Czytaj książkę: «Das Bekenntnis»
Über die Autorin:
Susanne Zwing wurde 1968 in Ravensburg geboren. Sie studierte Biologie in Ulm und lebt mit ihrer Familie in
Süddeutschland.
In dieser Reihe
von Susanne Zwing außerdem erschienen:
Mantel der Gerechtigkeit
Lieber Leser, besuchen Sie die Autorin auf: www.reaching-hearts.de
Roman
Das
Bekenntnis
Wenn die Liebe drängt
Susanne Zwing

1. Auflage 2021
Texte: © Copyright by Susanne Zwing
Umschlaggestaltung: © Copyright by Tamara Zwing
Illustrationen: © Copyright by Tamara Zwing
Alle Rechte vorbehalten
Selbstverlag Susanne Zwing,
Buchenberg 2, 89296 Osterberg
Lektorat: Christa Alexander
Korrektorat: Christa Alexander
Vertrieb: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Für alle meine Leser –
Ohne euch wäre alles Schreiben nutzlos.
Mit euch wird es zum größten Anreiz.
Danke!

Die Prophetie
Ich werde mein Volk durch mich,
den HERRN, stark machen,
und in meinem Namen wird mein Volk leben,
spricht der HERR.{1}
Unabänderlich ist dieser Eid.{2}
Herzklopfen
Mit klammen Fingern versuchte Cathline ihren fadenscheinigen Umhang zusammenzuhalten. So wie sie auch ihre Tränen zurückzuhalten versuchte.
Heftig sog sie die feuchte und kalte Luft ein. Mit einem langen Atemstoß stellte sie sich der Begegnung, die über ihr weiteres Schicksal entscheiden sollte.
„Seht, Kindchen!“ Die alte Frau an ihrer Seite drückte ihr dabei energisch mit ihrer verrunzelten Hand in den Arm. „Dort kommt er!“
Mit klopfendem Herzen wandte Cathline ihren Blick in die Richtung, die ihr die Alte wies. Die zwei Männer, die ihnen von dort zwischen den Stallungen entgegenkamen, blickten zum Himmel und schüttelten verwundert ihre Köpfe. Wild flogen ihnen die Schneeflocken ins Gesicht. Die grauen Wolken ließen immer wieder die Sonne hindurch, sodass der Schnee sofort wieder schmolz, sobald er die Erde erreichte. Ihre Gesichter konnte sie nicht deutlich erkennen, da sie ihre Hüte tief ins Gesicht gezogen hatten.
Beide trugen sie Arbeitskleidung; ein wollenes Hemd, hohe Stiefel und ein ledernes Wams, das sie gegen die Morgenkühle schützte. Dies und die wettergegerbten Gesichter hätten sie beide gleichermaßen als Bauern gekennzeichnet, wüsste sie nicht, dass einer der beiden der Seigneur des Gutes sein musste. Inzwischen waren sie dichter herangekommen, nahmen aber noch immer keine Notiz von der kleinen Gruppe, die ihnen entgegensah. Der eine, erkannte sie nun, konnte nicht viel älter als sie selbst sein. Der andere, ein dunkelbärtiger Hüne, starrte auf seine ledernen Stiefel hinab, die zweifellos das Wasser nicht mehr zurückhalten konnten und ihm schon am frühen Morgen nasse Füße bescherten.
Verunsichert glitt Cathlines Blick von dem nur wenig älteren Hünen wieder zurück zum Jüngeren, der in eben diesem Moment in ihre Richtung sah.
Rasch wandte Cathline ihren Blick von ihm ab und drehte sich Hilfe suchend der Alten neben ihr zu. Diese nahm aber keine Notiz von dem Unbehagen der jungen Frau. Vielmehr schob sie diese aus dem Schatten der schützenden Hütte ins Freie. Selbst aber trat die alte Magd hinter Cathline zurück, während ihr Mann, der sich bislang im Hintergrund gehalten hatte, aus dem Schatten heraustrat und auf die beiden Männer zueilte.
„Seigneur! Seigneur Jean, entschuldigt.“ Stockend brach er ab und neigte seinen Blick, zur Überraschung von Cathline, vor dem Jüngeren.
„Was gibt es denn, Jacques?“ Verwundert richtete er seine Aufmerksamkeit dem herangekommenen Knecht zu.
„Nun, Herr, diese“ – kurz hielt er stockend inne – „diese junge Frau dort sucht Arbeit.“ Sichtlich unangenehm über sein Anliegen, senkte er den Kopf noch tiefer und schaute verstohlen zu den beiden wartenden Frauen zurück.
„Du weißt doch, dass ihr Dahergelaufene fortschicken sollt!“, gab der junge Mann unwirsch zurück, hatte aber den unglücklichen Blick des Knechtes bemerkt und schaute nun doch in dessen Richtung.
Wie schämte sich Cathline plötzlich, als sie den abschätzenden Blick, der sie musterte, auf sich spürte. Sie hatte ihr Möglichstes getan. Dennoch war ihr Kleid schmutzig und am Saum zerrissen. Ihre kastanienbraunen Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten, der jedoch unter einem wollenen Kopftuch verborgen war. Schmerzlich war sie sich ihrer verwahrlosten Erscheinung bewusst und nur mühsam hielt Cathline den Drang zurück, davonzulaufen.
Während der Bärtige sich abwandte, trat der Angesprochene mit wenigen kraftvollen Schritten auf sie zu. Auch er war groß gewachsen, stellte sie erstaunt fest. Sollte dieser also der Herr des Gutes sein? Mit einem kaum wahrnehmbaren Knicks blieb sie starr stehen und bohrte ihren Blick in den Boden.
Dabei sah sie die flehentlichen Blicke nicht, die die alte Magd unverhohlen mit dem jungen Herrn wechselte.
Einen langen Augenblick herrschte banges Schweigen.
„Wie ist Euer Name?“ Seine kräftige Stimme durchschnitt plötzlich die erdrückende Stille, und da sein Tonfall kein Misstrauen erkennen ließ, schöpfte sie Hoffnung.
„Cathline, mein Herr.“ Mit diesen Worten sah sie langsam auf. Mit der Morgensonne im Rücken lagen seine Augen im Schatten und sie hätte nicht sagen können, welche Farbe sie hatten. Aber sein Gesicht strahlte Offenheit und Neugierde aus, wodurch sich ihre Aufregung etwas legte und ihr Atem ruhiger wurde.
„Wenn Ihr die Arbeit nicht scheut, so könnt Ihr bis auf Weiteres bleiben. Nicolas wird Euch sagen, was zu tun ist.“ Er deutete mit dem Kopf auf ein kleines Stallgebäude, vor dem sich der Hüne zu schaffen machte und sie von dort aus beobachtete.
„Ich danke Euch, Herr!“
Unverwandt forschte er in ihren Augen und Cathline hoffte inständig, dass er nicht allzu tief in sie hineinblicken konnte. Ein kurzes Nicken seinerseits beendete die Vorstellung abrupt und ohne einen weiteren Ton von sich zu geben, wandte er sich ab und ging auf das große Herrenhaus zu.
Erleichtert atmete Cathline aus. Er hatte sie nicht fortgeschickt.
„Geht nun, mein Kind, und seid ohne Sorge. Nicolas sieht zwar aus wie ein Bär, ist aber eine gütige Seele. Ihr könnt ihm vertrauen!“ Leiser fügte Françoise hinzu: „Auf Eure Tochter werde ich schon Acht geben.“ Aufmunternd legte die alte Magd ihre Hand auf Cathlines Arm. Sie überließ Cathline ihrem weiteren Schicksal und ging zusammen mit ihrem Mann auf eine kleine abseits gelegene Hütte zu, die ihr in den letzten Tagen Unterschlupf gewesen war.
Plötzlich ganz allein gelassen, beeilte sich Cathline, zu dem Stallgebäude zu kommen, in dem der Bärtige verschwunden war. Es fiel ihr schwer, ruhig zu bleiben. Aber sie war froh, hier an diesem abgeschiedenen Ort bleiben zu können. Das war mehr, als sie zu hoffen gewagt hatte.
„Hallo? Hallo, ist da jemand?“ Zaghaft öffnete sie das hölzerne Tor des Gebäudes und spähte in das dämmrige Innere. Nur ein leises metallisches Klirren verriet ihr, dass tatsächlich jemand im Gebäude war. Gleich darauf erschien sein riesiger Schatten.
„Der Seigneur schickt mich zu Euch. Er sagte, Ihr habt Arbeit für mich.“
„Aha!“, stellte er fest. Grübelnd fuhr er sich mit der Hand durch seinen Bart.
„Kommt mit, es gibt allerhand zu tun.“
Im Stillen wunderte er sich über seinen Herrn. Mit dieser zierlichen Gestalt würde sie sicherlich nicht lange bei der harten Arbeit draußen durchhalten. Warum hatte er sie ausgerechnet zu ihm geschickt und nicht ins Haus?
Mit großen Schritten war er vorangegangen und Cathline beeilte sich ihm zu folgen. Sie traten durch eine rückwärtige Tür ins Freie hinaus. Dort schloss sich ein von einer niedrigen, steinernen Mauer eingefasster Gemüsegarten direkt an das Stallgebäude an.
„Seht selbst!“ Dabei schritt er eine lange Reihe vernachlässigter Beete entlang. Einfassungen hatten sich gelöst, Wurzelreste und Unkraut des Vorjahres lagen verstreut auf der hart gewordenen Erde. Ganz offensichtlich fehlte es hier an Zeit oder der nötigen Hingabe.
„Die Beete müssen für die Aussaat und das Pflanzen vorbereitet werden.“ Dabei wies er auf den weitläufigen Gartenbereich, der sich um Süd- und Westseite des Gebäudes erstreckte. Nicolas hatte sehr wohl ihren erschrockenen Gesichtsausdruck bemerkt. Mitleid wollte in ihm aufkommen bei dem, was sie hier erwartete. Doch so ausgemergelt wie sie aussah, war ihr bisheriges Leben auch nicht gerade komfortabel gewesen.
„Ich zeige Euch die Geräte, kommt mit“, versuchte er sich nun etwas freundlicher.
Gemeinsam gingen sie zurück in das Stallgebäude, das sich als Lagerraum für die verschiedensten Dinge entpuppte. Als sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, erkannte sie trotz dem heillosen Durcheinander von Hacken, Eimern und Karren schnell die Geräte, die sie brauchen würde.
„Werdet Ihr allein zurechtkommen?“, fragte Nicolas mit deutlich hörbarem Zweifel in der Stimme. Entschuldigend fügte er an: „Wir hatten im Winter das Fieber hier, einige sind daran gestorben und vieles kam dadurch durcheinander.“ Ein kurzer Schatten huschte über sein Gesicht. „Es wird zu Euren Aufgaben gehören, hier Ordnung zu schaffen. Habt Ihr denn überhaupt eine Ahnung von der Arbeit, die hier auf Euch wartet?“ Missbilligend glitt sein Blick über ihre bleiche Haut.
„Ja, gewiss“, erwiderte sie mit aller Zuversicht, die sie in ihre Stimme legen konnte. Die Pflege eines Gartens war ihr tatsächlich vertraut. Doch gerade deshalb wusste sie, wie viel Arbeit es brauchen würde, bis alles rechtzeitig zur Aussaat vorbereitet war.
