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Tanja Noy

Teufelsmord - Ein Fall für Julia Wagner: Band 1

Für Katja.

Immer.

Saga

Teufelsmord - Ein Fall für Julia Wagner: Band 1Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2014, 2020 Tanja Noy und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726643060

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Dem Team von „Notwaende“.

Doro und Ute.

Für alles, was ich nicht aufzählen kann.

PROLOG

August 1987

Samstag, kurz nach Mitternacht

„Sicher, dass sie hier entlanggelaufen ist? Ich kann, verdammt noch mal, nichts sehen!“

„Ich bin mir sicher. Weiter!“

Sie hörte die Stimmen und schlug die Augen auf. Obwohl es fast vollständig dunkel war, erkannte sie die Schatten der Bäume um sich herum, kalt und unheimlich. Kleine Lichter kreisten ein Stück entfernt und verschwanden dann wieder.

Erneut die Stimmen.

„Sie steckt hier irgendwo, ich weiß es.“

„Schneller.“

Es dauerte noch einen Moment, bis ihr klar wurde, dass es sich bei den Lichtern um Taschenlampen handelte und dass sie in einem Wald auf dem Boden lag. Und bis sie endlich begriff: Sie suchten sie.

Eine Serie von Bildern schwirrte durch ihren Kopf. Sie hatten sie entführen wollen und sie hatte sich befreit. Irgendwie war es ihr gelungen zu fliehen. Und jetzt waren sie auf der Suche nach ihr.

Schritte waren zu hören. Körper schoben Äste beiseite. Die Lichtkegel der Taschenlampen fegten über Boden und Bäume. Als einer der Kegel über sie hinwegglitt, wurde sie für einen Moment in weißes Licht getaucht.

„Warum hast du sie auch abhauen lassen?“

„Du hast auch nicht aufgepasst.“

Sie zwang sich, ganz ruhig liegen zu bleiben, sich nicht zu bewegen, selbst das Atmen verbot sie sich.

Dann herrschten für einen Augenblick wieder Dunkelheit und Stille. Eine Stimme in ihrem Kopf befahl ihr zu laufen. So schnell wie möglich. Sie richtete sich auf, schwankte, taumelte.

„Ich seh sie. Da ist sie!“

Sie bündelte all ihre Energie, alles was sie noch an Kraft in sich hatte, doch gerade als sie sich in Bewegung setzen wollte, wurde ihr schwarz vor Augen.

„Ich hab sie. Hab ihr eine vor den Latz geknallt!“

„Gut. Halt sie fest!“

Körper warfen sich auf sie und drückten sie zurück auf den Waldboden. Instinktiv schloss sie die Augen, weil sie in diesem Moment spürte, dass es ab jetzt keine Hoffnung mehr gab.

Gleich darauf fühlte sie einen feuchten, heißen Mund an ihrem Ohr: „Warum bist du weggelaufen? Du weißt doch, dass du nicht entkommen kannst. Du bist auserwählt.“

Die Stimme war so scheußlich, so kalt, so grausam, dass sie die Augen doch noch ein letztes Mal öffnete. Sie hätte es nicht tun sollen. Denn so war das Letzte, was sie in ihrem viel zu kurzen Leben sah, das Gesicht des Teufels, das überlegen grinste.

Sonntag

9:36 Uhr

Wenn es einen Tag gab, der nicht für die Lebenden gemacht war, dann war es dieser. Überall Blaulicht und Streifenwagen, außerdem ein Notarztwagen, und die Spurensicherung war auch schon bei der Arbeit.

Kriminalhauptkommissar Wolfgang Lange ließ den Wagen ausrollen und zog die Handbremse an. Es hatte angefangen zu regnen. Er stieg aus und schlug den Kragen seiner Jacke hoch.

„Da bist du ja.“ Sein Kollege Ta Quok wandte sich zu ihm um, als er ihn kommen hörte.

Lange kratzte sich am Kinn. „Was haben wir?“

„Das Opfer ist weiblich. Mitte zwanzig. Nackt. Das Gelände wird gerade nach ihrer Kleidung und persönlichen Gegenständen abgesucht, aber bis jetzt haben wir noch nichts gefunden. Sicher ist bis jetzt nur, dass es sich um eine Urlauberin handelt.“ Ta Quok setzte sich in Bewegung, hielt das Absperrband in die Höhe und sie liefen nebeneinander durch den Wald.

„Wie bei den anderen beiden?“, fragte Lange.

„Ja. Auch ihr wurde die Kehle durchgeschnitten.“

„Wer hat sie gefunden?“

„Eine Spaziergängerin. Oder besser: der Hund einer Spaziergängerin. Die beiden haben den Schock ihres Lebens bekommen.“

„Verständlich. Welcher Rechtsmediziner?“

„Madame.“

Lange zog die Augenbrauen hoch. „Wie ist ihre Laune?“

Ta Quok lächelte dünn. „Sprich sie nicht an, ehe sie dich anspricht.“

Wenige Meter entfernt standen uniformierte Polizisten und unterhielten sich gedämpft. Dahinter bewegten sich Beamte der Spurensicherung in weißen Overalls auf Händen und Knien langsam über den Boden. Ein weiterer hantierte mit einem Scheinwerfer. Als er die beiden Kriminalbeamten entdeckte, kam er auf sie zu und sagte: „Der Täter muss ziemlich viel Blut abgekriegt haben. Vielleicht hat er eine Spur hinterlassen, die uns zu ihm führt. Der Fährtenhund ist gerade dort drüben.“ Er deutete in Richtung des dichten Waldes. „Und versucht, die Blutspur zu verfolgen.“

„Welcher Staatsanwalt ist zuständig?“, wollte Lange wissen.

„Wagner“, antwortete Ta Quok. „Dieses Mal hat er es sich nicht nehmen lassen, sich die Sache persönlich anzusehen. Müsste jeden Augenblick hier sein.“

Beim Tatort angekommen, rieb Lange sich über die Augen, doch als er die Hand wieder senkte, war das Bild vor ihm immer noch dasselbe: Über einem provisorisch aufgebauten Altar thronte ein schwarzes, auf dem Kopf stehendes Kreuz, mit einem Jesus, der düster zu ihnen heraufsah, als könne er selbst nicht glauben, was sich letzte Nacht direkt vor seinen Augen abgespielt hatte. Auf dem Altar lag eine nackte Frau, Hände und Füße mit Klebeband fixiert – wobei ihre Finger ineinander verschränkt waren, als würde sie ein letztes Mal beten –, und starrte mit leeren Augen in die Baumwipfel. Ihre Kehle war von links nach rechts durchschnitten und es schien keinen Zentimeter um sie herum zu geben, der nicht voller Blut war.

„Ist sie so gefunden worden?“, wollte Lange wissen.

Ta Quok nickte.

„Wurde sie missbraucht?“

„Dem ersten Anschein nach nicht. Allerdings hat der Mörder wieder seine … Markierung hinterlassen. Siehst du? Er hat es mit einem Messer in ihren Bauch geritzt.“

Lange nickte langsam. „Ein Pentagramm.“

„Jepp. Das Zeichen der Seelenräuber.“

Die Luft um sie herum schien geradezu erfüllt von Grauen und nervöser Ratlosigkeit. Beide waren sie sich sicher, den Herzschlag des Bösen im Wald hören zu können.

„Ich versteh das einfach nicht“, sagte Ta Quok nach ein paar Sekunden. „Ein Serienmörder, ausgerechnet in Wittenrode? In dem Kaff, in dem die Zeit stillsteht?“

Lange warf ihm einen düsteren Blick zu.

„Entschuldige, aber ich verstehe immer noch nicht, warum du ausgerechnet hierher gezogen bist. Ich meine, hier gibt es nichts. Eine Straße führt rein und wieder raus. Die heiraten nur untereinander und bleiben durch und durch unter sich. Unglaublich, dass es so ein Nest in der Nähe einer Stadt gibt. Wie weit ist Hannover von hier entfernt? Zwanzig Kilometer?“

„Achtundzwanzig“, sagte Lange. „Und immerhin ist dieses Nest, wie du es nennst, bei Urlaubern sehr beliebt. Die Ferienhäuser, direkt am Wittenroder See gelegen, sind jedes Jahr ausgebucht.“

„Waren“, gab Ta Quok zurück. „Drei bestialische Morde innerhalb von zwölf Stunden dürften erst einmal das Ende des Wittenroder Tourismusbooms bedeuten.“

„Ja“, gab Lange zu. „Da hast du wohl recht.“

„Wissen Sie“, hörten sie eine Stimme hinter sich, „ich bin kein Kirchgänger und ich bin auch nicht wirklich gläubig, aber ich hab immer an die Existenz des Teufels geglaubt. Daran, dass er in der Welt ist und Böses tut. Und wenn ich das jetzt sehe, dann weiß ich, dass ich recht hatte.“

Lange und Ta Quok wandten sich um und sahen sich einem groß gewachsenen, schlanken Mann Anfang vierzig gegenüber, mit dunklen Haaren und markantem Gesicht.

„Herr Staatsanwalt“, grüßten sie, fast wie aus einem Mund.

Unruhig zog Sven Wagner an einer Zigarette, deren Asche er in die linke Handfläche schnippte, um den Tatort nicht zu kontaminieren. Mit starrem Gesicht betrachtete er die Leiche. „Zwar handelt es sich dieses Mal um eine Frau, aber wir sind uns wohl einig, dass es sich um denselben Täter handelt.“

Lange nickte. „Auch ihr wurde die Kehle durchgeschnitten, auch ihr wurde ein Pentagramm in den Bauch geritzt.“

„Außerdem der gleiche Altar“, fügte Ta Quok hinzu. „Das gleiche auf dem Kopf stehende Kreuz …“

„Und der gleiche Hass“, vollendete Wagner, „soweit ich das verstehe. Oder auch nicht verstehe.“ Er zog wieder an seiner Zigarette und inhalierte tief.

Frau Dr. Strickner kam auf sie zu und blieb bei ihnen stehen. „Wohl bekomm’s, Herr Staatsanwalt“, bemerkte sie in seine Richtung. „Ich dachte, Sie hätten aufgehört zu rauchen.“ Dann drehte sie sich so, dass sie alle drei ansehen konnte. „Bisher gibt es nichts, was diesen Mord von den beiden vorherigen Morden unterscheidet. Sieht man davon ab, dass das erste Opfer ein Kind war, das zweite Opfer ein junger Mann und dass es nun eine junge Frau getroffen hat, ist der Mörder seinem Muster treu geblieben. Er scheint nach der Tat wieder in Richtung Wald gelaufen und später im Wittenroder See verschwunden zu sein. Wenn es so war, dann wird auch diese Spur in einer Sackgasse enden.“

„Diese Abgebrühtheit“, murmelte Wagner. „Das jagt mir einen echten Schrecken ein.“

Nächster Tag

9:34 Uhr

„Also gut“, begann Diplompsychologe Dr. Hans-Peter Machleid und blinzelte in die Runde. „Die größte Zielgruppe für ritualisierende Satanisten sind Frauen. Sie können es aber auch auf Kinder und – wie in unserem Fall – auf Männer abgesehen haben. Das Böse lässt sich nicht eindeutig heterosexuell festlegen.“ Da sich sein Gesicht bei der letzten Bemerkung keinen Millimeter verzog, war schwer abzuschätzen, ob sie in irgendeiner Form mit Ironie versehen war. „Die Opfer wurden vermutlich im Vorfeld beobachtet und verfolgt“, sprach er weiter. „Der Täter kannte ihre Gewohnheiten und wusste, dass es eine Gelegenheit geben würde, sie alleine zu erwischen. Der Tatort – ein Wald – ist in diesem Fall nicht als ungewöhnlich zu bezeichnen. Im Gegenteil, es wurde ein abgelegener Ort benötigt, damit er sich mit den Opfern die nötige Zeit lassen konnte. Ich würde davon ausgehen, dass sich der Mann – und wir können uns mit beinahe hundertprozentiger Sicherheit auf einen Mann als Täter festlegen – in der Gegend auskennt. Vermutlich lebt und wohnt er in Wittenrode – oder in der näheren Umgebung des Ortes – und beobachtet aufmerksam das Voranschreiten der Ermittlungen, wie Serientäter es häufig tun.“

„Was ist mit den Opfern?“, warf Ta Quok ein. „Wir konnten keine Verbindung zwischen ihnen feststellen. Ist das nicht ungewöhnlich? Ich meine, sie unterscheiden sich im Alter und im Geschlecht. Ein Kind, ein Mann, eine Frau. Sie kamen aus völlig unterschiedlichen Gegenden Deutschlands. Die einzige Gemeinsamkeit ist die, dass sie alle am Wittenroder See Urlaub machten.“

„Es gibt immer irgendetwas, was die Opfer eines Serienmörders miteinander verbindet“, antwortete Machleid. „Hier dürfte es der Ort sein, an dem sie ihm begegneten.“ Er sah in die Runde. „Der Mensch, mit dem wir es zu tun haben, meine Herren, ist getrieben von der Lust am Töten und ausgeprägter innerer Kälte. Er sieht seine Opfer nicht als Menschen, sondern als Vieh. Er genießt die Macht, über sie zu herrschen, über ihr Leben zu bestimmen, sie zu schlachten, wenn es ihm beliebt.“

Niemand sagte etwas. Fast schien es so, als würden alle den Atem anhalten.

„Was ihn antreibt“, erklärte Machleid weiter, „ist der Eindruck, den er hinterlassen will. Diese drei Verbrechen wurden sorgfältig inszeniert, um bei denjenigen, die sich das Szenario anschließend ansehen mussten, eine möglichst traumatische Wirkung auszulösen.“

„Das hat er geschafft“, murmelte Ta Quok.

„Gleichzeitig ist er ausgestattet mit überdurchschnittlicher Intelligenz und kühler Logik. Er ist voller Selbstvertrauen und scheint keine Angst zu haben. Vor allem, weil er sehr geordnet vorgeht. Um Ihnen das näher zu erklären: Im Allgemeinen lassen sich Tatorte in zwei Kategorien einordnen: geordnet oder chaotisch. In diesem Fall haben wir es mit einem geordnet vorgehenden Mörder zu tun, der die Taten plant und sich die Opfer sorgfältig aussucht. Das Fesseln mit Klebeband entspricht den Elementen der Kontrolle und der Planung.“

„Warum hat er die Opfer nicht missbraucht?“, schaltete Staatsanwalt Wagner sich ein. „Ich meine, geht es bei diesem Satanistenkram nicht eigentlich um Sex, Macht und Gewalt? Hier aber hat keinerlei sexuelle Penetration stattgefunden, bei keinem der Opfer. Es fand sich kein Sperma an den Tatorten, was bedeutet, dass der Täter auch nicht masturbiert hat, es sei denn in ein Kondom. Aber auch dieses Gefühl habe ich nicht.“

„Aller Wahrscheinlichkeit nach ist genau das Fehlen dieser sexuellen Handlungen der Schlüssel“, sagte Machleid. „Vielleicht wollte unser Mann, konnte aber nicht. Vielleicht wurde er unterbrochen.“

Ta Quok strich sich durch die kurzen, dunklen Haare. „Aber dass die Opfer nicht vergewaltigt wurden … könnte das nicht doch bedeuten, dass es sich bei dem Täter um eine Frau handelt?“

„Ich kann mir eine Frau als Täterin nur schwer vorstellen“, wandte der Psychologe sich an ihn. „Zum einen erforderte das Überwältigen der Opfer einen ziemlich großen Kraftaufwand und vor allem beim zweiten Opfer – Ronald Süß – dürfte es für eine Frau sehr schwer gewesen sein, ihn zu überwältigen. Zum anderen werden solch sadistische Verbrechen fast ausschließlich von Männern begangen. Weibliche Serientäter gibt es kaum, und wenn doch, sind es sogenannte ‚schwarze Witwen‘, die vorzugsweise mit Gift oder anderen heimtückischen Methoden arbeiten.“ Machleid wandte sich wieder an alle. „Begehen Sie nicht den Fehler, nach einem verrückten Einzelgänger zu suchen, meine Herren. Untersuchungen haben ergeben, dass rund die Hälfte dieser Männer verheiratet sind. Und fast alle haben Kinder.“

Stille stieg über den Köpfen auf und breitete sich im Raum aus.

So lange, bis Machleids Stimme erneut erklang: „Ich gehe davon aus, dass auch das nähere Umfeld unseres Täters nichts von seinem Hobby, dem Satanismus, weiß. Wahrscheinlich ist er der große Held in seinem Sportverein, ein liebevoller Vater und Ehemann. Er arbeitet vermutlich in einem Beruf, bei dem er mit anderen Menschen in Kontakt kommt, also ist er begabt im Umgang mit anderen. Möglicherweise hat er sich früher einmal asozial verhalten, aber das muss nicht unbedingt schwerwiegend genug gewesen sein, um aktenkundig geworden zu sein. Er besitzt ein gepflegtes Auto, ein schönes Haus. Alles schön sauber und ordentlich. Wenn Sie einen Durchsuchungsbefehl haben, dann achten Sie auf Gegenstände, die in Zusammenhang mit sexuell brutalem Verhalten stehen: Pornohefte, Videos. Er könnte seinen Opfern nicht nur die Kleidung, sondern auch andere persönliche Gegenstände entwendet haben. Suchen Sie auf jeden Fall nach Tagebüchern oder anderen Aufzeichnungen. Vielleicht enthalten sie Einzelheiten über die Opfer, über Fantasien, ja vielleicht sogar über die Verbrechen selbst.“ Machleid brach ab und holte tief Luft.

„Wird er es wieder tun?“, wollte Staatsanwalt Wagner wissen.

„Es ist anzunehmen. Vielleicht zieht er sich ab jetzt aber auch wieder zurück. Diese Möglichkeit besteht ebenso. Aber wenn Sie mich fragen, dann würde ich sagen, dass er seinen nächsten Schachzug bereits gründlich vorbereitet. Wenn Sie ihn nicht vorher erwischen, meine Herren, dann wird er einen wirklich großen Abdruck in der Geschichte der Verbrechen hinterlassen. Einen Abdruck, der für immer sichtbar sein wird.“

Drei Tage später

10:06 Uhr

Mit ausgesprochen schlechter Laune griff Polizeichef Kämmerer nach einer der Zeitungen auf dem Tisch und hielt sie in die Höhe.

„Herrschaften! Wir wissen ja, was wir von den Schmierfinken zu halten haben, die diesen Mist hier verzapfen. Aber wir müssen, verdammt noch mal, etwas dagegen unternehmen. Nur wie üblich zu verkünden, dass die Ermittlungen auf Hochtouren laufen, wird hier nicht reichen. Ich hatte heute Morgen bereits ein Gespräch mit dem Ministerpräsidenten. PERSÖNLICH! Natürlich zweifelt niemand an Ihnen und Ihrer Arbeit, aber Sie sollten sich auch im Klaren darüber sein, wie sehr der Ruf der niedersächsischen Polizei auf dem Spiel steht. Von jetzt an gehen wir alle mit mindestens 150 Prozent Einsatz an die Sache heran, damit das klar ist.“ Mit blitzenden Augen sah Kämmerer in die Runde. „Davon abgesehen sollte man ja meinen, dass es nicht allzu schwierig sein dürfte, einen solchen Verrückten dingfest zu machen, wenn wir erst einmal einen Verdächtigen haben. Wenn wir einen Verdächtigen haben.“

Lange meldete sich zu Wort: „Wir sind vollauf damit beschäftigt, sämtliche verfügbaren Unterlagen der letzten Jahre über Straftäter mit satanistischem Hintergrund zu sichten, die auf unseren Täter passen könnten.“

„Und kam etwas dabei heraus?“, wandte Kämmerer sich an ihn.

„Bruno Kalis.“ Lange schob eine Akte über den Tisch. „In Wittenrode aufgewachsen, im Waisenhaus. Machte nach seinem Abgang verschiedene Aushilfsjobs dort in der Gegend, ist aber nirgendwo lange geblieben. Hat zurzeit ein Zimmer auf einem Bauernhof, wo er auch arbeitet, etwa einen Kilometer von den Tatorten entfernt. Und: Er ist bekennender Satanist.“

„Vorstrafen?“

„Ja. Bitte sehen Sie sich die Akte an.“

Unter anderen Umständen wäre das Vorstrafenregister von Bruno Kalis mit ziemlicher Sicherheit belanglos erschienen. In diesem Fall jedoch war alles anders. Mit zwölf Jahren war er das erste Mal aufgefallen, als er einen seiner Mitschüler krankenhausreif geschlagen hatte. Keiner seiner Lehrer konnte sich den plötzlichen Gewaltausbruch erklären. Bis dahin war er nach mehrfach übereinstimmenden Aussagen ein stiller und zurückhaltender Junge gewesen. Lediglich seine schulischen Leistungen waren schon immer miserabel. Mit fünfzehn wurde Kalis bei einem Einbruch erwischt. Mit siebzehn der erste Raubüberfall, dann einige Zeit nichts mehr. In letzter Zeit allerdings war er wegen Störung der Totenruhe ein paar Mal aufgegriffen worden.

Mit dem Segen und Einverständnis von Staatsanwalt Wagner erhielten Lange und Ta Quok einen Durchsuchungsbefehl noch für denselben Morgen.

Fünf Stunden später

15:05 Uhr

Die angespannte Situation hatte sich nicht gerade positiv auf Bruno Kalis’ Erscheinungsbild ausgewirkt. Er war ohnehin schon kein schöner Mann, die Natur hatte ihm nicht viel geschenkt, nur ein mageres Gesicht mit hohlen Wangen und schmalen farblosen Lippen. Nun mischten sich zu all dem auch noch Schweiß und Angst. Reglos wie eine Statue verharrte er auf der Schwelle zum Vernehmungsraum.

Sie hatten ihm zu Hause nur ein paar Minuten gegeben, um das Nötigste zusammenzupacken, dann hatten sie ihn zum Auto gebracht. In Hannover wurde er dann in eine Zelle gesteckt, in der er beinahe vier Stunden lang auf der Kante einer Pritsche gesessen und gewartet hatte. Mehrmals trat er zwischendurch an das vergitterte Fenster und schaute hinaus. Dann ging er in der Zelle auf und ab, ehe er sich wieder auf die Pritsche setzte und weiter wartete. So waren die vier Stunden zu einer einzigen Wanderung zwischen Fenster und Pritsche geworden. Niemand war gekommen, um nach ihm zu sehen oder um ihm zu sagen, worum es eigentlich ging.

Jetzt schob ihn der Polizist weiter in den weißen, kahlen Raum, der keine Fenster hatte, hin zu einem Tisch und einem von zwei Stühlen. Widerwillig ließ Kalis sich darauf nieder.

Ta Quok betrat kurz nach ihm den Raum und stellte einen Pappbecher auf den Tisch. „Hier. Bitte.“

Kalis blickte gequält. „Danke. Darf ich … Kann ich eine Zigarette haben?“

„Nein.“

„Hören Sie, Sie schulden mir wenigstens eine Erklärung. Sie können doch nicht einfach bei Leuten einfallen und sie verhaften.“

Ta Quok ließ sich auf der anderen Seite des Tisches nieder. „Sie wissen nicht, warum Sie festgenommen worden sind?“

„Nein.“

Ein Moment Stille.

