Czytaj książkę: «Im Dialog mit dem Körper»

Czcionka:

Susanne Kersig

Im Dialog mit dem Körper

Mit Focusing und Achtsamkeit die Selbstheilungskräfte aktivieren


Arbor Verlag

Freiburg im Breisgau

Impressum

© 2021 Arbor Verlag GmbH, Freiburg

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2021

Lektorat: Georg Grässlin

Titelfoto: ©dmytro-tolokonov/unsplash.com


Umschlaggestaltung und Satz: mediengenossen.de

Dieses Buch stellt eine aktualisierte und erweiterte Ausgabe des Buches »Im Dialog mit dem Körper: Wie Sie mit Achtsamkeit Krankheitssymptome entschlüsseln und heilen« dar, das 2014 im Kösel Verlag, München erschien.

www.arbor-verlag.de

ISBN E-Book: 978-3-86781-360-0

Wichtiger Hinweis

Die Ratschläge und Übungen in diesem Buch sind von der Autorin sowie dem Verlag sorgfältig geprüft worden. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Bei Beschwerden sollten Sie auf jeden Fall eine Ärztin, Psychotherapeutin, Psychologin oder Heilpraktikerin Ihres Vertrauens zu Rate ziehen. Eine Haftung der Autorin oder des Verlages für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

Im Bemühen um einen Beitrag zu achtsamer Gendergerechtigkeit wechseln generisches Maskulinum und generisches Femininum im folgenden Text ab, stets beginnend mit dem Femininum. Ist dies sprachlich nicht möglich oder inhaltlich nicht präzise, werden auch bloßes Femininum, Alternativauszeichnungen oder ein Binnen-I verwendet. Ist nicht inhaltlich explizit auf eine Geschlechtsidentität hingewiesen, stehen beide Formen stets für Personen beliebiger, im jeweiligen Kontext irrelevanter Geschlechtsidentität.

Inhalt

Impressum

Vorwort zur Neuausgabe

Einführung

Das innere Wissen um Gesundheit aktivieren

Kapitel 1

Selbstverantwortung und Patientenkompetenz

Kapitel 2

Grundlage des Körperdialogs: Das Focusing

Unser Körper: Maschine oder wissender Organismus?

Kapitel 3

Placebo-Effekt, Selbstheilungskräfte und die Macht der inneren Bilder

Kapitel 4

Einstieg in die Körperdialoge

Wir beginnen mit dem Ziel

Kapitel 5

Die Grundhaltung der inneren Achtsamkeit

Absichtslos zum Ziel der Heilung

Dem Körper zuhören, statt ihn zu kontrollieren

Körper-Präsenz

Mit Nicht-Wissen zum Aha-Effekt

Heilende Freundlichkeit

Selbstmitgefühl kultivieren

Body Scan: Die Körper-Meditation

Kapitel 6

Den inneren Arzt oder die innere Heilerin aktivieren

Kapitel 7

Freiraum und Gesundheit

Freiraum schaffen: Der Gute Ort im Körper

Das Päckchen-Packen

Kapitel 8

Der Dialog mit einem Symptom

Mit Berührung arbeiten

Kapitel 9

Focusing mit verschiedenen Aspekten des Krankheitsgeschehens

Mit Gefühlen heilsam umgehen

Stimmige Therapieentscheidungen mit dem inneren Körperwissen treffen

Den Lebensstil verändern

Die Bedürfnisse hinter einer Erkrankung entdecken und ernst nehmen

Unterstützung erhalten

Übersicht über die Übungen

Gesundheitsplan

Und was sagt die Forschung?

Kapitel 10

Körperdialoge aus der Perspektive der Therapeutin / des Therapeuten

Ein achtsames Beziehungsmodell für die Mind-Body-Medizin

Freiraum, schöpferisches Zuhören und Intuition

Anhang

Downloads

Empfehlungen für die eigene Praxis

Über die Autorin

Literatur

Das Siegel der Wahrheit ist die Einfachheit.

HERRMANN BOERHAAVE (1668–1738)

Professor der Medizin und Chemie

Vorwort zur Neuausgabe

Dieses Buch handelt davon, wie man zu stimmigen und kreativen Erkenntnissen über den ganz eigenen Weg zur Gesundheit findet. Einsichten, die nicht nur im Geist, sondern auch im Körper etwas verändern, die man nicht nur denkt, sondern auch spürt. Wir alle kennen solche Momente als »Aha-Erlebnisse«. Danach fühlen wir uns wohl, in Übereinstimmung mit uns selbst und haben Klarheit darüber, wie wir uns verhalten wollen. Ich möchte Ihnen im Folgenden einen systematischen Weg zu solchen Einsichten zeigen und dabei die Themen behandeln, die ich für die Aktivierung der Selbstheilungskräfte und einen ganzheitlichen Weg zur Genesung für wesentlich halte.

Seitdem dieses Buch zum ersten Mal erschienen ist, sind weitere spannende Forschungsergebnisse über die Wirksamkeit unserer Gedanken, Gefühle und unseres Verhaltens auf unseren Körper und unsere Gesundheit erschienen. So hat Dr. Lissa Rankin in ihrem lesenswerten Buch Warum Gedanken stärker sind als Medizin (Rankin, 2014) hierzu viele wissenschaftliche Erkenntnisse zusammengetragen. Lange Zeit waren dies Aspekte, die ja eng mit unseren Selbstheilungskräften verbunden sind, durch die Erfolge der modernen Medizin in den Hintergrund der Aufmerksamkeit getreten. Nun führt uns aber die Wissenschaft immer mehr vor Augen, wie groß der Einfluss unserer Gedanken, Gefühle und Beziehungen auf unseren Körper ist, häufig sogar stärker als der von Medikamenten.

Auch die amerikanische Psycho-Onkologin Kelly Turner forscht zu diesen Fragestellungen. Sie hat 200 Personen interviewt, die entgegen aller Prognosen und oft ohne schulmedizinische Behandlung von ihrem Krebs nachhaltig geheilt wurden. In Ihrem Buch 9 Wege in ein krebsfreies Leben fasst sie die neun wichtigsten Faktoren, die nach Meinung der Betroffenen die unerwartete Krebsheilung unterstützt haben, zusammen. Interessant und für sie selbst auch überraschend war dabei, dass mit Ernährungsumstellung und Nahrungsergänzungs- bzw. Naturheilmitteln nur zwei der Faktoren physische Maßnahmen betrafen. Alle anderen waren psychologischer Natur: der eigenen Intuition folgen, Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen, unterdrückte Emotionen zulassen, positive Emotionen verstärken, soziale Unterstützung zulassen, die spirituelle Verbindung vertiefen und starke Gründe für das Leben haben.

Was Lissa Rankin und Kelly Turner herausgefunden haben, können Sie anhand dieses Buches in die Praxis umsetzen. Ich habe diese Neuausgabe um die entsprechenden neueren wissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt.

Seit dem ersten Erscheinen des Buches haben zahlreiche SeminarteilnehmerInnen, PsychotherapeutInnen, KörpertherapeutInnen, ÄrztInnen und PatientInnen das Buch gelesen, die Methoden angewendet und mir dazu Rückmeldungen gegeben. Das äußerst positive Echo hat mich sehr berührt.

In Vorträgen, die ich in Kliniken dazu gehalten habe, kam mir besonders von Seiten des therapeutischen Teams aber auch immer wieder eine Kritik oder Frage entgegen: »Verstärken Sie mit Ihrem Ansatz nicht auch die Schuldgefühle von Betroffenen?« Die Kehrseite davon, dass der Einfluss der Psyche auf unsere Gesundheit immer bekannter wird und wir zunehmend zur Selbstverantwortung aufgerufen werden, sind nämlich Schuld- und Versagensgefühle, besonders im Zusammenhang mit chronischen Erkrankungen. Nicht selten müssen sich Betroffene von ihrer Umgebung anhören, ihre Erkrankung sei wohl »psychisch« bedingt. Häufig ist eine solche Stigmatisierung durch das Umfeld belastender als die Symptomatik selbst. Kaum jemand wird aber freiwillig krank. Und nur weil Psyche und Lebensstil einen großen Einfluss auf unsere Gesundheit haben, sind nicht alle Symptomatiken auch psychisch bedingt. Es spielen fast immer mehrere Faktoren bei der Entstehung von Krankheiten eine Rolle, wie zum Beispiel Umwelteinflüsse, Viren, Bakterien, genetische und soziale Faktoren, die allesamt nur bedingt unter unserer Kontrolle stehen. Dieses Buch möchte, auch wenn es Mut macht, Verantwortung zu übernehmen und eigene Wege zu gehen, nicht zu einer omnipotenten Kontrollvorstellung von Gesundheit beitragen. Wir können viel für dafür tun, haben aber letzten Endes nicht alles im Griff. Die Corona-Pandemie ist dafür ein anschauliches Beispiel.

Wenn wir das implizite Körperwissen für unsere Genesung mit ins Boot holen, werden wir zurückhaltender darin, die Symptome anderer zu interpretieren. Die Beispiele in diesem Buch demonstrieren immer wieder, wie überraschend die tiefere Bedeutung ist, die ein Symptom für die betreffende Person hat. Von außen können wir dies fast nie nachvollziehen. Wir sollten uns daher lieber auf das Zuhören konzentrieren, statt andere zu interpretieren oder gar zu stigmatisieren.

Neben den bereits erwähnten neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Mind-Body-Medizin habe ich diese Neuausgabe meines Buches von 2014 ergänzt um:

 ein Kapitel über das Thema »Unterstützung erhalten«

 gesprochene Meditationsanleitungen zum Download

 und einen Gesundheitsplan aus der Sicht des idealen Inneren Arztes, der idealen Inneren Heilerin, ebenfalls zum Download.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen und Ausprobieren!

Einführung
Das innere Wissen um Gesundheit aktivieren

Jeder von uns hat einen inneren Arzt,der den Weg zur Heilung weiß.

ALBERT SCHWEITZER

Wenn wir uns in den Finger schneiden, können wir die Wunde desinfizieren und ein Pflaster darauf kleben. Die eigentliche Heilung geschieht aber im Körper selbst, durch dessen Fähigkeit zur Selbstheilung.

Wie können wir dieses durch die Placebo-Forschung wieder entdeckte Potenzial zur Selbstheilung nun ganz systematisch fördern und nutzen? Wie entschlüsseln wir die Sprache unserer Symptome? Wie aktivieren wir die Innere Ärztin oder den Inneren Arzt und wie verstehen wir, was sie oder er uns sagen möchte?

Jeder Mensch, jede Erkrankung und jede Situation ist einzigartig. So ist auch jeder Weg zur Gesundung, wenn man die inneren Ressourcen einbezieht, höchst individuell. Wie findet man aber seinen ganz eigenen Weg zur Genesung? Oder, wenn Genesung nicht möglich ist, wie findet man den für sich richtigen heilsamen Umgang mit einer chronischen Erkrankung? Wie trifft man im Dschungel medizinischer Angebote stimmige Therapieentscheidungen? Wie stärkt man die Lebensfreude, so dass dies die Genesung fördert? Wie geht man mit schwierigen Gefühlen wie Angst oder Wut, die eine Erkrankung häufig auslöst, auf eine Art um, dass sie nicht der Gesundheit zusätzlich schaden?

Meine Antwort auf diese Fragen lautet: Indem man lernt, auf achtsame Weise dem Körper zuzuhören und mit ihm in einen Dialog zu treten. In jedem von uns gibt es ein körperlich wahrnehmbares, intuitives Wissen um den nächsten Schritt in Richtung Gesundheit. Dieses Wissen ist kreativ, überraschend und kann weder von außen kommen noch von unserem Verstand gewusst werden. Die Antworten des Inneren Arztes, wie Albert Schweitzer dieses Wissen genannt hat, befinden sich in unserem Körper, manchmal sogar mitten in der Körper-Symptomatik selbst. Wir können lernen, darauf zu hören und seine Sprache zu verstehen.

