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Tâdsch os-Saltane
Memoiren
Im Harem des persischen Sonnenthrons
Herausgegeben
und aus dem Persischen übersetzt
von Siegfried Weber
Memoiren
Aus dem Persische von Siegfried Weber
© 2010 Tâdsch os-Saltane
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711449516
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
SAGA Egmont www.saga-books. – a part of Egmont, www.egmont.com
Teil I – Die Memoiren
Am Donnerstagabend, dem letzten Tag des Rabi’ ol-avval 1332, der dem 7. Dalv1 entspricht. An diesem Spätnachmittag, an dem der Himmel wolkenverhangen und die Luft trübe und – passend zu meinen Gedanken und Überlegungen – trist und sorgenschwer war, saß ich im Halbdunkel meines Zimmers und widmete mich dem Malen. Es schneite heftig, und außer dem Wehen des Windes war kein Laut zu vernehmen. Eine traurige Stille umgab mich, verstärkt noch durch den sanften roten Schein des Feuers im Ofen.
Ich dachte überhaupt nicht mehr an den trübsinnigen jungen Mann – ja, ich hatte ihn wirklich ganz vergessen –, der hinter meinem Rücken in einem Lehnstuhl versunken saß und mit mitleidigem und mildem Blick meinen wenig zielgerichteten und fehlerhaften Federstrichen folgte, mit denen ich dabei war, ein Mädchengesicht zu zeichnen. Wiederholt seufzte er tief auf.
Schließlich sagte er: »Sie geben sich wirklich große Mühe und quälen sich gar sehr. Es ist wohl besser, wenn Sie sich ein wenig ausruhen. Es ist auch schon dunkel draußen; das macht es dem Maler doch recht schwer.«
Seine Stimme, die zu hören ich nicht erwartet hatte, da ich mich allein wähnte, ließ mich mit einem Ruck auffahren: »Ach, Soleimân! Waren Sie die ganze Zeit hier?«, entfuhr es mir.
Er verfiel in ein eigentümliches Lachen und erwiderte: »Ihre konfusen und sprunghaften Gedankengänge führen immer wieder dazu, dass Sie Anwesende, ja sogar sich selbst vergessen. Allmählich bedrückt mich Ihre viele Grübelei. Wenn Sie spüren, dass Sie wieder anfangen zu grübeln, sollten Sie sich lieber angenehmen Gesprächen hingeben, draußen spazieren gehen und die Natur genießen, oder besser noch, lesen Sie etwas über vergangene Zeiten.«
Bitter lächelnd erwiderte ich lauter, als ich wollte: »Ach, mein lieber Lehrer und Cousin! Wo doch meine eigene Vergangenheit und Gegenwart eine einzige erstaunliche und qualvolle Geschichte sind, denken Sie da wirklich, ich sollte mich mit der Geschichte anderer befassen? Ist es denn nicht die beste Ablenkung auf der Welt, wenn man sich die eigene Geschichte vor Augen hält?«
Soleimân zuckte mit den Schultern und erwiderte: »Ach! Eine Geschichte über alle guten und schlechten Erfahrungen eines Menschen ist eigentlich nicht das, was ich unter Geschichte verstehe. Aber wenn Ihre Geschichte dermaßen ungewöhnlich und erstaunlich ist, warum erzählen Sie sie mir dann nicht, so dass ich daraus etwas lernen kann?«
Ich antwortete: »Meine Geschichte ist so bedeutsam und voller verwickelter Geschehnisse, dass selbst ein Jahr nicht ausreichte, um sie Ihnen zu erzählen, selbst wenn ich Stunde um Stunde ununterbrochen redete! Und manches Mal ist sie so kummervoll, bisweilen aber auch so erfreulich, dass sie den Zuhörer in Erstaunen versetzen würde.«
Neugierig geworden horchte er auf und sagte: »Hört, hört! Könnte es sein, dass Sie sich über mich lustig machen und nur Scherze mit mir treiben?«
Doch als Soleimân bemerkte, dass ich ihn aufrichtig und ernsthaft anblickte und mir also gar nicht nach Scherz und Spaß zumute war, sagte er noch im gleichen Augenblick nachdenklich: »Ach, verehrte Dame! Bestünde wohl die Möglichkeit, dass Sie mir erzählen, was Sie erlebt haben?«
»Lieber nicht«, meinte ich.
Hoffnungsfroh bat und bettelte er und wollte allen Ernstes, dass ich ihm alles berichte. Und je mehr ich mich weigerte, desto mehr beharrte er darauf.
Letzten Endes schlug ich ihm vor: »Für den Augenblick habe ich nichts dazu zu sagen. Doch ich verspreche Ihnen, meine Geschichte für Sie niederzuschreiben.«
Freudig dankte er mir. Vorab halte ich es an dieser Stelle aber für notwendig, zunächst ein paar Worte über meinen Lehrer zu verlieren und ein gutes Bild von ihm zu zeichnen. Danach will ich mit meiner Geschichte beginnen.
Soleimân, der Lehrer
Der junge Mann wurde am 11. Muharram 1307 geboren und betrieb bereits in seinen Grundschuljahren Studien. Im Alter von 17 Jahren, im Jahre 13242 trat er der »Gesellschaft der Armut und Gotteserkenntnis« bei und widmete sich ungefähr zwei, drei Jahre lang mit großer Hingabe dem Studium der Gnostiker und Dichter. Danach besuchte er die »Akademie für Politische Wissenschaften«, deren er aber auch recht bald müde wurde und die er wieder verließ, um dann auf die »Akademie der edlen Künste« zu wechseln und sich zwei Jahre lang mit der Malerei zu beschäftigen.
Aus seinem abwechslungsreichen und sprunghaften Leben können wir trefflich auf seinen Charakter schließen und leicht ersehen, dass dieser junge Mann überaus kapriziös war und kein festes Ziel vor Augen hatte. Mit 18, 19 Jahren verfiel er in seiner Fantasiewelt sogar in Liebe zu einer imaginären Person und tat es in seinen Handlungen dem berühmten Don Quichote gleich. Als er dann endlich seine imaginäre Geliebte wirklich fand, vergalt diese ihm seine besessene Liebe mit Untreue. Der junge Mann litt entsetzliche Qualen und begab sich schließlich auf Reisen. Dieser Künstler, mein lieber Lehrer, ahnte, dass die Trennung von seiner Geliebten bevorstand.
Über seinen Charakter habe ich hinlänglich berichtet, nun will ich über sein Äußeres reden. Er hat ein anziehendes, edles und schönes Gesicht mit tiefschwarzen Augen; sein Gesichtsausdruck lässt ihn nachdenklich und traurig erscheinen, die Wangen sind eingefallen, sein Teint gelblich, die Nase gleicht einem Adlerschnabel. Immer wenn ich ihn sehe, muss ich an die Zeit denken, in der ich mich mit französischer Geschichte befasste. Dort war stets von der Familie des Fürsten de Condé die Rede. Die Nasen ihrer Mitglieder sollen Adlerschnäbeln geglichen haben. Mein Lehrer war sehr sanftmütig und ruhig, und Untergebenen gegenüber zeigte er sich respektvoll, ja fast unterwürfig. Gegenüber seinen Altersgenossen, mit denen er sich in die Gnosis vertiefte, war er gutmütig und verständig. So also war es um die äußeren wie inneren Qualitäten meines Lehrers bestellt.
Hier will nun ich mit der Schilderung des Verlaufs und der Geschichte meines Lebens beginnen, wofür ich diesem jungen Mann auf ewig in Dankbarkeit verbunden bin. Zu diesem Zweck lasse ich meine Vergangenheit Revue passieren und rufe mir die qualvollen wie auch die glücklichen Abschnitte meines Lebens ins Gedächtnis zurück.
Beginn der Geschichte der Tâdsch os-Saltane
Ich wurde Ende des Jahres 13013 im Haus des Großherrschers geboren. Mein Vater und meine Mutter stammten aus derselben Familie, sie waren Cousin und Cousine. Als ich geboren wurde, war meine Mutter noch sehr jung. Sie hatte ein hübsches Gesicht und verfügte über löbliche Charakterzüge. Dazu gehörte ihre tiefe Religiosität. Sie war äußerst gläubig und verbrachte jede Stunde ihres Lebens damit, an Gott zu denken, die heiligen Verse zu beten und über den heiligen Büchern zu meditieren.
Doch das allein reicht nicht aus. Sie hätte nicht nur eine gute Prinzessin sein sollen, sondern auch eine gute Mutter. Aber die Eigenschaften, über die wir als Mütter unbedingt verfügen sollten, besaß sie nicht. Nun will ich hier beileibe nicht – Gott bewahre –, meiner frommen und verehrten Mutter unberechtigte Vorwürfe machen! Nein, sie trifft überhaupt keine Schuld. Vielmehr sollte ich an dieser Stelle die königlichen Gepflogenheiten und Sitten tadeln, die allen Frauen den Weg zum Glück verstellten und diese armen Wesen in völliger Unwissenheit und Ahnungslosigkeit hielten. Die ganze moralische Unzulänglichkeit und alle Auswüchse sind allein darauf zurückzuführen und allein dadurch immer weiter verbreitet worden, dass es den Frauen in diesem Königreich an Wissen und Bildung fehlt.
Bei genauer und vernünftiger Betrachtung erkennen wir nämlich, dass wir all die neuen Errungenschaften, die großartigen lobenswerten Entdeckungen sowie unsere Kenntnisse über Handel, Politik und Krieg den Müttern zu verdanken haben. Denn alle Persönlichkeiten, die Großes in der Geschichte bewirkt haben, waren die Kinder von gebildeten Müttern, die sie beschirmten und schützten und ihnen ihre Aufmerksamkeit widmeten; von solchen Müttern und von fortschrittlichen, kenntnisreichen Vätern wurden sie erzogen – daher sind sie in den Künsten und den Errungenschaften zu Vorreitern und zu wahren Dienern der Zivilisation geworden. Auch die wahren Krieger, die echten Freiheitskämpfer und die aufrichtigen Freiheitsliebenden wurden von Müttern geboren und wuchsen unter der Erziehung von Müttern heran. Als Beispiel mag das barbarische und wilde Volk der Spartaner dienen, das in reichem Maße gute und kriegerische Söhne herangezogen hat, welche ihm über lange Jahre hinweg die Freiheit bewahrten und Athen, die Hauptstadt Griechenlands, zerstörten und dem Erdboden gleichmachten. Unter anderem ist folgende Geschichte überliefert: Ein junger Mann kam nach Hause zurück und sagte zu seiner Mutter: »Mein Schwert ist zu kurz!« Seine Mutter entgegnete ihm voller Sanftmut: »Mein lieber Junge! So tritt doch im Kampf einen Schritt weiter vor!«
Ein anderes Beispiel: In den Anfängen der Unabhängigkeit Roms überfielen die Gallier die Römer und entfachten einen großen Krieg. Nach einiger Zeit kam es zum Friedensschluss. Zur Festigung dieses Friedens verlangten die Gallier von den Römern Geiseln und überstellten, wie es dem Brauch entsprach, ihrerseits einige Geiseln. Überliefert ist nun diese Begebenheit: Eine junge Frau sollte über einige politische Dinge Auskunft geben, deren Enthüllung jedoch, wie sie meinte, großen Schaden für die Römer und den Verlust von deren Freiheit nach sich gezogen hätte. Deshalb biss sie sich die Hälfte ihrer Zunge ab, warf sie dem Herrscher vor die Füße und stürzte sich selbst in den Fluss; nur unter großen Mühen gelang es ihr, zu ihrem Volk zurückzukehren.
Ja, gut ist die Mutter, die ihrem Kind beibringt, wie es sich richtig verhält! Verfügt die Mutter über Bildung, werden auch ihre Kinder zu ehrbaren Menschen heranwachsen. Aber es sind ebenfalls die Mütter, die uns heute ins Unglück stürzen und mit ihrer Gedankenlosigkeit unsere Unabhängigkeit aufs Spiel setzen, uns unvermittelt in die unterste der Höllen werfen und dort umherirren lassen; sie haben uns von Kindheit an alle Gefühle der Vaterlandsliebe und das ernsthafte Streben nach Erneuerung ausgetrieben. Außer Essen, Schlafen und Verweichlichung haben sie uns nichts gelehrt.
Unterscheidet sich doch der, der den Freund im Arme hält,
von dem, dessen Blick in Erwartung seiner auf die Tür nur fällt.
Es macht einen Unterschied, ob einem Menschen bereits in der Kindheit Werte vermittelt wurden, oder ob er sich, nachdem er in seiner Jugend nur Unsinniges gelernt hat, nur einer selbstgefälligen Nabelschau hingibt und die Nachbarn nachäfft. Obwohl der Mensch über die Gabe der Vernunft verfügt, ist es ihm doch nicht möglich, die Eigenschaften, die er sich während seiner Kindheit angeeignet hat, wieder ganz abzulegen. Auch wenn er noch so sehr mit der Gemeinschaft gleichziehen will, bleibt dieses Bestreben doch nur äußerlich und entspringt nicht seinem Wesenskern.
Oberschicht und Erziehung
Folglich sollte die Mutter die Erste sein, die ihren Kindern das Tor zur Glückseligkeit aufstößt. Unglücklicherweise blieb mir dieses Tor verschlossen, und bereits hier nahmen die großen Unglücksfälle meines Lebens ihren Anfang: Eine Amme aus dem Mittelstand wurde für mich bestimmt, außerdem eine Leibdienerin und ein Kindermädchen aus derselben Schicht. Vor allem die Leibdienerin musste von schwarzer Hautfarbe sein. Denn Größe und Ansehen hingen zu jener Zeit davon ab, dass man Leibeigene besaß – die ja ebenso Gottes Geschöpfe waren wie wir und sich nur durch ihre Hautfarbe von uns unterschieden; unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit betrachtet, war am Hof des Schöpfers schwarz und weiß eigentlich nicht vorgesehen. Diese armen Menschen aber machte man zu Gefangenen; damit erniedrigte man sie, und sich selbst machte man groß und respektabel. Man nannte sie »Gekaufte« und erwarb und veräußerte diese unglücklichen Geschöpfe wie wilde Tiere. Da es sich um das Herrscherhaus handelte und meine Mutter in dessen ehrenwertem Harem lebte, und da der Vater meiner Mutter für einige Jahre mit der Herrschaft über Kermân und Balotschistân geehrt und ausgezeichnet worden war, gab es in unserem Haus solche Leibdienerinnen, Sklaven und »Gekaufte« im Überfluss. Zusätzlich wurde noch eine weitere schwarzhäutige Leibdienerin für uns ausgesucht. Sie sollte die Wiege in steter Bewegung halten. Auch das Zimmermädchen, die Ankleidedame und die Wäscherin waren von schwarzer Hautfarbe.
Da man auf diese unglückselige Gruppe ständig mit Verachtung herabblickte und sie nicht von wilden Tieren und Bestien unterschied, war es diesen armen Menschen unmöglich, dem Tal der Unwissenheit zu entkommen, und sie konnten wahrlich kein X von einem Ypsilon unterscheiden. Noch weniger waren sie dazu imstande, sich an die Regeln und Gebräuche der zivilisierten Welt zu halten. Das also waren die Personen, die mich aufziehen und erziehen sollten! Hinzu kam noch, dass auch der Obereunuch zu dieser Gruppe zählte. Das Problem für den Obereunuchen bestand darin, dass er die Leute anzuhalten hatte, sich vor mir, einem Säugling, zu verbeugen und mir Ehrerbietung zu erweisen. Sollte es vorkommen, dass jemand seinen Pflichten nicht nachkam, musste er ihn mit einem Stock nach Kräften züchtigen. Das waren sie also, die Menschen, unter deren Schutz und Pflege ich armes Kind aufwachsen sollte. Und so wuchs ich also unter der Aufsicht dieser besonderen Erzieher wunschgemäß zu einem wohlgeratenen Kind heran.
Angesichts der Weitläufigkeit der Örtlichkeiten und weil es die königliche Etikette verlangte, lagen die Räumlichkeiten, in denen ich und meine Untergebenen lebten, entfernt und getrennt von den Gemächern meiner Mutter. Zwei Mal täglich führte man mich mit meinem Einverständnis zu meiner verehrten Mutter und brachte mich nach einer Stunde wieder zurück. Dies wurde so beibehalten, bis ich etwas größer geworden war und mich selbst auf den Weg machen konnte. Ich habe keine Erinnerung mehr an die Zeit meiner frühesten Kindheit. Aber da ich ein aufgewecktes und gewitztes Kind war, erinnere ich mich noch gut an alles, was sich ab meinem fünften Lebensjahr zutrug. Als ich verständiger geworden war, hatte ich insbesondere meine Amme, mein Kindermädchen und meine Leibdienerin über alle Maßen lieb. Vor allem meine Leibdienerin liebte ich sehr.
Die Leibdienerin
An dieser Stelle sollte ich etwas über ihr Äußeres und ihr Wesen schreiben, damit die Leser mit dieser Frau ein wenig vertraut werden. Denn sie bemühte sich sehr, mich zu erziehen und mir gute Umgangsformen beizubringen.
Sie war eine Frau mittlerer Größe, so um die 45 Jahre alt, mit einem Gesicht von tiefschwarzer Hautfarbe und ausdrucksstarken Augen. Sie redete nur sehr wenig, und wenn sie in seltenen Augenblicken einmal etwas äußerte, tat sie dies in strengem und unnachgiebigem Ton. Diese Leibdienerin hatte auch schon meine Mutter großgezogen und war als »Damenersatzmutter« an mich weitervererbt worden. Sie besaß weitgehende Befugnisse und gebot herrisch über alles, was mit Essen und Trinken, der Zubereitung der Speisen sowie der Vorratshaltung und all den damit verbundenen Verantwortungsbereichen zu tun hatte. Zu mir war sie sehr liebevoll, den anderen gegenüber aber verhielt sie sich hochfahrend und förmlich. Ich hatte mich trotz ihres schrecklich anmutenden Gesichts und ihres furchteinflößenden Äußeren so sehr an sie gewöhnt, dass ich bis in den Abend hinein in Tränen aufgelöst war, wenn sie einmal einen Tag lang nicht bei mir war. Nichts konnte mich dann trösten. Nicht einen Augenblick wollte ich ihre Umarmung missen, und war ich von ihr getrennt, gab es für mich keinen Trost. Aufgrund dieser Erfahrung betrachte ich bis heute jedes weiße Gesicht mit Verwunderung, ja Abscheu, und hege in Erinnerung an meine geliebte Leibdienerin noch immer eine Vorliebe für Menschen mit dunkelhäutigen Gesichtern.
