Czytaj książkę: «Pariser Tagebuch»

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Theodor Wolff

Pariser Tagebuch

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Inhaltsverzeichnis

Pariser Tagebuch

Erster Teil Paul Bourget in der Akademie

(Juni 1895)

»Cause célèbre«

(1898)

Die Erinnyen

(Juni 1899)

Der Concierge meines Freundes

(1899)

Steinlen

Die Schwalben von Paris

Das Seebad der ehrbaren Leute

Die »Affäre Loizemant«

Frühlingsbilder

Die Nachtseiten

Die hunderttausend Frank des Doktor Doyen

Meeting

(Februar 1905)

Die kleinen Pferde

Familienpensionat

Anatole France

Clemenceau zu Hause

(1906)

Zweiter Teil Pariser Tagebuch Der Sündenbock

(März 1900)

Der Sieg des »tutu«

Zwischen den Schlachten

(März 1904)

Looping the loop

Das Roß von Waterloo

(Juni 1904)

Der Bey

(1904)

Bal Tabarin

Saisonschluß

»Canard rouennais«

Der letzte Weg des großen Barons

(1906)

Der Kopf des Mörders Languille

Venus im Pelz

Die Schwimmerin

Die Millionärin

Die Menagerie

(August 1906)

Pipo und Leda

Dritter Teil Büsten Die Büste Henri Becques

(Mai 1904)

Am Totenlager Emile Zolas

Camille Pissaro

Eugène Carrière

(1906)

Scheurer-Kestner

(1899)

Waldeck-Rousseau

(1904)

Pariser Tagebuch

Albert Langen

Verlag für Litteratur und Kunst

München 1908


Herrn
Antoine Bavier-Chauffour,
Neuilly sur Seine,
in herzlicher Freundschaft

Die kleinen Skizzen dieses Tagebuches sind, mit einer großen Anzahl anderer, für das »Berliner Tageblatt« geschrieben worden. Sie sind im Laufe von zwölf Jahren entstanden, unter sehr verschiedenartigen Luftströmungen und Eindrücken, und ich brauche nicht erst zu sagen, daß im bunten Wechsel der Zeiten und der Ereignisse auch die Anschauungen und Ideen sich bisweilen gewandelt haben. Ich habe über manche Persönlichkeiten und Fragen im zwölften Jahre naturgemäß anders gedacht als im ersten, und einiges, was ich früher frohgläubig hingeschrieben, erscheint mir heute eigentümlich fremd. Wäre es richtiger gewesen, diese älteren Tagebuchblätter ganz zu unterdrücken und nur die gefestigten Überzeugungen hier wiederzugeben? Aber wenn es mir vergönnt wäre, noch einmal zwölf Jahre in Paris zu verleben, so würden diese gefestigten Überzeugungen vielleicht abermals sich wandeln, und die Weisheit des reiferen Alters würde fortfahren, über die frühere Unreife zu lächeln.

In der fortgesetzten Erneuerung der Auffassungen habe ich, nur in steter Steigerung, eines unablässig empfunden: eine große Liebe für die Stadt Paris. Diese Liebe kann nicht völlig begreifen, wer nur dann und wann flüchtig in diese Stadt hineinblickt, und es kann sie auch keiner von jenen deutschen Brüdern begreifen, die noch draußen in der Fremde den Gewohnheiten und dem Ideenkreise ihres heimatlichen Stammtisches treu bleiben. Ich gebe gern und ohne Umschweife zu, daß andre Städte mancherlei Vorteile bieten, daß die Straßen anderswo sauberer, die Wohnungen geräumiger und die Klosetts hygienischer sind und auch andere soziale Einrichtungen von allgemeinerer und größerer Bedeutung sich durch ihre Vortrefflichkeit auszeichnen. Aber in Paris liegt über den Dächern, über dem Arc de Triomphe und über den Bäumen auf den Kais ein so feiner silberdurchglitzerter Duft, die Menge in den Straßen ist nicht griesgrämig und nicht eintönig grau, alles hat Hintergrund und Tiefe, Fülle und Farbe, und an jeder Straßenecke sitzt verführerisch das Leben und bietet dir seinen Strauß.

Die Blätter dieses Tagebuches sind bunt und fast wahllos aus dem Bündel herausgegriffen, aber vielleicht gibt ein Farbendurcheinander, bei dem der Zufall mitgewirkt hat, am ehesten einen matten Abglanz von der reichen Lebensbuntheit der Stadt Paris. Wenn man solche schnell hingeworfenen Tagebuchnotizen wieder hervorkramt, solche nun etwas verblaßten und zerstäubten Schmetterlinge noch einmal aus dem Kasten nimmt, so sucht man gewöhnlich nach einer Entschuldigung. Ich möchte darauf verzichten, eine Entschuldigung vorzubringen, denn es ist mir, offen gestanden, nicht recht ersichtlich, wie und wo ich sie entdecken sollte. Früher, in jenen Jahren, als die Jünglinge noch Gemüt hatten, schlang man um die Tagebuchblätter seiner Liebeszeit ein tränenbenetztes rosaseidenes Band und schrieb auf den Umschlag den Namen der Geliebten: »Adelaide«. Ich umwickele diese losen Blätter, die ebenso viele Liebesbriefe sind, mit einem Bande, das nicht rosaseiden zu sein braucht, und schreibe darauf den teuren erinnerungweckenden Namen »Paris«.

Erster Teil
Paul Bourget in der Akademie
(Juni 1895)

Erst nachdem ich eine kleine Odyssee durchlebt hatte, kam ich in den Saal der Akademie. Der alte Gaston Boissier, der neulich für den in die einzig wahre Unsterblichkeit hinübergegangenen Camille Doucet zum Secrétaire perpétuel gewählt worden war, hatte freilich die Freundlichkeit gehabt, mir eine Einlaßkarte zu senden, auf der zu lesen stand: »Commencement à deux heures très précises«. Aber als ich zehn Minuten nach eins auf dem Quai Conti anlangte, kam ich nur noch bis auf die Treppe des Palastes. Dort warteten bereits viele Herren und Damen auf den Moment, wo drinnen im Saale jemand ohnmächtig werden möchte, was vorzukommen pflegt und erst neulich bei der Aufnahme des Poeten Heredia vorgekommen war. Eine Weile wartete auch ich auf der Treppe, den Augenblick erharrend, da man anfinge, die ohnmächtigen Damen herauszutragen. Aber baue einer auf die Schwäche der Frauen! Sie werden plötzlich so stark, wenn sie sich amüsieren!

Obwohl es schon ein erhebendes Gefühl sein mochte, 4 so auf der Treppe der Akademie zu stehen, wie Zola der auch nicht weiter kommt, trieben mich die innere Unruhe und der Wunsch, Bourget mit dem Palmenfrack zu sehen, doch von dort fort; ich überließ alle Vorteile, die aus einer Schwäche der Damen erwachsen konnten, meinen Vor- und Hintermännern und gelangte schließlich nach mancherlei Abenteuern, die ich hier nicht erzählen will, dann doch in den Festsaal der Akademie. Dort habe ich zwei Stunden lang auf einem Fuß gestanden, weil ich keinen Raum fand, den anderen niederzusetzen, und habe eine Wand aus grauem Segeltuch, welche die Tribüne von einem Korridor abschloß und über uns zusammenzuschlagen drohte, zwei Stunden lang mit ausgestrecktem Arm über dem Haupte einer jungen Frau und meinem eigenen gehalten, etwa wie auf dem bekannten Gemälde der junge Paul das Palmenblatt über sich und Virginien hält. Aber trotz dieser Fuß und Hand in gleicher Weise lähmenden Situation waren diese zwei akademischen Stunden ganz ausnahmsweise amüsant und ich habe sogar vieles abzubitten.

Denn da man so viel gegen die Akademie geschrieben und sie so oft ein altes Möbel genannt hat, wird jeder, der zum ersten Male dort hinkommt, wie ich, auf das Schlimmste gefaßt sein. Man ist beinahe überrascht, daß die Leute, die dort sitzen, keine Zöpfe tragen, und ist doppelt dankbar für jede angenehme Enttäuschung. Man ist entzückt, statt in einem Schulsaal mit weißen Büsten sich in einem Salon zu befinden, der ganz und gar Salon ist, bis in den letzten Winkel. Es ist ein literarischer Salon, sehr elegant und sehr behaglich, und wie ein echter literarischer Salon gibt er Gelegenheit zur 5 Bewunderung und zur Satire. Die Gesellschaft dieses Salons besteht ans wirklichen Rittern des Geistes, aus posierenden Komödianten, und aus Personen, die von den beiden Arten ein wenig in sich vereinigen. Die großen Arbeiter der Wissenschaft, die kleinen Piraten, welche geschickt die herabgefallenen Brocken aufgreifen, die ästhetischen Schöngeister, die dann am meisten bewundern, wenn sie am wenigsten verstehen, sind dort beieinander, und diese Gesellschaft, die zum Teil etwas ist, zum Teil etwas sein will, ist zugleich die Welt der eleganten, angenehmen Form und scheint wie durchdrungen von einem modischen Parfüm. In diesem literarischen Salon führen zwei der Anwesenden das Gespräch, der neue Akademiker, den man heute aufnimmt: Paul Bourget, und der Direktor, der ihm antwortet: Vicomte de Voguë. Die übrige Gesellschaft hört nur zu, bald mit einer echten, bald mit einer etwas geheuchelten Aufmerksamkeit, spendet dann und wann Beifall und wiegt sich in einer angenehmen, behaglichen Stimmung. Die Worte der beiden Redner fallen nicht zu scharf auf diese ein wenig träge Gesellschaft, keine Adler fliegen auf, nur Schmetterlinge. Aber wo gibt es ein Vergnügen, das reizvoller und scharmanter wäre als dieses – zwei geistreichen, weltmännischen Rednern zu lauschen, die nie zu tief in die Dinge niedertauchen, die dort, wo ein Problem vor ihnen aufsteigt, es nicht mit gewaltigen Fäusten anpacken, die nur leise darüber hinstreichen, einige kluge Artigkeiten darüber sagen, und die den Blumenkelch nicht zerstören, da sie ihn nicht ergründen wollen, sondern nur ein wenig Honig aus ihm heraufholen, um unserem Gaumen angenehm zu sein? Gibt es eine 6 feinere und liebenswürdigere Unterhaltung als die, welche der literarische Salon der Pariser Akademie an diesem Nachmittag seinen Gästen bot?

* * *

Von jener höchsten Stufe der Tribüne, wo ich auf einem Fuße stand und das Zelttuch über meinem Kopf und dem Kopf meiner lächelnden Nachbarin emporhielt, konnte man sehr schön den kleinen Saal übersehen. Es gibt drei solcher Tribünen, an drei Seiten des Saales; sie sind in die Wände hineingebaut und steigen in die Nischen hinauf. Über den drei Nischen befinden sich, in halber Höhe des Saales, noch einmal Logen, wieder mit tribünenartig aufgebauten Sitzbänken.

Ich zählte, daß meine Tribüne zwanzig Stufenreihen habe. Ich stand oben auf der höchsten, und die zwanzigste war unten im Saal. Da fast lauter Damen auf der Tribüne waren, so war das, wegen der bunten Blumenhüte, wie eine lustige, absteigende Blumentreppe. Doch waren fast all diese Hüte klein und es war merkwürdig, wie hier der sonst so ungewöhnlich gewordene Kapottehut herrschte. »Capotes-Institut« nennt ein Chronist diese Hüte.

Unserer Tribüne gegenüber hatten wir jene vierte Saalwand, die einzige tribünen- und nischenlose. In ihrer Mitte eine hohe, dreiteilige grüne Tür zwischen den gelb gewordenen Statuen Bossuets und Fenelons. Vor der grünen Tür, auf einem kleinen Podium, ein grünbedeckter Tisch. Und hinter dem Tisch sitzen drei Akademiker im grünbestickten Palmenfrack: Voguë, Albert Sorel, Gaston Boissier.

7 Von dem grünen Tisch gehen in einem Halbkreis nach rechts und links die Sitzreihen der Akademiker und der Mitglieder des Instituts. Es sind grün gepolsterte Bänke, sechs hintereinander, auf Stufen ansteigend. Die vierzig Unsterblichen sind fast vollzählig, zwischen ihnen etwa sechzig »vom Institut«. Man sitzt sehr zwanglos, viele haben den Spazierstock mit hereingebracht. Alexander Dumas sitzt links auf der obersten Reihe – sein hochstehendes, lockiges, reiches Haar jetzt ganz weiß; auch der elegante, langgezwirbelte Schnurrbart ist weiß, aber das Gesicht ist noch jung und es ist da alles Energie, überlegene Klugheit, Selbstbewußtsein, skeptische Kühle. Halevy sitzt in seiner Nähe, mit auch schon mehr als ergrautem breitem Vollbart, Meilhac mit dem etwas geröteten starken Doggengesicht, dem blanken, nur von einem Haarkranz umgebenen Schädel; dann der alte Herzog von Aumale, der eben erst vom Krankenbett aufgestanden ist, mit seiner scharfen Habichtsnase, dem weißen herabhängenden Schnauzbart, dem kahlen Kopf. Drüben, auf der anderen Seite, Brunetière, der Erfinder des Wortes vom »Bankerott der Wissenschaft«, ein rundes Büreaukratenhaupt mit einer Brille vor den kurzsichtigen Augen – Freycinet, die »weiße Maus«, mit dem weißbärtigen kleinen Mäuseköpfchen, Sardou, ganz oben, allein auf seiner Bank, mit dem glattrasierten Altfrauengesicht, den etwas zusammengekniffenen Augen, der alte Herzog von Broglie, dem das lange weiße Haar über den Ohren wie die untere Schwingung eines Fragezeichens absteht, Jules Simon, als Sekretär der Akademie im Palmenfrack, gebückt, mit fast geschlossenen Augen hinter dem Kneifer, mit sehr wenig 8 Haar, sehr starker Nase, das Gesicht gewissermaßen von unten nach oben zusammengeschoben, wie man das bei sehr alten Leuten oft findet – und etwa neunzig andere.