Dann redete Ta Quok mit freundlicher, neutraler Stimme weiter: „Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Kalis. Ich habe ein sehr gutes Gefühl und auf mein Gefühl konnte ich mich noch immer verlassen.“

„Ich verstehe nicht …“

„Wir sammeln jetzt alle Fakten, fügen ein Bild zusammen, und die Schlinge um Ihren Hals zieht sich enger und enger. Aber, wie gesagt, machen Sie sich keine Sorgen, denn alles wird sehr schnell gehen. Rein in den Gerichtssaal, eins, zwei, drei, und – hast du nicht gesehen – sind Sie wegen dreifachen Mordes verurteilt und dürfen sich für den Rest Ihres Lebens auf Staatskosten den Wanst vollschlagen.“

„Was?“ Wie von der Tarantel gestochen fuhr Kalis in die Höhe. „Nein!“

„Setzen Sie sich wieder hin.“

Widerwillig tat Kalis wie geheißen.

„Also, womit fangen wir an?“ Ta Quok öffnete die Akte, die vor ihm auf dem Tisch lag. „Wie wäre es mit Grazia Habisch?“

„Wer ist das?“

„Das dritte Opfer.“

„Kenn ich nicht.“

Ta Quok seufzte und schüttelte nun doch eine Zigarette aus der Packung. Dazu fischte er ein Feuerzeug aus der Hosentasche. Beides reichte er an Kalis weiter. „Ich habe heute meinen netten Tag. Genießen Sie es, solange Sie es noch können.“

Kalis zündete sich die Zigarette an und zog heftig daran. „Was faseln Sie da von Mord? Ich hab niemanden ermordet.“

„Wir haben aber die sicheren Beweise dafür, dass es doch so ist. Also, sagen Sie mir, nach welchen Kriterien Sie Ihre Opfer ausgesucht haben.“

„Ich hab gar niemanden ausgesucht. Das ist eine Verwechslung. Sie müssen mich verwechseln.“

Ta Quok strich sich übers Kinn. „Sie sollten die Gelegenheit jetzt unbedingt nutzen, Herr Kalis, und beweisen, dass Sie diese Chance auch wirklich verdienen. Die drei getöteten Menschen hatten keine. Also, kommen Sie, erleichtern Sie Ihr Gewissen und …“

„Halten Sie den Mund! Ich hab ein reines Gewissen, da gibt’s nix zu erleichtern. Das ist beschissene Polizeiwillkür!“

Ta Quok deutete auf die Tätowierung, die Kalis’ Hals von links nach rechts überzog: EVIL. „Nette Tätowierung.“

Kalis schwieg.

„Sie sind als Vollwaise im Heim aufgewachsen, richtig? Haben Ihre Eltern nie kennengelernt.“

Kalis schwieg weiter.

„Das war eine verdammt schwierige Zeit, oder?“

Kalis widerstand dem Impuls, unbehaglich auf seinem Stuhl herumzurutschen. „Ja. Kann man so sagen.“

„Gelernt haben Sie nichts. Ich meine, einen Beruf?“

„Nein.“

Ta Quok schwieg einen Moment, dann sagte er: „Es heißt, Sie würden gerne mal einen über den Durst trinken. Und nicht nur einfach so, aus Genuss. Nein, Sie trinken so lange, bis Sie einen Blackout haben.“

„Woher wollen Sie wissen, dass ich Blackouts habe? Ich hab seit ewigen Zeiten nichts mehr getrunken, und wer was anderes behauptet, der lügt.“

Ta Quok sah aufrichtig verblüfft aus. „Aber warum sollte das jemand tun?“

„Ich hab keine Ahnung. Stellen Sie die Frage dem Lügner, nicht mir.“ Kalis brach ab, als er begriff. „Sie wollen mir anhängen, ich hätte im Suff gemordet, richtig?“

„Sie können sich doch nicht erinnern, haben Sie gerade gesagt.“

„Spielen Sie keine Spielchen mit mir, okay? Sie haben gesagt, ich hätte Blackouts. Ich habe gesagt, dass ich seit ewigen Zeiten nicht mehr trinke. Und wenn ich das sage, dann ist das so. Und wenn ich sage, ich hab niemanden umgebracht, dann ist das auch so. Ende der Durchsage.“

Ta Quok beugte sich etwas nach vorne. „Ich spiele keine Spielchen, Herr Kalis. Ich bin weit davon entfernt. Es geht hier um drei Menschen, die ermordet wurden. Nein, nicht nur ermordet. Sie wurden dem Teufel geopfert.“

„Ich hab damit aber nichts zu tun. Ich will jetzt mit einem Anwalt sprechen.“

Ta Quok setzte sich wieder zurück, machte sich ein paar Notizen und ließ Kalis so eine Weile schmoren. Dann sah er wieder auf und sagte: „Wenn Sie es nicht waren, dann beweisen Sie uns Ihre Unschuld. Wir wollen ganz genau wissen, was Sie zu den Tatzeiten gemacht haben. Wir wollen bis auf den Zentimeter genau jeden Ihrer Aufenthaltsorte wissen.“

„Scheiße, ich will jetzt einen Anwalt. Sie basteln sich das jetzt alles grad so zurecht, wie Sie’s brauchen, damit ich da auch wirklich nicht mehr rauskomme. Ich bin im Waisenhaus aufgewachsen und hatte eine beschissene Kindheit, okay. Im Dorf bin ich der Außenseiter, okay. Und ich interessiere mich für schwarze Messen, okay. Aber das ist ja wohl noch kein Verbrechen.“

Ta Quoks Stimme veränderte sich nicht. „Nein, aber Mord ist ein Verbrechen. Sagen Sie mir, was ist das für ein Gefühl, einem Menschen den Hals durchzuschneiden? Ist das ein ganz besonderer Kick? So eine Art Orgasmus obendrauf?“

Kalis atmete tief durch, zwang sich zur Ruhe.

„Wir haben die Kleidungsstücke der Opfer bei Ihnen gefunden“, setzte Ta Quok hinterher. „Sind Sie sich im Klaren darüber, was das für Sie bedeutet?“

„Das Zeug muss mir untergeschoben worden sein.“

„Aber natürlich.“

Noch einmal atmete Kalis tief durch. „Egal, was ich sage, Sie glauben mir sowieso nicht. Ich will jetzt mit einem Anwalt sprechen.“

„Sie werden einen Anwalt bekommen, keine Sorge. Und Sie haben recht, ich glaube Ihnen tatsächlich nicht. Ich glaube nämlich nicht an Zufälle. Sie hätten weiter Ihre schwarzen Messen abhalten und Hühner köpfen sollen, oder was auch immer Sie dabei sonst so veranstalten, aber das mit den Menschenopfern, das war ein Fehler. Davon abgesehen … Wenn es diesen mysteriösen Dritten tatsächlich gäbe, von dem Sie behaupten, er hätte Ihnen die Kleidungsstücke untergeschoben – um wen könnte es sich dabei wohl handeln?“

Kalis saugte den letzten Rest Nikotin aus dem Stummel und drückte ihn dann im Aschenbecher aus. „Ja, das finden Sie mal raus. Sie sind doch die Polente. Kann ich noch eine Zigarette haben?“

Ta Quok schüttelte noch eine Zigarette aus der Packung und reichte sie an ihn weiter. „Das ist jetzt wirklich Ihre letzte Chance. Wir nageln Sie so oder so fest. Aber wenn Sie reden, Kalis, dann können Sie vielleicht noch etwas von Ihrer Ehre retten, falls Sie so etwas haben. Zeigen Sie Reue, das kommt bei den Richtern immer gut an. Wenn nicht, wird man denken, dass Sie ein perverses Arschloch sind, das es verdient hat, den Rest seines Lebens hinter Gittern zu verbringen.“

„Sagen Sie mal, hören Sie mir zu? Ich hab niemanden umgebracht!“

„Glauben Sie im Ernst, dass Sie jetzt noch davonkommen, Kalis? Wir brauchen Ihr Geständnis nicht. Im Gegenteil, wir haben alle Beweise, die wir brauchen.“

Speichel sprühte aus Kalis’ Mund. „Ich war es nicht! Und das könnt ihr mir, verdammt noch mal, auch nicht anhängen!“

Am 13. Januar 1988, zwei Tage nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft plus anschließender Sicherheitsverwahrung, erhängte Bruno Kalis sich in seiner Zelle.

1. KAPITEL

Nie gedacht

29. März 2010

20:30 Uhr

Es kam ohne Vorwarnung. Er verstand es noch nicht sofort. Erst als er das Messer in ihrer Hand sah und den starren, entschlossenen Blick, da begriff er und es erfüllte ihn mit Entsetzen. Er wollte sich wehren, wollte nach dem Messer greifen, doch es war zu spät. Es gab kein Entrinnen mehr, keine Möglichkeit, den Tod noch abzuwenden.

Seine Knie gaben nach, ihm wurde schwindlig. Er wusste, er hatte verloren, wehrte sich nicht mehr, nahm sein Schicksal an, und dann kam es ihm vor, als treibe er in der Tiefe eines Ozeans und fern über ihm schimmerte das Sonnenlicht auf dem blauen Wasser.

Endlich Stille.

Endlich Frieden.

Endlich schwiegen die Dämonen in ihm.

Kurz bevor sein Herz aufgab, nahm er noch einmal all seine Kraft zusammen und sagte den Namen der dritten Person im Raum. Er wusste, dass er den Namen aussprach, doch er hörte seine eigene Stimme nicht mehr.

Sein Herz hörte auf zu schlagen.

Es war vorbei.

Ihr Atem ging heftig, als sie zuerst auf das Messer in ihrer Hand und dann auf die Leiche zu ihren Füßen starrte. „Das … Das …“ Der Anblick war ihr unerträglich. Der Anblick seiner entstellten Leiche. Der Anblick seiner leeren Augen. Der Anblick des vielen Blutes auf dem Teppich, das sich immer weiter unter seinem leblosen Körper ausbreitete. Sie musste wegschauen.

„Du hast ihn umgebracht, Kerstin.“

Der Raum um sie herum schien zu schrumpfen. Sie machte den Mund auf und schloss ihn wieder, wollte sich irgendwo festhalten, aber sie fand keinen Halt. Sie schwankte.

Sofort stand er hinter ihr und fing sie auf. „Du musst dich setzen.“

„Ich habe … ihn umgebracht.“ Sie hörte den weinerlichen Klang ihrer eigenen Stimme. Ihre Unterlippe zitterte.

„Ja“, sagte er. „Du hast ihn umgebracht, Kerstin.“

Olivia Klose saß zur gleichen Zeit an ihrem Wohnzimmerfenster, die Hände im Schoß gefaltet, während ihr Gehstock an der Armlehne ihres Sessels lehnte. Von hier aus hatte sie einen guten Ausblick auf alle Häuser der Nachbarschaft. Ein Ausblick auf die anderen Menschen in Wittenrode, auf deren Alltagsleben, die großen und die kleinen Dinge, die das Leben so mit sich brachte.

Olivia selbst verbrachte mit ihren zweiundsiebzig Jahren die Zeit nur noch damit, hier am Fenster zu sitzen und zu warten. Eigentlich auf den Tod, doch der hatte sich leider noch nicht blicken lassen. Dafür kam Pastor Jordan hin und wieder vorbei und erkundigte sich nach ihrem Befinden.

Bei seinem letzten Besuch hatte Olivia ihm erklärt, dass sie nach ihrem Tod so wenig Feierlichkeit wie möglich haben wollte. Am besten gar keine Feierlichkeiten. Sie wusste nicht einmal, ob sie einen Pastor bei ihrer Beerdigung haben wollte. Am besten auch keine Nachbarn. Niemand aus dem Dorf. Und schon gar keine Gebete.

„Wirklich, Frau Klose, sind Sie sich da ganz sicher?“, hatte Jordan gefragt, dem es zusehends unbehaglicher wurde.

Olivia hatte entschlossen genickt und hätte nun, bei der Erinnerung an die ehrliche Erschütterung im Gesicht des Pastors, eigentlich lächeln müssen. Doch sie tat es nicht. Kein Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Sie war viel zu zornig.

Zornig, weil sie Hildchen nie wiedersehen würde.

Zornig, weil das Schicksal sie in diesem Teil der Welt geboren hatte.

Zornig, weil Gott sie nicht einfach sterben ließ.

Zornig, weil er all das hatte geschehen lassen.

Olivia ballte die knochigen Fäuste. All die Jahre hatte sie mit niemandem darüber gesprochen. Nicht einmal mit Edna. Obwohl Edna, die drei Mal in der Woche bei Olivia putzte, eine gute Seele war. Sie arbeitete fleißig und besaß ein freundliches Wesen. Jedenfalls meistens. Gute Arbeit, gutes Herz.

Nur wenn Olivia hin und wieder Dinge vergaß, was in der letzten Zeit öfter vorkam, dann wurde Edna auch wütend. Dann erinnerte sie sie mit ihrem mahnenden Blick daran, dass sie alt war und gebrechlich und dass es an der Zeit war, darüber nachzudenken, das Haus aufzugeben und in ein Heim zu gehen.

Aber das würde Olivia niemals tun. Niemals würde sie dieses Haus verlassen. Nicht lebend. Sie würde hierbleiben, bis sie starb. Das sollte ihre Strafe sein.

In dieser Sekunde sah Olivia etwas im Haus gegenüber, was sie abrupt aus ihren Gedanken riss.

Unwillkürlich richtete sie sich auf. Blinzelte, griff nach ihrer Brille und setzte sie auf.

Konnte das wirklich sein? Oder spielte ihr altes, verkalktes Gehirn ihr nur wieder einen Streich?

2. KAPITEL

Grausiger Fund

Drei Stunden später, um kurz vor Mitternacht, steuerte Arnulf Ebeling, die linke Hand lässig auf das Lenkrad gelegt, den Streifenwagen durch die nächtlichen Straßen Wittenrodes. Ruhig, wie ich es liebe, dachte er zufrieden.

Die Straßenlampen warfen strichförmige Schatten auf der Motorhaube des Wagens. Er drosselte das Tempo, blinkte, bog rechts ab und verließ die Hauptstraße. Nun fuhr er in Richtung Wohnviertel. Vor ihm lag die leere Straße, die langsam breiter wurde, dann kam er bereits zu den ersten Einfamilienhäusern. Es war vollkommen still. So still, dass er den Kies unter den Reifen knirschen hörte.

Wenn er mit der Fahrt fertig war, würde er sich etwas zu essen machen, überlegte er, Brot mit hausgemachter Wurst, und einen Blick in den kleinen Fernseher werfen, den er auf der Wache stehen hatte. Vielleicht würde er sich auch ein kleines Bier gönnen und danach ein Nickerchen machen.

Am Ende der Sackgasse wendete Ebeling den Streifenwagen und während er mit Fernlicht zurückfuhr, kniff er mit einem Mal die Augen zusammen. „Was, zum …?“

Wie aus dem Nichts stand auf einmal eine Frau mitten auf der Straße, mit zerzaustem Haar und wehendem dünnem Kleid. Im Licht der Scheinwerfer konnte der Polizist ihre aufgerissenen Augen erkennen und einen Mund, der offen stand und ein schwarzes Loch bildete.

„Verdammte Scheiße!“ Reflexartig trat Ebeling auf die Bremse. Als er zum Stehen kam, passte keine Zeitungsseite mehr zwischen den Wagen und die Frau.

Sofort sprang er aus dem Auto. Er kannte sie, natürlich. Jeder kannte jeden in Wittenrode.

„Was, um Himmels willen, tust du mitten in der Nacht auf der Straße?“, fuhr er sie an.

Die Frau antwortete nicht, sah ihn nur mit großen, verweinten Augen an, die fast aus den Höhlen zu fallen schienen.

Unsicher leckte Ebeling sich über die Lippen. Dann trat er einen Schritt an sie heran und bemerkte erst jetzt, dass ihr dünnes Kleid voller Blut war. Augenblicklich wich er wieder zurück. „Meine Güte! Was ist passiert?“

Die Zähne der Frau klapperten. „Er liegt … drinnen. Im … Esszimmer.“

„Wer?“

„Jürgen. Ich habe ihn … umgebracht.“

Wäre es besser gewesen, wenn er vorher gewusst hätte, was ihn im Haus erwartete?

Später dachte Ebeling noch oft darüber nach, dass er das Haus vermutlich niemals betreten hätte, hätte man ihm vorher gesagt, was er dort vorfinden würde. So aber machte er einen Schritt nach dem anderen, ließ das Wohnzimmer hinter sich und betrat das Esszimmer.

Und dann sah er. Sprachlos vor Entsetzen starrte er auf den Leichnam, der nackt vor ihm auf dem Boden lag. Sein Blick fiel auf das Messer daneben und auf das viele Blut. Der ganze Raum stank förmlich danach.

Ebeling war so erschrocken, dass es ihm den Atem nahm. Es war, als drücke eine eiserne Faust auf seinen Brustkorb und quetschte ihm alle Luft aus der Lunge.

Der Leichnam lag auf dem Rücken, sein Kopf hing zur Seite, die Kehle war von links nach rechts durchschnitten, das freigelegte Fleisch ein Wirrwarr aus mattroten Farbtönen. Die Augen, weit aufgerissen und blutunterlaufen, blickten erstaunt. Und verraten. Ja, sie blickten verraten. Und dann … Ebeling entdeckte es erst beim zweiten Hinsehen. Unterhalb des Nabels war etwas in den Bauch des Toten geritzt worden: ein Pentagramm.

Erinnerungsfetzen blitzten im Kopf des Polizisten auf. Er kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder, sah tanzende Punkte, Schatten und Geister. Keine Täuschung, sondern die Vergangenheit, die zurückkehrte, um die Gegenwart heimzusuchen. Da halfen weder Kopfschütteln noch Blinzeln.

Als er das verstanden hatte, spürte Ebeling einen Brechreiz in sich aufsteigen. Er stürzte rückwärts aus dem Esszimmer und durch die Haustür nach draußen. Vor der Tür beugte er sich nach vorne und übergab sich.

Kriminalhauptkommissar Wolfgang Lange lebte nun schon seit fast fünfundzwanzig Jahren in Wittenrode. Immer noch gebaut wie ein Terrier, mittelgroß, muskulös, kräftiger Nacken, kräftige Arme, mit millimeterkurzen Haaren, war er inzwischen Anfang sechzig und hatte nicht mehr lange bis zur verdienten Pension. Seine Laufbahn bei der Polizei war mustergültig verlaufen, er hatte einen tadellosen Ruf, galt als ehrlich und tüchtig. Vor allem aber war er 1987 dabei gewesen. Vermutlich deshalb war Ebeling der Meinung, dass es niemanden sonst gegeben hätte, den er unter diesen Umständen mitten in der Nacht hätte anrufen können.

Um fünfzehn Minuten nach Mitternacht wählte er Langes Nummer. „Tut mir leid, dass ich störe“, meldete er sich aufgeregt. „Ich bin bei den Jakobs – Jürgen und Kerstin Jakob. Sie hat ihn umgebracht, Wolfgang. Verstehst du? Sie hat ihn umgebracht. Du musst sofort herkommen. Du musst …“

„Ich komme“, antwortete Lange mit gefasster Stimme.

Als er zehn Minuten später auf das Haus zutrat, saß Ebeling auf der Treppe davor, den Kopf in die Hände gestützt.

„Zeig es mir, Arnulf.“

Ebeling ließ die Hände sinken, nickte und erhob sich langsam. Sein Gesicht hatte einen grünlichen Farbton. Wortlos ging er voraus ins Haus und zeigte auf die Leiche, die auf dem blutdurchtränkten Teppich lag.

Lange näherte sich vorsichtig und ging dann in die Knie, um sich den Toten genauer anzusehen. Er berührte das Blut mit dem kleinen Finger, um zu testen, wie trocken es war. Dann sah er wieder auf. „Hast du ihn angefasst?“

„Angefasst?“, stieß Ebeling aus. „Bist du verrückt? Ich bin rein und sofort wieder raus, um mich zu übergeben.“

„Hast du irgendetwas verändert?“

Erneutes Kopfschütteln. „Wie gesagt, ich bin rein und sofort wieder raus.“

„Wir brauchen die Kollegen aus Hannover.“ Lange richtete sich wieder auf. „Wo ist Kerstin?“

„Sitzt völlig paralysiert im Streifenwagen.“ Ebeling deutete in Richtung Fenster. „Ist mir quasi vors Auto gelaufen und will jetzt unbedingt verhaftet werden. Übernimmst du das, Wolfgang? Ich meine, Mord … das ist doch dein Gebiet. Und damals …“

Lange schwieg einen Moment, betrachtete noch ein letztes Mal die Leiche. Dann nickte er. „Ich werde mich darum kümmern.“

„Daran wird sich nur etwas ändern, wenn ihr mich weiterhin wählt.“ Wilhelm Raddatz, dessen Kopf auf dem gedrungenen Körper schon immer viel zu groß gewirkt hatte, trank das Bier in sich hinein, als wäre es das Leben selbst. Dann, als er das halbe Glas geleert hatte, fügte er hinzu: „Ich bin euer Bürgermeister. Niemand sonst interessiert sich für Wittenrode und die Menschen, die hier leben. Genau genommen sind wir denen …“

In diesem Moment stürmte Knut Hagen in die Kneipe. „Der Jürgen ist tot!“

Alle Köpfe wandten sich ihm zu.

„Schnaps. Doppelt.“ Hagen, ein groß gebauter Mann mit gelblich verfärbten Zähnen und viel zu großen Ohren für seinen kleinen Kopf, wartete auf den Alkohol, stürzte ihn dann hinunter und bekam einen Hustenanfall.

