Czytaj książkę: «Der gefallene Engel»

Czcionka:

Theodor Kallifatides

Für Gunilla

Markus

Johanna

Stockholm 1981

Zu Unrecht beklagt sich der Mensch darüber,

daß er wegen seiner Gebrechlichkeit und Vergangenheit mehr vom Zufall beherrscht sei als von sich selbst.

Sallust

Der gefallene Morgenstern

1

Ich lag im Gras und dachte: Wie werde ich frei? Wie kann ich es vermeiden, mich noch länger räumlich einzurichten, wie kann ich die Szenerie wechseln? Tätigkeit oder Ruhe?

Es war ein milder Nachmittag, Anfang April. Über mir breitete sich der alte knorrige Apfelbaum, darüber himmlisch-reines Licht.

Das Kind spielte ein bißchen weiter drüben in dem erwachenden Garten. Seine nackten, flaumigen Beine reflektierten das warme Licht des Nachmittags. Das Kind lief zum Kirschbaum, blieb dort einen Augenblick stehen und rannte dann zurück.

Das Kind ist meine Tochter.

Vor einer Woche ist sie fünf geworden. Ich habe Ohrringe für sie gekauft, kleine Lapissteine, die mir in einem unscheinbaren Geschäft in einer Nebenstraße Kopenhagens aufgefallen waren. Ich bin in das Geschäft gegangen und habe die Ohrringe gekauft, ohne eigentlich zu wissen weshalb, aber jetzt, wie ich so im Garten lag, irgendwie ausgeliefert – wußte ich es. Sie, deren Namen ich nun seit mehreren Jahren nicht in den Mund genommen habe, trug ähnliche Ohrringe, blaue Lapissteine, die sie ebenfalls von ihrem Vater bekommen hatte, im gleichen Alter wie meine Tochter, und vermutlich war sie dabei ebenso verlegen.

Meine Tochter hatte mich lange angesehen, in ihren Augen sah ich die Schatten ihrer Gedanken, aber dann hatte sie mich auf den Mund geküßt und sie schmeckte nach Mandel. Am selben Abend, als sie glücklich und zufrieden allein in der Badewanne lag – sie bestand seit einiger Zeit darauf, allein in der Badewanne zu sein –, sah ich sie zufällig für einen Moment. Sie hatte sich aufgesetzt, vor ihr stand ein Spiegel mit rotem Rahmen, ihr Blick war weit weg und langsam strich sie ihr weiches Haar zurück, um die Ohrringe besser sehen zu können und gleichzeitig sich selbst, viele Jahre voraus.

Ach diese Träume von einer Zeit, die immer vor uns liegt!

Ich hatte den Blick gesenkt, ich war nicht in die Welt meiner Tochter eingedrungen – aber es hat weh getan in meinem Herzen, sehr weh. Ich dachte an meine Mutter, ich hatte in einem unbewachten Moment auch sie gesehen, wie sie vor einem Spiegel alterte, es war der kleine Spiegel mit dem goldenen Rahmen, der auf ihrem Nachttisch stand. Ich habe meine Mutter nie anschauen können ohne Furcht, ohne das Zittern, das man vor einem unterirdischen Gang bekommt, das gleiche Zittern, das ich immer ihr gegenüber verspürte, deren Namen ich seit mehreren Jahren nicht in den Mund genommen habe.

Ich dachte an den sonnigen Tag, an dem sie und ich allein hinuntergestiegen sind in das Königsgrab auf Zypern. Wir waren damals Kinder oder fast noch Kinder. Die alte Insel, des Dichters «graugrünes, ins Meer geworfenes Blatt», war eben befreit worden, die englische Besatzungsmacht zog sich gerade zurück und der englische General räumte die Sommerresidenz, an deren Einrichtung Arthur Rimbaud als Schreiner mitgewirkt hatte.

In dem königlichen Grab war es sehr still und dort oben, wo die Welt sich öffnet, war eben ein Krieg mit demselben traurigen Ergebnis wie immer zu Ende gegangen: da ist einer zum Sieger gekürt und ein anderer zum Verlierer gestempelt worden, aber eine Niederlage haben wir alle erlitten, auch sie und ich, so versteckt wir waren vor dem zyprischen Licht und dessen glänzenden Düften nach Zitrone, Pinie und Schießpulver.

Im Grab war sonst niemand, nur sie und ich und noch eine Eidechse, die uns anstarrte, unbeweglich und aus weiter Ferne wie ein orientalisches Schicksal. Der Gesang der Nachtigall, der den Dichter nicht schlafen ließ, den Dichter, den wir so liebten, war nicht zu hören. Und sie fragte mich: «Woran denkst du?»

Ich hatte nicht geantwortet, ich hatte nur ihre Hand gesucht in der kühlen Dunkelheit. Ihre Hand war geschlossen, sie fürchtete die Stille, die Zeit, das duftende Licht draußen, das uns eines Tages weggenommen würde; ihre Hand umschloß das letzte Sandkorn einer Zeit, die noch ihr und mir gehörte.

Sie hatte mich gefragt: «Woran denkst du?» Ich hatte nicht geantwortet, dachte aber an meine Mutter. Das königliche Grab war wie eine Gebärmutter, ein wortloser und stummer Raum, in dem ich furchtbar lebendig war, ohne atmen zu müssen.

An diesem Tag hatte ich sie noch nicht geküßt, an diesem Tag hatte sie mich noch nicht geküßt. An diesem Tag wußte ich noch nicht, daß es noch eine Gebärmutter gab, in der ich mein Leben leben konnte. Aber an diesem Tag, in der stillstehenden Zeit im königlichen Grab, küßte ich ihre Pulsader, die «kostbare Uhr» ihres Blutes, und sie duftete genau wie meine Tochter: nach Mandel.

Seit diesem Tag habe ich mich immer nach ihr gesehnt, obwohl ich mehrere Jahre ihren Namen nicht in den Mund genommen habe, aber ihr Name stand vor und hinter jedem Satz, den ich geäußert hatte, ihr Name zitterte unter allen meinen Worten, war wie ein Vulkan, auf dessen Spitze ich mein Leben ein wenig einsam verbrachte, ein wenig mutig, aber stets zitternd; ich verbrachte mein Leben auf einem ungesagten Wort.

Ich lag also an diesem milden Nachmittag Anfang April im Gras und dachte an meine Mutter, ich dachte an die ungenannte Frau und an meine Tochter: Grotten aus Fleisch und Blut, aus ersterer bin ich gekommen, zu letzterer bin ich geworden und in der mittleren sollte ich mein Leben leben.

Die Hände auf den Kopf gestützt, sah ich dem Kinde zu, das meine Tochter ist und scheinbar ohne jede Absicht hin und her lief, wie ein Tagtraum, eine optische Täuschung. Das Gras hatte noch die aschgraue Tönung des beginnenden Frühlings, die grüne Farbe war noch nicht durchgebrochen, aber wenn man genau hinsah, konnte man den Farbansatz ahnen, die Grashalme wölbten sich unmerklich, wie eine Frau an dem Tag, an dem sie empfängt; aber noch war das Gras aschgrau, der Winter war lang und kalt gewesen, und der alte Apfelbaum mit seinen nackten Zweigen warf seinen dünnen Schatten auf mich.

Mein Herz war stumm vor Sehnsucht und meine Gehirnzellen waren blockiert von einem einzigen Wort, das ich nicht laut auszusprechen wagte.

Ein älteres Pärchen radelte an dem Garten vorbei, ich achtete nicht besonders auf sie, aber ich hörte die Frau: «Guck mal, wie die Knospen springen!» rief sie dem hinter ihr fahrenden Mann zu und in ihrer Stimme klang sowohl Triumph wie Rache, und ich weiß nicht, ob der Mann es bemerkte, aber er fuhr noch langsamer und beugte den Kopf tiefer. Der Frühling war nichts für ihn, seine Tür war verschlossen, er verschwand aus meinem Gesichtsfeld, noch ein Tagtraum, noch eine optische Täuschung.