Lassen Sie mich dies an einem Beispiel einer Klientin illustrieren:

Rückenschmerzen oder: Ich fühle mich wie angeschossen

Regina ist Software-Entwicklerin. Sie leidet seit einigen Wochen unter akuten Schmerzen im unteren Rücken. Es gibt bislang von ärztlicher Seite keine eindeutige Diagnose. Eine osteopathische Behandlung führte zwar zu einer Linderung der Symptomatik, aber nicht zu deren Verschwinden. Für den achtsamen Körperdialog schließt sie die Augen und beschreibt die Empfindungen an der schmerzhaften Stelle: »Es fühlt sich an wie ein größerer Pfeil im Inneren der unteren Wirbelsäule, der sticht und ist festgehakt. Ich fühle mich wie angeschossen … irgendwie verletzt«. Sie weint. »Es fühlt sich an, als wäre mir jemand in den Rücken gefallen.« Sie atmet auf. »Das passt ja haargenau auf meine Situation mit meinen Eltern! Die haben mich beim 70. Geburtstag meines Onkels kaum begrüßt und sind seitdem sehr abweisend. Im Rücken fühlt es sich an wie verletzt und verraten. Ich bin fassungslos darüber, wie sehr mich meine Eltern im Stich gelassen haben. Der Rücken wird warm und heiß, während ich jetzt spreche, wie ein innerer Aufruhr.« Nachdem sie der Verletzung und dem Ärger, der mit diesem Aufruhr verbunden ist, Raum gegeben hat, frage ich Regina, was dem Rücken guttun würde. »Ganz viel freundliche und mitfühlende Aufmerksamkeit. Vor meinem inneren Auge erscheint die Hand einer liebevollen Heilerin. Diese Vorstellung ist sehr entspannend und wohltuend. Der Rücken lässt sich jetzt in die Hand hinein sinken. Die Hand schließt die Wunde und schützt mich vor weiteren Angriffen. Die verletzte Stelle im Rücken möchte sich verletzt fühlen dürfen. Jetzt kann ich das mithilfe der Vorstellung der schützenden Hand im Rücken auch zulassen.« In der darauffolgenden Sitzung berichtet Regina, dass die Symptomatik nach dem Körperdialog deutlich gelindert ist. »Ich bin nicht mehr so verkrampft an der Stelle. Ich habe den Eindruck, da sitzt noch so einiges an Gefühlen und Themen, denen ich mich später noch einmal widmen möchte.«

Durch das achtsame Lauschen auf ihre Rückenschmerzen erkennt Regina, in welchem Lebenszusammenhang sie stehen (dem Gefühl von Verrat durch die eigenen Eltern) und sie weiß jetzt auch, was der nächste stimmige Schritt ist: mithilfe der vorgestellten schützenden Hand ihre Gefühle von Wut und Verletzung darüber zuzulassen.

Hätte Regina ihr inneres Wissen nicht entschlüsselt, wären ihr wichtige Informationen über den Weg zur Genesung entgangen. Der Heilungsprozess wäre unvollständig geblieben oder sogar ganz ausgeblieben.

Eigentlich geht es bei den achtsamen Körperdialogen um nichts Besonderes oder Spektakuläres. Es handelt sich nicht um eine neue oder esoterische Methode auf dem Markt der Heilungsangebote. Es geht um das Einfachste, Offensichtlichste und Kostengünstigste, das wir tun können, wenn wir erkranken: Unsere freundliche Aufmerksamkeit nach innen zu richten und den Körper sanft zu erforschen. Eigentlich ist es erstaunlich, wie selten dieses innere Zuhören auf den Körper geschieht!

Die Innenperspektive auf eine Erkrankung eröffnet uns unsere subjektive Sicht. Das innere Körperwissen stellt den Bezug einer Symptomatik zu unserer Lebenssituation her. Von innen her spüren wir unsere Lebendigkeit und unsere Fähigkeit zur Selbstheilung. Der äußere Arzt kann eine Diagnose stellen und uns Informationen über unseren Körper geben, die messbar sind, zum Beispiel Laborwerte, Röntgenaufnahmen oder ein EKG. Diese Informationen sind wichtig und wir sollten keinesfalls auf sie verzichten. Richten wir unsere Aufmerksamkeit dann nach innen, auf den von innen gefühlten Körper, kann aus den vielen medizinischen Details wieder ein zusammenhängendes Ganzes werden.

Das hier vorgestellte Vorgehen, wie Sie das innere Körperwissen um Heilung entschlüsseln und nutzen können, nenne ich Achtsame Körperdialoge. Diese Körperdialoge sind nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu einer fachlich-medizinischen Behandlung gedacht. Es geht darum, die Außenperspektive über eine Erkrankung und deren Behandlungsmöglichkeiten um die Innenperspektive- das subjektive innere Körperwissen- zu ergänzen. Erst wenn äußeres, medizinisches Faktenwissen und inneres, subjektives Wissen zusammenkommen, ergibt sich ein vollständiges Bild.

Die in amerikanischen Wissenschaftszentren entwickelte Mind-­Body-Medizin hat zum Ziel, die Wechselwirkung zwischen Bewusstsein, Gehirn, Körper und Verhalten positiv zu beeinflussen. Sie ist in den USA bereits weit verbreitet, während sie bei uns immer noch in den Kinderschuhen steckt. Die Grundlage der Mind-Body-Medizin ist die achtsame Wahrnehmung des eigenen Körpers. Darauf basierend lernen PatientInnen, wie sie ergänzend zu medizinischen Maßnahmen eigene Gesundheitsressourcen positiv nutzen und die eigenen Selbst-Heilungskräfte gezielt anregen können.

Im Dialog mit dem Körper versteht sich als ein Praxisbuch in Mind-­Body-Medizin und richtet sich sowohl an jede und jeden, die oder der an körperlichen Beschwerden leidet, als auch an TherapeutInnen. Geschieht dieses achtsame Wahrnehmen des Körpers auf eine bestimmte Weise, die ich in diesem Buch darstellen möchte, dann entspringen dem Körperempfinden Antworten, die uns in der Regel verblüffen und zutiefst Sinn ergeben. Wir haben dann ein wirkliches Aha-Erlebnis. Die überraschende Bedeutung unserer Symptome erweitert unser Lebensgefühl und wir erfahren körperlich spürbar, was der nächste stimmige Schritt zur Heilung oder Krankheitsbewältigung sein kann. Am Ende eines Körperdialoges fühlen wir uns in der Regel mehr mit uns selbst und unserer Umgebung im Einklang und schauen entspannter und akzeptierender auf unsere Beschwerden. Das Frappierende: Die Symptome haben in aller Regel auch eine Linderung erfahren, wenn sie nicht sogar ganz verschwunden sind.

Voraussetzung dafür, dass dieses innere Heilungswissen sich entfalten kann, ist eine freundliche, vorurteilsfreie und vollkommen offene Aufmerksamkeit für unsere Empfindungen im Körper.

Einen achtsamen Körperdialog können wir mit kleineren Symptomen wie zum Beispiel einem Schnupfen oder eine Sehnenscheidenentzündung durchführen, aber auch bei schwereren Erkrankungen wie Krebs oder Rheuma.

Ein achtsamer Dialog mit dem eigenen Körper

 bringt uns in einen fühlbaren Kontakt mit unseren Selbstheilungskräften. Diese können direkt erfahren werden und bleiben keine bloßen Vorstellungen.

 verursacht keine Schmerzen, sondern führt in der Regel zu mehr Wohlbefinden und zu einer Linderung der Symptomatik.

 ist fast immer überraschend und kreativ. Das, was unser Körper selbst zu unserer Gesundheit sagen möchte, können wir weder allein mit unserem Verstand vorausdenken noch mithilfe vorgefertigter psychosomatischer Hypothesen vorwegnehmen.

 führt dazu, dass Krankheiten oder Symptome, die zunächst als lästig oder unangenehm abgewehrt wurden, plötzlich in ihrem Zusammenhang zum eigenen Leben erkannt werden und Sinn ergeben. Das wiederum steigert die Akzeptanz und bringt meist Linderung oder gar Heilung.

 ist vom Ergebnis her präzise und wird von einem tiefen Gefühl von innerer Stimmigkeit begleitet.

 kostet nichts, wenn man ihn selbst durchführt.

 stärkt das Vertrauen in die Weisheit des eigenen Körpers, das durch die Erkrankung möglicherweise in Mitleidenschaft gezogen wurde.

 ist eigentlich gar nichts »Besonderes« – sondern das aller Einfachste, Nächstliegende und Selbstverständlichste!

Hier zwei weitere Beispiele aus meiner Praxis:

Chronische Müdigkeit

Die Arzthelferin Marianne leidet seit vielen Jahren unter chronischer Müdigkeit. Die Schulmedizin konnte ihr nicht weiterhelfen. Im Rahmen eines achtsamen Körperdialoges tauchen relativ rasch Bilder aus ihrer Kindheit auf, die ihr unangenehm sind und die sie zunächst wegschieben möchte, da sie für ihren Verstand nichts mit der Symptomatik zu tun haben. Nachdem sich die Bilder aber immer wieder vor ihr inneres Auge drängen, gibt sie ihnen wohl oder übel Raum. »Es sind Erinnerungen aus meiner Kindheit. Für meine Mutter war ich eine Last. Sie wollte immer ihre Ruhe haben. Für sie war es am angenehmsten, wenn ich mich nicht bewegte, schön still war oder besser noch schlief. Wenn ich das noch einmal auf mich wirken lasse, spürte ich eine enorme, mich erschütternde, bis jetzt unterdrückte Wut. Jetzt wird mir ganz klar: Wenn ich nicht bereit bin, diese Aggressionen zu fühlen, sacke ich in mich zusammen und werde schläfrig. Jetzt, wo ich mir erlaube, dorthin zu spüren, setzt das ungeahnte Energien in mir frei, die mich aber auch noch ein wenig beängstigen. Neben dieser Angst empfinde ich jetzt aber auch eine große Lust, weiter zu forschen und diese Energien ins Leben zu bringen!«

Schmerzen im Schultergelenk

Konstanze pflegt seit Jahren ihren Mann, der nach einem Schlaganfall viel Zuwendung von ihr verlangt. Sie ist 63 Jahre alt und leidet seit ein paar Wochen unter Schmerzen im rechten Schultergelenk. Diese ziehen sich über den Oberarm bis in den Unterarm hinein. Krankengymnastische Behandlungen blieben bisher ohne Erfolg. Ich lade sie ein, ihre Augen zu schließen und bei der schmerzenden Symptomatik in ihrem Schultergelenk zu verweilen, ohne etwas zu tun. »Es fühlt sich an, als würde ich einen viel zu schweren Rucksack tragen.« Sie seufzt. »Das passt sehr genau zu meiner Situation mit meinem kranken Mann. Ich will sie tragen und ertragen, aber sie ist zu schwer.« Auf meine Frage hin, ob die Schulter etwas dazu sagen möchte, spürt sie in sich hinein. »Die sagt: schultere dir nicht mehr so viel auf, gönn’ dir mehr Freizeit. Fang an, Nein zu sagen. Denk erst mal an dich.« Sie schweigt. Dann äußert sie: »Wenn ich jetzt in die Schulter fühle, merke ich, dass das Ziehen fast verschwunden ist.«

Unsere Symptome enthalten meistens, wenn wir ihnen zuhören, einen Bezug zu unserem Leben. Sie sind häufig so etwas wie verschlossene Briefe, die eine wichtige, lebensförderliche Botschaft für uns haben. Nur wir selbst können ihre Botschaft empfangen. Das Problem ist, dass wir die Sprache dieser »Briefe« nicht unmittelbar verstehen. Die Symptome teilen sich uns nicht in Worten mit, sondern in Empfindungen. Der Druck im Bauch, die Schmerzen im Rücken, die Entzündung im Schultergelenk, das Brennen, Ziehen oder Stechen – wir haben erstmal keine Ahnung von deren Bedeutung. Wir brauchen etwas, um diese Empfindungen in Worte oder Bilder zu übersetzen, die wir verstehen und die für uns Sinn ergeben.

