Czytaj książkę: «Sea of Flames»
Svea Dunnabey
Sea of Flames
Gewissheit
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Kapitel XXVII
Kapitel XVIII
Kapitel XXIX
Kapitel XXX
Kapitel XXXI
Kapitel XXXII
Impressum neobooks
Kapitel I
Blake
Immer wieder klingelte das verdammte Telefon, ein stetes, nervendes, aufdringliches und schmerzendes Geräusch, welches ich schon seit einer Woche komplett ignorierte. Ähnlich ging ich mit dem Klingeln an der Tür vor, denn auch das ignorierte ich gekonnt, weswegen ich seit einer Woche niemanden mehr gesprochen und die Wohnung ebenfalls seitdem nicht mehr verlassen hatte.
Ich schaffte es einfach nicht mich aufzuraffen, schaffte es noch nicht einmal alles stumm zu stellen, um endlich meine Ruhe zu haben, damit es mir eventuell besser ging. Stattdessen ertränkte ich meinen Kummer, meine Wut, meine Verzweiflung und meinen Selbsthass weiterhin in Alkohol und starrte dabei auf die Stadt hinaus.
Evelyn hatte sich kein einziges Mal mehr bei mir gemeldet, mir nicht geschrieben und mich nicht angerufen, weswegen es für mich keinen Grund gab mich aufzuraffen. Die ganze Zeit überlegte ich, wie ich das mit uns retten konnte, doch das war unmöglich. Sie hasste mich und das zu Recht. So ein mieses Schwein wie mich, würde ich auch nicht zurück nehmen.
Ich konnte es immer noch nicht fassen, was ich ihr angetan hatte. Dass ich ihr unterstellt hatte, dass sie mich nur meines Geldes wegen wollte, was absoluter Quatsch war, dass sie schlecht im Bett wäre und ich nicht genügend Sex bei ihr bekäme und dass sie mir fremdgehen würde. Es war einfach nur erbärmlich gewesen und als wenn das noch nicht genug gewesen wäre, hatte ich sie auch noch vor ihren Augen betrogen, sie vorgeführt und lächerlich gemacht. Nein, danach konnte sie mir einfach nicht verzeihen.
Mühsam hievte ich mich hoch, sah auf die ganzen leeren Flaschen vor mir und suchte nach einer, wo noch etwas drin war. Mir war egal, was es war, Hauptsache es hatte genügend Prozent Alkohol, um meinen seelischen Schmerz zu betäuben. Nach einigen Flaschen fand ich schließlich eine und schüttete mir ein weiteres Glas ein, als ich plötzlich ein Klopfen an meiner Tür vernahm, welches ich jedoch wie immer sofort missachtete.
Nach einem Schluck brannte meine Kehle, das einzige, was ich zur Zeit fühlte und legte mich direkt wieder hin, da sich alles um mich herum drehte. Wahrscheinlich kam es daher, dass ich seit einigen Tagen nichts mehr gegessen hatte, denn dafür hätte ich aufstehen und sogar vor die Tür gehen müssen.
Ich schloss die Augen, entspannte mich und dachte wieder an Evelyn. An ihre Schönheit, an ihr Lächeln, ihre blonden Locken, ihre weiche, warme Haut, die ich so gern gestreichelt und liebkost hatte, an ihre sinnlichen Lippen, die ich so gerne küssen wollte, an ihren himmlischen Körper, ihren unvergleichlichen Duft und ihre sanfte, beruhigende Stimme, was mich glücklich und todtraurig zugleich machte. Es war die reinste Folter, für die ich selbst verantwortlich war und die ich mehr als alles andere verdient hatte.
Doch bevor ich weiter diesen Stich in meinem Herzen spüren konnte, hörte ich plötzlich, wie jemand mit einem Schlüssel meine Tür aufschloss. Panisch öffnete ich meine Augen und wollte grade aufstehen, als ich eine vertraute Stimme hörte.
>> Blake? Hier ist Dan. Ich komm jetzt rein.<< rief er in die Wohnung und ließ die Tür hinter sich wieder ins Schloss fallen, während ich die Hände vor mein Gesicht schlug, mich dahinter versteckte und hoffte, dass er wieder gehen, oder ich mich in Luft auflösen würde.
>> Blake? Wo bist du? Blake?<<
>> Hier...<< lallte ich ein wenig und setzte mich mühsam auf, da es nichts brachte mich vor ihm zu verstecken. Dan würde nicht locker lassen und die gesamte Wohnung nach mir absuchen.
>> Fuck...<< war alles, was er sagte, als er schließlich neben mir stand und die ganzen Flaschen auf dem Tisch vor mir sah, zusammen mit dem Anblick von mir.
>> Ich...<<
>> Das ist nicht dein Ernst, oder? Willst du mich grade verarschen? Was soll das hier?<<
>> Ich... steh im Moment ein wenig neben der Spur...<<
>> Ein wenig? Wirklich? Du bist im Arsch mein Lieber. Dass.... dass.... verdammt geh duschen! Dass ist echt nicht wahr... Krieg erst mal einen klaren Kopf und werde nüchtern. Ich bestell in der Zeit was zu essen, denn so wie du aussiehst, hast du schon lange nichts Festes mehr zu dir genommen.<<
>> Geh doch einfach wieder... Ich komm schon klar.<<
>> Nein kommst du nicht und ich werde nicht gehen. Also entweder gehst du allein unter die Dusche, oder ich zerre dich da rein.<<
Als er sich bedrohlich vor mir aufbaute, gab ich schließlich nach und schleppte mich langsam ins Bad. Je schneller ich auf ihn hörte, desto schneller würde er hoffentlich wieder gehen und mich in Ruhe lassen, damit ich weiter in Selbstmitleid baden konnte.
Ein wenig unsicher und torkelnd erreichte ich das Waschbecken, an dem ich mich schnell festklammerte, um nicht umzukippen. Ich hatte wirklich zu viel getrunken und dabei zu wenig gegessen, weswegen mein Kreislauf nun rebellierte. Nach einigen Sekunden schaffte ich es jedoch mich allein auf den Beinen zu halten und blickte in den Spiegel vor mir.
Mein Spiegelbild erkannte ich kaum, als ich es anblickte. Ich sah müde aus, hatte Augenringe, dazu einige Kilogramm abgenommen und glasige, rote Augen. Meinen Bart musste ich auch dringend stutzen, da ich vollkommen verwahrlost aussah. Wie ein Obdachloser auf der Straße, der nichts mehr zu verlieren hatte. Doch wen interessierte das schon. Mich nicht und die Frau, die ich liebte, auch nicht.
Seufzend zog ich mich aus und schleppte mich träge unter die Dusche, was ungemein gut tat und mich wieder ein wenig lebendiger werden ließ. Doch kaum stand ich drunter, dachte ich wieder an Evelyn. Wie wir hier das letzte Mal gemeinsam geduscht und uns gegenseitig eingeseift hatten, wie wir uns leidenschaftlich geküsst und rumgealbert hatten, weswegen ich irgendwann meinen Kopf gegen die Wand schlug, da ich diese Gedanken nicht mehr ertrug.
Eilig stellte ich die Dusche ab, band mir meine nassen Haare zum Zopf zurück, trocknete mich ab und ging ins Schlafzimmer, wo mein Blick natürlich direkt auf das Bett fiel. Wieder spielten sich Erinnerungen, Empfindungen und Emotionen in meinem Kopf ab, die mich lähmten und fertig machten.
Wie in Trance stand ich da und sah einfach nur zum Bett, bis mich die Klingel aus diesem Zustand riss und mich wieder in die Realität holte. Schwermütig ging ich zum Schrank, nahm mir neue Sachen heraus und zog sie mir über, bevor ich zu Dan ins Wohnzimmer ging, der, so wie es aussah, schon alle Flaschen weggeräumt hatte.
>> Das sieht schon besser aus.<< bestätigte er mein Erscheinungsbild und nickte mir besorgt zu.
>> Möchtest du was trinken?<< fragte ich ihn, da ich mir grade etwas holen wollte, um meine Gefühle wieder zu unterdrücken, woraufhin sich mir Dan in den Weg stellte.
>> Nein und du auch nicht. Setz dich an den Tresen!<<
>> Dan!<<
>> Du trinkst jetzt nichts mehr. Das hast du schon die letzten Tage anscheinend genug getan. Ich habe keine Ahnung, was bei dir los ist, aber das wirst du mir gleich erzählen. Was ich aber weiß, ist, dass du ganz sicher nichts mehr trinken wirst, jedenfalls nichts Alkoholisches, denn wir brauchen dich! Dringend und das nüchtern!<<
Wir sahen uns einige Sekunden schweigend an, bevor Dan mich zur Küche zog und vor mir eine Pizza lag, die er anscheinend bestellt hatte.
>> Ich habe keinen Hunger.<< sagte ich angewidert und machte den Karton zu, während Dan seufzte und sich gegenüber von mir hinsetzte.
>> Wann hast du zuletzt etwas gegessen?<<
>> Keine Ahnung. Ein paar Tage.<<
Er nickte nachdenklich, während er mich weiter kritisch musterte.
>> Gut. Ich sage dir das nur ein einziges Mal, denn den Scheiß hier hatten wir schon einmal und du weißt, dass ich immer für dich da bin und mir Sorgen um dich mache, immerhin bist du mein bester Freund. Also entweder isst du jetzt die blöde Pizza und hörst auf Alkohol in dich reinzuschütten, erzählst mir endlich was los ist, oder...<<
>> Oder was?<< hakte ich scharf nach, da Dan nicht mehr weitergesprochen hatte, da ihm die zweite Option anscheinend Magenschmerzen bereitete.
>> Oder... ich werde dich wieder in die Klinik bringen. So wie damals und bitte glaub mir, das möchte ich nicht, aber das werde ich tun, wenn du dich so kaputt machst.<<
>> Ich mache mich doch nicht...<< protestierte ich, was Dan direkt wieder wütend und aufgebracht unterbrach.
>> Nein? Sieh dich an Blake! Du bist nur noch eine Hülle deiner Selbst! Isst nichts, trinkst Alkohol in Mengen wie andere noch nicht mal Wasser, gehst nicht arbeiten, liegst nur herum, igelst dich ein! Das bist nicht du! Du richtest dich grade zu Grunde.<<
Wieder sahen wir uns einige Sekunden abschätzend an, bis ich schließlich nachgab, den Pizzakarton öffnete und ein Stück von der Pizza abbiss.
>> Danke Blake!<<
Ich nickte nur und aß weiter, da ich plötzlich doch merkte, wie viel Hunger ich eigentlich hatte und wie gut mir das Essen tat.
>> Alle machen sich Sorgen um dich. Deine Mutter ruft mich mehrmals täglich an, weil sie dich nicht erreicht und du nicht im Verlag bist. Lewis und ich machen uns Sorgen, weil du nicht zum Training kommst, dich nicht in unserer Firma blicken lässt, auch auf keine Anrufe von uns antwortest.... Und jetzt finde ich dich hier so vor... Betrunken, verwahrlost, am Ende... Also was ist los?<<
>> Nichts...<< grummelte ich, während Dan laut seufzte und sich das Nasenbein rieb.
>> Blake...! Mach es uns nicht so schwer.<<
Ich aß das Stück Pizza noch auf, versuchte dem mitleidigem Blick von Dan auszuweichen und trank noch einen Schluck Wasser, bevor ich genügend Kraft gesammelt hatte.
>> Mein Vater hat meine Mutter betrogen.<<
>> Was? Wann?<<
>> Ständig. Seit mehreren Jahren. Hat sogar mindestens eine von ihnen geschwängert.<<
>> Krass.<<
Ich nickte nur, während Dan mich entgeistert ansah. Auch er kannte meinen Vater sehr gut, da er, seit wir Kinder waren, bei uns zu Hause ein und ausgegangen war. Lewis und er gehörten fast schon zur Familie, genauso wie ich zu ihrer.
>> So ein mieser Verräter. Erzählt mir, wie wichtig Treue und eine lebenslange Ehe ist und hinten rum dann so ein Wichser.<<
>> Na ja, aber dass er Frauen schon immer schöne Augen und genügend Komplimente gemacht hat, wussten wir ja schon.<<
>> Ja, aber das er so weit geht auch wieder nicht.<<
>> Mhm. Aber deswegen geht es dir doch nicht so dreckig. Klar das ist heftig, aber...<<
>> Nein, das wäre schön gewesen.<<
>> Also?<<
Ich schob vorsichtshalber den Karton nach hinten, da mir bei den nächsten Worten eh der Appetit vergehen würde. Zu widerlich war das, was mein Vater gemacht hatte und was ich mit Evelyn getan hatte.
>> Ich war bei ihm im Büro und habe seinen Computer durchsucht, da wir wissen wollten, wo er eventuell war, da er aus der Reha abgehauen war und da habe ich Videos gefunden.<<
>> Was für Videos?<<
>> Von ihm und...<<
>> Von seinen Affären?<< schlussfolgerte Dan, da ich nicht mehr weitesprach. Die Bilder waren wieder in meinem Kopf und lähmten mich. Es war nun schon eine Woche her und ich konnte es immer noch nicht fassen. Jede Einzelheit hatte sich in mein Gehirn gebrannt und spielte sich nun wieder vor meinen inneren Augen ab.
>> Mhm.<<
>> Du hast deinen Vater beim Sex gesehen?<<
>> Nicht nur das. Ich habe ihn auch beim Sex mit Kelly gesehen. Wie sie mich betrogen haben, habe Mails von ihnen gelesen. Mein Vater, der Wichser, hatte eine Affäre mit meiner Frau...<< presste ich es heraus, stand auf, um mir endlich einen neuen Drink zu holen. Doch Dan hatte mitgedacht und meine gesamte Bar leergeräumt, weswegen ich mich frustriert aufs Sofa warf.
>> Du verarscht mich, oder? Kelly und dein Vater? Ehrlich?<<
>> Sehe ich aus, als ob ich dich verarschen würde? Denkst du, ich würde mich hier so gehen lassen und vollkommen fertig sein, wenn mein Vater nur einige Affären gehabt hätte? Nein! Ich habe ihn gesehen. Gesehen, wie er meiner Ex-Frau die Zunge in den Hals steckt, wie er sie streichelt, ihre Titten knetet, sie leckt, sie verführt, sie fickt...<<
>> Fuck. Das ist krank.<<
Ich nickte nur, während ich nach draußen blickte und Dan die neuen Informationen erst einmal verdauen ließ. Auch er schien unter Schock zu stehen, da er Kelly sehr gut gekannt hatte. Wahrscheinlich hatte auch er ihr so etwas niemals zugetraut, da sie immer sehr unschuldig gewirkt hatte.
>> Und du bist dir sicher, dass es Kelly war?<<
>> Natürlich. Glaub mir, dass ich meine Ex-Frau erkenne, wenn ich sie sehe.<< sagte ich bissig und blickte ihn finster an.
>> Ist ja gut. Das ist echt heftig. Das hätte ich ihr und auch ihm niemals zugetraut.<<
>> Ich auch nicht. Ich habe mich von ihr und ihm so blenden lassen, so vorführen lassen, mich so lächerlich machen lassen....<<
>> Hast du denn schon mit ihm gesprochen?<<
>> Nein, wozu? Er ist für mich gestorben. Er hat ja schon viel scheiße gebaut, aber damit ist er wirklich zu weit gegangen.<<
>> Weiß deine Mutter davon?<<
>> Mein Bruder hat es ihr erzählt, aber mehr weiß ich nicht darüber. Ich habe vor einer Woche zuletzt mit ihr gesprochen.<<
>> Und warum gehst du ihr aus dem Weg? Sie hat dir doch nichts getan.<< tadelte er mich, da ich mir vorstellen konnte, dass sie ihn etliche Male am Tag wegen mir anrief.
>> Ich gehe ihr nicht aus dem Weg, aber ich habe im Moment andere, größere Probleme, als das.<<
>> Noch größere Probleme als das?<< fragte er mich überrascht und sah mich einige Sekunden stirnrunzelnd an, da ich mich beim nächsten Satz wieder einmal überwinden musste. Ich wollte es einfach nicht wahr haben.
>> Evelyn hat sich von mir getrennt.<< sprach ich es endlich aus und vermied es ihm dabei ins Gesicht zu sehen, da es so schon schlimm genug war.
>> Was? Wieso?<<
>> Weil ich scheiße gebaut habe. Riesige scheiße.<<
>> Blake!<< ermahnte Dan mich, da er es hasste, wenn ich ihn hinhielt.
>> Es... Ich... Nachdem ich von der Sache mit meinem Vater und Kelly erfahren hatte, bin ich zu ihr gefahren, weil ich unbedingt zu ihr wollte, sie brauchte und sehen musste, aber als ich ankam, da... da ging sie grade mit ihrem besten Freund, diesem Türsteher, aus dem Haus. Arm in Arm, vollkommen vertraut und mit einem Baby auf dem Arm.<<
>> Und dann?<<
>> Ich blieb stehen und beobachtete die beiden eine Weile. Sah, wie sie zusammen in den Park gingen, zu einem Spielplatz und wie sie miteinander rumalberten, während das Baby herumkrabbelte. Sie umarmten sich die ganze Zeit über, er hielt sie fest, kuschelte fast schon mit ihr...<<
>> Moment mal. Du dachtest, dass sie was mit ihm hätte? Nur weil Kelly so einen Mist gemacht hat?<<
>> Sie waren einfach so innig und vertraut miteinander und ich weiß, dass er ihr alles bedeutet, dass sie sich sehr nahe stehen, einander das Leben gerettet haben...<<
>> Von wem weißt du das?<< unterbrach er mich barsch und sah mich verwirrt und mürrisch an.
>> Von ihrer besten Freundin, aber das sollte ich gar nicht wissen.<< klärte ich ihn auf, während Dan wütender denn je zu sein schien und dies nur schwer unter Kontrolle zu behalten schien.
>> Hast du auch einmal mit Evelyn darüber geredet?<< fuhr er mich in einem lauteren und strengeren Tonfall an, während seine Ader am Hals stark zu pochen begann.
>> Nein, wann denn? Sie ist doch immer noch so verschlossen.<<
Dan seufzte und ließ mich spüren, wie sauer er grade auf mich war, da seine Mimik mehr als deutlich war.
>> Du siehst sie mit einem guten Freund, dem sie ihr Leben verdankt und er ihr anscheinend auch, wobei du das auch nicht sicher weißt und nur auf das Gerede von Dritten hörst. Dann interpretierst du da etwas hinein, weil du an dem Tag sehr anfällig für so etwas warst, das ist schon echt dumm Blake.<<
>> Ich weiß.<<
>> Und wieso hat sie sich jetzt von dir getrennt?<<
>> Ich bin danach in eine Bar gegangen, brauchte etwas, um den Kopf frei zu bekommen und danach weiß ich nichts mehr. Am nächsten Morgen wachte ich mit einem heftigen Kater auf, ging in die Küche, wo Evelyn stand und mir dann in allen Einzelheiten erklärte, was ich alles gemacht hatte.<<
>> Und was?<<
>> Ich habe ihr wohl eine Affäre mit Charly unterstellt, sie bloßgestellt, als Schlampe und Nutte bezeichnet, habe vor allen gesagt, dass sie nur mein Geld wolle, habe vor ihren Augen eine Frau geküsst und ihr an den Kopf geworfen, dass sie mies im Bett sei und ich nicht genügend Sex bei ihr bekäme...<< sagte ich beschämt, da es wirklich eine meiner miesesten Taten gewesen war.
>> Du bist so ein Wichser! So ein abscheuliches Arschloch... Ehrlich, ich hoffe du kommst dafür in die Hölle!<<
>> Ich weiß.<<
Dan schüttelte angewidert den Kopf, stand auf und kramte noch eine Flasche Scotch heraus, aus der er einen Schluck trank, weshalb auch ich die Hand ausstreckte.
>> Du bekommst nichts. Du hast es nicht verdient dir deinen Kummer mit Alkohol zu betäuben, deine Schuldgefühle wegzusaufen. Du sollst leiden!<< fuhr er mich an, bevor er sich wieder setzte und tief Luft holte.
>> Was ich nur nicht verstehe... Warum war sie am nächsten Morgen noch bei dir?<<
>> Was?<< fragte ich nach, da ich nicht wusste, was er meinte.
>> Hättest du mir so etwas angetan, wäre ich direkt gegangen und hätte dich links liegen lassen, warum war sie also noch da?<<
>> Sie wollte sichergehen, dass ich heil nach Hause käme, mir im Rausch nichts passierte, aber dann ist sie gegangen, also nachdem sie Schluss gemacht hatte.<<
>> Du hast sie wirklich nicht verdient. Sie ist viel zu gut für dich.<<
>> Ich weiß.<<
Wir schwiegen eine Weile, in der jeder in seine eigenen Gedanken vertieft war und ich mit meinen Schuldgefühlen kämpfte. Dan hatte Recht, ich musste mit meinen Handlungen leben und hatte es nicht anders verdient, als zu leiden. Evelyn ging es immerhin bestimmt nicht anders.
>> Mal angenommen, es stimmt, dass er ihr mal das Leben gerettet hat und sie ihm, wobei du ja noch nicht mal weißt wie, dann ist es doch klar, dass die beiden sehr vertraut sind und sich nahe stehen. Das heißt doch nicht, dass sie auch zusammen in die Kiste steigen.<<
>> Trotzdem gefällt es mir nicht, dass er ihr so nahe steht.<<
>> Was erwartest du denn Blake? Dass du eine Frau kennenlernst, die nur auf dich gewartet hat, alle andere links liegen gelassen hat und bei der sich ihre gesamte Welt nur um dich dreht?<<
>> Nein, aber...<<
>> Nein, du hältst jetzt mal die Klappe. Sie hat sich jahrelang um ihre Mutter im Wachkoma gekümmert, während der Vater sich sofort verpisst hatte. Die Oma ist wenig später gestorben, das heißt, sie hatte niemanden, an den sie sich wenden konnte, der eine starke Schulter für sie war. Doch dann triffst sie diesen Charly und irgendwie werden die beiden Freunde und endlich hat sie diese starke Schulter, diese Person, der sie vertrauen kann, wo bestimmt nichts sexuelles lief, sondern einfach nur eine tiefe Freundschaft, die sie nötiger als alle anderen hatte.<<
>> Aber ich möchte, dass sie auch mir vertraut, nicht nur ihm. Er weiß alles von ihr, aber bei mir ist sie so verschlossen.<<
>> Ist das ein Wunder? Sie kennt dich doch erst seit ein paar Wochen. Vertrauen muss man sich erarbeiten und die ersten Schritte hatte sie gemacht, hatte dir von ihrer Mutter und ihren Geschwistern erzählt, bevor du alles kaputt gemacht hast.<<
>> Wenn sie offener gewesen wäre, dann wäre es gar nicht so weit gekommen.<<
>> Falsch. Auch dann wärst du hingefahren, hättest ihr Sachen unterstellt und sie verletzt, weil sie die einzige Person war, an der du dich hattest abreagieren können. Kelly ist ja nicht mehr da und dein Vater war abgetaucht. Hör auf die Schuld auf andere abzuschieben, denn du und nur du bist für diese Scheiße verantwortlich.<<
>> Ich weiß...<< brummte ich und fuhr mir mit den Händen durchs Gesicht.