„Wenigstens hast du jetzt wieder in bisschen Farbe im Gesicht“, sagte Raddatz. „Und jetzt noch mal ganz langsam und von vorn, Knut.“

„Der Jürgen ist umgebracht geworden.“ Hagen wischte sich Schnaps vom Kinn und sagte zum Wirt: „Noch einen.“ Als das Glas kam, trank er es erneut in einem Zug leer. „Ebeling stand kurz nach Mitternacht mit Blaulicht vorm Haus der Jakobs. Lange war auch dort. Und auf einmal war da das ganze Aufgebot. Alles abgesperrt. Keine Chance mehr, auch nur in die Nähe des Hauses zu kommen.“

Raddatz kratzte sich am Kopf, kniff die Augen zusammen. „Der Jürgen ermordet? Kann ich mir nicht vorstellen. Muss was anderes passiert sein.“

„So? Und warum haben sie dann die Kerstin mitgenommen? Ich red nicht von irgendwas, Wilhelm, ich red von der Kri-mi-nal-po-li-zei, kapierst du das?“ Hagen bestellte sich noch einen dritten Schnaps. „Ich sag euch, jetzt ist es so weit. Das ist das, was wir immer befürchtet haben.“

3. KAPITEL

Geständnis und Entschluss

Am nächsten Morgen, um 8:46 Uhr, nahm Wolfgang Lange auf der anderen Seite des Tisches Platz. „Ich muss dir jetzt ein paar Fragen stellen.“

„Was für Fragen?“ Kerstin Jakobs Gesicht hatte die bleiche Farbe einer Gipsmaske. „Ich habe doch schon gestanden.“

„Ich muss dir trotzdem noch ein paar Fragen stellen. Fangen wir am besten damit an, dass du mir erzählst, was gestern Abend genau passiert ist, in Ordnung?“

Durch ihr wirres blondes Haar hindurch, das ihr zum Teil über die Augen hing, blickte sie Lange an. Dann nickte sie langsam und begann: „Jürgen hatte getrunken. In letzter Zeit hielt er es keinen Abend mehr ohne Alkohol aus. Ich kam ein paar Minuten zu spät nach Hause und er schrie mich sofort an, kaum dass ich die Tür hinter mir zugemacht hatte.“

„Wart ihr alleine?“

„Ja.“

„Die ganze Zeit?“

„Ja.“

„Was genau hat dein Mann zu dir gesagt?“

„Er schrie, dass er mir verboten hätte, aus dem Haus zu gehen. Warum ich nicht auf ihn hören würde. Ob ich ihn provozieren wolle und so weiter.“

„Und dann?“

Kerstins Lippen zuckten. „Ich weiß es nicht mehr genau. Ich habe plötzlich nach dem Messer gegriffen, danach ist in meinem Kopf alles schwarz.“

„Nach dem Küchenmesser?“

„Ja. Es lag auf dem Esszimmertisch. Ich habe es gesehen und danach gegriffen. Und dann … Ich hab ihn getötet. Ich war wie in Trance.“

Im Vernehmungsraum war es heiß und stickig, Lange krempelte die Ärmel seines Hemdes hoch. „Und dabei gelangte das Blut deines Mannes auf dein Kleid und auf deine Hände?“

„Ja.“ Kerstin blickte auf ihre Hände hinab. Selbst unter den Fingernägeln hatte sich das getrocknete Blut ihres Mannes befunden. Ihr wurde übel.

„Hat er sich gewehrt, als du mit dem Messer auf ihn losgegangen bist?“

„Das … weiß ich nicht.“

„Aber du erinnerst dich noch, dass du ihm die Kehle durchgeschnitten hast?“

„Nein. Auch daran erinnere ich mich nicht.“

„Okay. Und an das Pentagramm in seinem Bauch?“

Kerstin schüttelte erneut den Kopf und Lange seufzte auf. „Kennst du einen Hexenzirkel in Hannover, Kerstin?“

„Nein.“

„Du kennst auch niemanden, der in einem sein könnte?“

„Nein.“

„Aber du weißt, welche Gerüchte in Wittenrode um dich kreisen?“

„Natürlich. Und das hier werden die Leute als Beweis dafür nehmen. Egal was sie denken: Ich erinnere mich trotzdem nicht daran, es getan zu haben. Auf einmal lag er vor mir. Und überall war Blut.“

„Was hast du dann gemacht?“

„Als ich wieder zu mir kam und erkannte, was ich angerichtet hatte, habe ich mich auf die Couch gesetzt und überlegt, was ich nun tun sollte. Ich saß einfach nur da und hab überlegt. Dann hörte ich draußen einen Wagen. Ich sah aus dem Fenster und erkannte, dass es ein Polizeiwagen war. Und da wusste ich, dass das Schicksal von mir wollte, dass ich mich stelle. Also bin ich aus dem Haus gerannt.“

„Okay.“ Lange richtete sich etwas auf. „Kommen wir zu etwas anderem: Du hast gesagt, du hättest dich gestern Abend verspätet, weil du aufgehalten worden wärst, was deinen Mann ziemlich wütend machte …“

Kerstin nickte.

„Was hat dich aufgehalten?“

„Das habe ich vergessen.“

„Vergessen.“ Dieses Mal lag ein Hauch Ironie in Langes Stimme. „Okay, fassen wir zusammen: Du hast dich gestern Abend ein wenig verspätet, allerdings vergessen, weswegen. Als du schließlich nach Hause kamst, war dein Mann bereits angetrunken und griff dich sofort verbal an. Auf dem Esstisch lag ein Messer aus der Küche, du hast danach gegriffen und ihm die Kehle durchgeschnitten. Dann hast du ihn nackt ausgezogen und ihm ein Pentagramm in den Bauch geritzt. An all das kannst du dich zwar nicht erinnern, aber es passierte so zwischen 20:00 Uhr und 20:30 Uhr. Richtig?“

Kerstin nickte und Lange musste an die alte Polizeiformel denken, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine Geschichte stimmte, immer größer wurde, je absurder sie sich anhörte.

„Und nach der Tat hast du über drei Stunden auf dem Sofa gesessen und darüber nachgedacht, was du nun tun solltest“, fügte er hinzu.

„Ja.“ Nun hob Kerstin den Kopf und sah ihm fest in die Augen. „Ich habe meinen Mann umgebracht. Ich habe die Tat gestanden und nun will ich meine Strafe. So schnell wie möglich.“

„Möchtest du mit mir reden, Kerstin?“

„Nein.“

Jordan legte die Hände flach auf den Tisch. „Wir sind in deiner Zelle, Kerstin, und wir sind alleine. Du kannst toben, weinen, schreien. Es bleibt zwischen dir und mir und Gott.“

Alles um Kerstin herum schien sich zu drehen. Der Boden unter ihr gab nach, vermittelte ihr das Gefühl zu schwanken. „Gott hat mich nicht davon abgehalten, meinen Mann zu töten, Pastor Jordan. Er hat zugelassen, dass ich wie eine Bestie über ihn hergefallen bin. Er hat zugesehen und es nicht verhindert.“

„Ich kann deinen Kummer verstehen. Aber wenn du schon nicht Gott vertraust, dann vielleicht mir.“

Kerstins Atem ging flach. Ihre Hände waren ineinander verschränkt, mehr aus Verzweiflung als im Gebet. „Ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich getan habe.“

„Sieh mich an, Kerstin“, bat Jordan mit sanfter Stimme. „Bitte.“

Sie tat es nicht. „Es ist nicht zu entschuldigen. Mit nichts. Ich habe meinen Mann getötet. Nein, nicht nur getötet, ich habe ihn vernichtet. Und deshalb habe ich keine Vergebung verdient. Es muss ein Ende haben. Es wird ein Ende haben.“ Bitterkeit stieg wie Säure in ihr auf. Sie konnte sie beinahe schmecken. Es war der Geschmack von Selbstverachtung und Selbsthass. Schließlich sah Kerstin auf und den Pfarrer an. „Und Sie werden es nicht verhindern können.“

An all das dachte Kerstin in ihrer letzten Minute. Sie fragte sich, ob sie es schaffen würde. Und wenn sie es schaffte, wozu waren dann all die Jahre gut gewesen?

Das waren sie also, die letzten Sekunden. Bis eben hatte sie noch ihre Hand auf den Bauch gepresst, um es ein letztes Mal zu spüren. Jetzt erhob sie sich und trat zum vergitterten Fenster. Draußen öffnete eine dünne Linie aus Licht den schwarzen Vorhang des Horizonts und die Dunkelheit in der Zelle lichtete sich langsam.

Kerstin zitterte am ganzen Körper.

Bald würde ihre Hölle eine andere sein.

Und dann, noch ehe das erste Zwitschern des frühesten Vogels erklang, stieß sie den Stuhl unter sich fort. Ihr Körper bäumte sich ein letztes Mal auf. Endlich nichts mehr empfinden. Keine Schuldgefühle mehr. Nicht mehr grausam sein. Nicht mehr zutiefst verdorben.

Das alles schoss durch ihren Kopf. In ihrer letzten Sekunde.

Dann war es vorbei.

Ein paar Stunden später klingelte irgendwo in Wittenrode ein Telefon. Als der Angerufene abhob, meldete er sich mit einem genervten: „Ja?“

„Sie hat sich erhängt.“

„Gut.“

„Gut? Brutaler hätte es wohl kaum enden können.“

Der Angerufene knotete seinen Bademantel zu. „Höre ich da etwa Zweifel heraus?“

„Nein.“ Der Anrufer war nicht wütend. Er war getroffen. „Nein, entschuldige, ich frage mich nur …“

„Überleg dir gut, auf wessen Seite du stehst. Jürgen Jakob wollte uns verraten. Der hätte uns mit seinen plötzlichen Schuldgefühlen alles kaputt gemacht. Und dass seine Frau sich jetzt das Leben genommen hat … Ja, meine Güte. War halt alles zu viel für sie.“

„Und was machen wir mit den anderen?“

„Die machen uns keine Probleme. Sie sind sich über die Bedeutung ihres Schweigens im Klaren. Sonst noch was?“

Der Anrufer zögerte einen Moment. „Was ist mit der kleinen Wagner?“

„Julia? Um die werde ich mich kümmern, sobald sie da ist.“

Damit beendeten sie das Gespräch.

4. KAPITEL

So nackt wie nie zuvor

Dienstag, 6. April

8:15 Uhr

Julia träumte.

Während über der Ostsee ein heftiges Gewitter den Himmel mit Blitzen erhellte, mühte sie sich, den Traum abzuschütteln, und einen Moment schien es tatsächlich so, als würde sie aus der Tiefe auftauchen. Doch dann zuckten erneut Bilder durch ihren Geist, Menschen und Ereignisse, durch Jahre und Jahrzehnte getrennt, tot oder lebendig, trafen sich an einem Ort, wo so etwas wie Zeit nicht existierte. Und wie in so vielen Träumen zuvor, schritt Julia zwischen den Menschen dahin, die Menge teilte sich und ihr Vater trat vor sie. Er trug denselben dunklen Anzug, den er immer getragen hatte, wenn er zum Gericht gefahren war. Dieses Mal aber bemerkte Julia Blut an seiner Jacke. Der Fleck wurde größer. Dann formte ihr Vater die Lippen zu zwei Worten: „Sei vorsichtig.“

Für einen Moment war Julia verwirrt, weil sie seine Stimme nicht hören konnte, dann begriff sie: Der Grund dafür war natürlich der, dass er seit über zwanzig Jahren tot war, genau wie ihre Mutter. Gemeinsam bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Vollkommenes Schwarz. Dann riss Julia mit einem Ruck die Augen auf. Das Herz pochte wild in ihrer Brust, ihr Atem ging flach und schnell.

Jeder Versuch wieder einzuschlafen war zwecklos, das wusste sie aus leidvoller Erfahrung. Also schob sie die Bilder in ihrem Kopf entschlossen zur Seite, schlug die Decke zurück und schwang die Beine über die Bettkante. Das T-Shirt klebte nass auf ihrer Haut.

Sie spürte ihre verspannten Muskeln, als sie sich erhob, und griff gerade nach einem Löffel und einer Kaffeetasse, als ihr Handy klingelte. Sie ignorierte es, schüttete Instantkaffee in die Tasse und schritt zum Wasserkocher. Das Handy klingelte weiter. Das Wasser kochte, sie ließ es in die Tasse laufen. Das Handy klingelte immer noch. Mit dem Löffel rührte Julia in der Tasse und atmete das Kaffeearoma ein. Das Handy klingelte unermüdlich weiter. Schließlich nahm sie das Gespräch entnervt an. „Hallo?“

„Julia? Gut, dass ich dich erwische. Pastor Jordan hier.“

Alle Muskeln versteiften sich augenblicklich wieder. „Jordan? Was für eine Überraschung. Was macht der Job?“

„Er ist immer noch meine Berufung und ich gehe ihm mit Leib und Seele nach. Aber deswegen rufe ich nicht an. Ich wollte dir mitteilen, dass Eva wieder in Wittenrode ist.“

Überrascht zog Julia die Augenbrauen hoch. „Wirklich? Seit wann?“

„Seit gestern Abend. Greger wird auch noch kommen.“

„Nach Wittenrode? Herzlichen Glückwunsch. Und was habe ich damit zu tun?“

„Hast du es denn nicht gehört?“

Julia trank einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse ab und suchte nach ihren Zigaretten. „Was hätte ich hören sollen?“

„Es kam in allen Nachrichten.“

„Ich befinde mich im Urlaub, Pfarrer Jordan. Ich bin an der Ostsee. Nachrichten interessieren mich gerade nicht. Also, was ist passiert?“

Jordan antwortete erst nach kurzem Zögern. „Es geht um Kerstin.“ Anscheinend hatte er die ganze Zeit gesessen, denn am anderen Ende schrammten nun Stuhlbeine über den Boden. „Sie hat sich im Gefängnis erhängt.“

Wie vom Blitz getroffen, richtete Julia sich auf. „Was? Das ist ein Witz, oder? Was hat Kerstin denn im Gefängnis gemacht?“

„Sie hat ihren Mann getötet. Offenbar konnte sie mit der Schuld nicht leben und hat sich nun selbst gerichtet.“

Julia ließ das Handy sinken, zwei Sekunden, drei, dann hob sie es wieder ans Ohr. „Kerstin soll ihren Mann umgebracht haben?“ Sie versuchte sich das vorzustellen, was ihr beim besten Willen nicht gelang.

„Sie hat alles weggeworfen, Julia. Ihre Ehe, ihr Zuhause, ihr Leben. Und jetzt … Hör zu, morgen ist die Beerdigung, und ihr vier, Kerstin, Greger, du und Eva, ihr wart doch mal Freunde. Ich bitte dich in Erinnerung an diese Freundschaft …“

Julia spürte, wie eine unsichtbare Faust gegen ihre Brust schlug und dort verharrte. „Sie wollen mich jetzt aber nicht dazu überreden, zurück nach Wittenrode zu kommen, oder?“

„Nein, natürlich will ich dich nicht überreden. Ich bitte dich darum. Um eurer alten Freundschaft willen.“

Keine Antwort von Julia.

„Also, was sagst du?“, sprach Jordan weiter. „Wirst du kommen?“

„Ehrlich gesagt, habe ich überhaupt kein Interesse daran, in meinem ganzen Leben noch einmal einen Fuß nach Wittenrode zu setzen. Ich finde schon allein den Gedanken daran unerträglich.“

Es rauschte und knackte in der Leitung und Julia hegte die vage Hoffnung, dass das Schicksal das Gespräch vielleicht beendet hatte, doch Jordans Stimme durchbrach schon in der nächsten Sekunde wieder das Rauschen.

„Meine liebe Julia …“ Wenn er sie früher so angesprochen hatte, wusste sie, dass sie keine andere Wahl hatte. „Meine liebe Julia, kommst du nie auf den Gedanken, dass du dich irren könntest?“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Du denkst, dass Wittenrode und die Zeit im Waisenhaus nur Schlechtes hatten. Und du nimmst an, wenn du es einfach ignorierst, dann ist es vergessen.“ Der Pfarrer hatte sich offenbar fest vorgenommen, am Ball zu bleiben. „Aber so ist es nicht. Du kannst weglaufen, Julia, du kannst laufen, wohin du willst, es wird dich trotzdem nicht loslassen. Ihr hattet damals keine Wahl. Ihr wurdet nicht gefragt. Ihr musstet mit unheimlichem Mut die Dinge angehen und habt ungeheuer schnell gelernt, was andere vielleicht nie im Leben lernen – nämlich alleine zu überleben.“

„Danke für die psychologische Lehrstunde, Herr Pastor, aber es ist doch ein bisschen komplizierter.“

„Es geht um Kerstin. Nicht um dich, nicht um mich, nicht um sonst irgendetwas. Eva und Greger fühlen sich nicht weniger unwohl und nehmen trotzdem an der Beerdigung teil.“

Schweigen.

„Also, was ist?“, fragte Jordan noch einmal. „Kommst du?“

„Nein. Und ich werde auch nicht noch einmal darüber nachdenken.“

Der Pfarrer konnte nicht weiter protestieren. Julia hatte bereits aufgelegt.

Und sie dachte doch darüber nach.

Sie bekam es einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Leise fluchend stieg Julia unter die heiße Dusche, lief anschließend nackt und rastlos im Zimmer auf und ab, um dann wieder stehen zu bleiben und sich forschend im Spiegel zu betrachten. Ihr Blick fiel auf die dunkelbraunen, halblangen Haare, auf den achtlos zur Seite geschobenen Pony, der ihr über das linke Auge fiel, auf die verschiedenen Tätowierungen: Ein Gitarrenriff von Judas Priest auf dem rechten Unterarm: „Breaking the law“, der Drache auf ihrem Rücken, dessen Flügel sich von einer Schulter zur anderen ausbreiteten und dessen Schwanz am Steißbein endete, die geschwungenen lateinischen Buchstaben auf der Innenseite des rechten Oberarms: Lebe das Leben wahr. Alles vertraut, alles bekannt. Doch heute kam noch etwas anderes hinzu, ein neuer Gedanke: dass ihr Spiegelbild ihr gar nichts sagte und dass ihre Nacktheit sich plötzlich absoluter anfühlte. Totaler. Irgendwie fühlte sie sich so nackt wie nie zuvor.

Julia wandte sich ab und rubbelte sich die Haare trocken, dann zog sie sich eine ausgewaschene Jeans und ein altes Sweatshirt an und trat hinaus auf den Balkon. Sie legte ein Foto auf den Tisch, das sie seit vielen Jahren immer bei sich trug, und setzte sich.

Während sie den kühlen Wind um sich herum spürte und den regenverhangenen Himmel beobachtete, suchte sie in ihrem Kopf nach einer Beschwörungsformel, nach irgendetwas, was sie darin bestätigte, dass es richtig war nicht zurück nach Wittenrode zu fahren. Aber es ging um alte Freundschaft. Kerstins Tod hatte so viel Unwirkliches. Obwohl sie über zehn Jahre nicht miteinander gesprochen hatten, rechnete Julia fest damit, dass Kerstin jetzt anrufen und mit ihrer unverwechselbaren Stimme in den Hörer sagen würde: „Hi Julia, ich weiß, du hast mich vergessen, aber hey, das ist in Ordnung, ich hasse dich nicht dafür. Du hattest eben wichtigere Dinge zu tun. Was ist? Kommst du wenigstens zu meiner Beerdigung?“

Und als würde das nicht reichen, immer wieder Jordans Stimme im Ohr: „Du kannst laufen, wohin du willst, Julia, es wird dich trotzdem nicht loslassen.“

Hatte er recht? Natürlich, gestand Julia sich ein. Aber wenn ich schon einen Moment ehrlich zu mir selbst bin, dann fliehe ich ja nicht nur vor Wittenrode und den Erinnerungen an das Waisenhaus. Ich fliehe vor allem. Vor Beziehungen. Vor meinem Beruf. Vor mir selbst. Vor meinen Albträumen. Und bitte – bitte! – nicht noch einen Menschen, der in meinen Träumen herumspukt.

Sie hob das Foto an und betrachtete es. Es war eine Aufnahme von vier Dreizehnjährigen, die die Arme umeinander gelegt hatten und sich vor dem Hintergrund einer verfallenen Burg gegen den Wind lehnten. Julia drehte das Foto um. Da stand nur ein einziges Wort in großen Buchstaben: WIR. Sie schluckte, spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, drehte das Foto erneut und starrte die Jugendlichen wieder an. Kerstin. Ein außergewöhnlich hübsches, blondes Mädchen. Auf dem Foto trug sie einen langen, nicht mehr ganz neuen Mantel und auf dem Kopf einen schwarzen runden Filzhut. Ihr Gesicht war der Kamera zugewandt und jeder Zug in ihm war klar und schön. Sie hatte die Lippen zu jener Art Lächeln verzogen, das sie damals stundenlang vor dem Spiegel geübt hatte, und es sah echt aus, so wie es ihre Augen erhellte.

Julia ließ das Foto sinken und blickte erneut aufs Meer. Es gab ja verdammt noch mal genug Gelegenheiten zum Sterben. Krebs. Autounfall. Herzinfarkt. Aber Selbstmord nach dem Mord am Ehemann?

Was ist passiert, Kerstin? Du hattest so viele Hoffnungen und Träume, was ist passiert, dass sich das Blatt so gegen dich gewendet hat?

Warum so, Kerstin?

Plötzlich gelang es Julia nicht mehr, die Ereignisse voneinander zu trennen. Alles verschmolz wieder zu jener Zeit, in der sie zu viert „drinnen“ waren. „Drinnen“, das war im Waisenhaus. Wochen, Monate, Jahre zogen an ihrem inneren Auge vorbei. Sie entsann sich vieler Kleinigkeiten – Gerüche, Melodien, Wortfetzen –, und am Ende blieb sie bei Eva hängen. Eva würde ihr Verhalten feige nennen, und das wahrscheinlich zu Recht.

Julia hob das Foto wieder an und betrachtete das Mädchen mit den hellroten Locken, die wild von seinem Kopf abstanden. „Curly Sue“, so hatten sie damals alle genannt.

Julia erinnerte sich an ihren ersten Tag im Heim und an ihre erste Begegnung mit Eva …

„Brauchst du Hilfe?“ Das helle Gesicht mit den Sommersprossen lächelte offen und freundlich.

Julia schüttelte den Kopf, aber Eva ging trotzdem nicht. „Wir haben uns das alle nicht ausgesucht“, erklärte sie ziemlich altklug für ihre zehn Jahre und hob dabei die Schultern an, fest entschlossen, sich mit dem Schicksal abzufinden.

Julia konnte das nicht. Julia wollte es auch nicht. Sie packte ihre Tasche nicht aus, sondern legte sich aufs Bett und starrte an die Decke. Eva legte sich auf das Bett daneben und tat dasselbe.

Von diesem Tag an wich sie Julia nicht mehr von der Seite. Sie erzählte ihr von den Vögeln am Himmel und den Tieren im Wald und war in der Lage, jedes einzelne – ob groß oder klein, im Wald, in der Luft oder im Wasser – mit Namen zu nennen. Ob Julia es wissen wollte, interessierte Eva ebenso wenig wie alle mehr oder weniger verbrämten Aufforderungen, sie in Ruhe zu lassen.

Nach zwei Wochen war Julia kurz davor, die Tür von innen abzusperren. Zu der Zeit hatte sie aber bereits begriffen, dass sie dazu auserwählt war, Evas besondere Gunst zu genießen, und dass sie für sie so etwas war wie ein verletztes Reh, das unbedingt gerettet werden musste …

Wieder in der Gegenwart, rieb Julia sich über die Augen. Sandmann war anders gewesen. Greger Sandmann. Wieder sah sie auf das Foto. Der dicke Junge in der Mitte, mit dem dunkelblonden Haar und der viel zu großen Brille auf der Nase. Ein Ass in der Schule, ein wandelndes Lexikon. Außer Eva, Julia und Kerstin hatte Sandmann keine Freunde, und Frauen waren vermutlich heute noch ein Buch mit sieben Siegeln für ihn. Er konnte reden wie ein Wasserfall, ohne Punkt und Komma, aber im Gegensatz zu Eva hatte er Julia nie mit zu viel Nähe bedrängt. Das war etwas, das sie immer besonders an ihm gemocht hatte.

Julia seufzte und ließ das Foto sinken. Das waren sie, die vier Freunde, das Kleeblatt jener Zeit. Verlorene Seelen, die sich für kurze Zeit getroffen hatten, um einander in einer einsamen Zeit Halt zu geben. Jetzt war eine von ihnen tot. War es da nicht ihre Pflicht, wenigstens zur Beerdigung zu erscheinen?

