Czytaj książkę: «Drúdir»
SWANTJE NIEMANN
DRÚDIR
DAMPF & MAGIE

EDITION ROTER DRACHE
1. Auflage Oktober 2017
Copyright © 2017 by Edition Roter Drache.
Edtion Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel
edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
Titel- und Umschlagbild: Jörg Schlonies, www.dojoerch.de
Buch- und Umschlaggestaltung: Holger Kliemannel
Lektorat: Anne-Cathrin Rost
Gesamtherstellung: Wonka Druck, Deutschland
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN 978-3-944180-84-7
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Buch I: Tod eines Uhrmachers
Kapitel 1: Drúdir
Kapitel 2: Drúdir
Kapitel 3: Badyn
Kapitel 4: Findra
Kapitel 5: Drúdir
Kapitel 6: Phandrael
Kapitel 7: Findra
Kapitel 8: Kyrai
Kapitel 9: Drúdir
Kapitel 10: Die Automate
Kapitel 11: Findra
Kapitel 12: Drúdir
Buch II: Stadt der Masken
Kapitel 13: Phandrael
Kapitel 14: Die Automate
Kapitel 15: Drúdir
Kapitel 16: Svalris
Kapitel 17: Badyn
Kapitel 18: Svalris
Kapitel 19: Kyrai
Kapitel 20: Drúdir
Kapitel 21: Svalris
Kapitel 22: Drúdir
Kapitel 23: Findra
Kapitel 24: Kyrai
Kapitel 25: Drúdir
Kapitel 26: Drúdir
Kapitel 27: Drúdir/Grihin
Kapitel 28: Findra
Kapitel 29: Die Automate
Kapitel 30: Drúdir
Kapitel 31: Phandrael
Kapitel 32: Drúdir
Kapitel 33: Badyn
Kapitel 34: Findra
Kapitel 35: Drúdir
Buch III: Scherbenlicht
Kapitel 36: Findra
Kapitel 37: Drúdir
Kapitel 38: Kyrai
Kapitel 39: Svalris
Kapitel 40: Drúdir
Kapitel 41: Phandrael
Kapitel 42: Svalris
Kapitel 43: Findra
Kapitel 44: Drúdir
Kapitel 45: Badyn
Kapitel 46: Drúdir
Kapitel 47: Kyrai
Kapitel 48: Drúdir
Kapitel 49: Findra
Kapitel 50: Phandrael
Kapitel 51: Drúdir
Kapitel 52: Badyn
Kapitel 53: Drúdir
Kapitel 54: Kyrai
Kapitel 55: Phandrael
Kapitel 56: Drúdir
Kapitel 57: Phandrael
Kapitel 58: Findra
Dramatis Personae & Glossar
Mythologie
Allgemeines
BUCH I:
TOD EINES UHRMACHERS
In jedem Winkel, dunkel, unselig,
An allen Sümpfen und Pfuhlen unzählig,
Wo die Geister hausen –
Trifft der Wandrer mit Grausen
Verhülltes Volk aus dem Totenlande,
Erinnerungen im Leichengewande,
Weiße Gestalten der Schatteninseln,
Bleiche Schemen aus toten Zeiten,
Die verzweiflungsvoll stöhnen und winseln,
Wie sie am Wandrer vorübergleiten.
Für das Herz, dessen Schmerzen Legionen,
Sind dies friedvolle, milde Regionen;
Für den umnachteten, dunklen Geist
Sind es himmlische, selige Auen.
Doch der Pilger, der es durchreist,
Darf es nicht unverhüllt erschauen.
Unergründlich bleibt es für jeden,
Dieses geheimnisvolle Eden –
Das ist des finstern Königs Willen –
Und der Wandrer, von ungefähr
Dorthin verschlagen, erblickt es daher
Nur durch verdunkelte, matte Brillen.
Auf einem Wege traurig und einsam,
Mit bösen Engelschaaren gemeinsam,
Schritt ich jüngst heim durch Sümpfe und Pfuhle
Aus diesem öden, entlegenen Thule …
Aus: Edgar Allan Poe – Traumland (Übersetzung: Hedwig Lachmann)
Kapitel 1
Drúdir
Quietschend kam die Straßenbahn zum Stehen und entließ eine kleine Traube von Passanten auf die dämmrigen Straßen. Mit hochgeschlagenen Mantelkrägen, runden Schultern und verkniffenen Gesichtern huschten sie wie mürrische Gespenster durch die Lichtkegel der Straßenlaternen, unter denen der Regen in goldenen Schnüren hing.
Knarzend und ratternd setzte sich der komplizierte Mechanismus, der die drei Wagons antrieb, wieder in Bewegung. Die Bahn nahm rasch Fahrt auf und verschwand um die Ecke eines Verwaltungsgebäudes, während die Fahrgäste in verschiedenste Richtungen davonhasteten. Gedankenverloren blickte Drúdir einem Zwerg in abgerissener Kleidung und ohne Hut nach, der gewiss ohne Fahrkarte unterwegs war. Er hielt sich eine Zeitung über den Kopf. Die fettgedruckten Runen der Schlagzeile – natürlich ging es um den rätselhaften Absturz des Luftschiffes Bergfalke – verliefen allmählich.
Bereits nach wenigen Schritten musste Drúdir seine Hutkrempe mit einem Finger herabdrücken, um das Regenwasser ablaufen zu lassen. Ein eisiger Windstoß nach dem anderen trieb ihm fingernagelgroße Tropfen ins Gesicht. Der Zwerg glaubte sogar zu spüren, wie die eine oder andere Schneeflocke auf seiner Haut schmolz. Doch obwohl die Feuchtigkeit in der Luft die Kälte selbst durch seinen gefütterten Ledermantel dringen ließ, verlieh sie jedem Atemzug einen ungewohnt sauberen Geschmack. Selbst hier im Stadtzentrum, wo die ruhelosen Fabrikschlote der weitläufigen Außenbezirke ein gutes Stück entfernt standen, war die Luft sonst rauchgeschwängert. Man hatte es nicht umsonst aufgegeben, für die Wände der Häuser hellen Putz zu verwenden. Sonst wären sie bereits nach wenigen Monaten von grauen Schlieren überzogen gewesen.
Dennoch war die heute vom Rauch gereinigte Luft nicht annähernd ausreichend, um Drúdir mit dem Rinnsal eisigen Wassers zu versöhnen, das inzwischen einen Weg in seinen Mantelkragen gefunden hatte. Er bereute, seinen Schal vergessen zu haben. Eigentlich erstaunlich … Man könnte meinen, dass der Unmut über ein Regenrinnsal in Verlust, Zorn und Verwirrung unterginge. Für eine Weile erlaubte Drúdir es sich, dieser Überlegung nachzuhängen, doch der Grund für seine Anwesenheit in Nordkrone kehrte wieder und wieder in seine Gedanken zurück. Und damit die Gewissheit, dass was auch immer am Ende seines Weges lag, alles andere als erfreulich sein würde.
Er umrundete eine Pfütze und bog, ohne nachdenken zu müssen, in eine schmale Gasse ein. Seit er das letzte Mal hier gewesen war, waren Jahre vergangen und wie so viele Zwergenstädte war auch Nordkrone seit der industriellen Revolution im stetigen Wandel begriffen. Aber Drúdir war diesen Weg früher so oft gegangen, dass seine Füße ihn auch jetzt noch beinahe ohne sein Zutun fanden.
Pfützenwasser spritzte unbeachtet um seine Stiefel auf, als er jäh zum Stehen kam. Der Anblick des kleinen Hauses – wie so viele Zwergenbauten gedrungen, mit kleinen Fenstern dicht unter dem überhängenden, gewölbten Dach – traf ihn wie ein Schlag. Es sah genauso aus wie an dem Tag, an dem er die Stadt verlassen hatte, um den Erwartungen Fragars und dem beängstigenden Erbe, mit dem dieser ihn vertraut gemacht hatte, zu entkommen.
Und nun war er wieder hier. Bereit, die Fähigkeiten einzusetzen, deren Existenz er am liebsten geleugnet hätte.
Fragar hätte hinter seinem altmodischen Bart gelächelt – wenn nur nicht ausgerechnet seine Ermordung seinen Lehrling hergeführt hätte.
Drúdir presste die Lippen aufeinander. Sein Inneres fühlte sich rau an. Jeder Schritt kostete ihn Überwindung, aber Umkehren war keine Option. Er würde keinen Frieden finden, ohne zumindest versucht zu haben, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Gewiss, die Stadtwache untersuchte den Mord. Aber sie hatten nicht die Möglichkeiten, über die er verfügte.
Er brachte die letzten Schritte hinter sich und trat unter das überhängende Dach. Fragar hatte sich geweigert, den Zweitschlüssel anzunehmen, den Drúdir ihm hatte zurückgeben wollen. Du weißt, dass du jederzeit zurückkommen kannst, Drúdir. Und wenn du das tust, will ich nicht, dass du eine verschlossene Tür vorfindest. Fragar hatte nicht nur alles gewusst, was es über die Vergangenheit der Zwerge zu wissen gab, auch seine scharfsinnigen Prognosen für die Zukunft waren in der Regel zutreffend gewesen. Doch die genauen Umstände von Drúdirs Rückkehr hatte sich keiner von ihnen vorstellen können. Wieso auch? Wer sollte Fragar ermorden, sein Haus und seine Werkstatt auf den Kopf stellen, dabei aber sowohl die Ersparnisse als auch die kostbaren Werkzeuge des alten Uhrmachers ignorieren? Der Mord war nicht nur tragisch, er entbehrte auch jedweder Logik.
Drúdir schob den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn und schob die Tür auf. Alles in einer einzigen hektischen Bewegung; als versuchte er, seinen Zweifeln zuvorzukommen.
Dunkelheit umfing ihn, und ein vertrauter Druck legte sich auf seine Schläfen. Seine Hände und Füße verwandelten sich in eisige Fremdkörper am Ende seiner Gliedmaßen und ein feines, schneidendes Surren klang in seinen Ohren. Oh ja, hier war jemand gestorben.
Wahrscheinlich gab es genug seltsame Gestalten, auf die der Schauplatz eines Mordes eine morbide Faszination ausübte, aber Drúdir gehörte gewiss nicht dazu. Dafür sorgte seine unwillkommene Begabung. Wann immer er an die Zeit dachte, in der er sie noch nicht hatte unterdrücken können, zuckte er innerlich zusammen.
Mittlerweile gab es viele, für die Magie beinahe ein Mythos war; eng verwoben mit der präindustriellen Zeit, in der – was einige gerne vergaßen, während andere kaum an etwas anderes zu denken schienen – die magisch unterdurchschnittlich begabten Zwerge immer wieder Opfer von Invasionen und Unterdrückung gewesen waren. Auch Drúdir hatte sich mit der langen, wechselvollen Geschichte kiarvanischer Magie beschäftigt und für ihn war sie vor allem eines: Der Grund für Stagnation. Beinahe zwei Jahrhunderte lang hatten Technik und Wissenschaft auf demselben Stand verharrt. Wieso auch nicht? Diejenigen, deren Bildung und Lebensumstände es gestattet hätten, an irgendeinem Fortschritt mitzuwirken, waren nicht darauf angewiesen gewesen. Schließlich hatten sie die Dienste eines Magiers in Anspruch nehmen können.
Als man die Magie nach den Magierkriegen geächtet hatte, hatte dies vielerorts Zusammenbrüche von Kultur und Gesellschaft nach sich gezogen – aber auch der industriellen Revolution den Weg geebnet, die vor einem halben Jahrhundert begonnen hatte. Der Großteil der Kiarvaner war euphorisch gewesen, gebannt von der Vision eines Kontinents, auf dem nicht der gesellschaftliche Stand und die magische Begabung zählten, sondern was man mit seinem Geist und seinen Händen vollbringen konnte. Eine Zeit des unaufhaltsamen Fortschritts, aus der sie alle reicher und zufriedener hervorgehen würden.
Drúdir hatte diese ersten Jahre nicht miterlebt, aber genug ältere Zwerge von ihnen erzählen hören, um die damalige Begeisterung nachvollziehen zu können – und traurig zu belächeln. Gewiss, es gab Zwerge und Menschen, denen es gelungen war, binnen kürzester Zeit sagenhaft reich zu werden. Viele der Besitzer der Walzwerke und Baumwollspinnereien oder Luftschifffluglinien waren in den präindustriellen Jahren noch kleine Geschäftsleute und Handwerker ohne reelle Chancen auf Aufstieg gewesen. Mittlerweile jedoch bildeten sie eine verschworene Clique – und der Gedanke, dass andere ihre Erfolgsgeschichten wiederholen könnten, behagte ihnen ganz und gar nicht. Reichtum und Zufriedenheit für alle … Drúdir konnte sich gut vorstellen, welche Antwort ein Fabrikarbeiter ihm darauf geben würde.
Dennoch: Drúdir mochte ein Skeptiker sein, der mit offenen Augen und einem Hang zum Zynismus durchs Leben ging, aber auch er war von der rasanten Transformation des Kontinents durch die neuartigen Maschinen und die bisher ungeahnte Vernetzung fasziniert. Er wollte nur zu gerne sehen, wo diese Entwicklung die Völker Kiarvas hintrug. Und vor allem hielt er jeden, der gegen den Fortschritt wetterte und sich die alten Zeiten zurückwünschte, für einen ausgemachten Dummkopf.
Umso peinlicher, dass Drúdir selbst sich als ein Relikt dieser Ära herausgestellt hatte. Ausgerechnet in ihm, einem zwergischen Feinmechaniker, waren ohne jede Anleitung magische Kräfte erwacht. Noch vor zweihundert Jahren hätte die Natur seiner Begabung ihn zu einem Mann gemacht, der gleichermaßen gefürchtet und geehrt wurde. Heute jedoch war er nur ein wütender Zwerg, der Tag und Nacht geistige Barrieren aufrecht erhielt, um sich vor seinen Fähigkeiten abzuschirmen. Seine erste Begegnung mit ihnen hatte seiner früheren Faszination für Zauberei ein jähes Ende gesetzt und ihn dazu gebracht, auf Abstand zu Fragar und seinen merkwürdigen Freunden zu gehen. Es handelte sich bei ihnen um ein sonderbares Netzwerk aus Magiern und denjenigen, die sie unterstützten, sei es aus persönlichen Gründen, fehlgeleiteter Nostalgie oder wissenschaftlicher Faszination für Magie und ihre Möglichkeiten, wie in Fragars Fall. Selbst Drúdir wäre ihnen willkommen gewesen. Allerdings hatte er sehr deutlich gemacht, dass das umgekehrt nicht galt.
Drúdir hatte nie etwas anderes als ein Mechaniker und Kunstschmied, maximal ein Erfinder sein wollen. Der heutige Abend änderte nichts daran. Er würde seine Fähigkeiten einmal und nie wieder einsetzen. Zumindest war das der Plan. Aber ein Teil von ihm fragte sich bang, ob er die Tür, die er damit aufstieß, wieder würde schließen können.
Entschieden drängte er seine Zweifel zur Seite und öffnete sich den Eindrücken, die er sonst Tag und Nacht in einer mittlerweile nahezu unbewussten Anstrengung verdrängte. Er wusste nicht, was ihn mehr beunruhigte: das verschlungene Netz von Magielinien, das sich ihm offenbarte, oder das Gefühl der Vertrautheit, welches seiner Ablehnung so entgegenstand. Er runzelte die Stirn. Waren die Muster heller und deutlicher geworden? Strebten sie mehr zu ihm hin?
Die Magie, die in schimmernden Schleiern über allem lag, reagierte auf jeden seiner Gedanken, schmiegte sich an ihn und schlang komplizierte Knoten um jedes Objekt, das er bearbeitete – und ließ es natürlich nicht unverändert.
Was er gerade aus der Tasche zog, war ein gutes Beispiel dafür: Ein etwa faustgroßes Metallobjekt, das sich, sobald er es mit einem kleinen Schlüssel aufgezogen hatte, wie ein Blütenkelch öffnete. Verschnörkelte, goldene Flügel entfalteten sich surrend und auf der kleinen, von ihnen getragenen Platte begann eine winzige, aber helle Glühbirne zu leuchten. Flatternd erhob sich die filigrane Konstruktion in die Luft und verharrte neben seiner Schläfe; die Flügel nur ein metallisches Flirren. Drúdir fischte zwei weitere schwebende Lichter aus seinen Taschen und zog sie auf. Schließlich wagte er sich, von den Lampen wie von seltsamen Monden umkreist, in die dämmrige Werkstatt.
Drúdir war ein außergewöhnlich guter, erfindungsreicher Handwerker. Es gab jedoch viele Zwerge, die ihn an Geschick bei weitem übertrafen. Jeder von ihnen hätte solche schwebenden Lichter konstruieren können. Aber nur Drúdir konnte sie mit seinen Gedanken durch den Raum lenken. Nur Drúdir konnte Lampen schaffen, deren Flügel sie nach den Gesetzen der Physik eigentlich unmöglich in der Luft halten konnten. Die Spuren, die sie durch die Schleier der Magie zogen wie eine Hand über eine Wasseroberfläche, belegten, dass es bei ihrer Erschaffung nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen war.
Eigentlich hätte er ihr Licht nicht gebraucht. Durch eines der Fenster fiel der schwache Widerschein einer Straßenlaterne. Einem Menschen wäre es zu dunkel gewesen, doch die Nachtsicht der Zwerge übertraf selbst die der so oft gerühmten Elfenaugen. Doch das, was er vorhatte, wollte er nicht im Dunkeln tun. Auch musste er die vertrauten Räume noch einmal bei Licht sehen. Ihr Anblick würde schmerzen, aber er konnte nicht anders.
Drúdir ließ den kleinen Vorraum – irgendjemand hatte Fragars Schuhe und Mantel aus der Garderobe entfernt – hinter sich und schob die angelehnte Tür zur Werkstatt auf. Holzdielen knarzten unter seinen Füßen. Selbst dieses Geräusch war ihm nur zu vertraut. Er erinnerte sich daran, wie sie noch leise unter seinem damals viel leichteren Gewicht geknarrt hatten, als er als Kind in Begleitung seines Vaters zum ersten Mal hier hereingekommen war und sich auf die Zehenspitzen gestellt hatte, um die faszinierenden Gerätschaften und halb beendeten Uhrwerke auf den Werkbänken näher in Augenschein zu nehmen. Das Knarzen war bereits deutlicher vernehmbar gewesen, als er als Jugendlicher hereingekommen war, um die Lehrstelle bei Fragar anzutreten. Und er erinnerte sich an das empörte Quietschen der Dielen, als er an jenem Morgen in die Werkstatt gestürmt war, verstört vom Tod seiner Eltern. Verstört von den Stimmen und Bildern und Empfindungen, die durch seinen Kopf jagten, von den schimmernden Schleiern, deren Muster auf seltsame Weise zu ihm sprachen - Kokons aus Leere und Scherben.
Fragar hatte ihm gelauscht und ihm schließlich, als er sich etwas beruhigt hatte, schweigend seine erste Schwebende Lampe, die er erst vor wenigen Tagen beendet hatte, entgegengehalten und ihn gebeten, die Flügel auszumessen und ihre Tragfähigkeit auszurechnen. Deine Fähigkeiten sind nicht neu, Drúdir. Sie waren immer schon ein Teil von dir und du hast sie genutzt, ohne es zu wissen.
Die nächsten Monate waren schrecklich gewesen, aber Fragar hatte ihm zur Seite gestanden. Hatte ihn zu nichts gedrängt und ihm geholfen, nicht nur mit dem Verlust seiner Eltern umzugehen, sondern auch, eine Welt zu begreifen, die von dem seltsamen Leuchten der Magie durchdrungen war.
Drúdirs Augen brannten. Er hatte es sich nicht eingestehen wollen, aber mit Fragars Tod hatte er zum zweiten Mal seinen Vater verloren. Nun gut, einen Vater, mit dem er tagelang gestritten und den er zuletzt monatelang nicht gesehen hatte. Aber trotz allem war Fragar sein Freund und Mentor gewesen. Er hoffte nur, dass der ältere Zwerg das gewusst hatte.
Bestimmt hatte er das. Und wahrscheinlich würde er – selbst in Anbetracht der Umstände – triumphierend grinsen, wenn er Drúdir jetzt sehen könnte.
Drúdir bewegte sich durch die Werkstatt wie durch einen unheimlichen Traum. Eine feine Staubschicht hatte sich auf allem niedergelassen, seit die Stadtwache hier gewesen war, alles untersucht und offenbar auch mitgenommen hatte. Weder von Fragars fertigen Uhren, noch von angefangenen Projekten, noch von seinen Werkzeugen war eine Spur zu sehen. Nur die beiden langen, wuchtigen Arbeitstische und die vier kleinen Hocker standen noch da. Daneben registrierte Drúdir aus dem Augenwinkel eine Kreidespur – und einen dunklen Fleck, wo eigentlich schimmernde Magie sein sollte.
Er drehte sich um, trat an eine der Werkbänke – wie oft hatte er selbst hier gesessen und unter Fragars kundiger Anleitung mechanische Geräte auseinandergenommen und zusammengesetzt? – und spähte darüber hinweg. Ja, da waren vergessene Kreidestriche auf dem Boden. Drúdir hätte nicht seine magische Sicht gebraucht, in welcher gewaltsam vergossenes Blut von einem purpurnen Glühen umgeben war, um sich zusammenzureimen, dass sie einmal zum Umriss einer liegenden Gestalt gehört hatten.
Hier war Fragar gestorben.
Das leise Surren in seinem Hinterkopf hatte sich zu einem schrillen Pfeifen gesteigert. Und da war es: Ein Raum ohne Magielinien wie ein zwergengroßer, dreidimensionaler Schatten, durch den scharfkantige Scherben trieben. Bei näherem Hinsehen offenbarten sie sich als Ornamente aus feinsten, unglaublich dichten Fadenstrukturen. Allerdings begannen die Ränder des Schattens bereits leicht auszufransen und viele der Scherben zu verschwimmen. Nur einige wenige glühten noch immer hell und klar umrissen.
Trotz eines beschämenden Anflugs der Faszination für die komplexen Strukturen der komprimierten Magie hätte Drúdir sich am liebsten abgewendet. Er hatte von menschlichen Scharlatanen gehört, die entweder vorgaben oder tatsächlich glaubten, mit den Toten kommunizieren zu können. Sie führten ihre Kunden auf Friedhöfe oder an die Stätten des Todes ihrer Angehörigen und lullten sie mit Erzählungen von guten, über sie wachenden Geistern und ewigem Frieden ein. Drúdir wusste nicht, ob er darüber zornig sein oder bitter lachen sollte. Die Toten hatten den Lebenden nichts zu geben außer schmerzhaften Erinnerungen.
Er umrundete den Tisch, als drei Lichter urplötzlich neben ihm aus dem Halbdunkel ploppten, zusammen mit einer humanoiden Gestalt. Der Zwerg fuhr zusammen und wich zurück, erkannte dann jedoch, was ihn hatte zurückschrecken lassen: Ein Spiegel, den Fragar sich wohl in den letzten Monaten angeschafft hatte. Es war ein guter Spiegel, der jedes Detail glasklar wiedergab; selbst die teilweise offenliegenden Zahnräder und Drähte, die die schwebenden Lampen bewegten. Er sah auch sein eigenes bleiches, müdes Gesicht; jede regendunkle Haarsträhne, die ihm an den Wangen klebte.
Selbst für ein erleichtertes Aufatmen zu angespannt, ließ er sich auf die Knie sinken, direkt neben dem schattenhaften Umriss, den Fragars gewaltsamer Tod dem magischen Gefüge eingebrannt hatte. Es würde Monate dauern, bis er wieder schwand. Mit leichter Verzögerung folgten Drúdirs Lampen seiner Bewegung.
Beim Gedanken an das, was kommen würde, spürte Drúdir Übelkeit in sich aufsteigen. Doch so groß seine Angst und sein Ekel auch sein mochten, er zögerte keinen Moment mehr. Noch ein tiefer Atemzug, dann tauchte er seine Hände in Fragars Schatten. Sofort wurde ihm eiskalt, und das hatte nichts mit seiner klammen Kleidung zu tun. Er sog scharf die Luft ein, als sich die feuchten Fußspuren, die er auf dem Werkstattboden hinterlassen hatte, in Ovale aus schimmerndem Reif verwandelten.
Drúdir zwang sich, erneut den Blick zu senken. Er fischte nach der Scherbe, die ihm mitteilen würde, was er wissen musste, und ließ auch die letzten der mühsam errichteten Wälle um sein Bewusstsein fallen.
Die hellste und scharfkantigste der Scherben glitt auf seine Finger zu. Ihre Farbe erinnerte ihn an weißglühendes Metall, doch ihre Berührung versengte ihn nicht. Stattdessen jagte ein kribbelnder Impuls seinen Arm hinauf und ließ jeden Muskel in seinem Körper verkrampfen. Eine Woge fremder Erinnerungen und Emotionen spülte über ihn hinweg, bis er nicht mehr wusste, wer er war.
Drúdir krümmte sich keuchend. Für gewöhnlich lagen die Erinnerungen der Toten, mit denen er versehentlich in Berührung kam, wie Spiegelungen auf einer Glasscheibe über der realen Welt. Aber diesmal hatte er sich ihnen mit voller Absicht geöffnet. Die nächtliche Werkstatt, das Holz der Dielen unter seinen Knien, seine regennasse Kleidung … all das war verschwunden. Stattdessen saß er in einer der wenigen sonnigen Stunden, die Nordkrone im Frühherbst zu bieten hatte, an einer der Werkbänke. Mit einer Lupenbrille über den Augen studierte er ein Uhrwerk, während er sich mit den Fingern der freien Hand nachdenklich über den altmodischen, beinahe gürtellangen Bart strich.
Fragars Atem stockte, als sich eine Hand auf seine Schulter und eine Klinge an seine Kehle legte. Zuerst war da nur Überraschung. Dann kam erstickende Panik, die keinen klaren Gedanken mehr zuließ.
„Was hat er dir gesagt?“ Die Worte wurden von einem leichten Druck der Klinge gegen Fragars Hals begleitet. Der Uhrmacher musste den Fremden nicht fragen, wen er meinte.
Er dachte an den Ausdruck von Schuld auf Kargans glattem, gutaussehendem Gesicht, seine unnötig scharfen, ausweichenden Antworten …
„Nichts.“ Es war die Wahrheit.
„Und in seinen Briefen?“
Erst kam die Verblüffung, dann der Zorn. Und schließlich noch größere Angst.
„Auch nichts. Ich habe nicht mal eine Vermutung, woran er gearbeitet hat“, versicherte Fragar.
Kargans Fragen hatten immer nur Details der magischen oder technischen Praxis und Geschichte betroffen. Sie hatten gerade genug preisgegeben, um Fragar misstrauisch werden zu lassen, aber nicht mehr.
„Und du erwartest tatsächlich, dass ich dir glaube?“
Fragar keuchte auf, als der Fremde ihm einen flachen Schnitt zufügte.
„Frag Kargan! Er wollte mir kein Wort sagen!“
Verdammt, Kargan, du Idiot! Dein Ehrgeiz könnte mich umbringen und dabei verstehe ich noch nicht einmal, worum es eigentlich geht!
„Womöglich stimmt das …“, räumte der Fremde ein. Der Druck der Klinge ließ nach. „Hast du jemandem von Kargan erzählt?“
„Wovon denn? Alles, was ich über Kargans seltsames Projekt weiß, ist, dass ich ein ungutes Gefühl dabei habe! Ich habe niemandem ein Wort gesagt“, beteuerte er.
„Ja, du scheinst die Wahrheit zu sagen …“
Fragar erlaubte sich einen Moment der Erleichterung. Umso größer war der Schock, als seine Kehle sich in eine Explosion aus gleißendem Schmerz verwandelte. Er konnte nicht mehr atmen. Alles verschwamm vor seinen Augen
„… aber man hat mir befohlen, kein Risiko einzugehen.“ Fragar hörte nur noch gedämpft, wie der Fremde seinen Satz beendete. Ebenso spürte er die Kollision seiner Wange mit dem Boden wie aus weiter Ferne. Ein Paar schwarzer Stiefel mit verschnörkelten Silberschnallen bewegte sich mit langen, ruhigen Schritten aus seinem stetig kleiner werdenden Sichtfeld.
Sein letzter Gedanke war seltsamerweise Überraschung, dass der Fremde sich ihm trotz seines schweren Schuhwerks so leise hatte nähern können.
Drúdir wollte nach seiner brennenden Kehle greifen und erwartete, ein blutgetränktes Hemd zu finden. Stattdessen berührten seine Finger regennasses Leder. Der Schmerz in seiner Kehle flaute rasch ab. Dafür begann es in seinen Schläfen zu hämmern. Ganz zu schweigen von den Bildern in seinem Kopf, die partout nicht verblassen wollten. Es gab Angenehmeres, als Erinnerungen nachzuempfinden, die alle tröstlichen Lügen von einem schnellen, schmerzlosen Tod entlarvten.
Vornübergebeugt, die Hände auf den Boden gestützt, kauerte Drúdir da. Die drei Lampen hatten sich auf den Dielen niedergelassen und schlugen matt mit ihren mechanischen Flügeln.
Neben Fragars Erinnerungen pulsierte auch die aufgenommene Magie durch seinen Körper, denn nichts anderes waren die Erinnerungsscherben: Magie, durch Fragars heftige Emotionen während seines Todes verdichtet und in eine Form gebracht, die Drúdir aus irgendeinem Grund in die ursprünglichen Eindrücke zurückzuübersetzen vermochte.
