Czytaj książkę: «Elfenzeit 8: Lyonesse»

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Inhalt

  Titelseite

  Die Autoren:

  Impressum

  Karte

  Was bisher geschah

  Dramatis personae

 

  Roman 15 Der Schatten des Getreuen

  Prolog Feuer und Asche

  1. Vampire in München

  2. Ein Tuch in der Wüste

  3. Mord am Stachus

  4. Der Zorn des Windes

  5. Auf den Spuren des Mystikers

  6. Die Reise zurück 1

  7. Hunger

  8. Der Weg zurück 2

  9. Jagd

  10. Schlangenfrau

  11. Das alte Labyrinth

  12. Atlantis

  13. Das Archiv

  14. Gesammelte Rache

  15. Der Schmied

  16. Die hellsingenden Töchter

  17. Der Archivar

  18. Ladon

  19. München leuchtet wieder

  20. Heimkehr

  Epilog Neutralität

 

  Roman 16 Die Bestie von Bodmin Moor

  Prolog

  1. Schatten auf dem Heidekraut

  2. Hinab in lichtlose Tiefen

  3. Wispernde Weiden

  4. Rocky Zwölf

  5. Leprechaun

  6. Warten auf Harry

  7. Böses Erwachen

  8. Springer auf C4!

  9. Das Wirtshaus im Moor

  10. Der Fluch von Whispering Willows

  11. Hallowe’en

  12. Das versteinerte Kind

  13. Jahrestag

  14. Entführer

  15. Hundert Herzschläge

  16. Sieg! Sieg!

  17. Winterdämmerung

  18. Wie alles begann

  19. Der Preis für den König

  20. Aufstieg und Fall

  21. Merlin’s Cave

  22. Und die Welt wird ein Blütenmeer

  Epilog

 

  Anhang – Die Länder der Anderswelt, Teil 2

  Wie es weitergeht …

Titelseite

Uschi Zietsch

Stephanie Seidel

Elfenzeit

Band 8

Lyonesse

Das Ende aller Welten naht!

Ragnarök wurde abgewendet, aber damit ist das Gleichgewicht längst nicht wiederhergestellt. Das Zeitgefüge gerät immer mehr ins Schwanken, die Grenzen zwischen den Welten werden zusehends durchlässiger und ermöglichen unheilvollen Wesen und sogar Geistern den Zutritt zum Zentrum der Neun: der Welt der Menschen.

Während die Dunkle Königin Bandorchu sich zum letzten Krieg gegen die Anderswelt rüstet, schickt sie Boten aus, um eine Spur ihres Getreuen, des Mannes ohne Schatten, zu finden. Seit der verhängnisvollen Schlacht auf Island wurde er nicht mehr gesehen. Ist er endgültig vernichtet worden? Oder ist sein Schatten auf der Suche nach ihm durch die Zeit unterwegs, sogar bis Atlantis?

Ein anderer ist von Island entkommen: Alebin/Darby O’Gill, der mörderischste aller Elfen, und er sinnt auf entsetzliche Rache. In Lyonesse, einem magischen Reich Großbritanniens, will er sich auf die Vernichtung und Zerstörung der Anders- und der Menschenwelt vorbereiten und den Untergang der Zeiten beschleunigen …

fabEbooks

Die Autoren:

Uschi Zietsch publiziert seit 1986 erfolgreich in verschiedenen Genres und kann auf weit über zweihundert Veröffentlichungen zurückblicken. www.uschizietsch.de

Stephanie Seidel ist ausgebildete Fotografin, hat lange in der Britischen Botschaft in Bonn gearbeitet und viele Jahre für die Endzeit-Serie Maddrax geschrieben.

Impressum

Dieser Titel ist auch als Print erschienen.

Umschlag Bildmaterial: kellepics/Stefan Keller

Umschlag Gestaltung und Logo: Michael Steinmann Agentur

Die Karte schuf Dirk Schulz Animagic

Lektorat und Redaktion: Uschi Zietsch

Handlungsrahmen und Serienkonzept: Uschi Zietsch

© dieser überarbeiteten und erweiterten Ausgabe 2021 by Fabylon Verlag

www.fabylon.de

eMail: team@fabylon-verlag.de

Originalausgabe. Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978-3-946773-32-0

Karte

Was bisher geschah

Ragnarök ist – vorerst – abgewendet. Die Schlacht auf dem Idafeld hat viele Opfer gefordert, unter anderem haben die Innamorati, Julia und Fabio Oreso, Nadjas Eltern, ihr Leben gegeben, um Fenrir aufzuhalten. Bei der Explosion des Vatnajökull ist der Getreue, der sich innerhalb des Vulkans befand, verschwunden. Man hofft, dass er nicht überlebt hat.

Nadja hat auf der Suche nach ihrem entführten Sohn Talamh Anne Lanschie und Robert Waller, inzwischen Vampir, wiedergesehen. Mit ihrer Hilfe gelangt sie ins sagenhafte Reich des Priesterkönigs Johannes, wo Anne sich mit ihrem Vater Sinenomen auseinandersetzen muss, dem Ur-Vampir, der die Herrschaft über das Reich errungen und es ins tiefste Verderben geführt hat.

Endlich in Sicherheit im Baumschloss der Crain, wird Nadja ins japanische Elfenreich gerufen – eine finstere Macht greift dort nach beiden Welten. Sie hat Rian und David in ihrer Gewalt und einen mächtigen Verbündeten: Cagliostro!

Dank Toms Hilfe, der kurzerhand nach Tokio reist, kann das Schlimmste abgewendet werden, doch Nadja kommt wieder nicht zur Ruhe: Erneut ist ihr Sohn entführt worden, nun hat Königin Bandorchu ihn in ihrer Gewalt. Gemeinsam mit David macht sie sich auf den Weg nach Tara, um sich im Austausch gegen ihren Sohn anzubieten.

Dramatis personae

Nadja Oreso steht weiterhin im Brennpunkt der Geschehnisse. Sie ist nun legendär, da sie dem Sohn des Frühlingszwielichts das Leben geschenkt hat. Das bedeutet aber nicht, dass sie deswegen hofiert wird.

Talamh, der Sohn des Frühlingszwielichts, ist noch ein winziges Baby und hält trotzdem schon alle in Atem.

Dafydd/David Bonet weiß noch nicht, ob er seine Seele, die Nadja ihm geschenkt hat, weiterwachsen lassen oder sich angesichts des nahenden Krieges in der Anderswelt auf seine elfischen Wurzeln besinnen soll.

Der Getreue war seit Ragnarök verschwunden. Und nun macht er sich auf den langen Weg. Nach Atlantis.

Der Kau und Cor, der Spriggans – die beiden sind im Dienst Bandorchus unterwegs, um böse Taten zu vollbringen, und werden dabei enorm behindert – von ihrem Entführungsopfer.

Alebin/Darby O’Gill ist zurück. Auch er hat Ragnarök überlebt, leckt seine Wunden und geht nun daran, die Herrschaft über alle Welten zu erringen.

Die Bestie von Bodmin Moor gehört zu den Alien Big Cats. 1997 wurden Pfotenabdrücke entdeckt, die einem Pumaweibchen mit Jungtier zugeordnet wurden. Das ist natürlich nur die Sicht der Menschen.

Roman 15

Der Schatten des Getreuen

Uschi Zietsch

Prolog
Feuer und Asche

Die Welt versank in Donner und Nebel, als Ragnarök über sie hereinbrach, Götter und Unsterbliche auf dem Idafeld gegen den Untergang kämpften und noch nichts von der letzten, alles entscheidenden Auseinandersetzung im Gletschervulkan ahnten.

Fenrir war soeben gefallen, und der Wolfsvater verlangte nach Rache.

»Ich bin der Gott des Feuers!«, donnerte der Titan aus Glut und Flammen inmitten des Berges, während draußen die Welt den Atem anhielt. »Du kannst mich nicht aufhalten.«

»Ich kann und ich werde«, versetzte der Getreue, doch seine Stimme bebte. »Ich entziehe dir, was dich am Leben erhält.«

Loki lachte dröhnend, doch nicht vor Freude. Bitterkeit und Schmerz lagen darin, aber auch ein gurgelnder Laut des Blutdurstes. »Ich bin mächtiger als alles, was denkbar ist, und nicht zuletzt dank dir. Oder hast du das inzwischen vergessen, so wie deine ursprüngliche Gestalt?«

»Ich habe nichts vergessen, alter Freund. Nichts von alldem, was wir einst teilten, was wir schufen …«

»… und vernichteten. Wie kannst du mich nun angreifen?«

»Ich greife dich nicht an. Ich halte dich auf, wie ich es bereits sagte.«

»Und wie willst du das anstellen?«

Ein winziges Zögern. »… indem ich dich vernichte.«

Der Getreue zog seine gesamte Macht zusammen. Tiefe Trauer umhüllte seine brennende Gestalt und bewahrte ihn vor der Zerstörung. Nur, wie lange? Es gab keinen Ausweg mehr. Lokis Tod war auch der seine.

»Ich bitte dich ein letztes Mal!«, rief er in das Glosen, doch der Titan konnte oder wollte ihn nicht hören. Er war dabei, den Vulkan zu erwecken und sich selbst aus den Felswänden des Bergs zu befreien. Die Hitze war unerträglich. Magma schoss aus immer neuen Erdspalten in Fontänen empor.

»Loki«, flüsterte der Getreue. »Warum tust du mir das an? Uns beiden!«

»Weil«, antwortete der Gott unerwartet ein letztes Mal, »du mir bereits alles genommen hast. Und wenn ich sterbe, soll dein Tod meine letzte Rache sein, und deine Sühne. Du und ich. So war es doch immer, nicht wahr?«

»So hätte es wieder sein können …«

»Das ist unmöglich, und du weißt das!«

Selbst für den Getreuen war es lange her. Odin hatte nie begriffen, dass er einst mit Loki einer Macht begegnet war, die bedeutend älter war als er. Fast so alt wie diese Welt. Loki war schon ein Gott gewesen, bevor Odin ihm durch Blutsbrüderschaft die Aufnahme ins Reich der Asen antrug. Der einfältige Narr hatte ein Auge geopfert, um Weisheit zu erlangen, und besaß einen Thron, mit dem er alle Welten überschauen konnte – aber das Naheliegende übersah er immer noch.

Lange Zeit hatte Loki über seinen gelungenen Streich gelacht, er war als Trickster stets der unerreichte Meister darin gewesen. Er hatte seinem Blutsbruder nie die Wahrheit gesagt, erst recht nicht über seine echte Unsterblichkeit. Genauso wie die Olympier und viele andere waren die Götter des Nordens nicht von Anbeginn unsterblich gewesen, sie alle hatten bestimmter Essenzen oder Quellen bedurft. Loki hatte ihnen dazu verholfen, und niemand ahnte, dass es immer ein Teil von ihm selbst gewesen war, den er ihnen gab.

Doch nun … stand er vor dem Ende. Nicht einmal er währte ewig, und er wusste es. Was ihm dereinst gegeben wurde, konnte ihm auch wieder genommen werden.

Aber nur einer war dazu in der Lage.

»All dies hätte verhindert werden können … aber was rede ich da! Dazu kommt es doch nie«, schloss der Getreue. »Solange ich existiere, kann die Ordnung nur durch das Chaos erhalten werden, doch das Chaos ist unberechenbar und zerstörerisch. Einmal entzündet, kann ein Weltenbrand nicht mehr aufgehalten werden. Ich kann immer nur versuchen, die Dinge im Gleichgewicht zu halten und einigermaßen gerade zu rücken. Ich will nicht behaupten, dass ich all das verstehe, doch das ist auch nicht meine Aufgabe.«

Und ihm blieb keine Wahl mehr. Loki hatte sich von ihm abgewandt und was sie beide jemals verbunden hatte, war nun zerrissen.

Nur mehr wenige Augenblicke. Er musste jetzt handeln. So weit war er während seiner gesamten Existenz noch nie gegangen, und es erfüllte selbst ihn mit abgrundtiefem Entsetzen.

Aber er hatte die Macht, und er würde sie einsetzen.

Der Getreue packte den Saum seines Umhangs und hob die Arme. Als hätte er nun Flügel, erhob sich seine finstere Gestalt inmitten des flammenden Infernos, flatterte gegen den anbrandenden Feuerwind.

Dann sprach er das Wort.

Nicht mehr als ein Fetzen schwarzes Tuch blieb übrig. Unbemerkt von der Welt wurde es mit einem letzten Flammenstoß aus dem Berg getrieben, hoch oben durch einen schmalen Riss, vom Wind aufgenommen und davongeweht.

1.
Vampire in München

»Auf mit dir, Schlafhörnchen!« Robert stieß die Tür zum Schlafzimmer mit dem nackten Fuß auf und balancierte das Tablett Richtung Bett. Ein stilechtes English Breakfast, inklusive der Rose in der kleinen Vase. Es war keine echte Rose, sondern eine aus Stoff, das fand Robert kitschiger – wenn schon, denn schon.