Um 9:45 Uhr rief sie Pastor Jordan an und sagte nur einen Satz: „Ich komme, aber ich werde nicht lange bleiben.“

5. KAPITEL

Das kann er doch nicht machen!

Zehn Minuten nach Julias Anruf schritt Jordan auf die Bäckerei von Eddie und Dina Winter zu.

Ein Wagen fuhr vorüber, aus dessen geöffnetem Fenster ein kleiner Arm hing. „Hallo Herr Pastor!“, rief ein Kind.

Jordan winkte und antwortete: „Euch einen schönen Tag, meine Lieben!“

Dann überquerte er die Straße und betrat den Laden. Das Ehepaar Winter stand sich hinter der Theke gegenüber, und sofort spürte der Pastor, dass dicke Luft herrschte.

Dina machte ein geradezu verdrossenes Gesicht. Ihr Mund war zu einem schmalen Strich verzogen, während aus Eddies Augen zornige Blitze schossen und seine Körpersprache signalisierte, dass er kurz davor war, nach irgendetwas zu greifen und damit um sich zu werfen.

„Guten Morgen“, sagte Jordan an beide gewandt. „Ist etwas nicht in Ordnung?“

„Doch, alles in Ordnung“, brummte Eddie und verschwand in der Backstube.

Dina zog die Schultern nach oben und wollte gerade etwas sagen, als die Ladentür erneut aufging.

Ein Mann trat ein, ruhig und selbstsicher, mit dunklem, kurzem Haar und auffallend blauen Augen. „Guten Morgen.“ Seine Stimme klang angenehm rau, mit niedersächsischem Einschlag.

„Guten Morgen, Herr Holz“, entgegnete Jordan freundlich, dem nicht entging, dass Dina rot wurde und offenbar nicht wusste, wo sie hinsehen sollte.

In der nächsten Sekunde schon lenkte Margot, die Dorfälteste, die Aufmerksamkeit auf sich, als sie den Laden betrat, was etwas länger dauerte, weil man mit einhundertundeins Jahren halt mal nicht mehr die Schnellste ist. Glücklicherweise griff Edna Gabriel, die zur gleichen Zeit in die Bäckerei wollte, ihr resolut unter die Arme.

Kaum war die Tür hinter den beiden zugefallen, drehte sich die alte Margot in Fritz Holz’ Richtung, was den dünnen, grauen Dutt auf ihrem Hinterkopf bedenklich hin- und herschwanken ließ. Ihr beinahe zahnloser Mund glich nur mehr einer Einbuchtung zwischen Hakennase und vorstehendem Kinn. „Guten Morgen, Fritz. Sag mal, was machst du jetzt eigentlich? Ich meine, jetzt wo dein Chef, der Jürgen, na ja … tot ist und die Schlachterei geschlossen.“

Der Mann mit den blauen Augen hob die Schultern. „Vielleicht mache ich endlich Nägel mit Köpfen und ziehe weg aus Wittenrode. Es gibt überall Arbeit für einen fleißigen Mann. Ich denke nicht, dass ich auf dieses Kaff angewiesen bin. Kein Mensch ist das.“

Die Dorfälteste wandte sich an Pastor Jordan. „Wenn das so weitergeht, bin ich bald die Letzte, die in diesem Dorf noch die Stellung hält. Entweder ziehen die Leute weg oder sie verlassen uns eines natürlichen Todes – oder sie werden umgebracht.“

„Na, na“, machte er.

Betont unbekümmert unterbrach Dina Winter von ihrer Seite der Ladentheke: „Zwei Stück Kuchen, wie immer, Herr Pastor?“

„Natürlich. Eins mit Schokolade und eins mit Kirsche, bitte.“

Sie nickte, griff nach einer Papiertüte und machte sich daran, die Teilchen einzupacken, während Edna Gabriel von Jordan wissen wollte: „Konnten Sie eigentlich schon mit Evelyn sprechen? Sie tut mir so leid. Dass ausgerechnet ihr Sohn so grausam sterben musste …“

Der Pastor nickte und seufzte leise. „Es geht ihr natürlich gar nicht gut. Sie ist zutiefst erschüttert.“

Dina reichte ihm die gefüllte Papiertüte. „Tragisch ist das. Einfach nur tragisch. Und nicht zu glauben. Macht eins achtzig.“

Jordan zählte Kleingeld in seiner Handfläche ab, reichte es ihr und wandte sich dann in Richtung Tür. „Ich muss weiter. Sie wissen ja, viel zu tun.“

„Wer kümmert sich eigentlich um die Beerdigung?“, fragte Edna in seinen Rücken.

„Ich“, antwortete Jordan, ohne sich umzudrehen. „Ich werde mich darum kümmern. Evelyn ist dazu augenblicklich nicht in der Lage …“ Wieder machte er einen Schritt nach vorne und wollte die Tür öffnen.

„Die Beerdigung meine ich nicht“, sagte Edna. „Ich meine die andere. Die von dieser … dieser …“

„Sie meinen die Beerdigung von Kerstin Jakob?“ Nun wandte der Pastor sich doch noch einmal um. „Auch darum werde ich mich kümmern. Immerhin war auch sie ein Mitglied dieser Gemeinde. Und da diese Gemeinde meine Gemeinde ist und ich nicht möchte, dass …“ Er brach ab. „Nun ja, ich habe ihre Freunde bereits verständigt. Sie werden an der Beerdigung teilnehmen. Trotz allem noch einen möglichst angenehmen Tag, meine Damen. Auf Wiedersehen, Herr Holz.“

Die kleine Schockwelle war beinahe hörbar. Alle bemühten sich geflissentlich, einander nicht in die Augen zu sehen.

„Das kann er doch nicht machen!“, entfuhr es Edna. „Das ist doch ein Verbrechen! An Gott, dem Herrn, an …“ Sie brach ab.

„Du siehst doch, dass er es kann.“ Dina wandte sich an Fritz Holz. „Zwei belegte Brötchen, Fritz?“

Er nickte.

„Ja, aber darf er das denn überhaupt?“ Edna wollte sich gar nicht mehr beruhigen. „Ich meine, darf man denn so eine überhaupt christlich beerdigen?“ Sie stockte und fügte hinzu: „Also, normal ist das nicht.“

Weder Dina noch Fritz Holz sagten etwas dazu. Die alte Margot verdrehte die Augen und meinte: „Geht das heute noch weiter? Ich bin über hundert Jahre alt. So viel Zeit hab ich nicht mehr.“

Fritz Holz griff nach der Papiertüte, die Dina ihm reichte, und warf ihr noch einen letzten Blick zu. „Bis bald.“ Dann verließ er den Laden.

Dina sah ihm einen Augenblick versonnen hinterher, dann riss sie sich zusammen und wandte sich an die Dorfälteste: „Zwei Brötchen wie immer, Margot?“

Die Alte nickte. „Weiche Brötchen. Du weißt ja, ich kann nicht mehr so gut kauen.“

Edna Gabriel schaute in der Zwischenzeit zu, wie ein Streifenwagen vor dem Laden hielt und Arnulf Ebeling mit seinem unproportionierten runden Bauch und einem Kopf, der eine bedenkenswerte Ähnlichkeit mit einer Glühbirne hatte, ausstieg.

Wenige Sekunden später trat er durch die Tür und sagte: „Guten Morgen, meine Damen. Gibt’s noch belegte Brötchen, Dina? Schnell bitte, ich hab einen Notfall.“

„Komisch“, brummte Margot, „dass bei dir immer ein Notfall herrscht, wenn es ums Essen geht und du nicht warten willst, Arnulf.“

„Ich bin Polizist“, wandte Ebeling sich an die Alte. „Bei mir herrschen immer Notfälle.“

„Wirklich? Kann mich nicht erinnern, dass du dich je um einen gekümmert hättest. Aber bitte …“ Die Alte seufzte theatralisch. „Esse ich meine Brötchen eben im Himmel, da ich vorher nicht mehr dazu kommen werde.“

„Mit Leberwurst?“, wandte Dina sich an den Dorfpolizisten.

„Natürlich. Wie immer.“ Ebeling kramte in seinen Hosentaschen nach Geld. „Wenn sonst schon nichts so wie immer ist.“

„Pastor Jordan wird die Kerstin christlich beerdigen“, bemerkte Edna hinter ihm.

„Nun ja, das ist sein Job, nicht wahr?“ Der Blick des Dorfpolizisten lag weiterhin auf dem Kleingeld in seiner geöffneten Hand. „Und immerhin ist sie ja jetzt tot.“

„Ja, aber das ändert doch nichts daran, dass …“ Edna suchte ungläubig nach Worten: „Dass sie den Jürgen kaltblütig … Also, ich meine, dass sie ihn ermordet hat. Und dass sie eine …“ Sie senkte die Stimme. „Du weißt schon. So eine war. Eine Satanistin.“

Ebeling schwieg und betrachtete weiterhin die Münzen.

„Hast du heute schon in die Zeitung gesehen?“, schaltete Dina sich in das Gespräch ein.

Jetzt sah Ebeling auf und nickte. „Ich fürchte, die ganze verdammte Welt hat heute Morgen in die Zeitung gesehen.“ Die Schlagzeile hatte sich über die gesamte Breite des oberen Teils der Seite gezogen, die Buchstaben etwa drei Zentimeter groß. Der Bericht beinhaltete einen kleinen Abschnitt über Kerstin Jakob, einen etwas größeren über den ermordeten Jürgen Jakob und einen wirklich großen Teil über das kleine Örtchen Wittenrode in Niedersachsen. Den „Teufelsort“. Das „Dorf des Bösen“. Ein Bild, das sich nun endgültig in alle Köpfe einbrennen würde.

„Man kann so eine … Sache nun mal nicht geheim halten.“

Dina warf Ebeling einen düsteren Blick zu. „Ja. Und jetzt wird alles wieder von vorne losgehen.“

„Nichts wird wieder losgehen“, widersprach er sofort. „Kalis hat sich damals umgebracht. Kerstin ist auch nicht mehr am Leben. Es wird nicht wieder losgehen.“

„Hoffentlich.“

Ebeling bezahlte seine belegten Brötchen und wiederholte: „Es wird nicht wieder losgehen.“

„Hoffentlich“, sagte Dina ebenfalls noch einmal und nahm das Geld entgegen.

Von dem, was sich im Laden abspielte, bekam Eddie Winter nichts mit. Er arbeitete in der Backstube und hing dabei seinen Gedanken nach. Er war immer noch wütend auf Dina, weil sie ihm vorhin widersprochen hatte. Das mochte er nicht. Das mochte er überhaupt nicht. Sowieso hatte er das Gefühl, dass sie sich in den letzten Wochen immer mehr verändert hatte.

Eddie lächelte kühl. Aber nein, das bildete er sich nur ein. Sie war ihm immer noch treu ergeben, wie es ihre Pflicht war als gute Ehefrau.

Er dachte an die Dina, die er vor zwanzig Jahren geheiratet hatte, damals das Prunkstück der ledigen Mädchen in Wittenrode. Zweiundzwanzig war sie gewesen, zwölf Jahre jünger als er, schön und viel eleganter als die anderen dämlichen Weiber im Ort. Außerdem war sie liebenswürdig, zurückhaltend und keine Spur eigensinnig. Eddie hingegen war schon immer geltungsbedürftig und herrschsüchtig. Vielleicht war er gerade deshalb so hingerissen von Dina – abgesehen davon, dass er Geld für seine Schulden brauchte. Dina würde die Bäckerei ihres Vaters erben und das war doch ein Geschäft, oder nicht?

Dinas Vater konnte Eddie nie leiden. Bis zu seinem Tod fand er die Beziehung zwischen ihm und seiner Tochter mehr als ungesund, was er allerdings nie aussprach. Er war schlau genug und hatte auf den ersten Blick erkannt, dass er Dina nur noch weiter in Eddies Arme getrieben hätte, hätte er gegen ihn vom Leder gezogen. Also war ihm nichts anderes übrig geblieben, als Eddie gegenüber gestelzt liebenswürdig zu sein und lediglich wie besessen zu husten, wenn er unzufrieden mit der Situation war. Da er ständig unzufrieden war, hustete er beinahe ununterbrochen. Als er dann erfuhr, dass Dina und Eddie heiraten wollten, kam er aus dem Husten gar nicht mehr heraus. Das würde nicht gut gehen. Und bereits die Hochzeit hatte die schlimmsten Befürchtungen auch schon bestätigt.

Eddie war schon bald nach der Trauung nicht mehr in der besten Laune, denn er hatte überhaupt keine Lust auf das ganze „Wittenroder Pack“. Er wollte so schnell wie möglich mit Dina allein sein und sie sich nehmen. Immerhin hatte er ja lange genug darauf gewartet. Deshalb pfiff er auf jede Diplomatie, betrank sich zuerst maßlos und bot den Hochzeitsgästen dann ein Schauspiel, indem er ihnen betrunken entgegenschrie, dass er und Dina jetzt nach Hause gingen, weil er „Lust zu ficken“ hätte. Kurz darauf war er mit ihr verschwunden und riss ihr zu Hause auch tatsächlich wenig romantisch den Schlüpfer herunter, um sie zu entjungfern.

Ob Dina sich ihre Hochzeitsnacht anders vorgestellt hatte, das wusste Eddie nicht. Er hatte sie nicht gefragt. Das tat er bis heute nicht. Wenn er Lust hatte oder sich langweilte, dann war sie zur Stelle. Sie war schließlich seine Frau.

Zusammengefasst könnte man sagen: Eddie liebte Dina gnadenlos und launisch.

Warum sie, die sie doch eigentlich eine grundehrbare und vernünftige Person war, ihn, der er sie beinahe von Anfang an auf jede nur erdenkliche Art und Weise hinterging, nicht längst verlassen hatte, das überstieg die Vorstellungskraft jedes logisch denkenden Menschen. Jedes Menschen, außer Eddie, denn der dachte über so etwas nicht nach. Es kam ihm nicht einmal in den Sinn, dass die Ehe für Dina schon lange ein Albtraum sein könnte. Noch nicht einmal in dem Moment, in dem sie ihn auf dem alljährlichen Schützenfest hinter einer der Schießbuden dabei erwischt hatte, wie er es mit heruntergelassenen Hosen heftig mit einer anderen Frau trieb … noch nicht einmal da bemerkte Eddie die Anzeichen in ihren Augen. Und dabei hatte er ihr damit zum ersten Mal nicht wie üblich nur einen Nadelstich, sondern gleich einen ganzen Keulenschlag versetzt.

Aber so ist das eben, wenn sich ein Mensch für den Mittelpunkt des Universums hält. Für Eddie war klar, dass es gut war, so wie es war, und dass er und Dina sich niemals trennen würden. Diese Ehe würde nichts und niemand auseinanderbringen.

Zugegeben, dies alles hatte wenig mit Liebe zu tun. Es ging um Besitz. Dina gehörte Eddie, so sah er es und so benahm er sich. Sie gehörte ihm und weiter dachte er nicht darüber nach.

Noch nicht.

6. KAPITEL

Geister der Vergangenheit

Norbert Kämmerer, der ehemalige Polizeichef von Hannover, saß in seinem Wohnzimmer, in einem Sessel, und schloss verzweifelt die Augen. Inzwischen war er stolze 86 Jahre alt und alleine. Statt seiner Frau, die schon viele Jahre tot war, hatte längst ein anderes Wesen die Räume bezogen. Ein Wesen, das nach ihm rief und dessen Schritte auf den Dielen knarrten.

Akustische Halluzinationen. So hatte der Arzt es genannt. Bei älteren Menschen wäre das keine Seltenheit. Kämmerer jedoch wusste, dass es etwas anderes war. Er wusste, dass es irgendwo dort draußen einen Menschen mit einer unerledigten Aufgabe gab. Die Bestätigung dafür hatte er erhalten, als er heute in der Zeitung von dem erneuten Mord in Wittenrode gelesen hatte. Und jetzt ließ es ihn erst recht nicht mehr los.

Er hatte immer mit der Angst gelebt. Angst davor, dass das, was in seinem Kopf vor sich ging, eines Tages Wirklichkeit werden könnte. Und jetzt war es so weit.

Kein Frieden mehr zu schließen.

Mit niemandem.

Julia fuhr zur selben Zeit von Osten her auf Wittenrode zu und dachte darüber nach, dass das Sterben eine einsame Sache war.

Sie war schon vier Stunden unterwegs, es regnete in Strömen, die Scheibenwischer des Wagens waren auf maximale Geschwindigkeit eingestellt und dem heftigen Regen trotzdem kaum gewachsen. Die Heizung war ausgefallen und sie fror. Es war kurz vor 17:00 Uhr und die Scheinwerfer konnten das Dunkel des elend frühen Abends kaum durchdringen. Um sich weiter abzulenken, fügte Julia in Gedanken hinzu: Das Leben ist nicht weniger einsam. Und die Liebe? Erst recht nicht.

Sie hatte Hannover erst wenige Kilometer hinter sich gelassen und war trotzdem schon mitten auf dem Land, fuhr an Schildern vorbei mit Namen, an die sie sich vage erinnerte, über Straßen, die immer noch dieselben Schotterpisten waren wie früher. Und so wusste Julia auch, was gleich kam. Ihr Herz begann schneller zu schlagen und dann sah sie das Schild: Wittenrode 2 km. Sie bremste ab, nahm die nächste Kurve, und plötzlich überkam sie eine Erinnerung. Die Erinnerung daran, wie sie mit ihren Eltern an genau demselben Schild vorbeigefahren war, vor mindestens fünfundzwanzig Jahren, im Sommer, auf den Wittenroder See zu. Sie glaubte, das Lachen ihrer Eltern zu hören, was der schönste Teil der Erinnerung war, das unbekümmerte Lachen. Julia wunderte sich, wie klar es in ihr Gedächtnis eingebrannt war und wie lebendig ihre Eltern für diesen kurzen Augenblick schienen. Sie blieben so lange, wie sie an dem Schild vorbeifuhr.

Dann fiel das Bild in sich zusammen und einmal mehr schwappten Wut und Zorn in Julia hoch wie eine Flut, die sich Welle für Welle in Richtung Deichkrone kämpfte. Sie spürte es als körperliche Schmerzen, als ein Nagen im Bauch, ein Ziehen im Kopf.

In der ersten Zeit nach dem Unfall hatte sie sich eingeredet, ihre Eltern wären nicht wirklich tot. Sie war fest davon überzeugt, dass alles nur ein schrecklicher Irrtum war. Ihre Eltern waren am Leben und warteten zu Hause auf sie. Ja, Julia war davon überzeugt gewesen, dass sie ihre Eltern antreffen würde, wenn man sie nur zurück nach Hause gelassen hätte. Aber man ließ sie nicht. Und spätestens bei der Beerdigung hatte sie den Glauben daran dann auch endgültig verloren. Und auch allen anderen Glauben.

Julia zwang sich in die Realität zurück. Gleich würde es dort oben auf dem Berg zu sehen sein. Sie sah nach oben und, ja, da war es. Gelbe Lichter gaben sich alle Mühe, über den dichten Regen hinweg zu leuchten, und sie stellte fest, dass das große Haus immer noch genauso beeindruckend war wie früher. Etwas weiter links befand sich die alte Burgruine und dazwischen die kleine alte Kapelle.

So lange Julia denken konnte, gab es dieses Bild, standen das Waisenhaus, die Kapelle und die verwitterte Burg nebeneinander dort oben. Der Wagen kam gefährlich ins Schleudern und sie fluchte: „Scheiße, verdammte!“ Der Fluch galt der ganzen Welt, aber vor allem dem Waisenhaus, und als sie einen Gang herunterschaltete, fiel ihr auf, dass aus dem Zittern ihrer rechten Hand mittlerweile eine tiefe Lähmung geworden war. Der Linken wäre es nicht besser ergangen, hielte sie nicht mit weißen Knöcheln das Lenkrad umklammert.

Jeder in dieser Gegend wusste, dass das Haus dort oben stand und was es zu bedeuten hatte. Doch es wurde ignoriert. Geleugnet. Ein unsichtbares Haus. Ein Haus, von dem alle nur hinter vorgehaltener Hand sprachen. Ein Haus, in dem so manches Kind verschwunden war. Für Jahre.

Natürlich wusste Julia, dass sie unfair war. Die Menschen dort oben waren gute Menschen. Sie hatten alles für sie getan – und nicht nur für sie – und nichts dafür erwartet. Sie hatten es ihr ermöglicht, ihr Leben sinnvoll zu gestalten. Eben das Beste aus dem zu machen, was ihr geblieben war. Sie hatte lange aufbegehrt und doch irgendwann verstanden, dass sie Kompromisse eingehen musste. Und so fühlte sich ihre Erinnerung ab einem bestimmten Zeitpunkt an wie die anderer Menschen auch: verschiedene Stationen des Lebens, von Zufällen bestimmt, vielleicht auch vom Schicksal beeinflusst, irgendwo zwischen neurotisch und normal, zwischen gewöhnlich und verzweifelt. Sie hatte all die Dinge getan, die niemand tun sollte und die doch jeder tat. Sie fühlte sich schuldig und auch wieder nicht. Und dann, mit achtzehn, war sie förmlich aus dem Waisenhaus geflohen. War nach Hannover gegangen, zur Polizei. Nur weg von Wittenrode und all dem …

Vierzehn Jahre war das inzwischen her. Und nun war sie wieder hier. Ein ganz merkwürdiges Gefühl. Als wäre sie nie weg gewesen.

Und doch gab es einen entscheidenden Unterschied. Sie war jetzt kein Kind mehr.

Sie war nicht mehr zehn Jahre alt.

7. KAPITEL

Verlogenes Pack

Knirschend fuhr der Spaten in die Erde. Einmal und noch einmal.

Obwohl es all seine Kraft erforderte, das Grab auszuheben, ging Adam Adaj die Arbeit leicht von der Hand. Dasselbe, was auch schon sein Vater und sein Großvater getan hatten. Friedhofsgärtner, das lag bei ihnen in der Familie.

„Ich verstehe die Toten und die Toten verstehen mich“, sagte Adaj immer, wenn ihn jemand danach fragte, ob ihm die Arbeit denn wirklich Spaß mache. Warum sollte sie ihm keinen Spaß machen? Er war gerne draußen und er mochte es, sich zu bewegen. Mehr brauchte es für ihn nicht.

Er setzte den Spaten ab, als er bemerkte, dass er nicht mehr alleine war.

„Ist es nicht wunderbar friedlich hier draußen?“, sagte der Besucher und sah sich für einen Moment zwischen den einzelnen Gräbern um. Dann legte er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Friedhofsgärtner. „Hast du dich inzwischen entschieden?“

„Verlogenes Pack.“ Adaj spuckte aus. „Einmal Mörder, immer Mörder. Verschwinde. Ich lass mich nicht mehr erpressen.“

„Niemand will dich erpressen, Adam. Du sollst dir nur über die Bedeutung deines Handelns im Klaren sein.“

Adaj kletterte aus dem Grab und baute sich vor der Gestalt auf. „Und was … willst du machen, wenn ich den Mund nicht länger halte, hm?“

Die Gestalt zog ein langes Messer unter dem Mantel hervor. Die Spitze zeigte gefährlich in seine Richtung. „Du weißt genau, was dann passiert.“

Wilhelm Raddatz, der Bürgermeister von Wittenrode, starrte zur gleichen Zeit auf einen Zettel, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Dabei drückte er sich ein weißes Stofftaschentuch wie eine Kompresse gegen die Stirn und tupfte sich damit die Schweißtropfen ab. Keine fünf Sekunden später griff er nach einem Glas mit Pflaumenschnaps und schleuderte es quer durch den Raum. Befriedigt stellte er fest, dass es genau in der Mitte der Tür landete.