Die nackten Beine des Kindes standen auf einmal vor meinem Kopf. Die noch nicht völlig ausgeformten Zehen versanken im Gras, ich streichelte sie vorsichtig, die Haut war straff.

«Warum rennst du so hin und her?»

«Ich spiele!»

«Was spielst du?»

«Verstecken!»

Ich hob den Kopf und begegnete dem Blick des Kindes. Sie warf den Kopf zurück, sie lachte, das schräge Licht verfing sich in ihrem Mund.

«Und wen suchst du?»

«Ich suche mich selber!»

Dann lachte sie wieder und lief davon. Ich wollte ihr nachrufen, aber es war nicht der Name meiner Tochter, den meine Lippen formen wollten. Es war ein anderer Name und eine Zehntelsekunde lang glaubte ich, er würde aus mir herausbrechen – aber noch einmal verließ mich der Mut.

Ich blieb still liegen. Der Schatten des alten Apfelbaumes zog sich langsam in die Länge, um allmählich zu verschwinden. Das Kind war hineingegangen.

Es wurde kühl. Unmerklich hatte sich die Luft um mich verändert, kleine kristallene Teilchen reizten meine Haut, ich fror. Ich erhob mich, im Garten war kein Laut. Das Haus, eingerahmt von zwei hohen Birken, schwebte in dem Dämmerlicht. Eine Lampe wurde entzündet, ich sah, wie sich die junge Frau über etwas beugte, ihr schmaler, unschuldiger Rücken verriet, daß es etwas Lebendiges sein mußte, in ihrer Bewegung nach vorne lag ein Zurückzucken, ein Zögern, mit dem sich ein scheuer Mensch allem Lebenden nähert. Die junge scheue Frau war meine Ehefrau.

Ich blieb unter dem Apfelbaum stehen und das Haus, mein Haus, setzte sanft seine Luftfahrt fort, mit der Frau und dem Kind an Bord.

Bald würden die Frau oder das Kind nach mir rufen. Im Wohnzimmer sah ich einen bläulichen, unwirklichen Schein, jemand mußte den Fernseher eingeschaltet haben. Der Tisch war sicher bereits gedeckt. Ich sah vor mir zwei gleiche Teller, die einander gegenüberstanden und dazwischen einen dritten, etwas kleineren. Die Lampe über dem runden Kiefernholztisch war noch nicht angemacht, aber das würde nun gleich geschehen. Ich würde mich der Frau, die meine Ehefrau ist, gegenübersetzen und wir würden einen Augenblick warten, bis sich das Kind seine Hände gewaschen hätte, eine Maßnahme, die sich selten als zweckmäßig erwies. Das Kind würde mit allen möglichen Dingen in den Händen aus dem Bad kommen: Puppen, Schiffen, Bällen, und alles würde sie gewaschen haben, nur nicht die Hände. Dann würde das Kind Geschichten erzählen: von dem Floh, der zu einem Pfefferkuchen wurde, vom Pfefferkuchen, der zum Gespenst wurde; sie würde mit den Augen rollen vor Entsetzen und Entzücken. Ab und zu würden die Frau mir gegenüber und ich uns schweigend anblicken, ich würde Wein in ihr Glas schenken, sie würde mir den Käse reichen; das Haus um uns würde eins werden mit dem Raum in uns und in der Nacht würden wir nebeneinander liegen, die Frau mir gegenüber, die meine Ehefrau ist, und der Mann ihr gegenüber, der ich bin. Wir würden dem Geplapper des Kindes zuhören, bis es eingeschlafen ist, wir würden uns vielleicht anfassen oder wir würden es bleiben lassen.

All dies würde innerhalb der nächsten Stunden passieren und ich würde einschlafen, belagert von dem unsagbaren Wort, von dem Namen, den ich seit mehreren Jahren nicht in den Mund genommen habe. Die Belagerung dauerte nun schon lange, meine Vorräte gingen zur Neige und die Wirklichkeit machte sich davon. Ich wollte wirklich sein, aber das würde ich erst werden, wenn es mir ein anderer gesagt hat. Das war meine Bedingung: ich mußte für einen unbekannten Gott sterben, und ich mußte für unbekannte Menschen leben.

Ich stand im Garten, und die Dunkelheit um mich nahm zu. Ich war müde, ich war sehr müde, ich konnte nicht klar denken. Alle meine Gedanken wurden früher oder später zu Metaphern. Sogar die absolute Sinnlosigkeit wurde zu einer Metapher, sogar die völlige Absichtslosigkeit.

Ich war überzeugt davon, daß die Welt nicht dreidimensional ist, ich war überzeugt davon, daß es eine vierte Dimension gibt: eine Bedeutung, ein Sinnen. In Stunden selbst aufgezwungener Abgeschiedenheit bildete ich mir ein, ich könne die Welt fotografieren, ich könne einen Baum, ein Kind, einen Stein sehen, aber eigentlich betrog ich mich selbst. Ich war nie imstande, irgend etwas oder irgend jemanden auf andere Weise zu sehen als irgend etwas oder irgend jemand. Warum sollte man mich dann anders sehen können als irgend jemanden?

Ich zündete mir eine Zigarette an. Das Feuer meines Feuerzeugs, sie hat es mir einmal vor zweiundzwanzig Jahren geschenkt, setzte ein Stück Dunkelheit in Brand, aber der Sieg war nur zufällig. Rasch nahm die Nacht das verlorene Gebiet wieder ein und ich ging sang- und klanglos darin unter. In dem Moment bemerkte ich den Abendstern; er blinkte wie eine Ampel auf den Autostraßen der Galaxien.

Was geschieht eigentlich, wenn etwas geschieht? Warum fange ich bei der bloßen Erinnerung an einen Namen zu zittern an? Warum hören alle meine Träume da auf, wo sie beginnen sollten? Welcher Trost läge darin, wenn es eine Absicht gäbe, ich beneide Ptolemäus um sein Almagest, um sein geozentrisches Weltbild, in dem die Absichten ebenso deutlich sind wie ihre Konsequenzen. Aber ich lebe nicht in der Zeit des Ptolemäus, ich lebe in einer Welt, die zufällig und sinnlos zu sein scheint, obwohl mein Gewißheitsdurst sicher ebenso groß ist wie seiner.

Eine absichtslose Wirklichkeit, in der alles metaphorisch ist, das ist die andere meiner Bedingungen. Und dann dieses Sehnen, diese offensichtlich von einem Namen abhängige Sehnsucht, die mich von meinem Platz unter dem knorrigen Apfelbaum und dem Abendstern wegätzen wollte. Die Lampe über dem Küchentisch brannte jetzt. Ich hörte, wie ein Fenster geschlossen wurde, die Nacht würde kalt werden; von der Erde stiegen leichte Dunstwolken auf – nein, keine Wolken, eine Wolke muß größer sein als ein Mensch – von der Erde stiegen leichte Dunstbälle auf, die langsam nach oben schwebten, sie rollten um meine Beine, meine Hüften, meine Brust; sie belagerten mich und für einen Augenblick fühlte ich mich zugehörig, fühlte ein Dasein und meine fürchterliche Sehnsucht schwemmte mich wie ein mächtiger Gezeitenstrom fort.

Ich begann völlig bewegungslos zu tanzen und ich sang ganz stumm, umgeben von leichten Dunstbällen, und die Erde unter meinen Füßen schaukelte gewaltig. «Du darfst nicht verschwinden!» schrie ich, ohne die Lippen zu bewegen, mein Herz pochte laut und mein Kopf zerbarst in Stücke, als ich die Frau zur Küchentür herauskommen sah, sie ließ sich einrahmen von der Nacht draußen und dem Licht drinnen – das lebenslängliche Spiel –, und sie rief meinen Namen der Gestalt zu, die ich bin. Meinen Schatten spürte sie besser als sie mich spürt, aber machte ich nicht dasselbe?

