Czytaj książkę: «Zwischentöne - Ein Skizzenbuch»
Thilo Koch
Zwischentöne - Ein Skizzenbuch
Saga
Zwischentöne - Ein SkizzenbuchCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1963, 2019 Thilo Koch und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711836125
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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ORTE
Dolce Fahr’
Dieser spanische Frühling zwingt uns ins Haus. Das kleine Tropengewitter nachts läßt die Quecksilbersäule erstarren. Morgens küßt der Tramontana die Wipfel der noch eingebundenen Palmen, so daß du schnell dir die Hände an dem Kännchen mit Café au lait wärmst. Sonst aber ist alles wie im Urlaub: das Bett zu kurz, die Decke zu dünn, das Wasser nie warm, der Strom schwankend, elektrische Rasur also ungleich.
Genieße den südlichen Frühling, Mallorca, die goldene Insel, flugs fliegt man dich hin, du bist da, du erstarrst. In den Wogen, schneidend wie Nordsee. In den Klippen, traurigkühl wie Solveigs Lied. Auf der Terrasse, kahl wie ein Berliner Hinterhof. Bunt und höhnisch die Interpunktion der Liegestühle: Warte nur, balde . . .
Aber im Hause, da ist ja gut sein. Voll bis zum Rand die lauschige Bar, eingerichtet mit Fleiß und Genie vom französischen Wirt für den Flirt, für Espresso und Knobeln, »Time« und »Life« am Kamin, Pfeife zur Nacht und dazu »Veterano«, billigen, guten, spanischen Cognac: bueno.
Freilich, die Kleinen! Die Kinderchen! Wo, bitte, sollen sie spielen und tanzen, singen und springen, die Süßen? Draußen, der südliche Frühling, tut ihren Hälschen, den zarten, nicht gut. Also herein mit ihnen, laß sie hier schreien. Also zu zweien, zu dreien in die Klubsessel.
Und geduldig steht der schottische Vater am Fenster, gewärtig des heimischen Nebels, des Frühlingsschneefalls, des Geists von Hamlets Vater, allem schlechthin. Jedenfalls ist er gelassen, bedient den Kamin, gründlich: und wenn die ganze Pineta verbrennt – warm wird es doch nicht.
Sehr lebendig dagegen die drei Pariser Familien. Die eine Madame hat den Chic der Concièrge – o la la. Aber Monsieur grübelt so gründlich über der Karte zum Menü, daß er beim Skat, den die drei Herren von der Seine unentwegt spielen – veritablen deutschen »Skat« –, daß er verliert.
Doch der Gattin Brillanten sind echt. Und so fait es rien, daß die drei putzigen Kleinen eben den zweiten Schemel zerkleinern und ihn verheizen. Unter leichtem schottischem Schütteln des Kopfes vom Fenster her, das freilich auf Bewegungen der buschigen Augenbrauen beschränkt bleibt: take it easy, boy.
Anders der deutsche Professor. Er liest, buchstäblich, chinesische Bücher im Urtext – mit einem dicken Bleistift und von rückwärts, also ganz echt chinesisch. Scheu und Ehrfurcht aller Nationen umgeben den Weisen – etwa im Umkreis von ein Meter fünfzig. Selbst das englische Liebespaar aus Kalkutta (ob es da warm ist?) flüstert nur in seinem Rücken, an der Bar, die sehr hübsch aus einer längs abgeschnittenen Bootshälfte besteht. Beim Flüstern muß es sich nahe und immer näher kommen, denn leider – die Kleinen, die europäisch vereinten, spielen »Mikado« jetzt, und das ergibt Streit – Pearl Harbour, Harakiri.
Nur die Stimme des Mannes in kurzen Hosen dringt da noch durch. Wem er eigentlich in schwäbischen Kernlauten von Charkow und »lagen vor Madagaskar«, El Alamein und dem Kuban-Brückenkopf erzählt, ist unerfindlich, da eine große Mutti, dick hollandaise, die deutsche Gruppe verdeckt. Mutti lächelt auf schottenrockrotkarierte Knaben und eigene kleine Meisjes hernieder, gutmütig-lieb, mit ewig schiefgeneigter Schulter und glühenden Wangen.
Sonst gibt es noch zwei Attraktionen: die zweite Pariserin, Gattin im schwarzen Pullover, dazu ihr Anmutig-Parlierendes, schon mit acht Lenzen die ganze erotische Kultur der Nation mit Kußhändchen verschenkend. Und das rote Fräulein aus Vancouver, Kanada. Warum die hier friert und allein, weiß nicht mal Generalissimo Franco, der jede Mallorca-Briefmarke ziert.
Sie blättert, das Engelsgeschöpf, in »Vogue«, Spalte »Reisetips«, »See Europe Now«, und hat wirklich sehr, sehr schöne Fesseln. Auch sonst – alles, was recht ist. Zweiundeinhalb Aphroditen, schaumgeboren. Aber der knappe, schmiegende Badeanzug ruht tief im Koffer, die Brandung brandet allein.
Dieser spanische Frühling – ach ja. Aber balde: »Er kam, er kam ja immer doch . . .« Oder heißt es »noch«? Kein Büchmann – nix Literatur. Du senkst beschämt den ungebildeten Kopf. Aber: patienca – morgen, mañana ist auch ein Tag, Frühlingstag. Mache dich nützlich, Germane. Ich greife entschlossen zur Kaminzange, die Pineta zu schüren. Autsch, das war heiß. Scotchman vom Fenster fragt sachte besorgt: »Are you allright?« Ich grimmassierend, in diesem gemeinsamen europäischen Markt babylonisch verwirrt: »Merci, it’s niente!« Dolce far – aber fahr niente zu früh, in einem Früh-ling, o Reisender aus Alemania.
Die Welt am sechsten Tage
Artischocken und Palmen wachsen wie Unkraut. Grillen, so lang und stark wie ein Männerdaumen, springen dir über den Kopf und zehn Meter weit in die Macchia. Die duftet süß und intensiv, übertroffen nur noch gegen den Abend von der grüngrünen langen Büschelnadel der Schirmpinie am Hang und dem schotenartigen Blatt des Eukalyptus, der hier als Alleebaum dient und Kühlung raschelt. Schwarzer, roter, glitzernd-grauer Granit tritt überall aus den bunten Mosen, den Farnenfeldern, den Disteln, deren gelbe Blüte mannshoch aufschießt. Das uralte Gestein ist vom Meerwind, der Salzluft und den Güssen der Regenzeit modelliert; nun sieht es aus wie Elefantenhaut, und oft beugen sich die Höhenzüge wirklich auch in ihren Konturen wie die Rücken urweltlicher Elefantenherden unter das siedende Goldrot der untergehenden Sonne.
Nach ewigen, ehernen Gesetzen, so spürst du, seit dich die »Tirenia« in Olbia anlandete, steht hier ein unberührtes Land gegen die nagende, kühlende See ringsum, gegen den segnenden, sengenden Himmel darüber. Das Buch der Geschichte? Hier blieb es geschlossen, und die Zeit, die allmächtige, hier verwandelt sie in zehntausend Sommern nur wenig. Asphodelen und Oleander wurden von keiner Hand gebrochen oder gezogen; alle Jahre schießt die Agave aus dem Schoß ihrer dicken, blaugrünen Blätter den Blütenbaum viele Meter in den Wind; Opuntie, der Feigenkaktus, wuchert unendlich; die Herbste duften nach Orangen, Zitronen, und in den Tälern kocht die Traube.
