Czytaj książkę: «Wohlensee»
WOHLENSEE
KRIMINAL-GESCHICHTE
ERKLÄRUNG
Die in diesem Kriminalroman beschriebenen Schauplätze sind originalgetreu wiedergegeben. Die Handlung der Geschichte ist eine Fiktion. Dies gilt insbesondere für die Namensnennung der Akteure, Unternehmungen und Organisationen. Um die Verbindung zwischen Fiktion und Handlungsschauplatz sicherzustellen, sind juristische Personen namentlich genannt. Die auf diese Weise beschriebenen Personen haben real mit der fiktiven Geschichte nichts zu tun. Ihre im Roman beschriebenen Tätigkeiten sind frei erfunden, ein Zusammenhang mit der realen Welt ist nicht gegeben. Wenn sich aus dem Zusammenhang sichtbare Parallelen zu real existierenden Personen ergeben, so ist dies rein zufällig, weder beabsichtigt noch gewollt. Die real existierenden Personen sind unter «Die Protagonisten» namentlich aufgeführt.
IMPRESSUM
Alle Angaben in diesem Buch wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und von ihm und dem Verlag mit Sorgfalt geprüft. Inhaltliche Fehler sind dennoch nicht auszuschliessen. Daher erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag übernehmen Verantwortung für etwaige Unstimmigkeiten.
Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2018 Werd & Weber Verlag AG, CH-3645 Thun /Gwatt
TEXT
Thomas Bornhauser, CH-3033 Wohlen, www.bosaugenblicke.ch
FOTOS
Die Fotos stammen von Thomas Bornhauser.
GESTALTUNG TITELBILD
Sonja Berger, Werd & Weber Verlag AG
GESTALTUNG /SATZ
Catherine Schubiger, PT-6150 Sobreira Formosa
LEKTORAT
Madeleine Hadorn, Werd & Weber Verlag AG
KORREKTORAT
Lisa Inauen, Werd & Weber Verlag AG
E-BOOK-HERSTELLUNG UND AUSLIEFERUNG Brockhaus Commission, Kornwestheim www.brocom.de
ISBN 978-3-03818-181-1
www.werdverlag.ch
www.weberverlag.ch
Der Verlag Werd & Weber wird vom Bundesamt für Kultur mit einem
Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Inhalt
Vorwort
Die Protagonisten
Prolog
Von einer Verlobungsfeier
23 Stunden zuvor
Elchin Guseinow und Karl-Heinz Becker
Maximilian Graf von Neippenberg
Von Brieftauben, einem Schwinger und einem Sportarzt
Der Maibaum unter allen Vollpfosten
Rudolf Marolf
Das geheime Bankfach in Wohlen
Bukarester Erfahrungen
Nobelautos und Stammzellentherapien
Ein ungewöhnlicher Sportwagen in Sutz
Auf der Suche nach einer Katze
Erfahrungen in Polen
Zusammenfassung der Ereignisse
Die Einvernahmen von Lena Podolska und BvN
Noch 48 Stunden
Katz und Maus
Ein unerwarteter Todesfall
Ein eher unerwarteter Gast
Ein Puzzleteil fügt sich in andere ein
Erwartetes und Unerwartetes
Wichtige Anmerkung des Autors
The Making of «Wohlensee»
Und überhaupt …
Der Dank
Die Vorschau: Passagier 2019
Literaturverzeichnis
Zum Autor
Vorwort

«Für welches Zielpublikum schreibst du eigentlich?», wurde ich schon vor längerer Zeit einmal gefragt. Meine Antwort erfolgte sehr spontan: «Nun, ich schreibe so, wie ich es selber gerne lesen würde.»
Dazu bedarf es einer Erklärung. Man sagt, ich sei vielseitig interessiert. Das heisst wiederum, dass mich noch Unbekanntes geradezu magisch anzieht, oftmals möchte ich zu bestimmten Themen mehr wissen, hinterfrage auch.
Dieses Interesse finden Sie in meinen Kriminalgeschichten. Mit jedem Buch nehme ich mich eines gewissen Themas an (zugegeben, dieses Mal sind es sogar deren drei …): Auf den folgenden Seiten werden Sie in «Wohlensee» einiges zu Doping und Ungereimtheiten nicht nur im Spitzensport, zu verbotenen Stammzellentherapien und zur Autoschieberei erfahren. Und zu Zeitgeschichtlichem aus Rumänien, wenn auch nicht zu Graf Dracula in Transsylvanien auf Schloss Bran. Alles, was zu diesen Themen geschrieben steht, entspricht den Tatsachen, im Gegensatz zur eigentlichen Kriminalstory, die natürlich frei erfunden ist, auch wenn real existierende Personen darin vorkommen. Selbstverständlich gibt es auch kein Land namens Uralistan, selbst die Hausnummern 7 und 13 existieren im Kappelenring in Hinterkappelen nicht.
Vor drei Jahren konnten Sie in meinem ersten Roman «Fehlschuss» Hintergrundinformationen zum Hochfrequenzhandel mit Wertpapieren erfahren, auch zu verbotenen Onlinewetten, vor zwei Jahren habe ich mich in «Die Schneefrau» mit Raubkunst beschäftigt, 2017 ging es in «Tod auf der Trauminsel» unter anderem um die Freimaurerei.
«Du schreibst zeitweise an der effektiven Kriminalgeschichte vorbei», bekomme ich dann und wann als Kritik zu hören. Diese habe ich zu akzeptieren – und kann sie auch nachvollziehen. Nur eben: Das ist mein Stil, ich will nicht über meinen Schatten springen. Einer anderen Kritik komme ich hingegen gerne nach (abgesehen davon, dass die Schrift vergrössert wurde): Zusätzlich zur kurzen Vorstellung der Hauptdarsteller in meinen Romanen stelle ich Ihnen unmittelbar anschliessend Protagonisten, die in dieser Kriminalgeschichte vorkommen, sowie real existierende Zeitgenossen als auch frei erfundene Figuren vor. Die Fotos sind absichtlich schwarz-weiss aufgenommen – und nicht bei eitel Sonnenschein, sie passen so besser zum Krimi.
2019, das sei bereits verraten, werden sich die Ermittler der Kapo Bern mit dem internationalen Kunsthandel, mit Glaubensgemeinschaften, Sekten und mit der Atomenergie beschäftigen. Die BKW nehmen Ende 2019 bekanntlich das KKW Mühleberg vom Netz. Für Recherchen zum Thema war ich letztes Jahr unter anderem in Tschernobyl – und in Pripyat, der Geisterstadt, in der einst 50 000 Menschen wohnten. Es war eine eindrückliche Reise, die ich in «Passagier 2019» einfliessen lassen werde.
Das wär’s schon. Und nun wünsche ich Ihnen viel Spass mit Joseph «J. R.» Ritter und seinem Team. Danke für Ihr Interesse!
Mit freundschaftlichen Grüssen

Wohlen, im Oktober 2018
Die Protagonisten
Joseph Ritter, Leiter des Dezernats Leib und Leben bei der Kantonspolizei Bern
Ein echter Berner, 1960 im Länggassquartier geboren. Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten in einem Sportgeschäft in Bern, Weiterbildung zum Fitnesstrainer, danach im Bereich Security tätig. Anstellung bei der US-Botschaft in Bern, anschliessend im Pentagon in Washington D. C., wo er seine spätere Frau Cheryl Boyle kennenlernt. Ritter und Boyle ziehen nach New York, beide arbeiten in der Vermögensverwaltung von Boyles Vater Ed. 1999 zum zehnten Hochzeitstag Reise nach Hawaii. Auf dem Rückweg machen sie einen Zwischenhalt bei Freunden in San Francisco, wo sie schuldlos in eine Schiesserei rivalisierender Banden geraten. Cheryl Boyle wird von einem Querschläger getroffen und stirbt. Ritter geht für drei Jahre nach Südkorea und findet eine Anstellung im Sicherheitsbereich der US Air Force. Er kehrt 2003 nach Bern zurück, wird Quereinsteiger beim Kriminaltechnischen Dienst KTD der Kantonspolizei Bern und ist seit einigen Jahren Leiter des Dezernats Leib und Leben. Ritter wird, seiner Initialen wegen, nur J. R. (Tschei Ahr) genannt, wie einst J. R. Ewing in der legendären US-amerikanischen TV-Serie «Dallas» aus den achtziger Jahren.
Regula Wälchli
Die Frau im Ritter-Quartett: Gstaaderin, 34 Jahre alt. Wälchli war zuerst bei der uniformierten Polizei, bevor sie zum Dezernat Leib und Leben wechselte. Sportlerin, sehr gute Skifahrerin und Tennisspielerin. Lebt seit einiger Zeit mit Elias Brunner zusammen am Seidenweg in der Berner Länggasse.
Elias Brunner
Solothurner, 37 Jahre alt. Sportler, spielt Fussball beim FC Bern. Ähnliche Karriere wie Freundin Regula Wälchli, ist aber bereits etwas länger bei der Kriminalpolizei im Dezernat Leib und Leben. Elias Brunner ist der ruhende Pol in der Abteilung, ihn kann offenbar nichts aus der Fassung bringen – ausser seine Freundin Regula Wälchli, die ihn ab und an gerne provoziert.
Stephan Moser
38 Jahre alt, seit Jahren Mitarbeiter von Joseph Ritter. Er lebt in Hinterkappelen, einem Vorort von Bern, zusammen mit der Spanierin Dolores Ruiz, die auf der Handelsabteilung der Spanischen Botschaft in Bern angestellt ist. Im Team gilt er als Bürokalb, immer zu einem Spässchen aufgelegt. Während Jahren verzweifelter Fan der Berner Young Boys, die ihn aber 2018 erlöst haben, sodass er das längst vergilbte Poster mit dem ehemaligen YB-Captain Jean-Marie Conz aus dem Jahr 1986 mit dem Pokal in der Hand an der Bürowand durch ein neues Bild ersetzen konnte.
Eugen Binggeli und Georges Kellerhals
Zwei Spezialisten vom Kriminaltechnischen Dienst KTD, die eng mit dem Team von Joseph Ritter zusammenarbeiten. Binggeli wird mit Vornamen in der US-Version, «Iutschiin», gerufen, Kellerhals mit «Schöre», Berndeutsch für Georges.
Veronika Schuler
Pathologin am Institut für Rechtsmedizin IRM Bern. Schuler ist Thurgauerin, mit unverkennbarem Dialekt und durch und durch Fachfrau, die auch Fehler zugeben kann. Wird von Ritter & Co. enorm geschätzt.
Gabriela Künzi und Ursula Meister
Mediensprecherinnen bei der Kantonspolizei, beide Kommunikationsprofis.
Max Knüsel
Brillanter Staatsanwalt Bern-Mittelland, allerdings wenig feinfühlig. 55 Jahre alt. Knüsel spricht jeden und jede konsequent nur mit dem
Familiennamen an, macht selten bis gar nie Komplimente und hat einen Hang zu schwarzem Humor. Zwei seiner Lieblingssprüche: «Ritter, haben Sie daran gedacht, dass …?» und «Halten Sie mich auf dem Laufenden.»
Weitere Darsteller in « Wohlensee»
Elchin Guseinow wird bei einem Bootshaus am Wohlensee in Hinterkappelen erschossen aufgefunden, im Wasser liegend. Der Uralistaner war als ehemaliger Sportminister in der Hauptstadt Tomlija eine der Hauptfiguren in einem riesigen Skandal, bei dem es um flächendeckendes, staatlich überwachtes Doping bei Spitzenathleten ging. Die Rechtsmedizinerin Veronika Schuler bezeichnet Guseinow als «Kotzbrocken», weshalb er im Roman als «KB» vorkommt.
Igor Axundow (alias Udo Kraft alias Karl-Heinz Becker) brachte als Whistleblower und ehemaliger Experte bei der Uralistaner Antidopingagentur Urada die ganzen Manipulationen ans Tageslicht, worauf er aus Uralistan flüchten musste und ins Zeugenschutzprogramm des Bundeskriminalamts BKA aufgenommen wurde, zuerst als Udo Kraft, später, in Hinterkappelen, als Karl-Heinz Becker.
Maximilian Baron von Neippenberg ist Besitzer von zwei Schönheitskliniken in Prêles – oberhalb von Twann – und in Berlingen am Untersee. Die beiden «Venus – Clinique de Beauté»-Institute zählen die Reichen und Schönen zu ihrer erlesenen Clientèle.
Lena Podolska, ursprünglich aus Breslau (Polen) stammend, wo sie zur Fachfrau Operationstechnik ausgebildet wurde, betreut den Empfangsbereich der Schönheitsklinik in Prêles.
Tadeusz Nowak ist eine zwielichtige Gestalt, mit Wohnsitz in Bukarest und in Warschau. Ein vermuteter Autoschieber.
Dimitri Lawrow steht der Kantonspolizei Bern als Übersetzer zur Verfügung.
Und last but not least kommen auch Jan Wisniewski und Adam Marchewski aus Warschau vor, mit denen Joseph Ritter und Peter Kläy (aus einer anderen KTD-Equipe der Kapo Bern) bereits früher zu tun hatten. Peter Kläy trifft in Warschau auch auf seinen Schwarm von «damals», auf Ewa.
Real existierend: Christian Lüthi aus Boll, Mitbesitzer des Bootshauses in Hinterkappelen, Silvia Zimmermann, Hauswartin im Kappelenring Hinterkappelen, Caroline Burri, Podologin in Hinterkappelen, Adi Küpfer, Radio SRF 1-Moderator, Sabrina Bühlmann, eine aussergewöhnliche Zeitgenossin als Sängerin und Fotografin, Jules Moser, der vermutlich beste Food-Fotograf überhaupt, Peter Tschannen, «Tätschmeister» und Besitzer des Gasthofes Kreuz in Wohlen in zwölfter (!) Generation, und Jürg Spori, ein Journalisten-Urgestein aus Bern. Diese acht Personen sind keine Erfindungen des Autors, sie existieren tatsächlich, ebenso wie Daniel und Detu Zimmermann, Ehemann und Sohn von Silvia Zimmermann sowie Laura Suter von TCS-Camping Eymatt, Finanzdirektorin Beatrice Simon und Rolf König, ehemaliger Direktor der Strafanstalt Witzwil.
Prolog
«Heute Morgen, Sonntag, 28. Januar, wurde im Bereich eines kleinen Bootshauses in der Nähe des Stägmattstegs und dem TCS Camping Bern-Eymatt in Hinterkappelen bei Bern im Wohlensee eine unbekannte männliche Leiche entdeckt. Die Kantonspolizei Bern bittet die Bevölkerung deshalb um Hinweise. Wer kann nähere Angaben zum unbekannten Toten machen, der zu Lebzeiten ungefähr wie auf dieser Phantomzeichnung ausgesehen haben dürfte? Der Mann, 190 cm gross und von überaus kräftiger Statur, dürfte zirka 55 Jahre alt geworden sein. Er trug schwarze Trainingsschuhe der Marke Asics, blaue Jeans, eine blaue Daunenjacke und ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift ‹Pumping Iron›. Besonderes Kennzeichen sind viele Tattoos. Sachdienliche Mitteilungen sind erbeten an die Kantonspolizei Bern oder jede andere Polizeidienststelle.»
Aufruf der Kantonspolizei Bern mit einer Phantomzeichnung des Unbekannten, weil das Foto des Toten für die Zuschauer nicht zumutbar war, am Sonntagabend, 28. Januar, ausgestrahlt von SRF 1 vor der Hauptausgabe der Tagesschau.

Das Bootshaus am Wohlensee.
Von einer Verlobungsfeier. Montag, 29. Januar.
«Also, bevor wir zum unbekannten Toten kommen, möchte ich doch noch etwas bemerken.» Joseph Ritter blickte am frühen Morgen dieses Montags, 29. Januar konzentriert in die Runde.
«Liebe Regula, lieber Elias, die Party am Freitagabend war grossartig, danke nochmals, auch im Namen von Steffi. Wir beide wünschen euch auf dem gemeinsamen Lebensweg viel Glück. Ich bin nur froh, mussten wir nicht schon am Samstagmorgen so früh ausrücken …»
«Ich darf mich anschliessen, ihr beiden, das war genial, mit vielen interessanten Leuten. Dass ihr sogar den Staatsanwalt eingeladen habt, war kein schlechter Schachzug», sagte Stephan Moser schmunzelnd.
«Vor allem, dass er überhaupt gekommen ist, hat mich erstaunt. So locker wie am Freitag habe ich ihn noch gar nie erlebt.»
Alle mussten Joseph Ritter beipflichten.
In der Tat: Die Verlobungsfeier im Restaurant Waldheim im Berner Länggassquartier – in den achtziger Jahren ein typischer und verrufener Quartierspunten mit allerdings unverwechselbarem Charme – unweit der Wohnung von Regula Wälchli und Elias Brunner am Seidenweg 17 war einer dieser Anlässe, den man so schnell nicht vergessen wird: alles perfekt organisiert, hervorragendes Ambiente mit ebensolcher Verpflegung, ungefähr 50 Anwesende aus dem privaten und beruflichen Umfeld der beiden Verlobten. Keine Spur von Langeweile. Im Gegenteil: Die Gäste waren in aufgeräumter Stimmung, als um 3.00 Uhr das Ende der Feier verkündet wurde, nur einzelne hatten die Party zuvor verlassen (müssen), weil am Samstag die Arbeit rief.
«Danke auch euch, J. R. und Stephan, dass die Polizei nicht wegen Nachtruhestörung ausrücken musste», antwortete Regula Wälchli lachend. Unschwer deshalb zu erraten, dass die meisten Gäste den freien Samstag dazu benutzt hatten, um etwas länger zu schlafen als an ihren Arbeitstagen.
