Czytaj książkę: «Keine halben Sachen»
Thomas Klappstein (Hrsg.)
Keine halben
Sachen
182 ½ neue außergewöhnliche Andachten
Mit Beiträgen von Albrecht Gralle, Christian Döring, Christiane Ratz, Daniel Heß, Fabian Vogt, Frank Bonkowski, Mandy (Frau Punk), Fritz Pawelzik, Hans Widmann, Harald „Haso“ Sommerfeld, Jan Hanser, Katharina Hauboldt, Martin Schultheiß, Martin Dreyer, Mickey Wiese, Mirko Sander, Natalie Enns, Serge Enns, Patrick Phillipsen, Petra Piater, Rainer Klinner, Carsten „Storch“ Schmelzer, Thomas „ThoKla“ Klappstein, Ulrich Römer

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 9783865066541
© 2013 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelgrafik: shutterstock
Die Texte von Harald Sommerfeld sind mit freundlicher Genehmigung des Verlages entnommen aus: Harald Sommerfeld: No more Blues – Glauben ohne Schuldgefühle, Quadro, Nr. 8, Down to Earth Verlag, 2009. Für die Veröffentlichung in diesem Buch wurden sie vom Herausgeber bearbeitet.
Satz: HSB T&M Vertriebs-GmbH, Altenmünster
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
www.brendow-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Veränderung wagen
Unterwegs
Gnade
Angenommen
Schöpfung
Gemeinsam
Handeln wie Jesus
Wüste Zeiten
Ostern
Gemeinde leben
Pfingsten
Jädchen und Mungen
Wirklich wertvoll
Beten
Um die Bibel
Übers Weitergeben
(Nach-)Kriegsgeschichten
Weniger müssen müssen
Heilige Gelassenheit
Sichtweisen
Selbstoffenbarung
Unterwegs
Tod
Himmlisches
Weihnachten
Am Ende
Die Autorinnen und Autoren
Der Herausgeber
Fettes Thanx
Übersicht
Anmerkung
Vorwort
Ist dir das Kaleidoskop noch ein Begriff, liebe Leserin, lieber Leser? Dieses optische Gerät, das häufig als Kinderspielzeug verwendet wird? In dem einen Ende des meist 12 - 15 cm langen Rohres befinden sich – locker zwischen einer glatten und einer mattierten Glasplatte eingelegt – kleine farbige Splitter aus buntem Glas. Das andere Ende des Kaleidoskopes hat ein rundes Fenster zum Durchsehen. Im Rohr selbst sind drei, manchmal auch vier Spiegel-Streifen angebracht, die sich an ihren Längskanten berühren. Darin spiegeln sich die bunten Splitter mehrfach, sodass beim Hineinschauen ein symmetrisches, wunderschön farbiges Muster erscheint. Und jedes Mal, wenn man so ein Kaleidoskop nur ein kleines Stückchen weiterdreht, entsteht ein neues wunderbares Muster. Obwohl sich am Inhalt eigentlich nichts verändert hat, nichts hinzugetan und nichts weggenommen wurde. Alleine die Bewegung schafft die Veränderung.
Schon den alten Griechen war das Kaleidoskop bekannt. Wiederentdeckt wurde es aber erst in der Neuzeit, im Jahre 1816, und zwar vom schottischen Physiker David Brewster, der es dann 1817 zum Patent angemeldet hat.
Die Bibel ist für mich ähnlich wie ein Kaleidoskop. Jedes Mal, wenn ich hineinschaue, wird ein kleines Stück von Gottes Herrlichkeit sichtbar. Und wenn ich dann daran drehe, also die Seiten umblättere oder in einer anderen Situation erneut hineinschaue, zeigt sich wieder ein völlig anderer Teil von Ihm.
Und so ist das auch mit den Texten dieses Buches. 24 Autorinnen und Autoren haben in 182 ½ Beiträgen versucht, das wiederzugeben, was ihnen in der Beschäftigung mit Gottes Wort und in ihrem ganz persönlichen Leben als Christ wichtig geworden ist. In ihren Beiträgen möchten sie die Leserinnen und Leser teilhaben lassen an ihren Einblicken in Gottes Welt und seine Sicht der Dinge.
Herausgekommen ist wieder ein authentisch ehrliches Andachts- und Impulsbuch, das „Keine halben Sachen“ machen und gerne durch das Jahr mit seinen 365 Tagen begleiten will, auch wenn es „nur“ 182 ½ Textbeiträge enthält. Genau wie der Vorgängerband „Nicht alltäglich – 182 ½ außergewöhnliche Andachten“ (Brendow 2010).
Als Herausgeber betrachte ich die Sache nach wie vor nüchtern. Ich sehe, dass zwar viele mit dem guten Vorsatz in ein neues Jahr starten, täglich eine Andacht zu lesen, aber spätestens Ende Februar feststellen, dass sich doch einige Unregelmäßigkeiten eingeschlichen haben. Und dann macht sich nicht selten ein schlechtes Gewissen breit. Um dem zu begegnen, habe ich bereits 2010 das erste „ehrliche Andachtsbuch“ veröffentlicht. 182 ½ Andachten und Impulse habe ich dort versammelt, also genau eine für jeden zweiten Tag des Jahres – weil viele im Mittel sowieso nur alle zwei Tage dazu kommen, darin zu lesen. Dass diese Buchidee die Situation vieler traf, zeigt sicherlich auch die Tatsache, dass „Nicht alltäglich“ mittlerweile in die 2. Auflage gegangen ist.
„Keine halben Sachen – 182 ½ neue außergewöhnliche Andachten“ schließt nun die Lücke und ergänzt die restlichen Tage des Jahres, sodass alle Leser endlich die Tage nachholen können, die sie damals verpasst haben. Nur Spaß! Keine Angst, es soll ein ehrliches Andachtsbuch bleiben. Man darf darin lesen, wann immer man es für nötig hält. An jedem zweiten Tag eines Jahres und natürlich gerne auch täglich. Dann fängt man zur Jahresmitte halt noch einmal neu an.
Durch die vielschichtige Kreativität der Autorinnen und Autoren sowie ihren unterschiedlichen geistlichen Background ist wieder ein bunter Stil-Mix von Beiträgen entstanden. Alles ist dabei, von „old school“ über „modern“ bis zu „postmodern“. Dabei geht es auch dieses Mal nicht darum, ein aalglattes Christsein zu propagieren, sondern eines, das den Realitäten des Lebens gerecht wird.
Manchmal wird ganz klassisch ein Bibelvers ausgelegt, manchmal wird eine Geschichte erzählt, die eine geistliche Wahrheit vermittelt, ohne dass ein Bibelvers explizit genannt wird, mal steht ein Bibelabschnitt am Beginn des Beitrages, mal am Ende, mal wird er im Text zitiert. Garantiert ist auf jeden Fall eine große inhaltliche Vielfalt. Einige Texte erscheinen auf den ersten Blick schon mal widersprüchlich zueinander, manche wurden auch bewusst konträr gegenübergestellt bzw. hintereinander veröffentlicht. Da darf man sich dann gerne herausfordern lassen. Trotzdem bildet, wie im Kaleidoskop, alles eine Einheit. Durch eine leichte Veränderung wird eben nur ein anderes Stück von Gottes Herrlichkeit sichtbar.
Viele Autorinnen und Autoren, die bei „Nicht alltäglich“ mitgewirkt haben, ließen sich auch für „Keine halben Sachen“ zum Schreiben motivieren. Einige Neue sind hinzugekommen. Und neben dem „Tintenblut“, das alle investiert haben, steckt vor allem wieder viel „Herzblut“ in allen Beiträgen (um einen „Oldschool“-Ausdruck zu gebrauchen). Allen Autorinnen und Autoren ist erneut gemein, dass durch ihre Beiträge die Gesinnung dessen rüberkommt, der ihr Leben und ihren Glauben bestimmt: Jesus Christus. Dass durch jeden Beitrag kaleidoskopmäßig ein neues Stück von Gottes Herrlichkeit sichtbar wird. Und dass jeder Beitrag neue, außergewöhnliche und nicht alltägliche Ein- und Ausblicke bietet. Auf jeden Fall keine halben Sachen.
Allen, die wieder oder ganz neu Zeit und Energie aufgewendet haben, sage ich ein herzliches Dankeschön und wünsche ihnen den außergewöhnlichen, nicht alltäglichen und „foll vetten“ Segen Gottes, der ebenfalls keine halben Sachen macht. Und natürlich auch den Leserinnen und Lesern.
Thomas Klappstein (Herausgeber)
P.S.: Der 182 ½. Beitrag darf auch dieses Mal gerne wieder selbständig ergänzt werden. Es sollen ja keine halben Sachen zurückbleiben …

Veränderung wagen
1 | Kalendernotizen
„Okay, dann lasst uns den Termin nehmen und eintragen!“ Die meisten meiner Freunde und Bekannten zücken bei diesem Satz ihr Smartphone oder ihren Tablet-PC, rufen die Kalender-App (oder Kalenderfunktion) auf und speichern den Termin ab. Eventuell noch eine Erinnerungsfunktion aktivieren, die sie dann rechtzeitig per akustischem Signal an das Ereignis erinnert. Ich selbst nehme in solchen Momenten meinen klassischen Terminkalender in Buchform zur Hand, schlage ihn auf, zücke meinen Stift und trage den Termin ein. Damit gelte ich sicherlich bei einigen als Exot. Aber es entschleunigt und tut gut. Die Planung meiner Zeit und das Notieren meiner Termine mache ich immer noch mit einem klassischen Terminkalender: die Seiten aus echtem Papier, eingebunden in einen schwarzen Einband, möglichst mit einem integrierten schwarzen Gummiband, der den Kalender geschlossen hält, wenn er nicht benötigt wird. Größe DIN A5, und wenn man ihn aufschlägt, hat man jeweils eine ganze Woche im Überblick.
Jedes Jahr besorge ich mir wieder so ein Teil. Dabei liebe ich es, zuerst einmal die leeren Seiten anzuschauen. Sie haben etwas Unschuldiges, Reines an sich und laden zugleich ein, sie zu füllen. Zunächst trage ich dann die bereits feststehenden Termine ein und denke locker darüber nach, wie sich die weiteren Tage wohl füllen, welche Ereignisse die Seiten festhalten werden. Während Urlaubs- und Ferienzeiten sowie auf Reisen benutze ich den Kalender auch gerne als „Stichworttagebuch“ oder um interessante Begegnungen festzuhalten.
Zum Jahresende schaue ich dann gerne noch einmal durch den Kalender, verweile gedanklich an manchen Einträgen und lasse einige Situationen nochmals kurz Revue passieren.
Jedes neue Jahr, jede neue Lebensphase, ist so etwas wie ein Kalenderbuch mit lauter leeren Seiten. Noch voller ungeahnter Möglichkeiten; ein leeres Blatt, das darauf wartet, beschrieben zu werden. Ich bin gespannt, was für ein Buch es am Ende des Jahres, am Ende eines Abschnittes, geworden sein wird. Gut, dass ich mitwirken kann an diesem Buch. Einfluss nehmen kann.
Dabei will ich darauf achten, wer außer mir noch hineinschreibt und seine Spuren darin hinterlässt. Ich wünsche mir immer, dass Gott durch seinen Sohn Jesus Christus und durch seinen Heiligen Geist mitwirkt und der Sache eine gute Richtung gibt. Auf seine Beiträge will ich nicht verzichten. Ob ernst oder froh, ob traurig oder glücklich – es werden Beiträge zum Leben sein. Ich habe ihn eingeladen, seine Spuren in meinem Leben deutlich werden zu lassen. Und dadurch positiven Einfluss in der mich umgebenden Gesellschaft zu nehmen.
Wem möchtest du gestatten, an deinem Buch zum neuen Jahr oder zum neuen Lebensabschnitt mitzuwirken? Worauf möchtest du gerne mal zurückblicken?
„Guter Gott, ich wünsche mir, dass deine Spuren in meinem Leben deutlich werden!“
Thomas Klappstein
2 | Neuanfang
Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?
JESAJA 43,19 (LUTHER 1984)
Also, ich habe mir fest vorgenommen: Dieses Jahr wird alles anders. Und damit fange ich gleich … äh … morgen an. Ja, also am 1. Januar war es bei mir ein bisschen ungünstig. Von wegen: gute Vorsätze und so. Nun, in den darauffolgenden Tagen und Wochen ergab sich auch nie so die richtige Gelegenheit. Gestern passte es auch nicht. Und heute wollte ich wirklich mal mit den Veränderungen anfangen, aber ein guter Freund hat mich eingeladen – und da dachte ich …
Kennen Sie das? Dieses ewige „Vor-sich-her-Schieben“ von guten Absichten? Und damit meine ich nicht nur den Elektronikschrott, der seit Monaten darauf wartet, zum Bauhof gebracht zu werden – oder den Keller, der so nach Aufräumen schreit, dass man es bis in den vierten Stock hört. Nein, wir sind doch alle Meister darin, wichtige Dinge andauernd zu verzögern. Gerade, wenn es um anstrengende Verhaltensänderungen geht. Wir wissen, dass es Dinge gibt, die uns richtig guttäten … und machen sie trotzdem nicht. Das ist doch total verrückt.
Darum sagt ja der Volksmund sehr weise: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Klingt gut. Aber auch ziemlich altklug. Nach altbackener Großtante mit Fürsorgeblick und trauriger Gestalt. „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Super. Ein echter Knaller. Außerdem fällt uns ja immer noch ein guter Grund ein, warum wir etwas heute nicht besorgen können. Wir würden wirklich gerne … aber die Umstände.
Na, vielleicht ist an dem Sprichwort ja doch was dran. Vor allem, weil es uralte Wurzeln hat. Ja, schon im Alten Testament steht der garstige Satz: „Beeile dich, deine Gelübde zu erfüllen, und warte damit nicht, bis du tot bist.“ Offensichtlich ist es den Menschen schon vor 3000 Jahren unendlich schwergefallen, gute Vorsätze auch wirklich umzusetzen. Umso mehr reizt es mich, das jetzt endlich zu schaffen. Es kann doch nicht sein, dass das Gute an meiner Trägheit scheitert.
Apropos Gelübde: Sie und ich, wir können uns doch jetzt versprechen, dass wir morgen wirklich anfangen, unsere dringenden Vorhaben in die Tat umzusetzen. Oder heute … okay?