Also doch der Mensch auch hier? Denn die Reben halten sauber am Stock; Schafe in daunenweicher Wolle grasen zwischen mörtellosen Steinmauern hinauf; das dunkel-sanfte Auge brauner Rinder glänzt blicklos über mahlendem Maul aus dem Schatten, und: ein dichtgeschlungenes Netz staubweißer und asphaltener Straßen überzieht die große Insel im Tyrrhenischen Meer. Menschen in den klassischen Berufen – Hirten, Pflüger, Jäger, Viehzüchter. Das einfache Leben mit Schafkäse, Wein und Brot. Menschen ohne Geschichte. Blaues Salzwasser, das den Granit zersägt; ein offener Himmel ohne Gott und voller Götter; in bergenden Muscheln aus Lava oder Basalt fruchtbares Grün, darin der Mensch.
Das denkende Wesen, dessen Spuren sich in »vorzeitlichem« Dunkel verlieren, das so vieles ersinnt, aber nicht seinen Anfang, nicht das Ende der Zeit. »Nuraghen« hat er gebaut auf diesem Stück Erde, als erstes Zeugnis der Macht, die ihn vor allem beherrscht: der Angst. Nuraghen, Türme in kunstvoll simpler Architektur, urtümlich, düster, aus Steinen, die zwei, drei Männer noch gerade bewegen, Fluchtburgen, Gräber, man rätselt; nicht groß, nicht prächtig, aber selbst in drei-, viertausend Jahren noch nicht zerfallen. Du legst die Hand an diese ersten Mauern, die nicht Naturkraft baute, der Stein ist sonnenwarm, wie all die Sommer hindurch, da hier Phönizier, Karthager, Römer, Vandalen, Ostgoten, Sarazenen, Spanier, Genuesen, Pisaner, Habsburger vorbeizogen, eroberten, erpreßten, vergingen – bis Garibaldi die Einigung Italiens brachte.
Nur wenige Meter sind die noch erhaltenen Nuraghen hoch. Die Abendbrise fährt kräftig drüber hin, das Land, das du überschaust, war besetztes Land bis vor hundert Jahren – durch Antike, Mittelalter, Neuzeit, »immer« also –, ohne Begriff von Sieg und Macht, von Selbstbestimmung und Zukunft. Keine Geschichte, keine historischen Aufschwünge, immer nur Material für fremde geschichtsbildende Kräfte. Besetztes Land; durch Jahrtausende besetzt. Begreift man das als freiheitsdünkelnder Mitteleuropäer? Hier ging der Wind über die Halme und knickte sie immer. Brot und Wein im besten Falle; die Berge als Zuflucht, die Macchia, Blutrache, Stolz, einsam durch die Jahrtausende, schwarzer Granit, der Wind und ein trauriges Lied auf der Hirtenflöte zum Abend.
Hart, einfach und groß zwischen Himmel und Meer, laß andere regieren, nur immer neue Eroberer erobern Eroberer.
An tiefblauen Golfen und zwischen silberhaltigen Bergen gibt es nun Städte. Dies Land, größer als die Schweiz, ist leer, aber es wächst doch auch Zivilisation um rasch modernisierte Zentren. Das heiße Wasser fließt zuverlässig ins rosa gekachelte Bad, blütenreine Wäsche wartet über der weichen Matratze. Languste ist zwar in der nächsten Trattoria billiger und besser als im staatlich unterstützten Hotel; aber Telefon in alle Welt, ein eleganter, ganz italienischer Corso gegen acht, das neuste Sportmodell von Alfa Romeo und aus dem Fenster dort drüben »My Heart Belongs to Daddy« sind die Vorzüge der Zivilisationsoasen; du bist in der westlichen Welt, geschützt durch NATO und einbezogen in den vertrauten Kreis von Jazz, Frühstück mit Ei, die neuesten Nachrichten, Krawatte und den zuverlässigen Ölwechsel aller zweitausend Kilometer. Um die Ecke spielt das »Ci« (gleich Cinema) mit Michèle Morgan; der sehr, aber nun schon sehr laute Sprecher vom Platz drüben ist, wie sich glücklicherweise herausstellt, kein Agitator der KPI, der Kommunistischen Partei Italiens, sondern ein Ausschreier auf dem »Mercato di Stoffe«, und die Glocken der Chiesa läuten zuverlässig zu Frühandacht und Vesper.
Sonst nämlich, in der Campagna, sieht es mitunter so gar nicht westlich aus. Es ist das gleiche Licht, ein ähnlicher Geruch nach Hammelfleisch und Holzkohle, die Leute bewegen sich so und blicken über ihren Bärten – wie in Aserbeidschan, auf den Ägäis, an sehr heißen Tagen in Süd-Polen, in Arragonien, an gewissen osmanischen Plätzen. Da fällt das törichte Herumgeschicke des »Grand-Hotel-Kellners« durch drei amerikanische Sekretärinnen vom Hauptquartier in »Naples« ins schweigende Nichts. Immerhin signalisieren die Ladies Zivilisation, und die ist angenehm, schließlich verteidigenswert, gerade in göttlicher Wildnis, unter Palmen, Disteln, Asphodelen – in der drängenden Nachbarschaft von Nuraghen, Granitbergen, Himmel und Meer.
Sardinien, Insel hinterm Rücken der Geschichte, stolz und leer, stark und lieblich, unentdeckt und doch uralt: dein Reiz liegt darin, daß du die Welt bist am sechsten Schöpfungstage – aber zierlich gehalten von blauen Bändern aus Asphalt.
Zwischen Jungfrau und Mönch
Im Herzen Europas, denkst du, herrscht eitel Zivilisation. Vier Wochen maßvolles Wohlsein bei Alpenmilch und »Grüet Sie alle miteinand!« Doch Wildnis, verwegne, bedroht auch hier, so lernst du, humane Idylle und liebliches Gleichmaß der Ferien. Paar tausend Meter entfernt vom Kuhläuten, roten Asphalt und traulichen Giebel deines Chalets – bleckt Arktis knurrend die Zähne, ragt Eiswelt, dürftig verdeckt unter brauenden, nördlichen Nebeln.
Sie grüßten als art’ge Kulisse beim Frühstück herüber, die stummgigantischen Viertausender des Berner Oberlandes. Nun aber schnurrt auf stählernen Zahnstangen die elektrische Bahn mit dir zum Joch der meistens in Wolken gehüllten Jungfrau. Hybris, sinnst du, menschlicher Übermut, fahrplanmäßig hier U-Bahn zu fahren durch Marmormassive, den längsten Tunnel Europas hinauf zum höchsten Bahnhof des alten Erdteils (3454 m über dem Meer). Einige tausend Tonnen drücken da auf das Köpfchen, und oben ist die ozonige Luft schon recht dünn.
Polarhunde, Eskimoschlitten – das mag wohl nur fromme Prospektlegende gewesen sein. Doch leibhaftig knurrt es und grönländisch finster vom Mönch her, und wie ein Geisterzug rasselt und hechelt der Schlitten an dir vorbei, im Schneesturm, im Wolkendunst weiß. Sechs arktische Hunde, kein Zweifel, ein mähniger Mann mit Schneebrille und Urlauten am Ende und lenkend. Inmitten verloren die Schatten von drei, vier Touristen.
Da ließest du lächelnd und mählich unten in Sommer und Urlaub, bei Alpencreme-Schoko nebst allfälliger Südfrucht, die Kinderchen glücklich, die Gattin. Dreitausend Meterli knapp über ihnen west hier das Urtum, die schneidende Kälte, Gletschergefahr und wildes Getier. Wie herbestellt pfeifen finstere Dohlen schwarz und gezackt um das Berghaus.