Drúdir war noch ganz in den albtraumhaften Bildern gefangen. So fiel ihm erst jetzt auf, dass es neben den Flügelschlägen und dem leisen Surren und Ticken der Lampen noch ein anderes Geräusch im Raum gab: Den schnellen, rauen Atem eines angsterfüllten Zwerges.
Er hob den Kopf. Seine Bewegung ließ feine Eiskristalle von seinem Mantel zu Boden rieseln.
Dort, eine matt leuchtende Lampe in der einen, eine Steinschlosspistole in der anderen Hand, stand eine blonde Zwergin. Sie starrte ihn unverwandt an. Allmählich wich das Entsetzen in ihrem Gesicht unverhohlener Abscheu und der auf seinen Kopf gerichtete Lauf der Waffe hörte auf zu zittern.
Noch immer von Fragars Erinnerungen mitgenommen und verzweifelt bemüht, die Magie zu kontrollieren, die aus ihm herausbrechen wollte, war Drúdir für einen Moment wie gelähmt. Er wusste nur eines: Die Wahrscheinlichkeit, dass die notorisch unzuverlässige Pistole tatsächlich eine Kugel in Richtung seines Kopfes senden würde, mochte zwar unter fünfzig Prozent liegen, aber sie war ihm immer noch entschieden zu hoch.
Die Zwergin öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Drúdir kam ihr zuvor. Er kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf die schimmernden magischen Fäden, die ihn mit seinen Lampen verbanden. Ihm war schlecht bei dem Gedanken, diese verhasste Macht zu nutzen. Doch es war definitiv der falsche Moment, um wählerisch in der Wahl seiner Mittel zu sein.
Die drei Glühbirnen tauchten den Raum in gleißendes Weiß, bevor sie durchbrannten. Drúdir konnte es selbst hinter seinen geschlossenen Augenlidern sehen. Ein heller Aufschrei und das Geräusch taumelnder Schritte verrieten ihm, dass die Unbekannte geblendet und desorientiert war. Klirrend schlug ihre Lampe auf dem Boden auf.
Drúdir öffnete die Augen, sprang auf und sprintete zur Tür. Noch vor wenigen Augenblicken hätte er geschworen, dass allein das Aufstehen ihn vor eine Herausforderung stellen würde, aber die Panik verlieh ihm ungeahnte Kräfte.
Er stieß die Zwergin zur Seite, hechtete aus der Werkstatt, durch den Vorraum und schließlich in den Regen hinaus. Rutschend und schlitternd hetzte er die Straßen entlang, bis seine Beine ihm den Dienst versagten.
Kapitel 2
Drúdir
Mit der Nacht endete auch der strömende Regen. Drúdir stand am Rand eines leergefegten Platzes und sah zu, wie das bleiche, eisige Licht der Dämmerung allmählich über den Himmel kroch. Selbst der Qualm der Fabrikschlote kringelte sich in dünnen, verzagten Fäden über den noch immer tropfenden Dächern, als fühle er sich in dem weiten, farblosen Himmel verloren.
Drúdir starrte mit steifem Nacken in die Leere hinauf. Ungebeten legte sich seine beinahe bis ins Unerträgliche geschärfte magische Sicht darüber. Schimmernde Energiebahnen waberten über den Dächern wie breite Seidenbänder durch Wasser. Dort oben waren die Muster einfacher und runder, die Bewegungen der Magie langsamer.
Nach Stunden der Flucht und der Suche nach Ablenkung in heruntergekommenen Bars, die in seiner Erinnerung zu einem einzigen rauchverhangenen, alkoholdunstgeschwängerten Raum verschwammen, hatte er schließlich resigniert und sich ganz diesen neuen Eindrücken ergeben.
Er sah die Magie nicht nur, sondern spürte sie auch auf schwer fassbare Weise. Drúdir musste nicht in die entsprechende Richtung sehen, um die unsteten Ströme und Knoten der Energie zu kennen.
Und auch sein eigenes Eingeflochtensein in das ständig halb im Entstehen, halb in Auflösung begriffene Gewebe der Magie war ihm noch nie so bewusst gewesen. Jeder seiner Gedanken, jede seiner Empfindungen wurde zu einem schimmernden Ornament, einem komplizierten Knoten oder einer scharfen Krümmung. Wo auch immer er sich hinbewegte, bogen sich die Magiebahnen zu ihm hin, um sich mit seiner Aura zu verflechten – weit mehr, als sie es bei jedem anderen Objekt oder Lebewesen taten, das ihm je begegnet war. Sein Leben lang hatte Drúdir sich eingeredet, er wäre wie jeder andere Zwerg, aber auf dieser anderen Ebene der Sicht trug er das Stigma seiner Begabung wie eine finstere Standarte.
Da waren nicht nur die breiten Lichtbänder und verschlungenen Knoten, die er bisher gesehen hatte. Nein, jedes einzelne Band war aus unzähligen feineren Fäden gewoben, die ihrerseits aus komplexen Verflechtungen und Knoten haarfeiner Fasern bestanden. Drúdir konnte sie alle so klar und detailliert sehen wie nie zuvor. Und so sehr ein Teil von ihm sich auch wünschte, in einer Welt zu leben, in der der Platz nur aus rußgeschwärzten Häusern unter einem grauen Himmel bestand, konnte er doch nicht umhin, über die Komplexität und Anmut der Magiebewegungen zu staunen. Sie fühlten sich auf schwer fassbare Weise fremdartig an, als würden sie halb in eine andere Welt gehören, aber zugleich wirkten sie in ihren Bewegungen und Mustern so vollkommen und organisch, dass Drúdir nicht anders konnte als innerlich all denen zu widersprechen, die Magie als widernatürlich und böse verfluchten.
Dennoch verstand er ihre Angst. Jeder einzelne dieser Stränge trug so viel Macht, so viele Informationen, so großes Potenzial zur Zerstörung in sich … und mehr Rätsel, als ein Zwerg je würde lösen können.
Auch das war einer der Gründe gewesen, warum er dem Netzwerk den Rücken gekehrt hatte: Zu viele seiner Mitglieder waren allzu begierig darauf, mit Kräften zu spielen, die sie nicht einmal ansatzweise verstanden.
Diese Überlegung brachte die Erinnerung an Fragar zurück. Auch er hatte die Magie sehen können … allerdings wahrscheinlich nie mit derselben Schärfe, mit der Drúdir sie jetzt wahrnahm. Beinahe bedauerte er das. Er wusste, wie viel seinem Meister dieser ehrfurchtgebietende Anblick bedeutet hätte.
Als hätte dieser Gedanke etwas in ihm gelöst, gelang ihm plötzlich mühelos, worin er bisher versagt hatte: Sein Zweites Gesicht gehorchte endlich seinen Wünschen, und als er den Kopf senkte, fiel sein Blick auf regennasses Pflaster. Er rollte die Schultern, um seine verkrampften Nackenmuskeln zu lockern, und blickte wieder auf. Noch immer war er aufgewühlt. Die Flucht vor der unbekannten Zwergin, die quälende Vision von Fragars Tod und das sonderbare Bedürfnis, nach den allgegenwärtigen Magiefäden zu greifen und sie zu einem neuen Muster zu verweben … nichts war mehr, wie es zuvor gewesen war.
Und zu allem Überfluss würde die Suche nach Fragars Mörder ihn wahrscheinlich tiefer in die verworrenen Strukturen des Netzwerks führen, als ihm lieb war. Drúdir seufzte.
Dann straffte er den Rücken und setzte sich mit langsamen, aber entschiedenen Schritten in Bewegung.
Es war an der Zeit, seine Suche zu beginnen. Und er wusste auch schon, wo.
Zweieinhalb Stunden (und einige Flüche über knapp verpasste Straßenbahnen) später klopfte er an eine altersdunkle Tür irgendwo in den Ausläufern der Stadt. Sie gehörte zu einem im traditionellen zwergischen Stil erbauten Gebäude: Gedrungen und langgestreckt, mit einem gewölbten Schieferdach und mit kunstvollen, geometrischen Mustern versehenen Metallbeschlägen an Türen und Fensterläden.
Ein sorgfältig poliertes Messingschild wies jeden, der nahe genug kam, um die winzigen Buchstaben zu entziffern, darauf hin, dass dieses Gebäude die „Sprakar-Godwis-Historig-Rúnhalar“ beherbergte – die Bibliothek für Sprachen, Theologie und Geschichte. Ein etwas später angebrachtes Schild bat um Spenden, um die Bewahrung unschätzbar wertvollen Wissens für spätere Generationen zu gewährleisten. Es hatte bereits hier gehangen, als Drúdir die Bibliothek zum ersten Mal betreten hatte und er konnte sich gut vorstellen, dass es heute ebenso wenig Wirkung erzielte wie damals.
Die Tür schwang auf und Drúdir fand sich Auge in Auge mit Wisdrin Halison. Der letzte Bibliothekar, wie er sich gelegentlich selbstironisch nannte, sah müde aus. Unter seinen Augen lagen dunkle Ringe und sein Haar war mittlerweile vollkommen weiß. Den Gehstock mit dem silbernen Knauf hatte er bereits vor zehn Jahren immer bei sich gehabt, aber nun schien er tatsächlich Gewicht darauf zu verlagern. Trotzdem hielt er sich kerzengerade und duldete Nachlässigkeit in seiner Erscheinung ebenso wenig wie früher. Drúdir ließ seinen Blick über Wisdrins perfekt gebügeltes Hausjackett, das blütenweiße Hemd und die polierten Schuhe gleiten und schüttelte innerlich den Kopf. Trotzdem vermied er es, an sich selbst herabzublicken. Etwas an Wisdrin vermittelte einem das plötzliche, unerklärliche Bedürfnis, korrekt auszusehen.
„Drúdir …“
Es war eines der wenigen Male, dass er Wisdrin überrascht erlebte. Was sich jedoch nicht verändert hatte, war der leichte Akzent des älteren Zwerges, den Drúdir immer mit einer gewissen, altmodischen Kultiviertheit assoziierte.
„Hallo, Wisdrin.“
Wisdrin zögerte für einen Moment und vollführte ein paar seltsame, unvollendete Bewegungen, als erwöge er, Drúdir zu umarmen, beschied sich dann jedoch mit einem verblüffend kräftigen Händedruck und dem kurzen Aufflackern eines warmen Lächelns.
„Ich habe deinen Abschied bedauert.“
„Natürlich“, bemerkte Drúdir mit einem halben Lächeln. „Unbezahlte Gehilfen sind nicht allzu leicht zu finden, nehme ich an.“
„Du hast keine Vorstellung.“ Wisdrins Gesicht wurde ernst. „Es tut mir leid um Fragar. Er war einzigartig. Sein Tod … das hätte nicht geschehen dürfen.“
Drúdir nickte ernst. Unwillkürlich kniff er die Augen zusammen, als die Bilder der letzten Nacht jäh auf ihn einhämmerten. Es kostete ihn mehr Beherrschung, als er sich selbst zugetraut hätte, sich nicht mit beiden Händen an die Kehle zu fahren und im Anschluss dem unbekannten Mörder noch einmal leidenschaftlich Rache zu schwören.
Mit einiger Mühe brachte er sein Gesicht unter Kontrolle und konzentrierte sich ganz auf Wisdrins Miene. Die hellblauen Augen des alten Zwerges begegneten den seinen. Er las Melancholie darin, Mitgefühl, aber auch eine scharfe Intelligenz, die hinterfragte und kalkulierte … und sich angesichts von so viel unverhüllter Emotion vor Verlegenheit wand. Nach einem langen, sezierenden Blick wandte sich Wisdrin von Drúdirs Schmerz ab wie ein pietätvoll Trauernder von einem offenen Grab.
„Am besten, du kommst herein. Darf ich dir eine Tasse Tee anbieten? Ich schätze viele Aspekte dieser neuen Zeit nicht besonders, aber die neuen Teeklipper wiegen einiges davon auf. Man könnte ein paar Lieferungen tatsächlich als frisch bezeichnen.“
Drúdir folgte Wisdrin nach drinnen. Das Foyer der Bibliothek war ebenso makellos gepflegt wie Wisdrins Kleidung, aber die allgegenwärtige Sauberkeit hob eher noch hervor, dass es, ebenso wie die Bibliothek selbst, nur ein Schatten seiner selbst war. Die kunstvollen Wandteppiche, die in dramatischen Bildern Begebenheiten der zwergischen Geschichte und Mythologie festhielten, waren bereits vor Jahren verkauft worden. Nur noch ein paar Zeichnungen und Landkarten hingen an den Wänden. Noch immer verlief ein Teppich über die Stufen, die zum Hauptsaal hinaufführten, aber man erahnte sein einstiges Grün eher, als dass man es tatsächlich sah, so ausgeblichen war er mittlerweile.
Wisdrin schob einen der langen, ebenso verblichenen Vorhänge zur Seite, die an jeder Seite der Treppe bis zum Boden hingen. Es knarrte leise und Drúdir wusste, dass Wisdrin die Tür eines der Zimmer aufschob, die einst als Lagerräume für Werkzeug und Putzutensilien gedient hatten und von denen der Bibliothekar nun eines zum Kochen und eines zum Schlafen nutzte.
„Geh doch nach oben, während ich Tee koche“, rief Wisdrin. Er war vielleicht nicht der einzige Zwerg, der sich nichts aus starkem, dunklem Bier machte, aber womöglich der einzige, der es offen zugab.
Drúdir stieg die Stufen hoch und fragte sich, ob seinem Gastgeber jetzt Staub auf den Kopf rieselte. In Wisdrins Jugend hätte wohl niemand gedacht, dass er eines Tages so leben würde. Bevor Grüntal mit seiner Hauptstadt Nordkrone ein Bundesstaat der Union wurde, war es, obwohl nominell eine direktdemokratische Republik, dennoch von einer Handvoll aristokratischer Familien und der Priesterschaft des Lohi regiert worden. Als Nachkomme einer der reichsten Adelsfamilien und geweihter Priester des größten Lohi-Tempels hatte der auffallend intelligente Wisdrin mit einer rosigen Zukunft rechnen können – bis die Magierkriege und das darauffolgende Verbot der Magie und der Abschaffung des institutionalisierten Glaubens alles verändert hatten. Wisdrin war neutral geblieben, während seine Familie sich auf die falsche Seite geschlagen hatte. Dadurch wurde er der Alleinerbe eines bemerkenswerten Vermögens, welches er bis zum letzten Gulder in die Erhaltung der Tempelbibliothek steckte.
Drúdir schob eine schwere Eichentür auf. Die filigranen Verzierungen an der Messingklinke und die eckigen Knotenmuster, die in das Holz geschnitten waren, kündeten von vergangener Pracht, aber die offensichtliche Kunstfertigkeit ihres Schöpfers hatte Drúdir nie so beeindruckt wie das, was dahinter lag.
Kaum hatte er die Bibliothek betreten, umfingen ihn samtige Stille und der Geruch unzähliger Bücher. Zu beiden Seiten des langgestreckten Raumes erhoben sich deckenhohe Regale, auf denen sich ein ledergebundener Buchrücken an den anderen reihte. Eine verschnörkelte Wendeltreppe führte auf den Dachboden, wo sich die Regalreihen, wie er wusste, fortsetzten, auch wenn viele von ihnen mittlerweile leer waren. Zwischen den Regalen standen mit Schnitzereien verzierte Lesepulte. Zwei von ihnen wurden von Käfigen aus kunstvoll ineinander verschlungenen Eisenstangen vom Rest der Bibliothek abgeschnitten – hier hatten sich jene einschließen müssen, die die wertvollsten und gefährlichsten Werke studiert hatten. Bücher, die im allgemeinen Chaos nach den Magierkriegen gestohlen worden waren. Wisdrin hatte diesen Verlust nie so ganz verwunden.
Drúdir stellte sich vor, wie es hier einst zugegangen sein musste: Gelehrte aus allen Ecken der heutigen Union, die sich gedämpften Schrittes durch den Lesesaal bewegten und mit gesenkten Stimmen diskutierten. Studenten und Novizen des Tempels, die ehrfürchtig an den Regalen aufblickten oder sich an den Lesepulten Notizen machten, Bibliothekare, die mit Argusaugen über die Schätze der Bibliothek wachten, Zwerge, die von langen Reisen zurückkehrten, um der Sammlung weitere, wertvolle Bände hinzuzufügen, die gelesen und diskutiert werden wollten …
Fast schon glaubte er, die Dielen unter behutsamen Schritten knarren und vielstimmiges Wispern erklingen zu hören. Goldener Glanz schimmerte am Rand seines Sichtfelds und beinahe instinktiv wechselte er in seine magische Sicht.
Was er sah, raubte ihm den Atem. Es war nicht das schreckliche Versprechen der Totenscherben, nicht der beinahe unerträgliche Glanz und das unstete Flackern der Magieströme der Stadt. Die Magie, die der Bibliothek innewohnte, war wunderschön in ihrer Subtilität. Kaum sichtbare Bänder verbanden Bücher, die einander beeinflusst hatten, zu einem feinen, schimmernden Netzwerk. Wieder andere Bände pulsierten in dem Rhythmus, in dem wissbegierige Finger einst ihre Seiten umgeblättert hatten. Natürlich. All der Aufwand, der in jedes einzelne Buch geflossen war, hatte Magie darin konzentriert, die wiederum mit den Mustern interagierte, die die Gedanken und Gefühle der Leser woben. Drúdir wäre der Letzte gewesen, der Büchern ihre ganz eigene Magie absprach, aber obwohl es ihm im Nachhinein betrachtet als vollkommen logisch erschien, hätte er nie gedacht, dass dies so wörtlich zu verstehen war.
„Ich hatte mich schon gefragt, wann du es auch sehen wirst“, sagte Wisdrin hinter ihm. Drúdir wirbelte herum – und fragte sich, was ihn mehr überraschte: Das Geschick, mit dem der ältere Zwerg knarrende Dielen vermieden hatte (ein Kunststück auf diesem Boden), die Offenbarung, die sich in seinen Worten verbarg oder der sanfte Ausdruck auf seinem Gesicht.
„Auch?“
Stumm und ohne Eile schälte Wisdrin sich aus seinem Jackett, das er akribisch faltete und auf einem Lesepult ablegte. Dann öffnete er seine Manschettenknöpfe und schob die Ärmel seines Hemdes bis weit hinter die Ellenbogen zurück. Seine Unterarme waren nahezu haarlos und blass wie die Haut der unterirdischen Zwerge von einst. Umso deutlicher traten die geschwungenen Ornamente und winzigen Runen hervor, die man ihm mit dunkler Tinte unter die Haut gestochen hatte.
„Du warst … bist ein Praktizierender des Tempels?“
Wisdrin nickte. „Warst. Ich habe immer nur gerade genug Magie beherrscht, um stets das richtige Buch zu finden und das eine oder andere Experiment durchzuführen. Als Alchemist oder Beschwörer hätte ich vielleicht größere Macht erlangen können, aber ich hatte andere Prioritäten.“ Seine Stimme war sachlich und sein Gesicht spiegelte nichts als freundlichen Gleichmut – der in krassem Gegensatz zu seinem durchdringenden Blick stand. „Allerdings sind meine Fähigkeiten nach wie vor ausreichend, um zu erkennen, wenn jemand jüngst Magie gewirkt hat. Du bist ein magisches Leuchtfeuer, Drúdir – noch mehr als sonst. Und ich glaube auch zu wissen, warum du deine Vorbehalte vorübergehend ignoriert hast.“
Drúdir nickte ruckartig. Er mied Wisdrins Blick. „Du vermutest ganz richtig, schätze ich. Und deshalb bin ich hier.“
Statt sofort auf seine Antwort einzugehen, brachte Wisdrin seine Kleidung mit derselben Sorgfalt in Ordnung, mit der er sich ihrer entledigt hatte. „Ich glaube, der Tee ist fertig. Begleitest du mich ins Foyer?“
Stumm folgte Drúdir ihm. Wisdrin wies auf einen der beiden Stühle, die an einem kleinen, runden Tisch am Fuß der Treppe standen und verschwand kurz hinter einem der verblichenen Vorhänge, um dann mit einem Tablett zurückzukehren. Er goss ihnen mit der zurückhaltenden Eleganz eines elfischen Teemeisters grünen Tee ein, dessen Duft und kräftiger Smaragdton Drúdir beinahe ein müdes Lächeln entlockten. Für einen Mann, der in einem Schrank lebte, hatte Wisdrin einen kostspieligen Geschmack.
Schließlich setzte der Bibliothekar seine Tasse ab. Er schien nach einem behutsamen, eleganten Einstieg gesucht zu haben und kläglich gescheitert zu sein. „Also, was hast du gesehen, Drúdir?“
Wisdrins Direktheit ließ ihn zusammenzucken. Er antwortete so sachlich, wie er konnte: „Fragars letzte Minuten.“
Wisdrin lehnte sich nicht vor, aber ein harter, kalter Ausdruck trat in seine Augen und etwas Gebieterisches in seine Stimme. „Hast du seinen Mörder gesehen?“
„Er stand hinter Fragar. Alles, was ich habe, ist der Anblick seiner Schuhe, der Klang seiner Stimme und ein Name.“ Drúdir senkte die Stimme, als wären sie Darsteller in einem Zwei-Kupfrir-Drama. Das half ihm, die Bilder auf Distanz zu halten. „Kargan“, raunte er nach einer Kunstpause.
Unglauben flackerte in Wisdrins Miene auf, gefolgt von Misstrauen und Wut. „War er es?“
„Zumindest ist der Mörder losgeschickt worden, weil jemand glaubt, Kargan könnte Fragar etwas über ein Projekt verraten haben, an dem er gearbeitet hat. Fragar hatte keine Ahnung, was genau es war, aber Kargans Fragen und Andeutungen haben gereicht, um ihn misstrauisch werden zu lassen.“
Drúdir schwieg. In seinem Inneren klangen die Empfindungen nach, die Kargans Name in Fragar ausgelöst hatte. Besorgnis, Bedauern … und Enttäuschung.
Wisdrin schüttelte leicht den Kopf. Es war bemerkenswert, wie viel Verachtung er in eine Geste legen konnte, die kaum mehr als eine Andeutung war. „Ja, das klingt ganz nach Kargan.“
Drúdir wartete auf eine Erläuterung. Sie kam nicht. Schlafmangel und emotionale Erschöpfung erlangten mühelos den Sieg über Wisdrins mäßigenden Einfluss. „Wer beim Abgrund ist Kargan?“, verlangte er schließlich zu wissen und weigerte sich, angesichts des Widerhalls seiner Stimme Verlegenheit zu empfinden.
Wisdrins Augenbrauen wanderten in die Höhe. „Ich dachte, das wüsstest du. Kargan war so etwas wie dein Vorgänger als Fragars Lehrling.“
„Augenblick. Das Gesicht, das Fragar vor Augen hatte, gehörte einem Menschen.“
„Ich bezweifle, dass dies Fragar entgangen ist. Kargan hat bei ihm auch keineswegs gelernt, Uhrwerke zusammenzubauen.“
„Du klingst missbilligend.“
„Ich war Kargan nicht gerade zugetan. Ich habe unter den Praktizierenden des Tempels zu viele Leute getroffen, denen er in seiner Einstellung allzu ähnlich war.“
„Leute, wie die, denen wir die Magierkriege und das Magieverbot verdanken?“
Wisdrins Lächeln war bitter und ein wenig boshaft. „Nein, Drúdir. Die verdanken wir eher Leuten wie dir.“
Weder die Enthüllungen über Fragars Tod noch Drúdirs bohrender Blick brachten den ehemaligen Priester aus der Ruhe. Genüsslich lehnte Wisdrin sich zurück und ließ seine Worte wirken. Erst, als die Stille beinahe unerträglich wurde, schenkte er ihnen Tee nach und begann mit der unterdrückten Freude eines Mannes, der viel zu selten Gelegenheit erhielt, sein Wissen zu teilen, zu erzählen: „Du hattest immer gewisse Vorbehalte, dich mit deiner Begabung auseinanderzusetzen und ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass du es vorgezogen hättest, wenn jeder andere sie ebenso ignoriert hätte. Unnötig zu sagen, dass mir nichts fernerlag.“ Ein kaum merkliches, selbstironisches Lächeln spielte um seine Lippen. „Ich habe also ein paar Recherchen angestellt – mit interessanten Ergebnissen. Deine Begabung, Drúdir, ist unglaublich selten. Und sie hat eine Eleganz, die ich bewundern muss.“
In seiner Erinnerung fand sich Drúdir auf dem Boden einer dunklen Werkstatt wieder, die Hände um seine Kehle gekrampft und vergeblich nach Luft schnappend, während ihm Fragars warmes Blut über die Finger rann. Eleganz, gewiss doch.
Wisdrin war ein Meister darin, Andeutungen und subtilste Zeichen zu lesen … in literarischen Werken. So fuhr er fort, ohne Drúdirs Gesichtsausdruck weiter Beachtung zu schenken. „Aber so selten sie auch sind, sind doch einige Fälle von anderen Halirúnir – Menschen würden sie als Nekro…“
Drúdirs Blick brachte Wisdrin zum Verstummen. Der ältere Zwerg seufzte. „Herrje, Drúdir. Ich habe mir die Terminologie nicht ausgedacht. Jedenfalls gab es einige Magier mit deiner Begabung. Diejenigen, die unfähig waren, sie zu kontrollieren, können wir getrost außer Acht lassen, aber die, die wahre Meisterschaft darin erlangten … das ist eine andere Geschichte. Sie tendierten dazu, außergewöhnliche Leben zu leben. Aber danach fragst du besser jemand anderen. Ich habe immer eher die Natur der Magie erforscht, als die Geschichte ihrer Anwendung.“
Es war leicht zu durchschauen, was Wisdrin beabsichtigte. Und es funktionierte. Er hatte Drúdir am Haken. „Wen?“
„Rúnwis Jalrisson. Du wirst ihn sowieso bald aufsuchen.“
„Wieso das?“
„Weil Kargan das vor gerade einmal vier Monaten getan hat. Oh, und Drúdir?“
„Ja?“
Wisdrin beugte sich vor. Blanker Hass brannte in seinen hellen Augen und seine Stimme klang eine Oktave tiefer. „Lass nichts unversucht, um Fragars Mörder zu finden.“
Kapitel 3
Badyn
Das Luftschiff Eule glitt mit der Lautlosigkeit seiner Namensvetterin über die Wälder hinweg. Nur einmal, als die Morgendämmerung einsetzte, drehten sich mit einem leisen Knistern die unzähligen kleinen Schuppen, die die beiden Kabinen und den Ballon bedeckten, in ihren filigranen Fassungen. Statt des matten Dunkelgraus, das das Luftschiff bei Nacht tarnen sollte, präsentierte es nun eine diffus blaugraue Oberfläche.
Badyn, die mit ihren Mitverschwörern in der hinteren Kabine saß, sah nichts davon, aber sie wusste um die Effizienz, mit der der komplizierte Mechanismus seine Arbeit verrichtete und empfand eine tiefe Befriedigung. Es gab niemanden, der den Zwergen das Wasser reichen konnte, wenn es um Technik ging. Noch.
Noch sonnten sie sich in ihrer Überlegenheit, aber so gerne die Zwerge es sich auch einredeten, waren die Menschen keine Narren. Sie mochten vielleicht nicht auf das Geschick, die Erfahrungen und den reichhaltigen Schatz wissenschaftlicher Erkenntnisse zurückgreifen können, die die zwergischen Erfinder und Ingenieure unvergleichlich machten, aber sie waren fest entschlossen, den Entwicklungsstand der Union einzuholen – oder sich ihm zumindest so weit anzunähern, dass sie sich mit Gewalt nehmen konnten, was sie wollten. Sie hatten ebenso wenig wie die Zwerge der Union vergessen, wie lange diese unter menschlicher Herrschaft gestanden hatten.
Und nun, wo die Elfen ihre freiwillige Isolation aufgaben und mit aller Macht die Magie, seit je her der Fluch der Union, zurückkehrte … Badyns Augenbrauen zogen sich grimmig zusammen. Sie hatte in den letzten Monaten an kaum etwas anderes gedacht. Die bloße Anwesenheit der anderen vier Passagiere bezeugte, wie ernst sie ihre Befürchtungen nahm.
Ihr Blick glitt zu Angrin hinüber. Der rothaarige Zwerg in seiner von altzwergischer Mode inspirierten Kleidung saß kerzengerade auf seinem Stuhl und dachte wohl gerade über seine nächste Ansprache nach. Rücksichtslos und geltungssüchtig wie er war, war der Politiker weit davon entfernt, Badyns Sympathie zu genießen. Die meisten seiner Ansichten hielt sie für ein groteskes Zerrbild ihrer eigenen Werte. Aber dennoch verfolgten sie dieselben Ziele. Und ohne Angrin würden sie sich kaum verwirklichen lassen.
Ein anderer ihrer Mitverschwörer schien bemerkt zu haben, wie sie Angrin musterte. Er stellte Blickkontakt her und grinste ihr hinter dem Rücken des Politikers zu, als teilten sie einen boshaften Scherz. Badyns Gesicht blieb ausdruckslos. Es widerstrebte ihr bereits, eine geräumige Luftschiffkabine mit dem kleinen, teuer gekleideten Zwerg zu teilen, dessen Verhalten ihr gegenüber stets zwischen betonter Geringschätzung und anbiedernder Vertraulichkeit schwankte.