Das Kind kam und stellte sich neben die Frau. Sie standen im Licht. Ich stand in der Dunkelheit. Und die nie beim Namen genannte? Wo stand sie? Ich schritt auf das Haus zu, direkt durch die Dunstbälle – das führe ich nur als Beispiel für meine Entschlossenheit an –, als das schrille Signal des Telefons das Haus sprengte, das mein Heim ist.

2

Meine Freundschaft mit Andreas war tief gewesen, wenn sie auch nicht frei war von Neid und dem Gefühl der Unterlegenheit. Schon vom ersten Augenblick an wußte ich, daß er intelligenter war und außerdem die seltene Leidenschaft für die Wahrheit besaß, seine ganze Erscheinung strahlte das Vermögen aus, lange über alles nachzudenken. Die Rastlosigkeit hatte ihn nicht ergriffen, seine Bewegungen und Gesten waren harmonisch und ruhig, ein Mensch, eingebunden in einen Kampf, der die größte Niederlage garantierte. Ein Mensch vielleicht von vornherein besiegt, aber ohne die geringste Möglichkeit auszuweichen. Kurz, Andreas gehörte zu jener geringen Zahl von Menschen, die ein Schicksal haben, seine Existenz war weder zufällig noch unabsichtlich. Der unbegreifliche Gott hatte sich einen Spaß daraus gemacht, ihn und seinesgleichen zu erschaffen. Ich gehörte nicht zu seinesgleichen, und das wußte ich. Zum erstenmal wurde ich auf ihn aufmerksam während einer Logikstunde. Wir waren sechzehn und seit Jahren in derselben Klasse und in derselben Schule, ohne uns außer bei zufälligen Gelegenheiten nähergekommen zu sein, beim Fußballspielen oder bei Spaziergängen im Park, wo wir ungestört die Schweizer Au-pair-Mädchen mit den Nestlé-Backen in Augenschein nehmen konnten, ihre weißen Schürzchen und ihre transparenten Blicke. Manchmal hatten Andreas und ich zusammen auf derselben Bank gesessen, wir hatten sicher in einigen Fällen unsere kurzzeitigen Lüste auf dasselbe Mädchen gerichtet, aber wir hatten keine besonders tiefsinnigen Gespräche geführt.

Er saß meistens da mit gesenktem Kopf, er hob den Blick nur widerwillig und nur, wenn man ihn ansprach, um ihn dann blitzschnell wieder zu senken. Ich hatte irgendwie das Gefühl, daß er sich schämte, aber weshalb? Ich frage micht nicht und ihn fragte ich auch nicht, nicht einmal später, als wir durch Ursachen und Umstände aneinander gebunden waren, die jenseits unserer Möglichkeiten lagen... oder nein, ich kann es ebensogut gleich sagen: wir waren ganz einfach beide in dasselbe Mädchen und die spätere Frau verliebt, die Frau, deren Namen ich seit mehreren Jahren nicht in den Mund genommen habe.

In der Logikstunde ging es um Syllogismen. Der Lehrer, ein hinkender, hustender und rauchender mittelalterlicher Mann mit vorspringender Stirn und die Haare ganz glatt nach hinten gekämmt – ich war mir übrigens sicher, daß seine Frisur Tarnung war, er versuchte, sich auffällig und gleichzeitig unauffällig zu machen, wie wenn einer mit den Augen rollt – der Lehrer hatte nicht viel Ahnung von Logik, er war eigentlich Philologe und zufällig dazu eingeteilt, den erkrankten Mathematiklehrer zu vertreten, der übrigens auch keine besondere Ahnung von Logik hatte. Nun war der Philologe aber ein leidenschaftlicher Anhänger von Aristoteles und weil die Erfindung der Syllogismen dem Aristoteles zugeschrieben wird, waren sie die liebsten Konserven in der intellektuellen Vorratskammer des Lehrers.

Mit nikotingelben Fingern malte er den bekanntesten und trostlosesten aller Syllogismen auf die schwarze Tafel.

Alle Menschen sind sterblich

Ich bin ein Mensch

Also: Ich bin sterblich

Es wurde totenstill in der Klasse. Ein ungutes Gefühl breitete sich aus, keiner von uns war bereit, seinen Tod zu einer Frage von Logik zu machen. Der Lehrer blickte uns mit triumphierenden Augen an, so als wolle er sagen: ‹Ihr habt wohl geglaubt, ihr könntet entwischen mit euren kleinen Dummköpfen› und das Schweigen dauerte eine ganze Weile, bis plötzlich Andreas die Hand hob.

«Na?» fragte der Lehrer. «Was ist?»

«Woher weiß ich, daß ich ein Mensch bin?» fragte Andreas mit sehr klarer und ungewöhnlich eifriger Stimme.

Die meisten brachen in lautes Gelächter aus, sogar der Lehrer lachte, aber sein Lachen ging schnell über in einen Hustenanfall und als der Hustenanfall sich gelegt hatte, holte er genüßlich zum Todesstoß aus.

«Es kann natürlich sein, daß gerade du ein Esel bist!» räumte er mit der bekümmerten Stimme des erfahrenen Sadisten ein.

Neues Gelächter. Ich betrachtete Andreas, dessen sonst bleiche Wangen brennend rot angelaufen waren und der in einer Art Wut erneut die Hand hob, den Zeigefinger wie einen Dolch vorstreckend.

«Was ist denn jetzt noch?» Der Lehrer war irritiert, seine schnellen Siege – und er war an schnelle Siege gewöhnt – vertrugen keine längeren Diskussionen, der einzige Vorteil von schnellen Siegen ist, daß sie witzig sind.

«Ich bitte um Verzeihung», nahm Andreas das Thema wieder auf. «Es kann durchaus sein, daß ich ein Esel bin – wogegen ich im Prinzip nichts habe –, aber es ist wahrscheinlich, daß noch viel mehr in dieser Klasse Esel sind, nachdem sie offenbar sowohl verstehen, was Sie sagen und was ich sage, wenn ihr Gelächter auch zeigt, daß dieses Verständnis ziemlich oberflächlich ist, aber was kann man von Eseln anderes erwarten? Also, das Problem besteht nach wie vor!»

Er hatte gesprochen, ohne eine Sekunde zu zögern, die Worte waren mit klarer und eifriger Stimme aus seinem Mund gekommen. Danach packte er seine Bücher und Stifte in einen alten Arztkoffer und verließ das Klassenzimmer. Das war alles so schnell gegangen, daß der Lehrer erst reagierte, als Andreas bereits im Korridor stand. Der Lehrer wandte sich uns zu als könne er nicht glauben, was da geschehen war. Dann schrie er außer sich vor Wut:

«Wo willst du hin?»

«Ich werde gehen und meine Füße im Ilissos waschen!» rief Andreas zurück, und seine Antwort verursachte eine neue Welle von Gelächter, eine Welle, in der der hustende, hinkende, rauchende Lehrer rettungslos unterging.

Am selben Nachmittag fand ich Andreas im Park, verstrickt in ein kompliziertes Gespräch auf schulfranzösisch mit einer der Töchter aus den Alpen, deren Augen erfüllt waren von geheimnisvollen Seen und säuselnden Talwinden, deren Schoß aber leider verklebt war vom Schlamm des Calvinismus. Er beugte sich über sie, er atmete den Duft ihres blonden Haares ein und er sang leise, wobei seine Finger auf einer hypothetischen Gitarre zupften.

Si tu m’aimes

comme je t’aime

tu m’aimerais beaucoup

Die Tochter aus den Alpen lachte gerührt und verwirrt und hielt sich die eine Hand vor den Mund, während die andere gewölbt über ihrem goldenen Schnitt ruhte, dessen Existenz niemand bezweifelte außer ihr selbst. Andreas’ schwarze Augen waren nach innen gewandt, während er sang, er war stark konzentriert auf ihren Duft, auf ihre Stratosphäre, die anziehender war als das Mädchen selbst und er kämpfte begeistert darum, sich in dieser Nähe, in dieser elliptischen Bahn der Lust zu halten.