„Nehmt, was Ihr braucht. Dann beginnt Ihr am besten an der Südseite, wo der Boden schon trockener ist. Damit werdet Ihr die nächsten Tage genügend Arbeit haben.“
Ein Funken Mitleid überkam ihn, denn schon bald würden ihr alle Muskeln schmerzen. Unvermittelt schenkte er ihr ein langes, freundliches Lächeln.
„Ich muss jetzt raus auf die Koppel. Werdet Ihr zurechtkommen?“, fragte er noch einmal mit einer Stimme, die seinen Zweifel verriet.
„Nun geht schon. Ich brauche Euch gewiss nicht“, warf sie ihm unerwartet keck zu. Erleichtert lachte Nicolas auf und ließ sie kopfschüttelnd zurück.
„Also gut!“, machte sich Cathline selber Mut. Es war schließlich nicht das erste Mal! Und es war ihr allemal lieber, hier draußen allein zu arbeiten als in dem dampfend stickigen Waschhaus oder der allzeit geschäftigen Küche.
„Ob hier wohl irgendwo ein brauchbarer Spaten zu finden ist?“ Mühsam kämpfte sie sich bis in die hintersten Ecken durch das Gewirr von abgebrochenen Stielen und rostigen Klingen.
„Ah! Das könnte doch gehen!“ Sie raffte sich Spaten und Hacke unter den einen Arm. In der anderen Hand zog sie zwei hölzerne Eimer hinter sich her. So trat sie wieder hinaus ins Freie und wurde von den ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Tages freundlich gegrüßt, die nun endgültig über die letzten Schneeflocken gesiegt hatten. Ein lauer Wind bewegte sachte Bäume und Gebüsch um sie her und alles schrie förmlich nach einem neuen Anfang. Tief sog sie die Kraft des Frühlings ein und mit ebendieser Entschlossenheit machte sie sich daran, die winterschwere Erde umzugraben.
Von den neugierigen Blicken, die die anderen im Vorübergehen auf sie warfen, nahm sie nichts wahr. Nur kurze Pausen gönnte sie sich, stemmte die Hände in ihr Kreuz und versuchte dadurch die Anspannung ihrer Muskeln zu lösen. Mit all ihrer Willenskraft schaffte sie es, bis zur Dämmerung durchzuhalten. Als sie den Ruf für das Abendessen hörte, seufzte sie erleichtert auf. Hastig räumte sie ihre Sachen auf, schloss sorgfältig das kleine Tor und ging in die Richtung, in der sie die anderen hatte verschwinden sehen.
Der Weg führte sie seitlich an das Hauptgebäude; dort stand eine Tür weit offen. Vorsichtig spähte sie im Vorbeigehen durch die hell erleuchteten Fenster und konnte einen geräumigen Raum mit Holztischen und langen Bänken ausmachen. Aufgeregt schlug ihr das Herz bis zum Hals und zum wiederholten Mal an diesem Tag musste sie ihre Bedenken loslassen und ihre Zukunft dem überlassen, dem sie geschworen hatte zu vertrauen.
Ein Gewirr von Männern, Frauen und Kindern drängelte sich um die langen, schweren Holztische, die von grob geschnitzten Holzbänken umgeben waren. Schnell ließ sie ihren Blick über die Menge gleiten. Da war das freundliche Gesicht der alten Françoise, die ihr zunickte. Sie hielt das kleine Kind auf dem Arm, nach dem sie Ausschau gehalten hatte.
„Ah, Marie, mein Schatz. Da bist du ja!“ Dankbar empfing sie ihr Kind aus den Armen der guten Magd. Wie froh war sie doch, sich an ihr festhalten zu können. Nicht minder jedenfalls als das kleine Mädchen selbst, das ihre Arme fest um den Hals von Cathline klammerte und ihr Gesichtchen an ihrem Hals verbarg.
„Kommt hierher zu mir, ihr zwei. Setzt euch, nur zu!“ Erleichtert nahm sie neben Françoise Platz. Auch Jacques nickte ihr freundlich zu.
„Setz dich ruhig. Nur das obere Ende der Tafel ist für den jungen Herrn und seine Gäste reserviert. Was allerdings nicht allzu oft der Fall ist“, fügte sie etwas unglücklich hinzu.
„Ja, aber! Isst er denn mit dem Gesinde?“, brach es überrascht aus Cathline.
„Hmm, ja sicher, mein Kind. Nur am Tag des Herrn bleibt er für sich.“
„Hat er denn keine Familie hier?“, flüsterte Cathline vorsichtig zurück, nachdem sie sich gesetzt hatte. Doch Françoise schien sie nicht gehört zu haben, vielmehr herzte sie Marie, die auf Cathlines Schoß hin und her rutschte.
Als der junge Seigneur in die Halle eintrat, wurde es stiller. Mägde und Knechte nickten ihm zu, doch gleich erhob sich wieder das muntere Stimmengewirr.
Genüssliche „Ahs“ und „Ohs“ ließen Cathline aufschauen. Von zwei Mädchen wurden große, dampfende Schalen hereingetragen, gefüllt mit saurem Kraut und fleischartigen Knödeln. Große Laibe Brot, die bereits auf den Tischen standen, wurden rasch aufgeschnitten und an alle verteilt. Dazu gab es reichlich Apfelmost und für die Kleineren frisch gemolkene Milch.
Mit Heißhunger stürzten sich alle auf das Essen. Zufriedenes Schmatzen breitete sich aus.
Völlig ausgehungert, versuchte sich Cathline zu zügeln, um nicht allzu gierig zu erscheinen. Marie begnügte sich mit einer Schale Milch, in die sie mit Freude Brotstücke eintauchte und sich tropfend in den Mund stopfte.
Vorsichtig spähte sie die Tischreihen entlang. Was sie dort sah, überraschte und freute sie gleichermaßen. Denn Knechte und Mägde saßen fröhlich beieinander, scherzten, wenngleich sie auch von der Arbeit müde waren. Selbst den Kleinsten wurde nicht verwehrt, sich munter in die Gespräche einzumischen. Nicolas saß am anderen Ende der Tafel, direkt neben dem Seigneur. Ein vielleicht zweijähriger Junge und ein kaum älteres Mädchen kämpften auf seinem Schoß darum, wer die besseren Happen des Vaters erhaschen konnte. So sehr war sie in ihre Betrachtungen vertieft, dass ihr zuerst gar nicht auffiel, wie auch sie Gegenstand neugieriger Blicke war. Doch Nicolas schien es sehr wohl gemerkt zu haben. Seine Augen trafen sich mit den ihren und dies wiederum hatte zur Folge, dass auch Jean auf sie aufmerksam wurde. Errötend wurde ihr gewahr, wie sein Blick von ihr auf das Kind auf ihrem Schoß fiel, dort verharrte und wieder fragend auf sie zurückfiel. Als warte er auf eine Antwort, ließen seine Augen nicht locker. Rasten seine Gedanken ebenso schnell wie die ihren?
Da legte sich das zweite Mal an diesem Tag eine knorrige Hand auf die ihre und langsam beruhigte sie sich.
Bruchstücke
Die Tage vergingen. Abends fiel sie todmüde auf das einfache Lager, das man ihr zugeteilt hatte. Sie und Marie teilten sich einen kleinen Raum mit zwei anderen jungen Mägden. Einfach ausgestattet, mit einem Tisch und drei Stühlen, bot er dennoch die Möglichkeit, sich zurückzuziehen.
Doch heute hielt sie es nach der Arbeit nicht länger in der kleinen Hütte aus. Auch Marie hüpfte unausgeglichen auf ihrem Schoß. So groß war der Drang in ihr, hinauszuwandern in die umliegenden Felder, die Hügel zu erklimmen und zu erkunden, was dahinter lag. Mit klopfendem Herzen nahm sie Marie an die Hand und stahl sich ohne eine Erklärung hinaus. Sie schlugen den Weg zu ihrem Garten ein, wie sie ihn schon für sich nannte. Langsam durchstreiften sie die Beete, am Brunnen vorbei; dort, wo der Garten durch eine dichte Buschhecke begrenzt wurde. Mit einem letzten kurzen Blick zurück schlüpften sie durch das Gebüsch hindurch und kletterten über die niedrige Steinmauer, die den Gemüsebereich von den umliegenden Wiesen trennte.
Nachdem sie den ersten Hügelkamm überschritten hatten, hielt Cathline an einer einzeln stehenden Eiche inne. Doch die Kleine an ihrer Seite war so voller Lebenslust, dass sie augenblicklich weiter sprang.
„Ja, lauf nur“, rief sie ihr heiter hinterher. „Aber nicht zu weit. Hörst du!“ Beruhigt ließ sie ihren Blick über das Grün um sie herum schweifen. Hier lauerten keine Gefahren, sodass sie Marie frei springen lassen konnte.
Langsam ließ sie ihre Arme nach unten gleiten, spürte den noch warmen Stamm in ihrem Rücken, unter ihren Händen. Ruhig ließ sie sich in die Umarmung ihres starken Freundes hinter ihr fallen.
Er war stark, hatte dem Leben getrotzt und wuchs Jahr für Jahr höher hinaus. Hier fand sie Trost und konnte ihre Gedanken fließen lassen und musste ihre Gefühle nicht verstecken. So versunken, nahm sie zuerst nur vage eine Veränderung wahr. Lange Minuten verstrichen, bis sie zu sich kam und diese weit entfernte Stimme einordnen konnte, die nach ihr verlangte. Noch immer benommen, löste sie sich von dem Baum und horchte, woher sie die lachende Stimme Maries gehört hatte. Wo steckte sie nur? Stimmen kamen näher. Verwirrt ging sie einige Schritte in die Richtung, aus der sie das Kichern zu hören gemeint hatte.
Da, wieder, es waren eindeutig zwei Stimmen. Und irgendwie kam ihr diese andere Stimme bekannt vor. Doch sie konnte sie niemandem zuordnen. Cathline stand unbeweglich. Dort! Schemenhaft bewegte sich jemand durch das wogende Gras auf sie zu. Schritt für Schritt erkannte sie in der hohen Gestalt Seigneur Jean, der auf seinen Schultern ihr strahlendes Kind trug! Näher und näher durchschritt er das Meer aus Grün, bis er direkt vor ihr stand. Vor Schreck rührte sie sich nicht von der Stelle. Kein Laut kam über ihre Lippen.
Glücklich strahlend zeigte Marie mit ihrem kleinen Ärmchen auf Cathline: „Maman, da Maman!“
„Hey, Marie, wo kommst du denn her?“, fand sie ihre Stimme schwankend wieder. Unsicher, wie sie sich verhalten sollte, sah sie von einem zum anderen.
„Ich fand sie dort unten am Wasser, sie spielte ganz vertieft – allein!“ Abwartend versuchte er in Cathlines Gesicht zu lesen.
„Wie soll ich Euch nur danken, Seigneur Jean?“, suchte Cathline nach Worten.
Noch immer war Marie auf seinen Schultern zufrieden und machte keinerlei Anstalten, daran etwas zu ändern.
Schweigend standen sie sich gegenüber, und als dies Jean zu unbehaglich wurde, löste er seinen Griff, mit dem er bislang die Beinchen Maries festgehalten hatte, und nahm sie von seinen Schultern herunter. Unmut zeigte sich in dem kleinen Gesichtchen.
Cathline streckte ihre Arme nach ihr aus. Sie sah so klein und zierlich in seinen kräftigen Armen aus.
Entschuldigend wies sie auf den Baum über ihr und den Horizont.