Drinnen beim wärmenden Kaffee sieht die Sache normal aus, wenn auch noch immer bizarr. Vor den Fenstern wölkt und brodelt der weiße Ozon distanziert, der riesige Steinadler schaut griesgrämig drein – an der Wand, ausgestopft. Aber es harren die Wunder ihres Betrachters. Vor zwanzig Jahren zum Beispiel haben ein paar Schwyzer Bergmannen die Eishöhle geschlagen, von Hand, in den Gletscher, ins fünfzig Meter tiefe Eis hinein, Gänge und Nischen, einen riesigen Saal für Schlittschuhtänze, und seither steht die kalte Pracht da – unbewegt, verzaubert, denn die Temperatur ist immer frigide hier drinnen.
Oben nur taut der Schnee weg bisweilen, ewig starren Felsen und Eis. Sonne? Die sahen sie stumm wohl millionenmal kommen und sinken, bis zum Halse zugeknöpft meistens, der »Mönch« und die »Jungfrau«, die da Äonen schon nebeneinander koexistieren. Tragen die Namen zu Recht. Wie freiwillig blind kommst du dir vor in dieser weißen Finsternis. Aber warte, du wirst belohnt, es ist keine Sage, das alte Hohelied alpiner Bergschönheit. Ein lässiger Hauch gibt für Minuten den Blick frei auf die beiden Silberhörner des ungeheuren Massivs: du schauderst. Stehst, starrst und schauderst.
Das lohnt vielleicht sogar das Bohren mit Preßlufthämmern durch Jahre, bis der Tunnel stand. Manchmal sind es über zweitausend Leute pro Tag, die viele Fränkli und Rappen spendieren, um einmal im Leben trockenen Fußes einem Viertausender zum Greifen nahe zu sein. Kein Wort ist da, um die erhabene Eleganz, das ironische Blinzeln aus königlicher Unnahbarkeit wiederzugeben, mit der diese Jungfrauhörner – Diamanten auf Blau – niederglänzen zum sterblichen Pilger.
Abwärts rasselnd zum Irdisch-Gemeinen, nistet sich ein Gedanke in deinen Kopf. Das mit den Hunden, ein Jux – man fährt eine Schleife und hat sein Stück Nordpol, mitten im Sommer Europas. Das mit der Bahn, Sight-seeing, ein technischer Gag von Format. Unvergeßlich: Gipfelironie und das unendlich weiße geschmeidige Gleißen der Firne, der Schneefelder zwischen den Riesen, niemals getaut.
Die Erde, ein erkalteter Stern, ist aus Stein, Eis und Meeren. Alles Grün, alles Leben – ist es denn mehr als ein loser, ein flüchtiger Schleier, in den diese Erde sich für einen Weltraumaugenblick zu hüllen beliebt? Und der Mensch? Zwischen Jungfrau und Mönch begreift er sich nur noch als Auge, geschaffen zu warten auf jene wenigen Blicke, vor denen Natur sich enthüllt, um doch gesehen zu werden. Wozu? So fragt das Auge. Die Gipfel sind stumm.
Felix Helvetia
Eine eidgenössische Feuerwehrkapelle spielt im Pavillon am See flotte Märsche, und wie ein weißer Gänsekiel steht die berühmte Fontäne neben dem Pont du Mont-Blanc. Die Rhône fließt kühl und eilig wie immer aus dem See heraus, nach Frankreich hinunter. Noch sah ich niemanden baden. Aber in den Cafés holen sich parlierende Müßiggänger, die es hier immer in Fülle gibt, die erste Sonnenbräune.
Funkelnde, glitzernde, in Akkorden weich hupende, dahingleitende, regenbogenfarbig glänzende Rudel von Automobilen, weiße, schwarze Pneus auf rotem Asphalt. Blitzende Lichtgirlanden über Straßen, Cafés, Promenaden. Lachende Seitenblicke aus dunklen Augen, schmiegsames Jerseygewebe gibt weiße Schultern frei, modelliert Taillen und mehr. Rauchende Herren in spitzen Schuhen, doppelt geschlitztem Rock und kurzem Kraushaar. Ein südlich perlendes Idiom garniert zierlich leere Höflichkeiten um den ganzen süßen Tanz.
Luxus – es gibt ihn hier ganz beiläufig. Und er ist angenehm. Für die exklusive Creme, die ihn hat, vielleicht weniger als für den Zuschauer, der ihn bewundert – wie ein kunstvoll inszeniertes Stück auf dem Theater, eine Geschichte aus den Tausendundein-Nächten. Dort unter den hundertjährigen Platanen sitzen und der Harmonie eines Abends mit halbgeschlossenen Augen zuhören . . .
Es sei auch hier nicht alles vierzehnkarätig, und was da gleißt, wäre billig? Warum Neid? Ist es nicht schön, daß Watteau »die Einschiffung nach Kythera« gemalt hat? Wird’s weniger schön dadurch, daß niemand diese rosa-him-melblau verdämmernde Insel der Seligen je erreichte? Die happy few, sollen sie doch glücklich erscheinen; denn wer von ihnen wandelt schon wirklich »droben im Licht«.
Das Verlangen nach dem dreihundertpferdigen Wagen, der Villa am Meer, der geheimnisvollen Dame dort drüben hinter dem Eisbecher, unter der rot-weißen Markise – das alles ist harmloser als der finstere Hunger nach Macht, der immer die verzehrt, die das läßlich egoistische Menschenvolk bessern, gewaltsam zu Sittenstrenge und Einfachheit erziehen wollen.
Gleichmütig rückt der Zeiger der großen Blumenuhr im Englischen Garten von Sekunde zu Sekunde. Hier stand ich schon einmal, vor einigen Jahren: Eisenhower traf Bulganin und Chruschtschow. Viele tausend Stunden zeigte diese einzigartige Uhr inzwischen an. Wie ihr Zeiger, so drehte sich um die eigene Achse und kam kein Stück von der Stelle auch: die deutsche Frage. Und nun? Vier großmächtige Außenminister sind versammelt, um abermals den Stein den Berg hinaufzuwälzen.
Eine unzählbare indische Familie, dunkel getönt und sahribunt in einem riesigen Plymouth mit Haifischflossen; ein Zwei-Meter-Neger neben mir im Zoll auf dem Flughafen; flinke Japaner mit Brille unter jeder Arkade – das ist seit den selig-unseligen Völkerbundzeiten jahrauf, jahrab so. Internationale Konferenzen? Kein Genfer Bürger fragt danach.
Die schweizerische Akkuratesse wird in Genf gemildert durch einen Stich romanisches »Laisser-aller«. Da bröckelt schon mal der Putz, und das »merci« des Telefonfräuleins klingt zwitschernd wie in Paris. Die jungen Mädchen mit den Augen im Trauerrand, den blaßrosa Lippen und der Nymphenmähne haben das Zwei-Parteien-System: hie Bardot, hie Vlady. Es wippt der Rock im Frühlingshauch, und weiter oben schwankt es auch (das Herz).
Das männliche Gegenstück, die Studenten, sind ein Cocktail aus »St.-Germain-des-Prés-Existentialismus« und Texas. Die amerikanische Note dominiert, obwohl die Eidgenossen nicht in der NATO sind. Kennzeichen: Jeans, Haltung: relaxed und Hindenburg-Frisur.
Aus der Espresso-Bar tönt’s wie in München und Hamburg: »Ciao, Ciao, Bambina . . .« Ich ziehe abends das »Bavaria« vor, ein Münchner Bier unter Karikaturen von Stresemann und Briand. Hier haben die einmal den Silberstreifen »Frieden« mitsammen erstritten – beim deutschen Bier. Auch damals ging’s um Erbfeindschaft. Heute sehe ich keinen Minister mit dem Kollegen von der Gegenseite ins »Bavaria« gehen. Den Genfern ist’s Wurscht – Felix Helvetia . . .