Ich zerstörte ihm alles. Ich stellte dem kleinen, adrett gekleideten Kind, das in der Nähe spielte, ein Bein, das Schweizer Mädchen stürzte zu dem weinenden Kind und Andreas erblickte mich. Ich lachte. Er schaute mich lange sehr ernst an, aber dann lachte auch er. Er erhob sich von der Bank, kam rüber zu meiner Bank, setzte sich und legte mir seinen rechten Arm um die Schulter.

«Das hast du mit Absicht gemacht!» klagte er mich seufzend an.

«Du solltest ja deine Füße im Ilissos waschen», antwortete ich.

«Und nicht auf die Jagd gehen!»

«Du bist ungebildet wie ein Esel!» seufzte Andreas noch einmal. Er grub in seiner Schultasche und fischte einen von Platons Dialogen heraus, ich weiß nicht mehr, welchen. Dort blätterte er eine halbe Sekunde und schlug dann das Buch auf, er hatte sofort die richtige Stelle und deutete auf eine Zeile mitten auf der Seite. Da stand: entweder sollten wir uns ernsthaft unterhalten oder wir sollten gehen und unsere Füße im Ilissos waschen!

Das war einer der Kraftausdrücke von Sokrates, wenn er genug hatte von den Dummheiten. Andreas klappte das Buch zu und steckte es in die Tasche.

«Das einzige Problem ist, daß es den Ilissos nicht mehr gibt!» lachte er und erhob sich.

«Ich muß jetzt gehen!» murmelte er und war schon zehn Meter weg, ich kam gar nicht auf die Idee, mitzugehen, aber kurz bevor er hinter den Akazien verschwand, die bereits blühten mit ihren gelben, wunderbar schönen Blüten, winkte er ohne sich umzudrehen, und ich kam mir idiotisch vor, als ich seinem gebeugten Rücken hinterher winkte. Aber plötzlich vollführte er eine Pirouette und lachte schallend:

«Ich weiß, wie es ist, hinter einem Rücken herzuwinken!» plärrte er.

Und genauso drang es jetzt durch den Telefonhörer an mein Ohr. Er lachte und plärrte und erzählte, er wäre auf einem Flugplatz mit dem Namen Arlanda und zwei Polizisten stünden links und rechts von ihm. Er sei bei der Paßkontrolle festgehalten worden, seine Papiere seien nicht in Ordnung, die Polizei habe den Verdacht, er wolle im Land bleiben. Er habe vergebens protestiert, aber die Polizisten hätten ihm schließlich erlaubt, anzurufen. «You may call for three crowns» habe einer der Polizisten gesagt und drei Kronen in den Automaten gesteckt.

«Was zum Teufel meint er damit?» fragte Andreas am Telefon.

«Drei Kronen sind Schwedens Symbol!» klärte ich ihn auf, um nicht in technische Details gehen zu müssen, und fuhr fort:

«Ich komme sofort. Laß mich mit der Polizei reden!»

«Wie steht es mit Maria», flüsterte ich und war fassungslos über meinen Mut, aber Andreas’ Stimme verschwand und ich hörte statt dessen eine wirre Unterhaltung auf englisch, dann wurde eine neue Münze in den Automaten geworfen und eine schroffe schwerfällige Stimme aus Norrland drang von Arlanda an mein Ohr. Ja gewiß, man würde ihn hierbehalten. Ich solle so schnell als möglich kommen.

«Sagen Sie meinem Freund, daß ich sofort komme!» schrie ich, aber der Polizist hatte bereits aufgelegt.

Das Kind stand neben mir und hielt mich am rechten Hosenbein fest. Ihre kleinen Finger, schwarz und rauh, hatten den ganzen Tag mit unbändiger Lust in Erde und Sand gegraben, hatten Puppen liebkost, mit Bällen und Spielzeugautos gespielt, krallten sich jetzt in den Hosenstoff. Sie wollte auch telefonieren, aber ich versicherte ihr, daß der Mann am andern Ende der Leitung nichts verstehen würde, worauf sie schnell und überraschend feststellte:

«Um so besser!» und schon mit dem neuen Spiel begann. Wie neu ist das eigentlich? Zu reden ohne verstanden zu werden und ohne das zu erwarten?

Ich legte auf und ich merkte, daß meine Hände zitterten. Ich hatte diese Stimme über zehn Jahre nicht gehört, trotzdem hatte ich sie sofort wiedererkannt. Andreas hatte nämlich seinen Namen nicht gesagt, er hatte geredet, als setzte er ein Gespräch fort, das vor wenigen Minuten unterbrochen worden war.

War die Zeit nur ein Traum?

Aus der Küche rief meine Ehefrau, daß das Essen warte.

«Was gibt es?» wollte meine Tochter wissen.

«Komm, dann siehst du es!» antwortete meine Ehefrau, für die eine definitive Antwort dasselbe war wie für den Fisch das Netz, eine sehr traurige Tatsache also. Aber das Kind ließ sich nicht so leicht fangen. Es war nicht so ungeheuer begierig danach, zu sehen, was es gab, es war begierig danach, zu hören, was es gab, und es rührte sich nicht von der Stelle.

«Komm, wir wollen jetzt essen!» flüsterte ich ihr ins Ohr und ich hob sie hoch in die Luft, und das Gewicht ihres Körpers vermittelte mir ein exaktes Gefühl meiner Liebe zu ihr: auf Dauer war es unmöglich, sie zu tragen und unmöglich, sie zu verlieren.

Ich konnte nichts essen.

«Wer war es?» fragte meine Ehefrau.

«Ein alter Freund!» antwortete ich ausweichend. Wie sollte ich ihr oder irgendeinem andern erklären, wer Andreas war? Ich wußte es selbst kaum.

Es entstand ein beklemmendes Schweigen und so erklärte ich notdürftig Andreas’ Situation, ich sagte, ich müsse nach Arlanda fahren und ihn holen. Ich sah, wie das Liberale in ihr – «man muß seinen Freunden helfen» – mit dem Bürgerlichen – «man bleibt bei Tisch» – kämpfte, und wie immer gewann das Liberale.

«Natürlich mußt du fahren!» seufzte sie und brachte damit den besiegten Teil in sich zum Ausdruck.

Noch ein Abend, ein langer Abend stand ihr bevor, an dem sie angewiesen war auf sich selbst und auf das Kind, das inzwischen eifrig damit beschäftigt war, Milch über ihr Essen zu gießen.

«Hör auf damit!» protestierte meine Ehefrau und unser kleines Drama war beendet.

Ich mochte auch keine definitiven Antworten. Ich erinnere mich an damals, als Maria gefragt hatte, ob ich sie liebe. Ich hatte geantwortet «man könnte es als Arbeitshypothese in Betracht ziehen!» Zuerst war sie ziemlich blaß geworden, aber das hatte nicht lange gedauert. Sie hatte gleich darauf gelacht und erzählt, daß sie dieselbe Frage Andreas gestellt habe. «Und was hat er geantwortet?» – «Daß er gerne sein Leben für mich hingeben würde. Das Problem ist, daß ich sein Leben nicht haben will. Ich will deines!»

Andreas und sie waren sich sehr ähnlich. Beide waren gefühlsmäßig rücksichtslos und kannten keine Scham, sie betrachteten ihre Gefühle als ewig, wie momentan sie auch sein mochten. Sie hatten beide auf dieselbe geniale und erschreckende Weise keinerlei Perspektive.

Ich stand vom Tisch auf. Die Nacht war dunkler geworden, durch den Garten zog ein östlicher Wind; das war die Zeit des ersten Frühlings in den finnischen Wäldern, in denen die Frau, die meine Ehefrau wurde, aufgewachsen war, und in ihrem immer noch glücklichen Blick befand sich derselbe Glanz wie auf den Stämmen der Birken.