>> Weiß sie von der Sache mit deinem Vater?<< hakte Dan plötzlich nach, weswegen ich ihn irritiert ansah und mich räusperte.
>> Nein, dazu kam ich nicht mehr, aber das ist ja auch keine Entschuldigung.<<
>> Stimmt. Hast du sie denn schon versucht zu erreichen?<<
>> Nein.<<
>> Anstatt um sie zu kämpfen, gibst du also lieber direkt auf...<< warf er mir vor und lachte lautlos auf, was mich wütend machte.
>> Was soll ich ihr schon sagen? Das, was ich getan habe, kann man nicht so einfach entschuldigen!<<
>> Aber du versuchst es ja noch nicht einmal. Du steckst sofort den Kopf in den Sand.<< warf er mir an den Kopf, stand auf und nahm seine Sachen vom Tisch, da er anscheinend gehen wollte.
>> Komm mit!<<
>> Wohin?<<
>> Wir müssen zur Firma. Du musst einiges unterschreiben, ohne dich geht es halt nicht.<<
>> Kann das nicht bis morgen warten? Ich bin ziemlich...<<
>> Nein!<<
Dan ließ nicht locker und so saß ich zehn Minuten später in seinem Wagen, da er Angst hatte, dass ich noch zu viele Promille im Blut hatte. Wir schwiegen weiterhin, bis er plötzlich an einem Café anhielt und den Motor abstellte.
>> Was machen wir hier?<<
>> Lewis hatte Hunger, also machen wir hier den Papierkram. Ist vielleicht auch besser, wenn dich so nicht alle in der Firma sehen, denn man sieht dir an, dass es dir scheiße geht. Außerdem solltest du auch noch etwas essen.<< erklärte er den Ort, woraufhin er ausstieg und ich ihm folgte.
>> Du lebst also doch noch.<< strahlte Lewis mich an, als wir zu seinem Tisch gingen und ich mich mit einem müden Lächeln setzte.
>> Leider.<< antwortete Dan für mich, weswegen Lewis ihn entgeistert ansah.
>> Was ist denn bei euch los?<<
>> Kann ich Ihnen schon etwas bringen?<< unterbrach uns die Kellnerin und sah uns erwartungsvoll an.
>> Bringen Sie uns einfach drei Kaffee.<< antwortete Dan knapp, weswegen sie nur nickte und sofort wieder ging.
>> Kann mir mal jemand von euch sagen, was hier los ist? Ich habe keine Lust, wie ein Ausgeschlossener zwischen euch zu sitzen und im Dunkeln zu tappen.<< fuhr Lewis uns an, weshalb Dan ihn knapp mit den nötigsten Fakten versorgte. Währenddessen saß ich schweigend da und hörte mir erneut an, was für ein Arschloch ich war.
>> Du hast sie nicht mehr alle, echt nicht.<<
>> Danke Lewis.<<
Doch bevor sie weiter auf mir herumhacken konnten, kam die Bedienung wieder und brachte uns unseren Kaffee, den ich dankend annahm. Ich wärmte meine Hände an dem Becher, was mir wieder vor Augen führte, was für ein kalter, herzloser Wichser ich doch war.
>> Rede mit ihr. Immerhin hast du eine Erklärung dafür, warum du an dem Tag so dermaßen neben dir gestanden hast.<< versuchte Lewis mir ein wenig den Rücken zu stärken, was ich ihm hoch anrechnete.
>> Nein, das ist keine Entschuldigung dafür.<<
>> Also akzeptierst du einfach die Trennung?<< fragte er mich ungläubig, während Dan sich zurückhielt und seinen Kaffee trank.
>> Ich weiß es noch nicht. Natürlich werde ich versuchen sie zurückzubekommen, aber ich habe noch keinen Ahnung wie.<<
Während Dan und Lewis über mich redeten, fiel mir auf einmal ein Gruppe Männer auf, die grade aufstanden, um das Café zu verlassen. Einer von ihnen sah mich die ganze Zeit über direkt an, sprach noch kurz mit einem von ihnen, bevor alle rausgingen und er noch kurz im Café blieb. Sofort erkannte ich ihn wieder und erhob mich.
>> Blake?<< hörte ich Lewis noch fragen, als dieser Charly schließlich vor mir stand und mich finster ansah. Mein Magen drehte sich mir um, Adrenalin durchströmte mich und sofort machte sich wieder diese widerliche Eifersucht in mir breit.
Er war kräftig gebaut, hatte viele Muskeln, war in etwa so groß wie ich, weswegen mich die Freundschaft zu Evelyn so störte. Zumal sie so vertraut miteinander waren. Ich wollte mich grade zusammenreißen, mich überwinden und ihn nach Evelyn fragen, fragen wie es ihr ginge, als er plötzlich ausholte und mir seine Faust ins Gesicht schlug.
Er hatte ordentlich Kraft und konnte gut zielen, als mich auch schon ein heftiger Schmerz an meinem Kiefer durchzog, mich zurücktaumeln ließ und ich spürte, wie Dan mich stützte, damit ich nicht zu Boden ging.
>> Was soll die Scheiße?<< schrie Lewis Charly an, doch der fixierte weiterhin nur mich.
>> Lass ihn Lewis. Er hat jeden Grund dazu.<< verteidigte ich ihn und rieb mir meinen schmerzenden Kiefer.
>> Am liebsten würde ich dich packen, mit auf den Parkplatz nehmen und dir jeden Zahn rausschlagen, dir jeden Knochen brechen, jegliches Fünkchen Leben herausprügeln, aber damit hätte ich Evelyn auch nicht geholfen.<< sagte er vollkommen ruhig, während ich nun wieder alleine auf meinen Füßen stand und Dan und Lewis uns entgeistert ansahen.
>> Das wäre eher eine Erlösung für mich.<<
>> Und genau das hast du Wichser nicht verdient. Du solltest für das, was du ihr angetan hast, leiden. Erst stirbt ihre Mutter und nur einen Tag später tust du ihr so etwas an? Wie widerlich kann man eigentlich sein? Ich hatte gehofft, dass sie endlich mal jemand vernünftiges kennengelernt hätte, habe dich verteidigt und ihr Mut zugesprochen, endlich mal eine Beziehung zu führen, an das Gute im Menschen zu glauben, ihre schreckliche Vergangenheit hinter sich zu lassen, Vertrauen aufzubauen, das Leben zu genießen und dann machst du all das in nur wenigen Minuten kaputt... Alle Fortschritte weg. Aber dir kann es ja egal sein. Du lebst dein überhebliches Leben einfach weiter, während sie wieder ihr tristes, einsames und jämmerliches Dasein fristet, sich einigelt und sich für alles die Schuld gibt. Du widerst mich fast noch mehr an, als dieser Kerl von damals und das hätte ich niemals für möglich gehalten. Du bist der absolute Abschaum.<< sagte er ruhig, aber bestimmt, bevor er sich angewidert von mir abwandte und ging.
Immer wieder gingen mir seine Worte durch den Kopf, dass er auf meiner Seite gewesen war, dass es Evelyn schlecht ging und sie sich für alles die Schuld gab, wobei es meine war, da ich das alles verbockt hatte.
>> Geht es dir gut?<< fragte Dan mich plötzlich und riss mich damit aus meinen Gedanken.
>> Viel zu gut anscheinend.<<
>> Der hat eine gute Rechte, da hätten wir Evelyn gar keinen Personenschützer besorgen müssen.<< sagte Lewis belustigt, um die Situation ein wenig aufzulockern, während wir uns wieder setzten und die restlichen Menschen im Café langsam wieder ihre Gespräche anfingen.
>> Er kann sie ja nicht immer beschützen.<< erwiderte ich trocken und blickte nach draußen, wo Charly mit den restlichen Typen wieder zur Arbeit ging. Ich musste dringend mit Evelyn reden.
Wenn das stimmte, was er erzählt hatte, dann musste ich ihr zumindest klar machen, dass ich derjenige war, der das alles vermasselt hatte und die Schuld trug. Doch vor allem wollte ich sie sehen, ich musste sie einfach sehen, denn diese Sehnsucht nach ihr wurde von Tag zu Tag schlimmer als besser.
Kapitel II
Evelyn
Vier Wochen waren inzwischen vergangen, seitdem ich die Beziehung zu Blake beendet hatte. Auch wenn ich es mir damals noch nicht eingestehen wollte, es hatte mich vollkommen aus der Bahn geworfen, weswegen die letzten Wochen alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen waren.
Mit jedem Tag wurde es jedoch besser, sodass ich nun so langsam wieder die Alte war, jedenfalls äußerlich, wo ich mich zusammenriss und wieder die alte Eve war. Innerlich hingegen vermisste ich Blake insgeheim immer noch und wollte ihn wiedersehen, ihn riechen, fühlen und auch schmecken.
Laura hatte mich dutzende Male versucht dazu zu überreden, noch mal mit ihm zu sprechen, doch darauf ging ich nicht ein. Sicherlich standen die beiden immer noch in engem Kontakt, da sie ihre Nummern ausgetauscht hatten und er sie sicherlich auf ihre Seite gezogen hatte. Doch das war unsere gescheiterte Beziehung und da sollte Laura sich nicht einmischen.
Charly hingegen war vollkommen unparteiisch gewesen und hatte einfach nur ein offenes Ohr für mich gehabt. Er hatte mir vor drei Wochen gebeichtet, dass er Blake zufällig während der Mittagspause über den Weg gelaufen war und ihm daraufhin eine verpasst hatte. Auch wenn ich das nicht guthieß, schätzte ich seine Ehrlichkeit und konnte seinen Beschützerinstinkt nachvollziehen, da er schon immer so gewesen war und gesehen hatte, wie es mir wegen der Trennung ging. Er war wie ein großer Bruder für mich, den ich nie gehabt hatte.
Blake hatte nach einer Woche Funkstille immer wieder versucht mich anzurufen, mir Nachrichten geschrieben, Blumen geschickt und mich versucht vor dem Krankenhaus nach meiner Schicht abzupassen, doch jedes Mal hatte ich ihn ignoriert, oder war ihm aus dem Weg gegangen. Selbst wenn ich ihm zugehört hätte, hätte es meine Wunden, die er mir zugefügt hatte, nicht heilen können, weswegen ich mir weiteres Leid ersparen wollte. Mir war bewusst, dass ich vor meinen Problemen und Gefühlen davonlief, doch anders ertrug ich es nicht.
Wenn er vor dem Krankenhaus vor mir stand, war es am schlimmsten gewesen, da dann alle rationalen Gründe, die für diese Trennung gesprochen hatten, in den hinteren Teil meines Gehirns wanderten und meine primitive Seite die Überhand nahm. Ich wollte ihn, weshalb es mich so viel Kraft kostete, es nicht zuzugeben. Zudem sah ich, wie er selbst litt. Seine Augen zeigten, dass er wenig Schlaf bekam und vollkommen unter Stress stand, doch das hatte er sich selbst zuzuschreiben.
Wären es nur die Anschuldigungen gewesen, hätte ich vielleicht noch über meinen Schatten springen können, aber die Sache mit der anderen Frau war einfach zu viel des Guten gewesen. Ihn dabei zu erwischen, wie er die Zunge einer Fremden in den Hals geschoben hatte, ekelte mich selbst jetzt noch an.
An diesem Freitag Ende März hatte ich gerade meine Schicht begonnen und ging mit Dr. Sterling und anderen Assistenzärzten zur Visite, was mir endlich wieder Freude bereitete. Nachdem wir bereits die OP Wunden von einigen Patienten überprüft hatten, gingen wir nun zu den Patienten die heute operiert werden sollten.
Ich ließ mir gerade die Akte des Patienten in 4.13 geben, als Dr. Sterling auch schon anfing zu reden.
>> Guten Morgen Mr Humphrey.<<
Sofort schreckte ich panisch hoch und sah in die Augen von Blakes Vater. Anders als beim letzten Besuch waren dieses Mal jedoch weder seine Frau, noch seine Söhne an seinem Bett, was mich sofort beruhigte, bevor es mich stutzig machte.
>> Guten Morgen Dr. Sterling. Oh und guten Morgen Dr. Chamber... lain, richtig?<<
>> Richtig, guten Morgen Mr Humphrey.<< begrüßte ich ihn ein wenig irritiert, was ich so gut es ging zu überspielen versuchte. Ich wusste, dass er irgendwann noch einmal operiert werden sollte, nur hatte ich nicht heute damit gerechnet.
>> Mr Humphrey wurde wieder zu uns geschickt, da er noch zwei weitere Bypässe benötigt.<< klärte uns Dr. Sterling auf und sah dabei mich an.
>> Dr. Chamberlain, Sie operieren Mr Humphrey, da Sie mit seinem Fall vertraut sind und Dr. Thompson wird Ihnen assistieren.<<
>> Natürlich.<< sagte ich professionell und sah erneut in die Akte, während die anderen Assistenzärzte wieder den Raum verließen und zum nächsten Patienten gingen.
>> Also haben Sie noch Fragen zur Operation Mr Humphrey?<<
>> Zur Operation nicht, nein. Da vertraue ich Ihnen.<<
>> Gut, dann sehe ich nach, wann Sie dran sind. Die Schwestern werden Sie dann abholen.<< sagte ich und drehte mich bereits um, um so schnell wie möglich wieder den Raum zu verlassen und dieser unangenehmen Situation zu entfliehen.
>> Dr. Chamberlain?<< fragte Mr Humphrey, als ich schon fast an der Tür gewesen war und ich mich innerlich verkrampfte. Ich wollte einfach nur so schnell es ging hier heraus.
>> Ja, Mr. Humphrey?<<
>> Ich habe gehört, dass Sie sich von meinem Sohn getrennt haben.<< sagte er in den Raum und sah mich dabei abschätzend an, während ich nicht genau wusste, was das sollte und mich augenblicklich unwohl fühlte.
>> Mr Humphrey bei allem Respekt, aber das ist privat.<<
>> Natürlich. Entschuldigen Sie. Ich dachte nur, dass Sie und ich vielleicht mal zusammen Essen gehen, wenn ich die Operation überstanden habe.<<
Ich stutzte bei dieser Frage und sah ihn einige Sekunden nachdenklich an, bis ich mich wieder zusammenriss und mich räusperte.
>> Mr Humphrey, ich möchte weder jetzt, noch in ein paar Tagen, oder Wochen mit Ihnen über ihren Sohn sprechen.<<
>> Was? Nein, das meinte ich auch nicht. Es war eher als eine Art.... na ja, als ein Date gedacht. Mit mir...<<
Wieder sah ich ihn einige Sekunden perplex an, bis ich meinen Schock überwunden hatte und meine Worte wiederfand.
>> Sie sind nicht nur der Vater meines Ex-Freundes, sondern auch noch mein Patient Mr Humphrey, also lautet meine Antwort nein. Außerdem konzentriere ich mich im Moment lieber auf meinen Beruf.<<
Er hatte mich vollkommen überrumpelt mit seiner Anmache und so langsam wusste ich, weshalb seine Frau nicht hier war. Was war bloß passiert? Sie hatten beim letzten Mal doch so verliebt gewirkt.
>> Was ist mit ihrer Frau?<< hakte ich deswegen nach, da es mich brennend interessierte, obwohl es mich eigentlich nicht zu interessieren hatte und es mir nicht zustand solche Fragen zu stellen.
>> Die hat die Scheidung eingereicht, nachdem sie mich zwei Wochen nach der Operation bei einer früheren Freundin wiedergefunden hatte.<<
>> War das etwa der Tag, an dem Sie aus der Reha-Klinik verschwunden sind?<<
>> Ja richtig. Ich sagte Ihnen ja, dass ich vieles falsch gemacht hätte und ich dachte wirklich, dass ich diese Frau von damals lieben würde.<<
>> Und haben Sie?<<
Wer bitte sprach da bitte aus mir? Normalerweise trennte ich Berufliches und Privates strickt und nun quetschte ich meinen Patienten über sein Privatleben aus, obwohl ich noch nicht einmal mehr mit seinem Sohn zusammen war?
>> Nein. Die Zeit damals mit ihr war ganz nett gewesen, als ich auf Geschäftsreise gewesen war und sie hatte sich gut um mich gekümmert, da war ich wohl zu geblendet von ihr gewesen.<<
>> Wird denn heute noch jemand für Sie kommen, den ich nach der Operation über ihren Zustand informieren kann?<<
>> Ich glaube nicht. Vielleicht Elliott, aber Sie müssen keine Angst haben, dass Blake kommen könnte, der redet kein Wort mehr mit mir.<<
>> Wieso nicht?<<
Eigentlich sollte ich solche persönlichen Fragen gar nicht stellen, aber ich konnte einfach nicht anders, da er mich immer noch so stark interessierte und ich das alles hier irgendwie komisch fand.
>> Na ja, sagen wir mal... wir haben einige Differenzen gehabt.<< umging er eine richtige Antwort, weswegen ich auch nicht mehr näher nachhakte und endlich zur Vernunft kam. Es ging mich einfach nichts an.
>> Ist gut. Dann ruhen Sie sich jetzt noch aus. Wie gesagt, die Schwestern kommen gleich und bringen Sie dann in den OP.<<
Ich ging schnell auf den Gang, da ich das Gefühl hatte keine Luft mehr zu bekommen, wenn ich noch eine Sekunde länger bei ihm geblieben wäre.
Blake hatte also davon erfahren, dass sein Vater eine Affäre gehabt hatte. Somit konnte ich immerhin die Unterstellung verstehen, weshalb er bei Charly und mir zu viel hineininterpretiert hatte, da er die Ehe seiner Eltern als perfekt angesehen hatte. Allerdings erklärte es nicht, wieso er mir unterstellt hatte, dass ich nur sein Geld wollte. Und die Tatsache, dass ich seiner Meinung nach eine Niete im Bett war auch nicht.
Ich setzte mich kurz zu den Schwestern, atmete tief durch und las mir die Akte und die Untersuchungsergebnisse genau durch, damit ich auf die OP gut vorbereitet war. Als ich kurz aufblickte, sah ich wie Elliott und Blake aus dem Aufzug traten und zum Zimmer ihres Vaters gingen, weswegen ich mich schnell hinter meiner Akte versteckte.
Sein Anblick brachte mich wieder einmal vollkommen aus dem Konzept. So sehr ich ihn auch für das, was er mir angetan hatte, hasste, liebte ich ihn immer noch tief in mir drin, was ich einfach nicht leugnen konnte. Die ganze Zeit über wollte ich nicht wahr haben, dass er wirklich so ein Arschloch war, wie er es an jenem Abend gezeigt hatte. Und nun war er hier und haute mich mit seinem Erscheinungsbild mal wieder vollkommen um.
Seine männliche Statur gemixt mit seinem kriegerischen Aussehen durch den Vollbart und die dunklen langen Haare, gesteckt in einen Anzug machten mich schwach, weswegen es gut war, dass ich saß, da meine Knie bereits weich wie Pudding waren und ich nur noch an wilden hemmungslosen Sex mit ihm dachte.
Ich atmete tief durch, verdrängte die Bilder aus meinem Kopf und las wieder in der Akte, um mich abzulenken, während sie in das Zimmer von ihrem Vater gingen und ich kurz darauf lautes Gebrüll hörte. Sofort stand ich auf und öffnete die Tür, wo Elliott die beiden bereits zur Ruhe brachte.
>> Du hättest ja nicht herkommen brauchen.<< sagte Mr Humphrey zornig, als Blake sich noch mehr aufbaute und das Bettende so fest umklammerte, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
>> Ich wollte dir nur sagen, dass ich mich jetzt in den Wartebereich setze und hoffe, dass du während der Operation verreckst, denn das wäre die gerechte Strafe für deine etlichen Affären. Ich will hier sein, wenn sie deinen Leichensack in den Keller schieben, du verlogener, hinterhältiger Wichser.<<
>> Blake!<< schrie ich ihn an, als dieser mich wutentbrannt ansah und sofort liebevollere Züge annahm, da er mich erst jetzt richtig bemerkt hatte. Wir bekamen die Blicke nicht mehr voneinander los, als ob unser Überleben davon abhinge, was Mr Humphrey anscheinend nicht passte, da er Blake wieder provozierte.
>> Mach dir nicht zu viele Hoffnungen Blake. Deine Süße wird mich operieren und du weißt, dass sie mir schon einmal das Leben gerettet hat und um ein Date habe ich sie auch schon gefragt.<<
>> Und ich habe Nein gesagt Mr Humphrey.<< stellte ich sofort klar, damit Blake sich endlich beruhigte, während wir uns immer noch tief in die Augen sahen und meine Knie fast nachgaben. Ich stand immer noch vollkommen unter seinem Bann und dennoch konnte ich nicht den Abend von vor ein paar Wochen vergessen.
>> Ihr solltet jetzt gehen.<< wies ich Blake und Elliott an, woraufhin Eliott seinen Bruder in den Flur schob und ich die Tür wieder schloss. Ich beruhigte noch schnell Mr Humphrey, damit sein Herz nicht zu sehr belastet würde, bevor ich schließlich zu den beiden nach draußen ging.
Ich sah, wie sie im Wartebereich Platz genommen hatten, weswegen ich mir einen Ruck gab und noch mal zu ihnen ging. Mit jedem weiteren Schritt zu Blake, kam es mir so vor, als würde mein Herz immer schwerer werden und auf meinen Magen drücken.
Es machte mich vollkommen fertig ihn heute hier zu sehen und auch noch mit ihm sprechen zu müssen, da es all die Wunden wieder aufriss. Doch es half nichts. Dies hier war das Krankenhaus und da musste ich mich zusammenreißen und professionell sein!
>> Wenn euer Vater hier gleich in den OP gefahren wird, dann seid ihr leise. Keine Beschimpfungen, keine Drohungen, keine Todeswünsche und auch keine tätlichen Angriffe. Sonst hole ich den Sicherheitsdienst und ihr kommt hier gar nicht mehr rein. Ist das klar?<<
>> Ich werde auf ihn achten.<< versprach mir Elliott und sah besorgt zu Blake.
>> Das hoffe ich.<<
>> Hat er dich wirklich um ein Date gebeten?<< fragte mich Blake und sah mich verzweifelt an. Sein Blick schnürte mir die Kehle zu, doch so einfach wollte ich es ihm nicht machen.
>> Ich sagte doch bereits, dass ich abgelehnt habe. Aber schön wieder bestätigt zu bekommen, wie wenig du mir vertraust. Als ob ich mit deinem Vater ausgehen würde, wenn ich dich haben könnte, wobei das auch nicht wirklich besser wäre, denn fremd gehen tut ihr ja beide.<<
Ich schüttelte angewidert den Kopf und ging zurück zu den Schwestern, die ich schon mal anwies, den Sicherheitsdienst herzuholen, wenn sie Mr Humphrey in den OP fahren würden. Da die Operation erst in einer Stunde war, nahm ich mir die Akte und einen Apfel und ging aufs Dach, wo ich meine Ruhe hatte und meine Wut auf Blakes Bemerkung verdauen konnte.
