inmitten der Baustelle zum Stehen.

Zunächst konnte der elfische Späher nichts Außergewöhnliches an dem Güterzug entdecken. Dessen Zugmaschine verpestete weiterhin, leise zischend und qualmend, die Luft.

Doch dann lenkte ein lautes Poltern seine Aufmerksamkeit auf einen der schmucklosen, hölzernen Frachtwaggons, auf dessen Außenseite irgendjemand – wahrscheinlich irgendein Halbstarker – obszöne Malereien und Sprüche mit weißer Farbe hinterlassen hatte. Etwas bewegte sich in diesem Waggon, etwas, das so groß war, dass es ihn trotz seiner Größe hin und her schwanken ließ.

Seine Vermutung, dass es sich möglicherweise um Pferde handeln könnte, verwarf der Elf schnell wieder. Mithilfe seiner geschulten Sinne blendete er alle anderen Geräusche der Umgebung aus und statt Wiehern oder Hufschlägen vernahm er nur ein Knurren, das alles andere als freundlich klang.

Auch die anwesenden Arbeiter hatten Notiz von der ungewöhnlichen Fracht genommen. Schnell versammelten sie sich vor dem Waggon wie die Besucher eines Jahrmarktes vor der neuesten Attraktion, was das Interesse des Elfen noch steigerte.

Seine Neugier sollte befriedigt werden, als der Lokomotivführer – ein dicklicher Zwerg in blauer Latzhose mit einer albern aussehenden, blauen Kappe auf dem Kopf – seinen Führerstand verließ und durch die Horde Schaulustiger zu dem Waggon hinüberschlenderte. Er schloss das überdimensional große Schloss auf, welches die breite Schiebetür des Waggons gesichert hatte und schob selbige beiseite. Damit gab er den Blick frei auf die mächtige Gestalt, die im Inneren kauerte.

Ein Raunen ging durch die Menge

Obwohl die Sicht auf dieses Wesen bedingt durch dessen gekrümmte Haltung eingeschränkt war, konnte man erkennen, dass es bestimmt zweieinhalb mal so groß wie ein ausgewachsener Mensch war. Keinerlei Behaarung wies es auf und es besaß menschenähnliche, wenn auch wesentlich gröbere, Gesichtszüge.

Dem Elfen stockte für einen Moment der Atem. Diese Idioten hatten einen Oger gefangen, ein Geschöpf, das für seine Unberechenbarkeit ebenso bekannt war wie für seine Sturheit und seine enormen Körperkräfte. Wenn man ihnen ihre Ruhe ließ, hatte man von Ogern in der Regel nicht viel zu befürchten. Doch diese Narren hatten ihn seiner Ruhe beraubt.

Das war der erster Fehler, den sie begangen hatten.

Der zweite Fehler war es, den riesigen Burschen in einen für ihn viel zu kleinen Waggon zu pferchen. Wohl über Stunden hatte er in unbequemer Haltung dort hocken müssen, was seine Laune gewiss nicht gerade verbessert hatte.

Fehler Nummer drei war die offensichtliche Absicht, den Oger als Lastenschlepper oder anderweitige Arbeitskraft einsetzen zu wollen. Der Elf war sich sicher, die Reaktion auf den nächsten Fehler würde für ihn äußerst amüsant werden, für die Menschen und Zwerge dort unten allerdings bedeutend weniger.

Der Lokführer zog nun an der langen Kette, welche die Handgelenke des Ogers fesselte und gebot ihm so, den Waggon zu verlassen. Knurrend und grollend kam der Gigant dieser groben Aufforderung nach. Bis er seinen massigen Körper ins Freie gewuchtet hatte, dauerte es eine ganze Weile. Seine ausladende Körpermitte – eine enorme Wampe, die über seinem Lendenschurz hing und diesen von vorn fast verdeckte – behinderte ihn dabei nicht unwesentlich. Der Güterwaggon schaukelte, ächzte und knirschte bei jeder Bewegung des massigen Kerls. Als dieser ihn endlich verlassen hatte, gab der Wagen ein Geräusch von sich, das fast schon wie ein erleichtertes Seufzen klang.

»Nun komm schon, du sturer Fleischberg!«, maulte der Lokführer und zog erneut an der Kette.

Doch der riesige Bursche bewegte sich nun keinen Millimeter mehr. Wie angewurzelt blieb er vor dem Waggon stehen, über den er mühelos hinwegsehen konnte. Ausgiebig und lange schaute er sich erst einmal in seiner neuen Umgebung um. Irgendwie machte er dabei einen fast entspannten Eindruck, doch die hasserfüllten Blicke, mit denen er die anwesenden Arbeiter musterte, ließen nichts Gutes erahnen.

Ein weiterer Zwerg eilte dem Lokführer zu Hilfe, dann ein Mensch und schon bald waren es drei Menschen und drei Zwerge, die an der Kette zerrten. Das hatte allerdings nur zur Folge, dass die überproportional langen Arme des Ogers, welche beinahe bis zum Boden reichten, ein wenig nach vorne gezogen wurden. Es sah fast so aus, als würden sich die Arbeiter in einem Tauziehen mit dem kahlköpfigen Hünen messen.

Irgendwann verlor einer der zuschauenden Menschen die Geduld und was dann geschah, war Fehler Nummer vier – der letzte Fehler.

Der einfältige Kerl lief los, verschwand kurz in einem Zelt südlich der Gleise und kehrte dann mit einer Peitsche zurück. Mit dieser schlug er auf den Oger ein wie auf ein störrisches Rindvieh. Was für eine kolossal blöde Tat er damit begangen hatte, das wurde wohl selbst ihm sehr schnell und auf äußerst unangenehme Art und Weise bewusst.

Zornig brüllend und mit einem kurzen Ruck befreite der Oger seine Handgelenke von der Kette, woraufhin alle, die daran gezogen hatten, auf ihre Hinterteile fielen. Dann schritt er zu dem Peitschenschwinger hinüber. Mit einem einzigen, wie beiläufig wirkenden, von oben geführten Hieb verwandelte er dessen Kopf in einen Klumpen blutigen Matsch.

Sämtliche Anwesenden verstummten sofort. Fassungslos und zutiefst schockiert blickten sie wie gebannt auf die langsam zu Boden tropfende Hirnmasse des Matschkopfes. Dessen Körper blieb noch einen Augenblick lang aufrecht stehen, bevor er leblos in sich zusammensackte.

Nun kümmerte sich der Oger um den Lokführer, der noch immer starr vor Schreck auf seinem Hosenboden saß. Mit seinen beiden riesigen Pranken ergriff er den Schädel des Zwerges, um ihn wie eine überreife Tomate zerplatzen zu lassen, sodass die alberne blaue Kappe von einer Blutfontäne in die Höhe geschossen wurde.

Das war das Startsignal für eine umgehend ausbrechende Panik. Menschen und Zwerge stoben auseinander wie eine Horde aufgeschreckter Hühner. Schreiend und kreischend liefen sie davon, sie stolperten übereinander oder rannten kopflos vor irgendwelche Hindernisse. Dabei verursachten sie einen Heidenlärm, der den zornigen Oger noch mehr in Rage versetzte.

Einen wütenden Oger mit einem Hurrikan oder einem ähnlich zerstörerischen Unwetter zu vergleichen, ist sehr treffend. Wie eine solche Naturgewalt fegte der rasende Gigant nun auch durch das Camp. Körper wirbelten durch die Luft, vollständig oder nur Teile davon; Holzhütten, Zelte sowie Gerüste wurden im Vorbeigehen komplett zerlegt und wimmernde Zwerge von riesigen Füßen zermalmt. Das, was Hunderte von Arbeitern in wochenlanger Arbeit aufgebaut hatten, zerstörte der wütende Oger in wenigen Sekunden.

Der Elf, hoch droben auf seinem Aussichtspunkt, war erstaunt über die Beweglichkeit und die Schnelligkeit, mit der sich der massige, plump wirkende Riese dabei bewegte.

»Wieselflink das Kerlchen«, flüsterte er anerkennend. »Ziemlich adipös, aber wieselflink.«

Er beobachtete beeindruckt weiter, wie der Oger nun eine Bahnschiene aufhob, deren Gewicht zu stemmen es eigentlich die Kraft mehrerer Arbeiter benötigt hätte. Mühelos warf er sie einem flüchtenden Menschen hinterher. Der ballistischen Flugbahn eines Wurfspeeres gleich beschrieb die Schiene einen spitzen Bogen in der Luft, bevor sie zu Boden raste und den Flüchtenden traf. Dieser hatte sich einen Augenblick zuvor umgedreht, um das Geschehen hinter sich beobachten zu können. Das schwere Wurfgeschoss rammte ihn in den Boden, sodass links und rechts davon nur noch seine Füße hervorlugten.

In der Zwischenzeit hatten einige Arbeiter offensichtlich ihren Verstand und ihre Eier wiedergefunden. Aus einem Holzverschlag, der anscheinend als Waffendepot diente, hatten sie sich Gewehre besorgt und nun eröffneten sie damit gemeinsam das Feuer auf den Oger.

Dieser schenkte dem Beschuss zunächst keinerlei Beachtung. Er war voll und ganz damit beschäftigt, mit dem ausgerissenen Bein eines Menschen auf einen Zwerg einzuprügeln. Erst als sich zwei der Geschosse in seinen Rücken bohrten, ließ er von seinem blutigen Tun ab. Er wirbelte herum, erspähte die Schützen und stürmte ihnen entgegen. Ungeachtet all der Treffer, die er dabei einstecken musste, bahnte er sich unbeirrt seinen Weg, was die meisten Gewehrschützen schließlich dazu bewog, das Weite zu suchen.

Nur einer blieb stehen und feuerte weiter, was angesichts des heranstürmenden, stinksauren Monstrums vermutlich ein respektables Maß an Courage erforderte. Dummerweise versagte sein Gewehr plötzlich aus unerfindlichen Gründen seinen Dienst.

Wahrscheinlich handelte es sich um ein iRifle, mutmaßte der Elf. Vor Regressansprüchen würde die Firma Peach aber wohl verschont bleiben, denn ihrem unzufriedenen Kunden spendierte der Oger kurz darauf einen Freiflug über die Baustelle. Kopfüber landete der bedauernswerte Bursche in dem großen, immer noch qualmenden Schornstein der Lokomotive. Das nur kurze Zucken seiner Beine ließ darauf schließen, dass sein Zug abgefahren war.

Aus unzähligen Schusswunden blutend, aber immer noch aufrecht, voller Zorn und Energie, stand der Oger nun da. Er blickte wild um sich, wahrscheinlich auf der Suche nach dem nächsten Ziel, an dem er seine unbändige Wut würde auslassen können.

Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Ein seltsames Knistern ertönte und ein greller Lichtstrahl, einem Blitz ähnelnd, jedoch schnurgerade, schoss waagerecht auf den voluminösen Kahlkopf zu. Bevor dieser sich der Gefahr bewusst wurde, traf ihn der Strahl. Er ließ ihn mit einem ohrenbetäubenden Knall in tausend Teile zerplatzen, so wie eine Nadel einen prall gefüllten Luftballon. Fleisch, Innereien und Gliedmaßen, allesamt verkohlt und noch qualmend, verteilten sich im ganzen Lager. Dort, wo der Oger gestanden hatte, war nur noch ein großer, rußschwarzer Fleck zu sehen.

Zutiefst erschrocken und verwirrt hielt der Elf Ausschau nach der Quelle dieses Lichtstrahls. Er fand sie kurz darauf in Gestalt eines hochgewachsenen, schlanken Mannes. Dieser hatte sich dem Oger unbemerkt von Westen her genähert, wo ein Zelt stand, das wesentlich größer war als all die anderen. Nun, nach dessen explosivem Ableben, schlenderte er gemächlich inmitten der qualmenden Überreste des Ungetümes umher. Seelenruhig betrachtete er sein Werk und ganz offensichtlich hatten ihn die Geschehnisse nicht im Geringsten beunruhigt.

Dieses beherrschte, fast schon kaltblütige Auftreten des mysteriösen Mannes unterschied ihn ebenso von den anderen Anwesenden hier wie sein Äußeres. Statt grober Arbeitskleidung trug er einen eleganten, schwarzen Gehrock, Hose und Krawatte aus demselben feinen, dunklen Stoff und ebenso schwarze Lackschuhe. Selbst durch den Staub, der sie nahezu vollständig bedeckte, konnte man diese noch glänzen sehen. Über seinem makellos weißen Hemd trug er eine dunkelgraue Weste mit Nadelstreifen, die von der obligatorischen goldenen Uhrenkette geziert wurde. Der schwarze Zylinder, den er auf dem Kopf trug, und der Gehstock mit goldenem, rundem Knauf in seiner Linken vervollständigten diesen Kleidungsstil, der von den wohlhabenden Einwohnern der großen Städte im Norden Avaritias bevorzugt wurde. Letztendlich waren es aber der typische, nach oben gezwirbelte Schnäuzer und der schmale Kinnbart des seltsamen Fremden, die den Elfen schlussfolgern ließen, dass er aus dem Norden stammte. Aus dem Norden kamen fast nur reiche Kaufleute oder Magier in den Süden. Reiche Kaufleute verschossen in der Regel jedoch keine todbringenden Lichtstrahlen.

»Ein Magier!«, murmelte der Elf leise. »Was, bei allen Göttern, macht ein Magier in einem Eisenbahner-Camp?«

Ein zauberkundiger Mensch so nahe bei den Säulen der Unvergänglichkeit - das würde für einiges an Aufsehen im Dorf der Moonytoads sorgen. Weder dem Häuptling noch dem obersten Schamanen würde dieser Umstand besonders gut gefallen. Ihnen würde der Elf deshalb sofort Bericht darüber erstatten, sobald ein anderer Greifenreiter ihn abgelöst hatte und er ins Dorf zurückgekehrt war.

Doch so lange musste er nicht warten. Als er sich umwandte, um nach seinem Greifen zu sehen, welcher noch immer fügsam auf seinen Hinterläufen saß, entdeckte der Elf die Rauchzeichen, die im Süden emporstiegen. Sie kamen aus seinem Dorf und waren zweifellos an ihn gerichtet.

Form und Größe der einzelnen Rauchwolken ließen den Elfen erkennen, dass Donnernder Vogel diese Botschaft verfasst hatte. Nur Donnernder Vogel und Feuriger Fuchs waren im Dorf für das Erstellen von Rauchzeichen zuständig. Diese Nachricht war jedoch anders als die Mitteilungen, die Donnernder Vogel sonst versendete. Sie war nüchtern und kurz gehalten, ohne all die Scherze oder dummen Sprüche, mit denen er seine Übermittlungen üblicherweise würzte. Noch nicht einmal das seltsame Wort LOL kam darin vor – ein Begriff, von dem niemand genau wusste, was er eigentlich bedeuten sollte. Der Inhalt dieser Botschaft beunruhigte den Elfen zudem. Es wurde ihm aufgetragen, sofort ins Dorf zurückzukommen, ohne auf eine Ablösung zu warten.

Die Säulen der Unvergänglichkeit unbewacht zu lassen, wenn auch nur für kurze Zeit, das hatte es seit dem Krieg noch nie gegeben. Mit einem unguten Gefühl in sich kroch der Elf deshalb zu seinem Greif. Er schwang sich auf dessen Rücken, ergriff seine Zügel und tätschelte ihm sanft den Hals.

»Nun gut, Poe«, sprach er zu ihm. »Lass uns nachsehen, was es so überaus Wichtiges gibt.«

Von der Unruhe seines Reiters angesteckt, schien auch in dem Greif eine gewisse Nervosität zu erwachen.

»Nimmermehr!«, krächzte das schwarze Wesen. Dann flogen beide in Richtung Dorf davon.

4

Seit Jahren schon träumte ich – nur wenn ich schlief, versteht sich – immer den gleichen Traum vom Krieg. Auf Dauer war dies nicht nur recht langweilig, sondern darüber hinaus auch ziemlich merkwürdig. Das, was in diesem Traum geschah, war mir nämlich während meiner Zeit in der Army nie wirklich passiert.

In diesem Traum lag ich auf einer Bahre in einem Zelt – einem Sanitätszelt höchstwahrscheinlich, denn neben mir lagen noch andere Soldaten, die ganz offensichtlich verletzt waren. Es roch nach Blut, Schweiß sowie irgendwelchen Heilkräutern und schmerzerfülltes Stöhnen vermischte sich mit den Geräuschen einer weit entfernten Schlacht, die zu uns ins Zelt drangen. Hin und wieder konnte ich Kanonenschüsse und Explosionen hören, dann das Kriegsgeschrei der Elfen oder wilde Schießereien. Dazwischen wurde es immer mal wieder ganz ruhig bis auf das Röcheln der Verwundeten neben mir. Einige von denen waren offensichtlich dabei, ihren Löffel abzugeben.

»Hurra, lang lebe die Army!«, schoss es mir in diesem Traum jedes Mal durch den Kopf. »Wenn ihr es schon nicht dürft, ihr armen Schweine«.

Wie bereits erwähnt, hatte ich Ähnliches in der Realität niemals erlebt und vor allem hatte in Wirklichkeit niemals ein Elfenpfeil in meiner Brust gesteckt. An so etwas hätte ich mich doch ganz gewiss erinnert.

Ich lag also in meinem Traum so da und betrachtete den aus meiner Brust ragenden Pfeilschaft. Während ich das tat, dachte ich darüber nach, dass einem ein solches Geschoss im Leib nicht nur die Uniform, sondern auch den ganzen Tag versauen konnte. Plötzlich trat ein Fremder neben mich und lächelte voller Mitleid auf mich herab.