«So. Jetzt aber zur Sache, wobei die Faktenlage im Moment noch sehr dünn ist. Das wird kein Durchmarsch bei unseren Ermittlungen. Ich bin gespannt, was alles noch auf uns zukommen wird.»
Mit diesen Worten zog Joseph Ritter die grosse, seit gestern Sonntagabend noch spärlich beschriftete Plexiglaswand aus einer Ecke des Büros im ersten Stock des Ringhofs – Sitz des Kommandos der Berner Kantonspolizei im Lorrainequartier – näher an die vier Schreibtische im nach wie vor spartanisch eingerichteten Büro heran. Mit schwarzem, breitem Filzschreiber und in Blockbuchstaben wurde der Beginn eines neuen Falls in Angriff genommen, die Tafel überschrieben, mit
WOHLENSEE
23 Stunden zuvor. Der Leichenfund. Sonntag, 28. Januar.
Der Digitalwecker im Schlafzimmer von Stephanie Imboden und Joseph Ritter in Münsingen zeigte am Sonntag, 28. Januar 7.47 Uhr, als das Handy des Dezernatsleiters Leib und Leben bei der Kantonspolizei Bern mit dem Klingelton «Highway to Hell» von AC/DC unmissverständlich ankündigte, dass aus diesem noch jungen Tag mit grösster Wahrscheinlichkeit kein gemütlicher Sonntag in lockerer Freizeitkleidung werden sollte. Es meldete sich die Pikettzentrale der Kantonspolizei Bern.
Ritter erfuhr lediglich, dass bei einem kleinen Bootshaus in der Nähe der Kappelenbrücke in Hinterkappelen eine männliche Wasserleiche gefunden wurde. Der Besitzer des Holzhauses habe sofort die Nummer 117 angewählt und bleibe vor Ort, «ohne dass er etwas anrührt oder verändert», wie es weiter hiess. Die Seepolizei Wohlensee habe in der Zwischenzeit vermutlich bereits mit der Bergung der Leiche begonnen, der Kriminaltechnische Dienst der Kantonspolizei Bern KTD und das Institut für Rechtsmedizin IRM seien zum Fundort unterwegs, ebenso die Staatsanwaltschaft und zwei Taucher der Kantonspolizei.
Als Joseph Ritter – Stephanie Imboden hatte umgehend alle Mitglieder seines Teams telefonisch informiert, während ihr Partner kurz unter der Dusche stand – knapp 45 Minuten später am Wohlensee eintraf, war das Gebiet rund um das Bootshaus weiträumig abgesperrt und die Protagonisten waren vor Ort und an der Arbeit. Ritter begrüsste Staatsanwalt Max Knüsel, Veronika Schuler vom IRM, Georges «Schöre» Kellerhals und Eugen «Iutschiin» Binggeli vom KTD, Mediensprecherin Ursula Meister sowie die drei Mitglieder seines eigenen Teams, die ganz in der Nähe wohnten, Regula Wälchli und Elias Brunner bekanntlich in der Berner Länggasse, Stephan Moser im Kappelenring in Hinterkappelen.
Den Notarzt und den ebenfalls anwesenden Sanitätspolizisten kannte Ritter ebenso wie die beiden Streifenbeamten, die ihrerseits mit erklärenden Worten neugierige Spaziergänger mit ihren Hunden zurückhielten. Regula Wälchli, Elias Brunner und Stephan Moser waren entweder im Gespräch mit Mediensprecherin Ursula Meister oder befragten verschiedene Herumstehende, ob ihnen in den letzten Stunden irgendwelche Aktivitäten rund um das Holzhaus aufgefallen seien, ohne selber Gegenfragen nach dem «Warum?» zu beantworten. Das war nicht der Fall, sodass die Leute aufgefordert wurden, weiterzugehen. In der unmittelbaren Umgebung suchten die Spezialisten des KTD nach Spuren, auch in der steilen Böschung seitlich des Bootshauses. Staatsanwalt Max Knüsel – «der Staatser», wie er polizeiintern genannt wurde – telefonierte im Moment ganz offensichtlich in einer privaten Angelegenheit, weil er ausser Hörweite aller Anwesenden stand.
Ein aufgestelltes Sichtschutzzelt auf der Plattform des Bootshauses – dem eigentlichen Dach über den darunterliegenden Bootseinstellplätzen – liess Veronika Schuler vom IRM in Ruhe arbeiten. Ritter gesellte sich zu ihr.
«Veronika, ohne dich nerven zu wollen …»
«Kein Problem, J. R., ich habe bereits erste Erkenntnisse, die dir bestimmt weiterhelfen werden.»
«Du überrascht mich immer wieder. Ich höre.»
«Der Tod dürfte in den letzten vier Wochen eingetreten sein. Und: Der Mann wurde erschossen.»
«Veronika, im Ernst, bitte …»
Die Thurgauerin mit ihrem unverkennbaren Dialekt konnte sich ein Lachen nicht verkneifen und begann mit Erklärungen zum Wetter. Die letzten drei Wochen hätten dem Wintermonat Januar alle Ehre gemacht, mit Tagestemperaturen meistens unter null Grad. «Doch erst die vergangenen 72 Stunden», gab Schuler zu bedenken, «brachten eine Art Tauwetter. Dennoch: Das unmittelbare Ufer des Wohlensees beim Fundort des Opfers war grösstenteils noch mit einer dünnen Eisschicht bedeckt, das den Verwesungsprozess der Leiche – in Bauchlage – erheblich verzögert hatte. Entsprechend schwierig war es an Ort und Stelle, auch nur einen ungefähren Todeszeitpunkt zu bestimmen. Dazu kam, dass Wasserleichen nicht gerade die bevorzugten Objekte der Rechtsmediziner waren.»
Durch das Fortschreiten der Verwesung, fuhr die Rechtsmedizinerin fort, sei es für die Ärzte besonders schwer, diese Art von Toten zu identifizieren und im Rahmen einer Obduktion Rückschlüsse auf die eigentliche Todesursache und ein mögliches Verbrechen zu ziehen. Aufgrund des häufig sehr schlechten Zustands von Wasserleichen könnten aus rechtsmedizinischer Sicht oft nur die Zähne, die Kleidungsstücke oder die DNA zur relativ eindeutigen Identifizierung dienen.
Generell lasse sich sagen, dass der Verwesungsprozess einer Leiche sofort nach dem Tod beginne. Ein wesentliches Merkmal einer Wasserleiche sei im Allgemeinen die sogenannte Waschhautbildung, ein Phänomen, das auch im Alltag zu beobachten sei, wenn jemand viel zu lange in der Badewanne liege. Bei vollständigem Fehlen von Luft, also wenn die Leiche unter Wasser liege, verwandle sich das Körperfett in Körperwachs. Dieses Wachs könne die äusseren Umrisse eines Leichnams wie einen Panzer konservieren. Das Aussehen könne man dadurch als aufgedunsen bezeichnen. Diese beiden Erscheinungen, also Waschhaut und Fettwachs, würden die Wasserleiche von einem Körper unterscheiden, der «auf dem Land» verwest.
«Es tut mir leid, J. R.», sagte Schuler, «mehr kann ich zum Todeszeitpunkt noch nicht sagen, ich mache mich aber sofort an die Arbeit. Näheres wohl morgen Montagvormittag. Einige Auffälligkeiten gibt es dennoch.»
«Nämlich?»
«Der Mann ist extrem korpulent, aber das siehst du ja selber. Die Kollegen von der Seepolizei hatten alle Mühe, ihn zu bergen. Und: Er wurde mit nur einem Schuss getötet, direkt ins Herz. Das Projektil steckt noch, ein Austrittsloch fehlt. Binggeli und Kellerhals suchen die Gegend nach einer Hülse ab. Der Tote hat mehrere Narben, die zum Teil von Operationen herrühren, aber auch solche, die nichts mit medizinischen Eingriffen zu tun haben.»
«Was meinst du damit?»
«Das muss ich noch erst herausfinden. Ich mutmasse aber, dass der Tote kein unbeschriebenes Blatt war.»
«Wegen der Tattoos?»
«Genau. J. R., schau dir diese widerlichen Tattoos einmal an, das hat mit Kunst nichts mehr zu tun, nicht mal mehr mit Provokation, das zeigt reine Aggression. Aber vielleicht helfen uns die Tattoos bei der Identifizierung. Gut möglich, dass Tätowierer hierzulande wissen, wer solche Motive sticht. Entschuldige den unprofessionellen Ausdruck, aber der Typ ist doch ein Psycho.»
«War, Veronika … war ein Psycho. Sag mal, was ist mit der Kleidung? Irgendwelche Hinweise?»
«Das musst du Iutschiin und Schöre fragen, sie haben das Zeugs bis auf die Shorts eingepackt. Auf den ersten Blick nichts Besonderes.»
Joseph Ritter bedankte sich bei Veronika Schuler für den Zwischenbericht und verliess das Schutzzelt. Ihm fiel auf, dass auf der gegenüberliegenden Seeseite inzwischen viele Schaulustige zu sehen waren, zum Teil mit Feldstechern oder mit grossen Kameraobjektiven bewaffnet. Es würde, so vermutete er, also nicht mehr lange dauern, bis Ursula Meister zu ihrem ersten Medieninterview kommen würde.
«So, Ritter, was lässt sich festhalten?», fragte Staatsanwalt Max Knüsel. «Wir haben einen Toten und viele offene Fragen», antwortete Ritter etwas schnippisch und ging dann gleich zu einem sachlichen Ton über: «Das IRM wird alles daransetzen, uns bis morgen Vormittag Erkenntnisse zu liefern. Möglicherweise werden auch die beiden Taucher, die im Einsatz sind, fündig. Was sicher ist: Morgen halten wir um 14.00 Uhr eine erste grosse Infositzung ab, es wäre gut, könnten Sie kommen, Herr Knüsel.»
«Danke, Ritter, ich denke, das lässt sich machen. Allerdings muss ich mich jetzt für heute entschuldigen. Halten Sie mich einfach auf dem Laufenden, falls sich Aussergewöhnliches tut. Und sonst, wie gesagt, bis morgen», entgegnete der Staatsanwalt und lief ohne weitere Bemerkung zu seinem Auto.
Bei dieser Gelegenheit kam Ritter wieder einmal in den Sinn, dass man allgemein wenig über die Person des Max Knüsel wusste. Unbestritten war er ein scharfsinniger Denker, ein möglicher Nachfolger des Generalprokurators, des Generalstaatsanwalts des Kantons Bern. Seine ungehobelte Ausdrucksweise indes brachte ihm jedoch immer wieder Kritik von Prozessbeobachtern ein, auch wenn er in letzter Zeit deutlich weniger Ausbrüche als früher hatte. Über sein Privatleben war so gut wie nichts bekannt, auch nicht über eine mögliche Partnerin oder Familie. Ich werde ihn bei passender Gelegenheit einmal direkt darauf ansprechen, dachte der Chefermittler, während er von weitem beobachtete, wie die beiden Herren des KTD dabei waren, flüssigen Gips in vorhandene Reifenspuren zu füllen.
Ein Mann mittleren Alters stand auf der Plattform, ziemlich unbeteiligt am Geschehen rund um ihn herum. Ritter vermutete in ihm den Besitzer des Bootshauses, eine richtige Annahme, da dieser sich Sekunden später als Christian Lüthi aus Boll vorstellte. Lüthi erzählte Ritter davon, dass er kurz nach 7.30 Uhr ins Bootshaus gekommen sei, um die jährliche Generalversammlung des Vereins Bootshaus Freizeit vorzubereiten, die auf 11.00 Uhr angesetzt war.
«Eine Generalversammlung an einem Sonntagmorgen, ist das nicht eher ungewöhnlich?»
«Nun, Herr Ritter, meine sechs Vereinskollegen und ich sind keine typischen Kirchengänger, wir haben vor Jahren schon immer den letzten Sonntag im Januar für diese Versammlung reserviert – und dies noch auf Jahre hinaus.»
«Und so eine Versammlung eines derart bedeutenden Vereins dauert bestimmt auch viele Stunden, nicht wahr?», witzelte Ritter, um eine lockere Gesprächsatmosphäre zu schaffen, worauf Lüthi die Türe aufschloss und ihn mit «Jaja, wir kommen aus Zeitdruck kaum dazu, den mitgebrachten Weissen zum Apéro zu trinken» in die gute Stube bat. «Stube» war in der Tat ein passender Ausdruck für den ungefähr 18 Quadratmeter grossen Aufenthaltsraum mit Sitzgarnitur, winziger Toilette und kleiner Küche ohne Strom und fliessendes Wasser. Die Wände waren mit Fotos von Hechten und anderen vergangenen Fischereierfolgen verziert. Eindeutig: Die Täterschaft hatte es überhaupt nicht auf das Haus abgesehen, die Türe wurde nicht aufgebrochen, dementsprechend fehlte im Innern auch nichts. Ritter und Lüthi traten Augenblicke später wieder auf die Plattform hinaus, von wo aus zwei Leute des IRM im Begriff waren, den Toten in einem länglichen Metallkörper in Richtung ihres Kleinlasters zu tragen, wobei sie im wahrsten Sinne des Wortes schwer zu tragen hatten. Sozusagen gleichzeitig mit dem Toten verabschiedete sich auch Veronika Schuler vom Fundort in Richtung Länggasse, Standort des IRM an der Bühlstrasse.
Christian Lüthi, seines Zeichens IT-Spezialist, zeigte Joseph Ritter den vermuteten Weg der Täterschaft zum Fundort. Ritter bat ihn, die Informationen, die er loswerden wollte, noch schnell zurückzubehalten. Er rief die beiden Kollegen des KTD zu sich, damit sie sich ebenfalls mit möglichen Details vertraut machen konnten. Eine halbe Minute später stellte Lüthi seine Hypothese auf.
«Auf unser Bootshaus stösst man nicht zufällig, man muss sich in der Gegend schon auskennen, um eine Leiche in den See zu werfen. Wurde der Mann eigentlich hier ermordet?»
«Das wird Gegenstand unserer Ermittlungen sein, das hängt sehr stark auch von den Erkenntnissen der Rechtsmedizin und des KTD ab. Aber fahren Sie fort, bitte, Herr Lüthi.» Dieser zeigte daraufhin in Richtung der Böschung.
«Eigentlich gibt es keinen anderen Weg zum Bootshaus als dieser schmale Weg, der im Winter aber immer vereist ist. Auch ich muss höllisch aufpassen, damit ig nid uf d’Schnure flüge. Meine Theorie: Anschliessend ist man von dort aus vermutlich in Richtung der Böschung am Haus vorbeigelaufen, hat den Mann getötet, worauf er in den See gefallen ist. Da die Strömung des Wassers auf unserer Seite des Sees verläuft, hat es die Leiche zum Bootsunterstand geschwemmt.»
«Womit wir zur Mutter aller Fragen kommen», unterbrach Eugen Binggeli die Ausführungen des Bootshaus-Mitbesitzers, «weshalb haben Sie denn die Leiche überhaupt gefunden?»
«Wie Herrn Ritter bereits mitgeteilt: Ich wollte die Generalversammlung unseres Vereins ordnungsgemäss vorbereiten, und da gehört es dazu, dass man vorher alles kurz inspiziert.»
«Kann man gelten lassen», erwiderte Binggeli trocken, worauf sich die beiden Kriminaltechniker in Richtung Bootsunterstand aufmachten. «Iutschiin, schaut dann den Weg und die Böschung genau an, vor allem links und rechts, vielleicht ist da ja jemand umgefallen und hat Spuren hinterlassen.»
Ritter wollte Geschichtliches zum Bootshaus in Erfahrung bringen. Christian Lüthi berichtete, dass 1934 acht Fischerkollegen beschlossen hatten, 130 Meter oberhalb der längst abgebrochenen alten Kappelenbrücke das Bootshaus und vier Schiffseinstellplätze zu bauen, was ein Jahr später auch realisiert wurde. 1938 kamen weitere vier Einstellplätze für Fischerboote dazu. Die Arbeiten hätten die acht Kollegen in ihrer Freizeit vorgenommen, um Geld für spätere Freizeitaktivitäten zu sparen. Heute sind einige der Mitbesitzer direkte Nachkommen jener Pioniere.

Bootshaus-Mitbesitzer Christian Lüthi aus Boll.
Gegen Mittag vermeldeten die beiden Taucher, dass sie beim Absuchen des Seegrunds zwar das eine oder andere gefunden hätten, keiner der Gegenstände schien aber einen Bezug zum Toten zu haben. Sicherheitshalber wurden drei Münzen, zwei Schlüssel und ein Sackmesser für den KTD in einen Beutel gesteckt.
«Hoppla! Das Sackmesser gehört mir, es ist mir im Herbst ins Wasser gefallen», freute sich Lüthi, «Danke sehr.»
Um 12.00 Uhr zeigte das Areal Auflösungserscheinungen, hatten die meisten Spezialisten doch ihre Arbeiten abgeschlossen, zumindest was den Fundort anbetraf. Das traf auch auf Christian Lüthi zu, der die angesagte Generalversammlung ausnahmsweise im Restaurant Bistro des Alterswohnheims Domicil Hausmatte in Hinterkappelen abhalten musste, sehr zum Erstaunen seiner Kollegen. Ursula Meister ihrerseits konnte die meisten Fragen der Medienschaffenden aus verständlichen Gründen noch nicht schlüssig beantworten, verwies deshalb auf eine voraussichtlich «morgen Montag um 16.00 Uhr stattfindende Medieninformation». Der Satz «Wir ermitteln in alle Richtungen, stehen erst am Anfang unserer Recherchen» fiel dabei einige Male. Einzig Eugen Binggeli und Georges Kellerhals blieben auf dem weiterhin abgesteckten Terrain zurück, noch immer auf der Suche nach möglichen Spuren. Zwei Kantonspolizisten stellen nach wie vor sicher, dass das Gelände nicht durch Unbefugte betreten wurde und mögliche Spuren vernichtet wurden.