„Ich war so versunken hier an diesem wunderschönen Ort.“
Goldrot ging die Sonne hinter Gräsern und Schilf unter.
„Alles liegt so ruhig da!“
„Ja, um diese Zeit ist es hier sehr schön.“
Ungehalten forderte Maries Stimme Gehör: „Maman, Maman, was essen, essen!“
„Oh, Marie. Bald. Bald sind wir daheim, dann bekommst du Brot. Trink einen Schluck!“ Dabei löste sie einen von zwei kleinen ledernen Beuteln ihres Gürtels und gab ihn Marie in die Hände. Sie stellte Marie auf den Boden, als ihr das Wasser über das Kinn hinunterlief und auf Cathline tropfte. Rasch fasste sie nach dem kleinen Ziegenbeutel, bevor Marie das ganze Wasser auf den Boden laufen ließ. Schon verzogen sich ihre Mundwinkel und gleich würden die ersten Tränen kullern, wusste Cathline. Doch Jean kam ihr zuvor.
„Sieh mal, was ich dabei habe! Magst du Honig?“ Dabei war er vor ihr in die Hocke gegangen und hatte ein Tuch vor ihrer Nase aufgeschlagen. „Die Wabe habe ich gerade vorhin aus dem Stock geholt.“
Das Weinen war vergessen. Neugierig beobachtete sie Jean, wie er die Überreste eines Fladens vom Abendbrot aus seiner Umhängetasche hervorzauberte.
„Probiere, Marie!“ Sachte zog er sie zu sich auf einen Oberschenkel. Auf den anderen hatte er die Wabe und das Brot gelegt.
Mühsam beherrscht, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, riss er ein Stück vom Fladen ab.
„Hier, schau!“ Er strich mit dem Brot über die Honigwabe.
„Probiere es!“ Zufrieden ging ein Grinsen über sein Gesicht, als Marie danach griff und es lächelnd in ihrem Mund verschwinden ließ.
Cathline musste bei diesem Anblick schmunzeln. Ächzend ließ er Marie von seinem Schoß gleiten, gab ihr aber noch einen Happen nach, um sicherzustellen, dass sie auch wirklich zufrieden war.
„Nehmt auch Ihr!“ Noch einmal hatte er vor ihren Augen den Rest geteilt und in die Waben eingetunkt.
„Habt Ihr den Honig schon einmal frisch vom Stock probiert?“
„Nein, ehrlich gesagt nicht.“ Aber der süße Duft hatte auch ihr das Wasser im Mund zusammenfließen lassen und so streckte sie ihm ihre Hand entgegen und nahm den Anteil, welchen er ihr anbot.
So vergingen Minuten, in denen sie vergnügt einen Brocken nach dem anderen in die Wabe tauchten. Marie saß zufrieden im Gras und knabberte an einem besonders harten Randstück, das ihrer ganzen Aufmerksamkeit bedurfte.
„Seid ihr öfters hier draußen unterwegs?“
Erschrocken blickte sie auf.
„Ich hoffe, Seigneur, Ihr habt nichts dagegen. Meine Arbeiten sind alle erledigt“, versuchte sie sich zu verteidigen, noch bevor er zum Angriff übergehen konnte. Heftig schluckte sie.
„Es ist nur so“, gab sie sich einen Ruck, „es ist wie eine Sucht, etwas in mir zieht mich hinaus.“
Nun war es an ihm, erschrocken dreinzublicken, angesichts ihrer heftigen Reaktion.
„Habt keine Furcht!“, versuchte er ihre offensichtliche Beunruhigung zu mildern.
„Geht hinaus, wenn es Eure Pflichten erlauben. Es ist nur, wie soll ich sagen, recht ungewöhnlich, jemanden hier draußen anzutreffen. Es sei denn, er hätte gewildert. Und das, vermute ich, trifft nicht auf Euch zu“, versuchte er sie zu necken. Ihr entrüsteter Gesichtsausdruck ließ ihn schmunzeln. Und als Cathline endlich erkannte, dass er nicht ärgerlich war, stahl sich auch um ihren Mund ein zaghaftes Lächeln.
Mit einem plötzlichen knappen Nicken verabschiedete sich Jean.
„Ich muss noch nach Migel sehen!“ Damit wandte er sich um und ging um den Hügelkamm herum, in Richtung der Koppel, auf der sein schwarzer Hengst stand, den er selbst versorgte. Denn so wild, wie der noch junge Hengst war, traute sich niemand an ihn heran.
Erst ein paar Minuten später wagte er es, sich umzudrehen, um nach Cathline zu sehen. Mit Marie auf dem Arm ging sie zurück. Heftig stöhnte er auf. „Was bin ich nur für ein Dummkopf und laufe vor ihr davon? Bin nicht ich der Herr und sie die Magd?“ Wütend auf sich selbst, stieß er mit dem Fuß in die Erde und schleuderte einen gewaltigen Erdballen in die Luft. „Was ist an dieser Magd, das mich durcheinanderbringt?“, fragte er Migel, als er bei ihm angekommen war und ihm den Hals klopfte. Migel wieherte und schleuderte seinen Kopf zur Seite, sodass seine lange Mähne aufflatterte. Ungestüm machte der junge Hengst Sprünge und brachte damit Jean zum Lachen.
„Ah, verstehe. Du willst mir zeigen, dass auch du Lust auf das Leben hast und Energie in dir steckt, die hinaus will.“
Müde und verwirrt erreichte Cathline den Hof. Aus dem jungen Herren wurde sie nicht schlau. Meist wirkte er sehr zurückgezogen und ernst. Doch eben hatte er eine Zärtlichkeit für Marie gezeigt, die sie nicht in ihm vermutet hätte. Seine Ruhe und sein Lächeln hatten sie beruhigt. In seiner Nähe hatte sie sich sicher gefühlt, stellte sie fest. Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte sie ein leises Glücksgefühl, von dem sie schon gedacht hatte, es wäre für immer verloren gegangen.
Erinnerungen
Es war Ende April. Cathline wanderte langsam die Obstwiese hinauf, die sich hinter dem Gemüsegarten über eine sanfte Kuppe erstreckte. Sie wählte einen kaum ausgetretenen Pfad Richtung Süden, von dem sie einen guten Blick auf all die Felder hatte, die das Hofgut umgaben. Noch lagen sie brach, aber bald schon würde auch dort üppiges Grün wachsen. Der gerade erblühte Ginster stieg ihr mit seinem Duft zärtlich in die Nase. Tief sog sie den Geruch des Frühlings in sich auf. Genoss die Wärme, das frische Grün und das Meer der wogenden Gräser um sich her.
Der Wind blies durch die hochgewachsenen Kirschbäume und wirbelte weiße Blütenblätter in die Luft. Liebevoll rieselten sie wie ein warmer Schnee auf sie herab.
Als sie hinunter in die Ebene blickte, sah sie von dort oben den aufgewirbelten Staub sofort. Seit Wochen hatte es nun schon nicht mehr geregnet und alle Wege waren völlig ausgetrocknet. Die Staubwolke bewegte sich langsam auf das Gut zu. Jetzt wand sie sich durch die Allee der hohen Pappeln und inzwischen konnte Cathline eindeutig eine Kutsche erkennen, die von einem kleinen Pferd im frechen Trab gezogen wurde. Ein einzelner Mann saß auf dem Kutschbock.
In den drei Monaten, die sie inzwischen hier war, hatte sie noch keinen einzigen Besucher gesehen.
Beim Abendbrot bekam sie ihn zum ersten Mal zu Gesicht. Fasziniert beobachtete sie den fremden Besucher und ihren Herrn.
Als hätten sie die Welt um sich herum vergessen, waren sie in ein Gespräch vertieft, das ihre volle Aufmerksamkeit beanspruchte. Wild gebärdete sich Jean. War er verärgert? Oder war es seine Art, sich leidenschaftlich auszudrücken? Schon wurde er durch heftiges Kopfschütteln des Gegenübers eines Besseren belehrt. Mit hochrotem Kopf schien es, als würde Jean im nächsten Augenblick aufspringen und seinen Gast hinauswerfen. Zornig funkelten Jeans Augen und spornten den kleinen Mann umso mehr an, der geradezu Gefallen an der Auseinandersetzung zu haben schien.
Nicht nur Cathline, auch die anderen warfen immer wieder verunsicherte Blicke zu den beiden hinauf ans Tischende, die aber keine Einmischung duldeten. Das fröhliche Lärmen, das sonst jedes Essen begleitete, war an diesem Abend einem leisen Gemurmel gewichen.
Nie zuvor hatte sie Jean derart heftig erlebt.
Plötzlich drehte sich der Fremde nach ihr um. Erschrocken fuhr Cathline zurück. „Mein Gott!“ Sie musste ihn derart angestarrt haben, dass er nun auf sie aufmerksam geworden war. Mit seinem bohrenden Blick drang er tiefer und tiefer. Bis in ihr Innerstes. Dunkelrot vor Bestürzung überzog sich ihr Gesicht bei dem Gedanken, er könnte all ihre Geheimnisse sehen. Als nun auch Jean verärgert nach der Störung suchte, wurde ihre Verlegenheit noch größer und ihre Röte noch tiefer. Könnte sie sich doch nur in Luft auflösen!
Ganz offensichtlich redeten sie nun über sie, denn der Fremde wies mit dem Kopf in ihre Richtung.
Wie hatte sie nur so leichtsinnig sein können? Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn.
Da unterbrach ein weinerliches Gejammer ihre Gedanken.
„Maman.“ Gierig streckte Marie ihre kleinen Hände nach dem Honig aus. Schuldbewusst, da sie die Kleine tatsächlich vergessen hatte, strich sie ihr hastig das Brot, mit einer extra dicken Schicht des süßen Honigs, was ihr wiederum einen tadelnden Blick von Françoise einbrachte. Mit einem kurzen Seitenblick wagte sie noch einmal an das Kopfende der Tafel zu schauen. Jean und der Fremde sprachen noch immer über sie. Das konnte sie sehen. Gesprächsfetzen drangen bis zu ihr durch. „… die Mutter von …, … erkennt sie nicht …“
Wie froh war sie, als Françoise in die Runde bellte: „Zeit, abzuräumen.“ Hastig wurden die letzten Reste vertilgt, die Becher geleert, Holzschüsseln aufgestapelt und in die Küche getragen.
Eilig drängten alle lärmend nach draußen, um den kurzen Abend auszukosten. So nutzte auch Cathline die Chance schnellstmöglich zu verschwinden.
Die Schatten der hohen alten Bäume hatten sich längst über das Gut gelegt. Dennoch war es noch angenehm. Cathline hatte noch keine Lust, in der engen, dunklen Hütte zu bleiben. Sie würde Marie schlafen legen und nochmals nach draußen gehen, überlegte sie sich.
Doch Marie hielt sie länger als gedacht auf:
„Singen, singen!“, bettelte sie. Nachdem sie schließlich zum dritten Mal eines der wenigen ihr bekannten Schlaflieder vorgesungen hatte, wurde sie langsam heiser.
„Tut mir leid, Schatz, aber ich kann nicht mehr.“ Sachte streichelte sie zärtlich Maries Haare. Sichtlich genoss Marie die volle Aufmerksamkeit von Cathline. Wenn sie sich doch nur mehr Zeit für das Kind nehmen könnte! Armer Schatz, hast nicht einmal einen Papa.