Als ich sie komplett gelesen und den Apfel aufgegessen hatte, schloss ich die Augen und genoss die warmen Sonnenstrahlen, die auf mein Gesicht schienen. Im Geiste ging ich die Operation an Mr Humphrey einige Male durch, bis ich schließlich wieder die Augen öffnete und Blake vor mir stehen sah.
>> Seit wann stehst du da?<<
>> Nicht lang.<< flüsterte er fast schon und sah vorsichtig zu mir. Ich stand auf und nahm die Akte in meine Hand, als ich Blake wieder ansah.
>> Und was willst du?<<
>> Ich möchte dich nur ansehen. Das reicht mir schon.<<
>> Na, das hast du ja jetzt.<<
>> Evelyn... Bitte rede...<<
>> Nein!<< unterbrach ich ihn barsch, öffnete die Tür und ging wieder nach unten, wo ich direkt zum OP-Saal 1 ging und mich für die Operation vorbereitete. Ich hätte es einfach nicht ausgehalten wieder mit ihm zu reden, da es sicherlich um uns ging und das war einfach nicht fair. Er wusste, wie wichtig mir meine Arbeit war und dass ich mich dabei voll und ganz konzentrieren musste, was einfach nicht ging, wenn er hier war und mit mir reden wollte. Die Flucht war also das einzig Richtige was ich tun konnte.
Ich wartete bis Mr Humphrey in der Narkose lag, bis ich schließlich selbst in den OP ging und wir mit der Operation anfingen. Da ich besonders stark auf jede einzelne Bewegung achtete und mir jeden Schritt zwei Mal überlegte, da ich Angst hatte, mir könnte jemand am Ende unterstellen, ihn vorsätzlich getötet zu haben, dauerte die Operation fast sechs Stunden.
Zudem lag es daran, dass ich leider doch eine falsche Bewegung gemacht hatte und dadurch eine Blutung ausgelöst wurde, die ich erst einmal wieder stillen musste. Gegen fünf Uhr nachmittags brachte ich Mr Humphrey jedoch auf die Intensivstation und ging nach einem tiefen Atemzug anschließend zu Blake und Elliott.
>> Wie geht es ihm?<< fragte mich Elliott, während Blake mich einfach nur anstarrte, als ob er mein Bild in sein Gehirn einbrannte.
>> Er hat alles gut überstanden. Ich weiß, das sind wahrscheinlich nicht die Nachrichten, die ihr hören wolltet, aber so ist es.<<
>> Könnte es heute Nacht noch Komplikationen geben?<< fragte mich Blake, während er nun hinter mir nach seinem Vater suchte.
>> Es könnte sein, was wir jedoch nicht hoffen.<<
>> Können wir zu ihm?<<
Ich lächelte die beiden übertrieben freundlich an, bevor ich hinter ihnen den Sicherheitsdienst mit einer Handbewegung zu mir bat.
>> Diese beiden Herren möchten gerne ihren Vater sehen, den ich gerade operiert habe. Passen Sie bitte auf, dass sie ihn nur ansehen. Keiner darf ihn berühren und achten Sie die ganze Nacht auf Mr Humphrey.<<
>> In Ordnung Dr. Chamberlain.<<
>> Danke. Dann kommt mit.<<
Ich führte sie zur Kabine ihres Vaters, als ich den Sicherheitsmännern noch einmal zunickte und auch die Schwestern informierte. Als Dr. Sterling neben mir aus dem OP auftauchte, informierte ich sie über die Operation und weihte sie in die Situation mit den Sicherheitsbeamten ein, was sie absegnete, bevor sie nach Hause ging.
Ich vervollständigte noch Mr Humphreys Akte, was ziemlich lange dauerte, als Alex zu mir kam. Er war ein Pfleger auf der Intensivstation, der hier vor vier Wochen angefangen hatte und mit dem ich mich direkt gut verstanden hatte. Er war neu hierhin gezogen und hatte sofort gemerkt, dass es mir nicht gut ging, weswegen er es sich zur Aufgabe gemacht hatte, mich jede Stunde mindestens einmal zum Lächeln zu bringen.
Vor einer Woche hatte er mir den Grund für seinen Umzug nach Seattle vorgestellt. Aaron. Sie waren seit zwei Jahren ein Paar und wollten keine Fernbeziehung mehr führen, weswegen er hierhin gezogen war, als die Zusage für den Job gekommen war.
>> Da ist ja endlich mein Sonnenschein.<< begrüßte er mich und drückte mich kurz an seine Seite, bevor er die Akten auf den Tresen legte.
>> Der Sonnenschein wird heute von dicken, fetten Regenwolken belästigt.<<
>> Du weißt, dass ich das nicht zulassen kann.<<
Ich setzte noch meine letzte Unterschrift und legte die Akte weg, woraufhin meine gesamte Aufmerksamkeit ihm galt.
>> Komm her mein Schatz.<< lockte er mich und zog mich in eine lockere Tanzbewegung.
>> Ehrlich, ich bin...<< wollte ich mich grade entschuldigen, doch das ließ er nicht zu, weswegen ich mir einen Ruck gab. Nach ein paar Schritten lächelte ich, was ihn freute, als er mich auch schon zwischen Wand und sich gefangen nahm.
>> Und jetzt sag mir, dass du morgen nach der Arbeit endlich mal zu mir kommst meine Süße. Ich muss dich doch mal näher kennenlernen. Immerhin bin ich neu hier und ich könnte einige eigene Freunde gebrauchen. Ich koche uns was Schönes, wir öffnen eine Flasche von meinem Lieblingswein und genießen den Feierabend.<<
>> Nimm deine dreckigen Pfoten von ihr!<< brüllte Blake auf einmal neben uns, weswegen ich mich sofort von Alex losriss und zu ihm ging, damit er ihm nichts antat. Doch da hatten die Sicherheitsleute ihn bereits gepackt und hielten ihn ordentlich fest.
>> Reiß dich endlich zusammen! Was ist nur aus dir geworden? Ich erkenne dich überhaupt nicht mehr wieder.<<
>> Du gehörst mir Evelyn.<< schrie Blake erneut und sah mich dabei schmerzerfüllt an, was mir das Herz zusammenziehen ließ, doch das durfte er nicht sehen. Er hatte es nicht verdient zu sehen, wie es in mir drinnen aussah, wie wichtig er mir war, wie sehr ich ihn vermisste, weswegen ich meine Schultern straffte und mit fester Stimme zu ihm sprach.
>> Ich gehöre niemandem und schon gar nicht Ihnen Mr Humphrey!<<
>> Wir bringen ihn dann raus Dr. Chamberlain.<<
Ich nickte nur und sah schmerzerfüllt hinterher, wie sie ihn in den Aufzug stießen und Elliott hinterherging.
>> Wer war das?<< fragte mich Alex erschrocken, der immer noch fassungslos dastand und ein wenig bleich aussah.
>> Das waren meine heutigen Regenwolken. Piept mich an, wenn was ist. Ich habe heute Dienst in der Notaufnahme.<< antwortete ich lediglich, drehte mich um und ging ohne es weiter auszuführen, denn das wollte und konnte ich jetzt nicht, auch wenn Alex es anscheinend gerne erfahren hätte.
Schnell lief ich ins Treppenhaus und rannte hinunter in die Kantine, wo ich noch kurz etwas aß, bevor der Horror losgehen würde. Immerhin war es Wochenende und die Notaufnahme, was keine gute Kombination war, doch so ging die Nacht sicherlich schnell rum und ich wurde von meinen Gedanken abgelenkt.
Gegen sieben setzte ich mich in Bewegung und verarztete kleine Schnittwunden und Haushaltsunfälle, als ich noch jemandem einen Gips anlegen musste.
>> Evelyn, beeil dich ein bisschen, wir bekommen gleich etliche Unfallopfer aus einer Massenkarambolage vom Highway.<<
>> Ist gut, bin fast fertig.<< rief ich Laura hinterher, die schon nach vorne eilte, um sich einen Verletzten zu sichern.
>> Und schon bin ich nicht mehr gut genug.<< sagte mein Patient scherzhaft zu mir, woraufhin ich lächeln musste.
>> Seien Sie froh, dass Sie nur ein gebrochenes Bein haben.<< munterte ich ihn auf und zog meine Handschuhe aus.
>> Bleiben Sie bitte so liegen. Der Gips muss noch hart werden.<<
>> Mache ich. Danke.<<
Ich sagte einer Schwester noch Bescheid, dass sie meinen Patienten in etwa 15 Minuten entlassen konnte, bevor ich schnell nach vorne lief, um mich nützlich zu machen.
Kapitel III
Blake
>> Was sollte das Blake?<< fuhr mich mein Bruder an, während ich immer noch vom Sicherheitsdienst festgehalten wurde.
>> Der Wichser sollte seine Hände von ihr nehmen! Sie ist meine Freundin!<<
>> Falsch. Sie war deine Freundin, also hat sie jedes Recht sich einen neuen Freund zu suchen und damit hast du dich abzufinden!<<
Mein Bruder konnte froh sein, dass mich grade zwei Männer festhielten, sodass ich nicht auf ihn losgehen konnte, denn das hätte ich am liebsten getan. Ich wusste selbst, dass Evelyn nicht mehr mit mir zusammen war, dennoch konnte ich die Trennung nicht akzeptieren. Während ich vor einigen Wochen noch in Selbstmitleid gebadet hatte und nur noch aufgeben wollte, war ich nun mehr denn je davon überzeugt, um sie zu kämpfen.
Hätte sie mir auch nur ein einziges Mal ins Gesicht gesagt, dass ich sie in Ruhe lassen solle, dass es wirklich vorbei wäre, dann würde ich es akzeptieren, doch stattdessen ignorierte sie mich einfach nur und wich mir aus. Ich wusste, dass sie noch Gefühle für mich hegte und so lange diese Gefühle da waren, würde ich nicht aufgeben, um sie zu kämpfen, denn das würde ich mir nicht verzeihen.
Immer wieder schickte ich ihr Aufmerksamkeiten, damit sie an mich dachte und hoffentlich an die schönen Momente unserer Beziehung erinnert wurde. So oft es ging, stand ich am Krankenhaus, wenn ihre Schicht vorbei war, um sie eventuell nach Hause zu fahren, doch bisher ignorierte sie mich geflissentlich und nahm lieber den Bus.
So gern wollte ich ihr mein Verhalten erklären, erklären, weshalb ich vor vier Wochen so extrem neben mir gestanden hatte, doch sie gab mir einfach keine Chance dazu. Bisher jedenfalls nicht und das konnte ich ihr wirklich nicht verübeln.
Würde ich ihr verzeihen, wenn ich sie vollkommen betrunken in einer Bar aufgelesen hätte? Wenn sie mir unterstellt hätte, dass ich eine Affäre mit einer guten Freundin gehabt hätte? Wenn sie mich heimlich beobachten würde? Vielleicht ja, aber würde ich ihr verzeihen, wenn sie vor meinen Augen einen anderen Mann küsst und mir erzählt, dass ich im Bett eine Niete wäre und sie nicht richtig befriedigen würde? Nein.
Es würde Wochen oder Monate dauern, bis Evelyn mir wieder vertrauen würde, vorausgesetzt sie würde uns irgendwann mal eine zweite Chance geben.
Wie hatte ich nur so dumm sein können? Ich wusste, wie scheu Evelyn war und wie schnell sie Menschen von sich wegstieß, damit niemand hinter ihre Fassade blicken konnte. Es hatte lange genug gedauert, bis sie mich endlich in ihr Herz gelassen hatte, bis sie mir ihre Gefühle gestanden hatte und dann war ich so dumm und vermasselte alles in wenigen Sekunden.
Sie damals von mir zu überzeugen, war wirklich schon schwer gewesen, wobei sie da mir gegenüber noch neutral eingestellt gewesen war. Doch nun wusste sie, was für ein Arschloch und Wichser ich sein konnte, sie wusste, wie sehr ich sie enttäuscht hatte, also würde sie es mir dieses Mal noch schwieriger machen und genau das bekam ich grade mit voller Breitseite zu spüren.
>> Kommen Sie bitte mit.<< wies mich einer der Sicherheitsleute an und geleitete mich zum Ausgang, wo es immer noch in Strömen regnete. Nachdem sie mich noch einmal belehrt hatten, musste ich das Krankenhaus verlassen und ging zusammen mit Elliott zu meinem Wagen.
Wir waren von einer morgendlichen Besprechung im Verlag aus direkt hier her gekommen, weswegen er bei mir mitgefahren war, um nach unserem Vater zu sehen. Nachdem mein Vater vor zwei Wochen wieder aufgetaucht war, hatte meine Mutter ihn natürlich zur Rede gestellt.
Mein Vater hatte schließlich zugegeben, dass er sie unzählige Male betrogen hatte, weswegen meine Mutter die Scheidung eingereicht hatte. Um jedoch weiterhin eine weiße Weste in der Öffentlichkeit zu haben, bot er ihr an, dass er ihr alle Verlage in Seattle überlassen würde, wenn sie im Gegenzug den Mund halten würde.
An ihrer Stelle hätte ich dieses Angebot nicht angenommen, da sie auch so eine gute Abfindung von ihm kassiert hätte, doch Elliott zuliebe ging sie den Deal ein, damit er eine Existenz hatte. Dies war der Grund, warum ich immer noch in den Verlagen arbeitete, allerdings wesentlich weniger als noch vor ein paar Wochen. Elliott musste das nun langsam allein schaffen, da es nicht mein Interessensgebiet war und ich in keinster Weise mit irgendetwas von meinem Vater involviert sein wollte.
Für mich war dieser Mann an dem Tag gestorben, als ich die Videos gesehen hatte. Das, was er mir ein Leben lang vorgebetet hatte, passte einfach nicht mit dem Leben zusammen, welches er in Wirklichkeit führte. Zudem hatte er mich hintergangen, indem er mit Kelly geschlafen hatte und das nicht nur einmal. Wie konnte ein Vater dem eigenen Sohn so etwas antun? Dies war auch der Grund gewesen, weshalb ich bei der Aussprache zwischen meiner Mutter und meinem Vater nicht dabei gewesen war, da ich für nichts hätte garantieren können. Somit waren wir heute das erste Mal wieder aufeinander getroffen.
Selbst heute im Krankenhaus hätte ich ihm am liebsten die Faust ins Gesicht geschlagen und das nicht nur einmal. Ihn zu sehen, daran zu denken, wie er meine Mutter hintergangen hatte, wie er es mit meiner Ex-Frau getrieben hatte, während ich mit ihr verheiratet gewesen war und nun auch noch meine Ex-Freundin um ein Date gebeten hatte, war einfach zu viel gewesen.
>> Fährst du jetzt noch, oder möchtest du hier übernachten?<< fragte Elliott mich plötzlich und riss mich damit aus meinen Gedanken, als ich bemerkte, dass wir immer noch auf dem Parkplatz standen.
>> Entschuldige.<<
Ich atmete tief durch, startete den Motor und versuchte mich auf den Verkehr zu konzentrieren. An einer roten Ampel wählte ich kurz die Nummer meiner Mutter, um sie auf den neusten Stand zu bringen und hörte bereits das Klingeln durch die Freisprecheinrichtung im Auto, bis sie schließlich ranging.
>> Hallo Blake.<< begrüßte sie mich und klang dabei ziemlich erschöpft. Die letzten Wochen hatten sie sehr mitgenommen, weswegen ich mir große Sorgen um sie machte. Sie war eigentlich immer eine starke und selbstbewusste Frau gewesen, doch auch solche Menschen verließen irgendwann ihre Kräfte. Sie hatte gute fünf Kilo abgenommen, schlief zu wenig und aß nicht regelmäßig, weswegen ich letzte Woche dafür gesorgt hatte, dass ihr Bruder nach ihr sah.
Edward hatte schon immer einen enormen Einfluss auf meine Mutter gehabt und kümmerte sich nun um sie, damit sie wieder auf die rechte Bahn gelenkt wurde und sie ihr Leben wieder in den Griff bekam. Zu sehen, wie meine Mutter litt, ertrug ich nicht und den Anblick gönnte ich auch nicht meinem Vater, dem es allem Anschein nach blendend ging.
>> Hi Mum. Wir geht’s dir?<<
>> Wie immer. Wie hat er die Operation überstanden?<< fragte sie direkt, da sie wusste, dass er heute operiert werden würde.
>> Leider gut.<< mischte sich Elliott ein, während er nebenbei eine Nachricht an Gina schrieb.
>> Oh, hallo Elliott, ich wusste nicht, dass ihr beide dran seid... Aber das ist doch gut, dass er es überstanden hat, er ist immerhin euer Vater.<<
Ich schnaubte bei dem letzten Satz, da sie ihn immer noch in Schutz nahm, jedenfalls wenn es um uns als Familie ging.
>> Er ist nichts mehr für mich Mum, das solltest du langsam begreifen.<<
>> Aber...<< wollte sie grade einwenden, als sich Elliott wieder zu Wort meldete.
>> Vergiss es Mum, da brauchst du nichts mehr versuchen. Es hat keinen Sinn, Blake hasst ihn und nach heute wird das auch nicht mehr besser werden.<<
Sofort sah ich Elliott scharf an, da ich nicht wusste auf was er hinauswollte.
>> Wieso? Was ist denn passiert?<< fragte meine Mutter direkt nach und klang dabei neugierig und zugleich ängstlich, was mir überhaupt nicht Recht war. Sie sollte endlich zur Ruhe kommen und ihn vergessen.
>> Evelyn hat ihn operiert, also ist Blake eh schon schlecht drauf gewesen, weil er sie wiedergesehen hat und weil Dad sie angebaggert und um ein Date gebeten hat.<<
>> Was hat er?<< fragte meine Mutter vollkommen schockiert, während ich scharf nach rechts zog und mit einer Vollbremsung am Straßenrand hielt. Ich hörte noch wie einige Autos laut hupten und ihren Unmut über mein Manöver kundtaten, während ich meinen Bruder finster ansah. Sofort legte ich auf, damit meine Mutter unseren Streit nicht mitbekam und wandte mich an meinen Bruder.
>> Was soll das Elliott? Warum erzählst du ihr das? Meinst du das hilft ihr weiter? Reicht es nicht, dass ich schon damit zu kämpfen habe?<< schrie ich ihn an und hielt meine Wut nur schlecht in Zaum, was wohl an der gesamten Situation des heutigen Tages lag.
>> Aber...<<
>> Nein nichts aber! Meinst du es bringt ihr was, wenn sie erfährt, dass es David gut geht und er weiter macht, Frauen anbaggert, weiter in der Weltgeschichte rumvögelt, als wäre nichts gewesen? Während sie zu Hause sitzt, leidet, weint und sich wie ein Nichts fühlt, weil er ihr was bedeutet hat und andersherum nicht? Als wäre ihm die ganze Ehe nichts Wert gewesen? Als hätte er sie nur all die Jahre ertragen, um in der Presse gut dazustehen? Als wäre sie eine Last gewesen? Was soll ihr das bringen?<<
>> Ich dachte ja nur...<< wollte er sich verteidigen, doch das wollte ich jetzt nicht hören.
>> Dann denk in die richtige Richtung und sieh unsere Mutter mal richtig an. Sie hat abgenommen, schläft und isst nicht richtig. Sie leidet stark unter der Trennung und dann kommst du und erzählst ihr, wie toll es unserem Vater geht, so toll, dass er sogar wieder Frauen flachlegen will, oder auch schon getan hat. Das ist doch krank!<<
>> Sie soll nur merken, dass er ein Wichser ist.<< sagte er kleinlaut, während ich mich langsam beruhigte.
>> Aber nicht so. Damit erreichst du sie nicht, weil sie sich für alles die Schuld gibt und den Fehler bei sich sucht. Sie braucht Zeit, immerhin wurde sie jahrelang hintergangen, das verarbeitet man nicht in vier Wochen, während man nebenbei noch Liebeskummer hat.<<
Elliott sagte nichts mehr, während ich noch einmal tief durchatmete, in den Seitenspiegel sah, den Wagen wieder auf die Straße lenkte und unsere Mutter erneut anrief.
>> Entschuldige Mum, die Verbindung war grade schlecht.<< begrüßte ich sie, als ich sah, dass eine Verbindung hergestellt worden war.
>> Schon in Ordnung. Also, was hat er mit Evelyn gemacht?<<
>> Nichts Mum.<< wiegelte ich es ab und hoffte, dass sie es einfach akzeptieren würde, doch insgeheim wusste ich schon, dass sie das nicht konnte.
>> Erzähl es mir Blake.<<
>> Ich habe keine Ahnung. Er hat sie halt um ein Date gebeten, jetzt wo sie Single ist und er ja auch.<< seufzte ich und schaltete die Wischblätter auf eine schnellere Stufe, da es inzwischen in Eimern schüttete.
>> Und was hat sie gesagt?<<
>> Na, was wohl... Dass sie nicht interessiert ist natürlich.<<
Es entstand eine kleine Pause in der ich kurz zu Elliott sah, der mich jedoch ignorierte und aus dem Seitenfenster blickte. Immerhin konnte er so nichts Falsches sagen.
>> Blake, das... das tut mir so Leid.<<
>> Ich weiß Mum, aber da kannst du nichts für. Er ist halt einfach ein mieser Wichser und das wird er auch bleiben. Sei froh, dass du ihn los bist.<<
>> Wenn das so einfach wäre.<< seufzte sie, als sie auch schon weitersprach.
>> Hast du denn mit Evelyn reden können?<<
>> Nur kurz und auch nur über Dad und dessen Zustand.<<
>> Hast du denn versucht mit ihr über euch zu reden?<<
>> Natürlich, aber da macht sie komplett dicht und da kann ich ihr auch keine Vorwürfe machen.<<
Meine Mutter seufzte wieder, da sie unbedingt wollte, dass das mit Evelyn und mir wieder funktionierte. Sie wusste, wie sehr ich unter der Trennung litt und sie wiederhaben wollte, doch das war nicht so einfach, wie sie es sich vielleicht vorstellte.
>> Ich weiß und wenn du es mal mit einem Brief versuchst? Wenn du...<<
>> Mum bitte. Das ist meine Angelegenheit und das regle ich auch allein. Ich bin keine zwölf mehr.<<
>> Na gut. Kommt ihr denn heute Abend noch vorbei?<<
Ich erinnerte mich daran, dass wir uns noch zusammensetzen wollten, um die Verlage neu zu strukturieren, weswegen ich kurz zu Elliott sah.
>> Hast du noch Zeit heute, oder wartet Gina auf dich?<<
>> Gina kann auch gerne herkommen mit den Kindern, dass ist gar kein Problem.<< unterbrach uns meine Mutter, die am liebsten jeden in ihrem Haus hätte, damit sie die Einsamkeit nicht so sehr spürte und abgelenkt war.