Angesichts der Liebe und Zuneigung, die mich mit meiner Leibdienerin verbanden, vergaß ich meine liebe, verehrenswerte leibliche Mutter völlig. Immer wenn sie mich in ihre Arme nehmen und küssen wollte, brach ich in Geschrei und Tränen aus, rannte sofort zu meiner geliebten Leibdienerin und warf mich ihr in die Arme. Stets durchforschte ich ihre Taschen und unterzog ihre schwarzen, sehnigen Hände einer gründlichen Inspektion. Meistens hielt sie auch eine Kleinigkeit für mich bereit, etwas Süßes zum Naschen, was ich über die Maßen liebte. Ich wollte so reden wie sie und äffte all ihre Gewohnheiten und Bewegungen nach. Nach all den Jahren, die ich nun schon lebe, bin ich meinem Gefühl treu geblieben und freue mich noch immer sehr, wenn ich jemandem aus der Familie meiner Leibdienerin begegne. Dann rede ich mit ihm in ihrem Tonfall, in klaren und einfachen Worten. Die tiefe Zuneigung zu meiner lieben Leibdienerin hat eine dauerhafte tiefe, geistige Verbundenheit zwischen mir und ihrer Familie geschaffen.
Mein Lehrer! Wundern Sie sich nicht darüber, dass ich Ihnen über all die Gewohnheiten und Bräuche aus meiner Kindheit berichte. Habe ich Ihnen doch versprochen, dass ich umfassend Auskunft geben will über mein Leben. Daher überspringe ich nicht eine Sekunde davon und verpflichte mich, alles niederzuschreiben. Aber hätte ich doch bloß all die Gefühle der Zuneigung, die ich für meine Leibdienerin hegte und hier beschreibe, auch für meine verehrte, fromme Mutter empfinden können! Könnte ich doch bloß in dieser Weise auch über meine Mutter sprechen, und nicht nur über eine unwürdige Schwarze! Leider aber haben irrige Fantastereien und falsche Vorstellungen sowie Größenwahn, eingebildete Würden und Pedanterie mir die Zeit meiner Kindheit vergällt und dafür gesorgt, dass ich aus den Armen meiner verehrungswürdigen Mutter vertrieben und von ihr ferngehalten wurde. Ich kann Ihnen jedoch nichts anderes schreiben als das, was sich tatsächlich zugetragen hat.
Mutterpflichten
Etwas, das mich unausgesetzt beschäftigt und bekümmert, ist das Problem des Stillens. Warum sollte nicht die eigene Mutter ihre Kinder stillen und diese in der Geborgenheit ihrer mütterlichen Empfindungen und ihrer Zuneigung bei sich aufwachsen lassen? Warum muss sie die eigenen Kinder überhaupt weggeben und einer anderen Frau anvertrauen? Wo es doch nur dazu führt, dass die Kinder die eigene Mutter zurückweisen und verabscheuen, wenn man sie einer Amme überlässt. Umgekehrt bedeutet es, dass die Mutter aus ihrer Sicht die Kinder als nicht sonderlich wichtig und beachtenswert ansieht und somit die einfache Liebe und Verbundenheit gegen eine falsche Förmlichkeit eintauscht. Eben deshalb sah ich Arme mich zu Beginn meiner Kindheit von der warmherzigen Liebe meiner Mutter ausgeschlossen und nahm unser Verhältnis lediglich als eine bloße Förmlichkeit wahr.
Eben dies ist ein bedeutsamer Punkt für das Erlernen guter Umgangsformen und die Zukunft der Kinder. Um ein Beispiel zu geben: Ich selbst habe vier Kinder, und heute, da sie alle erwachsen sind und auf eigenen Füßen stehen, hat jedes von ihnen einen ganz eigenen Charakter, obgleich ich mich doch intensiv um ihre Ausbildung gekümmert und mich für sie eingesetzt habe. Wenn ich sie aber sorgfältig beobachte und genau betrachte, zeigt sich deutlich, dass sie die Charakterzüge ihrer Ammen angenommen haben und in ihrem Wesen überhaupt keine Ähnlichkeit mit mir aufweisen. Ich sehe, dass ihre Ammen noch heute in ihnen präsent sind. Hätte ich sie jedoch selber gestillt und großgezogen, und wäre meine Verbundenheit und Liebe zu ihnen wahre Mutterliebe gewesen, dann hätte ich sie in ihrer Kindheit niemals zurückgewiesen und auch nie von ihrem Vater getrennt. Und wenn es mich tausend Leiden und Mühen gekostet hätte und ich mein ganzes Lebens lang Schikanen und Belästigungen dafür zu erdulden gehabt hätte!
Wenn wir es uns ganz genau betrachten, dann ist es die erste Pflicht einer jeden Mutter, ihre Kinder nicht zu verzärteln und sie auch nicht von sich fernzuhalten und abzuschieben, damit dies nicht der Grund dafür wird, dass die Familie und das ganze Leben ihrer Kinder zerstört werden. Sie darf äußerlicher Pracht nicht den Vorzug vor den natürlichen und wirklich wichtigen Dingen geben und sich selbst und ihre Kinder damit ins Unglück stürzen. »Aus dem Krug fließt nur das, was zuvor in ihn hineingefüllt worden ist.« Die vornehmste Pflicht einer jeden Mutter ist es, den Kindern gute Umgangsformen beizubringen. All die großen Triumphe der Welt haben wir ihnen zu verdanken. Ich will ein Beispiel anführen: Einer der berühmten französischen Gelehrten im ausgehenden 19. Jahrhundert war Monsieur Jules Simon4; seine Theorien behandeln die Gesellschaftsphilosophie der Menschen, und seine Schriften gelten den Großen und Gelehrten als beispielhaft. Während die feurigen Worte der Redner im französischen Parlament die Ohren der Zuhörer ermüdeten und die Federn der fähigen Schriftsteller in den Zeitungen wie Speere aufeinandertrafen, die Steine hätten spalten können, und das französische Volk wie ein Kranker daniederlag, der an der Wahl der richtigen Medizin und der korrekten Art der Heilung verzweifelt, verfolgte Jules Simon diese Auseinandersetzungen mit Erstaunen und verfasste ein Buch über die wahre Reform.
Wozu waren all die Aufregung und der Aufruhr gut? Sie halfen, den Weg zu einer wahren Reform zu finden! Manch einer hing der Überzeugung an, man solle die Gesetze des Königreiches einer Reinigung unterziehen; andere wiederum erachteten es als notwendig, Religion und Staat voneinander zu trennen; einige sprachen sich dafür aus, die Landwirtschaft anzukurbeln; wieder andere richteten ihre Aufmerksamkeit auf eine Erhöhung des Budgets für den Bildungssektor und dessen interne Reform. Eine Gruppe erfahrener Personen, deren Vordenker der berühmte Monsieur Jules Ferry war, stellten Vermutungen über die Bevölkerungsdichte an, befassten sich mit Fragen der Zeit und sahen die Lösung darin, die französischen Kolonialbestrebungen auszuweiten.
Während all diese Gedanken aufeinanderprallten, was sagte da Jules Simon und was schrieb er? Im Folgenden will ich mit eigenen Worten eine Passage aus einem seiner hervorragenden Bücher wiedergeben5:
Wer Reformen anstrebt und sein Land liebt und daher fehlerhaftes Handeln verhindern sowie seine Gemeinschaft zum Grade der Vollendung führen will, muss die heiligen Wörter Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit, Gerechtigkeit kennen. Trotz all der wünschenswerten Wirkungen, die mit diesen einhergehen, wird Nutzen sich nur einstellen und ein Ergebnis sich nur zeigen, wenn das Fundament solide ist. Nehmen wir einmal Folgendes an: Wir haben für eines der Völker auf der Welt einen Gesetzeskorpus erlassen, der alle Voraussetzungen für die Freiheit einschließt; den Sinn für Freiheit haben wir über alle Lebenszusammenhänge gestellt; wir haben die Machtbefugnis der Herrschenden durch Stellvertreter sowie ausländische Konkurrenten eingeschränkt. Was ist das Ergebnis all dieser Schritte? Glückseligkeit, Wohlstand. Gesetzt allerdings den Fall, die Einzelpersonen dieses Volkes erkennen die Erfordernisse der Zeit; säumen nicht, die zum Vorantreiben des Fortschritts notwendigen Voraussetzungen zu schaffen; beschreiten den Weg der Uneigennützigkeit und schreiten unter der Anleitung von Wissenschaft und Tatkraft voran, bis sie ihr Ziel erreichen. Nur wenn wir über einen edlen Charakter verfügen, werden wir aus dem Vorhandensein von Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit und Gerechtigkeit Nutzen ziehen. Die historischen Erfahrungen und die Abhandlungen der Philosophen und Weisen, die den rechten Weg aufzeigen, sowie die Grundlage einer jeden religiösen wie weltlichen Gesetzgebung lehren uns, dass die Größe der moralischen Werte die Seele des Menschengeschlechts ausmacht, die geistige Antriebskraft der Menschen auf der Welt darstellt und die feste Säule des Begriffes Reform ist.
Die Wurzel der edlen moralischen Werte, welche frischen Trieben gleichen, gedeihen an zwei Orten: Wo aber liegen diese beiden Punkte, von denen das Wachstum der Menschheit ausgeht? In der Familie, in der Schule. Ja! Die Wurzel der guten Eigenschaften und trefflichen Fähigkeiten, wie Aufrichtigkeit und Redlichkeit, Mut, Vaterlandsliebe sowie der Drang zu Streben und Tatkraft entwachsen diesen beiden Orten, und unter der Aufsicht des freundlichen Gärtners des Hauses und des aufmerksamen Schullehrers werden die Mängel behoben. Wer ist der freundliche Gärtner des Hauses? Die Mutter. Was ist die vordringliche Aufgabe der Mutter gegenüber ihren Kindern? Erziehung. Wissen, Kenntnis, literarische wie gesellschaftliche Reform gehen der politischen Reform voraus. Wer gegen diese Grundsätze verstößt, gleicht demjenigen, der das Fundament seines Hauses nicht befestigt und stattdessen lieber Dach und Eingangsportal mit Malereien verziert. Ebenso ist allgemein bekannt, dass die Erziehung in der Familie vor der Erziehung in der Schule einsetzt. In Wahrheit ist Erstere die Basis, auf der die Zweite fortschreiten kann. Es ist dies eine der Gaben und Privilegien, die Gott den Frauen verliehen hat.
Also hängen die gesellschaftlichen Reformen eines Volkes, der Ursprung der Glückseligkeit einer Nation, der Quell, aus dem eine Gruppe die süßen und heilsamen Wasser des Lebens schöpft, und die Hoffnung, den Anschluss an die Karawane der heutigen Zivilisation zu finden, von der Reform der Lebensumstände der Frauen und von ihrer Erziehung ab, auf dass sie wiederum ihre Kinder recht erziehen. Abgesehen davon, dass ihre Kinder glücklich werden, ist dies gleichzeitig ein großer Dienst an der Welt der Zivilisation.
Mein Lehrer! Ich will Sie wirklich nicht damit ermüden und langweilen, wenn ich bisweilen von meinem eigentlichen Thema abschweife und auf historische Dinge eingehe. Ich erwähne diese historischen Tatsachen nicht absichtlich, aber eines bekümmert mich sehr und stimmt mich traurig: Warum wissen meine Geschlechtsgenossinnen, die iranischen Frauen, nicht über ihre Rechte Bescheid und warum packen sie die menschlichen Probleme nicht an? Warum verkriechen sie sich völlig hilf- und nutzlos in eine Ecke ihres Hauses und beschäftigen sich ihr Leben lang nur damit, sich nachteilige Verhaltensweisen anzueignen? Warum suchen sie nicht den Zugang zum Kreis der Zivilisation und irren lieber im Tal des Analphabetismus und des Nichtwissens umher? Es ist doch beispielsweise so, dass noch heute, da den Frauen der Weg des Fortschritts in einem gewissen Maß offen steht, und man seine Töchter in die Schulen schicken und ihnen die Zukunft mit dem Licht des Wissens und der Vervollkommnung erhellen kann, die Mehrzahl der Familien sagt: »Wir halten es für falsch, dass unsere Tochter zur Schule geht.« Genau wie früher stoßen sie diese armen Wesen damit wieder hinab in die Hölle des Untergangs und des Unglücks der traditionellen Erziehung. Sie handeln falsch: Sie müssen ihren Kindern Mutter sein, und ihre Kinder müssen unter ihrem mütterlichen Schutz erzogen werden.
Mein lieber Lehrer! Es sind diese Familien, die in der Mehrzahl – vielleicht sogar alle – Wissen als Ehrlosigkeit und Nichtwissen als Auszeichnung betrachten. Verlieren Sie jetzt nicht die Geduld! Von hier ab beginne ich erneut, über mein persönliches Schicksal zu erzählen.
Zunächst muss ich Ihnen erzählen, wie ich in jungen Jahren aussah und wie ich mich verhielt. Ich war ein aufgewecktes und gewitztes Kind, und Gott hatte, was meine äußere Erscheinung angeht, alle Flügel der Glückseligkeit über mir ausgebreitet. Ich hatte dunkelbraunes, natürlich gelocktes langes Haar und einen gesunden Teint. Meine Augen waren tiefschwarz, die Wimpern lang, die Nase war wohlgeformt, Lippen und Mund waren klein, mit weißen Zähnen, die meinen zinnoberroten Lippen einen eigentümlichen Glanz verliehen. Im königlichen Palast, wo ausgewählte, sehr schöne Frauen versammelt waren, gab es kein schöneres und lieblicheres Gesicht als das meine. Ich war wirklich ein hübsches, anbetungswürdiges Kind. Auch beim Spielen war ich umgänglich, und ich fesselte die Zuhörer mit dem, was ich sagte. Ich war bei den Stiefmüttern und allen Bewohnern des königlichen Palastes so gern gesehen, dass mir ihre Zuneigung fast unangenehm und lästig wurde. Denn sobald ich zum Spielen aus dem Haus ging und nichts anderes wünschte, als nach eigenem Willen herumzutollen und meinen Spaß zu haben, lief ich alle Augenblicke einer der Damen in die Arme, die gerade vorbeigingen. Sie küssten und herzten mich dann und hielten mich somit für einige Minuten vom Spielen ab. Um diesem Problem zu entgehen, ergriff ich schließlich einfach die Flucht, rannte, so schnell ich nur konnte, davon und warf mich meiner lieben Leibdienerin in die Arme. Erwischte mich aber zufällig eine von ihnen dennoch und küsste mich schließlich doch noch ab, wischte ich mir wutentbrannt ihren Kuss ab und warf ihr einen vernichtenden Blick aus meinen tiefschwarzen Augen zu.
Ich hatte fünf, sechs kluge und liebe Mädchen als Spielgefährtinnen, allerdings entstammten sie der Mittelschicht. All diese Mädchen waren zwar älter als ich, doch natürlich von geringerem Stand. Wenn wir spielten, Kleider nähten und Sachen herbeiholten, machten sie oft Fehler, was mich immer sehr erboste. Dann verprügelte ich sie mit meinen kleinen, weißen Händen, aber nachher spielte ich gleich wieder mit ihnen.
An dieser Stelle will ich Ihnen nun die äußere Erscheinung und die Charakterzüge meiner Spielgefährtinnen schildern, danach werde ich mein Spielzimmer und die Dinge beschreiben, mit denen ich mich in meiner Kindheit beschäftigte. Diese Mädchen waren völlig ungebildet und ohne jegliche Manieren, sie redeten in einfacher Basarsprache. Was ihr Äußeres anging, so waren eine oder zwei von ihnen recht ansehnlich. Die eine hatte sehr helle Haut, goldblondes Haar und himmelblaue Augen; sie wirkte stets nachdenklich und bedrückt, war überaus geduldig und freundlich, sehr pfiffig und neugierig. Meistens war dieses Mädchen bekümmert und sang und trällerte leise vor sich hin. Ein anderes der Mädchen war braunhäutig und hatte schwarzes, volles Haar, ihre Augen waren stechend und funkelten ein wenig; sie redete viel und war gewandt, konnte gut tanzen und machte gerne eigenwillige Späße. Immer wieder dachte sie sich lustige Wörter aus oder stellte Unsinn an. Oft brach sie in ein unbändiges Lachen aus, was meine Leibdienerin in Rage brachte. Sie wies sie dann zurecht und schimpfte mit ihr. Die übrigen Spielgefährtinnen waren zwar von gleicher Herkunft, wiesen jedoch andere Wesenszüge auf. Aber keine von ihnen war des Umgangs mit einem jungen Mädchen meiner Stellung würdig. Ich brauchte noch andere Gesellschaft.
Spielzeug aller Art besaß ich im Überfluss. Aber eine eigentümliche Liebe verband mich mit der Musik. Ich mochte es sehr, wenn beim Spielen das Piano oder die Orgel erklang. Den ganzen Tag verbrachte ich mit Spielen, und an den Abenden begab ich mich üblicherweise zu meinem hochverehrten Vater, seiner königlichen Majestät. Meist ging ich nur zu ihm, um ihm meine Reverenz zu erweisen und ihn zu preisen. Er herzte mich daraufhin und zeigte mir auf diese Weise immer seine Gunst. Dann holte er gewöhnlich ein Goldstück aus seiner Tasche und sagte: »Dieses Mädchen ist ja so hübsch und sieht ganz so aus wie die Prinzessinnen aus der Familie Fath-Ali Schâhs.«
Ich fürchtete mich ziemlich vor meinem Vater, und immer wenn sein Blick auf mich fiel, brach ich unweigerlich in Tränen aus. Dann liebkoste er mich zwar jedes Mal, doch ich war untröstlich. Außer meinem Vater bekam ich ja sonst nie einen Mann zu sehen, so dass er mir höchst außergewöhnlich und furchteinflößend erschien. Das Geldstück, das ich von meinem Vater erhalten hatte, brachte ich stets mit größter Freude und Entzücken zu meiner lieben Leibdienerin und reichte es ihr unter allen möglichen Liebesbezeugungen. Sie gab mir dann einen Kuss und versprach, mir dafür ein neues Spielzeug zu kaufen.