Man denke sich einen Siegelring in der Mitte durchschnitten. Es bleiben zwei kleine Bogen und in der Mitte das Siegel. Die beiden kleinen Bogen sind die Akademikerbänke, das Siegel, das sie zusammenhält, ist der grüne Tisch der Direktoren. In der halbmondartigen Fläche, die nun dazwischen bleibt, stehen Stühle für die Gäste der Akademie. Man sitzt bis eng an die Akademikerbänke heran. Man sitzt beinahe den Akademikern auf dem Schoß. Dem blonden Jaurès, dem »Tenor«, dem lyrischen Rhetor der Sozialdemokratie, hat das Schicksal einen Stuhl gerade vor seinem politischen Gegner, dem silberweißen republikanischen Greis Challemel-Lacour beschert. Dicht dabei sitzt Hanotaux, der junge Minister des Auswärtigen, der, ehe er zum Auswärtigen kam, ein etwas trockener Geschichtsforscher war. Und dann Damen, alte und junge, und möglichst nahe an den Akademikerbänken und am Direktorentisch! Drei oder vier lehnen sich gegen den grünen Tisch und sind sehr glücklich.

Auf der dritten Bank im linken Bogen sind zwischen den Akademikern drei Plätze frei geblieben. Vor dem mittelsten der drei steht ein einfaches Lesepult – ganz wie ein Dirigentenpult. Dorthin schieben sich, an den Akademikern vorbei, kurz nach zwei Uhr drei Männer im Frack mit den grünen Palmen auf den Aufschlägen, den Akademikerhut, der wie ein Admirals- und Ministerhut aussieht, in der weißbehandschuhten Rechten. Der 9 eine von den dreien trägt unter dem Arm ein Manuskript. Das ist Bourget. Die andern beiden, zum Glück ohne Manuskript, sind der ewig lächelnde Coppé mit dem glatten Gesicht und den glatten Versen, und der Comte d'Haussonville, ein richtiger blonder Comte mit einem Monokel, der auf dem Sessel des in Schönheit gestorbenen Salonphilosophen Caro, des Urbildes von Paillerons Bellac, sitzt.

Bourget legt das Manuskript auf das Pult und fängt an zu lesen. Er hat kein schönes Organ, es ist hart, ein wenig schnarrend und ohne Wohllaut. Obgleich er mit seinen Freunden am Tage vorher zwei Leseproben in diesem Saale abgehalten hat, scheint er ein wenig befangen und nervös. Die Zeremonie ist ihm ersichtlich peinlich, und er macht nicht gerade das freundlichste Gesicht. Indessen, das Publikum, das rund um ihn herum sitzt – man sieht erst jetzt, wie behaglich sich der ganze Saal um dieses Rednerpult gruppiert – ermutigt ihn durch freundlichen Beifall, und wenn er einmal aufsieht, lächeln ihm alle Damen, in deren Salons er verkehrt, ihren Glückwunsch und ihr Bravo zu. So ergibt sich aus alledem die warme, liebenswürdige Gesellschaftsstimmung.

Ich habe Bourget früher nur einmal gesehen, und das war vor vier Jahren in Palermo. Wir wohnten in demselben Hotel de France, dem er dann bei der Abreise ein etwas zu großes Bild von sich geschenkt hat. Er war mit seiner jungen Frau dort, eben verheiratet, und ich reiste mit seinen gerade erschienenen »Sensations d'Italie« im Koffer und empfand, wie vielleicht auch andere, in den kleinen Städten Oberitaliens 10 nur noch bourgethaft. Dergleichen gewöhnt man sich dann bei späteren Besuchen wieder ab.

Wenn ich an jene Palermotage zurückdachte und mir den Bourget von damals ins Gedächtnis rief, so hatte ich ihn nicht ganz so voll und stark vor Augen, wie er mir jetzt erschien. So überraschte mich beinahe dieser kräftige Kopf auf diesem kräftigen Nacken. Das glatte dunkle Haar war auf der rechten Seite ein wenig auf die massive Stirn herabgestrichen, und der vorderste Haarstreifen hatte sich von der Frisur gelöst und lag, gebogen wie ein Türkensäbel, auf dieser Stirn. Über den dunklen, wohl nur in der Peinlichkeit der Stunde so finster aussehenden Augen schoben sich die starken Brauen ein wenig gegeneinander. Im rechten Auge saß unbeweglich das Monokel. Von Zeit zu Zeit faßte die rechte Hand nervös an dies Augenglas, oder sie strich den kleinen dunklen Schnurrbart. Die Locke auf der Stirn deutete auf den Dichter, das Monokel auf den Weltmann. Der grünbestickte Frack schließlich gab ihm etwas vom Marineoffizier.

Man erlasse mir, bitte, das nähere Eingehen auf Bourgets Rede. Es war eine Rede auf seinen Vorgänger in der Akademie, Maxime du Camp, der unter dem Einfluß von Chateaubriand, von Byron, von Musset, von Goethes Werther als Romantiker begann und als ein braver und tüchtiger Arbeiter endete, indem er die Posteinrichtungen und die Organisation der Wohltätigkeit in Paris in fleißigen Werken schilderte. Bourget widmete diesem braven Literaturbürger einen ausgezeichneten, klaren, würdigen Nachruf, er feierte ihn als den Mann, der am Abend seines Lebens heiter, zufrieden 11 von seiner Arbeit sagte: »mon humble métier de plumitif auquel je dois les meilleurs jours de ma vie et le calme de ma veillesse.« wenn der Redner das Bedürfnis fühlte, seine Worte einen höheren Aufschwung nehmen zu lassen, dann flocht er in die Schilderung dieses bon ouvrier eine Schilderung Flauberts ein, des großen Meisters, der dem schlichten Chronisten der Stadt Paris ein treuer Freund gewesen ist.

Man erlasse es mir auch, den Inhalt, oder den Gedankengang der Rede des Vicomte de Voguë hier nachzuerzählen. Der Vicomte, der wie irgend ein blondbärtiger deutscher Bundesratsbevollmächtigter aussieht, las seine Rede anspruchslos, gefällig, ohne jede Prätension vor, während er hinter dem grünen Tische sitzen blieb. Ich weiß sehr wohl, daß er vieles schuldig geblieben ist, was über Bourget zu sagen war . . . Gutes und Schlechtes. Er hat im Grunde den echten Bourget nicht gezeigt. Er ist vielleicht auch ungerecht gewesen, wenn er, mit etwas zuviel überlegener, direktorialer Ironie andeutete, daß nur ein Wort von Bourgets Werk auf spätere Zeiten sich vererben werde: dieses Titelwort »Cruelle énigme«. Bourgets Werk wird doch erwähnenswert bleiben, weil es an zwei großen Bewegungen teilgenommen hat, die uns nicht sympathisch zu sein brauchen, die doch aber nun einmal da sind: an dem Übergang vom naturalistischen Roman zum psychologischen, und dann an der Einführung des »Neo-Christianismus«. Wie weit Bourget beide Male Führer war, wie weit er nur einer von denen war, die aus der Ferne den Trommelschlag hörten und dann mitliefen, das ist freilich schwer zu sagen. In jedem Fall 12 hat er durch sein Geschick und durch seine Persönlichkeit die Aufmerksamkeit des Publikums so gewonnen, daß es bereit war, ihn für einen Führer zu halten.

Von alledem zu sprechen, hat Voguë mit einer eleganten Handbewegung abgelehnt, er hat eine Reihe kostbar geschliffener Sätze hingestreut, von denen jeder wie eine reizvolle Überraschung und ein prickelndes Vergnügen war. Er hat länger nur bei Bourgets letztem Buche, bei »Outre-Mer« verweilt und hat am Schluß den neuen Akademiker eingeladen, sich vor dem großen allgemeinen Schiffbruch, den »Outre-Mer« für das greise Europa verkündet, in den ruhigen Hafen und die alte Barke der Akademie zu der hohen Arbeit zu retten: »exercer sur le monde la maîtrise des idées et des belles formes.« 13

»Cause célèbre«
(1898)

Draußen veranstaltete ein köstlicher sonniger Herbst etwas wie eine Nachfeier des Sommers. Ich verspürte den Wunsch, in eine Gegend zu entfliehen, wo man nicht von Dreyfuß sprach, und wo der Herbstzauber die cause célèbre vergessen läßt. Ich nahm den ersten Zug, der nach Montmorency abging, und fuhr hinaus. In Montmorency, wo in der »Eremitage« der Madame d'Epinay einst Jean Jacques Rousseau wohnte, leben jetzt zur Sommerszeit viele Deutsche – meist Kommissionäre, die in Paris im Viertel des Nordbahnhofes wohnen und deswegen Montmorency sozusagen »vor der Tür« haben. Jetzt waren all die etwas feucht aussehenden Villen geschlossen, und man traf keinen jener lieben grauen Esel, auf denen im Sommer die jungen Mädchen in den nahen Wald traben.

Beinahe noch öder sah es in Enghien-les-Bains aus, das man von Montmorency in einer knappen halben Stunde erreicht. An dem schnurgerade abgesteckten, von Villen umgebenen See saßen nur drei Engländerinnen in ziemlich vorgeschrittenem Alter – die eine malte, die beiden 14 anderen lasen. Seltsam, wie dieser Ort, der vielen Pariser Familien im Sommer als Badeort dient, so ganz den englischen Charakter hat, und wie die Landschaft mit dem schnurgeraden, unter leichten Herbstnebeln schlummernden See zu den drei einsamen Engländerinnen paßte! Das Kasino, wo während der Saison das »Pferdchenspiel« floriert, war geschlossen. Und die letzten Blumen in den Kübeln auf der Terrasse sahen so melancholisch aus wie ein alter verwelkter Brautkranz.

Ich fuhr mit der elektrischen Bahn nach Montmorency zurück, um dann von Montmorency nach Saint-Leu zu gehen, das acht oder neun Kilometer weiter nordwestlich liegt. Man kommt durch die Orte Margency, Mangarny und Montlignon, hat die Waldhügel von Montmorency immer zur Rechten und erblickt zur Linken, weit hinten, als dunklen Abschluß einer großen Ebene, die bewaldeten Höhenzüge von Saint-Germain.

Und hier war er wirklich, der Herbstzauber. Die Landschaft hat hier nicht das allzu Gepflegte, Elegante, fast Parfümierte, das sie im Westen von Paris, bei Saint-Cloud, bei Ville d'Avray und bei Saint-Germain hat. Man ist mehr »auf dem Lande«. Aber auf welch einem Lande! Es gibt in der ganzen, so reichen Umgebung der großen Stadt wenige Plätze, die von einer so breiten, würzigen, kräftigen Schönheit wären wie dieses Tal zwischen den beiden Waldhöhen. Rousseau hätte in Saint-Germain nicht hausen können. Hier durchlebte er, was er später in den »Confessions« niedergeschrieben.

Man möchte das goldene Braun der Wälder auf den Höhen mit dem dunkelen Goldton Rembrandts oder 15 anderer Niederländer vergleichen, würde man nicht fürchten, durch diesen Vergleich den Eindruck von etwas Künstlichem zu erwecken und den vollen, warmen, natürlichen Reiz zu schmälern. Hier und da ragt der weiße Turm eines Landhauses aus dieser Waldpracht empor. Und wie ein zarter Schleier liegt der Herbstdunst über den Hügeln.

Die Landstraße unten im Tale führt abwechselnd zwischen großen, von grauen Steinmauern umhüteten Schloßgärten und zwischen Wiesen und Feldern dahin. Auf den Feldern liegen in langen Reihen die schweren, blauroten Kohlköpfe; auf den Wiesen schmiegen sich lange grüne und gelbe Gräser aneinander, weich wie im Winde wogendes Seidenhaar. Durch hohe Gitterportale sieht man in die Schloßgärten mit ihrer herbstlichen Einsamkeit. Eine breite, mit roten Blättern bestreute Buchenallee führt zum Schlosse, und unter den Bäumen steht ein marmorner Amor, der vergeblich nach einem Opfer für seine Pfeile sucht.

Saint-Leu ist eine kleine, stille Landstadt, wo die Menschen fleißig zur Kirche gehen, weil Vergnügungslokale nicht existieren. Die Priester wissen, weshalb sie Gegner der großen Städte, der »Wasserköpfe«, sind! Als ich nach Saint-Leu kam, fand gerade eine Beerdigung statt, die Beerdigung einer reichen alten Dame, und die meisten Frauen und Jungfrauen hatten die Gelegenheit benutzt, um sich schwarz zu kleiden, was ihnen in dem ewigen Einerlei ihrer Tage offenbar schon eine angenehme Abwechselung schien. Vor dem Café in der Nähe des Bahnhofes besprach der Wirt mit mehreren Gästen den Trauerfall und die Hinterlassenschaft. 16 Gegenüber, vor einem Kramladen, über dessen Tür zu lesen war: »Hier werden Fahrräder verliehen und repariert«, ließen ein magerer Jüngling und ein dickes Mädchen den Gummireifen ihrer Fahrräder neue Luft einpumpen. Das dicke Mädchen trug schwarze Hosen, die sich wie zwei große Ballons über den Knien wölbten. Und ein kleiner Bengel stand dabei, ein Eingeborener von Saint-Leu, und pfiff selbstzufrieden das alte Volkslied vom König Dagobert, der seine Hosen verkehrt angezogen hat:

»Le bon roi Dagobert

A mis sa culotte à l'envers.«

* * *

Wie ich so durch die Straßen dieses wenig aufregenden Städtchens schlenderte, entdeckte ich plötzlich hinter einem Gartengitter zwischen alten Bäumen ein verwittertes Denkmal. Es war ein ziemlich geschmackloser hoher Obelisk, zu dessen Füßen zwei steinerne Genien saßen. Ich fragte einen Mann, der vorüberging, was das für ein Platz und für ein Denkmal wäre. »Ach,« sagte er, »das ist das Schloß der Condé.« Er sagte es wie jemand, der versichert: »es ist nichts von Bedeutung«, und ging weiter.