Von all ihren Mitverschwörern achtete sie ihn am geringsten. Sie mochte Angrins politische Ideen für dumm und gefährlich halten, aber zumindest war er selbst davon überzeugt, ehrenwerte Ziele zu verfolgen. Bei dem Zwerg, der nun mit einem trotzigen Blick auf Badyns Zurückweisung reagierte, konnte davon nicht die Rede sein. Sie waren gerade dabei, eine neue Ära der kiarvanischen Geschichte einzuleiten und alles, woran er dachte, waren der Reichtum und die Macht, die er dadurch erringen würde. Wenn der Plan, dem Badyn widerstrebend zugestimmt hatte, erst in die nächste Phase eintrat, würden sie alle von dem Fabrikbesitzer abhängig sein. Badyn wäre dann die hochrangigste Offizierin der Union und Angrin – zumindest in seiner Vorstellung – eine Kombination aus Präsident und Priesterkönig. Eldrir würde den straff organisierten Verwaltungsapparat einer wirklich vereinigten Union unter sich haben. Und all das wäre nichts gegen die Macht, die der Fabrikbesitzer in Händen halten würde.
Was hatte sie nur dazu gebracht, diesem Irrsinn zuzustimmen? Ach ja: Die Angst um die Sicherheit der Union.
Und wenn diese es nicht erfordern würde, den Fabrikbesitzer bei Laune zu halten, hätte Badyn wahrscheinlich den Revolver aus ihrer Handtasche gezogen und ihm eine Kugel ins Knie gejagt. Mindestens. Offenbar schien er zu ahnen, was ihr durch den Kopf ging. „Du wirkst mürrisch, Badyn. Wieso? Unser Experiment war ein voller Erfolg. Und du siehst heute wirklich gut aus, beinahe feminin. Du solltest öfter Zivil tragen.“
Sie starrte ihn aus verengten Augen an. „Ich glaube, wir haben Wichtigeres zu besprechen als meine Garderobe. Zum Beispiel, was dich auf den Gedanken gebracht hatte, die … Waffe im Bergfalke zu testen.“
Er lehnte sich nur zurück und strich sich in einer affektierten Geste das Haar aus der Stirn. „Ich dachte, die bedauernswerten Passagiere hätten ohnehin auf deiner schwarzen Liste gestanden. Und wir mussten wissen, ob alles funktioniert. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Nein, drei. Wenn man die Zeitungen liest und sich auf den Straßen so umhört, war Angrins Propaganda ein voller Erfolg.“
Unter den stumpfsinnigen Trotteln vielleicht, die alles glauben, was die Zwerge als starke und edle Opfer heimtückischer Verschwörungen darstellt, dachte Badyn. „Nicht alle sind empfänglich dafür. Es ist zu offensichtlich, dass an den Gerüchten nichts dran ist. Was hätten die Elfen oder Menschen davon, ausgerechnet das Luftschiff zu sprengen, auf dem die wichtigsten Fürsprecher des Handelsabkommens, des Akademieaustauschs und des großen Vertrages saßen? Nebenbei bemerkt: Es waren Zwerge, die womöglich auf unsere Seite gewechselt wären und uns gute Dienste geleistet hätten. Es war zu früh.“
„Bist du es nicht, die sonst immer von Präventivschlägen redet?“, mischte sich Angrin ein, der ihr die Abwertung seiner Propaganda zu verübeln schien. „Sonst kann es dir nie schnell genug gehen. ‚Tötet sie alle, bevor sie uns erwischen‘ und so weiter.“
„Ja, aber das heißt nicht, dass wir alle Vorsicht außer Acht lassen dürfen. Wenn irgendjemand von unseren Plänen erfährt, sind wir tot und die Union international geächtet“, mischte sich der vierte Passagier mit ruhiger Stimme ein. Eldrir: ein freundlicher Regierungsbeamter in mittleren Jahren, dem es irgendwie gelang, die Besessenheit, die ihn antrieb, in ruhige, bedachte Handlungen zu kanalisieren. Er mochte ein organisatorisches Genie sein, aber im Moment bestand sein Hauptverdienst um ihre Verschwörung darin, das ungleiche Quartett zusammenzuhalten.
Er wandte sich an Badyn und wechselte das Thema. „Hast du eigentlich Nachricht aus Nordkrone erhalten?“
„Fragar ist tot und die Briefe sind sichergestellt.“ Innerlich schüttelte sie den Kopf. Sie hatte in den Magier- und Einigungskriegen gelernt, Opfer zu bringen, wenn der Sieg davon abhing. Das hieß jedoch nicht, dass sie diesen vermeidbaren Tod nicht bedauerte. Wenn Kargan sich bloß die Mühe gemacht hätte, selbst zu forschen … andererseits: waren nicht sie es gewesen, die darauf bestanden hatten, dass keine Sekunde vergeudet wurde? Und letztlich war Fragar eines Todes gestorben, um den ihn die ersten Opfer beneidet hätten.
Angst und Ekel ließen Badyns Kehle eng werden, als sie an diese sechsundzwanzig Zwerge dachte. Aber sie vermengten sich auch mit kribbelnder Erregung. Sie mochte den vorzeitigen Einsatz ihrer Waffe an Bord des Bergfalke zutiefst missbilligen, aber wenn der Fabrikbesitzer nicht übertrieben hatte, würde sie ihrer Sorgen um die Sicherheit der Union bald ledig sein. Wer würde es wagen, ein Land anzugreifen, das mit dieser Macht zurückschlagen konnte?
Als hätte es auf ihre Gedanken reagiert, ging das Eule über einem kahlen Hügel in Sinkflug. Einst hatte hier ein Wald aus uralten Baumriesen gestanden, aber mittlerweile waren sie alle an die unersättlichen Brennöfen der nahen Fabriken verfüttert worden. Ein Schienenstrang wand sich wie eine bronzeschimmernde Schlange durch die Landschaft und verschwand im Hügelinneren.
Das Luftschiff sank tiefer und wurde von den unten wartenden Zwergen vertäut, die ihnen jedoch alle den Rücken kehrten, bevor sie aussteigen konnten. Nur ein Zwerg blieb: Der Kutscher des Fabrikbesitzers, der geduldig wartete, bis alle vier Passagiere festen Boden unter den Füßen hatten und dann ehrerbietig auf eine von einem stämmigen Pony gezogene Lore auf den Schienen deutete. Sie stiegen ein und auf ein Zeichen des Fabrikbesitzers hin setzte sich das Gefährt in Bewegung.
Warme, nach Kohle, Chemikalien und heißem Metall riechende Luft blies ihnen die Haare aus den Gesichtern, als sie in den lampenerleuchteten Gang einfuhren.
Immer tiefer ging es hinab, vorbei an den Eingängen von dämmrigen Lagerkavernen oder Fabrikhallen, in denen sich riesige Räder und Kolben bewegten wie die Gliedmaßen stählerner Drachen. Arbeiter in Schutzanzügen huschten zwischen den Maschinen umher wie seltsame Insekten. Das geschmolzene Metall, das die Rinnen im Boden füllte, tauchte sie in rötliches Licht.
Alles war in Bewegung und das rhythmische Stampfen und Rattern, Zischen und Dröhnen sowie die Rufe tiefer Zwergenstimmen, die sich gelegentlich darüber erhoben, vermengten sich zu einem Lärm, der jeden klaren Gedanken erstickte.
Schließlich ließen sie die letzte Halle hinter sich und Kutscher und Gefährt zurück, um dem Fabrikbesitzer den schmalen Gang entlang zu folgen. Sie mussten ein wenig warten, während er die letzte gepanzerte Tür aufschloss, doch schließlich wies er mit triumphierender Geste in den Raum, in dem ihre beinahe vollendete Waffe auf sie wartete.
Sie alle hatten die Baupläne gesehen, aber niemand von ihnen hätte mit der schrecklichen Erhabenheit dessen gerechnet, was sie nun erblickten. Selbst der Fabrikbesitzer schien aufs Neue zu staunen.
Typischerweise war es Eldrir, der als Erster das Wort ergriff.
„Es sind nur zwölf.“
„Keine Sorge, Nummer dreizehn kehrt schon noch zurück.“
Kapitel 4
Findra
Die fünf in schwarz gewandeten Zwerge mit ihren hohen Zylindern standen reglos in den Ecken des Saales. Noch zehn Jahre zuvor wären sie in dunkelblaue Kapuzenroben gehüllt gewesen, doch sie brauchten die schweren Zeremoniengewänder nicht, um schwermütige Würde auszustrahlen.
Mit gravitätischen Schritten betrat der Sechste den Raum, einen bronzenen Gong in der Hand. Langsam umrundete er den Sarg auf dem Sockel in der Raummitte, bevor er schließlich seinen Platz in der sechsten Ecke einnahm. Er schlug den Gong.
Einige der Versammelten, die auf Bänken entlang der Wände saßen, zuckten zusammen. Dabei war der Klang nicht einmal besonders laut – nur auf sonderbare Weise durchdringend. Der Nachhall schien ewig unter der runengeschmückten Kuppel des unterirdischen Saales zu hängen, und sie alle lauschten atemlos. Als er fast verklungen war, nahm der erste Zwerg mit klarer Stimme den Ton auf und hielt ihn scheinbar endlos lange. Ein zweiter Sänger stimmte einen anderen Ton an, ein dritter einen wieder anderen. So ging es hin und her. Fünf der Totensänger sangen einen Akkord nach dem anderen, nahezu unmöglich tiefe Töne, die man ebenso sehr zu spüren wie zu hören glaubte. Dann erhob der Sechste seine Stimme zu einer zugleich einfachen und erhabenen Melodie. Er sang auf Altzwergisch die erste Strophe der traditionellen Totenklage. Die anderen Sänger setzten erneut ein und zusammen vollendeten sie die anderen beiden Strophen.
Findras Blick glitt über die Reliefs an den Säulen. Sie zeigten Götter und Dämonen, deren offizielle Kulte mit dem Sturz der neun Orden, in denen Magie und Religion untrennbar verflochten gewesen waren und die die Menschen und Zwerge in Unwissenheit und Aberglauben hielten, ein Ende gefunden hatten. Mittlerweile waren die Tempel und Kathedralen von einst Festsäle und Lagerhallen und niemand würde öffentlich einem Gott huldigen. Dennoch … Wenn Findra sich die stilisierten Figuren und archaischen Symbole ansah, während die uralten Totengesänge der Zwerge ihre Knochen zum Vibrieren brachten, verstand sie, wieso der Glaube nie so ganz verschwunden war. Wieso die Skulpturen in jedem säkularisierten Tempel unberührt dastanden, umgeben von einem unsichtbaren Kreis, in dem niemand Dinge abzustellen oder wegzuwerfen wagte. Warum zu beinahe jedem Festmahl verstohlene Trankopfer gehörten, noch immer Drudenfüße Fensterbretter schmückten und bei Einbruch der Nacht Bruchstücke alter Verse ausgetauscht wurden, die so gar nicht in diese so aufgeklärte Zeit passen wollten …
Kaum hatten die Sänger geendet, senkten sie die Köpfe wieder und versanken in scheinbar vollkommener Passivität. Nur der Zwerg mit dem Gong trat einen Schritt vor. Er ließ seinen Blick über die Versammelten schweifen und Findra widerstand dem Impuls, den Kopf einzuziehen. Sie kannte die Anwesenden nur aus Zeugenbefragungen und das einzige Mal, als sie Fragar begegnet war, hatte er in einer Lache aus allmählich gerinnendem Blut gelegen. Dennoch hatte sie in den letzten Tagen so viel Zeit damit verbracht, das Leben des alten Zwerges zu erkunden, dass sie sich ihm nun vielleicht näher fühlte, als gut für sie war. In ihren Jahren bei der Nordkroner Polizei hatte sie zwar nicht alles gesehen, was von Zorn, Gier oder gelegentlich auch schierer Dummheit erfüllte Zwerge einander antun konnten, aber sie hatte doch eine repräsentative Auswahl betrachten können. Sie hätte nicht gedacht, dass ein Tod wie der Fragars sie noch berühren konnte. Die Besessenheit, mit der sie sich in diesen Fall stürzte, belehrte sie jedoch eines Besseren. Sie konnte sich selbst nicht so ganz erklären, was Fragar Brarison aus der langen Reihe der Toten hervorhob, mit denen sie es zu tun gehabt hatte.
Womöglich war es das absolute Fehlen brauchbarer Spuren; das Gefühl, dass etwas Größeres und Komplexeres hinter diesem Mord steckte, als sie ahnten – und die besorgniserregende Bestätigung, die sie vor wenigen Tagen dafür erhalten hatte. Vielleicht waren es auch all die Andeutungen über die seltsamen Zirkel, in denen Fragar sich bewegt hatte, ein in mystisches Dunkel gehülltes Netz von Gruppierungen und Beziehungen, das sie nicht einmal ansatzweise durchschaute. Und gewiss spielte auch noch mit hinein, dass sie Fragar mochte.
Bereits als sie ihn am Tatort gesehen hatte, hatte sie einen Stich trauriger Sympathie gefühlt. Sie wusste, dass das erschlaffte Gesicht des Toten wohl kaum seine Gefühle im Moment des Sterbens wiederspiegelte, aber der Ausdruck grenzenloser Enttäuschung auf seinem einst wohl offenen und freundlichen Gesicht, die stille Würde, die er trotz seines blutbesudelten Bartes ausstrahlte … Es gab Tote, bei deren Anblick einen das Gefühl überkam, dass man Zeuge des Unvermeidlichen geworden war, aber der Schnitt in Fragars Hals und das Chaos in seiner Werkstatt wirkten wie Teile einer anderen Geschichte, die durch einen entsetzlichen Fehler eingefügt worden waren – dort, wo eigentlich lange, ereignislose Kapitel hingehört hätten.
Ja, etwas an diesem Mord beschäftigte sie. So sehr, dass sie lieber ihre Karriere aufs Spiel setzte, als die Akte Fragar für immer zu schließen, wie man es ihr nahegelegt hatte. Der Versuch, sie in ihren Ermittlungen zu stoppen, machte sie nur noch entschlossener, Fragars Mörder ins Licht zu zerren. Und herauszufinden, wieso ihren eigenen Vorgesetzten nicht daran gelegen war.
Und deshalb hob sie trotzig den Kopf, als der Blick des Zeremonienmeisters sie streifte. Es mochte sein, dass sie Fragar zu Lebzeiten nicht gekannt hatte, aber sie hatte dennoch jedes Recht, hier zu sein. Ohne mit der Wimper zu zucken, ertrug sie die Blicke der anderen Trauernden, die sie vergeblich einzuordnen versuchten. Froh über den dichten Schleier aus schwarzer Spitze, der ihr Gesicht verhüllte, war sie trotzdem. Ihre Gründe mochten sie selbst überzeugen, aber sie zweifelte daran, dass es den anderen Zwergen im Raum ähnlich erging. Vor allem, da sie, bei aller halb eingestandenen Sympathie für den Toten, nicht primär hier war, um Fragar ihren Respekt zu erweisen. Deshalb lauschte die junge Ermittlerin den Worten des Zeremonienmeisters, der Fragars Verdienste auflistete, nur mit halbem Ohr.
Findra war hier, weil sie auf jemanden wartete.
Als er schließlich hereinkam – er glitt nahezu lautlos auf den letzten freien Platz auf einer der Bänke, aber natürlich bohrten sich trotzdem unzählige strafende Blicke in seinen Rücken – war sie zunächst nicht sicher, ob sie tatsächlich den gefunden hatte, den sie suchte. Wie auch? Alles, woran sie sich erinnerte, waren Eiskristalle, die von einem Ledermantel rieselten und ein Paar weißglühender Augen, die sich aus dem Schatten einer breiten Hutkrempe auf sie richteten. Die unsteten Schatten, die die fliegenden Lampen warfen, hatten es noch zusätzlich erschwert, seine Züge zu erkennen.
Der Zwerg, der nun mit starrer Miene zwischen zwei Cousinen Fragars saß, die ihn keines Blickes würdigten, war jung; vielleicht Anfang vierzig. Findra glaubte in seiner Haltung einen Trotz wahrzunehmen, der dem ihren nicht unähnlich war. Sein Gesicht zwischen dem Zylinder und dem steifen Kragen seines Hemdes war bleich und von Schlafmangel gezeichnet, wie sie aufgeregt feststellte. Trotz seiner grimmigen, verschlossenen Ausstrahlung war der Fremde – sie hatte einen begründeten Verdacht, was seinen Namen betraf, aber da endeten ihre Kenntnisse bereits – kein unattraktiver Mann. Das dunkle Haar, das ihm sorgfältig gekämmt bis auf die Schultern fiel, war voll und glänzend und seine offensichtliche Erschöpfung konnte die Intelligenz in seinen bernsteinbraunen Augen nicht verschleiern. Obwohl er in seiner steifen, altmodischen Trauerkleidung (die ihm halbwegs, aber keineswegs perfekt passte) eine durchaus elegante Erscheinung abgab, vermutete Findra, dass man ihn weitaus häufiger zerzaust und in informeller Kleidung antraf. In einem schlammbespritzen Ledermantel über einem zerknitterten Hemd vielleicht … Und was war das für ein Flackern in seinem Blick, als er sie ansah? War er nur wie die anderen Trauernden unfähig, sie einzuordnen, oder steckte mehr dahinter?
Findra versuchte, diesen abweisenden, doch gepflegten Mann mit dem dunklen Magier der letzten Nacht in Einklang zu bringen. Es ließ sich nicht ausschließen, aber sie war weit davon entfernt, sicher zu sein. Vielleicht, dachte sie selbstkritisch, war es aber auch nicht der Spott nach einer falschen Beschuldigung, den sie fürchtete. Was sie gesehen hatte, hatte sie mehr erschüttert, als sie sich selbst einzugestehen wagte. Von Kindheit an hatte sie gelernt, dass Magie etwas Widernatürliches war, ein Werkzeug der Machtgierigen, vor allem aber Gegenstand von Geschichten und Teil der Vergangenheit. Zu spüren, wie mitten in Nordkrone diese unnatürliche Kälte nach ihrem Herz griff und in ein paar glühende Augen zu blicken, hatte sie zunächst an ihrem Verstand zweifeln lassen.
Wären die fliegenden Lampen nicht gewesen, hätte sie die ganze Begebenheit vielleicht für eine aus verunreinigter Luft geborene Halluzination gehalten. Aber als sie nach ihrer vergeblichen Jagd in die verlassene Werkstatt zurückgekehrt war, hatten diese filigranen, beinahe unheimlich organisch anmutenden Meisterwerke der Mechanik wie eine sonderbare Kreuzung aus Blüte, Insekt und Uhr auf dem Boden der verlassenen Werkstatt gelegen.
Und Findra hatte sich an das beinahe schluchzende Keuchen des Fremden erinnert. Und daran, wie er sie umgestoßen hatte. Ihre Hand hatte sein Gesicht gestreift – kühle, regennasse Haut.
Und er war geflohen, statt sie anzugreifen. Sie hatte also Grund, in dem unheimlichen Zwerg, der wabernde Schatten um sich herum hatte aufsteigen lassen, mehr als einen der skrupellosen Magier aus den Geschichten ihrer Eltern zu vermuten. Deshalb wagte sie die Suche nach ihm. Aber wollte sie ihn tatsächlich finden? Die Vorstellung, ihm von Neuem gegenüberzustehen, rührte an ein tief verwurzeltes Unbehagen … Unbehagen? Nein, mehr als das. Was sie spürte, war Angst. Angst vor dem, was er tun konnte, aber auch davor, was seine bloße Existenz für ihr Weltbild bedeutete.
Doch sie beabsichtigte keineswegs, ihrer Furcht nachzugeben. Wenn dieser Fremde beabsichtigte, sich ihr bei ihrer Suche nach der Wahrheit über Fragars Tod in den Weg zu stellen, würde er feststellen, dass Findras geballte Entschlossenheit seiner Magie mindestens ebenbürtig war. Zumindest redete sie sich das ein.
Die wohlklingende Stimme des Zeremonienmeisters verstummte beinahe, ohne dass sie es bemerkte – so fixiert war sie auf das Gesicht des jungen Zwerges. Bist du es?, fragte sie ihn in Gedanken und kam sich dabei ein wenig lächerlich vor.
Ein großes Scharren und Rascheln setzte ein und Findra beeilte sich, es den anderen Trauernden nachzutun und sich zu erheben, als Fragars Sarg unter den Klängen eines weiteren langsamen Liedes aus dem Raum getragen wurde. Für einen Moment überlagerte der schwermütige Zauber dieser alten, einfachen Melodie Findras ruhelose Gedanken. Sie stellte sich vor, dem gewaltigen Chor all derer zu lauschen, die dieses Lied in den letzten Jahrhunderten gesungen hatten.
Dann richtete sie ihren Blick wieder auf den dunkelhaarigen Zwerg. Kaum hatte das Lied geendet und die Trauergesellschaft sich in kleinen, gedämpft miteinander sprechende Grüppchen zum Gehen gewandt, strebte er – mit einem kleinen Umweg über die Garderobenhaken, von denen er einen kurzen, dunklen Wollmantel fischte – in Richtung Ausgang.
Findra eilte ihm in unziemlicher Hast hinterher. Sie kurvte um Trauernde herum, eilte den kurzen Gang entlang und die Treppe hinauf, die in die Vorhalle des säkularisierten Tempels führte. Dort erhaschte sie einen Blick auf ihn, wie er die schwere Tür aufstemmte. Er hielt dabei jedoch instinktiv kurz inne, um die kürzlich polierten Messingbuchstaben auf der Innenseite zu lesen, die im Licht der Gaslampen an der Decke schimmerten:
„MEMENTO MORI“
Sein bitteres, schmerzerfülltes Lachen war leise, aber der Schall in dem weitläufigen Vorraum trug es bis zu Findra hinüber und jäh wusste sie, dass sie ihren Magier gefunden hatte.
Sie hechtete durch die zufallende Tür in die kühle, von Fabrikqualm und Feuchtigkeit gesättigte Luft hinaus und eilte ihm mit klackenden Absätzen nach.
„Drúdir Skadirson!“, rief sie gebieterisch.
Instinktiv reagierte er auf seinen Namen – sie hatte wohl richtig geraten - und ihre Schritte dicht hinter sich. Allein schon in der Bewegung, in der er sich jäh zu ihr umdrehte, lag Ablehnung, aber in seinem starren Gesicht spiegelte sich diese um ein Vielfaches heftiger.
Findra schob das Revers ihrer Jacke zur Seite, damit er das schimmernde Abzeichen sehen konnte, das an ihre streng geschnittene, schwarze Bluse geheftet war. „Mein Name ist Findra Ramnasdottir. Ich arbeite für die Stadtwache.“
Jetzt erst wurde ihr wieder bewusst, dass sie ihn durch ein dünnes Netz verschwommener, schwarzer Blüten betrachtete. Sie zog die lange Nadel aus ihrem Hut, die den Schleier fixierte. Mit Händen, die, wie sie hoffte, nicht zitterten, nahm sie ihn ab und sah Drúdir unverwandt in die Augen. „Ich bitte Sie um ihre Hilfe bei der Aufklärung des Mordes an Fragar Brarison.“
Der wachsame, abweisende Ausdruck auf seinem Gesicht vertiefte sich noch, aber er nickte ruckartig. „Na schön. Was wollen Sie wissen?“
Kapitel 5
Drúdir
Jede Bewegung war ein Kampf gegen seine vor Panik verkrampften Muskeln. Immer wieder spähte Drúdir zu der Zwergin hinüber. Bereits ihre Aura hatte ihn vermuten lassen, wer ihm da im Gewölbe gegenübersaß – und nun, da er ihr Gesicht gesehen hatte, gab er jede Hoffnung auf, unerkannt geblieben zu sein. Zwar war in der Nacht wenig vom Gesicht des Eindringlings zu erkennen gewesen, aber was er gesehen hatte, deckte sich mit Findras Zügen.
Wäre Drúdir nicht so entsetzt darüber gewesen, dass sie sein Geheimnis kannte, hätte er sie wahrscheinlich sogar attraktiv gefunden. Ihr honigblondes Haar war streng hochgesteckt und verschwand zum Teil unter ihrem schwarzen Hut, aber die Dicke der Flechten ließ vermuten, dass es ihr offen bis zur Taille fallen würde. Ein paar Strähnen hatten sich gelöst und umrahmten in sanften Wellen ein rundes Gesicht. Die weichen Linien der leichten Stupsnase, des Kiefers und der schön geschwungenen Lippen standen im Kontrast zu den markanten Wangenknochen und ihren auffallend dunklen Augenbrauen, unter denen eindringliche, braun-grüne Augen schimmerten. Ihr leicht gebräunter Teint war makellos, und wären die Umstände anders und ihr Blick weniger hart gewesen, hätte Drúdir den weichen Kurven, die sich deutlich unter ihrer Trauerkleidung abzeichneten, wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet.
Im Augenblick jedoch fragte er sich lediglich, was diese hübsche, junge Zwergin mit ihrem verhängnisvollen Wissen anfangen würde. Natürlich … im Grunde genommen hatte sie ihm nichts vorzuwerfen. Aber wenn er noch immer in Fragars Testament erwähnt wurde – was, wie ihm jetzt bewusst wurde, gar nicht so unwahrscheinlich war – machte ihn das zum Verdächtigen. Und da würde das Misstrauen, das seine Gabe weckte, wohl kaum dazu beitragen, seine Situation zu verbessern. Und selbst wenn sich herausstellte, dass er über jeden Verdacht erhaben war: Wenn erst durchsickerte, dass er Magie praktizierte, war nicht nur ein saftiges Bußgeld fällig. Heutzutage nahm niemand das Magieverbot besonders ernst, aber das hieß noch lange nicht, dass diese Kunst in hohem Ansehen stand; im Gegenteil. Sein Ruf wäre ruiniert und das bedeutete viel unter Zwergen. Die Isolation, in der er seit der Entdeckung seiner Andersartigkeit gelebt hatte, wäre zementiert. Ganz zu schweigen davon, dass kaum ein Uhrmachermeister einen Zwerg wie ihn als Partner akzeptieren würde.
„Machen Sie sich keine Sorgen.“ Findra schien seine Gedanken erraten zu haben. „Ihr Geheimnis ist bei mir vorerst sicher. Sie haben mich wahrscheinlich ebenfalls in der Hand.“
„Wie das?“
Statt einer Antwort zog sie nur eine nervöse Grimasse, die wohl ein Lächeln sein sollte, und beschleunigte ihren Schritt. Er folgte ihr und staunte, dass sie sich nicht der nächsten Straßenbahnstation näherten. „Ist der Weg zum Präsidium nicht etwas zu weit zum Laufen?“
„Wir gehen nicht dorthin.“
„Wohin dann?“
„Dahin zum Beispiel.“ Sie deutete auf eine kleine Garküche. „Ich lade Sie ein.“
Drúdir hatte keine Ahnung, wie Zeugenbefragungen normalerweise abliefen, aber er ahnte, dass solche Einladungen nicht zum üblichen Prozedere gehörten.
Wenn es Findras Absicht gewesen war, ihnen eine Gelegenheit zu verschaffen, sich unbelauscht zu unterhalten, hatte sie eine gute Wahl getroffen. Die Preise waren niedrig genug, um zahlreiche Arbeiter aus den nahen Fabriken anzuziehen. Offenbar war gerade eine Schicht zu Ende gegangen und nun beugten sich zahlreiche schäbig gekleidete Zwerge über Schalen mit Eintopf und Spieße mit Fleisch zweifelhafter Herkunft.
In dem vom weichen, gelben Licht weniger Gaslampen erhellten Raum vermengten sich die Gerüche von Bier, deftigem Essen und verschwitzter Körper mit dem Rauch unzähliger Pfeifen zu einem so intensiven Dunst, dass Drúdir staunte, wie wenig Zeit er dennoch brauchte, um sich daran zu gewöhnen.
Mit der sonderbaren Klarheit, die extreme Anspannung manchmal verlieh, registrierte der Zwerg Details wie den anthrazitfarbenen Staub, der sich unter den Fingernägeln und in den Falten der ungesund blassen Gesichter einiger Kunden gesammelt hatte. Wahrscheinlich waren sie für die Weiterverarbeitung und das Umladen der Kohle verantwortlich, die aus den nahen Bergen geliefert wurde. Ihre leisen Unterhaltungen füllten den Raum mit dem Gemurmel tiefer, müder Stimmen. Im Gegensatz zu der mit Fremdwörtern gespickten, überartikulierten Sprechweise der Oberschicht sprachen sie das mit verballhornten hochkiarvanischen Wörtern durchsetzte Zwergisch der unteren Schichten: Lang gezogene Vokale, K-Laute, die zu G, und T-Laute, die zu D wurden, was ihren gedämpften Gesprächen eine sonderbar melodische Qualität verlieh.
Gelegentlich mischte sich eine Stimme in das allgemeine Gemurmel, die so tief und dröhnend war, dass die schweren Bierkrüge auf den Tischen vibrierten. Drúdir wandte den Kopf und sah eine Art grotesk geformten Berg in der dämmrigsten Ecke der Gaststube sitzen: ein Troll. Im Laufe der Zeit hatte es einige der grauhäutigen Hünen in die nördlicheren Städte der Union verschlagen. Nun, zwei Jahrzehnte, nachdem die ersten von ihnen Arbeit in den Fabriken oder auf den riesigen Feldern der Großbauern gefunden hatten, begannen die Zwerge allmählich, sie zu akzeptieren – zumindest die Zwerge, die tagtäglich Seite an Seite mit ihnen schufteten. Diejenigen, für die Drúdir Uhren und filigrane mechanische Kunstwerke anfertigte, sahen selten einen Troll aus der Nähe und legten großen Wert darauf, dass es dabei blieb.