Dunkle Erinnerungen stürmten auf sie ein. Nein. Sie wollte nicht an die Vergangenheit denken. Heftig schluckte sie ihre bitteren Gedanken hinunter.
„Schlaf jetzt, mein Schatz.“ Sie drückte Marie einen dicken Kuss auf die kleine Wange und bekam zur Belohnung ein strahlendes Lächeln. Fest hielten die kleinen Händchen ihre Hände, als wollten sie sie niemals mehr loslassen. Wie schön sie doch aussah. Ihre zarte Haut, die Augen, die sie anstrahlten und ihr vertrauten.
„Ich hab dich lieb, meine Süße.“
Ein herzhaftes Gähnen ließ nun aber doch erkennen, dass Marie müde wurde. Behutsam löste sich Cathline aus ihrem Griff. Stattdessen gab sie ihr eine kleine Puppe, um die Marie heftig ihre kleinen Ärmchen schlang. Gerührt dachte Cathline daran zurück, wie sie aus dem Wenigen, das ihr zur Verfügung stand, dieses einfache Geschenk genäht hatte. Für Marie war es ohne Bedeutung, dass der Stoff gebraucht war und die Haare lediglich aus verfilzter Wolle bestanden.
„Puppi auch zudecken“, wurde sie von Marie ermahnt.
„Na klar doch.“ So zog sie die dünne Decke über Kind und Puppe. Beide lagen so friedlich und zufrieden da, dass ein tiefes Glücksgefühl Cathline durchstrahlte.
Sie war dankbar für dieses wunderbare Geschenk, dieses Kind, das nun zu ihr gehörte. Leise schlich sie hinaus.
In der Zwischenzeit war es dunkler geworden. Doch noch immer flogen vereinzelt Bienen und Hummeln umher. Cathline streifte durch die Obstbäume. Da die letzten Tage warm und sonnig gewesen waren, hatten sich schnell nacheinander alle Bäume mit einer blühenden Pracht überzogen. Ein weiß-rosa Blütenmeer. Darunter die gelbe Pracht des Löwenzahns, blaue Vergissmeinnicht, die die Bäume umsäumte. Und dort, im lichten Unterholz der hohen Buchen, blühten bereits die ersten kleinen weiß-gelben Blüten wilder Erdbeeren. Dort müsste es bald schon leckere Früchte in Hülle und Fülle geben, malte sich Cathline aus. Kaum konnte sie sich an dem Blütenwunder satt sehen, das sie mit dem starken Duft nach Frühling und dem Konzert der Vogelstimmen geradezu betörte.
Vereinzelt brannten bereits die Laternen. Auch dort im Gutshof konnte sie durch das offen stehende Fenster den flackernden Schein mehrerer Kerzen sehen. Ebenso den Schatten zweier Männer, die sich eifrig im Raum auf und ab bewegten. Es mussten Jean und der Fremde sein! Ihre Neugier wurde aufs Neue geweckt.
Widerwillig riss sie sich von ihrem Beobachtungsposten los und ging zur Hütte zurück. Inzwischen waren auch die beiden anderen Mägde Giselle und Molette da, die mit ihr die Kammer teilten. Vielleicht konnte sie von ihnen mehr erfahren?
Beide saßen nahe um einen kleinen Tisch. Sie hatten ihre Laternen entfacht, um bei den Näharbeiten, die sie in Händen hielten, besser sehen zu können. Mit geschickter Hand flickten sie ihre Wäsche. So griff auch Cathline nach ihrer Näharbeit und zog den letzten Stuhl näher an den Tisch. Bereitwillig machten sie ihr mit einem freundlichen Lächeln Platz. Wie dankbar war sie für den leichten Leinenstoff, den man ihr als Lohn gegeben hatte. Nun konnte sie für sich und Marie ein Sommerkleid nähen. Geschickt hatte sie mit sicherem Blick den Stoff zugeschnitten. Kritisch hatten Giselle und Molette sie beäugt, doch sie ließen sie in Ruhe weiterarbeiten, sichtlich beeindruckt von der Sicherheit, mit der Cathline schnell, zügig und genau arbeitete. Im Stillen dankte sie nun ihrer Mutter, die sie mit den täglichen Näharbeiten gequält hatte. Wie viel lieber wäre sie mit ihrem Bruder draußen herumgetollt oder hätte die Ställe ausgemistet! Nun aber war sie froh für die stundenlangen Zurechtweisungen. Leise stöhnte sie auf. Wie sehr sie sie doch alle vermisste!
Giselle horchte verwundert auf. „Ist alles in Ordnung?“ Fragend forschte sie in Cathlines Gesicht. „Du warst schon beim Essen so seltsam!“
Um von ihr selbst abzulenken, wagte sie es, nach dem Fremden zu fragen. „Was ist der Fremde für ein Mann? Ist er mit dem Seigneur gut bekannt?“, platzte es, schneller als geplant, aus ihr heraus.
Giselle und Molette warfen sich belustigte Blicke zu und fingen prustend an zu lachen. „Ah, er gefällt dir, was? Ist zwar ein bisschen klein geraten, aber nicht schlecht gebaut“, fuhr Molette amüsiert auf.
Errötend blickte Cathline zur Seite. Zu dumm! Hätte sie nicht geschickter nachfragen können? „Nein, es interessiert mich nur so, wer er ist. Obwohl er zugegeben nicht übel aussieht“, grinste sie nun doch zurück. Was tat es ihr schon? Sollten sie doch denken, was sie wollten.
„Ah, dieses Lächeln und dieser mitfühlende Blick“, schwärmte Molette. „Und immer fragt er, wie es mir geht, wenn ich ihm morgens beim Wasserholen begegne. Das fragt mich sonst nie jemand!“ Dabei blickte sie vorwurfsvoll von einer zur anderen. Die beiden mussten lachen, obwohl sie durchaus recht hatte.
„Aber lass die Finger von ihm“, meinte nun Giselle ernst, an Cathline gewandt. „Es ist Abbé Bernard. Und er fühlt sich für das geistliche Wohl von uns allen verantwortlich“, erläuterte sie. „Und“, fügte sie bedeutungsschwer hinzu, „nimmt es mit allem sehr genau. Noch nie ist er einer von uns zu nahe gekommen! Aber er ist lustig und macht mit uns allen seine Späße. Ist es nicht so, Molette?“ Diese nickte eifrig.
„Selbst den Seigneur bringt er zum Lachen! Und das soll was heißen!“
Verwirrt starrte Cathline Giselle an. „Was hast du gesagt? Der Mann dort oben ist ein Geistlicher?“
„Ja, sicher doch, Schätzchen. Er ist ständig auf Achse. Behauptet, eine lange Kutte sei ihm da ein Hindernis, die zieht er nur mal bei ganz besonderen Gelegenheiten über.“
„Dabei sieht er gar nicht wie ein braver Pater aus! Nicht wahr?“, mischte sich Molette ein.
„Und über was reden die zwei Herren stundenlang derart heftig?“ Sie wies mit dem Kopf Richtung Gutshof. Zu spät fiel ihr auf, dass sie sich damit verraten hatte, sie ausspioniert zu haben! Doch die beiden argwöhnten nichts, stellte Cathline erleichtert fest.
„Keine Ahnung. Er bringt jedes Mal seltsame Dinge mit, die wir nicht zu Gesicht bekommen. Nur Françoise sieht das ein oder andere beim Saubermachen. „Seltsames Gerümpel, sagt sie, auf das sie sich keinen Reim machen kann. Und natürlich die vielen alten, schon halb zerfallenen Bücher, für die schon der alte Seigneur sein halbes Vermögen ausgegeben hat. Sehr zum Leidwesen der Madame!“, fügte Giselle mit einem Ausdruck des Unverständnisses bei.
„Auf jeden Fall kommt Abbé Bernard weit herum, reist gerne und erzählt uns von fernen Ländern, die jenseits eines großen Wassers liegen sollen“, erzählte Molette weiter schwärmerisch. „Meist bleibt er für mehrere Tage. Der Seigneur ist dann kaum noch zu Gesicht zu bekommen. In diesen Tagen lässt er draußen alles stehen und liegen.“
„Hmm.“ Fasziniert hörte Cathline zu. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie auch gerne die Neuigkeiten aus der Welt außerhalb dieses Gutes wissen würde. Doch gleichzeitig stiegen Gefühle der Angst in ihr auf. Sie durfte keine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Je weniger sie kannten, desto besser. Stumm blickte sie in Richtung des beleuchteten Zimmers.
„Genug für heute“, beendete Giselle das Gespräch und die Arbeit.
Da wurde auch ihr bewusst, wie müde sie war.
Sie legte ihre Näharbeit zurück in den Korb. Einen letzten Blick erlaubte sie sich durch die Tür hinüber zum Haupthaus, bevor sie diese verschloss. Im Dunkeln zog sie sich ihr Arbeitskleid aus, hängte es an den einzigen Haken an der Wand und zog sich rasch ein einfaches Hemd über, das ihr als Nachtgewand diente. Sachte hob sie die Decke von Marie an und schlüpfte zu ihr auf die Schlafstatt. Wohlig empfingen sie die Wärme und der Geruch des Kindes. Doch lange noch fand sie keine Ruhe zum Schlaf. Zu sehr bewegte sie die Ankunft des Fremden.
Cathline trat am anderen Morgen leise aus ihrer kleinen Behausung heraus, um die anderen nicht unnötig früh zu wecken. Was für ein Tag! Sie roch es geradezu, wie schön dieser werden würde. Ein heller Lichtkegel im Osten ließ erkennen, dass die Sonne bald als strahlend leuchtender oranger Ball aufgehen würde. Doch noch lag Tau auf den stillen Wiesen, während die Vögel längst mit ihrem fröhlichen Gesang begonnen hatten.
Cathline lief den Obsthain hinauf, um besser in die Ferne schauen zu können. Dort, wo nur die obersten Baumwipfel aus einem Nebelstreifen herausragten, lag, so hatte sie inzwischen auf ihren Erkundungsgängen entdeckt, ein kleiner See.
Sie hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft. Denn in eben diesem Moment stand die Sonne am Horizont. Stumm bestaunte sie, wie die Sonne höher und höher stieg. Unauffällig verschwanden gleichzeitig die Nebelschwaden und wichen innerhalb kürzester Zeit einem strahlenden Morgen.
Ein nahes Knirschen auf dem kiesigen Weg ließ sie plötzlich erschrocken herumfahren.
„Auch ich genieße diesen Augenblick des Tages. Wenn alles mit Ruhe und Frieden beginnt!“ Die Augen des Abbés blieben strikt auf den grandiosen Sonnenaufgang gerichtet. Doch noch bevor sie sich von ihrer Sprachlosigkeit erholt hatte, setzte er unerwartet fort: „Ich habe Euch hier nie zuvor gesehen. Seid Ihr schon lange hier?“ Blitzschnell drehte er sich zu ihr um. Sein forschender Blick traf ihre Seele.
Cathline erschauerte innerlich. Tief sog sie die Luft ein, um erst wieder Herr über sich selbst zu werden.
„Ein paar Wochen“, stieß Cathline unwillig aus.
„Ihr redet nicht gerne über die Vergangenheit?“, versuchte er es etwas sanfter, denn das entsetzte Aufflackern in ihren Augen war ihm ebenso wenig wie die Verärgerung in ihrer Stimme entgangen.
Unfähig, darauf zu antworten, blieb ihr Mund verschlossen.
