Czytaj książkę: «Sieben Schritte zur Ewigkeit»

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Stephen Turoff Sieben Schritte zur Ewigkeit


Stephen Turoff

Sieben Schritte

zur Ewigkeit

Aus dem Englischen übersetzt

von Susanne Lötscher

Giger Verlag

Titel der englischen Ausgabe

Seven Steps to Eternity

Erschienen bei Clairview Books, London

1. Auflage 2005

© Stephen Turoff, London

© der deutschsprachigen Ausgabe 2005 Giger Verlag,

CH-8852 Altendorf/Zürich

www.gigerverlag.ch Umschlagbild: In medias res, Jürgen Schmidt, D-90402 Nürnberg Layout: Roland Poferl Print-Design, D-50733 Köln Koordination: Kölner Medienbüro (www.koelner-medienbuero.de)

e-Book: mbassador GmbH, Basel

Printed in Germany

ISBN Nr. 3-9523065-1-7

eISBN 978-3-907210-96-3

Ich möchte mich bei all meinen Freunden

in der sichtbaren und unsichtbaren Welt bedanken,

die die Entstehung dieses Buches

ermöglicht haben.

Stephen Turoff

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

VORWORT

Als Medium genieße ich das Privileg, oft Seelen der Astralebene zu begegnen. Sie haben mich im wahrsten Sinn des Wortes über ihre Erfahrungen in den Ebenen nach dem Tod aufgeklärt und erleuchtet.

Wenn eine Seele ihren Körper zum ersten Mal verlässt, gerät sie in einen schlafähnlichen Zustand und erwacht auf jener Ebene der Astralwelt, die für sie geeignet ist. Ich werde oft nach diesem Begriff »Ebene« befragt und die nahe liegendste Antwort ist Schwingungszustand. Klangwellen beispielsweise; die UVStrahlen der Sonne; Strahlen einer elektrischen Lampe; sie sind alle unsichtbar, durchdringen sich gegenseitig, beeinträchtigen oder behindern sich aber nicht. So ist es auch mit den Ebenen der Astralwelt.

Auf jeder dieser Ebene weilen jene Seelen, die dort am besten ihrer spirituellen Entwicklung gemäß leben und wirken können: »Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.«

Neulich hielt ich am Volkstrauertag einen Vortrag. Als ich so am Rednerpult stand und überlegte, wie ich anfangen sollte, trat ein junger Mann in mein Bewusstsein. Mit meinem medialen Blick konnte ich ihn deutlich sehen und begann mich einzuklinken in das, was er mir über seinen Tod im Ersten Weltkrieg erzählte. »Ich heiße James«, fing er an und dann erzählte er mir, was er im Alter von zwanzig Jahren nach seinem Tod erlebt hatte.

Auf dem Heimweg war ich mir seiner immer noch bewusst. Als ich es mir in meinem Lehnstuhl bequem machte, um mich gedanklich zu sammeln, näherte er sich wieder. Wir scherzten ein bisschen und ich dankte ihm für seine Unterstützung bei meinem Vortrag. Wir erzählten uns sogar ein paar Witze! In den folgenden Tagen lernte ich diese liebenswerte Seele gut kennen und es entstand eine Verbindung zwischen uns.

Eines Tages fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte, ein Buch über sein Leben zu schreiben–nicht über sein tragisch kurzes auf unserer Ebene, sondern auf den Ebenen, durch die er sich seit seinem Ableben bewegt hatte. »Da bist du bei mir an den Falschen geraten«, entgegnete ich als Erstes. Doch da Jim alle Überredungskünste aufbot und ich darauf bestand, dass er mir dabei sehr viel helfen müsse, erklärte ich mich bereit, diese Herausforderung anzunehmen. Es war mir nicht ganz klar–und vielleicht war das auch ganz gut so -, was für ein gewaltiges Unterfangen dies sein würde. Doch ich bin froh, dass ich mich darauf eingelassen habe, weil ich damit, wie Jim bemerkte, sowohl ihm half, als auch selbst so viel dazulernte.

Ich nahm mir dafür jeden Tag etwas Zeit und durch meine gewissenhafte Arbeit nahm das Buch allmählich Gestalt an. Vor Beginn jeder Sitzung bat ich in einem Gebet zuerst um Führung und Jim näherte sich. Ich spürte, wie er mir auf die Schulter klopfte, und hörte seine besonderen Begrüßungsworte: »Und, bist du bereit?«

Beim Lesen werden Ihnen unterschiedliche Stilebenen auffallen–das liegt an der Art, wie Jim mir dieses Buch vermittelte. Er belieferte meinen Geist mit Bildern und überließ es mir, sie zu deuten.

Die folgenden Seiten sind die unmittelbaren Berichte darüber, wie Jim unsere irdische Ebene verließ und welche Erfahrungen er im Leben nach dem Tod machte. Ich habe oft angezweifelt, ob wirklich ich diese Berichte verfasst habe! Manche Abschnitte sind wie rohe Diamanten mit etwas rauen Kanten, so wie Jim selbst. Andere Passagen sind eher wie Perlen, Perlen der Weisheit von den Führungsgestalten und Lehrern, die ihm Beistand leisteten. Es wurde ihm bald klar, dass er viel zu lernen hatte.

Ich habe mein Bestes getan, um diese Rohdiamanten und Perlen, diese Juwelen, aufzufädeln; und ich hoffe wirklich, dass ihre Schönheit und Wahrheit Ihr Leben genauso bereichern werden wie meines.

Stephen Turoff

KAPITEL 1

»ICH STARB IN DER SCHLACHT AN DER SOMME« Das waren die ersten dramatischen Worte, die James Legget mir vermittelte. In der Folge erklärte er, wie er mit zwanzig Jahren den Tod gefunden hatte.

Es war im August 1914. Ich war erst achtzehn Jahre alt, als der Krieg ausbrach. Wie die meisten Jugendlichen wollte ich unbedingt zur Armee und hatte das Glück–wenigstens glaubte ich das damals -, genommen zu werden. Ich machte mir kaum bewusst, dass ich nicht zurückkommen würde.

Im November desselben Jahres verließ ich ein Zuhause, in dem ich immer liebevoll umsorgt worden war, und begab mich in das Lager in caterham. Das war ziemlich beschwerlich für mich, denn ich vermisste die Annehmlichkeiten von daheim. Jener Herbst war einer der regenreichsten, die ich jemals erlebt habe. Wir wurden in primitiven Armeezelten untergebracht, wo wir nur unter einer Wachstuchdecke und zwei Laken schliefen.

Mit der Aufstellung der Holzbaracken für den Winter war gerade erst begonnen worden. Bis spät in den Herbst hinein mussten wir in mit Sackleinen bespannten Unterständen leben und auf dem Boden schlafen.

Es wurden neue Befehle ausgegeben, denen zufolge wir in die Chelsea-Baracken umquartiert werden sollten. Diese erfreuliche Nachricht gab uns Grund zu feiern, denn es bedeutete, dass wir endlich ein richtiges Dach über dem Kopf haben würden. Nach Beendigung der Grundausbildung wurde das Regiment ins Ausland abkommandiert, wo wir das Gelernte praktisch anwendeten.

Im darauf folgenden Jahr kam ich zum Glück oft um Haaresbreite davon, verlor aber viele Freunde auf dem Schlachtfeld, bevor das Schicksal dann ein letztes Mal zuschlug. Bereits 1916 wurde meine Zeit knapp. Ich wurde in die Schützengräben verlegt. Die Deutschen beschossen unsere Frontlinien und das Niemandsland dazwischen mit Granaten. Wir warteten auf den Angriff, der, wie wir wussten, auf das Sperrfeuer folgen würde. Es kam zu einem grimmigen Nahkampf, aber wir schlugen sie zurück, wobei es auf unserer Seite nur geringe Verluste gab. An der Front wurde der Befehl ausgegeben, wir sollten zum Gegenangriff übergehen, bevor sich die Deutschen neu formieren konnten.

Bei Einbruch der Dunkelheit lag Stille über dem Schlachtfeld, man hörte nur ein paar Granaten explodieren, die den Nachthimmel erhellten. Vorsorglich duckte ich mich, denn die deutschen Heckenschützen brauchten nicht viel Licht, um ihr Ziel zu treffen. Plötzlich ertönte der Pfiff und man hörte den Schrei »Auf sie, Jungs!«

Wir waren erfüllt vom Kampfgeist, der nur in dieser einzigartigen Kameradschaft entstehen kann, die es in solchen Situationen gibt. Auf diesen Augenblick hatten wir die ganze Zeit gewartet. Mit aufgesteckten Bajonetten drängten wir über die Brustwehr. Für die Deutschen war unser Kommen nicht überraschend, denn sie bewarfen uns mit allem, mit Ausnahme des Spülbeckens.

Während wir auf Niemandsland vorrückten, wurde ich von einem Granatsplitter in der Brust getroffen. Stundenlang lag ich im Todeskampf auf dem Boden. Die Dämmerung zog auf und ich spürte, wie ununterbrochen Wellen von vorwärts stürmenden Männern über mich hinwegstolperten

Nach einer Weile wurde ich aufgrund des Blutverlusts bewusstlos. Bei Sonnenuntergang kam ich dann wieder zu mir. Über allem hing ein unheimlicher Nebel. Ich betete darum, eine Granate möge mich treffen und meinen Todeskampf beenden, denn der quälende Schmerz war unerträglich. Wieder wurde ich bewusstlos. Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich mich benommen, verspürte aber wenig Schmerzen und fühlte mich nicht mehr schwach und müde. Ich legte die Hand auf die Brust, um festzustellen, wie viel Schaden der Granatsplitter angerichtet hatte. Zu meinem Erstaunen hatte meine Uniformjacke keinen einzigen Riss. Ich zog mich mühsam hoch, weil mich völlige Dunkelheit umgab. Obwohl sie entfernt schienen, hörte ich die Gewehrschüsse und das Geschrei um mich herum. Nach einer Weile gewöhnte ich mich an die Dunkelheit, die einem dicken Nebel glich, und sah dunkle Schatten darin hin und her huschen. Andere Schatten lagen reglos da. Ich beschloss, weiterzugehen; ich wollte nicht geschnappt oder von den übrigen Jungs getrennt werden.

Was dann geschah, ist schwer zu erklären. Es war wie ein Traum, in dem man versucht, weiterzugehen, aber es nicht kann. Etwas hinderte mich daran, mich mehr als ein oder zwei Schritte weiterzubewegen. Ich tastete mich ab und entdeckte eine Schnur, die sich auf geheimnisvolle Weise an mich gehängt hatte. Ich ergriff sie und zerrte daran, konnte sie aber nicht lösen. Ich sah an meinen Händen hinunter bis zu der Stelle, wo sie als nicht erkennbare dunkle Form endete. Das verwirrte mich ziemlich und löste Beklommenheit, ja Schrekken in mir aus. Ich setzte mich hin, um nachzudenken.

Den Kopf in den Händen vergraben, überlegte ich fieberhaft, was ich als Nächstes tun sollte. Plötzlich hörte ich Stimmen in der Nähe, und als ich die eines Freundes erkannte, rief ich nach ihm; doch ich bekam keine Antwort. Ich zog mich hoch und rief: »Ich bin hier!« Die Stimmen wurden lauter und zwei schattenhafte Gestalten bewegten sich auf mich zu.

»Passt doch auf!«, schrie ich, als sie geradewegs durch mich hindurchgingen. Sie knieten sich neben die schattenhafte Masse, an der ich festgebunden war, und einer schien etwas damit zu machen. Ich war verwirrt und dachte, ich sei im Delirium, doch wenigstens hatten sie mich gefunden. Plötzlich hörte ich, wie einer der Schatten ausrief: »Er ist tot, armer Kerl, wir bringen ihn am besten zurück.« Ich fragte mich, über wen sie sprachen. Beide beugten sich hinunter und hoben zu meinem Erstaunen die schattenhafte Masse hoch, an der ich festgebunden war. Als sie sich fortbewegten, wurde ich von dieser geheimnisvollen Schnur mitgezogen. Ich schrie, sie sollten stehen bleiben. »Um Himmels willen, was tut ihr da? Ich kann euch sehen, ich kann euch hören, warum gebt ihr keine Antwort?« Aber es war zwecklos.