Verlorene Zeit – wiedergefunden
Die Zeit der Könige und ihrer Schlösser scheint für unser politisches Gefühl Jahrtausende zurückzuliegen. Und doch hat unsere ältere Generation noch den Trommelwirbel der farbenprächtigen Wachablösung im Ohr, die goldene Equipage der Hoheiten vor Augen. »Fridericus Rex, unser König und Herr . . .« – das mag begeistert oder mürrisch gesungen worden sein, oft und oft, auf dem Exerzierplatz vorm Charlottenburger Schloß. Pferde bestimmten noch das Straßenbild, in dem es an kokettierenden Demoisellen, stutzerhaften Rokoko-Kavalieren, schnauzbärtigen Gardekürassieren nicht fehlte.
Aus alten Kupferstichen tritt uns diese Welt noch entgegen. Und aus den königlichen Parks, Lusthäuschen, Galerien und Kuppeln, die erhalten blieben. Ein Schimmer vom Glanz versunkener Epochen stimmt uns lyrisch. Gern, vielleicht allzugern vergessen wir die Not, die Unterdrückung feudaler Jahrhunderte vor den majestätischen Proportionen, dem gediegenen Luxus. Berlins Schlösser wurden vom Kriege besonders hart verwüstet. 1943 brannte das schönste vollkommen aus, das Charlottenburger. Napoleon fand 1806, als er Berlin erobert hatte und hier wohnte, es sehe Versailles sehr ähnlich. Unersetzliche Porzellane, Tapeten, Möbel, Stuckarbeiten und Intarsien gingen verloren. Ganz unwiederbringlich die Fresken von Pesne an Decken und Wänden.
Fünfzehn Jahre nach der zerstörenden Bombennacht erhob sich aus dem musterhaft gepflegten Park eine glänzende neue Fassade. Kupfergedeckt ragt die 48 Meter hohe Kuppel Eosanders von Goethe über dem Mittelteil; die steinernen Gladiatoren hüten das äußere Tor. In der Mitte des Hofes: Andreas Schlüters »Großer Kurfürst«. Dieses riesige Bronze-Reiterstandbild hat im Baedeker zwei Sterne; es ist eines der schönsten Bildwerke des ganzen europäischen Barock. Früher stand es auf der Langen Brücke, versank dann auf einem Transport für drei Jahre im Wasser. Nun thront der schwere Kurfürst wieder auf seinem schweren Pferd und blickt ins Weite; es scheint ihn nicht zu kümmern, daß sein Brandenburg in den Staub sank – für immer. Rechts ist der lange Flügel, den Friedrich der Große von seinem Baumeister Knobelsdorff anfügen ließ, ebenfalls ganz wiederhergestellt – und zentralgeheizt, denn hier gibt es jetzt die schönsten Sonderausstellungen der Inselstadt Berlin.
Die »Nationalgalerie der ehemals Staatlichen Museen« zeigte hier zuletzt Lovis Corinth, aus Anlaß seines hundertsten Geburtstages. Bisher gab es wohl noch nie eine solche Zusammenfassung der besten Werke des Ostpreußen, der zusammen mit Liebermann und Slevogt das große Berliner Dreigestirn der Zeit vor dem ersten Weltkrieg bildete. Die derbe Sinnlichkeit Corinths muß damals schockiert haben. Die Akte und Stilleben, die Blumenstücke bersten vor Kraft und Farbe. Überraschend geistig, ja psychologisch, daneben die Porträts: Eduard Graf Keyserling, Friedrich Ebert – vor allem aber: er selbst. Nach dem Schlaganfall im 54. Lebensjahr ist die dionysische Fülle dahin, die Sinnlichkeit vergessen, der starke Puls nur noch matt. Aber das letzte Selbstbildnis und die »Ausgeschütteten Blumen« des Todesjahres 1925 sind die schönsten Stücke der Ausstellung. Er war teilweise gelähmt, als er das schuf, seine Hand zitterte. Und doch sprach erst jetzt ganz unabgelenkt sein Genius. Früher schäumt und brodelt die Lebensfreude so stark, schlägt sein Realismus manchmal so wild zu, daß übertriebene, manchmal sogar kitschige Effekte die Bilder schreien lassen. Jetzt entstehen Landschaften aus dem Alpenvorland, die zu den ewigen Meisterstücken der Malerei zählen: die Komposition apollinisch souverän, die Farbe aber noch kühn und saftig; über allem jedoch der gebrochene Schimmer des Bewußtseins der Vergänglichkeit, der verklärt und bewegt.
Der Blick aus den tiefen Fenstern des Knobelsdorff-Flügels schweift ungehindert durch den vorfrühlingshaft kahlen Park. Spaziergänger in warmen Mänteln noch, die die Stille und heiter gemessene Kultur dieser Oase im Trubel der großen Stadt genießen. Freilich wird es dauern, bis die jungen Linden und Blumen den erneuerten Stein in jenes poetische Grün wieder einbetten, das erst ganz die Illusion zurückgibt von einer guten, alten, verlorenen und wiedergefundenen Zeit.
Frühlingssignal
Alles klingt heute ganz anders. Die S-Bahn unterm Bürofenster schmettert übers Gleis. Die Kinderstimmen von der Nebenstraße tragen plötzlich bis hier herauf in den vierten Stock. Und natürlich die Vögel. Auf der Kastanie am Platz drüben wird ein veritables Madrigal durchjubiliert. Drossel hat die Dominante.
Heute Hochgelehrtes, Tiefgedachtes, Ferngefühltes ins Tagebuch zu tragen, will nicht passend scheinen. Mag’s töricht sein oder ein bißchen sentimental, ganz ungeistige Frühlingsempfindungen alle Jahre wieder in die Feder fließen zu lassen – nur Dickhäuter können einem solchen Tag widerstehen.
Zwischen zwei Kühltürmen eines Kraftwerks ist in der Morgensonne die feine, zierliche Silhouette des Funkturms zu sehen. Am U-Bahn-Eingang der alte Ahorn hat über Nacht dicke Blattknospen aufgesteckt. Eine junge Dame auf glitzerndem Motorroller gleitet vorbei, ihr nilgrüner Schal versucht vergeblich, die schwarzen Locken festzuhalten.
Die Cafés am Kurfürstendamm haben wieder die Stühle herausgestellt. Manchmal ist die Sonne schon so intensiv, daß sie ihre rot-weiß gestreiften Sonnensegel aufspannen. Zwischen vier und sechs flaniert man wieder wie eh und je zwischen Uhlandstraße und Joachimstaler. Ich sitze eine Weile träge in meinem gelblackierten Stuhl und sehe nur auf die Füße der Vorübergehenden. Da klickt ein wohlgepflegter Herrenschuh mit Boulevardbeschlag heran. Öfter sehe ich billiges Ersatzlederschuhwerk aus dem Osten.
Ein bißchen Sonne verzaubert die ganze große Stadt. Jeder, der vom Urlaub aus den Bergen kommt, fällt natürlich noch immer genauso auf wie in den trübsten Wintertagen. Niemand traut sich so recht, diese Luxusbräune ganz unbefangen zu präsentieren. Sie erinnert die Berliner daran, daß man »raus« kann. Wenn man kann. Es gehört Kleingeld dazu, gewiß – wie überall. Aber es gehört hier doch noch ein kleines bißchen mehr dazu, nach Bayern oder nach Österreich zu fahren: das Passieren einer Grenze, der einzig wirklich hinderlichen Grenze, die es heute in Europa noch gibt.
