Czytaj książkę: «Gottfried Benn»

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Thilo Koch

Gottfried Benn

Saga

Gottfried BennCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1986, 2019 Thilo Koch und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711836149

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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Vorwort 1970

Gottfried Benn starb am 7. Juli 1956 in Berlin. Ich kannte ihn seit 1949. In seinen letzten Lebensjahren sahen wir einander häufig, arbeiteten auch miteinander. Er willigte kurz vor seinem Tode ein, mir sein Leben zu erzählen; ich wollte eine umfassende Benn-Biographie schreiben. Dazu kam es nicht mehr. Was ich über ihn und von ihm wußte, faßte ich in einem biographischen Essay zusammen, der 1957 bei Albert Langen-Georg Müller in München erschien.

Von diesem Buch wurden 10 000 Exemplare verkauft; es ist seit längerem vergriffen. Die Nachfrage hielt an, und deshalb freue ich mich, daß Heinz Friedrich, der Chef des Deutschen Taschenbuch Verlages, diesen Nachdruck veranstaltet. Vor zwanzig Jahren wetteiferten wir – damals beide Rundfunkredakteure – miteinander, den Autor Gottfried Benn unseren Hörern vorzustellen, ihm womöglich noch Unveröffentlichtes zu entreißen.

Ich freue mich über den Neudruck aus noch zwei anderen Gründen: Erstens, er veranlaßte mich, wieder all meine Benn-Papiere zur Hand zu nehmen. Das Ergebnis sind einige hier zum ersten Mal gedruckte Texte – von Benn und über Benn. Zweitens, ich stellte fest, daß mein Benn-Essay mir unter den fünfzehn Büchern, die ich machte, noch immer das liebste Buch ist.

Mein Text aus dem Jahre 1957 wird hier fast unverändert wieder vorgelegt. Ich ergänzte lediglich einige Stellen, die auf Publikationen hinweisen, die inzwischen erschienen sind. Es verdient vielleicht erwähnt zu werden, daß die drei Kapitel – ›Entwurzelungen‹, ›Das gezeichnete Ich‹, ›Der Ptolemäer‹ – damals zuerst gesprochen veröffentlicht wurden, in drei 45-Minuten-Sendungen im Dritten Programm des Norddeutschen Rundfunks. Vom Radio ging im ersten Nachkriegsjahrzehnt eine außerordentliche Wirkung aus, die man im Fernsehzeitalter nicht mehr für möglich halten mag. Die Programme für anspruchsvolle Hörer trugen dazu bei, den heute kaum noch vorstellbaren geistigen Nachholbedarf in Deutschland zu dekken. Ich zum Beispiel kam mit 25 Jahren aus Krieg und Kriegsgefangenschaft nach Hause, ohne den Namen Gottfried Benn jemals gehört zu haben.

Als ein Beispiel für die Rundfunkbemühungen jener Jahre ist hier eine Diskussion zwischen Gottfried Benn und Peter de Mendelssohn abgedruckt. Es war schwierig, die beiden streitbaren Herren an einen runden Tisch und vors Mikrophon zu bringen. Das Thema »Schriftsteller und Emigration« mag heute etwas von seiner damaligen Aktualität eingebüßt haben, wenigstens für uns Deutsche. Jedoch ist die Diskussion für die Benn-Forschung sicher von Interesse. Es sind meines Wissens sonst keine Protokolle von freier Rede des Autors erhalten. Die unredigierte Nachschrift jener Nachtprogrammrunde vom 22. März 1950 erscheint hier zum erstenmal gedruckt.

Dieser dtv-Band bringt noch eine zweite Novität: Den ersten Abdruck einer Nachschrift meines Fernsehinterviews mit Gottfried Benn am Tage nach seinem 70. Geburtstag, am 3. Mai 1956. Es ist der einzige Film, den es mit Gottfried Benn gibt.

Im Zweifel war ich beim Einrichten dieses Buches, ob ich auch einige noch unveröffentlichte Briefe aufnehmen sollte. Ich entschied mich schließlich, alles, was Benn an mich geschrieben hat, im Nachwort zu zitieren, sofern es von öffentlichem Interesse sein könnte. Ferner zitiere ich aus einigen der bedeutsameren Briefe, die ich anläßlich meiner biographischen Benn-Studie erhielt; so unter anderem von Max Rychner, Hermann Kesten, Professor O. Woodtli, Dieter Wellershoff, den Germanisten Grenzmann und Martini, F. W. Oelze, Bruno E. Werner und einem Bruder Gottfried Benns Thomas Benn.

Zu danken habe ich wiederum Frau Dr. Ilse Benn. Sie empfing mich zu einem langen Gespräch über ihren Mann Gottfried Benn, mit dem sie zehn Jahre verheiratet war, 1946 bis 1956. Ich berichte über diesen Besuch bei Ilse Benn im Nachwort.

Dankbar erinnere ich mich hier auch an Hans-Joachim Schondorff, den damaligen Leiter des Langen-Müller-Verlages; er druckte meinen Benn-Versuch mit viel freundlicher Anteilnahme für den Portraitierten sowohl wie für den Portraitisten. Die Zustimmung zu diesem Nachdruck erteilte für den Langen-Müller-Verlag freundlicherweise Herr Dr. Herbert Fleißner.

Dieses Buch mag von Interesse sein für Leser, die einiges von Gottfried Benn kennen und nun wissen möchten, was für ein Mensch dieser Autor war. Aber auch jemand, der Benn besser kennt, wird hier vielleicht einiges erfahren, was sein Bild abrunden oder korrigieren könnte. Es waren junge Leute, die die erste Ausgabe am meisten kauften. Ich wünsche mir für diesen um vieles bisher Unbekannte ergänzten Neudruck vor allem Leser aus der »unruhigen Generation«. Höchst unruhig und beunruhigend war auch Gottfried Benn.