Drúdirs Blick kehrte zu Findra zurück. Sie hatte sich von seiner Seite gelöst und war zum Tresen geschlendert. Sie bewegte sich hier mit einer Selbstverständlichkeit, die in verblüffendem Gegensatz zu der steifen Eleganz ihrer Garderobe stand. Was durchaus Sinn ergab, wenn er bedachte, dass sie für die Nordkroner Polizei arbeitete. Von Töchtern reicher Industrieller oder Adliger wurde nur erwartet, einen angenehmen Anblick zu bieten, sich in jeder Gesellschaft elegant zu bewegen und eine angemessene Ehe einzugehen. Die Zwerge der Mittelschicht bemühten sich, dasselbe zu tun. Eine arbeitende Tochter oder Schwester galt als Eingeständnis finanzieller Probleme. Ausnahmen waren nur statusträchtige Betätigungen wie Wissenschaft oder traditionelle zwergische Kunst. Drúdir fand das lächerlich, aber immerhin waren die Zwerge in solchen Dingen immer noch etwas vernünftiger als die Menschen in den Ländern südlich der Union.
Mit zwei kleinen tönernen Bierkrügen in den Händen kehrte Findra zurück und führte ihn zu einem kleinen Tisch, der in der eisigen Zugluft zwischen der Tür und einem offenen Fenster stand und daher bisher leer geblieben war. Drúdir hatte kein Problem damit. Die Müdigkeit machte sich bei ihm bemerkbar und hinter seinen Augen pulsierte ein feiner, stechender Schmerz. Der belebende, kühle Luftzug, der ihm um die Schläfen strich, war ihm nur recht.
Für einige Sekunden, die sich ins Endlose zu dehnen schienen, saßen sie nur da und sahen einander misstrauisch über ihre Krüge hinweg an. Findra holte tief Luft. Drúdir war sicher, dass sie etwas sagen würde, aber stattdessen beugte sie sich zur Seite und kramte in ihrer geräumigen Umhängetasche. Als ihre kräftigen Hände – sechsfingrig, wie es gerade hier im Norden häufig vorkam – wieder zum Vorschein kamen, waren sie um etwas Metallenes gewölbt, als hielte sie einen verletzten Vogel. Behutsam und ohne Eile holte Findra eine fliegende Lampe nach der anderen aus ihrer Tasche und setzte sie auf den Tisch. Greifbarer Beweis ihrer Begegnung in der letzten Nacht, belastend und zugleich ein Friedensangebot.
„Beinahe traurig, dass sie durchgebrannt sind“, sagte sie.
„Ich kann die Glühbirnen austauschen“, entgegnete Drúdir vorsichtig und widerstand dem Drang, die Lampen in seinen Taschen verschwinden zu lassen. Noch immer war ihm beinahe übel vor Anspannung. Doch etwas an dem Respekt, mit dem Findra diese kleinen Maschinen behandelte, auf deren Konstruktion er so viel Zeit verwendet hatte und deren Verbindung zu ihm im magischen Spektrum als breiter Faden aufschimmerte, nahm ihm ein wenig von seiner Beunruhigung. Ein wenig, wohlgemerkt.
„Ich möchte mich entschuldigen“, sagte sie. „Ich habe Sie in der Nacht … tun sehen, was Sie getan haben, und bin wohl ein wenig in Panik geraten. Ich wusste nicht, wie Sie auf meine Anwesenheit reagieren würden, und bin auf Nummer sicher gegangen. Selbstverständlich hätte ich nur im äußersten Notfall geschossen.“
Natürlich konnte sie es sich leisten, sich großmütig zu entschuldigen, dachte Drúdir grimmig. Sie war es nicht, die am Schauplatz eines Mordes bei einem obskuren magischen Ritual ertappt worden war. Er wusste noch nicht einmal, was für einen schaurigen Anblick er geboten haben mochte, während sich die Magie in Schattenranken um ihn herum manifestierte und Eiskristalle seinen Mantel überzogen. Und hatte er nicht aus dem Augenwinkel zwei geisterhaft bläulich-weiße Punkte gesehen? Waren das etwa seine Augen im Spiegel gewesen? Götter, er konnte froh sein, dass sie nicht sofort geschossen hatte! Angesichts des angsterfüllten Aberglaubens, der Magie im Allgemeinen und jeden Zauber, der mit den Toten zu tun hatte im Besonderen umgab, musste sie eine sehr mutige Frau sein, um sich auf diese Konfrontation mit einem vermeintlich mächtigen Magier einzulassen.
„Ich hätte vermutlich ganz ähnlich reagiert“, gestand er ein, jedoch ohne die abweisende Maske fallen zu lassen, zu der sein Gesicht geworden war. Sie hatte vielleicht seinen Respekt verdient, aber bis auf Weiteres weder Vertrauen noch übermäßige Freundlichkeit. „Wollen Sie mir vielleicht sagen, warum wir hier sind?“, fragte er.
Findra seufzte. „Glauben Sie es oder nicht, aber ich bin wirklich interessiert daran, herauszufinden, warum Fragar sterben musste. Und wenn Sie getan haben, was ich glaube, dass Sie getan haben, geht es Ihnen ganz ähnlich.“
Drúdir beschloss, sie auf die Probe zu stellen. „Was glauben sie denn, was ich getan habe?“
Findra biss sich auf die volle Unterlippe. „Äh … Nekromantie?“ Wahrscheinlich kam sie sich gleichzeitig kühn und lächerlich dabei vor, es auszusprechen.
Drúdir widerstand mühevoll dem Drang, den Kopf auf die zerkratzte Tischplatte zu hämmern. Er hasste dieses Wort. Es weckte vollkommen falsche Vorstellungen … oder gar keine, wenn er in Bezug auf Findra richtig vermutete. Höchstwahrscheinlich ahnte sie, dass sein Zauber etwas mit dem Zwerg zu tun hatte, der an jener Stelle gestorben war und konnte dies mit einem in einem Groschenroman oder schlechten Historiendrama aufgeschnappten Wort in Verbindung bringen. Doch da würden ihre Kenntnisse schon enden.
„Der Begriff bereitet Ihnen Unbehagen“, bemerkte sie.
Drúdir seufzte. „Wenn Sie ‚Nekromant‘ hören, denken Sie wahrscheinlich an einen Verrückten in schwarzer Kutte, der auf Friedhöfen herumschleicht und leise vor sich hin kichert, während er perverse Experimente oder die Ergreifung der Weltherrschaft plant.“
„Und das trifft nicht zu?“ Natürlich wollte sie ihn mit diesen Worten provozieren. Und natürlich schaffte sie es.
„Wenn Sie das glauben, was die Autoren dieser Groschenheftchen Ihnen weismachen wollen, staune ich, dass man Ihnen einen Mordfall übertragen hat“, fauchte er.
Sie hob eine Augenbraue. „Wie sieht die Realität denn aus?“
Wieder stürzten die Erinnerungen an Fragars Tod auf ihn ein. Und die an die Tode seiner Eltern. Und die an den des unbekannten Unfallopfers, dessen Erinnerungen er versehentlich in sich aufgenommen hatte. Und die an die überfahrene Katze. Und natürlich an all die wunderschönen, gefährlichen Ornamente aus Schmerz und Tod, die wie scharfzackige Sterne in der Magie um ihn herum schwebten. Fragar und seine Freunde hatten in ihrer mit unbeholfenem Mitgefühl kaschierten Begeisterung nie begriffen, was Drúdirs Gabe wirklich bedeutete.
„Unangenehm“, sagte er knapp.
Dann brach es aus ihm heraus: „Sie fragen sich, warum ich über das MEMENTO MORI gelacht habe? Weil ich nun wirklich der Letzte bin, der diese Erinnerung braucht. Ich sehe den Tod überall, vor allem, wenn er überraschend und qualvoll kommt. Ich habe Fragars Tod erlebt, als wäre er mein eigener! Falls Sie geschichtlich bewandert sind, kennen Sie vielleicht die eine oder andere Geschichte über die Macht der Nekromanten von einst. Glauben sie sie nicht! Welche Macht auch immer in den Fragmenten ermordeter Seelen liegt: Wer bereit ist, den Preis dafür zu zahlen, ist nicht bei klarem Verstand!“
„Oh …“ Sein Ausbruch ließ sie verblüfft und verlegen zurück, was ihm eine gewisse Befriedigung verschaffte. Natürlich nicht genug, um seine Scham zu überdecken, oder auch nur das Erstaunen über sich selbst. Der nächste Moment der Überraschung folgte auf dem Fuß. Zuerst spiegelte ihr Gesicht Distanz und Ablehnung, aber dann trat auch so etwas wie aufrichtiger Respekt in ihre Augen. „Ich bin beeindruckt, dass Sie das für Fragar auf sich genommen haben.“
„Ich war es ihm schuldig.“
Sie nickte. „Auch ich schulde Fragar etwas.“
„Tun Sie nicht so, als würde er Ihnen etwas bedeuten.“
Nun war sie es, die ihn anfauchte: „Er bedeutet mir genug, um meinen Beruf für ihn zu riskieren. Und wenn Sie irgendetwas über meine Situation wissen würden, wüssten Sie, was das heißt.“
Ihre Feindseligkeit erleichterte Drúdir auf sonderbare Weise. Sie stellte die Distanz wieder her, die er mit seinem Eingeständnis so jäh verringert hatte.
Eine Weile starrten die beiden Zwerge einander mit ausdruckslosen Gesichtern an, dann griff Findra nach ihrem Bierkrug und nahm einen langen Zug. „Haben Sie etwas gesehen, was mir bei den Ermittlungen weiterhelfen könnte?“
Drúdir hob eine Augenbraue. „Mir?“
„Haben Sie etwas gesehen?“ Ihre Stimme war halb ungehalten, halb flehend.
Drúdir seufzte. „Zuviel. Und gleichzeitig kaum etwas Nützliches.“ Es war die Wahrheit – so viel davon, wie er im Augenblick zu teilen bereit war. Es widerstrebte ihm zutiefst, Findra ins Vertrauen zu ziehen, umso mehr, da es hier nicht nur um ihn ging.
Seine Nachforschungen würden ihn tief in das verworrene Beziehungsgeflecht des Netzwerks führen. Und obwohl er viele Standpunkte seiner Mitglieder nicht teilte, wünschte er keinem von ihnen – na schön, fast keinem – den Besuch der nicht gerade für ihr Feingefühl bekannten Nordkroner Polizisten. Zwar war niemand von ihnen je so dumm gewesen, sich beim Praktizieren von Magie ertappen zu lassen, aber zum Netzwerk gehörten auch hochrangige Politiker und Zwerge wie Wisdrin, die es sich nicht leisten konnten, mit Magie in Verbindung gebracht zu werden. Zu lebendig war die Erinnerung daran, wie diese während der präindustriellen Zeit und der Magierkriege missbraucht worden war.
Auch Findra stieß gereizt die Luft aus. „Hören Sie zu, Hexerei ist nicht die Methode meiner Wahl, aber wenn Sie ihren … Zauber schon einmal gewirkt haben, machen Sie das Beste daraus, indem Sie mir erzählen, was Sie gesehen haben. Sie können etwas Gutes bewirken, wenn Sie der Polizei helfen.“
„Als ob irgendjemand die Hilfe eines Nekromanten akzeptieren würde. Sie erinnern sich: Kutten und Gekicher. Viel Spaß dabei, das Ihren Kollegen zu verkaufen.“
„Ich frage nach Ihrer Hilfe – und biete meine an. Und wenn Fragar Ihnen wirklich am Herzen lag – und angesichts dessen, was Sie auf sich genommen haben, um etwas darüber herauszufinden, bin ich davon überzeugt – werden Sie sie annehmen. Sie werden bei all ihren Fähigkeiten nicht weit kommen, ohne die Hilfe von jemandem, der weiß, wie man eine Mordermittlung führt.“
„Sie sprechen auffallend oft nur von sich. Was ist mit der ganzen Nordkroner Polizei, die eigentlich dabei hinter ihnen stehen sollte?“
Findra presste die Lippen zusammen und in ihren Augen glomm Zorn, der sich ausnahmsweise nicht gegen ihn richtete. „Sagen wir es so: Die gesamte Nordkroner Polizei – oder zumindest der Mann, dem sie untersteht – nimmt ihre Pflichten, was diesen speziellen Fall betrifft, nicht sehr ernst.“
„Mit Ausnahme von Ihnen?“
„Genau. Mit Ausnahme von mir, die ich, nebenbei gemerkt, für dieses bisher ziemlich unergiebige Treffen ein verdammt hohes Risiko eingehe.“
„Und genau das verstehe ich nicht. Ich habe gehört, bei Ihnen stapelten sich die Akten ungelöster Fälle. Warum gehen Sie nicht einem von denen nach?“
„Haben sie mir nicht zugehört? Wahrscheinlich bin ich aus irgendeinem Grund besessener von Fragars Tod, als mir guttut, aber es geht hier nicht nur um ihn. Wenn ich herausfinde, warum er gestorben ist, weiß ich auch, was meinen Vorgesetzten – einen bisher als absolut integer bekannten Zwerg – dazu bringt, durch nahezu komplett unterlassene Ermittlungen womöglich einen Mörder davonkommen zu lassen … und mir mit einer Versetzung in ein Kaff an der Grenze zu den Trollländern zu drohen, wenn ich mich weiter damit beschäftige.“
Drúdir beugte sich vor. „Das heißt …“
„Fragar wurde womöglich mit dem Segen von jemandem ganz oben getötet.“
„Aber … warum?“ Drúdir hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, als er den quengeligen Klang seiner Stimme hörte.
Findra zuckte die Achseln. „Das werde ich wohl nie herausfinden, wenn Sie mir nicht verraten, was Sie wissen.“
Drúdirs Schultern sackten nach unten, als er eine Entscheidung traf. Wahrscheinlich war es ihre Isolation, die ihn für sich einnahm, obwohl sich in jedem ihrer Blicke all die Ablehnung und Angst zu spiegeln schienen, die sich die Magier Kiarvas in Jahrhunderten der Gewaltherrschaft erarbeitet hatten. Und der Fakt, dass sie recht hatte. Allein würde er nicht weit kommen. „Ihr arbeitet doch mit den Paranoikern von der Spionageabwehr zusammen, oder?“
Findra biss sich auf die Lippen – diesmal eher verlegen. Die Spionageabwehr der Union hatte ein gewichtiges Problem: Es konnte bei ihr nicht von einer Organisation die Rede sein, sondern vielmehr von unzähligen regionalen Vereinigungen, die einander fast noch mehr misstrauten als den Ausländern, auf die sie eigentlich ein Auge haben sollten. Informationen wurden widerstrebend und unvollständig weitergegeben … oder nur über die Lecks, die sich trotz der Geheimhaltungsbemühungen häuften. Die misstrauischeren Zwerge gingen beinahe alle davon aus, dass es irgendwo noch eine wirklich ernstzunehmende Organisation gab, der die Stümperei der offiziellen Spionageabwehr als Tarnung diente.
„Vor vielleicht fünfzehn Jahren ist ein gewisser Kargan hergekommen und hat hier fünf Jahre lang als Lehrling bei Fragar gearbeitet. Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, herauszufinden, ob es eine Akte über ihn gibt.“
Kapitel 6
Phandrael
Phandrael war sich der Augen bewusst, die ihm durch die hohen Gänge folgten. Höflinge – oder Abgeordnete, wie sie neuerdings hießen, aber letztlich waren sie doch nur Shideris‘ Marionetten – wandten die Köpfe, als er vorbeiging. Der hochgewachsene Elf konnte sich ihre Mienen gut vorstellen, die plötzliche, angespannte Missbilligung, die in ihre Züge trat. Er war anders als sie und dachte keinen Augenblick lang daran, das zu verbergen, nur um ihnen ihr vergeblich von Verachtung kaschiertes Unbehagen zu nehmen.
Statt sie oder die ihn umgebende Pracht auch nur eines Blickes zu würdigen, hielt er die Augen auf den schmalen, hochaufgerichteten Rücken der Dalanah gerichtet, die ihn führte. Jedes Mal, wenn sie eines der wunderschönen Buntglasfenster passierten, wurde ihr blütenweißes Gewand von farbigem Licht übergossen. Es war so lang, dass es hinter ihr einen Schritt weit über den Boden schleifte und ihre Bewegungen darunter waren so fließend, dass sie auch ein paar Millimeter über dem Boden hätte schweben können. Im Gegensatz zu der nachlässigen, übernatürlichen Anmut von Phandraels Bewegungen war die zurückhaltende Eleganz ihres Ganges genauso Ergebnis eiserner Disziplin wie die Makellosigkeit ihrer Kleidung und Frisur.
Es dauerte Jahre, zu einem Dalanon der Königin zu werden. Aus gutem Grund. Diese von einer Aura unnahbarer Perfektion umgebenen Elfen waren keineswegs einfache Diener, sondern Sekretäre, Leibwächter, Boten und teilweise sogar enge Vertraute der Königin. Diskret, effizient und, sollte es nötig werden, absolut tödlich. Im Gegensatz zu den meisten war Phandrael von diesem letzten Aspekt nicht weiter eingeschüchtert. Die Pagen waren ihm aus einem anderen Grund unheimlich: Mit ihren langen, makellosen Gewändern, den einstudierten Bewegungen und tadellosen Umgangsformen wirkten sie wie einer anderen Zeit entsprungen – jener Zeit, in der der gesamte Palast erstarrt schien.
Gewiss, die Elfen Cirdayas mochten die Entwicklungen auf dem Festland voller Aufmerksamkeit verfolgen, aber sie weigerten sich, darauf zu reagieren. Ganz so, als wollten sie nicht wahrhaben, dass ihre seit Jahrtausenden überlieferte Kultur keinen Platz in diesem neuen Kiarva hatte. Ihre selbstgewählte Isolation war nichts weiter als ein Versuch, das Unvermeidliche aufzuhalten.
Phandrael und die Dalanah passierten ein Paar vollkommen regloser Dalanai. Auch sie trugen weiße Gewänder mit breiten Schärpen, nur fielen ihnen diese gerade einmal bis zu den Knien. Die breiten, schwarzen Gurte, die je einen Dolch, ein Kurzschwert und ein Zwillingspaar Pistolen hielten, hoben sich deutlich von dem makellosen Weiß ab. Ihre Gesichter verschwanden unterhalb der Augen unter dunkelroten Schleiern, die im Nacken kunstvoll mit ihrem Haar verschlungen waren.
Keiner von ihnen machte Anstalten, sie aufzuhalten. Gewiss hatte Shideris sie angewiesen, ihn passieren zu lassen. Ob ihnen dies gefiel, war eine andere Frage. Er machte bereits Elfen nervös, die es nicht gewohnt waren, in jedem Neuankömmling eine potenzielle Gefahr zu sehen. Phandrael verkniff sich ein Grinsen bei der Vorstellung, sie anzugreifen. Er hatte es so selten mit echten Herausforderungen zu tun …
Während die Dalanah, die ihn hergebracht hatte, an die geschlossene Tür am Ende des Ganges klopfte und ihn mit leiser, melodischer Stimme ankündigte, glättete er seinen Frack. Er mochte die menschliche Mode, die – von der traditionellen Kleidung der Palastangestellten einmal abgesehen – mit einigen Veränderungen ihren Weg selbst nach Cirdaya gefunden hatte. Es war die Kleidung von Geschöpfen, die entschlossen waren, diese neue, schnelle Welt mit ihren Maschinen und Telegrafenmasten, Eisenbahnschienen und neuen Regierungsformen mitzuformen.
„Ihr könnt nun eintreten, Sir Phandrael“, sagte die Dalanah. Schlanke, weiße Finger wiesen auf die geöffnete Tür. Phandrael deutete ein Nicken an und folgte ihrem Wink.
Das Spiegelbüro trug seinen Namen zu Recht. Über den brusthohen Aktenschränken waren die Wände zu beiden Seiten mit grauer, von filigranen, dunkleren Ornamenten geschmückter Seide überzogen, auf der winzige Spiegel schimmernde Akzente setzten. Die zierlichen Möbel – organisch wirkende Strukturen aus Holz und Metall, die Glasplatten oder seidenbezogene Polster trugen – setzten das an winterliche Zweige erinnernde Motiv fort. Doch jeder Gedanke an die Einrichtung war vergessen, als er die Elfe ansah, die ihn schweigend erwartete. Das Licht, das hinter ihr durch das große, weiße Rosettenfenster strömte, ließ sie zunächst nur als schmale Silhouette erkennen.
Shideris – ihr Name weckte beinahe mehr Ehrfurcht als ihr königlicher Titel – war eine bemerkenswert schöne Frau. Ihre großen Augen waren so schwarz, dass es unmöglich war, die Linie zwischen Iris und Pupille zu erkennen – ebenso unmöglich, wie in ihnen so etwas wie Emotion zu lesen.
Phandrael verneigte sich mit seiner üblichen Theatralik, in die man allzu leicht Ironie hätte hineindeuten können. Dabei ergriff ihn bei ihrem Anblick tatsächlich Ehrfurcht. Für die meisten Elfen war Shideris die Frau, die Cirdaya durch eine Mischung aus großem politischen Geschick und verblüffender Rücksichtslosigkeit zu einem reichen, friedlichen Land gemacht hatte. Auch Phandrael respektierte sie dafür. Aber aus einem anderen Grund noch mehr.
„Majestät“, grüßte er.
„Phandrael.“ Ihre Stimme war erstaunlich tief für eine so kleine Frau. Für einen Moment stand sie nur da und sah ihn an. Prüfend? Missbilligend? Oder auch nur in Gedanken versunken, die gar nicht ihn betrafen? Phandrael war gut darin, all die Emotionen und Motive zu erkennen, die andere sogar vor sich selbst verbargen, doch was die Königin dachte und fühlte, war ihm immer ein Rätsel geblieben. Glücklicherweise ersparte sie es ihm, den Grund für seine Anwesenheit erraten zu müssen. Shideris kannte das komplizierte Protokoll des elfischen Hofes – und sämtlicher Institutionen aller anderen Staaten – bis ins kleinste Detail, aber im Gespräch mit ihm brachte sie alles direkt und ohne Verzögerung zur Sprache. So brach sie auch jetzt ihr versonnenes Schweigen, indem sie ein Blatt Papier vom Schreibtisch griff und ihm zeigte. „Erinnerst du dich an diesen Mann?“ Phandrael studierte die Bleistiftskizze. Das meisterhaft ausgeführte Portrait zeigte einen jungen Elfen mit schulterlangem, hellem Haar und intelligenten Augen. In seinem Blick lag etwas, das jeden Betrachter auf Distanz hielt. Ein Mann ohne besondere Kennzeichen. Nur, dass Phandrael diesen speziellen Mann ohne besondere Kennzeichen kannte. Zumindest oberflächlich.
„Valedas, nicht wahr?“, fragte er, obwohl er sich des Namens sicher war.
„Ja, Valedas. Einer deiner Drasirai-Brüder, und doch deutlich mehr als das.“
„War er ein Naturtalent?“ Phandrael hielt seine Stimme bewusst neutral.
„Genau. Seine Begabungen sind durch die Initiation nur verstärkt worden. Aber ich fürchte nicht seine Magie, sondern die Informationen, über die er verfügt. Seine Intelligenz und seine Überzeugung, besser als jeder andere zu wissen, was zu tun ist – und notfalls andere zu ihrem Glück zu zwingen. Ganz zu schweigen davon, dass er die eine oder andere unselige Allianz geschlossen haben könnte.“
Es dauerte ein wenig, aber als Phandrael die Wortwahl der Königin auffiel, blickte er beinahe erschrocken auf. Hatte Shideris gerade tatsächlich „fürchte“ gesagt?
„Wo ist er jetzt?“
„Ich weiß es nicht.“ Shideris sprach mit der Lässigkeit einer Herrscherin, die wusste, dass sie sich dieses Eingeständnis leisten konnte. Es geschah selten, dass sie etwas nicht wusste. „Aber“, fuhr sie fort, „es gibt gewisse Hinweise auf seinen Aufenthaltsort. Ich möchte, dass du ihn findest. Dass du herausfindest, was er tut, warum und für wen. Und dass du, sollte es unseren Interessen zuwiderlaufen, dafür sorgst, dass es ein Ende findet. Dauerhaft.“
Phandrael konnte nicht verhindern, dass sich seine Lippen zu einem Lächeln verzogen. Valedas hatte ihm nie Grund zur Abneigung gegeben, aber das bereitete ihm keinerlei Gewissensbisse. „Ich soll also einen Drasirai-Bruder mit angeborenen Kräften jagen, ausspähen und notfalls töten?“
„Das waren meine Worte.“
Die Augen des Drasiron leuchteten auf.
„Wenn auch nur ein Bruchteil dessen, was ich befürchte, wahr ist, kann ich nicht riskieren, dass du scheiterst. Du wirst eine weitere Drasirah mitnehmen. Kyrai.“
Phandrael neigte den Kopf, obwohl ihm der Gedanke missfiel. Er kannte diese Kyrai nicht, aber viele seiner Brüder und Schwestern waren entsetzlich konservativ. Seine Einstellung machte ihn selbst unter seinesgleichen zu einem Außenseiter. Aber noch mehr als die Frage, wer ihn wohl begleiten würde, beschäftigte ihn, wie vage Shideris geblieben war. Mit Sicherheit würden er und seine Gefährtin alle Details erfahren, die sie brauchten, um ihre Mission zu vollenden. Aber über die Hintergründe informierte Shideris sie meist im direkten Gespräch. Wenn sie nun schwieg, würde sie es wohl für immer tun. Es würde ihn nicht um den Schlaf bringen, doch er hätte gerne mehr gewusst.
Shideris wandte sich ab. Die Königin blickte aus dem Fenster, als habe sie seine Anwesenheit vollkommen vergessen. Der tiefe Rückenausschnitt ihres Kleides offenbarte viel blasse, makellose Haut, und – nur eine Nuance dunkler – ein verschlungenes Symbol auf ihrem linken Schulterblatt. Es bog die Magielinien nicht, wie die Tätowierungen einer Drasirah es tun würden, aber es war zweifellos ein Dryadenmal – das allererste Zeichen des Bundes, den die Königin eingegangen war, um denen, die den Preis dafür zu zahlen bereit waren, die Magie von einst zu erschließen … oder zumindest einen erbärmlichen, aber dennoch berauschenden Rest davon.
Er fragte sich, wieso Shideris für die Audienz gerade dieses Kleid gewählt hatte und ihre Tätowierungen nicht wie sonst verbarg. War dies eine Botschaft an ihn? Eine Mahnung, dass er seine Macht und Stellung ihr verdankte? Oder aber war es ein Zeichen ihrer Verbundenheit zu den Drasirai? Ein Bekenntnis zu der Magie und den Ideen, die sie gemeinsam verteidigten?
Noch eine dieser Fragen, über die er nachdenken konnte, oder auch nicht. Viele unterstellten ihm, ein Mann ohne Moral zu sein, der nur an sein eigenes Vergnügen dachte, aber das stimmte nicht. Was er im Dienst der Königin tat, stand im Einklang mit seiner Idee eines Cirdaya, das seinen Weg in das Zeitalter der Technik fand, ohne etwas von seiner Macht oder Kultur einzubüßen. Eines Leuchtfeuers, das den anderen Kiarvanern einen Weg wies, sich von den einzigen beiden Dingen zu befreien, die Phandrael als Sünden gelten ließ: Stumpfsinn und Hässlichkeit. Soweit seine Ideale.
Aber Phandrael war auch ein ehrlicher Mann. Er mochte über den Kontext seiner Missionen nachdenken, aber er leugnete nicht, dass für ihn vor allem eines zählte: Die Herausforderung und das vielschichtige Vergnügen, was er daraus bezog. Der Rausch, den er als einer von wenigen Elfen zu umarmen wusste.
Als habe sie sich plötzlich an seine Anwesenheit erinnert, reichte Shideris ihm einen dicken, versiegelten Umschlag, den Phandrael umgehend in seiner Innentasche verschwinden ließ. „Du dürftest Kyrai um diese Zeit bei ihr zu Hause finden“, sagte sie.
Kein Wort der Entschuldigung dafür, dass sie ihn minutenlang ignoriert hatte. Wieso auch? Natürlich maß sie dem Gedanken, der sie gerade abgelenkt hatte, mehr Bedeutung zu als seinem Höflichkeitsempfinden.
Phandrael deutete eine Verbeugung an und zog sich zurück. Erneut drehte Shideris ihm den Rücken zu, um aus dem Fenster zu sehen. Aber diesmal erhaschte er einen Blick auf ihr Gesicht, während sie es tat. Und zum ersten Mal seit langem spiegelte sich unverkennbar ein Gefühl darauf: Sorge.
Kyrai wohnte am Stadtrand, in einem der hohen, schmalen Häuser, die sich hier eng aneinanderschmiegten. Große Fenster blickten wie dunkle Spiegelaugen aus den hellen Fassaden.
Phandrael zog an der Klingelschnur. Die meisten Drasirai der Hauptstadt kannte er zumindest vom Sehen, aber einer Kyrai war er noch nie begegnet. Gerüchteweise sollte es eine weitere Akademie an der Nordküste geben. So verbunden die Drasirai sich durch ihre Gaben auch fühlen mochten, tauschten sie sich doch nur wenig untereinander aus. Als nach seinem Klopfen zunächst nichts geschah, zog Phandrael den Umschlag, den Shideris ihm ausgehändigt hatte, aus der Tasche und überflog die eng beschriebenen Seiten darin. Mit dem Code war er so vertraut, dass er sie mühelos lesen konnte. Die Suche nach Valedas könnte noch interessanter werden als ursprünglich gedacht.