Der Harem
Nun ist es an der Zeit, dass ich Ihnen von der Organisation des Harems meines Vaters und von den dortigen Gepflogenheiten und Gebräuchen berichte. Gewiss werden Sie beim Lesen dieses Abschnitts in Lachen ausbrechen. Sie halten mich ja zwar für eine Frau, die einigermaßen gebildet ist, aber gewiss nicht für ein Universalgenie. Dass ich mich hier nun notwendigerweise der Architektur zuwende, werden Sie also mit Erstaunen vermerken. Aber mein Lehrer, Sie sollten ja selbst am besten wissen, dass Ihre Schülerin in manchen Dingen bewandert ist.
Das Palastgebäude lag inmitten der Stadt, es war rundherum abgeschlossen und wurde »Zitadelle« genannt. Es besaß einen sehr großen und weitläufigen Hof, der im Stil des vorigen Jahrhunderts angelegt worden war. Die Flügel des genannten Gebäudes waren nach Osten und Westen, Süden und Norden ausgerichtet und bestanden aus miteinander verbundenen Zimmern. Alle Gebäude, die diesen Hof umgaben, waren zweistöckig. In der Mitte stand ein dreistöckiges Gebäude, welches vom Hof durch einen eisernen, hellblauen Zaun abgetrennt war. Eigentlich handelte es sich um einen Pavillon, der nach der aktuellen Mode mit allerlei Zierrat versehen war. Dieses Gebäude nannte man »Schlafplatz«, und es war der besonderen Nutzung durch meinen Vater vorbehalten. Die Verantwortung für dieses Gebäude war Âqâ Nuri Khân, dem Eunuchen, übertragen worden, der eigentlich der Stellvertreter des »Treuhänders des Harems«, d.h. des Obereunuchen, war. Deshalb befanden sich sämtliche Schlüssel zu dem Gebäude des Herrschers sowie zu den Türen des Harems, des äußeren wie des inneren, in der Hand dieses Eunuchen.
Hier muss ich Ihnen nun diesen Eunuchen beschreiben. Er war ungefähr vierzig Jahre alt, hatte eine gelbliche Gesichtsfarbe und war abstoßend hässlich. Insbesondere dann, wenn er jemandem mit dem Wort ›qoroq‹ den Zutritt verweigerte, war seine krähende Stimme schon von weitem zu vernehmen. Er hatte stets einen weißen Schal über seine vor Schmutz starrende hellblaue Kleidung geschlungen, an welchem ein gewaltiger Schlüsselbund hing. Er trug auch immer einen dicken Knüppel bei sich, war ziemlich brutal, zeigte keinerlei Furcht und stellte gegenüber allen ein außerordentlich herrisches Benehmen zur Schau. Insbesondere oblag dem Eunuchen die Verantwortung, über den Zugang zum Inneren des Harems zu wachen – und er achtete sorgfältig darauf, wer da Zugang begehrte. Jeder, der den Harem betrat oder verließ, tat dies allein mit seiner Erlaubnis. Selbst die Haremsdamen mussten Âqâ Nuri Khân um die Genehmigung bitten, selbst dann noch, wenn seine hochherrschaftliche Majestät ihr Plazet bereits erteilt hatte. Und wenn es ihm nicht angeraten schien, ließ er sie nicht gehen. Ungefähr dreißig, vierzig Eunuchen, die im Harem ihren Dienst verrichteten, waren ihm vom »Treuhänder des Harems« unterstellt worden. Dabei erfüllte er seine Pflichten mit äußerster Ernsthaftigkeit und Strenge und war noch viel unbeugsamer und strenger als sein Vorgesetzter. Alle Haremsdamen standen unter seiner Obhut.
Er konnte weder Persisch schreiben noch lesen, kannte aber den Koran auswendig, den er mit lauter Stimme immer dann rezitierte, wenn er nichts zu tun hatte. Über seine Person weiß ich nichts Genaues, ich weiß jedoch, dass er vom Dorf stammte. In seiner Kindheit hatte man ihn allerdings in den Harem gebracht, wo er unter der Aufsicht meines Vater ausgebildet worden war; er war also im königlichen Palast aufgewachsen. Jene natürliche Art, Autorität und Strenge auszuüben, hatte er sich bereits in seiner Kindheit angeeignet. Und eben jene Ausübung von Autorität und seine bedingungslose Charakterfestigkeit ließen ihn zu seinem hohen Rang aufsteigen und zu einem mächtigen Mann werden. Wäre beispielsweise jemand todkrank gewesen und hätte einen Arzt benötigt, Âqâ Nuri hätte aber zufällig im Baderaum geweilt, so hätte jener Kranke eben sterben müssen! Es war unmöglich, dass ein Mann von außerhalb den Harem betrat – es sei denn, in der Begleitung Âqâ Nuris. Er war alles auf einmal: Schlüsselverwahrer und Vizeregent über alles im Harem und in der Palastanlage.
Die Seitengebäude teilten sich die Damen des Königs. Einige der Innenhöfe verfügten über äußere Gebäude, in welchen sich ebenfalls Wohnungen befanden. Seine Majestät, mein gekrönter Vater, hatte ungefähr 80 Frauen und Konkubinen. Eine jede von ihnen verfügte wiederum über zehn bis zwanzig Bedienstete, womit sich die Zahl der Frauen des Harems auf 500, wenn nicht gar 600 belief. Überdies empfingen die Damen oder die Bediensteten den ganzen Tag über etliche ihrer Verwandten und Familienangehörigen. Täglich waren ständig ungefähr achthundert bis neunhundert Frauen im Harem anwesend, und jede der Damen besaß ihre separate Unterkunft, ihre eigene Apanage und ihre Untergebenen, Bediensteten und Leibdiener sowie all die lebensnotwendigen Dinge, die für das Leben außerhalb wie innerhalb des Harems notwendig waren. Es kam nur sehr selten vor, dass zwei Damen gemeinsam ein Haus bewohnten. Dies war nur dann der Fall, wenn neue Frauen, die in Dörfern und ländlichen Regionen ausgewählt worden waren, in die Obhut der Damen gegeben wurden, damit diese ihnen ein gewisses Maß an Manieren und Umgangsformen beibrachten. Später erhielten sie dann ihre separaten Gemächer.
Unter all den Damen gab es lediglich sieben bis acht, die Kinder hatten, die restlichen waren kinderlos.
Die königlichen Konkubinen unterstanden der Autorität einer Aufseherin in einem gesonderten Hof des Hauses. Alle Konkubinen waren Turkmeninnen oder Kurdinnen, die während des Kampfes gegen die Turkmenen in Gefangenschaft geraten waren. Doch waren sie ausnahmslos sehr schön. Zusätzlich zu den Konkubinen gab es auch noch die Ehefrauen auf Basis der Zeitehe. Ihre Aufseherin war auch eine Turkmenin und trug den Namen Aqol Baga Khânom. Sie war eine äußerst wohlerzogene und gutmütige Frau und führte ein sehr gutes Regiment über die Konkubinen. Sie kümmerte sich um alle Ausgaben der Konkubinen und verfügte auch über deren Zuwendungen. Einer jeden stand vonseiten des Staates eine gewisse Summe für zusätzliche Aufwendungen zu.
Amine-je Aqdas war ebenfalls für einen gesonderten Einflussbereich zuständig. Sie stand der kleinen königlichen Schatzkammer vor. Einer ihrer Neffen hatte sie bei Hof eingeführt. Diese ehrenwerte Person war eine Kurdin aus Garus und entstammte einer Sippe von Grundbesitzern, die in der Wüste siedelten. Sie war zunächst Dienerin von Dscheirân gewesen, einer Dame, die sich einige Zeit zuvor des Ansehens und der Gunst seiner Majestät, des Königs, erfreut hatte. Nach Dscheirâns Tod hatte man ihr die Sorge für Babri Khân, eine Katze, anvertraut. Als diese Katze starb, erwarb sich ihr kleiner Neffe, der stets mit dem Kätzchen gespielt hatte, die Zuneigung seiner Majestät, des Königs. Und so ganz allmählich hatte sich die Dienerin dank ihres Neffen nach oben gearbeitet und war in die höheren Ränge aufgestiegen.
Die Katze des Schahs
Nun ist es notwendig, dass ich Ihnen etwas über die geliebte Katze erzähle, die der Anlass für den Aufstieg der Familie von Amine-je Aqdas wurde. Dieser mächtige König, den wir für den glücklichsten Menschen seiner Zeit halten, war, wenn wir es recht betrachten, tatsächlich mit außerordentlichem Glück gesegnet. Denn dieser König gab sich gänzlich der Liebe zu den Frauen hin und sein Harem war dementsprechend groß. Infolge des Neids und der Eifersucht, die der Himmel den Frauen bereits in die Wiege gelegt hat, war der so mächtige König nie in der Lage, seine Liebe und seine Zuneigung zu einer bestimmten seiner Frauen oder zu seinen Kindern offen zu zeigen und kundzutun. In gewissem Maße gab er sich dem Laster hin, der Wollust und Begierde, und versank ganz in weltlichen Genüssen, was ihn seine königliche Würde vergessen ließ. Da nun aber jeder Mensch einen anderen braucht, mit dem er sich austauschen und den er lieben kann, und da diese Person dann natürlich in der Gunst höher steht als die anderen, richtete dieser mächtige und gleichzeitig ohnmächtige König, der unter der ständigen Beobachtung seiner Frauen stand, seine Liebe und Zuneigung allein auf dieses Tier und zeichnete es damit vor seiner ganzen Familie aus. Überall in der Palastanlage sah ich die Bilder dieser Katze. Es handelte sich um eine langhaarige, schwarz-weiß gescheckte, zierliche Esfahân-Katze mit schönen Augen. Sie wurde stets mit allen möglichen exquisiten und wertvollen Dingen herausgeputzt und bekam die denkbar besten Leckerbissen vorgesetzt; genau wie ein menschliches Wesen hatte sie Diener, die dafür bezahlt wurden, dass sie sich um sie kümmerten. So war unter anderem eben jene Amine-je Aqdas die Ersatzmutter für die Katze.
Ach, mein lieber Lehrer! Aus meinen Augen strömen Tränen, und ich fühle Mitleid mit dem Unglück der Könige, und auch mein eigenes Schicksal lässt mich in Gram und Kummer versinken. Die Dinge, die die Menschen für Glück halten, wie Herrschaft, Ehre, Reichtum, Muße, Ehrgeiz, betrachte ich voller Abscheu. Ich sehe doch, dass das Glück für keinen Menschen existiert. Und wenn es das Glück gibt, dann ist es allein in sittlicher Größe zu finden, in lobenswerten Charakterzügen und auch in Armut und Entsagung. Ich erinnere mich an einen Aufsatz von Arthur Brenerman6, in welchem er schreibt:
Was ist Glück? Wie kann man es erlangen? Oder wie lässt es sich am besten bewahren? Das fragt sich der Mensch seit Anbeginn der Schöpfung, müht sich unsäglich und denkt über das Wie nach. Bis heute jedoch hat er die richtige Antwort noch nicht gefunden. Bevor der Mensch geschaffen wurde und die menschliche Spezies sich auf der weiten Erde verbreitete, besaßen die Tiere bereits ihre natürliche Art des Redens. Auch als Satan sich in den Himmeln gegen seine Gefangenschaft auflehnte, quälte ihn eben dieser Gedanke. Es besteht kein Zweifel daran, dass auch Adam Eva diese Frage stellte. Eine uralte Frage. Der Mensch, gleich welcher Art und Herkunft, denkt darüber nach, und dieses Problem wird noch für einige Millionen Jahre Gegenstand der Diskussion unter den Menschen sein. So halten wir es beispielsweise für das Glück, wenn der Mensch sich eine rote Krawatte umbindet und eine mit reinen Diamanten besetzte Nadel daranheftet. Ein weiteres Beispiel stellt Averin7 dar, der sich 30 Jahre lang der Erforschung der Insekten widmete und sich dabei glücklich wähnte. Rockefeller wiederum sammelt seit nunmehr 30 Jahren Erfahrung mit Dollars, häuft sein Geld an und sieht in diesem Tun das Mittel zur Glückseligkeit. Kinder halten sich für glücklich, wenn sie herumtoben und schreien können, alte Menschen hingegen schätzen es ruhig und beschaulich.
Einer bricht zur Entdeckung des Nordpols auf und setzt sich selbst allen möglichen Gefahren aus; in jedem Moment blickt er tausendmal dem Tod ins Auge, und für ihn bedeutet solch ein Leben Glück. Ein anderer geht in ein renommiertes Gasthaus, setzt sich an den gedeckten Tisch, genießt Duft und Geschmack der Speisen und sagt sich dabei: »Hierin liegen die Glückseligkeit und der Sinn des Lebens!« Antonius verstand unter Glückseligkeit die Liebe, Brutus den Ruhm und Julius Caesar den Ehrgeiz. Der Erste wurde entehrt, der Zweite gehasst, der Dritte verbannt. Alle drei wurden sie getötet. Marc Aurel, der römische Imperator, hat einmal gesagt: »Die Glückseligkeit liegt nicht im rationalen Debattieren, nicht in Wohlstand und Berühmtheit und auch nicht in sinnlichen Wünschen und Genüssen.« Worin liegt sie dann? In der Ausführung von Taten, die den Intellekt voraussetzen! Jetzt habe ich begriffen, dass das Glück je nach Zeit und Ort etwas anderes ist. Es lässt sich nicht exakt eingrenzen und eindeutig definieren. In diesem Fall müssen wir also sagen: Der vernünftige Mensch findet die Glückseligkeit in der Ausführung eines Vorhabens, das den Menschen nutzt.
Um wie viel besser wäre es zum Beispiel gewesen, wenn mein gekrönter Vater sich der Welt der Menschen, dem Fortschritt seiner Nation sowie der Bildung und den Künsten verschrieben hätte, anstatt sich mit einem Tier zu beschäftigen? Wie vorteilhaft wäre es heute um uns bestellt, wenn er den Frauen nicht in so großem Maße zugeneigt gewesen wäre und sich nicht allzu sehr von den weltlichen Genüssen hätte verführen lassen, sondern sich dafür in jeder Stunde seines Lebens der Politik des Königreichs und der Förderung der Landwirtschaft gewidmet hätte? Wie ehrenvoll wäre es gewesen, wenn ich in dieser Geschichte nicht gezwungen wäre, über seine Katze zu sprechen, sondern über die Erziehung der Untertanen, die Forderung nach Bildung und die königlichen Hauptaufgaben schreiben könnte? Mit welcher Freude hätte es mein Herz erfüllt, ihn als einen glücklichen Menschen zu beschreiben und nicht als einen unglücklichen? Leider, mein lieber Lehrer, waren in dieser Zeit alle in völliger Untätigkeit versunken, niemand hatte auch nur die geringste Ahnung davon, was das wahre Menschsein ausmacht, alle steckten sie knietief in dem Morast ihrer Schandtaten und Schlechtigkeiten. Und das hat auf Jahrhunderte hinaus so viel Zerstörung verursacht, dass dies nicht wieder gutzumachen ist.
Wie dem auch sei, ich muss hier zwangsläufig noch einmal auf jene Geschichte eingehen, bei der es uns nicht zu wundern braucht, dass es dabei um eine Katze geht. Nachdem der Ruhm und das Glück dieser armen Katze ihren Höhepunkt erreicht hatten und die Damen sahen, dass sich ihr geliebter Ehemann nur noch mit der Katze abgab, wurden sie neidisch und eifersüchtig und griffen zu einem Mittel, wie es typisch für Frauen ist. Sie scheuten keine Kosten und ließen die Katze stehlen und in einen tiefen Brunnen werfen. So nahmen sie meinem armen Vater, dem König, auch noch diese Freude.
An dieser Stelle sollte ich Ihnen einen Rat geben, nämlich folgenden: Der neidische Mensch leidet unausgesetzt und ist aufgrund dieses Fehlers zeit seines Lebens Gefangener seiner selbst und verzweifelt daran. Ich erinnere mich an einen Roman, den ich einmal gelesen habe. Darin ging es um zwei Freundinnen. Ich muss hier davon berichten.
Zwei junge Frauen, die einander seit ihrer Kindheit, als sie gemeinsam die Schule besuchten, sehr zugeneigt und auch verwandtschaftlich miteinander verbunden waren, begaben sich auf eine Reise in das Königreich Russland. Die jungen Frauen waren beide reich und hübsch. In einer der schönen Städte Russlands machten sie Halt und verbrachten ihre Tage mit Spaziergängen und anderem Zeitvertreib. Abends gingen sie ins Theater und ins Ballett. Die jungen Frauen bedeuteten einander alles, sie waren wie eine Seele in zwei Körpern. Wie der Zufall nun spielt, verliebte sich eine der beiden in einen jungen Adligen, und der junge Mann erwiderte ihre Gefühle. Sie beschlossen zu heiraten. Das stürzte das andere Mädchen, die innige Freundin, in Eifersucht und Neid, und sie versank in einem Meer von Kummer und trüben Gedanken. Alsbald entschied das junge Paar, in die Heimat der Braut zurückzukehren, um dort zu heiraten. Bei der Rückkehr sah die eifersüchtige junge Frau, dass es beschlossene Sache war und die Liebende am Ziel ihrer Wünsche angekommen war. Deshalb verfiel sie auf den Gedanken, den jungen Mann zu vergiften, und setzte ihr Vorhaben auch in die Tat um. Dessen plötzlicher Tod erregte jedoch den Argwohn der Leute, und Vertreter der Obrigkeit nahmen die beiden jungen Frauen fest. Nach ihrem Schuldeingeständnis verurteilte man die arme, eifersüchtige junge Frau, wie es das Gesetz vorsah, zu lebenslanger Haft.
Nun sagen Sie ehrlich: Ziemt dem Menschen Neid und Eifersucht? Dem Menschen, der das edelste der Geschöpfe ist, der Träger göttlicher Attribute? Nein und nochmals nein! Eines sollten wir auf keinen Fall vergessen: Der Neider wird niemals sein Ziel erreichen.