Er trug seltsamerweise nicht die Uniform eines Sanitäters oder den Kittel eines Arztes, sondern das Militärgewand eines Magiers. Diese Tatsache machte ihn in meinen Augen nicht unbedingt vertrauenswürdig.

Magier unterstützten die reguläre Armee in Gefechten mit Feuerbällen, Blitzstrahlen sowie anderem magischen Gedöns. Sie stellten somit das Pendant zu den elfischen Schamanen dar. Mir persönlich waren sie seit jeher unheimlich und nur wenig sympathisch, zumal ihnen bei Eintritt in die Army automatisch der Rang eines Offiziers verliehen wurde. In einem gewöhnlichen Private wie mir konnte diese bevorzugte Behandlung nur den Neid erwecken.

»Ich kümmere mich gleich um dich, mein Freund«, sagte der Magier und irgendwie weckte dieses Versprechen ein ungutes Gefühl in mir. Selbst in meinem Traum verpassten mir diese Worte eine Gänsehaut, auf der man Möhren hätte raspeln können. Sie klangen drohend und extrem unheilvoll.

Normalerweise endete mein Traum an dieser Stelle und er tat es auch dieses Mal – nur ein wenig anders als sonst. Von irgendwoher erklang Glockengeläut, leise erst, dann immer lauter, so dass es schon bald alle anderen Geräusche übertönte. Es musste eine seltsame Glocke sein, die dieses Geräusch von sich gab, denn es klang wenig melodisch, eher schief, irgendwie blechern. Erst als mich dieser Lärm langsam aus meinem Unterbewusstsein zurück in die Wirklichkeit lockte, erkannte ich, dass es gar keine Glocke war, die ihn verursachte.

Es war ein Blechnapf, der vor Gitterstäbe geschlagen wurde. Der Deputy war es, der mich auf so unsanfte Art weckte.

»Ombringer, du Arsch«, murmelte ich schlaftrunken. »Wenn man dich nach dem Aufwachen als Erstes sieht, wünscht man sich sofort in einen Albtraum zurück.«

Der rotbärtige Hilfssheriff drosch weiter mit demEssnapf auf die Gitterstäbe ein, obwohl ich bereits wach war, nur um mich zu ärgern. »Steh auf du Penner! Ich soll dich zum Bürgermeister bringen!«

Ich setzte mich auf und horchte für einen kurzen Moment in mich hinein. Elsa war verschwunden, ich hatte also lange genug geschlafen um sie und ihre Tanzwut zu vertreiben. Dafür zitterten meine Hände jetzt so sehr, dass jedes Glas Milch in ihnen zu Butter geworden wäre und eine unbeschreibliche Leere erfüllte mich. Doch das war nur die übliche Reaktion meines Körpers auf mehrstündigen Alkoholentzug. Anzumerken wäre jedoch, dass ich selbst mit diesem Flatterigen noch jedes Ziel mit einer Schusswaffe hätte treffen können.

»Was bitte soll ich denn beim Bürgermeister?«, wollte ich wissen.

Ombringer zuckte mit den Schultern. »Was weiß ich?Vielleicht will er dich für deine Verdienste zum Ehrenschluckspecht der Stadt ernennen. Der Sheriff ist schon bei ihm, also sieh zu, dass du deinen Hintern bewegst.«

Der Geschmack in meinem Mund war ebenso schal wie die Witze des Deputys, weshalb ich auf beides gerne verzichtet hätte.

»Hast du 'nen Drink oder 'ne Kippe für mich?«, fragte ich deshalb ohne mir große Hoffnung auf eine positive Reaktion darauf zu machen.

Sie fiel aus wie erwartet. »Einen Tritt in die Weichteile kannst du haben, das ist auch alles.«

Der Hilfssheriff schloss die Zellentür auf, die sich quietschend für mich öffnete. Ich erhob mich von der Pritsche und trat hinaus.

»Dreh dich um«, forderte Ombringer mich auf. »Hände auf den Rücken!«

Ich sah ihn ungläubig an. »Ernsthaft jetzt? Hast du ohne deinen Boss so viel Angst vor mir, dass du mir Handschellen anlegen musst, obwohl du eine Kanone hast und ich nicht?«

»Das hat nichts mit Angst zu tun«, erklärte der fiese Zwerg, während er mir die metallenen Handfesseln anlegte. »Ich schikaniere dich nur unheimlich gerne.«

Ich musterte ihn eingehend. »Kotzt es dich nicht manchmal an, Du zu sein?«, wollte ich wissen. »Ich meine, bist du mit deiner Gesamtsituation echt zufrieden? Niemand in der Stadt kann dich leiden und du wirst niemals mehr sein als der kleine, gemeine Gehilfe des Sheriffs. Ist doch erbärmlich, oder?«

Ombringer legte seinen Kopf auf die Seite und grinste mich spöttisch an. »Und das aus dem Munde des größten Säufers und Verlierers von ganz Copperhole.«

Ohne Handschellen hätte ich nun meinen Zeigefinger mahnend erhoben. So aber sah ich den Deputy nur an und hob meine linke Augenbraue – ein Minenspiel, dass ich lange vor dem Spiegel geübt hatte, da es mir ein unheimlich intelligentes, überlegenes Aussehen verlieh.

»Und genau das sollte dir zu denken geben!«

Doch das tat es nicht, wie ich nur wenig später feststellen musste. Als wir das Büro des Sheriffs verließen, stellte mir dieses linke Frettchen ein Bein, während er mich gleichzeitig nach vorne stieß. Ich strauchelte kurz und fiel schließlich vornüber. Da meine Hände hinter dem Rücken gefesselt waren und ich mich nicht mit selbigen abfangen konnte, stürzte ich ungebremst auf die staubige Straße. Ich schaffte es noch, mich im Fallen seitwärts zu drehen, sodass mir zumindest eine gebrochene Nase oder andere Blessuren im Gesicht erspart blieben.

»Da hat er bums gemacht und unten ist er«, frotzelte der Hilfssheriff hinter mir. »Los, steh auf, du hast doch lange genug geschlafen!«

Ich erwiderte nichts, während ich mich aufrappelte. Meine Liste mit den Dingen, die ich in meinem Leben unbedingt noch machen wollte, war jedoch soeben um den Punkt Ombringer umlegen erweitert worden.

Mein Hemd war an der Schulter eingerissen, meine Jeans mit Staub bedeckt und selbst in den Haaren trug ich noch ein paar Hinterlassenschaften der Straße – mein Outfit war also mehr als angemessen für einen Besuch beim Oberhaupt dieser Stadt, dessen Büro wir kurz darauf betraten.

Bürgermeister Jogrund Honesty residierte natürlich im Rathaus, einem Gebäude am südlichen Ende der Stadt, das sich eigentlich kaum von den anderen Holzbauten in Copperhole unterschied. Weder Erhabenheit noch Würde strahlte dieser Bau aus und repräsentative Insignien oder gar Prunk suchte man hier vergebens, sowohl außen als auch innen. Lediglich der schwere Schreibtisch des Bürgermeisters war aus einem edlen, dunklen Holz gefertigt, das perfekt mit der ebenfalls dunklen Wandvertäfelung in seinem Amtsraum harmonisierte. Hinter diesem Schreibtisch saß das Gemeindeoberhaupt dann auch. Er war ein älterer Zwerg mit grauem Haarkranz, einem ebenso grauen Backenbart und einer schmalen Lesebrille auf der Nase, über deren Rand er uns anblickte, als wir den Raum betraten.

Sheriff McHardy saß auf einem Sessel vor dem Schreibtisch. Er erhob sich verärgert, als er mich in Handschellen sah.

»Was soll denn dieser Blödsinn?«, fuhr er seinen Deputy an. »Nimm ihm sofort die Dinger ab!«

»Dein Büttel würde sogar ein Brathuhn fesseln, wenn er mit ihm allein sein müsste«, bemerkte ich, während ich von meinen Fesseln befreit wurde. »Es könnte ihn ja angreifen.«

Bürgermeister Honesty verzog keine Mine. Er musterte mich stumm und wandte sich dann dem Hilfssheriff zu. »Danke Deputy, Sie werden hier nicht mehr gebraucht!«

»Wie auch sonst nirgendwo«, fügte ich hinzu.

Während Ombringer sich trollte, nahm der Bürgermeister ein Schriftstück von seinem Tisch und überflog es kurz. Danach sah er mich mit vorwurfsvollem Blick an. Die Ernsthaftigkeit und Seriosität schienen ihm dabei aus jeder Pore zu dringen.

»Gungo Large, die Geißel dieser Stadt. Zweiundzwanzig Verhaftungen wegen Trunkenheit, Körperverletzung und ungebührlichem Verhalten allein in diesem Jahr.« Der grauhaarige Zwerg legte seine ohnehin schon runzlige Stirn noch mehr in Falten. »Das geht so nicht weiter. Stimmen Sie mir da zu, Mister Large?«

Ich nickte und versuchte ein möglichst unschuldiges, aufrichtiges Gesicht zu machen. »Ich bin da ganz Ihrer Meinung, Eure Bürgermeisterlichkeit. Der Sheriff muss endlich damit aufhören, mich ständig zu verhaften. Ich fühle mich auch schon in höchstem Maße gemobbt!«

Honesty erwiderte nichts. Er erhob sich von seinem Stuhl und begann, bedächtig schweigend in seinem Büro hin und her zu gehen. Den Kopf hielt er dabei gesenkt, so als würde er hoffen, auf dem Boden die passenden Wörter zu finden, nach denen er anscheinend suchte.

Sheriff McHardy saß währenddessen in seinem Sessel und hielt sich gänzlich aus der Unterhaltung raus. Doch während er einen ganz zufriedenen Eindruck machte, fragte ich mich, wieso im Rahmen unserer Zusammenkunft keine Drinks angeboten wurden. Unter Ehrenmännern war so was doch eigentlich selbstverständlich. Vielleicht würde es der Bürgermeister noch tun, so hoffte ich, denn meinem Wohlbefinden wäre ein Schluck Whisky sehr zuträglich gewesen.

Nach einer Weile blieb Honesty vor mir stehen.

»Lassen Sie mich ehrlich sein, Large.« Er verschränkte die Arme vor seiner Brust, kniff die Augen ein wenig zusammen und bedachte mich mit den abwertendsten Blicken, zu denen er wohl fähig war. »Ich will Sie nicht mehr in meiner Stadt haben! Sie sind wie ein Streifen Scheiße in einer sonst blütenweißen Unterhose und ich werde nicht zulassen, dass Sie diesen schönen Ort weiterhin mit Ihrer Anwesenheit verunreinigen.«

Solch einen rüden Tonfall hatte ich von so einem distinguierten, älteren Zwerg wahrlich nicht erwartet. Unverständlicherweise schien er keine sehr gute Meinung von mir zu haben, womit sich die Sache mit dem Drink wohl auch erledigt hatte.

Er entspannte sich jedoch schnell wieder ein wenig, trat einen Schritt zurück und lehnte sich lässig gegen seinen Schreibtisch.

»Sheriff McHardy hat mir allerdings von Ihrer, sagen wir mal, schwierigen finanziellen Situation berichtet und dass Sie weder über ein Pferd, noch über Barschaft verfügen. Ich bin kein gewissenloser Zwerg, Mister Large, und ich möchte Sie nur ungern so mittellos aus der Stadt jagen. Immerhin haben Sie als Kriegsveteran ja auch irgendwann mal unserem Land gedient. Darüber hinaus hat der Sheriff mir erzählt, dass Sie sich als eine Art Söldner sehen, aber in unserer friedlichen Stadt damit natürlich nur sehr wenig Erfolg haben.«

Die Mine des Bürgermeisters erhellte sich und plötzlich schenkte er mir sogar ein Lächeln, welches allerdings so falsch war wie ein rostender Goldbarren. »Nun, Mister Large, ich hätte da vielleicht einen passenden Job für Sie – eine kleine Aufgabe außerhalb der Stadt, die mehr als nur angemessen bezahlt wird. Mit dem Geld könnten Sie danach irgendwo neu anfangen, egal wo, Hauptsache weit weg von hier. Ein Pferd und etwas Proviant bekämen Sie von mir ebenfalls zur Verfügung gestellt. All das natürlich nur unter der Voraussetzung, dass Sie danach nie wieder – und ich meine nie wieder – nach Copperhole zurückkehren.«

Der Bürgermeister ging wieder hinter seinen Schreibtisch und setze sich, während ich ihn argwöhnisch beobachtete. Seine unerwartete Hilfsbereitschaft weckte das Misstrauen in mir, so wie es mir entgegengebrachte Wohltätigkeit grundsätzlich tut.

»Und was wäre das für ein Job?«, wollte ich wissen. »Irgendein Verlies von Riesenspinnen befreien, ein verwunschenes Artefakt suchen oder irgendwelche Schmuckstücke in heiße Lava schmeißen?«

Bürgermeister und Sheriff sahen mich irritiert an.

»Wie kommen Sie denn auf so abstruse Ideen?«, fragte Honesty. »Kommt das vom Alkohol? Na egal, natürlich ist es nichts derart Groteskes. Sagt Ihnen der Name Athuro etwas?«

Ich nickte. »Colonel Don Athuro, natürlich, wer kennt den Namen nicht? Er ist der größte, mächtigste und reichste Rancher hier in der Gegend. Im Grunde gehört ihm der halbe Westen Avaritias.«

»Und außerdem ist er mein Cousin«, fügte Honesty hinzu. »Er hat mich gebeten, ihm einen Zwerg zu schicken, der sich im Umgang mit Schusswaffen gut auskennt und der sich selbst zu helfen weiß. Nach allem, was ich über Sie gehört habe, wäre ein Raufbold wie Sie wohl genau der richtige Mann.«

»Sie haben so einflussreiche Verwandtschaft?«, wunderte ich mich. »Und trotzdem haben Sie es nur zum Bürgermeister eines so winzigen Kaffs gebracht? Irgendwie traurig. Was für eine Aufgabe hat Ihr Cousin denn nun für mich?«

Honesty ignorierte meine spitze Bemerkung und beschränkte sich etwas säuerlich dreinblickend auf die Beantwortung meiner Frage. »Das wollte er mir nicht verraten. Als Verwandter bin ich dennoch dazu verpflichtet, seinem Wunsch nachzukommen. Die Details müssten Sie also mit ihm selbst besprechen. Wie Sie vielleicht wissen, liegt seine Ranch etwa einen Tagesritt von hier entfernt. Nun, was sagen Sie?«

Ich ließ mir mit meiner Antwort etwas Zeit, obwohl ich mich eigentlich schon entschieden hatte. Ein Pferd, Proviant und eine Menge Geld – mir gingen tatsächlich die Argumente aus, um meinen Hintern nicht aus der Stadt bewegen zu müssen. Zudem war dies ein Angebot, das ich eigentlich gar nicht ablehnen konnte. Die Alternativen waren zwar gar nicht zur Sprache gekommen, doch sie würden wohl allesamt nicht gerade angenehm für mich sein. Der Bürgermeister würde wohl nicht zögern, mich ohne einen Cent in der Tasche oder einen Gaul unter dem Hintern aus der Stadt zu jagen. Vielleicht würde er mich vorher auch noch eine geraume Zeit lang in der Zelle schmoren lassen.

Honesty wartete ungeduldig mit seinen Fingern auf den Schreibtisch klopfend auf meine Antwort. Ich hatte Durst und die Unterhaltung fing an, mich zu langweilen. Also stimmte ich zu.

»Hervorragend!« Jogrund Honesty war sichtlich erfreut. »So soll es sein! Der Sheriff wird Sie hinausbegleiten und sich um alles Weitere kümmern. Aber lassen Sie es mich noch einmal ganz klar und deutlich sagen: Nie wieder! Dies war also definitiv unsere letzte Begegnung, womit wir beide wohl sehr gut leben können.«

»Sag niemals nie«, dachte ich. Dem Bürgermeister nickte ich als Abschiedsgruß aber nur stumm zu.

»Auf Nimmerwiedersehen!«, rief dieser mir noch nach, als ich gemeinsam mit McHardy sein Büro verließ.

Vor dem Rathaus sah mich der Sheriff mit einem klitzekleinen Funken Bedauern im Blick an. »Irgendwie wirst du mir fehlen, Gungo. Ohne dich werde ich nur noch halb so viel zu tun haben.«

»Dann kannst du deinen beschissenen Gehilfen ja entlassen«, scherzte ich und der Ordnungshüter grinste.

»Pass auf dich auf«, riet er mir. »Ich weiß, du bist unschlagbar mit dem Schießeisen, doch du neigst dazu, dich selbst in die Scheiße zu reiten.«

Er streckte mir seine Hand entgegen und ich ergriff sie.

»Auf den Abschiedskuss möchte ich aber verzichten«, wandte ich ein.«Dabei muss ich immer weinen.«

McHardy grunzte vergnügt. »Du bist ein Idiot. Willst du sofort los?«

Ich schüttelte den Kopf. »Gib mir noch ein wenig Zeit, ich habe da noch etwas zu erledigen.«

Etwa zwei Stunden später fühlte ich mich wie ein neuer Zwerg. Ich saß auf dem Rücken meines eigenen Pferdes und trug meinen Revolver, ein frisches Hemd sowie meinen schönen schwarzen Hut. Diesen hatte ich in einer Schnapslache unter dem Tresen des Saloons wiedergefunden. Die drei Whisky, die ich mir bei dieser Gelegenheit gegönnt hatte, sorgten für ein wohliges, warmes Gefühl in mir.