Ich hatte diesen Blick geliebt und ich liebte ihn immer, aber er war zunehmend seltener geworden. Wir hatten einige Tage in ihrem abgelegenen Dorf verbracht, wir waren einige Frühlingstage lang in einem Wald verborgen. Wir beobachteten, wie die Laubbäume zu knospen begannen, wie die Bäche und Wasserläufe anschwollen und kleine und große Eisklumpen mit sich führten.

Jeden Morgen unternahmen wir lange Spaziergänge und jeden Nachmittag brachte sie mir das Saunabaden bei, eine Zeremonie, die mich jedesmal an Descartes denken ließ. Er liebte es, in einem Backofen zu sitzen und nur in der Wärme des Backofens konnte er sich seinen Gedanken hingeben.

Aber ich bin nicht Descartes, ich liebte sicher auch die Wärme, aber Descartes bin ich nicht. Ich saß neben der Frau, die meine Ehefrau wurde, ich streichelte ab und zu ihre festen Beine und ich bat sie, vom Krieg zu erzählen. Hunderte von Deutschen, Finnen und Russen waren in diesen Wäldern bei harten Kämpfen gestorben, und dort verbargen nun sie und ich uns vor der Welt und wahrscheinlich auch voreinander.

«Woran denkst du?» fragte meine Ehefrau.

«Papa denkt sicher unablässig! Bekommst du davon nicht Kopfweh?» erkundigte sich meine Tochter.

«Papa ist es gewöhnt, zu denken, weißt du!» scherzte meine Ehefrau.

«Ich möchte auch gewöhnt sein!»

«Dann fang einfach an damit.»

«Was muß ich tun?»

«Schließ die Augen und versuche dich zu erinnern, wie zum Beispiel Lars vom Kinderhort aussieht!»

«Das ist nicht schwierig! Jetzt mach ich die Augen zu!»

«Na, wie sieht er aus?»

«Wie ein Pferd!»

Meine Ehefrau und ich lachten. Wir sahen uns an. Ihr Blick war scheu, ihr Blick war zerstört worden. Er wird nie mehr seine Unschuld wiederfinden; das dünne Häutchen aus Selbstvorwürfen, schlaflosen Nächten und dunklen Tagträumen wird immer zwischen ihr und mir sein wie ein Keuschheitsgürtel, dessen Schlüssel abhanden gekommen ist.

Seit der Fehlgeburt war meine Ehefrau verschlossen, scheinbar ein für allemal. Sie hatte ihre inneren Spiegel mit schwarzem Tuch verhängt, sie trauerte ganz allein und ganz still um ihre verlorene Freude. In ihr floß ein dunkles Wasser, ein unterirdischer See, und sie glitt über ihn wie ein Seeräuberschiff ohne Flagge in ihren eigenen, sorgfältig getarnten Hafen.

«Ich gehe jetzt...»

«Wird es spät werden?»

«Das kommt darauf an! Warte aber nicht auf mich!»

«Ich warte auf dich!» versicherte das Kind.

Beide würden sie auf mich warten, das Kind und die Frau, das wußte ich. Beide würden schlafen, wenn ich heimkomme, aber ihr Schlaf würde anders werden, sobald ich die Lampe im Flur entzünde und die Schuhe leise ausziehe, um sie nicht zu wecken, aber auch so laut, daß sie mein Heimkommen bemerken, wenn auch im Schlaf. Das Kind würde sich behaglich ausstrecken. Die Frau würde ihre Augen öffnen, ein bißchen wach werden und dann den Arm unter den Kopf legen und wieder einschlafen, nun beruhigt.

Was machen wir eigentlich miteinander? Schatten, Tagträume und Gewohnheiten. Was haben die Frau und das Kind aus mir gemacht? Was habe ich aus ihnen gemacht? Was habe ich aus Andreas gemacht, der jetzt vermutlich in einem fremden Zimmer auf dem Flugplatz Arlanda auf und ab ging und auf mich wartete?

Was hat Maria aus mir gemacht? Was hat sie aus Andreas gemacht? Sie, die stets dort zu sein pflegte, wo sie nicht sein sollte, aber nie dort, wo sie sein sollte! Und was habe ich aus ihr gemacht? Jedenfalls keine Gewohnheit. Diese Chance bekam ich nie. Sie ist immer rechtzeitig geflohen und das einzige Mal, wo sie nicht flüchtete, da habe ich es gemacht.

Was machen wir miteinander?

3

Ich näherte mich Stockholm von Süden, auf demselben Weg wie vor sechzehn Jahren. Damals war es in einem grünen Skoda, einem nagelneuen grünen Skoda, den Mikael der Engelsgleiche von seinem ehemaligen Liebhaber bekommen hatte. Dieser Mikael sollte drei Jahre später von einem Lastwagen zerquetscht werden, auf dem Weg von Athen nach Faliron, genau an der Stelle, wo die «Schmetterlinge der Nacht» auf die amerikanischen Soldaten des in der Nähe liegenden Stützpunkts warteten. Der Lastwagen transportierte Kondome zu dem Stützpunkt, große Kartons voller Kondome lagen auf der Straße verstreut, und die Mädchen besorgten sich soviel sie konnten. Mikael der Engelsgleiche starb umgeben von Zuhältern, Huren und Kondomen. Aber damals, vor sechzehn Jahren, war Mikael lebendig und schön wie ein Engel mit seinen blonden Locken, dem kräftigen, hochgewachsenen Körper und den dunklen Augen.

Er war ebenso lebendig wie ein Dämon und ebenso schön wie ein Engel und er beschloß, mit seinem ersten Auto eine Probefahrt zu machen, eine Probefahrt, die auf dem Marktplatz des Viertels unter den staubigen Maulbeerbäumen begann und erst 48 Stunden später in Södertälje endete.

Wir waren zu dritt in dem Auto. Mikael, Andreas und ich, und wir fuhren durch ganz Griechenland, ganz Jugoslawien, Österreich, Deutschland, Dänemark und Schweden, ohne irgendwo anzuhalten. Wir stiegen nur aus dem Auto, um zu pinkeln und um ein paar Stullen zu kaufen. Mikaels dunkle Augen glänzten vor Müdigkeit, aber er rauchte eine Zigarette nach der anderen und er fuhr mit dem kleinen grünen Skoda wie eine Furie, so als wolle er alles hinter sich lassen, vor allem fliehen, vergessen die erniedrigenden Stunden in der großen, mit Möbeln vollgestopften Wohnung am Kolonaki-Markt, wo sein ehemaliger Liebhaber seinen runzligen Körper für Mikaels engelsgleiche Gestalt und dessen dämonischem Schwert darbot.

Andreas und ich sangen die ganze Zeit und regelmäßig tauschten wir die Plätze, manchmal saß einer von uns neben Mikael, manchmal saßen wir beide auf dem Rücksitz und die ganze Zeit sangen wir, während wir ein Europa durchquerten, das sich gerade von seinem letzten Krieg zu erholen begann, und auf der deutschen Fähre hinüber nach Dänemark gelang es Mikael, zwei deutsche Mädchen auf einmal zu verführen und zu fünft lagen wir versteckt hinter dem großen Schornstein, während Andreas für die deutschen Mädchen Nietzsche deklamierte und die Ostsee wie ein grauer Wal unter uns lag. «Wenn uns jetzt der gute Adolf sehen würde», sagte er ab und zu und blinzelte mich an.

Der gute Adolf sah uns nie und wir fuhren in derselben Nacht durch Dänemark und gegen Morgen, nachweislich mein erster schwedischer Morgen, sahen wir zwei Mädchen auf der andern Straßenseite stehen, den Daumen nach Süden gerichtet. Mikael riß das Lenkrad herum. Sie blieben bei uns bis hinunter nach Athen, und ich würde gerne erzählen, wie die Mädchen hießen, aber ich kann mich an ihre Namen nicht mehr erinnern!