Joseph Ritter hatte sich kurz zuvor in Richtung seines Büros zur Vorbereitung der Sitzung am Montag verabschiedet. Regula Wälchli, Elias Brunner und Stephan Moser begannen damit, mögliche Zeugen zu befragen, vor allem Mitglieder des Rowing Club Bern – der vor einigen Jahren vorgefertigte Teile des ehemaligen Restaurants Mistral der Migros während der Expo.02 übernehmen und damit sein Clubhaus am Wohlensee realisieren konnte – sowie Gäste im TCS Camping Bern-Eymatt. Das Besondere an diesem Campingplatz: Während der Wintermonate ist er seit der Saison 2016 /17 offiziell geschlossen, lediglich neun Holzchalets wurden vermietet, meistens an ausländische Touristen, die länger in der Schweiz blieben und Bern aus Ausgangspunkt für ihre Reisen wählten, oder aber an Aussteller bei der Bernexpo. Die Bernexpo ist das Messe- und Ausstellungsgelände von Bern. Die Bernexpo Groupe ist ein Live-Marketing-Unternehmen, das jährlich rund 30 Eigen- und Gastmessen sowie über 200 Kongresse und Gastveranstaltungen durchführt.
Wie nicht anders zu erwarten, waren die Auskünfte jener Aufenthalter, die an diesem Sonntagnachmittag im Camping anzutreffen waren, für Elias Brunner und Stephan Moser nicht sehr ergiebig. Das lag zum einen am Umstand, dass nicht alle Holzhütten belegt waren, aber auch daran, dass drei Mieter erst gestern eingecheckt hatten. Immerhin: Ein Koreaner, Herr Kim – mit seiner Frau in Europa unterwegs –, behauptete, am 21. Januar um 21.45 Uhr in der Nähe des Waldes ein Auto und laute Männerstimmen gehört zu haben, die aber kurz darauf verstummten. Das Auto fuhr nach seinen Angaben nach ungefähr zehn Minuten wieder weg, sicher aber noch vor 22.00 Uhr.
«Herr Kim, weshalb können Sie sich an Datum und Zeit so gut erinnern?», wollte Stephan Moser von Herrn Kim wissen, der fliessend Englisch sprach und alle Fragen mit asiatischer Zuvorkommenheit beantwortete. «Am Sonntagabend schaue ich immer die Frühnachrichten beim koreanischen KBS und die beginnen um 6.00 Uhr.»
«Und das wäre mit der Zeitverschiebung von acht Stunden 22.00 Uhr Schweizer Zeit am Vorabend. Könnte es aber nicht auch Montag oder Dienstag gewesen sein?»
«Nein, ich schaue die News nur am Montagmorgen, wenn wir im Ausland sind, auch wegen der Sportresultate vom Wochenende, vor allem beim Taekwondo. Das habe ich auch am letzten Sonntagabend gemacht. Eine Viertelstunde vorher bin ich vors Haus, um eine Zigarette zu rauchen, da habe ich das Motorengeräusch und die Stimmen gehört.»
«Und einen Schuss?»
«Nein, keinen Schuss.»
«Herr Kim, können Sie morgen Vormittag zu uns kommen, damit wir Ihre Aussagen protokollieren können? Das wäre sehr wichtig.» Mit dieser höflich formulierten Aufforderung überreichte Stephan Moser dem Koreaner seine Visitenkarte.
«Das mache ich. Kann ich bereits um halb acht kommen, damit Frau Kim und ich unseren Ausflug nach Montreux wie vorgesehen machen können?»

Das Campingareal des TCS in Bern-Eymatt.
Mit «Ja, gerne. Danke, Herr Kim, Sie haben uns sehr geholfen» verabschiedeten sich Brunner und Moser praktisch synchron, um sich auf den Weg zum Clubhaus des Rowing Clubs zu begeben.
«Stephan, kein Schuss. Was schliessen wir daraus, falls der Koreaner Ohrenzeuge war, was ich durchaus glaube?»
«Genau das ging mir auch durch den Kopf. Für mich ist unwahrscheinlich, dass man diesen Fettwanst zum Bootshaus getragen hat. Also ging man mit ihm dorthin, aus welchen Gründen auch immer. Und dort: Schalldämpfer, Sturz in den See. Würde sich auch mit der Version von Herrn Lüthi decken.»
«Ich teile deine Ansicht. Mal sehen, was das IRM rausfindet. Übrigens, unter uns beiden: Wie geht es dir denn?»
«Elias, es geht so. Mal besser, mal weniger gut. Weisst du, Dolores hat mich ja nicht Knall auf Fall verlassen, wir haben oft über dieses Stellenangebot beim Aussenministerium in Madrid gesprochen. So wie es aussieht, kann sie demnächst als Handelsattachée an eine spanische Botschaft nach Übersee wechseln.»
«Habt Ihr noch Kontakt?»
«Ja sicher, fast jeden Tag, wir haben uns ja in aller Freundschaft getrennt. Sie hat sich den Entscheid nicht leicht gemacht. Aber eine Fernbeziehung macht keinen Sinn, wir haben es versucht. Así es la vida, so ist das Leben. Sicher ist, dass ich demnächst aus der Wohnung im Kappelenring ausziehen werde, zu viel erinnert mich an sie.»
«Schon etwas in Aussicht?»
«Elias, du bist ja neugieriger als Regula … Ja, ich habe mir letzte Woche eine Wohnung beim Le-Corbusier-Platz angesehen, ich werde sie wohl nehmen. Dreieinhalb Zimmer, unmittelbar neben dem Freizeit- und Einkaufszentrum Westside gelegen.»
«Und gleich neben dem Alterswohnheim Senevita für die langfristige Lebensplanung.»
«Elias, du bist ein Lööli… Dolores lässt euch übrigens herzlich grüssen. Aber Schluss mit der Diskussion, da kommt Regula daher.»

Hier, beim Le-Corbusier-Platz im Westen von Bern, wird Stephan Moser wohl in eine Wohnung einziehen.
Regula Wälchli hatte nach ihren Erkundigungen beim Ruderclub nichts Greifbares zu vermelden. Sie erzählte davon, per Zufall auch noch mit Caroline Burri gesprochen habe, die praktisch vis-à-vis des Fundorts eine Praxis als Podologin betrieb, nach eigenen Angaben dort noch schnell etwas holen musste und die Gelegenheit für einen Spaziergang nutzte. Aber auch Burri konnte keine aussergewöhnlichen Beobachtungen vermelden.
Elchin Guseinow und Karl-Heinz Becker. Montag, 29. Januar.
Die Medien hatten an diesem Montag, 29. Januar in ihrer bekannten Art vom Leichenfund berichtet, die einen auf der Titelseite, andere wiederum im Lokalteil. Immerhin: Grosse Spekulationen rund um die Tatumstände gab es keine.
«Gibt es Erkenntnisse für unsere Infowand?», wollte Joseph Ritter wissen. Es war 7.05 Uhr, zehn Minuten zuvor hatte sich das Team im Ringhof eingefunden. Regula und Elias hatten es sich in letzter Zeit zur Gewohnheit gemacht, Gipfeli von Beck Glatz an der Mittelstrasse mitzubringen, der Chef seinerseits betreute die Nespressomaschine und war für genügend Kapseln besorgt. Für die morgendliche Verpflegung gab es eine Kaffeekasse, aus der auch die Gipfeli bezahlt wurden, als Finanzminister amtete Stephan Moser.
«Ja, ein koreanischer Tourist hat vermutlich die Tat mitgehört. Er kommt in einer …»
«Moment mal, was heisst… mitgehört, Stephan?», fragte Ritter nach, Moser erklärte den Sachverhalt. Ritter schrieb Stichworte dazu auf die Infowand.
«Danke. Was wolltest du noch sagen?»
«Herr Kim kommt in ungefähr einer halben Stunde vorbei, damit wir seine Aussagen protokollieren können. Der Polizeiposten in Hinterkappelen ist ja nicht immer besetzt, nur Montag und Donnerstag von 16 bis 18 Uhr. Oder nach Vereinbarung.»
Ritter wollte gerade mit Fragen zu weiteren neuen Erkenntnissen – die es bekanntlich noch nicht gab – weiterfahren, als sich sein Galaxy S9 mit dem AC/DC-Song meldete. Sehr rasch war klar, dass es um ein wichtiges Gespräch ging, setze sich Ritter doch an sein Pult, schrieb mit, wiederholte nur Stichworte. Sein Team unterhielt sich in dieser Zeit im Flüsterton. Nach knapp fünf Minuten bedankte sich Ritter bei einem «Herr Rindlisbacher» für seinen Anruf und bat ihn, «noch heute Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr beim Polizeiposten Hinterkappelen vorbeizugehen und seine Angaben protokollieren zu lassen. Ich werde die Kollegen informieren.»
«Strix aluco sei Dank», erklärte er den drei Anwesenden.
«Hä?» Moser sprach aus, was Wälchli und Brunner ebenfalls auf den Lippen lag.
«Das ist der lateinische Ausdruck für den Waldkauz. Ein Ornithologe ist Fan des Waldkauzes.»
«Sehr schön für ihn. Und was hat das mit uns zu tun?»
«Stephan, dieser Lukas Rindlisbacher wohnt im obersten Stockwerk des Hochhauses Kappelenring 13. Und von dort aus beobachtet er unter anderem das Verhalten eines Waldkauzes.»
Noch immer verstand das Team nur Bahnhof, sodass der Chef Klartext sprach. Lukas Rindlisbacher hatte heute Morgen in der «Berner Zeitung» den Aufruf der Polizei nach möglichen Zeugen gelesen. Ihm kam dabei eine Beobachtung des vergangenen Sonntags, 21. Januar in den Sinn. Rindlisbacher fiel nämlich seit längerem das veränderte Verhalten eines Waldkauzes auf, der seine Nahrung immer öfter im nachts beleuchteten Kappelenring suchte, um anschliessend in den Wald zurückzufliegen. Rindlisbacher verfolgte diese Gewohnheit auch am letzten Sonntagabend, unmittelbar nach Ende des «Tatort» aus Münster mit Rechtsmediziner Professor Boerne, seiner Assistentin Alberich und Hauptkommissar Thiel. Dies war auch der Grund, weshalb er den Zeitrahmen seiner Beobachtung genau eingrenzen konnte, nämlich zwischen 21.40 und 22.00 Uhr, als Rindlisbacher die News auf TeleBärn verfolgte. Rindlisbacher sagte aus, dass er mit seinem Infrarotfernrohr in der Gegend des Bootshauses Personen gesehen habe, drei Gestalten, vermutlich Männer.
«Und? Haben sie jemanden zum Ufer getragen?», wollte Elias Brunner wissen.
«Mehr hat er nicht beobachtet.»
«Weil der Vogel seinen Vogel verfolgt hat, seinen Strix-weiss-nicht was?» «Nein, weil seine Frau ihn vom Balkon geholt hat, er würde sich sonst erkälten.»
«Super, liebe Frau Rindlisbacher, grossartig! Sie haben uns damit sehr geholfen!», rief Moser ironisch.
Eine Erkenntnis indes gab es: Der Fundort der Leiche eine Woche später spielte am Abend des Sonntags, 21. Januar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine zentrale Rolle beim Verbrechen. Just im Moment dieser Erkenntnis klopfte es an der Türe. Es war Claudia Lüthi, Mitarbeiterin im Ringhof, Herrn Kim samt Gattin im Schlepptau.
Ritter bedankte sich bei Claudia Lüthi und begrüsste Herrn und Frau Kim, stellte der guten Ordnung halber alle Mitglieder des Teams vor, obwohl Herr Kim die Kollegen Moser und Brunner bereits kannte. Der Leiter des Dezernats Leib und Leben führte das Gespräch gleich selber, bat Herrn Kim «zuhanden des Protokolls» seine gestrigen Aussagen zu wiederholen, dabei sei jedes Detail wichtig.
Mitten im Gespräch klopfte es an der Türe, wiederum war es Claudia Lüthi, die sich mit entschuldigenden Worten an den Koreaner richtete. «Herr Kim, Sie haben Ihren Wagen ungünstig parkiert, eine unserer Patrouillen kann nicht ausfahren.» Herr Kim machte sich sofort auf den Weg, um das Auto umzuparkieren. Unterwegs fragte er die durchaus Englisch sprechende Claudia Lüthi, weshalb sie wisse, dass es sein Fahrzeug sei.
«Herr Kim, wir sind hier bei der Polizei…», lachte Lüthi. Sie verschwieg dabei den Umstand, dass der Seat ein SH-Kennzeichen hatte, ein untrügliches Zeichen für Mietwagen, ähnlich wie bei AI.
Fünf Minuten später kam Herr Kim zurück. Er entschuldigte sich für sein Versehen. In der Zwischenzeit hatte Joseph Ritter Frau Kim einige Tipps für Sehenswürdigkeiten auf dem Weg nach Montreux gegeben: La Maison du Gruyère und das Musée HR Giger in Gruyères, La Maison Cailler in Broc. Frau Kim gab sich entzückt, zumal Ritter erwähnte, dass er selber drei Jahre in Korea verbracht hatte, als Sicherheitsberater bei den US-Streitkräften, genauer gesagt bei der Luftwaffe der United States Airforce USAF. Noch bevor Ritter Herr Kim weiter befragen konnte, wurde Herr Kim von dieser Neuigkeit durch Frau Kim ins Bild gesetzt; zur grossen Freude beider, zumal Ritter noch einige Sätze Koreanisch sprach.
Herr Kim wiederholte im Ringhof genau jene Aussagen, die er gestern schon gemacht hatte. Diese deckten sich durchaus mit den Beobachtungen von Vogelbeobachter Erich Rindlisbacher. Herr Kim unterschrieb das Protokoll, worauf Ritter ihn und Frau Kim gegen 7.50 Uhr zum Ausgang begleitete. Regula Wälchli vervollständigte währenddessen die Angaben auf der Plexi-Infowand, auch als Vorbereitung auf die Infositzung von 8.00 Uhr mit Kommunikationskollegin Ursula Meister und den beiden Herren des KTD. Getreu der Redewendung «Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt» klopfte völlig unerwartet Veronika Schuler an die Türe. Ungewohnt deshalb, weil die Rechtsmedizinerin ihre Erkenntnisse normalerweise per Telefon mitteilte. Einige Augenblicke später kehrte Ritter ins Büro zurück, sich demonstrativ die Augen reibend, als er Veronika Schuler erblickte.
«Wow! Ich hoffe, das ist kein schlechtes Zeichen, dich hier zu sehen. Darf ich ehrlich zu dir sein: Veronika, du siehst übermüdet aus.»
«Ich bin auch ehrlich mir dir, J. R., ich komme direkt aus dem Institut, habe durchgearbeitet und lege mich nachher aufs Ohr. Aber ich habe Neuigkeiten. Den KTD habe ich vor einer Stunde informiert. Gut möglich, dass Iutschiin und Schöre später weitere News haben.»
«Danke, Veronika. Ich schlage vor, dass wir uns ins Sitzungszimmer verziehen, der KTD und die Kommunikation kommen jeden Moment. Geht ihr alle schon mal vor, ich komme mit dem Flipchart nach.»
Etwas hatte sich im Laufe der Zeit(en) nicht verändert: Alle zur Sitzung aufgebotenen Verantwortlichen erschienen auch heute pünktlich. Bei diesem Treffen ging es nicht nur um neue Erkenntnisse im Fall Wohlensee, sondern um die Vorbereitung zur grossen Inforunde um 14.00 Uhr, mit dem Staatser, mit Polizeikommandant Christian Grossenbacher und mit der zweiten Kommunikationsfachfrau, Gabriela Künzi. Es war unschwer zu erraten, wer sofort das Wort erhielt. Joseph Ritter wollte nämlich bewusst die Aussagen von Herrn Kim und Lukas Rindlisbacher zurückhalten und sie erst nach den Ausführungen der Rechtsmedizin bekannt geben. Er war gespannt, ob sich die bisher beobachteten Ereignisse am Abend des Sonntags, 21. Januar mit den Aussagen von Veronika Schuler deckten.
«Ich falle sogleich mit der Türe ins Haus», begann Schuler nun, «unser Toter heisst Elchin Guseinow. Er stammt ursprünglich aus Tomlija, der Hauptstadt von Uralistan. Seine DNA ist in der internationalen Datenbank gespeichert. Ich denke, dass der KTD euch weitere Informationen zu diesem Guseinow geben kann, weshalb ich mich auf meine Erkenntnisse bei der Virtopsy und der zusätzlich durchgeführten Autopsie beschränke.» Als Virtopsy, fuhr Schuler fort, werde ein forensisch-medizinisches Verfahren bezeichnet, das einen Grossteil der herkömmlichen Obduktionen (Autopsien, Leichenöffnungen) durch ein minimalinvasives Vorgehen ersetzen solle. Initiiert worden sei das Forschungsprojekt mit dem Namen Virtopsy Ende des vergangenen Jahrhunderts unter der Leitung von Richard Dirnhofer am Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern.
«Ehrlich gesagt, ich habe gestaunt, dass man Guseinow überhaupt erschiessen musste», sagte Veronika Schuler zur Verwunderung der Anwesenden. «Er war bis zum Rand hin voll mit Kokain und einem eigentlichen Medikamentencocktail, vor allem Anapolon, das primär in Bodybuilderkreisen verwendet wird. Ich behaupte, ein Ross hätte das alles nicht überlebt.» Veronika Schuler erklärte daraufhin die Wirkung von Anapolon.