>> Gina ist heute mit den Kindern bei ihrer Mutter und fährt erst in etwa zwei Stunden zurück, also können wir ruhig noch alles besprechen.<<
>> Dann sind wir in etwa zehn Minuten bei dir Mum.<<
>> Ist gut bis gleich.<<
Ich legte auf und konzentrierte mich wieder auf den Verkehr, der mörderisch war. Viele kamen gerade von der Arbeit und wollten nach Hause, während es in Strömen schüttete und die Wischblätter bei den Wasserfluten auf der Scheibe nicht hinterherkamen. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt, weswegen es zusammen mit den Regenwolken dunkel wie die Nacht war.
Da das Auto vor mir endlich auf die andere Spur wechselte, beschleunigte ich schnell, um schneller bei unserer Mutter sein zu können, da ich nachher noch zu Dan und Lewis wollte. Eilig fuhr ich den Highway entlang, während Elliott weiter mit Gina schrieb und ich mit meinen Gedanken bei Evelyn und ihrem Anblick in der Sonne auf dem Dach war.
So langsam kam ich mir wie ein Stalker vor, der sie belästigte, da ich immer in ihrer Nähe sein wollte und sie mit Aufmerksamkeiten überschüttete. Durch Laura wusste ich zum Glück, wann Evelyn arbeitete, da ich sonst jeden Abend auf gut Glück vor dem Krankenhaus stehen würde, doch auch das würde ich in Kauf nehmen, um sie für ein paar Sekunden zu sehen. Da sie mich jedoch noch nie gebeten hatte damit aufzuhören, störte es sie anscheinend nicht und ich brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben.
Ich seufzte, da alles so mühsam war, als ich plötzlich rechts vor mir sah, wie ein Kleintransporter auf einen Wagen auffuhr und sich kurz ein Stück in die Luft erhob, weswegen die Bremslichter aufleuchteten. Sofort war ich hellwach und konzentriert, sah um mich und versuchte zu verstehen, was hier grade los war.
Vor uns sah ich etliche Bremslichter, während es hinter uns ziemlich leer war auf dem Highway, da ich im Rückspiegel kaum Scheinwerfer entdecken konnte. Sofort sah ich wieder nach vorne. Der Wagen direkt vor mir fuhr ebenfalls auf ein Auto auf, weswegen ich versuchte auszuweichen, allerdings fuhren wir 90 Meilen die Stunde, da wir auf dem Highway waren und es nass war, weswegen ein Ausweichen schwierig werden würde.
Sofort trat ich auf die Bremsen, riss das Lenkrad herum und lenkte stark ein, weswegen Elliott aufschreckte und nach vorn sah.
>> Was machst du?<< schrie er, als es auch schon krachte und ich mit meiner Seite heftig gegen die Autos geschleudert wurde. Ich hoffte noch inständig, dass niemand auf unser Auto auffahren würde, damit Elliott nichts geschah, da er für seine Frau und Kinder da sein musste, als ich keine Kraft mehr hatte und die Augen schloss.
Kapitel IV
Evelyn
Schnell ging ich nach draußen, wo die Rettungswagen hielten, um einen der Verletzten entgegenzunehmen und zu helfen. Neben mir standen etliche andere Ärzte, die sich alle bereithielten und sich auf das Schlimmste gefasst machten.
>> Dr. Chamberlain für Sie kommt die wahrscheinliche Unfallverursacherin herein. Sie hatte wohl einen Herzinfarkt während der Fahrt und hatte dann keine Kontrolle mehr über ihr Fahrzeug.<<
>> In Ordnung.<< antwortete ich dem Oberarzt, als auch schon die ersten Rettungswagen eintrafen.
Einer nach dem anderen wurde reingeschoben, als ich plötzlich auf zwei Paar Schuhe blickte, die ich kannte.
>> Moment mal bitte.<< stoppte ich den Arzt und sah in Blakes blutiges Gesicht, als hinter ihm auch schon Elliott zu uns geschoben wurde.
>> Scheiße.<< fluchte ich, während mein Herz sich schmerzhaft zusammenzog und ich ihn schockiert ansah.
>> Kennen Sie ihn Dr. Chamberlain?<<
>> Ja, das ist Blake Humphrey und hinter ihm ist sein Bruder Elliott Humphrey.<<
>> Sollte ich etwas über die beiden wissen? Allergien, Unverträglichkeiten, Krankheiten?<<
>> So gut kenne ich sie nicht.<<
Der Oberarzt nickte und schob Blake in die Notaufnahme, während ich mir Sorgen um ihn machte, weiterhin dumm herum stand und auf meinen Patienten wartete. Als ich schon hineingehen und nach Blake sehen wollte, kam endlich der Rettungswagen, der für mich bestimmt war und öffnete seine Türen.
>> Was haben wir?<<
>> Eine Frau, 34, schwanger in der 29. Woche. Klagte über starke Schmerzen in der Brust, die bis in den Arm strahlten.<<
>> Wurde schon ein EKG gemacht?<<
>> Ja, war aber nicht eindeutig.<<
>> Ok, ich übernehme.<<
Ich nahm ihr das Klemmbrett aus der Hand, während sie mir alles über die Patientin berichtete und schob meine Patientin zu einem freien Platz, wo ich sie ungestört untersuchen konnte.
>> Ich brauche sofort ein Ultraschallgerät.<<
Während ich darauf wartete, sah ich noch schnell nach, ob Allergien, Vorerkrankungen, oder Unverträglichkeiten bestanden, als die Schwester mir endlich das Gerät in die Hand drückte.
>> Piepen Sie bitte schon mal jemanden aus der Perinatalmedizin an.<<
Ich legte den Kopf des Ultraschallgeräts auf ihre Brust und suchte das Herz ab, das zwar weiterhin schlug, allerdings nicht richtig arbeitete.
>> Evelyn! Wo ist Evelyn? Ich lass mich nur von Dr. Chamberlain behandeln!<< schrie Blake weiter hinten, da er wohl gerade wach geworden war.
>> Beruhigen Sie sich!<< befahl ihm der Oberarzt und drückte ihn wieder herunter, als ich kurz zu ihm sah und ihn betrachtete.
>> Dr. Chamberlain muss sich gerade um einen anderen Patienten kümmern. Haben Sie Allergien oder Unverträglichkeiten Mr Humphrey?<<
>> Ich... Nein... Evelyn!<< schrie er schließlich wieder, woraufhin er sediert wurde und es ruhiger wurde. Ich atmete tief durch, versuchte ihn in eine stille Ecke zu verbannen und konzentrierte mich schließlich wieder auf meinen Ultraschall, da davon zwei Menschenleben abhingen.
>> Wir brauchen sofort einen OP. Die Patientin hat einen Thrombus in einem Gefäß des Herzens und fordern Sie auch sofort Hebammen an, falls wir das Baby holen müssen. Dr. Harper, Sie assistieren mir, also machen Sie sich bereit.<<
Ich rannte mit den Schwestern zum OP, wo ich mich sofort mit Dr. Harper fertig machte und mit der OP begann. Neben mir standen Hebammen und ein Geburtshelfer für den Notfall bereit, falls wir das Kind holen mussten. Doch bisher war das Kind noch gut versorgt, weswegen sie still stehen blieben und einfach nur warteten.
Es dauerte eine Weile bis ich an den Thrombus herankam und ihn erfolgreich entfernt hatte, als sie plötzlich einen Herzstillstand erlitt und ich sie versuchte wiederzubeleben. Hinter mir wurden die Ärzte nach einigen Sekunden unruhig, bis ich schließlich den Grund für den Herzinfarkt fand.
>> Scheiße, da ist noch ein Thrombus. Schnell Klemme.<<
>> Dr. Chamberlain, wir holen jetzt das Kind.<< hörte ich irgendwann neben mir, während ich weiterhin aufs Herz blickte.
>> Können Sie nicht noch kurz warten? Ich habe die Ursache gefunden, dauert nur einen kleinen Moment.<<
>> Nein, tut mir Leid. Wir haben schon sehr lange gewartet, aber die Werte werden immer schlechter. Es muss sein.<<
Ich achtete nicht darauf, was neben mir passierte, während ich den zweiten Thrombus entfernte und das Blut schließlich wieder floss.
>> Los schlag endlich.<<
Ich half dem Herzen ein wenig nach, bis es endlich wieder anfing zu pumpen und neben mir ein leichtes Wimmern zu hören war.
>> Wie geht es dem Baby?<<
>> Sie sieht gut aus und scheint stark zu sein. Wir bringen sie gleich auf die Intensivstation für Neugeborene und halten Sie auf dem Laufenden.<<
>> In Ordnung. Danke.<<
>> Dann machen wir sie jetzt wieder zu. Dr. Harper möchten Sie das übernehmen?<< fragte ich sie, da sie im zweiten Jahr war und es somit eine gute Übung für sie war.
>> Gerne.<< antwortete sie und begann damit die Patientin zu verschließen, während ich sie beobachtete und ihr Tipps gab, die sie umzusetzen versuchte. Es dauerte ein wenig länger, doch das war in Ordnung, da sie es noch lernte und es sehr gewissenhaft gemacht hatte.
Als ich sie ein wenig später auf die Intensivstation verlegte und mit dem Gynäkologen die Heparindosis abgesprochen hatte, damit ihr Blut nicht weiter verklumpte, sah ich Mr Humphrey in seinem Zimmer liegen und dachte direkt an Blake und Elliott.
Sofort rannte ich wieder in die Notaufnahme, die inzwischen schon von unzähligen Angehörigen belagert wurde.
>> Haben wir hier schon jemanden, der eine schwangere, 34 jährige Frau sucht?<< fragte ich die Schwester und sah auf den Berg von Akten und Papier.
>> Wir konnten noch nichts sortieren. Wir mussten erst mal die Patienten versorgen.<<
>> Ist gut.<<
Ich drehte mich um, stieg auf einen Stuhl und verschaffte mir Gehör. Als es leiser wurde, fing ich schließlich an zu sprechen.
>> Ist hier jemand unter Ihnen, der eine 34 jährige, schwangere Frau sucht, die in der 29. Woche war? Braune schulterlange Haare, grüne Augen?<<
>> Ja ich. Meine Frau ist das.<<
Ich nickte und stieg wieder herunter, als ich mit ihm in eine ruhigere Ecke ging und ihm alles von der Operation erzählte, ebenso wie von der Geburt seiner Tochter. Zum Schluss erklärte ich ihm noch, wo er sie finden konnte, als Mrs Humphrey zu mir kam.
>> Wissen Sie, was mit Blake und Elliott ist?<<
>> Ich weiß es nicht Mrs Humphrey, ich habe sie nur kurz gesehen und musste dann selbst in den OP, aber ich schaue gleich mal nach.<<
>> Danke.<<
Ich drehte mich schnell um und ging zu den Patienten, wo immer noch eine Menge zu tun war. Allerdings waren die meisten relativ gut versorgt, weswegen ich den Oberarzt suchte.
>> Wie geht es ihrer Patientin Dr. Chamberlain?<< fragte er mich, als er mich sah und grade eine Wunde versorgte.
>> Ich konnte beide Thromben aus dem Herzen entfernen, allerdings musste ihre Tochter während der Operation geholt werden, die auch gut versorgt wurde. Den Vater habe ich schon zu ihnen geschickt.<<
>> Sehr gut. Ihr Bekannter wird gerade operiert.<<
>> Welcher?<< hakte ich nach, da sowohl Blake, als auch Elliott eingeliefert worden waren.
>> Der, der nach ihnen gerufen hat.<<
>> Was hat er für Verletzungen?<<
>> Zwei geprellte Rippen, eine Milzruptur, eine Platzwunde und ein leichtes Schleudertrauma.<<
>> Und sein Bruder?<<
>> Den habe ich nicht behandelt, aber er müsste noch weiter hinten liegen. Im Moment sind alle versorgt, also gehen Sie ruhig gucken und schauen Sie, wo Sie helfen können.<<
>> In Ordnung.<<
Ich suchte die Betten nach Elliott ab und fand ihn schließlich hinter einem abgetrennten Vorhang.
>> Hi.<< begrüßte ich ihn und sah die Schwester neben ihm an.
>> Muss Mr Humphrey noch behandelt werden?<<
>> Er wartet noch auf einen Gips für sein Bein und die Platzwunde am Kopf müsste noch genäht werden.<<
>> Ich übernehme das.<<
Sie nickte und schob mir das Material hin, während ich neben ihm Platz nahm und mir die Platzwunde ansah.
>> Wurde es schon betäubt?<<
>> Ja.<<
>> Gut, dann wollen wir mal.<<
>> Weißt du, wie es Blake geht?<< fragte er mich sofort und hielt still, während ich den ersten Stich setzte.
>> Ich habe nur kurz mit dem Oberarzt sprechen können. Er wird wohl grade operiert. Er hat zwei geprellte Rippen, eine Platzwunde wie du, eine Milzruptur und ein leichtes Schleudertrauma.<<
>> Ist das schlimm?<<
>> Ich weiß nicht welchen Schweregrad die Milzruptur hat, aber die schaffen das schon.<<
Ich drehte seinen Kopf noch ein wenig, damit ich einen besseren Winkel für den nächsten Stich hatte, als er weiterredete.
>> Es tut mir Leid, dass ich damals so etwas Dummes zu dir gesagt habe.<<
>> Kein Problem Elliott.<<
>> Ich hatte einfach Angst, dass meinem Vater etwas zustoßen könnte, aber da wusste ich ja auch noch nicht, was für ein mieser Kerl er eigentlich ist.<<
Ich sagte nichts dazu und verknotete lieber den letzten Faden, woraufhin ich mich seinem Bein widmete und vom Thema ablenkte.
>> Deine Mutter wartet draußen und hat schon nach dir gefragt. Ich werde sie gleich zu dir schicken, wenn ich dein Bein eingegipst habe.<<
Er nickte nur und beobachtete mich dabei, wie ich sein Bein vorbereitete.
>> Er liebt dich über alles Evelyn und würde alles dafür geben, um das ungeschehen zu machen.<<
>> Ich weiß, aber das kann er nicht.<<
>> Du lässt es ihn ja noch nicht einmal erklären.<<
>> Elliott... ich denke, dass ist eine Sache zwischen Blake und mir.<<
>> Aber ich sehe mir nicht länger an, wie er sich kaputt macht.<<
Ich seufzte und holte die Gipsverbände aus einer hinteren Schublade, als Laura zu uns kam und mich mitfühlend ansah.
>> Eve, lass mich das machen. Geh nach oben. Blake wird gleich aus dem OP gebracht.<<
>> Ich weiß, aber ich habe grade einen Patienten.<< wies ich sie ab und arbeitete weiter ohne sie zu beachten.
>> Und um den kümmere ich mich jetzt. Eve geh zu Blake!<<
>> Wir sind kein Paar mehr Laura. Sag seiner Mutter Bescheid, dann kann sie zu ihm gehen.<<
Wütend packte sie mich am Arm und zog mich den Gang entlang, weg von den Patienten, bis wir uns in einen Abstellraum verkrochen und sie mich wütend anfunkelte.
>> Hör endlich auf mit dem Mist.<<
>> Laura!<<
>> Wie stolz kann man eigentlich sein? Du liebst ihn doch.<<
>> Ich habe ihn geliebt, aber...<<
>> Nein Eve, ich kenne dich und ich weiß, dass du ihn immer noch liebst. Er hat ziemlich viel scheiße gebaut, ja. Aber was hast du mir immer wieder gesagt, wenn ich Probleme mit Typen hatte?<<
Ich sah sie verwirrt an, bis sie sich schließlich selbst die Antwort gab.
>> Dass jeder eine zweite Chance verdient hätte. Er war immer für dich da, hat immer Verständnis und Geduld für dich gehabt und dann macht er einen Fehler und du wirfst die komplette Beziehung weg? Wenn du ihm nicht wenigstens zuhörst und jetzt für ihn da bist, wenn er aufwacht, dann war es das mit unserer Freundschaft.<<
>> Laura was...<<
>> Das meine ich ernst Eve und jetzt geh in den zweiten Stock, ich mache den Gips.<<
Sie knallte die Tür hinter sich zu, während ich kurz allein in diesem miefigen Raum stehen blieb und überlegte, was ich machen sollte, bis ich es nicht mehr aushielt und nach oben ging. Im Wartebereich traf ich auf Mrs Humphrey, die sofort zu mir kam.
>> Haben Sie etwas von Elliott gehört?<<
>> Elliott geht es gut. Er hat nur eine Platzwunde am Kopf und ein gebrochenes Bein, was aber unkompliziert ist und nur eines Gipses bedarf.<<
>> Gott sei Dank. Die Ärzte waren grade da. Blake hat auch alles gut überstanden und wird grade auf sein Zimmer gebracht.<<
Ich nickte und entschuldigte mich kurz, als ich zu den Schwestern ging und nach dem Zimmer fragte. Hinter einer Glaswand sah ich ihn schließlich und sprach seinen behandelnden Arzt an, der grade mit einer Assistenzärztin redete.
>> Guten Morgen Dr. Philips.<<
>> Ah, guten Morgen Dr. Chamberlain. Was führt Sie denn hier her?<<
>> Ihr Patient Blake Humphrey. Wie geht es ihm?<<
>> Ich gebe nur seiner Familie Auskunft. Tut mir Leid Dr. Chamberlain, aber das ist nicht ihr Fachgebiet und nicht ihr Patient.<<
>> Aber sie gehört zur Familie.<< funkte Mrs Humphrey dazwischen, die inzwischen neben mir stand und ihn freundlich ansah.
>> Wenn das so ist Mrs Humphrey. Ihm geht’s gut. Er hatte eine Milzruptur dritten Grades, die nun aber wieder behoben und gut verlaufen ist, also hatte er auch nur eine leichte Narkose. Seine Rippen sind leicht geprellt, sodass sie noch einige Tage schmerzen werden und er hat eine kleine Platzwunde am Kopf, ebenso wie ein leichtes Schleudertrauma.<<
Ich nickte und sah zu Blake, der noch schlief, als seine Mutter sich auf einen freien Stuhl setzte.
>> Vielen Dank Dr. Philips.<<
Er verschwand mit der Assistenzärztin wieder aus dem Zimmer, sodass ich nun mit Blakes Mutter allein dort war.
>> Ich möchte das gar nicht schön reden, was er Ihnen angetan hat, er war wirklich schrecklich, widerlich und gemein zu Ihnen und trotzdem haben Sie sich noch die Nacht um ihn gekümmert, was ich Ihnen hoch anrechne, aber wenn ich ihn so da liegen sehe...<< sprach sie eher zu sich selbst, weswegen ich mir einen Ruck gab und mich zu ihr setzte. Sie konnte immerhin nichts dafür, was zwischen Blake und mir passiert war, außerdem mochte ich sie und anscheinend brauchte sie grade jemanden zum Reden.
>> Er wird wieder gesund Mrs Humphrey.<<
>> Ich weiß.<< seufzte sie, ergriff meine Hand und sah mich nun direkt an.
>> Ich habe gehört, Sie haben heute meinen Mann operiert?<<
>> Richtig.<<
Sie nickte nachdenklich, während ihr Blick weiterhin auf Blake ruhte.
>> Nach unserem Gespräch damals im Aufzug wusste ich, dass er zu seiner alten Affäre fahren wollte. Ich wusste von ihr, da ich die beiden vor Jahren mal zusammen erwischt hatte. Ich stellte ihn damals vor die Entscheidung. Entweder sie, oder ich. Mit mir war er seit Jahren verheiratet, wir hatten vier Kinder zusammen und er konnte sich einen Skandal in der Presse nicht leisten, also entschied er sich für mich, anstatt für seine Affäre, die schwanger war von ihm. Ich dachte, dass er sich danach wirklich verändert hätte, aber das hat er wohl nicht. Blake ist später am Tag ins Büro meines Mannes gegangen und hat danach gesucht, wo wir ihn finden könnten, damit wir ihn wieder in die Reha schicken konnten, als er...<<
>> Von den vielen Affären erfuhr?<< fragte ich sie, woraufhin sie mich entgeistert ansah.
>> Sie wussten davon?<<
>> Nicht ganz, ihr Mann und Blake haben heut morgen nur so etwas angedeutet.<< erklärte ich, als sie auch schon nickte und fortfuhr.
>> Er hat alles mögliche gefunden. E-Mails von etlichen von Frauen. Nicht nur die eine von der ich gewusst hatte. Leider fand er da auch viele Mails von Kelly, seiner verstorbenen Frau und meinem Mann. Sie hatten ebenfalls eine Affäre gehabt, von der wir nichts gewusst hatten und er fand Videos, die die beiden bei ihren Taten zeigten. Zu sehen, wie die eigene Frau einen betrogen hat, muss schon schlimm sein Liebes, aber zu sehen wie sie es mit dem eigenen Vater treibt... Von zwei Menschen gleichzeitig so verletzt zu werden, die einem eigentlich so nahe stehen. Das hat ihn vollkommen fertig gemacht.<< klärte sie mich auf, während ich den Mund nicht mehr zu bekam. Seine verstorbene Frau hatte eine Affäre mit seinem Vater gehabt? Hinter seinem Rücken und er hatte nichts davon gewusst? Kelly, die sonst anscheinend immer so perfekt und lieb gewesen war, hatte ihn so hintergangen? Und dann hatte er auch noch alles gesehen? Hatte Videos der beiden entdeckt?
Ich konnte es nicht fassen und brauchte einige Sekunden, um die neuen Informationen irgendwie verarbeiten zu können, während ich Blake fassungslos ansah und mein Magen sich vor Mitleid zusammenzog.
>> Wussten Sie, dass Blake keine Kinder zeugen kann?<< fragte sie mich nach einiger Zeit in der wir stumm nebeneinander gesessen hatten und in unsere Gedanken vertieft gewesen waren.
>> Nein, darüber haben wir nie geredet.<<
>> Er hatte als Kind Mumps, was bei ihm eine Entzündung der Hoden verursacht hatte und schließlich zur Zeugungsunfähigkeit geführt hatte. Kelly lag ihm immer mit ihrem Kinderwunsch in den Ohren, doch er war zu stolz ihr zu erzählen, dass er ihr diesen Wunsch nicht erfüllen könne. Sie dachte einfach nur, dass er noch keine Kinder wollte und hasste es, dass er immer auf ein Kondom bestand, was er zur Tarnung benutzte, damit sie nicht stutzig wurde. In den Mails an meinen Mann hatte sie dann davon geschrieben, dass sie hoffe, dass mein Mann ihr ein Kind schenken könne, da es ja so gesehen in der Familie bleiben würde und Blake sich schon freuen würde, wenn sie denn erst mal schwanger wäre. Immerhin könnten Kondom ja auch mal versagen.<<
>> Weiß ihr Mann denn nicht, dass Blake zeugungsunfähig ist?<<
>> Nein, dass hat Blake mir damals im Vertrauen gesagt.<<
>> Ich verstehe nur nicht, was das alles mit mir zu tun hat Mrs Humphrey.<< gab ich ein wenig irritiert zu, da mich das alles ziemlich überforderte, woraufhin sie nickte und es erklärte.