Manidscha, der »Liebling des Königs«
Nun, nach dem Ableben der Katze, zeigte seine Majestät, der König, sich von der harten Seite, doch ohne Erfolg. Die Katze war nun einmal tot, und es war nicht damit zu rechnen, sie aus der Welt der Seelen wieder ins Leben zurückzuholen. Danach kam jenes Kind, das immer mit der Katze gespielt hatte und mit ihr vertraut gewesen war, in den Genuss der königlichen Gunst und nahm von nun an bei seiner Majestät, dem König, den Platz der Katze ein; der Junge erhielt den Beinamen Manidscha. Diesem Knaben wurden nun die Ehre und der Rang jener Katze zuteil, ja sogar noch mehr.
Jetzt will ich Ihnen etwas über die Herkunft und die Erscheinung jener Person berichten, die mir zeit meines Lebens am häufigsten begegnet ist. Sie kennen sie gut und Sie erinnern sich an ihre Qualitäten und guten Wesenszüge.
Das Kind war nahezu blind, und aufgrund heftiger Schmerzen waren seine Augen ständig abstoßend rot umrandet. Obwohl man ihn königlich herausputzte und obwohl ihm alle höfischen Ehren zuteil wurden, war der Knabe äußerst schmutzig. Er hatte eine bräunliche Hautfarbe und ein wenig ansehnliches Gesicht. Zudem war er recht klein geraten. Als ob die Natur nicht gewollt hatte, dass dieser liebe Junge sich über sie beklagte, war er auch noch stumm, und das wenige, was er zu äußern vermochte, entbehrte jeglichen Sinns. Er hatte niemals irgendeine Erziehung oder Bildung genossen, ja nie ein Wort über Erziehung und Zivilisation gehört. Zwanzig, dreißig der Jungen aus der Mittelschicht waren seine Spielgefährten, oder sagen wir besser, seine Diener. Den ganzen lieben langen Tag heckte er Teufeleien aus, rannte im Hof umher und belästigte die Damen und die Gäste. Niemand besaß die Autorität, ihn nach dem Warum zu fragen. Anstatt mit Blumengeschenken bedachte er die Damen im Sommer damit, dass er sie mit Sand und Steinen aus dem Hof bewarf und im Winter mit Schneebällen. Keine Schändlichkeit ließ er aus. Er hatte die Natur eines gemeinen Kerls, ja sogar die eines Mörders. Um ein Beispiel zu nennen: Eines Tages schoss er aus Zeitvertreib und nur zum Spaß mit dem Gewehr auf einen Eunuchen, namens Abdollâh Khân, und verletzte ihn am Bein. Noch heute trägt der Arme die Erinnerung an die Zeit seiner Kindheit mit sich herum und hinkt. Der Vater dieses Jungen war ein Hirte in Garus gewesen. So war es also um das Aussehen, den Charakter und die Herkunft jener Person bestellt, der ich von jetzt an in dieser Geschichte wiederholt begegnen werde.
Feste und Vergnügungen
Alljährlich, ab dem ersten Frühlingsmonat, pflegte seine Majestät, mein Vater, zu verreisen und war von da an den ganzen Sommer und Herbst über unterwegs. Er liebte die Jagd und das Reiten über alles. Zuerst begab er sich nach Sorkhe Hesâr, wo das »Fest der Köche« stattfand, eine der bei den Damen sehr beliebten Vergnügungen. Obgleich Sie gewiss mit den Einzelheiten vertraut sind, will ich sie Ihnen hier noch einmal schildern.
Auf einem der langen Wege im Garten wurde ein Zelt aufgeschlagen; Länge wie Breite des Zeltes maßen jeweils 20 Meter. An den beiden Längsseiten des Zeltes wurden Tabletts aufgestellt, auf denen alle Arten von Zutaten für das Essen bereitlagen. Sämtliche Würdenträger, Adligen und Minister wurden aufgefordert, sich zu setzen und das Gemüse zu putzen und vorzubereiten. War dies geschehen, füllte mein Vater alle Zutaten eigenhändig in den Topf. Danach wurde der Rest aufgefüllt und es ging ans Kochen. Während der ganzen Zeit, in der der Eintopf vor sich hin köchelte, traten Tänzer und Musiker auf; es wurden Spiele gespielt, und auch die Damen wohnten diesen Unterhaltungen bei. Später kamen dann die Köche und teilten das Essen aus. Eine der leckeren Speisen war etwas ganz Besonderes, und man konnte nie genug davon bekommen. Nach Beendigung des »Festes der Köche« zog der Hof weiter nach Saltanatâbâd oder Nijâvarân, und von da ging es dann stets weiter nach Poscht-e Kuh.
Ein weiteres Vergnügen meines Vaters war das Pferderennen. Jedes Jahr in der Nacht des Neujahrsfestes fand ein Pferderennen statt. Was zunächst nur der Unterhaltung gedient hatte, wurde letztendlich ein fester Bestandteil der königlichen Zeremonien und musste abgehalten werden, so wie auch die Ringerspiele. Bei diesen nahm seine königliche Majestät alljährlich auf dem Marmorthron unter dem Türgiebel Platz, und die Ringer veranstalten ihren Wettkampf direkt vor ihm. Diese Ringkämpfe sorgten für Abwechslung und waren als Unterhaltung sehr willkommen. Solcherlei Vergnügungen fanden tags wie nachts in unterschiedlicher Form auch für die Damen statt. Niemand vermag sich vorzustellen, wie friedlich und angenehm das Leben für die Menschen bei Hofe war. Sie kannten weder Unannehmlichkeiten noch Mühsal, keinerlei Schmerz und kein Ungemach. Hätte jemand sie gefragt: Was ist denn Mühsal? So hätten sie ihn gewiss voller Erstaunen und Verwunderung angeblickt und wären, anstatt eine Antwort zu geben, reglos verharrt und hätten gar nicht verstanden, was er meinte. Als dann aber ihr Glücksstern unterging und sie nach der Ermordung des Königs das Palastgelände verließen, verstarben alle binnen kurzer Zeit; nur ganz wenige, ja kaum einer von ihnen blieb übrig.
Kurz, als jener oben erwähnte Junge auftrat, war ich nicht zugegen. Was ich Ihnen berichte, sind die Geschichten, die mir meine liebe Leibdienerin in Mußestunden erzählt hat. Als ich älter geworden war und mir eine ungefähre Vorstellung von den Dingen machen konnte, war der Junge bereits herangewachsen und etwa 12 Jahre alt.
Die Damen des Hofes
In gewissem Maße ist es auch erforderlich, dass ich Ihnen die Charaktereigenschaften und Gewohnheiten der Damen schildere, und erst danach will ich mit meiner eigenen Geschichte beginnen.
Zumeist waren zwei, drei der Damen miteinander befreundet und enge Gefährtinnen. An den meisten Tagen empfingen sie Gäste und spielten Lâskane – ein Spiel, bei dem man bunte komische Pappmasken aufsetzte – und verbrachten die Zeit bis zum Abend unter Gesprächen und Lachen. Alle waren sie tief gläubig und hielten sich streng an die Fasten- und Gebetszeiten. Es bereitete ihnen Vergnügen, sich herauszuputzen und in der Kleidung miteinander zu wetteifern, sich selbst ganz besonders glanzvoll herzurichten, um die königliche Aufmerksamkeit zu erregen. Ihre Nachmittage waren ausschließlich ihrer Toilette und ihren bunten Kleidern gewidmet. Jede setzte sich als die Schönste in Szene, wenn sie sich zur Audienz seiner Majestät, des Königs, begab. Seine Majestät allerdings bevorzugte keine von ihnen. Nur eine war seine Herzensdame, und ihr schenkte er all seine Aufmerksamkeit. Es handelte sich um eine junge Frau von etwa 20 Jahren. Sie war hoch gewachsen, hatte schwarzes Haar und eine zarte, helle Haut. Ihre Augen waren über die Maßen schön und ihr Blick wirkte unter den langen, geschwungenen Wimpern wie abwesend. Sie war von liebenswertem Wesen und freundlich. Trotz aller Gunsterweisungen seiner Majestät, des Königs, blieb sie demütig, bescheiden, freundlich, natürlich und ungeziert. Ihr Vater war Gärtner, und eine zivilisierte Erziehung hatte sie nie genossen.
Es ist wichtig, dass wir diese Frau kennenlernen. Denn einige wollten ihr übel und waren neidisch auf sie, konnten aber nicht gegen sie intrigieren. Nach der Ermordung seiner Majestät, des Königs, unterstellten sie ihr deshalb vieles und beschmutzten damit ihr Ansehen. Ich aber weiß, dass sie keine Schuld auf sich geladen hatte. Denn selbst wenn sie meinen Vater nicht geliebt hätte, so wäre ihr doch an ihrer persönlichen Macht gelegen gewesen und sie hätte zu keiner Zeit in seine Ermordung und ihre eigene Erniedrigung eingewilligt.
Ach, könnte ich doch so kunstvoll schreiben wie Victor Hugo oder Monsieur Rousseau und diese Geschichte in eine flüssige und lesbare Form fassen. Doch leider ist mir das nicht gegeben und ich kann alles nur ganz schlicht und einfach zu Papier bringen.
So war es also bestellt um den Harem seiner Majestät, des Königs. Nun, da wir alle Personen gut kennen und über ihre Charaktereigenschaften Bescheid wissen, komme ich wieder auf meine eigene Geschichte zurück.
Schulbesuch
Im Alter von sieben Jahren ließ man mich auf Anordnung seiner Majestät, des Königs, zur Schule gehen, und es wurden ein Lehrer, ein Hauslehrer sowie ein Eunuch für mich bestellt. Hier sollen Sie nun meinen lieben Lehrer aus der Zeit meiner Kindheit kennenlernen. Er war ein etwa 30-jähriger Mann, mit buschigem Vollbart und zusammengewachsenen schwarzen Augenbrauen. Seine Heimat war Gilân, und seine Bildung war wohl gar nicht so schlecht. Als Sohn eines Richters hatte er angenommen, das Richteramt eines Tages zu erben. Doch nachdem sein Vater gestorben war, hatte sein Onkel väterlicherseits das Richteramt übernommen, und er selbst fand im Haus des Premierministers Aufnahme. Der aber wollte diesen armen Menschen, der nur sein Auskommen suchte, loswerden und bestimmte ihn deshalb als Lehrer für mich.
Mein lieber Hauslehrer entstammte der Familie meiner Mutter, er war der Onkel mütterlicherseits meiner Großmutter. Und dieser Onkel trug den Titel eines Khân, eines Stammesfürsten. An den Tagen, an denen der Herrscher zur Audienz rief, trug er seinen mit Gold verzierten militärischen Schmuckhelm unter dem Arm und trat so vor seine Majestät, den König. Nach einem solchen Empfang begab er sich wieder nach Hause und tat nichts. Das Alter meines lieben Hauslehrers belief sich auf etwa 40 bis 50 Jahre. Er war würdevoll, Ehrfurcht gebietend, sehr gewissenhaft und rechtschaffen, und er trug einen sehr langen Bart.
Als man mich zur Schule brachte, steckte man mich zwar in ein prächtiges Kleid und feierte diesen Anlass ganz großartig, aber ich war dennoch betrübt und niedergeschlagen. Denn von nun an durfte ich nicht mehr so frei spielen und war von all den schönen Spielsachen und meinen hübschen Puppen getrennt. Die meisten Tage war ich wütend auf meinen Lehrer und meinen Hauslehrer, und es gab nichts, was mich zum Lernen bringen konnte. Da es nicht anders ging, züchtigten sie statt meiner immer meine Spielgefährtinnen und schlugen sie. Auf mich hatte dies jedoch keinerlei Wirkung. Ich war äußerst starrköpfig und eigensinnig und gehorchte niemandem. Ich tat, was ich wollte, und schenkte den Einschüchterungs- und Erziehungsversuchen der Älteren keine Beachtung. Ich sah mich selbst als ein völlig vernünftiges Wesen und als Herrin über die Diener an. Hatte ich doch bisher nie etwas anderes gesehen als Verbeugungen, Ehrbezeugungen und Unterwürfigkeit. Stets hatte ich alles bekommen, was ich wollte. Daher ertrug ich keine Strenge und war sehr schnell beleidigt.
Deshalb gab mein Lehrer bald alle Versuche auf, mir etwas beizubringen, und verlegte sich aufs Geschichtenerzählen. Den lieben langen Tag über erzählte er mir Geschichten und gab mir nur sehr selten Unterricht. Trotzdem ließ ich keine Gemeinheit ihm gegenüber aus und wünschte mir immer, er möge krank werden oder sterben, damit ich einige Tage wieder die Freiheit hätte, Unsinn auszuhecken. Nun war aber dieser Lehrer noch jung und strotzte vor Gesundheit, so dass er sich nie unwohl fühlte. Bis ich an einem Freitag zu den Sklavenjungen, meinen Spielgefährten, sagte: »Wenn ihr es schafft, dass mein Lehrer für einige Tage krank wird und das Bett hüten muss, dann schenke ich euch eines meiner schönsten Spielzeuge.« Sie waren auch sofort bereit, sich etwas auszudenken, um ihn zu quälen. Der Zufall wollte es, dass am Samstag, als wir in die Schule gingen, einer der Sklavenjungen, er hieß Abbâs Khân, eine größere Menge Schießpulver dabei hatte. Das schob er dem Lehrer unter den Sitz und legte eine Zündschnur bis zur Zimmertür. Als wir uns zum Mittagstisch verabschieden wollten, zündete er die Lunte an. Unser armer Lehrer setzte sich vollkommen ahnungslos wieder auf sein Sitzkissen, als unversehens das Schießpulver in die Luft flog und ihn mitsamt den Kleidern von der Hüfte an abwärts versengte.
An diesem Nachmittag hatten wir dann frei, und für ungefähr eine Woche fiel der Unterricht aus. Später fand man aber heraus, dass meine Spielgefährten allein auf mein Anstiften hin gehandelt hatten. Ich erhielt vier Stockstreiche auf die Hand, und diese Schläge bewirkten, dass ich mir keine Unverschämtheiten mehr gegenüber meinem Lehrer erlaubte. Da ich bis dahin noch nie Prügel bezogen hatte, fühlte ich mich etwa eine Woche lang unwohl und musste das Bett hüten.
An den freien Tagen spielte ich lustlos vor mich hin und gab mir keinerlei Mühe mehr, das zu lernen, was der Lehrer sagte. Auf diese Weise verging ein Jahr, ohne dass ich das Geringste lernte. Wenn ich es recht bedenke, wusste mein Lehrer auch nicht mehr als das, was er mich lehrte. Sein Ziel war es, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ach, leider hatte ich Arme keinen guten, verständigen Lehrer, und so habe ich die Gelegenheit versäumt, in meinem Leben voranzukommen. Heute weiß ich sehr wohl, dass ein Mensch, der keine Bildung genossen hat, noch nicht einmal so viel wert ist wie die unbelebte Materie.
Das Dasein gebietet dem Menschen dass er nach Wissen strebt.
Denn selbst Unbelebtes hat in seiner Form ein klein’ Teil Leben.
Voranschreiten heißt, sich der Wahrheit und damit dem Glück zu nähern. So wie der Mensch nicht die Fähigkeit besitzt, alle Wahrheiten zu erfassen, so fällt es ihm auch recht schwer, das absolute Glück zu erlangen, und deshalb leugnet er sogar oft, dass es überhaupt existiert. Doch trotz alledem ist der Mensch imstande, die Wahrheit bis zu einem gewissen Grad zu begreifen und das Glück zu erlangen. Es entspricht dem Gesetz der Schöpfung, dass wir den Sinn so vieler Dinge nicht verstehen. Das ist ganz natürlich, doch wir versäumen es auch, uns ausreichend um Verständnis zu bemühen. Das, was wir verstehen könnten, verstehen wir demzufolge ebenfalls nicht. Auf diese Weise verzichten wir freiwillig auf die Ruhe und das Glück, die wir eigentlich erlangen könnten. Warum? Weil wir nicht über das verfügen, was uns zu diesem Glück führen könnte, über das Wissen.
Trotz seines schwachen Körpers besiegt der Mensch mit seinen bloßen Händen nicht nur mächtige, mit Zähnen bewaffnete Tiere, sondern triumphiert auch über die Natur, indem er trockenes Land in Seen und Seen in trockenes Land verwandelt. Er trotzt den wogenden Wellen des Meeres und überwindet das hohe Gebirge, auch wenn er dazu furchterregende Tunnel durchschreiten muss. Dank der mächtigen Kraft der Elektrizität und des Dampfes durchmisst er die unendlichen Weiten der Erde. Er weiß, woraus die Erdoberfläche besteht, und kennt Größe und Bewegungen der Sterne des Firmaments. Er versteht die wunderbaren Geheimnisse der Schöpfung und stellt all die Dinge her, die für sein Wohl notwendig sind. Woher nimmt er diese außergewöhnliche Kraft, die ihn zur Glückseligkeit führt und die der Garant dafür ist, dass er zu Höherem berufen ist? Ohne jeden Zweifel nimmt er sie aus seinem Wissen. Macht, Reichtum, erhabene Gedanken, lobenswerte Eigenschaften, Fortschritte jeder Art – all das ist das Ergebnis von Wissen. Wir können also die Hypothese aufstellen, dass der Fortschritt eine unmittelbare Folge des Wissens ist.
Aber leider, tausendmal leider, blieb in der Geschichte den Frauen das Tor zum Wissen in jeder Hinsicht verschlossen, und zu keiner Zeit gab es für sie Wegbereiter oder Lehrer. Deshalb fiel auch meine Erziehung nur sehr dürftig aus – letztendlich wurde mir überhaupt keine Erziehung zuteil. Und diesen Mangel habe ich auch später ständig gespürt. Als Bismarck aus Paris zurückkehrte, berichtete er stolz, wie viele klare Siege er doch errungen habe. In einer der Sitzungen sagte er zu den Versammelten: »Wir haben Frankreich mit Hilfe unserer Lehrer bezwungen.«
Und über die Bildung äußerte er sich folgendermaßen: »Lehrer haben nachweislich einen großen Einfluss auf die Erziehung der Kinder und die Ausformung ihrer von Natur aus angelegten Charaktereigenschaften.« Bismarck vergaß dabei aber eine geistige Kraft. Denn den Einfluss der Mutter erwähnte er nicht. Das Kind zieht nur dann Nutzen aus seinem Lehrer, wenn auch die Erziehung in der Familie gut war. Was kann der Lehrer ausrichten, wenn ihm ein Kind anvertraut wird, das bereits sittlich verdorben ist und üble Gewohnheiten angenommen hat, sich ungebührlich aufführt und dieses Verhalten bereits verinnerlicht hat?