Der Apfelschimmel, den sie mir gegeben hatten, war zwar nicht mehr der Jüngste, auch nicht der Schnellste und schon gar nicht der Schönste, doch er schien robust zu sein und einen gutmütigen Charakter zu besitzen. Keine Luxusklasse also, aber ein solides, zuverlässiges Modell, das einen nicht so schnell im Stich ließ und seinen Reiter genau dort hinbrachte, wohin er auch wollte. Leider fiel mir kein passender Name für das gute Tier ein. Ich war jedoch zuversichtlich, dass mir da noch etwas Originelles einfallen würde.

Ein letztes Mal bevor ich nach Süden zur Tolemak-Ranch aufbrach, warf ich einen Blick zurück nach Copperhole, der kleinen Siedlung im Schatten eines namenlosen Berges, den die Zwerge auf ihrer Suche nach Kupfer nahezu vollständig ausgehöhlt hatten. Hier war ich zur Welt gekommen, hier hatte ich meine Kindheit verbracht und hier hatte ich die Menge eines Ozeans an Fusel gesoffen. Bis auf die Zeit bei der Army hatte ich hier mein ganzes Leben verbracht. Jetzt im Licht der hoch stehenden Sonne, sah dieser Ort fast schon idyllisch aus – na ja, zumindest so idyllisch wie ein paar Holzhütten am Fuß eines kahlen, grauen Berges eben aussehen können.

Doch es war nicht die Wehmut, die mich ergriff und auch nicht die Traurigkeit. Es war etwas ganz anderes, das mich beschäftigte.

Ich fragte mich, wie die Anwohner des kleinen Städtchens wohl auf den Anblick des splitternackten Zwergs reagierten, der genau in diesem Augenblick geknebelt und auf dem Rücken eines Ochsen festgebunden durch die Ortschaft trabte und zwischen dessen blanken Arschbacken der Stern eines Hilfssheriffs steckte.

5

Der Elf war in Eile.

Er war am Rand des Dorfes gelandet und hatte seinen Greif bei den anderen in ihrem Gatter gelassen. Von der Neugier getrieben, mehr über die Bedeutung der Rauchzeichen zu erfahren, hastete er nun durch das Elfendorf, in dem ansonsten alles seinen gewohnten Gang ging. Frauen saßen vor ihren Tipis und tratschten, bereiteten Mahlzeiten zu oder flochten Körbe. Die Krieger, die nicht unterwegs waren, befiederten ihre Pfeile oder gerbten die Felle erlegter Bisons und die Kinder tollten zwischen den Tipis herum. Sie spielten Cowboy und Elf oder ließen ihre kleinen, gelben Nagetiere in selbstgebauten Arenen aus kleinen Ästen und Steinen gegeneinander kämpfen. In der Prärie fingen sie diese Viecher, die sie aus unerfindlichen Gründen Taschenmonster nannten.

All das interessierte den Greifenreiter jedoch nicht. Er war nur bestrebt, möglichst schnell den Häuptling zu erreichen.

»Hab Dank, dass du so schnell gekommen bist«, sprach dieser dann auch, als der Elf sein Tipi betrat. »Komm, setz dich zu uns, wir haben Wichtiges zu palavern.«

Stehender Gaul, Häuptling der Moonytoads, war nicht allein in seinem großen Zelt aus Bisonhaut, dessen Inneres mit edlen Fellen ausgelegt und mit bunten Webarbeiten sowie anderem kunstvollen Tand geschmückt war. Neben ihm saß der oberste Schamane des Dorfes, ein abnormal dürrer, uralter Elf namens Träumender Lurch, der wie immer einen etwas abwesenden Eindruck machte. Der Häuptling trug seinen prächtigen Kopfschmuck aus Adlerfedern nicht - das galt innerhalb geschlossener Räume als unhöflich. Ansonsten war er jedoch bekleidet, im Gegensatz zu Träumender Lurch, der splitternackt dasaß, was allerdings nicht ungewöhnlich war.

Der lebenslange Genuss von bewusstseinserweiternden und magischen Kräutern hatte Spuren in seinem Geist hinterlassen. Deshalb kam es schon mal vor, dass er vergaß sich zu bekleiden. Dafür war er von Kopf bis Fuß mit Tätowierungen bedeckt, die mystische Symbole, Figuren aus alten Sagen oder Stammeszeichen darstellten. Selbst sein kahl rasierter Schädel war voll davon. Eigentlich gab es an ihm keinen Zentimeter Haut mehr, der nicht tätowiert war.

»Es geht um Grimmiger Hirsch, deinen Bruder«, erklärte der Häuptling, als der Elf sich ihm gegenüber gesetzt hatte. »Er ist verschwunden. Seit vier Tagen hat er sich weder blicken noch etwas von sich hören lassen.«

Der junge Elfenkrieger stutze und runzelte die Stirn. Sein älterer Bruder, ebenfalls ein Greifenreiter – wenn nicht sogar der Greifenreiter des Stammes –, war für seine Zuverlässigkeit bekannt. Niemals versäumte er es, dem Häuptling Bericht über seine derzeitigen Tätigkeiten zu erstatten oder blieb so lange fort, dass man sich um ihn hätte sorgen müssen. Wenn er über mehrere Tage hinweg kein Zeichen von sich gegeben hatte, musste etwas Außergewöhnliches passiert sein.

Der Elf spürte große Besorgnis in sich erwachen.

»Man hat ihn zuletzt weit im Westen gesehen«, fuhr Stehender Gaul fort. »Einer unserer Späher sagt, er sei in die Richtung geflogen, in der die Ranch des reichen Zwerges liegt. Ich kann mir einfach keinen Reim darauf machen, was er dort zu suchen hat. Zudem hat Träumender Lurch eine Erschütterung der Macht gespürt...«

»Mumpitz!«, fiel ihm plötzlich der greise Schamane ins Wort. Seine Stimme erinnerte dabei schwer an das Krächzen eines sterbenden Geiers. »Ich habe doch keine Erschütterung der Macht gespürt! Was für eine Macht denn überhaupt?« Er zeigte dem Häuptling den Vogel ungeachtet dessen Stellung in der Hierarchie des Stammes. »Ich habe gesagt: Ich habe eine Erregung in der Nacht gespürt! So etwas kommt in meinem Alter nur sehr, sehr selten vor und ist für mich zwar ganz angenehm, aber auch ganz sicher ein Zeichen!«

Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen, da sich keiner näher mit der Erektion des alten Schamanen befassen wollte. Der Häuptling räusperte sich leise, fuhr sich durch sein langes, schwarzes, von ein paar grauen Strähnen durchzogenes Haar und sah peinlich berührt zu Boden.

»Ich sollte sofort aufbrechen, um meinen Bruder zu suchen«, sagte der Greifenreiter dann endlich. »Wie ihr wisst, kann er ein ganz schöner Hitzkopf sein. Sein Hass gegen alle Zwerge und Menschen ist groß, sogar größer noch als der meine. Nichts versetzt ihn mehr in Rage, als der Gedanke daran, dass diese unser Land mit ihrer Anwesenheit beschmutzen. Vielleicht hat ihn seine Wut zu irgendeiner Dummheit verleitet. Oder es ist ihm irgendwas zugestoßen. Wie dem auch sei, ich muss ihn möglichst schnell finden.«

Der Häuptling stimmte ihm zu. »Du solltest damit anfangen, alle Orte, von denen er dir jemals berichtet hat oder die ihr als Kinder besucht habt, nach Hinweisen zu durchsuchen. Denke auch darüber nach, ob er in letzter Zeit irgendeine Bemerkung gemacht hat, die uns weiterhelfen könnte. Wenn du irgendwas brauchst, komm zu mir. Die Unterstützung des ganzen Stammes ist dir sicher. Irgendetwas stimmt da ganz und gar nicht!«

»Und da ist noch etwas«, warf der Greifenreiter ein. Er war begierig darauf, dem Häuptling von den Ereignissen auf der Baustelle zu erzählen. Unter normalen Umständen hätte er dies in allen Einzelheiten getan. Doch die Sorge um seinen Bruder und die daraus resultierende Unruhe veranlassten ihn dazu, seine Erzählung auf das Wesentliche zu beschränken. »Ich habe einen Magier bei den Säulen der Unvergänglichkeit gesehen, inmitten des Eisenbahner-Camps.«

»Ein Magier?!« Der dürre, nackte Schamane sprang auf, als hätte ihn irgendein Ungeziefer in seinen Allerwertesten gebissen. »So nahe beim Heiligtum? Bei allen Göttern!«

Er fuchtelte wild mit den dünnen Armen umher, während er weiter krächzte »Das Verschwinden des Greifenreiters und das Auftauchen des Magiers – da muss es eine Verbindung geben. Kein Wunder, dass sich mein alter Schamanenstab nach all den Jahren mal wieder geregt hat. Ein Zeichen – wie ich schon sagte.«

Für einen kurzen Augenblick wurde er still und nachdenklich, während er sich seinen Schädel kratzte. Dann riss er die Augen auf und erhob seinen knochigen Zeigefinger.

»Ich muss sofort die Geister um Rat fragen!« Mit diesen Worten stürmte er aus dem Tipi, so schnell, dass die beiden anderen Elfen nur noch verdattert dreinblicken konnten. Dann jedoch fassten beide gleichzeitig den Entschluss, ihm zu folgen.

Obwohl kein seltener Anblick sorgte die Blöße des Schamanen wie so oft für Erheiterung im Dorf der Moonytoads. Kinder rannten ihm laut lachend und feixend hinterher, Männer grölten ihm zotige Sprüche nach und Frauen, vor allem die jüngeren, senkten ihren Blick und kicherten verschämt.

All das nicht zur Kenntnis nehmend raste der greise Elf mit einer Geschwindigkeit durch das Dorf, die man einem alten Knacker wie ihm niemals zugetraut hätte. Seine Verfolger bemühten sich währenddessen angestrengt, den Blick von seinem wackelnden, faltigen Hintern abzuwenden. Dieses Bild würden sie nämlich so schnell nicht wieder aus ihren Köpfen bekommen, das wussten beide.

Bald schon hatten sie den blauen, kuppelförmigen Wigwam des Schamanen erreicht. Dieses war von innen wesentlich größer als von außen. Schon manch ein Besucher war aufgrund dieses Missverhältnisses verwirrt wieder nach draußen und um den Wigwam herum gelaufen, um ein Erklärung für dieses erstaunliche Phänomen zu finden. Doch nur die Magie des Schamanen machte solch ein Wunder möglich.

Diese Tatsache war ebenso ein Indiz für die außergewöhnlich große Macht des alten Wirrkopfs, wie für seine unbändige Sammelwut. Diese hatte ihn einst dazu genötigt, seine Behausung durch einen derartigen Zauber zu vergrößern. Aufgrund erneut auftretenden Platzmangels würde er diesen Zauber bald schon wiederholen müssen. Tausende von magischen Relikten, verwunschenen Artefakten und Utensilien für magische Beschwörungen türmten sich im riesigen Inneren des Wigwams auf. Haufenweise uralte Schriftrollen und vollständig gefüllte Sammelalben mit den gezeichneten Köpfen berühmter Greifenreiter lagen dort herum. In einer Ecke stand sogar ein kompletter Totempfahl, zweimal so groß wie ein ausgewachsener Elf, und in einer anderen ein ausgestopfter Braunbär, der drohend auf den Hinterbeinen stand. Aus unbekannten Gründen trug dieser einen Knopf in seinem linken Ohr.

Im Laufe seines Lebens – eines Elfenlebens wohlgemerkt, das in der Regel nicht nur läppische Jahrzehnte sondern mehrere Jahrhunderte umfasst – hatte der alte Schamane nichts von dem fortgeworfen, was irgendwie in seine Finger gelangt war. Er hatte so viele Dinge gesammelt, wie sie andere Leute in ihrem Leben noch nicht einmal zu Gesicht bekommen. Neben der magischen Begabung des Schamanen war es wohl seine erstaunlichste Fähigkeit, sich auch nur ansatzweise in diesem Chaos zurechtfinden zu können.

Greifenreiter und Häuptling wussten um all die Absonderlichkeiten dieser Behausung. Sie schenkten ihnen deshalb auch keinerlei Beachtung. Sie hockten sich einfach nieder und sahen zu, wie der Schamane anfing, hektisch irgendwelche Haufen zu durchsuchen. Laut fluchend beschimpfte er dabei die imaginäre Person, die angeblich immer seine Sachen versteckte.

Zwischen einigen aus Holz geschnitzten Götzenfiguren fand er letztendlich das, was er gesucht hatte. Er holte seine lange, mit kleinen Federn geschmückte Pfeife heraus – eine Pfeife für den Konsum von Tabak oder Kräutern natürlich, die andere hätte er ja nicht mehr hervorholen müssen – und stopfte sie mit einem groben, dunkelbraunen Kraut.

Schon kurz nachdem er sich hingesetzt und das Kraut entzündet hatte, füllte sich der Raum mit dichten Rauschwaden. Deren würziger, etwas süßlicher Geruch weckte auch in dem Greifenreiter eine gewisse Begehrlichkeit. Er war dem gelegentlichen Genuss von berauschenden Kräutern ebenfalls nicht abgeneigt. Dieses spezielle Kraut war jedoch aufgrund seiner enorm starken Wirkung dem Schamanen vorbehalten.

Dieser sog begierig den Qualm aus der Pfeife in sich hinein und nach einer Weile begann er langsam mit dem Oberkörper schwankend eine Beschwörung zu rezitieren.

»Ich rufe euch an, oh ihr Ahnen«, murmelte er. »Ich bitte um euren Rat und um euren Beistand.«

Er wiederholte diese Worte in einer Art leisem Gesang immer wieder, bis plötzlich seine Augäpfel nach oben kippten, sodass nur noch das Weiße in seinen Augen zu sehen war. Seine zwei Besucher wussten, dass er nun das Reich der Geister betreten hatte.

»Wir benötigen Auskunft über die seltsamen Ereignisse, die momentan stattfinden«, sprach der Schamane nun in seinem gewohnt krächzenden Tonfall. »Was? Wie? Einen Moment, die Verbindung ist total beschissen. Du kommst total abgehackt rüber.«

Weiterhin in Trance nahm Träumender Lurch einen weiteren tiefen Zug aus seiner Pfeife.

»Ja, so ist es besser«, stellte er zufrieden fest. »Kannst du mir mit meinem Anliegen weiterhelfen? Du nicht? Ja, wer denn dann? Ach so! Könntest du mich vielleicht weiter verbinden? Danke, das ist nett!«

Ein kurzer Augenblick verging, dann war der Schamane wohl mit dem richtigen Geist verbunden. Er erzählte ihm vom Verschwinden des Greifenreiters und dem Auftauchen des Magiers. Auch die nächtliche Auferstehung seines sonst inaktiven Körperteils ließ er nicht aus. Stehender Gaul und der junge Krieger starrten ihn währenddessen ungeduldig und wie gebannt an.

»Aha!«, krächzte der Alte nun wieder. »Hmm...soso...ah ja...na gut. Und da bist du dir auch ganz sicher? Na supi! Ich danke dir, oh Ahne! Ach so, bevor ich es vergesse: Ich soll dich von deinem Urenkel grüßen...Ja, er ist leider immer noch so fett, aber was willste machen? Weniger Kohlenhydrate und mehr ungesättigte Fettsäuren? Nicht mehr so viel auf seinem dicken Hintern herumsitzen? Ja, ich richte es ihm aus. Machs gut! Träumender Lurch – over and out!«

Die Augen des Schamanen wurden wieder normal und noch leicht benebelt wandte er sich an die beiden anderen Anwesenden. »Wie ich es vermutet habe: Die Geschehnisse stehen alle in einem Zusammenhang.«

»Und?« wollte der Häuptling wissen.

»Nichts und! Mehr wissen die Ahnen auch nicht.«

Der Greis stand auf und reckte sich. »So, und jetzt brauche ich was Süßes. Ich glaube, ich bekomme einen Fresskick.«

»Das war jetzt aber nicht besonders hilfreich«, stellte der Greifenreiter enttäuscht fest.

Der Schamane huschte indes durch den Wigwam und holte einen großen Topf voller Honig hinter einem Korb voller Schrumpfköpfe hervor.

»Mach einfach das, was wir bereits besprochen haben«, erklärte er, während er den Honig mit einem großen Holzlöffel in sich hinein schaufelte. »Such deinen Bruder, er ist wahrscheinlich der Schlüssel zu allem. Wenn du ihn findest, werden wir mehr in Erfahrung bringen. Sei unbesorgt, die Ahnen konnten mir versichern, dass er noch am leben ist.«

Stehender Gaul öffnete gerade den Mund, um noch etwas zu sagen, als plötzlich ein hoch gewachsener, dünner Elf mit ungewöhnlich blasser Hautfarbe in den Wigwam gestürmt kam.

Es war Finstere Krähe, der Wächter über die Begräbnisstätten der Moonytoads.

Wie natürlich jeder weiß, begraben die Elfen ihre Toten nicht. Sie bauen hölzerne Gerüste, auf denen sie die einbalsamierten Leichname mit einigen Habseligkeiten aufbahren. Der Verwesungsprozess geht trotz des Balsams nicht ohne Geruchsentwicklung vonstatten, weshalb die Bestattungsorte meist weit außerhalb der Dörfer liegen. Auch der Totenacker der Moonytoads lag weit vom Dorf entfernt und nach seinem Keuchen zu urteilen, hatte Finstere Krähe den Weg von dort wohl rennend zurückgelegt. In seinem Blick war von großer Beunruhigung und einem gewissen Entsetzen zu lesen.