„Entschuldigt!“ Formvollendet verbeugte er sich vor ihr. „Ich habe mich Euch noch nicht einmal vorgestellt. Abbé Bernard, unterwegs im Namen des Herrn.“ Er lächelte sie so charmant an, dass all ihre Angst so schnell verflog, wie sie gekommen war.
Noch immer von der Neugier getrieben, beschäftigten sie noch dieselben Fragen wie am Vorabend. Sie versuchte es: „Erlebt Ihr viel auf Euren Reisen, wohin kommt Ihr und …?“ Mitten im Satz stockte sie und wagte nicht weiter zu fragen.
Bernard schmunzelte und freute sich, dass sie sich ihm gegenüber ein wenig geöffnet hatte. Gerne war er bereit, über seine Aufträge zu reden. Doch wieviel würde sie vertragen? Allzu oft machte er die Erfahrung, dass ein ungläubiges Auflachen sofort jedes weitere Interesse vereitelte.
„Es erfreut mich, Euer Interesse zu sehen. Bitte habt nie Furcht davor, mir Eure Fragen zu stellen. Es ist schön zu sehen, dass Ihr Euch Gedanken über meine Arbeit und mich macht. Und darüber hinaus bereit seid zuzuhören.“ Bernard schmunzelte ihr zwinkernd zu. „Lasst mich mit meiner Jugend beginnen. Seit jeher lebe ich hier und bin ich allen sehr gut bekannt.“ Bernard lachte auf. „Doch muss ich gestehen, dass dies nicht auf ein vorbildliches Leben zurückzuführen ist. Ich war ein Kämpfer der unangenehmen Sorte, der mit jedem Streit suchte und auch fand. Geschickt im Umgang mit Waffen, habe ich meist auch gesiegt. Nur in einem nicht.“ Bernard vergewisserte sich, dass Cathline ihm noch immer ihre Aufmerksamkeit schenkte. Erst als er sich davon überzeugt hatte, sprach er weiter.
„Meinen Stolz zu besiegen, war ich nicht imstande. Und dieser war es auch, der mich zu Fall gebracht hat. Doch will ich nicht klagen, denn was als Demütigung begann, führte mir vor Augen, was ich nicht besaß und mir nie würde erkämpfen können. Freude und Wohlbehagen!“
„Und wie habt Ihr diese dann gefunden?“ Cathline platzte so schnell mit ihrer Frage heraus, dass der Abbé auflachte, doch bereitwillig antwortete.
„Ich wendete mich demjenigen zu, der mir seine Hilfe anbot.“ Ratlos zuckte Cathline die Schultern. „Ein großer König wurde mein Herr. El Redi fand mich im Staub und bildete mich für seinen Dienst aus. Seine Worte vergesse ich nie: ‚Dein Kampf gegen deinen eigenen maßlosen Hass ist sinnlos. Steh jetzt auf, denn ich bin zu dir gekommen, damit du mir dienst. Du sollst denen die Augen öffnen, die sich in dunklen Banden verfangen haben. Sei ihnen die Hilfe, die sie brauchen. Wenn sie Rettung annehmen, haben sie einen Platz unter denen, die zu mir gehören.‘
Viele Jahre sind seither vergangen und nichts ist mir erfüllender, als diesem Auftrag zu folgen.“ Eine kurze Pause entstand. „Jede Begegnung ist ein Abenteuer, auf das ich mich gerne einlasse. Herzen öffnen sich und damit oft auch Einblicke in die unglaubliche Vielfalt an Talenten, die jedem von uns mitgegeben sind. Errungenschaften, die so wertvoll sind, dass sie geteilt werden sollen und nicht nur mich zum Staunen bringen. Es gibt so viel Schönes zu entdecken. Und ich bin unterwegs, um es ans Licht zu bringen.“
Cathline nickte als verstünde sie, wovon er sprach. Noch immer strahlte er sie freundlich an. Sie sah ihm offen ins Gesicht. Er hatte nichts zu verbergen, was ihn mächtig machte. Sie jedoch wollte keinesfalls, dass er ihr sorgfältig verborgenes Geheimnis ans Licht brachte.
Beide hörten sie die lauter werdenden Stimmen unter ihnen. Der Hof war zum Leben erwacht. Cathline wies mit ihrem Kopf in die Richtung. Ein Grund sich schleunigst aus dem Staub zu machen.
„Entschuldigt Ihr mich. Ich muss an die Arbeit.“ Hastig knickste sie vor ihm, drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort raschen Schrittes davon. Sie spürte den anhaltenden Blick in ihrem Rücken auch ohne dass sie sich umdrehte. Heftig schlug ihr das Herz. Was war das für ein Mensch, der sie mit solcher Leichtigkeit durchschauen konnte. Etwas, das sie unbedingt vermeiden musste.
Bernard schaute ihr nach und murmelte: „Hoffentlich habe ich die richtigen Worte gefunden. Lass dir helfen, Mädchen!“
Beim Abendbrot war der Platz des Abbés bereits wieder von Nicolas besetzt. Jean nagte in sich gekehrt das Fleisch von den Knochen des Huhnes, von dem sie wusste, dass es eigentlich für den Besucher geschlachtet worden war. So plötzlich, wie er aufgetaucht war, war er auch wieder verschwunden.
Ohne Verstand
Es war Sonntag. Blau strahlte der Himmel, nur vereinzelte Wolken zogen vorbei. Es versprach ein warmer, womöglich heißer Tag zu werden. Schon früh war Cathline aufgestanden, um ihre Arbeit im Stall zu erledigen. Die Hühner mussten gefüttert werden. Schnell sammelte sie die Eier ein und brachte den randvollen Korb in die Küche.
„Guten Morgen, Françoise! Oh, riecht das gut!“ Mit einem Seufzer sog sie den Duft von gebratenem Speck ein und sie musste heftig schlucken, um ihren aufkommenden Appetit zu zügeln.
„Ah, Cathline, stell die Eier doch gleich hier auf dem Tisch ab.“ Sie blickte nur kurz von ihrer Arbeit auf. Ein deutliches Anzeichen dafür, dass Françoise heute zu keinem Plausch bereit war.
Schnell verließ sie wieder die Küche und der frische Morgenduft verdrängte ihren aufgekommenen Heißhunger. Heute, am Sonntag, gab es frisches Brot, das gestern im Backhaus gebacken worden war. Welch ein Genuss! Mit jedem weiteren Tag würde das Brot härter werden, bis es schließlich nur noch zum Tunken in der Suppe taugte. Sonntags hatten sie tagsüber frei, nur die wichtigsten Arbeiten mussten erledigt werden. Im Stillen dankte sie Abbé Bernard. Wie man ihr erzählt hatte, war er es gewesen, der immer wieder auf Jean eingeredet hatte, bis dieser davon überzeugt war, ein Tag der Ruhe sei auch für die Knechte und Mägde ein Gewinn.
Und sie musste diesem Pater zugestehen, dass er damit Recht hatte. Denn alle freuten sich auf diesen einen Tag, der ihnen Kraft gab, die anderen Tage durchzuhalten.
Heftig blies ihr der Wind durch die Haare. Obwohl fast stürmisch, war es nicht kalt. Die frische Luft half ihr, richtig wach zu werden. Bald würde Marie aufwachen! So sog sie noch ein letztes Mal den Duft des neuen Tages ein und ging zurück in ihre kleine Hütte.
Später, als sie alle satt waren, saß sie zusammen mit Marie in der Sonne. Mit leuchtenden Augen beobachtete sie die Kleine. Was für ein aufgewecktes Kind sie doch geworden war! Zusammen hatten sie Holzstäbchen, Steine und Moos gesammelt. Stolz beobachtete sie Marie beim Spiel. Ihre Welt war lebendig und wirklich vor ihr. Ihre kleinen Augen leuchteten und zusammen bauten sie eifrig an Maries kleiner Welt.
Da wurde ihr auf einmal peinlich bewusst, dass sie nicht alleine waren. Als sie suchend aufschaute, blickte sie direkt in Jeans Augen, der sie vermutlich schon länger beobachtet hatte. Im selben Augenblick, da sich ihre Blicke trafen, wandte er sich schnell ab und ging weiter, als wäre es auch ihm unangenehm, das intime Spiel belauscht zu haben. Noch ehe Cathline sich von ihrer Überraschung erholt hatte, war er im Stall verschwunden.
Lange hatte sie gedankenverloren auf das offene Stalltor gestarrt. Nun war deutlich das unruhige Wiehern der Pferde zu hören. Aus dem Dunkel des Stalles versuchte Jean mit seinem ungestümen Hengst am Zügel nach draußen zu gelangen. Doch der riesenhafte Schwarze trippelte unruhig hin und her. Nicolas kam dazu, um von der anderen Seite nach den Zügeln zu greifen. Doch schnell wich Nicolas wieder zur Seite. Keinen Augenblick zu früh! Deutlich sah Cathline selbst aus dieser Entfernung die Angst des jungen Pferdes. Und schon schlug er mit seinen Hinterläufen aus. Beruhigend sprach Jean auf das Tier ein. Es erforderte Mut, Ruhe zu bewahren. Sachte strich er den Hals entlang, nahm die Zügel kürzer, und nur mit Schwung schaffte er es in den Sattel. In sicherer Entfernung hatten sich inzwischen einige Zuschauer eingefunden.
Cathline hatte in der Spannung das Herankommen von Molette nicht wahrgenommen.
„Noch nie ist ein anderer als der junge Herr auf dem Teufelsbraten geritten! Bei diesem Kauf muss er ohne Verstand gewesen sein. So ein Ungetüm von Pferd! Bis noch einer von uns zu Schaden kommt.“ Ängstlich wandte sie ihren Blick ab. Cathline hatte das Geschehen nicht aus den Augen gelassen, und da Molette offenbar keine Stellungnahme von ihr erwartete, behielt sie es lieber für sich, wie sehr sie der wilde Hengst faszinierte und keineswegs ängstigte.
Kopfschüttelnd ging Molette davon, während Cathline gebannt den wilden Ritt des jungen Herrn verfolgte. Eine tiefe Sehnsucht kam in ihr auf. Alte Bilder ihrer Kindheit stiegen in ihr auf. Sie sah ihren Vater vor sich. Standhaft stellte er sich jedem wild gewordenen Pferd entgegen. Ein jedes Mal war er als Sieger hervorgegangen. Umso weniger verstand sie, wie es zu ihrem Untergang gekommen war.
Begegnung
Ein schwüler und heißer Tag reihte sich an den anderen! Die Arbeit auf dem Feld forderte ihr Letztes an Kraft. Kaum konnte sie sich noch aufrichten nach der stundenlangen Arbeit in gebückter Haltung. Ihre Finger waren starr vor Schmutz durch das Unkrautjäten. Sie spürte die unzähligen kleinen Risse und Schrammen, die ihre Hände überzogen. Nur mit ihrer letzten Willenskraft hielt sie durch, bis die Sonne schon recht tief stand und die ungewohnte Hitze an Kraft verlor. Die langen Haare, nass geschwitzt und verstaubt, schienen ihr unerträglich. Erdrückend klebten ihr die Kleider am Leib, als sie sich zum Abendbrot versammelten. Allein der Gedanke an ein erfrischendes Bad in jenem kleinen See hinter dem Hügel beschäftigte sie während der ruhigen Mahlzeit. Auch die anderen waren von der Tagesarbeit erschöpft.