Für mich hat sich das Focusing dabei als besonders hilfreich erwiesen.

Körperwissen systematisch Entschlüsseln: Das Focusing

Die von dem Philosophen und Psychotherapeuten Eugene Gendlin entwickelte Selbsthilfe- und Therapiemethode Focusing bietet uns einen systematischen und pragmatischen Weg, um körperliche Empfindungen in Sprache zu übersetzen und damit unser inneres Heilungswissen zu entschlüsseln. Dabei ist es einfacher als man denkt, die Sprache der Symptome zu verstehen. Das Focusing entspricht in vielerlei Hinsicht dem natürlichen Prozess von Selbstheilung. Es sagt uns aber nicht wie ein psychologischer Ratgeber, dass zum Beispiel unser niedriger Blutdruck dafür spricht, dass wir Konflikte vermeiden, sondern es bringt uns Zuhören bei, das achtsame Lauschen, bei dem wir über den Körper den nächsten Schritt in Richtung Gesundheit finden.

Benutzen wir Focusing auf dem Weg zur Genesung, so wird uns kein vorgefertigter Plan für unseren Weg mitgegeben. Es sagt uns keiner »Tu dies oder lass jenes, und du wirst gesund.« Stattdessen zeigt uns unser Körperwissen wie ein Kompass den nächsten Schritt.

Das Focusing stellt uns die Haltungen und Methoden zur Verfügung, die wir brauchen, um unser inneres Wissen um Heilung und Gesundheit in Sprache oder Bilder zu übersetzen und damit zu aktivieren.

Vorschau auf den weiteren Verlauf des Buches

Bevor ich darstelle, wie Sie mithilfe von Focusing achtsame Körperdialoge durchführen können, möchte ich zunächst darauf eingehen, wie wichtig es ist, dass wir selbst die Verantwortung für unsere Gesundheit übernehmen (Kapitel 2). Nach einer kurzen Erläuterung, was Focusing ist, gehe ich auf die Macht des Geistes und der inneren Bilder, auch anhand des Placebo-Effekts ein (Kapitel 3). Sie können daraus ersehen, wie wichtig die Körperdialoge für die Aktivierung der Selbstheilungskräfte sind. Die konkreten Körperdialoge beginnen wir damit, ein Ziel zu formulieren (Kapitel 4). Danach beschreibe ich in Kapitel 5 die Grundhaltung der inneren Achtsamkeit mit ihren heilenden Qualitäten vor. In der Praxis hat es sich bewährt, vor der konkreten Symptomerforschung ein Symbol für den Inneren Arzt oder die Innere Ärztin zu finden (Kapitel 6). Anschließend wird in Kapitel 7 das Prinzip Freiraum, das die Voraussetzung für einen Körperdialog ist, mit Übungen dargestellt. Lesen Sie in Kapitel 8, wie die eigentliche Auseinandersetzung mit Symptomen und deren Entschlüsselung verlaufen kann, auch mithilfe der Kunst der achtsamen Berührung. Im Kapitel 9 stelle ich dar, wie Sie mithilfe von achtsamen Körperdialogen alle Aspekte einer Erkrankung beleuchten und Antworten nachstehende Fragen erhalten:

 Wie kann ich mit den Gefühlen, die mit dem Krankheitsprozess verbunden sind, heilsam umgehen?

 Welche Gedanken und Einstellungen über meine Erkrankung sind wirklich heilsam?

 Wie treffe ich im Dschungel der Heilungsangebote gute, für mich stimmige Therapieentscheidungen?

 Wie erkenne ich mögliche, die Krankheit aufrechterhaltende Faktoren? Wie kann ich diese ggf. loslassen und die Bedürfnisse, die sich durch diese Symptomatik ausdrücken, besser befriedigen?

 Wie möchte ich mich bezüglich meiner Krankheit verhalten, sodass meine Handlungen mit meinen Empfindungen und mit meiner inneren Stimme übereinstimmen?

 Wie finde ich die soziale Unterstützung, die ich für meine Gesundung brauche?

Kapitel 10 richtet sich in erster Linie an TherapeutInnen und ÄrztInnen. Dort stelle ich zunächst ein achtsames Beziehungsmodell vor und ergänze einige Aspekte der achtsamen Grundhaltung für TherapeutInnen. Focusing und Achtsamkeit in die eigene Arbeit zu integrieren bedeutet nicht zwangsläufig, andere in Körperdialogen anzuleiten. Wesentlicher ist das Handeln aus dem eigenen Felt Sense, aus der eigenen Mitte. Das Buch schließt mit Aussagen von MedizinerInnen über die Erfahrungen mit Focusing in ihrer Praxis und mit weiteren Informationen.

Ich habe zur Anschaulichkeit die meisten Übungen durch Fall-Beispiele illustriert. Diese Beispiele stammen entweder von KlientInnen aus meiner psychotherapeutischen Praxis – die Prozesse habe ich mit­stenografiert – oder von meinen SeminarteilnehmerInnen, die sie im Nachhinein selbst protokollierten. Die Namen wurden zum Zwecke der Anonymisierung geändert, teilweise auch die biographischen Daten. Für die bessere Lesbarkeit habe ich mir erlaubt, die Dialoge zu kürzen und zusammenzufassen.

Einladung zur Selbsterfahrung

Ein Gramm Praxis wiegt mehr als tausend Tonnen Theorie auf.

SPRICHWORT

Wenn wir wissen wollen, wie eine Mango schmeckt, müssen wir sie essen, sagt ein Sprichwort. Sie halten momentan nur eine Landkarte für einen Prozess in Ihren Händen. Wollen Sie wirklich wissen, wie sich ein achtsamer Körperdialog anfühlt, dann reicht es nicht aus, ein Buch zu lesen, denn damit allein können Sie es nicht lernen. Focusing muss persönlich erfahren werden. Im Dialog mit dem Körper möchte aber ein Anstoß dazu sein, sich selbst auf den Weg des inneren Zuhörens zu begeben. Viele der vorgeschlagenen Übungen können Sie entweder selbst­ständig mithilfe der gesprochenen Meditationsanleitungen oder mithilfe einer achtsamen Zuhörerin oder einer Begleiterin durchführen wie zum Beispiel zum Beispiel einem guten Freund oder einer Freundin. Sobald jemand Sie mitfühlend begleitet, ohne sich inhaltlich einzumischen, werden Ihre Körperdialoge sehr an Tiefe gewinnen. Gleichzeitig wird es Ihnen leichter fallen, beim Strom Ihres inneren Erlebens zu bleiben und nicht gedanklich abzuschweifen. Manche Übungen können tiefer gehen, wenn Sie die Selbsthilfemethode des Focusings in einem Seminar oder besser noch in einer Weiterbildung systematisch erlernen oder wenn Sie eine geschulte Focusing-Therapeutin oder -Therapeuten aufsuchen, um sich von dieser bzw. diesem begleiten zu lassen. Adressen finden Sie im Anhang dieses Buches.

Mit der Einladung zur Selbsterfahrung möchte ich auch die Ermutigung verbinden, dem, was ich schreibe, nicht einfach blind Glauben zu schenken. Prüfen Sie bitte alles anhand Ihrer eigenen Erfahrungen und machen Sie diese zu Ihrem Maßstab. Mein Anliegen ist, dass Sie selbst zu Ihrer eigenen inneren Wahrheit finden und dieser dann treu bleiben. Dazu gehört auch, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen.

Kapitel 1
Selbstverantwortung und Patientenkompetenz

»You can go your own way!« sang die Band Fleetwood Mac in den 70er Jahren. Den eigenen Weg gehen – gilt das auch für unsere Rolle als Patien­tinnen und Patienten? Sollten wir uns bei medizinischen Entscheidungen nicht einfach denjenigen anvertrauen, die ein langes Studium absolviert haben und schließlich ExpertInnen auf diesem Gebiet sind? Oder sollten wir uns vielleicht auch einmal fragen, wer letztendlich die Verantwortung für unsere Gesundheit trägt? Im ÄrztIn-PatientIn-Verhältnis hat sich in Hinblick auf diese Fragen in den letzten Jahrzehnten einiges verändert.

Als junge Psychologin arbeitete ich Mitte der 80er Jahre in einer Rehabilitationsklinik in einem winzigen Dorf im Schwarzwald. Zu uns kamen PatientInnen mit orthopädischen und internistischen Problemen sowie mit Augenerkrankungen. Ich war offen gestanden zunächst schockiert darüber, wie sich viele PatientInnen in der Sprechstunde darstellten: Sie erwarteten, von unserem Team behandelt, therapiert und am besten täglich massiert zu werden, ohne etwas an ihrem – aus meiner Sicht häufig krankmachenden – Lebensstil verändern zu wollen. Eines Tages hielt ich in Anwesenheit meines Chefs, eines freundlichen, aber etwas ­ängstlichen Internisten, eine flammende Rede und bat die ­PatientInnen darum, die Klinik nicht wie eine Kfz-Werkstatt zu betrachten, nicht wie einen Ort, an dem man herumliegen kann, um sich Medikamente einträufeln und passiv therapieren zu lassen. Mein Chef kräuselte während meiner Ansprache zunächst die Stirn und warf mir zunehmend böse Blicke zu, die mir zu verstehen gaben, ich möge mit diesem Unsinn bitte umgehend aufhören. Im anschließenden Gespräch mit ihm begriff ich, dass er nicht nur Angst davor hatte, ich könnte unsere Patienten mit meiner norddeutschen Direktheit vor den Kopf stoßen, sondern dass er sich mündige Patienten gar nicht unbedingt wünschte!

Mittlerweile befinden wir uns in der Gestaltung der ÄrztIn-PatientIn-Beziehung an einem Wendepunkt. Über Jahrhunderte hinweg sollten PatientInnen nur passiv sein und den Anweisungen ihres – meist männlichen–Arztes möglichst Folge leisten, ohne viel nachzufragen. Noch in den 60er Jahren wurden den PatientInnen Diagnosen zum Teil nicht mitgeteilt, oder sie wurden nur unzureichend über ihre Erkrankung informiert. Diese Haltung prägt unsere Gesellschaft immer noch tief. Nicht selten geben wir auch heute noch die Verantwortung für unsere Genesung blind an die behandelnden ÄrztInnen ab.

Warum aber ist es so entscheidend, dass wir sie selbst übernehmen?

Eine ÄrztIn kann uns mit medizinischen Informationen und messbaren Parametern versorgen, sie kann aber unseren Körper nicht von innen fühlen. Sie kennt weder unsere Lebenssituation noch unsere inneren Konflikte. Letztendlich können nur wir die Bedeutung unserer Symptomatik finden, nur wir können unseren Lebensstil in Richtung Gesundheit verändern. Die Ärztin oder der Arzt kann uns darin begleiten und unterstützen.