Das war ein berauschender grüner Skoda, in dem wir damals fuhren und wir waren zweiundzwanzig Jahre alt!

Marias erstes Auto war ebenfalls ein Skoda. Ich kann mich sehr gut an ihr erstes Auto und an ihren ersten Mord erinnern. Da hatte sie sich gerade an mich, der neben ihr saß, gewöhnt und sie hatte diesen rätselhaften Ausdruck im Gesicht, der bei mir jedesmal eine beinahe metaphysische Unsicherheit hervorrief. Ich wußte nie, ob sie mich liebte oder ob sie mich haßte!

Nein, es war nicht ihr erster Mord. Es war unser erster Mord. Sie hatte sich an mich gewöhnt, die Straße war schmal und es war dunkel. Wir waren ganz hinaufgefahren auf den Penteliberg, unsere Körper hatten die Kälte der breiten Marmorplatte gespürt und wir hatten uns dem uralten Ritus hingegeben.

Ihr schwarzes Haar verschmolz mit den ermatteten Lüsten der Nacht, und ihr knochenweißer Körper wuchs zusammen mit dem Marmorstein, und ich glaubte schließlich, ich hätte mich mit der ganzen Erde vereint, mit dem umfassenden und unbegreiflichen All. Ich dachte an meine frühe Pubertät, ein bestimmter Tag fiel mir ein, als ich vor allen anderen in unserem Haus erwachte, auf die Terrasse ging und hinüberblickte zu unserer Stadt, die sich eben dem schwebenden, bläulichen Licht zuwandte, und ich stand lange da und streichelte gedankenlos mein Glied, aber als dann allmählich die Lust in mir wuchs, ergriff mich die wahnsinnige Vorstellung, mich mit ganz Athen liebend zu vereinen, einen Weg durch das Licht hin zum Schoß der Stadt zu finden, ich wollte die Stadt mit meinem Körper erobern.

An all dies dachte ich und ich merkte, daß ich Tränen in den Augen hatte.

«Du darfst nicht weinen!» hatte Maria geflüstert und ihre Stimme war aus einer jenseitigen Welt gekommen, einer Welt, in der sie allein, herrlich und schön residierte!

Warum weinte ich eigentlich? Und warum habe ich seitdem nie mehr geweint? Ich habe jetzt Zeit, ich kann alle Fragen stellen, alte und neue. Warum weinte ich eigentlich?

Es war nicht so, daß meine Sprache ihre Grenze erreicht hatte, während das, was ich fühlte, grenzenlos war. Damals glaubte ich das, aber ich glaube es nicht mehr. Ich weinte, weil wir die lustvolle Leere – auch Paradies genannt – betreten hatten, ohne zu bezahlen, wir hatten die Ordnung der Dinge gestört und ohne es zu wissen, beweinte ich bereits das notwendige Opfer, ich streute Asche auf unsere Häupter und auf den zertrümmerten Schädel des Jungen.

All dies war bereits eingetroffen; Maria hatte sich mit ihrem rätselhaften Lächeln an mich gewöhnt, sie hatte für einen kurzen Augenblick nicht auf die Straße geachtet und dieser Augenblick war genug, um den Tod eines Jungen vorzubereiten; ein Junge, der direkt in das Auto lief, hochgeschleudert wurde in die Nacht und tot auf die Straße stürzte, seine letzte Reise beleuchtet von einem zerbrochenen Scheinwerfer und unseren entsetzten Augen.

All dies war bereits eingetroffen als wir noch auf dem kalten Marmorstein lagen und unseren zurückhaltenden Atemzügen lauschten, so als hätten wir eben gelernt zu atmen. Und das hatten wir vielleicht getan!

Wenn es die Zeit gibt, dann sind alle Ereignisse in ihr Ereignisse der Vergangenheit. Der Mensch hat sich zum Maß der Zeit gemacht, aber es ist nicht der Mensch, der die Zeit mißt, sondern die Zeit mißt den Menschen, und später, während des Verhörs auf der Polizeiwache, beugte sich Maria noch einmal zu mir, ihr ganzer Körper zitterte wie Espenlaub, ausgeliefert den unberechenbaren Windstößen, und noch einmal kam ihre Stimme aus einer jenseitigen Welt.

«Ich hoffe, daß ich heute nacht schwanger geworden bin!»

Plötzlich mußte ich scharf bremsen. Ich brachte meinen Citröen zehn Zentimeter hinter dem Auto vor mir zum Stillstand. Ich sah, wie dessen Auspuffdämpfe auf meine Scheinwerfer zutrieben, bewegt von dem unmerklichen Wind, der immer über Essingeleden weht, auch in vollkommen windstillen Tagen und Nächten. Es scheint, als würde die Brücke durch ihr Beben wie eine Art Pumpe wirken.

Ich stellte den Motor ab und stieg aus. Ich betrat zum erstenmal die Essingebrücke und stellte erstaunt fest, wie absurd mein Leben geworden war. Vor fünfzehn oder zwanzig Jahren hätte ich es nicht akzeptiert, täglich über diese prächtige Konstruktion zu fahren, ohne jemals anzuhalten, um zu Fuß alle Aussichten zu erforschen und vor allem um mich zu vergewissern, inwieweit diese Brücke ein möglicher Ort für meinen Tod sein könnte. Ich habe nie eine Klippe oder eine Brücke sehen können, ohne an meinen Tod zu denken.

Ich hatte die äußerste Grenze der Entfremdung erreicht. Ich hatte aufgehört, nach Orten zu suchen, wo der Tod möglich war, weil ich die ganze Zeit mit einem Tod irgendwo anders rechnete. Maria rechnete immer mit einem Tod neben mir. Ich erinnere mich an ihre Stimme, aber nicht an ihre Augen, als sie, ihren Kopf an meine Schulter gelehnt, mit zärtlicher und ein wenig verzweifelter Stimme sagte: «Ich könnte ohne weiteres ruhig neben dir sterben...»

Aber sie schaute dabei gleichzeitig Andreas an, er lag ein paar Meter entfernt, hatte einen Grashalm zwischen seinen weißen Zähnen, und die Sonne hing mit ihrem Licht und ihrer Zeit über unseren Häuptern.

Unsere Zeit war eine andere.

Etwas später am selben Tag – Andreas hatte sich in sein Zimmer eingeschlossen, gebeugt über einen leeren Notizblock, der leer blieb – machten Maria und ich einen Spaziergang an den Sandsteinhügeln entlang. Sie ging vor mir, sie trug ein schneeweißes Kleid mit einer großen roten Blume über dem Busen.

Ich ging hinter ihr, ich beobachtete ihren Körper Schritt für Schritt, das rhythmische Auf und Ab der Hüften unter dem weißen Leinen, ich paßte meinen Schritt dem ihren an, meine Atemzüge den ihren, und ich wußte nicht, ob sie ahnte, was hinter ihrem Rücken vor sich ging, aber ich feierte Orgien mit ihr, um so schwindelerregender, je unkörperlicher sie waren.

Aber sie mußte etwas geahnt haben, denn unvermittelt blieb sie stehen, der Weg war schmal, ich konnte nicht an ihr vorbei, ich blieb ebenfalls dicht hinter ihr stehen, heftig schnaufend, und ich umschloß mit meinen Händen ihre verborgene Mitte.

«Wenn du weitergehen willst, mußt du durch mich hindurch!» lachte sie, ohne sich umzusehen.

Durch ihr dunkles, wogendes Haar konnte ich weit, weit weg das Meer erkennen und zwischen dem Meer und mir befand sich ihr Körper, jung, unbefruchtet und kühl, gehüllt in ein schneeweißes Kleid; eine ausgezeichnete Luftspiegelung, eine Halluzination, die ich aber in meinen Armen halten konnte.

Aber meine Zeit war eine andere.