Ich treffe immer. Und warum treffe ich immer? Weil ich zielgenau handele. Deshalb treffe ich auch immer die richtigen Entscheidungen. Und weil ich immer die richtigen Entscheidungen treffe, habe ich es bis dahin gebracht, wo ich heute bin. Ich habe ein großes Haus mit einem großen Garten und ich bin der Bürgermeister.

Raddatz lehnte sich in seinen Sessel zurück, zündete sich seine Pfeife an und legte die Füße auf den Tisch.

Vielleicht bin ich primitiv. Na und? Immerhin habe ich stets bekommen was ich will. Nur die Stärksten überleben, so ist es immer gewesen.

Und immerhin war ich stets bemüht, den Wohltäter zu spielen, väterlich besorgt um die Zukunft jedes einzelnen Bürgers in Wittenrode. Ich habe niemals jemanden in die Irre führen wollen, im Gegenteil, ich wollte immer nur helfen. Dass ich dabei vor allem mir selbst geholfen habe, nun ja … Ich muss schließlich auch sehen, wo ich bleibe.

Ich bin, wer ich bin. Und das bin ich, weil ich immer alles richtig gemacht habe. Und weil ich immer alles richtig mache, werde ich auch jetzt keinen Fehler machen. Denn wenn ich einen Fehler mache, dann könnte das meinen Tod bedeuten. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann wird er auf mich warten. Und dann wird er auch mir die Kehle durchschneiden.

Raddatz nahm die Füße vom Tisch, beugte sich noch einmal nach vorne und las die kurze Nachricht ein weiteres Mal durch. Dann griff er nach dem Zettel, zerriss ihn in kleine Stücke und warf ihn in den Papierkorb.

8. KAPITEL

Das Spiel beginnt

Wittenrode hatte nur etwa vierhundert Einwohner (davon über fünfzig Prozent dem Tod näher als dem Leben und die Kinder vom Waisenhaus mitgezählt, die Statistik würde sonst noch düsterer ausfallen) – trotzdem reichte es aus, um sich zu verfahren. Julia musste an einem verfallenen Bauernhof wenden, fand dann endlich die Abzweigung, die in die Ortsmitte führte, bog nach rechts ab und fuhr an einem Gebäude vorbei, auf dessen Front in bedrohlichem Schwarz stand: GRUNDSCHULE.

Sie fuhr weiter, einen Schotterweg entlang, überholte einen Traktor, und dann, endlich, tauchte die schmale Hauptstraße vor ihr auf. Sie passierte ein paar Geschäfte, wie sie in jedem kleineren Ort zu finden sind: ein Friseur, eine Bäckerei, eine Kneipe, eine – geschlossene – Schlachterei, und musste hart abbremsen, als ein paar Kinder gedankenlos die Straße überquerten.

Julia blinzelte, gab wieder Gas und dachte erneut an Kerstin. Wie lange hatte es wohl gedauert, bis sie tot war? Und was hatte sie dabei empfunden? Hatte sie sich für den Bruchteil einer Sekunde gefragt: Was, zum Teufel, mache ich hier eigentlich? Hatte sie vielleicht doch noch nach Halt gesucht? Eben bist du noch am Leben, in der nächsten Sekunde bist du tot. Ein Schritt genügt. Aus.

Aber es gab noch viel mehr Fragen, die Julia beschäftigten. Zum Beispiel, ob Kerstin neue Freunde gefunden hatte, nachdem das „Kleeblatt“ sich in alle Richtungen zerstreut hatte? Und ob sie ihrem Mann alles – wirklich alles – von sich erzählt hatte? Hatte sie all ihre Geheimnisse mit ihm geteilt? Julia glaubte nicht daran. Irgendetwas hielt jeder zurück. Bei dem einen war es vielleicht nur etwas ganz Kleines, bei dem anderen war es ein regelrechter Dämon, der irgendwo tief in der Seele vergraben saß. Jeder Mensch tat sein Bestes, aber nicht alle waren dazu geschaffen, mit Schuld leben zu können. Kerstin war es offenbar nicht.

War sie einsam gewesen? Sie war einsam gestorben, das stand fest. Julia seufzte. Einsam, aber mutig, denn Kerstin musste große Angst vor dem gehabt haben, was nach ihrem Tod auf sie zukommen würde. Sie waren im Waisenhaus im Glauben an den Himmel erzogen worden und an sein Gegenstück, die Hölle, die gleich große und entgegengesetzte Kraft. Selbstmord war ihnen als Sünde verkauft worden. Und was geschah mit einem Sünder? Trotzdem hatte Kerstin keinen anderen Ausweg gesehen und von ihrem Leben Abschied genommen. Für immer.

Wie viele Geheimnisse hast du mitgenommen, Kerstin? Wie viele Geheimnisse, von denen nun niemand erfahren wird?

Als sie fünf Minuten später ihren Wagen auf einem Parkplatz abstellte, der „Nur für Gäste der Pension“ reserviert war, blieb Julia noch einen Moment im Wagen sitzen und blinzelte in den schräg fallenden Regen. Das Gefühl, das sich ihr in den nächsten Sekunden aufdrängte, war gleichzeitig vertraut und fremd: ein inneres Feuer, ein regelrechter Brand. Es kam von einem Punkt zwischen Magen und Brustkorb und legte alles in Schutt und Asche.

Unfassbar, dachte sie bei sich. Unfassbar, dass ich tatsächlich wieder hier bin.

Sie versuchte eine Zigarette an den Mund zu führen, doch ihre rechte Hand gehorchte ihr immer noch nicht. Sie versuchte die Finger zu spreizen, aber nicht das geringste Zittern verriet, dass das Signal des Gehirns durchdrang. Nichts.

Und so blieb sie sitzen, zwei Minuten, drei, bis sie sich förmlich dazu zwang auszusteigen – und sofort spürte sie Blicke auf ihrer Haut.

Sie drehte sich um, doch es war nirgendwo jemand zu sehen. Nur eine schwarze Katze, die durch die leere Straße streunte.

Instinktiv suchte Julia mit den Augen die Fenster der umliegenden Häuser ab.

Lieber Himmel! Ich bin noch keine fünf Minuten wieder hier und drehe schon durch.

Entschlossen straffte sie die Schultern und betrat die Pension.

Wenn sie gewusst hätte, wie recht sie mit ihrem Gefühl hatte, beobachtet zu werden.

Nachdenklich stand er hinter dem Vorhang, sah, wie Julia in der Pension verschwand, und in seinem Kopf herrschte dabei eine ungewöhnliche Stille.

Dann lächelte er das erste Lächeln des Tages, dachte darüber nach, wie er nun weiter vorgehen sollte.

Er dankte dem Schicksal, dass es ihm in die Hände gespielt hatte. Bis gestern hatte er noch vor dem schier unlösbaren Problem gestanden, wie man Julia Wagner dazu bewegen konnte, zurück nach Wittenrode zu kommen – an den Ort, den sie mehr hasste als irgendetwas sonst auf der Welt. Und das, ohne einen Verdacht zu erregen.

Er lächelte das zweite Lächeln des Tages.

Das Problem hatte sich mit Kerstins Selbstmord ganz von alleine gelöst.

Jetzt aber gab es das nächste Problem: Julia war wie ihr toter Vater – unberechenbar. Genau das war aber gleichzeitig auch ihre Schwäche. Sie liebte ihren Daddy, himmelte ihn an, auch – oder erst recht – über seinen Tod hinaus. Und genau da würde er sie packen.

Er verzog die Lippen zum dritten Lächeln des Tages.

Er würde ihre Seele brechen. Er konnte das, denn er wusste, wie es ging. Er presste die Stirn an die kühle Fensterscheibe, und für einen Moment schien es, als würde die Zeit stillstehen.

Ihm war klar, dass sein Plan immer noch schiefgehen konnte. Es war durchaus möglich, dass sie schon in der nächsten Sekunde ihre Koffer wieder packte und davonfuhr, ohne sich noch einmal umzublicken.

Eben unberechenbar.

Abwarten.

Mit Besessenheit und Liebe zum Detail begann er zu planen und Rollen zu besetzen. So lange, bis das Stück perfekt war.

„Willkommen zu Hause“, flüsterte er und lächelte das letzte Lächeln des Tages.

9. KAPITEL

Alles ganz anders

„Die Edna, die hört das Gras wachsen“, so redeten die Einheimischen über Edna Gabriel, die Putzfrau. Und sie hatten damit nicht unrecht. Während sie den Teppich im Speiseraum der Pension saugte, dachte Edna darüber nach, dass sie gar nicht nachzählen mochte, wie viele Jahre sie in Wittenrode das Gras schon wachsen hörte. Sie saugte in der Ecke und seufzte dabei leise auf. Wie sehr wünschte sie sich ihren verstorbenen Mann zurück, und wenn es nur für ein paar Tage gewesen wäre. Mit wem sollte sie über ihre Ängste und Beobachtungen sprechen, wenn nicht mit ihm? Blieb nur Pastor Jordan. Und das hatte Edna dann auch getan.

Sie war zu ihm gegangen und hatte ihm gesagt, dass sie den Teufel gesehen hatte. Oder … Nun ja, zumindest glaubte sie, ihn gesehen zu haben. Seinen Schatten. Bei sich zu Hause. Im Badezimmer.

Jordan hatte nur die Augenbrauen gehoben und nichts gesagt.

„Ich schwöre“, beharrte Edna. „Ich habe ihn gesehen.“

„Frau Gabriel“, hatte Jordan gedehnt und ohne das kleinste Lächeln angesetzt. Im Grunde war der Pastor ein gut gelaunter Mensch, der gerne lachte, aber wenn es um solche Themen ging, dann war er immer vollkommen ernst und konzentriert. Nun ja, das gebot wahrscheinlich die Ernsthaftigkeit des Themas. Da galt es, höchst aufmerksam und kritisch zu bleiben. „Was macht Sie so sicher, dass er es war?“

„Ich habe es gespürt.“

Jordan nahm den Blick nicht von Edna. „Sie wissen, man sollte vorsichtig sein mit solchen Dingen. Sonst fängt man an, sich auf das zu verlassen, was man zu spüren glaubt, und kann dadurch in die Irre geführt werden. Ich will damit sagen, dass es gefährlich ist, sich auf ein vermeintliches Gespür zu verlassen. Das Gefühl der gesteigerten Wahrnehmungsfähigkeit kann selbst eine Täuschung sein. Wir müssen Disziplin wahren und Gottes Gebote achten, das ist unsere größte Stärke.“

Edna verstand kein Wort, nickte aber heftig.

„Stellen Sie immer Ihre Vernunft über Ihre Intuition“, redete Jordan weiter. „Hüten Sie sich vor Eingebungen.“

„Aber wenn es nun eine göttliche Eingebung ist?“, wollte Edna wissen.

Jordan nahm den Blick immer noch nicht von ihr. „Wie beurteilen Sie, dass sie göttlich ist?“

Edna erstarrte. „Also war es doch der Teufel.“

Daraufhin herrschte erst einmal Schweigen.

„Was ich sagen will“, setzte Jordan dann noch einmal an, „ist, dass wir uns stets bemühen müssen, den wahren Gott zu erkennen. Das Böse erzählt uns Lügenmärchen. Das Böse erscheint uns plausibel. Wir müssen uns vor allem hüten, was man als Fehlinformation bezeichnen könnte.“

Edna nickte wieder heftig, obwohl sie immer noch nichts verstand.

„Es ist wichtig, das richtige Augenmaß nicht zu verlieren, Frau Gabriel“, redete Jordan weiter. „Wenn wir solche Erscheinungen dramatisieren, wenn wir mit fuchtelnden Armen gegen die Mächte der Finsternis wettern, wenn wir sie zu wichtig nehmen … dann ist das zu viel der Ehre.“

„Sie meinen also, ich habe gar nichts gesehen?“, fasste Edna zusammen.

„Es ist sehr viel passiert in den letzten Tagen“, sagte Jordan und erhob sich. „Trotzdem hätte ich es gerne, dass Sie bei der nächsten Versammlung dabei sind. Vorsorge ist besser als die Sorge danach, nicht wahr?“

Die Rezeption war nicht besetzt. Julia betrat den Frühstücksraum, wo eine hagere Frau in einer blauen Kittelschürze einen Staubsauger über den ausgeblichenen Teppich schob.

Die Wände waren mit braunem Holz vertäfelt und wirkten ausgesprochen bedrückend. Julia konnte sich nur schwer vorstellen, hier mehr Zeit als nötig zu verbringen. Sie rief der Frau in der Kittelschürze etwas zu, aber die hatte ihr den Rücken zugewandt und hörte sie nicht. Erst als sie ihr auf die Schulter tippte, schrak die Frau zusammen und schaltete den Staubsauger aus. „Meine Güte, haben Sie mich erschreckt!“

„Entschuldigung. Mein Name ist Julia Wagner. Ich hatte heute Nachmittag angerufen, wegen eines Zimmers.“

Edna zuckte mit den Schultern. „Ich bin hier nur die Putzfrau. Warten Sie, ich hole die Chefin.“ Damit verschwand sie in einem Hinterzimmer und kehrte mit einer Frau um die fünfzig, das Haar weißblond und so hell, dass es silbrig schimmerte, wieder. Sie saß in einem Rollstuhl und ihre Beine waren in eine Decke eingeschlagen. Aufmerksam sah sie Julia aus hellen blauen Augen an.

„Julia Wagner“, sagte Julia noch einmal. „Ich hatte heute Nachmittag angerufen, wegen eines Zimmers.“

Die Frau nickte. Mit der Routine eines Menschen, der es nicht anders gewohnt war, bewegte sie ihren Rollstuhl hinter die Empfangstheke. „Mein Name ist Ursula Faber. Sie sind hier wegen der Beerdigung, richtig?“

Julia nickte.

„Das ist eine wirklich tragische Geschichte.“ Während die Besitzerin der Pension ein Buch aufschlug und ein paar Eintragungen machte, fügte sie ohne aufzusehen hinzu: „Ihre beiden Freunde sind im Ort unterwegs.“ Dann reichte sie einen Schlüssel über den Tresen. „Gehen Sie bis zum Ende des Ganges. Dort ist eine Treppe, die nach oben zu den Zimmern führt. Ihres ist ganz hinten links.“

Damit war das Gespräch beendet und Julia machte sich auf den Weg nach oben.

Als sie das Zimmer betrat, stellte Julia fest, dass auch hier schon lange kein Geld mehr für eine Renovierung ausgegeben worden war.

Die Wände zierte eine rosa Blümchentapete, links stand ein altes Holzbett, dessen Bettdecke ein Rosenmuster zeigte, gegenüber eine alte Couch, ein ebenso alter Sessel mit Schottenkaromuster und ein kleiner runder Tisch. Die Lampe an der Decke summte und sirrte und es gab zwei billige Picassodrucke an den Wänden und einen runden Spiegel mit abgeplatztem Goldrand. Auf dem Nachttisch stand ein altertümliches, schwarzes Telefon, das in jedem Agatha-Christie-Krimi eine perfekte Mordwaffe abgegeben hätte. Julia inspizierte das Gerät einen Moment irritiert, dann trat sie hinaus auf einen kleinen Balkon. Der Wald gegenüber wirkte bedrohlich bei dem grauenhaften Wetter.

Vielleicht, überlegte sie, ist das ja alles nur eine Halluzination. Vielleicht spielt sich das alles nur in meinem Kopf ab. Vielleicht wache ich morgen früh auf, bin wieder an der Ostsee, Kerstin ist noch am Leben, und Pastor Jordan hat nie angerufen.

Sie ließ die Balkontür offen, um das Zimmer durchzulüften, ging wieder hinein und betrachtete sich im Spiegel an der Wand. Ihr Gesicht war blass und ihre Augen wirkten in diesem Moment nicht mehr hellbraun, sondern schwarz. Sie wandte sich ab, schritt zum Bett, ließ sich auf die Kante sinken – und zuckte zusammen, als das Zimmertelefon klingelte.

Einen Moment starrte Julia das Telefon an und das Telefon starrte zurück. Dann nahm sie ab. „Hallo?“

Am anderen Ende war nur ein leises, gleichmäßiges Atmen zu hören.

Falsche Nummer, entschied sie und legte auf.

Zeit, es anzugehen und sich selbst zu einem Teil dieser vermeintlichen Halluzination zu machen.

Gerade wollte Julia das Zimmer wieder verlassen, als das Telefon erneut klingelte. Zornig nahm sie den Hörer noch einmal ab und zischte: „Was?“

Am anderen Ende meldete sich eine männliche Stimme. „Julia?“

„Pastor Jordan? Haben Sie eben schon mal angerufen?“

„Nein.“

„Und woher wissen Sie, dass ich schon da bin?“

„Ich bitte dich, Julia, wir befinden uns in Wittenrode. Die Leute wussten, dass du im Ort bist, noch bevor du es selbst wusstest.“ Er sagte es, als sei es das Natürlichste der Welt. „Wollen wir uns in einer halben Stunde treffen? Ist das in Ordnung für dich?“

„Natürlich. Und wo?“

„Im ‚Eck‘. Das ist die Dorfkneipe, falls du dich noch erinnerst. Dort kann man gut sitzen und reden.“

„Okay“, sagte Julia. „In einer halben Stunde bin ich da.“

10. KAPITEL

Hexe

Sie hatte beschlossen, den Weg zu Fuß zu gehen. Dann konnte sie sich wenigstens mit gutem Gewissen betrinken, je nachdem, wie die nächsten Stunden verliefen. Und da machte Julia sich wenig Hoffnung.

Es bedurfte nicht viel, um hier Angst zu bekommen. Genau genommen bedurfte es überhaupt nicht viel, diesen Ort als bedrohlich und unheimlich zu empfinden, auch ohne all die Erinnerungen, die die Fantasie beflügelten.

Für einen Moment blieb sie stehen, sah sich auf der Straße um und stellte fest, dass außer ihr kein Mensch unterwegs war. Wie eine Filmkulisse, dachte sie bei sich und betrachtete die weiß verputzten Häuser mit den dunklen Fenstern, die aussahen, als hätte sie jemand – ohne Sinn und Plan – wie Salzkörner einfach links und rechts an die Straße gestreut.

In der nächsten Sekunde durchbrach ein unvermitteltes und ungewöhnlich lautes Fluchen die Stille. Eine wahrhaft reiche Vielfalt an Schimpfwörtern, die auf großen Zorn hindeuteten.

Julia wandte sich um und entdeckte eine kräftige Frau um die fünfzig, mit grauem Haar, das zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war. Sie trug dunkle Cordhosen und schlammige Stiefel und reckte die Fäuste gen Himmel. Die Tür zu dem Haus, vor dem sie stand, stand offen, was nahelegte, dass sie gerade dort herausgekommen war.

Einen Moment kämpfte sie mit sich, dann machte Julia ein paar Schritte auf die fremde Frau zu. Die wandte den Kopf und stellte fest: „Sie sind nicht von der Polizei.“

„Nein. Ich kam zufällig vorbei und dachte, Sie bräuchten vielleicht Hilfe.“

„Verdammt noch mal, ja, ich brauche Hilfe!“, zischte die Frau. „Sehen Sie selbst!“ Sie trat zur Seite, sodass der Blick auf die weiße Hauswand frei wurde, die von dem überdimensional großen Wort HEXE verunziert wurde, das offenbar gerade erst aufgesprüht worden war. Jedenfalls roch die Farbe noch frisch.

„Vandalismus!“, zischte die Frau. „Reiner, bösartiger Vandalismus! Wo bleibt die Polizei, wenn man sie braucht?“

Im selben Moment fuhr ein Streifenwagen um die Ecke. Ein kräftiger Polizist mit birnenförmigem Schädel stieg aus und kam auf sie zu.

„Na, da haben Sie ja die Hilfe, die Sie benötigen“, stellte Julia fest und wollte sich umdrehen, um weiterzugehen.

„Nein, warten Sie!“ Die Frau griff nach ihrem Arm. „Ich möchte, dass Sie hierbleiben. Bitte.“

Julia hob die Augenbrauen. „Warum?“

„Ich möchte, dass Sie sich ansehen, wie einem hier von der Polizei geholfen wird.“

Am Ende hatte sie sich, so gut es ging, zurückgehalten, und die Frau, von der Julia inzwischen wusste, dass sie Paula von Jäckle hieß, beruhigte sich immerhin so weit, dass sie einigermaßen zusammenhängend über die Situation berichten konnte. Sie war gerade erst nach Hause gekommen, erzählte sie, und hätte dann die Bescherung gesehen. Nachdem sie ins Haus gerannt war, um die Polizei zu verständigen, und dann wieder nach draußen, um sich die Sache noch einmal genauer anzusehen, war diese junge Frau dort vorbeigekommen … An der Stelle lenkte ein ausgestreckter Zeigefinger die Aufmerksamkeit des Polizisten auf Julia, die sich nach Kräften bemühte, den Anschein der unbeteiligten Dritten zu erwecken, die sie ja schließlich auch war. Der Polizist, von dem sie inzwischen wusste, dass er Ebeling hieß, sah sie einen Moment prüfend an und wollte dann wissen: „Wie war noch mal Ihr Name?“

Julia sagte es ihm und für einen kurzen Moment schien er sich zu verspannen. Doch es war wirklich nur ein ganz kurzer Moment, in dem er sie taxierte, und zu welchem Urteil er dabei kam, war nicht zu erkennen. Dann wandte er sich wieder an Paula von Jäckle. „Hast du nichts mitbekommen?“, wollte er wissen.

Nein, meinte Paula, sie hätte nichts mitbekommen. Sie wäre ja auch gar nicht da gewesen. „Heute Nachtmittag, als ich wegfuhr, stand das da noch nicht auf meiner Hauswand“, stellte sie fest. „Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass, wer auch immer dahintersteckt, mutig genug wäre, das anzurichten, während ich im Haus bin.“

Ebeling machte sich nicht einmal die Mühe, die Aussage mit ein paar Notizen festzuhalten. Er atmete lediglich einmal tief ein und dann langsam wieder aus, ehe er die nächste Frage stellte: „Hast du dich kürzlich mit jemandem gestritten?“

„Gestritten?“, fuhr Paula auf. „Hier im Dorf? Nicht mehr als üblich.“

„Dann waren es vermutlich Kinder, die sich einen kleinen Spaß erlaubt haben.“

„Kinder?“, zischte Paula. „Ganz bestimmt waren das keine Kinder. Das weißt du so gut wie ich, Ebeling.“

Der Polizist lächelte dünn. „Du weißt, dass dein … Hobby vielen im Ort schwer im Magen liegt. Und gerade jetzt trägt es nicht gerade zur Beruhigung der Gemüter bei.“

„Das ist nichts als das Geschwätz böswilliger Leute, die nichts Besseres mit sich anzufangen wissen, als anderen Schlechtes nachzusagen. Wozu braucht man Feinde, wenn man solche Mitbürger hat?“ Paula verstummte, um Atem zu schöpfen.