Die Worte »das Schloß der Condé« enthielten eine leichte Übertreibung. Von dem Schlosse war nichts mehr zu sehen – es ist verschwunden und dort, wo es gestanden, sind jetzt Wohnhäuser, Stallungen und Schuppen aufgerichtet. Von der ganzen Herrlichkeit ist nur das Stückchen Park noch übrig, wo jetzt der Obelisk mit den beiden Genien steht.

17 Aber indem ich den Obelisk noch betrachtete, erinnerte ich mich . . . Richtig, hier war es, wo der letzte Prinz von Condé ermordet worden – hier in seinem alten Schlosse zu Saint-Leu! Welch eine »Cause célèbre« war das für das Publikum von 1830 gewesen!

Am Morgen des 27. August 1830 fand man den vierundsiebzigjährigen Herzog von Bourbon, Prinzen von Condé, in seinem Schlafzimmer am Fensterriegel hängend. Die Trösterin seiner alten Tage, die abenteuerliche, intrigante, lasterhafte und ehrgeizige Baronin von Feuchères – sie hieß mit ihrem Mädchennamen Sophie Dawes und stammte aus England – befreite mit Hilfe ihres Beichtvaters und einiger Diener den toten Greis von dem Strick, an dem er hing. Drei aus Paris gesandte Mediziner, Marr, Pasquier und Marjolin, gaben ihr Gutachten ab und schlossen auf Selbstmord.

Aber der vierundsiebzigjährige Fürst hatte nie daran gedacht, freiwillig, mit Hilfe einer Schnur und eines Fensterriegels, aus dem Leben zu scheiden. Er hatte dagegen in der letzten Zeit seines Lebens oftmals gefürchtet, man möchte ihn gegen seinen Wunsch und Willen ins Jenseits spedieren, und er hatte alle Vorkehrungen getroffen, um am Morgen des 28. August nach seinem Schlosse Chantilly zu fliehen, und von dort nach England. Wen er fürchtete? Seine Freundin Feuchères. Warum er sie fürchtete? Er hatte vor einem Jahre nach langem Kampf, nach langem Widerstreben, endlich besiegt durch die Feuchères, sein kolossales Vermögen – das Vermögen der Condé – dem jungen Herzog von Aumale, dem Sohne des Louis Philippe und der Marie Amélie, vermacht und zugleich 18 Saint-Leu, Boissy, die Wälder von Montmorency und Morfontaine als Erbteil der Feuchères bestimmt. Diese kluge Dame hatte sich gesagt, daß sie ihr eigenes Erbteil gegen die rechtmäßigen Erben nur würde verteidigen können, wenn sie mächtige Bundesgenossen hätte. So hatte sie das Vermögen der Condé dem Hause Orleans zugeführt – der geizige Louis Philippe und die gute Marie Amélie (nichts interessanter als ihr Briefwechsel mit der Feuchères!) wurden ihre Komplicen. Aber der Sturz des legitimen Königtums und die Rücksichtslosigkeit, mit welcher Louis Philippe seinen Vetter Charles X. behandelte, empörten den alten Fürsten von Bourbon, und er wollte nach England zu den Verbannten und dort sein Testament umwerfen. Da, am Morgen, wo er heimlich Saint-Leu verlassen wollte, fand man ihn tot am Fensterriegel . . .

Es kam zu einer Untersuchung, aber die Untersuchung wurde niedergeschlagen. Es kam trotzdem, auf Betreiben der Prinzen von Rohan, zu einem Prozeß, aber die Kläger wurden abgewiesen. Die Familie Orleans behielt das Vermögen des ermordeten Condé – Schloß Chantilly, das der Herzog von Aumale der Akademie hinterlassen, ist ein Teil davon – und Madame de Feuchères starb hochbetagt in jenem England, wo heute Esterhazy weilt.

Seltsam, es gab auch damals die drei Experten, auf deren Gutachten hin Madame de Feuchères freigesprochen wurde, wie heute Esterhazy auf das Gutachten der drei Experten Conrad, Belhomme und Varinard. Es gab auch damals den unerschrockenen Untersuchungsrichter, welcher »volles Licht machen« wollte: der Bertulus von 19 heute hieß damals de la Huproye. Und es gab den Generalprokurator Persil, welcher dem braven Huproye die Untersuchung abnahm, ganz, wie der Generalprokurator Bertrand sie Bertulus abgenommen. »Es gibt nichts Neues unter der Sonne«, hat der Philosoph gesagt. Und der weise Marc Aurel hat sich gewundert, daß uns die Ereignisse, die an uns vorüberziehen, immer wieder erstaunen: »Wenn man dir im Theater eine gleichmäßige Wiederholung derselben Vorgänge zeigt, langweilst du dich. Du müßtest das Gleiche während deines ganzen Lebens tun, denn in dieser Welt siehst du oben und unten stets nur die gleichen Wirkungen und immer dasselbe Spiel der ewig gleichen Ursachen. Ach, und das wird niemals enden!«

Gewiß, ich will die »cause célèbre« von heute nicht mit der »cause célèbre« von 1830 vergleichen. Die »cause célèbre« von damals war im Grunde nur ein interessanter Kriminalfall – heute steht ein ganzes Volk, von einer tragischen Schuld belastet, auf der Bühne. Aber vieles, was uns neu scheint, ist nur Wiederholung – Wiederholung aus der Affäre von 1830 oder aus anderen Affären. Und ich glaube auch, daß diejenigen, die fortwährend über »décadence« schreien, ein wenig den Theaterfreunden gleichen, die uns unablässig von einer früheren Blüte der Kunst erzählen, und denen vielleicht nur deswegen die Gegenwart so heruntergekommen scheint, weil sie die Vergangenheit nicht gesehen haben.

* * *

20 Natürlich – ich hatte Paris verlassen, um der »cause célèbre« zu entfliehen, und hier in Saint-Leu fand ich sie wieder. Wirf die Katze, wie du willst, sie fällt immer wieder auf die Füße. Drei kleine Mädchen standen hinter mir, streckten verlegen die Finger in die Nasen und wunderten sich, daß ich so lange den alten Obelisken betrachtete, an dem eigentlich gar nichts zu sehen war.

Und diese drei kleinen Mädchen waren nicht die einzigen in Saint-Leu, die von der alten Mordgeschichte, die vor siebzig Jahren so viel Staub aufgewirbelt hatte, nichts oder nur wenig zu wissen schienen. Schon der Mann, der mir die erste Auskunft über die Bestimmung des Obelisken gegeben, schien mit dieser Affäre nur höchst oberflächlich vertraut. Andere waren nicht besser unterrichtet. Sie wußten allenfalls so ungefähr, daß man den letzten Condé hier ermordet hatte – denn daß die Selbstmordshypothese der drei medizinischen Experten ein gefälliges Märchen war, haben spätere Enthüllungen sonnenklar ergeben.

Die herbstlich roten Blätter fallen von den Buchen auf den Obelisken und die zwei sitzenden Genien. Wie schnell ist das, was gestern eine »cause célèbre« war, vergessen! Aber das ist vielleicht sehr gut, sehr beruhigend und sehr erfreulich, und im höchsten Grade unerfreulich ist nur, daß mit der »cause célèbre« auch die Lehren, die sich aus ihr ergeben, so schnell vergessen werden.

Ich ging zum Bahnhof und kam wieder bei dem Café und bei dem Kramladen vorbei, wo Räder »verliehen und repariert werden«. Der magere Jüngling 21 und das dicke Mädchen waren mit frischer Luft davongeradelt. Aber vor dem Café standen noch der Wirt und seine Gäste. Diese Gäste waren aus Paris gekommen und erzählten jetzt von den letzten Vorgängen, den letzten Zwischenfällen der »Affäre«. Ich trat heran und mischte mich bescheiden in das Gespräch. Man sprach von Esterhazy und vom berühmten »Bordereau«. Die Pariser waren halb und halb überzeugt, daß Esterhazy der Verfasser des »Bordereau« wäre. Aber der Wirt schüttelte den Kopf und sagte mit der Bestimmtheit eines Mannes, der den Respekt vor den Wissenschaften zu einem Dogma erhebt: »Meine Herren! Sie vergessen das Urteil der drei Experten!« 22

Die Erinnyen
(Juni 1899)

Seit fünf Jahren habe ich kaum eine der großen Sitzungen, der großen Theatervorstellungen im Palais Bourbon versäumt. Welch eine Reihe schöner Premieren seit fünf Jahren! Die letzten Panama-Ringkämpfe fielen noch in diese Zeit, und der zyklopische, rundschultrige Rouvier verteidigte sich wie ein Eber gegen die Meute. Dann kamen die Südbahnkomödien, dann die olympischen Kampfspiele, welche Kammer und Senat um das Ministerium Bourgeois aufführten. Und dann die einzelnen Akte des größten Spektakelstückes, der Dreyfus-Affäre mit ihren wechselnden Helden: dem fuchsartigen Méline, der ein etwas verkleinerter Guizot ist, dem verbohrten Cavaignac der die Robespierre-Rollen spielt, dem alten Brisson, dessen treue, ehrliche Röcke so unmodern scheinen wie seine feierliche republikanische Rhetorik und der so seltsam an Verrina erinnert. Von meinem Platz auf der engen und dunstigen Tribüne habe ich die sozialistischen Fäuste die nationalistischen Köpfe verprügeln gesehen, und die nationalistischen Fäuste die sozialistischen Köpfe. Ich habe alle Arten von 23 Schimpfworten, alle Nuancen des Tumultes, die ganze Tonleiter menschlicher und tierischer Laute kennen gelernt. Ein Irrenhaus, eine Menagerie oder die Hölle selbst, wie der gute Fra Angelico sie gemalt, sind nur stille Nervenheilstätten, verglichen mit diesem Palais der Parlamentarier. Aber was auch immer in diesen fünf Jahren sich ereignet hat, und so weit ich zurückdenke – ich erinnere mich an nichts, was dieser gestrigen Sitzung vergleichbar wäre, die unter dem Geschrei »Mörder! Mörder!« so vielversprechend begann.

Längs der halbkreisartig gebogenen Wand (der Saal hat die Form eines Halbkreises, an dessen geradliniger Seite sich der Sitz des Präsidenten und die etwas niedrigere Rednertribüne erheben) in allen Logen ein Geflimmer bunter, lichter Sommertoiletten. Diese Logen sind so überfüllt, daß man glaubt, die Wände müßten auseinandergesprengt werden. Die Damen halten einander auf dem Schoß, die Herren balanzieren dahinter auf den Fußspitzen, und ich sehe Coquelin, der mit gespreizten Beinen auf dem Rande einer Bank steht, und zwischen dessen Füßen eine Gott sei Dank nicht umfangreiche Dame sitzt. Und längs der ganzen Bogenlinie ein fortwährendes Auf- und Niederflattern zahlloser Fächer, wie rund um die spanische Arena am Tage des Stiergefechts.

Unten auf den amphitheaterförmig aufsteigenden Bänken, Schulter an Schulter, die Vertreter der Nation. Dort der runde Kopf Dupuys mit einem halb verlegenen, halb bösen Lächeln, dort der kahle, dürftige Schädel Cavaignacs, dort das Fuchsgesicht Mélines. Auf den ersten beiden Bänken der Mitte, dem 24 Präsidenten und der Rednertribüne zugewandt, die neuen Minister. Waldeck-Rousseau im kurzen blauen Jackett auf der vorderen Bank. Neben ihm der erste Sozialistenminister Millerand. Auf der zweiten Bank, hinter ihnen, der General de Gallifet, sehr mager, sehr elegant, in schwarzem Rock und hellen Hosen. An seiner Seite ein anderer, sehr eleganter, noch junger Mann, fast kahl, aber mit einem hübschen blonden Schnurrbart: der neue Finanzminister Caillaux, Sohn einer Ministerfamilie. Und ringsherum ein Geschwirr und ein Gesumme wie das verhaltene Dräuen eines Meeres, das gleich zum tollwütigen, besessenen Toben werden wird.

Der Präsident Deschanel – noch ein Elegant – ergreift die Glocke (er hat schon zwei in diesem Jahre ruiniert) und sagt: »Die Sitzung ist eröffnet.« Kaum ist das Wort heraus, als auf der linken Seite des Saales, auf den höchsten Stufen des Amphitheaters – dem »Berge« – etwa zwanzig Männer emporspringen, drohend die Arme in die Luft werfen und dieses wilde Geschrei beginnen: »Mörder! Mörder!« Es sind zuerst nur zwanzig, aber ihre Tobsucht wirkt ansteckend und gewinnt wie ein Feuer, das sich schnell, vom Winde begünstigt, weiterfrißt, die benachbarten Bänke, wo die Déroulède und Drumont sitzen, und dann immer andere Bänke. »Mörder! Mörder!« Man denkt, es müsse alles zusammenbrechen. Und die Erinnyen selber scheinen auferstanden!

Mein Gott, und welche Erinnyen! Da ist Coutant, ein ehemaliger Mechaniker, ein Mann mit wirr durcheinanderhängenden Pudellocken und revolutionärer, 25 langflatternder Krawatte; er hat vor einem Jahre die Gattin eines Arbeitskollegen entführt, die sich in das revolutionäre Genie verliebt hatte, und hat dann eine ziemlich komische Rolle im Ehescheidungsprozesse gespielt. Er schreit für zehn, und von seinem tiefroten Gesichte trieft der Schweiß. Dann Vaillant, ein ehemaliger Chirurg, Politiker schon in den Kommunetagen, ein kleiner, fetter Mann mit weißem Schädel und einer großen Brille auf der dicken, roten Nase. Dann Legitimus, ein Neger von Guadeloupe, der eine Art Niggertanz aufzuführen scheint, Dejeante, ein Hutmacher, und eine Anzahl ganz junger Leute, die den mageren Gallifet noch heftiger hassen, da sie nur von Hörensagen wissen, was er eigentlich getan hat.