»Die Toten«, stammelte er nach Atem ringend. »Sie sind verschwunden.«

Stehender Gaul stand auf und legte dem atemlosen Elf eine Hand auf die Schulter. »Ganz ruhig. Komm erst mal wieder zu Atem und dann erzähle uns was los ist.«

Finstere Krähe holte ein paar Mal tief Luft, schluckte dann und begann nochmal von vorn. »Die Toten sind verschwunden, zumindest einige von ihnen. Gestern waren sie noch alle da. Ich habe es nachgezählt, so wie jeden Abend.«

»Du zählst jeden Abend die Toten?«, wunderte sich der Greifenreiter. Die Notwendigkeit einer solchen Tätigkeit erschloss sich ihm nicht so ganz. Aber er war ja auch kein Totenwächter.

Finstere Krähe richtete sich zu voller Größe auf, so als wollte er vor jemandem salutieren. »Natürlich tue ich das! Ich nehme meine Aufgabe sehr ernst! Die Inventarisierung und Kontrolle der Bestände ist ein wesentlicher Teil meines Jobs, auch wenn die Fluktuation normalerweise eher gering ist!«

»Gut«, mischte sich der Häuptling nun wieder ein. »Es sind also einige Tote verschwunden. Wie kann so etwas geschehen? Glaubst du, jemand hat sie gestohlen?«

»Das weiß ich nicht«, gestand Finstere Krähe. »Wer sollte so etwas tun? Ich habe jedoch alles nach Spuren abgesucht und auch einige gefunden.« Er zögerte ein wenig, als würde er das Folgende nicht wirklich sagen wollen. »Ich habe nur Spuren gefunden, die von den Totenstätten fort führen, aber keine einzige, die zu ihnen hinführt. Es ist so, als wären die Toten von ganz alleine fortgegangen.«

»Au Weia«, bemerkte der nackte Schamane nun, mit Honig verschmiertem Mund. »Da kommt was auf uns zu – und zwar ganz krasser Scheiß!«

6

Schon als mir die beiden Reiter entgegenkamen, ahnte ich, dass dies nichts Gutes zu Bedeuten hatte.

Dabei war meine Reise bislang so schön ruhig und ohne Zwischenfälle verlaufen. Mein namenloser Gaul hatte wie erwartet keinerlei Probleme gemacht und die fünf Feldflaschen voller Whisky, welche ich als Proviant bei mir führte, hatten es mir ermöglicht, den Alkoholpegel in meinem Blut auf einem angenehmen Niveau zu halten. Das Wetter war gut und ich hatte während einer Rast unter sternenklarem Himmel ausreichend Schlaf bekommen. Aus diesem war ich sogar ohne Elsas schmerzhafte Präsenz erwacht. Nur mein Gesäß schmerzte ein wenig, da ich es nicht mehr gewohnt war, so lange im Sattel zu sitzen. Doch auch dieses Ungemach war mit etwas hochprozentigem Beistand gut zu ertragen.

Recht angenehm war mein Ausflug also gewesen, bis ich die ersten umzäunten Weideflächen der Tolemak-Ranch erreichte und die zwei Gestalten erblickte. Alles Mögliche weckten diese, aber auf gar keinen Fall das Vertrauen in mir.

Dabei wusste ich noch nicht einmal genau, was mich eigentlich an diesen Burschen störte. Sehr wahrscheinlich handelte es sich bei denen nur um zwei Viehtreiber, die zur Ranch gehörten. Erst als die beiden mich erreicht hatten und sich drohend – die linke Hand am Zügel, die rechte auf den Griffen ihrer Revolver ruhend – vor mir aufbauten, wurde es mir klar: Sie rochen nicht nur nach Rinderkot, sondern auch nach Ärger.

»Wohin des Weges, Fremder?«, fragte einer der beiden. Er war ein Zwerg, so wie ich, jedoch wie die meisten anderen Zwerge wesentlich kleiner als ich. Zudem war er ein ausgesprochen unansehnliches Exemplar unserer Art. In seinem Gesicht gab es mehr Pickel und Aknenarben als freie Hautfläche. Auch sein ungleichmäßig gewachsener Vollbart konnte diese Makel nicht verbergen. Nur der direkte Vergleich mit seinem Begleiter, einem Ork, wertete seine Erscheinung ein wenig auf. Denn der war noch um ein paar Nuancen hässlicher. Neben dessen wenig ansprechenden, groben Gesichtszügen fielen vor allem die löchrigen, dunkel verfärbten Hauer auf, die aus seinem weit nach vorn gerichteten Unterkiefer emporragten. Eine Bürste oder etwas Vergleichbares hatte die garantiert noch nie berührt.

Beide trugen grobe Baumwollhemden, dreckige Jeans und lederne Chaps darüber, also die typische Arbeitskleidung eines Cowboys. Lediglich der Ork trug statt eines normalen Hutes einen viel zu bunten Sombrero, so wie es nur in Enchico üblich war.

»Zu eurem Boss«, antwortete ich und zeigte auf die Gebäude der Ranch, welche in weiter Ferne bereits zu erspähen waren. »Der Bürgermeister von Copperhole schickt mich. Ich soll mich bei Colonel Don Athuro melden.«

Der Zwerg musterte mich misstrauisch. »Wir wissen, dass jemand aus Copperhole kommen soll. Diesen Jemand sollen wir dann auch zur Ranch bringen. Nur soll dieser Jemand ein Zwerg sein.«

Ich nickte. »Jepp, genau das bin ich – ein Zwerg.«

Nun meldete sich der Ork mit stark enchicanischem Dialekt zu Wort. »Watt? Du bist doch kein Zwerg! Du bist'n Mensch, 'n öder, blöder Mensch!« Zur Bekräftigung seiner Worte rotzte er einen dicken Flatschen pechschwarzen Speichel in das Gras neben sich. Ich fand das ausgesprochen unappetitlich.

Sein Kollege stimmte ihm zu. »Versuch nicht uns zu verarschen! Du bist viel zu groß für einen Zwerg und einen richtigen Bart hast du auch nicht.«

»Jetzt hört mir mal gut zu Jungs.« Ich lächelte, darum bemüht, meine Ruhe zu bewahren. »Ich bin wirklich ein Zwerg und ich bin verdammt weit geritten, um hierher zu kommen. Also lasst den Scheiß und bringt mich zur Ranch.«

Das Pickelgesicht schüttelte den Kopf. »Wir hatten hier kürzlich ein wenig Ärger und deshalb ist es keinem Fremden erlaubt, sich hier herumzutreiben. Ausgenommen ist nur dieser Zwerg aus Copperhole.«

Er deutete mit dem Zeigefinger auf mich. »Du jedoch – Du … kannst nicht… vorbei!«

Ich stöhnte genervt auf und verdrehte die Augen. »Seht mal ihr zwei Hirnakrobaten: Euch hat Mutter Natur mit zwei außergewöhnlich ausgeprägten Hackfressen gesegnet, mich dafür mit ein paar Zentimetern zu viel an Körpergröße und einem spärlichen Bartwuchs. Das ist alles. Ich bin der Zwerg, auf den euer Boss wartet!«

»Nö!« Der Ork klang wie ein bockiges Kind. »Du bist'n Mensch und Menschen dürfen nicht weiter!«

Obwohl ich kein sehr diplomatischer Typ bin und Hindernisse, die sich mir in den Weg stellen, meistens ohne lang zu diskutieren aus dem Weg räume, versuchte ich es erst noch mal mit Vernunft. »Warum sollte ich mich denn als Zwerg ausgeben, wenn ich keiner bin?«

»Vielleicht willst du hier Rinder klauen!«, mutmaßte der pickelige Zwerg. »Oder irgendeinen Unfug anstellen!«

»Und woher weiß ich, dass der Bürgermeister von Copperhole jemanden zu Don Athuro geschickt hat, wenn ich nicht derjenige bin?«, wollte ich wissen.

Die beiden Trottel sahen sich ratlos an.

»Der Mensch ist schlau«, äußerte der Ork dann eine Vermutung, »und schlaue Leute sind gefährlich! Der will uns übers Ohr hauen!«

Wieder erntete er die Zustimmung seines Kollegen.

»Stimmt! Und der Colonel wäre bestimmt nicht erfreut darüber, wenn wir so ein gerissenes Kerlchen auf seinem Land herumlungern ließen. Wir sollten ihn vorsichtshalber umlegen. Da er unbefugt in dieses Gebiet eingedrungen ist, haben wir das Recht dazu.«

Der Ork reagierte begeistert auf diesen Vorschlag. »Oh ja, wir sollten ihn wegballern!«

In mir wuchs das Bedürfnis, eine meiner Feldflaschen mit nur einem Zug zu leeren. Stattdessen erklärte ich die Verhandlungen für gescheitert.

»Na dann versucht es mal, ihr zwei Vollpfosten!«

Nahezu zeitgleich - der Ork vielleicht den Bruchteil einer Sekunde schneller - zogen beide Kerle ihre Kanonen.

Ungeschickt stellten sie sich dabei nicht an, das musste ich ihnen lassen. Dennoch zog ich natürlich um ein Vielfaches schneller. Einen Wunsch in meinem Kopf formuliert, der Rest geschah blitzschnell und wie von selbst – so lief das bei mir immer ab.

Kurz nachdem sie ihre Waffen aus den Holstern befreit hatten, schoss ich ihnen selbige aus den Händen. Da ich gerade dabei war, schoss ich dem Zwerg auch noch den Daumen ab.

Grausam? Hey, die beiden wollten mich umlegen!

Der Zwerg heulte sofort los wie ein Baby, während sich aus dem Stumpf an seiner rechten Hand fröhlich ein kleiner Bach aus Blut ergoss.

»Du hast mir meinen Daumen abgeschossen«, jammerte der frisch gebackene Linkshänder, während er auf seinen Sattel blutete. »Du hast mir meinen verdammten Daumen abgeschossen.«

»Erstaunlich gute Auffassungsgabe«, stellte ich fest, weiterhin mit meinem Revolver auf die beiden zielend. »Wie sieht es aus, wollt ihr euch noch von anderen Körperteilen trennen, oder bringt ihr mich jetzt zu Don Athuro?«

»Nix mehr wegballern!«, bat der Ork sichtlich beeindruckt von der Schnelligkeit und Präzision meiner Schüsse. Dann wandte er sich an seinen wimmernden Kollegen. »Du musst das schnell verbinden und 'ne Salbe drauf schmieren, sonst wächst es nicht nach!«

Der Zwerg bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. »Du bist so ein Vollidiot! Daumen wachsen nicht nach! Ich werde nie wieder mit dieser Hand richtig schießen können.« Er holte ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wickelte es sich um den blutenden Rest seines Daumens. »Aber ich muss das tatsächlich versorgen lassen, also begleite ich den Typen zur Ranch. Du bleibst hier und wartest. Vielleicht taucht der richtige Zwerg aus Copperhole ja doch noch auf!«

Pustelvisage, dessen Akne wohl momentan sein geringstes Problem war, sah mich voller Hass an. »Nun gut, Fremder, ich bringe dich zu Don Athuro. Hoffentlich lässt dich der Colonel dann sofort abknallen. Er hasst es nämlich, wenn jemand uneingeladen auftaucht. Und wenn man seine Leute verstümmelt, das hasst er auch!«

Er wendete sein Pferd in Richtung Ranch und endlich konnte auch ich meinen Weg fortsetzen.

Gemeinsam ritten wir den breiten Weg entlang, der zwischen den Weideflächen hindurchführte. Während ich die unglaublich vielen Longhorn-Rinder bestaunte, die hier grasten, schimpfte und heulte mein Begleiter abwechselnd vor sich hin.

Meine nun wieder gute Laune beeinträchtigte das nicht im Geringsten. Da ich ein netter Kerl bin, begann ich ein Gespräch, um den Zwerg von seinen Schmerzen abzulenken.

»Was meinst du, wie viele Rinder gibt es hier insgesamt?« fragte ich. »Nur so über den Daumen gepeilt.«

Statt einer Auskunft erhielt ich nur ein zorniges Knurren.

»Hast keine Ahnung, was?« fuhr ich fort. »Na, dann will ich mal die Daumen drücken, dass es irgendjemand auf der Ranch weiß.«

Ich streckte ihm meine zwei erhobenen Daumen entgegen. »Ich habe nämlich zwei Stück davon, weißt du?«

Wieder blieb eine Antwort aus. Scheinbar war mein Gesprächspartner ein wenig verstimmt.

Er schwieg auch noch den Rest des Weges.

Bald schon ritten wir unter einem großen, von zwei schlanken Holzsäulen getragenen Schild hindurch, auf dem in großen Lettern Tolemak-Ranch geschrieben stand. Eine Vielzahl unterschiedlicher Gebäude befand sich dahinter: Scheunen, Ställe, Unterkünfte für Viehtreiber sowie andere Bedienstete, eine Schmiede und sogar einen kleinen Saloon gab es hier, sodass mir die Ranch beinahe schon wie eine kleine Stadt erschien. Auch die Zahl der Personen – vorwiegend Zwerge, aber auch Orks beiderlei Geschlechts, die hier ihrem Tagewerk nachgingen - wäre wohl mit der Einwohnerzahl einer Kleinstadt vergleichbar gewesen.

Bei vielen dieser Personen erregte unsere Ankunft großes Interesse. Sie hielten in ihrer Arbeit inne, egal womit sie gerade beschäftigt waren, und starrten uns mit weit geöffneten Augen und Mündern an. Vor allem dem lauthals leidenden Zwerg galt ihre Aufmerksamkeit. Wie ein Hund der Pfötchen gibt, hielt dieser seine verwundete Hand beim Reiten vor die Brust. Angesichts der Beachtung, die ihm entgegengebracht wurde, legte der Jammerlappen noch mal an Wehleidigkeit zu. Man hätte fast schon glauben können, dass er jeden Moment tot aus dem Sattel kippen würde.

»Im Krieg habe ich Soldaten mit abgetrennten Armen oder Beinen gesehen, die nicht mal ansatzweise so laut geflennt haben wie du«, stellte ich etwas genervt fest, woraufhin er sein Klagen auch abrupt einstellte.

Vom Zentrum der Ranch – einem großen, gemauerten Ziehbrunnen – führte ein Weg direkt nach Süden zum größten und prachtvollsten Gebäude der Ranch, dem Herrenhaus. Schon als wir diesen mit Blumenbeeten gesäumten Pfad entlang ritten, erspähte ich den älteren Zwerg. Dieser saß zunächst in einem Schaukelstuhl auf der pompösen, riesigen Veranda und erhob sich dann, als er uns bemerkte.

Unverwechselbar handelte es sich bei diesem Zwerg um Don Athuro selbst. Alles an ihm strahlte Autorität und Erhabenheit aus, seine stahlblauen Augen ebenso wie seine stramme, aufrechte Haltung und sein silbergrauer Bart, der ihm bis zum Bauchnabel reichte. Zudem trug er seine alte Uniform, die ihn als Colonel kenntlich machte, obwohl er schon lange nicht mehr im aktiven Dienst der Army war. Dies war, genau wie die Pracht und die übertriebene Größe seines Hauses, eine Zurschaustellung von Reichtum und Macht, die ich nicht unbedingt sympathisch fand.

»Dieser Mensch wollte unbedingt zu Ihnen, Sir«, erklärte Pickelgesicht, als wir unsere Pferde vor der Veranda zügelten. »Er hat sich nicht davon abbringen lassen.«

Der Colonel warf einen kurzen Blick auf die verletzte Hand des Zwerges. Er ließ die Beschädigung seines lebenden Inventars allerdings unkommentiert.

»Das ist kein Mensch, du Hornochse. Das ist ganz offensichtlich der Zwerg, den ich erwarte – etwas größer als der Durchschnittszwerg vielleicht, aber ganz klar ein Zwerg.«

Er wandte sich von seinem nun doch reichlich verblüfften Untergebenen ab und mir zu.

»Seien Sie willkommen, Mister ...«, er dachte kurz nach, »Large war der Name, nicht wahr?«

»Richtig«, erwiderte ich und stieg aus meinem Sattel. »Gungo Large! Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Mit einer kurzen Handbewegung gab Athuro seinem Angestellten zu verstehen, dass dessen Typ hier nicht mehr gefragt war. Dieser gab seinem Pferd daraufhin auch die Sporen. Wahrscheinlich würde er sich nun jemanden suchen, der seine Verletzung versorgen würde und ganz gewiss würde sich derjenige auch das Leid des Zwerges in allen Einzelheiten anhören müssen.

»Eine wirklich beeindruckende Ranch haben Sie, Colonel«, bemerkte ich, während ich meinen Gaul an einem Pfahl vor der Veranda festband. »Aber welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um hier eine Anstellung zu finden? Muss man das Ergebnis generationsübergreifender Inzucht sein?«

Don Athuro grinste. »Ich gebe zu, dass einige meiner Leute nicht viel mehr im Kopf haben als das Vieh, das sie hüten sollen. Für die meisten Arbeiten, die hier anfallen, ist das auch gar nicht notwendig. Das ist allerdings auch einer der Gründe, weshalb Sie hier sind, Mister Large. Aber kommen Sie doch ins Haus, wir haben viel zu bereden.«

Ich ging die Veranda hinauf zum Eingang und er öffnete die wohl gewaltigste Haustür, die ich in meinem Leben jemals erblickt hatte. Nachdem ich sie durchschritten hatte, verschlug es mir angesichts der riesigen Eingangshalle für einen Moment die Sprache.