Annes schwarze Locken wurden als Erstes sichtbar, als sie sich langsam aus Kissen und Bettdecke kämpfte. Dann ihr verschlafenes, leicht verknittertes Gesicht mit den lasziv halb herabhängenden Lidern über glutvollen Augen und den sinnlich gewölbten Lippen. Zuletzt ein schwarzes Spitzen-Etwas, das ihren Oberkörper eher betonte denn verhüllte.

Unglaublich, welche Wirkung das immer noch auf ihn hatte, als wäre es das erste Mal. Robert räusperte sich trocken, stellte das Tablett auf dem Nachttisch ab und suchte nach dem Betttisch, den er vor wenigen Tagen in einer Resterampe für einen Euro mitgenommen hatte. In weiser Voraussicht.

»Frühstück im Bett … ich glaub’s nicht.« Anne verzog missmutig das Gesicht. »Geht es noch spießiger?«

»Oh ja!«, antwortete er mit strahlendem Lächeln. »Leider sind der karierte Bademantel und die Tennissocken in der Wäsche, aber morgen …«

»Untersteh dich!«

Ihr entsetzter Ausdruck reizte ihn zum Lachen. Sie nahm das tatsächlich ernst. Dabei hatte er morgen vor, das Frühstück gänzlich nackt zu präsentieren und nicht wie heute in Boxershorts mit albernen gelben Quietscheentchen drauf. Ein Kauf in geistiger Umnachtung von Anne, übrigens, den sie schon lange bitter bereute.

Robert klappte das Tischchen auf und stellte das Tablett darauf, dann kroch er zu Anne ins Bett zurück. »Greif zu, es ist alles frisch und noch brutzelnd warm. Kaltes Spiegelei ist ekelhaft.«

Halbherzig trank Anne einen Schluck Kaffee und stocherte in Speck und Ei. »Ich hab keinen Hunger.«

»Meine liebe Dämonenmuse«, belehrte er sie, »im Gegensatz zu mir bist du am Leben und musst deinem Körper Nahrung zuführen. Gut, es muss nicht viel sein, und Blut täte es auch, aber ich weiß doch, wie gern du früher gegessen hast. Und ich kann mit den Augen mitessen und mich dran erinnern, wie es war.« Manchmal konnte er auch noch etwas schmecken, einen guten Rotwein etwa, Schnaps oder scharf Gewürztes. Alles, was seinen feinen Geruchssinn, besser als der eines Wolfes, anregte. Manchmal überkamen ihn die Gelüste danach, auch wenn er hinterher heimlich alles wieder auswürgen musste. Aber davon blieb wenigstens kein schlechter Geschmack zurück, weil es nicht verdaut wurde.

Ihm zuliebe aß Anne schweigend, während Robert die Tageszeitung vom Tablett nahm – die durfte natürlich auch nicht fehlen – und halb interessiert die Schlagzeilen sichtete. Unter »Lokales« las er vor: »Weitere Opfer der Kälte. Gestern Nacht wurden am Stachus zwei weitere Leichen Obdachloser geborgen, die nach bisher unbestätigten Vermutungen in der Nacht erfroren …« Er schlug die nächste Seite auf. »Aha, laut Wetterbericht wird der starke Frost noch anhalten, für heute Nacht werden minus fünfzehn Grad erwartet. Trotzdem war der Weihnachtsmarkt zum ersten Advent ein voller Erfolg. Der Absatz von Glühwein erreichte astronomische Höhen …«

Anne schwieg immer noch. Robert ließ die Zeitung sinken. Eine klare Dezembersonne fiel durch das Sprossenfenster herein, und von unten klang gedämpfter Autolärm herauf.

Robert liebte diese Altbaumansarde am Radlsteg, mitten im Herzen Münchens, mit ihrem uralten knarrenden Parkett, hohen Decken und Sprossenfenstern; liebte die ausgelatschten Holzstiegen und wuchernden Grünpflanzen im Treppenhaus, den Geruch nach Bohnerwachs und altem Holz, den bröckelnden Putz und den fehlenden Aufzug zum fünften Stock. Nur noch hartgesottene Münchner lebten hier, die ihr gesamtes Leben schon in dem Haus verbracht hatten, dazu ein paar Studenten und seit kurzer Zeit Robert und Anne. Die oberste Etage gehörte ganz ihnen, niemand konnte sie stören. Kein Namensschild wies auf ihre Anwesenheit hin. Post ging an ein Postfach sowie eine Packstation.

Als Anne nämlich nach der Rückkehr Roberts heruntergekommene Junggesellenbude gesehen hatte, hatte sie auf der Stelle kehrtgemacht und erklärt: »Ich schlafe heute im Hotel, und morgen ziehen wir um.«

Recht hatte sie. Die alte Wohnung war nur noch ein Museumsstück, der abgeschlossene Lebensabschnitt eines Mannes, der nicht mehr existierte. Robert hatte sich das Telefon geschnappt, ein paar frühere Kontakte genutzt und in wenigen Tagen den fünften Stock gekauft. Da er bar bezahlen konnte und nicht erst zur Bank musste, waren Verkäufer und Käufer sich schnell handelseinig und die Formalitäten innerhalb von zwei Wochen der notwendigen notariellen Frist erledigt. Die alten Seidentapeten mochten zerschlissen sein, aber sie hatten Charme, der Parkettboden wurde geschliffen und lackiert, lediglich das Badezimmer wurde vollständig, natürlich im angepassten Stil, renoviert. Den Rest beließen sie, wie er war. Die Einrichtung und der Hausstand waren rasch bei Antiquitätenhändlern und auf Versteigerungen gefunden. Manche Sachen kosteten nur ein paar Euro, andere ein paar tausend. Das einzige Auswahlkriterium lautete: Was gefällt. Es war toll, reich zu sein.

Außer den Büchern, Fotos und was mit seiner Arbeit zusammenhing, nahm Robert nichts aus der alten Wohnung mit.

Und damit waren sie schon im Winter, im Hier und Jetzt angekommen. Robert stand auf, nahm Tablett und Tischchen weg, setzte sich an den Bettrand und ergriff Annes Hand.

»Möchtest du auf die Insel zurück?« Sie hieß eigentlich Lan-an-Schie und stammte von der Isle of Man, und während des Schreibprozesses an Roberts Buch hatten sie die meiste Zeit dort gelebt. Robert mochte die winzige Insel und war gerade dabei, ein Cottage zu kaufen; davon hatte er Anne aber noch nichts erzählt.

Sie schüttelte den Kopf. Täuschte er sich, oder hing da tatsächlich eine Träne an der schwarzen Wimper? War das seine kühle, beherrschte Muse? Die nie die Fassung verlor, stets aus der Distanz betrachtete? Und sie konnte … weinen? Das hatte er bisher nicht gewusst, nicht einmal angenommen.

»Anne …«, stieß er erschrocken hervor.

Waren noch nicht alle Wunden abgeheilt? Hatte er etwas übersehen? Es hatte sie beide schwer erwischt gehabt, mit tiefen Verletzungen hatten sie sich durch ein Portal aus dem zum Grauen pervertierten, ehemals paradiesischen Reich des Priesterkönigs Johannes geschleppt. Gerade noch im letzten Moment waren sie dem Zorn Sinenomens, Annes Vater, entkommen. Anne hatte sie beide in die Anderswelt, in die Nähe ihrer Elfenheimat gebracht, wo sie eine Heilquelle kannte, unter der eine Ley-Linie verlief. Tage hatten sie dort verbracht, bis die Wunden sich schlossen und die Kräfte zurückkehrten. Anne war dabei übler dran gewesen als Robert, der seinen Ekel überwinden musste und nach Tieren jagte, deren Blut er trank. Einen Teil dessen, was er in sich aufgesogen hatte, gab er an Anne weiter. Robert überbrückte seine Schuldgefühle damit, indem er sich einredete, es seien Elfentiere, und er hatte auch in harter Selbstdisziplin keines von ihnen getötet. Immer nur so viel genommen, dass es keinen Schaden gab.

Aber ihn schüttelte heute noch die Erinnerung daran, mit welch wachsender Gier er den Tieren – meistens Gazellenartige – nachgestellt hatte und dann die Fangzähne in der pochenden Kehle vergrub. Er hatte bereits getötet, Elfen im Reich des Priesterkönigs, und trug die Schuldgefühle deswegen immer noch mit sich herum. Aber die Sache mit dem Blut war weitaus schlimmer. Beinahe wäre er selbst zum Tier geworden, und er hoffte inständig, dass er sich wieder in der Gewalt hatte. In München, in der Menschenwelt, war er inzwischen zum routinierten Blutbank-Dieb geworden. Er stahl aus der Zentrale, Krankenhäusern, wo sich eine Gelegenheit ergab. Auch wenn das wenig moralisch war, war es die beste Alternative, und er legte immer einen großen Geldschein hin, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Zum Glück brauchte er es nicht öfter als einmal im Monat – noch. Wie und wann Anne sich versorgte, fragte er nie. Er wusste allerdings, dass sie, klug genug, derzeit nicht tötete. Auf der Isle of Man war das schon anders gewesen.

Robert hätte sie gern an sich gezogen, ihren Kopf an seine Brust gedrückt, doch er wusste, dass ihr das menschliche Trostspenden unangenehm war. Also streichelte er nur schüchtern ihre Hand und wiederholte: »Anne …«

»Es ist alles in Ordnung«, murmelte sie.

Das sah er ganz und gar nicht so. »Nichts ist in Ordnung, Anne. Anstatt das zu sagen, hättest du mir früher eine geknallt und mich vom Bett gestoßen. Seit wir hier in München sind, wirst du jeden Tag matter und teilnahmsloser. Vielleicht sollten wir doch auf die Insel fliegen, zu deinem Ursprung …«

»Ich kann nicht dorthin!«, unterbrach sie, beinahe in gewohnter Heftigkeit. Aber dann fügte sie leiser hinzu: »Noch nicht. Und … du musst hier sein, wegen deines Buches.«

Sie waren sozusagen gerade zum Termin eingetroffen. Das Buch war draußen, der Redakteur wünschte ein Gespräch, und die Presse rannte dem Verlag die Tür ein. Bereits in den ersten beiden Tagen waren hunderttausend Exemplare über den Ladentisch gegangen und nach einer Woche die erste Million abgesetzt. In den nächsten Wochen waren Lizenzen mit beachtlichen Vorschüssen hereingeflattert.

Robert war nie stolzer gewesen, sein erstes eigenes Buch in Händen zu halten.

Ja, es war toll, reich zu sein. Und berühmt, aber ohne, dass es jemand wusste. Robert war froh, dass Anne sich mit dem Pseudonym durchgesetzt hatte. Er konnte seinen Ruhm still genießen, ohne im Rampenlicht zu stehen, das er schon immer gehasst hatte. Und jetzt in seiner neuen Existenz war es ohnehin besser, so unsichtbar wie möglich zu sein.

Was die Geheimniskrämerei betraf, wurde Robert bereits mit Thomas Pynchon verglichen, und sein Buch wurde sogar auf dieselbe literarische Ebene gestuft. Das erhöhte seinen Stolz noch mehr.

Und tröstete ihn über den Kummer hinweg, der ihn quälte.

Robert schüttelte die Erinnerungen aus dem Kopf. Es ging jetzt um Anne, nicht um ihn. Er wollte seine leidenschaftliche, temperamentvolle Geliebte wiederhaben, sich mit ihr streiten und versöhnen, ein Wechselbad der Gefühle, Achterbahn rauf und runter. Daran war er so gewöhnt und wollte nicht mehr darauf verzichten.

»Rede mit mir«, forderte er sie auf. »Ich weiß, das ist nicht deine Art. Aber du hast dich sehr verändert. Also kommt es darauf auch nicht mehr an.«

Ihr leerer Blick glitt zum Fenster. »Es ist unvorstellbar. Ich habe mich gegen meinen Vater gestellt«, wisperte sie fast unhörbar. »Nun bin ich verstoßen …«

»Du hast eigenverantwortlich entschieden«, erwiderte Robert sofort. »Dein Vater hat kein Recht, deinen Gehorsam zu fordern.«

»Das verstehst du nicht, Robert. Er ist ein mächtiger Herrscher und …«

»Anne! Hör auf mit diesem Elfenprotokoll! Du lebst schon so lange, und die meiste Zeit unter Menschen. Seit Jahrtausenden handelst du auf eigene Rechnung, hast die Verantwortung übernommen. Du bist etwas ganz besonderes, die erste und einzige Tochter von Sinenomen, dem Ursprung der Vampire. Aber du bist noch mehr als er: Du bist der Ursprung der Musen. Es mag sein, dass er ein mächtiger Herrscher ist und vielleicht einer der mächtigsten Dämonen überhaupt, aber du bist auf deine Art nicht minder mächtig als er. Und du hast ein Anrecht auf seinen Respekt. Er hätte dir zuhören sollen. Und egal, wie mächtig einer sein mag – ein hilfloses Baby schlachten zu wollen ist das abgrundtief Abscheulichste, was man tun kann, selbst für einen Dämon. Das ist unverzeihlich und du konntest es keinesfalls zulassen, denn du bist nicht so wie er.«

Annes Augen richteten sich auf ihn. Er erwiderte ihren Blick eindringlich.