Während der ganzen Sitzung währt das Geschrei – und je später es wird, und je mehr die Hitze im Saale zunimmt, desto tobender, wahnsinniger wird es. Der Deputierte Mirman steht auf der Rednertribüne, ein Bursche mit einem langen, rotblonden, spitzgeschnittenen Vollbart und frisierter, geölter Mähne, ein widrig hohler Phrasenschwätzer, der den entrüsteten Biedermann spielt – ein Individuum, das Taine unter »die grünen Früchte der Advokatur« gezählt hätte, die in den Revolutionsjahren das Gros der Revolutionsarmee bildeten. Er nennt die Minister »Schurken und Mörder«. »Das Land braucht Sie nicht!« ruft er ihnen pathetisch zu. »Schurken und Mörder!« brüllt und heult die Kammer, und zweihundert Arme strecken sich drohend gegen die Minister aus, und oben über dem Saale flattern die bunten Fächer auf und nieder, wie geängstigte Schwalben in einem Orkan.

26 Waldeck-Rousseau sitzt regungslos auf seinem Platz. Er weiß sich meisterhaft zu beherrschen – er gleicht mehr einem kühlen Engländer als einem Franzosen – aber seine eiserne Ruhe ist gespielt. Er hält die Fäuste in den Taschen des blauen Jaketts vergraben, seine Kinnbacken arbeiten nervös. Millerand liest scheinbar eifrig in einem Buch. Es ist verabredet, daß weder er noch Gallifet sich rühren dürfen, um die Meute nicht noch mehr zu reizen. Während die Kammer um ihn herum kreischt und tobt, liest er. Gallifet blickt fest in den Tumult; dann und wann beugt er sich mit einem Lächeln zu seinem Nachbarn Caillaux, um die Namen der Hauptschreier zu erfahren. Und seine Ruhe reizt die Wütenden noch mehr und sie verdoppeln ihr betäubendes Geschrei: »Mörder! Mörder!«

* * *

Wie sich über dem Bett der Märchenkinder zwei Feen streiten, wie über dem Haupte der Hunnenkämpfer in der Luft noch die Geister miteinander stritten, so streiten sich über dem Haupte Gallifets unsichtbar zwei Legenden – eine gute und eine böse. Es gibt zwei Gallifets: den »glänzenden Marquis« und den »Bluthund und Mörder«. Zwei Gallifets der Legende!

Welches der Memoirenwerke aus dem Kaiserreich man auch aufschlägt, man begegnet fast überall dem ersten Gallifet, dem glänzenden Marquis. Er ist der geistreich-spöttische, abenteuerlustige, todverachtende Held, der überall, auf der Krim, in Algier, in Italien, in Mexiko, Kriegestrophäen und Frauenherzen erobert. Er 27 führt die Reiterregimenter in der Schlacht mit derselben lustigen Eleganz, wie er am Kaiserhofe die Quadrillen führt. Man sagt, daß ihm in Mexiko eine Granate einen Teil des Unterleibes fortgerissen, und daß er das fehlende Stück durch eine silberne Platte habe ersetzen lassen. Er selber sagt lachend, als das Silber im Werte fällt: »Meine Platte ist um fünfzig Prozent entwertet, was werden meine Gläubiger sagen!« Er überwindet im Duell berühmte Schläger und Schützen und im Zweikampf der Liebe berühmte Schönheiten des Hofes und der Stadt. Und wie es den glücklichen Helden der Legende so geht, man schreibt ihm alle witzigen Worte zu, die im Umlauf sind, und alle kühnen Taten, deren Vollbringer man nicht kennt. Daß er mutig bis zur Tollkühnheit ist, hat er bei dem berühmten Reiterangriff von Sedan gezeigt. Daß er die hinreißende Kraft seiner eigenen Tollkühnheit kennt, beweist sein Wort: »Der Soldat wird mir überallhin folgen, wo er mich auf meinem Pferde sehen wird.«

Dann der Gallifet der anderen Legende – der »Mörder«! Die böse der beiden Legenden erzählt, daß der General in den Tagen des Kommuneaufstandes auf der Straße von Versailles einen Zug gefangener Kommunards getroffen habe. Er habe den Zug halten lassen, habe die Ältesten ausgewählt – dreißig sagen die einen, achtzig die anderen, hundert und elf noch andere –, habe ihnen gesagt: »Ihr seid doppelt schuldig, denn ihr habt schon die Revolution von 1848 gesehen und wißt, was das bedeutet!« und habe sie erschießen lassen. Er soll jedem der Opfer gesagt haben: »Ich heiße Gallifet!« und soll eine Zigarette dabei 28 geraucht haben. Andere Erzähler berichten sogar, daß er sein Pferd an dem Zuge habe entlang schreiten lassen und diejenigen gewählt habe, denen das Tier den Kopf zugewandt.

Ich weiß nicht, was an diesen beiden Legenden wahr ist – der General de Gallifet hat nie etwas von alledem, was über ihn gesagt worden, abgeleugnet. Ich weiß nur, daß man in Frankreich Legenden gegenüber nicht skeptisch genug sein kann. Es ist manchmal ein wenig Wahrheit daran (und in diesem Falle gewiß), aber um das Körnlein Wahrheit ist gewöhnlich ein ganzes Gebäude aus luftigen Gerüchten und Sagen erbaut worden.

Der Marquis de Gallifet sitzt jetzt auf seinem Ministerplatz in diesem Saale, der ihm fremd ist, in diesem Geheul, das ihn an das Geheul algerischer Reiterscharen erinnern mag. Der Empfang, den man ihm bereitet, scheint ihn etwas zu überraschen. Aber er ist in jedem Falle mehr überrascht, als erschreckt. Er blickt auf die schreienden, keifenden, wild gestikulierenden Gruppen zuerst wie einer, der nicht recht versteht, um was es sich eigentlich handelt. Als er versteht, wendet er den Blick nicht ab. Er hat einen sehr merkwürdigen Kopf, und alle Photographien, die ich von ihm gesehen habe, lügen. Man denke sich einen Totenkopf mit einer scharf gebogenen Habichtsnase und einem hier und da noch von schwarzen Schatten durchzogenen weißen Schnurrbart. Die hervorstehenden Backenknochen und vor allem die tief in den Höhlen liegenden dunkelen Augen geben dem Kopf seinen seltsamen Charakter. Das Weiß des Schnurrbartes kontrastiert mit dem 29 tiefen Schwarz der Augen und der Lederfarbe des Gesichtes. Man versteht, daß die Legenden diesem Manne seltsame Taten andichten konnten – sehr ritterliche und höchst grausame.

Während man ihm von allen Seiten »Mörder!« zuschreit, zuckt er nicht mit den Wimpern. Seine ehemaligen Freunde, die Monarchisten, blicken ihn ironisch lächelnd an: »Das haben Sie nun davon!« Auch das rührt ihn nicht. Er bewegt sich in diesem Hexensabbat so frei und unbefangen, wie er sich auf den Schlachtfeldern bewegt haben mag. Entschieden ist etwas sehr Mutiges und Loyales in seiner Art. Aber ich bin nicht ganz sicher, daß er sich nicht leise sagt. »Teufel – ich habe damals nicht die Richtigen füsilieren lassen!«

* * *

Die bunten Fächer längs der Bogenwand bewegen sich immer erregter, immer angstvoller, denn der Orkan, über dem sie auf und nieder flattern, wird immer wilder. Alles scheint über diesen unseligen Ministern zusammenzubrechen, die unten in der Niederung sitzen, wie begraben unter der von allen Seiten heranbrausenden Sturmflut. Bis dann plötzlich ein Wunder geschieht. Der alte Brisson treibt, ein neuer Moses, mit einer beschwörenden Armbewegung die Brandung zurück. Es wird ruhig, die Sonne blickt durch die matten Scheiben des Glasdaches, die Minister lächeln befreit, die Fächer bewegen sich langsamer.

Die braven Leute aber, die hier fünf Stunden lang sich die Kehlen heiser geschrien, gehen befriedigt 30 nach Hause. Sie haben »bis in das Delphische Heiligtum« den »Mörder« verfolgt, nun nehmen sie ihren Hut und ihre fünfundzwanzig Frank Tagesdiäten. Wie sehr haben die Pariser recht, wenn sie ihre Stadt mit Athen vergleichen! Man glaubt, am Abend nach dieser heißen Sitzung vor dem alten Theater in Athen zu stehen! Der Himmel ist tiefblau, mit einem leichten Gespinst von schimmerndem Dunst überzogen; die hohe Säulenhalle des Palais Bourbon weckt die Erinnerung an Griechenland, und aus der geöffneten Tür des Theaters – oder des Parlamentes – kommen die Darsteller der Erinnyen, die den Kothurn abgeschnallt haben und nun harmlos und friedlich heimwärts gehen, um dem Bacchus oder selbst dem Eros zu opfern. 31

Der Concierge meines Freundes
(1899)

Einer meiner Freunde hat einen Concierge, mit dem ich – während mein gewöhnlich unpünktlicher Freund auf sich warten läßt – gern über die aktuellen und die immerwährenden Fragen der Politik, der Philosophie und der Nationalökonomie plaudere. Er heißt »Monsieur Jules«, und seine Frau heißt »Madame Jules« – obgleich Jules nicht der Nachname, sondern der Vorname des Ehemannes ist. Neben diesem Elternpaare ist die Tochter zu erwähnen: Mademoiselle Henriette, die eine lockere, »ondulierte« Haarfrisur trägt, ganz wie ein Fräulein erzogen worden und gegenwärtig mit dem Sohn des Viktualienhändlers in der ersten Seitenstraße links verlobt ist.

Daß ich so gern mit Monsieur Jules über Menschen und Dinge rede, kommt nicht nur daher, daß Monsieur Jules ein sehr kenntnisreicher Mann ist, der täglich drei Zeitungen liest: Paul de Cassagnacs bonapartistische »Autorité«, Rocheforts »Intransigeant« und das »Petit Journal«, und der allmonatlich am Bankett seiner Arondissementsgenossenschaft teilnimmt. Ich schätze die persönliche Meinung des Monsieur Jules, aber sie scheint mir noch um vieles wertvoller dadurch, daß sie als Ausdruck der Geistesanschauung eines ganzen Standes, einer 32 ganzen Klasse gelten kann – und zwar einer sehr wichtigen Klasse: des französischen Kleinbürgertums. Der Pariser Concierge ist durchaus nicht mit dem Berliner Portier zu verwechseln – er hat mehr Machtvollkommenheiten, mehr Pflichten und Rechte als dieser, und darum naturgemäß eine höhere Auffassung seiner eigenen Persönlichkeit. Der Pariser Mieter hat keinen Hausschlüssel, und er erhält seine Briefe nicht direkt vom Postboten. Der Concierge öffnet die Tür und nimmt die Briefschaften entgegen. Er weiß, wer zu seinen Mietern kommt, und er weiß gewöhnlich auch, wer ihnen schreibt. Das gibt ihm eine große Gewalt über das Haus und macht ihn zum nützlichen Helfer und Ratgeber des Staates und der Polizei, welche die wahre Repräsentation des Staates ist. So erwacht in ihm, neben der Behäbigkeit des Mittelstandes, das gewichtige Selbstbewußtsein der Bureaukratie. Er ist nicht nur ein Mitglied des Kleinbürgertums, er ist eine seiner edelsten Blüten.

Und darum plaudere ich so gern mit Monsieur Jules, besonders in Zeiten, wie den gegenwärtigen, wo es gut und nützlich ist, zu wissen, was und wie die wirklich autorisierten Vertreter des Volkes denken. Vielleicht hätte ich in meinem eigenen Hause die gleichen Gespräche führen, dieselben Erfahrungen einsammeln können. Das Sprichwort sagt: »Jeder kehre vor seiner Tür« – aber es sagt nicht: »Jeder bleibe bei denen, die vor seiner Tür kehren.« Und dann, es ist der Anfang aller Lebensweisheit: man soll in seinem eigenen Hause keine Liebschaften anbandeln, und man soll in seinem eigenen Hause nicht Psychologie treiben.

* * *

33 Monsieur Jules stand im Hausflur an der Tür seiner Conciergewohnung. Durch die offene Tür sah man in das Innere dieses freundlichen Heims, wo an den Wänden Öldrucke und Photographien hingen – darunter eine Photographie aus den Kriegsjahren, welche Monsieur Jules in Kürassieruniform zeigte, mit großen Stiefeln, und eine andere, auf welcher der Sohn des Viktualienhändlers seinen Arm um die schlanke Taille von Mademoiselle Henriette legte. Madame Jules räumte eben die Teller und Gläser vom Tisch. In einer Schüssel lagen noch die abgenagten Knochen eines Huhnes, und in einer Flasche leuchtete der goldblonde Zider. Diese Conciergefamilien sind, wie alle rechten Pariser, Esser von Überzeugung. Neben die berühmte Devise eines alten Adelsgeschlechtes: »Ich dien'!« stellen sie die ihrige: »Ich diniere.« Ein wenig im Hintergrunde, in einem roten Plüschlehnstuhl, saß Mademoiselle Henriette und las – taub gegen alles Geräusch der ideallosen Wirklichkeit – die Gedichte von François Coppée.

Monsieur Jules hatte die Stirn sorgenvoll zusammengezogen, wie er immer tat, wenn er über Politik sprach. Die im Wind und Regen etwas grünlich gewordene schwarze Mütze hatte er aus der geröteten, gefalteten Stirn ein wenig zurückgeschoben. Die beiden Hände hielt er auf der breiten, stämmigen Brust, hinter der blauen Leinenschürze. Und er sagte:

»Ich weiß, was ich weiß. Alle unsere Minister sind verkauft. Unsere Politiker sind unser Unglück. Das alles sind, wie wir zu sagen pflegen, Banditen. Das stinkt von oben bis unten. Aber mich überrascht nichts 34 mehr – ich kenne diese Republikaner. Ich habe sie gesehen . . . Sie werden es nicht glauben, aber es ist nicht eine einzige unter diesen republikanischen Familien, in der es nicht, wie wir zu sagen pflegen, einen Kadaver gebe. Wie in der Familie von M'sieu Felisque«. Mit »M'sieu Felisque« meinte er Felix Faure.