«Anapolon ist eines der stärksten und effektivsten Steroide. Es kann zu extremen Kraft- und Massezunahmen in kürzester Zeit kommen. Eine Zunahme des Körpergewichts von fünf bis sieben Kilogramm in sehr kurzer Zeit ist keine Seltenheit. Dabei kommt es zu einer erheblichen Wassereinlagerung, die den Muskelumfang schnell erhöht. Durch Anapolon wird auch Wasser in den Gelenke eingelagert, was ein nicht unerheblicher Faktor für die enorme Kraftzunahme ist und zum anderen auch ein schmerzfreies Training trotz Gelenkproblemen ermöglicht. Anapolon vermehrt die Zahl der roten Blutkörperchen, wodurch der Muskel mehr Sauerstoff aufnehmen kann. Dadurch wird dieser ausdauernder und leistungsfähiger. Der Steroid-Pump tritt durch Anapolon schnell ein und vermittelt während des Trainings ein gutes und angenehmes Gefühl. Eine ausreichende Dosierung liegt bei ein bis zwei Milligramm pro Kilo Körpergewicht täglich. Da Anapolon sehr schnell einem Anpassungseffekt unterliegt, empfiehlt es sich, die Einnahmedauer von fünf bis sechs Wochen nicht zu überschreiten. Anapolon ist kein Steroid für Anfänger und sollte erst von Athleten mit einem gewissen Entwicklungsstand genommen werden.
Anapolon ist auch eines der schädlichsten Steroide. Nebenwirkungen: Schlaflosigkeit, Nierenfunktionsstörungen, Magenschmerzen, erhöhte Leberwerte, Durchfall, Gelbsucht, Erhöhung des Blutdruckes, starke Akne, Haarausfall, Kopfschmerzen, Potenzstörungen, Übelkeit, Erbrechen, sehr toxisch für die Leber», schloss Schuler und fuhr gleich fort: «Erschossen wurde er mit einer 9-mm-Pistole, der KTD hat das Geschoss zur Untersuchung erhalten. Schöre, habt ihr bereits ein Ergebnis?»
«Ja, aber wir fassen erst nach deinen Erkenntnissen zusammen.»
«Der Schusskanal, schräg von unten nach oben, und Schmauchspuren an der Leiche lassen den Schluss zu, dass der Mörder weiter unten in der Böschung stand als das Opfer. Verschiedene Kratzspuren deuten darauf hin, dass der Ermordete danach die Böschung hinuntergefallen ist.»
«Was ist mir den Narben, die du gestern erwähnt hast?»
«Nur nicht so hastig, J. R., alles schön der Reihe nach. Also ja, Guseinow hatte verschiedene medizinische Eingriffe nach Verletzungen. Gut möglich, dass er in frühen Jahren Sportler war, seinen Körper hat er aber vernichtet. Guseinow war 189 Zentimeter gross und 138 Kilo schwer. Sein Gesicht dürfte zu Lebzeiten nicht viel anders als gestern ausgesehen haben. Einige Narben stammen übrigens nicht von Skalpellen. Sie wurden auch nicht medizinisch behandelt, stammten vermutlich von einem Pfuscher nach handgreiflichen Auseinandersetzungen. Das gilt auch für die eine oder andere Stümperei bei den Tattoos. Ich habe noch selten einen derart malträtierten Körper gesehen. Überhaupt und man verzeihe mir jetzt den unprofessionellen Ausdruck: Dieser Typ ist für mich der Inbegriff eines Kotzbrockens.»
Beim konkreten Todeszeitpunkt musste die Pathologin passen, zu sehr hatten ihr die meteorologischen Umstände ins Handwerk gepfuscht.
«Veronika, wir haben berechtigten Grund zur Annahme, dass der KB…» «Sorry, wenn ich dich unterbreche, J. R., der KB?»
«KB, Abkürzung von Kotzbrocken…», entgegnete Ritter, worauf allenthalben Gelächter ausbrach, «… dass der KB am Sonntagabend, 21. Januar zu Tode gekommen ist. Würdest du da widersprechen?»
«Nein, J. R., das ist sehr gut möglich. Wie kommt ihr darauf?», fragte Schuler und wurde umgehend kurz mit den Aussagen der Herren Kim und Rindlisbacher aufdatiert.
«Ich erspare euch weitere Details, die kriminaltechnisch nicht von Belang sind, sie stehen dann in meinem schriftlichen Bericht. Eine Überraschung habe ich für euch aber noch parat…»
«Nun mach es nicht so spannend, Frau Rechtsmedizinerin.»
«J. R., auf der linken Handinnenfläche konnte ich eine Telefonnummer entziffern, die von blossem Auge nicht mehr als solche zu erkennen ist. Und hiermit verabschiede ich mich von euch», sagte Veronika Schuler mit Schalk in den Augen. Doch die Pathologin beliebte nicht zu scherzen, im Gegenteil, sie stand auf und verliess ohne weiteren Kommentar – aber mit der rechten Hand ein V-Zeichen zeigend und einem breiten Grinsen den Raum –, während Ritter nach Luft schnappte.
«Das kannst du jetzt aber mit uns nicht machen! Was hat es mit dieser Telefonnummer auf sich? Verooonika!», schrie er ihr förmlich nach, durch die inzwischen bereits geschlossene Türe. Die übrigen Anwesenden schienen den Oscar-würdigen Auftritt des Chefs sichtlich zu geniessen, denn letztmals hatte man ihn vor drei Jahren ähnlich aufgewühlt erlebt, als er sich ebenfalls während einer Sitzung bewusst wurde, dass seine Eselsbrücke für Familiennamen nicht funktionierte und er Imobersteg mit Aufdermauer verwechselt hatte.
Kellerhals bereitete dem laufenden Spektakel ein Ende. «J. R., cool down. Alles Weitere kommt von uns, auch wem die Telefonnummer gehört.» Damit gab sich Ritter zufrieden, nicht ohne mit einem süffisanten Lächeln darauf hinzuweisen, dass Frau Schuler eine nette Retourkutsche zugute hatte.
«Also denn, Schöre. Vorher noch eine Frage: Wie kann eine Kugel, wenn aus kurzer Distanz abgefeuert, im Körper stecken bleiben?»
«Das versucht Veronika herauszufinden, das kann mit Schalldämpfer durchaus vorkommen. Es gäbe aber noch die Möglichkeit der vollen PET-Wasserflasche, die man sozusagen vor den Lauf steckt und die sowohl den Schall dämpft als auch das Projektil abbremst.»
«Jaja, habe ich auch schon gehört, ein bisschen sehr theoretisch, findest du nicht?»
«Da gebe ich dir recht, J. R.. Weil weder Herr Kim noch dieser Lukas Rindlisbacher einen Schuss gehört haben, gehen wir von einem ganz normalen Schalldämpfer aus. Jetzt aber zur Vergangenheit des Herrn Guseinow aus Uralistan. Da gab es doch vor einigen Jahren diesen gigantischen Dopingskandal, von dem Sportlerinnen und Sportler aus Russland und aus Uralistan betroffen waren.»
«Oh ja, ich erinnere mich», erklärte Ritter, der sich beruhigt hatte und sich im Stuhl zurücklehnte, «Guseinow war als Sportminister doch der eigentliche Drahtzieher dieses Staatsdopings in Uralistan. Im Gegensatz zu seinem russischen Kollegen hielt aber kein Präsident die schützende Hand über ihn, er verbrachte einige Zeit im Zuchthaus. Wie aber kommt dieser KB nach Bern?»
Eigentlich wäre jetzt vorgesehen gewesen, eine kurze Pause einzulegen, die aber aufgrund der «Telefonnummer-Bombe» verschoben wurde. Es war Eugen Binggeli vergönnt, der Runde das Geheimnis zu verraten. Die Nummer gehörte zu einer Wohnung am Kappelenring 7, in der laut der verantwortlichen Liegenschaftsverwaltung ein Karl-Heinz Becker gemeldet war, deutscher Staatsangehöriger, mit der Berufsbezeichnung «Spitzensportler» vermerkt. Erste Erkundigungen bei der Einwohnerkontrolle Wohlen – Hinterkappelen war Teil dieser flächenmässig grossen Gemeinde mit knapp 10 000 Einwohnern – hatten zu Beginn allerdings zu Unklarheiten geführt, weil der Wohlener Beamte weder Namen noch Adresse bestätigen mochte. Die beiden KTD-Leute hatten jedoch in der kurzen Zeit, die ihnen am frühen Morgen zur Verfügung stand, herausgefunden, dass die Bundespolizei Fedpol in die Niederlassung des Karl-Heinz Becker involviert war.
«Und was heisst das, Iutschiin?»
«Dass Herr Becker vielleicht gar nicht Herr Becker heisst.» «Zeugenschutzprogramm?»
«J. R., genau das ging Schöre und mir auch durch den Kopf.»
«Wie auch immer, ich weiss nichts davon, checke das aber mit Fedpol. Moser und Brunner, ab nach Hinterkappelen, subito! Stephan, in welcher Nummer wohnst du eigentlich?»
«8, das heisst aber nicht, dass ich Tür an Tür zu 7 wohne, die Nummerierung im Kappelenring ist das grösste Chaos, das man sich vorstellen kann. Viele ältere Bewohner sind froh, überhaupt wieder nach Hause zu finden. Hausnummer 52 befindet sich beispielsweise vor der 38 und so weiter. Keine Sau kommt draus, wie hier nummeriert wurde… Gäste, die erstmals zu mir finden, fluchen zuerst eine Runde. Aber das war ja nicht dein Anliegen. Elias, komm, wir machen uns auf den Weg. Wir melden uns.»
«Notfalls direkt in die Inforunde.»
«Deal.»
«Moment noch, ihr beiden!», schaltete sich Kellerhals dazwischen, «die ballistischen Untersuchungen haben ergeben, dass KB mit einer Walther P99 erschossen wurde, Und haltet euch fest: Mit dieser Waffe wurde bereits einmal ein Mord begangen, in Tomlija, der Hauptstadt Uralistans, Täter bis heute unbekannt.»
Kellerhals erzählte auch davon, dass man im untersten Teil der Böschung an einem Ast Faserspuren sichergestellt habe, die genauer untersucht würden, sie hätten jedoch die gleiche blaue Farbe wie die Daunenjacke des Toten.
Mit dieser Enthüllung hatte der KTD definitiv sein Pulver verschossen. Die Kollegen Moser und Brunner machten sich deshalb auf den Weg an den Wohlensee, Ursula Meister in Richtung Polizeikaserne Waisenhausplatz, Binggeli und Kellerhals zogen sich vorerst in ihr Reich zurück, sodass Ritter und Wälchli allein im Sitzungszimmer zurückblieben.
«J. R., Idee: Weil dieser Karl-Heinz Becker angeblich Spitzensportler ist – Magglingen ist ja nicht weit entfernt. Ich habe eine Kollegin dort oben beim Bundesamt für Sport, ich könnte mich vor Ort einmal umhören, ob dieser Karl-Heinz Becker beim Baspo bekannt ist.»
«Guter Vorschlag, Regula. Nun, ich könnte jetzt jammern, dass ihr mich für die Sitzung um 14.00 Uhr allein zurücklasst, aber damit kann ich umgehen. Nein, Spass beiseite, mach dich auf den Weg, vielleicht erfährst du ja Neuigkeiten, die du mir umgehend in die Sitzung telefonieren kannst.» «Mache ich. Vorher hätte ich aber noch einen Wunsch, weil du in Sachen Doping auf dem Laufenden bist und wir möglicherweise in diesem Dunstkreis ermitteln müssen, ich aber keine grosse Ahnung habe. Seit wann spricht man eigentlich in einer breiten Öffentlichkeit von Doping?»
«Mal sehen, ob ich das in geraffter Form sagen kann. Dann aber ab nach Magglingen, verstanden?»
«Verstanden.»
Ritter erzählte, dass es in den sechziger Jahren die Schwestern Tamara und Irina Press aus der Sowjetunion gab, höchst erfolgreiche Leichtathletinnen – nicht nur in den Kraftdisziplinen Kugelstossen und Diskus –, denen nachgesagt wurde, sie würden sich jeden Morgen rasieren (Rufname «The Press-Brothers»), weil sie für Frauen derart monströse Muskeln hatten. Ähnliches habe auch für Jarmila Kratochvilova aus der ehemaligen CSSR gegolten, seit 1983 (!) noch immer Inhaberin des 800-Meter-Weltrekords und, in der neueren Zeit, für Caster Semenya aus Südafrika. Zumindest bei den drei Erstgenannten sei klar: Da sei der oftmals launischen Natur zusätzlich nachgeholfen worden.
«Überhaupt stand die Leichtathletik im Fokus, nicht bloss der Radsport, wenn auch meist erst Jahre nach Veranstaltungen», fuhr Ritter fort. So soll laut einem Bericht der ARD das Internationale Olympische Komitee IOK und die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada auffällige Nachkontrollen der Sommerspiele von 2008 bei jamaikanischen Sprintern auf Clenbuterol nicht weiterverfolgt haben. Dieses Präparat – mit Verwendung in der Tierzucht – sei bereits der bildhübschen DDR-Sprinterin Kathrin Krabbe zum Verhängnis geworden.
Erstmals sei Doping im Sport vermutlich 1967 ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt, als der Engländer Tom Simpson bei der Tour de France in der Sommerhitze auf dem Weg zur Spitze des Mont Ventoux tot vom Rad fiel. In seinem Blut fanden die Ärzte später einen verhängnisvollen Drogenmix. Seither, so Ritter, habe der Radsport nie aufgehört, Doping-Schlagzeilen zu liefern. Namen wie Jan Ullrich, Lance Armstrong, Marco Pantani oder Floyd Landis hätten die zweifelhafte Ehre, das Doping-Tableau zu zieren. Nicht zu vergessen das gesamte Festina-Team, welches 1998 von der Grande Boucle, der Tour de France, ausgeschlossen wurde. Ganz abgesehen davon seien auch mehrere bekannte Schweizer Radrennfahrer wegen Dopingmissbrauchs im Laufe der Jahre vom Sattel geholt worden.
«Aber ich schätze, dass bereits zu Zeiten von Kübler und Kobelt mehr als nur Bschüssig-Teigwaren am Vorabend oder Gly-Coramin während des Rennens zur Stärkung eingenommen wurden, denn es gab bereits damals wundersame Chügeli, die den Fahrern zusätzlichen Schub gaben.»
Unglaublich, aber wahr: Zu jener Zeit sei es nicht unüblich gewesen, dass der eine oder andere Fahrer vor Beginn eines Aufstiegs zur Etappenankunft kurz vom Rad stieg und ein Bistro aufsuchte, wo bereits Rotwein und Cognac bereitgestanden hätten, von Teamverantwortlichen organisiert oder weil die Beizer aus den Vorjahren wussten, was bei den Pédaleurs de la Route gefragt war.
«Ein ehemaliger Tour-de-France-Profi hat mir einmal erzählt, wie das zumindest noch vor ein paar Jahren ging. Er fragte mich, ob ich denn so naiv sei, zu glauben, man könne in der Gluthitze nacheinander und in einer einzigen Etappe die drei Pässe Tourmalet, Aspin und Aubisque lediglich mit Reiskuchen, Bananen und isotonischen Getränken bewältigen…»
«Wie wurde nachgeholfen? Mit versteckten elektrischen Trethilfen, wie auch schon entdeckt?»
«Regula, der Mann erklärte mir, auch bei Spitzenathleten würden die Muskeln einmal zu übersäuern beginnen und Krämpfe hervorrufen. Und das einen Tag nach dem anderen. Also pumpt man sich mit Schmerzmitteln voll, um den Körper zu überlisten, was durchaus auch beim Bieler 100-Kilometer-Lauf und beim Jungfrau-Marathon vorkommt, wie ich von einem Bekannten weiss, der das heute noch selber praktiziert, um Schmerzen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Im Boxsport kam es schon mal vor, dass man sich Schlangengift spritzte, um gegen schmerzhafte Schläge unempfindlich zu werden.» Ritter zählte auf: «Genotropin, DHEA, Clenbuterol, Stanozolol, Meldonium, Nandrolon, Oxandrolon, Primobolan, Hexarelin oder Dianabol heissen nur einige wenige jener Präparate, mit denen einem aufnahmebereiten Körper nachgeholfen wurde, auch mit Ephedrin, EPO, HGH, Cortison, Testosteron, Insulin, Kokain, THC oder Morphin. Alle Anwendungsbereiche wurden damit anvisiert: Vermehrung der roten Blutkörperchen, Wachstumsbeschleunigung oder -hemmung, Muskelzuwachs, kürzere Regenerationszeiten, Maximierung der Schmerzgrenze, Entzündungshemmer, Erhöhung der Risikobereitschaft. Das gesamte Programm. Mit Hydrochlorothiazid liessen sich Dopingsubstanzen zudem verschleiern, vorausgesetzt, das Medikament wurde so eingesetzt, dass es selber nicht nachweisbar war.»
In neue Bereiche der Leistungsförderung liess nun die Gen-Forschung vorstossen. So, dass die Athleten gemäss einem Bericht in der «Berner Zeitung» schneller laufen, weiter werfen oder mehr Gewichte stemmen können als ihre normalen Konkurrenten. Dass solche Superathleten existieren, befürchtete bereits 2016 die Welt-Doping-Agentur Wada. «Wir wissen, dass Forscher immer wieder von Athleten und Coaches wegen genetischer Methoden zur Leistungssteigerung angefragt werden, die jedoch seit 2002 verboten sind», liess sich damals Olivier Rabin, wissenschaftlicher Direktor bei der Wada zitieren.