Des Weiteren ist die Datenlage in der Medizin ist nicht so gesichert, wie es von außen erscheinen mag. Aus verschiedenen Gründen musste ich selbst wegen der Behandlung meiner Schilddrüsen-Unterfunktion mehrmals die ÄrztIn wechseln. Die erste Ärztin diagnostizierte vor ca. 22 Jahren bei mir Hashimoto-Thyreoiditis, eine Autoimmun-Erkrankung, bei der sich die Schilddrüse selbst zerstört. Diese Erkrankung sei ­chronisch, ich müsse damit leben, bräuchte mir aber keine Gedanken darüber zu machen, da man sie mithilfe von Schilddrüsen-Hormonen gut in den Griff bekäme. Ich nahm und nehme die empfohlenen Hormone bis heute ein. Zehn Jahre später zog ich aus Süddeutschland nach Hamburg. Dort suchte ich erneut einen Spezialisten auf, um meine Schilddrüse kontrollieren zu lassen. Dieser Professor erläuterte mir, dass ich nie eine Hashimoto-Thyreoiditis gehabt hätte, die Datenlage sei eindeutig. Ich fühlte mich erleichtert. Als ich auf Anraten einer Heilpraktikerin Jahre später doch noch einmal abklären wollte, ob ich denn nun eine Hashimoto-Thyreoiditis habe oder nicht, konsultierte ich einen weiteren, sehr erfahrenen Endokrinologen. Dieser Facharzt sagte nach Auswertung aller Ergebnisse, er könne mir nicht sagen, ob ich diese Erkrankung hätte, vielleicht sei sie auch ausgeheilt, es sei aber auch egal, denn es würde an der Therapie nichts ändern. Nachdem dieser Spezialist eine astronomisch hohe Rechnung ausgestellt hatte, ging ich bei der nächsten fälligen Kontrolle der Schilddrüse zu einer mir von verschiedenen Seiten empfohlenen Endokrinologin. Diese kam zu dem Schluss: »Sie haben eindeutig eine Hashimoto-Thyreoiditis. Diese Erkrankung kann nicht ausheilen, sie ist chronisch.« Sie verordnete zusätzlich zu den Schilddrüsen-Hormonen die Einnahme von Selen und empfahl mir ein Buch über Leben mit Hashimoto-Thyreoiditis.

Vier ÄrztInnen, drei Meinungen. Diese verwirrenden Ergebnisse liegen meiner Ansicht nach nicht an der Inkompetenz der von mir aufgesuchten Fachleute – es waren alles erfahrene und angesehene VertreterInnen ihres Faches –, sondern daran, dass die Fakten in der Medizin eben häufig nicht so eindeutig sind, wie wir sie gerne hätten. Dies betrifft nicht nur die Diagnosen, sondern auch die Therapien. »Man glaubt es kaum, aber die meisten medizinischen Behandlungsmethoden können sich nicht auf wirklich gutes quantitatives Belegmaterial berufen,« so der angesehene Medizinprofessor und Direktor des Stanford Prevention Research Centers, John Ioannidis (Freedman 2010). Viele Studien, die in ­renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht wurden, werden zum Beispiel kurze Zeit später von anderen, weiteren Studien zur gleichen Frage widerlegt.

Hinzu kommt, dass nicht alle medizinischen Empfehlungen ausschließlich zum Wohle der PatientInnen getroffen werden. Kliniken und Praxisbetreiber stehen mittlerweile unter einem großen Druck, hohe Renditen zu erzielen. So wird in Deutschland wesentlich häufiger operiert als in anderen Ländern. Einer Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zufolge gibt es bei uns zum Beispiel jährlich 70 000 Schilddrüsenoperationen, wobei bei 90 Prozent der Eingriffe keine bösartigen Veränderungen vorliegen. Auch seien 70 Prozent der Verordnungen für Magensäureblocker, die zu den am häufigsten verordneten Medikamenten zählen, medizinisch nicht notwendig (IGES 2019).

Darüber hinaus sind ÄrztInnen immer wieder gezwungen, Interventionen anzuordnen, die ihnen selbst nicht sinnvoll erscheinen, um sich gegen Schadensersatz-Prozesse abzusichern. Obwohl zum Beispiel mehr als 20.000 AmerikanerInnen im Jahr an krankenhausbedingten Infektionen sterben und Intensivstationen in dieser Hinsicht am gefährlichsten sind, kann es sein, dass ein behandelnder Arzt die Verlegung dorthin anordnen muss, auch wenn sie ihm im Einzelfall nicht richtig erscheint. Nur so kann er sich vor möglichen Rechtsansprüchen klagender Angehöriger absichern. Prof. Gerd Gigerenzer spricht von einer tickenden Zeitbombe im Gesundheitssystem und meint damit den drohenden Vertrauensverlust von Patienten angesichts ärztlicher Entscheidungen, die nur dem Selbstschutz vor Klagen oder dem eigenen Profit dienen und nicht das Patientenwohl als oberste Prämisse haben (Gigerenzer 2013).

Angesichts dieser Gründe macht es zutiefst Sinn, dass wir die Verantwortung für die eigene Gesundheit nicht blind abgeben, sondern selbst übernehmen. Das bedeutet, dass wir uns bei weitreichenden medizinischen Maßnahmen umfassend informieren, vielleicht auch eine zweite Meinung einholen, bevor wir eine Therapieentscheidung verantwortlich treffen. Besonders bei chronischen Erkrankungen bedarf es der aktiven Übernahme von Verantwortung von Betroffenen und den Mut, den eigenen Weg zu gehen, manchmal eben auch gegen ärztlichen Rat oder gegen drängende Angehörige, indem wir unserer inneren Überzeugung und dem inneren Körperwissen treu bleiben. Studien über PatientInnen, die entgegen aller ärztlichen Prognosen ihre Krebserkrankung besiegt haben, ergaben, dass sie allesamt für ihre Gesundheit selbst Verantwortung übernommen haben, natürlich nicht ohne medizinischen Rat (Turner 2015).

Dabei muss man als betroffene Person damit rechnen, vom medizinischen Fachpersonal nicht immer freundlich behandelt zu werden, wenn man die Kontrolle über die eigene Genesung selbst übernimmt. Der amerikanische Psychoonkologe Lawrence LeShan schrieb in seinem lesenswerten Buch Diagnose Krebs, Wendepunkt und Neubeginn (LeShan 1993), dass er sich oft Sorgen um seine PatientInnen machte, wenn er sie in der Klinik besuchte und das Personal ihn besonders freundlich empfing. Er schlussfolgerte daraus, dass sein Patient oder seine Patientin angepasst ist. Wurde er hingegen vom Personal eher grimmig begrüßt, weil ein(e) PatientIn sich aufmüpfig verhielt, freute er sich, denn so wusste er, dass diese(r) auf dem Wege der Besserung war.

PatientInnen sind heute wesentlich aufgeklärter und selbstverantwortlicher, und möchten, dass ihnen MedizinerInnen partnerschaftlicher begegnen als noch vor einigen Jahrzehnten. Vielleicht wird ja der Begriff »Patient«, lateinisch »geduldig, aushaltend, ertragend«, eines Tages durch das passendere Wort »Agent«, also jemand, der handelt, ersetzt – das wünscht sich Harald Walach, der ehemalige Leiter des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Europa-Universität Viadrina. (Walach 2011)

»Die Kraft des Arztes liegt im Patienten«, erkannte Paracelsus bereits im 16. Jahrhundert. Medikamente und Operationen können den Heilungsprozess unterstützen und anregen. Letztendlich findet er aber im Körper und Geist der Betroffenen statt, mithilfe ihrer Fähigkeit zur Selbstheilung. Um als PatientInnen die eigene Kompetenz und Verantwortung voll ausschöpfen und wirklich das Steuer in die Hand nehmen zu können, brauchen wir neben einer guten fachlich-medizinischen Begleitung auch Wissen und Methoden, um die Sprache unseres ­Inneren Arztes / unserer Inneren Heilerin zu verstehen und zu nutzen. Dieses Wissen möchte ich Ihnen in dem vorliegenden Buch an die Hand geben.

Kapitel 2
Grundlage des Körperdialogs: Das Focusing

Eugene Gendlin, der Begründer der Selbsthilfemethode des Focusings, ist ein 1926 in Österreich geborener und 2017 in den USA verstorbener Philosoph und Psychotherapeut, der in New York lebte, schrieb, therapierte und unterrichtete. Faszinierend waren für mich seine Augen: Wach, lebendig, warm und eine Tiefe ausstrahlend. Wenn er sprach, wirkte es häufig auf mich so, als kämen seine Worte nicht aus dem Vorratsspeicher seines Gedächtnisses, sondern als würden sie in diesem Moment völlig frisch aus seiner Intuition und seinem jetzigen Erleben geformt. Sprache mit ihren Worten, Vorstellungen und Konzepten hat ja oft die Eigenschaft, die Welt in ihre Einzelteile zu zerlegen und zu trennen. Nicht so bei Gendlin. Sprach er, empfand man beim Zuhören ein tiefes Gefühl von Verbundenheit. Es war so, als kämen seine Worte aus einer tieferen Schicht seines Bewusstseins, in dem alle Dinge eins sind und in Verbindung miteinander stehen.

Als junger Mann arbeitete er in Chicago an einem Forschungsprojekt von Carl Rogers mit, dem Begründer der Klientenzentrierten Psychotherapie. Die Fragestellung des Projektes war: Was wirkt eigentlich in einer Psychotherapie? Um diese Frage zu beantworten, nahm man ­tausende Therapiesitzungen unterschiedlicher Richtungen und verschiedener TherapeutInnen auf Tonband auf und wertete sie aus. Dabei machte Gendlin eine erstaunliche Entdeckung: Ob eine Klientin oder ein Klient mit der Therapie Erfolg haben würde oder nicht, hing gar nicht so sehr von der gewählten Psychotherapie-Methode oder von der Persönlichkeit des Therapeuten bzw. der Therapeutin ab, wie man vielleicht vermuten würde, sondern in erster Linie von den Betroffenen selbst! An der Art, wie sie ihr Problem in der ersten Sitzung vortrugen, konnte man zuverlässig vorhersagen, ob die Therapie zu den gewünschten Veränderungen führen würde oder nicht. KlientInnen, die beim Sprechen auch manchmal innehielten, seufzten, stammelten, nach einem Wort rangen, Menschen also, bei denen die Sprache mit dem Körper verbunden war, zeigten im Laufe des therapeutischen Prozesses die gewünschten Veränderungen. Redete aber eine Person ohne sichtbare emotionale Beteiligung über ihr Problem, hatte sie später auch nicht den gewünschten Therapieerfolg.

Was machten denn nun »erfolgreiche« KlientInnen anders als die Nicht-Erfolgreichen? Offenbar spürten sie in ihren Körper hinein, während sie sprachen. Sprache und inneres Erleben waren also miteinander verbunden.

Gendlin untersuchte dieses Phänomen umfassend und bildete es in einer Methode ab, die er Focusing nannte. Es handelt sich beim Focusing demnach nicht um etwas vollständig Neues, sondern das Focusing systematisiert nur einen Prozess, den wir alle kennen, wenn wir eine Einsicht haben, die nicht nur kognitiv ist, sondern uns verändert. Ein Aha-­Erlebnis, eine körperlich gefühlte Erkenntnis, die uns aufatmen lässt, die unser Lebensgefühl erweitert und uns anders handeln lässt als zuvor. Wie kommt es nun zu einem derartigen Aha-Effekt?

Gendlin hat diesen organismischen Prozess in sechs Schritten abgebildet, um ihn als Methode lehrbar zu machen. Wir brauchen dafür zunächst ein Thema, eine Fragestellung. Das Thema könnte z. B. sein: Was hindert mich daran, gesund zu werden?

Die sechs Schritte im Focusing

1 Zu Beginn des Prozesses schaffen wir Freiraum, um genügend Abstand zu haben, damit etwas Neues passieren kann (vgl. Kapitel 7).

2 Der Felt Sense: Nun lassen wir das Thema auf uns wirken und achten darauf, wie es sich in unserem Körper anfühlt, welche körperlich gefühlte Resonanz es auslöst. Diese Resonanz, z. B. ein mulmiges Gefühl im Bauch, wird Felt Sense genannt. In ihr steckt die ganze Bedeutung, die ein Thema für uns hat. Verweilen wir bei ihr mit absichtsloser Aufmerksamkeit, entfaltet sich von alleine der Sinngehalt des Themas. Es entstehen Bilder, Worte, Gefühle oder Gesten, die unser inneres Erleben ausdrücken und bewusst machen. Passen diese Symbolisierungen des Felt Sense, dann spüren wir, dass durch sie eine Veränderung des Bauchgefühls geschieht: Es wird entweder stärker, nimmt ab oder verwandelt sich in ein anderes Empfinden.Im Deutschen wurde der Begriff Felt Sense (etwa: »gefühlte Bedeutung«) beibehalten, da es sich um ein Kunstwort von Eugene Gendlin handelt, das deutlich mehr bezeichnet, als Sprache aussagen kann, und sich insofern schlecht übersetzen lässt.