Hausen ob Verena im Februar 1970 Thilo Koch

Biographischer Essay
I
Entwurzelungen

Was er zu sagen habe, stehe in seinen Büchern; die persönliche Bekanntschaft mit ihm werde nur enttäuschen. Das war die Antwort Gottfried Benns auf den ersten Brief »jenes Herrn Oelze« aus Bremen, an den er dann während eines Vierteljahrhunderts noch weitere achthundert Briefe richtete; ihre unzensierte Veröffentlichung wird vielleicht noch einmal Aufsehen erregen. Benn hatte den Höhepunkt seines ersten Ruhmes erreicht: 1932, als er seinen treuesten Bewunderer so abweisend beschied. Er habe sich in seinen Schriften ausgedrückt, an die möge man sich halten – das war eine oft wiederholte Antwort des Mannes, der mit seinem siebzigsten Geburtstag am 2. Mai 1956 und seinem Tode kurz darauf, am 7. Juli 1956, spät, aber nicht zu spät als ein deutscher Schriftsteller ersten Ranges endlich allgemein anerkannt wurde. War Gottfried Benn nicht überhaupt der bedeutendste Lyriker seiner Epoche im deutschen Sprachraum – trotz Trakl, Hofmannsthal, George, ja trotz Rilke? Ernst Robert Curtius jedenfalls hielt ihn für »die größte sprachliche Ausdruckskraft der deutschen Literatur der letzten dreißig Jahre«.

Ich habe die letzten fünf Lebensjahre Benns teilweise begleitet, gerade in der allerletzten Zeit kam es zu gemeinsamer Arbeit am Rundfunk, zu vertraulichen Gesprächen, zu dem einzigen Fernsehfilm, den es von ihm gibt. Er gehörte der Generation meines Vaters an; ich lernte ihn überhaupt erst nach diesem Kriege kennen, auch als Autor. Die erste persönliche Begegnung resultierte aus einem Widerspruch. Sein Bekenntnis aus dem Unheilsjahre 1933 zum »Neuen Staat« Hitlers hatte mich aufgeregt und empört, weil ich nicht begriff, wie ausgerechnet der Autor der Statischen Gedichte‹, des ›Ptolemäer‹ hatte versuchen können, das »Dritte Reich« geistig zu legitimieren. Über das Ärgernis an der politischen Haltung des für mich interessantesten Schriftstellers kam ich zur Bekanntschaft mit dem Manne, der mich sofort auch als Persönlichkeit kritisch faszinierte. Hierin ist der Anlaß für diese biographische Studie zu sehen, die eine richtige Biographie hätte werden sollen, mit Hilfe des Autors selbst, der so halb und halb, wie es seine Art war, zugestimmt hatte, mir sein Leben zu erzählen – zu spät.

Nun will ich hier immerhin notieren, was ich selbst noch von ihm habe hören und sehen können und was mir andere über ihn erzählten. Das Autobiographische in seinen Schriften habe ich nur ergänzend herangezogen; dem Kenner des Werkes ist es bekannt; knapp zusammengefaßt macht es jedem zugänglich das Bändchen ›Über mich selbst‹ (Langen-Müller-Verlag). Das hier zum erstenmal über Benn Mitgeteilte verdanke ich zunächst noch Gottfried Benn selbst. Dr. Ilse Benn, seine Frau, und Edith Benn, seine Schwester, berichteten mir manches, woran sie sich erinnern. Herr Dr. F. W. Oelze gewährte mir ein wenig Einblick in seine nahezu fünfundzwanzigjährige Brieffreundschaft mit Gottfried Benn. Ihnen allen darf ich an dieser Stelle danken.

Der alte, eher kleine Herr – genau maß er ein Meter siebenundsechzig –, wie er bedächtigen Schrittes unter großem Hut durch die Bozener Straße in Berlin-Schöneberg zum Zeitungskiosk wandelte, pünktlich und fest, und doch so verloren auch – wie er abends in der Eckkneipe hinter seinem Bier verharrte, ein ironisch blinzelnder Buddha – wie er zwischen Mikroskop und Kofferradio am Schreibtisch saß, in dem kargen, dämmerigen Ordinationszimmer, dessen Fenster zum Hof gingen – das alles sind private Kleinigkeiten im Leben eines großen Mannes. Gehen sie die Öffentlichkeit etwas an? Hatte er nicht recht, auf sein Werk zu verweisen und sich dahinter im Zwielicht seines ›Doppellebens‹ zu halten? Was er zu erklären wünschte, erklärte er es nicht hinreichend selbst in diesem autobiographischen Versuch mit dem provozierenden Titel? Wen interessiert es, daß er viele Kriminalromane las, weil sie ihm ein »Radiergummi fürs Gehirn« waren; daß er gern rote Grütze mit Vanillensauce aß und immer Frauengeschichten hatte, bis ins hohe Alter?

Gottfried Benns Leben verlief äußerlich ohne Sensationen, ohne Glanz und ohne öffentliche Affären. Es sei denn, man wollte ein Schreibverbot der »Reichsschrifttumskammer« 1938 dafür halten oder eine Amerikareise als Schiffsarzt im Jahre 1914, den tragischen Tod zweier Ehefrauen, die Teilnahme an zwei Weltkriegen, das Etikett »führender Expressionist“«. Sensationell oder nicht: diese sieben Lebensjahrzehnte, die ja die bewußt erlittene erste Hälfte unseres Jahrhunderts umgreifen, enthalten so viel exemplarischen Stoff, daß einst die Kulturhistoriker und Germanisten noch bedeutende Theorien über den Geist der Zeiten daraus entwickeln mögen.

Hier ist etwas Bescheideneres beabsichtigt. Daten und Bilder, Tatsachen und Schilderungen sollen festgehalten werden, auf der Suche nach der verlorenen Zeit eines Menschenlebens, dem es vergönnt war, Unverlierbares hervorzubringen.

Es ist ein Garten . . .

Ein mit Hausrat bepackter Leiterwagen bewegt sich im Herbst des Jahres 1886, von Pferden gezogen, quer durch die Mark Brandenburg, von der Elbe zur Oder hin und hinüber. Der junge Pfarrer Gustav Benn mit seiner Frau und zwei Kindern zieht um; von dem Dorfe Mansfeld in der Westpriegnitz nach Sellin, Neumark, »drei Stunden östlich der Oder«. Gottfried ist in Mansfeld geboren, in dem gleichen Pfarrhaus, wo auch sein Vater und sein Großvater zur Welt kamen; es ist ein eingeschossiger, kleiner Backsteinbau, schmale Fenster, eine Holzveranda, ostelbisch kärglich und kaum zu unterscheiden von den Bauernhäusern ringsum. Die Westpriegnitz ist alte Wendengegend, liegt auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg. Hier war Gustav Benn Hauslehrer bei den Wilamowitz, bevor er die Pfarrstelle des Vaters bekam unter dem Kirchenpatronat der »Gans Edlen Herrn zu Putlitz« – und nun der größeren Aufgabe in Sellin entgegenziehen kann.