Ich war ein Ikarus ohne Schwingen aus Wachs, ich brauchte nicht zu fliegen, um in dieses glitzernde, flimmernde Meer zu stürzen; es genügte, Maria zu umarmen, deren Rücken sich leicht nach vorne beugte, wie eine Brücke halbwegs hin zur Unsterblichkeit, aber nur halbwegs. Ich glitt hinunter auf die heiße Kalkerde und küßte ihr feuchte Kniekehle, die nach Salz schmeckte. Maria legte ihre Hand auf meinen Kopf, immer noch ohne sich umzudrehen, so als segne sie meine Lippen, so als segne sie meine Lust und dieses glitzernde, flimmernde Meer.

«Wie lange sollen wir hier noch stehen?» hörte ich plötzlich in Westküstenschwedisch fragen. Ich wandte mich um und Riddarholmena tauchte aus dem ägäischen Wasser, in dem ich erst neulich in Erinnerung an Maria meine letzten Empfindungen an eine glückliche Zeit geopfert hatte.

Hunderte von Autos standen mit eingeschalteten Scheinwerfern, aber keine weiteren Menschen stiegen aus, sie blieben sitzen und warteten in der sicheren Gewißheit, in einen Stau geraten zu sein, ein Modell für Sicherheit in unserem heutigen Leben.

«Wahrscheinlich hat es dort vorne einen Unfall gegeben!» antwortete ich.

«Die Leute fahren ja wie die Irren!» seufzte treuherzig die Stimme aus Göteborg und kehrte in das italienische Auto zurück, das ungeduldig im Leerlauf lief.

Ich warf einen letzten Blick auf das dunkle Wasser um Riddarholmen und ging dann zurück zu meinem Citroën. Ich setzte mich hinein und pfiff diese sehr alte Weise, die Andreas einst für ein Schweizer Mädchen gesungen hatte.

Si tu m’aimes

comme je t’aime

tu m’aimerais beaucoup

Andreas wartete auf mich. Alles wartete auf mich. Und worauf wartete ich? Die Nacht fiel über die Essingebrücke, die einer auf Grund gelaufenen Fähre ähnelte.

«Geduld, Andreas! Geduld!» betete ich.

«Ich komme!»

4

Wie lange war Andreas schon auf dem Weg zu mir? Wie lange war es mir schon gelungen, ihn zu vergessen? Und Maria?

Ich hatte nicht vergessen. Ich hatte nur gelernt, so zu tun, als würde ich leben und habe mir in dieser Kunst eine solche Fertigkeit angeeignet, daß niemand den Unterschied bemerkt. Aber besteht überhaupt irgendein Unterschied zwischen leben und so tun, als würde man leben? Welcher von diesen zwei Träumen ist nun wahrer oder richtiger?

Ich kann es nicht sagen. Wer kann das schon?

Wenn die Ethik der Aufopferung stimmt, habe ich alles gewonnen, denn ich habe alles verloren. Zuerst verlor ich Maria, danach Andreas und endlich diese grausame Erfindung der grausamen Götter, mein Land, dieses Gebilde aus Berg und Meer, das meine Sinne erzogen hat.

Alles hatte ich verloren, aber hatte ich auch meine Seele gewonnen? Aber was ist meine Seele, wenn nicht Maria, Andreas und mein Land? Und dann diese Einsicht von der Unausweichlichkeit des Scheiterns, die sich vererbt hat vom Vater auf den Sohn, von der Mutter auf die Tochter.

Diese Einsicht zwang mich, in der Zeit aufzugehen. Das hat Andreas nie gelernt, in seinen Genen hatte ein Sprung stattgefunden, er war für niemanden eine Fortsetzung, er wurde geboren, um von vorne anzufangen.

Er war in der Klasse zweifellos der intelligenteste von uns allen, aber er kam nie in die Nähe der richtig guten Zensuren. Ich hatte immer viel bessere Zensuren als er. Die Lehrer hatten Angst vor Andreas, jedesmal, wenn er die Hand hob, weil er etwas sagen wollte, wurde es ganz still in der Klasse und jedes zweite Mal taten die Lehrer so, als hätten sie seinen fordernden Zeigefinger nicht bemerkt.

Einmal protestierte Andreas und der Lehrer, dieser Hundsfott, der Mathematik unterrichtete, verteidigte sich lachend: «Du bist so klein, daß ich dich nicht gesehen habe!»

Andreas war leichenblaß geworden und ich sah, wie er mit einem Asthmaanfall kämpfte, er atmete pfeifend und hastig und wir andern, sogar ich, lachten und stellten uns auf die Seite des Mathematiklehrers. Andreas hatte mit wütenden Augen in meine Richtung geblickt, aber weder damals noch später etwas gesagt. Er war vermutlich daran gewöhnt. Er war daran gewöhnt, verraten zu werden, aber er lernte nie etwas daraus, er blieb unverändert lauter in seinem Wesen und unverändert unglücklich.

Andreas hatte oft homerische Auseinandersetzungen mit dem Religionslehrer, einem sehr ehrgeizigen Seelenjäger, der neben den üblichen Sünden mit großer Leidenschaft die für ihn schlimmste aller Sünden bekämpfte – das Widersprechen. Andreas brachte kaum seinen Mund auf, und der Lehrer unterbrach ihn und belegte ihn mit dem schrecklichsten Ausdruck, den er kannte, nämlich «Jesuit!».

Andreas, der es überhaupt nicht vertragen konnte, wenn man seine intellektuelle Redlichkeit in Frage stellte, wurde total wütend, erhob sich in seiner Bank und schrie, daß keiner ein Monopol auf Gott besitze.

«Doch, ich schon!» brüllte der Lehrer.

«Und warum?» erkundigte sich Andreas, jetzt in höflicherem Ton.

«Weil ich es sage!» tobte der Kreuzritter und ging dazu über, mit den Zähnen zu knirschen.

«Ich dachte, es sei Gott vorbehalten, das zu sagen!» reizte ihn Andreas aufs neue.

«Raus!» heulte der Lehrer. «Raus!» Und er hob die Hand wie Moses es an seiner Stelle getan hätte. Und Andreas verließ lachend das Klassenzimmer, aber nach zehn Minuten rief ihn der Lehrer wieder herein, weil die Stunde ohne Andreas so eintönig war.

Die große Streitfrage zwischen ihnen war nicht, wie man vielleicht meinen könnte, die Existenz Gottes. Dieses Problem hatte Andreas bereits abgeschlossen. Nicht er mußte Gottes Existenz beweisen, es war die Sache Gottes zu beweisen, daß er existierte. Ebensowenig quälte sich Andreas damit, einen Gegenbeweis zur Existenz Gottes zu führen, «weil es theoretisch unmöglich ist, etwas zu zeigen, was es nicht gibt. Das einzige, was man tun kann, ist der Nachweis, daß es etwas nicht hier und jetzt gibt, aber das setzt voraus, daß dieses Etwas woanders zu finden ist. Mit anderen Worten: der Versuch, zu beweisen, daß es Gott nicht gibt, ist ein sinnloseres Unterfangen als der Versuch, zu beweisen, daß es Gott gibt. Deshalb besitzen die Christen meine ganze Sympathie!» schloß er seine Überlegung. Die zentrale Streitfrage war: «Wie kann jemand glauben, ohne zu wissen oder schlimmer, ohne den Versuch gemacht zu haben, zu wissen!»

«Ich kann das!» lachte der Lehrer triumphierend.

«Das können Sie nicht!» lachte Andreas zurück.

«Kann ich nicht?» höhnte der Lehrer. «Und wer, wenn ich fragen darf, sollte mich daran hindern?»

«Die Logik!» antwortete Andreas pathetisch. «Die höchste Richterin!»

«Was hat die Logik damit zu tun?»

«Lassen Sie mich erklären!»

«Dann aber schnell!»

«Gut. Gesetzt der Fall, ich begegne Ihnen auf der Straße...»