Fabian Vogt
3 | Der Mann, der fünf Guinness trank
„Wenn du deinen Schatten benennen kannst, dann verliert er seine Macht!“
Es war jedes Wochenende das Gleiche: Der Mann kam in seine Stammkneipe, setzte sich an seinen Lieblingsplatz am Tresen und bestellte fünf große Gläser Guinness, die er im Laufe des Abends leerte. Aber diesmal war etwas anders! Er sah traurig aus und bestellte nur vier Gläser. Dem Wirt schien das seltsam, aber er traute sich nicht, nach dem Grund zu fragen. Als sich die Szene aber in den nächsten Wochen wiederholte und der Mann es jedes Mal bei vier Gläsern beließ, packte den Wirt doch die Neugier. „Darf ich fragen, warum du von fünf auf vier Gläser umgestiegen bist?“
„Oh, das ist leicht zu erklären“, sagte der Stammgast. „In meinem Heimatdorf gibt es eine nette Tradition: Man trinkt für die anderen Familienmitglieder mit. Mit meinem Vater und meinen drei Brüdern habe ich mich immer sehr gut verstanden. Also trinke ich ein Bier für mich, ein Bier für meinen Vater und jeweils eins auf das Wohl meiner Brüder. Vor ein paar Wochen ist unser Vater nun verstorben, also trinke ich nur noch für meine Brüder und mich.“
Eine wunderschöne Tradition, denkt der Wirt, als er seinem Kunden sein Beileid ausspricht. Eine Woche später kommt der Mann wieder in die Kneipe und sieht gar nicht gut aus, als er sich drei Gläser Guinness bestellt. Der Wirt ahnt natürlich sofort, was los ist, und fragt vorsichtig nach, ob denn einem der Brüder etwas passiert sei. „Nein!“, kommt die Antwort. „Meinen Brüdern geht es allen super. Aber ich war heute beim Arzt – und der hat mir aus gesundheitlichen Gründen strengstens das Trinken verboten.“
Veränderung – sie fällt uns so schwer! Was tun wir nicht alles, um uns vor notwendigen Neuanfängen zu drücken! Oft spielen wir uns etwas vor, obwohl das mit erheblichem Aufwand an Selbstbetrug verbunden ist. Aber nur nicht die Wahrheit sehen wollen … Geh es heute an!
Frank Bonkowski
4 | Sitzen bleiben kannst du immer noch
„Alle wollen die Welt verändern, aber keiner fängt bei sich an.“ Fjodor Michailowitsch Dostojewski
Kennst du Lasantha Wickrematunge? Für mich ist dieser Mann ein Held. Ein im Jahr 2009 ermordeter Held. Ein Held, der das Richtige getan hat, obwohl er wusste, dass ihn das sein Leben kosten würde. Als Journalist stand er vor einer der schwierigsten nur denkbaren Entscheidungen: Mache ich den Mund auf, setze ich mich gegen die Ungerechtigkeit in meinem Land ein und sterbe? Oder schweige ich, überlebe, und es bleibt alles beim Alten? Lasantha Wickrematunge hat sich dafür entschieden, den verbotenen Beitrag über seine Regierung zu veröffentlichen. Den Beitrag, in dem er nachweist, dass sie korrupt ist, Menschen foltert und tötet. Einige Tage darauf wurde er ermordet.
Auch der deutsche Theologe Martin Niemöller hat ein solches Beispiel gegeben, das mich in meiner journalistischen Karriere begleitet. In seiner Jugend war er Antisemit und bewunderte Hitler. Als die Nationalsozialisten jedoch in Deutschland die Macht ergriffen, erkannte er, was deren Ideologie war: Es ging nicht nur um die Vernichtung der Juden, sondern um die Vernichtung aller Andersdenkenden. Niemöller sagte seine Meinung und wurde von 1937 bis 1945 in den Konzentrationslagern von Sachsenhausen und Dachau inhaftiert. In seiner Gefangenschaft schrieb er ein Gedicht, das mich seit den Tagen meiner Jugend beeindruckt:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie die Sozialisten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialist. Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Wie gehst du mit Ungerechtigkeiten in deinem Umfeld um? Mit Armut, Mobbing, häuslicher Gewalt, Diskriminierung? Ich bewundere Menschen wie Lasantha Wickrematunge und Martin Niemöller. Menschen, die aufstehen und nicht wegschauen, wenn sie Ungerechtigkeiten sehen. Die nicht sagen, das ginge sie nichts an. Sondern den Mund aufmachen, wenn es sein muss. Sie erinnern mich an Jesus, der sich wie kein anderer nicht davon abhalten ließ, das Richtige zu tun. Und ich bin der festen Überzeugung, dass ich ebenso wie jeder andere Christ dazu aufgerufen bin, seinem Vorbild zu folgen und als Vorbild voranzugehen.
Serge Enns
5 | Warum bin ich immer noch der Alte?
Und der HERR, dein Gott, wird dein Herz beschneiden und das Herz deiner Nachkommen, damit du den HERRN, deinen Gott, liebst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, auf dass du am Leben bleibst.
5. MOSE 30,6 (LUTHER 1984)
Wenn Gott unsere Herzen beschneiden möchte, heißt das für mich, dass er uns an einer ganz tiefen, bedeutsamen Stelle verändern will. Das Herz ist in seiner biblischen Bedeutung der innerste Ort und der Ausgangspunkt unseres Seins und Erlebens. Dort werden meine Entscheidungen geboren. An diesem zentralen Ort sind unsere tiefsten und grundlegendsten Überzeugungen abgelegt.
Auf der anderen Seite ist dem Menschen selbst dieser Ort nicht unmittelbar zugänglich: Entscheidungen, die ich treffe, kann ich oft nur im Nachhinein betrachten und bewerten. Das Besondere am Glauben an den Gott der Bibel ist, dass er unser Leben verändern will. Nicht nur äußerlich, sondern auch und vor allem innerlich. Welche Rolle Gott in der Lebens- und Herzensveränderung spielt, ist für mich jedoch nach wie vor geheimnisvoll. Es könnte der Eindruck entstehen, dass der christliche Glaube sich durch das Halten von Geboten und einen frommen Lebenswandel ausdrückt. Die Lebensführung hat der Gläubige selbst zu steuern, Veränderung ist eher ein Willensakt, für den man selbst die Verantwortung trägt. Wenn ich damit nicht zurechtkomme, muss ich eben in „Seelsorge“ gehen und mir helfen lassen. Dabei hilft mir die Erkenntnis, dass Gott mich ja liebt, und Veränderung ist somit eine angemessene Antwort auf die Gottesliebe.
Andererseits weiß ich, dass Gott selbst mich verändern will. Dies geschieht wohl, indem ich mich ihm öffne und hinhalte. In Zeiten der Andacht, des Lobpreises, der Seelsorge oder im Gebet kann Gott an mir wirken. Wie oder warum das geschieht, ist meist nicht genauer zu erfahren – es geschieht aus Gnade. Letztendlich kommt es aber auch wieder auf den Menschen selbst an, wann und wie oft er sich Gott stellt – und ob überhaupt.
Meine Alltagsbeobachtung ist, dass Lebensveränderung insbesondere in Krisensituationen geschieht. Auch berichten Familienangehörige von Neubekehrten manchmal von Veränderungen zum Guten, die selten bewusst gesteuert sind. In späteren Jahren des Christseins scheint es aber an bestimmten Punkten einfach nicht weiterzugehen, auch oder gerade bei Haltungen, die von außen betrachtet aber wesentlich wären.
Wie sieht es nun in meinem Leben aus? Passiert hier noch Veränderung? Und was ist mein Gebet, wenn der alte Mensch in mir sichtbar wird: „Oh, Mist, Herr! Ich habe versagt! Ich verspreche dir Besserung, und vor allem mache ich mehr Stille Zeit“?
Wenn Er zugesagt hat, uns zu verändern, könnte unser Gebet doch auch lauten: „Herr, warum bin ich immer noch der Alte?“ Wenn ich wirklich ihm die Verantwortung für mich gebe, wird es spannend, was passieren wird. Alle Achtung!
Daniel Heß
6 | Aufbruch in ein neues Land: Leif Eriksson
Am Ende aber blieben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.
1. KORINTHER 13,13 (LUTHER 1984)
Kennen Sie Leif Eriksson? Den Sohn von Erik, dem Roten? Den Mann mit dem wunderschönen Beinamen „der Glückliche“? Ja, Leif, der Glückliche! Das ist doch wirklich mal ein toller Ehrentitel, den man sich auch wünschen würde.
Der glückliche Leif war Grönländer und gilt inzwischen als der eigentliche Entdecker Amerikas. Ja, der Abenteurer fuhr nämlich schon um das Jahr 1000 – also rund 500 Jahre vor Christoph Columbus – mit einer Art Drachenboot auf einer wilden Entdeckungsreise bis hinüber nach Neufundland. Er nannte den von ihm durch Zufall entdeckten Kontinent fröhlich „Vinland“, also „Weinland“ – wahrscheinlich, weil es dort so viele wilde Weinreben gab. Und das imponierte dem Nordländer. Später fuhr Leif Eriksson dann noch mehrfach an die nordamerikanische Küste, um sie weiter zu erforschen.
In zwei altnordischen Sagas wird ausführlich von Leif und seiner Entdeckung erzählt. Trotzdem waren sich die Wissenschaftler lange unsicher, ob es diese Fahrten wirklich gegeben hatte. Vielleicht musste man das Ganze ja einfach dem Bereich der Märchen und Fabeln zuordnen. „Das geheimnisvolle Land am Ende der Welt.“ Man hatte schließlich keine Beweise.
Doch dann wurden vor einigen Jahren auf Neufundland tatsächlich die uralten Reste einer skandinavischen Siedlung entdeckt. Eine Sensation. Seither kann man die Erinnerung an den großen Leif Eriksson noch überzeugter feiern.
Zu einer dauerhaften Besiedelung Amerikas durch die Grönländer kam es übrigens nicht. Und jetzt wird es spannend. Das lag nämlich unter anderem daran, dass sich Leif nach dem Tod seines Vaters als neuer Herrscher erst einmal um Grönland, also um sein eigenes Reich, kümmern musste. Und um die Christianisierung der Grönländer. Denn Leif Eriksson gilt auch als großer Missionar, dessen Herz für Gott brannte. Und die Liebe zu seinem Volk war ihm offensichtlich wichtiger als dieses neue Land.
Nun frage ich mich natürlich: Warum wurde Leif wohl „der Glückliche“ genannt? Weil er Amerika entdeckte, weil er einfach ein sonniges Gemüt hatte – oder weil ihn die Entdeckung des christlichen Glaubens mehr bewegte als jedes sagenumwobene „Vinland“ im Westen, da draußen auf dem Meer?
Fabian Vogt
7 | Eine mutige Entscheidung: Konstantin
So wählt euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter gedient haben jenseits des Stroms. […] Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen.
JOSUA 24,15 (LUTHER 1984)
Irgendwann, an einem frühen Morgen Anfang des vierten Jahrhunderts, wälzt sich ein Feldherr ruhelos auf seinem Lager hin und her. Schweißnass. Er kann einfach nicht einschlafen. Kein Wunder. Er weiß, dass er mit seinen Soldaten die schwerste Schlacht seines Lebens vor sich hat. Und: Das gegnerische Heer ist nicht nur viel stärker und professioneller organisiert, es kennt sich auch in der Region deutlich besser aus. Keine besonders guten Aussichten.
Vor allem aber muss der Feldherr eine äußerst wichtige Entscheidung fällen: Auf welchen göttlichen Beistand will er in der anstehenden Schlacht bauen? Auf den der alten römischen Götter, die seit langem angebetet werden? Oder auf den dieses ungewöhnlichen Christengottes, von dem neuerdings alle reden? Und während der Mann noch grübelt, wird über ihm am Himmel auf einmal ein Kreuz sichtbar. Und eine laute Stimme sagt: „In diesem Zeichen wirst du siegen.“
Schnell lässt Konstantin – so heißt der Feldherr – auf alle Rüstungen, Schilde und Fahnen seiner Soldaten ein großes Kreuz nähen. Und die Motivation funktioniert. Tatsächlich. Das Heer zieht voller Zuversicht und Vertrauen in den Kampf. Euphorisch. Konstantin schlägt seinen Gegner, wird römischer Kaiser und bedankt sich anschließend bei diesem gnädigen Gott, der ihm vermeintlich den Sieg geschenkt hat. So wird das Christentum im römischen Reich zu einer erlaubten Religion. Damit verhilft Konstantin dem christlichen Glauben zum Durchbruch. Später wird dieses historische Ereignis den Namen „Konstantinische Wende“ bekommen.
Erstaunlicherweise wissen wir sonst über Konstantin gar nicht so viel. Nicht einmal, wann er genau geboren wurde. Na, irgendwann um 275 könnte es gewesen sein. Ungefähr. Viel wichtiger ist aber, dass Konstantin als Kaiser den Mut hatte, den neuen Glauben nicht mehr zu bekämpfen, sondern ihm eine Chance zu geben. Dass er nicht wankelmütig hin und her lavierte, sondern eine Entscheidung für sich fällte. Und die wurde ihm zum Segen.
Fabian Vogt

Unterwegs
8 | Weg und Ziel I
„Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, und ich bin das Leben! Ohne mich kann niemand zum Vater kommen.“
JESUS IN JOHANNES 14,6 (HOFFNUNG FÜR ALLE)
Zwei Begebenheiten mit meinem Fahrlehrer begleiten mich auch heute, fast 20 Jahre später, noch immer. Gerade im Frühling, wenn all die Motorradfahrer durch die Straßen fahren, kommt mir die erste Begebenheit in den Sinn, als ob es gestern gewesen wäre: Bei der PKW-Fahrprüfung griff mir mein Fahrlehrer ins Lenkrad! Dadurch fiel ich durch und musste die Prüfung wiederholen. Eigentlich wollte ich meinen PKW- und Motorradführerschein zusammen machen, aber durch das Eingreifen des Prüfers musste ich das Geld, das für den Motorrad-Führerschein eingeplant war, dafür einsetzen, wenigstens den PKW-Führerschein abschließen zu können. Noch immer trauere ich jeden Frühling und Sommer meinem nicht vorhandenen Motorrad hinterher.
Die andere Situation erlebte ich während meiner ersten Fahrstunde auf der Landstraße. Bei dieser Fahrt wurde mein Fundament für meinen Weg mit Gott gelegt. Die Bedeutung dieses Moments war mir damals nicht bewusst, wurde sie aber später, nachdem ich bei den Jesus Freaks verschiedenste Bereiche aufgebaut, geleitet und begleitet hatte. Ich fuhr auf der Landstraße gekonnt Schlangenlinien und war im totalen Stress, da ich so ziemlich jeden Baum an der Straße mit meinen Augen fixierte. Da sagte mein Fahrlehrer zu mir (nicht ahnend, dass er mir eine der wichtigsten Lektionen für mein Leben mit auf den Weg gab): „Augen nach vorne! Du fährst immer dahin, wo du hinschaust!“
Ich weiß nicht, wie du gerade unterwegs bist in deinem Leben, ob es dir gutgeht und alles eine große Party für dich ist. Oder ob du auf der anderen Seite stehst: Jeder neue Tag ist anstrengend, und deine einzige Hoffnung ist es, dass auch er irgendwann vorbeisein muss … Aber ganz egal, ob du gerade auf der Überholspur unterwegs bist oder dich mühsam am Standstreifen entlangschleppst: Du hast deine Augen auf etwas gerichtet, und in diese Richtung bewegst du dich auch.