Ohne dass das Geräusch von Schritten sie angekündigt hätte, schwang die Tür nach innen auf und gab den Blick auf Kyrai frei. Phandrael nahm sich einen Moment Zeit, um sie zu betrachten. Die Drasirah war nicht besonders groß, wahrscheinlich noch etwas kleiner als Shideris, mit silbrig-blondem Haar, das sie zu einem schlichten Knoten geschlungen hatte. Zwei sehr glatte Strähnen hatten sich daraus gelöst und rahmten ihr beinahe durchscheinend blasses Gesicht mit den nachdenklichen, dunkelgrauen Augen ein. Die obersten Knöpfe ihrer silbergrauen Seidenbluse waren offen und eine Seite des Kragens gerade weit genug zur Seite gerutscht, um den Blick auf ein Flechtwerk zartblauer Adern und ein feingeschwungenes Schlüsselbein freizugeben, das sich als scharfer Grat unter ihrer Haut abzeichnete. Dazu trug sie dunkle Hosen, aber keine Schuhe. Auf den Spann von jedem ihrer Füße war eine hellgraue Glyphe tätowiert.
Bei den meisten Frauen hätte Phandrael diese Aufmachung auf subtile Weise aufreizend gefunden, aber wie der Zufall es so wollte, begegnete er heute bereits der dritten Elfe, die in ihrer Anmut so steif und kontrolliert wirkte, dass ihr Anblick ein rein ästhetisches Vergnügen bot.
„Willkommen“, sagte sie und deutete einen formellen Knicks an. Ohne einen Rock, der sich dabei dramatisch auffächerte, sah die Bewegung bei aller Eleganz seltsam aus.
„Ich nehme an, du hast mich erwartet. Ich bin Phandrael“, stellte er sich vor.
Sie lud ihn mit einer Handbewegung ins Innere ihres Hauses ein. „Dann haben wir wohl einiges zu besprechen.“
Jedes Mal, bevor sie das Wort ergriff, hielt sie kurz inne, gerade lang genug, dass es einem sehr aufmerksamen Zuhörer auffallen konnte. Als würde sie sich jede Äußerung verbieten, die sie zuvor nicht noch einmal überdacht hätte.
Phandrael unterdrückte ein Seufzen. Vielleicht würde sie ihn noch positiv überraschen – amüsanterweise waren es immer die besonders beherrscht wirkenden Drasirai, deren Kontrollverlust, wenn er stattfand, absolut war. Doch er ahnte bereits jetzt, dass es kein Spaß werden würde, mit ihr zusammenzuarbeiten.
„Wollen wir vielleicht in meinem Atelier miteinander sprechen? Es ist der größte und hellste Raum.“
Sie deutete eine schmale Treppe hinauf. „Ich komme gleich nach.“
Neugierig stieg er die Stufen empor. Ihr Atelier befand sich direkt unter dem Dach, ein großer Raum mit schrägen Wänden und großen Fenstern, durch die breite Lichtbahnen ins Innere fielen. Auf niedrigen Regalen an den Wänden standen bemalte oder noch weiße Porzellanskulpturen, Teller und Medaillons. Ein breiter Tisch in der Mitte war mit Pinseln, Paletten und im Entstehen begriffenen Werken bedeckt; ein weites, von Farbflecken bedecktes Hemd über eine Stuhllehne geworfen.
Sie war Porzellanmalerin? Phandrael wollte bereits die Augen verdrehen, aber dann sah er sich Kyrais Kunstwerke genauer an. Sie hatte feine Pinsel benutzt, um auf den ersten Blick idyllische Szenen auf den schimmernden Untergrund zu bannen. Wenn man jedoch genauer hinsah, gab es in beinahe jedem ihrer Bilder eine fremdartige, beunruhigende Komponente. Manchmal nur durch einen einzigen Pinselstrich, der dem Lächeln einer Figur etwas Wissendes, Grausames verlieh oder einem Schatten die Andeutung von etwas, das sich darin verbergen konnte. Bei anderen Figuren hingegen wurde der harmlose Anschein auf spektakuläre Weise durchbrochen. Phandrael hob eine Porzellanfigur an, um sie näher zu betrachten. Schwer, glatt und kühl ruhte sie auf seiner Handfläche, während er sie langsam drehte und die unglaubliche Präzision von Kyrais Arbeit bewunderte. Eine beinahe kindlich aussehende Frau, an deren weißem Kleid über der linken Brust eine große, dunkelrote Blüte steckte, hielt die Arme anmutig angewinkelt. Ihre Finger formten eine Schale, deren Inhalt sie mit distanziertem Interesse aus vollkommen schwarzen Augen betrachtete. Die Rätselhaftigkeit ihres angedeuteten Lächelns lenkte beinahe davon ab, dass es sich bei der dunkelroten Form auf ihrer Brust doch nicht um eine Blume handelte, sondern dass sie mit belustigter Distanz ihr eigenes Herz studierte.
Interessant, dachte Phandrael. Und eigentlich nicht weiter überraschend. Ein Drasiron zu sein, bedeutete, sich ständig mit eigentlich Unerträglichem auseinanderzusetzen. Wahrscheinlich zeugten zahlreiche mehr oder weniger gelungene Kunstwerke von den Schlachten, die seine Kollegen in ihren Köpfen austrugen. Phandrael hatte nie das Bedürfnis danach gehabt. Vielleicht, weil er nie versucht hatte, sein wahres Wesen zu verleugnen.
Seine Kunst entstand anderswo.
Kyrai tauchte wieder auf, ein Tablett mit einer Wasserkaraffe und zwei Gläsern in Händen. Ihr Blick blieb kurz an der Figur hängen, die Phandrael betont langsam und beiläufig absetzte, aber sie sprach ihn nicht darauf an. Stattdessen stellte sie das Tablett ab. Unaufgefordert ließ Phandrael sich auf dem Stuhl nieder, ein Bein ausgestreckt, das andere mit darum verschränkten Armen an die Brust gezogen. Sein Kinn ruhte auf seinem Knie.
Wenn Kyrai Anstoß an seiner nachlässigen Haltung nahm, ließ sie es sich nicht anmerken. Sie nahm eine ähnlich lässige Pose ein, halb stehend, halb auf der Tischkante sitzend. Keiner von ihnen rührte sich, aber es war die Bewegungslosigkeit der Drasirai: Vibrierend mit dem Potenzial von plötzlicher, schneller und destruktiver Bewegung.
„Zwerge“, sagte Phandrael unvermittelt. Er mochte das – einen Gesprächspartner mit einer scheinbar vollkommen aus dem Zusammenhang gerissenen Bemerkung wie dieser aus dem Konzept zu bringen. Doch Kyrai hatte dieselben Informationen erhalten wie er. Sie erwiderte seinen Blick ohne das geringste Anzeichen von Verwirrung. Da war nur kühle, gelassene Aufmerksamkeit. „Du glaubst, dass wir ihn in Nornírwatar finden werden?“ Sie sprach den mittlerweile ungebräuchlichen Namen aus, wie es die Zwerge vor hundert Jahren getan haben mochten: Norrnírrrwadaarr.
Phandrael war jung für einen Elfen. Viel zu jung, um sich an die Kämpfe der Elfen mit den Zwergenfürsten von einst zu erinnern – den verheerenden Krieg, in dem eine junge Heerführerin namens Shideris zur Königin aufstieg und das Reich der Zwerge verwüstet und uneinig zurückließ. Sie hatte es den menschlichen Invasoren, denen es für Jahrhunderte tributpflichtig sein würde, beinahe geschenkt.
Dennoch rief dieses „Nornírwatar“ etwas in Phandrael wach. Den Klang tiefer Stimmen und herunterfahrender Hämmer unter der Erde. Meißel auf Stein und hallende Hörner. Und – neuerdings – das Stampfen und Fauchen der Eisenbahn und das Ticken von Uhrwerken. Kein Elf würde es zugeben, aber die mächtigen Elfen mit all ihrer Magie und mühelosen Überlegenheit hatten sich immer davor gefürchtet, dass die berüchtigte Sturheit der Zwerge diesen irgendwann ein Mittel verschaffen würde, an der Vorherrschaft der Elfen zu kratzen. Und nun war ihnen bewiesen worden, dass sie nur zu richtig gelegen hatten, wenn auch auf unerwartete Weise. Die Zwerge hatten das Leben in ganz Kiarva unwiderruflich verändert, es geradezu schwindelerregend beschleunigt. Und damit – so beiläufig, dass es Phandrael manchmal amüsierte, manchmal mit den Zähnen knirschen ließ (immerhin waren es nur Zwerge!) – das Ende Cirdayas eingeläutet.
Vielleicht würden die Elfen der Insel noch für Jahrzehnte abgeschottet ihren narzisstischen Kult um Schönheit und Tradition fortsetzen, aber früher oder später würde die neue Technologie, die neue Lebensweise herüberschwappen. Sei es, weil die Menschen oder Zwerge bereits jetzt anfingen, mit der Eroberung neuer Kolonien zu liebäugeln und die Hände irgendwann unwiderruflich nach dem ressourcenreichen Cirdaya ausstrecken würden. Sei es, weil die Elfen, um ihnen zuvorzukommen, selbst zur Industrienation werden würden.
Und all dies hatte in Nornírwatar begonnen. Dem einstigen Sitz der Zwergenkönige und Stadt der Tempel, die sich von ihrem magisch-religiösen Erbe losgesagt hatte, um zu dem Ort zu werden, an der die Dampfmaschine entwickelt wurde, der mechanische Webstuhl, der Tunnelbohrer, die Eisenbahn, das Fließband … vor wenigen Tagen erst hatten sie von dem neuen Großprojekt der Union erfahren: Einem Netz, das Städte überall in der Union mit Elektrizität versorgen würde. In Nornírwatar – Schwarzspiegel, wie die Zwerge es nun nannten, da die mythologischen Wurzeln des ursprünglichen Namens ihnen Unbehagen bereiteten – war die heutige Union geboren worden.
Ob die Zwerge dort Elfen willkommen heißen würden? Phandrael bezweifelte es.
„Es ist die beste Spur, die wir haben“, entgegnete er.
Eine Weile schwiegen sie, dann sprach Kyrai: „Ich kannte Valedas“, sagte sie leise. „Wenn es einen Elfen gibt, der keinerlei Sympathien für die Zwerge hegt, dann ist er es. Was sollte er in Nornírwatar wollen?“
Für einen Moment erwiderte Phandrael ihren Blick vollkommen ernst. Er erinnerte sich an die Sorge in Shideris‘ Blick. „Wir werden es herausfinden.“
Kapitel 7
Findra
Es gab keine Akte über Kargan. Ein Fakt, der aufschlussreicher war, als ein ganzer Karton voller Papier es hätte sein können und Findra obendrein die Lektüre unzähliger langweiliger Observationsberichte ersparte. Aber vielleicht hatte die Unlust, die sie bei dem Gedanken überkam, sich durch eine öde Aufzeichnung nach der anderen zu arbeiten, sie etwas übersehen lassen. Langsam ging sie den schmalen Gang zwischen den deckenhohen Schränken zurück und zwang sich, jedes Kürzel auf den Schubfächern zu lesen.
Das Labyrinth der mumifizierten Ängste – oder, weniger poetisch, das Archiv der Spionageabwehr – war ein sonderbarer Ort. Es füllte drei unterirdische Hallen mit Reihen akribisch beschrifteter Schränke, zwischen denen der Staub tanzte. An der Decke pendelten elektrische Lampen im ständigen Luftzug hin und her. Sie tauchten die Gänge mal in stechendes Licht, mal in tiefen Schatten. In den Rohren, die sich wie offenliegende Eingeweide unter der Decke umeinander wanden, sangen und seufzten Wasser und Luft, die in verschiedene Räume des darüber gelegenen Gebäudes transportiert wurden. Unheimlich … als könnten sich die Schubladen jeden Augenblick quietschend öffnen, um eine unbarmherzige Armee von Kriegern aus eng beschriebenem Papier in die Welt zu entlassen, bereit, auf jeden niederzufahren, der es wagte, vom Prozedere der Spionageabwehrbürokratie abzuweichen …
Vielleicht war ihr Führer ja auch einer der Geister dieses Ortes. Naudhiz028 hatte sich ihr mit diesem Codenamen wahrscheinlich in der Hoffnung vorgestellt, gefährlich und mysteriös zu wirken. Tatsächlich wirkte er vor allem leicht angestaubt. Seine Haut war blass und trocken und auch seine wenigen nicht ergrauten Haarsträhnen wirkten in ihrem stumpfen Dunkelblond farblos. Allerdings hatten sich, sobald Findra das Archiv betrat, seine hängenden Schultern gestrafft und der Ausdruck vager Resignation, der seinen Zügen alle Schärfe nahm, war offener Missbilligung über den Eindringling gewichen.
„Haben Sie die Akte Kargan entfernt?“, fragte Findra, ohne sich zu dem Zwerg umzudrehen, der ihr mürrisch über die Schulter spähte.
„Ich weiß nicht, von welcher Akte Sie reden.“
Wahrscheinlich wusste er es wirklich nicht. Bei der schieren Menge der hier gelagerten Akten wäre es ein Wunder, wenn er sich an eine spezifische Akte erinnern könnte. Andererseits: War seine Antwort nicht etwas zu schnell gekommen? Findra bedauerte, dass sie sich nicht die Mühe gemacht hatte, ihm ins Gesicht zu sehen. „Es geht um eine Reihe Observationsberichte über den Zeitraum von 1444 bis zum 1451. Sie betreffen einen Menschen namens Kargan, wahrscheinlich als mittelverdächtig eingestuft. Ich habe alle Schubladen für diesen Zeitraum durchsucht …“
„Das ist mir nicht entgangen“, sagte er spitz. „Ich hoffe, Sie konnten ihre Neugier befriedigen.“
Findra wusste nicht, ob sie ihn für seine mangelnde Kooperation verfluchen oder dafür auslachen wollte, dass er glaubte, irgendetwas an diesen Akten würde ihre Neugier wecken. Stattdessen atmete sie tief ein und aus und drehte sich mit einem breiten Lächeln zu ihm um. „Nun, das konnte ich tatsächlich. Ich bin in einer der Schubladen auf ein zwischen die Akten gerutschtes Einlegeblatt mit der Markierung Menschl.-Obj.-K.-Obs.-23.07.1444-07.03.1451-Hagalaz078-Wiesel? ohne eine dazugehörige Akte gestoßen. Im Verzeichnis befindet sich kein solcher Eintrag. Haben Sie eine Idee, was es damit auf sich haben könnte?“
„Moment mal … Sie haben sich das gesamte Aktenzeichen gemerkt? Sie haben die Schubladen doch allesamt nur kurz durchgesehen.“
Findra zuckte die Achseln. „Können Sie sich einen Reim auf das Fehlen der Akte machen?“
Er schüttelte den Kopf. „Wir werden dem nachgehen und Sie informieren, wenn wir etwas finden. Wir würden Sie bitten, unsere Antwort abzuwarten.“
Aha. Man warf sie hinaus und wollte sie bis zum Erhalt einer offiziellen Antwort – auf die sie wohl ewig warten würde – nicht mehr wiedersehen. Aber das spielte keine Rolle. Findra verließ das Archiv mit weitaus mehr Informationen, als sie es betreten hatte. Natürlich brachten diese sie keinen Schritt näher an die Lösung des Falles Fragar, sondern warfen noch mehr Fragen auf, aber trotzdem war sie froh, hier gewesen zu sein. Was sie Naudhiz028 gegenüber nicht erwähnt hatte, war eine Auffälligkeit des Verzeichnisses, die ihr sofort ins Auge gefallen war. Alle anderen Blätter in dem schmuddeligen Ordner waren abgegriffen und zerknickt gewesen. Mit Ausnahme des Blattes, auf dem die Akte, in der sie die Informationen über Kargan vermutete, verzeichnet hätte sein sollen. Das Papier war makellos, die Tinte nicht annähernd so ausgeblichen, wie sie es angesichts des Datums auf dem oberen Seitenrand hätte sein müssen.
Natürlich konnte es sein, dass man die Seite aus anderen Gründen kopiert hatte, um sie zu bewahren. Aber warum dann nur diese und nicht das kaffeefleckige Blatt fünf Seiten vorher, das kaum noch zu lesen war? Findra konnte nur eines schlussfolgern: Jemandem war daran gelegen, dass Informationen über Kargan nicht allzu leicht zugänglich wurden. Es musste jemand sein, der Einfluss auf zumindest einige Mitarbeiter der Spionageabwehr hatte. Hm, das grenzt es ein, dachte sie sarkastisch. Aber wer auch immer es war, er hatte für sein Geld lausige Arbeit bekommen. Und nun eine wirklich entschlossene Findra am Hals.
Ja, sie war sich bewusst, dass sie womöglich einer falschen Spur folgte. Aber immerhin war es eine. Mit energischen Schritten stapfte sie die Metallgitterwendeltreppe hinauf, einen langen, deprimierenden Flur entlang und schließlich auf die aufschwingende Tür des Gebäudes zu. Der Umriss eines breitschultrigen Zwerges zeichnete sich scharf vor dem einströmenden Sonnenlicht ab. Einen Augenblick später war er eingetreten und Findra konnte sein Gesicht sehen – ein Anblick, bei dem ihr selbst ein wenig die Züge entglitten. Niemand anderes als Baidur, Präsident der Nordkroner Polizei, starrte die Zwergin eisig an, die er soeben dabei ertappt hatte, seinen persönlichen Anweisungen zuwiderzuhandeln.
Baidur war selbst für einen Zwerg ungewöhnlich klein – ein Umstand, der ihm sehr bewusst war. Im Gegensatz zu anderen versuchte er nicht, mit dicken Stiefelsohlen darüber hinwegzutäuschen. Stattdessen hatte er eine Reihe von Gesten und Verhaltensweisen entwickelt, die deutlich machte, dass er nicht duldete, dass irgendjemand auf ihn herabblickte. „Findra, ich hätte Sie nicht hier erwartet“, sagte er kalt. „Ich muss nur ein paar Worte mit … jemandem wechseln. Warum warten Sie nicht auf mich und begleiten mich dann ein Stück, um mir auf dem Weg zu erklären, was Sie hier zu suchen hatten?“ Er wandte sich dem Zwerg von der Spionageabwehr zu. „Führen Sie mich nach hinten, Bildrin.“
Findra hörte ein leises Seufzen hinter sich. Offenbar gefiel es dem Archivar nicht, wenn sein lächerlicher Deckname so demonstrativ ignoriert wurde. Nun, auf ihr Mitleid musste er wohl verzichten. Sie brauchte es für sich selbst.
„Wie Sie meinen“, brachte sie heraus.
Die beiden Zwerge zogen sich zurück. Findra blickte ihnen nach. Bildrin musste sich beeilen, um mit Baidur mitzuhalten, der mit langen Schritten vorausstampfte. In Kombination mit seiner geringen Größe ließen seine breiten Schultern Findras Vorgesetzten beinahe quadratisch wirken. Eine Belagerungsmaschine mit Zylinder …
Für einen Moment verharrte Findra in einer linkischen Haltung, dann ließ sie ihren angehaltenen Atem entweichen und sich an der Wand herabgleiten. Sie zwang sich, das Ganze logisch zu betrachten. Letzten Endes wollte Baidur sie nicht loswerden, er wollte nur, dass sie den Fall Fragar vergaß. Das hieß, wenn sie ihm ihre bisherigen Ergebnisse verschwieg und ihm irgendwie weismachen konnte, dass sie tatsächlich aufgegeben hatte, musste diese Begegnung keine allzu üblen Konsequenzen für ihre Karriere haben.
Findra versuchte, in Gedanken möglichst viele Gesprächsverläufe durchzuspielen, aber es machte sie letztlich nur nervös, ohne ihr irgendwie weiterzuhelfen. Die Zeit zog sich hin. Wahrscheinlich zog Baidur sein Treffen mit wem auch immer absichtlich in die Länge, um sie warten zu lassen. Sie beschloss, ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen, und zog ein sorgfältig in einen alten Schal gewickeltes Buch aus ihrem Rucksack.
Findra nahm sich erst einmal einen Moment Zeit, den Geruch des Papiers einzuatmen. Als eines von vielen Kindern einer Familie, die nach der unionweiten Reform der Landwirtschaft gezwungen gewesen war, auf der Suche nach Arbeit nach Nordkrone zu ziehen, hatte sie jahrelang selten mehr als Zeitungen gelesen, die jemand hatte liegen lassen. Die meisten Zwerge der Oberschicht – wahrscheinlich selbst solche wie Drúdir, der immer Zugang zu Fragars Sammlung, der Gildenbibliothek der Uhrmacher und wahrscheinlich sogar Geld für ein paar eigene Bücher gehabt hatte – würden es kaum nachvollziehen können, aber eine von Findras ersten Assoziationen, wenn sie das Wort „Luxus“ hörte, war der Geruch von Papier, Leder und Druckerschwärze.
Findra verwendete kein Lesezeichen, aber sie fand die Seite, auf der sie zu lesen aufgehört hatte, auf Anhieb. Sie vergaß nie eine Seitenzahl. Einen Moment später war sie so in ihre Lektüre vertieft, dass sie die bevorstehende Auseinandersetzung vollkommen vergessen hatte.
Auf Drúdirs Rat hin hatte Findra die „Sprakar-Godwis-Historig-Rúnhalar“ aufgesucht und sich von dem Bibliothekar – einem überheblichen Kerl, der sie mit kaum verhohlener Skepsis angesehen hatte – ein Grundlagenwerk zur Magie ausgeliehen. In den vergangenen Tagen hatte sie die ersten Kapitel trotz des trockenen, theoretischen Stils geradezu verschlungen.
Oh ja, sie verstand die Faszination, die Zauberei auf Fragar und seine Freunde ausgeübt hatte. Aber auch die Ängste all derer, die daran beteiligt gewesen waren, Magie durch Technik zu ersetzen. Eine gewaltige, unerklärliche Macht, die einigen zu Diensten und für andere unsichtbar war … Gewiss konnten unzählige Zwerge ruhiger schlafen, seit sie wussten, dass da draußen keine Magier mehr die Herrschaft für sich forderten. Findra erinnerte sich nur zu gut an Drúdir, wie er auf dem Boden kniete, während um ihn herum Eiskristalle über den Boden wucherten und dieses unirdische, blausilberne Licht in seinen Augen glomm. Sie würde es nicht zugeben, aber dieser Anblick verfolgte sie bis in ihre Träume.
Es war merkwürdig: Jahrelange Berufserfahrung hatte sie gelehrt, selbst hinter den unschuldigsten Fassaden Zwerge zu erwarten, die zu ungeheurer Brutalität und Hinterlist fähig waren. Doch es wollte ihr trotzdem kaum gelingen, die beiden Drúdirs, die sie kennen gelernt hatte – den jungen Uhrmacher, hinter dessen abweisender Haltung sie tiefe Unsicherheit erahnte, und den Hexer aus der Werkstatt – als ein und dieselbe Person zu betrachten. Die Magie, die sie gesehen hatte, war einfach zu fremd. So etwas sollte es nicht geben. Sie konnte mit Magie in der Vergangenheit oder in fernen, exotischen Ländern leben, aber sie in ihr eigenes Leben einbrechen zu sehen, war verstörend. Es hätte sie erleichtert, wenn sie wenigstens eine klare Antwort darauf hätte finden können, was Magie eigentlich war. Wozu sie befähigte, wie man sie maß und – vor allem – was man ihr entgegensetzen konnte. Doch sie war enttäuscht worden. Zwar gab es große Überschneidungen darin, wie verschiedene Magier diese sonderbare Kraft beschrieben, aber ihre Wahrnehmungen waren selten identisch. Es ließ sich nicht klar berechnen, wie mächtig ein Zauber sein würde und welche Faktoren das beeinflussten. Tatsächlich hatte noch niemand eine Erklärung dafür finden können, wie das magische Fadenwerk überhaupt funktionierte und warum einige Geschöpfe es manipulieren und damit mühelos Gesetze der Physik aushebeln konnten.
Wahrscheinlich war es ein Glück, dass ihre eigenen Gedanken sie von der Lektüre abgelenkt hatten, denn so hörte sie Baidur bereits aus weiter Ferne kommen. Sorgfältig verstaute sie das Buch in ihrem Rucksack und richtete sich auf. Nervös glättete sie ihren Rock.
„Gehen wir!“ Der bullige Zwerg hielt kaum inne, um nach seinem schweren Mantel und seinem Hut zu greifen. Er drehte sich nicht nach ihr um. Er wusste, dass sie ihm folgen würde.
Ein eisiger Windstoß fegte ihnen entgegen. Der Regen der letzten Tage war einer klirrenden, trockenen Kälte gewichen. Der Wind drückte den Rauch der Fabrikschlote aus den Außenbezirken in die Straßen der Innenstadt hinab, sodass ganz Nordkrone am Husten und sich Räuspern war.
Findra zog ihren Schal enger und beeilte sich, Baidur zu folgen. „Sie wollten mit mir sprechen?“, fragte sie vorsichtig.
Er nickte grimmig. „Ich kann mich nicht erinnern, Sie in die Archive geschickt zu haben.“
„Ich wusste nicht, dass dazu eine Aufforderung nötig ist.“
„Ist sie auch nicht. Wäre aber vielleicht besser.“
Findra hob eine Augenbraue. Dabei hatte sie gedacht, Baidur würde im Großen und Ganzen Eigeninitiative befürworten und es mit den Hierarchien nicht allzu genau nehmen – natürlich nur, solange niemand seine Autorität in Frage stellte.
Er wies mit einem Daumen über die Schulter. „Da drinnen sind Informationen über das Leben unzähliger Zwerge. Niemand sollte nach Belieben darin herumschnüffeln können.“
Findra kniff angesichts dieser offensichtlichen Scheinheiligkeit die Lippen zusammen. Sie wusste von mehreren hochrangigen Politikern und Polizeioffizieren, die die Spionageabwehr gelegentlich als Privatdetektive missbrauchten, um Geschäftskonkurrenten oder Ehepartner ausspähen zu lassen. Wenn Baidur deren Verhalten missbilligte, dann auf sehr diskrete Weise. Und das, obwohl er es sich hätte leisten können, sie in ihre Schranken zu verweisen.
„Ich hatte gute Gründe.“
„So? Welches Interesse könnten Sie an einem Niemand namens Kargan haben?“
„Er hat mit Fragar korrespondiert. Ich dachte, man könnte vielleicht seine aktuelle Adresse ausfindig machen und ihm telegrafieren. Vielleicht hätte er uns etwas Nützliches über Fragar verraten können.“
„Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt: Der Fall Fragar ist aussichtlos. Konzentrieren Sie sich lieber auf die Fälle, die sie lösen können. Sie helfen niemandem, wenn Sie zu eitel sind, um sich einzugestehen, dass Sie hier nichts bewirken.“
Er blieb so jäh stehen, dass sie beinahe in seinen breiten Rücken hineingerannt wäre, und drehte sich zu ihr um. Sie standen so nahe voreinander, dass sie jedes einzelne Haar seiner buschigen, drohend zusammengezogenen Augenbrauen sehen konnte. „Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt und werde es nicht noch mal wiederholen: Ich gebe Ihnen eine Chance, zu beweisen, dass Sie fähig sind, nicht auf Teufel komm raus Ihren eigenen Kopf durchzusetzen, sondern Ihre verdammte Arbeit zu machen. Wenn Sie das nicht können, sind Sie hier falsch und ich werde Sie irgendwohin schicken, wo Sie keinen Schaden anrichten können.“
Findra hatte gedacht, sie würde eingeschüchtert sein, aber stattdessen ertappte sie sich bei dem Gefühl, dass etwas an seiner donnernden Standpauke nicht ganz stimmig war. Abgesehen von seiner völlig unverhältnismäßigen Reaktion an sich. Baidur sprach, als hätte er sich die Worte zuvor zurechtgelegt und das passte nicht zu ihm. Und er sah ihr nicht in die Augen. Er erinnerte sie an einen Schauspieler, der sich in seiner Rolle nicht wohlfühlte.
Interessant. Wahrscheinlich hatte man ihn eher bedroht als bestochen, sie notfalls hinauszuwerfen, falls sie sich als zu hartnäckig erwies.
Findra starrte ihn wütend an, ließ den Ärger in ihrem Gesicht dann aber langsam einem Ausdruck der Resignation und Scham weichen. „Ja, ich nehme an, Sie haben recht. Ich habe diese ganze Fragar-Sache zu persönlich genommen. Ich war regelrecht besessen.“ Abgesehen von der Vergangenheitsform war sie sogar gar nicht mal so weit von der Wahrheit entfernt – dieser Fall war zutiefst persönlich geworden. „Wahrscheinlich tut es mir gut, etwas Abstand davon zu bekommen“, fügte sie an. Hatte sie zu schnell eingelenkt?
Wenn er nach Anzeichen für Lügen gesucht hätte, wäre Baidur sicher fündig geworden, aber es war ihr Glück, dass er sich in dieser Situation kaum wohler fühlte als sie. Noch vor wenigen Wochen hatte er ihr seiner Hochachtung versichert. Vermutlich hätte er seine Drohung, sie zu entlassen oder zu versetzen, nur ungern wahrgemacht.
„Wahrscheinlich würde Ihnen ein wenig Abstand wirklich guttun“, sagte er. Seine plötzliche Freundlichkeit stand in auffälligem Kontrast zu seinem Ausbruch von gerade eben. „Wissen Sie was: Ich beurlaube Sie. Verschwinden Sie für drei Wochen aus der Stadt.“ Seine Stimme machte deutlich, dass der letzte Teil eher Warnung als Scherz war.
Findra musste ihr verwirrtes Lächeln nicht vortäuschen. „Äh … danke. Ab wann?“
„Ab sofort.“
„In Ordnung …“
Er tippte an seine Hutkrempe und drehte sich ohne ein weiteres Wort um. Ein jäher Windstoß wirbelte ein einsames Herbstblatt, das es irgendwie in die weitgehend baumlose Stadt verschlagen hatte, hinter seiner kompakten Gestalt her, als er in eine Gasse abbog.
Findra blieb stehen. Das verwirrte Lächeln auf ihrem Gesicht verwandelte sich in ein aufrichtiges, als sie in Gedanken den Preis für zwei Zugfahrkarten nach Schwarzspiegel ausrechnete.