»Ja, wenn wir eine Regierung hätten! Aber das sind, wie wir zu sagen pflegen, nur leere Schläuche. Jeder denkt nur an sich. Ich weiß, was ich weiß. Wir hatten hier einen Staatsrat im Hause wohnen (seine Frau war die Geliebte des Ministers R.), der seine drei Söhne in die Verwaltung gebracht hat. Sie haben die besten Stellen bekommen – und der jüngste war nicht einmal sein Sohn. Wir müssen das dann mit unserem Gelde bezahlen. Und unsere Verwaltung! Ich weiß nicht, ob Sie neulich gelesen haben, daß man die Briefe eines Deputierten aufgemacht hat, der nicht für das Ministerium stimmte. Das ist, wie wir zu sagen pflegen, eine Schweinerei. Und das kommt alle Tage vor!«

In diesem Augenblick brachte der Postbote die Briefe für die Mieter. Monsieur Jules musterte sie mit einem schnellen Blick und warf sie hinter sich auf den abgeräumten Tisch, wo sie zwischen der Schüssel mit Hühnerknochen und der Ziderflasche liegen blieben.

»So wären Sie also für die Monarchie?« fragte ich. Er zuckte die Achseln und entgegnete:

»Tatsache ist, daß man unter dem Kaiserreich mehr Geld verdient hat. Die Kaiserin hat nicht gespart. Sie hat mehr für die Armen getan als die ganze Republik. Ich kann das sagen, ich habe sie noch gekannt. Ich 35 habe damals beim Herzog von Massa gedient. Sie war immer freundlich, und Paris hatte etwas von ihr. Paris ohne Hof ist, wenn ich so sagen darf, wie mardi-gras ohne einen Fastnachtsochsen. Das war ein anderes Leben als heute! Denken Sie, daß der Herzog von Grammont-Caderousse damals in einer einzigen Nacht im Café Anglais für achttausend Franks Spiegelscheiben zerschlagen hat!«

Er schwieg, befangen in seinen Erinnerungen. Im Hintergrunde der Wohnstube ließ Mademoiselle Henriette gerührt und träumerisch die Gedichte François Coppées in den Schoß gleiten. Sie verstand diesen Dichter, der nur für sie geschrieben zu haben schien. Und sie dachte an den Sohn des Viktualienhändlers, an die nahe Hochzeit. Ihre Augen, welche jetzt auf die Photographie des Bräutigams gerichtet waren, waren von weichen, kleidsamen Schatten umrahmt. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.

* * *

An einem anderen Tage, als ich Monsieur Jules wieder sprach, wollte ich die Gelegenheit benutzen, um meine Kenntnisse über die auswärtige Politik zu bereichern. Er hatte eben versichert, daß die Engländer die schlimmsten Feinde Frankreichs wären, und ich fragte ihn, wie er sich nun entscheiden würde, wenn er zwischen England und Deutschland zu wählen hätte. Aber er lehnte alle bindenden Erklärungen ab mit den Worten: »Wir haben eben lauter Minister des Auswärtigen, die nichts verstehen.«

Natürlich sprachen wir auch über die »Affäre«. Er 36 war von Anfang an gegen die Revision gewesen. »Das alles ist nur gemacht, um die Ausstellung zu verhindern,« versicherte er oft. Seine innere Überzeugung ist noch heute, daß der Kassationshof gekauft ist, daß Zola sein Geld in den Goldminen verloren und es in der »Affäre« wiedergewonnen hat, und daß Brisson von den Freimaurerlogen den Auftrag erhalten, die Armee zu zerstören.

»Aber wenn es sich nun wirklich ergibt, daß Dreyfus unschuldig ist,« fragte ich ihn schüchtern – »würden Sie ihn dann auf der Teufelsinsel lassen wollen?«

»Ich weiß, was ich weiß,« entgegnet er – »sie sind alle gekauft, es ist, wie wir zu sagen pflegen, alles Gesindel.«

»Sehr richtig, Monsieur Jules – aber haben Sie nicht gelesen, daß Esterhazy jetzt selber sagt, er habe mit einem fremden Militärattaché verkehrt? Und als andere das behaupteten, hat das Kriegsgericht ihn freigesprochen. Und Picquart sitzt im Gefängnis, weil er das nachzuweisen versucht hat, was Esterhazy heute selber erzählt. Wie reimen Sie das zusammen?«

»Hm – darauf kann ich mich nicht einlassen. Der eine sagt dies und der andere sagt das. Ich bin überhaupt gegen die ganze Preßfreiheit. Alle unsere Zeitungen taugen nichts. Der einzige, auf den ich noch allenfalls etwas gebe, ist Paul.« Dieser »Paul«, auf den Monsieur Jules noch etwas gibt – und auf den alle Concierges in den besseren Stadtvierteln schwören – ist der bonapartistische Draufgänger Paul de Cassagnac. »Paul sagt ihnen wenigstens bisweilen die Wahrheit. Ich kenne ihn sehr gut, er hat mir oft die Hand 37 geschüttelt. Er kam nach dem Kriege oft in die Häuser, wo ich bediente, und er war immer lustig, der Lustigste am ganzen Tisch. ›Monsieur Jules,‹ hat er mir oft gesagt – ›was? Wir beide holen noch mal Elsaß-Lothringen?‹«

»Das, was Sie über Ihre Zeitungen sagen, ist vortrefflich. Aber Sie müssen eingestehen, daß dadurch Dreyfus nicht von der Teufelsinsel runter kommt. Und wenn er unschuldig ist –«

»Es ist eben bei uns alles verfault. Wir haben keine Männer – niemand hat mehr Mut. Sehen Sie doch nur unser Parlament! Das ist, wie wir zu sagen pflegen, die reine Menagerie. Ich bin gegen den ganzen Parlamentarismus.«

»Schön – aber darum haben doch gerade die Leute ein doppeltes Verdienst, die zuerst den Mut gehabt haben, die Wahrheit zu sagen. Und als die Regierung nicht ihre Pflicht getan hat –«

»Die Regierung tut nie ihre Pflicht!«

»Da haben diese Leute die Wahrheit eben ein bißchen lauter hinausschreien müssen. Finden Sie nicht, daß in einem Staate die Gerechtigkeit gewahrt werden muß, und daß, wenn die Regierung, wie Sie sehr richtig bemerken, ihre Pflicht versäumt, es die Pflicht der Privatleute wird, für die verletzte Gerechtigkeit zu kämpfen?«

Er zögert einen Augenblick und sagt dann langsam:

»Ja, natürlich, Gerechtigkeit muß es geben. Aber wir Privatleute haben doch nicht die Pflicht, die Wahrheit zu suchen . . .«

Er zieht die Stirn in Falten und schweigt wieder sorgenvoll. Erst hinterher habe ich erfahren, daß seine 38 letzten Worte ein wörtliches Zitat aus der großen Rede gewesen sind, die Jules Lemaître in der »Liga des Vaterlandes« gehalten hat. Würde ich nicht durch einen Zufall den Text dieser Rede noch einmal in die Hand bekommen haben, nie hätte ich gemerkt, daß diese Worte nicht das eigene geistige Fabrikat des Concierge meines Freundes gewesen.

* * *

Mein Freund ist mit seinem Concierge sehr zufrieden. Monsieur Jules ist fleißig, aufmerksam, sauber, und wenn er eine Indiskretion begeht, so tut er es diskret. Er regiert das Haus mit Strenge, aber wer mit ihm zu reden weiß, findet ihn auch billigen Gründen zugänglich. Madame Jules ist wie ihr Gatte: fleißig, aufmerksam und sauber. Mademoiselle Henriette gehört nicht zu jenen Conciergetöchtern, die man an Orten trifft, wo junge Mädchen nicht hingehören. Man braucht ihr nie das immer peinliche Versprechen zu geben: »Ich werde es dem Papa nicht sagen.«

Das Ideal des braven Monsieur Jules wäre, von der Regierung einen kleinen Posten als Steuereinnehmer, irgendwo in der Provinz, oder eines jener »Tabakbureaus« zu bekommen, welche das Monopol haben, die Bürger mit Zigarren, Zigaretten, Tabak und Streichhölzern zu versorgen. Aber die republikanische Regierung braucht diese Posten und diese Tabakbureaus für die Kreaturen ihrer Kreaturen. Bei diesem großen Stellen- und Ehrenschacher gehen Monsieur Jules und seinesgleichen mit leeren Händen aus – sie sehen ihm aus 39 der Ferne zu, gekränkt, mit gefurchten Stirnen, sorgenvoll und entrüstet über alles, was vorgeht.

Braver Monsieur Jules! Er lebt im heutigen Frankreich in unzähligen Exemplaren! Er repräsentiert diese ganze große Klasse, die, zwischen dem eigentlichen Arbeiterstande und dem eigentlichen Bürgertum, behaglich und doch verdrießlich hinlebt. Er repräsentiert diese kleine und kleinste Bourgeoisie, die immer über die »Herrschaft« klagt, immer grollt, immer kritisiert, und die ihr ganzer Instinkt doch dazu treibt, sich unterzuordnen. Er repräsentiert diese kleine und kleinste Bourgeoisie, die niemals einen Gedanken logisch bis an sein Ende denkt und aus Furcht, sie könnte am Ende eine unangenehme Wahrheit entdecken, sich lieber zu abstrakten Phrasen und allgemeinen Schlagworten flüchtet. Freilich – das hat sie mit vielen anderen gemein . . .

Sie sieht auf der einen Seite den Arbeiterstand, der um einiges kräftiger und unabhängiger ist, und sie blickt mit gelinder Verachtung auf ihn herab. Sie sieht auf der anderen Seite das wohlhabende, satte Bürgertum, und sie blickt mißtrauisch zu ihm hinauf. Sie ist unzufrieden, fühlt sich benachteiligt – sie möchte gern ihren Anteil haben, möchte ganz zum Hause gehören. Und sie bleibt immer nur an der Tür, wie Monsieur Jules, der Concierge meines Freundes. 40

Steinlen

Ungefähr dort, wo im nördlichsten Paris die Viertel Montmartre und Batignolles sich zusammenschließen, steigt die Rue Caulaincourt nordwärts. Sie überschreitet auf einer langen eisernen Brücke das tiefer liegende Gräberfeld des Montmartre-Friedhofs und steigt dann wieder bergan. Aber sie kommt nicht ganz bis auf den Hügel hinauf, sie läuft ein wenig unterhalb des Gipfels am westlichen Rande der Butte Montmartre entlang, zieht einen weiten Bogen um die westliche Hälfte des Hügels und neigt sich dann, im letzten Norden, wieder zur Ebene, wo sie beinahe die alten Fortifikationen erreicht. Diese Straße, die sich wie ein Arm um den Montmartre-Hügel legt, ist dort, wo sie sich am höchsten über dem Häusermeer der Ebene erhebt, nur wenig bebaut. An ihrem westlichen Rande stehen nur wenige alte Buden, und so verhindern nur hier und da verfaulende Bretterzäune den Ausblick auf die Vorstädte, die tief unten schon jenseits der Fortifikationen aufgebaut sind, durch freies Wiesenland voneinander geschieden. Aber am östlichen Rande der Straße, der von dem engbebauten Gipfel des Hügels überragt wird, sind 41 die Häuser zahlreicher. Weißkalkige, feucht aussehende Arbeiterhäuser, wo die Trockenwäsche aus den Fenstern hängt, und dazwischen schrumplige, verwitterte, niedrige, oft nur ans Holz gebaute Baracken, bei denen irgend ein verräterisches Detail, eine alte nasenlose Marmorbüste neben der Tür oder ein bizarres Wappenbild an der Mauer ankündigt, daß dort ein künstlerisch schaffendes Wesen haust. Über der Tür der schrumpligsten, verwittertsten dieser Baracken stehen, mit Ölfarbe aufgeschrieben, die Worte: »Cats cottage«. Und in dieser kleinen Katzenhöhle lebt mit Frau und Kind Steinlen, der eine dieser drei Zeichnerchronisten von Paris, deren Namen jedes Pariser Kind weiß: Forain, Steinlen, Willette.

Nur selten trottet ein rumpelnder Karren die einsame Straße herauf. Untergefaßt, selbst in dieser Öde noch kokett sich drehend, kommen dann und wann zwei faullenzende junge Frauenzimmer und bleiben am Westrand der Straße stehen, um auf die Vororte in der Ebene hinunterzuschauen und den Bahnzug durch das blaugrüne Land schneiden zu sehen. Oder ein Trupp Bauarbeiter poltert vorbei. Oder einer jener dickhalsigen Gesellen schlendert heran, die Ballonmütze in die Stirn gezogen, die Zigarre im Mundwinkel, das Halstuch lose geknotet, die Hände in den Taschen.

Alle, die hier vorüberkommen, wissen, daß in der alten Katzenbude Steinlen haust. Hin und wieder klopft einer von ihnen an die Tür und fragt, ob man ihn nicht gebrauchen könne. Steinlen besieht sich prüfend seinen Mann, und kann er ihn gerade gebrauchen, so läßt er ihn herein. In dem kleinen Atelier, wo auf 42 allen Stühlen und in allen Ecken Katzen schlummern und schnurren – es riecht im ganzen Hause nach Katzen – muß das gewöhnlich zwanzigmal wegen nächtlicher Heldentaten vorbestrafte Modell gehorsam eine Stellung nach der anderen einnehmen. Steinlen, ein kaum mittelgroßer Mann von sechsunddreißig Jahren, mit kurzem, braunem Vollbart, blauen Augen, ganz schlichter, etwas zurückhaltender Art, spricht, während er Skizze auf Skizze hinwirft, mit seinem Modell in diesem reichen und plastischen Argot der Pariser Zuhältergilde. Und schließlich entläßt er mit einigen Sous und einem treuherzigen Händedruck seinen Mann.

Aber er bleibt nicht immer in seiner Katzenhöhle. Er streift in den Cabarets der Montmartre-Bohème herum, oder in Moulin la Galette, dem Tanzlokal vorurteilsfreiester, unterster Lebewelt, oder auf den Jahrmärkten des äußeren Boulevards. Er wandert über die von Liebespärchen, Arbeiterfamilien und Obdachlosen besetzten grünen Festungswälle, flaniert in den Außenteilen des Bois, setzt sich zwischen die blaublusigen Arbeiter in den Schenken der Vorstädte. Überall erhascht er flüchtige Skizzen.