Ebelings dünnes Lächeln blieb ungebrochen.

„Ich sagte, wozu braucht man Feinde, wenn man solche Mitbürger hat?“, wiederholte Paula.

„Ich hab es gehört“, gab Ebeling zurück. „Hör zu, nimm es als üblen Scherz, mach es weg, und halt dich in Zukunft ein wenig zurück. Mehr kann ich dir im Augenblick nicht raten.“ Seine gesamte Mimik war die eines Mannes, der einen Auftrag hinter sich gebracht hatte, der in seinen Augen von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

„Sehen Sie, genau das meine ich!“, polterte Paula in Julias Richtung, nachdem er mit dem Streifenwagen wieder aus ihrem Blickfeld verschwunden war. „Und dafür zahle ich meine Steuern! Das ist doch nicht in Ordnung!“

„Ich würde sagen, er hat sich die größte Mühe gegeben, so zu tun als würde ihn die Sache interessieren.“ Julia konnte sich einen kleinen Anflug von Sarkasmus in der Stimme nicht verkneifen. „Melden Sie es am besten Ihrer Versicherung.“ Sie sah auf die Uhr. „Ich muss jetzt wirklich …“

„Natürlich.“ Paula blickte sie jetzt aufmerksam an. „Danke, dass Sie geblieben sind. Wie sagten Sie, war Ihr Name?“

„Julia Wagner.“

Als hätte sie der Blitz getroffen, richtete Paula sich auf. „Nein!“

Noch einmal sah Julia auf die Uhr. „Hören Sie, ich muss jetzt wirklich …“ Als sie Schritte hörte, wandte sie sich um und erkannte zuerst den schwarzen Anzug mit dem weißen Kragen, dann den dazugehörigen schlanken Mann mit dem dunklen, leicht angegrauten Haar. Fast eine feminine Schönheit, die mehr an einen – etwas in die Jahre gekommenen – Rockstar erinnerte als an einen katholischen Pastor.

Der Mann lächelte. „Hallo Julia. Hat es dir die Sprache verschlagen?“

Julia lächelte zurück. „Pastor Jordan.“

„Ich war gerade auf dem Weg ins ‚Eck‘, als ich dich hier stehen sah. Wollen wir? Oder hast du hier noch etwas zu erledigen?“

Julia schüttelte den Kopf. Noch ein letztes Mal drang Paula von Jäckles Stimme in ihr Bewusstsein: „Wir müssen miteinander reden, Frau Wagner. Hören Sie? Es ist wichtig! Ich habe Ihnen etwas sehr Wichtiges mitzuteilen! Melden Sie sich bei mir!“ Dann nickte sie Jordan kurz zu, ehe sie im Haus verschwand.

11. KAPITEL

Stille Hoffnung, leise Drohung

Seit über einer Stunde putzte Petra Hagen nun schon unglücklich die Küche. Sie stand so sehr neben sich, dass sie beinahe vergaß, das Abendessen rechtzeitig in den Ofen zu schieben. Gott sei Dank ist er noch in der Kneipe, dachte sie bei sich und sah ihn vor sich, den grobschlächtigen Mann, der am Tresen saß und sich betrank, wie er es immer tat. Ihren Vater, Knut Hagen.

Sie versuchte sich zur Ordnung zu rufen, zur Ruhe zu kommen, indem sie ganz langsam durch die Nase atmete.

„Du musst nicht tun, was er dir sagt. Du bist erwachsen.“

Worte, an die Petra sich klammern wollte. Aber so einfach war es leider nicht. Sie spürte, wie es ihr in den Zähnen wehtat, wenn sie an ihren Vater dachte. Man mochte allen anderen etwas vormachen können, sich selbst etwas vormachen konnte man nicht.

„Petra, die Fliege“, das war sie. Immer unauffällig, wie die sprichwörtliche Fliege an der Wand, die zwar alles hört, der man aber keinen Blick schenkt.

Bei den Hagens fand ohnehin niemand Geschmack an unnötigen Gesprächen. Schon gar nicht Petras Vater, das Familienoberhaupt, das niemals in seinem Leben weiter als vom Hof bis zur Kneipe gekommen war. Verschlossen wie ein Geldtresor, das war er, und wen er übersah, der existierte nicht für ihn. Auch ein Wittenroder Talent, das nicht erlernt werden konnte.

Wenn Petra als Kind geweint hatte, dann meinte ihr Vater, dass sie das gefälligst in ihrem Zimmer tun sollte. Vor anderen mache man sich mit dem Geheule nur lächerlich. Petra wunderte sich, dass ihre Eltern zu den „anderen“ zählten. Denn wenn ihre Eltern die „anderen“ waren, wer gehörte dann zur Familie? Aber sie hatte die Lektion gelernt. Sie hatte nichts vergessen, besaß ein gutes Gedächtnis. Ein ausgezeichnetes sogar.

Noch heute erinnerte sie sich an eine Weihnachtsfeier in der Schule. Damals war sie acht Jahre alt gewesen und ihre Eltern erlaubten es ihr nicht, daran teilzunehmen. Es gäbe genug Arbeit auf dem Hof, meinte Knut Hagen, und Petra hatte sich schon damit abgefunden, als das Telefon klingelte und ihre Klassenlehrerin Frau Baakes anrief. Ohne sich auf eine Diskussion einzulassen, kündigte sie an, sie werde das Kind um 14:00 Uhr abholen. Und erschien dann auch tatsächlich um die besagte Zeit. Weder ihr Vater noch ihre Mutter legten sich mit der resoluten Lehrerin an. Sie wechselten lediglich ein paar Blicke.

Erstaunlich, dass Frau Baakes sich so für sie eingesetzt hatte, fand Petra noch heute, denn schüchtern und wenig selbstbewusst wie sie nun mal war, fand sie – selbst nach langem Nachdenken – noch heute keinen Grund, warum jemand sie mögen sollte. Sie empfand sich selbst als farblos, was sie auch tatsächlich war. Zu blass, zu dünn, die Augen wässrig, und zu all dem mangelte es Petra an Fantasie und Lebensfreude – was daran liegen mochte, dass es in ihrem bisherigen Leben nur wenig Freude gegeben hatte.

Ihre Mutter war gestorben, als sie zehn Jahre alt war, und in den Jahren darauf wurde ihr Vater immer launischer, tyrannischer, selbstsüchtiger. Was immer sie für ihn tat, es wurde kritisiert oder gar nicht erst beachtet.

So wurde das Leben außerhalb Wittenrodes mehr und mehr zu einer Fiktion für Petra. Unwirklich. Unerreichbar. Sie sah immer schlechter aus, genau genommen geradezu leichenhaft, was ihrem Vater nicht auffiel, dafür aber Margot, der Dorfältesten, bei einem der wenigen Male, die sie sich im Ort begegneten. Die Alte befand, dass das Mädchen etwas mehr Spaß bräuchte, aber Knut Hagen befand, dass seine Tochter weiß Gott genug Spaß hätte.

So begann Petra irgendwann an Flucht zu denken. Ein Zimmer oder eine kleine Wohnung in sicherer Entfernung vom Hof ihres Vaters, irgendwo in der Stadt, das wär’s gewesen. Aber so etwas erforderte Mut und noch mehr Durchsetzungsvermögen. Über beides verfügte Petra nicht und trotzdem hatte sie an einem Abend, bei einem der unzähligen schweigsamen Abendessen, gewagt, es auszusprechen. Und wenn sie hundert Jahre alt werden würde, was sie sich nicht wünschte, sie würde diesen Abend nicht vergessen.

„Ich denke darüber nach, wegzugehen und eine Ausbildung zu machen“, hatte sie gesagt.

Mit einer einzigen Bewegung hatte Knut Hagen daraufhin seinen Teller zur Seite gewischt, so heftig, dass er vom Tisch gefallen und auf dem Boden zersplittert war. „Du gehst nirgendwo hin.“ Dann war er aufgestanden und verschwunden und Petra war allein in der Küche sitzen geblieben. In diesem Moment wünschte sie sich zum ersten Mal, wenn auch nur für einen kurzen Moment, dass ihr Vater sterben würde. Dieser Gedanke war jedoch so schnell wieder verflogen, wie er gekommen war. Und wahrscheinlich hätte sie es sogar dabei belassen, wenn, ja wenn …

„Vielleicht kann ich eines Tages ja doch noch glücklich werden“, flüsterte sie sich selbst zu. „Vielleicht gibt es ja doch Gerechtigkeit.“

Sie spürte, wie ihre Augen feucht wurden, aber sie verbot es sich zu weinen, flüsterte nur noch einmal: „Vielleicht.“

Knut Hagen ahnte nichts von dem, was in seiner Tochter vorging. Selbst wenn er es geahnt hätte, es hätte ihn nicht interessiert. Er saß, einem Rausch gefährlich nahe, mit Wilhelm Raddatz an einem der Tische im „Eck“, als Eddie Winter die Kneipe betrat.

Der Bürgermeister hob eine Hand. „Hier!“

Eddie nickte, kam zu ihnen und nahm auf einem der freien Stühle Platz.

„Trink was“, sagte Hagen und klopfte ihm dabei auf die Schulter. „Bist noch viel zu nüchtern.“

„Was für dich zur Abwechslung auch mal nicht schlecht wäre“, bemerkte Raddatz mit düsterem Blick in seine Richtung.

„Ach was.“ Hagen winkte ab und gab dem Wirt ein Zeichen.

Keine zwei Minuten später legte Eddie eine Hand um ein kühles Bierglas und grinste. „Auf dich, Knut, und darauf, dass du die Schnapsbrennereien auf den Beinen hältst.“

„Die schon, nur sich selbst nicht“, bemerkte Raddatz ungnädig. „Hat einer von euch beiden die Evelyn in letzter Zeit gesehen?“

„Evelyn Jakob?“ Eddie kippte eiskaltes Bier die Kehle hinunter und stellte das Glas dann zurück auf den Tisch. „Nein. Wüsst auch nicht, was ich ihr sagen soll.“

Raddatz warf ihm einen finsteren Blick zu. „Beileid, vielleicht?“

„Scheiße, das alles“, sagte Hagen und versuchte sich zu konzentrieren. „Hab gehört, sie geht seit dem Mord an ihrem Jürgen nicht mehr aus dem Haus.“

„Was soll das scheiß Getue?“ Eddie schaukelte leicht mit dem Stuhl vor und zurück. „Der Jürgen ist tot, das ist blöd. Aber Kerstin hat den Mord gestanden und das ist doch das Beste, was uns passieren konnte, oder nicht?“

Raddatz’ Glas stockte auf halbem Weg zum Mund. „Wie meinst du das?“

„Wie ich’s gesagt hab.“

„Dann lass es und sag es nicht.“

„Ja, ja.“ Eddie lächelte kühl. „Ich weiß schon, Wilhelm.“

Einen Moment entstand Schweigen am Tisch. Dann griff der Bürgermeister nach seiner Pfeife und begann sie langsam und bedächtig zu stopfen. „Was weißt du, Eddie?“

„Dass die Kerstin dir gefallen hat. Mehr als das. Und durchaus verständlich, denn immerhin, hübsch war sie ja. Kein Wunder, dass du die Finger nicht von ihr lassen konntest.“

„Eddie, hör auf“, brummte Hagen dazwischen.

„Wieso? Stimmt’s etwa nicht?“ Eddies Blick lag unverwandt auf Raddatz. „Stimmt’s nicht, dass du dachtest, du könntest sie mit deinem Geld beeindrucken, Wilhelm? Hat nur leider nicht geklappt. Sie hat dich abblitzen lassen und das hat dich ziemlich wütend gemacht. War es nicht so? Du kannst es ruhig zugeben.“

„Willst du vielleicht irgendwas sagen, was du dich nicht traust auszusprechen, Eddie?“

„Und ob ich mich traue. Ich sag es genauso, wie es war: Sie hat dich abblitzen lassen und dir gedroht. Das hat dir ganz und gar nicht gepasst, also hast du ihr auch gedroht. Deshalb hat sie dich doch angerufen, ein paar Stunden bevor sie verhaftet wurde, richtig?“

„Halt jetzt die Klappe, Eddie“, warnte Knut Hagen noch einmal.

„Man könnte Kerstin ja viele Motive unterstellen“, sprach Eddie unbeeindruckt weiter. „Rache, Boshaftigkeit, Geld. Aber das hat sie alles gar nicht interessiert. Sie wollte einfach nur die Wahrheit. Die Wahrheit, weil’s halt mal die Wahrheit ist.“

„Du bist wirklich ein kluger Mann, Eddie“, ätzte Raddatz. „Aber du bist auch ein Idiot.“

„Ach was?“, zischte Eddie zurück. „Kann man mit der Wahrheit etwa keine Existenzen zerstören?“

Einen Moment sahen sie sich in die Augen. Eddies Blick sagte: Ich weiß es. Und vielleicht werde ich mein Wissen irgendwann gegen dich einsetzen.

Im selben Moment sahen sie es beide noch einmal vor sich: Jenen Tag, an dem Eddie unerwartet das Haus des Bürgermeisters betreten hatte. Zuvor hatte er geklopft und gerufen, aber er war nicht gehört worden. Gehört hatte dann Eddie – und zwar Kerstins Stimme, die klar und deutlich sagte: „Ich werde dich anzeigen, Wilhelm.“

Wie erstarrt war Eddie stehen geblieben und vernahm dann Raddatz, der antwortete: „Stell dich doch nicht so an. Ich kann dir alles bieten, Kerstin, alles, was du willst. Mehr als dein Schlachter. Tausend Mal mehr als dein Schlachter.“

„Ich will dich aber nicht, Wilhelm.“ Das war wieder Kerstin. „Dich nicht und dein schleimiges Geld will ich auch nicht. Ich habe dir gesagt, wenn du mich noch einmal anfasst, dann zeige ich dich an …“

„Anzeigen? Und wer, meinst du, wird dir glauben? Ich bin ein angesehener Mann, Kerstin, und was bist du?“

„Du fühlst dich auf der sicheren Seite, ja? Sei dir nicht zu sicher, Wilhelm. Ich weiß mehr, als du ahnst, und ich zögere nicht, von meinem Wissen Gebrauch zu machen. Geht das in deinen runden Schädel?“

„Was kannst du schon wissen, womit du mir drohen könntest?“

„Wenn ich es will, kann ich das ganze verdammte Dorf in die Luft fliegen lassen!“ In der nächsten Sekunde flog etwas anderes und zwar die Wohnzimmertür. Mit einem Knall donnerte sie gegen die Wand des Flurs und Kerstin stürzte heraus. Raddatz folgte ihr auf dem Fuß. „Du kleine, verdammte …“ Dann entdeckte er Eddie und sein eben noch hochrotes Gesicht wurde augenblicklich leichenblass.

Kerstin schritt auf Eddie zu und man musste anerkennend feststellen, dass sie es mit sehr viel Würde tat. „Geh zur Seite, Eddie.“

Er tat es, sie schritt an ihm vorbei und verließ das Haus.

„Ich weiß nicht, was du gehört hast, Eddie …“, hatte Raddatz angesetzt, nachdem die Haustür hinter ihr zugeschlagen war.

Eddie hatte sich vor ihm aufgebaut, sodass er nur noch mit etwa zwanzig Zentimeter Abstand zu seinem Gesicht sprach: „Genug, Wilhelm.“

„Dann hast du es sicher falsch verstanden.“

„Was hast du getan, Wilhelm? Sag’s mir. Wenn du es nicht tust, werde ich zu ihr gehen und sie persönlich danach fragen. Und glaub mir, sie wird es mir erzählen.“

Raddatz räusperte sich laut. Es klang wie ein kranker Hund. „Ich habe nur versucht, sie zu küssen. Mehr nicht.“

„Du hast nicht …?“

„Was?“

„Hast du sie vergewaltigt, Wilhelm?“

„Nein!“

„Wilhelm, ich kenne dich. Wenn du etwas unbedingt haben willst und es nicht bekommst …“

„Ich hab ihr nichts getan. Ich hab versucht, sie zu küssen, sie wollte nicht, das war alles.“

„Komisch, dass sie dem Jürgen noch nichts erzählt hat“, bemerkte Eddie nach ein paar Sekunden der Stille. „Ich meine, was glaubst du, was passiert, wenn sie ihm erzählt, dass du schon seit Monaten versuchst, ihr ins Höschen zu fassen?“

Raddatz schaute zur Seite, was zeigte, dass er sich sehr wohl darüber im Klaren war, was passieren würde, wenn Jürgen davon erfuhr.

Genau das geschah dann auch. Lediglich ein paar Stunden später. Jürgen Jakob kam in die Kneipe gestürmt und brüllte: „Du dreckiges Stück Scheiße! Ich bring dich um! Ich schneid dir den Schwanz ab und stopf ihn dir ins Maul! Du wagst es, meine Frau anzufassen?“

In der Sekunde darauf hatte er Raddatz vom Stuhl gezerrt und zugeschlagen.

„Wag dich nie wieder auch nur in ihre Nähe! Wenn du sie noch einmal anrührst, bring ich dich um! Aber vorher lass ich dich hochgehen. Ich ruinier dich! Ich ruinier dich so, dass du nie wieder auf die Füße kommst. Nie mehr. Hast du das kapiert, Wilhelm?“

Jetzt, in diesem Moment, durchlebte der Bürgermeister das Ganze noch einmal, und er wusste genau, woran Eddie dachte. Kurz danach war Jürgen tot. Und Kerstin auch.

„Niemandem hilft die Wahrheit“, sagte er mit einer Beiläufigkeit, als würde er einen Kaffee bestellen, was er niemals tat. „Auch dir nicht, Eddie. Schon gar nicht dir. Das solltest du niemals vergessen.“

In diesem Moment wurde die Tür zur Kneipe geöffnet und alle drei blickten hin. Pastor Jordan trat ein. Und er war nicht alleine.

Mit großen Augen stellten Raddatz, Eddie und Knut Hagen fest, dass er in Begleitung einer Frau war, die bisher noch keiner von ihnen gesehen hatte. Von der aber jeder instinktiv wusste, wer sie war.

12. KAPITEL

Wolf im Schafspelz

Paula von Jäckle saß inzwischen wieder in ihrer Küche. Vor ihr stand ein Glas Rotwein, das sie noch nicht angerührt hatte, und bis auf ein paar Kerzen brannte im Haus kein Licht. Immer und immer wieder legte sie die Karten, und immer und immer wieder kam dasselbe dabei heraus: Gefahr und Tod.

Paula hob das Glas an die Lippen und trank einen Schluck.

Sie ist also zurück. Und sie wird für etwas verantwortlich gemacht, was sie selbst nicht einmal ahnt. Es gibt jemanden, der ihr schaden will, und im Zentrum steht der Tod ihres Vaters vor über zwanzig Jahren. Sie weiß von all dem nichts, und diese Unwissenheit ist gefährlich. Sie muss das Rätsel lösen und hat nicht viel Zeit.

Paula seufzte leise.

Ich hätte sie bitten sollen, bei mir zu bleiben. Aber wie soll ich ihr all das beibringen? Wie soll ich ihr beibringen, was ich hier vor mir auf dem Tisch liegen sehe?

Nein, diese Frau war ein hoffnungsloser Fall. Sie würde es lächerlich nennen und sich weigern es anzunehmen.

Paula hob den Kopf und sah ihr Spiegelbild im Fenster. Bei dem Anblick zuckte sie zusammen, woraufhin sich die Konturen im Glas verdoppelten. Als sie sich wieder gefasst hatte und erleichtert im Stuhl zurücklehnte, war das Gesicht immer noch da. Und es war nicht ihr eigenes. Es war das Antlitz des Teufels.

Der Stuhl kippte um, als Paula erschrocken in die Höhe fuhr. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie blinzelte. Als sie dann das nächste Mal zum Fenster sah, war da nur die Schwärze der Nacht.

Sie legte sich die Hand aufs Herz, ging vorsichtig in Richtung Fenster und sah hinaus. Da war nichts. Zu gerne hätte sie sich eingeredet, dass sie sich den furchtbaren Anblick nur eingebildet hatte, doch sie wusste es besser.

Die Bedrohung war nahe.

Ganz nahe.

„Ich kenne Paula von Jäckle natürlich“, sagte Pastor Jordan. „Nun ja, sofern man von ‚kennen‘ sprechen kann. Keiner aus dem Dorf kennt sie wirklich. Man grüßt sich und geht dann seiner Wege. Sie ist eine nette und im Grunde sehr höfliche Frau, aber sie legt Karten und hält sich für so etwas wie ein Medium. Das macht den Leuten natürlich Angst. Durchaus verständlich, wenn man bedenkt, was Wittenrode schon alles hinter sich hat.“

„Was halten Sie persönlich von ihr?“, wollte Julia wissen.

„Ich denke, sie hat einen messerscharfen Verstand. So, und jetzt wäre ein kleines Bierchen nicht das Falscheste.“

Fast gleichzeitig sahen sie sich in dem nicht sehr großen Raum mit der niedrigen Decke um, der vier Zweier- und zwei Vierertische beherbergte und eine Theke mit einer Reihe von Stühlen, deren Sitze in der Mitte abgewetzt waren.

Köpfe waren ihnen zugewandt und es gab ein paar Begrüßungsworte, allerdings nur an Jordan gerichtet, nicht an Julia. Auf sie richteten sich lediglich Blicke, die von Neugier über Spekulation bis hin zu offener Ablehnung reichten. Julia erfasste es, registrierte es und legte es fein säuberlich in ihrem Gehirn ab. Sie zählte fünf Personen, alles Männer. Zwei saßen an der Theke, drei an einem Tisch. Ihr Blick blieb an den dreien am Tisch hängen. Einer von ihnen war kräftig gebaut und gedrungen, das musste der Bürgermeister sein, Julia erinnerte sich, sein Gesicht auf einem Wahlplakat gesehen zu haben, der Zweite hatte große rote, abstehende Ohren, ihn kannte Julia nicht, aber er sah aus wie ein Bauer, und der Dritte verfügte über auffällig markante Züge.

Dieser dritte Mann sah genau in dem Moment auf, als Julia an ihm vorbeiging. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke und etwas in der Art, wie er sie musterte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Das war ein Blick, den sie kannte. Ein Blick, den sie schon zu oft gesehen hatte. Das war der Blick eines Mannes, dessen Aggressivität unter der Oberfläche lauerte, jederzeit bereit hervorzubrechen. Jetzt zog er die Augenbrauen hoch, und die Art wie er dasaß, lässig, aber allzeit zum Angriff bereit, ließ Julia an ein ruhendes Raubtier denken. Er strahlte eine Gefahr aus, die ihr wie eine Windbö entgegenschlug.

Dann waren sie an dem Mann vorbei und trotzdem fühlte sie immer noch, wie sein durchdringender Blick in ihrem Rücken brannte.