»Ich glaube«, fuhr Robert fort, »dein Vater hat sich selbst genauso überlebt wie Fanmór. Sie sind beide zu starr geworden. Sie werden ihre Macht verlieren, du wirst sehen, selbst wenn die Unsterblichkeit zurückkehrt. Alle Völker der Anderswelten sind im Wandel begriffen, und nichts kann das mehr rückgängig machen.«

»Und was ist mit Bandorchu?«, fragte sie ein wenig spöttisch.

»Sie hat sich bereits vor tausend Jahren gewandelt«, antwortete er. »Vermutlich ist sie sogar der Auslöser, der Beginn der Neuzeit.«

»Du meinst, sie wird siegen?«

»Ich will es nicht hoffen. Aber ich befürchte es, ja. Wenn Nadja, David und Rian nicht gegensteuern können, sehe ich schwarz.«

Ein Schatten fiel über ihr Gesicht, das brachte sie aufs Thema zurück. »Ich bin völlig auf mich allein gestellt, denn ich habe alle verraten. Meinen Vater, Bandorchu …«

»… aber nicht dein Volk, denn du bist nicht nur Dämonin, du bist auch Elfe. Die Herrscher mögen dich verstoßen haben, dein Volk aber nicht. Und ich bin …« Er atmete tief durch, weil es ihm peinlich war, wie pathetisch sich die folgenden Worte anhören mussten. »Ich bin unglaublich stolz auf dich. Was du getan hast, erfordert großen Mut, Weisheit und Einsicht. Und ein hohes Maß an Ehrgefühl.«

»Und das ist alles deine Schuld!«, sagte sie nicht im Spaß.

Er drückte den Rücken durch. »Das macht mich noch mehr stolz. Anne, du bist alles, was ich will, jemals wollte. Als wäre ich mein ganzes Leben auf der Suche nach dir gewesen. Du bist das, was mir immer gefehlt hat. Und ich denke, auch du hast jetzt erst wahrhaftig zu dir gefunden. Du bist vollkommen.«

»Vollkommen verrückt, dich nicht in tausend Einzelteile zu zerlegen und zu verspeisen.« Sie seufzte. »In gewisser Weise hast du recht. Ich war immer allein. Mein Vater hat mich so erzogen und er duldete keinen Kontakt zu anderen. Erst, als er Catan für mich aussuchte, um eine neue Dynastie zu gründen …« Es schüttelte sie.

»Wieso? Er ist doch recht attraktiv, so als Panther, meine ich …« Er grinste, als endlich Leben in ihre Augen zurückkehrte. »Wäre bestimmt eine interessante Erfahrung.«

»Kenne ich schon«, gab sie achselzuckend zurück. »Werwölfe, Chimären …«

»Uh!« Abwehrend hob er die Hände. »Ich will’s nicht wissen!«

»Aber keinen Vampir«, fügte sie ernst hinzu. »Keinen … wie dich.« Ihr Blick bohrte sich in seinen, tauchte auf den Grund seiner Seele. Obwohl Robert gestorben war, besaß er immer noch seine Seele. Auf eine seltsame Weise war er wiedergeboren worden, auch wenn sein Körper der eines Toten war und nur vom frischen Blut anderer an der Existenz erhalten werden konnte. Aber er konnte im Tageslicht wandeln und sich wie ein normaler Mensch verhalten.

»Ich bin dein Gefährte, auf Gedeih und Verderb, ein Teil von dir, wie du ein Teil von mir bist«, murmelte er. »Du hast mich zu Deinesgleichen gemacht, was das Vampirische betrifft.«

»Das erste Mal.«

»Bereust du es?«

»Nein.«

Sie gab die Antwort völlig ruhig und ohne zu zögern. Ihre tiefliegenden Augen waren nun klar wie eine Winternacht.

Robert wagte es. »Ich liebe dich, Anne. Meine Seele, die mir geblieben ist, liebt dich. Meine Erinnerung, die ich bewahren durfte, liebt dich. Wir werden uns gemeinsam ein neues Leben aufbauen, auf den Trümmern unserer Vergangenheit, die nur noch Erinnerungen sind, aber keinen Einfluss mehr haben werden. Wir gehören zusammen, so haben wir es beide entschieden. Wir beide sind unser ganzes Volk, mehr brauchen wir nicht, und wir werden residieren, wo auch immer wir wollen, und tun, was uns beliebt.«

»Machst du mir gerade einen Heiratsantrag?« Ihre Stimme klang verwundert.

»Ganz recht«, sagte er feierlich. »Ich will ein Ritual. Mir ist völlig gleich, welches. Aber ich will, dass jemand offiziell unseren Bund besiegelt.«

Sie musterte ihn kritisch. »Ich glaube, meinen Vater kann ich nicht darum bitten.«

»Dabei wäre Catan ein wirklich hübscher Trauzeuge.«

Dann prusteten sie albern los, es war befreiend.

»Aber was ich wissen will: Warum nur hast du zu diesem romantischen Moment die grässliche Entenhose an?«, rief Anne, nachdem sie wieder Luft geschnappt hatte.

»Rate mal.« Seine Augen glitzerten.

Auch in ihre Augen trat ein lüsterner Glanz, vorbei war die Niedergeschlagenheit. »Also dann, endlich runter damit«, verlangte sie raukehlig.

Plötzlich schoss Robert aus dem Bett. »Himmel, ich habe ja einen Termin im Verlag! Raus mit dir, Weib, wir müssen los!«

»Nicht ohne Dusche«, erwiderte sie, und als sie die Beine über den Bettrand schwang und aufstand konnte er nur dastehen und sie angaffen, und er hätte ihr nie im Leben widersprochen. Sie war atemberaubend, und er würde nie genug von ihr bekommen. Nicht jetzt, nicht später, nicht lebend, nicht tot.

»Zu zweit, dann geht es schneller«, schlug er schelmisch vor.

Sie hob die Brauen, doch er winkte lachend ab. »Wie Brüderlein und Schwesterlein, Ehrenwort, auch ein lüsterner Vampir hat seine Grenzen. Aber … es ist einfach schöner so.«

Dem hatte sie nichts entgegenzuhalten. Robert genoss diese Nähe, das Rauschen des Wassers, der sanfte Schaum des Duschöls auf Annes samtener Haut, den er mit weichen Händen verteilte. Eine ganz besondere Sinnlichkeit, die ihm alle Ängste und Zweifel nahm. Sie beide, zusammen. Für immer, hoffte er.

In Wirklichkeit hatten sie noch genug Zeit, aber Robert wollte das schöne Wetter nutzen und ein wenig mit Anne bummeln, bevor er geschäftlich wurde. Das war das Großartige daran: Er tat das, was er wollte, das Geld floss von allein. Und selbst wenn der Strom von heute auf morgen abriss, hatten sie beide erst mal für eine ganze Weile genug, um wie ein gutsituiertes, vermögendes Paar zu leben. »Und wenn wir pleite sind«, hatte Robert zu Anne gesagt, »ziehen wir einfach in die Anderswelt um.« Das war eine tolle Aussicht, fand er. Sie waren beide zwar nicht sonderlich gut gelitten bei den Elfen, aber galten nicht als Verbannte. Was im Reich des Priesterkönigs geschehen war, hatte keine Auswirkungen auf die Elfenreiche, und Fanmór hinderte sie bestimmt nicht, sich bei ihm niederzulassen, nachdem Anne sich von Bandorchu losgesagt hatte.

In einer Sache allerdings waren sie sich einig: Sie mischten sich in die Ereignisse nicht mehr ein. Sie hatten beide genug beigetragen und beinahe ihr Leben/ihre Existenz verloren. Wie es weiterging, lag nicht mehr in ihrer Hand.

In dicke Mäntel gehüllt schlenderten sie Hand in Hand über den Viktualienmarkt. Auch jetzt waren die Stände geöffnet und boten Schlemmereien für Advent und Weihnachten feil. Die Luft wog schwer von den Düften nach Kräutern, Glühwein, Plätzchen und Tannennadeln. Die Buden waren festlich geschmückt und beleuchtet, und die Marktschreier priesen ihre Waren an. An der Heilig-Geist-Kirche und dem Alten Rathaus vorbei erreichten sie die Fußgängerzone des Marienplatzes, als das 12-Uhr-Glockenspiel soeben erklang. Die meisten, die stehenblieben, dem Spiel zusahen und lauschten, waren Touristen; die anderen eilten geschäftig weiter. Dabei war es ein Moment zur Besinnung, exakt zu dieser Stunde, zum Innehalten für ein paar Herzschläge.

»Weißt du, München ist so schrecklich busy geworden«, sagte Robert. »Ich kenne meinen Geburtsort, als er noch die Weltstadt mit Herz gewesen war. Doch heute ist alles Talmi, und diese künstliche Schickimicki-Gesellschaft ist so hohl und leer, was überhaupt nicht in dieses nach wie vor eher gediegene und bäuerliche Ambiente passt … Da wird Vorbildern nachgeeifert, die nie erreicht werden können, weil München viel zu klein dafür ist. Hier ist nichts schillernd, keine Skyline, überhaupt nichts Bemerkenswertes aus der Moderne. Was schön war und alt, wird übertüncht und verdeckt von proportionslosen Neubauten, die allenfalls klotzig denn schick sind und auch noch die letzte Atmosphäre mit schweren Schatten erdrücken. Die Straßen sind klein und eng, es gibt keinen erkennbaren Stil, alles prallt zusammen und schwimmt irgendwo im Dazwischen, ohne Individualität zu besitzen.« Er schüttelte sich übertrieben. »Ich sag dir was, im Januar werden wir es beide satt haben und uns nach der Insel sehnen, wetten?«

»Schon möglich«, sagte Anne. »Ich denke, bis dahin … bin ich mit allem fertig geworden. Aber wie steht es mit dir?«

»Weiß nicht«, wich er aus und ging schneller. Er wollte, dass Anne gesund wurde, über sich selbst dachte er nicht nach.

»Schaufensterbummel« nannte Robert es, während sie die breite Fußgängerzone entlang Richtung Karlsplatz/Stachus gingen. Und Anne machte ausgiebig davon Gebrauch. Bei einer Boutique konnte sie nicht mehr widerstehen und zog ihn nach innen. Robert ließ sie lachend gewähren, als sie einen teuren Fummel nach dem anderen probierte. Warum auch nicht? Er konnte es sich leisten. Am Ende bat er, die Unmengen an Tüten an seine Adresse zu schicken und gab den Namen der alten Frau im vierten Stock an, die immer zu Hause war. Sie würde vermutlich ziemlich staunen, umso mehr, da Robert ein hübsches Accessoire für sie obenauf packen ließ, mit ihrem Namen und einem Dankeskärtchen versehen.

Er konnte es nicht oft genug wiederholen: Es war toll, reich zu sein. Nicht arbeiten zu müssen. (Zumindest derzeit nicht, aber es war klar, dass der Verleger bald einen zweiten Band von ihm verlangen würde.) Alles lief von selbst.

Sie steuerten nun die U-Bahn vom Stachus an, auf der linken Seite kurz vor dem Karlstor lagen der ehrwürdige Mathäser-Filmpalast und das antagonistische McDonalds, als Annes Kopf plötzlich herumruckte.

»Was ist?«, fragte Robert, augenblicklich alarmiert. Mit seinen um ein Vielfaches geschärften Sinnen konnte er ihre Unruhe und die Ahnung einer Gefahr sofort spüren.

Aber wer sollte sie hier, am helllichten Tag angreifen? Und warum?

Der Getreue, durchzuckte es ihn kurz. Er ist von Island und den Toten zurück …

Undenkbar wäre es nicht. Bandorchu könnte dem Kapuzenmann den Auftrag gegeben haben, die abtrünnige Lan-an-Schie und den zum Vampir gewordenen Grenzgänger zu sich zu holen, um irgendwelche Dienste von ihnen zu erpressen, oder sie hinzurichten, oder eines nach dem anderen. Und da Robert keinesfalls zulassen würde, dass seinetwegen Menschen zu Schaden kämen, wäre auch der Zeitpunkt günstig, ihn ohne große Anstrengung zum Mitkommen »zu überreden«.

Doch da war niemand, der nichtmenschlich wirkte, so angestrengt Robert sich auch umsah. Seine Vampiraugen konnten die meisten Larven durchschauen, hier gab es keine. Alle Leute waren hundertprozentig menschlich.

»Ich weiß nicht genau …« Annes Stimme drang von Ferne an sein Ohr. Sie war stehengeblieben und hielt den Kopf leicht schief, als ob sie lauschte. Ihr Blick war nach innen gerichtet. »Mir ist, als hätte ich etwas gespürt … etwas sehr Altes …«

»Und wo?«

»Das versuche ich gerade herauszufinden. Es war nur ein kurzer Impuls.« Sie verharrte noch eine Weile, dann schüttelte sie den Kopf. »Es ist fort. Wahrscheinlich habe ich mich getäuscht.«

Robert war dennoch beunruhigt. »Du täuschst dich nie, Anne.«

»Danke für das Kompliment.« Sie hakte sich bei ihm unter. »Ich habe Hunger. Haben wir noch Zeit, essen zu gehen?«

Er freute sich, dass sie das fragte. Es schien ihr wirklich besser zu gehen. Vielleicht sollte er sich als Therapeut, spezialisiert auf Vampirdepressionen, ein zweites Standbein aufbauen. »Sicher. Ich habe vorhin, als du beim Anprobieren warst, den Termin auf fünfzehn Uhr verschoben.«

»Eine Woche auf den Bestsellerlisten, und schon entwickelst du Starallüren!« Ihre Stimme klang so, als ob es ihr gefiel. Kein Wunder, Elfen besaßen einen enormen Standesdünkel, und Dämonen vermutlich erst recht.