Uff, das war aber auch ein Winter! Und nun glänzt das auf, schimmert, breitet sich hin, wagt sich vor. Der Hund frißt irgendein würziges Unkraut. Die warmen Socken gehen das letztemal in die Wäsche; der Hut bleibt am Nagel.
Es ist nicht das taufrische Licht allein – auch von innen her sehen die Gesichter der Leute in der U-Bahn, selbst abends noch, glatter aus. Großstädter erleben das Steigen des Jahres, die Rückkehr von Fruchtbarkeit und milder Luft vielleicht dankbarer noch als Landbewohner.
Berliner Seufzer
O Masse Mensch, o du proletiges Berlin! Am Strand der Havel, im Olympia-Schwimmstadion, am Wannsee und sogar rings um diese lyrisch-verwunschenen Grunewaldseen – da lernt man, unter Badenden, wieder verstehen, daß Gott den einzelnen gemeint haben muß, als er den Menschen menschlich wollte. Wie schön, wie rührend-rundlich so ein kleiner Nackedei im Sand. Wie schön, wie sinnverwirrend kurvenreich diese Nixen im Enganliegenden. Wie schön, wie braungebrannt-athletisch schließlich auch so ein Adonis im tigerfellig gemusterten Lendenschurz.
Das alles, Nackedei, Nixe, Adonis, mal 100 mag gehen, auch wenn der Managerbauch und Omis lachsroter Unterrock dazukommen. Das alles mal 1000? Nun gut, wenn der begehrte Wasserstreif so lang ist wie die Insel Sylt. Aber das alles zusammen in 24 000 lebenden Exemplaren allein im »Strandbad Wannsee«, Strandlänge 1275 Meter, Strandtiefe 80 Meter!
Wie ausgeschüttet von riesigen Baggern, die das Völkchen aus den Vorderhäusern und Hinterhöfen des eingeengten Berlin herbeischaufeln, Jüngling, Mama, Kind und Greis rings um die kleinste Pfütze. Das schreit so laut zusammen, daß du auch mit voller Lunge »Conny« brüllen mußt, wenn dir der Sprößling in dem rosigen Gewoge nicht verlorengehen soll. So hilfst du mit, Getöse zu verstärken, und andere wieder müssen dich überschreien. Das steigert sich, das braust wie eine Molle, die zu warm ist.
Wie göttlich rücksichtslos sie sind. Halbwüchsige kalbern, fallen dabei wie eine Affenhorde mitten in die kleine Familie, die auf schmalem Handtuch träumt, denn eben ist Babychen mal eingeschlafen. Kinder bespritzen sich kreischend und liefern unwillkommenen Regen für das Pärchen, das gerade die Stullen verdrückt. Zwei Adonisse mit geöltem Haar schleichen zwei Nixen an, treten dabei aber leider Großvatern auf die Hand, auf die er sich stützt, während die andere die »Motten-Post« hält.
Und über uns der Himmel, ja – der Himmel aus Benzindunst, denn das sind viel, viel mehr als die 50 000 in West-Berlin zugelassenen Personenautos, was da zum kühlen Naß hinrollt. Das Naß ist naß, kühl ist es kaum, mit Sicherheit aber ist es dreckig. Halte den Arm hinein, und du siehst die Hand im braunen Spülicht verdämmern.
So fliehen manche bloß an die Luft, nehmen die Sitze aus dem Auto, pflanzen sie mitten in wilde Brombeeren und unter den Schirm hoher Kiefern. Sie lohnen den Schatten mit reicher Saat an Butterbrotpapier, Apfelsinenschalen, Bierflaschen. Die Ufer sind von all dieser Ameisentätigkeit runtergetreten, das Gras verblich und erstarb, die Wurzeln der Bäume traten hervor, manch alter Holzriese mußte entfernt werden wie ein wackliger Zahn.
Hie und da zieht der Senat nun Drähte, stützt ab und pflanzt an: Bürger, schont eure letzten Anlagen. Aber, was da sich wälzt an heißen Tagen, brüllt, schwitzt und plantscht, das sind nicht Bürger, das ist Masse Mensch, und den Sensiblen packt Panik. Er bleibt daheim, schätzt die Markise, trinkt kühle Milch. Denn draußen kommt man ihm grob.
Dieser Jargon, der geliebte, ist aggressiv, und in solcher Zusammenballung addieren sich die Nachteile des munteren Volkscharakters, die Vorzüge dagegen dividieren sich weg. Das macht sie proletig, die lieben Berliner, kein Zweifel. Aber wer bliebe da fein?
Vielleicht die Japaner. Selbst drangvoll fürchterliche Enge bewirkt stilbildende Tradition, wenn sie lange genug geübt wird. Sehr schön, aber wir wünschen uns Weite, Raum, Auslauf und Landschaft. Nehmt bald den Deckel ab von diesem Kochpott Berlin!
Nachtbilder der Großstadt
Groß, sehr ausgedehnt ist diese Stadt noch immer. Wer sie im Dunkeln anfliegt, staunt, wenn er ihre Lichter sieht, nachdem er vor anderthalb Stunden die Lichter Frankfurts sah. Die Finsternis »der Zone« mit ihren Stromsperren reicht bis an den Stadtgürtel. Unmittelbar, plötzlich sind dann nicht nur Bahnhöfe und Plätze beleuchtet, sondern auch Häuser, Wohnungen. Bunte Reklamen tauchen auf. Und dieser See von Lichtern ist aus 1000 Meter Höhe nicht überschaubar, erstreckt sich, hinter der Finsternis, bis an den Horizont, verliert sich, geht wieder über in Finsternis.
Auf Sand und Sumpf gesetzt, zwischen Seen und Wälder, ins flache märkische Land hinein, von der Nacht fast verschluckt jetzt – die zweitgrößte Stadt Europas. Berlin bei Nacht – dort unten. Wie sie den Abend herumbringt, die große Stadt; wie in hunderttausend Wohnungen das Radio geht, die Zeitung aus müden Händen sinkt; junge, arme, alte, reiche, glückliche, bedrückte Menschen einschlafen, ausgehen, heimkehren, grübeln, lieben, sich sorgen, hoffen, verzweifeln – leben.
Hier, wo immer Nacht ist, in der Untergrundbahn, merkt man den späteren Abend am Publikum. Die müden Gesichter des Arbeitsschlusses sind seltener; nur ein paar Ehrgeizige mit dicken Aktentaschen und ein paar Arbeiter von den Spätschichten fahren noch nach Hause. Sonst der dunkel gekleidete Herr mit eingewickelten Blumen; hübsche Frauen, zurechtgemacht für die kleine Hausgesellschaft, fürs Theater, fürs Konzert. Richtige Abendtoilette selten in der U-Bahn. Meist ist es dann Berufskleidung – die Harfenistin, der Tenor. Kaum eine Veranstaltung in Berlin, zu der man nicht im Straßenanzug gehen könnte und geht. Sehr jung und sehr ziellos das Liebespärchen dort unter der Weinbrand-Reklame. Ihm ist die Hornbrille zu groß, sie hat Pferdeschwanzfrisur und ist schon weiter. Fahren wohl bis Endstation, die beiden, Krumme Lanke. Zärtlicher Spaziergang in sicherer Gegend?
Wie angeschmiedete riesige, runde Urwelttiere brummen die Turbinen. An ihren Köpfen blausilberne Blitze. Riecht es nach Ozon, nach Öl? Ein Maschinist schlurft über das Fliesenschachbrett des Fundaments.