Die Kneipentür ging ein zweites Mal auf und ein weiterer Mann kam herein. Ein großer und sehr dünner Mann. Er ließ den Blick in die Runde schweifen, und als er auf Julia fiel, verharrte er für einen Moment. Es sah aus, als könne er mit ihrem Gesicht nichts Rechtes anfangen, wüsste jedoch, dass er sie schon einmal irgendwo gesehen hatte. Dann wandte er sich ab, begab sich zur Theke und bestellte sich dort etwas zu trinken.

Pfarrer Jordan schien von all dem nichts zu bemerken. „Scheint, als seien Eva und Greger noch nicht da. Nun ja, sie kommen sicher gleich. Nehmen wir den Tisch dort drüben?“ Er deutete auf einen der Vierertische in der Ecke.

Julia nickte und folgte ihm. Am Tisch angekommen, wirkten die Stühle derart alt und mitgenommen, dass sie erst einmal argwöhnisch beobachtete, wie Jordan sich auf einen davon setzte. Als dieser nicht unter ihm zusammenbrach, nahm sie ebenfalls Platz.

Sie bestellten Bier und zwei Mal Kotelett mit Salzkartoffeln. „Hallo Paul, immer noch keine Bedienung gefunden?“, wollte Jordan vom Wirt wissen.

Der kräftige Mann mit der weißen Schürze schüttelte mürrisch den Kopf. „Kriegen Sie hier mal gutes Personal, Herr Pastor.“ Damit wandte er sich ab und schenkte den drei Männern am Nebentisch Schnaps nach.

Julia versuchte immer noch, Muskel um Muskel zu entspannen, aber ihr Blick blieb trotzdem wachsam und konzentriert. Mein Hirn läuft Amok, dachte sie bei sich. Liegt das am Stress, den ich empfinde? An der Angst, die ich vor diesem beschissenen Kaff habe?

„Fantasie ist gut für einen Polizisten“, hatte Wolfgang Lange einmal zu ihr gesagt, „aber zu viel davon kann auch schädlich sein.“

Trotzdem konnte Julia es nicht lassen. Sie warf einen weiteren verstohlenen Blick zum Nebentisch. „Was sind das für Männer?“, fragte sie. „Ich meine die drei am Nebentisch.“

„Oh, der Mann ganz links, das ist Wilhelm Raddatz, der Bürgermeister“, antwortete Jordan. „Der mit den großen Ohren, das ist Knut Hagen. Und der ganz rechts, das ist Eddie Winter. Der eine ist Bauer, dem anderen gehört die Bäckerei im Ort.“

Eddie Winter. Nun hatte Julia immerhin einen Namen zu dem Mann, dem sie von der ersten Sekunde an alles zutraute.

Jordan indessen ahnte nichts von ihren Gedanken. Er verschränkte die Hände ineinander und legte sie auf den Tisch. „Du verstehst immer noch nicht, wie man hier leben kann, nicht wahr?“ Das war eine rhetorische Frage, denn er redete sofort weiter. „Ich hingegen mochte schon immer die Schroffheit der Gegend und der Menschen. An einem Ort wie diesem beschränkt sich das Leben auf das Wesentliche. Übrigens ein ganz wunderbares Mittel gegen Selbstmitleid, man hat erst gar keine Zeit, über vieles nachzudenken. Aber natürlich wird den Menschen hier auch viel abverlangt. Ich glaube, die meisten würden selbst viel lieber in Hannover oder Hamburg oder sonst irgendwo leben, wenn da nicht die Wurzeln wären, die so tief in den Boden reichen, dass sie keine Wahl haben.“

Julia schüttelte den Kopf. „Jeder hat eine Wahl.“

„Vielleicht“, meinte Jordan. „Aber wollen nicht alle Kinder die Erwartungen ihrer Eltern erfüllen?“

„Und sind die meisten damit nicht überfordert?“

Einen Moment schwiegen sie, dann sagte Jordan: „Ich gehe nicht davon aus, dass du inzwischen verheiratet bist?“ Als er Julias Blick begegnete, einer Mischung aus Belustigung und Befremden, fügte er schnell hinzu: „Nein, natürlich nicht. Das war ja nie dein Lebensziel.“

Es folgte eine weitere Pause, in der man dem Pastor förmlich ansah, wie er darüber nachdachte, ob er die Themen Familienleben und persönliche Umstände noch weiter verfolgen sollte. Glücklicherweise kam im nächsten Moment der Wirt mit zwei Tellern und zwei Biergläsern an ihren Tisch.

Jordan senkte tief die Nase über den Teller und seufzte zufrieden auf. „Es riecht fantastisch.“

„Gut so.“ Der Wirt wandte sich an Julia. „Wo kommen Sie her? Stadt, oder?“

Sie nickte.

„War mal da.“ Naserümpfend kratzte der Wirt sich am Kopf. „In der Stadt, mein ich. Nicht meins. Voller Ausländer. Hier gibt’s keine von denen. Wollen die auch nicht hier haben.“

Julia, die sich nicht mit ihm unterhalten wollte, wandte sich demonstrativ Jordan zu. Erst als sie wieder alleine waren, meinte sie: „Mir scheint, Sie haben hier noch eine Menge zu tun, was die Nächstenliebe angeht.“

Jordan seufzte. „Ich weiß. Aber jetzt iss, Julia, sonst wird es kalt. Guten Appetit.“

Julia tat ihm den Gefallen, nahm ihr Besteck und aß ein paar Bissen, doch ihr Geschmackssinn schien eine Auszeit zu nehmen. Sie spürte die Konsistenz der Nahrung, das war aber auch schon alles. Mit Jordan an einem Tisch zu sitzen und zu essen, erinnerte sie an früher. Im Waisenhaus hatte er jeden Tag mit allen Kindern gemeinsam am Tisch gesessen, sich aber selten an irgendwelchem Geplänkel beteiligt. Er hatte einfach nur bei ihnen gesessen, gegessen und darauf geachtet, dass seine Schäfchen auch tatsächlich etwas zu sich nahmen. Nun, zumindest dazu konnte er sie heute nicht mehr zwingen. Nach einer Weile legte Julia das Besteck wieder beiseite und griff nach ihrem Bier.

Jordan sah auf. „Schmeckt es dir nicht?“

„Doch. Ich hab nur keinen Hunger.“

„Schade. Es ist köstlich. Und du solltest wirklich mehr essen, Julia. Du bist viel zu dünn. Noch dünner als damals.“

„Hmm“, machte sie, während er sich genussvoll ein weiteres Stück Kotelett in den Mund schob.

„Also, bitte erzähl von dir. Warum hast du bei der Polizei aufgehört?“

Julia sah auf. „Woher wissen Sie das?“

„Wolfgang Lange hat es mir erzählt.“

Natürlich. In Wittenrode sprach man miteinander und natürlich unterhielten sich auch Lange und der Pfarrer.

Wolfgang Lange war Julias Mentor bei der Polizei gewesen und hatte außerdem ihren Vater gut gekannt. Offenbar war er heute noch über ihren Werdegang informiert. Und das, obwohl sie sich schon ewig nicht mehr gesehen hatten.

„Sehr schade“, unterbrach Jordan ihre Gedanken. „Ich muss zugeben, dass ich diese Entscheidung für sehr bedauernswert halte.“

„Es war die richtige Entscheidung.“

„Du bereust es also nicht?“

„Nein.“

Sie schwiegen wieder einen Moment.

„Ehrlich gesagt hätte ich nicht damit gerechnet, dass du tatsächlich kommen würdest“, gestand der Pfarrer dann.

„Ich hätte es auch nicht getan, wenn es nicht um Kerstin ginge“, gab Julia zu. „Beantworten Sie mir eine Frage?“

„Natürlich.“

„Wie hat sie sich umgebracht?“

Die Linien in Jordans Gesicht vertieften sich. „Sie hat sich in ihrer Zelle erhängt. Sie muss Fürchterliches durchgemacht haben. Die ganze Geschichte ist einfach nur … tragisch. Ich bete ununterbrochen für sie.“

Wenn es hilft, dachte Julia, hob ihr Glas in Richtung Theke, und der Wirt nickte. Dann wandte sie sich wieder dem Pfarrer zu. „Gab es Anzeichen für … dafür?“

„Du meinst für den Selbstmord?“

„Nein, für den Mord an ihrem Mann.“

Jordan schüttelte den Kopf. „Ich kann mich nicht erinnern, jemals beobachtet zu haben, dass Kerstin ihm Feindseligkeit gegenüber gezeigt hätte. Ich habe auch nie mitbekommen, dass die beiden sich stritten. Nach außen hin führten sie ein ganz normales Leben, das sich nicht von dem anderer Ehepaare unterschied.“ Er brach ab, seufzte auf und fügte dann hinzu: „Aber manches köchelt lange in einem Menschen, nicht wahr? Sanft zuerst, dann immer heftiger. Und irgendwann bricht es sich Bahn. So muss es bei Kerstin gewesen sein. Ich versuche es, aber ich kann es mir nicht erklären. Beim besten Willen nicht.“

„Gibt es noch jemand anderen, der einen Grund gehabt haben könnte, Kerstins Mann zu töten?“, wandte Julia ein.

„Nein. Kerstin hat die Tat auch ohne Wenn und Aber gestanden. Sie hat es mir selbst gesagt und mir dabei in die Augen gesehen. Ich meine, wenn sie mich angelogen hätte, hätte ich das doch bemerken müssen, oder nicht?“

Vielleicht, dachte Julia, vielleicht aber auch nicht. Und bedauerte zutiefst, dass nicht sie es gewesen war, die Kerstin in den letzten Momenten ihres Lebens in die Augen gesehen hatte. „Wann war das?“, wollte sie weiter wissen. „Ich meine, wann hat sie Ihnen die Tat gestanden?“

Jordan kratzte sich am Kinn. „Einen Tag bevor sie sich das Leben nahm. Ich werde nie wieder ihren Blick vergessen. So etwas …“ Er brach ab und fluchte extrem ungeistlich: „Verdammt!“

Der unerwartete Ausbruch ließ Julia zusammenzucken.

Lächelnd griff Jordan in die Tasche seiner schwarzen Jacke. „Mein Handy vibriert. Entschuldige mich bitte.“

Er hievte sich vom Stuhl und trat ein paar Meter zur Seite. Julia sah, wie er nickend ein kurzes Gespräch führte, ohne den Blick vom Boden zu nehmen. Nach einer halben Minute kam er zu ihr an den Tisch zurück. „Sei mir nicht böse. Du weißt ja, ich habe immer zu tun. Im Waisenhaus, in der Kirche, im Ort. Überall. Ich hatte schon befürchtet, dass so etwas passieren würde, aber ich wollte doch …“ Er klimperte mit seinen Schlüsseln. „Ich komme bald wieder. Eva und Greger sind sicher jeden Moment da und ihr habt euch bestimmt viel zu erzählen. Bis später.“

13. KAPITEL

Liebe

Ihr Versteck war eine Holzhütte im Wald. Sie bot Schutz vor dem Regen, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie hier jemand überraschte, war ausgesprochen gering. Vermutlich wusste außer ihnen kaum jemand, dass es diese Hütte überhaupt gab.

Und sowieso waren die berauschenden Gefühle an diesem Abend viel zu überwältigend, um sich von unwahrscheinlichen Risiken und falschen Ängsten beeinflussen zu lassen.

Sie lagen nah beieinander und sahen sich an. Fritz Holz hatte die immer noch offene Hose hochgezogen, Dina Winters Rock war hochgeschoben bis zu den Oberschenkeln. Ein leiser, glücklicher Seufzer entfuhr ihr. Ihr Gesicht schien viel glatter und jünger. Als wären für einen kurzen Moment aller Stress und aller Ärger wie weggezaubert.

Bis Dina sich Fritz das erste Mal hingegeben hatte, hatte es lange gedauert, aber dann hatte ihr verzweifelter Liebesakt nichts Zögerliches oder Passives mehr.

Jetzt, während er neben ihr lag, erinnerte er sich daran, wie ihre Beziehung vor acht Monaten begonnen hatte.

Auf dem Schützenfest. Eddie war mal wieder betrunken gewesen, hatte mit seinen Freunden gelacht und einen heftigen Streit mit Dina angezettelt. Dann hatte er es mit irgendeiner Frau hinter einer der Buden getrieben, wobei er von Dina erwischt worden war. Sie hatte nichts gesagt, hatte sich einfach nur umgedreht und war gegangen. Fritz hatte es beobachtet und war ihr aus einem Gefühl heraus gefolgt. Vor ihrem Haus angekommen, hatte er gesehen, wie sie mit hängenden Schultern halb gegen die Tür lehnte. Sie schien nicht mehr in der Lage, den Schlüssel ins Schloss zu stecken, deshalb war er spontan auf sie zugegangen, hatte ihn ihr aus der Hand genommen und die Tür geöffnet. Dina hatte die Erschöpfung im Gesicht gestanden und sie war den Tränen nahe. Ohne zu zögern, hatte er ihr einen Arm um die Schultern gelegt und ihr ins Haus geholfen. Sie hatte sich an ihn geklammert und nach ein paar Minuten waren sich ihre Lippen begegnet und sie hatten sich leidenschaftlich geküsst.

Dass sie sich wiedersehen würden, war daraufhin unausweichlich gewesen. Fritz war schon immer heimlich in Dina verliebt gewesen und nun war Dina auch verliebt in ihn, fest entschlossen, ihn nicht mehr loszulassen.

Dabei wollte Fritz gar nicht gehen. Jedenfalls nicht alleine. Pläne kreisten in seinem Kopf, doch noch während er sich die Zukunft in den schönsten Farben ausmalte, wurde ihm bewusst, dass Dina ihren Mann nicht verlassen konnte. Weil Eddie sie gar nicht gehen lassen würde.

Dina hob den Kopf und sah ihn an. Sie schien zu wissen, was in ihm vor sich ging, denn sie sagte: „Ich kann es nicht, Fritz. Er wird mich nicht gehen lassen. Auf seine Art liebt er mich.“

„Eddie liebt niemanden außer sich selbst“, gab er zurück. „Vielleicht kann er Gefühle gerade noch so beschreiben, aber er kann sie nicht empfinden.“

Sie schob sich über ihn, blickte hinunter in sein Gesicht, und ihre Brüste berührten dabei seine Wangen. „Lass uns nicht darüber reden, bitte“, sagte sie leise. „Nicht jetzt.“

14. KAPITEL

Nichts mehr so, wie es einmal war

Zuerst unterhielten sie sich über gemeinsame Bekannte aus der Jugendzeit. Greger Sandmann war immer noch kräftig – um nicht zu sagen, ziemlich rund – und kurzsichtig. Nur sein dunkelblondes Haar war schütterer geworden. Das Kneipenlicht brach sich in seinen runden Brillengläsern, während er von verschiedenen Jahrgangstreffen erzählte und Julia dabei immer wieder – mehr oder weniger dezent – darauf hinwies, dass ihre Abwesenheit nicht unbemerkt geblieben war.

Julia hörte zu, aber ihr Blick lag auf Eva, während sie versuchte, sich daran zu erinnern, wann sie ihr das letzte Mal so gegenübergesessen hatte. Es war eine kleine Ewigkeit her. Doch Eva wirkte um einiges älter geworden als die Jahre, die vergangen waren, vor allem, weil sie offenbar ziemlich erschöpft war. Sie hatte dunkle Schatten unter den grünen Augen und machte nicht den Eindruck als hätte sie in den letzten achtundvierzig Stunden viel geschlafen. Das fröhliche Gesicht, das Julia in Erinnerung hatte, war grau vor Müdigkeit. Selbst Evas Sommersprossen schienen an diesem Abend blasser als sonst. Jetzt blinzelte sie und fuhr sich mit den Fingern ein paar Mal durch die hellroten Locken. Falls das ein Versuch war, irgendeine Ordnung hineinzubringen, war der jedoch genauso vergebens wie früher.

„Und jetzt sag, Julia“, redete Sandmann weiter, „warum hast du dich nie bei einem unserer Jahrgangstreffen blicken lassen?“

„Ich wollte nicht.“

„Ach so.“ Zum ersten Mal, seit sie sich zusammengesetzt hatten, blitzten Evas grüne Augen auf. „Weil du es so beschlossen hattest.“

„Genau. Weil ich es so beschlossen hatte.“ Julia machte eine kurze Pause. „Ich wollte Wittenrode, das Heim und alles, was damit zusammenhängt ein für alle Mal hinter mir lassen.“

Der Wirt brachte Sandmann den nächsten Whisky. Der deutete auf Julia und meinte: „Wissen Sie eigentlich, dass diese Frau eine waschechte Kriminalkommissarin ist?“

„Halt doch die Klappe“, zischte Julia.

„Sie ist bei der Mordkommission.“ Sandmann unterstrich seine Aussage mit wildem Armgefuchtel.

Der Wirt kratzte sich am Kinn. „Ist das so wie im Tatort?“

„Nein. Überhaupt nicht.“ Julia schüttelte den Kopf und damit schien sein Interesse auch schon wieder erloschen. Er nickte und verschwand hinter seinen Tresen, wo er zu dem dünnen Mann sagte: „Geh nach Hause, Adaj. Du hast genug für heute.“

Der Dünne beharrte jedoch auf einem weiteren Bier.

„Geh nach Hause“, sagte der Wirt noch einmal. „Bevor du uns beiden noch Ärger machst.“

„Steckst du etwa auch mit dem da unter einer Decke?“, zischte der Dünne und deutete mit dem Daumen in Richtung Bürgermeister. „Alles eine Suppe in dem beschissenen Kaff. Alles eine einzige trübe Suppe.“

Plötzlich herrschte Totenstille in der Kneipe.

Der Dünne drehte sich um und wandte sich an alle. „Ihr würdet doch alles machen, was der Lump dort euch sagt. Und warum? Weil jeder von euch was zu verbergen hat. Aber ich sag euch, Gott sieht alles und irgendwann wird er Bilanz ziehen, der Herr im Himmel. Jawohl, das wird er machen! Und dann könnt ihr nichts mehr vertuschen. Gar nichts mehr könnt ihr dann vertuschen!“

Raddatz erhob sich von seinem Stuhl. „Wenn du meine Ehre und die deiner Mitbürger in irgendeiner Form infrage stellen willst, Adaj, dann solltest du es wie ein echter Mann tun. Heißt: Steh auf und sag deutlich, was du vorzubringen hast.“

Adam Adaj versuchte tatsächlich, auf die Füße zu kommen, war dafür aber schon zu betrunken. Mit lautem Krachen fiel er auf den Hocker zurück und schwankte damit gefährlich hin und her. In der nächsten Sekunde war der Wirt um den Tresen herumgeeilt und packte den Friedhofsgärtner am Kragen. Wenig später hatte er ihn nach draußen geschafft.

Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann nahmen die Gespräche in der Kneipe wieder an Fahrt auf und die nächsten Getränke wurden bestellt. Nur der Bürgermeister rührte sein Glas nicht mehr an. Er war wütend, das war ihm deutlich anzusehen. Julia beobachtete, wie er sich kurz darauf erhob und ebenfalls die Kneipe verließ.

„Wie viele Verbrecher hast du in den letzten Jahren geschnappt?“, durchbrach Sandmanns Stimme ihre Gedanken.

Sie konzentrierte sich wieder auf ihn, hob leicht die Schultern an. „Keine Ahnung. Ein paar.“

„Ein paar!“, rief er aus. „Das ist ja so, als würde ich sagen, ich habe in meinem Leben ein paar Bücher gelesen. Nicht so bescheiden, Julia. Ich habe alles über dich gelesen, was es zu lesen gab. Zum Beispiel über deine Ernennung zur jüngsten Kommissarin Niedersachsens. Wann war das? 2004, richtig?“

Als Julia nichts darauf sagte, sondern nur nickte, fragte er: „Und warum bist du kurz danach ausgerechnet zur Kripo nach Mainz gegangen?“

Eigentlich wollte sie nicht darauf antworten, tat es anstandshalber aber doch: „Ich hatte eine Frau kennengelernt, die aus Mainz kam. Wir dachten, wir könnten es zusammen versuchen.“

„Und jetzt sag bloß, das hat nicht funktioniert“, bemerkte Eva mit reichlich Sarkasmus in der Stimme.

Julia wandte ihr den Kopf zu. „Richtig.“

„Warum nur nicht?“

Einen Moment sahen sie sich in die Augen, dann wandte Julia sich wieder an Sandmann: „Mal ganz abgesehen davon, dass du nicht alles glauben solltest, was du irgendwo liest, mein Freund, habe ich im Januar den Dienst quittiert.“

„Was?“ Er ließ sein Glas sinken. „Warum? Es heißt, du hättest ein untrügliches Gespür, wärst unfehlbar.“

„Du redest vom Papst, nicht von mir.“

„Warum hast du aufgehört?“, wollte Eva wissen.

„Ich wollte einfach nicht mehr.“ Julia zuckte mit den Schultern. „Das Thema ist für mich aus und vorbei. Das muss als Erklärung reichen.“

„Und womit bestreitest du jetzt deinen Lebensunterhalt?“, fragte Eva trotzdem weiter.

„Ich hab eine kleine Erbschaft gemacht. Damit komme ich im Augenblick ganz gut über die Runden.“

Sandmann zupfte sich nachdenklich am Ohrläppchen. „Konntest du nachts nicht mehr schlafen vor lauter bösen Männern um dich herum?“

Julia sah ihn über den Rand ihres Glases hinweg an. Wollte er wirklich die Wahrheit wissen? Wollte er wissen, wie sehr sie manche Fälle heute noch beschäftigten? So sehr, dass die Opfer sie tatsächlich bis in ihre Träume verfolgten? Wollte er hören, dass all die Mordfälle sie nicht abgehärtet hatten? Dass sie es nicht geschafft hatte, gegen die menschlichen Abgründe und die damit einhergehende Finsternis immun zu werden, die sie Tag für Tag hatte sehen und erleben müssen? Der Ausstieg aus dem Dienst war die einzige Möglichkeit gewesen, wieder den nötigen Abstand zu gewinnen. Doch Julia hatte keine Lust, jetzt eine Analyse anzufangen, deshalb sagte sie nur: „So in etwa. Was machst du eigentlich beruflich?“

„Ich bin Consultant für Computersicherheit“, antwortete er. „Meine Arbeit besteht darin, die Daten und Netzwerke von großen Firmen vor Gefahren, seien es Viren, Botnet-Angriffe oder klassische Hackerattacken, zu schützen.“

Für Julia war das reines Chinesisch. Deshalb wandte sie sich an Eva: „Und du? Was machst du so den lieben langen Tag?“

Eva nippte an ihrem Wein. „Ich bin Biologin.“ Das war es. Mehr sagte sie nicht und es machte auch nicht den Eindruck, als wolle sie noch etwas hinzufügen. Selbst Sandmann schien das zu begreifen. Er seufzte auf. „Es geht ja auch um Kerstin, nicht wahr? Ich wünschte, ich hätte ihr irgendwie helfen können. Furchtbar, so abzutreten. Als Mörderin. Als Selbstmörderin. Ich hab sie in Erinnerung, so … energiegeladen. So enthusiastisch … Und jetzt das“, fügte er deprimiert hinzu. „Was für ein Elend. Das Leben ist manchmal echt für’n Arsch. Aber wisst ihr was? Ich glaube, Kerstin wusste, was sie mit diesem Selbstmord bezweckte. Nämlich, dass wir drei wieder zusammenkommen. Vielleicht ist es Schicksal.“ Er sah Julia an. „Glaubst du an Schicksal, Julia? Also, ich glaube daran. Vorsehung.“

Julia schüttelte den Kopf und Eva sagte: „Habt ihr mal darüber nachgedacht, dass hier was faul sein könnte? Ich meine, Kerstin war doch keine psychopathische Killerin. Sie war überhaupt nicht der Typ dafür. Sie hat früher nicht mal den Spinnen in ihrem Zimmer etwas getan. Die musste Sandmann mit einem Glas einfangen und vor die Tür tragen.“

„Ja, daran erinnere ich mich gut“, bemerkte er versonnen.