Im Schlosse der Wilamowitz lernte der junge Theologe Gustav Benn Caroline Jequier kennen, eine Schweizerin, die als »Mademoiselle«, als französische Erzieherin dort Dienst tat. Caroline, am 20. Juli 1858 in Fleurier geboren, im welschschweizerischen Juragebiet, war ein Jahr jünger als Gustav; sie heirateten am 22. Juli 1884. In Mansfeld wurde ihnen eine Tochter Ruth geboren (am 14. Mai 1885) und ein Sohn Gottfried (am 2. Mai 1886). Die Mutter sang den Kindern französische Wiegenlieder, ihr Deutsch blieb immer romanisch gefärbt. »In der Ehe meiner Eltern vereinigten sich also das Germanische und das Romanische . . . eine arische Mischung, eine in Deutschland vielfach legitimierte, es ist die Mischung der Réfugiés: Fontane, Chamisso . . .« (›Doppelleben‹, S. 17.)

Gottfried ist noch kein Jahr, als seine Eltern umziehen; sein Vater verläßt die engere Heimat, in der seine Vorfahren schon 1704 als Bauern des Dorfes Rambow bei Perleberg im Kirchenbuch stehen, wo auch sein Großvater, der erste Pfarrer der Familie, noch geboren ist. Sie sind ein ungleiches Paar, die neuen Pfarrersleute von Sellin: Caroline rundlich-fest, klein und gütig – der Pastor Benn groß und hager und streng. ». . . mein Vater durchaus der Felsbezwinger, transzendent und tierfremd, Züge des Urjägers der eiszeitlichen Megalithkultur: meine Mutter irdisch, allem Lebendigen nah, die Gärten, die Felder säend und gießend: Ackerbautyp, mit dem realen Sein voll Lächeln und Tränen.« (›Doppelleben‹, S. 17/18.)

Gottfried erbte die Statur der Mutter, die er sehr geliebt hat. Das Verhältnis des ältesten Sohnes zum Vater dagegen war von Anfang an gespannt; erst im Alter dachte Benn in Verehrung und auch in Liebe an den eigensinnigen, hart strafenden Pfarrer von Sellin. Zu einem Bruch kam es nie, das ließ der Respekt nicht zu, in dem die Pfarrerskinder aufwuchsen. Nach Ruth und Gottfried waren das Stephan (geboren 1889, heute Superintendent in Templin, Uckermark), Theodor (geb. 1891), Siegfried (geb. 1892, gefallen 1916), Hansgeorg (als Kind gestorben), Ernst-Viktor (geb. 1898, heute Industriesyndikus in Essen), Edith (geb. 1901, lebt in Berlin). Die Mutter Caroline starb 1912; der Vater heiratete ein zweites Mal und hatte mit seiner Frau Sophie, geb. Kolbe, die noch heute in Cottbus lebt, zwei weitere Kinder, die Söhne Friedrich und Hans-Christoph, die beide im zweiten Weltkrieg fielen.

Das Selliner Pfarrhaus war größer und repräsentabler als Gottfrieds Geburtshaus; später bekam es sogar Wasserleitung. Benn hat diese Heimat seiner Kindheit oft erwähnt: »Es ist ein Garten, den ich manchmal sehe, östlich der Oder, wo die Ebenen weit . . .« Eine der schönsten Stellen im ›Doppelleben‹ ist die Beschreibung dieser »Kindheitserde, unendlich geliebtes Land«. Ich darf hier auf den authentischen Bericht verweisen, der am besten ausdrückt, wie viel dem Autor dieses Dorf Sellin – es hatte 700 Einwohner – bedeutete. Bis ins Alter hatte er Heimweh danach. In einem sehr späten Gedicht – es heißt ›Keiner weine –‹ und ist das Herzlichste, was er je schrieb – spricht er von den Wochen, da er mit einer Mark dreißig auskommen mußte, »Wochen, mit Brot und Pflaumenmus aus irdenen Töpfen, vom heimatlichen Dorf mitgenommen, noch von häuslicher Armut beschienen, wie weh war alles, wie schön und zitternd!«

Seine Schwester Edith berichtet von ihm aus diesen Jugendtagen: »Wir glaubten wirklich, er könne zaubern. Oft erzählte er uns Geschichten. Eine war darunter von einem ›Onkel ohne Haut‹, der im Walde lebte . . . Ich sang einmal das Lied ›Was frag ich viel nach Geld und Gut‹, und bei dem Vers ›Das Laster treibt uns hin und her‹ sang ich statt ›Laster‹ immer ›Pflaster‹; um mir zu erklären, was Laster sei, sagte Gottfried: ›Sieh mich an, das Laster, das bin ich . . .‹ Sein vielleicht erstes Gedicht war ein Kinderreim für mich. Er liebte die Reseden im Garten und nannte mich Edchen: ›Edchen, mein Mädchen, hol mir Resedchen vom Beetchen.‹ Er strahlte immer Ruhe aus, war freundlich zu uns Kleinen, ging gern allein spazieren in die Felder, in den Wald, am liebsten in der Dämmerung. Einmal mußte der älteste Sohn die Eltern vertreten, die ausgegangen waren; er stellte sich eine Axt neben das Bett gegen Einbrecher und hatte für uns eine Tüte Pfefferminzplätzchen zum Beruhigen bereit. Solche Plätzchen hatte er immer bei sich; war er schlechter Laune, ließ er uns nur daran lecken und warf sie dann weg; schließlich kriegten wir aber doch immer eines.«

Es gibt ein Familienbild aus Sellin, da steht auf der Treppe vorm Haus der Vater im Nietzschebart über der großen Kinderschar. Es waren immer auch schwererziehbare fremde Kinder im Pfarrhaus, die mit versorgt wurden; der weithin bewunderte und gefürchtete Pator lud seiner Frau viel auf. Das Einkommen eines märkischen Pfarrers war nicht groß, eine kleine eigene Landwirtschaft mußte helfen. Zwischen Wochenbett, Küche, Stall und Garten erschöpften sich die Kräfte der schweizerischen Uhrmacherstochter. Aber das war das Los der meisten Frauen damals; und Gottfried Benns Mutter hat es mit vorbildlicher Geduld und Freundlichkeit getragen. Das straffe, fast militärische Regiment des Vaters wurde gemildert durch Humor. Humor machte auch das gespannte Vater-Sohn-Verhältnis erträglicher: »Gottfried, du hast ja kein Gesangbuch!« »Ich singe aus dem Herzen, Vater.«