So entstand sein Hauptwerk, entstanden diese meisterhaften, überraschend kühnen und neuen Illustrationen zu den beiden Bänden der Chansons Aristide Bruants. Und so entstanden diese unzähligen Blätter, die zumeist der »Gil Blas« veröffentlicht hat. In den Bruant-Illustrationen fixierte Steinlen diese beiden grotesken Typen: den Zuhälter und die »grue«, die Prostituierte der letzten Kategorie, die ohne Hut mit in die Stirn gekämmten Haaren in den Faubourgs herumlatscht. In 43 den Blättern des »Gil Blas« wurde Steinlen der Chronist des modernen Paris.

Da ist das ganze Paris beieinander. Da sind die eleganten Equipagen des Bois, da ist der schwere, unförmige, von drei dicken Pferden gezogene Omnibus, dessen Kondukteur der jungen kräftigen Wäscherin, die mit dem Korb am Arm ihren Weg marschiert, galant zuschmunzelt. Da ist das tanzende Paar im Moulin Rouge – das Frauenzimmer weit zurückgelehnt in dem Arm des Tänzers, der Kerl frech sich vorbeugend, mit Blicken, die nicht mehr zweideutig sind. Da ist die junge Bourgeoise mit zartem Profil, weichem Haar und neugierigen Augen, die über das Pflaster schreitet, die Röcke mit beiden Händen emporschürzend. Da ist der alte verhungerte Landstreicher, der ausgezehrt, stieräugig, mit vorgedrückten Knien seinen Weg trottet. Da sind die ganz jungen Frauenzimmer, mager, dürftig, unreif, mit Ponylocken und Stupsnasen, die mit begehrlichen Augen die Armbänder des Juwelierschaufensters betrachten, während aus dem Schatten der Straße ein alter Sünder heranschreitet: – »le vice qui vient . . .«

Und die dicke Madame ist da, deren Kleider über das Trottoir rauschen, und deren vier Kinder hinterherzotteln, während ein alter Freund, der die Frau in der Jugend geliebt und im Arm gehalten, am Wege steht und an die Vergänglichkeit von Liebe und Schönheit denkt. Und der feiste Protz, »fils de ses oeuvres«, der im Pelz, die schwere Zigarre zwischen den Lippen, vorbeistolziert, während der spitzschädlige Bettler seine triefenden Augen demütig auf ihn richtet. Und die kleine storchbeinige Balletteuse, der irgend ein alter kahler 44 Senator verführerische Worte ins Ohr flüstert. Und das Fischweib, das hinter den Körben steht, die Arme auf die dicken Hüften gestützt, den Bauch vorgeschoben, während die Haube fast in den feisten Hals gerutscht ist. Und der Concierge, der mit dem Licht in der Hand streng wie Cerberus an der Treppe steht, auf der er eben das Gas hat auslöschen wollen, während sein Mieter ein junges Mädchen, eine kleine Modistin, hinabgeleitet, die sich verschämt den Muff vors Gesicht drückt.

Keiner hat so gut den Typ dieser kleinen Modistin – »petit trottin«, wie man in Paris sagt – getroffen wie Steinlen. Viele – der Zeichner Heidbrinck besonders – haben es versucht, aber sie haben gewöhnlich idealisiert und manchmal karikiert. Sie haben aus dem »petit trottin« eine süße Puppe gemacht. Auch Steinlen sucht sich seine Modelle gewöhnlich nicht unter den häßlichsten dieser in Paris so zahlreichen Mädchen. Aber die eigentümliche herbe Schärfe und Härte seines Stifts verbannt alle Süßlichkeit. In unzähligen Blättern hat er diese »oiseaux de Paris« gezeichnet, von irgend einem »vieux marcheur«, oder einem jungen Don Juan verfolgt, und es ist gar nicht zu beschreiben, wie meisterlich er ihre zugleich eckige und elegante Art wiedergegeben hat.

Auch Kinder hat selten jemand so gut zu zeichnen gewußt wie Steinlen. Ob sie vor der Bank im Tuilleriengarten spielen, auf der die alten Herren in der Sonne beisammensitzen und plaudern, ob sie andächtig vor den Straßensängern stehen, die mit verdrehten Augen im Hof ihre sentimentalen Romanzen singen, ob sie dem 45 wandernden Handwerksburschen nachgucken – das Charakteristische in der Handlung eines Kinderkörpers, die Schwäche der Beinchen, das alles ist wie mit einem einzigen sicheren Strich herausgeholt und hingesetzt.

Diese sicheren, energischen, charakteristischen Linien erinnern an die Blätter Forains. Doch während Forain sich immer auf diese wenigen, aber vielsagenden Linien beschränkt, geht Steinlen nicht so ganz an dem Nebensächlichen vorüber. Forain gibt gezeichnete Epigramme – die Unterschriften seiner Blätter stimmen dazu. Steinlen gibt Bilder. Man könnte auch von Steinlens Bildern sagen, sie wirken in ihrer schlagenden, überraschenden, knappen Wahrheit wie Epigramme, aber es ist noch richtiger, zu sagen, daß sie dramatisch wirken. Sie wirken dramatisch, weil sie so voller energischer Bewegung sind, daß sie wie aus der Pistole geschossen erscheinen. Sie wirken dramatisch, weil alles in ihnen vorwärts zu drängen scheint, weil alles in ihnen lebt und von einer prachtvollen, oft brutalen Bewegung durchzuckt ist.

Daß es Steinlen auch darum zu tun ist, seine Blätter nicht wie gezeichnete Epigramme, sondern wie Bilder wirken zu lassen, kann man schon daraus entnehmen, daß er nie – wie Forain das tut – Figuren ohne Milieu gibt, daß er immer das Milieu zum mindesten mit ein paar Strichen andeutet. Und er hat auch da wieder eine ganz besondere Kunst, die Pariser Straße durch diese wenigen charakteristischen Striche aufleben zu lassen. Wenn man solch ein Bild vor sich hat, auf dem man von der Stadt nichts sieht, als drei Bäume, eine Gosse und etwa die Umrisse eines in der Ferne stehenden 46 Hauses, so ist gar kein Irrtum möglich: das ist Paris. Selten ist es das Paris der großen Boulevards, die eigentlich das am wenigsten Eigenartige in dieser Stadt sind. Es ist viel öfter das Paris der Vorstädte mit den hügelansteigenden alten Gassen, das Paris an den Festungswällen mit seinen breiten, öden, nur von einer langen, dürftigen Baumlinie durchschnittenen Straßen, mit seinen weiten Fernsichten über die unbebaute Ebene.

Ich erinnere mich, mit welchem Enthusiasmus Max Liebermann einmal vor einem Zeitungskiosk auf den Boulevards stand, wo der »Gil Blas« mit dem neuesten Blatte Steinlens aushing, und wie er Steinlen für den größten aller Zeichner erklärte. Und dieser Steinlen ist durch keine Akademie gegangen, nicht einmal durch eine Zeichenschule. Er ist vor sechzehn Jahren aus seiner Vaterstadt Genf – wo er viel mehr mit Literatur, als mit Zeichnerkünsten sich abgegeben – nach Paris gekommen, hat in seine Skizzenbücher eingetragen, was er um sich herum gesehen, dieses bewegungsreiche Leben, und in der fortwährenden Berührung mit diesem Leben und in der unablässigen stillen Beobachtung dieser Bewegung ist er ein großer Zeichner und ein eigenartiger Philosoph geworden.

* * *

Es gab eine Zeit in Frankreich, wo alle Ideen, die, wie man zu sagen pflegt, in der Luft zu liegen schienen, plötzlich in einer Liedzeile Form und Ausdruck fanden und nun als Wahrheiten, die jeder lange wußte und nur keiner bisher ausgesprochen hatte, von Mund zu Mund gingen. Das waren die Refrains des Vater 47 Béranger. Da war der ganze Geist der Epoche, war das gemütliche Verhältnis des braven Bürgers zum lieben Gott ausgedrückt in dem Refrain des »dieu des bons gens«.

Aber Frankreich hat auch von jeher das Glück gehabt, die Ideen, von denen die Epoche durchsetzt war, durch seine Zeichner ausgedrückt zu sehen. Henri Monnier, der Schöpfer des »Monsieur Joseph Prudhomme«, war der Béranger unter den Zeichnern – Daumier vertrat den revolutionären Geist des Jahrhunderts, Gavarni die Enttäuschung, den müden Pessimismus. Und als nach dem Kriege eine neue Gesellschaft in Frankreich geschaffen worden, traten (wenn auch nach einer gewissen Pause) wieder die Zeichner hervor, um den Geist dieser Gesellschaft zu offenbaren, und wir sehen Forain den Zerfall dieser herrschenden Klasse geißeln, sehen Willette die Opfer dieser Gesellschaft, denen er die Züge von Pierrot und Colombine leiht, in graziösen entzückenden Bildern beklagen, sehen Steinlen die Auflehnung der brutalen, rohen, nur mühsam zurückgehaltenen Kräfte verkündigen – die Auflehnung der skrupellosen Muskelkraft gegen eine im Raffinement und Wohlleben entnervte Gesellschaft.

Ein leises, halb schlummerndes Verlangen nach Energie lebt im französischen Volke, und ein wenig davon verkündet Steinlen. Er hat in der letzten Nummer des »Gil Blas« einen Seemann gezeichnet, der auf den Schiffsballen sitzt, mit untergeschlagenen Armen, ein Bild rohester, fast gemeiner Kraft, und melancholisch über das Meer hinaussieht. Es ist in diesem und in anderen Blättern Steinlens die stille Freude an den 48 gewaltigen Muskeln, an der starken Natur. Aber es ist auch eine gewisse Melancholie in ihnen – eine Melancholie darüber, daß für diese starken Naturen, diese Wilden, kein Raum mehr in der schlechtesten der Welten ist.

Der schlichte Steinlen denkt viel nach über den üblen Lauf der Dinge auf Erden. Er ist einer von denen, die ein Ideal brauchen und es noch nicht gefunden haben. Eine Zeit lang – als er das revolutionäre Blatt »Chambard« herausgab – sah er dieses Ideal in der Revolution überhaupt, offenbar weil sie Bewegung und Betätigung der Kräfte bedeutet. Welch einen Zeichner hätte in ihm eine wirkliche Revolution!

Er löst so gern auf seinen Bildern die letzten fernen Häuser am Horizont in einen feuchten, rötlichen Abenddunst auf. Das gibt der Welt dort hinten etwas Geheimnisvolles, Schicksalbergendes. Und vor diesem großen, geheimnisvoll schweigenden Hintergrunde spielen die brutalen, grundgemeinen Geschichten des Lebens sich ab . . .

Und das ist es, was Steinlen, neben seiner zeichnerischen Kunst, so hoch erhebt: er ist, um zwei dumme, mißbrauchte und mißverstandene Worte auf ihn anzuwenden, Realist und Romantiker zugleich. Sein Zeichenstift folgt dem großen Zuge des Lebens, der durch die ungeheure Stadt hingeht . . . er zeigt die rohen Leidenschaften, den Betrug, das Laster und die Enttäuschung – und er zeigt, wie durch einen Tränenschleier, in einer leichten Abendröte am Horizont, ihre unklaren Hoffnungen und ihre mystischen Träume. 49

Die Schwalben von Paris

Die galanten Chroniqueure der Boulevardblätter nennen die Arbeiterinnen der Modeateliers, die kleinen Schneiderinnen, Näherinnen, Putzmacherinnen, die »Schwalben von Paris«. Das klingt sehr zierlich und sehr kokett, und es ist eigentlich wahr, daß in dem großen Bilde von Paris diese Arbeiterinnen ein wenig wie die Schwalben sind – die Schwalben, die zu gewissen Stunden in langen Schwärmen die Straßen durchziehen, die Schwalben, die, besonders aus der Ferne, so leichtbeschwingt und graziös erscheinen, die Schwalben, von denen man bald froh bewundernd »ach, diese niedlichen Schwalben!« sagt, und dann wieder, leise bedauernd: »ach, diese armen –!« Viele moderne Zeichner haben diese kleinen Pariserinnen auf dem Papier verewigt, jeder hat sich aus dem Schwarm seinen eigenen »Typ« herausgelesen: Heidbrink das kräftige, breitschulterige Mädchen mit der losen, ondulierten, über den Ohren locker gewölbten Frisur, Steinlen das magere, blasse, frühreife Großstadtgewächs, frisiert »à la chien«, Willette das tänzelnde, elegante Watteaupüppchen mit den jungen, kindlichen Formen. Wenn man abends nach sieben durch die Rue Tronchet und die Rue Auber den großen Boulevards zuschreitet, trifft man sie alle – all diese »Typen« und noch viele andere.

50 Es ist dann, als ob eine Armee, eine weibliche Armee, sich durch die Straßen ergösse – sie überflutet das Trottoir, steigt nach Batignolles oder Montmartre hinauf, oder erstürmt die steinernen Treppen der Gare Saint Lazare, um in die entlegeneren Faubourgs oder in die Vororte zu fahren. Es kommen die verschiedensten Alter und die verschiedensten Gattungen. Es kommen blutjunge, frische, lachende, mit flinkem Gang und noch unbesiegter Fröhlichkeit, und bleiche, kränkliche, mit schiefen Hüften und gekrümmtem Rücken. Fast alle tragen auf den Schultern einen Kragen aus schwarzem Stoff, der bis zur Taille herabhängt und bald runde, jugendliche, bald magere, spitzige Schultern ahnen läßt. Die meisten haben jene halb unbewußte, harmlose Koketterie, dieses echt Weibliche der Pariserin. Andere sind weniger harmlos. Alle unterscheiden sich durch zwei Dinge von den Arbeiterinnen anderer Städte: sie sind besser frisiert und besser gestiefelt.