Nachdem Marie endlich in der drückenden Schwüle der kleinen Hütte eingeschlafen war, konnten sie auch die anklagenden Blicke von Giselle nicht länger zurückhalten. Längst wusste Giselle, wohin sie abends lief, wenn die anderen zusammensaßen, plauderten und so manchen Spaß miteinander hatten. Sie selbst hätte sich niemals allein vom Hof entfernt und verstand Cathlines Verschwinden nicht. Mit dem Handrücken wischte sie den Schweiß fort und eilte hinaus. Nur fort, drängte es in ihr. Mit beiden Händen hob sie ihre Röcke, um möglichst schnell durch das hohe Gras hinauf in den lichten Birkenwald zu kommen. Dort erst war sie vor Blicken geschützt und sie verlangsamte keuchend ihren Schritt. Was für ein schöner Anblick sich ihr von hier oben bot: versteckt zwischen den Bäumen schimmerte das Blau des Sees, während die tiefer stehende Sonne alles in ein goldenes Licht zauberte. Tief sog sie die Ruhe ein, die sie umgab. Ja, hier war sie glücklich!
Bewusst suchte sie von ihrem erhabenen Aussichtspunkt eine dichtere Ansammlung verschiedener Weiden ab. Dorthin führte sie ihr Weg. Bei einem ihrer abendlichen Streifgänge hatte sie dort einen Durchbruch durch das dichte Schilf entdeckt, der in einer kleinen Bucht endete.
Ein idealer Platz, um geschützt zu baden.
„Ahh.“ Ein tiefer Seufzer der Erleichterung machte sich aus ihr frei, als sie ihre Kleiderschichten mit einem einzigen Ruck über den Kopf zog. Übermütig sprang sie in das glasklare Wasser und ließ sich wild prustend in das kalte Nass sinken. Ihre losen Haare trieben um ihr Gesicht, kurz tauchte sie unter. Welch Wohltat, den Schmutz und die Hitze des Tages wegzuwaschen. Wenn nur die Zeit still stünde, dachte sie fast wehmütig. Langsam schwamm sie Zug um Zug. Erst als sie sich genügend erfrischt fühlte, schwamm sie ohne jede Eile zurück.
Tropfnass schlüpfte sie in ihr kurzes Untergewand. Es machte ihr nichts aus, dass der dünne Stoff sich sofort mit dem Wasser vollsaugte und sich eng an ihren Körper legte. Bis zum Hof wäre es längst wieder trocken.
Mit den Fingern entwirrte sie ihr langes Haar, das ihr über den Rücken fiel. Genussvoll legte sie den Kopf in den Nacken und schüttelte ihr dichtes Haar aus.
Da! Ein plötzliches Knacken ließ sie blitzschnell herumfahren. Und ihre weit aufgerissenen Augen verfingen sich in ebenso erschrockenen.
Wie lange waren sie so dagestanden? Zu Reglosigkeit erstarrt, stand Jean direkt vor ihr auf dem kaum wahrnehmbaren Trampelpfad durch das mannshohe Schilf. Sein Obergewand, das er sich in eben dem Augenblick über den Kopf gezogen hatte, in der Hand haltend.
„Oh, Himmel!“ Erlag sie einer Sinnestäuschung, oder stand er wirklich ähnlich entblößt wie sie selbst nur wenige Meter von ihr entfernt? Gefesselt starrte sie auf seinen nackten Oberkörper. Seine Muskeln zuckten im Licht. Kaum konnte sie ihren Blick davon abwenden, so überrascht war sie. In diesem Moment nahm sie in aller Deutlichkeit wahr, wie gut er aussah und wie sehr seine kräftigen Arme auf sie Sicherheit und Geborgenheit ausstrahlten. Cathline erschauerte.
Seine Augen waren das Erste, das sich bewegte. Sein Blick huschte ihren Körper entlang und wandte sich schnell wieder hilflos ab, nachdem er alles gesehen hatte.
Ein schlechtes Gewissen beschlich sie ebenso schnell wie die unwürdige Situation, in der sie sich befand. Wie musste sie in seinen Augen aussehen? Das nasse Kleid an ihrem Körper klebend. Ohne Erlaubnis im Gewässer des Seigneurs zu baden. Stand darauf nicht sicherlich eine Strafe? Beschämt, verletzt und beunruhigt entfuhr ihr ein leises Stöhnen.
Doch nicht sie war es, die sich entschuldigte.
„Vergebt! … vielmals … ich, ich hatte hier niemanden vermutet“, brach es in eben diesem Moment stockend aus Jean heraus.
Ebenso um Worte ringend, kamen Cathline nur Bruchstücke über die Lippen: „Ich, ich hatte keine Ahnung. Ihr badet hier?“ Ihre Verwunderung konnte sie beim besten Willen nicht zurückhalten, was Jean schmunzeln ließ.
„Nun ja; ich glaube, ich bin dazu durchaus im Recht.“ Sein Schmunzeln hatte sich zu einem schelmischen Grinsen ausgebreitet. Nachdem er seine anfängliche Überraschung überwunden hatte, wurde er wieder Herr über sich selbst. Cathline so unerwartet allein gegenüberzustehen, erregte ihn zutiefst; und das nicht nur körperlich.
„Wir hatten offensichtlich denselben Gedanken! Wie ich sehe, brauchtet auch Ihr dringend eine Abkühlung“, vermerkte er mit einem spitzbübischen Grinsen.
Sein Blick ging nun allzu deutlich von ihren Augen abwärts über ihren Hals und blieb unverwandt auf ihren festen Brüsten haften. Hastig griff sie nach ihrem Obergewand, das zwischen ihr und Jean auf dem Boden lag. Fest drückte sie es vor ihren Körper, als gälte es, ihr Leben zu verteidigen.
„Lasst euch nicht länger aufhalten. Das Wasser kühlt in der Tat alle Hitzen ab.“ Übereilig machte sie die ersten Schritte und versuchte seitlich an ihm vorbeizustürmen.
Doch war der Pfad zu schmal, da er den Weg nicht frei machte.
Da griff er nach ihrem Arm. Hielt sie hart fest.
„So wartet doch. Habt ihr es so eilig fortzukommen?“
Seine Berührung schien ihren gesamten Körper lahmzulegen. Unfähig zu irgendeiner Bewegung, waren sie sich so nah und ihre Blicke verfingen sich ineinander. Als gäbe es kein Entrinnen mehr. Nur ihr beider heftiger Atem war zu hören. Die Zeit stand still. Spürte er ebenso wie sie diese Spannung?
„Ihr tut mir weh. Ich bitte Euch, lasst mich gehen!“
„Verzeiht!“ Erschrocken ließ er sofort von ihr ab. Jeans Blick fiel auf den rot angelaufenen Arm. Nun war es an ihm, sich zu schämen, da er nicht gemerkt hatte, mit welcher Kraft er zugepackt hatte. Und dennoch konnte er nicht davon ablassen, sie mit seinem Blick festzuhalten, denn verflixt, er wollte sie nicht gehen lassen!
War nur er es, der verhindern wollte, dass dieses unerwartete Treffen so rasch endete? Ihre Worte waren ernst und sicher, doch ihre Augen schienen ihm gleichzeitig traurig. Wollte sie wirklich gehen? Noch einmal holte er tief Luft.
„Seht Ihr dort drüben die alte Weide?“, brachte er mühsam hervor und wies dabei mit dem Kopf in deren Richtung, ohne jedoch Cathline aus den Augen zu verlieren. „Würdet Ihr dort auf mich warten?“
Cathline drehte sich in die angegebene Richtung. Ja, sofort erkannte sie den hohen Baum, der in einer kleinen Lichtung thronte. Immer schneller schlug ihr das Herz in der Brust und tausend Gedanken rasten ihr durch den Kopf.
Sein flehentlicher, bittender Blick! Eine tiefe Sehnsucht, die sie, ach schon so lange, in sich tief vergraben hatte, drängte gewaltvoll nach oben. Sie spürte genau, wie sie mit jedem Moment schwächer wurde und ihre ganze Willenskraft dahinschmolz. Alles, wozu sie fähig war, war ein kurzes Nicken. Abrupt drehte sie sich ab und verschwand im hohen Schilf.
Der Weg schien ihr viel zu kurz, um ihre Gedanken zu ordnen. Verspürte auch er dieselbe lodernde Lust wie sie? Keuchend stieß sie ihren Atem aus. Sein freier Oberkörper, die starken Muskeln, auch sie war gebannt gewesen von seiner Männlichkeit. Oh, Gott! Hatte er womöglich ihre verwirrten Blicke, die sie nicht hatte zurückhalten können, als Aufforderung verstanden? Was wird dort oben geschehen? Bei diesem Gedanken spürte sie eine tiefe Wärme durch ihren Körper steigen. Angst kroch in ihr hoch. Sie würde sich hilflos verlieren. Dann würde alles noch viel schlimmer für sie werden. Und sie wusste nun ganz genau, dass sie dieser Sehnsucht nicht würde standhalten können, wenn sie ihr mehr Raum gewähren sollte. Tränen traten ihr in die Augen.
Nun stand sie dort, vor diesem Baum. Langsam drehte sie sich um. Dort konnte sie Jean im Wasser erkennen. Er schwamm zurück zum Ufer. Nicht mehr lange und er würde hier – bei ihr – sein.
Jean war aus ihrem Blickfeld verschwunden. Sachte und vorsichtig bahnte sie mit den Händen einen Weg durch die herabhängenden Äste. Sanftes Gras bedeckte den Boden. Im schwachen Abendwind bewegten sich leise die Blätter, ineinander verwoben. Wie feinste Seide, so leicht und schwerelos, kam eine längst vergessen geglaubte Erinnerung in ihr hoch. Welch atemberaubender Platz. Eine eigene Welt. Umgeben von den Blättern bildete sich ein geschützter Raum. Was für ein sinnlicher Ort!
Noch hörte sie ihn nicht kommen. Doch schon sehr bald würden sie in dieser eigenen Welt alleine sein. Sie würde hier mit Jean sein, und nichts wünschte sie sich mehr, als mit ihm zusammen in einer anderen, ihr allein gehörenden Welt zu sein.
Jean war nicht fähig, den erlebten Augenblick – denn länger konnte es unmöglich gedauert haben – aus seinen Gedanken zu verbannen. Und im Grunde genommen wollte er es auch gar nicht. Schnell war er wieder in seine Kleider geschlüpft und hatte keinen anderen Wunsch, als möglichst rasch dort oben bei Cathline zu sein. Dieser bezaubernde Anblick, in dem sie sich unbeobachtet fühlend ganz frei bewegte, war einfach zu viel gewesen. Es hatte ihn völlig unvorbereitet getroffen.
Sein Atem ging heftig und stoßweise, doch er hätte nicht sagen können, war es vom raschen Anstieg oder mehr von der freudigen Spannung, die ihn ergriffen hatte. Kurz blieb er vor dem alten Baum stehen, als wolle er sich sammeln. Dann trat er durch den Schirm aus Blättern hindurch.
Unschlüssig blieb er stehen.
„Cathline? Seid Ihr hier?“ Suchend schweiften seine Augen umher, hinauf ins Geäst, doch nur Stille umgab ihn. Die Enttäuschung schmeckte bitter und er musste schwer schlucken.