Der Hauptschaltraum des Kraftwerks ist still, nur ein Vibrieren in den Wänden, im Boden, im Raum. Motorische Kraft wird in Elektrizität umgesetzt in dieser Energiefabrik, das teilt sich allem mit. Zwei Männer in weißen Mänteln hinter den Pulten mit Hebeln, Lämpchen, Knöpfen, Stellrädern. Bei der gedämpften Nachtbeleuchtung sehen sie fahl aus, künstlich, es fällt auch kein Wort.
Das Drei-Personen-Stück in der »Komödie« am Kurfürstendamm zieht viele Leute aus dem »Ostsektor« an. Es ist ein Spaß, sonst nichts. Keine »Tendenz«. In der Pause am Theaterbüfett. Der junge Mann im blauen Anzug (nicht ganz holzfrei): »Bitte – nehmen Sie auch Ostmark?« Der Wirt: »Ja.« Junger Mann: »Was kostet denn eine Coca-Cola in Ost?« Der Wirt: »Eine Cola 4 Mark 20, der Herr.« Junger Mann sieht seine Begleiterin an, sagt: »Jawohl, einmal dann bitte!«
Nachtregen. Frische und Kühle atmen zum Fenster herein. Jedes Blatt, jeder Halm streckt sich. Wenn der Schauer vorbei ist, tropft es noch lange von den Ästen und Nadeln der Kiefern vorm Haus. Nachtschattenblau und blank der Asphalt der Vorstadtstraße. Reingewaschen selbst das weiße Licht der Gaslaterne. Wie dunkelrot lackiert glänzt das tiefgezogene Dach des Hauses gegenüber durchs nasse Grün. Ein Taxi gleitet vorbei, glitschende Reifen. An der Ecke vorn singt der Motor auf. Da kommt ein neuer Schauer. In langen feinen Schleiern streicht der Regen über die große Stadt, Lärm ertrinkt, Staub und Schmutz werden abgewaschen, alle die Lichter der Nacht strahlen sanfter, gebrochen, verhangen. Kühle und Frische atmen zum Fenster herein. Nachtregen regnen hören.
Ein runder weißer Mond über silberschwarzem Wasser mit Schilf und knorriger Kiefer zur Seite, ein einsames Boot mit der Silhouette des Anglers in der Mitte des Bildes – diese chinesische Tuschzeichnung ist zu sehen um zwei Uhr nachts am Großen Fenster, einem Punkt der Havelchaussee mit besonders guter Aussicht. Bodennebel und das große Schweigen der Nacht.
Alles wird zerrissen plötzlich durch einen vorschriftsmäßigen Schlachtenlärm, der »schlagartig« einsetzt. Mittlere Artillerie, leichte Infanteriewaffen, Handgranaten. Dazu Leuchtkugeln. Die alliierten Streitkräfte West-Berlins haben Manöver. Bis in die grünen Wohnviertel ist der Lärm zu hören. Mancher Berliner wacht auf, ist beunruhigt. Die Nacht macht Unwahrscheinliches wahrscheinlicher. Versäumte man nicht die letzten Abendnachrichten? Sollte vielleicht ganz plötzlich . . .
Charlottenburger Straßen –die Häuser, Stil Gründerzeit, doppelt so hoch wie die unterbelichteten Bäume des Bürgersteigs; unten Läden, oben Wohnungen. Gegen vier brennt nur da im dritten Stock noch eine Lampe hinter dem Fenster. Keine Straßenbahn mehr, kaum ein Auto, kein Radfahrer, aber der Himmel schon heller blau. Wer mag da sitzen bei diesem letzten Licht? Arbeitet jemand fürs Examen, an einem Buch, an einer Formel? Steht ein Bäcker schon auf? Haben Verliebte vergessen, das Licht zu löschen? Besteht ein Jüngling die ersten Abenteuer, lesend? Denkt eine alte Frau, die nicht mehr viel schlafen kann, an alles das, was blieb; die Kinder und was sie arbeitete und wie alles dahinging?
Die gegenwärtige Stadt
Nicht schön, nicht leuchtend und einladend nicht,
unvereinbar schon immer City und Vorstädte,
unübersichtlich das Ausmaß,
40 Kilometer Stadtbahngleis verbinden Erkner mit Wannsee;
repräsentativ das Zentrum,
aber ostelbisch klein-bürgerlich
die tausend Straßen der inneren Wohnviertel,
und heute noch Dörfer, zu Kurorten avanciert,
sind Zehlendorf, Gatow, Frohnau.
Kneipen mit Molle und Korn, nicht eben poetisch,
kein Raum ist in dieser gegenwärtigen Stadt
für altehrwürdige Ratskeller, lauschige Weinstuben.
Die ältesten Steine erzählen von fünfhundert Jahren Geschichte;
selbst die Natur ist jung und hart hier:
Kiefernforst, Heide, gedämmter Fluß
und kleine hellblaue Seen mit Schilf,
belebt von Segeln und Rudern.
Nicht königlich, nicht souverän gegliedert,
nicht beschlossen in einer Idee wie Paris,
nicht gewachsen in Ringen reifer Kultur wie Rom –
kolonial ist Berlin,
ungezähmt, wuchernd, von Anfang bis heute.
Nicht einmal hundert Jahre Reichshauptstadt,
aber weit in die Mark geschäumt, eingepflockt
in den Sand wie eine riesige steinerne Zeltstadt,
unmäßig, ohne Umriß:
eine Inflation in Betrieb.
Die Anfänge ärmlich, Kölln,
ein Hügel im Spreebogen, inmitten slawischer Wälder.
Hansestadt, Vorposten noch, als in Prag
schon die erste deutsche Universität steht.
Im Dreißigjährigen Kriege kommt die Hälfte der Einwohner um.
Später ist die Stadt Zuflucht den Hugenotten:
eine Prise scharfen Gewürzes
in den zäh-groben Teig
der ländlich-behäbigen Kurfürstenresidenz.
Zuflucht und Bollwerk für Protestanten,
das bleibt diese Stadt,
für Verfolgte, die ihre Heimat lassen,
aus Gewissensnot,
um der Freiheit willen.
Sparen, exerzieren und sparen –
trommeln, marschieren, die Schlesischen Kriege.
Dann Sanssouci und der Anti-Macchiavell,
die Tafelrunde, Windspiele und Kerzen,
der aufgeklärte Despot, Bach und Voltaire.
Wie bürgerlich-goethisch, familiär und bescheiden
dagegen das Humboldtschlößchen in Tegel,
Schinkels knappe klassische Geste.
Doch dann der Weltgeist höchstselbst in Berlin,
mit Hegel die List der Vernunft
und der Totalitarismus des Denkens. –
Gefühl ist alles in den Salons der Romantik,
Rahel – nicht hübsch,
aber belebend, vermittelnd.
Berlin und die Juden,
da ist die andere Prise Gewürz.
Künste, Theater und Literatur,
später der Film – das will gehandelt sein,
Kurszettel ist die Kritik.
Ohne die findige Unrast der Juden,
ihr Werten, Scheiden und Wägen
und ohne den Sinn fürs Aparte
aus hugenottischem Erbe
hätten die »Gründer« Berlin gemacht:
zur ödesten Metropole von
Industrie, Beamtentum und Militarismus.
Selbst das Biedermeier war hier nicht geruhsam,
die deutsche Linke, Liberalismus, Sozialdemokratie
konsolidierten sich in Berlin,
dem alten Hauptquartier der deutschen Rechten.