Die einen haben es eilig und suchen die Voranschreitenden zu überholen, andere gehen etwas gemächlicher, wenden sich erfreut um, wenn ein Herr ihnen nachblickt – neugierig zu sehen, ob der Don Juan der Straße ihnen folgen wird. Die wenigsten denken in diesem Augenblick ernsthaft an Abenteuer – sie sind fast alle nur begierig, nach Hause zu kommen. Sogar diejenigen, deren geputzte Hüte und deren perlenbesetzte Mantillen offen davon zeugen, daß sie noch andere Einkünfte haben, als die einer kleinen Arbeiterin, haben um diese Stunde meist wenig Lust, sich lange mit Torheiten aufzuhalten – sie gehen tänzelnd ihren Weg, halten das Kleid mit beiden Händen gerafft und ihre Hände 51 verraten, daß auch sie noch nicht ganz zur »feinen Welt« gehören. Aber was nicht ist, kann werden.

An der Ecke der Boulevards, bei der Oper, schwillt der Strom noch stärker an. Sie kommen aus der Rue de la Paix, aus der Avenue de l'Opera, aus der Rue du 4. Septembre. Einzeln, zu zweien, untergefaßt und in ganzen plappernden Banden. Nach ihrem Äußeren, ihrer Haltung, ihrem Blick kann man sie in Klassen einteilen – in die Klasse derjenigen, die mühselig von ihrer Arbeit leben, auf den Ehemann hoffen, der so oft nicht kommt – in die Klasse derjenigen, die einen Schatz haben, den sie lieben, von dem sie vielleicht auch erwarten, daß er sie heiratet, und der sie oft nicht heiratet – in die Klasse der Praktischen, der Streberseelen, die sich verkaufen . . . »es kann auch ein alter Herr sein!« Es ist schwer, zu sagen, welche der drei Klassen die zahlreichste ist. Fast alle haben sie einen kleinen schwarzen Pompadour in der Hand, – aber der Inhalt, die Bestimmung des kleinen Beutels ist sehr verschieden. Die einen haben in ihm ihr Frühstück zum Atelier getragen und bringen jetzt irgend eine Arbeit darin zurück, die zu Hause beendet werden soll – die anderen tragen in ihrem Beutel ein zerknittertes Briefchen, einen Spiegel und eine Puderbüchse. Man kann aus dem Inhalt des Beutels auf die Moral der Besitzerin und aus der Moral auf den Inhalt des Beutels schließen. Die Moralfrage ist nur zu oft eine Beutelfrage.

Aber wenn man ohne poetische Befangenheit ganz nüchtern diese Schar vorübereilen sieht, wieviel arme, früh vom Leben zerzauste Schwalben zählt man darunter!

* * *

52 Der ärgste Feind der Poesie ist die Statistik. Ich habe einige Zahlen zur Hand, welche besagen, wie diese Schwalben leben, und diese Zahlen klingen gar nicht poetisch. Ich verdanke sie einer Aufstellung des Akademikers d'Haussonville und einer Schrift von Ch. Benoist »Les ouvrières de l'aiguille à Paris«.

Eine Couturière, also eine ausgebildete Schneiderin – die »Apprentie«, das Lehrmädel, verdient gar nichts – steht sich, wenn sie in einem ersten Hause, zum Beispiel in den Ateliers der Rue de la Paix, arbeitet, auf etwa 1350 Franks jährlich. Sie erhält etwa fünf Franks pro Tag, während der beiden Monate der »toten Saison« nur die Hälfte. Ist sie in einem Atelier zweiten Ranges angestellt, verdient sie etwa 1000 Franks im Jahr. Das ist nicht viel, aber es gibt Schlimmeres. Und die Modistinnen, die bei den bekannteren Putzmacherinnen arbeiten, sind noch besser gestellt. Die »Apprentie« erhält nichts, die »Appreteuse« schon 25–100 Franks monatlich, die »Garnisseuse« 200 und selbst 300 Franks. Das ist einfach das große Los. Dazu kommt noch, daß in all diesen Ateliers den jungen Damen ein Dejeuner serviert wird. Und ich spreche gar nicht von den »Premieren«, diesen Künstlerinnen der Pariser Mode, die 500 Franks und mehr verdienen, den reichen Freund, den sie gewöhnlich haben (es kann auch ein Plural sein), gar nicht so notwendig brauchen und an Eleganz mit den Elegantesten ihrer Kundinnen wetteifern.

Aber dann sind da die Hemdennäherinnen, die mit 50 Centimes für das Hemd bezahlt werden und dabei oft ohne Arbeit sind – die Mädchen, die für den Engroshandel oder die Magazine mit fertigen Anzügen 53 arbeiten und mit schwerer Mühe 1,80 Franks am Tage verdienen, die Mützenarbeiterinnen, die nach zwölf Stunden täglicher Arbeit einen Wochenlohn von 11,50 Franks nach Hause tragen, die Blumen- und Federarbeiterinnen, die zwar fünf Franks am Tage verdienen können, aber nur während der Hälfte des Jahres Arbeit finden. Am besten bezahlt werden, wie man sieht, die Arbeiterinnen für Luxusartikel – der Durchschnittslohn der Pariser Arbeiterin beträgt etwa zwei Franks. Fabrikarbeiterinnen erhalten einen Durchschnittslohn von 2,50–3 Franks. Aber die Fabrikarbeit ist auch die wenigst angenehme, und wer irgend kann, sucht eine andere Beschäftigung.

Irre ich mich nicht, so sind diese Löhne der Pariser Arbeiterinnen durchschnittlich immer noch etwas höher als die ihrer Berliner Kolleginnen. Es kommt etwas anderes hinzu, das die materielle Lage der Pariser Arbeiterin erträglicher macht: Paris ist noch immer die Stadt, welche die Welt mit allen Modeartikeln versorgt, und diese Modeartikel werden ausschließlich von weiblichen Arbeitskräften hergestellt. Die Nachfrage nach Arbeiterinnen ist also größer. Aber andererseits ist das Leben in Paris auch kostspieliger als das Leben in Berlin, und eine Arbeiterin, die nicht in ihrer Familie lebt und für zwei Franks täglich wohnt, ißt und sich sauber kleidet (denn sie ist immer sauber gekleidet), ist zweifellos ein ebenso großes Finanzgenie, wie der gewaltige Turgot, der Baron Louis, Herr v. Witte oder Herr v. Miquel.

Trotzdem scheint die Pariser Arbeiterin heiterer, zufriedener und dadurch hübscher als die Arbeiterin 54 anderer Städte. Wie kommt das? Gewiß ist es zunächst eine Folge des leichteren französischen Blutes, des glücklicheren Temperaments. Aber auch andere Gründe spielen mit.

Der Arbeiter und der kleine Mittelstand sind im allgemeinen bereits besser situiert. Man ist bereits von Hause aus etwas weicher gebettet. Die Nahrungsverhältnisse in Paris sind gesünder als anderswo. Paris hat diese zahllosen »Rôtisserien« und diese zahllosen kleinen »Marchands de Vin«, bei denen man für sechzig Centimes oder für achtzig eine gesunde und nahrhafte Kost erhält. Es wird in Paris viel besser gekocht als in anderen Städten, und es ist ganz gleich, ob die Arbeiterin in ihrem Atelier ißt, oder in ihrer Familie, oder bei ihrer Concierge – sie ißt besser als die Berliner Arbeiterin. Ein anderer Grund für ihre größere Zufriedenheit: man läßt sie nach der Frühstücksmahlzeit auf die Straße hinunter. Das klingt wie nichts, und es ist enorm viel. Wer um halb eins durch die Straßen geht, in denen sich die großen Schneider- und Modeateliers befinden, sieht sie belebt von »Schwalben«. Untergefaßt, ohne Hut, das lose gesteckte Haar dem Winde preisgegeben, promeniert, lacht, schwatzt und schäkert diese junge Gesellschaft in den Straßen. Man fühlt sich frei, man macht sich Besuche und Gegenbesuche, man empfängt seinen Schatz und geht eine halbe Stunde mit ihm spazieren. Und diese halbe Stunde ist so erfrischend, daß die zehn oder zwölf Arbeitsstunden erträglicher scheinen.

Und dann ist Paris eben Paris. Diese Stadt hat sehr merkwürdige Eigenschaften. Sie wirkt wie eine Hobelmaschine, die alle Elemente, die in sie 55 hineingeraten, glättet, poliert, verfeinert. Man schicke eine Bäuerin nach Paris – sie wird nach einem Jahr bereits den »Pariser Schliff« besitzen. Und Paris wirkt auch wie eine Elektrisiermaschine. Es liegt so viel Anregung in der Luft, daß es fast unmöglich ist, hier gänzlich dumpf und stumpf zu werden. Ohne es zu wissen, fangen diese jungen Arbeiterinnen täglich tausend verschiedene Anregungen ein. Ihre Intelligenz wird geschärft, ihr Interesse für zahllose Dinge, die nicht zu ihrer täglichen Arbeit gehören, wird geweckt. Darauf, daß diese Dinge nicht zu ihrer täglichen Arbeit gehören, gerade darauf kommt es an. Man plappert in diesen Ateliers vom neuen Theaterstück, vom »Salon«, von allem, was man in der Zeitung gelesen, und was man selbst gesehen hat. Man erwirbt sich eine kleine, winzige, dünn aufgetragene, oberflächliche Bildung – aber diese kleine, oberflächliche Bildung verhindert diese Mädchen, blinde und taube Lasttiere zu werden.

In »Cyrano de Bergerac« binden die galanten Gascogner das Schnupftuch der reizenden Roxane an eine Lanze und diese improvisierte zierliche Fahne läßt sie vergessen, daß sie hungrig und müde sind – sie werfen sich begeistert in den Kampf. Man soll dafür sorgen, daß die Leute, welche arbeiten, auch zu essen haben – aber es ist sehr schön, wenn auch das kleine Schnupftuch Roxanens über ihnen weht, die kleine Fahne, zu der man von der Arbeit aufblickt, und unter der man leichter kämpft.

* * *

56 Das Buch des Herrn Benoist lehrt, daß die Arbeiterin der Pariser Modeateliers ihre ermüdende Tätigkeit selten länger als bis zum fünfundvierzigsten Lebensjahre ausüben kann. Hat sie nicht einen Mann gefunden oder einen Freund, der rechtzeitig für sie gesorgt hat, oder hat sie nicht andere Hilfsquellen, so fällt sie ins Elend, sinkt sie im besten Falle zur »apprêteuse« herab. Das Kassenwesen ist noch sehr mangelhaft, die Armenverwaltung einfach jämmerlich. Diese Armenverwaltung, der ungeheure Mittel zur Verfügung stehen, und die mit einem wahnsinnig kostspieligen Apparat, einem parasitenhaften Beamtenheere arbeitet, ist ein Kapitel für sich. Sie hat das Mittel erfunden, Millionen in nichts aufzulösen.

Aber auch da wieder greift dasselbe Paris, das so viele Wunden schlägt, mildernd ein. Weitaus das Beste in dieser Bevölkerung von Paris sind gerade die niederen Stände. Sie sind borniert, kurzsichtig, haben tausend Fehler, aber sie sind weniger egoistisch als die höheren Klassen. Besonders die Frauen des Arbeiterstandes sind gutmütig, hilfsbereit und halten untereinander zusammen. Ein bißchen Neugierde, ein bißchen Wichtigtuerei (man ist »die Reichere«!) und sehr viel Gutmütigkeit treiben sie gewöhnlich, sich der ärmeren Nachbarin anzunehmen.

Und noch etwas erleichtert das Los der Arbeiterin: die Moralheuchelei, die anderswo beliebt ist, ist in Paris weit seltener. Die weich gebetteten Pharisäer, deren Mut im Verurteilen der anderen, der vom Schicksal weniger Begünstigten, so erstaunlich ist, dominieren hier nicht. Ich weiß von Fällen, wo eine junge Arbeiterin die Bestimmung der Urmutter Eva erfüllt 57 hatte, obgleich sie ebensowenig standesamtlich mit ihrem Adam verbunden war wie das paradiesische Weib. Die junge Arbeiterin gehörte zu einem der bescheideneren Modeateliers. Ich befürchte, hätte sie in einer anderen Stadt gelebt, sie wäre an die Luft gesetzt worden, im Namen der Moral. Hier verstand das ganze Atelier, daß die höchste Moral die Menschlichkeit sei, und das ganze Atelier, die Besitzerin voran, adoptierte das Kind als die »Tochter des Regiments«.

Das sind gewiß nur einzelne Fälle und vielleicht nur Ausnahmen. Aber nicht zu leugnen ist, daß auch im allgemeinen das Pharisäertum hier nur eine geringe Macht hat. Man begreift und man verzeiht. Man findet vielleicht eine nicht völlig einwandfreie Entschuldigung, aber doch eine leise Wahrheit in dem Wort, das eine kleine Arbeiterin sagte, als ein taktloser Witzbold sie einen gefallenen Engel genannt: »Pah, wenn ich nicht nur am Rande vom Himmel gesessen hätte, wäre ich gewiß auch nicht hinuntergefallen!« 58

Das Seebad der ehrbaren Leute

Trouville, Villers-sur-Mer und Cabourg liegen dicht nebeneinander auf der Küste der Normandie. In einer halbstündigen Wagenfahrt kommt man von Trouville nach Villers, von Villers nach Cabourg. Man sieht von Villers aus die Häuser von Trouville, die bunt und zwischen Gärten auf einer Küstenbiegung stehen, aber man sieht nicht die Häuser von Cabourg, die sich hinter einem dunkelfelsigen, struppig bewachsenen Vorgebirge verstecken. Was man von überall aus sieht, von Trouville, von Villers-sur-Mer und von Cabourg, das ist das Licht des Leuchtturms von Havre, das abends über dem Meere aufzuckt, einen scharfen Strahlenschein auf die Wasserfläche wirft und schnell verschwindet, um schnell wieder zu erscheinen. Und in den fernen Sonnennebeln, in dem silberblauen Meerdunst taucht auch der weit vorspringende Küstenstreifen auf, der den Hafen von Havre schützend umgürtet. Die von Trouville sehen ihn ganz deutlich, die von Villers unterscheiden ihn am Horizont, die von Cabourg ahnen ihn in dem silberblauen Dunst.