Im Visier von Gendoping stehen laut dem «BZ»-Bericht sogenannte Sportgene, welche eine Rolle bei Ausdauer, Kraft oder Schnelligkeit spielen. Dazu zähle etwa das Gen für Erythropoetin, kurz EPO. Die körpereigene Substanz kurble die Bildung von roten Blutkörperchen an und verbessere so die Sauerstoffaufnahme. Würde man eine zusätzliche Kopie des EPO-Gens in den Körper einschleusen, würde dieser mehr EPO bilden. Das führe zum selben Resultat wie die Einnahme von EPO-Präparaten, welche häufig von Sportlern dazu missbraucht würden, um die Ausdauer zu steigern. Ein anderes Ziel von Gen-Doping, so die Journalistin Claudia Hoffmann im besagten «BZ»-Artikel, könnte Myostatin sein, das beim Muskelaufbau eine Rolle spielt. Es blockiere übermässiges Muskelwachstum. Würde man nun dieses Myostatin-Gen gezielt ausschalten, wäre die Blockade aufgehoben, und die Muskeln könnten uneingeschränkt wachsen.
«Kugelstösser, Hammer- und Diskuswerfer lassen grüssen. Von Bodybuildern ganz zu schweigen», stellte Regula Wälchli fest.
«Merkwürdig nur», entgegnete Ritter, «dass Snus, ein Nikotinkonzentrat, das Zähne und Zahnfleisch schädigt, abhängig macht, und in vielen Ländern verboten ist, nicht auf der Dopingliste steht, obwohl es nicht bloss von Eishockeycracks eingerieben wird, sondern bereits von Junioren, um die Aggressivität zu steigern. Die Wada hat Snus immerhin auf der Watchlist … Über Doping wurden schon ganze Bücher geschrieben, auch, dass sogar bei Brieftauben gedopt wird, damit sie bei Wettbewerben schneller nach Hause fliegen und zum Teil wie Steine vom Himmel fallen. So, und jetzt ab nach Magglingen!»
Interessant in Zusammenhang mit den Brieftauben sei übrigens auch der Umstand, fügte der Chef noch an, dass in letzter Zeit vermehrt Tiere nicht mehr nach Hause fänden, was vermutlich auf den Umstand zurückzuführen sei, dass ihr «Navigationssystem» von den Strahlen der heutigen Technik beeinflusst und ausser Betrieb gesetzt werde: «Telekommunikationsunternehmen nehmen das, wenn überhaupt, nur ungern zur Kenntnis.»
Vor ihrem Abgang zu neuen Befragungen konnte sich Regula Wälchli eine abschliessende Bemerkung à la Stephan Moser nicht verkneifen und brachte damit ihren Chef zum Schmunzeln: «Was regt sich die Menschheit denn derart über Doping im Spitzensport auf? Das alles gab es doch schon viel früher, denken wir nur an Asterix und Obelix, mit dem Zaubertrank des Druiden. Mit diesem uralten Red Bull räumten die beiden bereits an Olympischen Spielen der Antike ab, zum Missfallen der Römer …»
Regula Wälchli traf bereits um 13.00 Uhr in Magglingen ein, nachdem sie sich bei ihrer ehemaligen Schulkollegin Janine angemeldet hatte. Die Begrüssung der beiden Frauen, die sich seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hatten, war entsprechend herzlich. Janine fiel der brandneue Ring auf, den Regula seit vier Tagen trug. Es folgte während ungefähr einer Viertelstunde der nicht nur bei Frauen beliebte Smalltalk über frühere Zeiten.
«Aber deswegen bist du ja nicht hier, Regula», sagte Janine nun. «Worum geht es genau?»
«Wir ermitteln in einem Mordfall und da könnte ein gewisser Karl-Heinz Becker eine Rolle spielen. Deutscher, möglicherweise ehemaliger Spitzensportler. Weil in der Agglomeration Bern wohnhaft, läge es auf der Hand, dass er hier trainiert hat. Sagt dir der Name etwas?»
«Karl-Heinz Becker, sagst du? Nimm doch dort drüben Platz, ich lasse schnell einmal den Computer für uns arbeiten, er checkt die unzähligen Listen schneller durch als wir beide.»
Die Eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen EHSM ist Teil des Bundesamts für Sport Baspo, bietet Aus- und Weiterbildungen in den Bereichen Sport und Sportwissenschaften an, bis hin zu einer Vertiefung im Bereich Spitzensportmanagement, Masterstudiengang Spitzensport und Spitzensportförderung in der Armee inklusive.

Das «Ende der Welt», ein Trainingscampus der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen.
«Sag einmal, Janine, im Buch über die ehemalige Spitzenturnerin Ariella Kaeslin kommt Magglingen, entschuldige den Ausdruck, arschflach raus. Wie stellt ihr euch dazu, das ist ja ein GAU.»
«Ich verstehe nicht ganz, was du meinst.»
«Janine, auch wenn ich leicht blond bin, so ganz doof bin ich nicht.» «Niemand hat das behauptet!»
«Also gut, wie geht das Baspo denn mit Passagen um wie: ‹Es gab Momente, in denen sich Ariella wehrte. Aber sonst bedeutete Magglingen das Brechen eines Menschen. Jedes Training in Magglingen liess Erinnerungen an die Kindheit verblassen, bis nichts mehr übrig war, nur Ratlosigkeit und die Frage, wie es so weit hatte kommen können.› Oder: ‹Der Trainer sagte, wenn du tot umfallen würdest, könnte ich dennoch gut zu Abend essen gehen.› Oder: ‹Es gab Turnerinnen, die Magglingen verliessen, weil sie wollten oder mussten – und danach mit Essstörungen oder Magersucht kämpften. Aber der Verband sah vor allem, dass die Resultate besser waren als beim Amtsantritt des neuen Trainers.›»
«Nicht vergessen, Regula, alle erfolgreichen Sportlerinnen und Sportler haben harte Zeiten hinter sich, anders geht es nicht. Und verdienen zum Schluss eine ganze Menge Geld. Nebst Ruhm und Ehre.»
«Janine, das war nicht meine Frage.»
«Also, Regula: Ariella Kaeslin hat ausschliesslich im Leistungszentrum des Schweizerischen Turnverbandes STV trainiert, das sich in Magglingen befindet. Der Betrieb dieses Leistungszentrums liegt in der Verantwortung des STV. Das Baspo kann nicht beurteilen, ob und inwieweit die Vorwürfe Ariella Kaeslins gegen ihre Trainer zutreffen. Fakt ist, dass der Spitzensport auch im Kunstturnen sehr viel von jenen abverlangt, die an die Spitze wollen. Ob dieser Einsatz geleistet werden soll, müssen Sportlerinnen und Sportler – mit Unterstützung ihres persönlichen Umfelds – selber entscheiden.» (Anm. d. Verf.: Diese Aussage des Baspo liegt dem Autor schriftlich vor.)
Regula Wälchli hatte nicht vor, ihre Beziehung zu Janine wegen einer ihr nicht persönlich bekannten Kunstturnerin aufs Spiel zu setzen, weshalb man sich wieder auf Karl-Heinz Becker konzentrierte, der sich Sekunden später als «schwarzes Loch» herausstellte, weil er in keiner Liste zu finden war. Die Baspo-Frau nutzte danach die Gelegenheit, ihrer ehemaligen Schulkameradin das weitläufige Gelände der Hochschule in allen Einzelheiten zu zeigen. Die Art und Weise, wie sie während des Rundgangs Regula Wälchli Fragen zur Person von Karl-Heinz Becker stellte, verstärkte bei der Kriminalbeamtin das Gefühl, dass Janine vielleicht doch mehr wusste, als sie ausgesagt hatte. Zudem konnte die Ermittlerin, angeblich aus Gründen des Datenschutzes und ohne Beschluss der Staatsanwaltschaft, die Listen selber nicht einsehen. Schliesslich musste sich Wälchli jedoch eingestehen, dass wohl alles nur Zufall war oder ihrem persönlichen Vorstellungsbereich entsprang, sodass sie sich nach dem Rundgang von Janine verabschiedete. Dennoch: Die Lektüre des Buchs über Ariella Kaeslin kratzte arg an der Fassade von Magglingen.
Regula Wälchli dachte auch nicht daran, sich in eine Diskussion ganz anderer Dimension einzulassen. Ein ehemaliger Schweizer Kunstturner, 169 Zentimeter gross, hatte ihr nämlich Interessantes erzählt: Bei einer späteren Rückenmarkuntersuchung zu Beginn der Achtzigerjahre – in keinem Zusammenhang mit dem Sport – sei ihm von den Ärzten mündlich mitgeteilt worden, dass man bei ihm Spuren von Wachstumshemmern gefunden habe. Regula Wälchli, sich bewusst, dass es im Kunstturnen von Vorteil ist, eher klein gewachsen zu sein, fragte ihn, wie das möglich sei. «Ich weiss es nicht, man hat uns nie etwas gesagt, wir mussten als Jugendliche einzig regelmässig Vitamine schlucken, die man uns verabreicht hat.» (Anm. d. Verf.: Die Aussagen des Betroffenen wurden dem Autor gegenüber persönlich gemacht. Offizielle Stellungnahme von Thomas Greutmann, Ressortchef Kommunikation und Medienchef beim Schweizerischen Turnverband STV zuhanden des Autors: «In der Schweiz sind meines Wissens keine solchen Vorkommnisse bekannt.»)
Maximilian Graf von Neippenberg. Immer noch Montag, 29. Januar.
In Hinterkappelen kamen Stephan Moser und Elias Brunner unter dem Motto für Berner «Nume nid gschprängt, aber geng e chly hü…» voran, was aber überhaupt nichts mit den Akteuren als vielmehr mit den Vorschriften zu tun hatte. Daran hatten sich auch unsere beiden Gesetzeshüter zu halten, wenn auch widerwillig, was sie jedoch niemandem zu verstehen gaben.
Die Liegenschaftsverwaltung für den Kappelenring 7 hatte den Kantonspolizisten Frau Silvia Zimmermann als erste Kontaktperson angegeben, die für jenes Haus zuständige Hauswartin. Sekunden nach ihrem Läuten hörten die beiden Beamten diese durch die geschlossene Türe hindurch «Ig bi am choche!» sagen, besser gesagt rufen. Entsprechend begeistert kam sie mit einem Tuch daher, ihre Hände abputzend, damit die beiden Herren nach der Begrüssung nicht Spuren von Tomatensauce zu beseitigen hatten.
«Frau Zimmermann? Ich bin Stephan Moser von der Kantonspolizei Bern, das hier ist mein Kollege Elias Brunner.» Beide zeigten Silvia Zimmermann ihre Dienstausweise.
«Ich weiss.»
«Und wie das? Sind Sie bei der NSA?», schmunzelte Moser.
«Sie werden es kaum glauben, Herr Moser, aber bei der Liegenschaftsverwaltung haben sie ein Telefon. Ich auch. Sie möchten also zu Herrn Becker?»
«Genau, wir möchten uns bei ihm umsehen.»
«Und weshalb läuten Sie nicht ganz einfach bei ihm? Meines Wissens ist er nicht gehörlos.»
«Haben wir sehr wohl, Frau Zimmermann, nur hat niemand geöffnet», präzisierte Brunner.
«Warten Sie husch, ich nehme nur die Pfanne vom Herd und komme dann mit Ihnen rüber.» Sprach’s und drehte den Beamten ihren Rücken zu.
«1:0. Die isch o nid uf e Gring gheit», stellte Moser flüsternd zu Brunner fest.
Wenige Minuten später marschierten die drei in Richtung Kappelenring 7. Silvia Zimmermann kannte Stephan Moser vom Sehen her, wusste, wer er war, auch wenn er auf der anderen Seite des Kappelenrings wohnte, mit einer Südländerin, soweit sie sich erinnern konnte. Ihre Kenntnisse behielt sie allerdings für sich, die Polizei musste ja auch nicht immer über alles Wissen der Bürger im Bilde sein. Wenige Minuten später hatten sie den Wohnblock mit der Nummer 7 erreicht. Beckers Wohnung lag im Parterre, weshalb man auf die Benutzung des Lifts verzichten konnte. Auch nach dem dritten Läuten öffnete niemand.
«Frau Zimmermann, wir müssen in die Wohnung, den Beschluss erwarten wir per SMS in den nächsten Minuten, ich werde ihn Ihnen sofort zeigen.» «Ist Gefahr in Verzug?», fragte Silvia Zimmermann fachkundig, was die beiden Herren staunen liess. «Gefahr im Verzug» erlaubt es den Ermittlern, auch ohne richterlichen Beschluss gewisse Ermittlungen vorzunehmen, wenn die Zeit drängt und /oder Verdunkelungsgefahr besteht, zum Beispiel bei Hausdurchsuchungen.
«Nun, ich denke nicht, nein, Frau Zimmermann, keine Gefahr in Verzug.» «Also kein rambomässiges Eintreten der Türe. Auch recht. Ich organisiere Ihnen den Schlüsseldienst. Sie haben Glück: Hänni wohnt im Kappelenring, sein Auto habe ich vorhin vor dem Block stehen sehen. Bis er kommt, werden Sie bestimmt auch den Durchsuchungsbeschluss der Staatsanwaltschaft erhalten haben, womit dann alles seine Richtigkeit hätte, nicht wahr, Herr Moser?»
«Durchaus, durchaus, Frau Zimmermann… Das ist auch ganz in unserem Sinn.»
Während die Hauswartin mit ihrem Handy die Nummer des Schlüsseldienstes wählte und sich einige Schritte entfernte, schauten sich die beiden Kriminalisten belustigt an. Jeder dachte wohl das Gleiche: «Schade, haben wir es nicht immer mit solchen Leuten zu tun.» Silvia Zimmermann hatte sich übrigens nicht getäuscht: Sie kündigte den «Türöffner», wie sie den Mann nannte, «in fünf bis zehn Minuten» an.
«Frau Zimmermann, was können Sie uns über Karl-Heinz Becker sagen?» «Nicht viel, ich kenne ihn ja nicht. Wohnt seit ungefähr einem Jahr hier. Und eines weiss ich noch, Herr Moser: Er fährt zurzeit einen blauen Nissan Skyline GTR, Jahrgang 2002. Steht in der Einstellhalle, Platz 202, kann man sich gut merken.»
«Hoppla. Eine Legende von einem Auto. Sie kennen sich damit aus?» «Eher mein Mann Daniel, aber dann und wann bekomme ich etwas an Wissen ab… Übrigens, mir ist, Becker habe sich im Laufe der Zeit irgendwie verändert, vom Aussehen her, aber ich kann mich auch täuschen.»
«Ich bleibe hier stehen, zumindest so lange, bis der Durchsuchungsbeschluss kommt», fügte Zimmermann an, was Minuten später der Fall war, praktisch gleichzeitig mit Erscheinen des «Türöffners» Hänni, der sich als Profi erweis. Nach lediglich gefühlten 20 Sekunden war die Türe offen, kein Schlüssel steckte von innen. Was die vier Leute zu sehen bekamen, verschlug ihnen die Sprache und vor allem den Atem.
Ein eindeutiger Geruch von Verwesung schlug ihnen entgegen, der automatisch dazu führte, dass Hänni und Silvia Zimmermann zwei Schritte zurücktraten und ihre Hände vor Mund und Nase hielten, beide mit der entsetzten Frage, was denn hier los sei. Brunner und Moser hingegen wussten aus Erfahrung sofort, dass sie eine Leiche vorfinden würden. Sie baten Herrn Hänni und Frau Zimmermann, sich von der Türe zu entfernen.
Vorsichtig betraten die Ermittler die Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, wo sie wenige Augenblicke später hinter einer Türe einen Toten sahen, der nicht erst seit heute am Boden lag, inmitten eines einzigen Durcheinanders. Moser ging direkt auf zwei Fenster im Wohnzimmer zu, um sie zu öffnen. Ohne miteinander zu sprechen, wussten sie, was zu tun war. Keine halbe Stunde später glich der Kappelenring 7 einer belagerten Festung. Vor dem Haus standen mehrere Autos der Blaulichtorganisationen, aber auch zivile Fahrzeuge. Der Zugang zum Gebäude war abgesperrt, hinter den rotweissen Kunststoffbändern drängten sich die Schaulustigen. Das Parterre mit drei weiteren Wohnungen wurde isoliert, zumal niemand auf das Läuten reagierte, was vermuten liess, dass alle Parteien bei der Arbeit oder in den Ferien waren. Der Zugang zum Lift blieb frei.
Da sich der Gestank bis zum Eintreffen der Spezialisten dank den jetzt offenen Fenstern im Wohnzimmer leicht verflüchtigt hatte, konnten alle ihre Arbeit aufnehmen. Veronika Schuler, nach nur wenigen Stunden Schlaf, kniete mit einer Assistentin neben der Leiche, um sie oberflächlich zu untersuchen, Eugen Binggeli und Georges Kellerhals waren auf Spurensuche, Stephan Moser versuchte, Mieter auf den übrigen Etagen zu möglichen Beobachtungen zu befragen, Elias Brunner wiederum sprach mit Herrn Hänni und Silvia Zimmermann, fragte sie, ob sie eine spezielle Betreuung benötigen würden, was diese verneinten. Beide verliessen kurz danach den Kappelenring 7 mit der Zusage, mit niemandem im Detail über das Gesehene zu sprechen. Minuten später traf auch Gabriela Künzi vom Mediendienst der Kantonspolizei Bern ein. Regula Wälchli erhielt von Joseph Ritter den Auftrag, von Magglingen aus direkt nach Hinterkappelen zu fahren, um ihre beiden Kollegen zu unterstützen.