Dann brandeten die Worte eines der beiden Schatten zurück: »Er ist hinüber, der arme Kerl.« Ich sagte mir die ganze Zeit: »Ich kann doch nicht tot sein, ich kann hören und sehen; zwar nicht besonders gut, aber ich kann sehen.« Ich hoffte und betete, dass sie sich irrten. Bei einem niedrigen Gebäude blieben sie stehen und hielten noch immer den Schatten, an dem ich festgebunden war.

Eine neue Stimme sagte: »Bringt ihn nicht hierher, er ist schon eine Weile tot. Legt ihn hinten zu den anderen, die begraben werden sollen.« Ich erinnere mich vage an die Worte, die bei der Trauerfeier gesprochen wurden, dann war es still. Die Schatten wandten sich zum Gehen und zum letzten Mal vernahm ich die Stimme meines Freundes: »Er war ein netter Typ.«

Die Stimmen verloren sich allmählich im Nebel und ich hörte nichts mehr. Langsam fuhr ich mit den Händen über Körper und Gesicht. Ich hatte immer noch einen Körper, aber irgendetwas mussten sie ja begraben haben. Inzwischen dämmerte es mir langsam, dass ich vielleicht wirklich tot war. Ich war entsetzlich verwirrt und hatte Angst. Ich fragte mich, was wohl als Nächstes passieren würde. Falls ich tot war, wo war dann der Himmel? Ich fing an, hemmungslos zu weinen, und stieß hervor: »Lieber Gott, bitte hilf mir. Ich weiß, ich bin nie in die Kirche gegangen, aber ich habe immer versucht, ein guter Mensch zu sein.«

Seltsamerweise verwandelte sich meine Angst in Wut. Mein ganzer Körper begann zu pulsieren. Ich wollte verzweifelt von dieser Schnur loskommen und meine Wut gab mir die Kraft dazu. Ich ergriff sie und zog daran. Ich kann nicht ohne weiteres beschreiben, was ich anschließend fühlte. Ich empfand eine Leichtigkeit in meinem Körper und Geist. Ich hatte das Gefühl, zum ersten Mal, seit ich verletzt worden war, einen klaren Kopf zu haben. Jetzt war ich frei!

Ich sah an mir herunter und starrte hinüber zu der Stelle, von der das Kriegsgeschrei zu mir drang. Ich konnte viele Gestalten sehen, die umherrannten und zu Boden fielen. Manche standen wieder auf, manche lagen einfach da. Eine der Gestalten fiel mir besonders auf. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass ein dünner Nebel aus ihr strömte und die Gestalt eines Mannes annahm, der über der dunklen Masse schwebte. Erstaunt mutmaßte ich, dass mir wohl dasselbe widerfahren war. Darauf sah ich eine vollständige Gestalt, an der eine dünne Silberschnur hing, die mit dem Schatten am Boden verbunden war. Ich sah weiter hin. Der Mann fing an, sich zu regen und zu kämpfen. Offensichtlich konnte er nicht verstehen, was da vor sich ging–genauso wenig wie ich gerade. »Armer Kerl, vielleicht kann ich ihm wenigstens irgendwie helfen«, dachte ich.

Es war nicht weit bis zu ihm. Beim Näherkommen hörte ich seine Schreie, als er kämpfte. Ich rief: »Keine Panik! Ich helfe dir.« Gleichzeitig dachte ich: »Bloß wie? Du bist ja viel größer als ich.« Als er mich sah, fing er an zu schreien: »Hilf mir, Kumpel, was ist los mit mir?«. »Na ja«, sagte ich, »ich glaube, wir sind tot!«

»Blöder Idiot«, rief er. »Wieso soll ich denn tot sein? Ich rede doch mit dir! Wie könnte ich denn tot sein? Wenn man tot ist, ist man tot, das weiß doch jeder.«

»Na ja, Kumpel«, sagte ich, »hör einfach auf zu denken. Kannst du dich von dort wegbewegen, wo du bist?« Plötzlich malte sich Entsetzen auf seinem Gesicht. »Nein«, kam seine Antwort, »ich kann nicht. Etwas hält mich fest. Ich glaube, so eine Art Kordel.«

Ich schlang die Arme um seinen Brustkorb. »Zieh, komm schon!«, rief ich. Mit einem gewaltigen Ruck riss er sich von dem dunklen Schatten am Boden los. Er kam viel schneller von seiner dunklen Gestalt los als ich. Ich weiß nicht, wie oder warum, aber so war es. Er war frei und ich auch. Und so begann unsere Reise in das neue Leben.

»Ich heiße James, aber meine Freunde nennen mich Jim«, sagte ich. Er antwortete: »Und ich, alter Kumpel, ich bin Bill, Bill Barnes. Aber meine Freunde nennen mich ›Der Bär‹.« Ich brauchte ihn nur anzusehen und verstand, warum. Aber trotz seiner Körpergröße sah ich die Angst auf seinem Gesicht und die Verwirrung in seinen Augen.

»Lass uns reden«, sagte er. Wir gingen ein paar Schritte und ich erklärte ihm, wie ich hierher gekommen war und seine Ankunft beobachtet hatte. »Es ist doch lachhaft. Ich kann doch nicht tot sein!«, sagte Bill. »Ich habe eine Frau und drei Kinder. Was werden sie ohne mich machen?«. »Ich weiß nicht«, gab ich zurück, »ich weiß es einfach nicht. Es muss doch eine Antwort auf all diese Fragen geben.« Wir gingen weiter.

»So wie ich es sehe, können wir nicht die Einzigen sein, die gestorben sind. Es muss noch andere geben. Ist dir eigentlich aufgefallen, dass es hier weder hell noch dunkel ist, sondern nur neblig? Ich weiß nicht, ob es Tag oder Nacht ist, auch nicht, wie spät es ist. Und schon gar nicht, was hier los ist.«

Der Boden unter unseren Füßen war hart. Der Kriegslärm hinter uns nahm immer mehr ab. Wir kämpften uns durch den Nebel. Ich blieb stehen und sah Bill an. »Ich glaube, wir haben uns verlaufen, und ich weiß nicht, wohin wir gehen sollen.« Aber Bill hörte gar nicht zu, sondern sah woanders hin. »Was ist los?«, fragte ich.

»Da kommt ein Licht auf uns zu«, gab er zur Antwort. »Vielleicht kommt Hilfe.« Das Licht wurde langsam größer und ich hörte Stimmen darin. »Bill, kannst du das hören?«, flüsterte ich. »Ja. Hinter dem Licht ist jemand. Sieh mal, da sind ein paar Menschen. Vielleicht können sie uns helfen.«

»Hallo, ihr da!«, rief ich. Könnt ihr uns sehen?«.

»Ja«, kam es zurück. Ein Offizier trat vor und mit ihm ein anderer Herr, der Kleidung trug, die ich noch nie gesehen hatte.

»Hallo, Sir«, sagte ich. »Könnten Sie uns sagen, was passiert ist und wo wir sind?« »Man wird Ihnen später alles erklären. Zuerst müssen wir weg von hier«, antwortete der Hauptmann.

Wir folgten dem Hauptmann und dem merkwürdigen Mann, der ein Licht trug. Unterwegs blieben wir ab und zu stehen, um andere aufzulesen, denen es genauso ging wie uns. Allmählich lichtete sich der Nebel und der Boden unter unseren Füßen wurde weicher. Jetzt sah alles anders aus; Bäume tauchten auf. Es schien zwar keine Sonne, aber es war warm. Beim Weitergehen fielen mir zerfurchte, bräunlich-grüne Grasflecken und ein paar zum Teil zerstörte Gebäude auf–vermutlich Überbleibsel aus dem Krieg.

Wir gingen auf eine große Wellblechbaracke zu, an deren Eingang eine Gruppe junger Soldaten unruhig wartete. Ich wollte Bill gerade fragen, was er davon hielt. Aber als ich sein Grinsen sah, fragte ich stattdessen: »Was ist denn daran so lustig?« »Ich überlege gerade«, antwortete er. »Ob hier wohl die Flügel und die Harfe ausgeteilt werden? Ich brauche dann aber ziemlich große!«

»Machen Sie sich nichts vor, Soldat«, ertönte eine Stimme. Wir drehten uns um und sahen den Hauptmann dort stehen. »Mag sein, dass Sie ganz gut begriffen haben, was mit Ihnen passiert ist, aber ich will es einmal ganz deutlich sagen«, fuhr er fort. »Wir sind alle tot, na ja, auf jeden Fall körperlich hinüber. Ich bin schon eine ganze Weile hier und helfe Leuten wie Ihnen, sich an ein neues Zuhause zu gewöhnen. Ich weiß, Sie haben eine Menge Fragen, die auch garantiert beantwortet werden. Gehen Sie jetzt alle in dieses Gebäude, dort finden Sie Sitzgelegenheiten. Setzen Sie sich einfach hin und entspannen Sie sich.« Daraufhin entfernte sich der Hauptmann mit dem Herrn, der das Licht trug.

Wir betraten einen riesigen, lauten Saal mit hunderten Stühlen, auf denen meistens Männer, aber auch ein paar Frauen saßen. Manche unterhielten sich, andere lachten oder weinten. Einige starrten einfach stumm geradeaus. Vorn stand ein Rednerpult. »Hoffentlich bekommen wir hier Antworten auf unsere Fragen«, sagte ich zu Bill.

Plötzlich ertönten sphärische Klänge und es wurde still im Saal. Ich kann den Klang nicht beschreiben, aber er hatte etwas Friedliches, Beruhigendes an sich. Ich sah zu Bill hinüber und bemerkte, wie die Angst aus seinem Gesicht wich. Über jeden im Saal senkte sich Frieden. Nach zehn oder zwanzig Minuten verstummte die Musik.

Vom Rednerpult drang die Stimme eines hoch gewachsenen Offiziers. »Guten Tag, meine Damen und Herren. Mein Name ist Marsh und ich möchte Ihnen erklären, wo Sie sind. Sie haben inzwischen sicher gemerkt, dass Ihnen etwas zugestoßen ist. Sie befinden sich mittlerweile an einem anderen Ort und merken nun auch, dass dieser Ort sehr real ist.

Sie befinden sich auf der Ebene zwischen Himmel und Erde, genannt Astralebene, aber machen Sie sich im Augenblick keine großen Gedanken darüber, denn dies ist ein Ort, an dem Sie sich ausruhen und eingewöhnen können. Es wird so sein, als gingen Sie wieder in die Schule. Es gibt hier für Sie viel zu lernen. Wahrscheinlich war diese Ebene für viele von Ihnen ein Schock, weil Sie gesehen haben, dass das Leben weitergeht. Was Sie Tod nennen, ist lediglich ein Ortswechsel.

Dieser Saal hier ist einer von vielen, die in der niederen Astralebene errichtet wurden, als Hilfe für diejenigen, die im Krieg sterben. Hier unterstützt man Sie dabei, diese Übergangsphase Ihres neuen Lebens zu akzeptieren. Vermutlich fragen Sie sich, was dem Feind zugestoßen ist. Wenn dies mir widerfährt, was ist dann mit ihm? Nun, Gott macht keinen Unterschied. Sie werden später verstehen, dass alle seine Kinder sind.

Am Ausgang werden Sie in Gruppen aufgeteilt und einquartiert werden. Ihrer Gruppe wird jemand zugeteilt werden, der mit Ihnen über Sie sprechen wird. Anschließend werden Sie lernen, Ihre Willenskraft einzusetzen, denn in diesem Leben wird es auf den Willen des Einzelnen ankommen. Schauen Sie doch einmal nach, ob hinten auf Ihren Stühlen eine Zahl steht. Bitte merken Sie sich diese Zahl, wenn Sie den Saal verlassen. Ich werde zu einem späteren Zeitpunkt wieder eine Ansprache halten, aber jetzt verabschiede ich mich erst einmal.«

Wir gingen zu einem der Ausgänge. Ich drehte mich nach Bill um und sah ihn direkt hinter mir. »Alles in Ordnung, Bill?«, fragte ich.

»Klar, Jim. Welche Nummer hast du?«, fragte er.

»Nicht zu fassen–1901!«, erwiderte ich. »19 und 1 ergibt mein Alter. Zuerst bekommen wir eine Nummer, wenn wir eingezogen werden. Und jetzt, wo wir tot sind, bekommen wir noch eine.«

Eine laute Stimme unterbrach mich. »Alle mit den Nummern 1900 bis 1950, bitte mitkommen.« Ich sah hoch und stellte fest, dass die Stimme einem Feldwebel gehörte. Ich bemerkte zu Bill: »Nicht einmal hier wird man sie los.« »Du hast Recht«, sagte er, »aber ich glaube, wir sollten ihm besser folgen.« Wir überquerten ein paar Felder und näherten uns einer großen Baracke.