«Dann bewirfst du mich mit Tomaten, du Flegel!»

«Ja, aber abgesehen davon... wenn ich Ihnen auf der Straße begegne und Sie frage: regnet es? Da antworten Sie, ja es regnet, wenn es regnet und nein, es regnet nicht, wenn es nicht regnet. Wenn ich aber frage: Glauben Sie, daß es heute vor zweitausend Jahren geregnet hat? Da können Sie antworten: Ich weiß es nicht, aber ich glaube es oder ich weiß es nicht, aber ich glaube nicht. Mit andern Worten: glauben bedeutet, daß man zugleich bezweifelt, was man glaubt, was wiederum bedeutet, daß der Glaube manchmal stärker sein kann als der Zweifel und manchmal umgekehrt. Aber zu glauben, ohne gleichzeitig zu zweifeln, ist eine psychologische Möglichkeit für Fanatiker, aber eine logische Unmöglichkeit für vernünftige Leute!»

«Dann gehöre ich also nicht zu den vernünftigen Leuten?»

«Leider ist diese Folgerung...»

«Raus!»

Aber nach zehn Minuten hatte der Lehrer, der im Grunde ein gutmütiger Mensch war, ein neues Argument gefunden und er schickte einen von uns, um Andreas hereinzuholen. Diese Aufgabe oblag fast immer mir, denn zu der Zeit wußten alle, daß Andreas und ich dicke Freunde waren.

Andreas war, sogar mit griechischem Maß gemessen, ziemlich klein und er litt sehr darunter, obwohl er nie darüber sprach. Aber er konnte ab und zu ohne sichtbaren Anlaß bleich werden, ein dunkler Schatten fuhr rasch über sein Gesicht, und das konnte jederzeit passieren, aber besonders oft passierte es in den Musikstunden.

Der Musiklehrer war ein brutaler Riese, sehr begabt, aber sehr unglücklich über seine Größe und seine weißgefleckte Haut. Er war wie eine Pythonschlange, die ständig ihre Haut wechselte, und er hatte einen sehr verschrobenen Humor. Mich verabscheute er und nannte mich einen großen «Scheißhaufen», ich solle doch die Äcker düngen, dann würde der Klatschmohn «hoch wie Zypressen», und er verspottete mich auf jede Art, weil ich nicht singen konnte und auch die Noten nicht lernte.

Andreas dagegen liebte er, Andreas war sein großer Stolz, dabei quälte er ihn noch mehr als uns andere. Andreas konnte nicht nur singen, er fing auch bald an, eigene Melodien zu komponieren, die er auf einer armseligen Gitarre des Lehrers spielte und man sah, wie der Lehrer vor Freude nasse Augen bekam, aber er konnte es nicht lassen, er mußte Andreas reizen und natürlich reizte er ihn an dem Punkt, der Andreas’ wundester war. Sobald Andreas der kleinste Fehler unterlief, forderte ihn der Lehrer auf, rauszugehen und «sich zu entspannen, denn wenn einer so klein ist, wirbelt er doch nur den Staub vom Boden auf», und da sah man jedesmal den dunklen Schatten über Andreas’ Augen.

Ansonsten hatte Andreas einen schönen, kräftigen Oberkörper und sein stolzes Haupt, die feurigen schwarzen Augen, das kohlschwarze Haar und der blasse Teint verliehen ihm ein Aussehen wie die byzantinische Ikone eines christlichen Märtyrers. Ich liebte dieses Gesicht und als ich Maria getroffen hatte, wußte ich, daß auch sie dieses Gesicht lieben würde.

Und doch, ich konnte es nicht lassen, die beiden zusammenzubringen. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, daß ich ihm ihre Bekanntschaft schuldig war und ihr seine Bekanntschaft, und ich akzeptierte es ohne nennenswerte Schwierigkeiten, daß sie im Grunde schon bei ihrem ersten Zusammentreffen ein Verhältnis anfingen. Was ich nicht einsehen konnte war, daß Maria mich auch liebte oder, was viel schwerer verständlich war, daß sie eigentlich nur mich liebte. Mir erschien so etwas naturwidrig, man konnte doch nicht das schlechtere Exemplar einer Rasse lieben, wenn man ein besseres kriegen konnte?

Ich war noch zu jung, ich wußte nicht, daß es in der Liebe keine Normen gibt, jedenfalls nicht solche, die man bei Licht betrachten kann, ich begriff nicht, daß alles, was man über die Liebe gesagt hat und was man noch über die Liebe sagen wird, schmerzhafte Rationalisierungen sind oder pseudometaphysische Tiefsinnigkeiten; ich verstand nicht, daß Liebe ist wie das Schweigen: sie existiert in Abwesenheit von allem andern.

Ich war immer noch von der völlig falschen Vorstellung besessen, daß einer der Liebe eines andern wert sein könne oder müsse. Ich war gründlich getäuscht worden von dem Ritter und seiner Dulcinea, ich betrachtete die Welt als große Arena und Dulcineas Liebe winkte dem Gewinner. Ich sehnte mich danach, alle anderen zu besiegen, damit meine Niederlage in der Liebe um so größer sein würde. Ich wollte Maria den Siegerkranz zu Füßen legen und ich kapierte nicht, daß Maria keinen Kranz, sondern nur mich haben wollte. Aber vielleicht war ich nicht bereit, diesen Preis zu bezahlen!

Der Verkehr begann wieder zu fließen. Der luftgekühlte Motor hatte offenbar den langen Leerlauf nicht so gut vertragen, er spuckte und stotterte, aber als ich den dritten Gang eingelegt hatte, schnurrte er sanft wie ein verschmustes Kätzchen.

Auf Essingeleden hatte es einen Unfall gegeben, als die Polizei uns vorbeidirigierte, sah ich zwei verbeulte Autos, einen Volvo und einen VW-Bus, und ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie das passiert sein sollte. Ich erblickte ein kleines blondes Mädchen, das in den Armen eines Polizisten weinte. Eine Frau um die Dreißig stand ein bißchen abseits und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Ich dachte an ein anderes Kind, das Maria und ich eines Nachts vor langer Zeit überfahren hatten und ich dachte an das Kind, das ich beim Abendbrot verlassen hatte, das Kind, das meine Tochter ist. Sie waren wahrscheinlich inzwischen mit dem Essen fertig, die Frau, die meine Ehefrau ist, las sicher die Zeitung – sie schaffte es tatsächlich nie, die Zeitung morgens zu lesen –, und das Kind, das meine Tochter ist, saß sicher in der Badewanne und spielte mit einem kaputten Schiff, das für sie aus irgendeinem Grund das Schiff des Großvaters war.

Sie hatte ihren Großvater nur ein einziges Mal getroffen und da war sie knapp drei Jahre alt. Sie hat nur eine schwache Erinnerung an ihn, aber sie erinnert sich, daß Großvater sehr alt war und sie machte sich Sorgen darüber, daß er jederzeit sterben könne. Sie redete ständig darüber und ich fragte sie einmal, ob sie Angst vor dem Tod habe.

«Nein!» hatte sie mir versichert.

«Wie sieht denn der Tod deiner Meinung nach aus?» bohrte ich weiter.

«Ja... wie eine Treppe eben!»

Und da merkte ich, daß sie zitterte, ihr kleiner, flaumiger Körper bebte und ich nahm sie in meine Arme, um sie und mich zu trösten und vermutlich tat ich dasselbe, was der Polizist mit dem blonden Mädchen versuchte.

Ich stieg aufs Gaspedal, bei 4000 Umdrehungen schaltete ich in den Vierten, machte das Radio an und steckte mir eine neue Zigarette zwischen die Lippen. Die Nacht war noch tiefer geworden, der Verkehr hatte nachgelassen, und ich war auf dem Weg zu Andreas. Ich war für eine kurze Weile glücklich.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
05 maja 2025
Objętość:
180 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711440537
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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