Aufgrund der Umstände war rasch klar, dass die auf 14.00 Uhr angesetzte grosse Informationsrunde sich auf ein besseres Tête-à-tête reduzieren würde, ein eher kurzes, mit Joseph Ritter, Staatsanwalt Max Knüsel, Kapokommandant Christian Grossenbacher und Ursula Meister vom Mediendienst. Der Dezernatsleiter Leib und Leben wurde unmittelbar vor der Sitzung von seinen Leuten über den neuesten Stand der Dinge in Hinterkappelen informiert. Als Erster verliess der Staatsanwalt der Runde, mit seinem inzwischen bekannten «Ritter, halten Sie mich auf dem Laufenden», was dazu führte, dass sich Ritter und Meister belustigt zuzwinkerten.
«Christian, kannst du das grösste ungelöste Rätsel der Menschheit lösen?», wollte Joseph Ritter vom Polizeikommandanten wissen.
«Wenn du mir das zutraust, gerne.»
«Wer ist dieser Max Knüsel eigentlich, ich meine, privat?»
«Ihr seid doch die Ermittler… Aber ich helfe gerne auf die Sprünge. Er wohnt zusammen mit Laika in Stettlen.»
«Er ist verheiratet?»
«Nein, Laika ist seine Hündin, er nennt sie nach der ersten Hündin im Weltall. Meines Wissens ist er geschieden und hat keine Kinder. Ich selber weiss auch nicht viel über ihn. Fährt anscheinend einen Oldtimer, wenn er nicht gerade mit dem ÖV unterwegs ist. Aber wieso die Frage?»
«Einfach so. Denn obwohl wir schon jahrelang mit ihm zusammenarbeiten, wissen wir wenig über ihn. Aber stimmt, zur Verlobungsfeier von Regula und Elias ist er allein gekommen. Auch ohne Laika.»

Hinterkappelen am frühen Morgen im Februar.
«J. R., der Mann ist ein Workaholic, jede Wette, dass er einmal Generalprokurator wird. Mehr kann ich beim besten Willen nicht sagen.»
«Immerhin. Danke, Christian», sagte Ritter, worauf sich der Polizeichef ebenfalls verabschiedete.
Die folgenden Minuten benutzten Joseph Ritter und Ursula Meister, um die Kommunikation für den späteren Nachmittag zu besprechen. Ursprünglich war ja vorgesehen, eine Medieninformation durchzuführen. An dieser hielt Ursula Meister nach wie vor fest, auch angesichts der neuesten Entwicklung. Sie erklärte ihren Entscheid damit, dass die Informationen somit gezielt kanalisiert werden konnten. Denn: Zwar waren die beiden Gewaltverbrechen innerhalb nur weniger Tage praktisch am gleichen Ort ungewöhnlich, den offensichtlichen Zusammenhang zwischen Elchin Guseinow, dem Kotzbrocken, und Karl-Heinz Becker kannte indes niemand, mit Ausnahme der Ermittler und Spezialisten. Für Ursula Meister, auf dem Sprung zu ihrer Kollegin Gabriela Künzi nach Hinterkappelen, schien klar, dass die Journalisten selber einen vermuteten Zusammenhang zwischen den beiden Fällen konstruieren würden.
«Gabriela und ich schaffen die Sache allein, J. R., du brauchst nicht zwingend dabei zu sein.»
«Ursula, zum einen hatte ich noch nie Grund, an eurer Kompetenz zu zweifeln, zum anderen danke ich dir, dass ich im Büro bleiben kann. Ich will via Fedpol, eventuell auch via Bundesanwaltschaft, herauszufinden versuchen, was es mit der Niederlassung von Becker auf sich hat. Eine komische Sache.»
«J. R., man muss keine Prophetin sein, um zu wissen, was bei uns ablaufen wird: Die Elektronischen und die Boulevardblätter werden in erster Linie selber zu recherchieren versuchen und mit Nachbarn sprechen, weil von uns nebst den bekannten Fakten zur Auffindung der beiden Leichen nur ein ‹Wir ermitteln in alle Richtungen› kommen wird. Die Vertreter der Tagespresse hingegen haben ein paar Stunden mehr Zeit, ich bin selber gespannt, was da alles zu hören, zu sehen und zu lesen sein wird.»
Eine Viertelstunde später musste sich Ursula Meister regelrecht eine Gasse durch eine Menschentraube vor dem Kappelenring 7 bahnen. Und per Zufall hörte sie im Vorbeigehen Wortfetzen einer Frau, die mit einem Journalisten von «20 Minuten» sprach, den sie kurz grüsste, ohne stehen zu bleiben und ihm somit die Illusion nahm, dass sie selber mit ihm reden würde. «Mein Mann beobachtet Vögel…, der Polizei heute Morgen gesagt….» Ganz klar: Frau Rindlisbacher hatte ein offensichtliches Mitteilungsbedürfnis. Ob ihr Mann Lukas davon wusste? Wie auch immer: Damit musste man rechnen. Immerhin war es von Vorteil zu wissen, welche Fragen an der Medieninformation gestellt werden konnten.
Minuten später standen die beiden Kommunikationsspezialistinnen vor der Wohnung «Becker», wo man im Innern die Leute bei ihrer Arbeit sah. Noch immer drang ein wenig appetitlicher Geruch aus der Wohnung, weshalb alle, inzwischen auch die Kollegen Brunner und Moser, die bekannten weissen Überzüge trugen, samt Gesichtsmasken, denn man wusste nie, was für Infektionsherde sich um oder in einer Leiche versteckten. In diesem Moment gesellte sich Elias Brunner zu den beiden Frauen.
«Mon Dieu! War das ein Gestank!»
«Elias… war?»
«Ja, denn wie es jetzt noch stinkt, das ist kein Vergleich zu vorher. Die Assistentin von Veronika musste sich sogar übergeben, eher ungewöhnlich in der Rechtsmedizin, aber die Gute ist ja noch nicht sehr lange dabei… Ich erspare euch Details.»
«Ist der Tote dieser Karl-Heinz Becker?»
«Eine heikle Frage. So, wie er da liegt, kann man der Hauswartin keine Identifizierung zumuten. Iutschiin und Schöre suchen in diesem Durcheinander gezielt nach einem Foto des Mannes, damit sie einen provisorischen Abgleich vornehmen können, um sicher zu sein, dass er unsere Leiche ist, dann erst bitten wir Frau Zimmermann um eine erste Einschätzung.»
«Und Veronika, was sagt sie zu den Todesumständen?»
«Liiiiiiiiiiiiiebe Ursula, was wird sie schon gross sagen wollen? Einmal nur darfst du raten.»
«Weitere Informationen nach der Autopsie.»
«Volltreffer. Immerhin schränkt sie die Tatzeit schon einmal ein, mit Einbezug der hohen Zimmertemperatur. Mindestens vier, höchstens sechs Tage. Was heisst, dass…»
«…was heisst, dass der KB für die Tat nicht in Frage kommen kann», schaltete sich Gabriela Künzi in Richtung Elias Brunner dazwischen.
«An deinem messerscharfen Verstand werden wir uns noch einmal alle schneiden, Gabriela. Genau das heisst es», liess sich Elias Brunner verlauten.
Die Ermittler gingen nämlich davon aus, dass die übereinstimmenden Beobachtungen von Lukas Rindlisbacher und Herrn Kim sowie die Aussagen von Veronika Schuler und des KTD den Schluss zuliessen, dass KB am späten Abend des 21. Januar zu Tode kam. In diesem Moment traten Stephan Moser und Eugen Binggeli vor die Türe, auch, um tief durchatmen zu können. Binggeli hielt dabei ein Foto in der Hand, das drei Personen zeigte: Eine Frau um die Dreissig, einen Mann, etwa 50 bis 55 Jahre alt, und den vermuteten Toten, Karl-Heinz Becker, oder wie auch immer. Die Aufnahme war auf der Rückseite mit «Im letzten Sommer» beschrieben und zeigte die drei Personen auf einem Schiff vor der St. Petersinsel im Bielersee, die bekanntlich nur noch eine Halbinsel ist. Das Foto fand Binggeli unter der Matratze versteckt.
«Was Veronika uns noch verraten hat», sagte Binggeli, «ist, dass der Mann offenbar verschiedene Gesichtsoperationen hatte, was durchaus zu den nebulösen Umständen seiner Niederlassung via Fedpol passen könnte. Zeugenschutzprogramm.»
«Das Chaos in der Wohnung, Stephan: Raubüberfall?»
«Gabriela, schwer zu sagen, denn im ganzen Durcheinander liegen schon Sachen herum, die sich zu klauen gelohnt hätte. Weg sind auf den ersten Blick alle elektronischen Geräte. Ich denke, dass ein Rückschluss erst möglich sein wird, wenn uns die genaue Todesursache vorliegt. Ich beneide Veronika nicht, mit ihrem 26-Stunden-Tagesprogramm. Übrigens: Das Fenster im Schlafzimmer wurde eingeschlagen, möglich, dass der Mörder vom Garten in die Wohnung gelangt ist. Abklärungen laufen noch.» «Gabriela, kannst du uns einen Gefallen tun, damit wir keinen Kleiderwechsel vornehmen müssen?», meldete sich Stephan Moser zu Wort. «Klar doch.»
«Auf Parkplatz 202 müsste ein Nissan Skyline stehen. Kannst du das husch checken?»
«Der Wagen von Becker?»
«Autsch! Jetzt habe ich mich geschnitten…»
«Jaja, scho guet, Elias … Komm, Ursula, suchen wir Parkplatz 202.»
Gerade, als die beiden Mediensprecherinnen sich in den Untergrund begaben, erschien Regula Wälchli kurz vor 15.00 Uhr auf der Bildfläche, bestens im Bild, was in den letzten drei Stunden in Hinterkappelen passiert war. Binggeli bat Wälchli, Silvia Zimmermann das Foto zu zeigen, verbunden mit der Frage, ob sie im einen der abgebildeten Herren Karl-Heinz Becker erkenne. Regula Wälchli schaute sich das Bild genauer an.
«Iutschiin, du meinst den Mann rechts?»
«Ja, genau, Veronika scheint sich fast sicher, dass das der Tote in der Wohnung ist.»
«Und wer der Typ links ist, das willst du nicht wissen?»
«Ich denke nicht, dass Frau Zimmermann das weiss, aber frag sie trotzdem mal.»
«Es geht einfacher: Frag mich.»
«Was? Frag mich?»
«Der Herr links, der seinen Arm schützend um die Frau in der Mitte legt, das ist Maximilian Baron von Neippenberg.»
Nach dieser Feststellung waren auch Stephan Moser und Elias Brunner ganz Ohr. Regula Wälchli zeigte sich erstaunt, dass keiner der vier Anwesenden – Moser, Brunner, Binggeli und Kellerhals – Maximilian Baron von Neippenberg kannten, zumindest von den Abbildungen in den Klatsch- und Hochglanzmagazinen her. Dem Schönheitschirurgen – korrekt: dem Facharzt für plastische Chirurgie – gehörten zwei Kliniken für die vornehmlich Reichen und Schönen, oder schön Erhaltenen, wobei der letzte Ausdruck individuelle Interpretationssache schien.
Stephan Moser kam in dieser Situation seinem Ruf als Bürokalb nach: «‹Wie alt sind Sie denn, gnädige Frau?›, will der Schönheitschirurg von seiner neuen Patientin wissen. ‹Ich gehe auf die 60 zu.› – ‹Und aus welcher Richtung?›»
«Sehr schön Stephan, sehr schön. Aber vielleicht verrät uns meine Verlobte noch ein paar pikante Details zu diesem Baron.»
Regula Wälchli konnte aus dem Vollen schöpfen, obwohl sie angeblich nie die entsprechende «Fachpresse» las. Maximilian Baron von Neippenberg – niemand wusste so genau, ob er wirklich so hiess oder sich den Namen beim Titelhändler Konsul Weyer erkauft hatte –, besass zwei Schönheitskliniken, beide mit dem Namen «Venus – Clinique de Beauté», eine in Berlingen in der Nähe von Steckborn am Bodensee, die andere oberhalb von Twann, nahe bei Prägelz – französisch: Prêles –, ganz in der Nähe der Twannbachschlucht, wo Friedrich Dürrenmatt einst den schrägen Kommissär Hans Bärlach aus Bern den mysteriösen Mord an seinem fähigsten Polizeibeamten Ulrich Schmid aufklären liess. Baron von Neippenberg – sein persönliches Logo, edel auf seinem weissen Kittel aufgestickt, las sich als BvN – zeigte sich gerne als Mann von Welt, am liebsten mit bekannten Grössen aus dem Showbiz und der Politik. Überlegung: «Deren Glanz färbt auch auf mich ab.» Die Klinik an der Route de Prêles befand sich in einem ehemaligen Herrschaftshaus mit grossem Park samt altem Baumbestand. Die Aussicht auf den Bielersee war atemberaubend. Besonders auffällig, so Regula Wälchli: BvN liess sich oft mit teuren Autos abbilden, auch mit Oldtimern. Viele ähnliche Modelle seiner Kundschaft verschiedener Hersteller standen jeweils vor der Klinik, ein Hinweis darauf, dass seine Behandlungen preislich vermutlich nicht ganz der M-Budget-Linie entsprachen.
«Ich zähle mal eins und eins zusammen», überlegte Moser laut, «wenn unser Toter Karl-Heinz Becker ist und verschiedene kosmetische Gesichtsoperationen hinter sich hatte, dann passt das doch bestens mit der beruflichen Tätigkeit des Barons zusammen.»
«Schade, habe ich das nicht vorher gewusst, sonst hätte ich von Magglingen aus direkt nach Prêles fahren können», konstatierte die Frau im Team, während sie auf ihre Uhr schaute und die Herren fragte, ob sie nochmals losfahren solle.
«Nein, Teuerste, dem Baron kannst du morgen einen Besuch abstatten, so er denn nicht in Mostindien ist. Heute müssen wir versuchen, hier mit so vielen Nachbarn wie möglich zu reden, damit wir morgen früh das weitere Vorgehen mit J. R. absprechen können.»
«Gut so, mein edler Ritter und Beschützer, aber nach meinem Kontakt mit dieser Frau Zimmermann rufe ich schnell in der Clinique in Prêles an, in der Hoffnung, Durchlaucht sei morgen dort.»
«Von mir aus kannst du ihn auch ‹Durchlocht› nennen, ihn einfach nicht als ‹Baron von Merkwürden› oder ‹Your Madness› ansprechen», bemerkte Stephan Moser abschliessend.
Gabriela Künzi und Ursula Meister waren inzwischen fündig geworden, zumindest was PP 202 betraf, der Skyline GTR jedoch war weit und breit nicht zu sehen, auch auf anderen Abstellplätzen der Einstellhalle nicht. Stephan Moser erkundigte sich deshalb bei den Kollegen vom KTD, ob sie im Chaos irgendwelche Schlüssel gefunden hätten, die möglicherweise zum Kultauto passten. «Nein, bis jetzt jedenfalls nicht», rief Schöre Kellerhals aus der Ferne des Wohnzimmers. Wo aber war der Skyline?
Nur einige Minuten später kehrte auch Regula Wälchli zum Tatort zurück mit der Mitteilung, dass Frau Zimmermann den Mann rechts auf dem Foto als Karl-Heinz Becker erkannt hatte, wobei er auf der Aufnahme «im Gesicht anders» aussehe als vor zwei Wochen, als sie ihn zum letzten Mal gesehen habe. Beim zweiten Mann und der Frau hingegen habe sie den Kopf geschüttelt. Derweil sich die beiden Medienreferentinnen in Richtung Innenstadt zur Pressekonferenz verabschiedeten, wurde der Tote von Spezialisten in einen Kunststoffsack gelegt und in einem Metallbehälter weggetragen. Veronika Schuler und ihre Assistentin, letztere noch immer bleich, folgten den beiden Männern, die wenig später zum IRM abfuhren, die beiden Rechtsmedizinerinnen hinterher.
Während die drei Ermittler sich auf die Suche nach möglichst auskunftsfreudigen Nachbarn machten, blieben Eugen Binggeli und Georges Kellerhals in der Wohnung zurück, die vom Geruch und der Temperatur her nur langsam wieder annehmbare Aufenthaltsbedingungen bot. Das Durcheinander war nach wie vor total.
Am frühen Abend erreichte Elias Brunner – der seinerseits seinen Chef auf dem Laufenden hielt – der Bescheid von Georges Kellerhals, dass man auf Anhieb noch keine tatrelevanten Spuren habe sicherstellen können und die Arbeit jetzt bewusst bis zum Zeitpunkt der Ergebnisse aus dem IRM unterbreche, um abhängig von den Todesumständen gezielt suchen zu können. Zweifel bestanden auch in Zusammenhang mit dem eingeschlagenen Fenster im Schlafzimmer, waren doch im Rasen keinerlei Fussabdrücke feststellbar. Wie aber waren der oder die Täter in die Wohnung gekommen?
Einen Durchbruch bei den Ermittlungen gab es nach den Befragungen der Nachbarn nicht wirklich. Niemand kannte Karl-Heinz Becker näher, zumal er erst seit knapp einem Jahr im Kappelenring gewohnt hatte. Becker sei ein «Einzelgänger» gewesen, meinte einer, «wenig gesehen worden». Eine Frau wiederum, deren Gatte in einer Garage arbeitete, wunderte sich zusammen mit ihrem Mann, dass sich «so einer» den Nissan Skyline und andere Autos habe leisten können, mit denen er öfter «in der unmittelbaren Nachbarschaft Beifall heischend» herumgefahren sei, sogar zur nahegelegenen Migros, so einer sei doch «krank».
Es liess sich auch nicht herausfinden, womit der «Tüütsche» sein Geld verdient hatte. Das sei bestimmt «ein Zuhälter», bei seinem Aussehen und den «Schlitten», die er gefahren habe, mutmassten die Nachbarn. Alles in allem: Fehlanzeige. Brunner hoffte daher auf neue Erkenntnisse durch Joseph Ritter bei der Fedpol.