Der Weg ist nicht das Entscheidende, sondern das Ziel. Gott kann auf schwierigen Abschnitten genauso gut mit uns laufen wie auf leichten. Manchmal glaube ich sogar, dass wir gar nicht dazu gemacht sind, dass es uns immer nur gutgeht. So ganz ohne Herausforderungen würden wir niemals wachsen und stark werden.
Wichtig ist das Ziel: Wenn ich mich nur von meinem Alltag und den Umständen lenken lasse, habe ich keinerlei Sicherheit auf meinem Weg. Die habe ich nur, wenn ich das Ziel vor Augen habe.
Mirko Sander
9| Weg und Ziel II
„Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, und ich bin das Leben! Ohne mich kann niemand zum Vater kommen.“
JESUS IN JOHANNES 14,6 (HOFFNUNG FÜR ALLE)
Die große Frage ist nicht, wo und wie wir durchs Leben laufen; die große Frage ist, ob wir am Ziel ankommen. Man sagt, dass jeder Weg mit dem ersten Schritt beginnt. Wovon man nicht spricht, ist das große Dilemma danach, nämlich dass jeder Weg erst mit dem letzten Schritt endet und dass dazwischen viele Schritte liegen. Und nicht nur das: Die Schritte führen auch noch einen Weg entlang, auf dem Steine liegen.
Ich erinnere mich noch gut an den Abend, als ich mich entschied, „alles“ für Gott zu geben – in meinem jugendlichen Leichtsinn rutschte mir dieses „alles“ einfach so raus. Nicht wissend, dass es manchmal schwer sein würde, dabeizubleiben. Ich habe viele Freunde, die sich auch mal entschieden haben, „alles für den Herrn“ zu geben, und die jetzt nicht mehr mit Gott unterwegs sind. Die irgendwo auf dem Weg einfach stehengeblieben sind. Ich kann gar nicht sagen und beurteilen, was da im Einzelnen schräggelaufen ist, keine Ahnung. Aber die Leute sind stehengeblieben – und eben nicht mehr dabei. Vielleicht kennst du auch Leute, mit denen du unterwegs warst und die die verrücktesten Sachen „für den Herrn“ gemacht haben … und nun sind sie nicht mehr da. Das stimmt einen oft traurig.
Wenn ich eines gelernt habe über all die Jahre, dann ist es, dass meine persönliche Antwort auf die „große Frage“ das Entscheidende ist. Die große Frage ist doch immer gewesen: Was ist der Sinn des Lebens? Warum bin ich hier, und wo gehe ich hin? Für mich ist tatsächlich Jesus die Antwort auf alles im Leben, und dieses Wissen ist sehr hilfreich.
Du liest hier gerade in einem Andachtsbuch – warum machst du das? Hast du das Buch geschenkt bekommen, damit du dieses Thema „Zeit mit Gott“ besser in den Griff bekommst? Hast du dir das Buch selbst gekauft? Was ist deine Motivation, dass du es bis hierher gelesen hast?
Was auch immer deine Gedanken dazu sind – ich wünsche dir, dass du deinen Weg weitergehst. Bis zum Ziel. Du hast dich auf ein großes Abenteuer eingelassen und wahrscheinlich keinen Schimmer davon, was noch alles auf dich zukommen wird. Dieses „alles“ kann wirklich „alles“ in deinem Leben sein. Aber glaube mir: Es gibt nichts Besseres, als sein Leben für eine Sache zu geben, für die es sich lohnt.
Paulus hat mal an die Kolosser geschrieben: „Lasst euch deshalb von niemandem von eurem Ziel abringen.“ (Kolosser 2,18A)
Mirko Sander
10 | Ein Ziel erreicht nur, wer nach vorne schaut
Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.
LUKAS 9,62 (LUTHER 1984)
In Zeiten unserer hochtechnisierten Landwirtschaft ist dieser Vers nicht mehr ganz so alltagsnah wie zu Jesu Zeiten. Heute fährt der Traktor oder Schlepper von alleine geradeaus, unabhängig von der Blickrichtung des Fahrers. Und um eine vernünftige Ernte zu bekommen, muss die Aussaat schon vorher in einer geraden Linie liegen. Das vereinfacht die Ernte enorm.
Aber Sie können es ja mal ausprobieren und versuchen, auf einem Acker oder einer großen Wiese eine gerade Linie zu gehen: Das funktioniert nur, wenn man sich in der Ferne ein Ziel aussucht, zum Beispiel einen Baum, und dieses anvisiert. Lässt man es aus den Augen, wird die Linie krumm. Und schaut man sogar zurück, gibt es schon gar keine Chance auf eine gerade Linie.
So ist das im Leben auch. Ziele für unseren Lebensweg sind hilfreich, damit wir uns nicht verzetteln und zu viele krumme Umwege gehen. Oft ist es einfacher und schöner, in der Vergangenheit zu schwelgen, als beherzt neue Wege zu gehen. Wir dürfen natürlich genießen, was einmal war. Aber wir sollten dabei nicht stehenbleiben, sondern immer wieder neue Herausforderungen suchen.
Diese Herausforderungen können ganz unterschiedlicher Natur sein: zum Beispiel bei einer Predigt über einen bekannten Text offen sein für das, was der Prediger sagt – und nicht in Gedanken reflektieren, was wir schon alles darüber gehört haben. Oder kaputte Beziehungen wieder versuchen zu kitten – und nicht immer darüber grübeln, wie böse der andere in der Vergangenheit zu uns war. Oder eine angemessene Sportart anfangen – und nicht davon schwärmen, wie athletisch man in jungen Jahren gewesen ist. Oder ein neues Hobby beginnen – und nicht immer die alten Briefmarken abstauben.
Wichtig bei alldem ist, dass ein neuer Schwung uns belebt und wir uns nicht von der Vergangenheit gefangen nehmen lassen. Der Satz: „Das haben wir schon immer so gemacht“ kann auch eine Ausrede für unsere Trägheit und Bequemlichkeit sein. Das Leben ist viel zu spannend und wertvoll, um im Gestern zu leben.
Ulrich Römer
11 | Zurückblicken ohne umzukehren
Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.
LUKAS 9,62 (LUTHER 1984)
Wie würde dieser Satz wohl in einem etwas moderneren Kontext lauten? Vielleicht so? „Wer seine Hand von der Tastatur nimmt und sieht zurück, der ist nicht geschaffen für das Reich Gottes.“ Oder vielleicht so? „Wer seine Arbeit reflektiert, der ist nicht geschaffen für das Reich Gottes.“
Moment mal! Heißt das jetzt, ich darf mich nicht mehr kontrollieren? Heißt das, wenn ich etwas mache, dann darf ich nicht zurückblicken, um daraus zu lernen? Könnte man meinen – oder!? Aber ich glaube nicht, dass das so gemeint ist. Ich glaube, dass wir unser Tun und Handeln überprüfen dürfen. Aber wir sollen uns im Prüfen nicht verlieren.
Paulus beschreibt das im Philipperbrief noch etwas genauer: „Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“ (Philipper 3,13)
Also, nach hinten schauen ja, aber nicht um jeden Preis. Verlier dich nicht in den Erinnerungen. Es ist wichtiger, nach vorne zu blicken und mit dem in der Reflexion Gelernten das Ziel zu erreichen.
Jesus wartet auf dich.
Patrick Phillipsen
12 | Die wichtigsten Begleiter: Freunde
Und ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch aufgetragen habe. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn einem Knecht sagt der Herr nicht, was er vorhat. Ihr aber seid meine Freunde; denn ich habe euch alles anvertraut, was ich vom Vater gehört habe.
JOHANNES 15,14 UND 15 (HOFFNUNG FÜR ALLE)
Freunden kann auch mal der Kragen platzen, wenn sie mit dir reden, aber nur, weil ihr Herz für dich bis zum Hals schlägt.
Freunde stört es nicht, bei dir fernzusehen, auch wenn du schon längst ins Bett gegangen bist.
Freunde beten viel für dich und sagen dir: „Hab neulich mal kurz an dich gedacht!“
Freunde möchten deine Welt kennenlernen und entdecken immer neue Erdteile.
Freunde erleben dich mit verklebten Augen, ungewaschenen Haaren und sehen dahinter deine Einzigartigkeit und Schönheit.
Freunde können es sich leisten, bei einem Witz, den du erzählst, nach der Pointe zu fragen.
Bei Freunden kannst du nachts um halb drei klingeln, und sie fragen dich: „Tee oder Kaffee?“
Freunde reden manchmal blödes Zeug, weil sie wissen, dass du keine Goldwaage im Keller hast.
Freunde kennen sich nicht in deiner Brieftasche aus, dafür aber in deinem Kühlschrank.
Freunde geben dir im Winter ihr letztes Hemd und behaupten, sie wollten sich sowieso gerade sonnen.
Freunde machen es so ähnlich wie Gott: Sie mögen dich so, wie du bist, trauen dir aber zu, dass du dich verändern kannst.
Albrecht Gralle
13 | Profil
Matthäus 6,1 - 8
Habe ich noch ausreichend Profil auf meinen Reifen? Diese Frage stellt sich jeder Autofahrer, weil er weiß, dass fehlendes Profil die Sicherheit beeinträchtigt. Von Zeit zu Zeit muss man es deshalb überprüfen und, wenn nötig, in ein neues investieren.
Für Menschen, die Jesus Christus kennengelernt haben, ist das richtige Profil ebenfalls entscheidend: Welche Spuren hinterlasse ich? Welchen Halt bietet mein Profil in schwierigen Lebenssituationen? Ein solcher Profil-Check ist wichtig. Anhand der Bibel können wir uns immer wieder überprüfen.
Jesus Christus fordert uns in der Bergpredigt auf: „Habt acht auf eure Frömmigkeit“ (Matthäus 6,1, Luther 1984). Er weiß, wie schnell unser Glaube durch äußere Einflüsse Schaden nimmt. Wie schnell Dinge von uns Besitz ergreifen, die uns den Halt und das Vertrauen in ihn rauben. Darum hat Jesus dem Volk immer wieder entscheidende Wahrheiten mit auf seinen Weg gegeben. Es lohnt sich, diese (etwa im sechsten Kapitel des Matthäus-Evangeliums) genauer zu studieren. Da geht es um meinen Umgang mit dem Vater im Gebet, es geht um Dinge, die uns zu wichtig werden und Gott von seinem Platz verbannen. Es geht um wahre Größe, um die Liebe und Fürsorge unseres Vaters im Himmel, der uns in seinem Wort alles gibt, was notwendig ist, um in den Stürmen des Lebens zu bestehen.
Weil wir auf unsrem Lebensweg vielen negativen Einflüssen ausgesetzt sind, fordert uns Jesus heraus, immer wieder den Zustand unseres Lebens-Profils zu überprüfen. Das lässt sich nicht danach beurteilen, wie viel Lärm wir machen, oder nach der Größe unserer Abdrücke, die wir hinterlassen. Das Entscheidende ist, dass wir Jesus Christus zum Mittelpunkt unseres Lebens machen. Dann wird er dafür sorgen, dass wir für jede Witterung bestens gerüstet sein werden. Er gibt Liebe und Geborgenheit, wie niemand sonst sie geben kann. Bei Ihm sind wir so wertgeachtet, dass er sogar mit seinem Leben für uns bezahlte. Ich wünsche dir und Ihnen die Freiheit, die Jesus schenkt, und tiefes Vertrauen in seine Zusagen.
Hans Widmann

Gnade
14 | Total vermasselt?
Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden.
JESAJA 1,18 (LUTHER 1984)
Viele Schuldgefühle, mit denen sich Christen herumplagen, sind sachlich völlig unbegründet und das Ergebnis von falschem Denken, Perfektionismus, Manipulation oder religiösen Fehlprägungen. Aber es gibt leider auch Situationen, in denen wir auf eine Art „schuldig“ werden, die uns und andere viel tiefer berührt. Was ist, wenn wir vor dem Scherbenhaufen einer Beziehung stehen und wissen, dass unser Verhalten die Hauptursache für das Scheitern war? Was ist, wenn wir jemanden, der uns etwas bedeutet, auf eine Weise verletzt haben, die wir nicht wieder aus der Welt schaffen können? Was ist, wenn wir nicht auf uns achthatten und in einem schwachen Moment etwas getan haben, was kurze Zeit dauerte, aber lange, zerstörerische Folgen hat? Auch in solchen Fällen ist es sicher gut, eine(n) gute(n) Freund(in) oder Berater(in) zu suchen, mit dem du dich deiner Geschichte stellen kannst. Es ist nicht falsch, Ursachen zu suchen, um Wiederholungen zu vermeiden. Gemeinsam könnt ihr auch herausfinden, wie Versöhnung und Wiederherstellung möglich sind und wie du mit den Folgen leben kannst.
Aber selbst solche Situationen ändern nichts an Gottes Einstellung zu dir. Er ist für dich, und in seinen Augen bist und bleibst du unschuldig, selbst wenn gerade die Boulevardpresse über dich herzieht. Und glaub mir, dieses Wissen hast du nie nötiger als in Momenten echter, schwerer Schuld.
Überleg mal: Gibt es einen Bereich, wo du wirklich schuldig geworden bist?
Stelle dir diese Schuld bildhaft vor – und dann stelle dir vor, wie Jesus sie hinwegträgt.
Haso
Mehr darüber in: Harald Sommerfeld: „No more Blues – Glauben ohne Schuldgefühle“, Quadro, Nr. 8, Down to Earth Verlag, Berlin 2009.
15 | Der zerbrochene Pott
„Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen; denn dieser hier, dein Bruder, war tot, und nun lebt er wieder; er war verloren, und nun ist er wiedergefunden.“
LUKAS 15,32 (NEUE GENFER ÜBERSETZUNG)
Er weiß genau, was ihn zu Hause erwartet, und deswegen hat er gewartet, bis er vor Hunger fast verreckt wäre. Es gab damals eine Tradition für „Fälle wie ihn“. Er hatte es gewagt, die Ressourcen seiner Familie, seiner Gemeinschaft, auf hinterhältige Art und Weise zu ergaunern und unter Nicht-Juden zu vergeuden. Er hatte seiner Gemeinschaft großen Schaden zugefügt. In seiner Kultur ein fürchterliches Vergehen!
Wenn er nach Hause kommt, wird man die gesamte Dorfgemeinschaft zusammentrommeln. Man wird ihn festhalten, einen Pott nehmen und vor seinen Augen zerschmettern. Ein Zeichen! „Du hast das Leben deines Vaters zerbrochen, deiner Familie, deiner Gemeinschaft, dein eigenes Leben! Du hast alles kaputt gemacht. Dein Leben ist nichts mehr wert. Du bist hier nichts mehr wert!“ „Kezazah“ hat man diese Tradition genannt: „Kezazah“ heißt „Zerbruch“, heißt: „Du bist hier nicht willkommen, du gehörst hier nicht mehr her!“
Doch bevor sie ihn ergreifen können, bevor sie den letzten Rest seiner Würde zerschmettern, kommt sein alter Vater, den er so verletzt hat, auf ihn zugerannt, nimmt ihn in den Arm, vergibt ihm und lädt die verdutzte Meute zu einem Fest ein. Zu einem Fest, das die Würde seines Sohnes wiederherstellt! Ein Fest, das Gnade feiert! Ein Fest zum Zeichen, dass er gewollt und geachtet und wertvoll ist in diesem Haus.