Gustav Benn galt als theologischer Neuerer; er war der Ansicht, ein evangelischer Pastor solle ohne Talar predigen, und tat es auch einmal. Das sah man »oben« nicht gern. Aber über den Sprengel hinaus reichte sein Ruf als machtvoller Prediger, der niemals ablas und glänzend improvisierte. Die Bauern fühlten seine starke Persönlichkeit und glaubten, er könne Unheil und Heil beschwören. Sie holten den Pfarrer zu Geburt und Tod bei Mensch und Vieh und hatten Respekt vor seinem bergeversetzenden Glauben. Auch beim Landadel der Gegend genoß er besonderes Ansehen. Äußerlich dem Vater ganz unähnlich, wiederholen sich in Gottfried dennoch auch manche Charakterzüge des Vaters, nur treten sie im Sohne gebrochen und ambivalent auf: das ausgeprägte Persönlichkeitsbewußtsein; eine starke Sicherheit, ja Souveränität in der Haltung gegenüber nachgeordneten Menschen; starre Formen nach außen, ein weiches Mitempfinden, das verborgen wird; konservative Neigungen für »Zucht und Ordnung« im gesellschaftlichen Gefüge, aber eine aristokratische Toleranz in geistigen und geistlichen Dingen.

Pastor Benn kommandierte bemerkenswerter Weise seine Familie nicht in Glaubensdingen; er ließ den Kindern auch äußerlich freie Hand. Gottfrieds erste und zweite Ehe wurden nicht kirchlich geschlossen; der Vater mischte sich nicht ein. War er ein Despot, so doch – wie der große König seines Landes hundertfünfzig Jahre früher – ein aufgeklärter. Benn sprach kurz vor seinem Tode viel von diesem Vater, achtungsvoll und mit einem späten, heimlichen Einverständnis. Als er sehr krank war und große Schmerzen litt in den letzten Wochen, in Schlangenbad, sagte er eines Tages: »Ich hatte gedacht, heute würde es besser gehen, denn es ist der Geburtstag meines Vaters, der neunundneunzigste, und immer hat er mir an diesem Tage etwas Gutes geschickt. Nun sehe ich, er hat es anders vor mit mir, er will mich zu sich holen.«

Seinen Geschwistern imponierte Gottfried, weil er die Namen der Blumen, der Vögel und der Bäume wußte. Oft ging er lange in der Dämmerung spazieren, ungern im Sonnenlicht. Dann erzählte er abends den Kleinen, wie jetzt die Tiere im Walde frören und so viel Angst hätten. Edith, die Jüngste, war überzeugt, er könne mit den Tieren reden. Mitleid war von klein auf ein dominierender Zug seines Wesens; sein schroffes Sichabwenden war oft nur der Versuch, dieses Mitleid zu überspielen. Trotz seines großen Einsamkeitsbedürfnisses beschäftigte er sich viel mit den kleinen Schwestern und Brüdern: er sagte: »Ich bin euer Diener, was soll ich für euch tun?« Manchmal wurde es ihm auch zuviel, dann erklärte er: »Der Diener hat heute Ausgang.«

Einen auffallend hochmütigen Gesichtsausdruck zeigt Gottfried als Mittelpunkt eines Familienbildes um 1900. Er trägt einen Konfirmandenanzug, das Haupt ist kahlgeschoren, die Nasenflügel sind gebläht – die Nüstern, die er später als ein spezifisches Organ des Lyrikers bezeichnet. »Er muß Nüstern haben – mein Genie sitzt in meinen Nüstern, sagt Nietzsche – Nüstern auf allen Start- und Sattelplätzen, auf dem intellektuellen, da, wo die materielle und die ideelle Dialektik sich voneinander fortbewegen . . ., und da, wo die neueste Schöpfung von Schiaparelli einen Kurswechsel in der Mode andeutet mit dem Modell aus aschgrauem Leinen und mit ananasgelbem Organdy.« (›Probleme der Lyrik‹, S. 38/39.)

In dem schlanken, blassen Jungen des Fotos von der Jahrhundertwende erkennt man nicht den eher korpulenten Herrn der reifen Jahre und des Alters. Diese schwerere Körperlichkeit soll er erst nach 1918 angenommen haben. Ein Bild in Uniform, ein Gruppenbild aus der aktiven Militärzeit, zeigt ihn ebenfalls schmal, drahtig und in einer abweisend zusammengenommenen Haltung. Abweisend und spöttisch mag der junge Mann den Menschen in seiner ländlich-kleinbürgerlichen Umwelt immer erschienen sein: ». . . und Jottfried lächelt im Hinterjrunde . . .«, sagten seine Lehrer und Mitschüler von ihm.

Frühes Doppelleben

Die geistige Erziehung wird bestimmt durch drei Faktoren: das evangelische Pfarrhaus, das preußische Gymnasium, das Berliner Medizinstudium. Später kommt eine äußerst umfangreiche Lektüre hinzu, eine systematische im ärztlichen Spezialfach, in der Psychologie und manchen naturwissenschaftlichen und philosophischen Gebieten und eine wahllose literarische, die sich vom Aktuellen treiben läßt. Musisch war dieser Bildungsgang entschieden nicht. Für Musik zeigte Benn niemals viel lnteresse, sein Geschmack war da unorientiert und manchmal sentimental. ». . . mir zum Beispiel sagt Tosca mehr als die Kunst der Fuge . . .« (›Probleme der Lyrik‹, S. 6). Das Theater hielt er für eine antiquierte Kunst, außerdem scheute er vor dem zu nachdrücklichen Reiz des Dramatischen zurück. Eher ging er ins Kino und hörte Radio.

Was das deutsche Geistesleben speziell dem evangelischen Pfarrhaus verdankt, hat er selbst mehrfach ausgeführt und war stolz auf diesen Ursprung, besonders unter Hinweis auf die einzige geistige Autorität, die er immer treu verehrte: Friedrich Nietzsche. Eigentümlich für das Erbmilieu des deutschen Pfarrhauses ist nach Benn »die Kombination von denkerischer und dichterischer Begabung, die so spezifisch für das deutsche Geistesleben ist . . .« Auch dem Friedrich-Gymnasium in Frankfurt an der Oder bewahrte er ein ehrendes Andenken; denn das doppelt harte Training der alten Sprachen im Gymnasium und der Naturwissenschaften auf der Universität betrachtete er als unerläßliche Voraussetzung für sein Denken. Dennoch hat der Humanist Benn immer beklagt, daß er keine moderne Sprache gut konnte, Englisch gar nicht, Französisch nur bis zum einfachen Verständnis.