Regula Wälchli ihrerseits hatte die Assistentin von BvN erreicht und ein Rendezvous für den nächsten Tag um 8.00 Uhr vereinbaren können, allerdings nur für eine halbe Stunde, nachher sei «Herr Baron von Neippenberg» unabkömmlich, ein Termin folge dem anderen. Laut Aussagen der Assistentin sei es ungewöhnlich, dass der Baron so kurzfristig einen Rendezvous-Termin bestätige, für die Polizei jedoch «mache er gerne eine Ausnahme», was Regula Wälchli ihrer Gesprächspartnerin gegenüber beinahe überschwänglich zu würdigen wusste, total widerwillig zwar, aber ohne, dass man es aus ihrer Stimmlage hätte heraushören können. Insgeheim fragte sie sich nämlich, ob BvN nicht stinknormal auf den Namen Jakob Rüdisühli getauft worden war, bei diesem Gschiiss um seine Person. Aber diese Frage stand nun wirklich nicht zuoberst auf ihrer To-do-Liste. Weil sie nicht allein nach Prêles fahren wollte, bat sie Stephan Moser, sie zu begleiten. Mit anderen Worten: Joseph Ritter musste sich zumindest bis schätzungsweise 9.30 Uhr mit Elias Brunner begnügen.
Nachdem er alle Informationen von seinen «Aussenstationen» beisammen hatte und das IRM versprochen hatte, nach einer weiteren Nachtübung bis 10.00 Uhr erste Resultate zu liefern, war für Joseph Ritter der Ablauf des Dienstags, 30. Januar klar:
8.0 00 Uhr Sichtung Medien.
9.30 Uhr Teamtreff, Vorbereitungen auf die grosse Inforunde.
15.0 00 Uhr weiteres Vorgehen und Aufgabenzuteilungen.
Mit einer SMS teilte er dies seinen Leuten mit und dankte ihnen für die auch an diesem Tag geleistete Arbeit.
Kurz zuvor besuchten an die 20 Medienschaffende die Pressekonferenz der Kantonspolizei Bern. Ursula Meister und Gabriela Künzi waren darauf optimal vorbereitet, sah man von der Tatsache ab, dass die offizielle Medienmitteilung erst zum Schluss abgegeben und verschickt werden konnte, «aus Zeitgründen, weil wir erst vor wenigen Minuten aus Hinterkappelen zurückgekehrt sind und unsere Kollegen dementsprechend erst vor wenigen Minuten briefen konnten», wie Gabriela Künzi sagte. Nach dieser kurzen Einführung kamen die beiden Mediensprecherinnen sofort zur Sache und gaben Details vor allem in Zusammenhang mit dem neuerlichen Tötungsdelikt in Hinterkappelen bekannt. Nach Abschluss dieser Ausführungen folgten die obligaten Fragen der Anwesenden, wobei es eine kurze Runde war, denn erstens gab es relativ wenig zu sagen und zweitens wollte praktisch kein Medienschaffender, dass andere coram publico die eigenen Gedankengänge mitbekam. Solche Fragen wurden unter vier Augen und Ohren nach Abschluss einer Inforunde gestellt.
«Peter Brechbühl von ‹Express Online›: Es besteht ja ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen den beiden Tötungsdelikten. Was wissen Sie? Ich tippe Ihre Antwort gleich online in unsere onlinenews.ch, damit unsere Leserinnen und Leser sofort Bescheid wissen.» Mit diesen Aussagen sorgte Brechbühl bei den übrigen Teilnehmenden für Kopfschütteln, obwohl man ihn nicht wirklich ernst nehmen konnte, denn zu oft hatten sich seine angeblichen «exklusiven Informationen» als grandiose elektronische Zeitungsenten herausgestellt.
«Herr Brechbühl», übernahm Gabriela Künzi den Lead, «wenn Sie sich bereits derart sicher sind: Lassen Sie uns nach der Konferenz an Ihren Erkenntnissen teilhaben? Wir sind offenbar noch nicht auf Ihrem Wissensstand.» Darob schmunzelten verschiedene Journalisten, und eine Anwesende liess sich sogar zu einem «Bravo!» hinreissen, worauf wiederum Brechbühl sichtlich schmollte.
«Herold vom ‹Blick›: Können Sie den Tatabend vom 21. Januar in Bezug auf diesen Elchin Guseinow bestätigen?»
«Bestätigen nicht, aber es gibt übereinstimmende Aussagen, die uns das vermuten lassen. Zwei Personen haben unabhängig voneinander Beobachtungen gemacht.»
«Was für Beobachtungen?»
«Herr Brechbühl, wir informieren Sie sofort, wenn wir Fakten zusammengetragen haben, keine noch ungesicherten Angaben.»
«Jürg Spori, ‹Berner Zeitung›: Lässt sich der Zeitpunkt des zweiten Verbrechens in Hinterkappelen bereits eingrenzen?»
«Nein, dazu erwarten wir aber morgen oder übermorgen Erkenntnisse aus dem IRM.»
«Gleich eine Anschlussfrage: Hat sich die Botschaft Uralistans in Bern in die Sache eingeschaltet?» Künzi und Meister schauten sich kurz an. Die Antwort kam wiederum von Gabriela Künzi.
«Unsere Ermittlungen gehen im Moment in alle Richtungen, Herr Spori, mehr möchten wir dazu nicht sagen», sagte sie und liess damit alles offen, namentlich die Frage, ob bereits ein Kontakt mit der Botschaft stattgefunden hatte.
Es folgten noch einige Alibifragen, die darauf hindeuteten, dass nicht alle Medienschaffenden gleichermassen aufmerksam die Ausführungen während der Information verfolgt hatten. Praktisch gleichzeitig mit dem Ende der Veranstaltung wurde auch das offizielle Communiqué verteilt respektive an abwesende Redaktionen gemailt und online gestellt.
Von Brieftauben, einem Schwinger und einem Sportarzt. Dienstag, 30. Januar.
Als neugierige Ermittlerin und ohnehin als interessierte Frau musste Regula noch am Montagabend unbedingt kurz im Internet nachschauen, was denn in den beiden «Venus – Clinique de Beauté»-Instituten am Bieler- und am Bodensee so alles geboten wurde, von einer ganzen Armada von Fachärzten aus der ganzen Welt durchgeführt. Im Angebot standen Brustoperationen, Gesichtsstraffung, Fettabsaugen, ästhetische Nasenkorrekturen, Schlafkuren, ästhetisch-plastische Chirurgie, Transfusionsmedizin, Botoxbehandlungen und, und, und – das volle Programm.
Bereits um 7.50 Uhr wurde Joseph Ritter am Dienstagmorgen, 30. Januar in seinem Büro vom Mediendienst über die Berichterstattungen informiert. Und es kam, wie Ursula Meister und Gabriela Künzi vorausgesagt hatten: Mit wenigen Ausnahmen hatten die Journalisten eine mögliche Brücke zwischen den beiden Gewaltverbrechen in Hinterkappelen geschlagen, einige hatten zur Person von Elchin Guseinow recherchiert, da dessen Identität zweifelsfrei feststand und dies die Polizei bereits gestern kommuniziert hatte. Bei Karl-Heinz Becker war das aus den bekannten Gründen etwas komplizierter, weshalb man den Medienvertretern erklärte, dass die Begleitumstände rund um den zweiten Toten Gegenstand von Abklärungen seien. Nicht bloss «20 Minuten» berichtete über die Beobachtungen von Frau Rindlisbacher, die Frau hatte sich auch bei anderen Medien gemeldet. Immerhin fügte sie den Aussagen ihres Mannes nichts hinzu. Für den Leiter des Dezernats Leib und Leben schien klar: Es war nur eine Frage der Zeit, bis direkte Verbindungen zwischen den Herren Guseinow und Becker hergestellt würden.
Regula Wälchli und Stephan Moser trafen zehn Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt bei der «Venus – Clinique de Beauté» oberhalb von Twann ein. Sämtliche Klischees einer solchen Beautyfarm wurden vollumfänglich erfüllt. Weil sie sich vorangemeldet hatten, wurden sie bereits erwartet. Die Dame an der Reception – ein kleines Namensschild wies sie als Lena Podolska aus – bat sie, Platz zu nehmen. Hinter Frau Podolska waren an der Wand jede Menge Diplome und Auszeichnungen zu sehen, alle auf und für Maximilian Baron von Neippenberg ausgestellt, inmitten von Fotos, die den Chef mit Prominenten zeigten. Noblesse oblige.
«Schöne Frau am Empfang…»
«Finde ich auch, Regula, und irgendwie kommt sie mir bekannt vor…», gab sich Moser vordergründig rätselhaft, «eine wunderbare Ausgangslage für unser Gespräch mit Herrn Baron von Neippenberg.»
«Oh ja, ich liebe solche Situationen, Stephan, gerade das macht unseren Beruf so spannend», antwortete Regula Wälchli, und zwar so, als ob sie ganz genau wüsste, wohin die Empfangsdame zuzuordnen wäre.
Genauso, wie das Anwesen allen Klischees standhielt, präsentierte sich auch Maximilian Baron von Neippenberg persönlich: gross gewachsen, ungefähr 55 Jahre alt, schlank, graumelierte Haare, blaue Augen und ein gebräunter Teint, der im weissen Kittel mit dem aufgestickten Logo BvN so richtig zur Geltung kam. Er war, so ergaben Recherchen im Vorfeld, nie verheiratet, schien auch keine Verwandte zu haben.
«Von Neippenberg. Wie kann ich der Polizei helfen? Und bitte entschuldigen Sie», sagte er, während er auffällig auf seine teure Richard Mille am rechten Handgelenk blickte, «ich habe nicht sehr viel Zeit für Sie, muss anschliessend in die Ostschweiz. Aber setzen Sie sich doch.» Der Schönheitschirurg zeigte dabei auf jene Designersitzecke aus schwarzem Leder, aus der die beiden Ermittler zur Begrüssung vor einigen Sekunden aufgestanden waren, um sich vorzustellen, comme il faut. Der Arzt allerdings zeigte keine grosse Lust, Hände zu schütteln.
«Herr Baron, wir wissen Ihre Hilfe sehr zu schätzen, wir wollen Sie auch nicht unnötig aufhalten. Können wir deshalb gleich zu unseren Fragen kommen?», antwortete Regula Wälchli.
«Dafür wäre ich Ihnen sogar sehr dankbar.»
«Baron von Neippenberg, woher kennen Sie Karl-Heinz Becker?»
Die Frage hatte ihre Wirkung nicht verfehlt, obwohl sich der Arzt äusserlich nichts anmerken liess. Doch Regula Wälchli hatte ein Gespür für solche Situationen.
«Frau Wälchli, Karl-Heinz Becker, sagen Sie? Wer soll das sein? Sollte ich ihn kennen?»
«Wir denken schon. Wohnt in Hinterkappelen. Besser gesagt: wohnte in Hinterkappelen.»
«Frau Wälchli, Sie benutzen die Vergangenheitsform, dazu ist die Kriminalpolizei hier, also muss es um ein Verbrechen handeln. Eines sage ich Ihnen: Mit Kriminellen habe ich definitiv nichts zu tun.»
«Das ist Karl-Heinz Becker», sagte Stephan Moser und übergab von Neippenberg einen Fotoausschnitt, auf dem nur das Gesicht von Karl-Heinz Becker zu sehen war.
«Es tut mir leid, ich kann mich an diesen Mann nicht erinnern, obwohl ich an sehr vielen Gesichtern arbeite. Ich fürchte, Sie haben den Weg zu uns vergeblich gemacht.»
«Nicht ganz, Herr Baron, schauen Sie sich dieses zweite Foto an. Da sind Sie zu sehen, zusammen mit Karl-Heinz Becker und einer jungen Frau, die sehr viel Ähnlichkeit mit jener Mitarbeiterin am Empfang hat», sagte Moser und blickte in Richtung von Lena Podolska, die bemerkt hatte, dass offenbar von ihr die Rede war.
Es war seltsam, diesen selbstsicheren Mediziner plötzlich mit einer leicht zittrigen Hand zu sehen, in der er das Foto hielt. Operieren wäre in einer derartigen Verfassung jedenfalls undenkbar gewesen.
«Herr Baron, haben Sie uns dazu nichts zu sagen? War Karl-Heinz Becker ein Patient von Ihnen?», wollte Moser wissen.
«Ich möchte im Moment von meinem Recht der Aussageverweigerung Gebrauch machen und sage nichts, bevor ich mit meinem Anwalt gesprochen habe. Wie Sie wissen, unterstehe ich dem Arztgeheimnis, kann Ihnen nicht nach eigener Lust und Laune Auskunft geben», antwortete von Neippenberg nach kurzem Überlegen völlig emotionslos, das Foto zurückgebend, was Regula Wälchli und Stephan Moser erahnen liess, dass ihr Gegenüber kein Blauäugiger war und ganz offensichtlich Erfahrung mit Situationen hatte, bei denen jedes Wort später gegen ihn hätte verwendet werden können, womöglich vor Gericht.
«Ich erachte unser Gespräch somit als beendet. Weitere Auskünfte erteile ich Ihnen erst nach Vorliegen einer richterlichen Verfügung, in Absprache mit meinem Anwalt», erklärte der Halbgott in Weiss und wies mit seiner Hand in Richtung seiner Empfangsdame, gleichbedeutend mit der Verabschiedung.
«Lena, würden Sie den beiden Herren bitte die Koordinaten von Erich von Wattenwyl geben?»
Mit diesem Wunsch verabschiedete sich der Baron, den die beiden Ermittler gar nicht erst aufzuhalten gedachten.
Lena Podolska notierte die Adresse, die Telefonnummer und die Mailadresse des Anwalts, der im Spiegelquartier unterhalb des Gurtens wohnte, und übergab den Zettel Stephan Moser.
«Frau Podolska, Herr Baron von Neippenberg wusste auswendig nicht mehr sicher, wie der Mann rechts auf dem Bild mit Vornamen hiess», versuchte sich Stephan Moser mit einem Glückstreffer und zeigte der Receptionistin das Foto der Ménage à trois, auf der sie selber zu sehen war. «Udo, heisst er, Udo Kraft.»
«Vielen Dank, jetzt kommt Herr Kraft doch noch zu seinem Vornamen. Wichtig ist das zwar nicht, aber zu jedem Familiennamen gehört ja auch ein Vorname, nicht wahr?»
Frau Podolska stimmte zu.
«Podolska, ein typischer Familienname aus Polen. Warschau?»
«Nein, Wroclaw.»
«Breslau, wunderschön, war 2016 Kulturhauptstadt Europas. So, nun wollen wir Sie aber nicht weiter aufhalten, einen schönen Tag wünsche ich Ihnen», sagte Moser und folgte seiner Kollegin zum Ausgang der Klinik.
«Was war denn das jetzt, Stephan?», erkundigte sich Regula Wälchli auf dem Weg zum einzigen Mittelklassewagen auf dem Parkplatz.
«Weltklasse war das, Teuerste, schlicht und ergreifend. W. E. L. T. - K. L. A. S. S. E. Jetzt hat der Karl-Heinz Becker also noch einen zweiten Namen. Wie habe ich das denn gemacht, Frau Kollega Wälchli?»
«Stephan, bist du dir bewusst, dass das schlicht illegal war? Eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Wenn das der Baron erfährt, ist die Frau wohl ihren Job los.»
«Muss ja niemand erfahren.»
«Ich kann für die Frau bloss hoffen, dass sie ihren Boss nicht darauf anspricht, sonst habt ihr beide ein Problem…»
«Ganz ruhig, Frau Wälchli, noch ist ja nichts passiert», beschwichtigte Moser und versuchte, mit «Hast du den Autoschlüssel?» das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, obwohl er selber den Schlüssel in der Hand hielt. Seine Kollegin liess sich nicht anmerken, dass sie das Ablenkungsmanöver sehr wohl durchschaut hatte.
Während den ersten Minuten auf der Rückfahrt nach Bern wurde nicht gesprochen, lediglich SRF 1 -Moderator Adi Küpfer war zu hören.
«Okay, Stephan, okay, das war zwar nicht legal, aber angesichts des Abblockens von Baron von und zu Neippenberg nachvollziehbar. Gut gemacht. Jetzt haben wir also den richtigen Namen von Karl-Heinz Becker. Ich bin ja gespannt, was J. R. zu unserem Erfolg sagen wird.» Die beiden trafen um 9.30 Uhr am Nordring ein, wo Ritter und Brunner bereits auf sie warteten, beide mit einem unverkennbaren Lächeln und mit Kaffee und Gipfeli. Was das wohl zu bedeuten hatte? Die Infowand, auf welche die Neuankömmlinge sofort blickten, gab das Geheimnis jedenfalls nicht preis. Wälchli und Moser sprachen die beiden bewusst nicht auf ihre gute Laune an, wollten ihnen den Spass nicht verderben, denn schliesslich hatten sie selber nach ihrem Besuch beim Baron echte News zu bieten.
«So… Ich hoffe, das frühe Aufstehen und die Fahrt an den Bielersee haben sich für euch gelohnt», stellte Ritter fest, noch immer mit einem leicht süffisanten Gesichtsausdruck, der verriet, dass er selber Neues erfahren hatte. «Bevor wir dazu kommen, schlage ich vor, dass wir die bekannten Ergebnisse zusammenfassen und erst dann Neuland betreten.» Er stand während des Redens auf, begab sich zur Plexiglaswand und schrieb stichwortartig neue Fakten des Vortags auf, samt Fotos vom Fundort der Leiche in Hinterkappelen.