Deshalb habe ich meinem Lehrer im Grunde zu Unrecht Vorwürfe gemacht. Nehmen wir einmal an, anstelle meines Lehrers aus Gilân hätte man Platon und Aristoteles für mich geholt. Was hätten die beiden wohl ausrichten können, angesichts meiner schlechten Charaktereigenschaften, angesichts meiner Halsstarrigkeit und Gleichgültigkeit? Einmal angenommen, mein Lehrer hätte versucht, mich mit Unnachgiebigkeit, Härte und Furcht gefügig zu machen, dann wäre meine liebe Amme nicht sehr erbaut gewesen und hätte es ihm schlichtweg verboten.
Ein Jahr lang, bis zu meinem achten Geburtstag, besuchte ich so den Unterricht. Häufig hörte ich nun, wie meine liebe Amme, meine Tante väterlicherseits und meine Leibdienerin über meine Hochzeit redeten und wie sehr sie wünschten, man würde mir recht bald einen Ehemann geben. Denn dann bekämen sie schöne Kleider und Süßigkeiten. Mir gefiel dieser Gedanke auch sehr. Dann genösse ich nämlich wieder vollkommene Freiheit und besäße mein eigenes Haus. Es wurden nun nicht mehr so häufig Geschichten erzählt, stattdessen war oft die Rede von meiner Heirat und davon, wie mein zukünftiges Leben geregelt sein würde. Ich hörte dann immer ganz aufmerksam zu und speicherte alles gut in meinem Gedächtnis. Unter anderem beispielsweise dies: In gewisser Weise machten sie meinen zukünftigen Ehemann in meinen Augen schlecht, und mich stellten sie ihm gegenüber auf eine höhere Stufe, so dass ich in meiner Vorstellung oft bereits Gedanken darüber anstellte, wie ich den Armen quälen, mit ihm Schindluder treiben und ihn herumkommandieren würde. Für mich war das eine Art Spiel und Zeitvertreib – bis dann leider etwas über mich hereinbrach, vor dem ich mich immer gefürchtet hatte. Im Jahr zuvor hatte meine Mutter einen Sohn geboren.8 Der Junge war sehr zart und hübsch, hatte schwarzes, lockiges Haar, und meine Mutter liebte ihn über alle Maßen. Da ich mich meiner Mutter gegenüber stets sehr ungebührlich verhalten und meine Liebe vor allem meiner lieben Leibdienerin entgegengebracht hatte, wandte sich Erstere natürlich von mir ab. Außerdem zog sie den Jungen mir vor, denn mit ihm verband sie natürlich große Erwartungen und hochfliegende Hoffnungen und Wünsche. Das tat sie allerdings nicht offen, es geschah unterschwellig. Aber ich war viel zu verständig und schlau, als dass mir dies auf Dauer verborgen geblieben wäre. Diese Bevorzugung meines Bruders bewirkte, dass ich meine Mutter noch mehr mied und deswegen traurig wurde. Manchmal war ich so niedergedrückt, dass ich mich für den unglücklichsten Menschen auf der Welt hielt. In eben dieser Zeit entdeckte ich in mir eine außergewöhnliche Herzenskälte, und es begann für mich eine Zeit der seelischen Verwirrung. Meine Verfassung war schuld daran, dass ich mich auch von meiner lieben Leibdienerin und von meiner Tante abwandte und beständig geistesabwesend und betrübt war.
Ich kannte die Eifersucht nicht und verstand nicht, was sie bedeutete; das Wort war mir völlig fremd. Wenn ich sah, wie meine Mutter meinen Bruder küsste und herzte, flatterte mein Herz und kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Deshalb hatte ich mir geschworen, dass ich niemals jemanden lieben, sondern mit meinen Mitmenschen übel umspringen würde. Es ist in der Tat bis heute so, dass ich dieser Überzeugung treu geblieben bin und die meiste Zeit über meinen Freunden unwillentlich Verdruss bereite und ihnen Leid zufüge. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, gab es dafür keinen besonderen Grund, und Feindschaft war auch nicht im Spiel. Es waren allein dieser Eigensinn und die Starrköpfigkeit, die mir seit der Kindheit im Herzen saßen. Es ist eben so, dass man sich all seine Eigenschaften während der Kindheit aneignen muss: all die Dinge nämlich, die für den zivilisierten Menschen unerlässlich sind.
Heiratspolitik
Damals hielten zahlreiche Freier um meine Hand an. Mein Vater war jedoch mit keinem zufrieden und meinte stets: »Der ist ja noch ein Knabe und taugt nicht zum Ehemann!« Meine Mutter zeigte ihre Entrüstung darüber deutlich, aber er hatte in der Frage noch nicht klar Stellung bezogen. Bis zu jenem Morgen, an dem ich zur Audienz bei meinem Vater erschienen war. Es waren auch sehr viele Damen anwesend. Eunuchen trugen mehrere Tabletts auf ihren Köpfen herein und nahmen die darübergelegten Abdecktücher fort; darunter lagen lauter teure Spielsachen und ausgesuchte, wertvolle Juwelen. Alle wunderten sich. Für wen waren sie wohl bestimmt und was wurde damit bezweckt? Nach einer Stunde des Schweigens geruhte mein Vater zu sagen: »Aziz9, das alles gehört dir. Du wirst dies jetzt einem dieser Mädchen geben. Mach schon!« Zuvor hatte man ihm eingetrichtert, dass er mich erwählen sollte. Doch eine meiner Milchschwestern, die ungefähr zwei Jahre älter war als ich, hatte aus eigenem Antrieb den Wunsch geäußert, Aziz zu heiraten, und ihre Mutter hatte zuvor die verantwortliche Leibdienerin des Jungen unter Versprechen und Drohungen auf ihre Seite gezogen, so dass diese eingewilligt und versprochen hatte, dass Aziz ihre Tochter zur Braut wählen würde. Der Junge war ebenfalls einverstanden.
Kaum hatte mein verehrter Vater dies gesagt, ergriff der Junge einen Ring, reichte ihn meiner Schwester und sagte: »Euer D-d-diener! D-d-dies M-m-mädchen soll meine V-v-v-verlobte sein!« Mein Vater nahm den Jungen in seine Arme und entgegnete: »Mein Aziz! Deine Verlobte ist dieses Mädchen dort. Das ist mein Wunsch! Sie sollst du nehmen!« Weiterhin stotternd erwiderte der Junge: »S-s-s-sehr wohl!«
Meine Mutter, die ebenfalls zugegen war, schrie auf und sagte: »Ach du liebe Güte, eher werde ich meine Tochter vergiften und sie umbringen. Mit ihm als Schwiegersohn bin ich auf gar keinen Fall einverstanden! Ist es denn nicht eine Schande, meine schöne, geliebte Tochter diesem Jungen geben zu wollen, wo doch jeder weiß, wer sein Vater und seine Mutter sind, und dessen ganze Erscheinung derart abstoßend ist?«
Es ist klar, wie diese rüden Worte über Aziz auf meinen Vater wirkten. Mit Donnerstimme polterte er los und brüllte: »Was hast du da gesagt? Du willst den Tod? Liegt es etwa in deiner Hand, über meine Tochter zu bestimmen?«
Es kam daraufhin zu einem allgemeinen Durcheinander, und nur mit Mühe entzog man meine Mutter seinem Blick. Ich stand wie erstarrt an meinem Platz. Aber ich muss Ihnen sagen, dass ich mir sehr wünschte, meine Mutter hätte Aziz nicht abgelehnt und mich ihm wirklich zur Braut gegeben. Nicht dass ich eine Vorstellung davon gehabt hätte, wozu ein Ehemann überhaupt gut sein sollte, oder dass ich verstanden hätte, was Liebe ist. Aber ich begriff, dass ich das Haus meiner Mutter verlassen würde und ihre Zärtlichkeiten gegenüber meinem Bruder nicht mehr mit ansehen müsste, wenn ich heiratete. Abgesehen davon lagen da einige wunderschöne Puppen auf dem Tablett, und die wollte ich um keinen Preis aufgeben. Ich wünschte mir über alles in der Welt, man möge diese Spielsachen unverzüglich mir geben, damit ich in mein Spielzimmer rennen und sie in ihre Einzelteile zerlegen könne.
Der Widerstand meiner Mutter ermutigte den Jungen indes, und er sagte: »I-i-i-ich will die andere F-f-f-frau! Ich will nicht d-d-d-diese d-d-d-da!«
Alle meinten daraufhin: »Glückwunsch!« Die Verbindung war damit mehr oder weniger beschlossene Sache, und die Eunuchen trugen sowohl die Puppen als auch die Juwelen in das Zimmer meiner Schwester, während ich aufgelöst und hängenden Kopfes nach Hause trottete. Kaum war ich angekommen, rief mich meine Mutter schon zu sich und fragte: »Warum kommst du her? Wozu bist du zurückgekommen? Geh bloß zu deinem Vater! Oder bleib bei mir, in meinen Gemächern, wenn du willst. Dann aber gehst du nie mehr zu deinem Vater!«
Schluchzend lief ich zurück in mein Zimmer, warf mich auf mein Bett und fing an bitterlich zu weinen, bis mich schließlich der Schlaf übermannte. Im Traum sah ich eine weite Ebene, auf der alle möglichen Leute umherspazierten und sich vergnügten. Auch ich spazierte da herum, mit Juwelen behangen und in prächtige Kleider gehüllt. Plötzlich fielen die Menschen einer nach dem anderen über mich her, entrissen mir sämtlichen Schmuck und alle Juwelen, ein Stück nach dem anderen, und ließen mich schließlich splitterfasernackt zurück. Ich stand da wie eine arme Taube, die ein Falke in seinen Fängen hält. Genauso ausgeliefert fühlte ich mich diesen Menschen, ich war ihre Gefangene, und sie rissen mir eine Feder nach der anderen aus.
Von Entsetzen gepackt fuhr ich aus dem Schlaf hoch und fing wieder an zu jammern. Meine liebe Leibdienerin stürzte ins Zimmer und sah, dass ich weinte. Voller Mitgefühl zog sie mich in ihre Arme, küsste mich und fragte, warum ich denn so weine. Ich schilderte ihr den Vorfall mit meiner Mutter und ihren Zornausbruch. Sie seufzte und meinte: »Um glücklich und zufrieden zu sein, reicht es nun einmal nicht, eine hohe Position oder den Rang eines Königs zu bekleiden oder hübsch zu sein und gut auszusehen. Damit es einem gut ergeht, bedarf es vieler Dinge, die ich dir beibringen werde, sofern ich lange genug am Leben bleibe.« Unter tausend Mühen tröstete sie mich und brachte mich zum Spielen, so dass ich darüber diesen Vorfall gänzlich vergaß. Die Bedeutung dieses Traums und den Sinn der Worte meiner geliebten Leibdienerin verstand ich erst einige Jahre später. Ich werde Ihnen an geeigneter Stelle davon berichten.
In eben jenen Tagen ließ der oberste Schlüsselbewahrer von Khorâsân seinen Heiratswunsch übermitteln, und das Los fiel auf mich armes Wesen. Beide, mein Vater wie auch meine Mutter, waren halbwegs zufrieden. So sollte ich denn also verheiratet und nach Khorâsân geschickt werden. Als ich das begriffen hatte, begann ich zu weinen und zu jammern. Ich wollte nicht von meinen Verwandten, nicht von Vater und Mutter getrennt werden und bat sie, mich diesem Mann nicht zu geben. Sie akzeptierten meine Bitte und lehnten ihn als Ehemann ab.
Daraufhin übermittelte eine der Frauen meines verehrten Vaters, eine Prinzessin und verwandtschaftlich mit der königlichen Familie verbunden, den Heiratswunsch ihres Neffen. Da der aber zu jener Zeit über kein nennenswertes Vermögen verfügte und auch nicht den Anschein erweckte, zu Großem berufen zu sein, war meine Mutter nicht einverstanden und lehnte ab.
So tauchte jeden Morgen aufs Neue ein Ehemann für mich auf, und nachmittags war er wieder verschwunden. Bis ich eines Tages eine Einladung von Anis od-Doule erhielt, einer der ehrenwerten Frauen meines Vaters, die mich zu sich bitten ließ.
Anis od-Doule
An dieser Stelle muss ich Ihnen etwas zu dieser hoch verehrten Dame sagen. Anis od-Doule war von bäuerlicher Herkunft und stammte aus dem Bezirk von Emâme. Als mein Vater diese Gegend eines Tages bereiste, war er der jungen Frau in der Steppe begegnet und hatte sie ein wenig ausgefragt. Die junge Frau hatte so anmutig und herzlich geantwortet, dass mein Vater ihr sogleich zugeneigt war. Er führte sie in seinen Harem und vertraute sie eben jener Dscheirân an, die ich bereits erwähnt habe. Nach Dscheirâns Tod übertrug er deren Haus und Möbel dem Mädchen, und Anis od-Doule war von da an respektiert und angesehen. Sie war so intelligent und gesittet, dass sie, obgleich sie nicht mit einem schönen Aussehen gesegnet war, wegen ihrer guten Wesensart zur ersten Frau aufstieg und hohes Ansehen genoss. Zu der Zeit, von der ich berichte, war sie etwa 30 Jahre alt. Sie war mittelgroß und von einfacher Art, ruhig und würdevoll. Ihre Hautfarbe war dunkel; sie hatte ein durchschnittliches Gesicht, und eigentlich war sie eher hässlich, doch sie besaß Einfluss. Die Frauen der ausländischen Gesandten wurden alle in ihrem Haus empfangen und stellten sich zu den diversen Festen und offiziellen Anlässen bei ihr ein. Diese so hoch angesehene Dame hatte keine eigenen Kinder, deshalb behandelte sie mich wie ihr Kind und hegte eine besondere Zuneigung für mich. In ihren Räumlichkeiten verkehrten außerdem alle respektablen und adligen Familien sowie die Frauen der Wesire und Fürsten. Petitionen, die sie weiterleitete, wurden oft bei der Audienz dem König unterbreitet und von diesem genehmigt.
Diese Frau, meine Mutter im Geiste, hatte für mich einen Verlobten aus einer Sippe von Aristokraten und Edlen ausgewählt, und an diesem Tag hatte sie mich rufen lassen, um mich ihm in ihrem Haus vorzustellen. Sobald ich eingetroffen war und die förmlichen Höflichkeiten ausgetauscht waren, sollte ich mich wie gewöhnlich zu ihr setzen. Sie küsste mich, redete zuerst über dies und jenes und fragte mich dann, was ich denn am liebsten spielte. Ich antwortete ihr in klaren, wohlgesetzten Worten und gab mir Mühe, möglichst klug zu erscheinen. Bisweilen unterstrich ich meine Äußerungen auch mit kindlichen Gesten. Mir fiel eine korpulente und sehr würdevolle Frau auf, die bei uns saß und sehr aufmerksam meinen geschliffenen Worten zuhörte und dabei lachte. Nach und nach wurde ich auch mit ihr vertraut, und wir begannen uns miteinander zu unterhalten. Inzwischen hatte ein hellhäutiger, dicker Knabe von etwa acht Jahren das Zimmer betreten. Er trug Mütze und Uniform und war recht lieb. Er steuerte direkt auf jene Frau zu und ließ sich zwischen ihren Knien nieder. Als ich den Jungen bemerkte, spürte ich, wie Entsetzen in mir aufstieg. Unwillkürlich erhob ich mich. Wie sehr man auch darauf insistierte, ich solle doch bleiben, es half alles nichts. Zutiefst erschrocken und verstört verließ ich den Raum. Meine Freude und Heiterkeit waren völlig dahin, und ich war missmutig und niedergeschlagen. Zu Hause lief ich gleich zu meiner Mutter. Wie sehr sie auch mit Fragen in mich drang, statt zu antworten, seufzte ich nur. Zu guter Letzt ließ sie mich in Ruhe und fragte meine liebe Leibdienerin nach den Einzelheiten. Diese erwiderte: »Wie es scheint, will diese Dame ihren Sohn verheiraten und hat deshalb bei Anis od-Doule angefragt. Unter den edlen Mädchen hat sie offensichtlich ein ganz gewisses ausgewählt.«
Mein lieber Lehrer! In dieser Stunde, da etwa 22 Jahre seit jenem Tag vergangen sind und ich erneut an dieses Geschehen zurückdenke, vermag ich ein nervöses Schaudern nicht zu unterdrücken. Ich sehe mich gezwungen, die Feder für eine Weile beiseitezulegen, weil ich immer wieder seufzen muss. Gibt es denn wohl ein größeres Unglück, als im Alter von acht Jahren, ein Kind noch, einen Ehemann zu bekommen? Einen Gatten, für den sich weder Herz noch Verstand entschieden haben, sondern der vielmehr von Mutter und Großmutter aufgrund von altmodischen, sinnentleerten Vorstellungen ausgewählt wurde? Von da an, so scheint es, waren Unglück und Verzweiflung meine ständigen Begleiter im Leben. Und alles hatte mit jenem unheilvollen Tag begonnen! Ich sage Ihnen nun etwas, was ich bereits wiederholt angesprochen habe: Mein ganzes Leben lang habe ich an die Vorahnungen meines Herzens geglaubt; ich habe stets im Voraus gewusst, was mit mir geschehen würde. An jenem Tag erfasste mich eine so außergewöhnliche Traurigkeit und ein so tiefer Kummer, dass sie mich bis zum heutigen Tag nicht verlassen haben. Mein ganzes Leben lang bin ich traurig und bedrückt gewesen. Ich fühlte stets, dass diese Ehe ein großes Unglück für mich bedeutete. Immer wieder musste ich an jene Frau und jenen Knaben denken. Ich bekam davon Kopfschmerzen, meine Nerven waren zum Zerreißen angespannt und auf meinem Herzen lastete ein so schwerer Druck, dass ich unweigerlich in Tränen ausbrach.