>> Blake hat das alles herausgefunden und ist dann zu Ihnen gefahren, weil er vollkommen fertig war. Für ihn war eine Welt zusammengebrochen. Seine Frau, die er immer als heilig angesehen hatte, war in Wirklichkeit eine hinterhältige und widerliche Person gewesen, genauso wie sein Vater. Sie hat ihn betrogen, hinter seinem Rücken und er hatte nichts davon mitbekommen. Sie wäre sogar so weit gegangen, das Kind eines anderen auszutragen, weil er es ihr nicht erfüllen wollte, oder konnte und dann fährt er zu Ihnen, sieht Sie mit diesem Mann, wie sie lachend und vertraut mit einem Baby das Haus verlassen. Wie sie im Park und auf dem Spielplatz, wie eine Familie wirken, sich immer wieder an ihn drücken und kuscheln. Er hat da überreagiert und sich zusammengesponnen, dass Sie eine Affäre mit ihm hätten, ebenso wie Kelly damals und dann auch noch das Kind Evelyn. Ihm war bewusst geworden, dass er Ihnen das niemals geben könnte. Eine eigene Familie. Er würde Sie nie so glücklich machen können wie an diesem Tag mit dem anderen Mann und dem Baby.<<
Erst jetzt begriff ich das ganze Ausmaß des Tages damals und hatte Mitleid mit Blake. Dieser Tag war wirklich mehr als beschissen für ihn gelaufen und ich hatte da unwissentlich noch eine ordentliche Schippe drauf getan.
>> Mum hör auf!<< nuschelte Blake plötzlich neben uns, woraufhin sie sofort aufstand und zu ihm ging.
>> Du bist wach. Wie geht’s dir?<<
>> Gut. Was ist mit Elliott?<<
>> Dem ist nichts Schlimmes passiert, nur ein gebrochenes Bein. Ich habe mir solche Sorgen gemacht.<<
>> ... musst du nicht.<<
>> Du bist halt mein Jüngster. Ich habe mir immer schon am meisten Sorgen um dich gemacht.<<
>> Nicht weinen Mum.<<
Er ergriff ihre Hand und drückte sie ein wenig, bevor er zu mir sah und seinen Blick nicht mehr von mir löste. Sofort spürte ich wieder dieses Ziehen in meinem Bauch, spürte die Sehnsucht in mir nach ihm, die stärker war, als je zuvor und den Drang zu ihm zu gehen und ihn zu küssen.
>> Ich glaube, ich sehe jetzt mal nach Elliott.<< sagte sie, als sie bemerkte, dass wir etwas klären mussten.
>> Bring Elliott nach Hause und kümmere dich um ihn.<<
>> Das mache ich. Morgen früh komme ich wieder zu dir, also ruh dich aus.<<
Sie nickte noch mal in meine Richtung, als sie auch schon den Raum verließ und wieder eine unheimliche Stille herrschte. Ich dachte an den Tag damals und an all die miesen Dinge, die er mir an den Kopf geworfen hatte, die ich nun alle verstand, wenn ich sie auch trotzdem nicht gut hieß.
Ich wusste, dass ich mit Charly sehr vertraut umging und dass er da vielleicht etwas Falsches hineininterpretiert hatte, war für mich verständlich. Auch die Tatsache, dass seine Tochter Emily bei ihm Wunden aufgerissen hatte, konnte ich nachvollziehen. Die innere Ohrfeige, die er mir verpasst hatte, indem er behauptete, er hätte bei mir zu wenig und zu schlechten Sex bekommen, interpretierte ich so herum, dass er das eventuell von sich selbst annahm, da Kelly sonst keinen Grund gehabt hätte eine Affäre mit seinem Vater zu haben.
Das war allerdings absurd und einfach nur idiotisch, weil ich wusste, wie gut er im Bett war und die Behauptung, dass ich nur hinter seinem Geld her gewesen wäre, war wahrscheinlich genau so wie mit der Sex Sache, um mich einfach noch mal ordentlich zu verletzen, weil ich die Einzige an diesem Tag gewesen war, an der er sich hatte abreagieren können.
Ich atmete noch einmal tief durch und hielt seinem Blick stand, als er die Stille plötzlich durchbrach.
>> Evelyn du kannst ruhig gehen. Meine Mutter ist weg, also brauchst du nicht mehr so zu tun, als ob dir irgendwas an mir liegt. Geh einfach, du bist mir nichts schuldig.<< forderte er mich auf, was mir wieder einen Stich ins Herz versetzte, da es so negativ und verletzend war.
Ich sagte nichts, schaute ihn noch eine Weile an und stand dann auf. Mein Blick löste sich von seinem und sah zu den Schwestern, die ins Zimmer schauten, weswegen ich zur Tür ging, wo man die Jalousien bedienen konnte.
>> Es tut mir Leid, dass ich heute so ein Arschloch war und ich hoffe für dich, dass der Typ, mit dem du heute getanzt hast, dich glücklich macht.<< sagte Blake, da er wahrscheinlich dachte, dass ich jetzt gehen würde, stattdessen verdunkelte ich den Raum, damit die Schwestern kein Kino mehr hatten und setzte mich auf die Seite seines Bettes.
>> Alex ist schwul Blake und ja, du hast dich wirklich wie ein Arschloch aufgeführt, bei deinem Vater, bei Alex und bei mir.<<
>> Ich weiß. Es... Es tut mir Leid, aber wenn es um dich geht, dann...<< sagte er nachdenklich, bevor er verstummte und die Augen schloss.
>> Hast du Schmerzen?<< fragte ich ihn daher, da es danach aussah und zog die Bettdecke ein wenig nach unten, um mir die Wunde anzusehen.
>> Nein, das geht schon.<<
Ich nickte, sah auf sein Six-Pack und musste mir vor Verlangen auf die Lippe beißen, da es mich dermaßen scharf machte. Allerdings brachte es nichts, denn im nächsten Moment strich ich sanft mit den Fingerkuppen meiner linken Hand über seinen muskulösen Oberkörper bis hin zu seinen Schultern, als seine Hand sich auf meinen Oberschenkel legte und mich leicht drückte.
>> Evelyn bitte lass es, wenn du...<< sagte er flehentlich, während ich mich herunterbeugte und ihn mit einem Kuss zum Schweigen brachte, der mein ganzes Innerstes zum Kribbeln brachte und meinen Pulsschlag in die Höhe trieb. So lange hatte ich mir diesen Moment vorgestellt und gewünscht, doch nicht mehr für möglich gehalten. Seine Lippen fühlten sich so weich an, als wir uns zärtlich küssten und unsere Zungen zaghaft und vorsichtig miteinander spielten, doch dann löste ich mich auch schon wieder von ihm und sah ihm tief in seine blauen Augen.
>> Ich liebe dich Evelyn.<< seufzte er und spielte mit seiner rechten Hand mit meinen Locken.
>> Ich weiß.<< sagte ich und deckte ihn wieder zu, bevor ich mich erhob und ihn ansah.
>> Du solltest dich jetzt ausruhen und schlafen. Immerhin wurdest du eben operiert.<<
>> Was sollte das grade bedeuten? War der Kuss aus Mitleid, oder gibst du mir noch eine Chance, sind wir wieder zusammen, was...?<< fragte er mich verwirrt und sah mich panisch an, da er anscheinend Angst hatte, dass ich jetzt ging.
>> Ich weiß es noch nicht Blake. Du weißt, was ich für dich empfinde, aber du musst erst mal mein Vertrauen wieder gewinnen und jetzt versuch zu schlafen. Ich schaue nachher noch mal nach dir.<<
Mit diesen Worten verließ ich schweren Herzens den Raum und ging zurück in die Notaufnahme. Inzwischen war es schon vier Uhr morgens und relativ ruhig, weswegen ich zurück auf meine Station ging und nach der Frau sah, die ich vorhin operiert hatte. Sie war weiterhin stabil und auch Mr Humphrey ging es gut, weswegen ich mich dazu entschloss mit Laura zu reden und mich bei ihr zu entschuldigen. Wir setzten uns in eine ruhige Ecke auf ihrer Station und aßen Obst, während ich ihr die ganze Geschichte von Blake erzählte.
Kapitel V
Blake
Wie sollte ich jetzt bloß schlafen können? Mein ganzer Körper war in Aufruhe, Adrenalin durchströmte mich und Schmetterlinge flogen Achterbahn in meinem Bauch. War das grade wirklich geschehen, oder hatte ich mir das nur eingebildet?
War Evelyn grade wirklich hier gewesen? Hatte sie mich grade wirklich geküsst und mir signalisiert, dass sie bereit für einen Neuanfang war? Oder waren das nur die Auswirkungen der Narkose gewesen?
Nein, das durfte nicht sein. Noch immer konnte ich ihre weichen, sinnlichen Lippen auf meinen spüren, ihren unvergleichlichen Duft riechen und ihre warme Haut spüren. Meine Zunge prickelte immer noch herrlich und mein Herz schlug schneller denn je. Es war wie das Paradies, was ich nach dem heutigen Tag und den letzten Wochen schon nicht mehr für möglich gehalten hätte.
>> Sie sollten sich ausruhen und schlafen Mr Humphrey.<< sagte eine Schwester, die plötzlich neben mir stand und bei mir nach dem Rechten sah.
>> Sagen Sie, war hier eben eine Ärztin?<< fragte ich sofort, da ich sichergehen wollte, dass ich mir das nicht eingebildet hatte.
>> Hier waren viele Ärzte, wieso?<<
>> War eine Dr. Chamberlain eben noch hier gewesen, kurz bevor Sie hereinkamen?<<
>> Ja, die war hier und hat sich vorher noch mit ihrer Mutter unterhalten, wenn ich das richtig gesehen habe. Wieso wollen Sie das wissen?<<
>> Nur so, ich war mir nicht ganz sicher, ob ich das nicht vielleicht nur geträumt habe.<<
>> Sie sind bei vollem Verstand Mr Humphrey.<< versicherte sie mir mit einem warmen Lächeln, bevor sie sich umdrehte und wieder das Zimmer verließ.
Beim Rausgehen öffnete sie wieder die Jalousien, die Evelyn eben verschlossen hatte und dessen Grund ich erst jetzt verstand. Sie hatte uns eine gewisse Privatsphäre geschaffen, sodass wir uns ohne Publikum hatten küssen können, da es sonst wahrscheinlich der nächste Tratsch hier im Krankenhaus gewesen wäre und das etwas war, was Evelyn überhaupt nicht leiden konnte.
Das Wichtigste war jedoch, dass sie mir noch eine Chance gab. Natürlich musste ich mich anstrengen und wieder ihr Vertrauen gewinnen, doch das würde ich schaffen. Die größte Hürde, dass sie überhaupt wieder mit mir sprach und es noch einmal mit mir versuchen wollte, war somit nach wochenlanger Ignoranz genommen.
>> Guten Morgen.<< begrüßte mich meine Mutter und kam gerade ins Zimmer herein, während ich immer noch auf Evelyn wartete. Ich wusste, dass sie noch Dienst hatte, aber wahrscheinlich hatte sie grade keine Zeit. Dennoch verrenkte ich mir bei jeder Ärztin mit blonden Haaren meinen Hals, um zu sehen, ob sie es vielleicht war. Die Hoffnung starb nun mal zuletzt.
Doch nun war meine Mutter da, weswegen es unhöflich gewesen wäre, wenn ich ihr nicht meine gesamte Aufmerksamkeit schenken würde.
>> Hi Mum, wie geht’s dir?<<
>> Viel besser seitdem ich weiß, dass es euch gut geht.<<
>> Es war nur ein Autounfall.<< versuchte ich sie zu beschwichtigen, wofür sie mir jedoch am liebsten einen Klapps auf den Hinterkopf gegeben hätte, so wie sie mich grade ansah.
>> Nur? Dein Auto ist ein Totalschaden. Die Werkstatt war überrascht, dass du da noch heil herausgekommen bist, da deine Seite ziemlich demoliert war.<<
Beim Gedanken daran, dass mein Wagen Schrott war, wurde mir ein wenig wehmütig zumute, da ich das Auto wirklich gern gefahren war, doch das Wichtigste war, dass uns nichts Schlimmes passiert war. Das bedeutete wohl, dass ich mir einen neuen Wagen kaufen musste, was nicht so einfach werden würde.
>> Du hast ja Recht, aber uns ist nichts weiter passiert.<<
Sie nickte nur, während sie einige Sachen für mich in die Schränke räumte, die sie anscheinend aus meiner Wohnung mitgenommen hatte.
>> Wie geht es denn Elliott?<<
>> Dem geht es blendend. Gina kümmert sich aufopfernd um ihn, während er sich ausruht, damit er schnell wieder gesund wird.<<
>> Ein gebrochenes Bein hatte er, richtig?<<
>> Genau und eine Platzwunde am Kopf, aber die ist nicht schlimm.<<
>> Zum Glück.<<
Plötzlich hielt meine Mutter beim Einräumen inne und sah mich nachdenklich an. Anscheinend hatte sie etwas auf dem Herzen, wusste aber noch nicht, ob sie es sagen sollte oder nicht.
>> Die Werkstatt...<< begann sie den Satz und überlegte wieder.
>> Was ist mit der Werkstatt?<<
>> Die... die fanden es irgendwie seltsam, dass du so in die anderen Autos hineingerast bist, dass nur deine Seite so stark beschädigt war, während die von Elliott fast unversehrt war. Normalerweise krachen die Autos wohl frontal in ein Stauende, oder in einen Unfall, so wie auch alle anderen Autos, aber nicht deins.<< gab sie mir zu bedenken und setzte sich nun, während ihr Blick immer nachdenklicher wurde.
>> Und was beschäftigt dich jetzt so?<< fragte ich sie, da ich nicht den Anfang machen wollte.
>> Naja, ich habe mich wirklich lange mit dem Sachverständigen unterhalten und als er hörte, dass du Personenschützer bist, da ging ihm ein Licht auf.<<
>> Was meinte er denn?<<
>> Dass du den Wagen absichtlich noch so gelenkt hast, um deinen Bruder zu schützen, während du in Kauf genommen hast, dass du dadurch schwerer verletzt wirst.<<
Ihre Vermutung verklang im Raum, während wir beide einander ansahen und eine unvergleichliche Stille uns umgab.
>> Stimmt seine Vermutung?<<
>> Mum, das ist nun mal mein Job. Wenn ich noch irgendwie reagieren kann, dann mache ich das und Elliott saß neben mir. Er ist Ehemann und Vater, also war es das Beste, was ich machen konnte.<<
>> Und deswegen setzt du dein eigenes Leben aufs Spiel?<<
>> Ja. Das ist eine Entscheidung von einer auf die andere Sekunde. Da denke ich nicht groß nach.<<
Sie nickte nur und ließ die Worte auf sich wirken, bis sie nach einigen Sekunden aufstand und unbeirrt mit ihrer Arbeit fortfuhr.
>> Hast du denn gestern noch mit Evelyn gesprochen?<< fragte sie plötzlich neugierig und allein bei ihrem Namen klopfte mein Herz wieder ein wenig schneller.
>> Nicht sehr viel.<<
>> Schade, ich hatte gehofft, dass ich sie erreichen und es ihr verständlich machen konnte, aber vielleicht braucht sie einfach nur noch Zeit.<<
>> Du hast sie erreicht.<< sagte ich knapp, während ich wieder auf dem Gang nachsah, ob Evelyn vielleicht langsam mal hier wäre, doch es war immer noch kein blonder Lockenkopf im weißen Kittel zu sehen.
>> Also seid ihr wieder zusammen?<< fragte mich meine Mutter euphorisch und grinste dabei über das ganze Gesicht.
>> Mhm, aber es ist noch ganz frisch und ich muss erst wieder ihr Vertrauen gewinnen.<<
>> Ach, Blake... Das freut mich so für dich.<<
Ich nickte nur und grinste, während meine Mutter strahlte und vollkommen in Gedanken versunken zu sein schien. Wahrscheinlich war sie im Geiste schon wieder bei den Hochzeitsvorbereitungen, da ich wusste, dass sie Evelyn gern mochte und sie am liebsten direkt in unsere Familie aufnehmen würde.
>> Was machst du nur für einen Mist!<< fuhr mich plötzlich eine große, braunhaarige Frau von der Tür aus an und sah mich gespielt wütend an.
>> Erin!<< begrüßte ich sie freudestrahlend und breitete sofort meine Arme aus, um sie zu begrüßen. Es dauerte keine zwei Sekunden, bis wir uns auch schon in den Armen lagen und uns fest drückten, da wir uns schon lange nicht mehr gesehen hatten.
>> Verdammt, dass ist viel zu lange her, dass ich dich das letzte Mal gesehen habe.<<
>> Fast ein Jahr, oder?<< fragte ich und ging im Geiste die Zeitspanne durch.
>> Ich glaube, ja. Mum hat mich gestern angerufen und erzählt, dass du und Elliott einen Unfall hattet, also bin ich direkt hergefahren.<<
>> Das hättest du nicht machen brauchen.<<
>> Na, sag mal. Natürlich musste ich das. Du bist mein Bruder!<<
Ich musste grinsen, während sie zu unserer Mutter ging und sie begrüßte. Wir hatten uns in den letzten Jahren nicht mehr so häufig gesehen, da sie mit meinem Vater vollkommen zerstritten war und deswegen die Stadt mied. Umso mehr freute ich mich nun, dass sie hier war.
>> Wie geht’s dir denn?<< fragte sie mich schließlich, während sie sich einen Stuhl ans Bett stellte und sich neben mich setzte.
>> Mir geht’s gut. Ich hatte nur eine kleine Milzruptur, ein paar Rippen sind geprellt und ein leichtes Schleudertrauma, wobei ich glaube, dass ich gar keins habe, denn mir geht’s perfekt.<<
>> Das klingt besser, als ich es erwartet hätte. Die Bilder gestern im Fernsehen vom Highway sahen nämlich ziemlich schlimm aus.<<
>> Ich glaube, wir sind ziemlich zum Ende hin in den Unfall geraten, sodass nicht mehr viele Autos auf uns drauf gefahren sind.<<
>> Glück im Unglück.<<
Ich nickte und sah zu meiner Mutter, die endlich fertig mit dem Einräumen war und sich nun auf einen der Stühle ans Fenster setzte.
>> Setz dich doch zu uns.<<
>> Nein, alles in Ordnung. Ich lese ein wenig Zeitung. Unterhaltet ihr euch ruhig.<< entschuldigte sie sich und schlug wirklich die Zeitung auf. Wahrscheinlich wollte sie mir genügend Zeit mit meiner Schwester geben, da meine Mutter und sie sich häufiger sahen, als wir beide.
>> Was macht dein Laden?<<
>> Der läuft. Ich hatte zwischenzeitlich überlegt, ob ich noch einen zweiten eröffnen sollte, doch dann dachte ich, wofür? Ich habe genügend Umsatz und die Kunden kommen aus der ganzen Stadt zu mir, kennen mich und lieben es mit mir zu reden, was beim zweiten Standort nicht ginge, also habe ich es gelassen. Ich brauche nicht Millionen auf dem Konto, um glücklich zu sein.<< plauderte sie aus und wirkte dabei wirklich vollkommen zufrieden, was mich freute.
Nach dem Streit mit meinem Vater hatte sie die Stadt verlassen und einen kleinen Schmuckladen eröffnet, wo sie ihre eigenen Kreationen verkaufte. Sie verzichtete dabei komplett auf unser Familienerbe und hatte auch als Start keine Finanzspritze gewollt, was ich wirklich bemerkenswert fand.
>> Eine kluge Entscheidung. Vielleicht komme ich demnächst mal vorbei und kaufe eine Kette bei dir.<<
>> Für dich?<<
>> Nein. Für eine gewisse Person.<<
>> Evelyn heißt sie.<< plauderte meine Mutter aus, wobei sie noch nicht einmal von ihrer Zeitung aufblickte.
>> Du hast wieder eine Freundin?<< fragte mich meine Schwester überrascht und sah mich erwartungsvoll an.
>> Ich hoffe es zumindest. Wenn sie mir verzeiht, ja, sonst muss ich weiter kämpfen.<<
>> Was hast du denn verbockt?<<
>> Das ist eine lange Geschichte, aber es sieht ganz gut aus und das ist alles, was im Moment für mich zählt.<< erklärte ich die Situation und hoffte, dass ihr das als Begründung reichen würde.
>> Wie habt ihr euch denn kennengelernt?<<
>> Sie hat David das Leben gerettet, als er den Herzinfarkt hatte. Ich kannte sie zwar schon vorher, aber da waren wir uns nur mal flüchtig über den Weg gelaufen und als ich sie hier dann wiedersah, da hatte es dann gefunkt, wie man so schön sagt.<<
>> Also ist sie Ärztin hier?<<
>> Richtig. Sie ist Kardiologin und hat Dad auch gestern wieder erfolgreich operiert, jedenfalls in ihren Augen.<<
>> Blake!<< ermahnte mich meine Mutter und sah dabei zum ersten Mal von ihrer Zeitung mit einem strengen Blick auf.
>> Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie gestern mal einen Fehler während der Operation gemacht hätte, aber gut, soll der Wichser halt noch weiter leben.<<
>> Endlich hast du mal gesehen, wie er wirklich ist.<< sagte meine Schwester erleichtert.
>> Du wusstest von den ganzen Affären?<<
>> Nein, nur von einer, weil ich ihn mit ihr erwischt hatte und als ich ihn zur Rede stellte, erpresste er mich, damit ich ja nichts ausplauderte. Mum erzählte ich es natürlich, aber sie hatte ihm ja verziehen, weil er sich für sie entschieden hatte, aber von da an war er für mich gestorben. Ein Mann, der seine Ehefrau hinterging, eine andere schwängerte und seine eigene Tochter erpresste, war für mich kein Vater zu dem ich aufsehen und vor dem ich Respekt haben konnte, also brach ich den Kontakt ab. Hätte ich gewusst, dass er sogar vor der Ehefrau seines eigenen Sohnes keinen Halt macht, hätte ich mit dir gesprochen, aber davon wusste ich wirklich nichts.<<
>> Ich weiß, da hattest du ja auch schon lange keinen Kontakt mehr zu ihm.<<
>> Halt dich, wenn es geht, von ihm fern, dann kann er auch nicht so viel Schaden anrichten.<<
Ich wollte grade etwas erwidern, als ich hinter meiner Schwester einen blonden Lockenkopf in einem weißen Kittel entdeckte, der sofort meine gesamte Aufmerksamkeit auf sich zog.
Kapitel VI
Evelyn
Nach der morgendlichen Visite und einer Operation, bei der ich nur assistiert hatte, gab ich die vollständigen Akten bei den Schwestern ab und ging nach unten, um kurz nach Blake zu sehen. Als ich jedoch ins Zimmer kam, sah ich seine Mutter, die auf einem Stuhl am Fenster saß und eine hübsche Frau, die neben ihm auf einem Stuhl saß und ihm die Hand hielt. Eine Sekunde lang stand ich einfach nur reglos da, spürte die gewaltige Eifersucht und Unsicherheit in mir und wollte schon einen Rückzieher machen, als Blakes Mutter mich ansah und ich daraufhin peinlich zu stottern anfing.