Julia wollte erwidern, dass das nun wirklich kein Unschuldsbeweis war, verkniff es sich aber. „Hattet ihr noch Kontakt zu ihr?“, fragte sie stattdessen an beide gewandt.

„Kommt darauf an, was man unter Kontakt versteht“, antwortete Eva. „Ich habe ihren Weg mehr oder weniger noch eine Zeit lang verfolgt. Aber am Ende habe ich es dann doch nicht so aufrechterhalten, wie ich es hätte tun sollen. Es gibt vieles, was ich hätte tun sollen und nicht getan habe.“

„Geht mir genauso.“ Eine leichte Röte zog sich über Sandmanns runde Wangen. „Direkt nach der Zeit im Waisenhaus wollte ich fest daran glauben, dass sich nichts verändern würde. Aber die Wahrheit ist, dass ich Kerstin in den letzten Jahren aus den Augen verloren habe. Und deswegen fühle ich mich echt beschissen. Ich habe das Gefühl, als wäre ich zumindest zu einem Teil schuld an dem, was passiert ist. Als hätte ich etwas tun können, wenn ich mich nicht zu sehr um mein eigenes kleines Leben gekümmert hätte.“

Sie schwiegen einen Moment. Dann sagte Julia: „Sandmann, wir wissen nicht, was in anderen Menschen vor sich geht. Wir können es nicht wissen. Deshalb sind wir für das Leben und die Entscheidungen anderer nicht verantwortlich. Und wir sollten uns auch nicht dafür verantwortlich machen.“

Sandmann spielte mit seinem Whiskyglas. „Das sage ich mir auch. Trotzdem habe ich ein verdammt beschissenes Scheißgefühl.“

Er spricht weniger über Kerstin als vielmehr über seine Mutter, dachte Julia bei sich. Deshalb hatte es auch keinen Sinn, weiter auf das Thema einzugehen. Sandmann war nämlich davon überzeugt, dass er als Neunjähriger seine Mutter vom Suizid hätte abhalten müssen.

„Was hat Kerstin nach dem Abitur gemacht?“, wechselte sie das Thema.

Eva sah sie an. „Sie hat angefangen, Kunst zu studieren. Hat tolle Bilder gemalt, das Studium dann aber abgebrochen, als sie ihren Mann heiratete. Ich weiß nicht, ob sie das je bereut hat.“

„Sie war Künstlerin?“ Julia trank einen Schluck von ihrem Bier. „Und du fandest sie gut?“

Eva lächelte traurig. „Ja, ich fand sie sehr gut. Sie hatte echtes Talent.“

„Hat sie auch etwas verkauft?“

„Sie hat es nie versucht. Aber sie hätte es schaffen können.“ Evas Stimme war brüchig vor Erschöpfung.

„Wer war ihr Ehemann?“

„Jürgen Jakob, der Schlachter von Wittenrode.“

Julia hob erstaunt den Kopf. „Wie alt war er?“

„Mitte vierzig.“ Eva brach ab und fügte mit einem dünnen Lächeln hinzu: „Da muss ganz schön was los gewesen sein in dem Kaff, als die beiden geheiratet haben. Jakob war nämlich ein Alteingesessener. Die Familie lebt hier schätzungsweise schon seit Anbeginn der Zeitrechnung. Und Kerstin …“

„Kam von draußen“, vollendete Julia. Das sagte man hier so. Fremde, die nicht im Dorf lebten, kamen für die Einheimischen von ‚draußen‘, selbst wenn sie auf dem Berg im Waisenhaus lebten, nur wenige Hundert Meter von ihnen entfernt. Die einen waren hier unten, die anderen dort oben. Es war nicht dasselbe. Man gehörte nicht dazu. „Haben sich die Leute irgendwann mit der Heirat abgefunden?“

„Na ja, die Gerüchte um Kerstin und ihren Mann sind wohl nie ganz verstummt“, schaltete Sandmann sich wieder ein. „Wir wissen ja, wie die Leute hier sind, die haben immer was zu erzählen. Aber Kerstin hat sich nie was zuschulden kommen lassen. Bis … ja, bis …“ Seine letzten Worte flossen ineinander und verklangen dann.

„Hatten die beiden Kinder?“

„Nein. Aber Kerstin soll schwanger gewesen sein.“

Erneut sah Julia überrascht auf. Das würde bedeuten, Kerstin hätte sich und ihr Kind umgebracht. Was musste in ihr vorgegangen sein, um solch einen Entschluss zu fassen? „Hat einer von euch beiden mit ihr über ihren Mann und ihre Ehe gesprochen?“

„Ich“, sagte Sandmann. „Kurz nach ihrer Heirat.“

„Hat sie dir gesagt, ob sie glücklich ist?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, das Wort Glück hat sie nicht benutzt. Sie konnte mir auch nicht erklären, warum sie ausgerechnet für den Dorfschlachter alles aufgegeben hat. Studium und so. Aber vielleicht war es für sie ja tatsächlich die große Liebe. Wir glauben ja immer, das gefunden zu haben, was wir finden wollen, nicht wahr?“

„Also, mir gelingt das nicht“, bemerkte Julia.

„Dazu müsstest du auch erst einmal wissen, was du überhaupt finden willst“, gab Eva in ihre Richtung zurück.

„Vielleicht war es am Ende doch nur die Suche nach einem Vaterersatz“, redete Sandmann weiter, ehe Julia darauf eingehen konnte. „Auf jeden Fall ist er jetzt tot und Kerstin soll ihn umgebracht haben.“ Er trank sein Glas leer und stellte es auf den Tisch. „Ende der Geschichte.“

„Ja genau, und Schweine können fliegen“, murrte Eva, trank ihren Wein aus und stellte das leere Glas ebenfalls zurück auf den Tisch.

„Du zweifelst an Kerstins Schuld?“, wandte Julia sich an sie.

„Allerdings, das tue ich.“

„Und was bringt dich auf diesen Gedanken? Ich meine, der Sachverhalt liegt doch klar auf der Hand, oder nicht? Kerstin hat gestanden.“

„Aber was, wenn sie es vielleicht doch nicht war?“, wandte Sandmann ein. „Wenn es in Wahrheit etwas ganz anderes war, nämlich das perfekte Verbrechen.“

Julia sah einen Moment aus dem Fenster. „Das mag jetzt vielleicht arrogant klingen“, sagte sie dann, „aber in der Regel sind Verbrecher nicht besonders klug. Weshalb es auch keine perfekten Verbrechen gibt.“

„Aber wir können doch wenigstens mal über die Möglichkeit nachdenken, dass Kerstin es nicht war“, blieb Sandmann am Ball. „Immerhin waren wir einmal Freunde.“

„Was ewig her ist“, gab Julia zurück. „Wir haben sie schon lange nicht mehr gekannt.“

„Ich bin sicher, Kerstin würde sich freuen, wenn sie wüsste, dass du ihre Ehre so energisch verteidigst“, murrte Eva.

„Ich weiß, du hältst mich für gefühllos“, wandte Julia sich an sie. „Aber ich sage nur, wie die Dinge nun mal liegen.“

„Du kannst mir erzählen, was du willst, Julia. Menschen verändern sich nicht auf solch drastische Art und Weise. Bananen werden ja auch nicht über Nacht zu Ananas.“

„Du kannst nicht einfach behaupten, eine Tatsache sei falsch, nur weil du es gerne so hättest, Eva.“

„Aber was du glaubst, ist richtig, ja?“

„Das habe ich nicht gesagt. Im Gegensatz zu dir versuche ich nur nicht, mein schlechtes Gewissen mit Fantastereien zu beruhigen, das ist alles.“

Eva warf Julia einen Blick zu, der die Hölle hätte augenblicklich einfrieren lassen. „Jetzt hör mir mal gut zu, Julia Wagner. Ich weiß, dass es in deinem Leben nicht um Freundschaften geht. Ich mache mir keine Illusionen mehr, was das betrifft. Du hast ja immer nach etwas anderem gestrebt, und damit wirst du irgendwann als einsame Frau sterben. Worum es hier geht, ist Loyalität. Und Loyalität ist wichtiger als Achtung.“

„Es ist das Gleiche.“

„Ganz bestimmt nicht.“

Julia spürte, wie es in ihr zu brodeln begann. „Ich würde das Thema nicht überstrapazieren wollen, aber du hast doch den Wert einer Sache immer danach beurteilt, wie hoch sie von anderen geschätzt wurde, Eva.“

„Wir waren deine einzigen Freunde, Julia. Darüber solltest du mal nachdenken.“

„Mädels!“, ging Sandmann dazwischen. „Wir sollten persönliche Eitelkeiten hintenanstellen und uns auf Kerstin konzentrieren, kriegen wir das hin?“

„Wir können sie nun mal nicht zurückholen.“ Julia griff nach ihrer Zigarettenschachtel. „Die Polizei hat ihren Job gemacht. Ich glaube nicht, dass es am Ergebnis etwas zu rütteln gibt.“

„Aber wir können vielleicht herausfinden, was in ihr vorgegangen ist“, erklärte Sandmann ernst. „Es muss ihr in der letzten Zeit verdammt schlecht gegangen sein, und wir sollten uns wenigstens jetzt dafür interessieren. Ich appelliere an unsere ehemalige Freundschaft, okay?“

Julia schwieg mit ausdrucksloser Miene und Eva bemerkte murrend: „Man braucht keine höhere Mathematik, um zu wissen, dass das alles totaler Schwachsinn ist und dass Kerstin es gar nicht gewesen sein kann. Ich kannte ihren Mann nicht persönlich, aber ich weiß, dass er ein ziemlich großer und kräftiger Kerl gewesen sein muss. Der Mann war Schlachter. Er hätte Kerstin in null Komma nichts aufs Kreuz gelegt, ohne dabei auch nur ins Schwitzen zu geraten.“

„Körperliche Überlegenheit vermag aber nicht unbedingt etwas gegen eine Waffe auszurichten“, erklärte Julia. „Wie hat Kerstin ihn …?“

„Mit einem Küchenmesser erstochen“, antwortete Sandmann.

„Gab es Abwehrversuche seinerseits?“

Er schüttelte den Kopf. „Offenbar keine. Komisch, oder? Ich meine, wenn man angegriffen wird, dann wehrt man sich doch instinktiv.“

„Manchmal kommt man aber auch gar nicht dazu, zum Beispiel bei einem Überraschungsangriff.“ Julia blieb völlig pragmatisch. „Manchmal ist das Offensichtliche das Offensichtliche, weil es halt mal die Wahrheit ist.“

„Meine Güte“, murrte Eva. „Wir sind alle vier in einem katholischen Waisenhaus aufgewachsen. Die Betonung liegt auf katholisch. Wenn wir etwas mit dem Frühstück, dem Mittagessen und dem Abendessen eingeflößt bekamen, dann ja wohl, dass Selbstmord eine Todsünde ist. Erst recht, wenn man ein Kind im Bauch trägt. Und zu Kerstin passte es schon gar nicht.“

„Gewöhnliche Menschen tun jeden Tag das Undenkbare.“

„Ach komm, Julia, hör auf.“

Sandmann blinzelte hinter seiner runden Brille. „Ich gebe Eva recht. Ich kann es nicht beweisen, aber ich meine Kerstin auch gut genug gekannt zu haben, um zu wissen, dass sie zu keinem solchen Verbrechen fähig war.“

„Eben.“ Eva straffte die Schultern. „Schon gar nicht zu so einem.“

Julia zog die Augenbrauen zusammen, blickte von einem zum anderen. „Was heißt das? Zu so einem?“

Eva schwieg und tat, als hätte sie bereits vergessen, warum sie und Julia sich überhaupt hier trafen.

„Eva?“

Keine Antwort.

Julia wandte sich an Sandmann. „Was meint sie damit?“

Er nippte an seinem nächsten Whisky. „Erinnerst du dich noch an die Teufelsmorde?“

„Klar erinnere ich mich daran. Wer nicht? Warum fragst du?“

„Was weißt du noch darüber?“

„Ist das dein Ernst? Du willst dich jetzt mit mir über die Teufelsmorde unterhalten?“

„Tu mir den Gefallen. Bitte.“

„Na gut.“ Julia holte tief Luft und berichtete alles, was sie über die drei Morde auf der Polizeischule gelernt hatte, die dem ortsbekannten Satanisten Bruno Kalis zugeschrieben worden waren und bei denen ihr Vater der leitende Staatsanwalt war. Schließlich brach sie für einen kurzen Moment ab und fügte dann leise hinzu: „Wittenrode hat lange gebraucht, um das Ganze einigermaßen zu verkraften. Es kam alles groß und breit in der Presse und plötzlich war der Ort in aller Munde. Immer im Zusammenhang mit dem Teufel und dem Bösen, und so blieben natürlich die Touristen aus. Und was hat das Ganze jetzt mit Kerstin zu tun?“

Sandmann räusperte sich. „Du erinnerst dich also noch an die Pentagramme, die den Opfern in die Bäuche geritzt wurden?“

Julia nickte. „Klar.“

„Das Pentagramm, Zeichen der Seelenräuber. Zwei Zacken nach oben und einer nach unten. Zwei Hörner und der Bocksbart. Der Ring drumherum symbolisiert eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt.“ Sandmann beugte sich etwas zu Julia hinüber. „Und jetzt kommt der eigentliche Hammer: Kerstins Ehemann wurde ebenfalls die Kehle durchgeschnitten und in seinen Bauch war auch ein Pentagramm geritzt.“ Er verstummte, um zu sehen, welche Wirkung seine Worte auf sie hatten, und Julia reagierte auch prompt, indem sie sich an ihrem Bier verschluckte. „Willst du mich auf den Arm nehmen? Willst du damit sagen, Kerstin wäre in den letzten Jahren zu einer Satanistin mutiert? Was ist denn das für ein Schwachsinn?“

„Wir erzählen dir nur, was man hier im Ort redet“, gab er zurück „Das heißt nicht, dass wir dasselbe denken.“

„Wenn man hier einen solchen Mist über Kerstin erzählt, dann war sie halt nicht besonders beliebt in dem Kaff. Wir wissen, wie die Leute hier ticken. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.“ Als Julia sich daranmachte, Zigaretten und Feuerzeug einzustecken und sich zu erheben, strich Eva sich die roten Locken zurück und sagte mit müder Stimme: „Hör es dir wenigstens bis zum Ende an, Julia.“

„Satanismus“, murrte Julia. „Da muss ich ja lachen.“

Eva rieb sich über die Stirn. „Können wir vielleicht ein paar Schritte gehen? Ich muss versuchen, einen klaren Kopf zu kriegen.“

„Klar“, sagte Sandmann sofort. „Wir gehen rauf zur Burg. Was meint ihr dazu?“

Sie hatte es ihnen nicht ausreden können und so waren sie den gesamten Weg zur Burg hinaufgelaufen, anstatt mit dem Auto zu fahren. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, aber der Weg war trotzdem mehr als beschwerlich, weil der Boden unter ihnen matschig und rutschig war. Julia fluchte, als sie mehr als einmal fast mit ihren Schuhen stecken blieb.

„Wie früher“, keuchte Sandmann, kaum dass sie oben angekommen waren, und versuchte sich dabei so aufrecht hinzustellen wie ein Ritter aus alten Zeiten. Ein Held, wie er immer so gerne einer gewesen wäre. Ein Abenteurer, kraftvoll und ohne Ängste. Im Herzen aber war er immer noch der dicke, schüchterne Junge mit der viel zu großen Brille auf der Nase. „Die Burg und die Kapelle stehen hier seit achthundert Jahren“, plapperte er los. „Sie waren lange vor uns da und werden noch lange nach uns hier sein. So vergänglich sind wir und unsere Geschichten. Man hat ja zu Lebzeiten keine Ahnung, wie schnell man vergessen ist.“ Er wandte sich an Julia. „Und? Was meinst du?“

„Wozu?“, stellte sie die Gegenfrage. „Zur Burg? Zur Kapelle? Oder zu unserer vergänglichen Geschichte?“

„Zu Kerstin und ihrer Geschichte.“ Sandmanns Worte hingen in der Luft, hohl wie die alte Ruine hinter ihnen. „Was ist, wenn sie es tatsächlich nicht war und es eine Verbindung zu den Teufelsmorden gibt?“

„Sandmann, bitte, das ist doch Schwachsinn“, gab Julia schlecht gelaunt zurück. „Wirklich, wenigstens von dir hätte ich mehr erwartet.“

„Danke auch“, murmelte Eva und kickte einen Stein den Berg hinunter.

„Ihr glaubt nicht daran, dass Kerstin eine Mörderin sein soll“, redete Julia weiter. „Und das ehrt euch, wirklich. Aber Vermutungen sind leicht anzustellen. Wenn ihr auch andere überzeugen wollt, dann werdet ihr etwas Handfesteres brauchen als lediglich eine Geschichte, bei der einem ein Schauer über den Rücken läuft. Nämlich Antworten. Und zwar die richtigen. Das nennt man dann Beweise.“

„Kerstin war meine Freundin“, gab Eva zurück. „Sie war immer für mich da. Und nicht nur für mich, auch für Sandmann. Und für dich, Julia. Und trotzdem willst du mir erzählen, dass du ihr einen solchen Mord zutraust?“ Sie verzog das Gesicht, als hätte sie einen schlechten Geschmack im Mund. „Nein, natürlich traust du es ihr nicht zu. Aber wenn man sich überhaupt jemals auf irgendetwas bei dir verlassen konnte, dann war es deine Sturheit.“

Julia drehte sich zu ihr um. „Sag mal, warum legst du es eigentlich permanent darauf an, mit mir zu streiten, seit wir uns heute Abend wiedergetroffen haben?“

„Weil du ein Brett vorm Kopf hast. Deswegen.“

„Es ist nun mal eine Tatsache, Eva. Kerstin hat die Tat gestanden.“

„Das ist mir bewusst“, gab Eva zurück. „Aber daran zu zweifeln erscheint mir immer noch richtiger als der Gedanke, dass Kerstin eine satanistische Killerin gewesen sein soll. Ich möchte einfach nicht zulassen, dass ihr Name derart durch den Dreck gezogen wird. Sie war ein ganz besonderer Mensch und das hat sie nicht verdient. Aber wie gesagt, es ist ja nicht so, dass ich mich auch nur eine Sekunde darüber wundere, dass dir das völlig am Ar…“

„Mädels!“, ging Sandmann erneut dazwischen. „Wenn Kerstin den Mord begangen hat, dann werden wir das akzeptieren müssen. Aber dann stellt sich immer noch die Frage, was sie dazu gebracht hat, einen Weg solcher Verheerung einzuschlagen. Was für ein Unrecht ist ihr zugefügt worden, um eine derartige Zerstörungswut zu entfesseln? Darum geht’s.“ Er sah Julia an. „Davon abgesehen, was spräche schon dagegen, ein paar Fragen zu stellen? Wittenrode ist ein überschaubarer Ort, die Zahl der – theoretisch – Verdächtigen wäre also begrenzt.“

So falsch, dachte Julia, kann nur jemand liegen, der keine Ahnung von Ermittlungsarbeit hat. Wenn in einer kleinen Gruppe von Menschen jeder Einzelne intelligent und vorsichtig genug war, seine Meinung für sich zu behalten, und dem Drang widerstand, mehr preiszugeben als unbedingt erforderlich, dann konnte das jede Befragung nicht nur erschweren, sondern sogar vereiteln. Und sie zweifelte keine Sekunde daran, dass es in Wittenrode genauso sein würde. Aber darum ging es gar nicht. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Eva war schneller: „Vielleicht sollten wir uns ein wenig mit Pastor Jordans ‚Seelenerrettung e.V.‘ beschäftigen.“

„Seelen… was?“

„Seelenerrettung e. V.“, wiederholte Eva und Sandmann fügte erklärend hinzu: „Die beschäftigen sich mit Exorzismus. Jordan hat mir irgendwann einmal davon erzählt.“

„Exorzismus?“ Julia hustete. „Sagt mal, dreht ihr jetzt völlig durch?“

„Ein eingetragener Verein. Absolut seriös“, erklärte Sandmann. „Wurde 1987 – nach den Teufelsmorden – gegründet.“

Julia wollte es nicht und fragte es doch: „Das heißt, man geht zu ihm, wenn …?“

„… man Angst vor dem Teufel hat“, erklärte Sandmann weiter. „Im schlimmsten Fall, wenn man glaubt, ihn gesehen oder gar selbst im Leib zu haben. Oder wenn man glaubt, jemanden zu kennen, der den Teufel gesehen hat. Oder wenn man jemanden kennt, der jemanden kennt, von dem er glaubt, er habe ihn im Leib. Also, den Teufel.“

„Alles klar“, sagte Julia und wandte sich ab.

„Du kannst es weiter abtun“, sagte Sandmann in ihren Rücken. „Aber ich sage dir, ich habe inzwischen einige Bücher über Satanismus gelesen und spätestens nach dem dritten kommt dir der Weg morgens vom Schlafzimmer zur Küche viel unheimlicher vor.“

Julia blieb stehen, wandte sich noch einmal um, und das darauf folgende Schweigen zog sich in die Länge. Eva starrte mit bleichem Gesicht über Wittenrode. Sandmann schien abwartend, in sich selbst versunken.

„Also bitte“, seufzte Julia schließlich ergeben. „Nachdem es sich ja offenbar nicht vermeiden lässt, lass mich an deinem unerschöpflichen Wissen teilhaben, Sandmann. Gibt es viele Leute, die sich für den Scheiß interessieren? Aber fass dich kurz, bitte.“

Er nickte zufrieden und schob seine runde Brille nach oben. „Reichlich. Man muss sich nur ansehen, wie gut sich all die Filme und Bücher über Tod und Teufel verkaufen. Aber das ist nicht das, wovon wir hier reden. Wir reden von echtem Satanismus, und das ist ein Kult um Macht, Reichtum und Sex. Luzifer als Schutzheiliger der Gierigen und Selbstsüchtigen. Das geht zurück auf ein paar der alten gnostischen Lehren: Gott ist in seinem Himmel, während der Teufel hier unten bei uns das Sagen hat, und wenn man in der Welt weiterkommen will, dann muss man ins Erfolgsteam einsteigen. Reiner Pragmatismus und hat sich in den Achtzigern schneller verbreitet als kurz darauf der Computer. Es gibt praktizierende Hexenzirkel für schwarze und für weiße Magie und …“

Darmowy fragment się skończył.