Zwei, drei Tage vergingen, und ich war niedergedrückt und traurig. Weder durch die Zärtlichkeiten meiner Mutter noch durch die Liebkosungen meiner lieben Leibdienerin, auch nicht durch Spaziergänge, Zerstreuungen oder Spiele, durch absolut nichts ließ sich diese Traurigkeit vertreiben, und nicht einen einzigen Augenblick war mir zu einem Lächeln zumute. Schließlich ertrug mein zartes Gemüt es nicht länger. Ich wurde krank und musste das Bett hüten; ich hatte – wie die Frauen es nennen – die Windpocken,10 und rote Flecken zierten mein hübsches, anmutiges Gesicht.
Während ich krank war und mit heftigem Fieber daniederlag, besprach meine Mutter die Details meiner Heirat. Da es Anis od-Doule gewesen war, die für die Mutter des künftigen Schwiegersohns um meine Hand gebeten hatte, gab auch mein Vater sein Einverständnis. Zwar wollte er es eigentlich nicht, willigte aber doch in diese Verbindung ein. Der Ehekontrakt sah vor, dass die Verlobung schnellstens gefeiert werden, die Hochzeit jedoch erst stattfinden sollte, wenn ich 20 Jahre alt war. Beide Seiten waren mit dieser Vereinbarung zufrieden und wurden sich wegen meiner Verlobung schnell einig. Man machte sich an die Vorbereitungen.
Allmählich erholte ich mich, und es ging mir wieder besser. Bei meiner Rückkehr redeten meine Spielgefährten nun fast ausschließlich über die Hochzeit. Früher hatte ich ihnen stets gut gelaunt und froh gelauscht, doch jetzt hörte ich ihnen mit hängendem Kopf zu, und meine einzige Antwort waren tiefe Seufzer. »Was ist denn geschehen, dass ich so traurig bin? Was ist bloß los mit mir, dass ich nicht mehr spielen, herumtollen und mich vergnügen will?« Wie oft ich mir diese Frage auch stellte, ich kam zu keinem Ergebnis. Von Tag zu Tag magerte ich mehr ab, tief und glanzlos lagen meine Augen in ihren Höhlen.
Verlobung
In jenen Tagen machte man sich daran, alles für die Verlobungsfeier herzurichten – und dann war es so weit. Der Tag, vor dem ich mich so unendlich fürchtete, war da. Meine ganze Familie genoss das Fest, war fröhlich und glücklich – Gesang, Frohsinn, Besucher, Musik und Trubel sind natürlich auch für ein achtjähriges Kind etwas ganz Besonderes und Schönes, doch ich war wie erstarrt und schwankte wie betrunken umher, mal hierhin, mal dorthin. Diejenigen, die sich nicht in mich hineinversetzen konnten, sahen den Grund für meine Verfassung in meiner Schamhaftigkeit und Schüchternheit und überließen mich, ohne weiter darüber nachzudenken, meinem Zustand. Der wahre Grund für diese Schwermut war niemandem, ja nicht einmal mir bewusst. Anis od-Doule hatte sämtliche Würdenträger, Aristokraten und edlen Prinzessinnen eingeladen. Es herrschte ein Riesentrubel. In dem großen, weiten Saal drängten sich Menschen der verschiedensten Ränge, ein Meer an Farben und Mustern wogte auf und ab, und der Glanz der Juwelen blendete einen schier.
Man führte mich in eine stille Ecke des Hofes, um mich zurechtzumachen. Eine der Frauen meines Vaters verstand sich ganz besonders gut darauf, die Braut zu schmücken. Sie hieß Delbar Khânum, »die berückende Dame« – ein bezeichnender Name! Jede Braut, die sie herausputzte, wurde von seiner Majestät, dem König, mit einem wertvollen Schmuckstück bedacht und geehrt. Ich erinnere mich noch gut, dass mir diese mühselige Prozedur des Schmückens entsetzlich lästig war und ich meinte, unter der Last der Preziosen fast zusammenzubrechen. Und aufs Neue verfluche und verwünsche ich diesen unheilschwangeren Tag. Alle kleinen Mädchen meines Alters waren in diesem Hof versammelt, eine kleine Gruppe ausgesuchter Musikanten und Tänzer spielte dort auf. Von allen Seiten erklang Musik, dann ertönte ein sonderbarer Lärm und es entstand plötzlich ein großes Gedränge. An die 1000 Tabletts, beladen mit allen Arten von Süßigkeiten und Früchten, auch einige Goldteller voller bunter Juwelen waren für die Verlobung vorbereitet worden. Unter den Klängen der Musik hatte sich eine illustre Schar von Edlen, Amtsinhabern und Aristokraten versammelt. Sie schritten einmal um den Hof herum, bevor man sie in mein Haus führte. Die geladenen Gäste müssen sich bei einem solchen Anlass ganz besonders ruhig und gemessen bewegen, um all die von den Gästen mitgebrachten Geschenke sorgfältig in Augenschein nehmen zu können. So sehen sie, welche Gaben für die Braut gebracht wurden, und ermessen daran deren Wert.
Ich Ärmste wurde wie eine Gefangene und Sklavin zusammen mit den zur Schau gestellten Preziosen und dem Schmuck verkauft. Meinen künftigen Ehemann hatte ich noch nicht richtig zu Gesicht bekommen, geschweige denn, mich an ihn gewöhnt. Diesen Jungen, der mir ein lebenslanger Vertrauter und Gefährte werden sollte, hatte ich allenfalls scheinbar akzeptiert. Ich hatte mir in meiner Fantasie immer nur einen Ehemann gewünscht, wusste allerdings nichts davon, welche umfassenden Rechte ein Ehemann genießt; davon hatte ich nicht die geringste Ahnung. So wurde ich also zusammen mit tausend Tabletts voller Süßigkeiten und Früchten sowie fünf, sechs Tellern voller Gold, Silber, Juwelen und Perlen und einigen Packen versiegelter und gebündelter Banknoten verheiratet. Kein Grund zur Klage also! Für einen Menschen ist es ein großes Unglück, wenn er gezwungen ist, nach dem Wunsch der Eltern eine Frau oder einen Mann zu nehmen, obwohl dies doch der Vernunft und auch dem Gesetz widerspricht und wirklich absurd ist. In dieser Hinsicht haben die Europäer recht, und davon abgesehen wissen sie viel mehr als wir und sind viel fortschrittlicher. Ich bedauere es, dass wir so unwissend sind, dass wir nicht einmal zwischen gut und schlecht zu unterscheiden vermögen. Wenn wir schon nicht selber so klug sind, dann sollten wir zumindest von anderen lernen. Denn der Mensch muss beständig um seine Zukunft ringen. Was vergangen ist, ist für ihn verloren, und in der Gegenwart sieht er sich stets mit dem Tod konfrontiert, sein Leben kann jeden Augenblick zu Ende sein. Wer sich für fehler- und makellos hält und nicht davon ablassen kann, unpassenden Umgang zu pflegen, wird nur Schaden nehmen. Deshalb sollten wir uns stets einen guten Menschen zum dauerhaften Gefährten wählen. Wir sollten uns aber erst für ihn entscheiden, wenn wir ihn von Grund auf kennen, um zu vermeiden, dass wir uns unglücklich machen und zum Opfer von Lust und Begierde werden.
Kurz, die Tabletts wurden akribisch registriert und die Juwelen zur Verwahrung wieder fortgetragen. Nach dem Mittagessen, das unter großem Trara und Brimborium eingenommen wurde, führte man mich zu der eigentlichen Festgruppe. Ich erinnere mich noch gut an das rosafarbene Brokatkleid, das mit Litzen und anderem Zierrat geschmückt und behängt war. Es ähnelte stark den Kleidern, die jene Mädchen trugen, die im Theater tanzten: ein knappes Leibchen, das mit Hilfe einer besonderen Vorrichtung wie ein Regenschirm aufgespannt wurde und daher weit abstand. Daran war ein hauchdünner Gazeschleier geknüpft, der über und über mit Silberapplikationen versehen war. Um meinen Kopf war nach Art der Zeit im Qâdschârenstil ein Baumwolltuch geschlungen, ähnlich einer Mütze; daran waren zu beiden Seiten zwei künstliche Ohren angebracht, an die Juwelen geheftet waren und von denen gelb glänzende Münzen herabhingen. Die ganze Aufmachung war also ziemlich lächerlich. Als man mir einen Spiegel reichte, damit ich mich betrachten konnte, schreckte ich vor mir selbst zurück. Mein natürlich schönes Gesicht hatte man mit viel roter und weißer Schminke übertüncht, so dass es alle Ähnlichkeit mit mir verloren hatte. So hatte man beispielsweise meine Augenbrauen mit viel Aufwand mittels einer Pinzette so stark ausgezupft, dass nur noch scharf gezogene Bögen übrig geblieben waren; mit der speziellen Augenbrauenschminke hatte man diese dann nachgezogen und überdeutlich hervorgehoben. Man hatte so viel an weißer Schminke auf mein Gesicht geschmiert, dass seine natürlichen Konturen völlig unkenntlich geworden waren. Überdies war eine dicke Schicht roter Farbe auf meine Lippen aufgetragen worden. Mit diesem lächerlichen Gesicht musste ich, von zwei Personen am Arm geführt, mit geschlossenen Augen und deshalb künstlich blind an tausend Feuerbecken vorbeischreiten, die längs des Weges aufgestellt waren und deren Rauch den Wohlgeruch von wilder Raute und anderen Essenzen verströmte. Die Braut gilt nämlich als schamlos und unzivilisiert, wenn sie die Augen offen hält, so will es der Brauch.
Schließlich führte man mich so zu meinem Vater. Nachdem ich seine Füße geküsst hatte, erwies er mir seine Gunst und liebkoste und lobte mich. Danach brachte man mich zu der Festgesellschaft, wo unter Jubelrufen Gold- und Silberstücke über meinen Kopf ausgeschüttet wurden. Dann hieß man mich auf einem goldenen Stuhl Platz zu nehmen. Es wirkte einfach lächerlich, wie meine Füße einen halben Meter über dem Boden baumelten. Zudem war ich so klein, dass man mich unter den Achseln packen musste, um mich auf den Stuhl zu hieven. Nach all diesem Wirrwarr, mit dem mein Unglück eingeläutet wurde, neigte sich der Tag endlich seinem Ende zu, und ich war wieder frei.
An diesem Tag ereignete sich noch etwas Seltsames, das mir sehr viel Verdruss bereitete. Aziz os-Soltân, mit dem ich eigentlich hätte verlobt werden sollen, war plötzlich voller Neid, bereute nun seine Wahl und sorgte für Unruhe und Durcheinander. Zuerst forderte er von meinem Vater, er solle die Bräute austauschen. Der Wunsch wurde ihm allerdings nicht gewährt. In seiner Enttäuschung versetzte er die ganze Versammlung in Aufruhr. Jeden, der an ihm vorüberkam, bewarf er mit Schneebällen und Eisstücken, auch die ehrenwerten Gäste, die gerade eintrafen, woraufhin alle anfingen zu schreien und großen Lärm zu veranstalten. Der Junge war plötzlich davon überzeugt, dass er mich liebte. Es mag sehr seltsam anmuten, aber trotz seines hässlichen Äußeren zeigte seine Zuneigung allmählich Wirkung auf mich. Schließlich kam es zu einem seltsamen Wortgefecht. Mich traf dabei keinerlei Schuld, denn Kinder ahmen, auch wenn sie wohlgeraten sind, unweigerlich ihre Eltern nach. Die Liebe, die mein Vater für diesen Jungen hegte, war nun aber etwas ganz anderes als die unbedeutende und rasch wechselnde Liebe, die Kinder gelegentlich füreinander empfinden. Obwohl man sehr streng und unnachgiebig mit mir umging, verhielt ich mich bisweilen kapriziös und handelte ohne nachzudenken. Seltsamerweise tat es mit hinterher aber immer leid. Ich war nämlich keineswegs so unverständig, dass ich meine Fehler nicht einsah. Mein großer Fehler lag darin, dass ich mir stets meines falschen Handelns bewusst war, es aber dennoch mit Absicht nicht unterließ. Je mehr ich darüber nachdenke, umso stärker komme ich zu der Überzeugung, dass ich ein wenig verrückt bin. Das verwundert mich nicht. Mir ist, als sei mir dies zu einer Art zweiten Natur geworden, die ich bis heute nicht ablegen konnte. Noch heute bekenne ich mich zu diesem Fehler aus Kindertagen, obwohl ich in der Gesellschaft doch als geistreich, gesittet und zivilisiert gelte. Sie, mein Lehrer, kennen an mir diesen Zustand der Gleichgültigkeit, der auf manche durchaus anziehend wirken mag, und Sie haben mich bis heute deswegen nicht gerügt. Warum Sie es nicht tun, weiß ich nicht. Aber ich begreife gut, warum ich diesen Fehler habe. Ich will es Ihnen erläutern.
Der eigentliche Grund des Problems ist folgender: In meiner Kindheit hat man mich zwar liebevoll behandelt, mich aber allzu sehr verwöhnt. Hätte ich zum Beispiel aus Versehen eine wertvolle Porzellanvase zerbrochen, so hätte man zu mir allenfalls gesagt, die Vase sei wertvoll gewesen und es sei schade um sie. Hätte ich sie aber absichtlich zerschmettern wollen, so wäre dies in Ordnung gewesen. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Es sei zwar schade, dass ich gewisse Dinge in Brand gesteckt habe, doch wenn ich sie nun einmal hätte verbrennen wollen, so sei nichts dabei. Und so ging es weiter. Man begegnete mir immer nur unterwürfig und anbiedernd. Jede Sensibilität war mir genommen worden, desgleichen Rachegelüste, geblieben war nur meine Selbstgefälligkeit. Alle Herrscher, Großen und Anführer töten, rauben und unterdrücken, sie kerkern ihre Gegner ein, verüben Ungerechtigkeiten und rufen Unruhe hervor. Dabei ist es aber keineswegs so, dass ihnen das nicht bewusst wäre. Beileibe nicht! Sie wissen es sehr gut, nur sind sie eben daran gewöhnt. Genau wie mir fehlten ihnen die wahren Erzieher, nämlich Wissen und Menschlichkeit. Das ist auch der Grund dafür, dass die meisten Herrscher getötet oder gestürzt wurden, und dass nur ihre Grausamkeit, ihr Blutvergießen, ihr Wesen und ihr abscheulicher Name in die Geschichte eingegangen sind. Genau wie sie habe ich all das Glück und all die Dinge nicht erfahren, die das Leben für mich bereitgehalten hatte. Wahrscheinlich wäre es leichter für mich gewesen, wenn ich früh gestorben und vergessen worden wäre.
Eigentlich aber darf ich mich gar nicht als unglücklich bezeichnen, denn das Glück ist ja eine imaginäre Schöpfung, ein Kind der Fantasie, vergänglich wie buntschillernde Seifenblasen. Ich kann aber durchaus sagen, dass ich nicht gut erzogen wurde, aber durchaus hätte erzogen werden können. Davon bin ich heute überzeugt und halte mich selbst für jämmerlich und verachtenswert. So begann mein trauriges Leben, und so traurig wird es auch zu Ende gehen.
Ja! Kummer und Leid sind Teil des Lebens. Der Mensch hat sich stets gewaltigen Stürmen ausgesetzt gesehen und war ihnen ausgeliefert. Das Leben verläuft nicht nach Wunsch, es ist vielmehr ein Geduldsspiel. Glück oder Unglück des Lebens gehen vorüber, und man ist gezwungen, zeit seines Lebens alle Mühsal zu ertragen. Der Mensch darf nicht anmaßend werden und Hochmut und Stolz zu seinem Behuf machen. Ebenso wenig darf er zulassen, dass jemand hört, wie er sich beklagt, wenn er vom Unglück gebeutelt wird.
Die Tage und die Nächte vergingen, und alle im Palast waren voller Freude und Erwartungen. Ich hingegen war immer nur traurig und niedergeschlagen und fühlte, dass mich etwas bedrohte, das von außen kam. So verging ein Jahr, ohne dass etwas Neues geschah, über das ich Ihnen berichten könnte. Das Leben verlief nach einem genau geregelten Programm.
Nach Ablauf des Jahres verstarb Amine-je Aqdas, die zwei Jahre zuvor auf beiden Augen erblindet war. Ihre sämtlichen Möbel und Besitztümer, die einen erheblichen Wert darstellten, gab man meiner Schwester, und noch im selben Jahr wurden die Vorbereitungen zu ihrer Hochzeit getroffen. Mittlerweile belästigte mich der Junge, ich meine Aziz os-Soltân, der allmählich zu einem jungen Mann heranreifte, mit seinen eigenartigen Blicken und befremdlichen Seufzern. Mit ihm zu sprechen, hatte mir meine Mutter strikt untersagt. Doch wir mussten uns jeden Tag zur Audienz beim Herrscher einfinden und bis sechs, sieben Uhr dort bleiben, so dass nichts den einen oder anderen Blick verhindern konnte.
Ich hatte mich prächtig entwickelt und war hübsch geworden. Wie in einem wunderschöner Blumengarten öffnete sich Tag für Tag eine neue Blüte, die den Glanz meiner Wangen noch verstärkte. Meine Mutter war eine äußerst mächtige und würdevolle Dame. Sie scheute keine Kosten, wenn es darum ging, prächtige und teure Kleider für sich, mich und meinen Bruder anzuschaffen. Jeden Tag steckte sie mich in ein frisches neues Gewand und putzte mich mit allen möglichen Schmuckstücken heraus. Mein Vater hatte befohlen, mir europäische Kleider anzuziehen, bevorzugt in den Farben rosa und weiß. Tagtäglich machte man sich auf die Suche nach erstklassigen Stoffen, nähte daraus Kleider für mich und verzierte sie mit Blumenmustern. Nicht allein der arme Junge war von der Schönheit meines Gesichts betört und litt deshalb Qualen, sondern es umgab mich geradezu eine Heerschar von schmachtenden Verehrern. Wie ein armer Spatz war ich außerstande, mich dieser Liebesglut und all des Klagens zu erwehren. Meiner Mutter entging diese Schwärmerei nicht, und mit jedem Tag wurde ihr Regiment strikter. Nach und nach verbot sie mir alles: Spiel, Freiheit, Spaziergänge und Zerstreuung. Sie machte mich zu einer Einsiedlerin und Gefangenen. Sie konnte mir jedoch nicht verwehren, zur Audienz seiner Majestät, meines Vater, zu erscheinen. Bei diesem Anlass bekamen mich all meine Verehrer zu Gesicht, mussten sich aber mit einem Blick aus der Ferne begnügen. Natürlich war ich auch bedrückt und niedergeschlagen und des Lebens ein wenig überdrüssig. Doch hatte der Kummer mir auch Anmut und eine außergewöhnliche Würde verliehen, die mein Gesicht nur noch schöner werden ließen und dessen Glanz noch mehr hervorhoben.