»Noblesse oblige«, grinste er übermütig. »Adel verpflichtet.«

Chefredakteur Norbert Spatz begrüßte sie herzlich, und er hatte auch allen Grund zur Freundlichkeit. Weitere Presseanfragen, euphorische Rezensionen und reißender Absatz – wenn das kein Grund zur Freude war!

Er versuchte Robert zu überreden, sich der Öffentlichkeit zu zeigen, doch er weigerte sich nach wie vor. Der Verlag hatte ein Phantombild hergestellt, das der Presse gezeigt wurde, und er antwortete grundsätzlich nur schriftlich über den Verlag. Ein Verlagsmitarbeiter sollte seinen Text bei der Pressekonferenz vorlesen.

Als sie damit durch waren, kam Redakteur Spatz auf ein anderes Thema zu sprechen.

»Nun – auf unseren Lorbeeren ausruhen sollten wir uns deswegen aber nicht«, fing er zur Einleitung an. »Wir sollten uns demnächst für das zweite Projekt zusammensetzen. Ich nehme an, Sie haben sich bereits Gedanken darüber gemacht.«

»Gedanken, ja«, antwortete Robert unverbindlich.

»Sehr schön! Wann wäre es Ihnen denn recht?«

»Ich weiß nicht … ich wollte mich in den nächsten vier Wochen ausschließlich mit privaten Dingen beschäftigen. Ich bin völlig ausgelaugt nach dem Schreibmarathon und möchte auch wieder Zeit für Persönliches haben.«

»Selbstverständlich. Haben Sie sich schon einen Zeitrahmen für nächstes Jahr überlegt? Nur damit ich weiß, wann ich den Roman in das Programm für übernächstes Jahr einplanen kann.«

»Keinesfalls Frühjahr, eher Herbst. Ich will in Ruhe arbeiten können, Termindruck hatte ich lange genug. Vielleicht sogar erst das Frühjahr in zwei Jahren.« Robert ignorierte das enttäuschte Gesicht des Redakteurs, fügte aber hinzu: »Ich möchte mich auch ein wenig rar machen und nicht vorzeitig verschleißen.«

»Hmm … gewiss.« Norbert Spatz wusste ganz genau, dass Robert recht hatte, aber er sah in diesem Moment vermutlich eine Menge Geldscheinchen für das kommende Jahr auf Nimmerwiedersehen davonflattern. Aber das machte nichts, ein Jahr später tat es auch. Dann lächelte er wie ein Autoverkäufer. »Vielleicht kann ich Ihnen die Arbeit schmackhaft machen, indem ich Ihnen noch vor Jahresende ein Angebot unterbreite.«

»Möglich«, meinte Robert und rutschte nervös auf dem Stuhl. Allmählich wurde es ihm zu viel. Dann fiel ihm ein, dass er keinen Grund hatte, sich dem weiter auszusetzen – er war derzeit der Star des Verlags. Abrupt stand er auf, und nicht nur der Redakteur schaute ihn verdutzt an. »Tja, ich muss dann mal wieder los.«

»Oh, wie schade … ich hätte Sie gern noch eingeladen …«

»Sehr freundlich, aber ein anderes Mal.«

Spatz blieb nichts übrig, als sich ebenfalls zu erheben und Robert die Hand zu reichen. »Ich rufe Sie an. Und Sie … melden sich rechtzeitig, wenn Sie ein anderes Angebot bekommen?«

»Machen Sie sich in der Hinsicht keine Gedanken, ich werde Ihnen keinesfalls abtrünnig«, erwiderte Robert, drückte kurz und kräftig seine Hand und verabschiedete sich.

Draußen auf der Straße atmete er erst einmal auf. Dann kramte er nach einer Gitanes und zündete sie an. Eines der wenigen Vergnügen, die einem Vampir blieben, da seine Geruchssinne auf ihre Kosten kamen. Und Lungenkrebs gab es keinen. Dementsprechend hatte Robert das »gesunde Leben« in dieser Hinsicht wieder aufgegeben und durfte in die alte Gewohnheit verfallen, ohne dass er sie jemals würde bereuen müssen.

Rauchend ging er den Gehweg entlang, Richtung Leopoldstraße, deren lebhafter Verkehrslärm mit Huptönen und lauten Rufen bereits bis hierher schwappte.

»Aha«, sagte Anne.

»Mhm«, machte Robert.

Er wusste, dass sie unzufrieden war, aber das konnte er nicht ändern. Und er würde keineswegs präventive Erklärungen abgeben. Und schon gar nicht würde er sich rechtfertigen.

Kurz bevor sie in die Straße einbogen, hielt Anne ihn am Arm fest. Ihre tiefliegenden dunklen Augen loderten. »Raus damit!«

Er tat unschuldig. »Womit?«

»Das weißt du genau«, fauchte sie. »Soll ich es aus dir rausprügeln?«

»Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig«, schmetterte er sie kurz angebunden ab, riss sich los und bog anstatt in die Hauptstraße in eine weitere Nebengasse ein, die in einem Bogen in entgegengesetzter Richtung direkt zum Englischen Garten führte. Vielleicht wäre es gut, noch eine Weile flott spazierenzugehen. Einigermaßen frische Luft zu atmen, den Kopf frei zu bekommen.

Anne war für einen Augenblick so verblüfft, dass sie ein paar Sekunden brauchte, bevor sie ihm nachrannte. So schroff hatte er sich ihr gegenüber nur selten benommen, das konnte sie kaum auf sich sitzen lassen.

»Bleib sofort stehen!«, schrie sie ihn an, packte ihn erneut am Arm und riss ihn zu sich herum. Sie war eher klein, aber sie verfügte über eine gewaltige Körperkraft, bedeutend mehr als jeder Mensch. Und mehr als er. »Niemand springt so mit mir um!«

Er blieb stehen. »Ich will nicht darüber reden, geht das nicht in deinen Kopf?«

»Du wirst darüber reden, und zwar hier und jetzt, oder du wirst dich zuerst von deinem liebsten Körperteil verabschieden, dann vom zweitliebsten … und so fort, bis du nachgibst.«

Zum Glück war niemand in der Nähe. Annes Aussehen hatte sich erschreckend verändert, sie zeigte ihm offen ihre wahre Natur. Immer noch eine Frau, immer noch schön, aber auch feuerspeiend und gefährlich, mit Reißzähnen bewehrt und Augen, in denen die Hölle brannte. Ein völlig fremdes, furchterregendes Wesen stand vor ihm, dessen Krallen Robert mit nur einem einzigen Hieb in Stücke reißen konnten. So musste sie sich zuletzt ihrem Vater gezeigt haben.

Also schön, es hatte keinen Zweck, Anne würde keine Ruhe geben, und Robert hatte keine Lust, seine Einzelteile auf der Straße zusammensuchen und darauf warten zu müssen, bis sie wieder angewachsen waren. Das würde nicht nur äußerst zeitraubend, sondern auch sehr schmerzhaft – vorher und nachher. Und was die Leute erst sagen würden!

Robert sah sich schnell um, niemand in der Nähe. Er würde nicht lange brauchen.

»Ich kann es nicht mehr, verstehst du?«, schrie er zurück. Mit dem Finger tippte er sich gegen die Schläfe. »Da ist nichts mehr drin! Keine Inspiration, kein Antrieb, keine Formulierung. Es ist alles weg!«

Er hob die Arme und ging weiter, auf den großen städtischen Park zu. »Seit ich tot bin, habe ich mit Ach und Krach den letzten Schliff vornehmen können. Aber das war’s!«

Anne beruhigte sich und nahm ihr normales Aussehen an. »Dann brauchst du eben noch Erholung …«, begann sie.

»Ja, für die nächsten paar tausend Jahre«, unterbrach Robert. »Machen wir uns doch nichts vor, Anne – es ist vorbei. Ich bin kein Mensch mehr. Deine Musenkräfte wirken nicht mehr. Ich werde niemals wieder ein Buch schreiben! Nicht einmal ein schlechtes!«

Seine Nasenflügel blähten sich leicht, als er den Park fast erreicht hatte. Sein Geruchssinn empfing die Ausdünstungen von nassem Holz, Schnee, Eichhörnchen und vielen Hunden samt ihren Menschen. Kettenöl von Fahrrädern, Sohlenleder und Plastikschirme gehörten auch dazu. Der Himmel fing an, sich zu beziehen, und der Wind brachte die Vorboten frischen Schneefalls mit sich.

Anne holte ihn erneut ein. Was für eine seltsame Konstellation, sonst war es immer umgekehrt gewesen, dass er hinter ihr herlaufen musste. »Robert …«

Er hielt an und starrte auf sie hinab. »Was?«

Sie legte ihm die Hand auf den Arm, aber diesmal nicht, um ihn hart zu packen. Es wäre fast eine mitfühlende Geste, wenn er es nicht besser wüsste. »Vielleicht …« Sie zögerte.

»Nun sag schon«, brummte er.

»Vielleicht ist auch nur immer nur dieses eine Buch in dir gewesen, Robert. Nie mehr als dieses eine, einzige, großartige und geniale Werk.«

»Oh.«

Mehr brachte er dazu nicht heraus. Das schmerzte tiefer als alles andere. Es bedeutete das Ende jeder Schreibblockade, die er sich einreden mochte, oder die Ausrede, kein Mensch mehr zu sein. Es war eine knallharte Wahrheit, an der sich nichts ändern konnte. Niemals.

»Es tut mir leid, Robert.«

»Tut es das?«

»Ja.« Sie zwang ihn, sie anzusehen. »Ja, verdammt, es tut mir leid! Ich bin eine Muse. Deine Muse! Ich habe das Herz einer Muse, das fühlt und leidet und sich freut. Denkst du, es gefällt mir, dass ich nicht mehr in der Lage bin, einen kreativen Funken in dir anzufachen? Dass er erloschen und Asche ist, für immer? Was bleibt mir dann noch, nachdem ich mit allem gebrochen habe?«

Seine Augen brannten, aber die Drüsen konnten keine Tränen mehr produzieren. Dennoch wischte er sich über die Wangen, ein verbliebener Reflex. »Und mir?«, flüsterte er.

Sie hakte sich bei ihm unter und zwang ihn, mit ihr weiterzugehen. Das Gewicht der Schuhe brachte den Schnee zum Knirschen.

»Wir finden etwas«, versprach Anne fest und sicher. »Wir werden es nicht fatalistisch hinnehmen, nur noch Vampire zu sein. Es wird sich etwas Neues ergeben. Das tut es immer, solange wir einen Sinn darin sehen. Und den habe ich noch lange nicht verloren. Sicher, ich war noch nie in einer so schlimmen Lage wie jetzt, aber es gibt immer noch Schlimmeres. Der Verlust der Unsterblichkeit, beispielsweise. Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir bleibt – aber ich werde sie verdammt noch mal nutzen, und du mit mir! Wie du gesagt hast: Wir haben uns. Ich habe meine Entscheidung getroffen, so wie du die deine. Also dann! Schluss mit dem Selbstmitleid. Unsere Existenz hat einen Sinn, solange wir daran glauben.«

Robert fühlte sich augenblicklich getröstet. Anne war so stark. Sie würde ihn nicht verlassen. Das war alles, was zählte.

»Das tu ich, an uns beide«, schloss er und atmete tief durch. Ein Relikt, das allen Vampiren zueigen war. Atmen. Fast wie …

Dann brach es laut aus ihm hervor: »Mann, was für ein Leben!«

2.
Ein Tuch in der Wüste

Der zerfledderte schwarze Fetzen trieb dahin. Trieb über die Welt und suchte nach einem Anker. Mehrmals drohte er abzustürzen, doch jedes Mal geschah es wie durch ein Wunder, dass er davor bewahrt wurde.

Winde kamen auf, aus aller Welt, und bliesen das Tuch weiter.

Sarma war der Erste, brauste von Norden her und trieb den Fetzen übers Meer, und dann übernahmen die Polaren Ostwinde und pusteten ihn voran.

Er wirbelte durch den Äther, und jede Richtung war die seine, es spielte keine Rolle. Auch die Winde ließen die Grenzen fallen, jagten sich gegenseitig über die ganze Welt und spielten dabei mit dem Tuch. Selbst der kleine Joran wagte sich dazu, während Pampero sich aufblies, Galerne und Poniente stritten miteinander und lösten ein Gewitter aus, Baguio und Karif und wie sie alle hießen … bis Zephyr und Boreas, die Göttlichen, eingriffen.