„Ihr wolltet mich wohl einfach nur schnell losbekommen, was?“, murmelte er verärgert vor sich hin. Doch wie er so dastand, fiel sein Blick auf das frische Gras. Ja, es waren frische Spuren überall. Dort war sie am Stamm entlanggelaufen und von dort führten die Spuren hinaus. So war sie also hier gewesen.
Es zog ihn magisch nach der Stelle, wo die Spuren nach draußen führten. Dort öffnete er die Wand aus Blättern.
Er sah sie sofort. Sie war noch nicht weit entfernt. Durch das hohe Gras kam sie nur langsam voran. Es wäre ein Leichtes, sie einzuholen. War es sein gekränkter Stolz, der ihn zurückhielt?
Ihr Schritt wurde langsamer, bis sie schließlich zögerlich stehen blieb.
Ein Prickeln lief Cathline über die Haut. Sie spürte seinen Blick auf ihrem Rücken. Langsam drehte sie sich um. Dort stand er und beobachtete sie unbeweglich. Er ließ sie gewähren, erkannte sie. Mit schweren Schritten ging sie dem Hof entgegen.
Die Wochen verstrichen und mit ihnen die Gelegenheit, über die Begegnung am See zu reden. Cathline wagte nicht, noch einmal dort hinauszugehen. Zu sehr fürchtete sie sich vor einem weiteren Zusammentreffen. Selbst auf dem Gut vermied sie es, Jean alleine gegenüberzustehen. Ihm schien es gerade recht zu sein. Nur selten wandte er sich direkt an sie. Wo er früher mit ihr gesprochen hatte, übernahm immer häufiger Nicolas die Rolle Notwendiges zu besprechen.
Nicolas‘ warmherzige Art tat ihr gut. Sie wusste, dass sie längst sein Herz gewonnen hatte und er eine neue Mutter für seine fünf Kinder brauchte. Noch war sie hart gegen sich selbst. Doch wie lange würde sie standhalten können? Immer mehr spürte sie die tiefe Sehnsucht, einem Mann anzugehören und eine Familie zu haben. Schon neckten die anderen Mägde sie, wann sie endlich den schmachtenden Blicken Nicolas‘ nachgeben würde. Sie kannte sich ja selbst nicht aus. An einem Tag war sie zu Scherzen mit ihm aufgelegt und schon am nächsten suchten ihre Augen nach einem anderen.
So wurden aus Tagen Wochen. Das Leben auf dem Gut hatte sie längst in seinen Kreislauf aufgenommen. Die ersten Ernten wurden eingefahren und bald schon drehte sich bei Groß und Klein alles um das bevorstehende Fest, das sie alljährlich nach Einbringen der ersten Früchte auf dem Hofgut gemeinsam feierten.
Das Fest
Die Vorbereitungen liefen auf vollen Touren. Nicht nur die Kinder sprühten vor freudiger Erwartung.
Die Männer brachen schon in den frühen Morgenstunden zur Jagd auf. Raclette, Jeans Jagdhund, sprang voller Begeisterung auf dem Hofplatz umher. Sie gingen alle zu Fuß. Auch Jean gesellte sich zu den Laufenden, da sein großer Hengst viel zu unruhig für die Jagd war.
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als sie völlig entkräftet, aber stolzen Blickes zurückkamen. Ein gewaltiges Wildschwein wurde an Holzstangen von den vier erwachsenen Männern gewuchtet. Die Jüngeren trugen Fasane und Kaninchen herbei.
Erwartungsvoll waren ihnen die Frauen entgegengelaufen. Jetzt war es an ihnen, für die weitere Zubereitung zu sorgen. Das Rupfen und Säubern, die Füllung mit in Bier eingelegtem Brot, vermischt mit frisch gesammelten Kräutern.
Cathline kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Misstrauisch hatte sie dem ganzen Treiben anfangs gegenübergestanden. Die zusätzlichen Arbeiten hielten sie alle bis zum Umfallen gefangen. Irgendwann hatte sie beschlossen, sich von der Spannung mitreißen zu lassen, und nun war auch sie voller Vorfreude auf das Fest.
Cathline und Molette hatten sich ein paar der kleineren Kinder zum Backen der Brotfladen geschnappt. Mit mehlverschmierten Gesichtern arbeiteten sie nun unter heftigem Geplapper der Kinder im wohltuenden Schatten der großen Linde.
„Fang auf, Marie!“ Cathline hatte ihr liebevoll eine große Hand voll Teig zugerollt. Juchzend griff sie mit ihren kleinen Händen danach.
„Und nun musst du fest kneten.“ Cathline legte sich mit ihrer ganzen Körperkraft ins Zeug, um Laib für Laib durchzukneten. Auch die vier anderen Mädchen waren mit Feuereifer dabei. Sie hatten sich vorgenommen, für jedes Kind einen extra kleinen Brotlaib zu formen. Molettes rundliche Formen wippten im Takt zu ihren selbst erfundenen Melodien. Hin und wieder fiel ihr auch ein passender Vers dazu ein, der sie beide herzlich zum Lachen brachte. Cathline trat vor Anstrengung der Schweiß auf die Stirn. Ihr Kopftuch hatte sie sich im Nacken zusammengebunden. Vorwitzige Strähnen, die sich nicht bändigen lassen wollten, schlüpften heraus und kringelten sich durch das Schwitzen. Cathline richtete sich auf, legte sich die Hände ins Kreuz und bog ihren schmerzenden Rücken durch. Mit ihren Ärmeln versuchte sie wiederholt sich den Schweiß abzuwischen.
Molette grinste munter zu ihr herüber.
„Schau dich nur an, siehst nicht besser aus als die Kinder.“ Cathline lachte erleichtert mit. Molette brachte sie mit ihrer fröhlichen Art stets zum Lachen. Wie gut ihr das doch tat!
„Heute fallen wir todmüde ins Bett. Meine Arme sind schwer wie Blei!“ Rasch formten sie zu zweit die letzten Laibe, denn die Kleinen waren nach der anfänglichen Begeisterung längst fortgesprungen.
„Geschafft!“ Molette ließ einen zufriedenen Seufzer hören. Gemeinsam legten sie ein frisches Leinen über die Laibe.
„Die Mittagswärme wird sie schön aufgehen lassen. So, und in dieser Zeit haben wir uns eine Pause verdient!“ Ächzend ließ sie sich auf den Boden sinken. Cathline tat es ihr lachend nach. Auch sie war vollkommen erschöpft und brauchte dringend eine Pause. Doch schon nach wenigen Minuten richtete sie sich wieder auf und stupste Molette mit den Zehenspitzen in die Seite.
„Komm auf, wir haben noch so viel zu tun. Du willst doch wohl nicht, dass ich alles alleine machen muss.“
Nur widerwillig öffnete Molette ihre Augen.
„Du hast ja so recht“, murmelte sie und ließ sich von Cathline in die Höhe ziehen. Molette hängte sich bei Cathline unter.
„Es ist schön, dich hier zu haben!“ Vergnügt grinste sie Cathline auf ihrem Weg zur Küche an.
Der neue Tag brach frühsommerlich schön an.
Nach dem Frühstück waren sie alle schnell aufgesprungen, um die Arbeiten im Stall zu erledigen und die letzten Vorbereitungen zu treffen.
Nicolas rief drei der älteren Jungen zu sich, zu denen auch einer seiner Söhne zählte.
„Kommt mal zu mir her!“ Die drei wechselten fragende Blicke untereinander, keiner wagte es jedoch, der Anweisung des Älteren zu widersprechen. So schlenderten sie betont langsam zu Nicolas hinüber.
„Ihr seid heute dafür verantwortlich, dass zu jeder Zeit genügend Brennholz zur Verfügung steht. Von euch hängt es nun ab, ob alle genügend zu essen bekommen!“, erklärte Nicolas mit wichtiger Stimme und schaute jeden streng an.
„Seid ihr euch der Wichtigkeit eurer Aufgabe bewusst?“, prüfte er, ob er sich auf sie verlassen konnte.
„Wir brauchen vier Bratfeuer. Ihr müsst also genügend trockenes Holz im Wald sammeln, dass die Feuer mehrere Stunden nicht ausgehen. Nehmt den Handwagen und schichtet alles dort auf.“ Gewissenhaft folgten sie der Richtung seines Fingers.
Alle nickten ihm eifrig zu und stoben in den Schuppen, um nach dem Wagen zu suchen. Kurz darauf zogen sie johlend los, indem zwei zogen und sich der Jüngste hinten hineingestellt hatte und mit einem Seil die beiden Freunde anspornte, schneller zu ziehen. Zufrieden schaute ihnen Nicolas hinterher.
Um die Mittagszeit war genug Holz aufgestapelt und das erste große Feuer wurde entfacht. Nicolas und Jean schulterten das aufgespießte Wildschwein und konnten sich, von den kreischenden Kindern umringt, kaum bis zum Feuer hindurcharbeiten. Dort waren kräftige Eisenstangen in die Erde eingerammt und mit einem letzten Kraftakt wuchteten die beiden das schwere Tier darauf. Schweißperlen standen ihnen auf der Stirn.
„So, nun liegt alles Weitere in deinen Händen!“ Nicolas übergab die Regie an Françoise, die bereits mit einem großen Ölkrug in der Hand neben ihm bereitstand.
„Ja, geh nur, du bist uns ja doch nur im Weg“, scheuchte sie ihn mit einer Handbewegung fort. Im nächsten Augenblick schnappte sie sich bereits zwei Jungen, die sich ihr widerstrebend ergaben.
„Jetzt ist es ganz wichtig, dass ihr immer schön gleichmäßig dreht! Ihr werdet die erste Stunde übernehmen.“ Es war eine mühsame Arbeit, bei der Hitze des Feuers zu stehen, bis einem beinahe die Arme abfielen.
„Ihr könnt sofort beginnen. Auf, auf! Aber doch nicht so, Kinder! Ihr müsst in verschiedene Richtungen drehen. Ja, gut so. Und du, ja genau. So ist es richtig.“ Erst als sie zufrieden mit deren Arbeit war, begann sie das Schwein einzuölen. In großen Tropfen zischte das gewürzte Öl in der rot glimmenden Glut auf. Zufrieden bestaunte sie das große Schwein. Solch einen leckeren Braten bekamen sie nur einmal im Jahr. Der verlockende Duft ließ ihr bereits jetzt das Wasser im Mund zusammenlaufen.
„Ihr dreht fleißig weiter. Und wehe, ich ertappe euch dabei, wie ihr eine Pause macht.“ Drohend erhob sie ihren Zeigefinger. Françoise ging weiter, um den anderen Frauen Anweisungen zu geben, die sich um die Fasane und Hasen kümmerten.
Alle Knechte und Mägde beteiligten sich jetzt an den Vorbereitungen ihres Festes. Jeder verfügbare Tisch und jede Bank wurde herangeschleppt. Nicolas und Jean hatten aus den Kellergewölben ein großes Fass Bier heraufgezogen. Nun rollten sie es vorsichtig herbei.
„Ihr seid sehr großzügig, Seigneur. Das Gesinde wird es Euch ehrlich danken.“ Nicolas war sonderbar erstaunt. Das kostspielige Fassbier war sonst nur für die hohen Herrschaften. Weitaus mehr überraschte es ihn jedoch, mit welchem Eifer Jean in diesem Jahr an den Vorbereitungen teilnahm. War es doch ein Gesindefest!
Cathline betrachtete staunend das rege Treiben, während sie mit Françoise über den Hof lief. Beide hatten sie alle Hände voll mit dem gerupften Federvieh.