»Also, Jungs«, sagte der Feldwebel, »Ihr werdet fürs Erste hier einquartiert. Drinnen findet ihr Betten, macht es euch also bequem. Ich bin gleich zurück.« Als ich eintrat, sah ich Betten auf beiden Seiten des Raumes und steuerte auf eines zu, während Bill das neben mir nahm. Ich drehte mich zu ihm um und sagte: »Ich glaube, ich lege mich hin.«

Ich legte mich aufs Bett und begann mich zu entspannen, während mir die letzten Stunden durch den Kopf gingen, die mich weiter zurückdenken ließen. Ich frage mich, ob meine Mutter weiß, dass ich tot bin. Es wird ihr das Herz brechen, wenn sie es erfährt. Sie wollte nicht, dass ich zur Armee gehe, aber ich wollte nicht auf sie hören. O, Mama, es tut mir so Leid. Hätte ich doch nur auf dich gehört, dann wäre ich jetzt nicht hier und könnte dir sagen, dass ich am Leben und nicht tot bin. Ich merkte, wie ich in eine Art Depression versank, als ich die Stimme des Feldwebels hörte. Es war, als hätte er meine Gedanken gelesen.

»Also, Jungs«, sagte er, »hört ihr mir mal zu? Ihr müsst eine Menge lernen, und je schneller wir damit anfangen, desto besser. Das Erste, was ihr vermissen werdet, sind die Menschen, die ihr liebt. Es wird eine Zeit lang dauern, bis ihr darüber hinweg seid, aber mit unserer Hilfe und eurer Selbstbeherrschung werdet ihr diese Emotionen in den Griff bekommen. Ich lasse euch jetzt allein, damit ihr euch ausruhen könnt, aber ich bin in ein paar Stunden wieder zurück.« Dann ging er.

Da ich sehr müde war, legte ich mich wieder hin und schlief ein. Die Stimme des Feldwebels weckte mich. »Los, raus aus den Federn. Hopp, hopp, alle aufstehen!« Nach dem Schlaf fühlte ich mich erfrischt und ausgeruht. Beim Aufstehen merkte ich, dass ich immer noch dasselbe trug wie bei meiner Ankunft, aber seltsamerweise rochen weder ich noch meine Kleidung.

»Alles in Ordnung, Jim?«, rief Bill mir zu. Ich sah ihn an.

»Ja, Kumpel, alles in Ordnung, aber ich frage mich, was sie jetzt für uns auf Lager haben. Wie kommst du zurecht?«

»Ganz gut«, gab er zurück. »Ich habe eine Weile gebraucht, um einzuschlafen, aber dafür, dass ich tot bin, fühle ich mich sehr gut.«

Ich erinnere mich, dass ich laut sagte, er sei ein rechter Witzbold. Ausgerechnet da rief uns der Feldwebel zur Ordnung. »Stellt euch jetzt draußen in Zweierreihen auf. Man lässt den Lehrer nicht warten.« »Also auf ein Neues«, dachte ich, als wir uns in Bewegung setzten.

Es entging mir nicht, dass alle besorgt dreinschauten, als wir uns einem kirchenähnlichen Gebäude näherten. Wir gingen hinein und setzten uns hin. Vor uns befanden sich ein Altar, ein Tisch und zwei Stühle. Es dauerte nicht lange, bis sich der Hauptmann vernehmen ließ. »Guten Tag, meine Herren. Sollten Sie meinen Namen vergessen haben, ich heiße Marsh, Hauptmann Marsh. Ich werde nicht persönlich zu Ihnen sprechen, sondern das Wort an jemanden übergeben, der schon viel länger in dieser Welt ist als ich und der sich zu den höheren Ebenen der Astralwelt hinentwikkelt hat. Was Sie gleich erleben werden, wird ein Schock für Sie sein, aber hier ist das etwas ganz Normales.«

Alle Augen waren auf den Hauptmann gerichtet und jeder fragte sich, was wohl als Nächstes passieren würde. Plötzlich tauchte aus dem Nichts ein wirbelnder Nebel auf. Er nahm allmählich die Gestalt eines Mannes an und schimmerte vom Scheitel bis zur Sohle, als er sich verdichtete. Wo vor uns eben noch ein leerer Raum gewesen war, stand jetzt ein Mann. Ich drehte mich um, um zu sehen, wie die anderen reagierten. Ich glaube, sie waren genauso verblüfft wie ich. »Du liebes bisschen. Und was kommt jetzt?«, dachte ich.

»Meine Herren«, sagte der Hauptmann, »ich vertraue Sie jetzt Ihrem Lehrer an.«

»Offenbar hören Sie mir alle zu«, sagte der Lehrer. »Ich kann mir keine bessere Art vorstellen, um diese Aufmerksamkeit zu bekommen, als mit einem beeindruckenden Auftritt. Zuerst möchte ich Ihnen etwas über Ihre neue Umgebung erzählen. Sie befinden sich auf der vierten von sieben Astralebenen. Jede Ebene unterscheidet sich von den anderen durch die Manifestation, Dichte und Geschwindigkeit ihrer Grundessenz. Ihr physischer Körper verändert sich in einer Weise, die Ihr spirituelles Wachstum bestimmt–etwas, wonach Ihre Seele immer sucht. Viele von Ihnen lassen ihre Seelen buchstäblich verhungern und lassen beispielsweise zu, dass der Verstand vom Materialismus völlig vereinnahmt und beherrscht wird.

An die Seele wendet man sich immer, um nach oben zu schauen, nicht um zurückzuschauen. Sie muss Ihr Leben mit Hoffnung und Liebe erfüllen… Selbst wenn Sie sich bemühen, werden Sie diesen Idealen nicht immer gerecht, doch es ist immer ein Schritt in die richtige Richtung, sich zu bemühen.

Meine lieben Freunde, Sie sind im Krieg gefallen und Ihr bewusster Verstand hat Hass auf den Feind entwickelt, so wie er auf Sie. Aber Sie sind Ihre Gedanken und diese hasserfüllten Gedanken verzögern Ihre Entwicklung. Ihr schlimmster Feind sind Sie selbst, nicht die Soldaten, denen Sie auf dem Schlachtfeld gegenüberstanden. Auf dem Schlachtfeld des Lebens müssen Sie Ihren Charakter bilden, um sich auf Ihre nächste Phase vorzubereiten.

Sie wurden nun einmal zu früh in diese Welt hineingeworfen–wie ein Apfel, der gepflückt wird, bevor er reif ist. Genauso erleben viele von Ihnen einen verfrühten Tod–als bitter. Deshalb ist es unser Wunsch, Ihnen zu helfen, Ihrer Individualität zur Reife zu verhelfen, damit sich Ihre Seele weiterentwickeln kann. Suchen Sie nur bei sich selbst, denn viele Antworten liegen in Ihnen.

Bitte konzentrieren Sie sich jetzt auf meine Worte. Sie haben gehört, dass es sieben Ebenen gibt. Ebenso haben Sie sieben Körper. Einer davon war der physische Körper, den Sie beim Verlassen der irdischen Ebene abgestreift haben. Hier auf der vierten Astralebene lernt Ihr Astralleib, im Einklang mit den Schwingungen hier zu schwingen. Sie sind feiner und schneller als die auf der irdischen Ebene. Das erklärt, weshalb hier alles genauso greifbar und real ist wie auf der Erde. Unser Ziel ist es, Ihnen zu helfen, sich auf die Schwingungen Ihrer neuen Umgebung einzustellen und sie mit ihnen in Einklang zu bringen.

Sie befinden sich auf der zweiten Ebene Ihres bewussten Lebens, und da die dritte und vierte Ebene nur geringfügig feiner als die irdische sind, sind wir bestrebt, Sie auf die fünfte Ebene zu bringen. Das wird dann stattfinden, wenn Sie Ihre mentalen und emotionalen Schwingungen verfeinern. Ich komme von der siebten Ebene, wo die Materie schneller schwingt und verfeinerter, vergeistigter ist als hier. Sie fragen sich vielleicht, wieso ich auf Ihre Ebene kommen kann.

Die Antwort darauf ist einfach. Ich habe gelernt, meine Schwingungen herunterzutransformieren, damit ich mich auch auf niedrigeren Ebenen aufhalten kann. Durch Gedankenkraft kann ich sie so weit herunterschrauben, dass ich mich hier materialisieren und mit Ihnen sprechen kann. Nun, das ist wirklich genug für den ersten Vortrag. Sie werden sich an diese Worte erinnern, wenn Sie über Ihre erste Lektion nachdenken. Sie brauchen sich keine Notizen zu machen. Möge der Große Geist Sie bis zu unserem nächsten Treffen segnen.«

Mit diesen Worten begann der Lehrer, sich vor uns zu entmaterialisieren. Als wir gegangen waren, dachte ich über seine seltsamen Erklärungen nach. Viele schienen aus einem Märchenbuch zu stammen. Ich hatte so viel zu lernen und hatte das Gefühl, so wenig zu verstehen. Der Hauptmann erhob sich und fragte, ob es noch weitere Fragen gebe, und ein paar Hände gingen nach oben.

Der Hauptmann deutete auf einen jungen Mann, der aufstand und sagte: »Mein Name ist George Taylor. Gibt es einen Gott, Sir?« Der Hauptmann erwiderte: »Ja, George. Es gibt einen Gott und wir werden später etwas über die Gotteskraft sagen, die allen Dingen innewohnt.«

Dann deutete er hinten im Saal auf jemanden, der aufstand und sagte: »Ich heiße Tom Richardson. Werde ich meine Frau wiedersehen und mit ihr sprechen können, Sir?« Ich spürte sofort, dass diese Seele in Sorge war. »Tom«, sagte der Hauptmann, »Sie haben gehört, dass Sie einen besonderen Führer zugewiesen bekommen werden, der Ihnen beibringen wird, wie Sie mit all Ihren Lieben kommunizieren können.«

Tom blieb stehen und weinte. »Aber das genügt mir nicht. Ich will sie jetzt sehen.« Langsam ließ er den Kopf in die Hände sinken und weinte wie ein Kind.

»Es reicht, Soldat«, sagte der Hauptmann. »Beherrschen Sie sich.« Seine Stimme verriet einen starken Willen, doch es schwangen auch Verständnis und Mitleid darin. Tom hob den Kopf: »Es tut mir Leid, Sir. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.«

Der Hauptmann sagte: »Ich verstehe, wie Ihnen zumute ist. Wir alle machen das hin und wieder durch. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es Ihnen gut gehen wird. Ich habe zwei Kinder zurückgelassen, das älteste war erst fünf. Aber ich kann mit ihnen und meiner Frau mithilfe einer spirituell bewussten Person, einem so genannten Medium, kommunizieren.

Ihre Führer werden diese Information in Ihre praktischen Lektionen einbauen, um Ihnen gelegentlich über Gewissensbisse hinwegzuhelfen, die Sie bekommen werden. Ich finde, wir sollten hier besser aufhören, meine Herren. Würden Sie bitte aufstehen und hinausgehen, dort wartet Ihr Feldwebel auf Sie.«

Nachdem wir entlassen worden waren, gingen wir zu unseren Unterkünften zurück. Ich legte mich aufs Bett und versuchte, alles in mich aufzunehmen, was ich gehört hatte. Mir ging so viel im Kopf herum, dass ich schnell müde wurde. Ich schloss die Augen und schlief sofort fest ein. Als ich aufwachte, hatte ich das Gefühl, so viel Stärke wie nie zu besitzen. »Mein Gott, es ist wunderbar, am Leben zu sein«, dachte ich.

Ich lachte laut vor mich hin. »Was rede ich denn da? Ich bin doch tot!« Und doch fühlte ich mich lebendiger als je zuvor. Ich ging hinüber ans Fenster, sah hinaus und dachte, hier wird es sicher niemals dunkel, denn es war immer noch taghell. Ich setzte mich wieder auf mein Bett und erinnerte mich sofort an das, was der Lehrer vorhin gesagt hatte. Das war seltsam, denn ich hatte niemals ein gutes Gedächtnis. Ich betrachtete Bill, der immer noch schlief. Sollte er sich nur ausruhen.