»Die ganze Welt ist durcheinander!«, fuhren sie wütend zwischen die Winde und zerstreuten sie. »Seht es euch an, Blitz und Donner, Schnee und Hagel, Taifun und Tornado! Das muss ein Ende haben!«

Es war nicht ganz so schlimm, die meisten Entladungen spielten sich hoch in den Sphären ab und entrangen den Menschen höchstens staunende Laute, wenn sie seltsame Wirbel und Lichterscheinungen sahen. Schnee und Regen waren oft schon verflüchtigt, bevor sie die Baumkronen erreichten – dennoch, das eine oder andere ungehorsame Unwetter kam durch und verwüstete so manchen Hof und kleine Wäldchen.

»Der Klimawandel«, sagten die Menschen dazu und nickten weise. »Das ist der Beweis. Zuletzt erlebten wir es über Island. Wir müssen Milch und Honig abschaffen.«

»Hört ihr?«, fauchte Boreas.

Die einen Winde säuselten: »Wir wollten doch nur helfen!«, die anderen brausten: »Wir folgen der Bestimmung!«

»Ihr folgt uns«, befahlen die Göttlichen und bliesen sie endgültig davon.

Boreas ballte ein paar Wolken zusammen und bettete das Tuch darin. Zephyr nahm es in Augenschein.

»Da ist wohl nichts mehr zu machen«, stellte Boreas fest.

»Dieser Fetzen wird kaum mehr zusammengehalten«, stimmte Zephyr zu. »Aber ich spüre noch einen Rest …«

Boreas strengte seine göttlichen Sinne an. Dann glätteten sich die Wirbel auf seiner Stirn. »Wahrhaftig«, rauschte er. »Da ist noch etwas.«

»Fast erloschen«, stellte Zephyr fest.

»Was können wir tun?«

»Ich weiß es nicht.«

»Anfachen?«

»Nein.«

»Ausblasen? – Schon gut, ein Scherz, verzwirble dich nur nicht gleich.«

Schweigend starrten sie auf den schwarzen Fetzen, der trotz der wolkenweichen Wärme zitterte. Ab und zu glühte er am Rand auf, doch jedes Mal schwächer.

»Es dauert wohl nicht mehr lange«, bemerkte Boreas.

»Das dürfen wir nicht zulassen«, sagte Zephyr.

Sie zogen sich zusammen, als glitzernder Nebel sich über ihnen herabsenkte.

Bringt ihn zum Anfang der Last.

»Zum … äh … wie?«, fragte Boreas verunsichert. Er galt normalerweise als der aufbrausendste aller Windbrüder, und zugleich als der mächtigste. Doch nicht als der klügste.

»Ich weiß, was er meint«, sagte Zephyr prompt. »Ich bin der Wind des Südens und der Wärme, Bruder, du hingegen treibst den Winter vor dir her. Dein Verstand ist ein Eiszapfen.«

Eilt euch. Mein Bruder kann sich nicht mehr lange halten.

»Also auf nach Hyperborea, wo das Paradies wartet!«, rief Boreas. »Ha, ha.« Mit seinem donnernden Gelächter jagte er die erschrockenen Wolken in die Flucht, und das Tuch verlor den Halt und trudelte dem Erdboden entgegen.

Der glitzernde Nebel wetterleuchtete, und Boreas beeilte sich, den Fetzen aufzufangen und wieder nach oben zu tragen.

»Fast dran, Bruder«, brauste Zephyr. »Doch die Reise wird nicht ganz so weit gehen.«

Boreas wiegte das löchrige Schwarz. »Ich hoffe, Zephyr weiß es wirklich«, sagte er zu dem glitzernden Nebel. »Es ist schon fast nichts mehr da.«

Deshalb bitte ich euch ja um Hilfe.

»Die wir keinesfalls verweigern«, säuselte Zephyr. »Wir sind schließlich beinahe Brüder. Und bei all dem, was geschieht, kann man froh sein, wenn man seinen Beitrag leisten darf. Nach so langer Zeit! Ich fühlte mich schon ganz kraftlos.«

Wir alle brauchen Kraft. Gebt ihm die seine zurück. Die Aufgabe meines Bruders ist längst nicht beendet, und ich wage erst wieder, die Augen zu öffnen, wenn ich ihn in Sicherheit weiß.

Die göttlichen Windbrüder flauten betroffen ab. Beinahe wäre der Fetzen wieder abgestürzt … oder vielmehr, hinabgesegelt. Doch Boreas bewahrte geistesgegenwärtig einen letzten Hauch Auftrieb, der das Tuch festhielt und sanft nach oben schaukelte.

»Nebelbruder«, wisperte Zephyr, »wenn du Furcht empfindest …«

Meine Furcht ist nicht die eure. Und nun eilt euch. Habt dank, Windbrüder.

»Zu deinen Diensten«, antworteten die göttlichen Brüder höflich, doch der Nebel hatte sich bereits aufgelöst.

»Also, wohin nun?«, forderte Boreas seinen Bruder neugierig zur Preisgabe auf.

»Gib ihn mir.« Zephyr wollte nach dem Fetzen greifen, doch Boreas blies ihm einen wirbelnden Wall entgegen.

»Kommt nicht in Frage! Du willst dich allein auf den Weg machen!«

»Ja. Denn du musst hierbleiben, Boreas, und Wache halten.«

»Wofür denn?«

»Für alles, bei den Olympiern!«

»Die sind fort, schon vergessen?«

»Aber wir sind noch da, auch vergessen?«

»Wir sind ja schließlich Winde, wir währen ewig.«

Zephyr seufzte mit einem pfeifenden warmen Windstoß. »Schütze einfach die Sphären«, sagte er schließlich.

»Ach so!«, rief Boreas viel zu laut und löste versehentlich einen weiteren trockenen Donnerschlag aus.

»Ein Überschallknall von einem Militärflieger«, sagten die Menschen unten und sammelten die Scherben ihrer Gläser ein, die aus den Regalen gesprungen waren.

Zephyr konnte sich kaum mehr zurückhalten, er rotierte schon wie ein Tornado. Doch bevor er den Mund öffnen konnte, wiederholte Boreas flüsternd:

»Ach so.«

Er grinste seinem Bruder verlegen zu, hob die Schultern und brauste davon, wobei er gerade noch einem Airbus auf dem Weg in weite Ferne auswich. Es kam zu mäßigen Verwirbelungen, aber dergleichen waren die Piloten gewöhnt, sie manövrierten das Flugzeug sicher hindurch.

Zephyr nahm den Fetzen und trug ihn weiter zu seinem Bestimmungsort. Über der Sahara, an einem bestimmten Punkt, sprang das Tuch plötzlich aus seinem Arm und sank zu Boden hinab.

»Na schön«, säuselte Zephyr achselzuckend, »deine Wahl. Mach das mit deinem Bruder aus – ich habe getan, was ich sollte. Gib mir nicht die Schuld, wenn es schiefgeht!« Er blies die Backen auf, schlug um und wehte davon.

Sanft schaukelte das Tuch hernieder. Kreisrunde Felder breiteten sich unten über die Wüste aus, die graugelb bis mattgrün waren. Die künstlichen Oasen von Al Kufrah, die die Wüste Libyens einstmals grün machen sollten.

Ein Erinnerungsfetzen im Tuch wusste davon. Und wusste auch, warum gerade hier die Menschen den Versuch erneut unternahmen, fruchtbares Gebiet der Wüste abzutrotzen. Ein rot leuchtendes Band zog sich unter dem gigantischen Wasserspeicher unterhalb des Wüstenbodens hindurch. Kein Wasserbohrer konnte es jemals erreichen, denn es lag zu tief. Und doch bezogen alle Quellen ihre Energie davon und hatten einst das kostbare Reservoir erzeugt.

Sie war die mächtigste Ley-Linie von allen, die erste, die aus der Geistersphäre entstand, als die Erde noch jung gewesen war.

Am Rande der bewirtschafteten Kufrah-Oasen gab es Relikte alter Palmengründe, verlassen und nicht von wirtschaftlichem Interesse. Doch sie führten Wasser, und alte Palmen boten Schatten für scheue Tiere.

In einer solchen kleinen Wassersenke, die am Ufer von mattem Grün überzogen war, gesäumt von einem leise raschelnden Palmenhain, ging das Tuch nieder. Lag halb im Sand, halb im Wasser und saugte sich voll, bis das Gewebe schwarz glänzte.

Eine unscheinbare graubraune Schlange züngelte aus einem Sandloch nahe dem Wasser hervor, dann glitt sie heraus und auf das im Schatten liegende Tuch zu. Die gespaltene Zunge tastete über den Stoff, der mehrmals kurz zuckte. Die Schlange versenkte den Schwanz im Sand, öffnete den Rachen, dass die mächtigen Giftzähne hervorsprangen, und hauchte ihren kalten Atem über den Fetzen. Eine milchige Flüssigkeit tropfte von den Zähnen herab und sickerte zischend in das Gewebe ein. Dampf stieg daraufhin auf, ein rotes Glühen umgab Tuch und Schlange, das sich zuletzt in glitzernden Nebel auflöste.

Als dieser sich verzog, lag der Schattenmann am Ufer. Er war nicht körperlich, wirkte durchscheinend, aber sein Brustkorb hob und senkte sich im Atmen. Noch war er nicht viel mehr als eine dunkle Kontur, kaum greifbar, ohne erkennbare Strukturen. Ein diffuser Schatten …

Die Schlange zischelte leise, dann glitt sie lautlos zurück in ihr Loch.

Der Schattenmann verharrte still. Er war sich seiner selbst noch nicht bewusst und konnte nur fühlen. Die Ader, die tief unter ihm glutrot pulsierte. Seine Erinnerungen, die bruchstückhaft, in Lichtblitzen, durch seine Finsternis huschten. Sie ergaben keinen Sinn, konnten sich nicht zusammensetzen. Doch sie waren wichtig, jede Einzelne von ihnen.

Schmerz empfand er keinen, ebenso wenig konnte er eine Verbindung zu dieser stofflichen Hülle aufbauen, die versuchte, sich zu stabilisieren. Wofür war sie da? Um ihn aufzunehmen? Er wusste es nicht mehr.

Er spürte die Feuchtigkeit des Wassers, die durch seine Hülle strömte und ihr half, sich aufzubauen. Er wusste von der Schlange, die ihm geholfen hatte, und von dem Sandteufel, der heute Nacht auf sie lauern würde. Er fühlte den Wolkenschatten, der eilig über ihn hinwegglitt, und hörte das Flüstern des Windes. Doch er konnte ihn nicht verstehen.

War es denn überhaupt von Bedeutung? Weshalb blieb er? Warum waren die Erinnerungen wichtig?

Halte dich fest, flüsterte etwas in ihm.

Warum?

Nur du kannst es.

Was bedeutet Festhalten?

Du musst verstehen.

Was bedeutet Verstehen?

Begreife den Sinn.

Wie kann ich das?

Das Flüstern verstummte. Was brauchte es einen Schatten zu kümmern? Er war nur ein Umriss, eine leere Hülle. Etwas, das überflüssig war. Er war es zuvor niemals gewesen … ein Schatten.

Wieder eine Erinnerung, die er nicht verstand.

Er war schwer vom Wasser, schien hinabgesogen zu werden in einen tiefen Abgrund. Unmöglich, sich dagegen zu wehren; er würde verschwinden, für immer.

Ein sandfarbenes Wesen kam herangetrippelt, winzig, mit riesigen Hinterfüßen und großen Ohren. Es hüpfte mehr, als dass es lief, und würde wahrscheinlich in den Rachen der Schlange passen, wenn sie das Maul weit genug aufriss. Die kleine schwarze Nase zuckte. Das Wesen schnüffelte ihn ab, leckte Wassertropfen auf. Welch eine Erleichterung. Er spürte die zarten Füßchen, als das kleine Tier über ihn hinweglief und die Tropfen aufnahm. Dann war es plötzlich verschwunden, und er fühlte sich besser. Leichter.

Die Helligkeit ließ nach. Der Schattenmann spürte die Wanderung der Sonne und die Veränderung ihrer Farben. Der Zustand um ihn herum änderte sich. War es … Kälte?

Ja. Kälte war ihm vertraut, ebenso wie ihr Gegenteil, die Wärme, die ihm jetzt begreiflich wurde. Es war etwas Ursprüngliches, ein Teil seines Selbst.

Das Licht war fort, Dunkelheit hüllte ihn ein. Sie war nicht so tief wie die Finsternis in ihm, durchsetzt von glitzernden Punkten. Er konnte sie wie kleine Funken wahrnehmen, und auch sie waren ein Teil von ihm.

Die Kälte kroch in das Gewebe, ließ das Wasser erstarren, vermittelte ihm neue Eindrücke, die er schon lange vergessen hatte.

Der Schattenmann ruhte.

Am Morgen stand ein Mann, der ein weißes Dromedar am Zügel führte, neben ihm. Er ließ den Strick los und kniete bei dem Schattenmann nieder. Nachdem er ihn ausgiebig in Augenschein genommen hatte, griff er in eine Tasche seines dunkelblauen Übergewandes und förderte ein Döschen zutage, das er behutsam öffnete. Hauchfeiner Staub befand sich darin, von dem der Mann eine Prise zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und diese über die schemenhafte, wie Nebel wabernde Gestalt blies.