3 Wir begrüßen und benennen das, was wir wahrnehmen, und verweilen dann absichtslos dabei. Vielleicht tritt als Felt Sense ein Druck in der Magengegend auf. Diesen »Druck« nennt man einen Griff. Damit haben wir schon etwas vom Felt Sense, aber noch nicht seine ganze Bedeutung.

4 Jetzt vergleichen wir die von selbst auftauchenden Symbole (Worte, Bilder, Gefühle, Körperempfindungen oder Bewegungen) mit dem inneren Erleben. Aus dem Wort »Druck« wird vielleicht eine Steinplatte, die erdrückend wirkt. Im Spüren und Symbolisieren findet der Kernprozess des Focusings statt.

5 Wenn es stockt, können wir Fragen stellen, z. B.: Passt diese Steinplatte zu irgendetwas in meinem Leben? Gibt es etwas, das sich so ­erdrückend anfühlt wie diese Steinplatte? Plötzlich taucht die Erinnerung an eine kranke Schwester auf, auf die wir Rücksicht nehmen mussten. Wir erkennen, dass wir uns innerlich Heilung nicht vollständig erlauben, um die Schwester nicht noch mehr in den Schatten zu stellen. Diese Erkenntnis führt zu einer Erleichterung – dem Felt Shift. Wir atmen auf, die Steinplatte ist kaum noch spürbar. Ein Felt Shift ist ein körperlich gefühltes Aha-Erlebnis. Wenn aus dem Felt Sense eine Symbolisierung aufgetaucht ist, die zu unserem inneren Erleben passt, eine neue Erkenntnis oder Einsicht, atmen wir auf und der Felt Sense verändert sich fühlbar.

6 Zum Schluss schauen wir, was es braucht, um die neue Erkenntnis anzunehmen und vor möglichen kritischen Stimmen zu schützen.

Anwendungsmöglichkeiten von Focusing

Das Focusing ist eine Methode der Therapie und Selbsthilfe, die man

 mit sich alleine durchführen kann. Dies ist die schwierigste Anwendungsform, denn hierbei muss man gleichzeitig focussieren und sich selbst begleiten. Die Gedanken können leicht abschweifen. Deshalb kann es hilfreich sein, sich während des Prozesses Stichworte zu machen.

 zu zweit, als partnerschaftliches Focusing: machen kann. Man schließt sich dabei mit einer Person zusammen, die möglichst ein wenig Focusing gelernt hat oder einfach eine gute Zuhörerin ist und durch ihre Aufmerksamkeit den Prozess begleitet. Dies ist die häufigste Anwendungsform des Focusings.

 als Form der Psychotherapie oder Beratung professionell anwenden kann: Hierzu braucht es eine Therapieausbildung in Focusing. Wie Sie einen geschulten Focusing-Therapeuten oder eine Therapeutin, finden lesen Sie bitte im Anhang des Buches.

 mit vielen anderen Methoden, wie zum Beispiel Homöopathie, Osteopathie, Kunsttherapie oder Alexandertechnik gut verbinden kann.

Die vorgeschlagenen Körperdialoge können Sie also entweder allein durchführen oder mithilfe eines (Focusing-) Partners oder eines gelernten Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin. Je nachdem, wie gut Sie sich selbst oder wie gut Ihr Partner bzw. Ihre Therapeutin zuhören und begleiten können, wird Ihr Prozess an Tiefe gewinnen. Für den Kernprozess »Focusing über ein Symptom« in Kapitel 8 empfehle ich auf alle Fälle, sich kompetent begleiten zu lassen. Dieser Prozess ist in der Regel zu komplex, um ihn allein durchzuführen.

Da das Focusing ein natürlicher Prozess ist, können Sie die Körper­dialoge oder Elemente aus den Körperdialogen auch mit anderen Methoden, die Sie bereits kennen, verbinden. Voraussetzung ist, dass Sie die Haltung der inneren Achtsamkeit und Absichtslosigkeit dabei nicht verlassen und dass Sie aus dem eigenen Felt Sense heraus handeln, wie ich es in Kapitel 10 näher erläutert habe.

Unser Körper: Maschine oder wissender Organismus?

»Ich habe Körperingenieurs-Wissenschaft studiert«, seufzt unser Nachbar, ein junger, engagierter, vom Medizinbetrieb jedoch desillusionierter Psychiater und lässt die Schultern hängen. Das Modell des Körpers als einer Maschine beeinflusst immer noch unser vorherrschendes Medizinsystem. Der Philosoph René Descartes (1556 -1650) schrieb in seiner Abhandlung über den Menschen, der Mensch gleiche einer Maschine, sein Herz zum Beispiel wie ein Ofen funktioniere. Dieses Maschinenparadigma durchdringt unser medizinisches Verständnis vom Körper, Krankheit und Heilung erstaunlicherweise bis heute. Es hat in der westlichen Medizin ein enormes Detailwissen hervorgebracht sowie eine Akut-Medizin, die teilweise hervorragende Heilungserfolge vorweisen kann, von denen wir alle profitieren. Eine Schattenseite dieses Körperverständnisses ist aber, dass das große Detailwissen nicht wieder zu einem ganzheitlichen Bild zusammengefügt wird. Der Mensch wird häufig nicht in seiner körperlich, geistigen und sozialen Gesamtheit gesehen, er steht paradoxerweise auch gar nicht immer im Mittelpunkt der Behandlung.

Bei einem solchen Körperverständnis findet außerdem die wichtigste Heilkraft, die wir haben, die Kraft zur Selbstheilung und das innere Wissen um Heilung, zu wenig Beachtung. Eine Maschine kann sich nicht selbst heilen, sie muss von außen geheilt bzw. repariert werden. Obwohl dieses reduzierte Körperverständnis einerseits durch das Fachgebiet der Psychosomatik und andererseits durch die Erkenntnisse der Neurowissenschaften auch wissenschaftlich als überholt gilt, sind immer noch weite Teile unseres Medizinbetriebs davon durchdrungen. Aus meiner Sicht liegt dies auch daran, dass die Pharmaindustrie, die Hersteller medizinischer Geräte und viele Klinikbetreiber an dem vorherrschenden Körpermodell und der daraus resultierenden Medizin großen Profit ziehen und ihre wirtschaftlichen Interessen machtvoll in der Gesundheitspolitik geltend machen.

Die psychosomatische Medizin vertritt seit Jahrzehnten ein ganzheitlicheres Verständnis des Körpers, des Menschen und seiner Erkrankungen. Sie hat auch die subjektive Seite einer Erkrankung, die Gegenstand dieses Buches ist, in die Medizin eingeführt. Sie steht für eine patientenorientierte, integrierte Medizin, bei der der Mensch und nicht die Krankheit im Mittelpunkt steht. Ihr Ziel, eine solche Medizin flächendeckend zu etablieren, ist bislang nur in Ansätzen gelungen. Wichtig ist, dass man heutzutage mit dem Begriff »psychosomatisch« nicht mehr meint, eine Krankheit sei seelisch bedingt. Dies würde dem alten Leib-Seele-Dualismus und einem einfachen Ursache- Wirkungsdenken entsprechen. Stattdessen geht man bei der Krankheitsentstehung von einem hochkomplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren aus.

Das ganzheitliche Verständnis der psychosomatischen Medizin wird nun von den Erkenntnissen der modernen Neuro- Wissenschaften bestätigt. Diese zeigen, dass Körper und Geist nicht zweierlei, sondern eins sind, verschiedene Seiten der gleichen Medaille. Durch bildgebende Verfahren, die uns seit den 90er Jahren erlauben, einen Blick in unser inneres Gehirn zu werfen, wissen wir, dass Gedanken Einfluss auf das Gehirn und den Körper haben. Mentale Aktivitäten wie zum Beispiel Kopfrechnen, Meditation oder Imaginationen korrelieren unmittelbar mit materieller, neuronaler Aktivität im Gehirn. Was durch unseren Geist strömt, verändert auch die »Hardware« unseres Gehirns. Wenn zum Beispiel Probanden eine Fingerübung auf einer Klaviatur einüben, dann vergrößern sich die für diese Finger zuständigen Areale im Gehirn. Dies geschieht erstaunlicher Weise auch dann, wenn die Fingerübungen nur in der Vorstellung durchgeführt werden! (Rüegg 2010) Auch Fühlen und Denken sind untrennbar miteinander verbunden. Ein Lächeln, das wir bewusst entstehen lassen, führt zu einer freundlicheren inneren Stimmung und freundlicheren Gedanken. Eine bestimmte Art zu atmen beruhigt unseren Gemütszustand. Wir können also allein durch Vorstellungsbilder Körperfunktionen positiv beeinflussen. Hinzu kommt, dass wir in einer sich ständig wechselseitig prägenden Interaktion mit unserer Umwelt stehen.

Es liegt nahe, dass wir Körper, Geist und letztlich auch Umwelt nicht mehr getrennt voneinander denken und behandeln, sondern als Einheit. ein Paradigma vom Körper, das ihn in seiner Gesamtheit betrachtet als einen wissenden, lebendigen, beseelten und mit seiner Umwelt zutiefst verbundenen Organismus wird von Eugene Gendlin skizziert:

Im Focusing betrachten wir den Körper nicht von außen, sondern beziehen uns auf den »von innen gefühlten« Körper. Es ist ein großer Unterschied, ob ich jetzt gerade meinen Bauch von außen betrachte oder die Augen schließe und ihn von innen wahrnehme. Spüre ich den Bauch von innen, dann nehme ich auch die Situation wahr, in der ich mich gerade befinde. Es fühlt sich von innen her anders an, wenn ich am Strand sitze und aufs Meer schaue oder wenn ich mich in einer konfliktreichen Sitzung mit Kollegen befinde. Wir beziehen uns also auf den von innen gefühlten Körper, der die Situation wahrnimmt, in der er sich befindet, und auf den lebendigen Körper.

Alles, was lebt, trachtet danach, weiter zu leben. Es impliziert sein Weiterleben und bewegt sich in eine das Leben fortsetzende Richtung, so Gendlin. In der körperlich gefühlten Resonanz auf eine Situation ist nicht nur die gegenwärtige Situation, sondern auch all unser Erfahrungswissen als »Bauchgefühl« wahrnehmbar. Bleiben wir nun mit absichtsloser Aufmerksamkeit bei unserem Bauchgefühl zum Beispiel über die konfliktreiche Sitzung, in der wir uns gerade befinden, und finden wir Symbolisierungen(zum Beispiel Worte oder Bilder) dafür, dann ist es nicht statisch, sondern lebendig, und hat die Fähigkeit, den nächsten richtigen Schritt des Weiterlebens anzudeuten. In unserer körperlich gefühlten Resonanz auf eine Situation spüren wir einen vorwärts gerichteten Drang als Tendenz in eine bestimmte Richtung. »Ein lebendiger Körper lebt von sich selbst aus und macht aus sich selbst heraus seinen nächsten Lebensprozess-Schritt. Das ist der nächste Schritt im Focusing. Dieser nächste Schritt wird vom Organismus selbst projektiert, selbst entworfen«, so der Philosoph Gendlin (Gendlin 2007).

Es ist wahrscheinlich neu und ungewohnt, den Körper zu betrachten als etwas, das mehr weiß als unser Verstand. In meinem Körper trage ich das Wissen darüber, was mir guttut, mich heilt. Der Körper trägt in sich die ganze Komplexität der Situation, zum Beispiel einer Erkrankung, und er kann uns den nächsten stimmigen Schritt besser zeigen als nur der Kopf allein. Betrachten wir mit diesem Verständnis unseres Körpers als einem wissenden Körper nun seine Fähigkeit zur Selbstheilung.