Sie mochte Vorbehalte gegen Drúdir haben, aber sie hatte ihm ihr Wort gegeben, ihn in ihre Nachforschungen einzubeziehen. Außerdem hatte sie ohne ihn nicht die geringste Chance, Zugang zu dem sonderbaren – und zutiefst verdächtigen – Netzwerk von Magieinteressierten zu finden, von dem er ihr berichtet hatte.
Kapitel 8
Kyrai
Die Byrianel-Haine Cirdayas waren zu jeder Jahreszeit schön, aber im Herbst waren sie atemberaubend. Obwohl bereits ein dicker, orange-goldener Teppich aus Herbstlaub den Waldboden bedeckte, boten die Baumkronen noch immer einen majestätischen Anblick. Die gezackten Blätter an den gewundenen, fast schwarzen Zweigen sahen aus wie erstarrte Flammen.
Ein jäher Windstoß ließ weitere Blätter herabstieben und wirbelte die am Boden liegenden auf. Die Byrianel-Bäume beugten sich in der heftigen Böe. Nur die schmale Gestalt, die sich zielstrebig zwischen den Stämmen bewegte, behielt ihren ruhigen, gleitenden Gang bei. Einen Gang, dessen scheinbare Ruhe in heftigem Gegensatz zu dem Aufruhr in ihrem Inneren stand.
Kyrai zog ihren Mantel enger um sich. Es war halb Versuch, den schneidenden Wind abzuwehren, halb nervöse Geste. Die Drasirah war sich nicht sicher, ob es ein Fehler war, hierherzukommen. Vielleicht würden die Dryaden ihre Bitte ablehnen. In dem Fall hätte sie lediglich ihre Zeit verschwendet. Wäre das nicht sogar das Beste? Sie tat ihre Zweifel als Produkt ihrer Angst ab und verdrängte den unangenehmen Gedanken, dass es eine andere, tiefer gehende Angst war, die sie hergeführt hatte … Sofern sie noch von Angst sprechen konnte. Zu den zweifelhaften Segnungen, die sie in diesem Wald bereits erhalten hatte, gehörte, dass sie seit Jahren keine echte Angst mehr empfunden hatte. Ebenso wenig wie intensive Wut, Trauer oder Freude. Es war sicherer so.
„Es wird einen Sturm geben“, sagte eine Stimme hinter ihr. Leise und rau, von einem sonderbaren, kratzigen Rascheln unterlegt. Kein Zweifel. Kyrai hatte die Dryaden gefunden. Oder umgekehrt.
Langsam drehte sie sich um. Niemand würde je eine Dryade als Freund bezeichnen, aber die Elfen – vor allem die Drasirai – betrachteten sie als Verbündete. Tatsächlich war Kyrai dabei, ihr Leben in die Hände eines dieser sonderbaren Geschöpfe zu legen. Dennoch drehte sie sich um wie zu einem potenziellen Gegner.
Die Nymphen waren die Ersten gewesen, die gespürt hatten, dass das Zeitalter der Magie zu Ende ging. Als die klügeren unter den Elfen das zu begreifen begannen, hatten sie sich bereits in die Tiefen ihrer Wälder, Berge und Seen zurückgezogen. Mittlerweile kannten die meisten Menschen sie nur noch aus den Geschichten, die sie einander erzählten. Geschichten, die sich mit jedem Jahr weiter von der Wahrheit entfernten.
Die Gestalt, die reglos an einen Baum gelehnt dastand, hatte wenig mit den bezaubernden Frauen aus den Lagerfeuermärchen gemein: Sie war hochgewachsen, dabei aber so dünn, dass ihr Körper in die Länge gezogen wirkte, mit knotigen, zu zahlreichen Gelenken, sodass sich ihre Arme und Beine an sonderbaren Stellen bogen. Eine uralt aussehende, schwarze Hose bedeckte drei Viertel ihrer Beine. Die bloßen Füße unter den ausgefransten Säumen endeten in sieben wurzelartigen Zehen. Ein ebenso ausgefranstes, schwarz-grün gemustertes Tuch war kunstvoll um ihre Brust geschlungen. Ein Großteil der grünlichen, von verschlungenen Tätowierungen bedeckten Haut der Dryade war den eisigen Herbstwinden ausgesetzt. Nicht, dass es die Nymphe gestört hätte. Soweit Kyrai wusste, konnten weder Hitze noch Kälte solchen Wesen viel anhaben.
Die Dryade trug ihr langes, grün-braunes Haar offen. Es rahmte ein auffällig schmales Gesicht ein, das ein wenig elfisch anmutete, wenn auch grotesk übersteigert. Ihre Wangenknochen waren irritierend hoch und ausgeprägt und was bei den meisten Elfen ein beinahe unmerklicher Knick im oberen Rand ihrer Ohrmuscheln war, waren bei der Dryade handlange, schräg nach hinten weisende Spitzen. Ihre Nase war klein und schmal, die Augen unter den hoch geschwungenen Brauen groß wie die eines nachtaktiven Tieres. Sie bestanden nur aus sonderbar ausgefransten Pupillen inmitten eines Meeres aus intensivem, schillerndem Malachitgrün. Als sie lächelte, kamen hinter ihren blassen, geschwungenen Lippen nadelspitze Zähne zum Vorschein.
Kyrai versuchte, das Lächeln zu deuten, aber das Gesicht der Dryade war einfach zu fremd.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du wiederkommen würdest, Drasirah. Was willst du?“
„Ihr habt mir selbst gesagt, dass mein volles Potenzial noch nicht erreicht ist. Ich wollte Euch um weitere Glyphen bitten.“ Ein einfacher Satz, dessen Tragweite nur eine Drasirah begreifen konnte.
„Was für Glyphen?“
„Welche auch immer Ihr für passend haltet“, entgegnete Kyrai. Die Glyphen, die sie am liebsten auf ihrer Haut wissen würde – Zeichen, die ihr die Angst und die bohrenden Selbstzweifel, die stets am Rande ihres Bewusstseins lauerten, für immer aus dem Kopf brennen und einen undurchdringbaren Wall gegen ihre zerstörerischen Leidenschaften errichten würden – existierten nicht.
Die Dryade lachte leise. Zumindest schloss Kyrai das aus ihren gehobenen Mundwinkeln. Das Geräusch, das sie von sich gab, hätte auch ein Fauchen sein können.
„Du willst also noch weitergehen … du hast keine Ahnung, worum du da bittest, kleine Drasirah.“
„Seid Ihr bereit, mich zu zeichnen?“
Die Dryade legte mit einem Geräusch wie dem Knarzen von Zweigen den Kopf schief. Sie musterte Kyrai mit distanziertem, belustigtem Interesse. „Du hast keine Ahnung“, wiederholte sie.
„Ich weiß genug, um diese Entscheidung zu treffen.“
„Du kennst vielleicht den Preis, den ich fordere, aber du hast keine Ahnung, was mit dir geschehen wird.“
Kyrai biss sich auf die Lippen, bevor ihr Dialog in ein würdeloses ‚Nein-Doch-Nein …‘ ausarten konnte.
„Dennoch werde ich dich zeichnen. Aber ich wiederhole es noch einmal: Noch nicht einmal, wenn du die Glyphen auf deiner Haut trägst, wirst du begreifen, in was du dich verwandeln wirst. Erst sehr viel später. Und vielleicht nicht einmal dann …“
Kyrai hob ihr Kinn. Sie war nicht in der Stimmung für Dryadenrätsel. „Wann soll ich wiederkommen?“ Was unter Elfen eine unverzeihliche Unhöflichkeit gewesen wäre, bedeutete einer Dryade nichts.
„Ich habe es gespürt, als du den Hain betreten hast. Es ist alles vorbereitet.“
Wieder lächelte die Dryade. Es war trotz ihrer Nadelzähne ein schönes Lächeln, aber kein Freundliches. Ganz und gar nicht. Kyrai kam der Gedanke, dass sie wahrscheinlich Angst haben sollte. Sie lauschte in sich hinein und fand nur eine sonderbare Distanz zu sich und der Situation.
Die Nymphe sah sie noch eine Weile aus ihren brunnentiefen Augen an, sie hatte noch immer dieses Lächeln auf den Lippen. Dann wandte sie sich ab und winkte der Elfe, ihr zu folgen. Bei jedem Schritt bogen sich ihre langen, dünnen Beine an mehreren Gelenken. Kyrai war weit darüber hinaus, dergleichen irritierend oder unheimlich zu finden. Ihr Staunen galt nur noch der Eleganz, mit der die Dryade sich bewegte.
Der Drasirah kam der Gedanke, dass sie Menschen und sogar vielen anderen Elfen ganz ähnlich erscheinen musste, wie die Dryade ihr: Anmutig, vage bedrohlich und sehr, sehr fremd. Gemäß einem Gesetz, das nach dem Ende der Magierkriege und dem Magieverbot in zwei Menschenstaaten ratifiziert worden war, war sie keine den Menschen gleichgestellte Kiarvanerin mehr, sondern ein zufälligerweise humanoides, magisch kontaminiertes Es, das dementsprechend von keinem Gesetz beschützt wurde. Sie lächelte bitter. Dann war es wohl ihr Glück, dass sie dank der Modifikationen, die sie ihrer eigenen Spezies entfremdet hatten, in der Lage war, selbst für ihre Sicherheit zu sorgen.
Sie blickte gedankenverloren auf das schwingende Haar der Dryade und fragte sich zum wiederholten Mal, was sie eigentlich hierher getrieben hatte. Der Wunsch, gewappnet zu sein? Oder einfach nur das Gefühl der Befriedigung, das sie dabei empfand, sich selbst zu etwas anderem umzuformen – etwas, das stark, leidenschaftslos und kontrolliert war?
Wie jedes Mal bemühte sie sich, nicht allzu ausführlich darüber nachzudenken. Zwar neigte Kyrai seit jeher zur Introspektion, hinterfragte und erforschte jede ihrer Entscheidungen – aber zugleich war ihr stets bewusst, dass diese Überlegungen natürlich ausgesprochen anfechtbar waren. Ihr fehlte der Abstand, sich objektiv von außen zu bewerten … und die Nähe und Akzeptanz, um einfach sie selbst zu sein. Der Blick nach innen war allzu oft eine gefährliche, schmerzhafte Angelegenheit.
Sie roch den See, bevor sie der Dryade aus einer kleinen Senke folgte und ihn sah: Nicht besonders groß und aufgrund der Schatten, die die hoch aufragenden Bäume um ihn herum warfen – selbst jetzt, wo die Abenddämmerung gerade erst begann –, tiefschwarz. Ein leichter Geruch nach faulenden Pflanzen lag in der Luft. Er vermengte sich mit dem halb würzigen, halb beißenden Aroma des Rauches, der ihr in dünnen Fingern entgegenkroch.
Der Boden unter ihren Füßen war sumpfig geworden und ihre schmalen Stiefel lösten sich bei jedem Schritt mit leisem Schmatzen daraus. Die vielfach verdrehten, knorrigen Byrianel-Bäume sahen hier anders aus; mit hohen, schlanken Stämmen, zwischen denen sie sich geschickt hindurchschlängelte. Sie bewegte sich mit der lautlosen Gewandtheit einer Elfe und Drasirah, aber sie wusste, dass sie nie an das Geschick der Dryade heranreichen würde, deren langer Körper sich immer wieder an den verblüffendsten Stellen bog, um tiefhängenden Zweigen auszuweichen. Kyrai versuchte, einige der Glyphen auf dem nackten unteren Rücken der Nymphe wiederzuerkennen, aber sie scheiterte. Bereits die Zeichen an sich waren sehr viel komplexer als die Tätowierungen der Drasirai und die Elfe wagte gar nicht erst, über ihre Wechselwirkungen zu mutmaßen. Wie alles, das auch nur entfernt mit Magie zu tun hatte, war auch die Kunst, sie durch Runen und Glyphen zu manipulieren, eine unsichere, von der Intuition des Bannzeichners abhängige Angelegenheit. Und niemand kam, was diese Kunst anging, auch nur annähernd an die Nymphen heran.
Kyrai fragte sich müßig, wie diese Geschöpfe die Magie der Glyphen wohl entwickelt hatten. Und was sie taten, wenn sie gerade nicht Drasirai zeichneten. Niemand begegnete einer Dryade, wenn diese es nicht wollte. Tatsächlich wusste niemand genau, wie viele von ihnen in den Wäldern Cirdayas lebten. Wie ihre Gesellschaft aufgebaut war, wenn sie keine vollkommenen Einzelgänger waren. Oder wie weit ihre Verwandtschaft mit Bäumen ging. Wenn Kyrai an die spitzen Zähne der Dryade und das, was sie anrichteten, dachte, konnte sie sich kaum vorstellen, dass sie üblicherweise von Mineralien und Sonnenlicht lebte.
Sie umrundeten ein letztes Dickicht und fanden sich auf einer glatten, moosüberwucherten Felsenplatte wieder, die zum See hin leicht abfiel. Kyrai war bereits dreimal hier gewesen, aber wie jedes Mal war sie überrascht. Der Weg, den sie gegangen waren, hatte so gar nichts mit ihren Erinnerungen gemein. Wahrscheinlich handelte es sich um eine subtile Magie, die ihre Gedanken und Wahrnehmung manipulierte. Magie … dass sie außerhalb Cirdayas – und selbst innerhalb der Elfenstaaten – kaum noch praktiziert wurde, lag keineswegs nur am Trauma der Magierkriege. Die magischen Linien waren bereits seit Jahrzehnten am Verblassen gewesen, die Zahl derjenigen, die sie manipulieren konnten, stetig am Sinken. Mittlerweile strömte die Magie mit aller Kraft nach Kiarva zurück, aber noch war sie nirgendwo auch nur annähernd auf dem Niveau, wie in den Byrianel-Hainen. Diese uralten Bäume mit ihren messerscharfen Blättern waren nicht nur malerisch anzusehen, sie filterten und konzentrierten auch Magieströme. Über die Jahrhunderte war dieser Ort so zu einem magischen Fokus geworden. Wenn Kyrai jetzt auf den schwarzen See im Zentrum des Waldes herabblickte, der sich wie ein dunkler Spiegel vor ihnen erstreckte, und ihr ein Schauer über den Rücken lief, tat sie wahrscheinlich gut daran, ihrer intuitiven Vorsicht zu trauen. Wer wusste schon, was unter der Oberfläche lebte? Oder ob nicht vielleicht sogar der See selbst eine Art Intelligenz entwickelt hatte?
Die Dryade hatte keinerlei solche Bedenken. Ihr grünbraunes Haar fiel als seidiger Vorhang über ihr fremdartiges Gesicht, als sie niederkniete und sorgfältig ihre langfingrigen Hände wusch. „Leg deine Kleidung ab und mach es dir bequem.“
Kyrais Augenbrauen wanderten angesichts der unfreiwilligen Ironie in die Höhe, aber sie gehorchte schweigend und ließ sich neben der Feuerschale auf dem moosigen Stein nieder. Bewundernd ließ sie ihre Augen über die filigranen Muster wandern, die den Rand der Schale schmückten. Aus nächster Nähe war der Geruch der Harze und Kräuter, die die Dryade verbrannte, überwältigend und ließ alles um sie herum verschwimmen, wenn sie den Kopf zu schnell bewegte. Dass sie in der Erwartung, sich im Anschluss an das Ritual heftig zu übergeben, nichts gegessen hatte, half auch nicht gerade.
Auch ihre Empfindungen veränderten sich. Geräusche und Gerüche wurden plötzlich deutlicher und ihre magische Sicht flackerte hin und wieder ungebeten auf, während sie die Kälte weit weniger intensiv wahrnahm. Die Dryade wandte sich zu ihr um. Diesmal konnte Kyrai ihr Lächeln deuten: Es war durch und durch bösartig.
Die meisten Drasirai standen in dem Ruf, sich irgendwo auf einer Skala anzusiedeln, die bei „psychisch labil“ begann und bei „völlig gestört“ aufhörte. Er war übertrieben, doch aus verschiedenen Gründen nicht vollkommen unverdient. Aber selbst unter diesen magiebegabten Elitekämpfern war es ausgesprochen unüblich, die Dryaden freiwillig ein zweites Mal aufzusuchen. Zum vierten Mal um neue Zeichen zu bitten … das war, soweit Kyrai wusste, beispiellos. Wenn sie genauer darüber nachdachte, würde sie wohl nicht umhinkommen, sich mit der einen oder anderen unangenehmen Frage über sich selbst konfrontiert zu sehen.
Glücklicherweise war die Zeit zum Nachdenken ein für alle Mal vorüber, denn nun goss die Dryade eine dunkle Flüssigkeit in eine flache Schale und kam auf sie zu. Sie kauerte sich vor Kyrai nieder, die sich langsam nach hinten sinken ließ. Das Moos unter ihrem nackten Rücken war kühl, rau und ein wenig feucht.
Die Nymphe beugte sich über sie und hob die freie Hand. Kyrai sah Magiefäden um ihre Finger flackern und sich zu immer engeren Schlaufen und Knoten verschlingen. Ein sonderbares, feuchtes Knirschen erklang. Die schmalen, grünen Finger verformten sich, bis sie in langen, bösartig aussehenden Dornen endeten.
„Entspann dich“, flüsterte die Dryade, ihr Gesicht unangenehm nahe an Kyrais. Ihr Atem roch nach feuchtem Holz und frischem Blut. Erneut musste die Elfe beinahe kichern. Es kostete sie bereits genug Mühe, nicht aufzuspringen und auf dieses Wesen einzuschlagen, das wie eine übergroße Gottesanbeterin halb neben ihr, halb über ihr kauerte. Entspann dich – aber natürlich!
Kyrai zwang sich, ruhiger zu atmen. Es war ohnehin zu spät.
Die brunnentiefen, schillernden Augen des Geschöpfes glitten über Kyrais Körper. Puppenhaft zierliche, von Gänsehaut bedeckte Gliedmaßen, so blass, dass sich die eintätowierten Glyphen trotz ihres eigentlich dezenten Graus deutlich davon abhoben. Eine silbrige Narbe über der linken Brust und Augen, die trotz ihres Ringens um Beherrschung vor Angst geweitet waren. Wie schwach sie aussehen musste! Und genau deshalb war sie hier.
Noch einmal holte sie tief Luft, hielt den Atem an und ließ ihn dann langsam entweichen. Sie sah zu der Dryade auf.
„Wenn es unerträglich wird, schrei einfach.“
Kyrai hob eine Augenbraue. „Und dann hört Ihr auf?“
Die Dryade schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein. Ich dachte nur, es entspannt dich vielleicht.“
Kyrai seufzte. „Schon eine Idee, was genau die neuen Zeichen bewirken werden?“
Erneut ein von einem beunruhigenden Lächeln begleitetes Kopfschütteln. „Lassen wir uns überraschen“, sagte sie mit ihrer kratzigen, zischenden Stimme.
Und schlug Kyrai ihre nadelspitzen Zähne in den Hals.
Welche fremdartige Droge auch immer in der Feuerschale verbrannte – sie war viel zu gering dosiert. Das Brennen war intensiv genug, um Kyrai ein schrilles Kreischen zu entlocken … das ihr jedoch sogleich in der Kehle stecken blieb. Das lähmende Gift der Nymphe tat seine Wirkung und alle ihre Muskeln erschlafften. Ihre Augäpfel brannten, aber sie war unfähig, die Augen zu schließen.
Sie sah den Kopf der Dryade als verschwommenen Fleck am Rand ihres Sichtfelds, wie sie ihn hin und her schüttelte, um die Wunde zu vergrößern und gierig daraus zu trinken.
Der nächste Biss war nicht weniger schmerzhaft.
Kyrai hätte nicht sagen können, wie viel Zeit vergangen war, als der Dryade auffiel, dass sie noch immer mit offenen Augen ins Leere starrte. Zwei hellgrüne Fingerspitzen füllten ihr gesamtes Sichtfeld aus, bevor das Wesen ihre Augenlider herabdrückte wie bei einer Toten.
Dann erst spürte sie zum ersten Mal die tintengetränkten Dornen unter ihrer Haut. Hinter ihren geschlossenen Lidern explodierte ein Netzwerk glühender Linien, beinahe zu hell um erträglich zu sein. Die Byrianel-Bäume waren Säulen aus gleißendem Licht, die Dryade eine weißglühende Gestalt, deren Aurafäden sich immer wieder in spiralförmige Dornen und Haken verwandelten, die unter Kyrais Haut versanken, Magiefäden aus ihrer Aura rissen und zu komplexen Knoten verschlangen. Sie spürte, wie sie sich veränderte, für einen Moment selbst zu einem magischen Fokus wurde. Ihre chaotischen Kräfte, die sie zu fürchten gelernt hatte, wurden gebündelt. Sie fühlten sich stärker an als je zuvor, doch zugleich wie von ihr abgeschnitten.
Dann wieder nahm die Elfe jäh die Geräusche und Gerüche der physischen Welt war, das Blut, das warm und klebrig über ihre klamme Haut rann und sich mit einer anderen, kälteren Flüssigkeit vermengte. Hatte es zu regnen begonnen? Ja, da waren das Pladdern von Tropfen auf der Seeoberfläche und ferner Donner.
Dann wieder überlagerten ihre magischen Sinne alles andere. Ihr wurde schlecht.
Kyrais letzter Gedanke, bevor ihr Bewusstsein in Dunkelheit versank, war die Frage, wie sie nur freiwillig hatte hierherkommen können.
Als Kyrai erwachte, war sie panisch und desorientiert. Sie zitterte am ganzen Körper, obwohl die Dryade sie mit ihrem schweren Mantel zugedeckt hatte. Erst allmählich kehrte das Wissen zurück, wer und wo sie war. Verwirrt blinzelte sie zu dem dämmergrauen Himmel hinauf. Es konnte doch nicht so spät sein, oder?
„Das war unerwartet“, sagte eine raschelnde Stimme neben ihr. Kyrai verkrampfte sich. Die plötzliche Anspannung ließ die dumpfen Schmerzen in ihrem ganzen Körper explodieren.
„Was?“, krächzte sie und hievte ihren Kopf zu der Dryade herum, die sie mit distanziertem Interesse musterte. Vor jedem anderen Geschöpf hätte Kyrai sich ihrer Hilflosigkeit geschämt, aber dieses Wesen war so fremd, dass es ihr nichts ausmachte.
„Sieh selbst.“
Schwungvoll zog sie den Mantel beiseite. Kyrai blickte an ihrem Körper herab. Kühn und dunkel hoben sich die verschlungenen Glyphen von ihrer Haut ab. Als sie sie in der magischen Sicht betrachtete, weiteten sich ihre Augen. Sie hatte sich etwas Machtvolles gewünscht. Etwas, das sie verwandelte. Wie es schien, hatte sich ihr Wunsch erfüllt.
Sie blickte zu der Dryade auf. Dunkle Adern waren unter ihrer hellgrünen Haut erschienen und das Grün ihrer Augen war dumpfer geworden. Sie mochte sich von Kyrais Blut und Stärke genährt haben, aber die Magie, die in die Tätowierungen geflossen war, hatte auch von ihr einen hohen Preis gefordert.
„Vadrýa“, sagte die Nymphe unvermittelt.
„Wie bitte?“
„Vadrýa. Das ist mein Name. Ich dachte, du solltest ihn kennen.“
Kapitel 9
Drúdir
Drúdir hatte gedacht, die Blicke, die Fragars Freunde und Verwandte ihm bei der Beerdigung zugeworfen hatten, wären unangenehm gewesen, aber sie waren kein Vergleich zu dem, was ihn bei der Testamentseröffnung erwartete.
Allein schon der Weg dorthin erwies sich als anstrengend. In den Straßen Nordkrones herrschte hektische Aktivität, die die Unruhe im Inneren der Stadt wiederspiegelte. Zwerge in den wuchtigen Stiefeln und dunkelgrauen Hemden von Arbeitern verteilten Flugblätter oder diskutierten hitzig miteinander. Hier und da sah Drúdir die silbergrauen Armbinden der „Hammerschwinger“, einer radikalen Splittergruppe der GUU – der „Partei für gerechte Umverteilung unionweit“ -, die ihren Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit gerne physischen Ausdruck verliehen; vorzugsweise gegenüber Zwergen, von denen sie keine ernsthafte Gegenwehr zu erwarten hatten.
Doch noch zahlreicher waren die orangefarbenen Bänder oder altzwergisch inspirierten Kleider der „Expansionisten“, des rechten Flügels der ZSK – „Zwergische Stärke für Kiarva“. In der Regel eher dem Mittelstand oder sogar den oberen Schichten zugehörig, plädierten diese Zwerge entschlossen für eine aggressive Ausweitung des Machtbereichs der Union und einen Ausbau ihrer wirtschaftlichen Stärke um jeden Preis. Einer ihrer Lieblingssprüche war „die großen Völker sind der Feind“, aber wenn ein kopfschüttelnder Drúdir sie nun mit den Hammerschwingern aneinandergeraten sah, war davon wenig zu merken.
Vielleicht lag es an seiner magischen Begabung, vielleicht an seinem Charakter. Jedenfalls betrachtete Drúdir seine Landsleute meist mit den Augen eines Außenstehenden und hatte sich nie so recht mit irgendeiner der zahlreichen Parteien identifizieren können, die sich in den Länderparlamenten zankten oder sich im Unionsparlament einredeten, tatsächliche Macht in den Händen zu halten. Aus einem vagen Gefühl der Verantwortung heraus und weil es kein wirklicher Aufwand war, gab er bei jeder Wahl seine Stimme für die Partei ab, die er gegenwärtig für das geringste Übel hielt.
Drúdir umrundete einen johlenden, stampfenden Ring aus breiten Rücken, in dessen Mitte offenbar zwei Zwerge ihre politischen Differenzen mit Fäusten und Kopfstößen austrugen. Er schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich würde es bei Anbruch der Dämmerung nicht mehr nur um Arm gegen Reich, Expansionisten gegen Reformatoren gehen, sondern auch um die typischen Auseinandersetzungen zwischen alteingesessenen Nordkronern und Einwanderern aus anderen Staaten. Die Union war nur dem Namen nach eine solche.
Drúdir hatte ursprünglich geplant, sich nach der Testamentseröffnung in der nächstbesten Kneipe zu betrinken, aber angesichts dessen, was sich gerade zusammenbraute, beschloss er, sich mit ein paar Flaschen in das kleine Pensionszimmer zu verziehen, wo er gegenwärtig wohnte.
Endlich erreichte er das halb im Boden versenkte Backsteingebäude. Wie der zylinderförmige Bau, der Krematorium und Trauersaal beherbergte, handelte es sich bei dem Notarsbüro um einen säkularisierten Tempel. Wenn man so wollte, war es nach wie vor ein Ort von spiritueller Bedeutung. Zwerge nahmen Erbschaften sehr ernst.
Er glitt durch die schlichte, schwarze Tür und ließ sich von einer überkorrekt gekleideten Zwergin den Weg zu dem kleinen Raum weisen, in dem bereits einige von Fragars Freunden und Verwandten saßen. Wieder versetzte es ihm einen Stich, dass Zwerge, mit denen er einst vertraut gewesen war, ihn nun lediglich kühl musterten. Glaubten sie etwa wirklich, dass nur die Hoffnung auf ein reiches Erbe ihn zurückgebracht hatte?
Drúdir zupfte seinen steifen, weißen Kragen zurecht und versuchte, sich sein Unbehagen nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Ein Blick auf seine Taschenuhr verriet ihm, dass er trotz des Aufruhrs auf den Straßen überpünktlich war. Er sah sich vergeblich nach Wisdrin um, konnte den Bibliothekar jedoch nirgendwo entdecken.
Er unterdrückte ein Seufzen und ließ sich auf eine der harten Bänke fallen, die im Halbkreis um das kleine Rednerpult standen und blickte aus einem der kleinen, runden Fenster, die direkt über der Straße lagen. Er sah ein rennendes Beinpaar in dreckverkrusteten Stiefeln mit rostigen Schnallen. Der Anblick brachte die Erinnerung an ein anderes Stiefelpaar zurück: Makellos poliert und verblüffend leise auf den knarrenden Dielen einer nächtlichen Werkstatt.
Übelkeit wallte in ihm auf und er musste den Impuls unterdrücken, seinen Kragen zu lockern und sich zu vergewissern, dass er nicht Fragar war, nicht in seinem Blut erstickte … Ob diese Erinnerungen je aufhören würden, ihn heimzusuchen?
„Guten Tag, Drúdir“, begrüßte ihn eine dunkelblonde Zwergin in eleganter Trauerkleidung. Briris – eine weit entfernt lebende Cousine Fragars und die einzige seiner Verwandten, die seine Interessen geteilt und in ständigem Kontakt mit ihm gestanden hatte. Eine hässliche Brandnarbe, die ihren gesamten linken Unterarm bedeckte, legte Zeugnis von ihrer Faszination für experimentelle Alchemie ab. Sie hob die Hand zu einem merkwürdigen, verlegenen Winken. Aber ihr Lächeln war aufrichtig und Drúdir entspannte sich ein wenig.
„Guten Tag, Briris. Ich glaube, ich habe dich bei der Beerdigung nicht gesehen.“
„Es gab Streiks in den Bergwerken und die Eisenbahn hatte nicht genug Kohle. Ich bin einen Tag zu spät angekommen.“
„Das tut mir leid. Genau wie …“
Drúdir musste seinen Satz nicht beenden.
Briris nickte mit zusammengepressten Lippen. „Ich werde ihn vermissen.“
„Ich auch.“
Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. Natürlich hatte auch sie seine jahrelange Abwesenheit nicht vergessen.