Der Staub fiel auf stoffliches Gewebe und sickerte dann ein. Der Schattenmann atmete tiefer. Dann schlug er die Augen auf. Langsam drehte er den Kopf und richtete seinen Blick auf den Mann. Seine Augen waren völlig schwarz, starr und leer, mit einer spiegelnden Oberfläche.

Der Nomade öffnete den indigoblauen Gesichtsschleier des Aleshu und offenbarte ein tief gebräuntes, hageres Gesicht, dessen alte Haut sich in hunderte Fältchen legte, als er lächelte.

»Ayoub«, sagte er und wies auf sich.

Der Schattenmann öffnete den Mund und versuchte zu sprechen, was ihm erst nach einer Weile gelang. Seine Stimme klang wie der ferne Wind der Wüste. »Du bist Imuhagh«, hauchte er. »Targi.«

Der Mann der Wüste nickte und grinste breiter. »Du hast einen weiten Weg hinter dir, scheint mir.«

Der Schattenmann ging nicht darauf ein. »Fürchtest du nicht den Totengeist, der dir in den Mund kriecht, weil du dein Gesicht entblößt?«

»Ich fürchte niemanden. Und du bist weder tot noch Geist.«

»Du täuschst dich …«

»Schweig still, Schattenmann. Ich kenne dich. Ich gebe dir, was du brauchst.« Ayoub hielt die flach ausgestreckte Linke über den Brustkorb des diffusen Wesens, die Rechte presste er fest in den Sand. Bald darauf glühte die rechte Hand wie von einem inneren Licht auf, und dann schoss ein Blitz aus dem Boden hervor und schlug in den Schattenmann ein.

Der Imuhagh löste die Verbindung und sank erschöpft in sich zusammen. Um nicht zu viel Flüssigkeit zu verlieren, schlug er das Tuch um den Mund. Jeder Atemhauch war zu kostbar, um in der Wüste verschwendet zu werden. Aus trüben Augen beobachtete er, wie der Schattenmann stofflicher wurde, das unstete Flackern der Gestalt hörte auf. Eine lange Kutte bildete sich schützend um ihn, Stiefel und Handschuhe, und dann richtete er sich auf und schlug die Kapuze über. In der Finsternis darunter entstanden zwei glühende Sterne dort, wo zuvor lichtlose Augen gewesen waren.

»Ich schulde dir Dank, Ayoub«, sprach der Schattenmann mit deutlich voluminöser Stimme, die an Tiefe gewonnen hatte.

»Du schuldest mir nichts«, winkte der Imuhagh ab. Er spürte den Blick des Verhüllten tief in sich dringen.

»Du bist eine wandernde Seele«, stellte er fest. »Mir ist, als müsste ich dich kennen … doch ich bin noch kaum bei mir.«

»Wir kennen uns tatsächlich«, stimmte Ayoub heiter zu. »Wie nennst du dich in dieser Epoche, mein Freund?«

»Wie in jeder.« Ein kurzes Zögern, als wäre er unsicher, dann sagte er langsam: »Ich bin … der Getreue. Doch abgeschnitten von dem, dem ich Treue schulde … ich kann mich nicht mehr erinnern …«

»Du bist auf der richtigen Fährte.« Ayoub deutete auf den Boden. »Instinktiv hast du die lebensrettende Ader gefunden. Sie ist immer noch stark, und deswegen bin auch ich immer noch hier. Mein ganzes langes Leben bewege ich mich an ihr entlang, und ich bin es nie müde geworden.«

»Warum bist du hier?«

»Der Wind flüsterte es mir und wies mir den Weg. Ich kam, um zu helfen.«

Der Getreue schien nachzudenken. »Wie viele von deiner Sorte gibt es noch?«

Ayoub hob die Schultern. »Nicht mehr viele, glaube ich. Die Geistersphäre leert sich. Es ist sehr still geworden, seit die Erste von uns gegangen ist …«

Der Getreue stieß einen schmerzvollen Laut aus. »Island …«, flüsterte er. »Ich erinnere mich, dort gewesen zu sein …«

»Etwas geschah, das alle Sphären erschütterte«, sagte Ayoub. »Und hier verändert sich seither die Sphäre. Die Grenzen sind geöffnet …«

»Warum bist du allein, Ayoub? Wohin gehst du?«

»Ich reise zumeist allein, doch wenn ich es möchte, finde ich überall gute Gastfreundschaft. Ich gelte als heiliger Mann, und außerdem bin ich reich. Mein Clan verwaltet mein Vermögen, längst ist er sesshaft geworden und der Gier nach Reichtum erlegen. Meine Leute sind keine Berber mehr und noch weniger Tuareg. Ich aber bin Nomade geblieben, ich kann nichts anderes sein. Meine Seele wohnt schon so lange hier, sie ist ein Teil der Wüste. Und wohin ich gehe? Als ob du das nicht wüsstest.«

Der Getreue schüttelte leicht den Kopf. »Ich weiß es nicht. Ich müsste es wissen, aber dem ist nicht so. Die Erinnerungen kehren nur langsam wieder … die Kenntnis …«

Ayoub wies auf die Wüste. »Ich gehe nach Gewas.«

»Die Oase Gewas? Ich kenne sie. Das … das Paradies? Du weißt, dass niemand sie finden kann, der sie sucht?«

»Und deswegen bin ich unterwegs. Meine Suche ist das Ziel. Wer hat mir das wohl beigebracht? Und sage nicht, die Oase gibt es nicht – Kufrah könnte es dereinst werden, seit ich den ersten Ölturm setzen wollte und Wasser fand, auch wenn es immer wieder Rückschläge gab.« Ayoub stand auf und klopfte sich den Sand aus der Kleidung. Sein Dromedar hatte sich inzwischen satt getrunken und Büsche abgeweidet. Jetzt senkte es den langen Hals und musterte seinen Herrn aus großen, sanften dunklen Augen, die von dichten Wimpern beschattet wurden. Die Mundwinkel waren leicht nach oben gezogen, als ob es lächelte. Ohne dass Ayoub etwas sagen musste, kauerte es sich hin. Die beiden zogen schon so lange gemeinsam durch die Wüste, sie verstanden sich ohne Worte und Befehle.

»Das verstehe ich nicht«, sagte der Getreue.

»Du wirst es, sobald du zu dir selbst gefunden hast«, erwiderte Ayoub und schwang sich in den Sattel, verschränkte die Beine vorn am Hals. »Deswegen musst auch du dich auf die Suche begeben.« Mit der Gerte wies er nach Süden. »aṣ-ṣaḥrā’ al-kubrā«, sagte er melodiös, mit erstaunlich junger Stimme. »Die sehr große Wüste.« Dann wies er nach Norden, wo sich graue Berge am Horizont abzeichneten. »baḥr bilā mā. Das Meer ohne Wasser. Geh Richtung Meer, durchquere die Wüste und gelange zum Ozean. Dort findest du den Anfang und den Träger. Das ist dein Weg, so wie der meine … die entgegengesetzte Richtung ist. Sei standhaft – du hast gut und gern neunhundertfünfzig Kilometer Weg vor dir.« Er zwinkerte.

Das Dromedar stemmte sich leise grunzend hoch und ragte schneeweiß über dem Getreuen auf. Unermüdlich wiederkäute es und drehte leicht den Kopf, als wolle es die Richtung erraten, in die es seinen Herrn gleich tragen würde.

»Warum?«, fragte der Getreue ratlos.

»Das fragst du?« Ayoub lachte leise. »Sieh es als Schuld an, die ich beglichen habe. Ich gebe dir zurück, was du mir einst gemacht hast. Das ist nur fair. Leb wohl!« Er schnalzte und zog am Riemen, während ein Fuß leicht an den Hals klopfte. Das Dromedar wendete und schaukelte im flinken Pass-Trab mit seinem Herrn in die wasserlose Dürre hinein.

Hitze breitete sich aus, und der Umhang des Getreuen dampfte. Er stemmte sich hoch und stand eine Weile gekrümmt, schwankend da. Nur langsam kehrte das Gefühl in die Gliedmaßen zurück, das Bewusstsein, einen Körper zu besitzen. Diese Existenzform war schwer, aber auch sehr intensiv. Er würde sich daran gewöhnen – falls er es schaffte, zu überleben. Das war nämlich noch keineswegs gewährleistet. Im Augenblick war er dankbar, überhaupt den Weg zurück gefunden zu haben und sich soweit zu sammeln, dass er neu beginnen konnte. Aber mehr als halbstofflich war er noch nicht.

Haltsuchend taumelte er zu einer Palme und stützte sich schweratmend dagegen. Nicht viel mehr als ein Fetzen wehenden Tuches, und doch zerrte ein schweres Gewicht an ihm.

Wer auch immer dafür gesorgt hatte, dass er Hilfe bekam, dem gebührte Dank. Aber hoffentlich war es nicht verfrüht. Als die Hand des Getreuen plötzlich durch den Stamm fiel, rutschte er haltlos zu Boden. Seine Gestalt flackerte erneut, bevor sie sich wieder einigermaßen verstofflichte.

Die Geistersphäre.

Der Getreue war erleichtert, als ihm dies einfiel. Dort stand sein dunkler Turm, der ihm die Kraft zurückgeben würde, die er brauchte.

Er konnte sich nicht erinnern, wieso er hier war, was ihn an den Rand der Vernichtung getrieben hatte. Island … dort musste es geschehen sein. Aber was?

Der Turm, er war jetzt sein Anker. Erst einmal in seiner Kammer, würde sich alles von selbst ergeben und klären.

Der Getreue konzentrierte sich und tauchte in die Geistersphäre ein. Doch er erreichte nicht mehr als das Zwischenreich. Weit in der Ferne sah er seinen dunklen Turm aufragen, aber er war zu schwach, um dorthin zu gelangen. Dieser Weg blieb ihm verwehrt.

Keuchend sank er in sich zusammen. Alle Mühe vergebens, er würde das wenige Leben, das ihm geblieben war, verlieren. Was hatte Ayoub gesagt? Das Meer ohne Wasser … die Oasen namens … Kufi? Kari? Kufrah! Und Gewas! Das war es!

»Libyen«, murmelte er. »Ich bin in Libyen.«

Kein besserer Ort hätte es sein können. Hier hatte alles begonnen. Von hier aus waren die Ersten aufgebrochen. Ayoub hatte es gewusst und ihm deshalb den Weg nach Norden gezeigt, zum blauen Meer. Dort gab es Rettung für ihn und … und …

Wem gilt meine Treue?

Wer muss sterben, wenn ich nicht zurückkehre?

Er zerbrach sich den Kopf, aber er konnte sich nicht erinnern. Doch es galt, keine Zeit zu verlieren. Eine Menge stand auf dem Spiel. Sprach Ayoub nicht auch darüber? Dass die Grenzen sich verschoben und öffneten, und dass alles sich veränderte?

Auf allen vieren kroch der Getreue zum Wasser, um noch einmal zu trinken, bevor er aufbrach. Er beugte gerade den Kopf über das sandige Ufer, als er einen dunklen Schatten bemerkte. Und dann geschah es auch schon.

Etwas schoss aus dem Wasser hervor, riesengroß und graugrün, stank nach Moder und Verwesung, und schnappte mit langem Maul, in dem faulige Zähne steckten, nach dem Getreuen.

Dass die Bestie schon sehr alt war, war sein Glück. Und dass der Getreue früher eine unglaublich schnelle Reaktionsfähigkeit besessen hatte, ebenfalls. Auch wenn davon nicht mehr viel übrig war – er war immer noch schneller als ein Mensch. Und um ein wenig schneller als die Panzerechse.

Der Getreue warf sich zur Seite, und das Maul schnappte nur Luft. Klickend, klirrend krachten die schief stehenden Zähne zusammen, und das Tier stieß einen grunzenden Laut aus, als einige zersplitterten und herausfielen. Der Gestank, der daraufhin dem wieder halb geöffneten Rachen entströmte, färbte die Luft grünlich.

Doch das konnte das Krokodil nicht aufhalten. Es fuhr herum, peitschte das Wasser mit dem wild schlagenden Schwanz auf, während es an Land kam, den Körper mit den seitlich am Leib gelegenen Beinen hochstemmte und den Getreuen erneut angriff. Wieder konnte er sich im letzten Augenblick zur Seite werfen, doch er kam nicht schnell genug hoch und musste halb kriechend, halb robbend ausweichen.

Schließlich rollte er in einem günstigen Moment unter die Echse, seine Arme schossen nach oben und legten sich um das Maul des Krokodils und hielten es zu.

Eine über sechs Meter lange Panzerechse hatte keine natürlichen Feinde mehr und war ein tödlicher Gegner. Mit einem Schlag ihres Schwanzes konnte sie die Knochen eines Elefanten zertrümmern. Einmal zugebissen, konnte nichts mehr dem Rachen entkommen, und selbst Schwergewichte wurden mühelos ins Wasser geschleppt. Der Druck beim Zubeißen lag bei über einer Tonne. Aber das Maul zu öffnen, wenn es einmal geschlossen war – dafür besaß ein Krokodil keine Muskelkraft.