Diese Eingangshalle hatte den Namen Halle wahrlich verdient. So hoch wie das Innere einer Kirche oder eines Tempels, reichte sie über zwei Stockwerke. Von der gewölbten, stuckverzierten Decke herab hing ein Kronleuchter, der aus Tausenden von funkelnden Glasperlen oder Edelsteinen zu bestehen schien. So wie ich Don Athuro einschätzte, waren es aber wohl eher Edelsteine. Der Boden aus feinstem Marmor, hier und da mit teuer aussehenden Teppichen belegt, erstreckte sich vor mir über viele Meter hinweg bis zur gegenüberliegenden Seite. Dort führten links und rechts zwei breite, gebogene Treppen auf eine Galerie, von der aus man die Räume des ersten Etage erreichen konnte.

Was meine Blicke aber als Erstes auf sich zog, war das ausgesprochen lebensecht wirkende Präparat eines schneeweißen Einhorns. Dieses stand auf einem goldenen Sockel zwischen den zwei Treppen und begrüßte jeden Neuankömmling majestätisch auf seinen Hinterbeinen stehend. Selbst das lange, gewundene Horn ragte noch aus seiner Stirn – eine nahezu unbezahlbare Rarität, da diese Hörner aus diversen Gründen heiß begehrte Objekte unter wohlhabenden Menschen- und Zwergenfrauen waren.

Gerne noch hätte ich das Herrenhaus weiter besichtigt, wäre durch die luxuriösen Zimmer gewandert und hätte mir die zahlreichen, kostbaren Gemälde an den Wänden oder die vielen anderen Dekorationsobjekte angesehen. Doch dies blieb mir leider verwehrt. Der Colonel führte mich umgehend in sein Arbeitszimmer, welches als erster Raum nach der Eingangstür links von der Eingangshalle abging.

»Nehmen Sie doch Platz«, bat mich Don Athuro und deutete auf einen der zwei Sessel, die vor einem lodernden Kamin standen.

Ich nahm meinen Hut ab und kam seiner Bitte nach. Dann sah ich mich in dem Raum um, der das Büro von Bürgermeister Honesty in meiner Erinnerung wie eine Besenkammer wirken ließ. Auch der Schreibtisch des Colonels war um ein Vielfaches größer und wohl auch wertvoller als der seines Cousins. Das Ding war fast schon lächerlich groß, so groß, dass es noch nicht mal zur Hälfte in das Zimmer gepasst hätte, welches ich in Copperhole bewohnt hatte.

Doch Don Athuro setzte sich nicht hinter sein vierbeiniges Statussymbol. Er ging zu einem großen Globus neben dem Kamin und klappte dessen obere Hälfte auf, sodass eine breite Auswahl verschiedenster Flaschen zum Vorschein kam.

Der Colonel nahm eine dieser Flaschen heraus.

»Wie wäre es mit einem Glas?«, fragte er, nachdem er einen kurzen Blick auf das Etikett geworfen hatte.

»Von mir aus kann es auch die ganze Flasche sein«, erwiderte ich.

»Ja, davon habe ich gehört.« Athuro befüllte ein Glas – oder besser gesagt ein Behältnis aus kostbarem Kristall – und reichte es mir. »Von Ihrer, sagen wir mal, Vorliebe zu hochgeistigen Getränken, meine ich.«

Er nahm mir gegenüber auf dem anderen Sessel Platz.

»Mein Cousin hat mir bereits einiges über Sie erzählt. Sofort nachdem ich ihm mein Anliegen vorgetragen hatte, erwähnte er Ihren Namen. Sie wären genau der Richtige, meinte er: Kriegsveteran, ein hervorragender Schütze und nicht unbedingt auf den Kopf gefallen. Leider jedoch würden Sie dem Genuss von Alkohol in etwas zu hohem Maße zusprechen.«

»Ich bin ein Säufer«, brachte ich seine Ausführungen auf den Punkt. »Ist das ein Problem?«

Athuro verneinte. »Für mich nicht, solange es Ihre anderen, positiven Eigenschaften nicht beeinflusst.«

»Hat es nie.« Ich nahm einen Schluck. Der mit Abstand beste Whisky, der jemals meine Zunge überquert und meine Geschmacksknospen liebkost hatte, bahnte sich seinen Weg in meinen Magen.

Das wohlige Gefühl, für das er dort sorgte, übertraf die angenehme Wärme des Kaminfeuers bei Weitem.

»Hat Ihr Cousin auch erzählt, dass ich ein ungehobelter und zudem sehr ungeduldiger Kerl bin?« Ich hoffte, diese Bemerkung würde den Colonel dazu bewegen, sich kurzzufassen. Er schien jedoch ein Zwerg zu sein, der sich sehr gerne selbst beim Reden zuhört.

»Kennen Sie das Lied vom Troll, Mister Large?«, fragte er dann auch meiner Meinung nach wenig zielführend.

Ich sah ihn von dieser Frage etwas verwirrt an. »Ja, es ist ein altes zwergisches Lied, das meist zu späterer Stunde in den Saloons gegrölt wird.«

Don Athuro lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Singen Sie es mir doch einmal vor.«

Ich lachte kurz und laut auf. »Auf gar keinen Fall! Selbst wenn Sie Ihren ganzen Globus leer getrunken hätten, würden Sie das nicht ertragen!«

»Dann rezitieren Sie doch mal den Text«, bohrte Athuro weiter.

Auch das lehnte ich ab. »Den kenne ich nicht so genau. Wenn Sie mich aber unbedingt als Alleinunterhalter engagieren wollen, könnte ich Ihnen das Lied vom Baumwollaugen-Joseph vortragen.«

Der Colonel winkte ab. »Nein, darum geht es nicht.«

Er erhob sich aus seinem Sessel und mit dem Glas in der Hand begann er, auf und ab zu gehen. Irgendwie musste dieses Verhalten wohl in der Familie liegen.

»Wissen Sie, in dem Lied vom Troll geht es um die verhängnisvolle Verbindung zweier unterschiedlicher Rassen. Ein Troll verliebt sich in eine Ogerfrau und allen Widrigkeiten zum Trotz finden sie am Ende zusammen. Das Kind jedoch, welches aus dieser Verbindung entsteht, ist ein blutrünstiges, hirnloses Monster, das alles zerfleischt, was seinen Weg kreuzt.

Verstehen Sie, Mister Large? Dieses Lied ist eine Mahnung. Es ist eine Warnung, dass die Vereinigung unterschiedlicher Gattungen nur Übles und Böses hervorbringen kann.«

Er ließ sich wieder in seinen Sessel fallen und seufzte. »Leider gibt es nun auch in meiner Familie eine solch unheilvolle Verbindung. Meine Stieftochter – Gundel – hat sich in einen Elfen verliebt.« Ein Anflug von Zorn verfinsterte seine Miene. »Ausgerechnet in einen Elfen, in einen der Wilden, die ich mein Leben lang bekämpft habe!« Im Gesicht des Colonels gaben sich die Gefühlsregungen die Klinke in die Hand. Nun war es der Ausdruck von Abscheu, der darin erschien. »Ein Zwergenmädchen und ein Elf – was kann es Absurderes, Widernatürlicheres geben? Ich habe keine Ahnung, wie sie sich kennengelernt haben, aber natürlich haben wir ihr sofort den Umgang mit diesem spitzohrigen Lumpen untersagt. Es ging sogar so weit, dass wir sie in ihrem Zimmer einsperren und eine Wache vor der Ranch postieren mussten.«

Athuro trank sein Glas in einem Zug leer und schenkte sich sofort nach. Natürlich hielt ich ihm auch meines hin, welches er zu meiner Zufriedenheit ebenfalls füllte.

»Vor einigen Tagen nun ...«, der Colonel hielt kurz inne, so als müsse er erst genügend Kraft sammeln, um weitersprechen zu können, »hat dieser Bastard es gewagt, meine Wache niederzuschlagen und in mein Haus einzudringen. Dann hat er Gundel aus ihrem Zimmer befreit und beide sind auf einem verdammten Greifen davongeflogen. Dieser unverschämte, dreckige Bestienreiter entführt meine Stieftochter von meinem Grund und Boden. Ich habe schon Leute für weitaus weniger hängen lassen!«

»Ihre Stieftochter ist also mit einem Elfen durchgebrannt«, stellte ich fest.

War mir Don Athuro trotz seines protzigen Gehabes anfangs noch ganz sympathisch gewesen, so fing er langsam an, mir auf den Zeiger zu gehen. »Und wieso erzählen Sie mir dann erst diesen ganzen rassistischen Scheiß über verhängnisvolle Verbindungen? Daran glauben Sie doch selber nicht! In der Army waren Sie bekannt als der erbarmungsloseste, brutalste und fanatischste Elfenjäger überhaupt. Von wegen Vereinigung verschiedener Gattungen ...bla, bla, bla. Sagen Sie es doch ganz einfach, wie es ist: Sie hassen Elfen und wollen deshalb nicht, dass Ihre Stieftochter sich mit einem abgibt.«

Colonel Don Athuro war es nicht gewohnt, dass man so mit ihm sprach. Meine nicht vorhandene Unterwürfigkeit erregte ganz offensichtlich seinen Unmut, was ich an seinen zusammengezogenen Augenbrauen erkennen konnte. Dennoch äußerte er sich nicht dementsprechend.

»Ja, ich hasse sie«, gestand er stattdessen. Er rutschte in seinem Sessel nach vorn und beugte sich zu mir. »Aber tun Sie das nicht auch, Mister Large? Sie haben doch auch gegen diese Wilden im Krieg gekämpft.«

»Nö«, entgegnete ich wahrheitsgemäß. »Ich habe gegen sie gekämpft, weil ich dafür bezahlt wurde - aus keinem anderen Grund. Dabei habe ich sie als mutige und ehrenhafte Kämpfer kennengelernt. Mutiger und ehrenhafter als so mancher Zwerg oder Mensch.«

Meine Antwort missfiel dem Colonel natürlich. »Ach, ist mir doch egal, was Sie von den Elfen halten.« Er lehnte sich wieder zurück. »Ihre Aufgabe wäre es, meine Stieftochter zu finden und wieder zurückzubringen – falls es Ihnen Ihr übermäßig großer Respekt vor den Elfen nicht verbietet, diesen Job anzunehmen.«

»Und wenn Ihre Stieftochter das nicht möchte?«, lautete mein Einwand.

Er zuckte mit den Schultern. »Fesseln, knebeln, betäuben – mir egal wie Sie es anstellen. Hauptsache, Sie bringen das kleine Luder zurück.«

Mir lag eine bissige Bemerkung bezüglich seltsamer Vaterliebe auf der Zunge, doch ich spülte sie mit einem Schluck Whisky hinunter. Der über alle Maßen köstliche Geschmack stimmte mich milde. Deshalb stellte ich lediglich die alles entscheidende Frage: »Und was ist mit de' Kohlen?«

Athuro grinste breit und jovial. »Ich hatte so an eintausend Mithril-Dollar gedacht. Was meinen Sie?«

Ich ließ mir nichts anmerken und schaffte es nur mit Mühe, meine Kinnlade am Herunterklappen zu hindern. Eintausend Mithril-Dollar, so einen Haufen Geld hatte ich mein Lebtag noch nicht besessen. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist es, dass Mithril-Dollar trotz ihres Nennwertes meist drei- bis viermal so hoch gehandelt wurden wie herkömmliche Dollar. Doch ich wusste: Wenn jemand bereit ist, viel für etwas zu bezahlen, dann ist er vielleicht auch dazu bereit, noch mehr dafür zu bezahlen.

»Ich könnte ernsthafte Schwierigkeiten mit den Elfen bekommen«, gab ich zu bedenken.

»Sagen wir tausendfünfhundert«, antwortete Athuro.

»Eine junge Liebe zu entzweien, ich weiß ja nicht.«

»Zweitausend!«

»Ich bin Romantiker, wissen Sie?«

»Zweitausendfünfhundert – das ist mein letztes Wort!«

Ich lächelte zufrieden und wollte dem Colonel gerade meine Zustimmung aussprechen, als ein lautes Rufen aus der Eingangshalle zu uns drang.

»Don?!« Die Stimme war schrill und durchdringend wie das Schreien einer Möwe, der man den Hals umdreht. »Don, wo steckst du schon wieder?«

Athuro sprang sofort auf. »Hier bin ich, im Arbeitszimmer, mein Engel!«

Kurz darauf betrat dieser Engel das Arbeitszimmer. Ich fragte mich spontan, ob der Colonel diese Zwergin wohl verscheißern wollte, wenn er sie so nannte, denn sie war einfach nur hässlich – enorm hässlich.

Rübennase war das erste Wort, das mir einfiel, als ich das Ding in ihrem faltigen Gesicht erblickte. Das Wort Nase war für dieses überlange Gerät einfach viel zu kurz. Hätte man diese Zwergenfrau bei den Beinen gepackt und sie mit dem Gesicht nach unten über einen Acker geschoben, man hätte eine Furche erhalten, in der man bequem Kartoffeln hätte aussäen können.

Doch auch der Rest ihrer Erscheinung – von ihrem augenscheinlich teuren Kleid einmal abgesehen – war alles andere als anmutig. Ihre dünnen, weißen Haare klebten wie Spinnweben an ihrem Schädel, ihre blasse Haut wirkte wie zerknittertes, dünnes Pergament und ihr lippenloser Mund sah aus, als wäre er mit einem Messer in ihr verhärmtes Gesicht geschnitten worden. Darüber hinaus war mir alles an dieser Zwergin zuwider, unabhängig von ihrer äußeren Erscheinung. Allein ihre Anwesenheit verursachte ein seltsames Unwohlsein in mir.

»Ha...hallo Liebling«, stammelte der Colonel.

Ich durfte miterleben, wie ein selbstbewusster, stolzer Zwerg in wenigen Sekunden zu einem erbärmlichen Waschlappen mutierte.

Sie erwiderte seinen Gruß nicht, sondern baute sich vor mir auf. »Wer ist das?«

»Das ist Mister Large, Liebling.« Athuro sah mich an. »Mister Large, das ist meine Frau Ginvera.«

Bevor ich mich rühren konnte, fuhr mich die Rübennase an. »Hat man Ihnen nicht beigebracht, dass man aufsteht wenn eine Dame den Raum betritt, Mister Large?«

Da ich nicht die geringste Lust verspürte, mehr Worte als unbedingt notwendig mit dieser Person zu wechseln und ich ein Wortgefecht mit ihr deshalb unbedingt vermeiden wollte, erhob ich mich unverzüglich. Sogar das Wort Entschuldigung kam über meine Lippen – ein Wort, von dem viele annehmen, dass es in meinem Wortschatz gar nicht existiert.

Ginvera musterte mich mit ihren seltsam stechenden, giftgrünen Augen. Das Unwohlsein in mir wuchs zu einer irrationalen, nicht erklärbaren Furcht heran.

»Ich beabsichtige, Mister Large zu engagieren, um nach Gundel zu suchen«, erklärte ihr Ehemann.

Zu meiner großen Erleichterung wandte sie sich von mir ab und ihm zu. »Du hast dafür extra jemanden kommen lassen? Hast du zu viel Geld? Warum schickst du nicht ein paar deiner vielen Männer, die du ohnehin schon bezahlst?«

Der Colonel fuhr aufgrund dieser Schelte ein wenig zusammen. Unverzüglich begann er, sich zu rechtfertigen. »Aber Engel, die sind doch für solche Aufgaben nicht geeignet. Die können Rinder hüten oder sie von A nach B treiben, das war es aber auch schon. Mister Large hingegen war in der Army, er hatte schon mit Elfen zu tun und kann sich zudem sehr gut zur Wehr setzen. Außerdem könnte man ihn aufgrund seiner Größe für einen Menschen halten, was im Umgang mit Elfen von Vorteil sein kann. Du weißt, dass Elfen normalerweise nichts so sehr hassen wie Zwerge.«

Er trat neben mich und legte mir eine Hand auf die Schulter, so als würde er mich seiner Gattin zum Kauf anbieten. »Er ist wirklich außerordentlich gut für diese Aufgabe geeignet. Glaub mir, einen besseren Zwerg finden wir so schnell nicht wieder.«

Seine Frau betrachtete mich erneut und sofort erwachte dieses unangenehme Gefühl wieder in mir.

»Mach doch, was du willst«, sagte sie. »Es ist dein Geld. Hauptsache, du bringst mir Gundel zurück.«

Don Athuro atmete erleichtert aus, so leise, dass nur ich es bemerken konnte. »Natürlich, mein Engel. Vertrau mir, ich sorge dafür, dass sie heimkommt. Du weißt, wie wichtig mir ihr Wohlergehen ist und dass mir kein Preis dafür zu hoch ist.«

»Gut für dich«, bemerkte seine Gattin wie beiläufig. »Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass ich mich für ein paar Stunden in meine Gemächer zurückziehen werde. Sorge dafür, dass niemand mich stört und sag deinen Leuten, sie sollen draußen nicht so einen Radau machen. Es reicht schon, wenn ich den ganzen Tag das Muhen dieser verdammten Rindviecher hören muss. Vielleicht sollte man ihnen allesamt die Stimmbänder durchschneiden lassen!«

Sie verließ das Zimmer endlich wieder und ich entspannte mich in gleichem Maße, wie es auch der Colonel tat. Dieser schlich ein paar Sekunden später zur Zimmertür und warf vorsichtig einen Blick hinaus, so als wollte er sichergehen, dass seine Frau auch wirklich nicht mehr in der Nähe war.