Und jeder ist eingeladen! Nicht jeder kommt, denn Gnade ist nichts für jeden! Um so ein Fest zu genießen, muss man vergeben wollen. Wie gesagt, nicht jeder hat mitgefeiert, aber jeder, der dabei war, erzählt noch heute darüber, was an diesem Tag passiert ist!
Immer wenn die Würde einer Person wiederhergestellt wird, wenn Menschen sich freuen, dass es jemand anderem wieder gutgeht … das ist Gnade! Wann hast du das zum letzten Mal erleben dürfen und gefeiert?
Frank Bonkowski
16 | Justin
Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist nützlich.
Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von nichts beherrschen lassen.
1.KORINTHER 6,12 (ELBERFELDER BIBEL)
Eine Woche, nachdem der achtjährige Justin sich taufen ließ, schleicht er sich aus einem Grund, den nur kleine Jungs verstehen, ins Nachbarhaus, das zum Verkauf steht, dreht alle Wasserhähne auf und richtet unglaublichen Schaden an. Das halbe Haus ist anschließend überflutet.
Der Nachbar, dem es gehört, hat Justin beobachtet. Am nächsten Tag geht er zu dessen Vater und erzählt ihm alles. Der Vater geht zu Justin und fragt ihn, ob er etwas damit zu tun habe, aber der hat nicht den Mut, die Geschichte zu bekennen, und lügt sich aus der Situation. Später fragt der Vater Justin noch einmal: „Justin, bist du absolut sicher, dass du keine Ahnung hast, was da passiert ist?“
Justin weiß nicht, wie groß der Schaden ist, aber er weiß genau, dass es jetzt zu spät ist, um die Sache noch zuzugeben. Schließlich sagt der Vater es geradeheraus: „Justin, ich weiß, dass du das warst, der Nachbar hat dich gesehen!“
Jetzt platzt es aus Justin heraus: „Papa, ich glaube, ich bin gar kein Christ. Ich schäme mich so und habe so ein schlechtes Gewissen! Ich hatte solche Angst, dass Gott mich gar nicht mehr lieb haben kann.“
„Hast du ihm denn gesagt, dass es dir leidtut?“
„Jeden Abend! Aber irgendwie scheint das nicht zu helfen!“
„Dann musst du dir absolut keine Sorgen machen, mein Junge! Gott hat dir längst vergeben!“
„Was soll ich denn jetzt machen?“
„Mach dir keine Sorgen mehr und geh raus und spiel!“
Und dann hat der Vater einen Scheck über mehrere tausend Dollar ausgestellt, und Justin ist nach draußen zum Spielen gegangen.
Genauso wird Gnade in der Bibel beschrieben. Gott bezahlt unsere Schulden!
Da kommen dir sofort Bedenken? So einfach kann es doch nicht sein?
Das wäre ja wie eine Freikarte, um Mist zu machen?
Gute Einwände! Funktioniert Gnade? Für die ersten Christen war Ostern der Beweis, dass es funktioniert, auch wenn es Freitag und Samstag noch gar nicht danach ausgesehen hatte.
Die Story von Justin ist übrigens wahr. Justin ist heute 40 und sagt, dass das, was sein Vater für ihn getan hat, bis heute sein Leben prägt!
Frank Bonkowski
17 | Autos
Und Jesus ging wieder hinaus am Seeufer entlang, und im Vorübergehen sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sagte zu ihm: „Folge mir!“ Und der stand auf und folgte ihm.
Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.
MARKUS 2,13. 14. 17 (LUTHER 1984)
Ja, also ich bin Gebrauchtwagenhändler und vermiete auch Autos. Ich weiß, dass ich nicht den besten Ruf habe. Aber was soll ich machen? Schließlich muss man die Wagen vom Hof kriegen. Und da kam neulich ein Kunde, der hat mich echt fertiggemacht.
Er brauchte einen Bus und ich habe ihn beraten und ihm vorgeschlagen, einen Leasing-Vertrag zu machen, habe ihm ein paar Modelle gezeigt. Wir saßen in meinem Büro. Und dann fing er mit seinen Fragen an, und damit hatte ich nicht gerechnet.
„Macht Ihnen eigentlich dieser Job Freude?“, fragte er plötzlich, so zwischendurch.
„Was?“ Ich dachte, dass ich mich verhört hatte.
„Na, ob Ihnen das Autoverkaufen Spaß macht, ob es Sie ausfüllt?“
„Wissen Sie“, sagte ich, „ab und zu macht es schon Spaß, so einen Vogel an den Mann zu bringen, aber meistens stehe ich ziemlich unter Druck. Wir haben diese vielen Autos auf dem Hof, und die müssen weg. Und das klappt nicht immer, und dann …“
„Und dann greift man schon mal in die Trickkiste“, sagte er.
„Tja, ich bin nun mal Verkäufer und erst zufrieden, wenn ich möglichst viele Wagen verkaufe.“
„Egal, wie?“
„Manchmal schon.“ Ich dachte, warum sage ich so was? Warum rede ich mit einem Kunden über meine Verkaufsstrategien? Und dann sagte ich, um abzulenken: „Und Sie? Was machen Sie so?“
„Ich reise viel herum und halte Vorträge.“
„Aha. Also so eine Art freier Redner?“
„Ja, das kommt hin.“
„Und da kann man Geld verdienen?“
„Es geht. Mein Team und ich kommen über die Runden.“
„Und um welche Themen geht es da?“
„Zum Beispiel, wie man glücklich wird“, sagte er und strahlte mich an.
„Das interessiert ja wohl jeden“, meinte ich.
„Richtig. Und die Säle und Hallen sind dementsprechend auch voll.“
Jetzt war mein Interesse geweckt, und ich fragte nicht mehr, um abzulenken, sondern weil ich’s wissen wollte: „Und wie wird man glücklich?“
Er sah durchs Fenster, blickte mich dann an und sagte: „Wenn Sie bescheiden sind und die Trauer, die in Ihnen rumort, zulassen, wenn Sie auf Macht, die Ihnen zusteht, verzichten, wenn Sie Ihre Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Glück nicht mehr unterdrücken, wenn Sie darauf achten, reine Motive zu haben, dann merken Sie plötzlich etwas von Gottes Gegenwart, und die macht Sie glücklich.“
„Ach, wirklich?“
Und jetzt kam die Frage, die mich völlig fertiggemacht hat: „Sind Sie schon mal mit Gott in Berührung gekommen?“, fragte er mich, und da, ich weiß nicht, wie es kam, liefen mir plötzlich die Tränen runter. Einfach so. Können Sie sich das vorstellen? Ich schüttelte stumm den Kopf, sagen konnte ich nicht viel und kramte nach einem Taschentuch.
„Wissen Sie was?“, sagte er, „kommen Sie doch mit uns mit, einen Platz haben wir noch. Bei uns können Sie was erleben. Ein Glück, von dem Sie bisher nichts wussten.“
„Was?“ Ich putzte meine Nase und merkte dabei, dass nicht nur meine Nase frei wurde, sondern auch irgendwo tief in mir sich ein Knoten gelöst hatte. „Soll ich etwa hier kündigen?“
„Warum denn nicht?“, sagte er und blickte auf mein Namensschild. „Ich lade Sie ein, Herr Levi. Das könnte eine echte Lebenswende bedeuten.“
Albrecht Gralle
18 | Knast trifft Zuhause
Den Schuldschein, der uns wegen der nicht befolgten Gesetzesvorschriften belastete, hat er für ungültig erklärt. Er hat ihn ans Kreuz genagelt und damit für immer beseitigt.
KOLOSSER 2,14 - 15 (GUTE NACHRICHT)
Kennst du die Geschichte von Max? Ich hab sie neulich gehört, und sie hat mich richtig mitgenommen. Ich würde sie dir gerne erzählen … Max wurde als kleines Kind adoptiert, seine leiblichen Eltern hat er nie kennengelernt. Zum Glück behandelte seine Pflegefamilie ihn immer gut. Aber trotzdem geriet Max, je älter er wurde, immer mehr auf die schiefe Bahn. Er konnte es einfach nicht ertragen, dass ihn seine echten Eltern im Stich gelassen hatten. Seine kriminelle Karriere fing ganz klein an: Erst klaute er Süßigkeiten aus dem Supermarkt. Später kamen dann Einbrüche und immer größere Raubzüge dazu. Das alles endete in einem schlecht geplanten Banküberfall, der ihm fünf Jahre Gefängnis einbrachte.
Schon vor Gericht wurde Max bewusst, wie tief er seine Familie verletzt haben muss. Sie hatten ihn großzogen, immer zu ihm gehalten, ihm jede Dummheit und jeden Aussetzer verziehen … und wie hatte er es ihnen gedankt?
Max wollte auf keinen Fall, dass sie ihn besuchten – nein, er wollte sie nie wieder sehen, weil er die Enttäuschung in ihren Augen nicht ertragen konnte. Und genau so verbrachte er dann seine Zeit im Gefängnis: ganz allein, ohne Hoffnung, voller Schuldgefühle. Mit der Zeit gewöhnte er sich daran.
Irgendwann kam der Tag seiner Entlassung. Max beschloss, sich bei seinen Eltern zu entschuldigen – und dann für immer irgendwohin zu verschwinden. Er schrieb ihnen einen Brief: „Liebe Eltern, es tut mir leid, was ich euch angetan habe. Ich würde euch das gerne persönlich sagen, aber ich traue mich nicht, zu euch zu kommen. Ich fahre am Samstag an eurem Haus vorbei. Wenn ihr mich wiedersehen wollt, dann hängt bitte ein weißes Tuch ans Fenster. Dann weiß ich, dass ich bei euch noch willkommen bin. Viele Grüße, Max.“ Max wusste, dass es ihm das Herz brechen würde, wenn da kein Tuch im Fenster hinge. Aber er musste sich sicher sein, bevor er irgendwo anders ein neues Leben anfangen würde. So fuhr er am Samstag mit seinem Auto am Haus seiner Eltern vorbei. Er blieb stehen, schaute die Fassade entlang – und fing an zu weinen. Da hing kein Tuch aus dem Fenster.
Stattdessen hingen aus allen Fenstern große, weiße Bettlaken.
Serge Enns
19 | Der gefährlichste Gegner des Christentums
Ihr verdankt eure Rettung also nicht euch selbst; nein, sie ist Gottes Geschenk. Sie gründet sich nicht auf menschliche Leistungen, sodass niemand vor Gott mit irgendetwas großtun kann.
EPHESER 2,8B UND 9 (NEUE GENFER ÜBERSETZUNG)
Das Jahr 2013 ist von einigen Zeitungen zum Jahr der großen Duelle erklärt worden. Merkel gegen Steinbrück, Vettel gegen Alonso, das Samsung Galaxy gegen das I-Phone, Bayern gegen Dortmund …
Hat Jesu Botschaft, das Evangelium, eigentlich auch einen Gegner?
Hat sie. Aber es sind kein anderer Glaube und keine andere Religion, wie man vielleicht vermuten möchte. Der Gegner ist viel subtiler, und du findest ihn in den meisten Kirchen. Vielleicht hilft diese Story, um zu verstehen, was ich meine: Ich sitze frühmorgens in einem Café meiner Stadt und warte auf meinen Zahnarzttermin. Am Tisch nebenan sitzt eine Dame mittleren Alters und genießt ihren Milchkaffee. Aber nur, bis die erste ihr bekannte Person auf dem Fahrrad vorbeifährt und kurz bei ihr anhält. Hierzulande muss man sich ja rechtfertigen, wenn man es sich mal kurz gutgehen lässt. Sofort folgt die schnelle Verteidigung meiner Tischnachbarin: „Nur ein schneller Kaffee, muss gleich zur Arbeit, heute ist ein unglaublich anstrengender Tag!“
Meine Nachbarin muss sehr bekannt gewesen sein, denn die Szene wiederholte sich in den nächsten zehn Minuten noch genau drei Mal.
Vorwurf: „Du lässt es dir aber gutgehen!“ Verteidigung: „Ich muss ja gleich los!“
Die Szene ist symptomatisch für ein krankhaftes Leistungsprinzip, in dem ich so tun muss, als wäre ich komplett überarbeitet, als ginge es mir schlecht, selbst wenn eigentlich alles okay ist. Nur, um der Welt jeden Tag laut und klar zu verkünden, dass ich ihre Wertschätzung verdient habe.
Das, so die Aussage der Bibel, ist der größte Gegner der Botschaft Jesu. So ist es kein Wunder, dass ich als Kind der westlichen Gesellschaft oft an einen Gott glaube, dem ich beweisen muss, dass ich seine Gnade auch verdient habe!
Oder hat Jesus doch etwas anderes im Sinn gehabt, als er mir seine Liebe als Geschenk anbot?
Frank Bonkowski

Angenommen
20 | Jesus rockt I – Du bist kein Zufall
„Denn in ihm ist alles erschaffen worden, was im Himmel und was auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: Alles ist durch ihn und für ihn geschaffen.“
KOLOSSER 1,16 (SCHLACHTER)
Ich will hier nicht den großen Gesellschaftskritiker raushängen lassen, aber ich glaube tatsächlich, dass das System, in dem wir leben, ganz schön krank ist. Die Symptome dieser Krankheit kann man überall erkennen. Eins davon sehe ich darin, dass im Grunde jeder nur für sich selbst lebt. Es kommt mir so vor, als gäbe es da eine unsichtbare Leiter. Nach oben will man kommen, nach unten wird getreten. Die Leute machen ihren Wert daran fest, wie hoch sie auf dieser Leiter stehen. Sind sie in irgendetwas besser als der andere, dann steigert das ihren Wert. Haben sie ein besseres Aussehen, einen besseren Schulabschluss, einen besser bezahlten Job, ein größeres Auto oder ein cooleres Handy, dann wertet sie das auf. Man fühlt sich etwas besser, denn man steht etwas weiter oben.
Es gibt auch viele, die es aufgegeben haben, die Leiter nach oben zu klettern. Dann versuchen sie, zumindest jemandem nahe zu kommen, der ganz oben steht: einem Star, einem großen Musiker oder sogar einem Pastor. Ist man in seiner Nähe, bekommt man ein Lächeln von ihm, dann fühlt man sich etwas aufgewertet. Passiert das aber nicht, ist man ganz unten, depressiv und wertlos.
Im Grunde baut sogar unsere Wirtschaft auf diesem System auf. Im Kapitalismus geht es doch darum, immer mehr Gewinn zu erzielen. Aber warum erstrebt jemand diesen Gewinn? Weil er sich mit dem Mehr an Geld ein Mehr an Selbstwertgefühl erhofft! Ich sehe diesen Mangel an Selbstwertgefühl überall. In meinem Fitnessstudio kämpfen die Männer an den Gewichten, um einen schöneren Body zu haben. Die Frauen hopsen im Bauch-Beine-Po-Kurs um die Wette, um etwas besser auszusehen. Kaum einer fühlt sich wirklich perfekt, so, wie er ist.