Nachdem ich eine Weile untätig dagesessen war und mich ziemlich langweilte, merkte ich plötzlich, dass ich nicht gesehen hatte, was jenseits des Saals lag. Da musste es ganz sicher noch etwas anderes geben. Ich ging zur Tür und öffnete sie leise, um niemanden zu stören. Ich ging auf die Kirche zu und behielt sie als Orientierungspunkt im Auge, um mich nicht zu verlaufen. Als ich weiterging, fühlte ich eine Wärme, die von allen Seiten ausstrahlte. Ich sah hoch, weil ich dachte, das müsse die Sonne sein, aber die Sonne war nirgends zu sehen und am Himmel gab es keine einzige Wolke. Ich hatte vorher nicht darauf geachtet und das schien mir jetzt seltsam. Aber andererseits–was war an diesem Ort nicht seltsam? Ich ging weiter und sah andere Menschen. Es waren junge Paare darunter, die Hand in Hand gingen; offenbar hatten sie seit ihrer Ankunft zusammengefunden. Wie glücklich sie aussahen!

Recht besehen hatte ich niemals eine feste Freundin gehabt; doch was ich nie gehabt hatte, würde ich auch nicht vermissen. Es war ein so wunderbarer Tag, dass ich zu einem Dickicht in der Nähe ging. Beim Näherkommen sah ich, dass die Bäume schlank und aufrecht waren. Ringsherum standen Lilien und Glockenblumen nebeneinander im Gras und zeigten ihre farbenprächtig leuchtenden Blüten. In der Luft hing der schwere süße Duft von Geißblatt und Lavendel.

Der Blumenteppich vor mir sah so einladend aus, dass ich mich hinsetzte und an einen der Bäume lehnte und begann, mich zu entspannen. Mir fiel auf, dass die Bäume in voller Blüte standen und damit meine Stimmung widerspiegelten. Ich gab mich Tagträumereien hin und nickte ein, wurde aber von einer Stimme aufgeschreckt.

Als ich mich umsah, erblickte ich zu meinem Erstaunen einen Orientalen, der direkt hinter mir stand. »Keine Angst«, sagte er, »ich bin hier, um dir zu helfen. Ich möchte mich vorstellen. Mein Name ist Chan und ich bin dazu ernannt worden, als dein Führer zu arbeiten. Auch wenn wir unterschiedlichen Rassen angehören, wird es zwischen uns keine Sprachbarrieren geben.«

Ich sah ihn von oben bis unten an und bewunderte seine prächtige Kleidung. Die Farben leuchteten, als wären sie lebendig. Ich fragte mich, woher er war. »Natürlich von der sechsten Ebene, wo ich lebe«, sagte er.

»He, ich habe gar nichts gesagt. Woher wusstest du, woran ich gerade dachte?«

»Ich kann deine Gedanken lesen«, antwortete er. »Hier braucht man nicht zu sprechen. Auch du wirst lernen, deine höheren Sinne zum Sprechen zu benutzen.«

»Aber redest du denn gerade mit mir?«, wollte ich wissen.

»Natürlich. Ich kann zwar die Kraft meines Verstandes nutzen, aber das heißt nicht, dass ich die Kraft des Sprechens verlieren möchte. Wir haben eine Menge zu besprechen, aber lass mich zuerst ausreden. Als du zum ersten Mal hier in dieses Leben kamst, hast du deine Persönlichkeit und alle ihre Erfahrungen mitgebracht. Eine dieser Erfahrungen war deine Fähigkeit, auf der Erde zu sprechen und zu kommunizieren. Du wirst deine alten Fähigkeiten nicht verlieren. Du kannst sie gar nicht verlieren, weil sie Teil deines Charakters sind. Im Leben geht es darum, seinen Charakter zu formen, und Erfahrungen sind die Bausteine des Charakters.

Könntest du dir einen Gott der Liebe vorstellen, der ein vierjähriges Kind aus dem Kindergarten herausnimmt und in eine Universität steckt? Das Kind wäre völlig verloren, weil es seine neue Umgebung nicht begreifen könnte. Um die Zeit, die es an der Universität verbringt, richtig zu verstehen, muss es zuerst in den Kindergarten und die Grundund höhere Schule gehen. Die nächste Phase kommt dann automatisch und das Streben nach Bildung schließt sich reibungslos an. Bei dir ist das genauso, weil du nicht vom physischen Tod direkt auf die Geistebene gelangen kannst. Die Anpassung wäre zu viel für dich. So wirst du stufenweise auf die jeweiligen Astralebenen geführt. Jede bildet dich für die nächste aus. Du wirst deine althergebrachten Ideen von irdischem Schulunterricht revidieren müssen, aber ich werde dein Lehrer sein und dir dabei helfen, dir neueVorstellungen anzueignen.

Deine erste Lektion wird es sein, zu lernen, deine Gedanken zu bündeln, indem du deine Willenskraft konzentrierst. Dann kannst du mental mit anderen Seelen kommunizieren. Das funktioniert so, dass ein Gedanke zur Geraden und der Wille zum Impuls wird. So wie man auf der Erde über Telefone kommuniziert, setzt du hier den Willen dazu ein. Durch Gedankenkontrolle und Willenskraft wirst du in der Lage sein, Botschaften zu empfangen und zu senden. Das ist direkte Kommunikation. Solange du sie noch nicht beherrschst, musst du deinen Kehlkopf benutzen, so wie du es in den letzten zwanzig Jahren getan hast.«

Es erstaunte mich, dass er mein Alter wusste, und ich fragte ihn neugierig, woher. »Nun ja«, sagte er, »Ich kann das Muster deines Lebens lesen, das mir alles über dich verrät, von deiner Geburt bis jetzt.«

»Du liebe Güte«, dachte ich, »er weiß alles über mich!« »Reg dich nicht auf«, sagte er. »Ich kann deine Gedanken lesen, Jim. Es stört dich doch nicht, wenn ich Jim zu dir sage?«

»Nein«, sagte ich spontan. »Aber was ist diese Sache mit dem Lebensmuster?«

»Ich glaube, damit beschäftigen wir uns jetzt lieber nicht«, erwiderte er.

Wenn ich heute zurückdenke, erinnere ich mich, wie wenig ich damals wusste und verstand. Später wurden Chan und ich wie Vater und Sohn.

»Also, Jim, ich möchte mit dir über deine Schlafgewohnheiten sprechen. Bitte unterbrich mich nicht. Es werden dir hier viele nützliche Veränderungen auffallen. Eine davon ist, dass du kein Schlafbedürfnis mehr haben wirst. Die Zeit, in der du seit deiner Ankunft geschlafen hast, sollte dir die Eingewöhnung erleichtern. Als deine Mutter dich zum ersten Mal in den Armen hielt und an ihre Brust drückte, hast du dich so sicher und geborgen gefühlt, dass du in die Welt des Schlafs geglitten bist, damit sich dein winziger Körper nach seiner Ankunft auf dieser Welt erholen konnte. Dein Körper war eine Maschine, die Nahrung, Wasser und Ruhe brauchte, um richtig zu funktionieren. Schlaf war nötig, damit sich der Körper erneuern konnte, aber oft drückte man sich damit vor den täglichen Verpflichtungen. Viele meinen, ihre ganzen Sorgen würden über Nacht verschwinden. Das stimmt aber gar nicht.

Ist dir klar, dass du ein Drittel deines Lebens verschlafen hast? Obwohl du hier zwar keinen Schlaf gebraucht hast, hat sich dein Verstand die Anpassungsmuster aus seinem Erdenleben gemerkt. Der physische Körper verlangsamt seine Reaktion auf die menschliche Uhr, die angibt, wann man Erholung braucht. Deine Uhr wird sich den Schwingungen dieser Ebene entsprechend verändern und deinen konditionierten Verstand langsam auflösen und dir so mehr Freiheit gewähren. Wenn du das nächste Mal schlafen willst, dann sag Nein. Wenn du das mehrmals machst, wirst du die Gewohnheit ablegen und kein Schlafbedürfnis mehr haben. Du wirst dich genauso gut fühlen, wenn nicht besser.«

»Aber nach meinem Schlaf fühlte ich mich so voller Energie«, sagte ich. »Hör einfach auf zu denken«, erwiderte er. »Du wirst keinen Schlaf mehr brauchen, aber du wirst dieselbe Energie wie vorher haben. Manchmal wirst du es für notwendig halten, dich zu erholen, damit du verdauen kannst, was du gelernt hast, aber Schlaf, so wie du ihn kanntest, wird unnötig sein.«

Chans Worte schwirrten in meinem Kopf. »Ich weiß, das ist sicher eine dämliche Frage«, sagte ich, »willst du mir damit sagen, dass ich, wenn ich mir einrede, ich bräuchte keinen Schlaf, nicht schlafen und mich trotzdem genauso gut fühlen werde?«

»Das habe ich dir gerade erklärt«, antwortete er in einem Ton, der keine Zweifel daran ließ, dass er wusste, wovon er sprach, und dass ich aufmerksamer hätte zuhören sollen. Er fragte, ob ich weitere Fragen hätte.

»Ja«, gab ich zur Antwort, »wo kann ich etwas zu essen bekommen? Ich bin kurz vorm Verhungern.«

»Darauf habe ich die ganze Zeit gewartet«, neckte er mich. »Erinnerst du dich, was ich gerade über den Schlaf gesagt habe? Nun, dasselbe gilt auch fürs Essen.«

Ich war sprachlos über Chans Worte und rief aus: »Du meinst doch nicht etwa, dass ich auch nicht mehr essen kann?«

»Dafür gibt es einen triftigen Grund«, erwiderte er. »Die Lebensbedingungen auf den höheren Sphären hängen von geistiger Kraft mehr ab als auf der irdischen Ebene. Du hast beispielsweise einen Körper, der ein Duplikat des Körpers ist, den du auf der irdischen Ebene hattest. Du hast Lungen, die sich mit Luft füllen. Du hast ein Herz, das schlägt und klopft. Du hast auch eine Leber, Nieren und andere innere Organe, aber sie werden nicht genauso benutzt wie auf der irdischen Ebene, weil du hier keine grobkörnige Nahrung zu dir nimmst, die von Leber, Nieren und so weiter verarbeitet werden muss. Hier nehmen wir Nahrung oder Brennstoff über die Poren unserer Haut und über unsere Atmung auf. Das ist für unser Wohlergehen völlig ausreichend.«

»Um den quälenden Hunger abzustellen, brauche ich also nur zu denken, dass ich nichts zu essen brauche?«, fragte ich.

Er nickte und lächelte. »Sehr gut, junger Mann«, sagte er, »du lernst allmählich. Mit der Zeit wird es immer einfacher.

Du bist erst seit kurzem hier und fragst und denkst schon mit anderen Augen. Du lernst schnell, weil du eine Wahrnehmungsfähigkeit hast, die vielen fehlt. Du bist nämlich in einem sehr jungen Alter hierher gekommen und die materielle Lebensweise hatte sich noch nicht so tief in dein Bewusstsein eingeprägt. Trotzdem brauchst du aufgrund der Umstände deines Todes eine Gewöhnungsphase. Ich bin aber dennoch sicher, dass du es schaffen wirst, wenn du mehr Erfahrung hast. Und ich versichere dir, dazu wirst du hier die Gelegenheit haben. Komm, gehen wir ein Stück. Fürs Erste habe ich alles gesagt und möchte dir jetzt das Leben hier ein bisschen zeigen. Wir werden dir auch neue Kleidung besorgen.«

Ich war aufgeregt, als von neuer Kleidung die Rede war, weil ich immer noch meine Uniform trug und sie ziemlich satt hatte. Wir gingen ungefähr eine halbe Stunde lang, dann streckte Chan die Hand aus und sagte:

»Wir gehen nur bis zu diesem Hügel da drüben. Ein andermal zeige ich dir, wie du deine Willenskraft benutzt, um an einen beliebigen Ort zu reisen. Mit anderen Worten: Du brauchst nicht mehr irgendwohin zu gehen, wo du hingelangen möchtest. Du gelangst dorthin, indem du einfach an den Ort denkst und deine Gedanken darauf richtest. Wie ich bereits sagte, wirkt der Gedanke als Gerade und in diesem Fall wirkt der Wille wie ein Magnet, den es zu dieser Geraden hinzieht. Alles ganz einfach.« Er gluckste leise.