>> Oh.. Ähm... Ich wusste nicht... Entschuldigung, ich komme nachher noch mal wieder.<<
>> Evelyn! Bleib hier!<< befahl mir Blake, als seine Mutter eilig und energisch zu mir kam und mich ins Zimmer zog.
>> Darf ich Ihnen meine Tochter Erin vorstellen?<< klärte sie mich auf, was mir einen riesigen Stein vom Herzen fallen ließ.
>> Hi.<< begrüßte ich sie ein wenig steif und vollkommen überfordert, woraufhin sie sofort aufstand und mich freundlich anlächelte.
>> Hi, Sie sind dann wahrscheinlich die Freundin, richtig?<< fragte sie mich und lächelte noch freundlicher, als ich nickte.
>> Du siehst müde aus.<< gab mir Blake zu bedenken und rutschte ein wenig weiter nach oben, um höher zu liegen.
>> War ne lange Nacht.<<
>> Kein Schlaf?<<
>> Nein heute nicht. Es hätte sich einfach nicht mehr gelohnt.<<
>> Wie lange sind Sie denn schon wach?<< fragte mich Erin neugierig mit einem warmen Lächeln, weswegen ich auf die Uhr sah.
>> Seit 37 Stunden, aber in einer halben Stunde habe ich Feierabend. Wie geht’s dir denn?<< fragte ich Blake, woraufhin er mich anlächelte.
>> Alles in Ordnung.<<
Er forderte mich mit einer Handbewegung dazu auf näher zu kommen, was ich nach einem kurzen Zögern auch tat. Zu gern wollte ich in seiner Nähe sein, allerdings waren wir nicht allein im Raum und draußen saßen wieder die Schwestern, die ebenfalls einen freien Blick auf uns hatten. Doch ich gab mir einen Ruck, setzte mich zu ihm aufs Bett und nahm seine Hand in meine.
>> Tut dir nichts weh?<<
>> Ich merke die Wunde und die Rippen, aber vom Schleudertrauma merke ich nichts.<<
>> Hast du Kopfschmerzen, oder Nackenschmerzen?<<
>> Nein.<<
>> Was ist mit Schwindelgefühlen, Schlafstörungen, Zittern, Sehstörungen, Schluckbeschwerden oder auch Schwitzen?<<
>> Auch nicht.<<
>> Depressive Verstimmungen?<< fragte ich, wobei ich mir die Antwort bei seinem Grinsen schon denken konnte.
>> Wenn du hier bist, nicht, aber wenn du weg bist...<<
Ich grinste und schüttelte amüsiert mit dem Kopf, als ich mich zu seiner Mutter wandte.
>> Wie geht es denn Elliott?<<
>> Dem geht’s auch gut. Er lässt sich von seiner Frau richtig schön umsorgen.<<
>> So soll es sein.<<
>> Und meinem Vater? Wie ich hörte, haben Sie ihn gestern operiert.<< fragte Erin und ich erinnerte mich daran, dass Blake mir mal erzählt hatte, dass sie sich nicht mit ihm verstand, was ich ihr inzwischen nicht verübeln konnte.
>> Dem geht’s auch gut.<<
Ich wollte Blake gerade etwas fragen, als mein Melder piepte und ich drauf sah.
>> Scheiße!<< fluchte ich und rannte auch schon so schnell ich konnte aus dem Zimmer hinaus in den Flur und die Treppe hinauf in den vierten Stock.
>> Was ist passiert?<< fragte ich etwas außer Atem, während Dr. Sterling gerade Mrs Evans, die Schwangere von letzter Nacht, in den OP schob.
>> Es muss sich wieder ein Thrombus gelöst haben. Kommen Sie mit und machen Sie sich fertig. Wir operieren zusammen.<<
Sofort zogen wir uns um und gingen in den OP, wo wir Mrs Evans nach Thromben am Herzen untersuchten.
>> Ich habe heute noch einen Ultraschall vom Herzen gemacht, da war nichts zu sehen und Dr. Baskin hat ihre Venen untersucht und ebenfalls nichts gefunden. Sie bekommt zudem Blutverdünner...<<
>> So etwas kann ständig und blitzschnell auftreten Dr. Chamberlain. Sie haben getan, was Sie konnten und nun müssen wir versuchen ihr Leben zu retten.<<
>> Ist gut.<<
Wir überprüften zuerst die Stellen an denen sie bereits Thromben gehabt und die ich operiert hatte, doch da war alles in Ordnung. Es war wie die Nadel im Heuhaufen, bis wir schließlich den Übeltäter fanden und ihn behoben. Zur Sicherheit untersuchten wir auch noch den Rest, doch da war alles in Ordnung, weswegen wir sie wieder zumachten und zurück auf die Intensivstation brachten.
>> Wer hat heute Nacht Dienst?<< fragte Dr. Sterling die Schwestern, während sie die Akte vervollständigte und ich gerade noch mal die von Mr Humphrey las.
>> Dr. Thompson.<<
>> Ich bleibe heute Nacht hier Dr. Sterling. Piepen Sie mich an, wenn etwas mit ihr ist.<< wies ich die Schwester an und gab ihr die Akte von Mr Humphrey zurück.
>> Morgen früh schon wieder die nächste Schicht?<<
>> Ja. Ich lege mich gleich schlafen. Dr. Thompson kann sie ja alle zwei Stunden überwachen und wenn es wieder zu Komplikationen kommen sollte, können mich die Schwestern anpiepen, wenn Sie nichts dagegen haben.<<
>> Machen Sie das bitte so.<< befahl sie der Schwester, die sofort nickte und es auf der Akte notierte.
>> Dann bis morgen früh, Dr. Chamberlain.<<
>> Bis morgen.<<
Es war inzwischen fast elf Uhr, als ich Maya und Toby anrief, um ihnen zu sagen, dass ich die Nacht hier verbringen würde, bevor ich im nächsten Moment wieder vor Blakes Zimmer stand. Sein Besuch war gegangen und so wie es aussah, schlief er, weswegen ich ganz leise in sein Zimmer ging und neben seinem Bett stehen blieb.
>> Komm her Evelyn.<< nuschelte er, als er die Augen öffnete und mich verschlafen anlächelte.
>> Ich dachte, du schläfst.<<
>> Ich habe mich nur kurz ausgeruht.<<
Ich setzte mich auf die Seite seines Bettes, woraufhin er meine Hand nahm und sie liebevoll streichelte.
>> Hast du noch operiert?<<
>> Mhm.<<
>> Und jetzt hast du Feierabend?<<
>> Nicht wirklich. Ich habe morgen früh wieder meine nächste Schicht und bleibe die Nacht über hier, falls ich sie noch mal operieren muss.<<
>> Kann das denn kein anderer Arzt machen?<<
>> Ich kenne die Patientin in und auswendig, weiß, was sie hatte, was ich in den anderen Operationen gemacht habe. So ist es einfacher und sicherer.<<
>> Dann leg dich zu mir und schlaf.<<
Einladend hob er seine Decke auf der anderen Seite an, auf der er nicht operiert worden war und wo keine Rippen geprellt waren.
>> Das geht nicht. Ich könnte dir heute Nacht aus Versehen weh tun. Dafür müsste ich nur meinen Arm auf deine linke Seite legen.<<
>> Bitte Evelyn.<< bat er mich in einem Tonfall, bei dem wirklich niemand hätte widersprechen können, vor allem nicht, wenn es mein sehnlichster Wunsch war, mich in seinen Arm zu legen und sicher und geborgen zu fühlen.
>> Aber nur kurz, dann geh ich in mein Bett.<< stellte ich klar, ging ums Bett herum auf die andere Seite und kuschelte mich vorsichtig an ihn. Liebevoll küsste er mich auf den Kopf und streichelte mich am Rücken, was ungemein gut tat. Zum ersten Mal nach vier Wochen fühlte ich mich mal wieder richtig geborgen und konnte mich fallen lassen.
>> Ich habe deinen Duft so sehr vermisst. Er erinnert mich an die Berge im Winter, wenn die Luft so klar und rein ist und man am höchsten Punkt steht und sich einfach nur frei und glücklich fühlt.<< flüsterte er mir ins Ohr, während ich bei der Vorstellung augenblicklich einschlief.
Mitten in der Nacht ging mein Pager wieder los, weswegen ich schnell aufschreckte, mich kurz orientierte und aus dem Bett hüpfte.
>> Evelyn?<< fragte Blake mich verschlafen und setzte sich ein wenig im Bett auf.
>> Ich muss zu meiner Patientin.<< rief ich flüsternd und rannte nach oben in die vierte Etage. Oben angekommen stand Max an ihrem Zimmer und bedeutete mir mitzukommen.
>> Sie ist im OP-Saal 2.<< erklärte er mir und rannte mit mir zusammen in die Richtung.
>> Sorg dafür, dass noch mal ein Gefäßchirurg kommt und sie sich genau anschaut. Irgendwo müssen die Thromben herkommen verdammt noch mal.<< fluchte ich und begann mir die Hände zu waschen. Nachdem ich mich fertig gemacht hatte und in den OP trat, öffnete ich sie ein drittes Mal und suchte nach dem neuen Thrombus. Kurz später kam auch Max dazu, der auf die andere Seite von Mrs Evans trat und mir assistierte.
>> Ich habe Dr. Baskin angepiept. Er sollte also gleich hier sein.<<
>> Danke Dr. Thompson.<<
Während ich nach einer erneut längeren Suche den Thrombus entfernte, den ich gerade gefunden hatte, kam schließlich Dr. Baskin herein, der alles andere als erfreut aussah, da wir ihn wahrscheinlich aus dem Schlaf geholt hatten.
>> Dürfte ich erfahren, was ich hier soll Dr. Chamberlain?<< fragte er mich gereizt, doch das beachtete ich nicht und machte weiter, während ich ihm antwortete.
>> Gern Dr. Baskin. Sie haben die Patientin gestern nach Thromben untersucht und zu mir gesagt, dass da nichts ist, aber ich operiere sie inzwischen das dritte Mal, da sich immer wieder Thromben lösen und in ihr Herz wandern. Die müssen irgendwo herkommen. Könnten Sie also bitte noch einmal suchen?<< fragte ich freundlich und operierte weiter.
>> Hauptsache den Fehler nicht bei sich suchen. Sie sind ja zu perfekt.<< sagte er in einem hochnäsigen und bissigen Ton, der mir überhaupt nicht gefiel.
>> Wie bitte Dr. Baskin?<<
>> Schon mal an eine Arteriosklerose gedacht Dr. Chamberlain? Ich dachte Sie sind die beste Assistenzärztin auf ihrem Gebiet, aber vielleicht habe ich mich da auch verhört, oder getäuscht.<<
Mit diesem Satz hatte er mich beleidigt, weswegen ich nun zu ihm aufblickte, da der Thrombus entfernt und das Blutgefäß wieder durchgängig war.
>> Arteriosklerose, Dr. Baskin, ist eine Arterienverkalkung und es kommt zur Ablagerung von Blutfetten.<<
>> Ich weiß Dr. Chamberlain und man nennt sie Plaques. Wenn diese reißen, da manche instabil sind, kommt es zur Anlagerung von Blutplättchen, die einen Thrombus bilden können. Auch ich habe meine Grundausbildung absolviert Dr. Chamberlain! Also machen Sie gefälligst ihren Job!<< brüllte er fast schon wütend, sodass alle anderen die Köpfe einzogen und uns stumm beobachteten.
>> Bei allem Respekt Dr. Baskin, den mache ich gerade. Meine Patientin hat keine Arteriosklerose. Sie ist durchtrainiert, raucht nicht, trinkt nicht, hat einen normalen Blutdruck, bewegt sich viel, da sie Marathonläuferin ist, nebenbei konnte ich in den drei Operationen, die ich bisher an ihr vornehmen musste, sämtliche Arterien begutachten und da waren weder Ablagerungen von Blutfetten, noch von Kalk. Ich möchte jetzt auch nicht mit Ihnen diskutieren, sondern bitte Sie lediglich sie noch einmal gründlich durchzuchecken, denn oben wartet ihre neugeborene Tochter, die sie noch nicht gesehen hat und ich versuche hier alles Menschen mögliche, damit dieses Kind nicht ohne seine Mutter aufwachsen muss.<<
Er sah mich ein paar Sekunden wortlos an, bevor er einen Schritt näher trat und mich böse anfunkelte.
>> Sie unterstellen mir Schlamperei Dr. Chamberlain und das lasse ich nicht auf mir sitzen! Ich habe sie bereits nach Thromben durchsucht und nichts gefunden, also ist da auch nichts. Im Gegensatz zu Ihnen verstehe ich meinen Job und habe ihn nicht wegen meines guten Aussehens bekommen, oder weil ich mich hochgeschlafen habe. Piepen Sie mich nicht mehr wegen ihr an.<< spie er mir förmlich entgegen, als er auch schon wieder den OP verließ und uns zurückließ. Ich atmete tief durch, schüttelte die Beleidigungen ab und überlegte, als Max mich aus den Gedanken riss.
>> Machen wir sie wieder zu Dr. Chamberlain?<<
>> Machen Sie sie zu Dr. Thompson, aber wir machen noch eine Dopplersonographie. Ich möchte sichergehen, dass wir wirklich nichts übersehen.<<
Die OP-Schwestern nickten und holten mir das Gerät, während ich mir ein Vorgehen überlegte. Ich suchte wirklich haargenau an jeder kleinen erdenklichen Stelle ihres Körpers nach einem Thrombus, während die Zeit immer weiter voranschritt. Inzwischen standen wir schon drei Stunden im OP und meine Schicht begann in einer Stunde.
>> Dr. Chamberlain da ist nichts.<< sagte Max, den ich jedoch schon die vorherigen Male ignoriert hatte. Ich ging noch einmal auf ihren Bauch, wo ich mir die Bauchvene erneut genau ansah. Durch die gerade beendete Schwangerschaft und die Tatsache, dass ihre Gebärmutter noch ziemlich groß war, war es nicht einfach alles genau zu erkennen, weswegen ich Millimeter für Millimeter vorging.
>> Und was sehen Sie hier Dr. Thompson?<<
>> Da ist was, oder?<< fragte mich Max und zeigte auf den Bildschirm.
>> Ja, das könnte der Übeltäter sein.<< sagte ich erleichtert und legte das Ultraschallgerät zur Seite.
>> Skalpell bitte.<<
Die Operation dauerte noch bis um halb acht, bis ich sie schließlich wieder auf die Intensivstation brachte und an die Geräte anschloss.
>> Was ist mit meiner Frau?<< fragte mich ihr Mann, der gerade ins Zimmer kam und an ihre Seite trat.
>> Gestern Abend und heute Nacht haben sich noch einmal Blutgerinnsel gelöst, weswegen wir sie sowohl gestern Abend als auch heute Nacht operieren mussten.<<
>> Wie kann das denn sein, sie kriegt doch dieses Hepa...<<
>> Heparin, richtig. Ich konnte während der letzten Operation die wahrscheinliche Ursache beheben, sodass es nun hoffentlich zu keinen weiteren Komplikationen mehr kommt.<<
>> Wahrscheinliche Ursache?<< fragte er mich erstaunt und sah mich ungläubig an.
>> Ich konnte eine Thrombose in ihrer Bauchvene feststellen und habe diese entfernt. Dies war höchstwahrscheinlich die Ursache dafür, dass sich immer wieder kleine Teile davon in ihr Herz begeben haben.<<
>> Wird sie wieder aufwachen?<<
>> Das müssen wir abwarten Mr Evans. Ich kann Ihnen nicht sagen, inwieweit ihr Hirn unter dem Sauerstoffmangel gelitten hat, das sehen wir erst, wenn sie wieder aufwacht.<<
>> Aber sie ist nicht Hirntod, oder wie man das nennt, oder?<<
>> Nein, ist sie nicht. Wie geht es denn ihrer Tochter?<< fragte ich ihn, damit er sich hoffentlich beruhigte.
>> Sie ist stark und kämpft. Sie wird zwar noch beatmet, aber die Ärzte sind zuversichtlich.<<
>> Das freut mich.<<
Ich blieb noch eine Weile im Zimmer stehen und schrieb das Neueste in die Akte, bis sich Mr Evans beruhigt hatte und ich sichergehen konnte, dass er mir nicht zusammenbrach.
>> Guten Morgen Dr. Jones.<< begrüßte ich meinen Kollegen und legte die Akte ab.
>> Ich weiß noch nicht, ob der so gut für Sie wird.<< antwortete er und sah mich nachdenklich an.
>> Wie darf ich das verstehen?<<
>> Ich schätze Sie wirklich sehr Dr. Chamberlain. Sie sind eine sehr gute Chirurgin der Kardiologie. Man kann sich immer auf Sie verlassen, Sie arbeiten sehr gründlich und Sie sind freundlich und in einem professionellen Grad auch mitfühlend zu den Patienten...<<
>> Aber?<< fragte ich ihn und wusste, dass es auf Dr. Baskin hinauslaufen würde. Ich konnte mir nur zu gut vorstellen, wie er sich über mich beschwert hatte, wie ich als Assistenzärztin es gewagt hatte, ihm die Stirn zu bieten.
>> Sie müssen lernen, dass ihr Gebiet die Kardiologie ist und dass Sie die Meinung und den ärztlichen Befund der Kollegen anderer Abteilungen nicht in Frage stellen sollten. Die wissen genau, so wie Sie in der Kardiologie, was sie da machen. Sie machen sich damit nur Feinde und glauben Sie mir, irgendwann brauchen Sie mal jemanden, der Ihnen einen Gefallen tut, auch aus anderen Fachbereichen.<<
Ich nickte und blickte in das Zimmer von Mrs Evans, doch egal, wie oft ich darüber nachdachte, ich würde es immer wieder so machen. Wenn sich ein Kollege zu fein war, jemanden noch einmal zu untersuchen, um wirklich sicherzugehen, dass er nichts übersehen hatte, was dem besten Chirurgen passieren konnte, dann konnte ich diesem Kollegen nicht vertrauen und ihn nicht achten. Wir hatten hier Menschenleben in der Hand und da war es nicht zu viel verlangt, noch einmal einen zweiten Blick zu riskieren.
>> Guten Morgen zusammen.<< begrüßte uns Dr. Sterling und sah ebenfalls zu Mrs Evans.
>> Wie geht es ihr?<< fragte sie mich und verschränkte die Arme vor der Brust.
>> Wir mussten sie um halb drei noch mal operieren, wo ich ihr erneut einen Thrombus herausoperiert habe.<<
>> Und wieso hat das bis halb acht gedauert?<< fragte sie, als sie die Zeiten in der Akte las.
>> Weil ich ihr noch ein großes Blutgerinnsel, das eventuell die Ursache für die vielen kleinen gelösten Blutgerinnsel war, aus der Bauchvene entfernt habe.<<
>> Warum haben Sie das gemacht?<< fragte sie mich überrascht, als plötzlich Dr. Hawn zu uns kam und mich wütend ansah.
>> Dr. Chamberlain, ich erwarte Sie in einer Stunde in meinem Büro. Dr. Sterling, Sie kommen bitte sofort mit und Sie Dr. Thompson bringen mir bitte umgehend eine Kopie der Akte von Mrs Evans.<<
>> Mache ich Dr. Hawn.<< sagte Max schnell und begann direkt mit der Arbeit. Dr. Sterling sah mich noch kurz stirnrunzelnd und wütend an, bis sie schließlich mitging und ich mit Dr. Jones zurückblieb.
>> Und diesen Ärger braucht keiner.<< gab er mir zu bedenken, weswegen ich beinahe vor Wut platzte und ich mich bei der nächsten Bemerkung auch nicht mehr zurückhalten konnte.
>> Tote Mütter von Neugeborenen auch nicht, nur weil ein Arzt sich zu geil findet.<<
>> Dr. Chamberlain!<< ermahnte er mich und kam mir bedrohlich nah.
>> Sie gehen jetzt am besten für eine Stunde im Park spazieren, rennen meinetwegen fünf Runden ums Krankenhaus, oder was Sie sonst so beruhigt, aber werden Sie ihre Aggressivität los, denn das sollten Sie bei Dr. Hawn gleich nicht zeigen! Egal, ob Sie im Recht sind, oder nicht. Sie sind Assistenzärztin und wir möchten Sie hier behalten, also reißen Sie sich zusammen.<<
Ich nickte und atmete aus, während er zur Visite ging und Max die Akte wieder an ihren Platz legte.
>> Hier nimm das.<< sagte er zu mir und drückte mir ein Diktiergerät in die Hand.
>> Wofür?<<
>> Ich habe im OP gestern eure Unterhaltung aufgenommen, weil ich dachte, dass ich daraus etwas lernen könnte, aber naja. Vielleicht hilft es dir ja.<<
>> Danke Max.<< sagte ich überrascht und nahm das Diktiergerät dankbar an mich.
>> Du hast alles richtig gemacht Eve und die Beleidigung am Ende war einfach nur niveaulos.<<
Ich nickte, nahm das Diktiergerät und ging in einen freien Behandlungsraum, in dem ich mir die Aufnahme anhörte. Während ich immer ruhig, höchstens mal ein wenig verärgert sprach und ihn nicht beleidigte, oder angriff, machte Dr. Baskin das genaue Gegenteil. Ich hoffte inständig, dass ich die Unterhaltung abspielen dürfte, da es alles erklären würde und ich somit aus dem Schneider wäre.
Seufzend sah ich auf die Uhr und sah, dass ich noch eine dreiviertel Stunde Zeit hatte, weswegen ich noch mal zu Blake ging, da dort die Zeit wahrscheinlich am schnellsten vorbeifliegen würde.
Kapitel VII
Blake
>> Darf ich mich kurz bei dir verstecken?<< fragte mich Evelyn, als sie gerade zur Tür hereinkam und mich erschöpft ansah.
>> Wieso musst du dich verstecken?<< fragte ich sie verwundert, während ich bereits meine Arme ausbreitete und sie sich nach einem prüfenden Blick zu den geschlossenen Jalousien an meine Seite legte.
>> Also, was ist los?<<
>> Ich habe mich mit einem Arzt angelegt und nun hat er sich über mich beim Chefarzt beschwert. Um neun muss ich bei ihm sein und mich rechtfertigen.<<
>> Kannst du dich denn rechtfertigen?<<
>> Ich glaube schon. Ich muss jetzt nur noch ruhiger werden, damit ich gleich nicht explodiere, wenn ich den Arzt wiedersehe.<<
>> Dann bleib einfach hier liegen und genieße die Ruhe.<<
>> Ich glaube, ich brauche ein wenig mehr Ablenkung.<<
Sie setzte sich wieder hin und sah mir tief in die Augen, was meinen gesamten Körper sofort in helle Aufregung versetzte. Zärtlich und vorsichtig strich sie über meine Wange, kam mir immer näher und küsste mich schließlich, als sie mit ihrer Zunge auch schon Einlass in meinen Mund forderte und unser Kuss schnell leidenschaftlicher wurde. In meinem Bauch explodierte ein Feuerwerk, da es einfach zu lange her war, dass wir uns richtig leidenschaftlich geküsst hatten und ich damit nicht gerechnet hatte.