Danach lächelte er mich etwas verlegen an. »Meine Frau kann mitunter recht barsch sein. Nicht auszudenken, was passieren würde, sollte Gundel nicht mehr heimkommen. Sie verstehen nun sicher, warum mir so viel an der Rückkehr meiner Stieftochter liegt.«

»Oh ja!« Ich lächelte ebenfalls – allerdings weder verlegen noch freundlich, sondern eher heimtückisch. »Dreitausend war Ihr letztes Wort, richtig? Spesen natürlich extra und im Voraus.«

Athuro verzog sein Gesicht, als hätte er plötzlich Magenkrämpfe, dann stimmte er jedoch anstandslos zu.

Innerlich triumphierend ließ ich mich wieder in den Sessel sinken. »Haben Sie irgendeine Idee, wo ich mit meiner Suche beginnen soll?«

»Das habe ich in der Tat.« Der Colonel platzierte sich auf der Kante seines monströsen Schreibtischs. »Soweit ich informiert bin, gehört Gundels Entführer dem Stamm der Moonytoads an. Bei denen sollten Sie mit Ihren Nachforschungen beginnen.«

Ich kramte mein Wissen über die Stämme der Elfen aus meinem Gedächtnis hervor. »Die Moonytoads? Deren Gebiet liegt sehr weit im Osten, hinter dem Seven-Hills-Gebirge. Ich werde wohl einige Tage unterwegs sein.«

»Sie sollten die Eisenbahn nehmen«, schlug Athuro vor. »Die Gleise führen mittlerweile weit in das Gebiet der Moonytoads hinein. Von Hoochtown fährt ein Zug nach New Solitude, nahe der Grenze zum Gebiet der Wilden. Leider endet die offizielle Bahnstrecke dort.«

Er ging um den Schreibtisch herum, nahm ein Blatt Briefpapier aus einer Schublade und begann, mit einem goldenen Füllfederhalter etwas darauf zu schreiben.

»Mir gehören jedoch einige Anteile der Eisenbahngesellschaft. Wenn Sie ein Schreiben mit meiner Unterschrift bei sich führen, wird man Ihnen gestatten, von New Solitude mit dem Güterzug zur Baustelle am Ende der Strecke weiterzureisen.«

Er setzte seine Signatur unter das Schreibstück, dann faltete er es zusammen und steckte es in einen Briefumschlag. »Dann wären Sie auch schon da – mitten im Gebiet der Moonytoad-Elfen.«

»Klingt gut«, gab ich zu. »Nach Hoochtown schaffe ich es mit dem Pferd in ein paar Stunden. Alles in allem wäre ich dann höchstens ein, zwei Tage unterwegs. Die Schwierigkeiten werden dann allerdings erst ihren Anfang nehmen.«

»Sie werden schon damit fertig, da bin ich ganz sicher. Dreitausend kleine Anreize für Ihre Bemühungen werden hier auf Sie warten.« Athuro steckte einige Geldscheine zu dem Schriftstück. »Ihre Spesen«, erklärte er, dann reichte er mir den Umschlag. »Dann hätten wir wohl alles besprochen. Ich erwarte Sie in Begleitung meiner Stieftochter zurück.«

Ich erhob mich, setzte meinen Hut auf und berührte dessen Krempe kurz mit dem Zeigefinger. »Alles klar, ich komme mit ihr wieder, keine Frage.«

Natürlich verließ ich das Arbeitszimmer nicht, ohne mir vorher den Rest Whisky aus meinem Glas zu gönnen und als ich alleine durch die Eingangshalle ging, fragte ich mich, ob ich jemals wieder so einen guten Tropfen würde kosten dürfen.

Dieser Whisky, das luxuriöse Haus, all dieser Reichtum und Pomp – für einen kurzen Augenblick beneidete ich den Colonel. Dann dachte ich an seine Frau, sah sie kurz vor mir und spürte das Unbehagen wieder, welches ihre Gegenwart in mir verursacht hatte. Der Neid verflog im Nu. Für kein Geld der Welt hätte ich mit Don Athuro tauschen wollen.

Vor dem Haus erwartete mich eine Überraschung in Form einer mir bekannten, grünhäutigen Gestalt. Es war der Ork, der mir gemeinsam mit seinem Kollegen einen so herzlichen Empfang auf der Tolemak-Ranch bereitet hatte. Er stand da wie ein reuiger Sünder, seinen Sombrero mit beiden Händen vor dem Bauch haltend und nervös von einem Bein auf das andere tretend. Um ihn herum befanden sich unzählige, tiefschwarze Speichelflecken.

»Hallo Mister«, stammelte er. Beschämt schaute er dabei auf seine Stiefelspitzen. »Ich … ich wollte mich dafür 'tschuldigen, dass wir Sie für einen ollen Menschen gehalten haben.«

Ich sah von der Veranda auf ihn herab, denn offenbar wagte er es nicht, diese zu betreten. »Ich fand es eigentlich wesentlich unfreundlicher von euch, mich umlegen zu wollen«, stellte ich fest.

»Auch dafür möchte ich mich 'türlich 'tschuldigen.«

Er sah mich verlegen an. »Und ich möchte Sie auch noch was fragen.«

»Na dann schieß los«, forderte ich ihn auf.

Der Ork wich erschrocken zurück. »Nee, nee, ich möchte nicht auf Sie schießen! Ich weiß doch, dass Sie das viel besser können als ich. Bin doch nicht doof!«

Letzteres wagte ich ernsthaft zu bezweifeln. »Deine Frage – stell sie einfach.«

»Ich habe gehört, dass Sie die junge Miss Gundel suchen sollen. Ich würde Sie gerne begleiten. Wäre das möglich?«

Ich sah den Ork verwundert an. Mit solch einer Bitte hatte ich nicht gerechnet. »Und warum möchtest du das?«

»Ähm«, er senkte wieder seinen Blick, »an dem Abend als Miss Gundel entführt wurde, hatte ich Wache. Der Entführer hat mir voll eine übergebraten und dann hat er meine Schrotflinte geklaut. Ich will sie wiederhaben!«

»Du willst die Ranch verlassen und mir folgen, nur wegen einer Flinte?«, wunderte ich mich. »Ist die dir so wichtig?«

Der Ork nickte eifrig. »Oh ja! Mein Uropa hat sie gebaut und mein Vater … Äh … hat sie mir vermacht.«

Der Gedanke an seine gestohlene Waffe schien den Ork in Wut zu versetzen, denn seine Stimmlage änderte sich dementsprechend. »Sie gehört mir, nur mir! Sie ist mein Schatzzzz!« Den letzten Konsonant sprach er irgendwie komisch aus, etwas zu sehr in die Länge gezogenen. Danach wurde er jedoch wieder ruhiger. »Und da ist noch etwas ...« Er druckste herum, so als wäre dies ein Thema, über das er nicht wirklich sprechen wollte.

Mir mangelte es an Geduld, deshalb half ich ihm. »Du willst deinen Fehler von jenem Abend wiedergutmachen, nehme ich an?«

»Ja genau!« Er sah mich erstaunt an. »Sie sind aber wirklich schlau Mister! Ich war unvorsichtig und dumm an dem Abend. Ich schäme mich deshalb. Außerdem schaut mich Miss Ginvera deshalb immer ganz böse an.«

Ich grinste, ging die Treppe von der Veranda zu ihm hinab und schlug ihm auf die Schulter. »Das solltest du nicht persönlich nehmen, die schaut wahrscheinlich jeden so an.«

Auch im wulstigen Gesicht des Orks erschien nun ein Ausdruck der Belustigung. »Aber echt, ey! Sie ist ja auch eine Hexe!«

Obwohl es sich der grünhäutige Bursche nicht wirklich erlauben konnte, über das Aussehen anderer Leute zu urteilen, stimmte ich zu. »Eine Schönheit ist sie wahrlich nicht.«

Wie ein Verschwörer beugte sich der Ork nun zu mir.

»Das meine ich nicht«, flüsterte er. »Sie ist wirklich eine Hexe! Einige Jungs haben gesehen, wie sie mit Tieren spricht, andere, wie sie Sachen herbeigezaubert hat. Den Colonel soll sie sogar verhext haben, damit er sie heiratet. Blöde Hexe. Öde, blöde Hexe!«

Ich war nicht geneigt, diesem Getratsche unter Viehtreibern Glauben zu schenken.

»Ach was«, sagte ich deshalb. »Der Colonel wird schon seine Gründe haben, weshalb er mit ihr zusammenlebt. Auf dieser Welt gibt es wohl für jeden das passende Gegenstück. Wahrscheinlich gibt es irgendwo sogar ein Wesen, das einen Lapsus der Natur wie dich gerne haben könnte.«

»Sie sagen wirklich nette Sachen zu mir«, freute sich die Grünhaut wider Erwarten. »Das hat noch nie jemand getan. Ich würde wirklich gerne mit Ihnen gehen!«

Ich zögerte zunächst, dem Bitten des intellektuellen Rohrkrepierers nachzugeben. Für viel Abwechslung und Kurzweil auf meiner Reise würde die Konversation mit jemandem, der Konversation wahrscheinlich für Essen in Dosen hielt, wohl nicht sorgen. Angesichts der vielleicht vor mir liegenden Gefahren kam es mir jedoch in den Sinn, dass etwas zusätzliche Feuerkraft nicht schaden konnte.

»Wie heißt du eigentlich?«, wollte ich wissen.

»Merluzo Fuerte de la Raqueta«, lautete die Antwort.

»Und wie nennen dich deine Freunde?«

»Merluzo Fuerte de la Raqueta.«

Er hatte wohl keine Freunde, nahm ich an.

Nicht Willens, mir eine solche Litanei zu merken, entschied ich mich, ihn fortan Merl zu nennen.

»Dann hol mal dein Pferd, Merl, wir brechen sofort auf.«

7

Der Schwarze Vorsitzende hatte die materielle Welt verlassen.

Er spürte weder seinen Körper, der irgendwo an einem schwach beleuchteten Ort auf dem Boden saß, noch registrierte er irgendwas von dem, was um selbigen herum geschah. Natürlich hatte er vorher für die Sicherheit seines Leibes gesorgt und sämtliche Möglichkeiten einer Störung ausgeschlossen. Unsichtbare magische Fallen, die jedes nahende Lebewesen sofort zu Asche verwandeln würden, hatte er um sich herum positioniert. Zudem umgab ein Kraftfeld seinen Körper, das kein auf dieser Welt bekanntes Material durchdringen konnte. Wahrnehmbare Geräusche hatte er mittels Watte in den Ohren auf ein Minimum reduziert. Nur so war es ihm möglich, alle äußeren Sinnesreize zu blockieren und seinen Geist derart zu fokussieren, dass dieser sich gänzlich von der realen Welt und seiner fleischlichen Hülle lösen konnte.

Leicht war es dem Schwarzen Vorsitzenden trotzdem nicht gefallen, diese Reise bei Tag und zu solch ungewohnter Stunde anzutreten. Er zog es vor, solcherlei Tätigkeiten in der Stille der Nacht auszuüben. Die dafür unbedingt notwendige Konzentration konnte er dann wesentlich müheloser aufbringen. Zudem quälte ihn des Nachts nur selten seine Migräne, die ihn schon seit frühester Kindheit tagsüber oftmals heimsuchte.

Nahezu alle namhaften Heilkundigen Avaritias hatte er bereits konsultiert, um diese hämmernden, unregelmäßig auftretenden Schmerzen in seinem Schädel loszuwerden. Druiden, Schamanen und andere Zauberwirker der unterschiedlichsten Rassen hatten ihre Heilzauber schon auf ihn gewirkt. Doch nichts hatte ihn von dieser Geißel befreien können.

Wahrscheinlich war es die enorme magische Kraft in ihm, die diesen Schmerz verursachte – diese Vermutung hatte einst ein Medizinmann der Bergtrolle geäußert. Dessen Ausführungen zufolge reizten die pulsierenden, mystischen Energien von Zeit zu Zeit die Nerven seines sterblichen Körpers. Selbiger war angeblich gar nicht für so machtvolle Magie geschaffen. Nur ein untoter Magier – mindestens Level einhundert – wäre imstande, solch ungeheure Kräfte problemlos zu ertragen, so hatte es ihm der Medizinmann erklärt. Linderung hatte dieser ihm allerdings auch nicht verschaffen können und so hatte sich der Schwarze Vorsitzende letztendlich mit dieser Bürde abgefunden. Das Verlegen seiner Aktivitäten in die Nacht war ihm dabei, wie bereits erwähnt, sehr hilfreich.

Doch leider hatte er das rhythmische Vibrieren seiner Ohrläppchen diesmal schon am frühen Nachmittag verspürt. Es hatte ihm signalisiert, dass irgendjemand Kontakt mit ihm aufzunehmen versuchte.

Etwas verärgert über diesen Umstand und erst nach einer halben Stunde krampfhafter Bemühungen hatte er sein Bewusstsein von seinem Leib lösen können. Nun schwebte selbiges in jener fremdartigen Dimension, die mit herkömmlichen Worten unmöglich zu beschreiben war.

Weder Zeit noch Raum existierten in dieser Dimension. In ihr gab es weder hell noch dunkel, weder oben noch unten, weder warm noch kalt. Und einen anständigen Drink bekam man dort natürlich auch nirgendwo.

Wie schon erwähnt – einfach nicht zu beschreiben.

Hätte es dort so etwas wie Zeit gegeben, der Schwarze Vorsitzende hätte einiges davon wartend verbracht, bevor er endlich die Anwesenheit einer anderen Person verspürte. Sehen konnte er diese andere Existenz natürlich nicht. Er nahm die Aura des anderen Bewusstseins war, so wie man in der normalen Welt auch die Wärme eines Körpers erfühlen kann. Die Charakteristik dieser Aura war ihm jedoch nicht bekannt.

»NY152, bist du es?«, fragte die andere Präsenz, wobei diese Art der Kommunikation selbstverständlich nichts mit herkömmlichem Reden gemein hatte. Es war eine rein mentale Übermittlung von Gedanken. Der Schwarze Vorsitzende begriff, dass es sich bei der anderen Existenz lediglich um eine junge Waldnymphe handelte, die diese Dimension als Partnerbörse missbrauchte.

»Verpiss dich!«, erwiderte er, woraufhin das fremde Bewusstsein beleidigt entschwand. Zwei weitere Begegnungen dieser Art musste der Magier über sich ergehen lassen. Er stellte verärgert fest, wie viele Idioten zu dieser Tageszeit diese Sphären bevölkerten. Als ihm ein weiteres Bewusstsein eine Penisverlängerung anbot, platzte ihm der Kragen. Da er auch in dieser Dimension über seine Fähigkeiten verfügte, vernichtete er die aufdringliche Existenz ohne viel Aufhebens. Irgendwo auf dieser Welt sackte wohl nun ein lebloser Körper ohne Seele – aber mit großem Gemächt – in sich zusammen.

Danach verspürte er endlich die Anwesenheit eines ihm bekannten Bewusstseins. Schon oft hatte er sich mit dieser Person in dieser fremdartigen Umgebung getroffen.

»Sie sind es«, stellte er fest. »Was ist so dringend, dass Sie mich am helllichten Tag damit belästigt?«

»Verzeiht, Vorsitzender«, bat die andere Existenz unterwürfig. »Ich weiß ja, dass Sie diesen Ort tagsüber nur ungern besuchen. Es hat sich jedoch etwas ereignet, das Einfluss auf unsere Pläne haben könnte. Es erschien mir ratsam, Sie schnellstmöglich davon in Kenntnis zu setzen.«

»Dann nur raus mit der Sprache«, forderte der Vorsitzende, was in diesem Umfeld natürlich aus bereits erwähnten Gründen völlig unangebracht war.

»Der Colonel hat jemanden losgeschickt, um Gundel zu suchen. Er soll ins Land der Moonytoads reisen und dort seine Suche beginnen.« Das andere Bewusstsein strahlte eine Besorgnis aus, die der Vorsitzende nicht teilen konnte.

»Na und? Damit war doch zu rechnen! Es hätte mich eher gewundert, wenn der alte Sack nichts unternommen hätte. Ist doch rührend, wie sehr er sich um seine Stieftochter sorgt.«

»Er schickt aber keinen seiner trotteligen Cowboys«, gab die andere Präsenz besorgt zu bedenken. »Er hat einen Zwerg namens Gungo Large engagiert und dieser Typ scheint nicht ganz so bescheuert zu sein. Er ist zwar ein hoffnungsloser Säufer und eine gescheiterte Existenz, doch ein paar Gehirnzellen scheinen seine Saufgelage überlebt zu haben. Ich habe bereits einen meiner Spione auf ihn angesetzt. Kaum auszudenken, was dieser Large auf seiner Suche so alles über uns herausfinden könnte!«

Der Schwarze Vorsitzende antwortete nicht sofort. Gungo Large – dieser Name brachte etwas in ihm zum Klingeln, eine kleine Alarmglocke in seiner Erinnerung, die aus unerklärlichen Gründen zu schlagen begann. Irgendwie, irgendwo, irgendwann hatte er diesen Namen schon einmal gehört. Doch so sehr er sich auch bemühte, Ort und Zeit dieser Begebenheit wollten ihm einfach nicht einfallen. Allein die Tatsache jedoch, dass ihm dieser Name bekannt vorkam, ließ die Besorgnis des anderen Bewusstsein doch nicht so ganz unbegründet erscheinen. Der Schwarze Vorsitzende merkte sich keine Namen von unwichtigen Personen. Wenn er so etwas tat, dann musste diese Person auf irgendeine Art und Weise Eindruck auf ihn gemacht haben. Und wenn jemand Eindruck auf ihn machen konnte, dann konnte er auch eine Bedrohung darstellen.