Bei seinen letzten Worten sah ich ein allwissendes Lächeln über sein Gesicht huschen. »Ich muss noch so viel lernen«, dachte ich. »Diese ganzen Dinge–reden, ohne zu reden, nicht schlafen, nicht essen und jetzt brauche ich nirgendwohin mehr zu gehen. Du lieber Gott, was ist mit mir los?«

Chans Befehl holte mich aus meinen Gedanken: »Beruhige dich. Ich kann deine Gedanken lesen. Es ist nicht so schlimm, wie du meinst. Du wirst feststellen, dass du ohne die Einschränkung durch den physischen Körper viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten hast.«

Wir waren oben auf dem Hügel angelangt und sahen eine kleine Stadt unter uns. Ich sah Chan an, dessen Lächeln zu sagen schien: »Ich hab’s dir doch gesagt.« Wir brauchten nicht lang bis zur Stadt. Sie sah wie viele Städte auf der irdischen Ebene aus. Es gab Gasthäuser und alle möglichen Läden. Der große Unterschied zwischen dieser Stadt und denen auf der Erde war, dass sie viel sauberer war. Es gab keine schmutzigen Straßen und verschmutzte Luft. Sie war friedlich und es herrschte auch nicht das übliche Gedränge und Gehetze im Leben einer Stadt auf der Erde.

Die Ladenschaufenster waren sehr schlicht, weil der Mensch, wie Chan erklärte, der Versuchung nicht widerstehen konnte. Sobald einmal Dinge im Schaufenster lagen, musste man sie haben. Wir brauchen hier keine Versuchung. Das sah ich genauso.

Wir kamen zu einer recht unscheinbar wirkenden Schneiderei. Jacken und Hosen waren ordentlich aufgehängt. Ein recht überlegen wirkender Mann betrat den Raum, in dem wir saßen. Ich stand sofort stramm und vergaß für einen Moment, wo ich war. Der Schneider begann bei mir Maß zu nehmen und fragte: »Was hätten Sie denn gern, Sir? Einen bestimmten Stil oder eine besondere Farbe?«

»Nein, nein, was Sie für das Beste halten. Aber diese Farbe da gefällt mir«, sagte ich und deutete auf ein Indigoblau im Musterbuch. Ich war mit meiner Entscheidung für das einzigartige Blau zufrieden. Als der Schneider mit Maßnehmen fertig war, sagte er, wir sollten in drei Stunden wiederkommen. Ich sah, dass auch Chan mit meiner Wahl zufrieden war, obwohl er es niemals zugegeben hätte.

»Es warten noch andere Bekleidungsgeschäfte auf uns«, sagte Chan und winkte mir, ihm zu folgen. Wir suchten in zahlreichen Geschäften neue Kleidungsstücke aus, bis ich vier Taschen voll hatte. Du fragst dich vielleicht, wie ich für das alles bezahlte. Als ich mich nach der Bezahlung erkundigte, hieß es, das sei nicht notwendig, weil hier jeder zum Nutzen anderer arbeite. Ich dachte mir, das sei doch eigentlich viel besser.

»Also, Jim, gefallen dir deine neuen Kleidungsstükke?«, fragte Chan. Ich freute mich und sagte das auch. »Gut«, gab er zurück, »jetzt möchte ich dich an einen Ort mitnehmen, wo du baden und dich umziehen kannst.«

Nach einer Weile ließen wir die Stadt hinter uns und kamen zu ein paar Feldern. Nach kurzer Zeit erreichten wir einen Wald, wo Chan mich zu einem von Büschen umstandenen Teich führte. Als ich sie zur Seite bog, sah ich, dass der Teich von einem kleinen Bach gespeist wurde. Chan ermutigte mich: »Zieh diese alten Klamotten aus und spring hinein.«

Ich brauchte nur Sekunden, um mich meiner Uniform zu entledigen und ins Wasser zu springen. Ich kann das Gefühl, das mich im Wasser überkam, nicht in Worte fassen. Es war, als hätte das Wasser einen eigenen Verstand. Sosehr ich versuchte, unterzutauchen–ich kam immer wieder hoch. Chan stand neben meiner Uniform und schien hoch konzentriert. Selbst aus der Entfernung spürte ich seine Willenskraft. Er gestikulierte mit den Händen, worauf ein Licht aus einer seiner Handflächen zu strömen begann. Das Licht umfloss meine Uniform und innerhalb von Augenblicken waren Licht und Uniform verschwunden.

Das erschreckte mich und sofort rief ich ihm zu: »Was hast du mit meiner Uniform gemacht? Wo ist sie? Ich werde Schwierigkeiten bekommen, wenn ich sie nicht habe.«

»Du brauchst hier keine Dinge, die dich an den Krieg erinnern«, bellte er. »Du hast den Krieg auf der irdischen Ebene hinter dir gelassen, aber deine Uniform war ein Teil davon und enthielt noch negative Schwingungen, die dich beinträchtigen könnten. Es wird Zeit, dass du herauskommst und dich anziehst. Ich habe deine Kleidung zurechtgelegt.«

»Aber ich brauche ein Handtuch«, sagte ich.

»Nein, brauchst du nicht«, erwiderte er. »Komm einfach raus, dann siehst du, was ich meine.«

Ich stemmte mich auf die Füße hoch, wobei ich Acht gab, nicht auszurutschen, und da stand ich in all meiner Pracht. Das Wasser glitt einfach an mir ab und ich war völlig trocken! Gleichzeitig hatte ich ein höchst bemerkenswertes Gefühl. Alle meine Sorgen waren weggeblasen und ich hatte wieder neuen Schwung. Ich ging zu der Stelle, wo Chan meine Kleidung zurechtgelegt hatte, und zog sie an. Dann hielt ich nach Chan Ausschau.

»Hier drüben bin ich«, rief er mir von einer Baumgruppe zu.

Ich musste leise lachen, weil er so dekorativ aussah, wie er da auf einem Stuhl unter einem der Bäume saß. Der Stuhl neben ihm war offenbar für mich gedacht und so ging ich hinüber und setzte mich. »Und«, fragte er, »fühlst du dich jetzt besser?«

»Ja«, antwortete ich. »Seit dem Bad fühle ich mich richtig gut. Warum ist das so?«

»Das muss ich dir näher erklären«, sagte er. »Du weißt, dass dein neuer Körper anders ist als dein alter. Er ist nun mehr von ätherischen Energien abhängig. Dein Körper und alles andere hier wird von diesen Energien beeinflusst. Wasser ist die am meisten aufgeladene Energie. Erinnere dich an etwas von der irdischen Ebene. Die Autos dort brauchten einen Energievorrat, um richtig fahren zu können. Stell dir deinen Körper wie ein Auto vor, das eine Batterie hat. Der Astralleib besitzt einen Vorrat an ätherischer Energie, der aufgefüllt werden muss, wenn er zur Neige geht. Normalerweise bekommst du genügend Energie vom Äther, um deinen Körper erhalten. Ab und zu wirst du eine bestimmte Arbeit verrichten, die dir die Energie schneller entzieht, als du dich aufladen kannst. Solange du es nicht anders weißt, wirst du in einem der Ströme baden müssen, um den Aufladeprozess zu beschleunigen. Ich bin mir ganz sicher, mit mehr praktischer Erfahrung wirst du verstehen, was ich gesagt habe.

Du hast bereits gesehen, dass du kein Handtuch brauchst. Ich will dir erklären, warum. Unser Körper besteht aus chemischen Stoffen, die der Atmosphäre entnommen werden, aber ihr Zustand ist viel verfeinerter. Die höheren Schwingungen und die größere Menge Lebenskraft, die uns beständig durchströmen, lassen unseren Körper viel stärker, wenngleich schwimmfähiger werden als irdische Körper.

Die Ebene, auf der wir uns befinden, ist der Gotteskraft viel näher als die irdische Ebene; deshalb nehmen wir viel mehr davon auf. Das bezieht sich auf deine Entdeckung von eben, dass dein Körper Energie aus dem Wasser aufnehmen konnte, ohne das Wasser selbst aufzunehmen.

Ich will noch einen anderen Vergleich anführen. Während deines irdischen Lebens hast du für deine Mutter sicher manchmal die Fenster geputzt. Als du den nassen Lappen auf das Glas gelegt hast, ist dir sicher aufgefallen, dass das Wasser von der Scheibe ablief und etwas darauf zurückblieb. Hier bekommst du nicht die Rückstände, sondern hast zum Schluss einen sauberen und wiederaufgeladenen Körper. Beantwortet dies deine Frage?«

»Ja«, antwortete ich. »Aber was ist mit meiner Uniform und wie hast du sie verschwinden lassen?«

»Dein Verstand ist ja wirklich wissbegierig«, sagte er. »Das ist gut, denn es bedeutet, dass du mir aufmerksam zuhörst. Mit meiner Willenskraft kann ich astrale Materie beeinflussen. Das heißt, ich kann sie aufbauen oder in ihre ursprünglichen Bestandteile auflösen. Unsere Stühle beispielsweise sind so gebaut. Zuerst musste ich an den Stuhl denken und den Gedanken in meinem Kopf festhalten, während ich meinen Willen auf die Gedankenform fokussierte. Dadurch gelangte die subjektive Sichtweise in die objektive Welt, indem sie sich objektiver Materie bediente. So bekommen wir die meisten Dinge in dieser Welt.

Nun aber zu der Frage, weshalb ich deine Uniform habe verschwinden lassen. Sie war mit Gedanken an den Krieg infiziert. Der Hass, der Tod und die Zerstörungswut, die du dem Feind gegenüber aufgebaut hast, beeinträchtigte die schwerfällige Natur deines niedrigen Selbst. Deine Uniform war Teil von dir. Sie hatte zwar keinen eigenen Verstand, doch sie kam in Kontakt mit deinen Gedanken und sog die Emotionen des Krieges wie ein Schwamm auf. Dadurch entstand eine Übertragung zwischen der Uniform und dir. Obwohl nicht sichtbar, hat das einen Effekt auf dich gehabt, der deine Gefühle durch Hass auf deine Kameraden trübte. Das darfst du nicht zulassen, denn es schadet deinem spirituellen Wachstum.

Das ist mit ein Grund, weshalb wir versuchen, neue Seelen von ihren unmittelbaren irdischen Lebensbedingungen abzubringen, denn sonst führen sie den Kampf auf den niederen Parzellen der Astralebene weiter, wo das Böse herrscht. Du hattest Glück, dass der Hauptmann dich gefunden und hierher gebracht hat, sonst hätten sich niedere Elemente deiner bemächtigt und dich mit den niederen Begierden des irdischen Lebens wie Alkohol, Glücksspiel und Sex geködert. Dann wärst du zum Sklaven dieser Begierden geworden und langsam immer tiefer in die astrale Materie gesunken und hättest dir damit deine eigene Hölle geschaffen.«

Es erstaunte mich, dass Chan die Hölle erwähnte. Ich fragte, ob es solch einen Ort gebe, und wenn ja, wo er war. »Ich werde dir ein andermal erklären, wo sie sich befindet«, sagte er. »Ich will jetzt lieber da weitermachen, wo ich stehen geblieben bin. Du wirst Höhen erklimmen müssen, aber der erste Schritt beginnt immer auf der untersten Sprosse. Der Kampf zwischen Gut und Böse wird immer auf den niederen Ebenen geführt. Manchmal versucht das Böse, seine Grenzen auszudehnen, und dann kommt es zu offenen Konflikten. Das dauert nicht lange, weil wir die Macht des Rechten auf unserer Seite haben. Manchmal mischen sich die Herren des Lichts in die Schlägerei ein und mit ihrer Hilfe wird das Böse schnell vertrieben. Bei dieser

Gelegenheit können wir ,Gefangene’ machen, die wir, so hoffen wir, davon überzeugen können, dass sie sich falsch verhalten.

Wir können sie nicht lange festhalten, weil ihre eigenen bösen Gedanken sie zurück auf ihre Ebene ziehen. Manchmal sind die Seelen nicht böse, sondern nur verloren und in falsche Gesellschaft geraten. Wenn sie einverstanden sind, helfen wir ihnen, aus ihrer Dunkelheit auf den Pfad des Lichts zu klettern. Die Seelen, die damit beschäftigt sind, diese verlorenen Wesen emporzuheben, nennt man Retter. Ihre Aufgabe ist es, sich auf die niederen Ebenen zu begeben, und sie werden aufgrund ihrer hoch entwickelten Willenskraft ausgewählt. Wer sich in die finstersten dieser Reiche vorwagt, muss geschickt und mutig sein. Und in diese dunkelsten Reiche gehen die Retter in Vierergruppen, um die vier Kardinalpunkte der Seele, der sie helfen, zu bewahren. Dann hat das Böse keinerlei Chance, unsere Arbeit zu durchkreuzen. Die zurückgeholten Seelen werden an einen Ort der Ruhe geführt, wo sie so lange bleiben, bis sie eine positivere Einstellung entwickelt haben und ihr Verstand sich für die höheren Einflüsse des Lebens hier öffnet.