Der Getreue umklammerte die Schnauze, gleichzeitig schlang er die Beine um den Leib der Echse, die sich wütend zur Wehr setzte und sich wild wand. Aber an der verletzlichen Bauchunterseite konnte sie den Gegner nicht erreichen. Der Getreue ließ sich trotz der heftigen Bewegungen nicht abschütteln und umklammerte die Echse so lange, bis sie in ihrer Gegenwehr endlich ermattete und Richtung Wasser strebte, um sich in Sicherheit zu bringen. Als sie dabei eine Sandgrube durchlief und auf der rechten Seite einsank, brachte der Getreue sie aus dem Gleichgewicht und zu Fall.

Das Krokodil war alt, nicht mehr allzu sicher auf den Beinen, durch den unerwarteten Verlauf des Kampfes verwirrt und nur noch auf die Flucht ins Wasser konzentriert. Sein Gehirn war nicht größer als eine Nuss, es konnte nicht flexibel auf Veränderungen reagieren. Obwohl sein Gegner körperlich weit unterlegen war, war es ihm nicht gewachsen.

Während die Echse stürzte und der Getreue obenauf kam, achtete er auf die empfindliche Stelle am Hals, wo die Hauptschlagader verlief, knapp unter dem gewaltigen Kieferknochen. Er schlug die gestreckten Finger hinein, woraufhin die Panzerechse augenblicklich bewusstlos zusammensackte, und riss die spröde Haut auf. Seine Zähne vergruben sich im Hals, seine Zunge fing das hervorsprudelnde Blut auf, und er trank gierig.

Das Krokodil kam nicht mehr zu sich und starb, während es dem Getreuen sein Leben gab. Mit seinem Blut nahm der Verhüllte zugleich seine Geschichte und die seiner Vorfahren in sich auf.

Das Tier war über hundert Jahre alt, die meiste Zeit seines Lebens hatte es im Schlaf verbracht, um den Hunger und die Dürrezeiten zu überstehen. Es war der letzte Nachkomme einer Gruppe Nilkrokodile, die vor Jahrtausenden durch einen Flusslauf hierher gelangten und an einem See gelebt hatten, bevor das Wasser schwand und das Land zur Wüste wurde. Sie waren immer weniger geworden und in den letzten neun oder mehr Jahrzehnten hatte es nur noch einen Überlebenden gegeben.

»Du hast dein Leben gehabt«, brummte der Getreue, nachdem er sich gestärkt hatte und spürte, wie das Blut des Krokodils durch seine Adern floss. »Du bist nicht sinnlos gestorben.«

Er stand auf und streckte sich, fühlte, dass er nun die Kraft hatte zu gehen. Ihm blieb nicht viel Zeit, aber immerhin war er nicht mehr hilflos.

Ohne das tote Fossil noch eines Blickes zu würdigen, ging er Richtung Norden.

3.
Mord am Stachus

»Normalerweise«, sagte Robert, während er ein Buchregal umsortierte, »enden Romane an der Stelle, wo ich angekommen bin.«

»Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.« Der Spott in Annes Stimme war angemessen. Sie sprach, ohne aufzusehen, da sie gerade auf allen vieren über das Parkett kroch, unter den Sessel und Regale schaute.

»Stimmt genau. Aber meine Geschichte geht eben noch weiter … oder fängt neu an.« Robert seufzte. »Das verunsichert mich.«

»Warum? Als Sterblicher hast du doch stets im Ungewissen gelebt.« Sie wandte sich der anderen Wand zu.

Robert runzelte die Stirn, räumte eine Reihe wieder aus und sortierte sie neu. »Nicht ganz. Ich kannte ungefähr meine Lebensspanne, wenn nicht Unfälle oder Krankheiten dazwischenkamen. Meine Möglichkeiten waren begrenzt.«

»Du bist eine Nervensäge«, stellte Anne in scharfem Tonfall fest. »Ständig geht deine Stimmung rauf und runter. Da warst du mir als Alkoholiker noch lieber, andauernd im Selbstmitleid versunken und …«

Robert hielt inne und sah zu ihr hinunter. »Was machst du da eigentlich?«

»Moment … ah!« Plötzlich sprang Anne los, wie eine Katze auf die Beute, ihre rechte Hand schoss vor, und Robert hörte ein leises Quieken. Verdutzt sah er Anne zu, als sie sich aufrichtete und eine kleine graue Hausmaus in ihren Krallen präsentierte. »Sie wollte deine Bücher anknabbern!« In ihren Augen lag ein gieriges, wildes Glitzern, das Robert einen eiskalten Schauer den Rücken hinunterlaufen ließ. Ein Raubtier, das sich genüsslich über die Fangzähne leckte.

»Tu ihr nichts!«, sagte er schnell.

Sie zog die Brauen zusammen. »Warum?«

»Ich dachte, Catan wäre die Katze …«

»Falsch gedacht.« Sie näherte die Hand ihrem Mund, und die Maus quietschte in Panik auf.

»Nein!«, rief Robert und hielt ihren Arm fest. »Sie … das ist doch ein ganz harmloses und sehr niedliches Wesen. Lass sie laufen, bitte!«

Anne war nun deutlich ungehalten. »In unserer Wohnung? Ausgeschlossen. Lasse ich sie im Treppenhaus frei, findet sie wieder ein Schlupfloch zu uns. Lasse ich sie auf der Straße frei, erfriert sie. Dann erklär mir, was mit der Maus geschehen soll, ohne ihr zu schaden!«

Robert sah ein, dass sie recht hatte. »Tut mir leid, kleine Maus«, murmelte er und wandte sich ab. Kurz darauf hörte er das Klappen der Wohnungstür, Anne und die Maus waren verschwunden. Erleichtert atmete er auf.

Eine halbe Stunde später war sie zurück. »Ich weiß gar nicht, warum ich das alles mache!«, bemerkte sie. Unsicher sah er sie an, er konnte ihrem Tonfall nicht entnehmen, ob sie wütend war. »Mein Leben ist völlig auf den Kopf gestellt.«

Aber sie hatte die Maus am Leben gelassen. Sie an einen sicheren Ort gebracht. »Und … äh … gefällt es dir?«

»Es ist nicht uninteressant«, gab sie zu. »Mal was Neues.« Dann grinste sie.

Er lächelte erleichtert zurück. Als er das Regal zu seiner Zufriedenheit sortiert hatte, setzten sie sich gemeinsam aufs Sofa und sahen dem Schneetreiben vor dem Fenster zu.

»Ob Nadja unsere Nachricht bekommen hat?«, äußerte Robert, was ihn bewegte. Er hatte einen Beleg seines Buches mit einer Widmung zum Baumschloss der Crain geschickt, Anne hatte den Transport übernommen.

»Ganz sicher. Sie weiß jetzt, dass wir noch leben.«

»Und … wie stehst du zu ihr?«

»Ich respektiere sie. Sie ist sehr mutig und eine echte Kämpferin. Ich stehe nicht mehr zwischen dir und ihr, falls du das wissen willst.« Anne setzte sich auf. »Aber wir beide werden uns nicht mehr einmischen. Nadja kann auf sich selbst aufpassen, und ebenso auf ihren Sohn. Außerdem sind da noch David und Rian und der ganze Rest der Bande. Sie braucht uns nicht. Ich bin schon weit genug gegangen. Keinesfalls werde ich mich in die Dienste Fanmórs stellen.«

»Das verlange ich ja gar nicht«, beschwichtigte er. »Ich habe nur das Gefühl, als ob sie schon wieder in Schwierigkeiten steckt …«

Sie blickte finster. »Und du möchtest, dass ich das via Elfenkanal herausfinde.«

»Ähm … ja.«

»Vergiss es. Ende der Diskussion.«

Notgedrungen gab er nach. Dann musste er eben einen anderen Weg finden.

Es kam in den Abendnachrichten. Nachdem einige Penner in den vergangenen Nächten erfroren waren, war nun etwas Neues an die Presse durchgesickert – hervorgerufen durch die nächste aufgefundene Leiche. Einer undichten Polizeistelle zufolge war keiner der Obdachlosen eines natürlichen Todes gestorben, wobei die genaue Todesursache noch nicht feststand. Aber alle waren grausam entstellt, teilweise habe sogar die Haut gefehlt, oder sie wären wie eingetrocknet gewesen …

Robert war hellwach. »Das geht nicht mit rechten Dingen zu! Komm, das müssen wir uns ansehen, und zwar sofort!« Er sprang auf und lief zur Garderobe. Nicht, dass er einen Mantel brauchte, aber es würde doch zu sehr auffallen, wenn er bei mehreren Minusgraden im Hemd spazierenging.

Nach kurzem Zögern folgte Anne ihm. Robert war auf Fragen, Vorhaltungen gefasst gewesen, doch sie zog schweigend ihre weiche Samtjacke an, und er fühlte sich auf einmal beschwingt, als wäre etwas von ihr auf ihn übergesprungen.

Sollte etwa … Er dachte nicht zu Ende, das war unwichtig und lenkte nur ab. Jetzt wartete eine Reportage auf ihn!

Um schneller dort zu sein, fuhren sie eine Station mit der U-Bahn zum Karlsplatz und kamen in der Nähe des Mathäser Filmpalastes heraus, wobei es nicht einfach war, nach oben zu gelangen. Unten herrschte dichtes Gedränge, einige Ausgänge waren gesperrt worden, und überall war Polizei. Sie brauchten fast zehn Minuten, bis sie endlich die Station verlassen hatten. Eine Menge Schaulustige waren vor Ort, sowie Übertragungswagen diverser TV-Sender. Scheinwerfer schnitten grelle Lichtbahnen in die Dunkelheit und schufen in unmittelbarer Nähe harte Schlagschatten, die in unregelmäßigen Abständen dick eingemummte Gestalten gebaren, beschäftigt mit irgendwelchen wichtigen Dingen.

Robert sah sich aufmerksam um, und dann hoben sich seine Brauen. Hastig ergriff er Annes Hand und zog sie mit sich, auf die Absperrung zu. Als ein Polizist ihn aufhalten wollte, zeigte er seinen Presseausweis und deutete auf einen Mann Ende fünfzig, dessen Halbglatze dem erneut einsetzenden Schneefall schutzlos ausgeliefert war. Er trug einen billigen Mantel, einen dampfenden Kaffeebecher in der linken Hand und eine Brille auf der Nase, die sein halbes Gesicht bedeckte.

»Das ist Hans-Peter Dauß, wir sind schon sehr lange befreundet«, erklärte er dem Polizisten. »Er erwartet mich!«

»Tut mir leid«, erwiderte der Uniformierte. »Ich habe strikte Anweisung, niemanden durchzulassen, und das gilt besonders für die Presse.«

»Aber …«, setzte Robert an, und Anne schob sich neben ihn.

»Haben Sie nicht gehört, dass wir erwartet werden?«

Der Polizist schluckte trocken und wirkte eingeschüchtert, wich trotzdem keinen Millimeter. »Ich habe die Anweisung, meine Dame, wenn ich die nicht befolge, bin ich meinen Job los.«

»Lass nur«, winkte Robert ab. Er sprang vor dem Absperrband auf und ab, wedelte heftig mit den Armen und rief: »Jim! He, Jim Gordon!«

Der Mann mit dem Kaffeebecher fuhr herum, und feiner Sprühregen verteilte sich rings um seinen Kopf im Scheinwerferlicht. Als er Robert entdeckte, war sein Seufzen bis hierher zu vernehmen. Langsam kam er näher und nickte dem Polizisten zu. »Lassen Sie ihn und seine Begleiterin durch, das geht in Ordnung.«

Der Polizist verzog keine Miene, als er das Absperrband hob und das Paar hindurchschlüpfte.

»Musstest du das über die ganze Stadt brüllen?«, empfing Hans-Peter Dauß den Autor. »Ist ja peinlich.«

Robert grinste breit und schlug dem älteren Mann auf die Schulter. »Ach was, es erinnert sich doch niemand mehr daran.«

»Dann bist du … Batman?«, fragte Anne stirnrunzelnd ihren Gefährten.

»Der? Nein, das ist Jimmy Olsen, als er noch Praktikant war«, versetzte der Mann.

Robert grinste fröhlich.

»Muss ich das verstehen?«

»Nicht unbedingt. Ich bin nicht mal sicher, ob ich es je verstanden habe.« Er hielt Anne die Hand hin. »Hans-Peter Dauß, Pressereferent des Hauptkommissariats. Sehr erfreut.«

»Das wird sich noch herausstellen«, erwiderte sie augenzwinkernd. »Anne Lanschie. Ich bin Roberts Frau.«

Robert platzte fast vor Stolz. So hatte sie sich anderen nie vorgestellt. Das war doch all die Strapazen und Kämpfe im Reich des Priesterkönigs wert. Seine Frau. Genau!

Dauß blickte Robert verblüfft an, dann nickte er anerkennend. »Alle Achtung«, sagte er. »Ich wähnte dich längst im Rinnstein.«

»Da hat sie mich auch rausgezogen«, bekannte Robert vergnügt.