Selbst auf die Gefahr hin, dass er niemals in Erfahrung bringen würde, wie dieser Name den Weg in sein Gedächtnis gefunden hatte, entschloss er sich, dieses potentielle Risiko zu eliminieren.

»Dann sollte sich jemand um Mister Large kümmern«, stellte er fest. »Wo befindet er sich zurzeit?«

»Er ist auf dem Weg nach Hoochtown, von dort will er mit der Eisenbahn nach New Solitude weiterreisen.«

Die Aura des Vorsitzenden verfinsterte sich. Dies konnte man natürlich nicht sehen, sondern nur wie eine Art unheilvoller Ausstrahlung spüren. So, wie manche Wesen es fühlen können, wenn ihnen irgendein Unheil droht.

»So weit wird es – oder besser ausgedrückt – wird er nicht kommen«, prophezeite er. »Ich habe Kontakte in Hoochtown, äußerst fähige Kontakte. Bei denen ist unser kleines Problem in guten Händen.«

Die Sorge des anderen Bewusstseins schwand ein wenig. »Und Sie sind sicher, dass Ihre Kontakte unser Problem aus der Welt schaffen können?«

»Aber natürlich!« Der Vorsitzende verströmte bedingungslose Zuversicht. »Die haben im Beseitigen von Schwierigkeiten schon so einiges an Erfahrungen gesammelt. Wenn man denen einen Auftrag erteilt, pflastern hinterher Leichen ihren Weg und das Auftragsziel ist nur noch ein Fressen für die Geier.«

»Das ist gut zu hören, Vorsitzender. Es war also richtig, Sie sofort zu informieren!« Die Besorgnis war nun vollständig aus der anderen Existenz gewichen. »Darf ich mich abschließend noch danach erkundigen, wie es um die anderen Belange unserer Unternehmung bestellt ist?«

Diese Frage ließ die Aura des Vorsitzenden nun voller Enthusiasmus und Freude erstrahlen. »Hervorragend, es läuft alles wie geplant! Unser Nachwuchs macht sich prächtig und unser Neuzugang ist mit Leib und Seele bei der Sache. Sie hätten sehen sollen, wie mühelos die beiden die neuen Kämpfer für unsere Sache rekrutiert haben. Bald schon ist diese Truppe einsatzbereit und der nächste Schritt unseres Plans kann starten. Unsere Ziele sind also beinahe schon zum Greifen nah und dieser lächerliche Säufer Large wird garantiert nichts daran ändern.«

Sein Optimismus schien auf den anderen Teilnehmer dieser seltsamen Unterredung überzugreifen. Der Vorsitzende fühlte einen Hauch von Zufriedenheit in dessen Aura. »Habt Dank für diese Auskunft und dieses Gespräch!« Die Präsenz des anderen Bewusstseins begann schwächer zu werden, wie Nebel, der sich im Wind verflüchtigt. »Ich freue mich schon auf unsere nächste Begegnung, ob nun hier oder in der wirklichen Welt. Ruhm und Macht der DGojH!«

»Ruhm und Macht der DGojH!« erwiderte der Vorsitzende den Gruß. Dann war er wieder allein in der fremdartigen Dimension. Da es in dieser ohne Gesellschaft recht langweilig war, kehrte sein Geist umgehend in seinen Körper zurück. Etwas geschwächt und noch etwas benommen öffnete er seine Augen.

Wie er es nicht anders erwartet hatte, fand er sich auf dem Boden sitzend in seinem Zelt wieder. Selbiges wurde lediglich von einer ebenfalls auf dem Boden stehenden schwarzen Kerze erhellt, die auf dem Totenschädel eines Menschen befestigt war. Der Schwarze Vorsitzende blies die Kerze aus, woraufhin sie einen süßlichen, beinahe berauschenden Duft verbreitete. Dann nahm er die Watte aus den Ohren und während er noch etwas im Dunkeln verharrte, dachte er angestrengt nach.

Die lauten Geräusche der Baustelle drangen zu ihm in das Zelt, während er sich immer wieder die gleiche Frage stellte: Gungo Large – woher nur kannte er diesen Namen?

8

Die zwei Elfen erreichten erst im Zwielicht der untergehenden Sonne den Bestattungsort der Moonytoads, der auf einer kleinen Anhöhe in der sonst ebenen Prärie lag.

Schon jetzt warfen die mannshohen Holzgestelle, auf denen traditionsgemäß die Toten aufgebahrt wurden, lange, bizarre Schatten in das trockene Gras. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die kommende Dunkelheit diese Schatten verschlingen würde. Für eine Begutachtung dieses Ortes und der Suche nach Hinweisen oder Spuren war es also nicht gerade die bestmögliche Tageszeit. Früher wäre Träumender Lurch jedoch nicht dazu in der Lage gewesen. Nach seiner anstrengenden Unterredung mit den Ahnen und dem noch anstrengenderen, maßlosen Verzehr von Honig hatte ihn eine starke Müdigkeit übermannt, welcher er unmöglich hatte widerstehen können.

Erst am späten Nachmittag war er wieder aus seinem Schlummer erwacht. Dann jedoch hatte er sich schnellstmöglich und in Begleitung von Finstere Krähe, dem Wächter über die Toten, auf den Weg gemacht.

Wesentlich schneller noch hätte dieser Aufbruch vonstattengehen können, hätte Finstere Krähe nicht darauf bestanden, dass sich der Schamane zumindest eine Hose anzog und sich seinen Umhang aus Bisonfell überwarf. Doch dafür war der greise Elf seinem Begleiter nun dankbar. Die Luft wurde zunehmend kälter und ein frischer Wind blies durch die hölzernen Totenstätten, derer es hier viele Hundert gab. Den ekligen, faulig-süßen Geruch von Verwesung trug dieser Wind den zwei Elfen entgegen, nur leicht gemildert durch die aromatischen Kräuter, mit denen die Moonytoads ihre Toten einbalsamierten.

Träumender Lurch witterte jedoch noch etwas anderes an diesem Ort. Es war etwas, das nur die übernatürlich geschulten Sinne eines Schamanen wahrnehmen konnten. Er hätte es weniger als einen Geruch beschrieben, sondern eher als eine Art schwacher Energie, die seine Nasenschleimhaut kitzelte, so wie es eine allergische Reaktion tut. Ganz eindeutig identifizierte er diese Energie als die Reste einer ihm unbekannten Form von Magie.

»Es ist unheimlich heute«, stellte Finstere Krähe fest, während sie langsam durch die Reihen der aufgebahrten Leichname gingen. »Wir sollten morgen früh wiederkommen, wenn es heller ist.«

»Für einen Wächter der Toten bist du ein ziemlicher Schisser!« Träumender Lurch grinste hämisch. »Hast du dich nach all den Jahren noch immer nicht an die Toten gewöhnt?«

Der Totenwächter blieb neben einem der Gerüste stehen, auf dem eigentlich ein toter Elf hätte liegen müssen, das aber nun aus mysteriösen Gründen verlassen war. »An die Toten schon – an Tote die davonlaufen allerdings nicht.«

Mit einer Behändigkeit, die für sein Alter fast schon absurd war, erklomm der Schamane das Holzkonstrukt, um es näher in Augenschein zu nehmen.

»Du siehst das völlig falsch«, bemerkte er. »Noch weniger als die Toten muss man die Toten fürchten, die gar nicht mehr da sind.«

Ein Hauch von Stolz erfüllte den Alten aufgrund dieses – seiner Meinung nach – unheimlich tiefsinnigen Satzes. Auf Finstere Krähe schien dieser jedoch keinerlei beruhigende Wirkung zu haben. Dass irgendwo in weiter Ferne nun auch noch einige Kojoten damit anfingen, den hereinbrechenden Abend mit schaurigem Geheul zu begrüßen, trug offenbar auch nicht gerade zu seiner Beruhigung bei.

Den Schamanen hingegen ließ diese unheimliche Atmosphäre gänzlich kalt. Er untersuchte weiter mit konzentriertem Eifer und erstaunlichen Kletterkünsten die Totengestelle.

Bei deren Gestaltung hatte man den Hinterbliebenen völlig freie Hand gelassen. Demzufolge reichte die Palette an Verzierungen auch von nicht vorhanden über schlicht und einfach bis gepimpt bis zum Anschlag. Letzteres war eine offensichtliche Geschmacksverirrung der Angehörigen, die sich in einer Vielzahl bunter Decken, selbst gemachter Papiergirlanden und anderem geschmacklosen Zierrat äußerte.

Die Ewigkeit auf einer Totenstätte verbringen zu müssen, die einer Jahrmarktsbude zum Verwechseln ähnlich sah, das rief selbst in dem schrulligen Schamanen ein Gefühl der Befremdung hervor.

Als ebenso merkwürdig empfand er einige der Dinge, die man den Verstorbenen zur Seite gelegt hatte, da sie ihnen wohl zu Lebzeiten besonders ans Herz gewachsen waren. Neben den verschiedensten Waffen, Schmuckstücken oder Werkzeugen handelte es sich hierbei zumeist um irgendwelche Kleidungsstücke. Bei weiblichen Verblichenen waren es meist Schuhe. Ein Leichnam hielt sogar eine kleine, hölzerne Ente in den Händen, die so leicht war, dass sie im Wasser nicht untergehen würde. Ein anderer trug makabre Andenken an den vergangenen Krieg – mehrere abgeschnittene, menschliche und zwergische Finger – als Kette um den fleischlosen Hals.

Ein Gegenstand, den er auf einem der verlassenen Totengestelle entdeckte, weckte jedoch das besondere Interesse des Schamanen. Es war eine lange, mit kleinen Federn geschmückte Pfeife, die der seinen sehr ähnlich sah. Sie rief in ihm einen vagen Verdacht hervor. Leider war es ihm nicht möglich herauszufinden, wer auf dieser Konstruktion eigentlich hätte bestatten sein müssen. An diesem wie auch an allen anderen Gerüsten gab es keinerlei Namensschilder oder ähnliches. Hilfesuchend wandte er sich deshalb an Finstere Krähe, der noch immer furchtsam um sich blickend und irgendwie nutzlos in der Gegend herumstand.

»Gibt es eigentlich irgendeine Übersicht, welcher Verstorbene auf welchem Gestell liegt oder liegen müsste?«

Der Totenwächter nickte. »Klar, der Häuptling besitzt ein Verzeichnis aller Totenstätten mit genauer Positionsangabe und Namen der darauf Bestatteten.«

»Coole Sache das!« Träumender Lurch nahm die Pfeife, steckte sie in seinen Hosenbund und sprang von dem Gerüst herunter. »Davon hatte ich ja gar keine Ahnung. Aber mit dem Thema beschäftige ich mich ja auch normalerweise nicht. Der Tod ist einfach nicht so mein Ding. Unserem Anführer werde ich nachher aber noch einen Besuch abstatten.«

Er sah in den Himmel und stellte fest, dass die Lichtverhältnisse es nur noch für kurze Zeit ermöglichen würden, weitere Nachforschungen anzustellen. Wenn er noch einen Blick auf die Spuren werfen wollte, die von den Totenstätten wegführten, würde er sich damit sputen müssen.

»Da!«, rief Finstere Krähe plötzlich erschrocken und sein ohnehin schon bleicher Teint wurde noch ein wenig blasser. »Da war etwas! Hast du es auch gehört?«

Der Schamane horchte angestrengt in die Dämmerung hinein. Außer den Geräuschen, die der Wind verursachte, nahm er nichts Außergewöhnliches wahr.

»Mumpitz«, erwiderte er deshalb. »Da ist nichts. Du wirst wohl schon paranoid. Also chill mal und nerv mich nicht.«

Der Wächter über die Toten ließ nicht locker. »Doch da war was«, beharrte er. »Irgendein Schleichen oder Schlurfen. Es kam von den Totenstätten da hinten.« Er deutete nach Westen.

Obwohl Träumender Lurch dort im Halbdunkel nicht viel erkennen konnte, war er sich sicher, dass die Sinne des Totenwächters selbigem nur einen Streich gespielt hatten.

»Du solltest ernsthaft mal über einen Berufswechsel nachdenken«, schlug er vor. »Zweiter Bildungsweg oder so.«

Er ging in die Hocke, um die Abdrücke in dem grasbewachsenen Boden zu untersuchen. Wie Finstere Krähe es beschrieben hatte, führte von jedem Totengerüst nur jeweils eine Spur fort und all diese Spuren stammten eindeutig von Elfen. Dies konnte der Schamane an Breite und Länge der Abdrücke erkennen. Langsam hatten sie sich bewegt, so stellte er weiterhin fest, und bei einigen hatten weder Schuhwerk noch Haut oder Fleisch die blanken Fußknochen bedeckt.

Der alte Elf sah auf und folgte mit seinen Blicken den Spuren nach Nordwesten. Jemand würde dieser Fährte folgen müssen, um herausfinden zu können, wohin sie führte. Der Schamane beschloss, dass er am nächsten Tag den Bruder des vermissten Greifenreiters darum bitten würde. Dieser war ein erfahrener Krieger und Fährtenleser, ihm würde es leicht fallen, den Spuren über viele Meilen hinweg zu folgen. Vielleicht würde das Wissen über den Verbleib der abhanden gekommenen Toten ja auch Aufschluss über das Verschwinden von Grimmiger Hirsch bringen. Die Ahnen hatten ja erwähnt, dass all die seltsamen Geschehnisse der letzten Zeit in Zusammenhang standen.

Träumender Lurch richtete sich wieder auf und für einen kurzen Augenblick glaubte auch er ein leises, schlurfendes Geräusch zu hören. Er hielt inne und lauschte, dann jedoch schüttelte er den Kopf. Bestimmt hatte der Wind nur irgendeinen Gegenstand in Bewegung versetzt, so dass dieser sich an irgendwas gerieben und so das Geräusch verursacht hatte. Oder der memmenhafte Totengräber hatte es nun endlich geschafft, ihn mit seiner übertriebenen Furchtsamkeit anzustecken.

Dessen Erleichterung war deutlich sichtbar, als der Schamane wenig später das Signal zum Aufbruch gab. Die Dunkelheit herrschte nun beinahe schon vollständig über das Land.

Sie hatten die letzten Totenstätten, die ihren Weg zurück ins Dorf säumten, auch schon fast erreicht, als plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihnen langsam zu sprechen begann.

»Wer … hat mich … gerufen?«

So dunkel und hohl klangen diese Wörter, als hätte sie jemand durch ein Rohr gesprochen. Ein merkwürdiges Rasseln begleitete sie, als hätte dieser Jemand gleichzeitig eine Blechdose voller Nägel geschüttelt.

Totenwächter und Schamane blieben abrupt stehen, dann wandten sie sich der Stimme zu.

»Ach du Scheiße!« Finstere Krähe wich ein paar Schritte zurück, als hätte ihn eine unsichtbare Faust getroffen. Dann blieb er jedoch wie versteinert stehen. Mit weit geöffneten Augen blickte er der unheimlichen Gestalt entgegen, die sich ihnen langsam näherte. Mit einem lebenden Elfen hatte dieses Wesen noch so viel gemein, wie es Fleisch auf den Knochen hatte – nämlich sehr wenig. Das Gesicht war nur noch zum Teil vorhanden. Vom Nasenbein abwärts bestand es nur noch aus Knochen, einigen Sehnen und faulendem Muskelfleisch. Dieses hing stellenweise in fransigen Lappen vom Schädel herunter. Auch das unvollständige, braungelbe Gebiss war nahezu gänzlich von fleischlichem Gewebe befreit. Ein permanentes, viel zu breites Grinsen zierte deshalb das vermoderte Antlitz des auferstandenen Leichnams. Die beiden milchig getrübten, leblosen Augen darin strahlten hingegen keinerlei Frohsinn aus. In den traurigen Überresten einer einstmals üppigen Haarpracht steckten noch ein paar Adlerfedern, die jedoch zerrupft und geknickt waren wie die eines Vogels in der Mauser.

Die weit vorangeschrittene Verwesung hatte sich natürlich auch des restlichen Körpers angenommen. Meist waren es nur blanke Gebeine, die durch die Löcher der verrotteten Wildlederkleidung zu erkennen waren. Nur hier und da bedeckte noch ein wenig bleiche Haut die morsch erscheinenden Knochen.

»Habt ihr mich … gerufen?« fragte der wandelnde Tote. Sein Kiefer verrichtete dabei deutlich sichtbar und knirschend seine Arbeit. Unterbrochen wurde seine Rede immer wieder von einem Seufzen und Stöhnen, das tief aus seinem modernden Brustkorb kam.

Natürlich war es der Schamane, der als erster Anwesende seinen Schreck überwand und seine Sprache wiederfand.

»Ich glaube du bist ein wenig spät dran, mein magersüchtiger Freund«, mutmaßte er. »Die anderen Toten sind alle gestern schon verschwunden.«

»Gestern?« Der Untote blieb stehen. Wäre seine zerfledderte Miene noch fähig gewesen, ein Gefühl auszudrücken, so wäre dieses wohl jetzt Verwirrung gewesen. »Als ich … den Ruf vernommen habe, dachte ich … ich könnte noch … ein wenig liegenbleiben. Das ist … schon einen ganzen Tag her? Im Reich … der Toten … vergeht die Zeit … wohl tatsächlich … etwas schneller!«

Träumender Lurch kniff die Augen zusammen und betrachtete den ehemaligen Elfen eingehend. Trotz des fortgeschrittenen Verfalls konnte er noch ausreichend viele persönliche Merkmale entdecken, um sich an dessen frühere Identität zu erinnern.