Es gibt hier eine ganze Armee von Seelen, die so arbeiten. Ich habe als Retter gearbeitet, bis ich damit beauftragt wurde, für dein Wohlergehen zu sorgen. Und jetzt wird es Zeit, dich zurückzubringen. Ich habe viel über das Leben hier gesagt und du musst verdauen, was du gehört hast.«

Wir erhoben uns von den Stühlen, die sich auflösten, als Chan eine Handbewegung machte. Ich fragte ihn, ob er mir einmal zeigen würde, wie man das macht. »Ja«, sagte er, »ein andermal. Wir müssen gehen.«

Wir brauchten nicht lang für den Weg zurück zur Unterkunft. Ich fühlte mich gut und hatte den Eindruck, in meinen neuen Kleidern gut auszusehen.

»Wann sehe ich dich wieder?«, fragte ich.

»Schon recht bald«, gab er zur Antwort. »Du brauchst jetzt Ruhe. Wenn du mich brauchst, dann konzentrier dich auf mein Gesicht und meinen Namen. Und warte ab, was passiert! Machs gut!«

Ich dankte ihm für seine Hilfe. Zum Abschied winkte er mir und begann plötzlich zu verblassen. Im Nu war er verschwunden. Das muss ihm erst mal einer nachmachen! Eben noch da und schon wieder weg.

KAPITEL 2

Ich öffnete die Tür zur Baracke und stand Bill gegenüber.

»Guten Morgen, Jim«, sagte er, »du siehst gut aus. Mir gefällt dein neuer Anzug, wirklich sehr schick. Was hast du die ganze Zeit gemacht?«

»Das ist eine lange Geschichte. Ich hätte nie gedacht, dass das Leben nach dem Tod so sein würde. Von so etwas hat mir meine Mutter niemals erzählt. Sie hat in der Kirche völlig andere Dinge gelernt. Wo sind die Schutzengel? Jemand, der noch am ehesten an einen Schutzengel erinnert, ist ein Asiate, der nach Belieben kommt und geht. Aber er ist ein netter Typ und er hat mich gerade eingeweiht.«

»Hast du gerade Asiate gesagt?«, Bill lachte.

»Ja, hab ich«, erwiderte ich. »Was ist daran so komisch?«

Bill hatte sich inzwischen hingesetzt, weil er so heftig lachen musste. »Wenn du fertig bist, erzähl mir den Witz«, befahl ich.

»Also«, sagte er, »wenn du einen Asiaten als Engel haben kannst, dann rate mal, wen ich habe?« »Ich glaube langsam, hier ist alles möglich«, sagte ich. Bill verschluckte seinen Lacher, um sprechen zu können. »Hör dir das an. Mein Führer ist ein Indianer. Er nennt sich Medizinmann und ich kann dir sagen, ich hatte eine nette Zeit mit ihm. Er hat mir versprochen, dass wir später neue Klamotten für mich besorgen. Dann sehe ich so schick aus wie du.«

Diesmal brachen wir beide in Gelächter aus. Wer würde uns glauben, dass ein Indianer und ein Asiate unsere Schutzengel waren? Wir konnten uns vor Lachen kaum halten. Schließlich lachten alle in der Unterkunft mit, obwohl sie nicht wussten, worüber sie lachten. Das ging eine Weile so weiter, bis ich beschloss, mich hinzulegen.

Ich war vergnügt und begann noch einmal über alles nachzudenken. Ich fragte mich, wie lange ich wohl schon hier war; ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Die Erinnerung an meine letzte Schlacht war verblasst. War das einen Tag oder zehn Tage her? Das weiß nur Gott, es ist seither so viel passiert. Ein lauter Krach riss mich aus meinen Gedanken; der Feldwebel stand an der Tür.

Er sah sich um, schüttelte den Kopf und murmelte etwas über unser Aussehen. Mit dieser belustigten Anspielung wollte er uns ein schlechtes Gewissen machen, weil wir keine Uniform trugen. »Also«, sagte er, »es gibt ein Treffen mit dem Hauptmann. Auf die Beine, los.« »Schon wieder«, murmelte ich. Wir betraten den Saal und setzten uns. Bill setzte sich neben mich. Während wir auf die Ansprache des Offiziers warteten, erzählten wir uns ein paar Witze.

»Guten Tag, meine Herren«, ließ sich der Hauptmann vom Rednerpult vernehmen. »Ich habe gehört, dass Sie sich alle so langsam einleben. Das ist gut. Jeder von Ihnen hat seinen persönlichen Führer kennengelernt, der Ihnen das Wirken dieser Ebene vermitteln soll. Ich bin sicher, es war für viele von Ihnen ein Schock, dass Ihre Führer einer anderen Rasse angehören. Alle sind Gottes Kinder und wir alle entwickeln uns auf dieselbe Weise. Ich gebe das Wort jetzt an Ihren Lehrer.«

»Willkommen, meine Freunde«, begann der Lehrer. »Ich überbringe Grüße vom Allerhöchsten, der auf Sie alle liebevoll herabschaut. Ich möchte Ihnen über die Gotteskraft erzählen, die in Ihnen liegt. Für diejenigen unter Ihnen, die im irdischen Leben Agnostiker waren, war es wohl ein Schock, dass sie überlebt haben. Und ein noch größerer Schock, dass es einen Gott gibt. Sie dürfen sich Gott nicht wie einen Mann oder eine Frau vorstellen, der oder die auf einem Thron sitzt und aus großer Höhe herabblickt, um zu überprüfen, ob Sie gut oder schlecht sind. So ist das nicht.

Gott ist der immaterielle Geist hinter allem Leben, seine Kraft ist allgegenwärtig. Gott hat Ihnen ein Leben geschenkt und es mit Bewusstsein gekrönt, denn er wusste, dass dadurch Individualität entwickelt würde. Also kann man sagen, dass unsere Gabe von Gott unsere eigene bewusste Individualität ist, die uns niemand wegnehmen kann. Sie möchten vielleicht wissen, warum Ihnen dies in Ihrem irdischen Leben nicht bewusst war.

Seit Ihrer Geburt waren Sie von materiellen Dingen umgeben, die den materiellen Körper und Verstand erhalten sollten. Als sie älter wurden, umgab sich der materielle Verstand mit einer konkreten Betonmauer, weil Ihre konkreten Gedanken darauf konditioniert waren. Sobald diese Mauer steht, verhindert sie, dass ein Teil des spirituellen Sonnenlichts in Ihr Leben tritt. Sie sind nicht mehr im Stande, irgendetwas jenseits der konkreten Welt zu erkennen.

Auf der irdischen Ebene gibt es ein paar Menschen, die sich bemühen, Gottesqualitäten in sich zu erkennen. Dabei reißen sie langsam ihre Mauern ein, sodass das Sonnenlicht der spirituellen Wahrheit eindringen kann. Wenn dies geschieht, wird ihnen ihr wahres Wesen bewusst. Sie versuchen dann, ihr Wissen über Reinheit und Liebe dafür einzusetzen, um der Menschheit zu helfen, indem sie das Bewusstsein jener, denen sie begegnen, spiritualisieren. Es hat viele erleuchtete Seelen gegeben, die ihr Wissen an eine hungrige Welt weitergegeben haben. Eine davon war Jesus von Nazareth, der die Christuseigenschaften Stärke, Liebe, Güte und Mitgefühl verkörperte. Jedem, mit dem er in Berührung kam, ging es nach dieser Begegnung besser.

Meine Freunde, in Ihnen ruhen dieselben Eigenschaften, auch wenn das Christuslicht nicht so strahlend leuchtet. Sie müssen sich bemühen, dieses Licht zu erkennen, und sich seiner Macht bewusst werden. Durch Ihre eigenen Gedanken werden Sie diese göttliche Macht verzehnfachen. Wir möchten, dass Sie Ihr Potenzial für Gutes und Schlechtes erkennen. Die Macht funktioniert bei jedem gleich.

So wie eine Pflanze oder Blume einen angenehmen oder unangenehmen Duft verströmt, so beeinflusst auch der Mensch seine Umgebung im Guten oder Schlechten. Sie können nicht jemandem begegnen, ohne seine Seele zu beeinflussen. Man wird Ihnen beibringen, Ihre niederen Gedanken zu beherrschen und die höheren auszusenden, denn Sie werden bald mit anderen in Kontakt kommen, die Hilfe benötigen. So wie wir Ihnen jetzt helfen, werden auch Sie anderen die Hand der Freundschaft reichen. Aber Lernen ist für uns alle ein langer Prozess, weil jede Seele einen unterschiedlichen Bewusstseinsgrad hat und sich auf einer individuellen Reise durchs Leben befindet.

Bitte überlegen Sie sich alle einmal, was das Wort ›Leben‹ bedeutet. Ich möchte das genauer erklären. Leben kann man nicht zerstören. Man kann nur seine Ausdrucksform verändern. Den physischen Körper gibt es nach dem Tod nicht mehr, aber die Lebenskraft in diesem Körper wird auf einer anderen Ebene weiterexistieren. Sie hält sich nur an einem anderen Ort auf. Es gibt immer noch einen lebenden Körper und einen denkenden Verstand. Sie haben diesen Übergang selbst miterlebt.

Nun zu der Frage, warum Sie den Tod überlebt haben. Die Lebenskraft, von der ich gerade gesprochen habe, heißt Gott-in-uns. Gott kann sich nicht zerstören, weil er das Naturgesetz ist, das sich über alle Gesetze erhebt, auch über das Gesetz des physischen Todes. Das Gesetz des Lebens ist ständige Bewegung und Veränderung. Nichts kann die Evolution aufhalten, weil sie ein Muss ist, und Ihr evolutionärer Aufstieg in immer höhere Bewusstseinszustände ist Ihr Geburtsrecht, das Ihnen das erhabene Wesen gegeben hat, welches wir Gott nennen. Es genügt fürs Erste, dass wir dieses großartige Mysterium Leben angesprochen haben.«

Der Lehrer machte eine kurze Pause und fragte dann, ob es Fragen gebe. Ich sah, dass viele im Saal die Köpfe zusammensteckten, um über seine Worte zu diskutieren. Die Privatgespräche gingen weiter, bis ein junger Mann aufstand und fragte: »Werde ich ihm jemals begegnen, Sir?«

»Wie heißen Sie, junger Mann?«, wollte der Lehrer wissen. »Und wem möchten Sie begegnen?«

»Nun, natürlich Gott, Sir«, antwortete er. »Ach ja, ich heiße Albert Ford.« Jeder lachte, als der Bursche nervös wurde. Ich wette, er wünschte sich, der Boden würde sich auftun und ihn verschlucken. Aber man musste ihm zugute halten, dass er stehen blieb.

»Es reicht, meine Herren!«, sagte der Lehrer. »Beruhigen Sie sich.«

Stille senkte sich über den Saal und Albert ließ sich auf seinen Stuhl zurückfallen. Der Lehrer fuhr fort: »Albert, Sie lernen Gott kennen, indem Sie sich selbst kennen lernen. Wie ich bereits erklärt habe, ist er in Ihnen. Wenn Sie dies verstehen, werden Sie feststellen, dass Gott in allen Dingen ist und alle Dinge in Gott sind. Es kann nur so sein. Das Geheimnis des Lebens ist das Leben selbst. Sie werden das bald verstehen. Und dann werden Sie sagen: ›Ich bin Gott begegnet.‹ Ich hoffe, Ihre Frage ist damit beantwortet, Albert.«

Sofort schossen mehrere Hände hoch. Der Lehrer suchte noch einen jungen Mann aus, der sich darauf erhob. »Name Tom Adams, Sir. Mein Vater starb vor vielen Jahren. Wenn es für alle ein Leben nach dem Tod gibt, warum habe ich ihn dann nicht gesehen?«

»Wie starb er?«, fragte der Lehrer.