„Wir haben einander geschrieben“, entgegnete Drúdir ruhig auf ihren unausgesprochenen Vorwurf. Und ich habe immer gewusst, dass er da war. Glaub es oder glaub es nicht, aber das hat mir viel bedeutet, fuhr er in Gedanken fort, aber er sprach die Worte nicht aus. Er war ihr dankbar, dass sie die eisige Stille zwischen ihm und Fragars anderen Angehörigen gebrochen hatte, aber das bedeutete noch lange nicht, dass er ihr seine Gefühle anvertrauen würde.
Dennoch musste seine Miene einiges davon verraten haben, denn Briris‘ Anspannung wich traurigem Mitgefühl. „Tut mir leid, Drúdir. Ich hatte vergessen, wie nahe ihr euch gestanden habt, bevor …“
Sie brach ab, als der Notar hereingeschlurft kam. Es handelte sich um einen dünnen, hochgewachsenen Zwerg, dem jedoch mit seiner Jugend auch seine aufrechte Haltung abhandengekommen zu sein schien – was auch sein beinahe grotesk hoher Zylinder nicht zu verbergen vermochte. Er warf einen Blick auf seine Taschenuhr. „Gerade rechtzeitig“, murmelte er. Während er seinen Platz hinter dem kleinen Rednerpult einnahm und seiner abgeschabten Aktentasche eine versiegelte Mappe entnahm, ließ er müde, graue Augen über die Versammelten schweifen.
Nach einem trockenen Räuspern begann er mit einer verblüffend kraftvollen Stimme zu sprechen: „Liebe Versammelte, ich möchte Euch mein Beileid zu Eurem Verlust aussprechen. Ich fühle mich geehrt, dass Fragar – möge er in Frieden ruhen – mir seinen letzten Willen anvertraut hat, den ich nun verlesen werde.“
Es war so still, dass das Knacken, mit dem er das Siegel brach, im ganzen Raum zu hören war. Mit ruhigen Handbewegungen schlug er die Mappe auf – ein Priester der letzten Gottheit, an die moderne Zwerge glaubten: Eigentum.
Er verlas Datum und Einleitung, dann räusperte er sich von Neuem, bevor er fortfuhr. „… meine Werkstatt und mein Geld, abgesehen von den Ausnahmen, die ich noch erwähnen werde, vermache ich meiner Schwester, eine Summe von 800 Gulder und sämtliche Bücher sollen an die Sprakar-Godwis-Historig-Rúnhalar gehen, mit Ausnahme folgender Bände …“
Es folgte eine lange Auflistung der Bücher, die er in den Händen bestimmter Freunde wissen wollte. Fragar spendete seine Kleidung an eine Wohltätigkeitsorganisation und diverse obskure Gerätschaften, die mit seinen Forschungen zu tun hatten, entweder ausgewählten Freunden oder ebenfalls Wisdrins Bibliothek. Schließlich hielt der Notar inne. Drúdir glaubte schon, er sei am Ende angelangt. Viele der Versammelten schienen ebenfalls davon auszugehen. Erleichterung spiegelte sich auf ihren Gesichtern, denn häufig waren Fragars Erbstücke mit einigen persönlichen Worten einhergegangen, die die Erben aufgewühlt zurückließen. Allerdings waren sich viele von ihnen nicht zu fein, Drúdir einen triumphierenden Blick zuzuwerfen, hatte er doch ihrer Meinung nach bekommen, was er durch seine Zurückweisung Fragars und seiner Ziele verdient hatte. Ungeduldig warteten sie darauf, dass die trübselige Veranstaltung zu Ende ging
Doch der Notar beugte sich noch einmal zu seiner Tasche herab und fischte eine kleine Wasserflasche heraus. Nachdem er sich einen langen Zug genehmigt und die Flasche sorgfältig wieder verstaut hatte, blätterte der ältliche Zwerg ein letztes Mal um. „Dir, Drúdir“, sagte er, „vererbe ich meine sämtlichen Werkzeuge und ein weiteres Erbstück, das in der Rúnhalar Nornírwatara auf dich wartet. Wende dich an Rúnwis, wenn du dich bereit fühlst, es entgegenzunehmen. Ich hoffe sehr, dass du eines Tages dein wahres Potenzial erkennen wirst. Aber selbst wenn nicht, warst du in vieler Hinsicht der begabteste meiner Lehrlinge und egal, wann du diese Worte hörst, wird es immer noch zu früh sein, denn ich hätte gerne noch länger Anteil an deinem Leben genommen.“
Drúdir schluckte.
Fragars Worte hatten ihn so tief erschüttert, dass ihm erst einige Sekunden später klar wurde, dass er den Namen Rúnwis bereits zum zweiten Mal in wenigen Tagen hörte.
Einige Unterschriften und angespannt höfliche Wortwechsel später konnte er endlich ins Freie entkommen. Seine Abschrift des Testaments hing wie ein totes Tier in seiner Hand – angesichts des eisigen Regens, der ihn draußen empfing, verstaute er sie jedoch eilig in einer Tasche seines Mantels. Und natürlich hatte er gerade heute seinen Hut vergessen. Aber so widerwärtig es auch sein mochte, erfüllte das Wetter heute wahrscheinlich viele Bewohner Nordkrones – vor allem die Polizisten – mit Dankbarkeit, hatte es doch die aufgebrachten Zwerge, die am Nachmittag die Straßen unsicher gemacht hatte, verlässlich in ihre Häuser vertrieben.
Die Hände in den Manteltaschen vergraben und die Schultern den Herbstböen entgegengestemmt, ignorierte Drúdir die nahe Straßenbahnstation und stapfte mit entschlossenen Schritten los.
Er wollte nicht riskieren, dort mit Fragars Freunden zusammen warten zu müssen und sich entweder ihren vorwurfsvollen Blicken auszusetzen oder aber ihre hoffnungsvollen Fragen zu ertragen, ob er sie nicht doch wieder in ihren Studien unterstützen würde. Die genaue Natur seine Begabung war nur Fragar und Wisdrin bekannt gewesen, aber Fragar hatte genug Andeutungen über sein magisches Talent fallen lassen, um das Interesse seine Freunde zu wecken.
Um die Erinnerungen an seinen Mentor aus seinem Kopf zu vertreiben, lenkte Drúdir seine Gedanken auf die Zukunft.
Schwarzspiegel. Er war noch nie dort gewesen, kannte die Stadt aber aus Zeitungsartikeln, Geschichtsbüchern und nicht zuletzt den Erzählungen Fragars und Wisdrins, die beide ehrfürchtig von der Unterstadt geschwärmt hatten, von der berühmten Universität der Stadt und den technischen Wunderwerken, die es dort zu bestaunen gab. Drúdir hatte schon immer dort hinreisen wollen, aber er hätte sich nie träumen lassen, dass es unter solchen Umständen geschehen würde.
Wieder staunte er über den merkwürdigen Zufall, dass sowohl Fragars Erbe als auch Kargans Spur ihn in die berühmte Universitätsbibliothek der unterirdischen Stadt führten. Doch angesichts dessen, dass Wisdrin, Kargan und Fragar lange in denselben Kreisen verkehrt hatten, war es wahrscheinlich kein Wunder, dass sie alle den Professor kannten. Rúnwis Jalrisson … Wisdrin hatte ihm einiges über ihn erzählt und Drúdir an ein paar aufgeschnappte Gespräche aus seiner Zeit mit Fragars Freunden erinnert. Unter diesen war Rúnwis eine umstrittene Figur, Kopf eines kleinen, exklusiven Zirkels von Gelehrten, der gerüchteweise magische Experimente durchführte, die er selbst vor dem Rest des Netzwerks geheim hielt. Er stand in dem Ruf, ein schroffer Einzelgänger mit einem Hang zur Geheimnistuerei zu sein; genial, aber wenig geneigt, sein Wissen zu teilen.
Drúdir konnte sich nicht vorstellen, dass der Wissenschaftler ihm ohne Weiteres verraten würde, was Kargan zu ihm geführt hatte. Aber darum würde er sich kümmern, wenn es so weit war. Im Moment wusste er nur eines: Er würde nicht aufgeben, bis er Fragars Mörder gefunden hatte. Und dann … Was dann? Seine Art der Recherche förderte nicht die Art Beweis zutage, die er einem Gericht vorlegen konnte. Was würde er also tun, wenn er Fragars Mörder gefunden hatte? Eine weitere Frage, die er zur späteren Betrachtung in einem abgelegenen Winkel seines Bewusstseins wegschloss.
Als er schließlich in die schmale Gasse einbog, in der seine Pension lag, waren sein Haar und der nicht von seinem Mantel geschützte Hemdkragen klatschnass. In der Dämmerung und im Regen sah der schmale Spalt zwischen zwei Häusern, die man in den letzten Jahren beide um je zwei improvisiert aussehende Stockwerke erhöht hatte, noch düsterer und trübseliger aus als sonst. Die quietschend in ihren Halterungen pendelnden Gaslampen, die über einigen Türrahmen hingen, waren größtenteils außer Betrieb. Nur eine von ihnen warf ihr trübes Licht auf das regennasse Pflaster und eine Masse neben seiner Haustür, die ihn an einen überdimensionalen Pilz erinnerte.
Bei seinem Anblick richtete der Pilz sich auf und verwandelte sich in eine ihm wohlbekannte Zwergin mit Regenschirm.
„Endlich!“, rief Findra. „Ich habe Neuigkeiten.“
Kapitel 10
Die Automate
Das Surren und Klicken der einrastenden Zahnräder, die die künstlichen Augen dem dunkelgelben Dämmerlicht anpassten, war nahezu lautlos. Die Kreatur, die sich in der Mitte des Salons auf ein Knie hatte sinken lassen, nahm es trotzdem wahr. Immerhin sandte es ein sanftes Vibrieren durch das Innere ihres Kopfes und verschob die exakten Rhythmen der Mechanik. Obwohl die kaum wahrnehmbaren Vibrationen und Geräusche ihren feinen Sinnen nicht entgehen konnten, schenkte sie ihnen keinerlei Beachtung. Sie waren Teil ihres Lebens gewesen, seit sie sich erinnern konnte. Nicht, dass dies eine lange Zeit wäre, aber doch lange genug, um sich daran zu gewöhnen.
Aus ihren schwarzen Linsenaugen sah sie die beiden Gestalten an, die sich das ausladende Sofa vor ihr teilten. Der schwere Rahmen war mit üppigen Polstern bestückt, deren goldgelber Überzug das Muster der Seidentapete wiederspiegelte. Der Goldene Salon trug seinen Namen nicht nur aus dem offensichtlichen Grund. Weder der Teppich, noch die schweren, sorgfältig zugezogenen Vorhänge, noch die seidenen Lampenschirme wichen von dem Farbschema ab. Es war offensichtlich, dass dieser Raum vor allem einem Zweck diente: Den Besucher daran zu erinnern, dass der Hausherr – der Meister – Gold im Überfluss besaß.
Derselbe, ein Zwerg von wenig beeindruckender Statur, saß breitbeinig auf dem Sofa, die Arme auf der Lehne ausgebreitet. Er lag mehr in den Polstern, als dass er saß, das Kinn in die Höhe gereckt. Ein teures Sortiment antiker Waffen, das im Halbkreis an der Wand hinter ihm hing, umrahmte sein unscheinbares Gesicht wie ein martialischer Heiligenschein.
Die Haltung der beiden anderen Männer war weniger raumfüllend. Ein hochgewachsener, dunkelblonder Mann mit scharfen Zügen hatte seinen langen Menschenkörper in einer Sofaecke zusammengefaltet. Wenn die Automate seine Körpersprache richtig las, hielt er bewusst Abstand zu ihrem Meister. Er starrte sie aus zusammengekniffenen Augen an, eine Mischung aus Stolz, Angst und Gier im Blick.
Der Blick des Mannes, der auf der anderen Seite des Meisters neben dem Sofa stand, verriet Misstrauen, wenn auch ein Misstrauen der harten, selbstbewussten Sorte. Eine seiner kräftigen, von kleinen Narben bedeckten Hände lag auf der Sofalehne, die andere ruhte auf dem Kopf einer massiven, runenverzierten Axt. Der Faltenwurf seiner Jacke verriet der Kreatur, dass er darunter zwei schwere Pistolen trug.
In ihrem Kopf spielte sich rasch eine Reihe möglicher Szenarien ab, was geschehen würde, falls der Meister ihr befahl, die beiden Männer zu töten. Erneut surrte es leise in ihrem Kopf und ein Gewirr wabernder, goldener Linien legte sich über den Salon. Linien, die um die Hände und eine Tasche des Menschenmannes ungewöhnlich intensiv waren und ein charakteristisches Muster formten. So, er gebot also über Magie. Nicht, dass es ihm irgendwie helfen würde. Die Kreatur musste sich selbst nicht sehen können, um zu wissen, wie sie auf dieser Ebene aussah: Ein Geschöpf aus purem Licht, umgeben von einem Raum ohne jede Magie, da sie jeden Zauber auflöste und absorbierte.
Ganz anders hingegen sah es mit der Axt des stehenden Zwerges aus. Die Automate hatte nur ein intuitives Verständnis von Magie, doch die vielfach versiegelten Strukturen der Zauber um die Axtklinge ließen ein vages Unbehagen in ihr aufsteigen. Es musste ein altes Artefakt sein. Zwar mochte die Magie allmählich zurückkehren, aber bei einem Zauber wie diesem konnte es sich nur um ein Relikt aus der Werkstatt eines alten zwergischen Runenschmiedes handeln.
Natürlich war auch diese Waffe kein Grund zur Besorgnis. Die Automate wäre bei dem Zwerg, bevor er sie auch nur heben könnte, geschweige denn, fallen lassen, um nach einer seiner Pistolen zu greifen.
Aber der Meister befahl ihr nichts dergleichen und betrachtete sie nur selbstzufrieden. Das Maschinenwesen erwiderte seinen Blick ausdruckslos.
„Du hast lange gebraucht, hierher zurückzukommen“, stellte er schließlich fest.
Tatsächlich hatte die Automate sich Zeit gelassen, beschäftigt damit, eine sonderbare Erfahrung zu verarbeiten. Wie der Meister es befohlen hatte, war sie, exakt siebenundvierzig Minuten und dreißig Sekunden nachdem das Luftschiff sich in die Luft erhoben hatte, aus einer der Kisten im Lagerraum hervorgebrochen und hatte mit ruhiger Effizienz ihr Zerstörungswerk begonnen. Einige Zwerge hatten mit verblüffender Geistesgegenwart Widerstand geleistet, ihr aber letztlich nichts entgegenzusetzen gehabt. Dennoch hatte sie plötzlich innegehalten, als es erneut in ihrem Kopf surrte und knackte und ein neues, seltsam chaotisches Element sich ihrer sorgfältig abgemessenen Kognition zugesellte.
Anfangs hatte es nur die Befehle des Meisters, die scharfe Wahrnehmung ihrer Umwelt und die Liste der Aktionen, die es auszuführen galt, gegeben. Natürlich war sie sich ihres Körpers bewusst gewesen, aber auf eine vage, unpersönliche Weise, gerade genug, um ihre Gliedmaßen koordinieren und zu wissen, was sie ihnen zumuten konnte. Da waren präzise Berechnungen von Kräften und Winkeln gewesen, aber keine Gedanken darüber, wer oder was sie war. Keine Fragen, woher das Wissen stammte, auf das sie mit solcher Selbstverständlichkeit zurückgriff.
Doch aus irgendeinem Grund war die Automate sich ihrer selbst plötzlich bewusst geworden und hatte begonnen, sich zu fragen, wer das Geschöpf aus teilweise zerfetzter Haut über einem Gerüst aus Stahl war, das da in einem Luftschiff voller toter und sterbender Zwerge stand. Welche sonderbaren Umstände es dazu brachten, den Befehlen des Meisters zu folgen, ohne sie je zu hinterfragen. Und wieso es plötzlich ein irrationales Unbehagen angesichts dessen empfand, dass es nichts über sich selbst wusste. Keine Vorlieben oder Antipathien, keine Überzeugungen, keine Erinnerungen … es kannte noch nicht einmal sein eigenes Gesicht.
Die Kreatur hätte wohl eine ganze Weile weitergegrübelt, hätte der Teil in ihr, der dem Meister mit unvergleichlicher Effizienz gehorchte, nicht die Kontrolle übernommen und verhindert, dass sie beim Absturz des Luftschiffs zu großen Schaden nahm. Aber dieser andere Teil, der nachdachte und hinterfragte und sich vielleicht irgendwann zu einer Persönlichkeit entwickeln würde, hatte keineswegs aufgehört, zu existieren. Er war noch immer da, ein Flüstern unter dem Schnurren und Ticken ihrer Gedanken.
Jetzt betrachtete dieser Teil die drei Männer mit fremdartigen, irrationalen Regungen, die die Kreatur als „Gefühle“ klassifizierte. Da waren Anflüge von Angst und Wut und Wiedererkennen … zumindest beinahe, schränkte sie ein. Sie hatte diese drei schon einmal gesehen, aber da waren sie nicht zu dritt gewesen. Eine Erinnerung – untypischerweise eine, der sie weder Zeit noch Ort zuordnen konnte – tauchte in ihren Gedanken auf: Ein viertes Gesicht, von langem Haar umgeben, das sich durch die Luft bewegte wie durch Wasser. Die perfekte Symmetrie und die feinen Kurven und Winkel seiner Züge machten es schwer, zu glauben, dass es aus demselben organischen Material bestand, demselben Grundbauplan folgte wie die Züge der Zwerge. Nur der verzerrte Ausdruck wollte nicht zu der kühlen Makellosigkeit passen. Die Kreatur konnte auf eine reichhaltige Sammlung von Daten über Gesichtsausdrücke zurückgreifen, aber dennoch wusste sie nicht, ob diese Grimasse Schmerz oder Verzückung ausdrückt hatte.
Aber keiner der drei Anwesenden schien den vierten in der Runde zu vermissen. Alle fixierten sie die Automate und warteten auf ihre Antwort.
„Ich hatte Schwierigkeiten, das Luftschiff zu verlassen, habe bei dem Absturz Schaden genommen und brauchte Zeit, um mich zu regenerieren“, sagte sie. Die Wahrheit – aber nicht die ganze.
Der Meister nickte. Er wandte sich an den Menschen zu seiner Linken und deutete stolz auf die Kreatur. „Bist du zufrieden mit deiner Arbeit? Ich bin es.“
„Ich kann wohl kaum behaupten, dass es nur meine Arbeit ist“, entgegnete der Mann angespannt. „Und letztlich wissen wir noch nicht, was tatsächlich auf dem Luftschiff geschehen ist.“
„Ausgezeichneter Punkt. Berichte!“, forderte der Meister die Automate auf.
Mit monotoner Stimme begann die Automate, zu erzählen, was auf dem Luftschiff geschehen war und ließ nur die Veränderungen in ihrem Inneren aus. Der Gesichtsausdruck des stehenden Zwerges spiegelte widerwilligen Respekt, aber der Mensch wurde blass. Er presste die Lippen zusammen und ein Flackern trat in seinen Blick. Offenbar bereiteten die Schilderungen von messingglänzenden Klingen in weichen Zwergenkörpern ihm Unbehagen. Mit vagem Interesse registrierte die Kreatur ihre eigene Überraschung und den bitteren Spott, der ihr auf der Zunge lag. Doch so sorgfältig sie auch die Daten ihres Bewusstseins durchforstete, sie konnte keinen Grund dafür entdecken. Funktionen, die sich ihrer Betrachtung entzogen? Interessant und beunruhigend.
Natürlich war ihr keiner dieser Gedanken anzumerken, als sie in ihren Schilderungen fortfuhr. Nachdem sie geendet hatte, trat zunächst Stille ein. Selbst der Meister schien nachdenklich geworden. Aber schließlich nickte er und wiederholte an den Menschen gewandt: „Ja, ich glaube, wir können zufrieden mit uns sein.“
Der Zwerg mit der Axt nickte ruckartig in Richtung der Automate. „Bist du sicher, dass es unter Kontrolle ist?“, fragte er.
Der Meister runzelte unwillig die Stirn. Vielleicht weniger wegen des Einwandes als vielmehr wegen der Art, wie er vorgebracht worden war. Gewisse Verhaltensmuster deuteten darauf hin, dass er großen Wert auf Demonstrationen des Respektes legte.
„Denkst du, ich würde so etwas“, der Meister winkte nachlässig in Richtung des Maschinenwesens, „bauen und auf die Welt loslassen, wenn ich nicht wüsste, dass ich es beherrschen kann?“
Der Zwerg schien nicht überzeugt. „Du steckst nicht in diesem Kasten. Wer sagt, dass der verdammte Elfenhexer nicht seine eigenen Pläne hat? Er hat ein Wesen aus dem Abgrund gerufen. Für so jemanden ist Verrat eine Kleinigkeit.“
Der Mensch schaltete sich ein. „Welche Pläne er auch immer hatte, jetzt sind sie null und nichtig und alle Dreizehn voll unter unserer … deiner Kontrolle.“
Er schien den Meister besser zu kennen und schmeichelte ihm mit einem Nicken, das beinahe eine angedeutete Verbeugung war. Dennoch hielt er nach wie vor – vielleicht unbewusst – Abstand. Die Kreatur ließ ihre Linsenaugen wieder über sein Gesicht gleiten; spulte in Gedanken noch einmal seine Stimme ab. Nein, er fürchtete den Meister nicht, glaubte sich zumindest ebenbürtig. Was ihn auf Abstand hielt war schlicht und einfach Abneigung. Angesichts der engen Zusammenarbeit der beiden, von der sie mittlerweile ausging, musste er wohl gute Gründe haben, um dem Meister wieder und wieder aufrichtigen Respekt und vielleicht sogar Zuneigung vorzuheucheln.
Sowohl ihre Überlegungen, als auch das Gespräch der drei Männer wurden von aufgeregtem Klopfen an der Tür des Salons unterbrochen. Der Meister warf der Kreatur einen raschen Blick zu. „Tarne dich!“, befahl er knapp.
Die Automate nickte und erhob sich in einer fließenden Bewegung. Ihr Sichtfeld verengte sich, als sich ihre Linsenaugen bis auf das kleine Guckloch einer üblichen Pupille einfärbten. Mit vor dem Körper gefalteten Händen und leicht gesenktem Kopf stellte sie sich neben das Sofa, so dicht an dem Menschenmann, dass sie nur leicht den Oberkörper hätte zu Seite neigen müssen, um seinen Kopf mit dem Ellenbogen zu zerschmettern. Er schien sich dessen bewusst zu sein, denn sein Atem beschleunigte sich. Als die Kreatur ihre Infrarotsicht einschaltete, bemerkte sie die ungewöhnliche Wärme von Gesicht und Gliedmaßen. Hätte sie genauer hingehört, wäre ihr wohl auch ein beschleunigter Herzschlag aufgefallen. Dieser Mann mochte wissen, dass er keinen Grund hatte, mit einem Angriff zu rechnen, aber das änderte nichts daran, was er in ihrer Gegenwart fühlte.
Die Kreatur gönnte ihm seine Angst aus vollem Herzen. Der Meister wirkte im Gegensatz zu ihm vollkommen entspannt. Interessiert registrierte sie ihr leises Bedauern. Sie hätte ihn gerne angsterfüllt und ohnmächtig gesehen … der Gedanke erinnerte sie aus irgendeinem Grund an ein Konzept der Menschen und Zwerge: Gerechtigkeit.
„Herein“, rief der Meister schroff.
Die Türen schwangen auf und ein rundlicher Zwerg mit mausbraunem Haar stolperte herein. Er musste sich beeilt haben, herzukommen, denn sein Atem ging fliegend. Auch war ihm die Krawatte halb aus der Weste gerutscht und bildete eine abstehende Schlaufe vor seiner Brust. Seinen Hut hielt er in den Händen und drehte ihn unaufhörlich, die Schultern hatte er wie in Erwartung eines Schlages hochgezogen.
„Was gibt es?“, fragte der Meister.
Der Neuankömmling blickte auf. Er schien sich zu sammeln und der Blick seiner bebrillten Augen wurde ruhiger. Argwöhnisch streifte er über den Axtträger, den Menschen und das Maschinenwesen hinweg. „Kann ich offen sprechen, Sir?“
Der Meister bedeutete ihm mit einer Geste, fortzufahren.
Der Zwerg atmete tief durch. „Ich habe Ihnen von den Drohungen Grihins erzählt“, sagte er schließlich. „Wie es scheint, hat er sie wahr gemacht.“
„Was ist passiert?“
„Vor einer halben Stunde haben sie eine Leiche in der Messinggasse gefunden. Sie konnten sie nur anhand des Tascheninhaltes identifizieren. Ich bin so schnell wie möglich gekommen, um Sie zu informieren. Es tut mir leid, Sir, aber Ihr Sekretär ist tot.“
„Bist du sicher, dass es Grihins Bande war?“, fragte der Zwerg mit der Axt.
„Man hat ihm sein Geld gestohlen, aber seine Papiere wieder in die Tasche gestopft. Wer auch immer es war, wollte, dass er identifiziert wird. Und, wenn ich mir ein Urteil erlauben darf, die Verletzungen deuten darauf hin, dass die Verantwortlichen ein Zeichen setzen wollten.“
Stille stellte sich ein. Die Kreatur schielte zu ihrem Meister hinüber. Der dunkelhaarige Zwerg hatte eine Hand in einer nachdenklichen Geste ans Kinn gehoben, als der Neuankömmling zu sprechen begann, aber nun presste er die Fingerknöchel so fest an seine Lippen, dass sie fast so weiß geworden waren, wie sein versteinertes Gesicht. Man konnte seinen Gesichtsausdruck leicht für den eines ängstlichen Mannes halten, der um Kontrolle rang, aber ein Blick mit dem zweiten Gesicht verriet der Kreatur, dass er vor Zorn zitterte.
„Danke, Aisrir“, sagte er. „Das muss ein unerfreulicher Anblick gewesen sein. Hol dir etwas zu trinken.“
Verwirrt zog sich der Überbringer der schlechten Nachricht zurück und ließ die Tür dabei unbeabsichtigt laut ins Schloss fallen. Dem dumpfen Laut folgte eine spannungsvolle Stille.
Schließlich trat der Zwerg mit der Axt einen Schritt vor. „Soll ich mich um Grihin kümmern? Wir könnten unser eigenes Zeichen setzen.“
Seine kräftigen Finger strichen liebkosend über eine Ausbeulung seiner Jacke.
„Ich könnte mich der Sache … diskreter annehmen“, offerierte der Mensch, was ihm einen verächtlichen Seitenblick des Zwerges eintrug. Gerade setzte dieser zum Sprechen an, als eine scharfe Handbewegung des Meisters sie beide unterbrach.
„Wir werden ein Zeichen setzen“, sagte er. „Eines, das nicht nur Grihin klar macht, dass niemand mich bedroht. Eines, das so schnell niemand vergessen wird.“
Seine Augen wanderten zu der Kreatur hinüber, die noch immer reglos dastand.
„Ist das klug?“, fragte Kargan. „Ich meine, ohne Rücksprache mit den anderen? Hattet ihr euch nicht auf absolute Geheimhaltung geeinigt?“
„Scheiß auf die anderen!“, knurrte der Meister. „Wenn sie erst gesehen haben, wozu diese Wesen fähig sind und wie ich sie kontrolliere, werden sie sowieso nicht mehr wagen, mir irgendwie reinzureden!“
Er bedeutete der Kreatur, ihm erneut gegenüberzutreten.
„Geh“, sagte er. „Finde Grihin und seine ganze Bande.“ Es folgte eine lange Reihe von Instruktionen, die dem Zwerg mit der Axt gelegentlich ein Stirnrunzeln, gelegentlich ein anerkennendes Nicken entlockten.
Die Kreatur neigte den Kopf. „Ich habe verstanden“, sagte sie in ihrer angenehmen, wenngleich emotionslosen Stimme.
Der Meister nickte knapp. „Lass es ungewöhnlich aussehen. Ungewöhnlich und abschreckend“, forderte er die Automate auf. „Und jetzt geh.“
„Ich habe verstanden“, wiederholte sie und entfernte sich mit Schritten, die verblüffend lautlos für all das schwere Metall in ihrem Körper waren.
Auf dem Weg hinaus passierte sie ein Hausmädchen, das sie neugierig musterte, unfähig, diesen Gast einzuordnen. Ob es wohl schreiend hinausstürmen würde, wenn es die Wahrheit erführe?
Die Kreatur marschierte vorbei, ohne auch nur den Kopf zu wenden.
Warum tue ich das?, fragte sie sich.
Aber es war ein leiser Gedanke, der eher Befremden als Zögern auslöste. Der Teil ihres Selbst, der ganz dem Meister untertan war, begann bereits, Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und Pläne auszuarbeiten.
Kapitel 11
Findra
Ratternd und stampfend fraß die Dampflokomotive mit ihrem langen Schwanz aus Waggons Meile für Meile. Findra blickte versonnen aus dem Fenster. Am Morgen hatte sich dichter Nebel herabgesenkt. Er vermengte sich mit dem Rauch, der von der Lokomotive zu ihnen herantrieb. Geisterhaft zeichneten sich die Silhouetten hoher Nadelbäume vor den Fenstern ab. Hin und wieder schabten Zweige wie dürre Finger über das Glas. Dennoch war die Zwergin froh über ihren Fensterplatz. Wenn sie nach draußen blickte, konnte sie für einen Moment vergessen, wie beengt die Waggons der dritten Klasse waren.