Zu Hause war er zusammen mit den Söhnen des Gutsherrn von Sellin unterrichtet worden, den Finckensteins. Nun wohnte er mit Heinrich Graf Fink von Finckenstein zusammen als Pensionsschüler in Frankfurt. Er war kein begeisterter Schüler. Wohl machte er schon mit siebzehn das Abitur, aber er empfand die Schule und das Pauken als drückende Last. Seine natürliche Scheu mag in diesen Jugendjahren zum erstenmal jene krankhaften Grade erreicht haben, die später zu beobachten sind. Er hat offenbar ein angeborenes Bewußtsein von seiner geistigen Befähigung, von der Auszeichnung seines Wesens, von der extremen Sensibilität seiner Sinne. Die kleinen Verhältnisse, in denen er aufwächst, die Armut empfindet sein aristokratischer Sinn als unangemessen, als drückend. Des Vaters patriarchalisches Regiment verstärkt diese Gefühle, und in der Schule mag denn ein regelrechter Minderwertigkeitskomplex entstanden sein. Hier bildet sich das Wurzelgeflecht, aus dem später vielfältige Ressentiments erwachsen, die soziologisch zum Typus des emporstrebenden bürgerlichen Intellektuellen gehören. Da liegt auch begründet, was Dr. Oelze Benns »diffidence« nennt.

Er schämte sich seiner ländlich gekleideten Eltern, wenn sie ihn einmal in Frankfurt besuchten. Es muß ihn gequält haben, daß seine adligen Altersgenossen und Mitschüler wohl manchmal auf ihn herabgesehen haben. Vielleicht begann es schon damals, daß er sich komisch fand. Später geht der schon berühmte Mann nicht aus, weil er plötzlich seinen Umriß unter dem Hut im Spiegel wahrnimmt und die Erscheinung albern findet, »Oft unterließ ich einen Einkauf, da ich meinen Umriß unter der Hutkrempe im Augenblick als zu absonderlich empfand.« (Weinhaus Wolf, in ›Der Ptolemäer‹, S. 18.) Es mögen auch erste Liebesgefühle unerwidert geblieben sein; in der Tanzstundenzeit hat er Liebesgedichte gemacht; er war früh von den Frauen fasziniert, litt aber manchmal darunter, daß er gerade auf diejenigen wenig Eindruck machte, die ihn besonders anzogen: die erotisch Attraktiven, die »beauties«, wie er sie später nennt. An Oelze schreibt er einmal Jahrzehnte später, er habe im D-Zug einer schönen Frau gegenübergesessen, mit der er gern angebändelt hätte, aber: »Sie schnitt mich eisig, weil sie in mir den alten Roué witterte.« Nun, er war kein Roué – viel eher sah er die Liebe als Mediziner –, und ganz sicher war er kein »infernalischer Snob«, wie er sich abwehrend, aber gerne nennen hörte. »Schon (meine) erste Gedichtsammlung brachte mir von seiten der Öffentlichkeit den Ruf eines brüchigen Roués ein, eines infernalischen Snobs und typischen – heute (1934) des typischen jüdischen Mischlings, damals des typischen – Kaffeehausliteraten, während ich auf den Kartoffelfeldern der Uckermark die Regimentsübungen mit marschierte und in Döberitz beim Stab des Divisionskommandeurs im englischen Trab über die Kiefernhügel setzte.« (›Doppelleben‹, S. 22.)

Die Oder trat manchmal über die Ufer; im Winter liefen die Gymnasiasten auf den weiten Eisflächen Schlittschuh. Er tat mit, war aber nie ein Sportsmann und stand öfter abseits. Die Ferien dann im geliebten Sellin, bei der Mutter, die ihn versteht, die er versteht, sind Balsam für die Wunden der empfindsamen, stolzen Seele. Von Sellin aus zieht dann auch der junge Student an die Lahn, nach Marburg, wo Theologie und Philosophie studiert werden sollen. Der Vater kann ihn dort durch seine Korporation, die Turnerschaft, billig unterbringen; er wohnt in der Wilhelmstraße 10. Der Fünfundsechzigjährige hält 1951 in der Universität Marburg einen Vortrag über ›Probleme der Lyrik‹ und erinnert sich, wie er, achtzehnjährig, an die ›Romanzeitung‹ in Berlin-Lichterfelde Gedichte schickte. Er bekam sie mit dem Urteil zurück: »G. B. – freundlich in der Gesinnung, schwach im Ausdruck. Senden Sie gelegentlich wieder ein.« Ein paar Jahrzehnte später ist G. B. der deutsche Ausdrucksdichter par excellence, während seine Gesinnung nun »vielfach als unfreundlich bezeichnet wird«.

Der stud. phil. Benn ist unzufrieden. Einmal trifft er auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin den Vater, der ihn zur Rede stellt; er arbeite nicht ordentlich in Marburg. Gottfried sagt:»Laßmich Medizin studieren, und ich werde arbeiten.« Damit läßt er den Vater im Wartesaal stehen. Es war jedoch nicht nur Eigensinn des Pfarrers Benn, wenn er den Ältesten nicht gleich nach Berlin schickte, zur medizinischen Fakultät. Es war vor allem eine Geldfrage; denn Pfarrer oder Lehrer werden geht schneller und kostet weniger. Da bietet sich der Ausweg: die Kaiser-Wilhelm-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen. Im Lebensweg eines Intellektualisten‹ hat Benn 1934 beschrieben, was er dieser Akademie verdankt: »Die tiefe Skepsis, die Stil schafft, das wuchs hier.« Wissenschaftliche Ausbildung hatte vor militärischer absolut den Vorrang; die Studenten trugen keine Uniform, aber sie erhielten »die gesellschaftliche Bildung des alten Offizierskorps«.