Sofort vergrub ich meine Hände in ihren Locken, hielt sie fest und drückte sie an mich, damit der Kuss hoffentlich niemals endete. Ich war süchtig nach ihr, nach ihrem Geschmack, ihrem Geruch und ihren Liebkosungen, die mich vollkommen um den Verstand brachten und auf die ich lange hatte verzichten müssen.
>> Davon werde ich nie genug bekommen mein Engel.<< flüsterte ich nach einem sehr langen und absolut feurigen Kuss, wobei ich ihr tief in die Augen sah.
>> Ich auch nicht.<<
Sofort zog ich sie wieder zu mir und küsste sie erneut, da wir viel aufzuholen hatten und ich hier eh nichts Besseres zu tun hatte. Doch plötzlich riss sie sich von mir los und stellte sich neben mein Bett, weswegen ich sie verdutzt ansah.
>> Was ist?<< fragte ich sie verwundert, als die ersten Ärzte den Raum betraten.
>> Guten Morgen Mr Humphrey.<< begrüßte mich der Oberarzt, bevor er mich fragend ansah.
>> Dr. Chamberlain, guten Morgen.<<
>> Guten Morgen Dr. Philips.<<
>> Müssten Sie nicht auf ihrer Station arbeiten?<<
>> Nein, es ist grade sehr ruhig bei uns, deshalb nutze ich die Zeit.<<
>> Verstehe.<< sagte der Oberarzt immer noch ein wenig irritiert, bevor er wieder mich ansah.
>> Möchten Sie, dass Dr. Chamberlain den Raum verlässt, während wir reden, oder kann sie hier bleiben?<<
>> Von mir aus kann sie gerne hier bleiben.<<
>> Gut, wenn das so ist. Wie geht es Ihnen denn heute?<<
>> Perfekt.<< antwortete ich ihm und sah kurz zu Evelyn, die interessiert neben mir stand und alles beobachtete.
>> Dann würde ich mir gerne die Wunde ansehen.<<
Ich nickte und schob die Bettdecke nach unten, woraufhin ich mein Shirt nach oben zog und die Wunde zeigte. Im Augenwinkel fiel mir auf, wie Evelyn immer wieder auf meinen Bauch sah und anschließend die weiblichen Ärzte böse anfunkelte.
>> Dr. Lordan würden Sie bitte einmal das Pflaster beseitigen?<< fragte der Oberarzt eine der Ärztinnen, die daraufhin zu mir kam und mich freundlich anlächelte. Sie versuchte es vorsichtig abzuziehen, was schon wirklich übervorsichtig war, weswegen Evelyn laut seufzte und sich in einen Stuhl in der Ecke setzte.
>> Ist irgendwas Dr. Chamberlain?<< hakte der Oberarzt nach und sah sie streng an.
>> Nein Dr. Philips, es ist alles bestens.<< antwortete Evelyn in einem übertriebenen, zuckersüßen Ton und grinste dabei breit über das Gesicht, was sofort wieder verschwand, als er wegsah.
>> Sie müssen nicht so vorsichtig sein, ich halte das schon aus.<< sagte ich zur Ärztin, die immer noch versuchte, das Pflaster abzuziehen.
>> Wenn ich es zu schnell, oder zu ruckartig abziehe, dann könnten die Nähte reißen.<<
>> Dr. Philips hat ihn operiert und er macht gute Nähte, da brauchen Sie keine Angst haben, dass die reißen könnten.<< sagte Evelyn genervt und biss sich immer wieder auf die Lippe, während sie auf meinen Bauch starrte und die Ärztin böse anfunkelte.
>> Danke für das Kompliment Dr. Chamberlain, wollen Sie vielleicht Dr. Lordan einmal zeigen, wie man das effizienter lösen könnte?<<
Der Oberarzt hatte seine Frage noch nicht einmal zu Ende gestellt, als Evelyn auch schon neben mir stand und mit einer schnellen Bewegung das Pflaster entfernte.
>> Gut, das war sehr effizient. Wie sieht ihrer Meinung nach die Wunde aus Dr. Lordan?<<
>> Die sieht gut aus. Keine Entzündungen, keine offenen Stellen und es heilt sehr gut.<<
Nachdem Dr. Philips sich ebenfalls einen Überblick verschafft hatte und ihre Einschätzung abnickte, klebte Evelyn bereits ein neues Pflaster auf die Stelle, wobei sie dabei liebevoller mit mir umging.
>> Haben Sie Schmerzen wegen ihrer geprellten Rippen?<<
>> Ich merke sie, aber das sind Schmerzen die auszuhalten sind.<<
>> Gut. Haben Sie sonst noch Fragen?<<
>> Wann darf ich entlassen werden?<< fragte ich, da ich unbedingt wieder arbeiten musste und es mir eh gut ging, was also sollte ich hier? Ich hasste Krankenhäuser, wobei der angenehme Part hierbei war, dass ich Evelyn öfter zu Gesicht bekam.
>> Ich denke, dass wir Sie morgen früh entlassen werden.<<
>> Das sind gute Nachrichten.<<
>> Haben Sie denn sonst noch Fragen?<<
>> Ich hätte noch eine.<< sagte Evelyn plötzlich und lehnte sich gegen das Bett.
>> Und die wäre?<<
>> Als er eingeliefert worden und hier auf die Station gebracht worden war, sagten Sie mir, dass er ein leichtes Schleudertrauma hätte, allerdings klagt er weder über Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Schwindel oder über sonstige Symptome, die bei einem Schleudertrauma gegeben wären. Weswegen wurde diese Diagnose also gestellt?<<
>> Fragen Sie mich das, oder die Assistenzärzte Dr. Chamberlain?<<
>> Das überlasse ich Ihnen.<<
>> Wer kann Dr. Chamberlain das beantworten? Dr. Kane?<<
>> Ich schätze, dass es aus reiner Vorsicht diagnostiziert wurde, da Mr....<<
>> Mr Humphrey heißt er.<< half ihm Evelyn in einem strengen Ton auf die Sprünge, woraufhin der Arzt fortfuhr.
>> Richtig, entschuldigen Sie, also, das geschah, da Mr Humphrey nicht ansprechbar gewesen war, als er eingeliefert worden war und aufgrund eines Autounfalls hierher gekommen war, wo es schnell zu einem Schleudertrauma kommen könnte.<<
>> Richtig Dr. Kane. Dankeschön, aber das hätten Sie selbst wissen müssen Dr. Chamberlain.<< tadelte er sie und wollte grade gehen, als Evelyn antwortete.
>> Wer sagt, dass ich die Antwort nicht wusste Dr. Philips? Ich habe es lediglich wissen wollen, da mein Freund gestern nicht wusste, weshalb die Diagnose gestellt wurde, da es ihm blendend ging und als ich in seine Akte sah, konnte ich nicht feststellen, dass diese Diagnose irgendwann revidiert wurde. Sie wissen, worauf ich hinaus möchte und ich weiß auch, wie oft Sie mir in meiner Ausbildung genau eines ans Herz gelegt haben...<<
Er nickte nur, sah daraufhin kurz in die Akte, woraufhin er seine Assistenzärzte streng ansah und vor Wut zu kochen begann.
>> Danke für den Hinweis Dr. Chamberlain. Ich weiß, dass Sie immer eine sehr gute und fleißige Assistenzärztin waren und freue mich darüber, dass Sie so geflissentlich arbeiten. Möchten Sie zur Abwechslung den anderen erklären, um was es hier geht?<<
Evelyn sah in die Runde von Assistenzärzten, die wahrscheinlich noch nicht so lange am Krankenhaus waren wie sie und die schon ein wenig verängstigt aussahen, als sie anfing eine Predigt zu halten.
>> Sie haben vergessen, in der Akte zu notieren, dass Mr Humphrey kein Schleudertrauma hat und deshalb auch keine Medikamente dafür benötigt. Diese Akten sind sehr wichtig und müssen deshalb immer auf dem neuesten Stand gebracht werden. Bei dieser Diagnose ging es jetzt lediglich um Schmerzmittel, die er eventuell zu viel bekommen hätte. Aber jetzt stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie würden in der Kardiologie arbeiten und Sie vergessen einzutragen, dass jemand Bluter ist und geben diesem Patienten, weil es in der Akte nicht vermerkt war, Blutverdünner. Wie wollen Sie ihn dann noch retten? Wie erklären Sie den Angehörigen ihren Fehler? Wie leben Sie dann mit diesem Fehler und mit ihrem Gewissen? Wie rechtfertigen Sie sich dann vor Gericht? Achten Sie darauf, dass die Akten vollständig sind.<<
>> Jeder von Ihnen wird die nächsten zwei Stunden damit verbringen in alle Akten seiner Patienten nachzusehen, ob auch alles richtig notiert wurde und damit fangen Sie jetzt an! Sehe ich nachher noch irgendeinen Fehler, sind die nächsten Operationen gestrichen!<< forderte Dr. Philips in einem strengen, autoritären Ton, woraufhin alle Assistenzärzte nach draußen liefen und sich Akten schnappten.
>> Immer noch die gleichen Methoden wie vor sechs Jahren.<< schmunzelte Evelyn und blickte nach draußen.
>> Wieso sollte ich etwas ändern, wenn es funktioniert? Danke für den Hinweis Eve.<<
>> Immer wieder gern.<<
>> Aber es freut mich, dass auch du etwas von mir gelernt hast, auch wenn es nur die Vollständigkeit von Akten ist. Wie geht’s dir denn sonst so?<<
>> Mir geht’s gut. Noch jedenfalls.<<
>> Ich habe schon vom Termin bei Dr. Hawn gleich erfahren.<< seufzte er ein wenig mitfühlend, bevor er näher zu ihr ging und sich in mir leichte Eifersucht breit machte.
>> Lass dich nicht unterkriegen und verkaufe dich nicht unter Wert! Nur weil du noch in der Ausbildung bist, heißt es nicht, dass du klein beigeben musst, ok?<<
>> Ich weiß, danke.<< antwortete sie, woraufhin der Oberarzt den Raum verließ und wir endlich wieder allein waren.
>> Er nennt dich beim Vornamen?<< fragte ich sie verwirrt, da ich eigentlich gedacht hatte, dass die beiden sich nicht leiden könnten, jedenfalls kam das am Anfang so herüber, doch dann waren sie auf einmal so vertraut miteinander umgegangen, was alle Alarmglocken in mir aufschrillen ließen.
>> Wir haben viel zusammen gearbeitet, außerdem war er eine Zeitlang der Nachbar von Laura, weswegen wir uns oft über den Weg gelaufen waren, da haben wir uns irgendwann geduzt. Wenn jedoch andere Ärzte dabei sind, dann sprechen wir uns mit dem Nachnamen an.<<
>> Ich dachte, ihr mögt euch nicht.<<
>> Es muss ja auch nicht jeder wissen, dass man sich gut versteht, dann entstehen nur falsche Behauptungen und die Frischlinge fühlen sich dann zu sicher und denken, sie könnten auch so mit ihm umgehen.<<
>> Frischlinge?<<
>> Die Neuen halt.<<
>> War diese Dr. Lordan auch neu?<<
>> Mhm. Normalerweise kann sie das besser mit den Pflastern und dem Versorgen von Wunden, jedenfalls als sie in der Notaufnahme war. Vielleicht war sie einfach nur wegen dir nervös.<<
>> Wegen mir?<< fragte ich ungläubig nach, als Evelyn nickte und sich neben mich setzte. Vorsichtig streifte sie wieder mein Shirt nach oben und strich die einzelnen Muskeln des Six-Packs nach.
>> Bei dem Anblick wird manch eine Frau ziemlich unsicher und ist vollkommen abgelenkt.<<
>> Warst du etwa eifersüchtig eben?<< hakte ich belustigt nach, da ich gesehen hatte, wie missmutig sie auf dem Stuhl gesessen und die anderen Frauen böse angefunkelt hatte.
>> Ein wenig.<< gab sie zu und seufzte erneut, weswegen ich ihr Kinn anhob und sie dazu zwang mich anzusehen.
>> Evelyn?<<
>> Ja, ich war eifersüchtig. Zufrieden? Immerhin sind wir erst wieder seit kurzem zusammen und das ist alles noch so frisch und ich bin immer noch so unsicher, weil da diese andere Frau war in der Bar, bei der du schwach geworden warst und dann gaffen dich hier alle Frauen an, weil du heiß bist und dann auch noch so viele Muskeln hast und....<<
Ich brachte Evelyn mit einem zärtlichen Kuss zum Schweigen, da ich bemerkt hatte, wie sehr sie angefangen hatte zu zittern und wie kurz davor sie war zu weinen, was ich nicht aushalten würde. Es zeigte mir, was ich angerichtet hatte und was ich unbedingt wieder gut machen musste.
>> Ich will nur dich Evelyn, das wollte ich seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe und das will ich weiterhin. Nur dich!<< gestand ich ihr und strich ihr liebevoll über die Wange, während sie wieder auf ihrer Unterlippe herumbiss.
>> Wieso hast du...<< schluchzte sie kurz und wischte sich eilig ihre Tränen weg.
>> Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung. Ich habe mich das selbst immer wieder gefragt, denn als ich die Videos und Emails meines Vaters mit seinen Affären gesehen und gelesen hatte, hatte er mich so dermaßen angewidert und dann mache ich direkt selbst so etwas widerliches und ekelerregendes... Ich schätze, ich war einfach zu durcheinander und hatte mich zu sehr in der Sache mit Charly und dir verrannt, weswegen ich dir unbedingt wehtun wollte, aber das ist keine Entschuldigung dafür. Ich kann dir nur sagen, dass du die einzige Frau bist, die mich anmacht, die ich wunderschön finde, die mich um den Verstand bringt und die ich als Freundin an meiner Seite haben möchte.<<
Wieder küsste ich sie und umgarnte ihre Zunge mit meiner, wobei es mir egal war, wer uns eventuell von draußen zusah. Hier ging es grade um uns und unsere Zukunft und der Rest war mir vollkommen egal.
Als Evelyn sich von mir löste, holte sie tief Luft und wischte sich noch einmal die letzten Tränen weg, während mir ihr Kummer ein Tritt in die Eingeweide verpasste.
>> Ich liebe dich mein Engel.<< versicherte ich ihr, woraufhin sie aufstand, mit einem zaghaften Lächeln den Raum verließ und mich mit meinem schlechten Gewissen allein schmoren ließ.
Kapitel VIII
Evelyn
Nachdem ich im Treppenhaus noch einmal kurz Luft geholt und versucht hatte, die Situation von grade mit Blake abzuschütteln, ging ich nun nach oben zum Chefarzt. Ich hatte keine Zeit mehr über Blake und mich nachzudenken und ich wollte mir auch nicht mehr den Kopf über uns zerbrechen.
Es tat einfach noch zu sehr weh, da ich nicht wusste, ob ich auf seine Worte bauen konnte. Er wusste genau, was ich hören wollte, mit welchen Sätzen er bei mir Erfolge erzielen würde, also wer sagte mir, dass er die Wahrheit sagte? Ich wusste, dass ich versuchen musste nicht alles in Frage zu stellen, da es sonst keine Chance mehr zwischen uns gab, dennoch blieb ich misstrauisch und hielt Abstand.
Nach der letzten Ecke, kam ich schließlich beim Chefarzt an und atmete noch einmal tief durch. Kaum saß ich vor seinem Büro auf einem Stuhl, öffnete er auch schon die Tür und bat mich hinein. Drinnen saßen sowohl Dr. Sterling, als auch Dr. Baskin, die mich beide mit roten Köpfen anstarrten. Anscheinend hatten sie schon hitzig diskutiert.
>> Setzen Sie sich doch.<< befahl mir Dr. Hawn und zeigte auf den Stuhl neben Dr. Sterling, während er sich gegenüber von mir neben Dr. Baskin setzte.
>> Gut, Dr. Chamberlain. Können Sie mir sagen, wer Mrs Evans ist und was genau gestern passiert ist?<<
>> Vorletzte Nacht gab es eine Massenkarambolage, weswegen mir Mrs Evans zugeteilt wurde. Sie war in der 29. Woche schwanger und klagte über Schmerzen in der Brust, weswegen sie die Kontrolle über das Fahrzeug verloren hatte. Durch einen Ultraschall stellte ich einen Thrombus in einem ihrer Herzgefäße fest, weswegen ich sie sofort operierte. Während der Operation fand ich dann noch einen weiteren Thrombus, den ich vorher nicht gesehen hatte. Während der Operation musste ihre Tochter geholt werden, da das Kind nicht mehr ausreichend versorgt wurde. Anschließend machte ich sie wieder zu und besprach mit den Gynäkologen die Dosierung für das Heparin. Während des Tages bat ich Dr. Baskin, sie auf weitere Thromben zu untersuchen, was er auch getan hat. Allerdings konnte er keine Thrombosen feststellen. Abends hatte Mrs Evans erneut einen Gefäßverschluss, weswegen Dr. Sterling und ich sie erneut operierten. Wir entfernten ihn, machten sie wieder zu und brachten sie wieder auf die Intensivstation.<<
>> Weiter?<< fragte Dr. Hawn, als er fertig war mit schreiben und ich schließlich fortfuhr.
>> Die Operation hatte länger gedauert und ich hatte acht Stunden später wieder Dienst, weswegen ich hier übernachtet habe. Ich sprach mit Dr. Sterling ab, dass ich angepiept werden sollte, wenn es Komplikationen bei Mrs Evans gäbe, da ich mit ihrem Fall vertraut war. Ich legte mich also schlafen und wurde gegen halb drei durch meinen Melder geweckt. Sie hatte erneut einen Gefäßverschluss, weswegen ich sie ein weiteres Mal operierte. Vorher wies ich Dr. Thompson noch an, den diensthabenden Gefäßchirurgen hinzuzurufen, damit dieser noch einmal einen Blick auf sie werfen könnte.<<
>> Warum haben Sie das getan?<<
>> Weil es das dritte Mal war, dass ich sie operieren musste und sie immer wieder Thromben in ihren Gefäßen hatte. Irgendwo mussten diese Thromben meiner Meinung nach herkommen. Ich kann sie natürlich jedes Mal wieder aufschneiden, den Thrombus aus dem Herzen entfernen und wieder zumachen, aber...<<
>> Dr. Chamberlain, ihr Ton!<< wies mich der Chefarzt zurecht, da ich zu locker redete, weswegen ich entschuldigend nickte und mich wieder zusammenriss.
>> Wenn es irgendwo eine Stelle gab, wo die Ursache für die Thromben lag und man diese beheben konnte, wäre es einfacher gewesen, deswegen wollte ich einen zweiten Blick eines Gefäßchirurgen. Zudem hätte auch eine Lungenembolie passieren können.<<
>> Gut. Sie haben sie also in den OP gebracht und dann?<
>> Ich machte sie wieder auf und suchte mit Dr. Thompson nach dem neuen Thrombus, bis ich ihn schließlich fand. Dabei kam Dr. Baskin in meinen OP.<<
Ich sah zu ihm herüber und konnte sehen, wie wenig er von mir hielt. Im ganzen Krankenhaus war bekannt, dass er Frauen verachtete, die sich emanzipierten und arbeiteten, doch heute Nacht war er bei mir zu weit gegangen.
>> Sie hatten also den Thrombus gefunden und Dr. Baskin kam herein. Erzählen Sie weiter.<<
>> Dr. Hawn... ich... ich kenne mich mit so etwas nicht aus. Also ich meine mit einer Situation wie dieser hier, weil ich noch nie mit jemandem aneinander geraten bin, deswegen weiß ich nicht, ob das hier zulässig wäre.<<
Ich legte das Diktiergerät auf den Tisch vor mir hin, woraufhin alle auf das Gerät sahen.
>> Was ist das Dr. Chamberlain?<< fragte mich der Oberarzt und nahm es in die Hand.
>> Das Diktiergerät von Dr. Thompson. Er hat es mir eben gegeben. Im OP hatte er es gestern an, da er anscheinend etwas lernt, wenn er sich noch mal einzelne Dialoge anhört. Gestern Nacht hat er auch den Dialog zwischen Dr. Baskin und mir aufgenommen. Sie müssten nur auf Play drücken.<<
Er drehte das Diktiergerät kurz und drückte schließlich auf Play, als die Stimmen von Dr. Baskin, Dr. Thompson und mir zu hören waren. Ich sah nur im Augenwinkel, wie Dr. Baskin nervös auf seinem Stuhl hin und herrückte, was mich jedoch innerlich freute.
>> Ich habe Dr. Baskin angepiept. Er sollte also gleich hier sein.<<
>> Danke Dr. Thompson.<<
>> Dürfte ich erfahren, was ich hier soll Dr. Chamberlain?<<
>> Gern Dr. Baskin. Sie haben die Patientin gestern nach Thromben untersucht und zu mir gesagt, dass da nichts ist, aber ich operiere sie inzwischen das dritte Mal, da sich immer wieder Thromben lösen und in ihr Herz wandern. Die müssen irgendwo herkommen. Könnten Sie also bitte noch einmal suchen?<<
>> Hauptsache den Fehler nicht bei sich suchen. Sie sind ja zu perfekt.<<
>> Wie bitte Dr. Baskin?<<
>> Schon mal an eine Arteriosklerose gedacht Dr. Chamberlain? Ich dachte, Sie sind die beste Assistenzärztin auf ihrem Gebiet, aber vielleicht habe ich mich da auch verhört, oder getäuscht.<<
>> Arteriosklerose, Dr. Baskin, ist eine Arterienverkalkung und es kommt zur Ablagerung von Blutfetten.<<
>> Ich weiß Dr. Chamberlain und man nennt sie Plaques. Wenn diese reißen, da manche instabil sind, kommt es zur Anlagerung von Blutplättchen, die einen Thrombus bilden können. Auch ich habe meine Grundausbildung absolviert Dr. Chamberlain! Also machen Sie gefälligst ihren Job!<<
>> Bei allem Respekt Dr. Baskin, den mache ich gerade. Meine Patientin hat keine Arteriosklerose. Sie ist durchtrainiert, raucht nicht, trinkt nicht, hat einen normalen Blutdruck, bewegt sich viel, da sie Marathonläuferin ist, nebenbei konnte ich in den drei Operationen, die ich bisher an ihr vornehmen musste, sämtliche Arterien begutachten und da waren weder Ablagerungen von Blutfetten, noch von Kalk. Ich möchte jetzt auch nicht mit Ihnen diskutieren, sondern bitte Sie lediglich sie noch einmal gründlich durchzuchecken, denn oben wartet ihre neugeborene Tochter, die sie noch nicht gesehen hat und ich versuche hier alles Menschen mögliche, damit dieses Kind nicht ohne seine Mutter aufwachsen muss.<<
>> Sie unterstellen mir Schlamperei Dr. Chamberlain und das lasse ich nicht auf mir sitzen! Ich habe sie bereits nach Thromben durchsucht und nichts gefunden, also ist da auch nichts. Im Gegensatz zu Ihnen verstehe ich meinen Job und habe ihn nicht wegen meines guten Aussehens bekommen, oder weil ich mich hochgeschlafen habe. Piepen Sie mich nicht mehr wegen ihr an.<<
>> Machen wir sie wieder zu Dr. Chamberlain?<<
>> Machen Sie sie zu Dr. Thompson, aber wir machen noch eine Dopplersonographie. Ich möchte sichergehen, dass wir wirklich nichts übersehen.<<
Da stoppte Dr. Hawn die Aufnahme und sah erst Dr. Sterling und dann Dr. Baskin an, wobei sein Kopf sich dunkelrot verfärbt hatte, was ich bei ihm noch nie gesehen hatte, da er sonst immer die Ruhe in Person war.