Ich finde, dass Christen so was eigentlich nicht mehr nötig haben. Denn wenn es stimmt, dass alles „in ihm … durch ihn … für ihn geschaffen“ worden ist, dann muss dieses „alles“ auch dich beinhalten. Das bedeutet doch: Jesus hat dich geschaffen! Du bist ein genialer Gedanke Gottes! Er liebt dich ohne Ende, weil du sein Geschöpf bist. Und mehr noch, er hat sogar eine Aufgabe für dich, denn du bist ja auch „für ihn geschaffen“!
Mich hat das immer extrem gekickt, zu merken, dass Jesus mich gebrauchen will. In meiner Jugend war ich eigentlich eher immer ein Loser, der gut für ein paar Witze war, weiter nichts. Aber als Jesus in mein Leben kam, hat er mich aus der Masse herausgerissen. Er hat mir eine Aufgabe gegeben, und das tut er auch heute noch. Ich weiß nicht, was deine Eltern dir erzählt haben, wie du entstanden bist. Vielleicht wurde dir gesagt, es war eigentlich ein Zufall oder vielleicht sogar ein Unfall. Aber für Jesus warst du genau im Plan, er hat dich gewollt, denn du bist durch ihn und für ihn geschaffen worden.
Martin Dreyer
21 | Jesus rockt II – Das größte Problem der Menschheit und eine Lösung
In ihm (Jesus) haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden.
KOLOSSER 1,14 (EINHEITSÜBERSETZUNG)
Würdest du heute eine Umfrage machen, was das Hauptproblem der Menschheit ist, kämen vermutlich ganz unterschiedliche Antworten. „Atomkraft!“, „Der Hunger in der Welt!“ oder „Arbeitslosigkeit“ wären garantiert unter den Top 50. Gott hat allerdings eine andere Sicht der Dinge. Seine Antwort wäre, und da bin ich mir recht sicher: „Das Hauptproblem dieser Menschheit ist Sünde!“
Was ist Sünde überhaupt? Um dieses Wort etwas zu erklären, will ich folgende Antwort geben: Sünde ist alles das, was ein Mensch ohne Gott tut. Es sind Taten, die wir begehen, die Gott nicht will, wo er nicht mitgehen kann. Und diese Dinge trennen uns von ihm. Sünde und Gott, das geht nicht zusammen, das ist wie Sonne und Eis, wie Feuer und Wasser, wie FC Bayern und der FC St. Pauli.
Sünde steht sozusagen immer auf der Leitung, aus der das Leben hervorkommt, es schneidet uns von der Quelle ab. Ich glaube, dass Sünde tödlich ist, wie ein sich ausbreitender Krebs. Sie macht Menschen kaputt, einsam und krank, sie zerstört unser Zusammenleben, sie tötet alles, was gut ist. Wenn ich auf mein Leben sehe, muss ich feststellen, dass jeder Schmerz, jedes Problem letztendlich mit einer Sünde zusammenhängen. Sünde von mir oder von jemand anderem, oder einfach, weil wir in einer sündigen, gottlosen Welt leben. Paulus beschreibt Sünde in seinen Briefen manchmal wie eine unsichtbare, dunkle Macht, die uns, unsere Beziehungen untereinander und unsere Beziehung zu Gott zerstören will.
Wie gehen Menschen mit Sünde heute um? Einige streiten einfach ab, dass es Sünde gibt. Dann sagen sie, dass jeder nach seiner eigenen Façon leben sollte und Gott nichts dagegen habe. Andere behaupten, dass jeder Mensch sündigt, und darum sei Sünde auch kein großes Ding, es sei eigentlich egal. Ich höre auch von Leuten, die glauben, Gottes Standards wären sowieso nicht erfüllbar, und deswegen müssten wir auch nicht nach ihnen leben.
Ich glaube, es ist gefährlich, so mit Sünde umzugehen. Sünde ist ein echtes Problem, und sie hat die Kraft, alles kaputt zu machen. Und doch gibt es eine ultimative Lösung dafür, die Er-Lösung durch Jesus! Der Bibelvers sagt, dass wir durch Jesus die Vergebung für unsere Sünde bekommen. Das ist eine hammergute Nachricht!
Selbst Menschen, die glauben, dass Sünde ein Problem ist, haben das nicht immer kapiert. Sie denken oft, dass jede Sünde, die sie tun, doch irgendwie auch von ihnen gesühnt, sprich abgearbeitet, werden muss. Dann betet man für eine Lüge 10 Ave Maria oder hat am nächsten Tag eine ganze Stunde Bibellese und Gebetszeit statt nur zehn Minuten. Anschließend fühlen wir uns wieder besser.
Dabei ist es so einfach. Jesus hat es uns ermöglicht, jeden Tag wieder neu anzufangen. Er sagt dir, wenn du um Vergebung bittest: „Ja, du hast Mist gebaut! Aber ich hebe die Trennung wieder auf, die dieser Mist zwischen dir und Gott erzeugt hat! Die Leitung ist wieder frei. Dir ist vergeben!“
Martin Dreyer
22 | Zuhause
In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?
JOHANNES 14,2 (LUTHER 1984)
Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!
JOHANNES 15,9
Egal, ob ich mit Obdachlosen über den Glauben rede, ob mit Schülern oder mit Menschen, die richtig fest im Leben stehen. Eine Sache entdecke ich immer wieder, eine Botschaft höre ich jedes Mal: „Ich möchte angenommen und geliebt sein.“
Max Lucardo schreibt in einem seiner Bücher: „Wenn Gott einen Kühlschrank hätte, wäre dein Bild dran; wenn Gott eine Brieftasche hätte, wäre dein Foto drin, er schickt dir Blumen jeden Frühling und jeden Morgen Sonnenschein, wann immer du mit ihm redest, wird er dich hören, und obgleich er irgendwo im Universum leben könnte, hat er sich entschieden, in deinem Herz zu leben.“
Das ist die gute Nachricht, dass der Gott des Universums solche Liebe für dich empfindet, dass er in deinem Herzen wohnen will. Ist es nicht so, dass wir Anerkennung meist in Taten und Leistungen suchen? In Wirklichkeit finden wir unsere Identität aber darin, geliebt und angenommen zu sein.
Wie reagiert ein Kind, wenn es im Spiel eine Fensterscheibe eingeschossen hat? Lässt es sich von der Angst bestimmen, schuldig zu sein und die Konsequenzen tragen zu müssen, sodass es in ein geheimes Versteck flüchtet? Oder von dem inneren Schrei nach Geborgenheit, der ihn zum Papa rennen lässt? Das erschütterte Herz, das sich über die eigene Tat nicht zu helfen weiß, sucht die Sicherheit; will dorthin, wo es sich geliebt und angenommen weiß. Gibt es diesen Ort der Liebe in deinem Leben?
Leider sind wir Christen oft zu Menschen geworden, die zwar versuchen, mit beiden Beinen im Leben zu stehen, dabei aber kein wirkliches Zuhause haben. Wir haben beobachtet und gelernt, wir haben gewonnen und verloren, wir sind beschenkt und verletzt worden. Wir haben die Geschicke des Lebens in die Hand genommen und wissen, was gut und böse ist, wie sich ein Leben zu leben gehört. Es ist unser Wunsch, alles zu befolgen und richtig zu machen, aber oft verbirgt sich dahinter das Bemühen, das Wohlwollen Gottes zu verdienen. Wir versuchen, unsere wahren Gefühle zu überspielen, weil wir damit an unsere Grenzen stoßen. Wir versuchen, alles einzuordnen, weil wir damit die Kontrolle behalten. Wir tragen ein frommes Gesicht, weil wir dahinter oft unser Versagen verbergen und die Angst, nicht zu genügen.
Haben wir einen Platz auf dem Schoß des Vaters? Seine Arme sind ausgebreitet, er erwartet dich!
Hans Widmann
23 | Kellergedanken
Jesus sprach weiter zu den Leuten: „Ich bin das Licht für die Welt. Wer mir folgt, tappt nicht mehr im Dunkeln, sondern hat das Licht und mit ihm das Leben.“
JOHANNES 8,12 (GUTE NACHRICHT)
Das Haus, in dem ich wohne, hat schon einiges mitgemacht. Im Zweiten Weltkrieg schlug eine Fliegerbombe direkt im Eingangsbereich ein. „Et war’n riesiges Loch“, berichtet mir die ältere Dame aus dem EG. „Ne zweite Bombe hat direkt hinter Ihnen eingeschlagen.“ Ich zucke zusammen und blicke mich um. „Da konnten Se bis inne oberste Etage gucken.“ Ich wende meinen Blick nach oben. „Darum is’ der Keller auch so feucht“, sagt sie. Mein Blick jagt nach unten, und ich schrecke auf. „Der Keller ist feucht?“, frage ich. „Se ham doch nich etwa wat ringestellt!“, sachtse platt.
Es mieft mir schon entgegen, als ich die Holztür zum Keller öffne. Ich trete ein. Es ist dunkel und feucht. Hier wohnt die Art von Getier, die es finster und schmutzig mag. Nicht gerade die Geschöpfe, die du und ich mit dem Ausdruck „süß“ bezeichnen würden. Ich zumindest nicht! Wie aus heiterem Himmel kommt mir da ein Satz Jesu in den Kopf: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Johannes 8. Lies am besten das ganze Kapitel! Es lohnt sich! Du könntest es gleich jetzt tun. Dann musst du meinen Text gar nicht mehr zu Ende lesen, weil dir ein Licht aufgeht.)
„Ja“, rufe ich aus. Ich brauche Licht in diesem düsteren Keller. Jesusmäßiges Licht. Und wie ich da so stehe und mich darüber freue, dass das Evangelium von Jesus so unglaublich praktisch ist, macht sich in mir so ein Gefühl breit, dass ich auch so einen Keller in mir drinnen habe. Da lagere ich alte Verletzungen ein (ordentlich nummeriert) und so einige Dinge, die ich an mir hasse (in blauen Säcken). Da in der Ecke gammeln noch ein paar vernachlässigte Begabungen (sie schimmeln).
Jesus kommt in meinen Keller. Mit seinem Licht. Denn mein Keller gehört zu mir. Jesus teilt alles mit mir. Auch meine schattigen Kellerseiten. Er kommt mit einem sanften Licht in meinen Keller. Nicht mit grellen SWAT-Strahlern. Zärtlich leuchtet sein Licht der Vergebung mich aus.
Das Licht Jesu gibt mir die Kraft, zu meinen Kellerseiten zu stehen. Ich kann sie vor mir selbst, vor meinen Mitmenschen und vor Gott eingestehen, weil ich weiß, dass Jesus mich nicht verurteilt. (Auch das sagt Jesus im 8. Kapitel. Es lohnt sich also wirklich.) Da wird das Evangelium nun wirklich praktisch. Denn das verändert mein Leben. Meinen Umgang mit mir selbst, mit meinem Nächsten und mit Gott.
Rückwärts verlasse ich den Keller unter meinem Haus. Unter dem Arm ein kleines Paket. Ich schließe die Tür. Ich gehe die ausgetretenen Stufen nach oben. Ich habe eine wertvolle Erkenntnis gewonnen.
Die Sonne scheint.
Jan Hanser
24 | An welchen Senf glaubst du?
Eine Stimme sprach vom Himmel: „Du bist mein geliebter Sohn, der meine ganze Freude ist.“
LUKAS 3,22B (HOFFNUNG FÜR ALLE)
„Kannst du noch Senf mitbringen?“ Ich höre Inas Ruf, kurz bevor ich die Haustür hinter mir zuziehe. Wenig später sprinte ich in den Supermarkt. Wo ist der Senf? Intuitiv biege ich links ab, stocke und reiße meine Arme hoch. Geblendet von einer gelb strahlenden Wand taumle ich wankend zurück, reiße eine Ladung hellgrüner Dosenerbsen scheppernd mit in den Abgrund und lande unsanft.
Vorsichtig öffne ich – Minuten später – meine Augenlider und spähe durch den kleinen Spalt zwischen meinen Fingern. Völlig geblendet versuche ich das Senfregal zu fixieren. Ruckartig jagen meine Augen daran entlang. Da stehen „Bärlauchsenf“ und „Bayrischer Hausmachersenf“, „Düsseldorfer Senf extra scharf“, bedrängt von einem Glas „Maille Dijon Senf 500 ml“. Der „Thomy-Delikatess-Senf Mittelscharf“ schließt sich nahtlos an. „Händelmaiers Weißwurst-Senf“, „Grobkörniger Bordeaux-Senf“ und „Englischer Senf aus der Tube“ stehen Spalier. Stöhnend beende ich meinen Ausflug durch die erste Reihe, noch bevor mein Blick an ihrem unerreichbaren Ende angelangt ist. Möchte noch jemand seinen Senf dazugeben?
Da blitzt ein Gedanke durch meine grauen Zellen: Wir leben in einer Multioptionsgesellschaft. Wie bitte? Ganz easy! Vor 100 Jahren starb man noch dort, wo man geboren wurde. Man übernahm den Beruf der Eltern und auch deren Glauben. Anders heute. Ich entscheide, wo ich lebe. Ich entscheide, welchen Beruf ich ausübe. Soll ich heiraten? Wenn ja, wie oft? Bin ich ein Mann oder eine Frau? Ich habe die Wahl! Jesus, Buddha oder Sido? Und mich beschleicht die Ahnung, dass sich auch hier ein Senfregal auftut. Multioptional eben!
Ich treffe täglich wichtige Entscheidungen. Eine Sache gibt mir dabei Halt (und ich meine nicht das Konservenregal in meinem Rücken): dass Gott sich für mich entschieden hat (und für dich übrigens auch). Er sagt: „Du bist ein von mir geliebter Mensch.“ Und darin ist er eindeutig. Was immer ich tue, ich weiß, wer ich bin.
„Wo warst du so lange?“, fragt Ina, als ich die Haustür hineinkrieche. Ich raffe mich auf und strecke ihr triumphierend ein gelbes Glas entgegen. Verunsichert schaut sie mich an, mustert das Glas, verdreht die Augen und fragt: „Was in aller Welt sollen wir mit, Finkenmeisels Bärlauch-Lebkuchen-Honig-Senf’ anfangen?“
„Regal … tschuldige! Ich meine: egal“, nuschle ich. „Ist doch alles gut. Gott liebt mich.“
Jan Hanser

Schöpfung
25 | Zeit, an Gott zu denken – Zeit, Gott zu danken
2. MOSE 3
Meine Frau Claudia wollte mit mir spazieren gehen, „eine kleine Runde um den See drehen“ – um einen der Seen an der Duisburger „Sechs-Seen-Platte“, genauer gesagt, dem schönen Waldgebiet, in dessen Nähe wir leben. Nach einem anstrengenden Tag in der Schule – sie ist Lehrerin – wollte sie frische Luft schnappen und auf andere Gedanken kommen. Eigentlich mache ich das gerne, aber in dem Moment passte es mir eigentlich gar nicht, hatte ich doch die Erledigung einiger wichtiger Punkte auf meiner To-Do-Liste im Auge. Schließlich ließ ich mich dann aber doch überreden.