Zu dieser Bildung hat sich Benn immer bekannt; er verlor auch nie ganz den preußischen Kasinoton, den so oft bewitzelten Jargon dieses sonderbar exklusiven Produkts des märkischen Sandbodens. Dennoch war er immer ein unlustiger Soldat, ein mühsam gehorchender Untergebener, ein wenig umgänglicher Vorgesetzter. Stellt man ihn sich als Stabsarzt vor mit Schulterstücken, dem Eisernen Kreuz aus dem ersten Weltkrieg und mit langem Säbel bewaffnet, straff und förmlich, so würde man nicht zögern, ihn eine militärische Erscheinung zu nennen. Tatsächlich gehörte auch diese Verkleidung zu dem komplizierten Maskenspiel, zu den Tarnungen, die er für sein Doppelleben brauchte. »Ich bin also Dualist, Anti-Synthetiker . . . und mein eigenes Doppelleben war mir nicht nur immer sehr angenehm, ich habe es sogar mein Leben lang bewußt kultiviert.« (›Doppelleben‹, S. 165.) Er war als junger Sanitätsoffizier beim Sturm auf Antwerpen dabei – dafür erhielt er das EK –, leitete 1916 in Brüssel ein Lazarett; aber 1918 war er sehr früh schon wieder zivilistisch tätig, und im zweiten Weltkrieg hatte er nur militärärztliche Beamtenfunktionen, die ihn automatisch bis zum Oberstarzt, im Range eines Obersten, aufsteigen ließen. Dennoch hat zweifellos die Uniform, der Kommiß, seinen äußeren Umriß mitgeprägt.

Im eigentlichen Sinne »gedient« hat Gottfried Benn nur etwa ein halbes Jahr, bei den »Maikäfern« dem 2. Garderegiment, zu Fuß. Der Vater wird 1906 nach Mohrin versetzt, auf eine Pfarrstelle im Kreise Königsberg, Neumark. Dorthin fährt Gottfried nun immer von Berlin aus auf Urlaub, schimpft über die Eskaladierwand und den Drill. Eine Wanderniere erspart ihm eine längere aktive Dienstzeit; als Militärarzt ist er beim Infanterieregiment 64 in Prenzlau und beim 7. Pionierbataillon in Spandau. Er vergißt in der Autobiographie nicht, anzumerken, daß es sich dabei um »das Regiment von Mars-la-Tour« handelt und um »das Bataillon vom Übergang nach Alsen«. Inzwischen ist er mit einer Dissertation über die Zuckerkrankheit Doktor der Medizin geworden.

Morgue

Im Jahre 1912 geschieht zweierlei, was den sechsundzwanzigjährigen Gottfried Benn besonders bewegt: seine Mutter stirbt, und sein erster Gedichtband erscheint.

Er hat es mir noch selbst erzählt, wie er den Vater haßte, weil der es untersagte, daß die Mutter Linderungsmittel bekam. Sie litt an Brustkrebs und hatte entsetzliche Schmerzen. Sie rief ihren Sohn zu sich: Gottfried, du bist jetzt Arzt, du mußt mir helfen. Er konnte nicht helfen, und er durfte nicht lindern. Das Übel ist uns von Gott geschickt, erklärte Pfarrer Benn, wir müssen es ertragen. Am 9. April 1912 starb Caroline Benn, geb. Jequier, im Alter von 53 Jahren, als Mutter von acht Kindern. Ihr Mann überlebte sie bis zum Jahre 1939; er starb zweiundachtzigjährig in Cottbus und wurde begraben in Mohrin.

Gottfried Benn muß in einer verzweifelten seelischen Verfassung gewesen sein in jenen Jahren. Der Schock jedes jungen Mediziners im Seziersaal, im Leichenschauhaus, der ›Morgue‹, ging bei ihm besonders tief. Die Kindheit zeigt einen sehr weichen Charakter, von Stimmungen heimgesucht, voller pantheistischer Mitleidsempfindungen. Nun muß er lernen, mit Leichen und Schwerkranken umzugehen. Seine Phantasie malt sich die Schicksale dieser jungen Frauen und alten Männer aus, die sie hatten, bevor sie als numeriertes Fleisch auf den Seziertisch kamen. Die frühen Gedichte sind nur als Ausbruch seines Ekels, seiner Verachtung – seines Mitleids zu verstehen. Nicht Zynismus prägt den furchtbaren Satz »Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch –«, sondern Verzweiflung. Mit den schrecklichen Versen der ›Krebsbaracke‹, des ›Speiglases‹, der ›Schönen Jugend‹ befreit er sich, rettet er sich vor Wahnsinn und Selbstmordgedanken.

Ohne daß der Autor es weiß und will, wird seine frühe Lyrik allerdings der überpersönliche Ausdruck eines allgemeineren Gefühls. Er hat nie aufgehört, sich darüber zu wundern, daß seine einsam erlittenen, einsam erstrittenen Wortgefüge nachträglich symptomatische Bedeutung, exemplarischen Rang bekamen, und er hat seinen Ruhm im Grunde nicht verstanden, so gern er ihn schließlich auch annahm. Wie ging es zu, daß die persönlichen geistig-seelischen Zerrüttungen eines jungen Berliner Arztes, deren Ursachen vielleicht noch einmal detaillierter nachgewiesen werden können, dazu beitrugen, jenes Phänomen zu schaffen, das unter dem Namen »Expressionismus« Geschichte gemacht hat? Wie wurde dieser Gottfried Benn zum »Kronzeugen der gegenwärtigen geistigen Krisis«, wie man ihn später nennt? Seine ersten Verse, dramatischen Entwürfe und Prosastücke schon sind zentrale Manifestationen dieses Expressionismus, der das heraufdämmernde Menschheitsunheil witterte, lange bevor die Millionen an der Börse fielen und die Millionen auf den Schlachtfeldern hinterdrein.

Bei Alfred Richard Meyer, genannt »Munkepunke«, in Wilmersdorf erschien der Gedichtband ›Morgue‹, und keines der späteren Bücher Benns ist so lebhaft übersetzt und diskutiert worden. Darauf war er im Alter stolz, aber seine avantgardistische Epoche schien ihm im Rückspiegel doch mehr zeitsymptomatischen Rang zu haben als literarischen. Tatsächlich hat er seine großen Gedichte, die mit Ewigkeitskarat, viel später geschrieben: einige in den zwanziger Jahren, die meisten vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg, in seinem fünften und sechsten Lebensjahrzehnt also. Die bedeutendste Prosa entstand um 1930 und in der Zeit des NS-Schreibverbots. Der Schlüssel allerdings für die persönlichen, die psychologischen Anlässe der immer wieder abgehandelten Ur-Fragen Benns, der Schlüssel auch für den Motor der Unruhe in der Epoche, die er dichterisch repräsentiert – das liegt alles in den frühen Schriften des dreißigjährigen Benn.