Kapitel 3
Placebo-Effekt, Selbstheilungskräfte und die Macht der inneren Bilder

Ein Placebo ist ein Scheinmedikament, häufig eine Zuckerpille, von dem PatientInnen aber glauben, es handele sich um ein echtes pharmakologisches Mittel. Studien zeigen, dass durch die Gabe von Placebos unter anderem Blutdruck und Cholesterinwerte sinken, die Magensäure reduziert wird und sich die Aktivität weißer Blutkörperchen verbessert. Mit einer Scheinakupunktur kann man die Häufigkeit von Hitzewallungen halbieren und nach der Einnahme von angeblichen »Fruchtbarkeitsmedikamenten« werden 40 % der wegen Unfruchtbarkeit behandelten Patientinnen schwanger! (Rankin 2014)

Placebo-Effekt nennt man die Tatsache, dass allein die Vorstellung, eine Therapie, ein Medikament oder eine andere Behandlung sei wirksam, auch tatsächlich die Körperchemie verändert. Umgekehrt spricht man bei der negativen Vorstellung, nämlich dass die Behandlung schadet, von einem Nocebo-Effekt, lateinisch: Ich werde schaden.

Im Herbst 2012 wurde ein 26-jähriger junger Mann von seiner Freundin in die Notaufnahme der Universitätsklinik Hamburg eingeliefert. Er zitterte am ganzen Leib, schwitzte stark, und sein Blutdruck war auf 80/40 abgesackt. Die Freundin berichtete, dass er mithilfe von 29 Anti-­Depressiva-Tabletten versucht habe, seinem Leben ein Ende zu setzen. Bei näherer Nachforschung stellte sich heraus, dass der junge Mann an einer Medikamenten-Studie teilnahm, bei der Anti-Depressiva erforscht wurden. Er befand sich jedoch ohne zu wissen in der Kontrollgruppe, also in der Gruppe von Patienten, die lediglich Placebos bekamen. Mit anderen Worten: Der Patient hatte versucht, sich mithilfe von Zuckerpillen das Leben zu nehmen–und zeigte tatsächlich alle Erscheinungen einer Medikamentenvergiftung (Ärztezeitung, 19. 10. 2012)!

In einer Studie wurde PatientInnen Zuckerwasser verabreicht mit dem Hinweis, es handele sich um ein Brechmittel. 80 Prozent übergaben sich dennoch! Bernie Siegel zitiert in Prognose Hoffnung eine weitere Studie, bei der man KrebspatientInnen statt einer Chemotherapie eine Kochsalzlösung verabreichte. 30 Prozent der Versuchsteilnehmenden fielen daraufhin die Haare aus! (Rankin 2014)

Interessanterweise existiert der Placebo-Effekt sogar in der Chirurgie. Der Orthopäde Bruce Moseley teilte 180 PatientInnen mit Arthrose im Knie in drei Gruppen ein. Eine Gruppe erhielt nur einen oberflächlichen Einschnitt, bei der zweiten Gruppe wurde ins Gelenk eingedrungen und es wurde ausgewaschen, die dritte Gruppe erhielt die volle Operation inklusive Knorpelentfernung. Die PatientInnen und die nachuntersuchenden ÄrztInnen wussten nicht, welcher Gruppe sie jeweils zugehörten. Nach zwei Jahren stellte sich heraus, dass sich die PatientInnen in allen drei Gruppen im gleichen Maße besser fühlten. Das zeigt, dass allein die Vorstellung, operiert worden zu sein, bereits dazu führt, dass man sich besser fühlt und dass sie offenbar genauso wirksam ist wie die komplette Arthrose-Operation selbst (Moseley 2002).

Lissa Rankin zitiert den interessanten Fall einer Psychiatriepatientin mit multipler Persönlichkeit. Der eine Teil der Patientin war keine Diabetikerin und hatte ganz normale Blutzuckerwerte. Wenn sie aber in den anderen Teil ihrer Persönlichkeit schlüpfte, glaubte sie, Diabetikerin zu sein, und ihre Blutzuckerwerte schossen derartig in die Höhe, dass sie nach medizinischen Kriterien tatsächlich Diabetikerin war. Die Werte normalisierten sich wieder, wenn sie in den anderen Teil ihrer Persönlichkeit zurückkehrte (Rankin 2014).

Wie kann das sein? Wieso bekommt jemand Diabetes, nur weil sie glaubt, Diabetikerin zu sein? Wieso fallen Menschen nach der Einnahme einer Kochsalzlösung die Haare aus? Und wieso wirken Zuckerpillen gegen Schmerzen fast so gut wie Morphium?

Der Nocebo-Effekt wird von WissenschaftlerInnen damit begründet, dass eine Negativbotschaft Stressalarm, eine Erhöhung des Cortisolspiegels und damit eine Angst- und Fluchtreaktion auslöst. Umgedreht führt der Glaube an die Wirksamkeit eines Medikaments oder einer Therapie zu einer vermehrten Ausschüttung von Endorphinen und Dopaminen, die wiederum aufsteigende Schmerzreize hemmen. Indem wir uns entspannen, die Angst loslassen und die Besserung unserer Symptome antizipieren, nehmen wir ganz direkt Einfluss auf die Vorgänge in unserem Körper. Neben der Erwartungshaltung spielt aber auch ein Konditionierungseffekt eine Rolle. Wenn – laut Studien – eine Person regelmäßig ein Medikament einnimmt, von dem sie weiß, dass es wirksam ist, und das dann aber bei jeder zweiten oder dritten Dosis durch ein Placebo ersetzt wird, lässt die Wirkung des Medikaments keineswegs nach (Walach 2017).

Harald Walach kommt in seinem Buch Weg mit den Pillen nach der Auswertung vieler Studienergebnisse zu dem Ergebnis, der Placebo-Effekt sei der eigentliche Riese, auf dem der Zwerg der pharmakologischen oder chirurgischen Behandlung reite und nicht umgekehrt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen es nicht so ist, in denen die materielle Ebene der Behandlung Vorrang hat vor der des Glaubens und der Vorstellungskraft, wenn zum Beispiel einem Patienten, der im Koma liegt, blutdrucksenkende Mittel gegeben werden und diese wirksam sind. Dennoch illustriert das Bild des Riesen sehr gut, wie sehr wir bisher den Placebo-Effekt, also die Kraft unserer Vorstellung, unterschätzt haben. Walach schlägt vor, diesen Effekt, der mit der Kraft von Zuversicht, Hoffnung, Entspannung und Angstreduktion einhergeht, zukünftig als den Effekt der Selbstheilungskräfte zu bezeichnen. Dadurch wird die in jedem von uns existierende Heilkraft nicht zu einem unerwünschten Nebeneffekt medizinischer Forschung abgewertet, sondern als etwas für den Gesundungsprozess Wesentliches herausgestellt.

Das Wort »Medikament« stammt aus dem Lateinischen medica mente, was so viel bedeutet wie: »Heile durch den Geist«. Mit der Vorstellung, dass ein bestimmtes Medikament, eine Operation oder andere Therapie wirksam sei, entwickeln wir ein inneres Bild von Heilung. Wir fühlen uns entspannter und hoffnungsvoller als zuvor. Alle dies hat tatsächlich messbaren Einfluss auf unseren Körper. Deshalb ist es so wichtig, dass wir herausfinden, an welche Behandlung wir wirklich glauben, und diese dann auch durchführen. Nur wenn uns eine Therapie auch innerlich überzeugt, kann sie ihre volle Wirkung entfalten.

Schon Paracelsus hielt vor 500 Jahren die Imagination für die eigentliche Kraft im Heilungsprozess. Er führte aus, wir besäßen als Menschen eine sichtbare Werkstatt, unseren Körper, und eine unsichtbare, die Vorstellungskraft. Diese sei die Sonne in der Seele des Menschen. Er fügte weiter hinzu, dass der Arzt oder die Ärztin in uns selbst vorhanden sei! (Faulstich 2010)

Der Hirnforscher Gerald Hüther spricht ebenfalls von der Macht der inneren Bildern, die unsere Wahrnehmung von der Welt bestimmen und ordnen. Es sind diese im Gehirn gespeicherten Muster, die wir benutzen, um uns in der Welt zu orientieren. Offenbar entscheiden diese Bilder auch darüber, wie und wofür wir unser Gehirn benutzen. Joachim Faulstich stellt in seinem Buch Das Geheimnis der Heilung die These auf, dass unsere inneren Bilder die eigentlichen Steuerinstanzen sind, die Intelligenz, die das psychosomatische Netzwerk aus der Tiefe im Gleichgewicht hält (Faulstich 2010).

Bei einer ganzheitlichen Krankheitsbehandlung geht es dementsprechend nicht nur um die Bekämpfung von Symptomen, sondern um eine grundsätzliche Neuorientierung: eine Veränderung unheilsamer, häufig unbewusster Vorstellungen und Überzeugungen in Richtung heilender und wohltuender innerer Bilder.

Mithilfe der achtsamen Körperdialoge wird es uns möglich, unsere verborgenen, krankmachenden Bilder aufzuspüren. Einmal ins Licht des Bewusstseins geführt und körperlich gefühlt, findet unser Organismus dann häufig von selbst neue, heilende Bilder, die wiederum zu einer Neuorganisation des psychosomatischen Netzwerks führen. Am Ende eines Körperdialoges fühlen wir uns deshalb in aller Regel entspannter, wohliger und mehr in Einklang mit uns selbst. Wir haben neue Bilder und Einsichten gefunden, die uns stärken, heilen oder zumindest die Kraft geben, mit der Symptomatik oder der Erkrankung besser umzugehen.

WissenschaftlerInnen haben die seltenen Spontan-Heilungen von KrebspatientInnen untersucht, das sind Fälle, in denen Menschen entgegen aller Erwartung und ohne jede Behandlung wieder gesund wurden. Eine Gemeinsamkeit war, dass alle PatientInnen ihren ganz individuellen Weg gingen (Faulstich 2010). Wenn wir dies auf unseren Genesungsprozess übertragen, macht es zutiefst Sinn, dass wir unsere ganz persönlichen Bilder kennenlernen und neue, maßgeschneiderte Bilder für das finden, was Heilung für uns bedeutet. Sie werden in den Beispielen dieses Buches etliche solcher individuellen Heilungsbilder finden.

Kapitel 4
Einstieg in die Körperdialoge

Im Folgenden möchte ich Ihnen konkrete Übungen vorschlagen, mit deren Hilfe Sie Ihre Selbstheilungskräfte aktivieren und einen heilsamen Umgang mit Ihrer Erkrankung finden können. Um die achtsamen Körperdialoge zu lernen, ist es hilfreich, diese Übungen systematisch durchzugehen. Bitte fühlen Sie sich aber frei, zunächst nur die Übungsvorschläge aufzugreifen, zu denen Sie sich momentan auch hingezogen fühlen.

Bei einem konkreten Körperdialog mit einer erfahrenen Focusing-­Begleitung wird es oft so sein, dass verschiedene Übungen und Methoden innerhalb eines einzigen Prozesses zur Anwendung kommen. Man beginnt vielleicht mit der Zielformulierung, dabei könnten schon schwierige Gefühle auftauchen. Dann geht der Freiraum verloren und sollte wiederhergestellt werden oder es bietet sich eine Berührung an. Es ist ein organischer, von der körperlich gefühlten Resonanz auf ein Thema geleiteter Prozess, den wir nicht mit dem Verstand vorausplanen können und bei dem wir vorher nie wissen, wie er sich entwickelt.

Stellen Sie sich das wie beim Tanzen vor. Zunächst zeigt man Ihnen im Tanzkurs einzelne Schritte wie Kreuz- oder Wechselschritt, Drehung oder Chassé. Sie wiederholen diese Schritte immer wieder, bis sie sitzen. Dann gehen Sie mit ihrem Partner in eine Bar, der Disc-Jockey legt eine heiße Scheibe auf, etwas, das gleich in die Beine geht, und auf der Tanzfläche denken weder Sie noch Ihr Partner oder Ihre Partnerin über die einzelnen Schritte nach, sondern Sie lassen alles, was Sie gelernt haben, einfach organisch ineinanderfließen, so, wie es sich gerade stimmig anfühlt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine guten »Flow«. Das Ganze ist nicht so kompliziert, wie es klingt. Wenn man einfach aufmerksam, präsent und im Raum des Nicht-Wissens verweilt, ergibt sich der nächste Schritt in der Regel wie von selbst.