„Ist das nicht außergewöhnlich?“, raunte sie der älteren Frau zu.
„Von solch einem Fest habe ich noch nie gehört! Die Mägde und Knechte dürfen ein eigenes Fest feiern.“
„Tja, der Herr Vater von unserem jungen Seigneur war mit dem Gesinde eng verbunden! So mancher Fremde hat in ihm nicht den Herrn des Hauses erkannt. Und der junge Herr gleicht ihm in diesem Punkt allzu sehr. Aber der Herrin Constance war dies immer ein Dorn im Auge, wie er sich auf unseren Stand herabließ.
Das Fest wurde deshalb schon immer im frühen Sommer gefeiert, denn dann waren die großen Bälle in der Stadt und die Herrin oft für Monate fort. Für den seligen Seigneur ein Gräuel! Er ließ sie meist allein ziehen, verbrachte seine Zeit lieber hier draußen in der Abgeschiedenheit. Während die Herrin in der Stadt auf edlen Bällen tanzte, kam er zu uns heraus unter den freien Himmel. Er ließ sich nicht davon abhalten mitzutanzen. Vielmehr noch bereitete es ihm die größte Freude, allerlei verschiedene Instrumente zu spielen. Der junge Jean war ebenso gern mit dabei, wenn er mal nicht bei seiner Mutter bleiben musste. Doch seit dem Tod von Monsieur de Prey hat sich der junge Herr nie mehr richtig auf dem Fest gezeigt, hat sich allzu sehr zurückgezogen, der Junge. Schade um ihn!“
Sie waren inzwischen bei den anderen angekommen und ihr Gespräch brach ab. Jetzt galt es das Wild zu grillen.
Als die Sonne den Zenit überschritten hatte, wurde das Brot in großen Körben herangetragen. Krüge und Köstlichkeiten wurden auf den Tischen verteilt, die für alle eine Seltenheit waren: Pilztaschen, Beerenkuchen und gestampfte Butter mit frischen Kräutern.
Es war Jacques, der das Fest als Ältester eröffnete. Alle hatten sich um das große Feuer in der Mitte versammelt, von dem ihnen der köstliche Duft des Wildschweinbratens in die Nase stieg. Cathline kannte sie inzwischen alle bei ihren Namen: da waren Jacques und Francoise, die guten Seelen dieser Herde. Daneben Nicolas, der in seiner großen Erscheinung seiner Aufgabe als Verwalter alle Ehre machte. Ebenso als Vater seiner fünf Kinder. Giselle und Molette genossen die Aufmerksamkeit unter den jungen Knechten. Und dann gab es noch die zwei Familien von Eduard und Arnaud, deren Kinder bereits aus dem Kindesalter heraus waren. Sie alle vervollständigten den Bund des Gesindes.
Plötzlich wurde es still in ihrer Runde. Sie traten beiseite, um den Gang für Jean freizumachen, der sich zwischen Jacques und Nicolas dazugesellte. Jacques faltenüberzogenes Gesicht leuchtete mit einem breiten Grinsen auf.
„Nun, da wir alle vollständig versammelt sind, habe ich die Ehre, unser alljährliches Fest zu eröffnen. Unser seliger Seigneur de Prey hat vor mehr als zehn Jahren erstmals diesen ungewöhnlichen Wunsch an mich herangetragen. Ihm war daran gelegen, dass auch das Gesinde einen Tag der Gemeinschaft feiern soll. ,Warum nur die hohen Herrschaften, die doch nichts gemeinsam haben. Wie viel mehr ihr, die wir voneinander abhängig sind und Tag für Tag ein Leben in Verbundenheit führen.‘
So sagte es Euer Vater damals.“ Sein Blick suchte und fand den Jeans.
„Von diesem Tag an aß er, wann immer es ihm möglich war, zusammen mit uns Knechten und Mägden. Und Ihr, Jean, lebt weiter in dieser Tradition. Im Namen von uns allen danke ich Euch für das Vorrecht, Teil dieser Familie zu sein.“
Cathline schauderte bei den Worten Jacques. In jedem anderen Gut wäre er für solche Worte sofort vom Hof gejagt worden. Vielmehr noch war aber jeder Gutsbesitzer unter seinesgleichen verpönt, wenn er mit dem Gesinde in freundschaftlichem Verhältnis stand.
Cathlines Gedanken wurden unterbrochen, als Françoise Jacques das große Messer reichte und er konzentriert zum ersten Schnitt ansetzte. Ein lautes Johlen begleitete den scharfen Schnitt. Sicher legte er die dicken dampfenden Fleischscheiben auf die hingereichten Holztabletts.
Voll beladen trugen die Mädchen das köstliche Fleisch zu den langen Tischreihen, an denen man sich in der Zwischenzeit dicht zusammendrängte, damit jeder Platz fand. Cathline beeilte sich, beim Aufschneiden der Brotlaibe zu helfen. Einem jeden wurde eine dicke Scheibe gereicht, worauf wiederum das Fleisch gelegt wurde. Wieder oblag es Jacques das Dankgebet zu sprechen, und er tat es aus voller Inbrunst.
„Großer, herrlicher Gott. Wir danken dir für die Fülle an Gaben, die du uns das ganze Jahr hindurch geschenkt hast. Segne du unseren Herrn, der uns ein Leben in Frieden ermöglicht!“ Tränen standen ihm in den Augen. Seine Stimme schwankte. Das Essen hoch emporhebend, gab er einen ehrfürchtigen Anblick ab. Niemand wagte zu sprechen, bis er den ersten Bissen abgerissen hatte. Dann aber prosteten sich alle zu und es begann ein großes Schlemmen. Cathline hatte sich bis zuletzt am Rand der Tafel aufgehalten, bis auch der Letzte mit einer Brotscheibe versorgt war. Sie hatte Jacques im Stehen beobachtet und damit war ihr Blick frei über die Sitzenden geglitten. Dort saßen sie einer neben dem anderen, die ihr zu einer großen Familie geworden waren. Cathline gesellte sich zu Giselle und Molette.
Das gedämpfte Murmeln, währenddem sie alle ihr Essen genossen, verlor sich rasch, als der erste mächtige Appetit gestillt war, und wich fröhlichem Gejohle.
Ein paar der Männer waren unbemerkt aufgestanden und hatten ihre Instrumente herangeholt. Mit Geige, Laute und Flöte versuchten sie rasch eine gemeinsame Melodie zu finden. Bald schon hatten sich die drei aufeinander eingespielt und sie spielten ruhige Weisen. Nun fiel auch eine der Mägde mit ihrer sanften Stimme in das Stück mit ein. Verzaubert lauschten sie ihrem Gesang. Die Welt um sie herum mit allen Mühen und Sorgen war in dieser Zeit vergessen.
Als die drei Musiker eine schwungvolle Melodie anschlugen, standen die Jungen auf.
„Los auf, steht alle auf und tanzt mit!“ Man reichte sich die Hände und nun ging es im fröhlichen Reigen los. Lachend und juchzend tanzten sie um die Tafel, zogen einen weiteren Kreis um die Kochfeuer und kreisten schließlich um das große Feuer. Glückselig reihte sich Cathline in die Reihe der Tanzenden ein. Wie schön doch das Tanzen mit den anderen war! Alle Sorgen waren verschwunden. In diesem Augenblick war nur Musik, Bewegung und Lachen. Wie gut ihr das tat!
Schnell wechselten ihre Tanzpartner ab. Nicolas war an ihrer Seite, dann schon im nächsten Augenblick ein anderer. Frauen und Männer hatten sich in zwei Kreisen aufgestellt. Den inneren Kreis bildeten die Frauen und Mädchen. Ein jeder Mann nahm nun die vor ihm im Kreis stehende Frau, die sich bei ihm unterhakte und sie einer Polka gleich um sich selbst wirbelten, dann zog man weiter zum Nächsten. Schon war Nicolas wieder an Cathlines Seite. Beim Wechsel ließ er Cathline nicht gehen. Sein strahlender Blick hing an ihr und ließ sie nicht los. Und immer schneller und wilder ging es mal links, mal vor und wieder zurück. Laut auflachend versuchte Cathline die fremden Schritte zu finden. Auch wenn es ihr nicht immer gelang mitzuhalten, so spielte das in diesem Moment keine Rolle.
„Oh, Nicolas, verzeih. Ich kenne diese Schritte nicht. Wie oft bin ich dir schon auf die Füße getreten?“, lachte Cathline Nicolas entgegen. Frohen Herzens warf sie sich in den Arm, der sich ihr bot.
„Ich fürchte, ich bin ebenso ungeschickt.“ Womit er durchaus recht haben könnte, denn Cathline war bereits der Verdacht gekommen, dass nicht immer sie die falsch Tanzende war.
Inmitten dieses fröhlichen Reigens wurde sie allmählich gewahr, dass sie beobachtet wurde. Geblendet vom Schein des Feuers erkannte sie zunächst nicht die Gestalt, die dort auf der anderen Seite des Feuers gebannt an ihr hing. Mehr spürte sie seinen Blick, als dass sie ihn sah. Nicolas und sie tanzten weiter um das Feuer. Doch ihre Aufmerksamkeit war geteilt. Was hatte er eben gesagt?
„Cathline, willst du eine Pause machen?“ Unmerklich zuckte sie zusammen und kam völlig aus dem Takt. Auch Nicolas hatte innegehalten.
„Ist dir schwindlig, möchtest du etwas trinken?“, fragte er besorgt und umfing sie, fester als es eigentlich notwendig war.
„Nein, nein, lass uns noch ein wenig weitertanzen“, bemerkte sie in Gedanken versunken. Denn dort stand Jean, scheinbar in ein Gespräch mit Jaques vertieft, der sie unablässig beobachtete. Nur kurz konnte sie seine gelösten Züge erkennen. Dann war er aus ihrem Blickfeld verschwunden. Nun, da sie sich von ihm beobachtet wusste, fiel es ihr schwer, sich dem Tanz mit Nicolas hinzugeben. Eins ums andere Mal trafen sich ihre Blicke durch das Feuer hindurch.
Erschöpft hielten die Musiker inne, während die Tanzenden begeistert Beifall klatschten, auch ihnen war eine Erfrischung nicht ungelegen. Cathline senkte ihren Kopf und wandte sich ab. Sie konnte sich ihren plötzlichen Stimmungsumschwung nicht erklären. Warum fühlte sie sich denn nun derart traurig? Hatte sie nicht gerade noch im Hoch eines nie gekannten Glücksgefühls mit den anderen im Kreis getanzt? Nicolas war ihre plötzliche Verlegenheit nicht entgangen. Schnell ging er ihr einen Schritt nach und legte ihr wie selbstverständlich seinen Arm um. Sachte drehte er sie zu sich herum.
„Bist du wirklich in Ordnung?“, fragte er mit aufrichtig besorgter Miene.
Dankbar nahm sie seine ehrliche Frage wahr. Ganz warm wurde es in ihrem Inneren, und tatsächlich war ihr damit wieder viel wohler und so konnte sie ihm wahrheitsgemäß erwidern: „Ja, danke Nicolas. Du hast wunderbar getanzt! Aber“ – kurz hielt sie inne und konnte ihm nicht offen ins Gesicht schauen – „ich möchte kurz allein sein.“ Fragend spürte sie seinen Blick auf ihr.
Darmowy fragment się skończył.