Doktor Rönne

Kurz vor dem ersten Weltkrieg ist er Assistenzarzt in Berliner Krankenhäusern, unter anderem in der Pathologie des Westend-Krankenhauses in Charlottenburg. Sein späteres Fach, die Haut- und Geschlechtskrankheiten, bringen ihn viel mit Prostituierten in Berührung. Er kam zu diesem Fach durch die militärärztlichen Aufgaben in Brüssel. Mit Prostituierten hatte er als junger wie als alter Mann zu tun; seine letzten Patienten im Jahre 1953, bevor er aufhört zu praktizieren, sind wiederum Prostituierte, die vertrauensvoll ihre Sorgen vor ihm ausbreiten, da er oft guten Rat weiß. Ein mehrschichtiges Doppelleben beginnt: der Pastorensohn, Bürger und Offizier – der Arzt – und der junge Dichter, der in dem Kabarett »Schall und Rauch« auftritt, einem intellektuellen Publikum mit leiser, gefühlvoller Stimme seine »Lieder« vorträgt von der Aster zwischen den Zähnen eines ersoffenen Bierfahrers, dem Rattennest unter dem Zwerchfell eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte, von dem einsamen Backzahn einer Dirne, dessen Goldplombe der Leichendiener der Morgue sich herausschlägt. Die Kritik dieses öffentlichen Auftretens lesen zu Hause im ländlichen Mohrin die Eltern und Geschwister, und die jüngste Schwester erinnert sich, wie man trotz eines leisen Schütteins des Kopfes feststellte: »Gottfried war der Clou des Abends.«

Auf der Ostseeinsel Hiddensee lernt der siebenundzwanzigjährige Doktor eine sechs Jahre ältere Frau kennen, in die er sich verliebt. Die Dame heißt als Schauspielerin Eva Brand, mit bürgerlichem Namen Edith Brosin, geb. Osterloh. Sie lebt in Süddeutschland, bei München, trotzdem sehen sie sich wieder. Benn scheute immer jede Bindung, ließ niemals einen Menschen zu nahe an sich heran. Bewarb er sich deshalb 1913 um eine Stelle als Schiffsarzt bei der HAPAG? Wollte er dieser ersten ernsten Liebe entkommen? Im Sommer vor Kriegsausbruch jedenfalls fährt er nach Amerika, »impft das Zwischendeck«. Es geht dem Schiffsdoktor schlecht, denn er wird seekrank. Aber auf dem kurzen Landurlaub in New York sieht und hört er in der Metropolitan-Oper Enrico Caruso. Dieser Eindruck hinterläßt Spuren, die noch im späten Werk wieder auftauchen.

Im Juni 1914 kommt er von Atlantikfahrt zurück. Die neue Stelle als Schiffsarzt auf einem Segler, der nach Wladiwostok ausläuft, tritt er nicht an, weil er sich vor der Seekrankheit fürchtet. Der Segler ging auf dieser Fahrt unter. Kurz vor Ausbruch des Krieges heiratet er eilig in München Edith Osterloh; zwei Dienstmänner sind Trauzeugen. Er ist achtundzwanzig, als er die Uniform wieder anziehen muß, kommt an die Westfront und schreibt später über seine Brüsseler Zeit 1915/16: ». . . was ich an Literatur verfaßte, schrieb ich, mit Ausnahme der ›Morgue‹, . . . im Frühjahr 1916 in Brüssel. Ich war Arzt an einem Prostituiertenkrankenhaus, ein ganz isolierter Posten, lebte in einem konfiszierten Haus, elf Zimmer, allein mit einem Burschen, hatte wenig Dienst, durfte in Zivil gehen, war mit nichts behaftet, hing an keinem . . . Ich denke oft an diese Wochen zurück; sie waren das Leben, sie werden nicht wiederkommen, alles andere war Bruch.« (›Das lyrische Ich‹, S. 26/27 in ›Über mich selbst‹.) Er hing also an keinem, war mit nichts behaftet – und hatte doch eben geheiratet. Untreue in einem umfassenden und ganz unbürgerlichen Sinne war vielleicht wirklich eine seiner dominierenden Eigenschaften. 1952 sagt in der ›Stimme hinter dem Vorhang‹ die Figur ›Alfred‹: »Meine Glücke waren, wenn ich genau bin, alle mit Verbrechen verkuppelt: Ehebruch, Rausch, Treulosigkeit, Elternhaß, Falschheit, doppelte Moral, auch fiel mir die Wendung von Hamsun ein. Es gibt nur eine Liebe, die gestohlene – eines der wahrsten Worte der Menschheitsgeschichte . . .« (S. 32). Seine junge Frau besucht ihn in Brüssel, ein Jahr später wird sein einziges Kind geboren, die Tochter Nele. Er schreibt in Brüssel ›Rönne‹ und die Dramen ›Der Vermessungsdirigent‹ und ›Karandasch‹.

Das Prosastück ›Rönne‹ des dreißigjährigen Benn ist biographisch ergiebig; es ist das erste literarische Symptom für Benns Inferioritätskomplexe und gibt auch Hinweise darauf, wie er sie zu kompensieren versucht. »Wer wäre er gewesen«, heißt es da. »Still nahm er PJatz. Groß wuchteten die Herren.« Rönne-Benn in einem Brüsseler Offizierskasino, er wagt beim Essen eine Bemerkung, sie wird zu seiner Überraschung beifällig aufgenommen. »Jubel in ihm, Triumphgesänge . . . Er erlebte tief, wie aus jedem der Mitesser ihm der Titel eines Herrn zustieg, der nach der Mahlzeit einen kleinen Schnaps nicht verschmähte und ihn mit einem bescheidenen Witzwort zu sich nimmt . . .«

Natürlich liegt Ironie, auch Selbstironie, in diesem Bekenntnis eines Intellektualisten, eines notorisch Abseitigen zum gemütlichen Kollektiv »der Herrn«. Mensch unter Menschen – das ist Benns Sache nicht; aber er steht auch nicht eisig erhaben über jedem Herdeninstinkt; er kann ihm erliegen. »Einreihung geschah, Bewertung trat ein; Fleisch aß er, ein wohlbekanntes Gericht; Äußerungen knüpften an ihn an, zu Ansammlungen trat er, unter ein Gewölbe von großem Glück.« Im Kasino einmal anerkannt! Der einsame Rönne, der sein Ich sucht und dabei den Wirklichkeitszerfall entdeckt, empfindet Glück dabei, Fleisch zu essen, ein wohlbekanntes Gericht, sich eingereiht, bewertet zu sehen. Hieraus ergibt sich ein erster Hinweis auf die Möglichkeit einer Erklärung, warum Benn 193 3 im »Volk«, in seinem Deutschtum, das »Gewölbe von großem Glück« sah, warum er in einem Augenblick der Selbsttäuschung »zu Ansammlungen« trat und hoffte, Äußerungen würden an ihn anknüpfen.