Im selben Jahr noch begannen die Vorbereitungen für die Hochzeit meiner Schwester. Vor dieser Heirat war die Mutter meines zukünftigen Ehemannes verstorben und hatte ihren Wunsch, ihren einzigen Sohn verheiratet zu sehen, mit ins Grab genommen. Mich stimmte dieser Vorfall sehr traurig, und ich bedauerte ihren Tod sehr. Denn durch das Verscheiden dieser ehrenwerten Dame wurde mein Unglück noch beschleunigt und meine Zukunft verdunkelte sich. Einige Monate später heiratete der Vater meines zukünftigen Ehemannes eine der Töchter des Großwesirs. Kurze Zeit danach wurde er bei meinem Vater vorstellig und ersuchte ihn darum, mich doch endlich zu verheiraten; sollte er seine Einwilligung zur Heirat jetzt noch nicht geben wollen, so werde man aber so lange warten, bis auch mein Vater den Wunsch danach verspüre. Die Zustimmung zur Heirat wurde daraufhin sofort erteilt und mit der Planung des Festes begonnen. Die Vorbereitungen ließen sich prächtig an und alles schien richtig schön zu werden, nur sollten etwas weniger Gäste geladen werden als bei meiner Verlobung. Doch dann ergriffen mich erneut Fieber und Wahnvorstellungen, und ich sah mich ständig einer äußeren Bedrohung ausgesetzt. Ich hatte das Gefühl, in einen tiefen Strudel gestürzt zu sein und mich nicht mehr daraus befreien zu können. Ich weinte bitterlich, jammerte und flehte, man möge mich doch bitte nicht so schnell verheiraten. Doch mein allmächtiger Vater gebot mir Einhalt und sorgte mittels Drohungen dafür, dass ich Ruhe gab.
Hochzeitszeremonie
Dann kam der Tag, vor dem ich mich so fürchtete und dem ich voller Entsetzen entgegensah. Die Hochzeitsversammlung wurde eröffnet, und wie ein Opferlamm führte man mich zu einem Gebetsteppich vor unseren himmlischen, verehrungswürdigen, wahren Vater. Ich trug ein reich mit Juwelen besetztes Kleid aus weißem Atlasstoff; auf dem Kopf eine ebensolche Haube, wie ich sie anlässlich meiner Verlobung bereits geschildert habe. Vor meinem Gesicht hing ein langer weißer Gazeschleier mit Silberapplikationen. Man fragte mich, ob ich den jungen Mann heiraten wolle, und erwartete meine unverzügliche Antwort. Ich war jedoch völlig in Tränen aufgelöst, konnte deshalb nicht antworten und fing plötzlich an, heftig zu zittern. Schließlich gab ich unter großer Anstrengung und etlichen heimlichen Püffen und Knüffen mit schwacher Stimme meine Zustimmung, damit diese entsetzliche Situation bloß ein Ende fand.
Die Damen forderten daraufhin, dass nun der Bräutigam zur Heiratszeremonie erscheinen solle. Zwei meiner Brüder, die etwa im gleichen Alter waren wie der Bräutigam, geleiteten ihn in den Raum und bedeuteten ihm, mir gegenüber Platz zu nehmen. Da ich so sehr weinte, war meine ganze Schminke verlaufen und mein schöner Schmuck ruiniert. Ich hatte bisher den Kopf gesenkt gehalten und blickte nun auf. In dem vor mir liegenden Spiegel hatte ich meinen Bräutigam allerdings bereits gesehen. Gerechterweise muss ich hier gestehen, dass er gut aussah und keineswegs hässlich war. Er trug eine weiße, sehr elegante Uniform, hatte schwarz gelocktes Haar und ein freundliches Gesicht von heller Hautfarbe. Aber ich verstand absolut nicht, dass ich diesen Jungen von nun an zu lieben hatte, oder dass ich mich glücklich schätzen sollte, ihn geheiratet zu haben. Ich fühlte nur, dass ich unter einem ungeheuren Druck stand, dass mein Herz unvorstellbar schnell schlug und meine Nerven zum Zerreißen gespannt waren.
Mein Lehrer! Mit der von Freudenschreien begleiteten Unterzeichnung dieses Ehekontrakts wurden in Gegenwart des von mir angerufenen Gottes meine Gefangenschaft und mein Unglück besiegelt. Dieser Junge, den ich nicht liebte und den ich nicht kannte und von dem ich absolut nichts wusste, sollte nun ein Leben lang mein Geliebter sein. Und alle freuten sich noch über diese Gewalttat und jubelten, ja waren sogar trunken vor Stolz und bedachten mein Unglück noch mit dankbaren Blicken.
Ach! Welch ein unheilschwangerer Tag und welch eine unglückselige Stunde! Mein ganzes Leben lang werde ich jene Stunde nicht vergessen, in der ich meine Freiheit und meine Würde verlor und die in mir nur Widerwillen und Abscheu hervorrief. Immer wird mir jener unheilvolle Tag als Feind erscheinen und ich werde ihn verfluchen. Um der Gerechtigkeit willen sei gesagt, dass dieser Tag nicht allein für mich so schrecklich war, auch der arme Junge sollte ihn hassen. Denn so wie wir unser Glück miteinander teilten, hatten wir auch in gleichem Maße Anteil an unserem Unglück. So wie er zum Werkzeug meines Unglücks wurde, wurde auch ich zum Urheber seines Leids.
Der Ehemann
Ich habe bei alldem ganz vergessen, Ihnen meinen zukünftigen Ehemann vorzustellen. Der junge Mann entstammte einer alten Adelsfamilie und war väterlicherseits mit Hedâyatollâh Khân Raschti und mütterlicherseits mit Amin od-Doule verwandt.11 Der Vater des Jungen hatte zwar mehrere Frauen geehelicht, aber die Söhne, die er mit ihnen gezeugt hatte, waren alle verstorben, alle bis auf einen. Nur dieser eine Junge war am Leben geblieben. Sie können sich also vorstellen, wie sehr die Eltern ihr Kind verehrten und liebten. Der Knabe wurde über alle Maßen gehätschelt und durfte sich seinen Eltern gegenüber alles herausnehmen. Damit sie – Gott behüte – nicht auch noch diesen Junge verlören, zwangen sie ihn nie dazu, etwas zu lernen. Sie waren mit dem zufrieden, was er sich auf eigenen Wunsch hin aneignete. Von morgens bis abends und von abends bis morgens spielte er nur und lebte in den Tag hinein. Der Junge wurde von zahlreichen Sklavenjungen umhegt, allesamt Söhne von Amtsinhabern und von hochgestellten Persönlichkeiten.
Sein Vater war sehr angesehen und befehligte die Garde des Schahs. Er genoss also das uneingeschränkte Vertrauen seiner erhabenen Majestät, des Königs. Die gesamte Zitadelle und der Zugang zum inneren und äußeren Teil des Harems sowie dessen Bewachung unterstanden seiner Verantwortung. Er war absolut vertrauenswürdig, rechtschaffen und ergeben. Die Mutter meines Ehemannes war ebenfalls eine angesehene, edle und verehrungswürdige Dame, außerdem geistreich und gelehrt. Solange seine Mutter am Leben war, hatte sie ihn mit allem bedacht, was zu einem hochherrschaftlichen angenehmen Leben gehörte, und ihn gut umsorgt. Da er der einzige Sohn war und so sehr geliebt wurde, ließ man es bei seiner Erziehung eben an nichts mangeln. Doch nach dem Tod seiner Mutter machte man dem Jungen, damit er sich nicht so grämte und über den Verlust seiner Mutter in Trübsinn verfiel, zum Herrscher über einen luxuriösen Palast und stellte für ihn eigens eine Leibdienerin, einen Hauslehrer, einen Diener und ein Kindermädchen an. Im Alter von etwa neun Jahren durfte er schalten und walten, wie es ihm beliebte.
Seine Leibdienerin war die Kopie meiner geliebten Leibdienerin. Der Unterschied zwischen den beiden bestand nur darin, dass meine Leibdienerin recht bald starb und ihr Charakter und ihre Gewohnheiten keinen so nachhaltigen Einfluss auf mich ausübten. Seine Leibdienerin hingegen lebte lange und sorgte dafür, dass ich Arme zu leiden hatte und sie daher verabscheute. Sie brachte dem armen Jungen all ihre unzivilisierten Gewohnheiten bei und erzog ihn zu Starrsinn, Wildheit und Grausamkeit. Alles nur erdenklich Schlechte lehrte sie ihn und prägte ihn damit für sein ganzes Leben. So schaffte sie für das Kind zum Beispiel viele Tauben an, und damit er beschäftigt war und sie selbst ihre Ruhe hatte, ließ sie die Tauben für den Jungen frei umherfliegen.12
Konsequenzen
Das war er also, mein zukünftiger Ehemann. Nach der Hochzeit besuchte ich nicht mehr den Unterricht, und meine ganze Beschäftigung bestand darin, unter tiefen Seufzern die Gedichte von Hâfez und Sa’di zu lesen. Ich spielte auch kaum noch, sondern widmete mich der Lektüre schöner Bücher und interessanter Romane. Mein Geist war äußerst aufnahmebereit und ich dachte über vieles nach. Beispielsweise betrachtete ich das Gefängnis meiner Jugend mit scharfem und schwermütigem Blick und stellte mir die Frage: Warum muss sich der Mensch, der doch für die Freiheit und das Leben geschaffen ist, den Wünschen anderer beugen und sich der Anordnung eines anderen fügen? Wo es doch keinen Privilegierten unter den Menschen gibt! Da alle gleich sind, sollten sie alle ein Leben in natürlicher Freiheit führen können.
Wenn es kalt war und regnete, beobachtete ich beispielsweise die Bediensteten, wie sie sich in ihren fadenscheinigen Kleidern bei ihrer Arbeit abmühten und plagten und doch von ihren Damen nur böse Worte zu hören bekamen und grundlos zurechtgewiesen wurden. Was ich sah, verwunderte mich und stimmte mich traurig, und ich sagte mir: Was unterscheidet die Dienerinnen denn bloß von diesen Damen? Doch nur, dass letztere Kleider aus Atlas und Goldbrokat tragen und der liebe Gott sie mit weltlichen Gütern gesegnet hat. Warum also sollten die einen folgsam sein und die anderen ihnen befehlen dürfen? Und warum sollte man als Herrschender nicht für seine Mitmenschen sorgen und ihnen Wohlwollen entgegenbringen? Blickt man nämlich voller Verachtung auf diese Elenden herab, nur weil sie arm sind, übersieht man dabei eines. Genauso wie jene Menschen Nahrung und ein Dach über dem Kopf brauchen, sind ihre Herrschaften auf ihre Dienstleistungen, ihre Unterstützung und Arbeitskraft angewiesen. Die Menschen auf der Welt sind aufeinander angewiesen. Der eine benötigt das Geld, und der andere darf dafür auf dessen Dienstleistung zählen. Von welchem Privileg reden wir also? Von welchem Stolz? Wozu sind all diese rüden Umgangsformen und Grobheiten nur gut? Ich begreife das nicht.
Da fährt zum Beispiel der eine den anderen an: Warum hast du diesen Krug zerbrochen? Oder: Hast du etwa wieder zu viel Wasser verbraucht? Dabei hat doch jeder eine gewisse Verpflichtung gegenüber seinen Untergebenen, sei er nun ein einfacher Mensch oder einer von hohem Stand, ein König, ein Wesir oder eine Dame. Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Jeder, der es zum Führer eines Königreiches, einer Stadt oder eines Hauses gebracht hat, geht damit eine ganz bestimmte Verpflichtung ein und muss sich bemühen, gute Umgangsformen zu pflegen. Es ist eine äußerst wichtige und wertvolle Fähigkeit, ein Ziel anzustreben. Ehrgefühl und eine edle Gesinnung sind dabei ungemein nützliche Eigenschaften. Warum? Nur ein edler Mensch beweist Güte und Entgegenkommen und erfüllt seine Pflicht. Gibt es wohl etwas Höheres als diese beiden Eigenschaften? Ein Mensch gelangt durch sie zu höchster Tapferkeit und Reinheit des Herzens, und wenn nötig auch zu vollkommener Hingabe und Ergebenheit.
Es ist unmöglich, den Begriff der Pflicht in seiner ganzen Bedeutung zu erläutern. Die Schönheit der Pflicht finden wir allein in unserem Gewissen und nicht, wenn wir nur denken: »Unter dem Gesichtspunkt des Gesetzes und des Gewissens ist die Pflicht etwas, dem wir unbedingt gehorchen müssen.« Oder aber: »Das Gesetz, dessen Existenz und Berechtigung der gesunde Menschenverstand als notwendig erkennt, besteht aus Handlungen, die auf der Grundlage unserer Charaktereigenschaften und Gewohnheiten fußen.« Kurz gesagt, den tieferen Sinn von Pflicht, das, was sie eigentlich ausmacht, haben wir damit noch nicht erfasst.
Allein schon der Gedanke an die Pflicht legt dem Menschen Fesseln an. Ein vertrauenswürdiger, aufrechter Mensch ist stets zur Erfüllung seiner Pflicht bereit. Man könnte sagen: Zumeist ist es einfacher, seine Pflicht zu erfüllen, als sie zu erkennen. Wir müssen uns der Tatsache bewusst sein, dass es unbedingt notwendig ist, seine Pflichten festzulegen. Die Pflichten und Verpflichtungen, die das Gesetz näher ausführt, sind die grundlegenden politischen Pflichten, und für das Leben in der Gemeinschaft ist deren Einhaltung absolut notwendig. Als Beispiele seien hier angeführt: Du sollst nicht töten! Was einem anderen gehört, sollst du dir nicht gewaltsam aneignen! Wenn du verheiratet bist, sollst du dich aufrichtig und redlich gegenüber deinem Ehepartner verhalten, und du sollst deine Kinder erziehen!
Diese Gebote des Gesetzes sind nichts anderes als eben jene ursprünglichen Pflichten, die jedermann vertraut sind. Die Sitten und Gebräuche verlangen indes von uns die Erfüllung vieler hehrer Pflichten, die das Gesetz gar nicht kennt und die es nicht für absolut notwendig erachtet. Trotzdem wissen wir alle, was unsere Pflicht ist, und unsere Seele und unser Gewissen kennen diese Gebote ganz genau, ohne dass ein anderer uns dabei beraten müsste. All unser Handeln wird durch diese Gebote bestimmt. Was macht es dem Menschen aber nun so schwer, seine Pflichten zu verstehen und zu begreifen? Und was ist es, das stärker ist als die Pflicht? Es sind dies persönliche Eigenschaften, wie Lust und Begierde, Saumseligkeit, Furcht, Faulheit und mangelnder Wille.13
Sehen Sie, alles, was mein junger Ehemann wünschte, bekam er auch sofort. Einmal wurde ein Theaterstück angekündigt, und das löste große Aufregung aus. Alle freuten sich ausgelassen über diese Ankündigung. Das war einmal etwas Neues, eine neue Art des Zeitvertreibs.
Jeden Nachmittag erhielt ich fünf gratis Eintrittskarten, die der Bräutigam seiner Braut schickte. Mit viel Mühe und Überredungskunst gelang es mir, von meiner Mutter die Erlaubnis zu erhalten, an den meisten Abenden die Aufführungen zu besuchen. Oft verweigerte sie es mir auch, und dann verschenkte ich die Eintrittskarten weiter.
Das Erste, was ich über meinem Kopf hängen sah, wenn ich morgens aufwachte, waren Schüsseln aus feinem Porzellan voller Blumen, die mir Tag für Tag in immer neuen Farbkombinationen, frisch gepflückt geschickt wurden. Meist lag zusammen mit etwas Kardamom und einer schönen Rose auch ein ganz kleines Billett dabei, das der Bräutigam der Braut geschrieben hatte. Der Text darauf war sehr einfach und höflich gehalten. Aber da er nie eine Antwort erhielt, begnügte er sich mit eben jenen Botschaften.
Fünf, sechs Monate gingen so ins Land. Aziz os-Soltân warb immer noch auf die verschiedenste Weise um meine Gunst, aber es gelang ihm niemals, ein Wort mit mir zu wechseln. Ich hatte von all dem nicht den Hauch einer Ahnung und begriff nicht, was das alles sollte. Ich spielte mit meinen Puppen und kümmerte mich sonst um gar nichts. Bis zu einer lauen Frühlingsnacht, in der ich mich, um mir ein wenig die Füße zu vertreten, zu seiner Majestät begab. Der Zutritt zum Audienzsaal war Nichtzugelassenen untersagt. In dieser Nacht hatte man die Gruppe von Abdi Dschân rufen lassen, damit sie im Harem auftrete.
Gewiss erinnern Sie sich noch gut an Abdi. Aber ich will Ihnen dennoch beschreiben, wie er aussah. Er war ein zwölf- bis dreizehnjähriger Junge mit tiefschwarzen, schmachtenden Augen. Er war sehr hübsch und von heiterer Wesensart. Sein Gesicht hatte einen braunen Teint und war hübsch anzusehen, er hatte rote Lippen und dichte, schwarze Locken. Der Junge war in der ganzen Stadt bekannt und hatte Tausende von Verehrerinnen. Aber er war nur ein Tänzer, und daher war es unangemessen, dass jemand sich wirklich in ihn verliebte.
Bei Einbruch der Dunkelheit, etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang, begab sich mein Vater wie gewöhnlich ins Speisezimmer. Wenn er sich dorthin zurückzog, pflegten auch alle Damen, sich zum Abendessen in ihre Gemächer zurückzuziehen, ihr Mahl dort einzunehmen und danach zu seiner Majestät zurückzukehren. Die nächtlichen Vergnügungen, der Spaziergang und die Musikdarbietungen, die mit jeder Nacht großartiger wurden und sich niemals wiederholten, begannen zwei, drei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit und endeten in der siebten, achten Stunde.