Kommen wir nun zum ersten Schritt: der Zielformulierung.

Wir beginnen mit dem Ziel

Sobald der Geist auf ein Ziel gerichtet ist,kommt ihm vieles entgegen.

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

Am Beginn einer Reise überlegen wir in aller Regel, wo es hingehen soll. Fahren wir mit dem Auto und besitzen wir ein Navigationsgerät, dann tippen wir zunächst unser Ziel, zum Beispiel »Florenz« ein. Das Gerät errechnet uns die erwünschte Route und leitet uns in aller Regel sicher an den Ort unserer Wahl. Fährt jemand einfach los, ohne sich überhaupt Gedanken darüber zu machen, wo er eigentlich hinmöchte, dann landet man vielleicht an der Nordsee oder irgendwo, wo es ihm gar nicht gefällt.

Vergleichen wir den Weg zur Gesundung mit einer Reise, ist es ebenfalls hilfreich, wenn wir uns zu Beginn unserer achtsamen Körperdialoge Klarheit darüber verschaffen, was eigentlich unser Ziel ist. Wollen wir ein Symptom schlicht loswerden oder seine Botschaften verstehen? Geht es uns darum, mit einer chronischen Erkrankung besser zurecht zu kommen? Oder wollen wir Distanz zu unseren Schmerzen gewinnen? Möglicherweise geht es uns letzten Endes um eine umfassendere Heilung, um das Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele?

Finden Sie selbst heraus, was Sie sich von den achtsamen Körperdialogen wünschen und erhoffen. Sobald Sie darüber innere Klarheit haben, stellen Sie an Ihren Körper die Frage: Und wie würde ich mich fühlen, wenn ich das Ziel erreicht habe? Dann warten Sie ab, wie Ihr Körper antwortet.

Wenn wir unser Ziel nicht mit unserem Körperwissen, sondern nur vom Verstand her definieren, besteht die Gefahr, dass dieser uns Konzepte aufdrängt, die mit unserem inneren Erleben möglicherweise gar nicht in Übereinstimmung sind. Wenn wir die Frage nach dem Ziel aber an den ganzen Körper stellen, gehen wir sicher, dass auch unser Bauchgefühl und damit unser Erfahrungswissen mit im Boot sitzen. Auf dieses Weise stecken wir uns nur solche Ziele, hinter denen wir auch wirklich stehen.

Des Weiteren hat unser Körper eigentlich immer eine Ahnung davon, wie er sich fühlen würde, wenn das Problem gelöst wäre oder wir gesund wären. Erlauben wir uns, die Vorstellung unseres Ziels wirklich mit jeder Faser unseres Körpers zu fühlen, so als wenn wir es schon erreicht hätten, dann werden die entsprechenden Wege dorthin mental und physiologisch gebahnt. Leiden wir zum Beispiel unter einer Krebserkrankung und unser Ziel ist es, vollständig gesund zu werden, dann ist es hilfreich, uns zu fragen: »Wie würde ich mich fühlen, wenn ich wirklich geheilt wäre, wenn alle Krebszellen aus dem Körper verschwunden wären, mein Immunsystem stark und gesund wäre, und wenn ich das Leben führen würde, das ich wirklich führen möchte?« Danach warten wir einfach ab und lauschen, was unser Körper antwortet.

Bei kleineren Symptomen kann das Focusing über das Ziel mit der Vorstellung, man sei schon dort, manchmal in sich bereits so heilend sein, dass die Symptomatik vollständig verschwindet. Die Kraft der Vorstellung wirkt auf den eigenen Körper. Bin ich zum Beispiel gestürzt und habe meinen Arm in Gips, kann ich mir täglich vorstellen, die Armmuskulatur mit Hanteln zu trainieren. Ich visualisiere dann, wie ich meinen Arm hebe, tanze, jemanden umarme usw. Tatsächlich wird der Muskelschwund, wenn der Gips abgenommen wird, sehr viel geringer sein als bei jemandem, der nicht »im Geiste trainiert« und seine Wunschvorstellung visualisiert hat. Die gefühlte und gespürte Zielvorstellung bei einem achtsamen Körperdialog gibt uns nicht nur eine klare Richtung vor, sie ist in ähnlicher Weise unmittelbar körperlich wirksam. Unser Gehirn hat die große Fähigkeit zur Veränderung. Dabei spielt unsere Aufmerksamkeit eine wichtige Rolle. Richten wir sie mit Interesse, Ausdauer und Begeisterung auf etwas, so hat das Folgen im Gehirn. Man spricht hier von der sogenannten neuronalen Plastizität. Wir können also mit unserem Bewusstsein körperliche Veränderungen erwirken!

Setzen wir uns zu Beginn einer Be- oder Selbstbehandlung ein Ziel, dann kämpfen wir nicht einfach gegen eine Krankheit an, sondern kreieren eine Vision von dem, wo wir hin möchten.

Im Unterschied zu vielen Visualisierungs- Techniken geben wir dabei möglichst wenig Bilder von außen vor, sondern lassen zu, dass mithilfe unseres Körperempfindens für uns stimmige Vorstellungen entstehen. So können wir sicherstellen, dass die Zielvorstellungen auch wirklich mit unserem inneren Erleben in Übereinstimmung stehen und als heilsam empfunden werden.

ÜBUNG: FOCUSING ZUR ZIELFORMULIERUNG

Beginnen Sie damit, eine angenehme Stelle im Körper zu suchen, den sogenannten Guten Ort.

Verweilen Sie dort für ein bis zwei Minuten und formulieren Sie, wie Sie das wohlige Gefühl beschreiben würden (zum Beispiel wohlig, entspannt und warm).

Lassen Sie auch ein Bild für die angenehme Empfindung auftauchen.

Fragen Sie sich: Was ist das Beste oder Wichtigste an dem Guten Ort für mich?

Ausgehend von dem angenehmen Gefühl fragen Sie sich nun weiter: Wenn ich an die achtsamen Körperdialoge über mein Symptom, meine Erkrankung denke: Was ist genau mein Ziel? Was möchte ich mithilfe von Focusing erreichen oder klären?

Versuchen Sie, diese Frage in Richtung Körpermitte, also Brust- und Bauchbereich hinein zu stellen und warten Sie jetzt einfach für ein bis zwei Minuten, was dort als Antwort auftaucht.

Formulieren Sie Ihre Antwort und prüfen Sie dabei in der Körpermitte, ob sich Ihre Formulierungen stimmig anfühlen.

Lassen Sie sich Zeit, bis Sie eine Antwort gefunden haben, die wirklich passt.

Nun stellen Sie sich vor, dass die bevorstehenden achtsamen Körperdialoge genau das bringen, was Sie von ihnen erwarten, und fragen Sie sich in Richtung Körpermitte: Wie würde ich mich dann fühlen?

Warten Sie wieder ab, wie Ihr Körper antwortet. Lassen Sie ihm Zeit zu antworten.

Was auch immer auftaucht, beschreiben Sie es mit Ihren Worten oder in Bildern.

Verweilen Sie einfach noch ein wenig wortlos bei der Vorstellung, Sie wären gesund oder Sie hätten Ihr selbst formuliertes Ziel erreicht. Kosten Sie diese Vorstellung in allen Facetten aus.

Wie bei einem Navigationsgerät findet unser Körper mithilfe dieser Übung nicht nur unser Ziel, sondern auch die möglichen Staus, also Komplikationen auf dem Weg zur Heilung. Durch die Übung fischen wir mögliche Widerstände gegen eine Heilung–ein weites oft vernachlässigtes Feld–aus dem trüben Wasser unseres Unbewussten.

Eine 52-jährige Journalistin, die an Brustkrebs litt, formulierte zunächst ihre Zielvorstellung: »Vollständig gesund und ohne Krebszellen sein«. Als sie sich diese Vorstellung dann aber fühlen ließ, tauchten Ängste auf: Dann müsste sie ja wieder in ihren Beruf zurück, der sie ihrer Meinung nach krank gemacht habe. Jetzt, wo sie krank sei, habe sie viel Zeit für ihre Freundschaften und endlich die Muße, ihrer Kunst nachzugehen und zu zeichnen, eine Tätigkeit, die sie mit Leidenschaft und Begeisterung erfüllt. Nein, sie sei noch gar nicht dazu bereit, gesund zu werden!

Eine andere Klientin, eine Lehrerin, die an einem Burnout Syndrom leidet, formuliert ihr Ziel zunächst im Alltagsbewusstsein: Sie möchte wieder Kraft haben, das Nichts- Tun Genießen lernen, zufrieden, entspannt und locker werden. Das klingt stimmig und überzeugend. Als ich ihr dann aber vorschlage, sie möge sich mit innerer Achtsamkeit einmal vorstellen, sie sei schon am Ziel, fließen Tränen. Sie habe einen Kloß im Hals. »Ich habe Angst, dass ich das nicht schaffe. Ich fühle mich so erschöpft und kraftlos, dass ich mir im Moment gar nicht vorstellen kann, dass dies einmal anders wird.«

Es macht einen Unterschied, ob wir unser Ziel nur vom Verstand her formulieren, oder ob wir es uns auch mit dem ganzen Körper fühlen lassen. Im letzteren Fall können mögliche Widerstände gegen den Heilungsprozess, aber auch mit der Zielvorstellung einhergehende Gefühle wie zum Beispiel die Angst, es nicht zu schaffen, ins Bewusstsein treten und bearbeitet werden.

Das folgende Beispiel illustriert das ganz anschaulich.

Das Ziel bei Bluthochdruck

Meine Klientin Claudia, eine 45-jährige, selbstständige Unternehmerin leidet seit einigen Monaten an zu hohem Blutdruck (essenzieller Hypertonie) und Herzrasen. Der überweisende Hausarzt vermutete, dass dies mit dem Lebensstil der Patientin zusammenhängt und schlägt Sitzungen bei mir vor. Die Klientin selbst ist auch motiviert, alles zu tun, was in ihrer Macht steht, um ihren Blutdruck zu senken. Ich schlage ihr also vor, erst einmal für sich zu klären, was Sie mit unseren Sitzungen genau erreichen möchte. Dazu lade ich sie ein, zunächst eine angenehme Stelle im Körper zu suchen.

Claudia: Erstaunlicherweise fühlt sich gerade der Rücken sehr angenehm an. Dort habe ich mich eigentlich bisher noch nie gut gefühlt! Jetzt fühle ich mich da stabil und habe das Empfinden von jeder Menge Halt. Ich fühle mich damit frei und offen und meine Stimmung ist geradezu euphorisch!

Ich: Da ist stabiler Halt im Rücken und Sie fühlen sich frei, offen und euphorisch. Was ist das Beste für Sie an diesem guten Gefühl?

Claudia: Ich habe dort Rückhalt und Rundumblick. Ich fühle mich wie an einem Gipfelkreuz!

Ich: Rückhalt, Rundumblick – wie an einem Gipfelkreuz! Ich möchte Ihnen jetzt vorschlagen, sich von diesem Empfinden des Rückhaltes und des Rundumblickes aus zu fragen: »Was ist eigentlich mein Ziel, wenn ich an meinen zu hohen Blutdruck denke?« Richten Sie, wenn Sie mögen, diese Frage an Ihre Körpermitte und warten Sie ab, was dort passiert.

Claudia: In der Körpermitte entsteht jetzt ein Gefühl von Unaufgeregtheit. Dort bin ich frei von Bedrohung und völlig angstfrei … Dazu taucht das Bild einer Almwiese auf. Der Blutdruck soll sich einfach normalisieren!