»Vermutlich an Schwindsucht, Sir.«

»Die Art, wie Sie gestorben sind«, erklärte der Lehrer, »hat zu einer Trennung zwischen Ihnen und denen geführt, die vor Ihnen gingen. Da Sie in der Blüte Ihres irdischen Lebens abberufen wurden, muss sich Ihr Geist an seine neue Umgebung gewöhnen. Wenn Sie so weit sind, werden Sie den Menschen, mit denen Sie auf der Erde zusammen waren, näher kommen.

Was Ihren Vater angeht, so ist er wohl jenen begegnet, die ihn liebten. Sie haben ihn begrüßt und sofort mitgenommen, damit er sich von den Umständen seines Todes erholt. Als er wieder bei Kräften war, wurde er so wie Sie jetzt in seine neue Umgebung eingewiesen. Zum richtigen Zeitpunkt wird Ihre Liebe zu Ihrem Vater und seine Liebe zu Ihnen Sie automatisch zusammenführen. Wo es Liebe gibt, kann es keine dauerhafte Trennung geben. Das garantiert das Gesetz der Anziehung.« Ich sah ein Lächeln auf Toms Gesicht, als er sich setzte.

Der Lehrer hatte viele von uns mit seinen Antworten auf unsere Fragen überzeugt und unsere Sorgen zerstreut. Er dankte uns und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Nun trat der Hauptmann ans Pult, um zu sprechen. »Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind, meine Herren. Sie können in Ihre Unterkünfte zurückgehen oder, wenn Sie möchten, einen Spaziergang machen. Gehen Sie nicht zu weit, sonst gibt’s was.« Nachdem alle hinausgeeilt waren, hielt ich nach Bill Ausschau und sah ihn gerade noch zur Unterkunft gehen.

Es war ein so herrlicher Tag, dass ich beschloss, einen Spaziergang zu machen. Ich ließ den Saal hinter mir und kam bald aufs Land. Ich überquerte einige Felder und gelangte dann an einen Fluss. Ein unheimliches Licht tanzte auf dem Wasser. Ich setzte mich hin, um die Lichter zu betrachten, und erfreute mich an ihrem hypnotischen Effekt. Ich stellte fest, dass sich die Lichter, wenn ich meine Gedanken auf sie konzentrierte, zu Bildern meiner Vergangenheit veränderten. Damit vertrieb ich mir eine Weile die Zeit. Als ich genug hatte, fielen mir Chans letzte Worte ein: »Wenn du meine Hilfe brauchst, dann konzentriere deine Gedanken auf mich.«

Sofort formte ich ein Bild von ihm und fügte seinen Namen hinzu. Es vergingen zwei oder drei Minuten und dann erschien ein Nebel. Er nahm die Umrisslinie eines Mannes an und wurde mit jeder Sekunde immer greifbarer. Schließlich stand Chan in all seiner Pracht vor mir. Er sah genauso strahlend aus wie bei unserem letzten Treffen und mir wurde warm ums Herz, als ich sein allwissendes Lächeln erkannte.

»Guten Tag, junger Mann«, sagte er. »Du hast eine sehr gute Konzentrationsstärke. Ich habe deinen Gedanken sofort erhalten und konnte mich an ihm ausrichten. Das System funktioniert sehr schnell, weil die Gedanken ständig auf Reisen sind. Ich war gerade mitten in meiner Meditation, als du mich riefst, und konnte deshalb schnell kommen.«

»Meditation? Was ist das?«, fragte ich.

»Ich glaube, ich setze mich lieber hin«, sagte er, »dafür brauchen wir eine gewisse Zeit.« Mit einer Handbewegung materialisierte Chan einen Stuhl und setzte sich neben mich. »So ist es schon besser«, sagte er. »Ich sehe, du hast gerade die Lichter des Wassers betrachtet. Was hast du von ihnen gelernt?«

»Ich weiß nicht, aber ich fand sie sehr schön.«

»Ja«, entgegnete er, »das war klar, denn es sind die Lichter des abstrakten Denkens. Wenn du dich auf diese Lichter konzentrierst, bist du schon auf dem Weg zur Meditation. Da Meditation ein Schlüssel zum Tor des Himmels ist, möchte ich dir etwas mehr darüber erzählen, wie man sie einsetzt.

Meditation ist eine Möglichkeit, das spirituelle Bewusstsein tief drinnen im innersten Teil deines Seins zu entfalten. Um dieses innere Sein zu entwickeln, muss du es zuerst kennen lernen und sein potenzielles Wachstum erkennen. Meditation unterstützt das Wachstum und hilft, sowohl den Verstand als auch den Geist zu entwickeln. Sie bringt den Körper, den du jetzt hast, und die mentalen und geistigen Körper, die du gerade erschaffst, ins Gleichgewicht. Während deines irdischen Lebens und auch jetzt in diesem Leben hast du den Körper an seine Umgebung gewöhnt. Du musst auch den mentalen Körper gewöhnen. Er muss trainiert und ernährt werden und zu einem geschliffenen Instrument für den Geist werden. Wer breite Muskeln entwickeln will, trainiert, um jede Muskelfaser zu verbreitern. Genauso entwickeln wir den Verstand, indem wir die mentalen Atome trainieren. Du musst deinen Verstand benutzen, um in die Tiefen zu blicken. Je mehr du siehst, desto mehr lernst du. Auch deine Ehrfurcht vor dem Unsichtbaren wird sich vertiefen. Als du auf der Erde warst, war die Astralwelt das Unsichtbare und deine Welt war Realität. Jetzt ist unsere Welt deine Realität und du kannst die unsichtbare Welt, die noch vor dir liegt, nicht erfassen.«

Ich nickte fast ein, deshalb hielt Chan inne und fragte mich, ob mich seine Worte langweilten. »Nein«, sagte ich und riss mich zusammen. Als er weitersprach, lag mehr Autorität in seiner Stimme. »Das Leben wird eine neue Bedeutung bekommen, sobald du deine niederen Gedanken und Emotionen beherrschst. Das erreichst du, indem du dem höheren Verstand Nahrung zum Denken gibst, das heißt natürlich spirituelle Nahrung. Du bemühst dich, eine rein spirituelle Erleuchtung zu erlangen. Dazu brauchst du einen perfekt ausgewogenen Verstand und einen Körper, den du im Griff hast, um die mentalen Schwingungen zur Ruhe bringen, die beständig mit der spirituellen Ebene interagieren. Durch Meditation bringst du diese Kräfte unter Kontrolle, sodass du der Meister und nicht der Sklave wirst. Ist deine Frage damit beantwortet?«

»Ehrlich gesagt, verstehe ich wirklich nicht, wovon du gerade gesprochen hast«, sagte ich. Ich sah, wie sich sein Gesicht kurz verfinsterte, und wartete auf den Rüffel, der sicher gleich folgen würde! »Du hättest aufmerksamer zuhören sollen«, sagte er. »Ich verstehe, wie schwierig es für dich ist, vor allem weil du nicht mit einer östlichen Religion aufgewachsen bist. In meinem alten Land war Meditation eine Lebensart. Ich muss mit dir etwas nachsichtiger sein. Aber versteh bitte, dass diese Unterweisungen zu deinem Vorteil sind.«

Er sah etwas versöhnlicher aus, als wollte er sagen: »Du wirst es schon lernen.« So saßen wir da und unterhielten uns eine Weile und Chan erzählte mir mehr über die Meditation. Diesmal hörte ich genauer zu. Ich hatte viele Fragen, die Chan beantwortete, bis er der Ansicht war, er habe genug zu diesem Thema gesagt.

»Also, mein junger Freund«, sagte er, »das war ein guter Tag und du hast sehr gute Arbeit geleistet. Jetzt muss sich meine Arbeit auf die praktische Seite unserer Unterweisungen konzentrieren. Es wird eine Zeit kommen, da wirst du dich allein hinauswagen und Seelen emporheben, die sich auf einer niedrigeren Schwingungsebene befinden als du selbst. Die Ebene unter dieser hier ist dichter und dort fühlt sich das Böse hingezogen. Die Stärkung deiner Willenskraft ist ein wesentlicher Teil deiner Entwicklung, weil sie dich vor den bösen Einflüssen auf der niederen Ebene bewahren wird. Du hast großes Glück gehabt, dass du bei deinem Tod nicht in die Klauen des Bösen geraten bist. Ich hatte nicht vor, mit dir über die niederen Ebenen zu sprechen, aber da wir nun schon beim Thema sind, werde ich fortfahren.«

Mit einer Handbewegung ließ Chan ein Pergament erscheinen. Er entrollte es und rief mich herbei, damit ich es genau ansah. Er hielt es für gut, mir zu zeigen, wie sich die Ebenen der Astralwelt entsprachen. Die Zeichnung war sehr beeindruckend und ich sah sie mir eine Weile genau an. Aber um ehrlich zu sein, konnte ich sie nicht ganz verstehen und bat Chan, sie mir zu erklären.

»Also«, begann er, »es gibt sieben Ebenen und jede hat eine andere Dichte. Auf jeder Ebene wohnen Seelen, die dieser Entwicklungsstufe angehören. Dies wird von den Schwingungen ihrer Astralkörper bestimmt, die wiederum von ihren manifestierten Gedanken kontrolliert werden. Wie du weißt, ist die Astralebene halbmateriell. Sie besitzt auch so etwas wie Raum und Ortung. Auch die Zeit existiert, jedoch in fließenderer Form als auf der Erde. Jede dieser Ebenen hat viele Parzellen, so genannte Zeitzonen, die Seelen beherbergen, die zu dieser Zeitspanne gehören. Viele dieser Seelen können von einer Zeitzone in die andere reisen, aber die meisten fühlen sich in vertrauter Umgebung am wohlsten.«

Ich unterbrach Chan mit der Frage, ob er in seiner eigenen Zeitperiode lebe. »Ja, wenn ich Gelegenheit dazu habe«, erwiderte er. »Meine Arbeit findet hauptsächlich in dieser Zeitperiode statt. Du wirst feststellen, dass in den Parzellen dieser Ebene die Bewohner auf einer niedrigeren Stufe stehen und nicht so auserlesen sind wie in den höheren Ebenen. Auf dieser Ebene ähnelt das Leben ziemlich stark dem Leben auf der Erde. Dennoch wirst du sehen, dass Menschen unterschiedlicher Nationalitäten mithilfe von Telepathie über abstruse Probleme diskutieren–fast so perfekt wie wir auf den höheren Ebenen. Über zwei Ebenen muss ich noch sprechen. Es sind die beiden niedrigsten, in denen es keine Parzellen gibt. Sie verschmelzen zu einer einzigen. Ich werde ein Beispiel anführen.«

Mit einer neuerlichen Handbewegung materialisierte Chan eine Zwiebel, die für seine Vorführung bestens geeignet war, wie er sagte. Er hielt sie vor mich hin und begann ihre Bedeutsamkeit zu erläutern. »Der Kern in der Mitte ist der dichteste Teil. So musst du dir die Astralebenen vorstellen. Das Zentrum ist die dichteste Form von Materie und nach außen hin werden die Schichten immer dünner und größer.

Die irdische Ebene ist die dritte Unterteilung von uns aus gesehen und das Böse herrscht über die beiden unterhalb der Erde befindlichen. Über die erste Ebene wird oft in euren Kirchen geredet und sie heißt ›Hölle‹. Sie ist eine Leugnung all dessen, was gänzlich gut ist, und ist das Schlachtfeld für die bösen Leidenschaften, die von der Erde aus hier einsickern. Manchmal wird die bloße Kraft dieser bösen Leidenschaften personifiziert. Sie schickt Wurzeln tief in die zweite und dritte Ebene hinein. Diese Wurzeln ernähren sich von den bösen Leidenschaften und dem Hass, den der Krieg hat entstehen lassen. Die Formen, die aus diesem Bösen entstehen, sieht man oft auf dem Schlachtfeld. Eine davon ist der Todesengel. Lebende und Tote sehen ihn als riesige schattenhafte Gestalt, die die Sonne auslöscht, wenn sie das Schlachtfeld bedeckt. Sie wird stärker und größer, je höher die Emotionen im Krieg schlagen.

In Kriegen wie diesem bahnt sich das Böse in seiner niedrigsten Form einen Weg aus der Hölle und fließt in die zweite und dritte Ebene über. Die Wurzeln des Bösen zapfen die Macht des Todesengels an und füllen seine Macht auf, wenn er dazu drängt, andere Ebenen zu beherrschen. Die gerade Getöteten werden ebenfalls von den bösen Elementen benutzt, wenn sie aus dem Höllensumpf heraussteigen.«

Ein Schauer lief mir über den Rücken, als Chan das Böse dieser niederen Ebenen beschrieb. Welch ein Gedanke, dass auch ich hätte benutzt werden können! Mir fiel ein, was Chan zuvor über die Hölle gesagt hatte. »Willst du damit sagen, dass es die Hölle wirklich gibt?«, fragte ich.