Leute, die Toiletten zeigen und andere Toiletten sehen, Eroberungen machen und viel Nützliches mit manchem 59 Angenehmen verbinden wollen – Leute, die Pferderennen und Pferdchenspiele brauchen, und die den Luxus und die rotröckigen Zigeuner und das große Trara der Bois-Restaurants nicht entbehren können, gehen nach Trouville. Leute, die reich sind und ihren Reichtum nicht gern verbergen, die eine hohe Gesellschaft und ein hohes Spiel lieben, gehen nach Cabourg. Leute, die ihren Besitz gern in Ruhe genießen, die sich von ihrer Arbeit und ihren Geschäften in Frieden erholen und sich von ihren Finanzoperationen in aller Stille reinbaden wollen – die soliden, die ernsthaften, und die ehrbaren Leute gehen nach Villers.

Dieses Villers-sur-Mer ist einer der hübschesten Badeorte auf der normannischen Küste. Es liegt weit poetischer als Trouville, das auf eine etwas kahle und nüchterne Stelle der Küste hingebaut ist. Ein Teil von Villers zieht sich unten am Strande hin, ein anderer lehnt sich an einen breiten, bewaldeten Hügel und steigt bis zum Gipfel des Hügels hinauf. Überall, unten und oben, in der Ebene und auf dem Hügel, sieht man sehr viel Grün, sehr viel schattiges Laub, denn Garten fügt sich an Garten, und breite Baumalleen durchschneiden den Ort. Aber in ganz Villers gibt es eigentlich nur zwei kleine Hotels oder doch nur zwei Hotels, die in Betracht kommen. Sie sind gut, aber weit einfacher, als die pompösen Hotelpaläste in Trouville, teuer, aber nicht so haarsträubend teuer wie diese Sommerresidenzen der Pariser Demimonde. Die zwei kleinen Hotels verschwinden in dem großen und bunten Gewirr der Villen. Denn Villers ist wie Cabourg ein Villenort und fast nur ein Villenort. Es gibt hier Villen von allen Größen, 60 von allen Formen, in allen Stilen. Villen mit großartigen, von Mauern umschlossenen Parks, Villen mit runden und spitzen Türmen, mit Erkern, Balkons und Veranden. Villen im Stil der roten Backsteinbauten der Renaissance und burgartige Villen und Blockhausvillen, die den alten Bauernhäusern nachgebildet sind. Villen, groß wie Schlösser, die eine Familie allein bewohnt, und Villen, klein wie Fischerhäuser, die an mehrere Familien vermietet werden. Villen am Strande, in den Alleen, auf dem Hügel . . .

Ich entfliehe fast in jedem Sommer, zum mindesten für ein paar Tage, zu einem der Badeplätze der Normandie. Jedesmal, wenn man aus dem schwitzenden Paris hierher kommt, erscheint eines wieder neu, überraschend und bestrickend: dieser große Lichtzauber der normannischen Küste. Man glaubt, nie und nirgends schon eine solche Fülle von Licht gesehen zu haben wie hier. Man glaubt das besonders zur Zeit der Ebbe, wenn das Meer zurückgetreten ist und im Entweichen eine endlose braungelbe Ebene, die von silberblauen Seen und Kanälen durchfurcht ist, enthüllt hat. Dann entsteht aus dem tiefblauen, leuchtenden Meere, aus den silberblauen Seen, die vom Sande wie Kristallspiegel eingerahmt sind, und aus den langen, braungelben Streifen eine einzige, gleichmäßige, klare Fläche, eine Fläche, die weit und unermeßlich scheint, wie die Wüste Sahara, und über die mit heiterer Pracht der unendliche Strom von Licht sich ergießt. Die Ebene ist wunderbar weit, die Luft ist wunderbar rein, und man sieht jedes Pünktchen, das hinten am Horizont, stundenweit entfernt, auf dem gelben Sande oder in 61 den silbernen Seen auftaucht. Es ist, als müßte man die Spinnen und Käfer sehen, die bei Trouville über den Strand laufen. Jeder farbige Fleck leuchtet zehnfach in diesem Licht, und die Formen und die Umrisse der Dinge zeichnen sich scharf am lichtgebadeten Boden ab. Man sieht die runden, rot und weiß gestreiften Zelte, die weit drüben am Rande des Wassers stehen, und sieht den blauschwarzen Schatten, den sie auf den Sand werfen. Das weiße Kleid eines kleinen Mädchens, das im Sande spielt und der rote Badeanzug einer Dame, die ins Meer geht, leuchten am Horizont. Ein Knabe hopst mit dünnen, nackten Beinchen, ein zierliches Krabbennetz schwingend, in der Ferne durch die Wasserlachen, und an dem Vorgebirge, hinter dem sich Cabourg verborgen hält, ruht ein rosiger Sonnenschirm, wie eine breit gewölbte La France-Rose.

Dieses weite Strandbild ist graziös, fein und heiter. Diese Grazie, diese Feinheit und Heiterkeit enthalten nicht ein Atom von Melancholie. Fast überall sonst ruht immer ein Tropfen von diesem Gift im Becher. Die Küsten Italiens mit ihrer brennenden Schönheit haben etwas Schmerzvolles, die griechischen Küsten mit ihrem dunklen, entlaubten Gestein und ihren Tempelresten haben etwas Tragisches, und die nordischen mit ihren Dünen, mit dem Aufruhr ihrer Wogen haben nichts Heiteres. Die normannische Küste läßt die ernsten Gedanken nicht aufkommen, die Sonnenuntergänge haben hier nicht die dämonische Großartigkeit der Sonnenuntergänge im tiefen Süden und im hohen Norden, die Abendwölkchen sind wie die Wölkchen der Rokokobilder, auf denen kleine, leichte Liebesgötter sich schaukeln, die Seen, welche das Meer 62 auf dem Strande zurückläßt, haben die Silberfarbe der Libellenflügel, und alles ist glücklich und graziös, lichtflimmernd und zierlich, wie das Spiel der Libellen.

* * *

Ein französischer Literaturhistoriker, Gaston Deschamps, war vor kurzem in Amerika. Er erzählt in einem seiner Reiseberichte, daß ein Landsmann, der in irgend einer Stadt der Vereinigten Staaten französischer Konsul ist, sich ihm gegenüber sehr bitter über die heimischen Romanschriftsteller geäußert habe. Warum schreiben diese Schriftsteller nur noch Ehebruchs- und Kokottengeschichten? Sie geben den Fremden ein falsches Bild von der französischen Gesellschaft, sie schädigten den guten Ruf des französischen Volkes, sie beeinträchtigten sogar das Geschäft.

Dieser Konsul hat ganz recht. Die französischen Romanschreiber verbreiten wirklich höchst irrige Begriffe. Man muß ihnen nicht glauben. Sie sind wie die Spekulanten, die viel mehr Getreide oder viel mehr Papiere verkaufen, als sie je besessen haben. Sie bringen viel mehr Laster auf den Markt, als je vorhanden sind. Das ist ein Spekulationsmanöver, nichts weiter. Sie verkaufen mit Vergnügen den guten Ruf ihrer Landsleute, um ein paar Romane mehr zu verkaufen. Hinter den paar tausend Familien (ich spreche nicht von der Demimonde, von der Geschäftswelt des Lasters), die in Paris eine Art Vorhut bilden, freischärlerhaft auftreten, etwas wild leben und sich oft noch wilder gebärden, gibt es die große Armee der ehrbaren Leute, die ungefähr dieselben Ideen, Ansichten und Ideale haben, wie die 63 ehrbaren Leute in anderen Ländern und anderen Städten, sich praktisch verheiraten, ihre Kinder gut erziehen und ihren Wohlstand mehren.

Villers-sur-Mer ist das Seebad der ehrbaren Leute. Hier herrschen die Weisheit mit Renten und die Jugend mit großer Mitgift. Hier lebt man friedlich und harmlos, und jeder lebt, wie es ihm paßt. Jeder badet, wann und wo es ihm beliebt. Die berühmte »alte Kultur«, die man so oft in Frankreich bewundert, zeigt sich nie so sehr, wie dann, wenn die Franzosen und Französinnen im Badeanzug stecken. Man hat oft geraten, das Zusammenbaden der Damen und Herren auch in deutschen Bädern zu erlauben, man hat sogar Versuche gemacht, es einzuführen. Aber die liebenswürdige Ungeniertheit und die freie Natürlichkeit, mit denen in Frankreich alles zusammen in dasselbe Bad geht, lassen sich nicht importieren, sie sind das Resultat einer jahrhundertelangen Gewöhnung und Erziehung. Bei uns denkt man zu viel, und das Denken ist gefährlich. Die Franzosen und die Französinnen gehen, ohne viel zu denken, ins Meer, und das Wasser bleibt ein reinliches Element.

In Villers kleiden sich die einen in dem Badehause am Strande um, die anderen in gemieteten Badebuden, die sie irgendwo am Strande aufstellen und noch andere einfach im Hotel oder in ihren Villen. Sie spazieren im Bademantel, den Strohhut oder die Kappe auf dem Kopfe, aus den Straßen heraus, vom Hügel herunter, über die Promenade und den Strand. Man könnte sie für Mönche und Nonnen halten, wenn sie in ihren Kapuzenmänteln so aus allen Winkeln hervorwimmeln. Niemand macht sich über sie lustig, niemand nörgelt. 64 Die persönliche Freiheit der Leute im Badeanzug wird von allen respektiert. Es fehlt nicht an klatschsüchtigen Seelen, aber die Klatschsucht hört hier gerade dort auf, wo sie anderswo anfängt.

Am Nachmittag sitzt man vor seinem rotweißen Zelt oder fängt Krabben in den Wasserlachen, oder man macht einen kleinen hygienischen Spaziergang auf der Strandpromenade. Man trifft dort nur wenig allzu geputzte und geschminkte Frauenzimmer. Eine ehrbare Einfachheit ist guter Ton. Knickebeinig, mit halb verrenkten Schultern, krumm und schief, im weißen Röckchen und in weißen Höschen kommt Lemaitre den Weg herauf, begleitet von seiner alten Egeria, an der wenigstens die klerikale Gesinnung waschecht ist, und ihrem winzigen frisierten Hündchen. Der Begründer der »Patrie Française«, dieser neuen Liga, schwingt den knotigen Stock und springt mit den knickrigen Beinchen über die Steine. Seit er Frankreich von der Verräterbande befreien will, und täglich einen Gegner mit Schmutz bewirft, fühlt er sich wie Jung Siegfried, der Held. Dann und wann führt er, auf einen Wink der Dame, das frisierte Hündchen zur Seite, das in einem natürlichen Drange dasselbe tut, was er auf dem Wege der Polemik vollbringt. Wie jeder französische Badeort, hat auch Villers-sur-Mer ein Kasino. Zwei niedrige Holzbauten am Strande, die ein schmaler Konzertplatz trennt. Links der Lesesaal mit drei oder vier Zeitungen, ein paar illustrierten Heften, Billard und Schachbrett; rechts der Tanz- und Konzertsaal, in dem auch die Tische mit dem unvermeidlichen Pferdchenspiel stehen. Des Morgens üben hier einige Schülerinnen eilig und ohne 65 Begeisterung ihre Tonleitern. An zwei oder drei Abenden tanzen hier frisch gebadete Mädchen. Und nachmittags und abends sitzen auf dem schmalen Konzertplatz ein paar Badegäste und essen Eis, während die Geigen die schon genug gepeinigten Hugenotten zerkratzen.

Der Punkt, wo das Badeleben von Villers-sur-Mer wild, gewagt und zum Lasterleben wird, ist der Platz bei den »Petits Chevaux«. Allabendlich, um neun Uhr erscheinen hier zwei alte Damen mit Kapottehut und Pompadour und setzen sich an den Tisch. Sie lächeln vertraut dem Croupier zu, der erst nach ihnen kommt und einen hölzernen Kasten mit der Kasse auf den Tisch stellt. Dann läßt sich jede der beiden alten Damen von dem Croupier ein Fünf-Frankstück in zehn Fünfzig-Centimesstücke umwechseln, der Croupier sagt: »Faites votre jeu! Rien ne va plus!« und das teuflische Spiel beginnt. Gewöhnlich drängt sich eine naseweise Kinderschar neugierig an den Tisch, und bisweilen kommen zwei oder drei zerstreuungsbedürftige Leute und riskieren den Einsatz von fünfzig Centimes. Aber ich habe einen unbestimmten Argwohn . . . Es soll sparsame Familien geben, in denen der Kaffee sämtlicher Familienmitglieder mit einem Stück Zucker versüßt wird. Jedes Kind darf einmal an dem Zucker lecken. Ich hege den Argwohn, daß bei den »Petits Chevaux« in Villers-sur-Mer gewöhnlich nur mit einem einzigen fünfzig Centimesstück gespielt wird, das immer hin und her wandert und bald in diese, bald in jene Seele Süßigkeit träufelt. Dieses Seebad der ehrlichen Leute ist mir lieber als Trouville mit seinem Parfüm, als Cabourg mit seinem Luxus, als Ostende mit seiner – oft so falschen – Eleganz. Hier 66 stärken sich die Nerven und die Verdauung, hier werden die Menschen gesünder und bisweilen sogar besser. Hier erwacht die Freude an der Natur, das Interesse an den Mitmenschen. Man beobachtet, man prüft, und man erwärmt sich für jedes Detail. Man kennt bald die Leute, die auf demselben Strande wohnen, man weiß ihre kleinen Eigenheiten, man lächelt über ihre verzeihlichen Schwächen. Man kümmert sich mehr, als man das in der großen Stadt vermag, um seinen Nächsten und sein Weib. Man sagt: »Die dicke Dame mit der Warze hat heute am Klavier gesungen«, und »der Herr, der immer mit der Nase schnüffelt, hat heute schon zweimal die Hosen gewechselt.« Man fragt sich, ob das Vermögen des Villenbesitzers nebenan auf redliche Weise erworben worden, und gewöhnlich verneint man sich die Frage. Kurz und gut, man wird hier draußen in der freien Natur, fern von dem schlechten und verdorbenen Paris, ein guter Mensch, ehrbar unter den Ehrbaren. Das Leben in den stillen, harmlosen Orten züchtet solche Charaktere. 67

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