Ja, wegsehen half. Wenn auch nicht gegen die stickige Luft. Sie schielte zu Drúdir hinüber, um zu sehen, ob er auch unter der Enge litt, aber der dunkelhaarige Zwerg war eingeschlafen, sein Kopf gegen die Scheibe gesackt. Wahrscheinlich würde er bald mit heftigen Nackenschmerzen erwachen, aber im Moment wirkte sein Gesicht entspannt. Das diffuse, weiße Licht des nebligen Morgens verlieh ihm eine kränkliche Blässe. Zum ersten Mal fielen Findra die purpurnen Schatten unter seinen Augen auf. Als er heute Morgen aus dem schäbigen Schlafsaal der Bahnhofsherberge in Grabenstadt gestolpert war, hatte er etwas über schnarchende Mitreisende und unbequeme Betten gemurmelt, aber Findra glaubte sich zu erinnern, dass er bereits an den beiden Tagen, die es sie gekostet hatte, ihre Reise zu arrangieren, permanent müde ausgesehen hatte. Findra schielte auf das Schimmern seiner Uhrenkette. Sie wünschte, sie könnte ihn nach der Zeit fragen. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie zum letzten Mal umsteigen mussten. Wenn der Name Schwarzspiegel fiel, dachten die meisten Zwerge an die Stadt unter dem Berg, aber tatsächlich handelte es sich dabei nur um ihr kaum bewohntes Zentrum. Das eigentliche Schwarzspiegel erstreckte sich teils überirdisch auf dem Hang des Schwarzspiegelberges und seines Nachbarn, Kupferkrone. Im Gegensatz zu der unterirdischen Altstadt – es gab kaum einen zwergischeren Ort – war das überirdische Schwarzspiegel aufgrund seiner Lage an einem der Pässe, die zu den Menschenländern im Süden führten, ein lebendiges Handelszentrum, in dem auch Menschen, Trolle und Gnome ihre Viertel hatten. Sogar einige Elfen hatten sich dort niedergelassen, geduldet wegen ihres Reichtums und ihrer guten Handelsverbindungen. Dank seiner günstigen Lage beherbergte Schwarzspiegel den größten Bahnhof und Luftschiffflughafen der Union – beinahe zumindest. Der Boden um die Stadt herum war zu uneben, weshalb deren Gelände vielleicht eine Stunde entfernt lag. Aber von dort aus fuhren jede Stunde Züge ins Zentrum Schwarzspiegels.
Ein Schaffner quetschte sich durch eine halb von einem gigantischen Koffer blockierte Tür in das Massenabteil. Das dunkle Rot seiner Uniform biss sich mit dem Karottenton seines Haares. Er hob eine Trillerpfeife an die Lippen. Der gellende Pfiff sicherte ihm die Aufmerksamkeit aller Fahrgäste. Drúdir wurde unsanft aus dem Schlaf gerissen und stieß einen derben Fluch aus, der in der markerschütternden Ansage „Nächster Halt: Bahnhof und Flughafen Hangstadt“, unterging.
„Wir müssen aussteigen.“ Findra musste beinahe schreien, um sich über das Rattern des Zuges und die Aufzählung der Anschlusszüge hinweg Gehör zu verschaffen.
„Ich weiß“, entgegnete der soeben erwachte Drúdir mürrisch und zog eine Grimasse, als er den Kopf wandte. Die Ellenbogen angezogen, um sie nicht gegen die Scheibe oder seinem Nachbarn ins Ohr zu rammen, massierte er sich den Nacken mit beiden Daumen. Dann stand er seufzend auf und griff nach oben ins Gepäcknetz. In einer Geste spöttischer Galanterie reichte er Findra ihren Koffer herab – und stieß ihn ihr versehentlich gegen die Schienbeine, als der Zug ruckartig verlangsamte. Dann zerrte er seine eigene, unförmige Reisetasche herab. Allein den Koffer mit Fragars Werkzeugen hob er sorgfältig herunter. Sie hätten bereits einen Tag früher abreisen können, aber Drúdir hatte warten wollen, bis die Nordkroner Polizei alle potenziellen Beweisstücke freigab und er die Werkzeuge seines Meisters in Empfang nehmen konnte. Angesichts seines unsteten Lebensstils konnte er nicht wissen, wann er wieder in die Stadt zurückkehren würde und obwohl die Post zuverlässig war, konnte Findra verstehen, dass er das kostbare Erbstück lieber bei sich behielt. Dennoch war es ihr schwergefallen, zu warten. Als wandernder Uhrmacher und Feinmechaniker, dessen ausgezeichnete Referenzen es ihm erlaubten, beinahe überall Arbeit zu finden, hatte Drúdir keinerlei Pflichten, die ihn an irgendeinen Ort banden, aber Findra war sich nur zu bewusst, dass ihr unerwarteter Urlaub mit jedem Tag weiter zusammenschnurrte. Und sie wollte nicht riskieren, Baidur zu verärgern. Ganz abgesehen davon, dass sie ihren Lohn brauchte.
Schließlich kam die Bahn ganz zu stehen und in einem einzigen mürrischen, schwer bepackten Gedränge strebten die Passagiere nach draußen. Im Türbereich wurde das Drücken und Schieben so heftig, dass Findra für einen Moment nicht mehr atmen konnte – sie war froh, dass sie für die Reise darauf verzichtet hatte, ihre Röcke modisch aufzupolstern – aber endlich schafften es alle nach draußen und verteilten sich auf dem Bahnsteig, gierig nach frischer Luft und Bewegungsfreiheit.
Der Bahnsteig roch beißend nach dem Qualm der eingefahrenen Bahn, aber war bemerkenswert großzügig angelegt. Trotzdem war er nicht annähernd so beeindruckend wie die zentrale Halle, in die sie von der Menge der Passagiere geschwemmt wurden.
Es handelte sich um ein beeindruckendes Denkmal für den Wohlstand Südlands, des mit Abstand reichsten Staates der Union. Mosaiken schmückten die Wände, die Steinplatten des Bodens glänzten wie graue Spiegel und Gaslampen in kunstvollen Messinghalterungen tauchten die Szenerie in helles Licht. Zwerge in den dunkelblauen Uniformen der Wuthri-Linien, des größten Bahnunternehmens der Union, eilten hin und her, kurze Leitern hoch über die Köpfe gehoben. Hier und da stellten sie sie ab und kletterten daran empor, um die Schiefertafeln an den Wänden zu aktualisieren, die über ankommende und abfahrende Züge informierten. Unzählige Reisende bewegten sich zielstrebig hin und her.
Es waren vor allem Zwerge, aber wenn man genauer hinsah, erkannte man hier und da den watschelnden Gang und die olivfarbene Haut von Gnomen oder die kleinen, flinken Gestalten und unverkennbaren Fledermausohren von Kobolden. Leichter auszumachen waren die Menschen, die die Zwerge allesamt um mindestens einen Kopf überragten. Die Vielfalt an Teints, Kleidungsstilen und Frisuren verriet, dass sie aus allen Winkeln des Kontinents kamen.
Ein elegant gekleidetes Paar kam direkt auf Findra zu. Der dunkelhaarige Mann war selbst für einen Menschen groß und sehr schlank. Er trug einen meisterhaft geschneiderten Gehrock und einen hohen Zylinder auf dem offenen, dunklen Haar. Die meisten Zwerge und Menschen hatten es angesichts der verschmutzten Luft aufgegeben, Weiß zu tragen und bevorzugten daher Schwarz, Dunkelblau oder die intensiven Herbstfarben, die neuerdings so billig chemisch produziert werden konnten. So fiel der Mann in seinem makellos weißen Hemd umso mehr auf.
Als er noch ein paar Schritte näherkam, erkannte Findra, dass er auch anders gekleidet Blicke auf sich gezogen hätte: Sein schmales, perfekt symmetrisches Gesicht mit den hohen Wangenknochen und fein geschwungenen, zu einem spöttischen Lächeln verzogenen Lippen machte seine elfische Herkunft so unverkennbar wie seine kaum merklich spitz zulaufenden Ohren und der säuerliche Gesichtsausdruck des Zwerges, der einen Wagen mit seltsam geformten Gepäckstücken hinter ihm und seiner Begleiterin herschob. Auch seine weißblonde Begleiterin war nach der Mode der zentralkiarvanischen Menschen gekleidet, in ein mauvefarbenes Reisekostüm mit ausladendem Reifrock. Das Korsett, das sie zweifellos unter der Jacke trug, übersteigerte ihre natürliche Schlankheit ins Groteske. Trotz ihrer restriktiven Kleidung bewegte sie sich mit derselben fließenden Eleganz wie ihr Begleiter. Als die beiden an ihr und Drúdir vorbeirauschten, hörte sie die Elfe in nahezu perfektem Zwergisch fragen: „Erreichen wir den Zug nach Schwarzspiegel Zentral noch?“
„Keine Sorge“, entgegnete der Gepäckträger, „Sie haben noch eine Viertelstunde. Mehr als genug Zeit, um zum Gleis zu gelangen.“
„Danke“, entgegnete sie mit ihrer hellen, kühlen Stimme.
„Die wollen auch zum Zug ins Zentrum“, meinte Findra an Drúdir gewandt und deutete auf das Paar. „Am besten, wir gehen einfach hinterher.“
Die beiden Zwerge schulterten ihr Gepäck und folgten dem Zylinder, der hoch über den Köpfen der Zwerge entlangtanzte.
„Die beiden haben einen ziemlich ungünstigen Zeitpunkt erwischt, um nach Schwarzspiegel zu reisen“, bemerkte Drúdir.
Ein über die Schulter eines Mitreisenden halb gelesener Zeitungsartikel fiel Findra ein. „Wegen des Parteitages der ZSK?“
Drúdir nickte. „Ja, ich habe gehört, dass viele Elfen, Menschen und Kobolde die Stadt für die Woche verlassen. Du erinnerst dich sicher an den letzten Parteitag in Nordkrone.“
„Oh ja.“ Bei der Erinnerung lief es Findra kalt den Rücken hinunter. Es war zwei Jahre nach ihrem Dienstantritt gewesen und sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie, einen metallverstärkten, wattierten Harnisch über der Uniform und einen etwas zu großen Helm auf dem Kopf, zitternd in der dünnen Reihe von Polizisten gestanden hatte, die die radikalen Expansionisten und die Hammerschwinger trennten.
Die Expansionisten, die das Überleben des Stärkeren und den natürlichen Herrschaftsanspruch der Zwerge predigten, jagten ihr abwechselnd entweder Angst ein oder weckten in ihr den Wunsch, ein paar Straßenlaternen mit den Köpfen gewisser Zwerge einzubeulen. Aber was sie wirklich deprimierte, waren die Hammerschwinger. Sie hatte am eigenen Leib erfahren, wie hart das Leben für die Zwerge sein konnte, die nie wussten, ob sie eine Fabrik mit allen Fingern verlassen würden – und trotzdem froh waren, dort eine Anstellung gefunden zu haben. Aber es würde sich ihr wohl nie erschließen, wie einige dieser Zwerge Veränderungen dadurch herbeizuführen hofften, dass sie Fabriken sprengten oder brutale Raubüberfälle auf reichere Zwerge unternahmen.
Etwas in ihrem Gesichtsausdruck musste ihre Gefühle verraten haben, denn Drúdir war stehengeblieben und sah sie aufmerksam an.
„Ich war dabei“, murmelte sie.
Der Uhrmacher nickte nur, als wäre damit alles erklärt. Was es auch war. „Ich bin froh, dass ich nicht da war. Wisdrin hat mir darüber geschrieben. Um ein Haar wäre die Bibliothek gestürmt worden.“
„Entzündet Kochfeuer mit den unnützen Büchern der Tyrannen“, zitierte Findra bitter. Dann wandte sie sich mit einem halben Lächeln an Drúdir. „Ihr Glück, dass sie es nicht geschafft haben. Wisdrin wäre in all seinem Zorn über sie gekommen.“
Drúdir schüttelte mit einem schiefen Grinsen den Kopf. „Wisdrin in all seinem Zorn? Du unterschätzt die Macht eisiger Verachtung.“
Doch sie beide wurden schnell wieder ernst. Die Geschehnisse auf den Straßen der Union waren in ihrer schieren grotesken Unvernunft durchaus komisch – aus sicherer Entfernung betrachtet.
„Ich könnte mir vorstellen, dass es dieses Jahr noch hässlicher für alle Nichtzwerge wird“, fuhr Drúdir fort. „Mit all der Bergfalke-Hysterie.“
Findra verzog das Gesicht zu einer Grimasse widerwilliger Zustimmung. Selbst ein ausgesprochen dummer Zwerg würde nach fünf Minuten unvoreingenommenen Nachdenkens zu dem Schluss kommen, dass keine ausländische Regierung Interesse an einem solchen Sabotageakt haben könnte.
Allerdings war ein ausgesprochen dummer Zwerg eine Sache. Eine Menge ausgesprochen dummer Zwerge war eine völlig andere, konnten sie einander doch in ihrem Irrglauben bestätigen.
Als wollte er ihre pessimistischen Ansichten über die Welt im Allgemeinen bekräftigen, rief ein Zeitungsjunge in einiger Entfernung die Schlagzeilen aus. Findra fing nur ein „Brutaler … Schwarzspiegel schockiert … Polizei vor Rätsel“ auf.
Sie schoben sich hinter dem Gepäckträger des Elfenpaares auf eine Treppe, die sich knarzend in Bewegung setzte und sie nach oben trug. Findra hatte bisher nur von diesen Rolltreppen gehört und sah staunend zu, wie das Gewusel der Halle immer weiter nach unten glitt.
„Bemerkenswert“, murmelte Drúdir, für einen Moment von seinen düsteren Gedanken abgelenkt. Findra konnte ihm nur zustimmen.
Wenig später saßen sie in dem schwarzen, mit blitzendem Kupfer beschlagenen Zug, der sie in die Innenstadt bringen würde. Ursprünglich hatten sie wieder in der dritten Klasse reisen wollen, aber diese Waggons waren bereits bis auf den letzten Stehplatz vollgestopft, sodass Findra widerwillig Drúdirs Angebot akzeptierte, ihnen Karten für die zweite Klasse zu kaufen.
Findra gestand es sich nur ungern ein, aber sie war froh darüber. In den letzten Tagen hatte sie genug überfüllte Bahnwaggons gesehen und genoss es nun aus vollen Zügen, dass sie und Drúdir in einem abgeschlossenen Sechspersonenabteil saßen. Es gab sogar einen Ventilator, der sich träge an der Decke drehte.
Erst nachdem ein gellender Pfiff die kurz bevorstehende Abfahrt angekündigt hatte, füllte sich das Abteil mit anderen Gästen. Zuerst kam eine matronenhaft wirkende Zwergin, die an einem langen, dunkelblauen Schal strickte. Als nächstes ließ sich ein Geschäftsmann mit dunklen Ringen unter den Augen auf einen Sitz fallen und schlief beinahe sofort ein. Zuletzt schob sich eine junge, ungewöhnlich große Zwergin ins Abteil, die so merkwürdig aussah, dass Findra sie verstohlen musterte. Findra konnte sich nicht entscheiden, ob die Unbekannte auf exotische Art und Weise attraktiv oder eher mit seltsamen, schlecht zueinander passenden Zügen geschlagen war. Allem Anschein nach beides – je nach Lichteinfall und Blickwinkel. Wahrscheinlich hätte Findra sich nicht bemühen müssen, ihre Aufmerksamkeit zu verbergen, denn die Fremde war ganz auf das Klemmbrett in ihrer Armbeuge fixiert, auf dem sie unablässig in rasender Geschwindigkeit herumkritzelte. Was wahrscheinlich nur gut war, andernfalls wäre ihr nämlich Drúdirs Blick nicht entgangen. Offenbar fiel sein Urteil positiv aus.
Ruckend setzte sich der Zug in Bewegung und sie tauchten in die Dunkelheit des Tunnels ein. Samtige Schwärze hüllte sie ein. Findra runzelte die Stirn. Von der Matrone kam ein ärgerliches „Tsts, typisch!“
Drúdir neben ihr bewegte sich ein wenig und stieß in einem leisen Seufzen den Atem aus. Gegenüber hörte Findra eine leise, kultivierte Stimme einen Fluch ausstoßen. Das war dann wohl die Frau mit dem Klemmbrett.
Wenig später – es war schwer zu sagen, wie viel Zeit vergangen war –, glitt schabend die Abteiltür auf. „Verzeihen Sie bitte“, sagte eine Männerstimme, der man die Unsicherheit unter der Oberfläche einstudierter Professionalität anhörte, „aber das Beleuchtungssystem in diesem Waggon hat sich leider soeben als nicht funktionsfähig erwiesen. Bitte bewahren Sie Ruhe, die Fahrt wird wie geplant fortgesetzt. Im Namen der Wuthri-Linien möchte ich mich für alle entstehenden Unannehmlichkeiten entschuldigen. Selbstverständlich können Sie auf dem Bahnhof Schwarzspiegel Zentral die Rückerstattung des halben Fahrtpreises fordern. Legen Sie nur ihre Fahrkarten vor. Ich wünsche ihnen eine angenehme Fahrt.“
Mit einem scharfen Knall fiel die Abteiltür zu. Raschelnd und stöhnend erhob sich jemand. „Ich gehe in einen Waggon, in dem die Lichter funktionieren“, erklärte die Zwergin mit dem halb gestrickten Schal.
„Jaja“, murmelte eine ungeduldige, schlaftrunkene Männerstimme. Der Geschäftsmann. Seine Stimme ging in lautem Rascheln aus der Richtung der Frau mit dem Klemmbrett unter. Wenig später verstummte auch dieses, sodass nur noch das Stampfen und Zischen des Zuges und das leise Schnarchen des Geschäftsmannes zu hören war. Er musste sofort wieder eingeschlafen sein. Findra zollte ihm Bewunderung.
Mit einem Zischen erwachte eine rötliche Flamme zum Leben. Die Zwergin im roten Mantel hatte ihr Klemmbrett zur Seite gelegt und ein Streichholz angerissen, das sie nun an eine dicke, halbabgebrannte Bienenwachskerze hielt, wie sie früher in den Tempeln gebrannt hatten. Das also hatte sie raschelnd in ihrem Koffer gesucht. Das wilde Flackern der Flamme warf unstete, merkwürdige Schatten über ihr Gesicht und verzerrte ihre Züge zu einem Tanz fremdartiger Masken.
Schließlich gelang es ihr, die Kerze anzuzünden und das Flackern wich einem weichen, goldenen Licht. In der vollkommenen Dunkelheit, die sie umgab, strahlte die Kerze wie ein Leuchtfeuer. Aber offenbar nicht so hell, dass die Fremde ihre Arbeit fortsetzen konnte. Resigniert richtete sie ihren Blick stattdessen auf die beiden Zwerge, die ihr gegenübersaßen.
Ohne Umschweife streckte sie die kerzenfreie Hand aus. „Svalris.“
Drúdir ergriff sie. „Drúdir.“
Auch Findra stellte sich vor. „Sind Sie auch in das unterirdische Schwarzspiegel unterwegs?“, fragte sie.
Svalris nickte. „Ich studiere an der Universität. Mathematik.“
Drúdir hob anerkennend die Brauen.
„Aber jetzt“, fuhr die Zwergin fort, „bin ich aus anderen Gründen dahin unterwegs.“
Das Kerzenlicht machte es schwierig, ihr Gesicht zu lesen, aber ihr Mienenspiel erregte dennoch Findras Aufmerksamkeit. Überhaupt weckte die Zwergin ihr Interesse. Zum einen ihr Gesicht. Wenn Findra sich nicht täuschte, musste irgendwie ein Mensch in Svalris‘ Ahnenreihe geraten sein. Dann ihr Akzent: Das leise, überakzentuierte Zwergisch der Oberschicht, das man selten in Kombination mit so ungeziertem Verhalten wie dem Svalris‘ antraf.
„Weswegen?“, hakte Findra nach.
Svalris lehnte sich zurück und zog den linken Fuß auf ihren rechten Oberschenkel, ohne darauf zu achten, dass sie damit ihren Rock etwas hochzog. Ihr Gesicht verschwand im Schatten. „Neben meinem Studium arbeite ich als … nun ja, man könnte mich wohl als Journalistin bezeichnen, wenn auch eine spezielle Sorte. Ich sammle urbane Mythen und Geschichten über Magie.“
„Magie, Mythen und Mathematik. Eine interessante Kombination“, bemerkte Drúdir ein wenig spöttisch.
„Wenn die Magier von einst sich in etwas weniger mystisches Dunkel gehüllt und ernsthafte Forschungen betrieben hätten, wäre Magie heute eine Wissenschaft wie jede andere“, gab Svalris in streitlustigem Ton zurück, aber gleich darauf wurde ihre Stimme wieder sanfter. „Aber es ist nicht die Magie selbst, die wir erforschen, sondern die Geschichten. Wie sie entstehen, sich verbreiten und sich verändern.“ Die Kerzenflamme spiegelte sich doppelt in ihren geweiteten Pupillen, als sie sich vorbeugte, um Drúdir zu fixieren. „Sie haben nicht zufällig eine solche Geschichte zu erzählen, Drúdir?“
Findra wahrte ihren neutralen Gesichtsausdruck nur mit Mühe. Verstohlen schielte sie zu Drúdir hinüber, der sein bitteres Lachen gerade noch mit einem Husten kaschieren konnte. Svalris‘ Augen verengten sich. Ohne jede Verlegenheit sah sie ihn unverwandt an.
Gerade als Drúdir zu einer, wie Findra vermutete, scharfen Bemerkung ansetzte, fuhr Svalris fort. „Ich bin momentan hinter einer ganz bestimmten Geschichte her – einer ziemlich tragischen und widerwärtigen, wenn ich ehrlich sein soll.“
„So?“, fragte Findra.
„Haben Sie noch nicht vom Tiefufer-Massaker gehört?“
Drúdir schüttelte den Kopf.
Svalris seufzte. „Nun ja, sie haben die Leichen erst heute im Morgengrauen gefunden. Die Zeitung hat in Windeseile ein Extrablatt gedruckt.“
„Leichen?“
„Grihin, ein stadtbekannter Verbrecher, und siebzehn weitere Männer. Niemand hat damit gerechnet. Auch wenn niemand es zugegeben hätte, war Grihin einer der mächtigsten Männer der Stadt. Zumindest einer der reichsten. Schmuggel, Schutzgelderpressung und Sabotage – nur drei der Gebiete, auf denen er tätig war – müssen wohl einträgliche Geschäfte sein. Auf jeden Fall unterstanden ihm mehr oder weniger alle Verbrecher der Stadt. Das letzte Mal, dass jemand versucht hat, ihn zu stürzen, ist eine ganze Weile her … aber die Leute erinnern sich immer noch daran. Grihin wusste, wie man ein Exempel statuiert. Über Jahre hat niemand gewagt, ihn anzugreifen.“
„Sie sind gut informiert“, bemerkte Findra.
„Ich komme mehr herum und mit mehr Leuten in Kontakt, als man vermuten würde“, entgegnete Svalris achselzuckend.
„Also eine rivalisierende Bande hat mit Grihin abgerechnet“, sagte Drúdir gedehnt. „Kaum ein interessantes Thema für eine Magieforscherin.“
Svalris‘ Seitenblick war eher amüsiert als verärgert. „Nun, wie Sie gleich erfahren werden, deutet einiges auf einen … übernatürlichen Faktor hin.“
„Wie das?“
„Die Leichen wiesen allesamt – mit einer Ausnahme – tiefe Schnitte wie von schweren Klingen auf. Tatsächlich müssen einige Hiebe mit unglaublicher Wucht erfolgt sein. Das Lagerhaus, in dem das Ganze stattgefunden hat, war völlig blutgetränkt. Das ist schon an sich bemerkenswert – wer zerlegt angesichts der gepriesenen Fortschritte der Rüstungsindustrie“, - sie verdrehte die Augen – „seine Gegner noch mit dem Schwert oder der Axt?“
„Jemand mit einer kranken Vorstellung von Spaß?“, schlug Drúdir vor.
„Worauf ich hinauswill“, unterbrach ihn Svalris, „ist Folgendes: Das Lagerhaus war perfekt gesichert. Es hatte einen einzigen Eingang, von einem von innen verschlossenen Fluchttunnel einmal abgesehen. Diese Zwerge – nebenbei bemerkt schwer bewaffnete, erfahrene Kämpfer, viele Veteranen der Vereinigungskriege – haben ihren Gegner kommen sehen müssen. Und hätten fliehen können. Aber sie haben es nicht getan. Und die Berichte von Zeugen aus der Gegend deuten darauf hin, dass das Gemetzel weniger als drei Minuten gedauert hat. Grihins Tod etwas länger, aber das tut hier nichts zur Sache. Und dann ist da noch etwas: Da sind blutige Fußspuren, die in den nahen Kanal führen. Der Täter ist wohl weggeschwommen.“
„Der Täter?“
„Genau. Das ist das Unglaubliche. Es scheint nur ein einziger Mann gewesen zu sein.“
Schweigen stellte sich ein. Svalris hatte die Begebenheit in sachlichem Ton nacherzählt, aber die unterschwellige Mischung aus Abscheu und morbider Faszination in ihrer Stimme und vor allem die beiden tanzenden Flammen in ihren Augen und die unheimlichen Schatten, die das Kerzenlicht auf ihre Haut warf, ließen Findra an ihre Jugend denken. An nächtliche Streifzüge mit Freunden und Schauergeschichten im Laternenschein. Vor allem aber sprach der Bericht die Ermittlerin in ihr an. „Könnten sich Grihins Männer nicht gegeneinander gewandt haben?“, fragte Findra.
Svalris schüttelte den Kopf. „Unwahrscheinlich. In dem Fall hätten sie wohl zu ihren Schusswaffen gegriffen – die die meisten von ihnen nicht einmal ziehen konnten, bevor es sie erwischt hat. Übrigens wurde keine einzige Waffe sichergestellt, die als Tatwerkzeug in Frage kommt.“
Wieder ein Moment, in dem sie nur das Stampfen der Bahn hörten. „Jedenfalls“, sagte Svalris, als das Schweigen zu drückend werden drohte, „bin ich jetzt auf dem Weg in die Stadt. Bitte glauben Sie nicht, dass ich mich über den Tod von Zwergen – selbst solchen wie diesen – freue, aber ich komme doch nicht umhin, zu bemerken, dass es eine dieser Situationen ist, in denen Schauergeschichten für spätere Generationen geboren werden. Ich will mich ein bisschen in den Kneipen der Umgebung herumtreiben und den Gerüchten lauschen.“
Sie wandte sich an Findra. „Ihr Begleiter scheint eher abgeneigt zu sein, aber vielleicht haben ja Sie eine gute Geschichte über Magie oder übernatürliche Wesen auf Lager? Ein paar Freunde und ich geben als eine Art Hobby ein Magazin heraus. Es ist verblüffend erfolgreich, offenbar hungern viele Zwerge in dieser ach so rationalen Zeit insgeheim nach Geschichten über Götter, die Dämonen des Abgrunds und Zauberei. Und authentische überlieferte Geschichten haben einen Zauber, den die fiktiven Erzählungen, die wir neuerdings häufig veröffentlichen, einfach nicht imitieren können.“
Findra schüttelte den Kopf. „Tut mir leid.“ Dann fiel ihr etwas ein. Magie war ihr unheimlich, doch es lag nicht in ihrer Art, Dinge zu ignorieren, die ihr unangenehm waren. Sie wollte mehr darüber wissen. Und in Svalris hatte sie vielleicht eine ergiebigere Quelle gefunden als in dem diesbezüglich sehr verschlossenen Drúdir. „Sie müssen sich gut mit Magie und ihrer Geschichte auskennen.“
Drúdir warf ihr einen warnenden Seitenblick zu.
Svalris nickte selbstbewusst. „Das tue ich.“
„Wie der Zufall es so will, interessiere ich mich brennend für das Thema. Wenn Sie auch in Schwarzspiegel leben, könnte ich Sie vielleicht demnächst auf ein Bier einladen und Sie teilen Ihr Wissen mit mir?“
„Gerne.“ Svalris griff nach ihrem Klemmbrett, krakelte etwas auf eine Ecke des obersten Blattes und riss sie ab, um sie dann Findra zu reichen. „Das ist meine Adresse. Kommen Sie doch einfach mal vorbei. Ich habe auch sämtliche Ausgaben des Nachtspiegels – so heißt unser kleines Projekt – bei mir herumliegen. Vielleicht fällt Ihnen oder Ihrem Begleiter ja doch etwas ein, das Sie mir erzählen können.“
Sie schenkte Drúdir, der im Moment jedoch vollauf damit beschäftigt war, Findra gegen das Schienbein zu treten, ein lauerndes Lächeln.
Findra runzelte die Stirn. Ahnte diese Zwergin, was Drúdir war?
In diesem Moment verlangsamte sich der Zug. Der Geschäftsmann schreckte blinzelnd hoch und alle anderen zogen Grimassen, als die Bremsen aufkreischten. Gleich darauf kniffen sie geblendet die Augen zusammen, als sie in den sonnenbeschienenen Bahnsteig einfuhren. Sie alle hatten vollkommen vergessen, dass draußen gerade einmal später Nachmittag war.
Mit einem weiteren schrillen Quietschen kam der Zug zum Stehen. Svalris verstaute die ausgeblasene Kerze und das Klemmbrett in ihrer voluminösen Reisetasche und stand auf. „Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“ Mit einem fröhlichen Winken in Findras Richtung und einem herausfordernden Grinsen, das an Drúdirs Adresse ging, verließ sie das Abteil und reihte sich in den Strom der Zwerge ein, die zu den Wagontüren drängten. Auch Findra und Drúdir erhoben sich. Sie wechselten einen kurzen Blick, und auch wenn die Begegnung Drúdir verärgert oder beunruhigt zu haben schien, schien er Findras Erleichterung und Aufregung zu teilen.
Sie waren angekommen.
Darmowy fragment się skończył.