»Ich kenne dich«, stellte er fest. »Du bist … äh warst … ein Elf namens Früher Vogel! Du warst ein Greifenreiter und damals schon dafür bekannt, dass du stets zu spät kommst.«

»Mein Zeitmanagement … war mit dem … der anderen … nicht kompatibel«, rechtfertigte sich Früher Vogel.

Voller Abscheu beobachtete der Schamane, wie sich ein fetter, weißer Wurm aus der Stirn des Untoten herausbohrte und langsam zwischen seinen Augen herab kroch. Augenscheinlich war das unregelmäßige Loch inmitten der verfaulten Fratze sein Ziel, auf dem sich einst eine Nase befunden hatte.

»Äh … du hast da ...«, begann er, mit dem Finger auf das Gesicht des Verwesenden deutend. Dann jedoch ließ er es bleiben, Früher Vogel auf den Wurm aufmerksam machen zu wollen.

Es hätte ihn wohl eh nicht interessiert.

Stöhnend und langsam setzte sich der Leichnam wieder in Bewegung. Erst als er Finstere Krähe erreicht hatte, der immer noch starr vor Schreck ein paar Schritte neben dem Schamanen verharrte, blieb er stehen. Der Wurm hatte mittlerweile auch sein Ziel erreicht und war wieder in dem Schädel verschwunden.

»Hast du...mich...gerufen?«

»Ich? Nee, nee, nee!«, erwiderte der Wächter über die Toten hektisch, beinahe schon hysterisch. »Auf gar keinen Fall! Ich bin hier nur der Aufseher und hab mit der Sache nichts zu tun. Ich mache hier nur meinen Job, weißt du? Der wird übrigens total schlecht bezahlt – unter Tarif sogar. Der Urlaub entspricht auch nicht der allgemein gültigen Regelung und vom Arbeitsschutz will ich gar nicht erst anfangen. Man glaubt ja gar nicht ...«

Sein Redefluss wurde unterbrochen von einem Tomahawk. Der agile Tote trieb es ihm mit einem raschen Hieb zwischen die Augen. Lediglich ein kurzer Laut des Erstaunens drang aus dem weit geöffneten Mund des Totenwächters. Dann ging er – das Tomahawk noch aus seiner Stirn ragend – zu Boden.

»Boah, Alter!«, rief der Schamane. »Voll uncool! Warum hast du das denn gemacht?«

»Die Toten...hassen...alles Lebende«, erklärte Früher Vogel. »Das kann man … in einschlägiger Fachliteratur … nachlesen.«

Er sah auf den toten Elfen hinab, aus dessen Wunde eine Unmenge an Blut in den Boden sickerte. »Vor allem … hassen wir … die geschwätzigen … Lebenden.«

Seine toten Augen richteten sich auf Träumender Lurch. Seine ohnehin schon unheimliche Stimme klang noch finsterer und drohender, als er fragte: »Hast du … mich … gerufen?«

»Nö«, antwortete der alte Elf wahrheitsgemäß. »Ich bin ein Schamane. Wir beziehen unsere Kräfte aus dem Leben und der Natur. Nekromantie können wir nicht verwenden und wir verachten sie auch zutiefst. Nur Magier und Hexen bedienen sich solch widernatürlicher Kräfte.«

Wieder schien der erweckte Tote verwirrt zu sein.

»Aber … es muss … ein Elf … gewesen sein, der … uns rief. Weißt du, wer … es war?«

Der Schamane verneinte.

»Dann … musst auch du … jetzt sterben!« Früher Vogel beugte sich ächzend und stöhnend hinab um sein Tomahawk aus dem Kopf des soeben verstorbenen Totenwächters zu ziehen. Mehrfach musste er das Kriegsbeil hin und her bewegen, bis sich die Schneide endlich aus dem Schädel löste. Dies verursachte ein Geräusch, das wie das Knirschen und Knacken eines langsam brechenden Astes klang.

Da dies alles in einer sehr mäßigen Geschwindigkeit vonstattenging, hatte der Schamane ausreichend Zeit, in aller Gemütsruhe eine magische Formel zu flüstern. Nur einen Schritt konnte der Untote noch machen, dann hinderte ihn eine unsichtbare Kraft an jedweder weiteren Regung.

Sich nicht bewegen zu können, das hätte dem Leichnam freilich vertraut sein müssen, dennoch schien es ihm nicht zu gefallen. »Was … hast du … getan?«

Träumender Lurch grinste zufrieden. »Ich habe keine Lust auf so eine Kopfmassage mit dem Hackebeil, wie du sie meinem bedauernswerten Begleiter verpasst hast. Wer so lahmarschig ist wie du, sollte seine Mordabsichten übrigens nicht ankündigen. Es ist nur ein kleiner Paralyse-Zauber der dich hält. Jetzt können wir uns in aller Ruhe unterhalten.«

Der wandelnde Tote, der nun nicht mehr wandeln konnte, stieß ein Knurren aus, das seinen Missmut deutlich zur Geltung brachte. »Warum … sollte ich … mit dir reden?«

»Weil du ansonsten bis in alle Ewigkeit so dastehen wirst – bei Bewusstsein zwar, aber nicht in der Lage auch nur einen Finger zu rühren. Den Verfall verhindert mein Zauber auch, du musst also nicht darauf hoffen, irgendwann komplett verrottet zu sein. Es könnte also sehr gut passieren, dass es dir in ein paar Hundert Jahren furchtbar langweilig wird.« Der Schamane trat näher an den Leichnam heran. »Also beantworte mir ein paar Fragen und ich lasse dich wieder frei.«

»Du lässt mich frei?«, vergewisserte sich Früher Vogel. »Aber … lässt du mich auch weiter … unter den Lebenden verweilen?«

Der greise Elf hob die Augenbrauen. »Für jemanden, dessen Gehirn wohl größtenteils nur noch aus fauligem Matsch besteht, bist du aber recht pfiffig. Ich hatte tatsächlich vor, dich wieder in die ewigen Jagdgründe zu schicken, sobald du mir Rede und Antwort gestanden hast. Aber nun gut – ich verspreche, dich freizulassen und dich nicht wieder ins Totenreich zu verbannen. Deal?«

Der Untote war einverstanden. »Was willst du wissen?«

Der Schamane verschränkte die Arme vor der Brust. »Warum bist du dir so sicher, dass es ein Elf war, der euch gerufen hat? Wie ich bereits erwähnt habe, können Elfen keine nekromantischen Zauber wirken, weder Schamanen noch andere Elfen.«

»Wer die Toten ... weckt ist egal«, erklärte Früher Vogel. »Doch folgen werden sie ... nur einem ... aus ihrem Volk.«

»Ich verstehe!« Träumender Lurch ging grübelnd auf und ab, während er sich seinen kahlen, tätowierten Kopf kratzte. »Würde man einen toten Zwerg erwecken, so würde dieser nur einem Zwerg gehorchen, ein wiederauferstandener Mensch würde nur einem Menschen folgen und bei allen anderen Rassen wäre es ebenso. Der Elf, der euch gerufen hat, war nicht zugleich derjenige, der euch auch erweckt hat. Er hatte Hilfe von jemandem, der nicht dem elfischen Volk angehört und die Nekromantie beherrscht.«

Er warf einen Blick gen Himmel, wo inzwischen ein voller, tief stehender Mond aufgegangen war und die gespenstische Szenerie in ein fahles Licht tauchte. Der Umstand, dass er sich inmitten von Totenstätten mit einem paralysierten, auferstandenen Leichnam unterhielt, störte den Schamanen nicht weiter. Auch das erst kürzlich stattgefundene Ableben seines Begleiters machte dem abgeklärten, lebenserfahrenen Elf nicht zu schaffen. Etwas anderes bereitete ihm Kopfzerbrechen.

»Oder ist es viel mehr so, dass dieser Jemand die treibende Kraft ist und er sich nur des Elfen bedient hat, um die untoten Elfen zu kontrollieren?« Er wandte sich wieder an seinen halb verwesten Gesprächspartner. »Aber warum das alles? Um eine Armee aus Untoten zu erschaffen? Dann wäre es doch viel einfacher, sofort die Verstorbenen des eigenen Volks zu erwecken.«

»Ich weiß … es nicht«, gestand Früher Vogel. »Ich habe nur den Ruf … von einem aus meinem Volk … vernommen. Dann habe ich mich erhoben … öhm … vielleicht nicht ganz so schnell wie ich ... gekonnt hätte. Dann … habe ich … euch zwei Idioten … getroffen.«

»Was hättest du getan, wären wir nicht hier gewesen?« wollte der Schamane wissen.

»Ich wäre … gegangen«, der Leichnam zögerte und dachte nach. »Nach Nordwesten? Ja, Nordwesten. Irgendetwas zieht mich … in diese Richtung. Ist dort vielleicht ... derjenige, der … mich gerufen hat?«

»Du wirst es nie erfahren!« Träumender Lurch schnippte mit den Fingern und begleitet von einem leisen Knistern zerfiel der morsche Körper des Untoten zu Staub. Nur der Kopf blieb davon verschont und immer noch von magischer Energie belebt, fiel er zu Boden.

»Aua!« rief der Schädel.

Der Schamane sah auf ihn herab. »Hoppala! Da ist mir wohl ein kleiner Fehler unterlaufen!«

Dass dem nicht so war, das wusste er ebensogut wie Früher Vogel. Dessen trübe Augen zeigten nun zum ersten Mal eine Gefühlsregung. Voller Wut und Hass starrten sie zu dem alten Elfen hinauf. »Du hast mich … betrogen!«

»Gar nicht«, erwiderte Träumender Lurch. »Du bist frei und noch unter den Lebenden – so what?«

Er hob den Kopf auf, sorgsam darauf achtend, dass dieser ihn nicht in die Finger beißen konnte. Dann trug er ihn zu einem, am Rande des Bestattungsortes etwa anderthalb Meter aus dem Boden ragenden Ast und spießte ihn darauf auf.

»Ich habe dir sogar einen Job besorgt. Hiermit ernenne ich dich zum neuen Wächter über die Toten – meinen Glückwunsch! Für die körperlichen Arbeiten werden wir noch jemanden finden müssen, aber die Oberaufsicht obliegt von nun ab dir.«

Breit grinsend betrachtete der Schamane sein Werk. Der aufgespießte Schädel gab nur ein zorniges Knurren von sich.

»Freust dich ja gar nicht«, stellte Träumender Lurch fest. »Undankbarer Moderkopp!«

Er drehte sich um und trat neben die Leiche des ehemaligen Totenwächters. Voller Bedauern sah er auf diese herab und ein Seufzen entrang sich seiner Kehle. »Echt dumm für dich gelaufen, mein Freund. Das hast du nicht verdient. Ich sorge dafür, dass man dich anständig bestattet. Also lauf nicht davon.« Er sah wieder den aufgespießten Kopf an. »Unter den derzeitigen Umständen wäre das nämlich durchaus möglich. Pass deshalb gut auf ihn auf!«

Er zog die Pfeife aus seinem Hosenbund, die er auf einem der Totengerüste gefunden hatte und die ihn daran erinnerte, dass er noch etwas zu erledigen hatte.

»Es wird Zeit, dem Häuptling einen Besuch abzustatten«, murmelte er zu sich selbst. Dann lief er los, dem Kopf auf dem Ast zum Abschied winkend.

Bald schon hatte er den Ort der Toten hinter sich gelassen und so schnell, wie es ihm möglich war – was im Fall des dynamischen Greisen bekanntlich außergewöhnlich schnell bedeutete –, erreichte er das Tipi des Stammesoberhauptes. Hätte er vor diesem doch nur kurz angehalten und wären ihm die seltsamen Geräusche, die aus dem Tipi drangen, doch nur aufgefallen. Es wäre nicht zu jener peinlichen Situation gekommen, die sein ungestümes Verhalten nun zwangsläufig verursachte. Er stürmte in das Zelt, während Stehender Gaul und seine Frau gerade eifrig dabei waren, ihren ehelichen Pflichten nachzukommen.

»N'abend!« rief der Schamane, während der Häuptling hastig und laut fluchend von seiner Frau stieg. Diese bedeckte ihre Blöße rasch mit einer Decke und bedachte den Störenfried mit vorwurfsvollen, wütenden Blicken. Fast schon so viel Zorn versprühten ihre Augen wie die des wandelnden Toten, nachdem der Schamane ihn seines Körpers beraubt hatte.

»Verdammt noch mal, Träumender Lurch!«, schimpfte der Häuptling, während er sich hastig seine Hose anzog. (Als wenn der alte Elf darauf Wert gelegt hätte) »Kannst du nicht anklopfen?«

Alle drei Anwesenden sahen zum Eingang des Tipis hinüber – einem Loch, vor dem eine Decke hing.

»Äh … oder was rufen?«, korrigierte sich der Häuptling. »Klopf-klopf, Palim-Palim oder so was?«

»Ach, Mumpitz!« Der Schamane zeigte mal wieder den üblichen Mangel an Respekt seinem Häuptling gegenüber. »Ihr stellt euch an, als hätte ich noch nie zwei Elfen beim Poppen gesehen.« Er dachte kurz nach. »Ist zwar ein oder zwei Jahrhunderte her, aber egal. Ich komme gerade von den Totenstätten und habe einiges mit dir zu bereden. Zunächst einmal: Den alten Wächter der Toten hat es zerlegt, ich hab aber schon einen Ersatz für ihn gefunden. Des Weiteren ...«

»Moment, Moment«, unterbrach ihn Stehender Gaul. »Finstere Krähe ist tot? Aber wie konnte das passieren?«

»Eine wandelnde Leiche hat ihn abgemurkst, aber das ist jetzt nicht so wichtig.« Der ungebetene Gast begann, das Tipi des Häuptlings zu durchsuchen, was nicht nur dessen Unmut weckte, sondern auch das seiner Frau.

»Sag mal, geht es noch?« Sie sah ihren Mann hilfesuchend an. »Lässt du es einfach so zu, dass dieser Spinnewipp unser Zuhause auf den Kopf stellt, Schatz?«

Der Häuptling stöhnte genervt auf. »Was suchst du, Träumender Lurch?«

»Das Verzeichnis, Schatz«, erwiderte der Schamane. »Ich meine natürlich Häuptling! Das Verzeichnis der Totenstätten suche ich. Ich muss dringend etwas nachprüfen.«

Stehender Gaul ging zu einem hohen Korb, in dem sich mehrere Schriftrollen befanden. Eine davon zog er heraus und reichte sie dem Schamanen. Dieser machte sich sofort daran, sie eingehend zu studieren. Ohne vorher um Erlaubnis zu fragen, ließ er sich auf dem Boden nieder und breitete die Schriftrolle vor sich aus. Dann las er jeden Eintrag darauf leise murmelnd und mit dem Zeigefinger die Zeilen nachfahrend. Der Häuptling und seine Frau beobachteten ihn derweil immer noch ein wenig verärgert und genervt. So hatten sie sich ihren gemeinsamen Abend offenbar nicht vorgestellt. Sie ließen ihn jedoch gewähren. Ihnen war bewusst, dass der alte Elf trotz all seiner Eigenarten, seinem schlechten Benehmen und seiner gelegentlichen Verwirrung der weiseste und klügste Kopf im ganzen Dorf war.

»Wie ich es vermutet habe«, sagte der Schamane nach einer Weile. »Alle verschwundenen Toten waren zu Lebzeiten Greifenreiter, bis auf einen.« Er sah auf die Pfeife, die er neben die Schriftrolle gelegt hatte. »Schwebender Olm - er war mein Vorgänger als oberster Schamane.«

»Und was sagt uns das?«, wollte Stehender Gaul wissen.

»Wer auch immer die Toten geweckt hat, braucht anscheinend zweierlei«, begann Träumender Lurch seine Erklärung. »Zum einen braucht er Krieger – deshalb die Greifenreiter, zum anderen benötigt er Wissen – deshalb der oberste Schamane.«

»Was für Wissen?«, erkundigte sich nun die Frau des Häuptlings, die scheinbar ihre Verärgerung überwunden hatte. Über die Ereignisse der letzten Zeit war sie offenbar informiert und nun ebenso begierig wie ihr Ehemann, mehr über deren Ursache zu erfahren. »Zauberformeln oder magische Rezepturen?«

Der Schamane schüttelte sein Haupt. »Wer mächtig genug ist, die Toten zu erwecken, hat es bestimmt nicht nötig, irgendwelche Schamanenzauber zu stehlen. Es gibt aber Wissen, dass nur uns obersten Schamanen vorbehalten ist. Kein anderer Schamane, geschweige denn ein gewöhnlicher Elf, weiß über diese Dinge Bescheid.«

Eine ungewohnte Ernsthaftigkeit dominierte plötzlich das Mienenspiel des greisen Elfen. Für einen kurzen Augenblick schwanden all die verschrobenen Eigenheiten aus seinem Gebaren.

»Es geht um die uralten Schriften, in denen von den Gräbern der Ahnen berichtet wird. Wie alle obersten Schamanen, so wusste auch Schwebender Olm, wer diese Schriften hütet. Nun steht dieses Wissen auch demjenigen zur Verfügung, der seinen Leichnam erweckt hat. Ich befürchte, dass es jemand auf die Säulen der Unvergänglichkeit abgesehen hat!«

»Vielleicht der Magier, den der Greifenreiter auf der Baustelle gesehen hat«, vermutete Stehender Gaul.

Der Schamane nickte. »Ja vielleicht. Aber nur eins ist ganz gewiss.« Er ging zum Eingang des Tipis, schob die Decke beiseite und blickte in die Dunkelheit hinaus. »Die Wahrheit ist irgendwo da draußen.«

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
460 str.
ISBN:
9783754118160
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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