Beobachtungen von Lukas Rindlisbacher, die mit jenen von Herrn Kim übereinstimmten. Resultate aus dem IRM. Im Kappelenring 7 wurde im Parterre eine männliche Leiche vorgefunden, deren Verwesung aufgrund der hohen Zimmertemperatur bereits weit fortgeschritten war. Bis zum Resultat der Autopsie aus dem IRM musste offengelassen werden, ob es sich um eine natürliche oder gewaltsame Todesart handelte. Chaos in der Wohnung, keine elektronischen Geräte. Eingeschlagene Fensterscheibe im Schlafzimmer. Aufgefundenes Foto zeigt den Toten – Karl-Heinz Becker – mit BvN und einer jungen Frau. Nissan Skyline nicht auf dem gewohnten Parkplatz. Keine konkreten Aussagen von Nachbarn.
«Nun also zu euch, liebe Regula und Stephan. Was habt ihr in Prêles erfahren?» Stephan Moser lehnte sich bei der Frage von Joseph Ritter genüsslich zurück, nahm vor seiner Antwort noch einen Schluck Kaffee, zelebrierte richtiggehend seine nun folgende Aussage.
«Nun, mein lieber J. R., mein lieber Elias, Sherlock Moser hat herausgefunden, dass Karl-Heinz Becker in Tat und Wahrheit… Udo Kraft heisst. Ich…», er blickte lausbubenhaft zur Regula Wälchli, «… ich habe meinen ganzen kriminalistischen Spürsinn, meine jahrelange Erfahrung, meine zweifellos vorhandene Genialität dafür gebündelt und eingesetzt.» Wälchli schmunzelte, ebenso schauten sich Ritter und Brunner belustigt an.
«Und nun, Stephan? Sollen wir dafür ein Blasorchester für einen Tusch organisieren? Oder doch eher die Fasnachts-Guggenmusik Tonschiisser aus Schliern?»
«J. R., ich fürchte, ich kann nicht folgen…»
«Also, Karl-Heinz Becker heisst nicht Karl-Heinz Becker.»
«Sage ich doch. Er heisst Udo Kraft.»
«Nein, heisst er auch nicht.»
«Und weshalb nicht?»
«Weil er laut IRM auf den Namen Igor Axundow getauft wurde. Udo Kraft hiess er nur zwischenzeitlich…»
«Hä? Und warum das?»
«Weil er ursprünglich aus Uralistan stammt.»
«Moment, Moment… Uralistan, das habe ich doch schon gehört.»
«Gut aufgepasst, in Zusammenhang mit Elchin Guseinow, dem ehemaligen Sportminister, dem KB. Aber ich will Regula und dich nicht noch länger auf die Folter spannen…»
Es war eine durch und durch abenteuerliche Geschichte, die der Leiter Leib und Leben nun zu erzählen hatte und die Elias Brunner bereits kannte. Sie stammte samt und sonders von der Bundespolizei, von Fedpol.
Auslöser des Dopingskandals in Uralistan – nicht zu verwechseln mit jenem in Russland 2016, den der deutsche TV -Journalist Hans Keppler dank dem Whistleblowing von Jelena Strelkowa und ihrem Mann Valentin Strelkow (Namen auf Wunsch der Betroffenen geändert, Anm. d. Verf.) aufgedeckt hatte – war Igor Axundow, Experte im nationalen Dopinglabor von Uralistan in der Hauptstadt Tomlija, der Uralistan Antidoping Agency Urada. Von seinem Gewissen geplagt und im Wissen um die Aussagen des Ehepaars Strelkowa/Strelkow, hatte er sich an einen weiteren deutschen Journalisten gewandt, der parallel zu Hans Keppler zu Staatsdoping recherchierte. Sowohl in Russland – wo Ex-Sportminister und Ex-Fussball-WM-OK-Präsident Witali Mutko als Vizeministerpräsident nach wie vor in Amt und Würden ist – wie auch in Uralistan unter Sportminister Elchin Guseinow wurde flächendeckend gedopt, systematisch. Die Behörden in Uralistan schritten nach der Veröffentlichung aller Fakten zu Taten, nicht bloss zu Dementis wie in Russland. Das bedeutete auch, dass der damalige Sportminister Elchin Guseinow – mit dem ermordeten KB identisch – in Ungnade fiel und nur für kurze Zeit hinter Schloss und Riegel musste. Sämtliche Kaderleute der Urada wurden von ihren Posten enthoben, zum Teil vor Gericht abgeurteilt und zu Freiheitsstrafen verurteilt, wie im Fall von Elchin Guseinow.
Igor Axundow, Whistleblower in Uralistan, der von der Kronzeugenregelung profitiert hatte und straffrei ausging, wurde daraufhin massiv bedroht, weshalb er nach Deutschland flüchtete und dort Asyl erhielt. Mehr noch: Durch seine Aussagen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Deutschlands wurde er ins Zeugenschutzprogramm des Bundeskriminalamts BKA aufgenommen, mit neuer Identität als Udo Kraft.
«Also war meine Information doch nicht ganz falsch, Chef», ereiferte sich Moser.
«Nein, da hast du recht. Wie bist du eigentlich an sie herangekommen?», fragte Ritter, worauf Moser den Blickkontakt mit Regula Wälchli suchte, diese den Augen ihres Kollegen jedoch geschickt auswich.
«Darf ich meine Frage wiederholen, Stephan? Wir alle könnten von deiner Genialität nur profitieren.»
«J. R., sagen wir es so: Es war auch Zufall mit im Spiel, ich gebe das gerne zu.»
«Regula, kannst du Elias und mich mit der Recherchemethode von Sherlock Moser bekanntmachen?»
«Leider nein, J. R., ich war nicht dabei», sagte sie ohne mit der Wimper zu zucken, womit das Thema erledigt war, Ritter wollte nicht darauf bestehen, er würde es ohnehin einmal erfahren, auf welche Weise auch immer.
Udo Kraft liess sich im Bundesland Rheinland-Pfalz nieder, in der Nähe von Pirmasens, bekannt für seine Schuhindustrie. Weil er ursprünglich neben Chemie auch Germanistik im Nebenfach studiert hatte, sprach Axundow fliessend Deutsch, ohne slawischen Akzent. Während gut drei Jahren arbeitete er in der Forschung einer bekannten Schuhfabrik, vor allem im Bereich des Kunstleders. Im Laufe seines Aufenthalts in Pirmasens hatte er das unbestimmte, aber ungute Gefühl, beobachtet zu werden, weshalb er die Behörden informierte. Das BKA fand schnell heraus, dass es Uralistaner waren, die sich für Udo Kraft interessierten.
Die drei Uralistaner wurden von einem Tag auf den anderen plötzlich nicht mehr gesehen. Das BKA indes empfahl Udo Kraft nochmals eine neue Identität, dieses Mal als Karl-Heinz Becker, sicherheitshalber mit Wohnsitz in der Schweiz. Das BKA hatte daraufhin mit Fedpol Kontakt aufgenommen, worauf Karl-Heinz Becker nach Hinterkappelen übersiedelte. Fedpol erledigte die Formalitäten zur Niederlassung, samt neuer Ausweispapiere, konnte oder wollte jedoch nicht sagen, ob und in welcher Branche oder Funktion Becker arbeitete. Das war auch nicht mehr Aufgabe von Fedpol.
«Das also die ganze Geschichte. Im Zeitraffer», schloss Ritter.
«Ist ja ein Ding… ganz spontan gefragt: J. R., alle elektronischen Gegenstände sind aus seiner Wohnung verschwunden, auch sein Handy. Ich nehme an, dass Becker eines besass, womöglich noch aus seiner Deutschland-Zeit. Das BKA kann uns diesbezüglich doch bestimmt weiterhelfen.» «Stephan, guter Gedankengang, aber ich könnte mir vorstellen, dass das BKA beim Zeugenschutzprogramm auch amtlich sehr, sehr verschwiegen ist. Gut möglich, dass wir da auf Granit beissen.»
Grundsätzlich, erklärte Ritter, war es möglich, dass sich zwei Länder im Rahmen der internationalen Polizeikooperation beim Zeugenschutz gegenseitig unterstützten, und dass ein Land den Zeugen eines anderen Landes übernahm. Was das Zeugenschutzprogramm in der Schweiz betreffe, gebe auch Fedpol aus Sicherheitsgründen keine Detailinformationen bekannt. «Diskretion ist das A und O jedes Zeugenschutzprogramms. Der Spielraum für die Kommunikation ist daher sehr klein», sagte Ritter. Jeder Hinweis auf die Vorgehensweise und Ressourcen, jeder Hinweis auf einen konkreten Fall könne die Zeugen sowie die Mitarbeitenden der Zeugenschutzstelle an Leib und Leben gefährden. Deshalb kommunizierten BKA und Fedpol sehr zurückhaltend.
«J. R., schon etwas vom KTD oder dem IRM gehört?»
«Noch nicht Regula, wobei Iutschiin und Schöre ihre Ermittlungen sowieso auf Eis gelegt haben, auch sie warten auf erste Resultate aus dem IRM. So wie ich Veronika kenne, wird das nicht mehr lange dauern. Die Frage ist bloss, ob sie sich selber im Ringhof oder telefonisch meldet.»
Man liess es sich nicht nehmen, diese Frage mit einer Wette zu verbinden. Sie endete mit einem diskussionslosen 4:0 für die Version Telefon, weil damit keine Zeit verloren ging. Regula Wälchli marschierte zur Infowand, gliederte die bisherigen Fakten optisch neu, um Platz für News zu schaffen, vor allem die Geschichte Axundow-Kraft-Becker gehörte dokumentiert. Inzwischen zeigte die Uhr 11.15 an, was Brunner zur Bemerkung veranlasste, sich für eine «fliegende Verpflegung» über Mittag zu wappnen, angesichts der Vorbereitungen zur grossen Infositzung um 14.00 Uhr. Der Zufall wollte es, dass Claudia Lüthi just in diesem Moment mit einer Velokurier-Lieferung ins Büro trat. Ritter hatte am Vorabend noch Unterlagen bei Fedpol angefordert, die jedoch zuerst kopiert werden mussten. Aus Gründen der Vertraulichkeit war eine elektronische Übermittlung ausgeschlossen.
«Claudia, wie kommst du zum Briefumschlag, bist du neuerdings im Postdienst?»
«Nein, J. R., ich lief vor einigen Augenblicken bei der Eingangsloge vorbei. Der Kollege, der das Couvert soeben vom Kurierdienst erhalten hatte, fragte, ob ich in den ersten Stock unterwegs sei, ich bejahte, deshalb…»
«Vielen Dank. Dürfen wir dich gleich einspannen, für einen Botengang vis-à-vis zum Take-away? Wir erwarten jeden Moment Infos vom IRM, weshalb wir das Büro nicht verlassen sollten.»
«Kein Problem, ich hatte eh vor, mir dort selber etwas zu kaufen. Also denn, was darf es denn sein, meine Dame, meine Herren?»
Wälchli entschied sich für einen gemischten Salat mit italienischer Sauce und einem Eistee light, ihr Verlobter für ein Salami- oder Schinkensandwich und eine kleine Flasche Apfelsaft, Moser hatte Lust auf einen Hotdog «oder so was in der Art» samt einer Cola Zero, der Chef wiederum wollte «irgendetwas Warmes» im Mehrweggeschirr. Und einen 5-dl-Milchdrink.
«Claudia, willst du dir das alles nicht aufschreiben?»
«Nicht nötig, J. R., ich bin eine Frau, wir können uns das merken», sagte Claudia. « So isch es!», bekräftigte Regula Wälchli quer durch den Raum.
Kaum hatte Claudia Lüthi die Türe hinter sich geschlossen, meldete sich AC/DC. «IRM», zeigte das Display von Joseph Ritter.
«Guete Tag, Veronika, hast du wieder die ganze Nacht durcharbeiten müssen?»
«Nicht ganz, aber fast. Unsere Arbeit ist aber noch nicht abgeschlossen, immerhin habe ich euch einige Informationen, damit ihr vorwärtskommt.» «Super. Ich schalte auf Lautsprecher, damit das Team mithören kann.» «Ja, mach du das. Also, den Todeszeitpunkt von Becker kann ich ziemlich genau eingrenzen. Mittwoch, 24. Januar, plus/minus sechs Stunden zum Dienstag respektive Donnerstag.»
«Veronika, Todesursache?»
«Unnatürlich. Gift.»
«Und wie das?»
«Ich habe die Einstichstelle am Hals zuerst übersehen, was beim Zustand der Leiche kein Wunder ist. Die Halsschlagader wurde durch die Nadel der Spritze direkt getroffen, der Mann war innert weniger Sekunden bewusstlos. Der Tod dürfte unmittelbar danach eingetreten sein. Herzlähmung.»
«Ähnlich wie 2017 dieser Halbbruder vom nordkoreanischen Führer auf dem Flughafen in Kuala Lumpur?»
«Nein J. R., der wurde mit O-Ethyl-S-2-Diisopropylaminoethylmethylphosphonothiolat vergiftet.»
«Hä? Womit?»
«Mit Nervengift, mit VX, das ist ein militärischer Kampfstoff, damit wurde Becker jedoch nicht umgebracht.»
«Sondern?»
«Wir analysieren die chemische Zusammensetzung weiter, sind uns noch nicht abschliessend sicher.»
«Was sonst?»
«Wie ich gestern bereits sagte: Becker hatte mehrere Gesichtsoperationen, als wolle er sein Aussehen verändern.»
«Damit liegst du richtig. Becker wurde in einem Zeugenschutzprogramm des BKA untergebracht, er war Uralistaner.»
«Wie dieser KB?»
«Genau, und beide hatten ihre Dopinggeschichte in Tomlija. KB als Täter, Becker als Whistleblower. Näheres dann, wenn du einmal Zeit hast. Gibt es sonst noch etwas, das wir wissen sollten?»
«Er war HIV-positiv. Weitere Details mit meinem schriftlichen Befund, kann aber noch zwei, drei Tage dauern. Das Wichtigste ist hiermit aber gesagt. Bitte entschuldigt mich heute Nachmittag bei der Sitzung.» Es folgte ein vierfaches «Merci, Veronika!», worauf die Verbindung getrennt wurde. Wenig später brachte Claudia Lüthi das Essen, wie bestellt.
«J. R., da wir uns höchstwahrscheinlich mit Doping beschäftigen werden, kannst du uns beim Essen noch das eine oder andere dazu sagen?» «Stephan, da muss ich husch mal checken, was ich bereits gesagt habe. Mal sehen…»
Er erinnerte sich: Es ging bisher vor allem um den Radsport. Auch die Leichtathletik hatte er angedeutet, mit Irina und Tamara Press – den «Press-Brothers» –, mit Jarmila Kratochvilova aus der ehemaligen CSSR. Hier nahm er den Faden wieder auf, nach einer kurzen Rückblende, weil er einiges bisher nur Regula Wälchli gegenüber erwähnt hatte.
«Sagen euch die Namen Birgit Dressel, Ricky Bruch, Ralf Reichenbach, Uwe Beyer, Florence Griffith-Joyner oder Rod Milburn etwas?»
«Möglicherweise Florence Griffith», sagte Elias Brunner, «hatte die nicht immer extrem lange Fingernägel, zu einem Kunstwerk verziert?»
«Genau. Sie war dreifache Olympia-Goldmedaillengewinnerin, hält noch heute mit 10,49 s den Weltrekord über 100 Meter und mit 21,34 s den 200-Meter-Weltrekord, 1988 aufgestellt, also vor 30 Jahren. Merkt ihr was?»
«Was ist eigentlich aus ihr geworden?», interessierte sich Regula Wälchli. «Sie ist, wie die anderen Genannten auch, den Sekundentod gestorben, Hirnschlag mit 36 Jahren. Man vermutet einen direkten Zusammenhang mit Anabolikamissbrauch.»
Einem Sportler Dopingmissbrauch nachzuweisen, ist auch heute noch schwierig. Sogar Matthias Kamber, ehemaliger Chef von Antidoping Schweiz, hatte in einem Interview mit dem Newsportal «Watson» auf die Frage «Eine hypothetische Annahme: Wenn Sie selbst Athleten dopen müssten, würden Sie es hinkriegen, ohne dass die Athleten entdeckt werden?» wie folgt geantwortet: «Ja, ich wüsste wie. Ich bin auch schon lange genug im Geschäft, um es anstellen zu können.»
Ritter interessierte sich für Spitzensport und Doping. Aus diesem Grund wollte er selber von Matthias Kamber wissen, ob es zutreffe, dass Antidoping Schweiz Athleten von 23.00 bis 5.00 Uhr in Ruhe lasse, ihrer Schlafgewohnheiten wegen. Eine Zeitspanne von sechs Stunden, in der man theoretisch allenfalls dumme Gedanken hätte umsetzen und anschliessend mit der literweisen Einnahme von Wasser sozusagen wieder wegschwemmen können, wie gesagt, natürlich nur rein theoretisch. Und ob es stimme, dass Antidoping Schweiz selber keine Resultate veröffentliche, sondern nur das Schweizerische Olympische Komitee, respektive die betroffenen Verbände. Kamber hatte schriftlich geantwortet, wie folgt: «Antidoping Schweiz darf jederzeit kontrollieren, also auch in der Nacht. Aus offensichtlichen Gründen praktizieren wir dies aber sehr restriktiv. Und: Antidoping Schweiz veröffentlicht keine Resultate. In der Schweiz ist dies die Disziplinarkammer für Dopingfälle von Swiss Olympic, welche die Resultate ihrer Urteile veröffentlicht. Selbstverständlich kann der Athlet von sich aus jederzeit an die Öffentlichkeit gelangen.» (Anm. d. Verf.: Die Antwort von Matthias Kamber liegt dem Autor schriftlich vor.)
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