Der Junker aus Schönhausen
und der Drechsler aus Leipzig –
Bismarck und Bebel,
die »Linden« mit Kranzler und Adlon –
die Hinterhöfe: Zilles »Milljöh«.
Die Wilhelmstraße regiert nun für Deutschland,
das zweite Reich sieht
Europa auf dem »Berliner Kongreß«.
Siemens, Virchow, Fontane,
der Fortschritt und die Bedenken,
Reichtum und Reichskolonialamt,
Kaisers Geburtstag und hipp, hipp, hurra!
Dann die Blumen an den Gewehren,
Siege und Hunger, das Ende einer Epoche,
es braust ein Ruf, es fällt ein Volk,
Siege, Hunger, dann »Achtzehn«.
Revolution der Soldaten und Arbeiter,
endlich ziviler Mut und Mäßigung: Ebert;
später ein Feldmarschall erster Diener der Demokratie.
Banken und Reichstag
und Schampus bei Huth und im Resi,
S-Bahn, U-Bahn und zweistöckiger Bus,
Kaufhäuser, Villen in Dahlem,
Zeitungsauflagen rotieren in die Millionen,
das ausschweifendste Nachtleben des Kontinents:
unter zartblauem Himmel, preußisch nüchtern,
ein anderes Babylon,
paradox wie das Jahrhundert.
Olympiade, die Jugend der Welt in Berlin,
Fackeln und Fahnen und Fahnen und Fackeln
und schließlich:
Sonnenwendfeuer und Scheiterhaufen, Bücherverbrennung,
das Ja zum totalsten der Kriege.
Tausend, zehntausend Tonnen Phosphor und Sprengstoff:
Lützowplatz, Hansaviertel, Bahnhöfe –
und über die Wohnungen, Fabriken, Geschäfte
der größten kontinental europäischen Stadtlandschaft
Bomben und Minen, eine Sintflut von Feuer.
Der Mensch stirbt, wenn mehr als die Hälfte
seiner Haut verbrannt ist –
Diese Stadt lebte weiter.
Heute nun: ein verzahntes Ineinander
von Karthago nach dem » . . . esse delendam«,
Neonreklamen und Neo-Kapitalismus.
Das westliche Hongkong für politische Flüchtlinge.
Die Arbeiter bilden die stärkste Partei.
Alle Filme der Welt.
Südfrüchte, Bücher und gute Stoffe,
der Dernier cri aller Moden
zwischen Paris und Tokio, Sydney und New York:
im einzigen Schaufenster des Westens
hinter dem Eisernen Vorhang.
Berlin führt das Doppelleben des Mondes,
angestrahlt nur auf einer Seite
und mit verödetem Gürtel
zur Zone eines verfinsterten Schweigens hin.
Nichts mehr von Gloria,
Klingklang und Luxus nicht,
Arbeit nicht viel,
etwas mehr als genug große Worte,
auch die zutreffenden (»Tapfres Berlin!«)
machen bankrott. Müde Menschen,
laute, wortkarge, törichte, überbewußte –
viele, zu viele Menschen.
Doch zusammen ein Schlag, der nicht umkommt,
verhältnismäßig wenig korrupt,
seltsam offen und wach und, wenn es sein kann,
tolerant und hemdsärmelig treu;
wißbegierig und vorlaut, anpassungsfähig und zäh
wie das Kaninchen im märkischen Sandfeld,
doch immer geheim auf Gelegenheit hoffend
zu Hochherzigkeiten.
Nicht schön, nicht leuchtend, auch einladend nicht
ist Berlin, und doch kann diese Stadt Heimat sein,
Heimat und Zentrum.
Heimat gerade denen,
die sonst fremd sind überall in der Welt.
Zentrum diesem schwierigen Volke der Deutschen,
dem fleißigen, immer gestaltlosen
zwischen Auflösung und Verkrampfung.
»Komm her oder bleib«, sagt Berlin,
»ich mach dir nichts vor.
Morgen kann vieles anders sein,
wie gestern vieles anders war;
aber ich bin gegenwärtig.
Das wäre nicht viel?
Wenn du willst, ist es alles.«
Durch die Mark nach Schwerin
Die Treppe zum Wohnhaus ist ganz zerfallen, die Leute gebrauchen sie als schiefe Ebene. Denn bewirtschaftet ist der Hof: es steht ein Knecht zwischen großen Pfützen. Das Strohdach der Scheune hat quadratmetergroße Löcher, die Sparren starren gegen den preußischblauen Frühlingshimmel. Die fast unbefestigte Dorfstraße besteht aus Schlaglöchern bis zu einer Tiefe von zwanzig Zentimetern. Mit zwanzig Stundenkilometern rumpelt unser »Ikarus«, ein ungarischer Bus, durch dieses märkische Elend. Bei der Ausfahrt lese ich auf dem gelben Schild: »Manker«. Das Dorf liegt in der Nähe von Neuruppin. Man hat uns über eine Umleitung gefahren. Lag an der Fernverkehrsstraße etwas, das wir nicht sehen sollten?
Ludwigslust: Links vor der kleinen Brücke, die zum Restaurant hinüberführt, ein Glaskasten mit »Sichtwerbung«. Die Bar des Hauses wird empfohlen. Drinnen riecht es bürgerlich-muffig, wie seit Jahrzehnten. Die Fleischbrühe mit Ei ist vorzüglich und kostet 65 Pfennig. Der Kollege neben mir zahlt für ein Glas chinesischen Tee und eine Flasche Selters 50 Pfennig. Ein Kalbsfilet mit Beilagen kostet 3,70 D-Mark (Ost) ohne Marken – gegen 100 g Fleischmarken nur 2,95 DM. Unter den Nachspeisen steht Ananas mit Schlagsahne obenan – es ist eine Wochentags-Karte. Der Kellner im schwarzen Anzug ist höflich und schnell; er könnte Steward auf einem Luxusdampfer gewesen sein. Auf den Tischen saubere weiße Decken.
Es ist schon dunkel, als wir das Parkhotel in Ludwigslust verlassen. Wir haben in dieser »HO-Gaststätte« relativ gut und preiswert gegessen; das Grabower Bier war nicht übel, und das Kännchen Mokka für 1,20 DM (Ost) ließ sich trinken, schmeckte etwas sehr frisch geröstet, war aber »reine Bohne«. Auf einem Schild vor dem Konsum einer kleinen Ortschaft lese ich allerdings im Vorbeifahren: »Kaffee eingetroffen – 100 Gramm 8 Mark.« Hat das HO-Restaurant für den Eigenbedarf Sonderpreise?
In den kühlen Aprilhimmel über Ludwigslust ragen überraschend viele Antennen. Ich zähle an einer Straße allein sieben. Es sind eigentümlich hohe Fernsehantennen mit allen Schikanen. Man kann mit ihnen zweifellos das West-Fernsehen über die Strahler in Hamburg empfangen.
Die Kollegin mir gegenüber schaltet ein kleines Lämpchen ein, das auf dem Tischchen zwischen uns montiert ist. »Ikarus«, der volkseigene Bus aus Budapest, das Transportmittel des »Presseamtes beim Ministerpräsidenten«, mit dem wir kollektiv verfrachtet werden, »Ikarus« ist den Abteilen der 1. Klasse in russischen D-Zügen nachgebildet. Er rumpelt robust über die Interzonenstraße Hamburg-Berlin. Wir schalten das idyllische feudale Glühwürmchen wieder aus, denn uns fasziniert die Dunkelheit in den Dörfern und Städten, durch die wir rumpeln und donnern.