Gefühlswirren
In dieser Nacht bat ich meine Mutter um die Erlaubnis, mit meiner Leibdienerin, meinem Kindermädchen, meiner Amme sowie einer der Frauen meines Vaters das Abendessen im Garten einzunehmen und erst danach nach Hause zu gehen, was sie mir auch gestattete. Ich nahm die Frau meines Vaters bei der Hand, und wir ließen uns am Rand des großen, mit allerlei Lampen geschmückten und beleuchteten Teichs nieder. Ein Sklavenmädchen brachte uns Speisen vom Tisch meines Vaters, und wir kosteten davon. Danach spazierte ich zusammen mit der Frau meines Vaters zur Zerstreuung ein wenig umher. Wir schritten über die breiten und weitläufigen Wege und genossen die abendliche Stunde. Unsere Begleiter hatten sich inzwischen dort niedergelassen, wo wir zuvor gesessen hatten, nahmen nun ihr Abendessen ein und unterhielten sich.
Wir beiden Jüngeren, ich galt noch als Kind und sie als Heranwachsende, schritten in der vollkommenen Stille des Abends festen, doch leichtfüßigen Schrittes über den sandigen Boden. Wir betrachteten den Mond, der sein eigentümlich glänzendes Licht verströmte, und hingen jede für sich unseren Gedanken nach. Vollkommene Stille umgab uns. Nicht das geringste Geräusch war zu vernehmen, und feinste Bewegungen waren deutlich spürbar. Kurz: Die alles beherrschende Stille bewirkte, dass alles um uns herum in Schlaf fiel und den Kopf auf das Kissen von Todes Bruder bettete. Die Dunkelheit der Nacht stand in Einklang mit dieser Stille, es war unheimlich. Verzweifelt, aber vergebens wartete das Ohr auf einen Reiz. Aber wohin es auch lauschte, nur das Rascheln der Zweige der Bäume im schwachen Windhauch war zu vernehmen, das gelegentlich die Stille durchbrach. Nur der Anblick der funkelnden Sterne, die hoch oben an der Kuppel des blauen Firmaments leuchteten, und der matte Schein des Mondes, der durch die Blätter auf die Erde fiel und mir Angst einflößte, boten dem Auge einen tröstlichen Halt. Die vielen hohen Bäume verstärkten die schreckliche und bedrückende Finsternis mit ihren Schatten noch mehr.
Schließlich vernahmen wir eine schwache Stimme zwischen den Bäumen. Ich klammerte mich verängstigt an den Arm der jungen Frau und sagte: »Ach, meine Liebe! Lass uns zurückgehen! Lass uns zu unseren Dienerinnen zurückgehen. Seit einer halben Stunde laufen wir hier umher und haben uns weit von ihnen entfernt. Sie suchen jetzt nach uns. Was werden sie bloß sagen, wenn wir so unvermittelt verschwunden sind? Lass uns ganz schnell zurückgehen, denn ich weiß nicht, warum ich so zittere. Oh mein Gott, bin … bin ich denn wirklich so ängstlich und feige? Jagen mir etwa die Dunkelheit und die Stille der Nacht solche Angst ein? Nein, nein! Davor fürchte ich mich nicht. Ich fürchte mich davor, dass ich gescholten und bestraft werde, weil ich so plötzlich verschwunden bin.«
Die junge Frau lächelte nur und meinte: »Haben Sie denn überhaupt nicht begriffen, warum ich so beharrlich darauf bestanden habe, dass wir hier draußen zu Abend essen, und Sie dazu die Erlaubnis einholen?«
Ich erwiderte: »Nein!«
Sie fragte: »Verstehen Sie denn nicht, warum ich ausgerechnet diesen dunklen und einsamen Weg gewählt habe?«
»Nein!«, sagte ich nochmals.
Sie schlug ihre Hände zusammen, blieb unvermittelt stehen und richtete sich vor mir auf und sagte: »Ich habe mit Ihnen etwas Wichtiges zu bereden. Wenn es Ihnen recht ist, setzen wir uns auf die Bank hier gleich neben dem Weg und reden miteinander.«
Ich war höchst verwundert und entgegnete: »Ist denn die Angelegenheit so wichtig, dass es notwendig war, den ganzen Weg bis hierher zu gehen, durch die Dunkelheit zu schleichen, uns vor den Blicken der anderen zu verstecken und uns Probleme einzuhandeln?«
Sie legte einen Finger auf die Lippen, gebot mir so zu schweigen, seufzte vernehmlich und antwortete: »Ja doch! Ja doch! Was zu bereden ist, ist wichtig und bedarf Ihrer Aufmerksamkeit. Ja doch! Was zu bereden ist, ist leidvoll und auch beunruhigend. Ja doch! Es ist so ungeheuer wichtig, dass ich seit nunmehr zehn Tagen nach einer passenden Gelegenheit gesucht und nicht den Mut aufgebracht habe, mit Ihnen darüber zu sprechen. Und jetzt müssen Sie mir versprechen und schwören, mit niemand anderem darüber zu reden, bevor ich es Ihnen sage. Wollen Sie dies nicht, so gehen wir zurück und reden nicht mehr darüber!«
Ich sagte: »Einverstanden, lass uns gehen. Gehen wir doch zu der Bank am Ufer des Teichs und setzen uns dort hin. Dort ist es auch hell, und wir können sehen, wenn jemand sich nähert, so dass keiner hört, was wir bereden.«
Sie willigte ein und strebte sogleich der Bank zu. Diese Unterredung kam für mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und es schossen mir allerlei unsinnige Gedanken durch den Kopf. Die Nacht trug natürlich dazu bei, die Fantasie anzuregen, und der Ort, an dem wir uns befanden, verstärkte dies noch. Lassen sich unter solchen Bedingungen die Gedanken wohl einfangen? Niemals! Ich war viel zu aufgewühlt, ja entsetzt und verstört. Alles erschreckte mich. Angst und Hoffnung, die beiden Pole, die unser ganzes Leben bestimmen, hielten sich dabei die Waage. In dieser Verfassung näherten wir uns der Bank und ließen uns darauf nieder. Doch ich fühlte, dass dieses Gespräch keine alltägliche Unterhaltung der üblichen Art sein würde. Ich versuchte, mich darauf vorzubereiten, nahm all meinen Mut und meine Kraft zusammen und sagte: »Ich bin bereit, sprechen Sie!«
Sie sah mich an und hob an: »Ist Ihnen nichts aufgefallen?«
Ich fragte zurück: »Was denn?«
Sie sagte: »Ich meine den, der Sie bereits seit geraumer Zeit umschwirrt, so wie eine Motte das Licht?«
Ich erwiderte: »Nein! Wer soll das sein?«
»Der konfuse junge Mann, der sich in seinem Leben nichts anderes wünscht, nur Sie«, lautete ihre Antwort.
Ich fragte: »Was will denn der junge Mann eigentlich?«
Sie lachte und meinte: »Oh, oh! Tun Sie doch nicht so ahnungslos?! So schwer von Begriff kenne ich Sie sonst überhaupt nicht. Ja doch! Ich sehe, dass Sie es schon recht gut verstehen, Sie wollen es nur nicht sehen.«
Verwundert starrte ich sie an und sagte: »Meine Liebe! Was wollen Sie, das ich wissen soll? Sie verstehen anscheinend etwas, und ich begreife rein gar nichts. Ich verstehe nicht, was Sie mir sagen wollen.«
»Es ist also nötig, dass ich es Ihnen erkläre«, sagte sie.
»Ja doch!«, entgegnete ich.
Sie hob an: »Aziz os-Soltân, dieser Arme, Verwirrte, den Ihre Mutter von Ihnen fernhält, ist heute dem Tode nahe, denn er liebt Sie von ganzem Herzen und ganzer Seele. Er hat sich an mich gewandt, damit ich Ihnen seine Liebe gestehe, und ich bitte Sie, diesem Jungen beizustehen und zu helfen. Und überdies soll ich herausfinden, ob Sie ihn bisher auch mit dem Blick der Liebe angeschaut haben und Zuneigung für ihn empfinden?«
Mir entfuhr ein Aufschrei und ich rief: »Allâhu akbar! Was hat Sie dazu bewogen, diese Mission zu übernehmen, und wozu haben Sie mit mir überhaupt ein solches Gespräch angefangen? Sie wissen doch genau, dass ich unter dem Schutz einer sehr strengen Mutter und eines hochstehenden und mächtigen Vaters stehe. Abgesehen davon habe ich mich vor dem himmlischen Vater einem anderen ausgeliefert, und heute bin ich sein. Ich verfüge weder über Einfluss noch über Macht. Ich bin arm und hilflos. Darüber hinaus verstehe ich nicht, was es mit der Liebe auf sich hat; bis auf zwei Menschen liebe ich niemanden. Ich liebe meine Mutter und meinen Vater. Über diese beiden hinaus werde ich niemals einen anderen lieben. Ach je! Gott bewahre, dass ich, die ich doch bereits durch meine Ehe gebunden bin, den Verstand und die Kontrolle über mein Herz verliere. Meine liebe Dame, Ich bitte Sie, lassen Sie mich so, wie ich bin, führen Sie mich nicht in die Irre und reden Sie mit mir nie mehr über solche Dinge!«
Sie sagte: »Ich habe diese Angelegenheit nur aus einem Grund angesprochen. Wenn nämlich Sie ihn auch lieben und ihm Ihre Liebe versprechen, dann kann er mit einem Federstrich Ihre andere Verbindung tilgen lassen und mit Ihnen die Ehe eingehen.«
»So etwas ist undenkbar!«, erwiderte ich. »Diesen Schritt würde mein Vater, der mächtige König, niemals tun. Die Könige behalten ihre Macht doch nur, wenn sie zu ihrem Wort stehen und sich standhaft zeigen. Außerdem wird in eben diesen Tagen die Hochzeit meiner Schwester mit diesem jungen Mann gefeiert. Richten Sie ihm von mir aus, dass ich mit seinem Ansinnen nicht einverstanden bin. Und Sie dürfen niemals mit irgendjemandem über diese Sache reden.«
Nach diesen Worten erhob ich mich und sagte zu ihr: »Wir wollen gehen!«
Sofort umgab uns wieder die vollkommene Stille, Todesstille. Wir hingen eine jede unseren Gedanken nach und schritten sehr langsam den Weg zurück. Von allen Seiten verströmten die Blumen und Blüten ihren Duft und ein sanfter Windhauch kühlte mein erhitztes und von Traurigkeit gezeichnetes Gesicht. Mir war, als täte sich unter meinen Füßen ein tiefer Abgrund auf, der zwar von allen möglichen schönen bunten Blumen zugedeckt wurde, in den ich jedoch beim geringsten Schwanken hineinzustürzen drohte. Es durchfuhr mich ein neuer Gedanke, und Entsetzen und Furcht ergriffen mich. Dieser Gedanke packte mein Herz und ließ es erzittern, und es gab nichts, womit ich dies verhindern konnte.
So erreichten wir nach einigen Minuten die Stelle, an der die Dienerinnen uns erwarteten. Meine liebe Leibdienerin rügte mich sanft: »Sie waren plötzlich verschwunden, und da bin ich im ganzen Garten herumgegangen, habe Sie aber nicht gefunden. Wo waren Sie bloß? Ihre Mutter ist auch gekommen, und da sie Sie nicht gesehen hat, ist sie ganz außer sich geraten, und jetzt ist sie Ihretwegen mächtig schlecht gelaunt.«
Ich merkte, wie ich anfing, nervös zu zittern, und sagte: »Ich habe mit der Dame hier auf der Bank am Teich gesessen. Wir haben den Mond betrachtet und waren gar nicht weit von hier entfernt.«
Inzwischen war mein Vater aus dem Speisezimmer herausgetreten und machte sich gut gelaunt und heiter auf zu einem Spaziergang. Als er zu mir kam, war er freundlich und lieb und freute sich über den Schein der großen Gaslaterne, der auf mich und meine Kleider fiel. Danach steckte er mir einige Goldmünzen zu und begann eine Unterhaltung mit der Dame neben mir.
Mittlerweile war auch Aziz aus einer Ecke aufgetaucht und kam schnurstracks auf meinen Vater zu. Nach der üblichen Verbeugung und Ehrenbezeugung bat er: »Die Musiker sind bereit. Darf ich sie holen?«
Der Herrscher erwiderte: »Ja, holen Sie sie.«
Bevor er den Rückweg antrat, sah mich Aziz mit einem tiefen Blick voller Liebe an und ließ scheinbar unabsichtlich einen Blumenstrauß fallen, den der königliche Gärtner mit viel Mühe und Sorgfalt aus dem Gewächshaus gepflückt und mit großer Kunstfertigkeit zusammengestellt und ihm ausgehändigt hatte. Dann entfernte er sich mit hängendem Kopf und sorgenschwer. Wir begleiteten meinen Vater zum Ort der Aufführung, wo ein jeder sich auf einen Stuhl hinter einen Paravent setzte.
In Gedanken versunken nahm ich auf meinem Stuhl Platz, legte den Kopf in den Nacken, kniff die Augenlider zusammen und gab mich meinen Gedanken hin. Es stimmte, dass mich seit geraumer Zeit eine triste Hoffnungslosigkeit ergriffen hatte und den Kummer meines so frisch verletzten und blutenden Herzens überdeckte; vom Licht der Hoffnung war in mir nur noch ein schwaches Glimmen übrig geblieben. Meine Lage war so aussichtslos, dass ich keine Worte dafür finden konnte. Nach außen hin führte ich ein stilles, vor Traurigkeit behütetes Leben und verbrachte die Tage und Nächte ohne Seelenpein. Aber in dieser einen Stunde war mein einfaches, beschauliches Leben völlig aus den Fugen geraten, und abertausend schreckliche Vorstellungen überschwemmten meine Fantasie. Mein unschuldiges, frisch erblühtes Herz, rein wie ein klarer, sprudelnder Bach, war durch dieses Gespräch außergewöhnlich erschüttert worden, und es gab nichts, womit ich mich darüber hätte hinwegtrösten können. Am liebsten wäre ich gestorben. Ich musste unablässig an das Gespräch auf der Bank denken und empfand es als ungehörig. So etwas hätte ich nie hören wollen. In meinem Herzen verspürte ich eine eigentümliche Abneigung gegenüber der Frau meines geliebten Vaters und wünschte mir sehnlichst, zeit meines Lebens kein Wort mehr mit ihr wechseln zu müssen. In dieser Verfassung, so versunken in meine Gedanken und meinen Kummer, den Geist völlig verwirrt und durcheinander, spürte ich, wie ein Mund liebevoll meine Stirn küsste. Ich öffnete die Augen und sah meine Mutter. In süßem Ton, der wie Musik in meinen Ohren klang, fragte sie: »Fühlst du dich nicht wohl? Hast du Kopfschmerzen?«
Ich erhob mich, küsste ihre Hand und antwortete: »Nein, es geht mir gut.«
Sie fragte: »Warum bist du dann so blass?«
Ich blickte sie an und erwiderte: »Nein! In meinem Leben empfinde ich nichts außer Freude.«
Sie sagte: »Gut so! Dann setz dich und genieße es!«
Ihre sanfte, freundliche Stimme nahm ein wenig die Bitterkeit aus meinen Gedanken und vertrieb meine Traurigkeit. Ich gab mich ganz der Aufführung hin. Doch ständig hörte ich hinter mir das Geräusch von Schritten. Als ich mich umwandte, um nachzusehen, erblickte ich Aziz, der umherwanderte. Sein Blick voller Zuneigung und Liebe traf mich wie ein Feuerstrahl. Sofort senkte ich den Kopf und verfiel wieder ins Grübeln. Noch nie zuvor hatte ich mich so bedrückt und von Sorgen belastet gefühlt. Die Blicke des Jungen vergifteten mich und weckten in mir so etwas wie Todesahnung. Zu keiner Zeit hatte ich mich je gefürchtet oder war zurückgeschreckt, wenn der Junge mich angesehen hatte, stets hatte ich seinen Blick offen erwidert. Aber in dieser Nacht erschrak ich zutiefst, als er mich so anstarrte, und ich versuchte unwillkürlich, ihn nicht anzusehen. Denn ich fühlte, dass ein gewaltiges Gewitter in meinem Leben aufzog.
Die Frau meines Vaters, die neben mir saß, fragte: »Oh, oh, pass bloß auf! Warum wirst du denn abwechselnd rot und blass? Warum bist du denn plötzlich ganz aus der Fassung und scheinst so besorgt?«
In meine Gedanken versunken gab ich ihr keine Antwort. Inzwischen hatte Aziz os-Soltân jeder der Damen aus seinem Korb voller Blumengebinde einen von den Sträußen überreicht. Nun war er bei mir angelangt. Er stand vor mir und sagte mit kaum hörbarer Stimme: »Oh, du mein Mond! Nimm diesen Blumenstrauß und leg ihn an einen Ort, der mir nahe ist!«
Er legte den Blumenstrauß in meine Hände. Ich war geschockt, und ohne es zu wollen, starrte ich den Jungen mit irrem Blick an und fuhr ihn an: »Rede nicht mit mir!«
»Wie du magst«, entgegnete er und breitete eine Handvoll bunter Blumen, die er in der Hand hielt, mir zu Füßen aus und entfernte sich.
Ach, mein lieber Lehrer! Ich bin außerstande, Ihnen die Gefühle zu beschreiben, die ich in diesem Augenblick empfand. Ich weiß nur noch, dass der Blumenstrauß in meiner Hand derart schwer wurde, dass ich ihn auf den Boden fallen ließ. Meine entflammte Fantasie gaukelte mir vor, die Wege stünden in Flammen, und von Zeit zu Zeit erblickte ich schreckliche Gestalten, die mich aus dem Feuer heraus mit furchteinflößenden und rauen Stimmen zu sich riefen. Dann wieder sah ich, wie sie mich marterten und quälten. Mit zusammengekniffenen Augen sank ich tief in meinen Sitz. Plötzlich hörte ich jemanden sagen: »He, du unaufmerksames, gedankenloses Ding!«
Ich blickte auf und sah die Frau meines Vaters, die den Blumenstrauß aufgehoben hatte und nun zu mir sagte: »Meine Liebe! Warum hast du denn die Blumen weggeworfen? Oh, schau her! Siehst du den Zettel, der an den Blumenstrauß geheftet ist? Denkst du denn gar nicht daran, dass auch ein anderer die Blumen sehen könnte?«
Darmowy fragment się skończył.