Tatsächlich knüpfte dann absolut nichts an ihn an, nichts von dem, in das er sich da einreihte. Unter jedem Kollektiv-Gewölbe von großem Glück mußte er ein Fremder bleiben. Rönne bereits ist der Mann, »der eine kontinuierliche Psychologie nicht mehr in sich trägt. Seine Existenz innerhalb und außerhalb des Kasinos ist zwar eine einzige Wunde von Verlangen nach dieser kontinuierlichen Psychologie, der Psychologie des Herrn, der nach der Mahlzeit einen kleinen Schnaps nicht verschmähte und ihn mit einem bescheidenen Witzwort zu sich nimmt, aber er findet aus konstitutionellen Gründen nicht mehr zurück.« Aus konstitutionellen? Das meint Benns Biologismus. Aber seine artistische, romantische, nietzschesche Metaphysik wiederum beantwortet die Frage nach der »anthropologischen Substanz«, also auch nach der Psychologie Rönnes, des modernen Ich, ganz geistig, transzendental, ganz antigeschichtlich, antidarwinistisch, antibiologisch. Eugen Gürster sagt in seinem Aufsatz ›Das Schöne und das Nichts‹: »Bei Benn spielen das Geistige und das Leibliche blinde Kuh und greifen immer und überall aneinander vorbei ins Leere.« (›Hochland‹, April 1955.)

Ich darf diesen »Rönne-Komplex« näher betrachten, weil er Licht bringt in manchen dunklen Winkel eines Charakters, der in einem extremen und präzisen Sinne »modern« heißen darf. »Die Bruchstellen funkeln lassen« und »ehrlich sein auf jede Gefahr« – das sind Bennsche Devisen, moderne Devisen. Ich möchte sie auch auf ihn selbst anwenden, bei der Beschreibung seiner Persönlichkeit. Für mich als den Zeitgenossen seiner zweiten Lebenshälfte kommt der Bruchstelle »33« zentrale Bedeutung zu. Das hielt er selbst für eine unfaire Überbewertung seiner »Machtergreifungsbeiträge«, mit denen er sich zu Hitler bekannte. Exakt hat er sich damit nie auseinandergesetzt, nicht im ›Doppelleben‹, nicht in den Oelze-Briefen, nicht im persönlichen Gespräch, auch seiner ihm eng vertrauten dritten Frau gegenüber nicht. Er mag gedacht haben: Stehen diesen Worten nicht viele Seiten großer Prosa entgegen, die ich später, »als auch ich die Macht sah, die das liberale Zeitalter nicht sehen konnte«, gegen den kleinbürgerlichen Mulm des Dritten Reiches schrieb? Gewiß zählen diese späteren Äußerungen, und es zählt sein zehnjähriges Schweigen. Aber Benn ist für mich der interessanteste Mann der Generation, die dieses »33« trug. Jch kann mich nicht seiner hohen Wortkunst erfreuen, ohne die Frage nach dem Warum, dem Woher der Kapitulation des Geistes vor der Macht gerade in seinem Falle immer wieder zu stellen.

»Eine Wunde von Verlangen« ist also schon 1916 in Rönne-Benn, Verlangen nach der naiven naturhaften Vitalität, die durch das Individuum hindurchgeht, seiner nicht achtet, es vernichtet, wenn blinde, geschichtswütige Aktivität das so befiehlt. Aber Rönne ist eben dadurch gezeichnet oder ausgezeichnet, daß Kontinuität, dieser Zusammenhalt, dieser Funktionalismus ihn nicht mehr trägt; die kontinuierliche Psychologie – gilt nicht mehr für jemanden, der vor dem »ungeheuren Problem der Wirklichkeit« auf sich selbst, auf das Ich, das »lyrische Ich«, wie es später heißt, zurückgeworfen wird. Sublimierung? Verfall? Aber ist das Vitale, die Natur wirklich das Primäre? fragt Rönne weiter. Nein: Natur und Ich »schlagen hoch zu einem Traum«. Die Substanz menschlicher Existenz also der Traum, etwas Vorbewußtes, viel älter noch als »das Quartär«? Rönne empfindet zuletzt nicht einmal mehr das Ich, sich selbst als wirklich. »Nein; nur alles möglich, das war er.«

Benn liefert immer selbst die schärfsten, kristallharten Formulierungen gegen sein eigenes Denken, das – mit einer Ausnahme: seiner Theorie, seiner Metaphysik der Kunst – immer dialektisch bewegt bleibt. »Erkenntnis ist ein schönes Mittel zum Untergang«, steht im ›Lebensweg eines Intellektualisten‹ – und zwar mitten in der Rönne-Interpretation, in der Rückschau von 1934 auf 1916. Untergangsbereit, untergangslüstern ist in der Tat Benns ganze Dichtung, die intellektualistische Prosa ohnehin, aber auch die melancholische Lyrik. (Gürster nennt ihn einen Spezialisten für Katastrophenstimmungen.) Aber Schönheit, eine düstere, bizarre Schönheit haben auch die bittersten Kritiker Benns der Form nie abgesprochen, in der er sein »Mittel zum Untergang«, seine Erkenntnis ausdrückte. »Die Flucht zu den Schachtelhalmen«, die ihm 1932 Rudolf Arnheim in der ›Weltbühne‹ nachsagte, lag vor, schon bei Rönne 1916. Aber die Flucht ins Irrationale, in den Traum, in die moralische und politische Verantwortungslosigkeit, war nicht die einzige Flucht Benns, dieses »Reaktionärs in Anführungsstrichen«, wie ein anderer linker Kritiker, Ludwig Marcuse, ihn 1931 im ›Tagebuch‹ nannte. Inwieweit war sein Jonglieren mit Quartär, Mythen, Leere, Gesichten aus der Tiefe eine Flucht nach vorn?

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9788711836149
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