Es war einer der ersten Frühlingstage. Nicht kalt, nicht warm – eher angenehm frisch. Mit einem schönen Sonne-Wolken-Wechselspiel am Himmel. Wir hatten interessante Gesprächsthemen, und weil es so ein schönes Farbenspiel am Himmel gab, das zudem noch mit dem frischen Grün der Bäume korrespondierte, setzten wir uns – eigentlich gegen unserer Gewohnheit – auf einen Anglersteg und genossen den Augenblick. Auf einmal landete nicht weit von uns ein Reiher im flachen Uferwasser und verschwand im Dickicht der Uferböschung. Und wenige Minuten später sahen wir einen Entenerpel, wie er sein „Fahrgestell“ ausfuhr, die Schwingen aufstellte und genau vor unseren Augen eine perfekte Wasserlandung hinlegte.
Innerhalb von nur zehn Minuten bekamen wir einen wunderschönen Einblick in eine faszinierende Schöpfung, den ich verpasst hätte, wenn ich das Abarbeiten meiner To-Do-Liste nicht einfach mal unterbrochen hätte.
In einem Artikel habe ich von der Auslegung des jüdischen Theologen Rabbi Kuschner gelesen, der sich mit der Geschichte von Moses und dem brennenden Dornbusch beschäftigt hat. Wer will, kann sie im 3. Kapitel im 2.Buch Mose nachlesen. Rabbi Kuschner sagt, dass den meisten Leuten beigebracht wurde, dass Gott mit diesem Wunder die Aufmerksamkeit Moses’ erwecken wollte: Ein brennender Busch, der nicht verbrennt. Er behauptet nun, dass Gott mit dem Busch in erster Linie gar nicht Moses’ Aufmerksamkeit erregen wollte, sondern dass es vielmehr ein Test gewesen sei. Gott wollte wissen, ob Moses dieses besondere Naturschauspiel bemerken würde. Ob er aufmerksam darauf würde, dass der Busch, obwohl Flammen aus ihm schlagen, gar nicht verbrennt.
Schöpfung fängt damit an, die Augen zu öffnen und die Dinge um sich herum wahrzunehmen. Ein Gefühl dafür zu bekommen, dass um uns herum mehr passiert, als wir ahnen. Gott hat diese Welt genial geschaffen. Mit allem, was dazugehört. Wir täten gut daran, dem öfter unsere dankbare Aufmerksamkeit zu schenken. In vielen Regionen der Welt wird einmal im Jahr zu unterschiedlichen Zeiten das Erntedankfest gefeiert. Dankbarkeit für die Versorgung im vergangenen Jahr wird zum Ausdruck gebracht. Es gibt z. B. in unserer Gesellschaft immer wieder genug zum Essen und Leben. Ein Grund zum Danken, zum Staunen.
Danken hat auch viel mit Staunen zu tun. Staunen etwa über Gottes Schöpfung.
Ich habe in meinem Leben das Vorrecht gehabt, an tollen Plätzen dieser Erde die Genialität von Gottes Schöpfung erleben zu dürfen: Am Grand Canyon in Arizona, im Big Basin Redwood State Park oder in den Pinnacles in Kalifornien, in einem Haus von Freunden in Kanada an der Sunshine Coast direkt am Pazifischen Ozean, in den Bergen der Balagne, in der Bucht von Calvi auf Korsika oder in den Tiroler Alpen, um nur einige zu nennen. Wie oft habe ich dann gedacht: Danke, Gott, dass du dies alles in Gang gesetzt hast und ich es erleben darf. Aber Ferne ist gar nicht so wichtig, wie mein Erlebnis zu Beginn zeigt. Über Gottes Größe und Kreativität ins Staunen kommen – mitten im Alltag, mitten im Ruhrgebiet, mitten in Duisburg. Wie viele Menschen haben das verlernt!
Wo sind die Augenblicke, in denen du innehältst und dankbar staunst? In denen du Gottes Spuren entdeckst, in den großen und kleinen Dingen dieser Welt, deiner Welt? Staunen lernst? Danken lernst?
Im neutestamentlichen Brief an die Römer schreibt Paulus: „Wie groß ist doch Gott. Wie unendlich sein Reichtum, seine Weisheit, wie tief seine Gedanken! […] Denn alles, aber auch wirklich alles ist von ihm, dem Schöpfer, ausgegangen, besteht durch ihn, und er wird alles vollenden. Ihm gehören Lob und Ehre in alle Ewigkeit.“ (Römer 11,33 - 36, Hoffnung für alle)
Ich wünsche dir: Zeit, an Gott zu denken – Zeit, Gott zu danken!
Thomas Klappstein
26 | Kuscheltiere Gottes
Preise den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, du bist sehr groß, mit Majestät und Pracht bist du bekleidet. […] Da ist das Meer, das so groß und weit ist […], da sind große Fische, die du gemacht hast, damit zu spielen.
PSALM 104,1, 25 UND 26 (LUTHER 1984)
Gelegentlich über die Größe Gottes nachzudenken ist kein Fehler. Die meiste Zeit des Tages denke ich an mich. An das, was ich erledigen muss, was ich einkaufen, kochen, essen könnte. Mit wem ich dies oder das klären muss. Was ich am Wochenende Schönes unternehmen könnte. Ich.
Doch Gott spielt bei mir eine wichtige Rolle. Ein Leben ohne ihn wäre undenkbar. Schließlich hilft er mir, hört mir zu, ist mir nah. Mir. Aber wann habe ich zum letzten Mal über seine Größe nachgedacht? Über ihn? Eine Reise ist eine gute Gelegenheit dazu. Sie bringt einen Perspektivwechsel – so wie meine Reise nach Südafrika.
Ich stand morgens früh auf, um die schönsten Bilder der aufsteigenden Sonne zu bekommen. Ich schnappte mir meine Ausrüstung und ging zur Felsenküste hinunter. Die Temperaturen waren noch angenehm, das Licht, die Stimmung einzigartig, taufrisch. Vorsichtig kletterte ich über die kantigen Felsen, um mir einen geeigneten Platz zu suchen.
Plötzlich tauchte ein Jogger aus dem Nichts auf und wies mit der Hand zum Horizont: „Glauben Sie auch, dass das Wale sind?“, fragte er mich. Ich sah genau hin – na klar, das mussten welche sein! Bei genauem Hinsehen waren die Fontänen zu beobachten. Einheimische können an dem v-förmigen Wasserdampf die jeweilige Walart identifizieren. Der Sound, der dabei entsteht, ist bis zu zwei Kilometer weit zu hören. In der nächsten halben Stunde galt ihnen meine ganze Aufmerksamkeit. Die, wie sie im Englischen genannt werden, „Right Wales“, oder auch Südkaper, waren vom Südpol an die Küste Südafrikas zum Kinderkriegen und Fressen gekommen. Ihnen schmeckt der Krill, der hier massenweise vor der Küste wächst. Sie fressen jeden Tag über 1000 Kilo. Da, plötzlich tauchte ein dunkelblau gefleckter Koloss ziemlich nahe vor der Küste aus dem Wasser auf. Ehe ich den Fotoapparat in Position gebracht hatte, war er wieder abgetaucht.
Zu Hause lese ich, dass er bis zu 17 Meter lang und 100 Jahre alt werden kann. Seine Jungen kommen mit dem Schwanz zuerst auf die Welt und sind dabei schon fünf, sechs Meter groß! Wow! Ich werde neugierig, aber wirklich viel finde ich nicht heraus über diese Tiere. Doch Psalm 104 versichert mir, dass Gott die großen Fische geschaffen hat, um mit ihnen zu spielen. Was ist das für ein Gott, der sich solche Kuscheltiere gemacht hat?
Christiane Ratz
27 | In Gottes Hier und Jetzt
In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, sein sind die Gipfel der Berge. Sein ist das Meer, das er gemacht hat, das trockene Land, das seine Hände gebildet. Kommt, lasst uns niederfallen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem Herrn, unserm Schöpfer!
PSALM 95,4 - 6 (EINHEITSÜBERSETZUNG)
Gottes Herrlichkeit wird in den Psalmen oft in Beschreibungen der Erschaffung der Welt ausgedrückt. Manche Dichter der biblischen Weisheitsliteratur waren davon so beeindruckt, dass sie vor Begeisterung geradezu überschäumten. Etwas verhaltener hallt diese Begeisterung bis ins Neue Testament, wo es im Römerbrief heißt, dass man Gottes Wesen in der Schöpfung erkennen kann. In den Schriften der Kirchenväter werden seitenweise die Schönheit und die Rätsel der Natur beschrieben.
Mit den Rätseln beschäftigen sich heute die Naturwissenschaften, für die Schönheit sind Künstler zuständig. Der technologische Fortschritt vertreibt Schritt für Schritt das Staunen aus der Natur. Wer kann schon den Zufall der Evolution anbeten? So geschieht in den modernen Gesellschaften zweierlei: Mit der Forschung nach dem Ursprung entfernen wir uns von einem Gott, der die Welt erschaffen hat und sie erhält. Das ist erst einmal eine intellektuelle Angelegenheit, die wenige Menschen ins Herz treffen wird. Schlimmer ist das zweite: Indem die Natur gezähmt und in kleinen, ungefährlichen Dosen in die Stadtparks oder Zoos verbannt wird, verliert sie das Majestätische. Hier geht es um das Empfinden.
Wir werden auf beiden Ebenen beraubt. Manche empfinden noch die eigene Niedrigkeit, wenn sie zu den Sternen hinaufsehen, aber unsere wissenschaftliche Prägung verstellt uns den Blick auf Gott. Je ungefährlicher, berechenbarer die Natur wird, umso mehr gleitet uns auch jedes Gefühl für Gott durch die Finger. Früher war es einfacher, ihn auf der Frequenz der Schöpfung zu empfangen.
Noch Martin Luther weihte in einem Sturm sein Leben der heiligen Anna. Wer würde das heute noch tun? Wenn uns Blitze umzucken, suchen wir eher nach einem Faradey’schen Käfig, als unser Leben in Gottes Hand zu geben. Betrachten wir die Anomalie des Wassers oder die Natur des Lichtes, fragen wir uns: „Wie funktioniert das?“, und nicht: „Wer hat das gemacht?“ In manchen Aspekten war die antike Welt reicher als die moderne.
Storch
28 | Unbeschreiblich unbegreiflich
Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
PSALM 121,1 UND 2 (LUTHER 1984)
Hundert Kilometer südwestlich von Johannesburg. Ich stehe am Vaal, einem Fluss, der sich durch halb Südafrika mäandert. Ein paar Angler lassen sich auf einem Floß treiben. Gegenseitig rufen sie sich Scherze zu. Gelegentlich fliegen Flussenten auf. Alles strömt eine majestätische Gelassenheit aus. Ich lasse meine Blicke über das Naturschauspiel gleiten. Komme zur Ruhe. Dieser Ort vermittelt die magische Souveränität einer Hand, die wild, zärtlich, kreativ ist. Um mich herum erhebt sich eine schroffe, von der untergehenden Sonne rot leuchtende Hügelkette. Die Felsenformationen des Vredefort-Domes.
Sattelitenfotos zeigen, dass ich mich inmitten von einem der größten identifizierten Einschlagkrater der Erde befinde. Verschiedene Gesteinsfunde beweisen, dass hier vor zwei Milliarden Jahren ein Asteroid die Erde getroffen hat. Der 10 Kilometer große Gesteinsbrocken hat damals ein 40 Kilometer tiefes Loch mit einem Durchmesser von 100 Kilometern in die Erde gerissen. Ich stelle mir das Ausmaß vor, und meine Augen wandern nachdenklich an den dunkel werdenden Konturen der Bergzüge entlang. Ich fühle mich klein wie ein Kind.
Ich lasse meinen Kopf in den Nacken fallen und sehe dorthin, wo der Asteroid, der dieses zauberhafte Fleckchen Erde einst verursacht hat, herkam. Über mir spannt sich ein Sternenmeer. Einige Sterne sind wie Staub, andere blinken, und wieder andere fügen sich zu einem bekannten Sternbild zusammen. Das Gefühl des Friedens verstärkt sich.
Ich stehe hier an einem Platz, der von dem Einschlag eines Sternes verursacht wurde. Zufällig? Von den Sternen, die da über mir leuchten, weiß ich, dass sie alle in einer geordneten Bahn fliegen. Was von hier unten chaotisch und zufällig aussieht, ist kein bisschen zufällig geraten.
Obwohl wir Menschen vieles können: Auf die Sterne haben wir keinerlei Einfluss. Wir können auch nicht verhindern, dass ein Asteroid auf unsere Erde donnert. Selbstverständlich mache ich Pläne, setze sie in die Tat um. Aber die Bibel sagt, dass, angefangen bei diesem ungeheuren Kosmos, den ich in dieser südafrikanischen Nacht da draußen erahne, über diese Bergwelt des Vredefort-Kraters bis hin zu den kleinsten Vorgängen meines Körpers Er, mein Schöpfer, alles geplant und durchdacht hat und in seinen ewigen, liebevollen Händen hält.
Christiane Ratz

Gemeinsam
29 | Rudeltier statt Stachelschwein
Hast du schon mal von jemandem gehört, der ein Stachelschwein als Haustier hat? Wahrscheinlich nicht, oder? Stachelschweine sind nicht süß, machen Dreck und grunzen laut. Sie sind kräftig und ihre Stacheln gefährlich. Man kann nicht mit ihnen kuscheln wie mit einer Katze und auch nicht spielen wie mit einem Hund.
Stachelschweine kennen in der Regel nur zwei Reaktionen auf Außenstehende: Angriff oder Rückzug! Selbst Hausschweine sind geselliger. Kurz gesagt: Stachelschweine sind nicht gerade das, was man durchs Haus laufen sehen will (stell dir das mal vor!). Dazu kommt noch, dass diese Tiere sogar Probleme haben, mit ihren Artgenossen in Kontakt zu treten. Ihre Stacheln machen sie zu Einzelgängern.
Doch man glaubt es kaum: Auch Stachelschweine haben das Bedürfnis nach Nähe! „Das ist also das Dilemma des Stachelschweins“, hat John Ortberg mal dazu geschrieben: „Wie kann man einander nahe kommen, ohne verletzt zu werden?“
Wenn es nach dieser Frage geht, sind wir Menschen auch Stachelschweine! Ihr Dilemma ist auch unser Dilemma. Auch wir tun uns schwer damit, tiefe Beziehungen und Freundschaften zu knüpfen. Dabei sehnen wir uns doch so sehr danach! Wer träumt denn nicht von Freunden, die einen verstehen und für einen da sind, wenn man sie braucht?! In der Realität findet man so etwas eher selten.
Denn wenn wir Menschen uns mal näher kommen, stechen wir uns mit den Stacheln unserer Persönlichkeiten. Und dann? Dann ziehen wir uns zurück, weil wir nicht mehr verletzt werden möchten. Oder wir schützen uns, indem wir Eindringlinge vertreiben: Angriff und Rückzug – ein echtes Dilemma!