Es ist acht Uhr abends. Nur wenige Fenster überhaupt erleuchtet, dann aber trübe, 25 er Birnen. Und dazu noch das Fenster verhängt. Nicht ein einziges Mal bietet sich zutraulicher Einblick in eine Wohnstube, eine Küche, wo doch jetzt gewiß wie überall auf der Welt um diese Zeit die Familie um den Tisch sitzt. Ist der Krieg hier eigentlich wirklich auch schon viele Jahre vorbei? »Kohlenklau!« Wer erinnert sich noch? Heute heißt es für die Leute hinter den verdunkelten Fenstern: »Wattfraß!«
Wer einmal so durch die Nacht der Sowjetzone nach Berlin gefahren ist, der versteht, daß diese Stadt in der Vorstellung der 17 Millionen Menschen in der Zone einem Stern gleich über dem grauen Einerlei der 14 Bezirke schwebt.
Aber Pointierung soll uns nicht ungenau machen. Das »platte Land« ist natürlich überall weniger glanzvoll als die Großstadt. Wer aus einem Heidedorf nach Hamburg kommt, steht auch verwirrt; wer umgekehrt mit feinen Stadtschuhen in einen Kuhstall tritt, fühlt sich ausgesetzt. Zumal, diese märkischen Dörfchen und mecklenburgischen Kleinstädte waren auch zu Kaisers Zeiten arme Flecken mit geduckten Dächern und geduckten Rücken; wenig Licht, und Berlin war auch damals die weithin strahlende Attraktion, das lockende Babel.
Nur: die heute an der ewig zu kurzen Decke herumschnippeln, die da heute preußische Zucht und Ordnung auf ihre Weise predigen – die leben von »Perspektiven«: Milch und Honig für jedermann. Das ist der falsche Zungenschlag einer Partei, die ihre Legitimation aus dem sozialen Versprechen bezieht. Und nicht einmal dieses Versprechen hält sie.
Schwerin allerdings präsentiert sich lustiger. Die jungen Mädchen, selbst die, die die abfahrenden russischen Soldaten mit blauen Halstüchern schmücken, mit Blumen, tragen sich westlich. Ihre engen Hosen und bunten Anoraks, die roten Ballettschuhe und die betont kurzen oder betont langen Haare wirken wie ein Affront inmitten von Gestalten, die aus einem Film von 1938 sein könnten. Eckige Schultern der Schneiderkostüme, weite Hosen der Männer, Mäntel lang übers Knie hinunter.
Auch die Stoffmuster sind noch die gleichen, und die Stoffqualität scheint recht wollarm zu sein. In einem Schaufenster sehe ich Schuhe. Gewiß, es gibt welche für 25 oder 35 Mark. Aber ein fester Halbschuh mit Kreppsohle ist für 112 DM (Ost) ausgestellt. »Und dann fehlt immer die richtige Größe«, sagt eine Frau unaufgefordert und geht weiter.
Diese Jugend strebt ganz unverkennbar eine amerikanische Note an. Man weiß ja, wie jazzbegeistert sie ist. Und das Regime läßt es zu. Auch in Moskau, dem großen, fernen, hier oft so nahen Vorbild.
Nachgelassen hat die »Transparentitis«. Oft erinnern kahle Stellen und vom Regen ausgelöschte Tafeln noch daran. Fähnchen freilich und auch wieder Spruchbänder dürfen nicht fehlen bei dem »Volksfest«, zu dem der Abschied von den Sowjetsoldaten heraufinszeniert wird. »Dank Euch, Ihr Sowjetsoldaten!« Die Jungen Pioniere, die hübschen Figurantinnen vom Theater, die Jung-Eisenbahner kennen es schon gar nicht mehr anders.
Ihren Eltern freilich sitzt der Schrecken noch in den Knochen. Für sie verbinden sich mit der Silhouette des Rotarmisten bestimmte Erinnerungen. Wir müssen verstehen, daß die Russen auch ihre besonderen, schlimmen Erinnerungen an die deutschen Soldaten haben. Man kann einander noch nicht wieder ganz unbefangen gegenübertreten. Das ist wohl leider eine Frage der Generationen, nicht allein eine des guten Willens.
Auf den Gräbern der gefallenen Russen üppige künstliche Blumen. Dann führt der Weg über das entsetzliche Oranienburg, wo Hitler ein KZ errichtete, das die Sowjets später wieder belegten – im Namen des Kampfes gegen den Hitlerismus. Die Verladerampe ist zu sehen, auf der die Waggons mit »Menschenmaterial« anrollten – erst solchem, dann solchem . . . Heute wird nur Kohle hier ausgeladen und auf dem blutigen Felde gelagert. Gott sei Dank. Und Gott gebe, daß es so bleibe.
Immer liegt über einer Landschaft, über der Natur, ein Hauch von Frieden. Wir sind gefahren durch das Land, in dem Fontane gegen Ende eines wahrscheinlich glücklicheren Jahrhunderts seine unvergeßlichen »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« machte. Durch ein Land, das früher offen lag für Liebespärchen und Familien aus ganz Berlin. Schlagbäume heute. Schlagbäume selbst zwischen Leuten aus Ost-Berlin und Leuten aus der »Zone«. Geruch nach Harz, die Kiefern werden geritzt, wie das seinerzeit der »Reichsarbeitsdienst« tat: autarke Notwirtschaft. Große Kahlschläge in den Forsten; aber auch Baumschulen. Viele Wunden heilen dennoch – auch hier.
Aber eine finstere Unheimlichkeit, ein Eishauch der Bedrohung geht aus von den groben, merkwürdig blau angestrichenen Palisadenzäunen, sie sich kilometerlang immer wieder an den Straßen hinziehen. Dahinter Schießplätze, Kasernen, Exerzierfelder. 40 000 Sowjetsoldaten haben Mitteldeutschland jetzt verlassen, sagen die Russen. Es mag so sein. Aber 360 000 Mann stehen auch danach noch zwischen Elbe und Oder, sagten die Militärs der Westmächte, die die Parade in Schwerin mit abnahmen. (Sie legten die Hand an die Mütze bei der sowjetischen Nationalhymne; sie grüßten nicht, als die Hymne der »DDR« gespielt wurde.)
360 000 Russen noch immer hinter ihren blauen Palisaden. Dazu 100 000 Mann »Nationale Volksarmee«. Dazu »Volkspolizei« und »Betriebskampfgruppen«. Es sind heute in diesem Gebiet Deutschlands mehr Männer unter Waffen als auf demselben Territorium 1938/39, als Hitler den zweiten Weltkrieg vorbereitete. Und sie alle »verteidigen den Frieden«, fühlen sich ihrerseits bedroht durch die Aufrüstung des Westens? Diese Wiederaufrüstung – nach einer drastischen Abrüstung in den ersten Nachkriegsjahren – ist eine Folge, nicht die Ursache des militärischen Aufmarsches der Russen und ihrer Hilfstruppen.
Die »Deutsche Demokratische Republik« ist ein Militärund Polizeistaat. Das war gut genug bekannt. Aber eine Reise wie diese nach Schwerin füllt die blaß gewordenen Begriffe wieder mit lebendiger Anschauung.
Es ist weit gekommen mit Deutschland. »Glaubt überhaupt noch jemand an die Einheit, drüben bei Ihnen?« fragt mich ein junges Mädchen mit weißem Kopftuch auf dem Bahnhofsplatz in Schwerin leise, während die Klänge eines Platzkonzerts herüberwehen. Ich will gerade eine Antwort versuchen, da ist sie schon verschwunden in der grauen Masse von wegblickenden Leuten, die wir mit flinker Zunge »unsere Brüder und Schwestern« nennen.
Darmowy fragment się skończył.