>> Erzählen Sie mir noch kurz, wie die Operation weiterging.<< bat er mich und zückte wieder seinen Stift.
>> Wie bereits erwähnt wurde, habe ich dann die Dopplersonographie gemacht. Allerdings ist es nicht mein Fachgebiet, weswegen ich länger für die Untersuchung brauchte. Dr. Thompson und ich fanden schließlich eine Thrombose in ihrer Bauchvene, die nicht sehr leicht zu erkennen war, da Mrs Evans ja grade erst entbunden hatte. Ich schnitt sie also auf und entfernte die Thrombose. Anschließend machten wir sie wieder zu und brachten sie auf die Intensivstation.<<
>> Danke Dr. Chamberlain. Haben Sie noch Fragen?<< fragte er Dr. Baskin und Dr. Sterling und sah sie fragend an.
>> Wie lang hat die Operation insgesamt gedauert?<< fragte mich Dr. Sterling.
>> Fast fünf Stunden. Wie gesagt, es ist nicht mein Fachgebiet und nachts war kein anderer Gefäßchirurg greifbar. Ich weiß, dass es eine Zumutung bei ihrem Zustand war.<<
Sie nickte und sah wieder zu Dr. Hawn, der sich noch mal zu Dr. Baskin drehte.
>> Möchten Sie Dr. Chamberlain vielleicht noch etwas sagen, oder sich für gewisse Äußerungen entschuldigen?<< sagte er in einem scharfen Ton, der nicht offen ließ, dass dies keine Frage war, sondern eher eine Aufforderung.
>> Es tut mir Leid, dass ich Sie persönlich angegriffen habe.<< entschuldigte sich Dr. Baskin nach einigen Sekunden ziemlich mürrisch, wobei er mich dabei nicht ansah.
Ich nickte nur, als mich Dr. Hawn schließlich bat draußen Platz zu nehmen. Fünf Minuten später kam Dr. Sterling heraus und sah wütender denn je aus.
>> Kommen Sie mit Dr. Chamberlain.<<
>> Muss ich nicht mehr warten?<<
>> Ganz bestimmt nicht. Der hat sie doch nicht mehr alle.<< fluchte sie und ging mit mir zu den Aufzügen.
>> Und so etwas nennt sich noch Arzt, wenn man noch nicht mal gewillt ist, einen zweiten Blick zu riskieren. Wer denkt der eigentlich, wer er ist und dann auch noch meine Assistenzärztin im OP anzuschreien und aufs Übelste zu beleidigen.<<
Wir stiegen wieder aus und gingen zum Tresen, als sie auch schon weiterfluchte.
>> Und hinterher so zu tun, als hätten Sie sich falsch verhalten. Und Ihnen zu sagen, Sie dürften ihn nicht mehr anpiepen, das ist Dienstverweigerung und nicht tragbar in unserem Beruf. Überhaupt ist dieser Mann nicht tragbar!<<
Ich blickte zu Dr. Jones, der Dr. Sterling verwundert ansah und ihr versuchte zu folgen.
>> Also hat Dr. Chamberlain nichts falsch gemacht?<<
>> Ganz bestimmt nicht, gar nichts und das konnte ich mir auch nicht vorstellen. Nicht bei Ihnen, die mit jedem eigentlich gut auskommt. Kritik nehmen Sie immer gut an, also konnte es nur an ihm liegen und der Ruf eilt ihm ja auch voraus. Aber seien Sie froh, dass Dr. Thompson alles aufgenommen hatte und Sie es vorspielen konnten, das hat es um einiges einfacher gemacht.<<
>> Ich weiß.<<
>> So und jetzt arbeiten wir hier wieder, denn wir sind uns dafür ja nicht zu schade.<< motzte sie ein letztes Mal und ging zu ihren Patienten, während ich noch kurz stehen blieb.
>> Dann nehme ich alles zurück, was ich eben gesagt habe.<< sagte Dr. Jones zu mir und lächelte mich an, da er sich immer noch über Dr. Sterling amüsierte.
>> Schon ok. Es war ja richtig, nur mache ich das eigentlich auch, was Sie gesagt haben.<<
>> Dr. Chamberlain kommen Sie?<< rief mich Dr. Sterling, weshalb ich schnell hinterherrannte und mit ihr zwei Patienten operierte.
Gegen halb sechs kam ich endlich aus dem OP und ging noch mal zu Mrs Evans, die immer noch nicht aufgewacht war. Anschließend sah ich auch noch bei Mr Humphrey nach, dem es blendend ging. Sicherheitshalber hatte ich einen anderen Assistenzarzt mit ins Zimmer genommen, damit er mich nicht wieder anbaggerte, was auch gut funktionierte.
Als ich um sechs schließlich zum Aufzug ging, knurrte mein Magen wie verrückt, weshalb ich an meine letzte Mahlzeit dachte. Mir fiel nur noch das Obst mit Laura ein, das ich vor zwei Tagen abends mit ihr gegessen hatte, als auch schon der Aufzug kam und mich zu Blake brachte.
Vor seinem Zimmer hielt ich noch bei den Schwestern an und fragte, ob ein Abendessen übrig geblieben wäre, woraufhin sie mir ein Tablett aus dem Essenswagen gaben und ich zu Blake ging.
>> Ich hatte schon etwas zu Essen.<<
>> Das ist schön für dich, aber das hier ist auch für mich.<<
>> Du isst das freiwillig?<< fragte er mich erstaunt und setzte sich zu mir an den Tisch.
>> Ich würde grade alles essen. Meine letzte Mahlzeit war Obst mit Laura, als du eingeliefert wurdest.<<
>> Was, echt?<<
>> Ich hatte viel zu tun.<< entschuldigte ich es und biss genüsslich in das Brot mit Käse.
>> Wie war denn dein Gespräch mit dem Chefarzt?<< fragte er nach einigen Sekunden, nachdem ich einige Bissen zu mir genommen hatte.
>> Gut. Ein Kollege konnte mir zum Glück ein Diktiergerät geben, auf dem man alles hören konnte und das durfte ich dann abspielen. Der Chefarzt hat es sich angehört und hörte dann, dass ich mir nichts zu Schulden hatte kommen lassen, ganz im Gegensatz zu dem Arzt, der meinte ich hätte mich hochgeschlafen und würde mich mit meinem Fachgebiet nicht auskennen.<<
>> Das hat er wirklich behauptet?<< fragte Blake wütend nach, woraufhin seine Ader am Hals zu pochen begann.
>> Mhm.<<
>> Ich würde den anzeigen.<<
>> Ist schon in Ordnung. Er hat seine Abmahnung bekommen, also vergiss es einfach. Lass uns über was anderes reden.<<
>> Was denn?<<
>> Hm... Wirst du wirklich morgen früh entlassen?<< lenkte ich ihn ab, woraufhin er wieder ruhiger wurde und mich versöhnlicher ansah.
>> Mhm, wahrscheinlich. Ich renne hier eh schon rum und es war ja auch nur eine kleine Operation.<<
>> Was ist mit deinen Rippen?<<
>> Das geht schon. Ich muss hier einfach raus.<<
>> So schlecht ist das Essen hier auch wieder nicht.<<
Er grinste und spielte mit der Kappe einer Trinkflasche herum, bis er mich schließlich wieder ansah und ernst wurde.
Kapitel IX
Blake
Immer wieder schraubte ich die Kappe der Flasche leicht drauf und wieder ab, während ich im Geiste überlegte, wie ich das Gespräch mit Evelyn am besten anfangen sollte. Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger fand ich eine Lösung, weswegen ich sie direkt ansprach.
>> Können wir reden?<<
>> Natürlich.<< sagte sie und sah mich neugierig an, weswegen ich noch einmal tief durchatmete und nickte.
>> Ich weiß, dass meine Mutter dir schon alles über die Sache mit Kelly und meinem Vater erzählt hat und wieso ich deshalb an dem Tag so heftig auf dich, Charly und dieses Kind reagiert habe.<<
>> Emily.<<
>> Wie bitte?<<
>> Sie heißt Emily.<< erklärte sie mir, woraufhin ich nickte und wieder fortfuhr.
>> Du weißt, dass ich keine Kinder zeugen kann und ich möchte auch keine, also falls du planst später eine Familie zu gründen, dann...<<
>> Ich möchte keine Kinder Blake.<<
>> Denk bitte genau darüber nach. Wirklich.<<
>> Blake, seit ich 13 bin, kümmere ich mich um zwei Kinder. Die ersten fünf Jahre hatte ich noch meine Oma, die mir half, aber dann habe ich sie allein aufgezogen. Maya und Toby sind wie meine eigenen Kinder. Ich habe auf sie aufgepasst, sie erzogen, sie bestraft und gelobt, habe sie diszipliniert, mit ihnen tolle Erlebnisse gehabt, ihnen sprechen, schreiben, lesen, rechnen, laufen einfach alles beigebracht. Sie sind wie meine Kinder, die ich groß gezogen und auf die ich aufgepasst habe. Ich bin froh, wenn die beiden bald ihren eigenen Weg gehen und ich endlich keine Mutter mehr bin und dann will ich das auch nicht mehr. Ich habe meinen Job, den ich über alles liebe und den ich nie aufgeben würde. Das müsste ich aber, wenn ich eine Familie haben wollte. Jedenfalls nach meinen Vorstellungen und Idealen. Wenn Maya und Toby ausziehen, dann bin ich endlich mal dran. Dann richte ich mich nur noch nach meinem Job und vielleicht nach meinem Freund, aber ganz sicher nicht mehr nach einem Kind.<<
>> Aber du sahst so glücklich aus mit dieser Emily.<< gab ich ihr zu bedenken, da es mich an diesem Tag so traurig gestimmt hatte, dass ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen könne.
>> Bin ich auch, wenn sie da ist. Sie ist süß und ich spiele gern mit ihr. Genauso froh bin ich wieder, wenn Charly sie mitnimmt. Es heißt ja nicht, dass ich Kinder nicht mag, nur das ich nicht mehr möchte, dass sich mein Leben um eines dreht.<<
>> Wenn du das wirklich so siehst...<<
>> Tue ich.<< untermauerte sie ihre Haltung mit starker Stimme, weswegen ich nickte.
>> Gut.<<
>> Darf ich dir auch eine Frage stellen?<<
>> Klar.<<
Es schien, als nahm sie all ihren Mut zusammen, da sie mit sich kämpfte und ihre Atmung sich ein wenig beschleunigte.
>> Warum hast du der Frau in der Bar erzählt, dass ich schlecht im Bett wäre und du zu wenig Sex bei mir bekommen würdest? Ich meine, wenn es so ist, warum redest du dann nicht mit mir darüber?<<
>> Ich weiß noch nicht mal, ob ich ihr das damals überhaupt erzählt habe. Vielleicht hat sie das auch nur so gesagt, aber wie dem auch sei. Wenn, dann hatte es nur den Grund dich zu verletzen, weil ich durch den Anblick von Charly, Emily und dir selbst so verletzt war. Mir fehlte nichts am Sex, der war der beste den ich hatte, natürlich hätte ich am liebsten den ganzen Tag und die ganze Nacht lang Sex mit dir, weil du mich einfach extrem anmachst, aber ich war viel auf Geschäftsreisen und du musstest arbeiten. Es hatte nichts zu bedeuten. Es war immer perfekt. Vielleicht ist es auch nur, weil...<<
>> Weil, was?<< hakte sie nach und sah mich scharf an, während ich seufzte und mich in den Stuhl sinken ließ.
>> Es ist einfach... Na ja... Immer wenn ich dich mit diesem Charly sehe, du von ihm redest, oder keine Ahnung, ich bin extrem eifersüchtig, was ihn betrifft.<< gab ich zu. Nun war es endlich raus, was mich erleichterte, wobei ich aufpassen musste, was ich sagte, um Laura nicht zu verraten.
>> Aber er ist nur ein guter Freund.<<
>> Nein, er ist mehr für dich. Als ich dich zum ersten Mal im Club gesehen habe, ist mir schon aufgefallen, wie sehr er auf dich aufpasst, dich beschützt, mehr als alle anderen Frauen dort. Wie sehr er sich hier im Krankenhaus um dich gesorgt hat, als du zusammengeschlagen wurdest und welche Rachegedanken er gehabt hatte. Wie vertraut ihr an dem Tag wart, wie viel ihr euch umarmt habt und wie sehr er dich verteidigt und mir eine verpasst hat... Das ist mehr als Freundschaft.<<
>> Blake...<< seufzte Evelyn und legte das Essen beiseite, da sie es anscheinend nicht mehr herunter bekam.
>> Ich habe dir schon mal gesagt, dass Charly und ich uns sehr nahe stehen und er alles von mir weiß, weil er mein bester Freund ist und ich ihn schon lange kenne. Er hat sich dieses Vertrauen lange erarbeitet und mir bewiesen, dass er immer für mich da ist und zu mir hält. Dennoch ist es nur eine Freundschaft und nichts was darüber hinausgeht. Er ist verheiratet und hat eine Tochter mit Maggie. Da brauchst du nicht eifersüchtig sein.<<
>> Warum lief denn da nie mehr als Freundschaft? Immerhin sieht er ja nicht viel anders aus, als ich. Also grob gesehen meine ich.<<
>> Es geht doch nicht nur um das Äußere, sondern auch um den Charakter, um Kleinigkeiten.<<
>> Aber seinen Charakter magst du auch, sonst wärst du nicht mit ihm befreundet.<< gab ich ihr zu bedenken.
>> Ich habe keine Ahnung, wieso. Immer, wenn ich bei ihm bin, ihn sehe, mit ihm spreche, was auch immer, dann fühle ich mich wohl und gut aufgehoben, aber mehr auch nicht. Alles andere würde sich einfach falsch anfühlen und unsere Freundschaft aufs Spiel setzen. Dieses gewisse Etwas fehlt einfach zwischen ihm und mir, das ich bei dir empfinde. Bei dir fühle ich mich auch wohl und gut aufgehoben, fühle mich geborgen und sicher und darüber hinaus muss ich immer an dich denken, verbinde alle möglichen Dinge mit dir, spüre das Kribbeln im Bauch, wenn ich dich sehe, merke wie mein Blutdruck steigt, wie ich mich nach deiner nackten Haut sehne, nach deinem Geruch, deinem Geschmack, deinen Küssen und mich das Verlangen durchströmt es mit dir zu treiben...<<
>> Evelyn...<< raunte ich und spürte wie mein bestes Stück schon steinhart war, da mich ihre letzten Worte ziemlich heiß gemacht und Gedanken in mir hervorgerufen hatten, die äußerst angenehm waren, doch darauf ging sie nicht ein.
>> All diese Gedanken und Empfindungen habe ich nur bei dir und wenn ich ehrlich bin, hatte ich sie auch noch nie zuvor bei jemandem. Also hör bitte auf eifersüchtig auf Charly zu sein, denn er ist ein guter Kerl, wie ein Bruder für mich, der mich mein ganzes Leben begleiten wird, also solltest du dich mit ihm anfreunden.<<
>> Wenn, dann ist er wohl eher derjenige, der das nicht zulassen wird, nachdem, was ich dir angetan habe.<<
Sie dachte eine Weile nach und wollte grade etwas erwidern, als es an der Tür klopfte und zwei Männer hereinkamen, die ich sofort wiedererkannte..
>> Stören wir etwa du Schwerenöter?<< scherzten sie und kamen breit grinsend herein, weshalb ich mich erhob und sie begrüßte.
>> Was macht ihr denn hier? Hi!<<
>> Wir müssen doch sehen, wie es dir geht. Hättest ja ruhig mal früher Bescheid sagen können, dass du im Krankenhaus liegst und einen Unfall hattest.<< tadelte mich Lewis, da ich ihnen nichts davon erzählt hatte.
>> Woher wisst ihr das denn?<<
>> Von deiner Mutter, die wir heute zufällig getroffen haben.<<
>> Verstehe.<<
Evelyn räumte währenddessen ihr Essen beiseite und stellte die Stühle für die beiden hin, als ich sie an meine Seite zog und sie den beiden richtig vorstellte, obwohl sie sie schon kannten.
>> Dan, Lewis, das ist meine Freundin Evelyn.<<
>> Ihr seid wieder zusammen?<< fragte Lewis überrascht und schüttelte Evelyn grade die Hand, während ich nickte.
>> Bist du extra in die Autos gerast, damit sie dich aus Mitleid wieder zurücknimmt?<< feixte er weiter, wofür ich ihm am liebsten eine verpasst hätte.
>> Sehr witzig Lewis. Setzt euch!<<
Sofort setzten sie sich auf die Stühle, die Evelyn ihnen hingestellt hatte, während ich sie auf meinen Schoß zog, da für sie klein Platz mehr übrig blieb.
>> Du bist total mager geworden.<< tadelte ich sie, als ich um ihre Taille fasste und ihre Hüftknochen berührte.
>> Dann führ mich zum Essen aus.<<
>> Nur zu gern.<<
>> Ihr könnt ja zu uns essen kommen, meine Freundin Jen ist Köchin und würde sich sicherlich darüber freuen.<< schlug Lewis begeistert vor und lächelte sie freundlich an.
>> Sie kocht anscheinend wirklich gut und gerne, was man ja auch deutlich an ihm sehen kann.<< klärte ich sie auf, woraufhin sie verlegen lächelte, doch irgendetwas belastete sie, weswegen sie nicht so locker war wie sonst.
>> Klingt gut.<< antwortete sie, als mir endlich ein Licht aufging und ich verstand, weshalb sie so angespannt war. Am liebsten hätte ich mir dafür selbst in den Hintern getreten.
>> Vielleicht solltest du kurz wissen, wer die beiden genau sind. Dan und Lewis sind meine besten Freunde, mit denen ich zusammen unser Unternehmen leite. Du kennst sie sicher schon, oder?<<
Sofort drehte sie sich um und sah mich erschrocken an, weswegen ich ihr beruhigend ins Knie drückte und sie anlächelte.
>> Sie wissen, wo du nebenbei gearbeitet hast, weil sie an dem Abend dabei waren und ich von da an nur noch von dir gesprochen habe und den beiden ganz schön auf die Nerven gegangen bin.<<
>> Das ist noch die Untertreibung des Jahrhunderts.<< seufzte Dan und rollte mit den Augen.
>> Wie dem auch sei. Sie wissen alles und sie mögen dich, weil du es mit mir aushältst, mich glücklich machst und du so ehrgeizig bist.<<
>> Und weil du diesem Idioten noch eine zweite Chance gegeben hast.<< fügte Dan noch hinzu und zwinkerte Evelyn zu, die sich so langsam entspannte und wieder anfing zu atmen.
>> Na dann, hi.<<
Sie nickten ihr zu und lächelten sie an, während ich ihr beruhigend über die Oberschenkel strich und froh war, dass sie endlich Dan und Lewis kennengelernt hatte.
>> Du glaubst gar nicht, wie froh Dan und ich grade sind, dass du diesem Kerl hier noch eine zweite Chance gegeben hast, denn die letzten vier Wochen waren wirklich unerträglich.<<
>> Das tut mir sehr Leid für euch, aber er hatte es verdient.<<
>> Der hätte noch einige Wochen mehr verdient.<< pflichtete ihr Dan bei und sah mich dabei grimmig an. Seine Meinung mir gegenüber überraschte mich nicht mehr, da er mir in den letzten Wochen jedes Mal verständlich gemacht hatte, wie widerlich er mein Verhalten gefunden hatte und wie enttäuscht er von mir gewesen war.
>> Ich weiß, dass ich scheiße gebaut hatte, das brauchst du mir nicht immer wieder unter die Nase zu reiben!<<
>> Wenn sie es nicht macht, dann werde ich es tun, da glaub mal dran. So einfach kommst du nicht davon, egal wie schwer verletzt du aus diesem Unfall herausgekommen wärst.<<
>> Er hatte ja seine Gründe, weswegen er so neben sich gestanden und so gehandelt hat. Das ist zwar nicht toll, aber er ist halt auch nur ein Mensch und leider einer, den ich ziemlich mag.<<
Als ich grade antworten wollte, piepte ihr Pager, auf dessen Display ich nichts Gutes las.
>> Arbeit?<< fragte ich sie sanft, als sie bereits seufzte.
>> Mhm. Eine Explosion in einem Wolkenkratzer. Ich werde heute Nacht wohl wieder keinen Schlaf kriegen.<<
>> Evelyn du bist seit über 60 Stunden hier und hast nur drei Stunden geschlafen, die müssen dir doch mal eine Pause gönnen.<<
>> Die hatte ich gestern die drei Stunden bei dir.<<
>> Das ist doch ein Witz.<<
>> Leider nicht. Wir sehen uns morgen früh.<< verabschiedete sie sich und zog sich schnell ihren Kittel über. Bevor sie hinausrannte, lächelte sie mich noch einmal schüchtern an und verabschiedete sich von Dan und Lewis.
>> Ich hätte nicht gedacht, dass sie noch heißer aussehen könnte, aber diese Arztklamotten sind ziemlich nett.<< gestand Lewis und machte eine anerkennende Geste.
>> Danke, dass ihr so nett zu ihr wart.<<
>> Hast du ihr noch nie vorher von uns erzählt?<< rügte mich Dan, da ich Evelyn eben erst erklären musste, wer die beiden waren.
>> Bisher war ich noch nicht dazu gekommen. Ihr wisst doch, dass wir immer nur wenig Zeit haben und dann war da noch die Sache mit ihrer Mutter und ihre Geschwister und dann die Trennung. Wann sollte ich ihr da von euch erzählen?<<
>> Mir egal, aber es wäre besser gewesen, als sie in solch ein peinliche Lage zu bringen. Das arme Mädchen... Ganz ehrlich, sitzt hier und überlegt, ob wir sie erkennen oder nicht, ob wir es ansprechen oder nicht. Hast du nicht gemerkt, wie unwohl sie sich grade gefühlt hat?<<
>> Natürlich habe ich das, deswegen habe ich es ja aufgeklärt. Tut mir Leid, wenn ich nicht immer so perfekt bin, wie du mich gerne hättest.<< entschuldigte ich mich genervt, während Dan nur mit dem Kopf schüttelte und tief durchatmete.
>> Lass uns über etwas anderes reden, was ist mit deinem Auto?<< hakte er schließlich nach und entspannte sich sichtlich wieder.
Darmowy fragment się skończył.