Gibt es keinen Ausweg? Was hat sich Gott eigentlich dabei gedacht, als er uns Menschen das Bedürfnis nach Beziehungen ins Herz gelegt hat? Hat er nicht gewusst, was für ein unmögliches Unterfangen das ist? Vielleicht … vielleicht will er uns damit aber auch herausfordern, an uns zu arbeiten und selbst zu den Freunden zu werden, die wir uns selbst wünschen. Und vielleicht hat er uns genau dafür ein Beispiel gegeben, als er seinen Jüngern sein Innerstes offenbarte (Johannes 15,15).
Serge Enns
30 | Spezies Mitmensch
Handelt nach dem wahrhaft königlichen Gesetz, wie es in den Heiligen Schriften steht: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!“ Dann tut ihr recht.
JAKOBUS 2,7 (GUTE NACHRICHT)
Sie sind keine Seltenheit. Ich finde sie überall dort, wo Menschen sind. Meine potenziellen Mitmenschen. Die potenziellen Herausforderer meiner Nächstenliebe … Sie können mir nahestehen, aber auch Unbekannte sein. Meinen Weg zur Arbeit kreuzen, mir beim Einkauf begegnen oder jeden Tag mit mir zusammen essen.
Meinen Mitmenschen suche ich mir in den meisten Fällen nicht aus. Das macht es umso schwieriger. Denn mein Nächster kann ganz schön unbequem, kompliziert, launisch, überheblich und nervtötend sein. Er kann mir meinen Parkplatz klauen, mich auf der Straße anrempeln, im Wartezimmer laut telefonieren, mich an der Supermarktkasse ankeifen … Kein Problem – ich liebe ja. Und zwar jeden! Die Nächstenliebe ist mein Schutzpanzer. Pustekuchen!
In Wirklichkeit muss ich mich zusammenreißen. War irgendwie klar, dass das mal wieder so ein Gebot ist, das mein Ego herausfordert. Und obwohl das Gebot keine Bestandsaufnahme ist, sondern eine Aufforderung, ziehe ich Bilanz. Ernüchternd. Eine klaffende Lücke zwischen Möchtegern und Realität.
Das Gebot ist radikal. Es heißt nicht: Reg dich nicht über andere auf, schlucke einfach, geh Tunichtguten aus dem Weg, poche nicht auf dein Recht, bleib trotzdem freundlich und steh drüber. Das wäre schon herausfordernd genug. Auf dem Status quo zu verbleiben. Aber meinen Nächsten zu lieben geht weit darüber hinaus. Typisch Jesus. Es heißt, tatsächlich zu lieben.
Muss ich dafür kämpfen, andere lieben zu können? Kann man Nächstenliebe herbeizwingen? Echte Nächstenliebe kann man jedenfalls nicht einfach aufsetzen, nach dem Motto: Gott verlangt von mir, den Blödmann da zu lieben, also strenge ich mich jetzt mal an! Und sicher heißt es auch nicht, leidgeplagt (aber dabei in voller Überzeugung, demütig zu sein) ständig das Nachsehen haben zu müssen.
Mitmenschen lieben ist nichts für Opfertypen, die ihren eigenen Vorteilen nachtrauern. So was hat nichts mit echter Nächstenliebe zu tun. Ich glaube nämlich, dass echte Nächstenliebe nicht bedeutet, dass man sich eingeschränkt fühlt. Es ist vielmehr eine Befreiung aus dem Ego-Käfig.
Was muss passieren, damit ich wenigstens annähernd nach diesem Gebot leben kann? Etwas auf meiner Verhaltensebene zu ändern bringt da wohl rein gar nichts. Ich schätze, das kommt aus einer veränderten inneren Haltung heraus – und die kann ich nicht von jetzt auf gleich bekommen. Da bin ich auf Gott angewiesen. Er macht, dass mein Herz mitgeht, wenn mein Blick von mir selbst weg auf andere Menschen geht. Und dann macht es hoffentlich „klick“.
Natalie Enns
31 | Der Junge, der alle gehasst hat!
„Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander! Ihr sollt einander lieben, wie ich euch geliebt habe. An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid.“
JESUS IN JOHANNES 13,34 UND 35 (NEUE GENFER ÜBERSETZUNG)
Ein kleiner Junge war sauer auf seine Mutter, die gerade ein Verbot ausgesprochen hatte. Er brüllte sie an: „Ich hasse dich, ich hasse dich!“ Weil er Angst hatte, er würde dafür von der Mutter Ärger bekommen, schlug er die Tür hinter sich zu und lief wütend durch das Dorf. Irgendwann kam er in ein Tal und brüllte noch immer: „Ich hasse dich!“ Plötzlich kam ein Echo zurück, und was er da hörte, ließ ihn erstarren: „Ich hasse dich!“
Der kleine Kerl hatte noch nie ein Echo gehört, war total schockiert und lief weinend nach Hause, direkt in die Arme seiner Mutter. „Unten im Tal ist ein böser Junge, der mich hasst!“
Die Mutter ahnte sofort, was passiert sein musste, nahm ihren Sohn an die Hand, ging mit ihm ins Tal und brüllte: „Ich liebe dich!“
Zurück kam das Echo: „Ich liebe dich!“
In dem Dorf geht seitdem das Gerücht um, dass der kleine David danach nie wieder „Ich hasse dich!“ gebrüllt haben soll, weil er gelernt hat, dass das Leben wie das Echo ist: Wenn ich schlecht zu anderen bin, bin ich schlecht zu mir selbst. Und wenn ich andere liebe, tue ich mir selbst einen Gefallen!
Frank Bonkowski
32 | So ist er, der Heinz!
Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
EPHESER 5,8B UND 9 (LUTHER 1984)
Wie ist das eigentlich mit unseren irdischen Hirten? Sonntag für Sonntag stehen sie auf der Kanzel und predigen jene „Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“. Und wenn sie dann Leute treffen, die das tatsächlich leben, können sie es kaum fassen. Vor einigen Jahren durfte ich das einmal erfahren, und ich habe mich sehr darüber amüsiert.
Meine Frau arbeitete im Kirchenkreis oft mit dem Superintendenten zusammen. Zwei Kirchenkreise waren gerade zusammengeworfen worden, und gleich wurden alle Arbeitsbereiche reformiert. Klar, dass dabei auch verschiedene Meinungen aufeinandertreffen. Hin und wieder nahm ich kein Blatt vor den Mund und kritisierte auch schon mal den Superintendenten. Sicher wird er das eine oder andere Mal in seiner Superintendentur gesessen und sich über mich „Meckerheini“ geärgert haben.
Nun war die Reform durch, die Amtszeit des Superintendenten vorbei und er musste seine Dienstwohnung für seinen Nachfolger räumen. Da er im Kirchenkreis bleiben wollte, musste schnell etwas für die sechsköpfige Familie gefunden werden. Das alte, ziemlich desolate Pfarrhaus in meinem Wohnort stand leer und war eine ideale Lösung. Möglichst bald sollte der Umzug erfolgen. Ich bot an, das Haus malermäßig instand zu setzen. Zusammen mit einem zweiten Mann tapezierte ich die Zimmer und lackierte Türen und Fußleisten.
Für mich war klar: Ich bin gekommen, um zu helfen. Geld wollte ich nicht. Der Superintendent konnte dies nicht verstehen. Zur Sicherheit fragte er bei meiner Frau nach, aber die antwortete: „Wenn er es so gesagt hat, dann wird er es auch so gemeint haben.“
Mich machte diese Geschichte nachdenklich. Da arbeitet jemand Tag für Tag und baut mit Worten und Taten am Reich Gottes, predigt über Nächstenliebe und ermuntert uns, als Kinder des Lichts „Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“ nicht zu vergessen, und er selbst glaubt nicht, wenn er dem dann auch begegnet? Bei der großen Einzugsparty brachte die Frau des Superintendenten es dann auf den Punkt: „Ja, so ist er, der Heinz. Predigt von Nächstenliebe, und wenn es ihn selbst mal trifft, kann er es nicht glauben.“ Selbst habe ich durch diese Geschichte erfahren, wie wohltuend es ist, „Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“ zu bestimmenden Faktoren des eigenen Lebensalltags werden zu lassen.
Christian Döring
33 | Warum? Vom Gedenken zum Danken!
Erfurt, 26. April 2002: Amokläufer erschießt 17 Menschen in einer Schule
Emsdetten, 20. November 2006: Amokläufer verletzt 6 Menschen in einer Schule
Winnenden, 11. März 2009: Amokläufer erschießt 15 Menschen in einer Schule
Drei schrecklich prägnante Ereignisse des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend. Vom letztgenannten sind die Bilder vielen noch im Kopf. Immer noch unfassbar. In vielen Städten und Kommunen Deutschlands sind in den Wochen danach Gedenkgottesdienste in den Kirchen abgehalten worden. Vor allem natürlich in Winnenden selbst. Ich finde es gut, dass Menschen unseres Landes immer noch eine Ahnung davon haben, an wen sie sich in Zeiten der Not wenden können, dass sie nach Gott, dem Schöpfer, fragen. Natürlich lautet dann eine zentrale Frage: „Gott, warum das alles?“ Aber was geschieht nach diesen Gottesdiensten? Gab es Gottesbegegnungen? Verändern Menschen ihre Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber ihren Mitmenschen? Oder bleibt alles beim Alten? Bis zur nächsten Katastrophe?
Im älteren Teil der Bibel lässt Gott durch den Propheten Hosea mitteilen: „Denn ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.“ Im neueren Teil wird Jesus zitiert mit den Worten: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als dies.“ (Markus 12,31)
Dass Liebe und Barmherzigkeit mit am wichtigsten sind für das Zusammenleben von Menschen, wird noch heute verkündet. Das heißt aber leider nicht, dass Sie und ich auch so leben. Nur zu oft lassen wir Gott einen „guten Mann sein“, der’s schon irgendwie richten wird. Und leben unser Leben weiter: mit Mobbing, Intrigen und Verhaltensweisen, die es eher schwerer als leichter machen. Bis zur nächsten Katastrophe.
Und dann? Ein neuer Gedenkgottesdienst?
Der neutestamentliche Autor Paulus hat in seinem berühmten „Hohelied der Liebe“ (1. Korinther 13) formuliert, dass Alles Nichts ist, wenn es nicht von der Liebe getragen ist. Von der Liebe zu Gott und zu den Menschen. Auch zu Menschen wie Tim K. übrigens. Erst dann können Veränderungen geschehen in der Welt und in Ihrem und meinem persönlichen Umfeld. Zur Liebe hin. Und die lässt dann hoffentlich einfach keine weiteren Katastrophen dieser Art zu. Vielleicht gibt es dann künftig statt vermehrter Gedenkgottesdienste mehr Dankgottesdienste.
Thomas Klappstein
34 | Weisheit von oben
Will jemand unter euch als klug und weise gelten? Dann zeige er das mit seiner ganzen Lebensführung, mit der Bescheidenheit, die den Weisen ansteht! Wenn ihr dagegen bittere Eifersucht und Streit in euren Herzen hegt, dann rühmt euch nicht der Weisheit und verdreht damit die Wahrheit!
Diese Art von Weisheit kommt nicht von oben, sie ist irdisch, sinnlich und teuflisch.
Wo Eifersucht und Streit herrschen, gibt es Unordnung und jede Art von Gemeinheit.
Aber die Weisheit von oben ist zuerst einmal heilig; sodann ist sie friedliebend, freundlich und gehorsam. Sie ist voller Barmherzigkeit und bringt viele gute Taten hervor.
Jakobus 3, 13 - 17 (Gute Nachricht, vom Autor leicht modifiziert)
Wer will das nicht: Weise sein! König Salomo wollte es und bekam es. Weisheit ist eine gute Sache. Ich muss mich ständig entscheiden. Was will ich? Was ist sinnvoll? Welche Richtung soll ich einschlagen? Da brauche ich Weisheit. Jakobus schreibt seine Verse zur Weisheit in eine zwischenmenschlich angespannte Situation hinein. Gerade da ist Weisheit besonders gefragt. Okay! Lassen wir uns damit beschenken. Los geht’s!
Der Weise soll bescheiden sein (13). Dein Wille geschehe, lautet das Stichwort. Hier beginnt Weisheit. Mit meinem Eingeständnis Gott gegenüber: „Du weißt es besser, Gott. Bitte schenke mir deine Weisheit“ (vgl.1,5). Ich stelle meine eigenen Antriebe zurück. Komme zur Ruhe. Er lenkt meine Entscheidung. Jakobus meint, dass unsere Weisheit nur Unfrieden hervorbringt (14 und 15). Sie sei irdisch. Damit meint er, sie sucht nur ihren eigenen Vorteil. Beutet aus. Gewinnmaximierung. Sie sei sinnlich. Das bedeutet, ich entscheide nur nach Gefühlslage. Bin ich zornig, haue ich drauf, bin ich harmoniesüchtig, kuschle ich. Sie sei dämonisch. Nun, schwierig. Das heißt, sie bewirkt Unfrieden statt Frieden. Zerstörung statt Aufbau. Entmutigung statt Ermutigung.
Wie gut, dass Jakobus uns einen Weg zeigt, zu prüfen, ob wir weise handeln.
Erstens. Wenn du – auch gerade im Zwischenmenschlichen – handelst, dann tue es heilig. Heilig bedeutet: Geh einen geraden Weg und keinen krummen. Die Prüffrage dazu: Ist mein Verhalten ehrlich?
Zweitens. Handle friedliebend, freundlich und gehorsam. Stelle dir die folgenden Fragen: Provoziere ich einen unguten Streit? Wohnt in meinem Handeln Rechthaberei? Dient mein Handeln dem Frieden? Diene ich den Geboten Gottes (Matthäus 22,37 f)? Baue ich auf, anstatt zu zerstören? Man muss und darf streiten. Das ist wichtig. Umso wichtiger ist es, weise zu handeln.
Drittens. Sei barmherzig (17). Mit dir selbst, wenn du unweise handelst, und mit dem anderen, der unweise gehandelt hat. Denn du hast einen barmherzigen Gott. Du kannst aus eigener Kraft nicht weise sein. Deine erste gute Tat (17) besteht darin, erst einmal selbst nichts zu tun, sondern Gott um Weisheit zu bitten. Dann entstehen gute Taten von ganz allein.
Jan Hanser
35 | Barmherzigkeit tut not
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
LUKAS 6,36 (LUTHER 1984)
Barmherzigkeit wird von allen großen Religionen und Weltanschauungen gefordert. Aber was ist Barmherzigkeit? Barmherzigkeit heißt doch, dass ich mein Herz dem Menschen öffne, dem es nicht so gutgeht wie mir. Der Barmherzige gibt etwas von dem ab, was ihm gehört. Er gleicht einen Mangel aus. Aber passt das überhaupt noch in die heutige Welt?