»Davon rede ich doch die ganze Zeit«, sagte er. »Ich habe mich nicht in die erste Ebene vorgewagt, aber ich habe an den Grenzen der zweiten Ebene gearbeitet. Und jetzt habe ich genug über dieses Thema gesagt.«

Bevor Chan noch ein Wort sagen konnte, bat ich ihn, mehr darüber zu erzählen. Seine Worte hatten mich gefesselt. Er fuhr fort: »Na ja, wenn du willst, werde ich beschreiben, was ich hier miterlebt habe. Es ist ein Ort, an dem die bösen Sterblichen ihren verschiedenen Sünden der Besessenheit verfallen. Diese Seelen streifen ziellos in dem Morast herum, den sie sich selbst geschaffen haben. Über allem liegt ein dichter Nebel. Es gibt keine Landschaft und keine Gebäude, sondern nur große Canyons, in denen entartete Sterbliche lauern, wenn sie in die Hölle hineinschlittern. Sie leben in glitschigen, dreckigen Behausungen zwischen den Felsen. Dort gibt es keine Tiere, weil Tierseelen nicht so tief sinken können.

Die Seelen sind dort durch eigenes Zutun und aufgrund ihrer eigenen Begierden hineingeraten. Manchmal, wenn das Böse auf dem Vormarsch ist, benutzt es diese entarteten Sterblichen als seine Armee der Finsternis. Die Finsternis kann sich vor den Mächten des Lichts nicht verstecken, aber vor den gerade Getöteten. Es kann sich auch vor den Mächten auf der irdischen Ebene verbergen, indem es sich verkleidet, um von den niederen Emotionen des Menschen zu profitieren. Das ist so, als würde ein Schauspieler sich für jede seiner Rollen in unterschiedlichen Theaterstücken anders anziehen.

Obwohl sie für die irdische Ebene tot sind, sehnen sich diese Entarteten nach den Freuden des Körpers. Sie sind zweifellos lebendig auf der Ebene, auf der sie sich befinden. Ihre Begierden sind viel stärker als damals auf der Erde. Sie sind mit einer Masse gleich gesinnter Seelen verbunden und stellen damit eine starke Triebkraft dar. Diese ergießt sich zum Schluss in die irdische Ebene und macht Jagd auf menschliche Wesen, die noch leibhaftig sind.

Ihre Opfer sind dann Gleichgesinnte. Jene beispielsweise, die schwarze Magie praktizieren, werden Opfer ihrer eigenen Begierden werden. Die, die immer betrunken sind, und die niederen Arten von Verbrechern werden diesen unter Zwang stehenden Seelen zum Opfer fallen. Sie winden sich um ihre Opfer, um ihre eigenen verzehrenden Begierden zu befriedigen. Du siehst, dass viele dieser Wesen in Scharen um Spelunken und übel beleumdete Häuser herumlungern. Sie warten darauf, in die Aura ihrer Opfer einzudringen. Ich weiß, ich habe mit dir noch nicht über Auras gesprochen, aber das kommt noch.«

Ich konnte keinen Muskel rühren. Jeder Teil meines Körpers war starr vor Angst. Chan fragte, ob er weiterreden solle. Ohne zu zögern sagte ich Ja. »Wenn die Entarteten Einlass in die Aura ihrer Opfer finden, bleiben sie dort, bis sie abgeworfen werden. Das kann der Betreffende selbst oder ein Exorzist machen. Gelingt es nicht, sie loszuwerden, übernimmt die Wesenheit die Kontrolle über den irdischen Körper, indem sie die Persönlichkeit der schwachen Seele beherrscht. Diese nehmen sie nun in Besitz und kämpfen darum, sich auszudrücken. Zuerst hört die irdische Seele Stimmen, die ihr Dinge befehlen, die ihr zutiefst widerstreben. Die Stimmen sind so beherrschend, dass der schwachen Seele gar nichts anderes übrig bleibt, als zu gehorchen und ihrem Charakter völlig zuwiderzuhandeln. Wenn die Besessenheit zu schlimm wird, ruft man im Allgemeinen einen Arzt. In ganz schlimmen Fällen wird der Patient vielleicht eingewiesen. Aus Verzweiflung nennen die Ärzte diesen Zustand oft Schizophrenie und machen sich von dem wahren Problem überhaupt keine richtige Vorstellung.

Merke dir unbedingt, dass Menschen, die trinken oder sich körperlichen Genüssen hingeben, nicht immer böse sind. Manche haben einen schwachen Willen und werden von denen geleitet, die selbst vom Bösen beherrscht werden. Meine Aufgabe war es, gemeinsam mit anderen diese verlorenen und verirrten Seelen und finden und ihnen zu erklären, dass sie sich um ein Haar in Umstände hineinmanövriert hätten, die sie nur schwer hätten bewältigen können. Wir versuchen auch zu erklären, dass sie gerade von einer viel böswilligeren Kraft benutzt werden und dass sie in die Hölle gelockt werden, wenn sie ihren Pfad nicht verlassen. Im Allgemeinen gibt ihnen das zu denken. Wir nennen dies das Einpflanzen des Samens, der hoffentlich Wurzeln schlagen wird. Wir möchten, dass sie das Licht sehen und sich selbst finden.

Niemand geht jemals verloren oder kann verloren gehen, weil der Lebensfunke in uns allen ist. Aber er kann so tief sinken, dass er nahezu ausgelöscht wird. Manchmal greifen uns böse Wesen an, wenn sie meinen, wir seien mit einer ihrer Legionen gerade erfolgreich. Deshalb lernst du hier, deine Willenskraft zu beherrschen, denn dein Wille ist es, der dich beschützt und dir Sicherheit bietet. Du wirst lernen, niemals Angst zu haben. Der größte Feind ist die Angst selbst, deshalb musst du auf die Liebe und die Weisheit Gottes vertrauen. Die Finsternis wird dich nicht anrühren, wenn du Licht ausstrahlst. So sind wir durch die Macht des Willens in der Lage, die bösen Wesen auf ihre eigene Ebene zurückzuschicken, damit sie dort in bösen Leidenschaften versinken.

Ich habe dir jetzt etwas über meine Arbeit erklärt, die ich gemacht habe, bevor ich damit beauftragt wurde, für dein Wohlergehen zu sorgen. Das ist auch der Grund, weshalb ich zu deinem Lehrer auserwählt wurde. Auch du hast die Eigenschaft und die Stärke, ein Retter zu werden.«

»Also weiß Gott nicht«, sagte ich und sprang auf, um meine Beine zu strecken. Chan setzte ein breites Grinsen auf. »Na ja, warten wir mal ab«, sagte er. »Möchtest du dich vielleicht auf einen Stuhl setzen?«

»Ja«, sagte ich, »der Boden ist ziemlich hart.« Auf einen Wink erschien ein zweiter Stuhl. Ich bedankte mich und machte es mir bequem.

Er fuhr fort: »Wenn das Böse in die dritte Ebene vordringt, gibt es eine Konfrontation zwischen den Kräften von Gut und Böse. Wir kämpfen, um die bösen Kräfte zurückzudrängen. Manchmal ist das Böse sehr stark und drängt uns zurück, aber nicht lange. Wir rufen höhere Seelen zu Hilfe, die wiederum die Herren des Lichts zu der Auseinandersetzung dazurufen. Mit ihrer Hilfe drängen wir die böse Armee zurück. In dem Durcheinander, das entsteht, wenn sie sich vor dem Licht zu verstecken suchen, bietet ihre Armee ein Bild der Verwüstung, aber das ist noch nicht das Ende. Die Herren des Lichts verjagen sie von der irdischen Ebene in die zweite Ebene. Ihr Licht verwirrt alle, die böse sind, und die geschlagene Armee existiert nicht mehr.

Als du deinen physischen Körper verlassen hast, hast du etwas von der dritten Ebene gesehen. Dort fing deine Geschichte an. Für neue Seelen ist sie ein nebliger Ort von Gedanken und Gründen. Wie gesagt, gibt es noch andere Ebenen. Du befindest dich auf der vierten und in einer Zeitzone, die für dein Wohlergehen geeignet ist. Du lernst hier, dich an dein neues Leben anzupassen. Und je mehr Wissen du erwirbst, desto bewusster wird dir dein wahres Selbst und die dir innewohnende Gotteskraft.

Bald wirst du dich auf deine nächste Daseinsstufe vorbereiten. Je schneller deine mentalen Atome schwingen, desto mehr wird sich dein Astralkörper verändern. Es wird bei dir so sein wie bei einem Schmetterling, der sich aus seinem Kokon befreit, um in eine neue Welt einzutauchen. Bei dir geht es nicht so schnell wie beim Schmetterling, aber deine neue Welt ist ja auch viel verfeinerter. Dieser Prozess findet auf allen Ebenen, von der ersten bis zur siebten, statt. Auf jeder Ebene herrschen genau die Bedingungen, die das Wachstum der Seele fördern.

Ich möchte dir jetzt etwas über die Ebene erzählen, auf der ich lebe. Es ist die sechste, an der Grenze zur siebten, und das heißt, dass ich mich für meine Geburt in die himmlische Sphäre bereit mache. Das ist so ähnlich wie dein Tod auf der physischen Ebene und deine Wiedergeburt auf dieser hier. Durch meine Arbeit wurden andere emporgehoben und ich habe mir ebenfalls die Wiedergeburt verdient. Es gibt nur diesen Weg. Zu gegebener Zeit wirst auch du die richtige Aufgabe finden. Erinnerst du dich an den Schneider?«

»Ja«, antwortete ich, »das war ein sehr hilfsbereiter Mann. Ich wollte dich schon fragen, wer er ist und wo er arbeitet.«

Und Chan erzählte folgende Geschichte: »Diese Seele hat ein Leben lang als Schneider gearbeitet, der seine Arbeit liebte. Er lernte gern Leute kennen und verbrachte deshalb glückliche Tage auf der Erde. Als er hierher kam, wollte er weiterarbeiten. Es wäre nicht gut gewesen, ihm eine andere Beschäftigung zuzuweisen. Man beauftragte ihn damit, neue Seelen einzukleiden, bis sie sich ihre Kleidung selbst erschaffen können. Die meisten Menschen möchten gern noch arbeiten. Doch wenn sie ankommen, ist ihre Reaktion oft: ›Gott sei Dank, ich brauche nicht mehr zu arbeiten.‹ Das dauert aber nicht lange, weil sie ihr Leben lang darauf konditioniert waren, zu arbeiten. Nach einer wohlverdienten Ruhepause führt man sie in eine Arbeit ein, die ihnen viel Freude bereitet. Jeder arbeitet in irgendeiner Weise, aber hier wird die Arbeit ohne Bezahlung erledigt. Sie wird in Liebe gegeben, da die meisten Menschen ihre Arbeit gern tun. Es ist eine Art, um das Gewicht ihrer eigenen Verantwortungen zu tragen.«

»Das verstehe ich«, sagte ich. »Ich würde mich irgendwann langweilen, wenn ich nichts zu tun hätte und den ganzen Tag nur herumsitzen würde. Darf ich dir eine Frage stellen?«

»Keinesfalls«, erwiderte Chan.

Also fragte ich: »Die Läden da, in denen wir waren, wie sind sie dorthin gekommen?«

»Eine gute Frage«, gab er zurück. »Die Stadt und die Läden existieren auf der irdischen Ebene. Wir haben sie kopiert, damit sich die neuen Seelen sofort heimisch fühlen. Es würde ein mentales Ungleichgewicht hervorrufen, wenn wir ihnen Dinge vorenthalten, die sie auf der Erde kannten und verstanden. Deshalb achten wir genau darauf, ein ähnliches Umfeld zu erschaffen wie jenes, das sie gerade verlassen haben. Natürlich gibt es hier großartigere Dinge als Städte, Häuser und Kirchen. Auch dein Land existiert! England ist immer noch England. Auf einer Karte würdest du sehen, dass auch China an der gewohnten Stelle liegt. Der einzige Unterschied zwischen der Erde und hier ist unsere Lebensart.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
221 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783907210963
Wydawca:
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Bookwire
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