Ich: Ich schlage Ihnen vor, bei diesen Empfindungen von Unaufgeregtheit, Angstfreiheit und dem Bild der Almwiese noch ein wenig zu verweilen und sich jetzt vorzustellen, Sie seien schon am Ziel. Der Blutdruck habe sich bereits normalisiert. Wenn Sie damit einverstanden sind, dann lassen Sie diese Vorstellung jetzt einfach auf Ihren Körper wirken und warten ab, was passiert.

Claudia: Innerlich wird es stabil, hell und licht, mein Kopf erhebt sich ein wenig. Die Veränderung fühlt sich komplex an. Ich habe eine größere Entscheidungsfreiheit (lacht.) Andererseits erschrecke ich aber auch vor den Konsequenzen. Ich spüre ein Gefühl von Angst im Bauch.

Ich: Sie fühlen sich stabil und hell und etwas in Ihnen hat Angst vor den Konsequenzen. Was genau ist das Beängstigende an der Vorstellung der Konsequenzen für Sie?

Claudia: Ich würde möglicherweise Althergebrachtes über Bord werfen, alte Krusten aufbrechen, neue Wege gehen! Ich spüre gleichzeitig ein Gefühl von Wehmut und Abenteuerlust. Alle Dinge würden auf den Prüfstand kommen. Mein Beruf, meine Partnerschaft, meine Familie. und meine Freunde. Ich würde mich überall fragen, wie ich dastehe. Am wichtigsten wäre es aber, berufliches neu zu prüfen. Das fühlt sich jetzt gut an. Ich muss es ja nicht gleich ändern. Ich prüfe es und kann dann entscheiden.

Ich: Vielleicht möchten Sie jetzt noch einmal zu dem Guten Ort zurückkehren? Mit dem Gipfelblick des Guten Ortes könnten Sie das Berufliche auf den Prüfstand stellen, wenn Sie wollten.

Claudia: (lächelt). Das ist eine gute Idee. Da ist es nicht mehr so übermächtig. Es fühlt sich so an, als ob ich zum ersten Mal die Dinge vom Gipfel aus betrachte. Von dort aus sehe ich, dass ich mich habe formen lassen. Ich denke häufig, ich müsse alles richtig machen, damit mein Betrieb und meine Familie funktionieren. Und wenn ich etwas falsch mache, geht es beiden schlecht. Über diesem »richtig machen wollen« ist mir ganz verloren gegangen – dass ich glücklich sein will! Von dem Guten Ort aus habe ich dieses Gefühl von Stabilität im Rücken und kann sagen: Was ich gemacht habe, habe ich gut gemacht. Das fühlt sich jetzt innerlich richtig gut an. Vom Gipfel aus sehe ich eher, was mir etwas bedeutet, und worauf ich verzichten kann. Es ist Unfug, mich zu schelten. Von da aus gesehen ist alles schlüssig. Das ist ein sehr erhabener Gedanke! Ich spüre ein Gefühl von Frieden und des Ganz-bei-mir-seins. Ich finde es köstlich, an mich zu denken und mich immer wieder zu fragen, was für mich stimmig ist. Das wird sich sicher auch sehr günstig auf meinen Blutdruck auswirken!

Claudia öffnet lächelnd die Augen.

In der kommenden Stunde berichtet sie, dass das Bild des Gipfelkreuzes, von dem aus sie die Dinge prüft, sie noch lange positiv begleitet hat. Die nächsten Sitzungen nimmt sie sich Zeit, vor allen Dingen ihre berufliche Perspektive ganz neu zu überdenken. Mittlerweile hat sie den Standort ihres Geschäfts verlegt, ein für sie zwar mit vorübergehendem Stress verbundener, auf lange Sicht aber wichtiger Schritt zu mehr unternehmerischem Erfolg und zu geringerem finanziellen Druck. Der Blutdruck ist leicht gesunken, das zuvor immer wieder auftretende Herzrasen hat ganz aufgehört. Stresssituationen kann sie mit viel größerer Gelassenheit begegnen. »Ohne die wahrscheinlich angeborene Herzklappen-Insuffizienz könnte ich wohl auf Medikamente ganz verzichten«, schreibt sie einige Monate nach Beendigung der Therapie.

Auch in diesem Beispiel können wir sehen, dass die Zielvorstellung von Heilung nicht immer nur mit vollkommen angenehmen Vorstellungen einher geht. Frau Claudia erschrickt zunächst davor, ihr Leben auf den Prüfstand zu stellen und sich möglicherweise von verkrusteten Gewohnheiten oder Gegebenheiten zu trennen. Das Focusing über die Zielvorstellung hat eben auch die Absicht, solche möglichen Ambivalenzen auf dem Weg zur Heilung aufzudecken und zu formulieren. Alle Anteile im Prozess sind dabei willkommen, selbst diejenigen, die möglicherweise an einer Symptomatik festhalten möchten. Nur wenn alle Teile von uns auch mit ins Boot genommen werden, kann die Heilung umfassend gelingen. Eine Veränderung im Sinne einer Genesung kann, muss aber nicht einen Preis kosten und es ist hilfreich, sich diesen Preis bewusst zu machen. Erst dann können wir wirklich entscheiden, wie wir damit umgehen möchten. Lesen Sie hierzu auch den Abschnitt über den »sekundären Krankheitsgewinn« in Kapitel 9.

Zusammenfassend kann man sagen, dass ein Focusing über das Ziel der Körperdialoge:

 die Richtung für die weiteren Prozesse vorgibt und den Weg dahin »errechnet«,

 unbewusste Anteile, die gegen eine Genesung sprechen, bewusst und damit einer Bearbeitung zugänglich macht,

 die mit der Zielvorstellung einhergehenden Gefühle (Angst, Zuversicht, Hoffnungslosigkeit usw.) ins Bewusstsein treten lässt, so dass diese auch bearbeitet werden können.

 die Erwartung auf Heilung anregt, eine positive Stimmung, Entspannung und Hoffnung erzeugt und damit die Selbstheilungskräfte aktiviert.

Kapitel 5
Die Grundhaltung der inneren Achtsamkeit
Absichtslos zum Ziel der Heilung

Verlange nach etwas, und du wirst es bekommen Gib das Verlangen nach etwas auf,und es wird dir von selbst hinterherlaufen

SWAMI SIVANANDA

Nachdem wir uns nun ganz klar gemacht haben, wohin wir mit den achtsamen Körperdialogen eigentlich wollen, was wir klären oder erreichen möchten, und nachdem wir unser Ziel auch gefühlt haben, lassen wir diese Zielvorstellung am besten wieder los. Wir starren nicht darauf wie ein Kaninchen auf die Schlange, was unseren Blick eng machen würde, sondern setzen einen Schritt nach den anderen und akzeptieren möglichst, was immer uns auf unserem Weg zur Heilung begegnet. Wir verfolgen unser Ziel der Genesung mit einer loslassenden Einstellung.

Mit der Zielformulierung haben wir einen Samen gepflanzt. Jetzt ist es nicht mehr sinnvoll, diesen Samen dauernd auszugraben um zu schauen, ob er schon keimt und gedeiht. Wir lassen den Samen unserer Absicht jetzt einfach ruhen und vertrauen darauf, dass der Körper uns den Weg zur Heilung zeigen wird. Dabei bleiben wir wach, aufmerksam und offen für alles, was uns auf unserem Weg dorthin begegnet. Wir nehmen den jetzigen Moment so an, wie er ist. Und letztlich bleiben wir auch dafür offen, unser Ziel eventuell zu verfehlen.

Achtsame Körperdialoge sind kein ultimatives Kontrollinstrument über unseren Körper oder unser Leben. Viele Kräfte entscheiden über Gesundheit und Krankheit, nicht alle stehen dabei in unserer Macht. Es gehören neben einer klaren Zielformulierung eben häufig auch Geduld, Flexibilität, Ausdauer, Geschick und Demut dazu, unseren persönlichen Weg zur Gesundung zu gehen. Achten wir dabei auf unsere innere Stimme und unsere Körpersignale, bleiben wir uns selbst treu, dann ist das das Heilsamste und Gesündeste, was wir tun können.

In einem Gleichnis von Zhuangzi, einem chinesischen Weisen (365– 290 v. Chr.) reiste der gelbe Kaiser nordwärts, bestieg den Berg Kun-Lun und schaute gen Süden. Auf der Heimreise verlor er seine Zauberperle. Er sandte »Wissen« aus, um sie zu suchen, aber Wissen fand die Perle nicht. Er sandte »Klarsicht« aus, um sie zu suchen, aber Klarsicht fand sie auch nicht. Er sandte »Redegewalt« aus, um sie zu suchen, aber diese fand sie ebenfalls nicht. Endlich sandte er »Absichtslos« aus, und Absichtslos fand sie. »Seltsam fürwahr«, sprach der Kaiser, »dass Absichtslos sie zu finden vermocht hat.«

Was für die Zauberperle des gelben Kaisers gilt, gilt auch für unser inneres Heilungswissen. Nur wenn wir bereit sind, bei unseren Körperdialogen in völliger Offenheit und Absichtslosigkeit zu lauschen, finden wir die Zauberperle des Heilungswissens. Nicht nur der gelbe Kaiser staunte, auch uns erscheint diese Wirkung seltsam, denn wir sind es gewohnt, uns zu bemühen und anzustrengen, um Ergebnisse zu erreichen. Hören wir nicht von allen Seiten, wir sollten uns Ziele setzen, um weiter zu kommen? Und natürlich haben wir ein Ziel: Wir wollen das lästige Symptom endlich loswerden! Diese Haltung ist völlig verständlich, normal und legitim. Es handelt sich aus meiner Sicht um das Paradox von Heilung überhaupt, das für den Verstand nur schwer zu begreifen ist: Veränderung geschieht, wenn ich eine klare Intention habe – und dann alles so sein lasse, wie es jetzt gerade ist!

Den meisten Menschen fällt diese Haltung der Absichtslosigkeit auch beim Begleiten von Körper-Dialogen zunächst einmal schwer. Sie möchten gerne, dass der Prozess ein gutes Ende nimmt, dass das Symptom verschwindet, und sie wollen, dass die oder der Focussierende sich wohl fühlt. Viele wollen als BegleiterInnen helfen oder einfach nur »gut sein«. Ohne es zu merken, üben sie so möglicherweise sanften Druck und Kontrolle aus, statt den Prozess sich in seinem natürlichen Tempo und auf seine eigene Art entfalten zu lassen.

Nur in völliger Offenheit und Absichtslosigkeit können wir uns aber auf die Wirklichkeit dieses Momentes einlassen. Laden wir jemanden dazu ein, bei einer schmerzenden Stelle absichtslos zu verweilen, ohne jede Vorstellung, was zu geschehen habe, entfaltet sich die Bedeutung der Stelle von allein, und es können Heilungsschritte passieren. Es ist enorm wichtig, diesem Prozess nicht mit unseren Konzepten und Zielvorstellungen im Weg zu stehen, sondern ihn im offenen Raum unserer Wahrnehmung möglich werden zu lassen.

In unserer Kultur richten wir unser Augenmerk gerne auf Methoden und Techniken des Heilens. Wir stellen dabei das Sichtbare über das Unsichtbare und achten mehr darauf, was jemand macht, als mit welcher Motivation oder Haltung er oder sie dabei ist. Für die achtsamen Körperdialoge sind die Methoden aber zweitrangig. Viel wesentlicher ist die Qualität unseres Bewusstseins und die Haltung, die wir als TherapeutIn oder PatientIn dabei einnehmen, also unser ganzes Sein. Wir bieten dem Körper und der gesamten Symptomatik eine aufmerksame, interessierte, freundlich akzeptierende und absichtslose Beziehung an. Diese Haltung ist an sich schon zutiefst heilend, da sie die Aktivierung unserer Selbst-Heilungskräfte sofort anregt. Absichtslosigkeit haben wir jetzt erläutert. Hinzu kommen noch loslassendes Zuhören, Präsenz, Akzeptanz, Selbst-Mitgefühl und Anfänger-Geist.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
221 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783867813600
Wydawca:
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Bookwire
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