Der Lieblingsspruch eines ehemaligen Kollegen lautete: „Wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt.“ Aber stimmt das? Ich denke, es ist ein ganz großes Geschenk, wenn wir für uns selber sorgen können. Aber kein Mensch weiß, wie sein Leben weiter verlaufen wird. Manchmal kann es ganz schnell gehen, dass wir auf Hilfe angewiesen sind. Und dann sind wir froh, wenn andere für uns da sind.
Nicht nur für sich leben ist befreiend, weil wir dadurch das Kreisen der Gedanken um uns selbst durchbrechen können. Barmherzig sein muss gar nicht mit großen Dingen einhergehen, sondern kann oft im Verborgenen stattfinden. Schon eine kleine Geste, ein Lächeln, kann manchmal Wunder bewirken. Die Grundlage für Barmherzigkeit ist Respekt. Respekt für den Menschen, mit dem es das Leben nicht so gut meint wie mit mir. Gerade in unserem Umgang mit Kranken, alten oder wirtschaftlich schwachen Menschen können wir erkennen, wie viel Respekt wir für andere haben. Oft sind wir voller Vorurteile, wenn wir Dinge bemerken, die wir nicht einordnen können. Ein Beispiel: Ein älterer Mann geht morgens schwankend auf der Straße und fällt hin. Schnell denkt man: Der Alte hat aber früh angefangen zu trinken. Die Wirklichkeit ist aber ganz anders. Da ist Diabetes, Fehlsichtigkeit oder ein miserabler Zustand mancher Bürgersteige die Ursache.
Barmherzigkeit fängt im Kopf an. Wie sehen und begegnen wir anderen Menschen? Statt schnell unseren Vorurteilen nachzugehen, lohnt es sich, genauer hinzusehen und anderen Menschen mit Respekt zu begegnen. Dann ist es auch nur noch ein kleiner Schritt zur praktizierten Barmherzigkeit.
Ulrich Römer

Handeln wie Jesus
36 | Handlungskonzepte, Terebinthen und glückliche Gemeinschaften
Die Fülle konkreter ethischer Fragestellungen nimmt immer mehr zu. Die Auswirkungen des Handelns Einzelner werden durch die zunehmende Vernetzung der Welt immer sichtbarer. Diese kaum mehr zu durchschauende Komplexität lähmt oder führt in nicht hilfreiche Verengungen. Dementsprechend wird die Frage nach konkreten, im Alltag umsetzbaren ethischen Handlungskonzepten immer lauter. Das grundlegende Konzept Gottes für diese Welt ist natürlich der „10-G-Plan“ aus 2. Mose 20. Es gibt aber auch noch andere biblische Handlungskonzepte. Die „Genesis-Basics“ (1. Mose 1,28; 2,15) z. B. fordern uns zu Wachstum, Vervielfältigung und Verantwortung heraus. Sie sind ein eher öko-demographisches Konzept, während die „Deuteronomiums-Aktion“ in 5. Mose 14,22 - 29 einen sozio-hygienischen Handlungsrahmen skizziert. Der „Jes-58-Check“ schließlich verknüpft gesellschaftlich-soziale Verantwortung mit der Verheißung persönlichen Wohlergehens.
Auch im Neuen Testament finden wir Handlungskonzepte, unter anderem die „Lazarus-Mission“ (Johannes 11,43 und 44), die eine gruppendynamische Perspektive für die Befreiung eines Menschen nach seiner Bekehrung oder Wiederbelebung entwickelt.
Das Ziel aller biblischen Handlungskonzepte ist, zusammenfassend gesagt, die Verherrlichung Gottes durch eine glückliche Gemeinschaft, an der man Jesus erkennen kann. Eine Gemeinschaft, die an die „Terebinthen der Gerechtigkeit“ erinnert, eine „Pflanzung des Herrn, dass er sich durch sie verherrliche“, wie es in Jesaja 61,1 - 3 heißt. Terebinthen sind im Mittelmeerraum weit verbreitet und als Schattenspender sehr geschätzt. Selbst nach Zufügung einer Wunde fließt aus ihnen noch ein äußerst wohlriechendes und sehr beliebtes Harz. Das wäre doch eine ethische Frucht, an der man Gottes theologisches Ziel mit dieser Welt klarer erkennen würde, als es alle Rechtgläubigkeit je vermitteln kann. Darum wollen wir in den nächsten drei nichtalltäglichen Impulsen einmal, exemplarisch für die vielen biblischen Handlungskonzepte, das „Nazareth-Programm“ aus Jesaja 61,1 - 3 betrachten.
Mickey Wiese
37 | Nazareth-Programm I
JESAJA 61,1 - 3
Das „Nazareth-Programm“ aus Jesaja 61,1 - 3, das Jesus in seiner programmatischen Antrittsrede in der Synagoge von Nazareth (Lukas 4,18) als Grundlage seines messianischen Handelns vorstellt, beinhaltet sechs „Außendienste“ und drei „Innendienste“, die ein gutes ethisches Layout für ein modernes, gesellschaftlich relevantes Christenleben darstellen.
1. Außendienst: Die Armen durch frohe Botschaft erfreuen!
Die Armen haben aufgrund mangelnden Landbesitzes keinen vollen Anteil mehr an der Volksgemeinschaft. Das Nichtzugehörigkeitsgefühl ist auch eine Grundbefindlichkeit des modernen Menschen. Wir müssen uns fragen: „Was ist für diesen Menschen in diesem Augenblick seines konkreten Lebens wirklich eine frohe Botschaft, und wie wird das auch als frohe Botschaft bei ihm ankommen?“
Das hebräische Wort für „erfreuen“ (baser) hat denselben Stamm wie das Wort für „Fleisch“ oder „Leib“ (basar). Die frohe Botschaft soll in dem Menschen ein Erkennen auslösen, wie es Adam in 1. Mose 2,21 erlebte: Es geht um etwas, das zu ihm gehört.
2. Außendienst: Zerbrochene Herzen verbinden!
Zerbrochene Herzen sind wie alte, rissige Zisternen, die das Wasser nicht mehr halten können. Alles, was man an Gutem in sie hineingießt, kommt an anderer Stelle sofort wieder heraus und versickert im Sand. Ein zerbrochenes Herz zu verbinden heißt ganz einfach, mit liebevollen, absichtslosen Gemeinschaftsaktionen ein Pflaster mit einem schmerzstillenden Mittel auf die Wunde zu legen.
3. Außendienst: Für Gefangene öffentlich die Freilassung ausrufen!
Die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies leitet den Verlust aller Freiheit ein. Die Auswirkung des Ungehorsams gegen Gott ist genau das Gegenteil von dem, was der Mensch sich eigentlich an Freiheit nehmen wollte. Diesen Menschen sollen wir öffentlich zurufen (das hebräische Wort meint lautes, von jedermann vernehmbares Schreien): „Ihr seid schuldig, aber dennoch frei, das Kreuz Jesu macht aus lähmender Amnesie eine befreiende Amnestie!“
Mickey Wiese
38 | Nazareth-Programm II
JESAJA 61,1 - 3
Weil Jesus uns in der gleichen Weise aussendet, wie ihn der Vater in die Welt gesandt hatte (Johannes 20,21), und wir mindestens die gleichen Werke tun werden wie er (Johannes 14,12), hat gerade das „Nazareth-Programm“ aus Jesaja 61,1 - 3 für unseren Alltag eine starke Bedeutsamkeit.
4. Außendienst: Den Gefesselten die Öffnung des Kerkers verkünden!
Im Kerker sind die Türen zugesperrt. Die Gefangenen sind mit Ketten gefesselt. Selbst wenn sie die Freilassungsbotschaft hören, können sie sich nicht bewegen. Da muss jemand hingehen und die Ketten mit dem richtigen Schlüssel aufschließen. Das kann ein Wort der Erkenntnis sein, etwa in einem Gespräch, und geht über eine liebevolle „Erste-Hilfe-Behandlung“ bis hin zum Befreiungsdienst.
5. Außendienst: Öffentlich ein Jahr des Wohlgefallens für Jahwe ausrufen und einen Tag der Rache für unseren Gott!
Woran hat Jahwe Wohlgefallen? Grundsätzlich natürlich an unserer ganzheitlichen Liebe zu ihm und untereinander, denn daran hängt das ganze Gesetz und die Propheten. Aber auch, wenn wir öffentlich so leben, als sei Jesus unser Herr, bereitet das Gott Freude und Befriedigung.
Der Tag der Rache meint, dass diese Gott überlassen werden soll. Menschen würden an diesem Punkt nur überziehen. Schon in 2. Mose 21,24 schiebt Gott ja dem Hang zur Blutrache mit einer klar eingegrenzten Schadensersatzregelung einen Riegel vor.
6. Außendienst: Alle Trauernden trösten!
Das hebräische Wort „trösten“ (nachem) bedeutet „zu Herzen reden, sodass man durchdringt“, im Sinne einer konkreten Hilfeleistung. Die Konkordanz offenbart eine Fülle von praktischen Anregungen, was man tun kann: sich aufmachen und zu dem Trauernden hingehen; ihn in die Arme nehmen und herzen; mit ihm essen und trinken; einen Brief schicken; ihn ermutigen, etwas Schönes zu unternehmen, oder einfach nur da sein, ohne zu reden; mit dem Trauernden weinen oder mit ihm zusammen nach Erklärungsmustern suchen.
Letztendlich ist es einfach unsere Aufgabe, die Ströme lebendigen Wassers von Gott durch unseren Leib fließen zu lassen und so die „Trauernden“ zu erfrischen (abelim heißt „Trauernde, Vertrocknete“).
Jeden Tag wenigstens einen der neun Punkte aus dem „Nazareth-Programm“ umzusetzen ist eine durchaus praktikable ethische Möglichkeit, im Alltag auf das Ziel Gottes hin zu leben.
Mickey Wiese
39 | Nazareth-Programm III
Die drei Innendienste des Nazareth-Programms aus Jesaja 61,1 - 3 umgreifen die körperlichen, seelischen und geistlichen Bedürfnisse der Christen. Kopfschmuck, Freudenöl und Lobpreishüllen kommen dabei nicht von alleine, sondern müssen als normaler Umgang miteinander in unseren Gruppen festgelegt werden, was das hebräische Wort „sim“ (festsetzen, festlegen, etwas zu etwas machen) am Anfang von Vers 3 zum Ausdruck bringt.
1. Innendienst: Kopfschmuck statt Asche!
Der „Kopfschmuck“ (peer) ist ein Turban, der sowohl zur Tracht der Priester als auch zur Festbekleidung des Bräutigams gehört. Er deutet darauf hin, dass Gott sich ein festliches Verhalten von uns wünscht statt trauriger, ritueller, traditioneller und gesetzlicher Ausstrahlung. Jesus hat sich so sehr um das Körperliche gekümmert, dass seine Feinde ihm schließlich vorwarfen, er sei ein Fresser und Weinsäufer. Da könnte es auch den Christen guttun, wenn sie wieder mehr miteinander essen und trinken (5. Mose 14,22 - 29), feiern (Johannes 2,1 - 12), wandern (Matthäus 12,1) und sich aneinanderkuscheln (Johannes 13,23/1.Korinther 16,20) würden.
2. Innendienst: Freudenöl statt Trauer!
Ich kann mir gut vorstellen, dass es Christen gibt, deren Dienst es ist, neue Witze zu schreiben, um unsere Seelen von den Mafiabetonschuhen der Ernsthaftigkeit und dogmatischen Korrektheit zu befreien. Schon Augustinus sagte: „Die Seele nährt sich von dem, an dem sie sich erfreut.“ Aber auch Musik, Tanz, Malerei, Theater, Steinbildhauerei und Kunst jeglicher Stil- und Ausdrucksrichtung sollten in der Kirche gefördert werden, weil sie der Seele guttun. Denn Jesus will zwar die ganze Welt gewinnen, aber nicht auf Kosten unserer Seelen.
3. Innendienst: Eine Lobpreishülle statt eines erlöschenden Geistes!
Damit ein glimmender Docht nicht ausgelöscht wird, stülpt man das Glas eines Windlichts darüber, sodass die Flamme wieder aufflackern kann. Das ist das Bild, das der hebräische Urtext vermitteln will. Darum müssen unsere Gottesdienste wieder mehr Feste zur Ehre Gottes werden, voll von ermutigenden und aufbauenden Wahrheiten über Gott – und weniger Briefings mit Informationen darüber, was wir alles noch nicht geschafft haben.
Mickey Wiese

Wüste Zeiten
40 | Leben ohne Täler ist leben ohne Berge
Unseres Herzens Freude hat ein Ende, unser Reigen ist in Wehklagen verkehrt.
KLAGELIEDER 5,15 (LUTHER 1984)
Es gibt Zeiten, da helfen die Weisheiten unserer bunten Spaßgesellschaft, die wir jeden Tag in der Werbung präsentiert bekommen, nicht mehr weiter: Wenn wir nur das Richtige kaufen und zu den besten Orten verreisen, wird alles wieder gut. Unsinn!
Jeder Mensch durchlebt dunkle Zeiten, da hilft das nichts. Da hilft auch keine noch so gute Versicherung oder was uns unsere moderne Gesellschaft sonst zur Verfügung stellt. Dann scheint einfach alles in uns leer zu sein. Unsere Gedanken drehen sich im Kreis und kommen nicht weiter.
Die Ursachen für solch ein Tief können vielfältig sein. Oft sind es klar erkennbare Gründe: der Verlust der Arbeitsstelle, der Verlust eines nahen Angehörigen oder Krankheit. Manchmal treten diese Tiefs auch auf, ohne dass wir einen Grund ausmachen können. Schwierig ist es für gläubige Menschen, wenn dann selbst der Glaube nicht mehr zu helfen scheint. Am Tag, als ich diesen Text verfasst habe, las ich in der Zeitung von einem Pfarrer, der in einem Interview bekennen musste, dass er in der Seelsorge immer öfter an seine Grenzen kommt und die Suchenden an Therapeuten weiterleiten muss.
Ich denke, wir müssen akzeptieren, dass diese Phasen zum Leben dazugehören. Dass sie auch kommen, wenn ich glaube. Selbst dann, wenn ich nichts falsch gemacht habe. Oft suchen wir ja verzweifelt nach Gründen, warum es gerade uns so ergeht – aber die Antworten bleiben meistens aus.
Helfen kann es, wenn wir, etwa in der Seelsorge, falsche Schuldgefühle erkennen und ablegen. Helfen kann auch das nicht zu schnelle Aufgeben. Die schlichte Metereologenweisheit, dass zu jedem Tief auch ein Hoch gehört, stimmt auch für Tieflagen im Leben. Oft gilt es, in diesen Wüstenzeiten Oasen zu finden, in denen wir von unserem Schicksal abgelenkt werden. Das können ganz banale Dinge sein: ein Buch lesen, einen Film ansehen, ein gutes Gespräch mit Freunden. Bloß nicht wieder über unser Problem. Manchmal kann es aber auch eine Therapiestunde bei einem Fachmann sein. Es ist keine Schande, wenn man alleine nicht klarkommt.
Ulrich Römer
Darmowy fragment się skończył.