Anne hüstelte. »Ihr seid Freunde.« Sie ordnete den Sitz ihrer Jacke. »Dann will ich euch zur Wiedersehensfreude allein lassen. Darf ich mich ein wenig umsehen, Herr Dauß? Selbstverständlich, ohne irgendetwas anzurühren.«

»Sie sammelt Informationen für mich, aber sie ist sehr diskret«, erklärte Robert schnell. »Komm schon, Comissioner Gordon, in Erinnerung an alte Zeiten, und weil du wirklich so klischeebehaftet dastehst wie in einem amerikanischen Krimi, selbst der Coffee-to-go …«

»Schlimme Unsitte, ich weiß, aber er hält warm. Immerhin rauche ich nicht mehr.«

»Und ich wollte dir gerade eine anbieten.«

»Gehen Sie nur, Frau Lanschie«, sagte Dauß zu der Muse. »Ich vertraue auf Roberts Wort.«

Sie lächelte ihn an, woraufhin er verwirrt blinzelte und verlegen grinste, und machte sich mit schwingenden Hüften davon.

Dauß schüttelte den Kopf. »Das wirst du mir eines Tages erklären müssen, Olsen.«

»Das werde ich, versprochen. Aber jetzt interessiert mich, was hier vor sich geht.«

»Stehst du denn in Diensten?«

»Derzeit nicht, aber ich bin trotzdem noch Journalist. Und vielleicht sind es Recherchen für mein nä… für mein Buch.«

»Also willst du deinen Traum endlich wahrmachen?«

»Ja, stell dir vor, und Anne hilft mir dabei.«

Dauß trank den Kaffee aus. »Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich dir helfen kann. Und es muss alles unter uns bleiben.«

»Das weißt du.« Robert fühlte sich genau wie damals, während seiner Tätigkeit als Enthüllungsreporter. Durch die Arbeit hatte er Dauß kennengelernt, und sie waren Freunde geworden. Der Pressereferent hatte zunächst verschiedene Positionen im Kommissariat bekleidet, bevor er den Polizeidienst quittierte und diesen Job annahm. Er war ein Profi, dem man nicht so leicht etwas vormachen konnte. Noch heute zog es ihn an Tatorte, noch heute zog er Schlussfolgerungen, doch von anderer Sichtweise aus. Und so hatte er einst seine Ehe gerettet, die, dem Ring nach zu urteilen, wohl nach wie vor bestand.

Dauß drückte einem vorbeieilenden Polizisten den leeren Becher in die Hand, nahm Robert am Arm und zog ihn mit sich. »Kam es gerade in den Nachrichten?«

»Ja.«

»Verdammt, dabei wollte ich es verhindern. Nun sieh dir den Rummelplatz hier an! Wie soll man da noch Spuren sichern? Das Problem ist, wir können den Platz unmöglich auf Dauer sperren. Die ganzen Abendgeschäfte feilen schon an Schadenersatzklagen. Vor allem – wo genau sollen wir die Sperre errichten? Wir müssten auch den U-Bahnhof schließen und so weiter. Da steigt uns der Bürgermeister aufs Dach.«

Sie kamen in die Nähe einer Treppe hinab zur U-Bahn, ein anderer Aufgang als der, den Anne und Robert benutzt hatten. Der Zugang war durch ein gelbes Band gesperrt.

Dauß fuhr fort: »Alles, was wir tun können, ist Präsenz zu halten. Aber wie lange? Ich habe nicht genug Leute, und sie leisten schon Überstunden über die normale Belastung hinaus.«

»Was genau passiert denn?«, erkundigte sich Robert.

»Bisher haben wir fünf Leichen und ein gutes Dutzend angeschlagene Leute, die im Krankenhaus behandelt werden mussten. Leider können sie sich an nichts erinnern, was mich äußerst misstrauisch macht. Unsere Psychologen sind im Einsatz, aber bisher ohne Ergebnis.« Dauß schüttelte sich. »Ob lebend oder tot, es ist entsetzlich, was diesen Leuten widerfährt, Robert. Sie sind in einem unbeschreiblichen Zustand, als hätten sie schwere Folter erleiden müssen. Als würde ihnen die Substanz entzogen, so kommt es mir vor. In meiner ganzen Dienstzeit habe ich so etwas noch nie erlebt.«

»Habt ihr irgendwelche Anhaltspunkte, wer …«

»Nichts. Es gibt kein Motiv. Die meisten der Opfer sind Obdachlose, aber es sind auch ein paar Normalbürger dabei, die allein zu später Stunde unterwegs waren. Du kannst dir vorstellen, wie der Bürgermeister uns deswegen im Nacken sitzt. Obdachlose wären ihm ziemlich egal, aber Steuerzahler? Und dann auch noch an einem so hochfrequentierten Platz? Weihnachtszeit, Adventsmarkt, haufenweise Touristen …«

Robert rieb sich grübelnd das Kinn. »Denkst du, ein einzelner Täter kommt in Frage?«

»Ich wünschte, es wäre nur eine Bestie, die wir jagen müssen. Aber es gibt Hinweise, dass mehrere daran beteiligt sind. Was wir eben den wenigen Zeugenaussagen entnehmen konnten, Kumpel wie Passanten, die irgendwelche unheimlichen Gestalten gesehen und schaurige Schreie gehört haben wollten. Normalerweise würde ich das als Hysterie abtun, aber die Aussagen kamen unabhängig voneinander, sind ziemlich übereinstimmend, und die Leute kennen einander nicht.« Dauß sah auf einmal sehr müde aus. »Robert, du und ich – wir beide haben schon eine Menge bizarre Scheiße erlebt. Aber das hier jagt mir Angst ein. Vor allem, weil ich keine Ahnung habe, warum es angefangen hat, und wann es aufhört. Wie wir das in den Griff bekommen wollen, bevor wir fünfzig Leichen haben.«

Robert starrte in die Finsternis neben dem Scheinwerferlicht. Mit seinen Vampiraugen konnte er mühelos die sich darin bewegenden Silhouetten der Menschen erkennen. »Ich werde sehen, was wir tun können«, sagte er dann. »Anne und ich … haben einiges an Erfahrung gesammelt, was mit solcherlei Geschehnissen zusammenhängt. Ich denke, wir müssen uns da auf metaphysischer Ebene umtun.«

Dauß blieb stehen und musterte ihn misstrauisch. »Seid ihr etwa Esoteriker?«

»Nein, eher … nun, es ist so etwas ähnliches wie das Profiling, verstehst du? Wir haben uns viel damit beschäftigt und Kurse gemacht. Wegen meines Buches, weißt du. Ich denke, wir haben es hier mit jemandem zu tun, der sich einer anderen Sphäre zugehörig fühlt. Der wiederum esoterisch ist, wenn du so willst.«

»Ein Satanist«, stöhnte Dauß. »Das passt doch in diese Zeit. Glaube und Aberglaube, weil sonst die Verzweiflung droht.«

Robert klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. »Wir kriegen das schon raus, Hans. Es kann eine Weile dauern, bis ich mich bei dir melde, aber wir sind dran. Und ich werde dich sofort informieren, wenn wir etwas herausgefunden haben.«

»Na schön, sehen wir, welche Methoden schneller greifen – die konventionellen oder Spinnerei.« Dauß konnte nicht lächeln, obwohl er sich Mühe gab. Er nestelte eine Visitenkarte hervor und reichte sie Robert, der ihm wiederum seine Handynummer gab.

»Einen Festanschluss habe ich nicht, da ich umgezogen bin. Ich wohne nicht weit von hier, am Radlsteg.«

»In Ordnung. Wir bleiben in Verbindung.«

Robert schlenderte zu Anne, die am Rand eines Scheinwerferkegels stand. Dichtes Schneetreiben hatte eingesetzt, und die Polizisten gerieten in Hektik, um der Spurensicherung nachzukommen.

»Was haben wir, Watson?«, fragte Robert im Nuschelton, als würde eine Pfeife im Mundwinkel stecken.

»Nicht viel, Mrs. Hudson«, antwortete Anne, während sie leicht gebückt eine Absperrung abschritt.

Robert grinste. Touché, dachte er. Sie richtete sich auf und sah zu ihm. »Sie kommen von unten«, ihr Zeigefinger deutete auf den Boden, »überall in der Luft hängen Reste ihrer magischen Energie, doch ich kann sie nicht recht deuten.«

»Was meinst du damit?«

»Ich weiß nicht, um wen es sich handelt. Damit meine ich keine bestimmte Person, sondern die Zugehörigkeit.«

»Dann sind es Elfen?«

»Ich glaube nicht.«

Robert war ratlos. »Keine Elfen …«

»Keine Götter, keine Geisterwesen …«

»Untote?«

»Mhm. Wenn, dann ungewöhnlicher Art. Aber diese Vermutung trifft es am ehesten. Doch da ist noch etwas anderes, das ich nicht zuordnen kann …« Anne hob die Schultern. »Wenn ich dazu fähig wäre, würde es mich schaudern.«

»Ich sollte dazu nicht mehr in der Lage sein, aber wenn du so etwas sagst …« Robert schüttelte es durch und durch. »Was tun wir jetzt?«

»Gehen wir hinunter und sehen uns um.« Anne war schon auf dem Weg zum abgesperrten Treppenabgang.

Robert vergewisserte sich, dass niemand hersah, und folgte ihr. Hoffentlich entdeckte sie keiner. Aber es schneite inzwischen so dicht, dass außerhalb des Bereichs der Scheinwerfer nichts mehr zu erkennen war, und die Flocken innerhalb reflektierten das Licht. Ringsum herrschte geschäftiges Treiben und Stimmen schwirrten über den Platz. Die meisten Schaulustigen hatten sich entfernt, es war nach Mitternacht, und Aufregendes war nicht mehr zu erwarten. Robert gab Anne ein Zeichen, und sie huschten die Treppe hinunter. Der Bahnhof unten war weitgehend leer, die letzte U-Bahn durchgefahren, und die Polizei kontrollierte nur noch sporadisch. Robert stieß Anne leicht an und wies auf die Kameras, die überall installiert waren. Sie schmunzelte und winkte ab.

»Wir sind nicht mehr als huschende Schemen in der Aufzeichnung«, wisperte sie ihm zu.

»Ist das ein Elfentrick?«

»Ein Vampirtrick.«

»So was wie der Spiegeltrick? Der funktioniert bei mir aber nicht, ich kann mich immer noch sehen.«

»Besser als der Spiegeltrick.«

»Cool. Und ich kann den auch?«

»Sicher. Ich zeige dir, wie du dich bewegen musst.«

Nach kurzer Zeit hatte Robert es heraus und lachte in sich hinein, als er Anne zum Bahnsteig folgte. Sie widmete ihre Aufmerksamkeit vor allem den Schächten, in denen die Züge verschwanden. Ihre Nasenflügel waren weit gebläht und sie schien zu wittern.

Robert versuchte, die magische Strömung auszumachen, die Anne bemerkt hatte, aber er war zu ungeübt darin. Deshalb konnte er auch immer noch nicht den »Elfenkanal« benutzen. Anne sagte, das würde seine Zeit brauchen, dann käme es von ganz allein. Dennoch näherte er sich dem Tunnel, in dem es nur ein paar Meter weit schummrige Beleuchtung gab, hinter der tiefe Finsternis lag. Seine Vampiraugen bohrten sich in die Schwärze, und nach einiger Konzentration konnte er undeutliche Konturen ausmachen.

Das ist so geil, dachte Robert. Ein nie gekanntes Gefühl von Macht durchströmte ihn. Als würde er jetzt erst begreifen, was er seit seiner Wiederauferstehung geleistet hatte. Er hatte sich mit mächtigen Dämonen und Elfen angelegt und sie besiegt – nun ja, bei Catan konnte man sich darum streiten, aber er hatte den Panther zumindest außer Gefecht gesetzt, bevor er abgehauen war –, sein Körper war schnell und stark, und schaurige Geschöpfe der Nacht respektierten ihn allein aus der Tatsache, dass er ein Vampir war, und zwar ein besonderer. Das konnten sie spüren.

Gewiss, er hatte auch getötet. Aber das war im Elfenreich gang und gäbe, die Unsterblichen dachten nicht weiter darüber nach und hatten weitaus weniger Skrupel als normale Menschen. Daran würde er sich wohl oder übel gewöhnen müssen – aber nur, solange es Elfen waren. Mochte das wie eine zweifelhafte Moral klingen, aber Robert wollte keinen Menschen gefährden. Das war einfach eine andere Sache. Eine andere Welt.

Doch jetzt hier zu stehen, von den Kameras nicht erfasst werden zu können und einer Finsternis ihre Geheimnisse zu entreißen – das hatte was. Und war erst der Beginn. Robert kannte bei weitem noch nicht alle seine Fähigkeiten, und er war gespannt darauf, was alles in ihm lauerte, abgesehen von den übermenschlichen Kräften.

Moment … hatte sich da etwas bewegt? Er hatte wieder einmal nicht aufgepasst, war in seinen Gedanken abgeschweift, ganz wie früher. Zu sehr versunken in sich selbst. Als Jäger hatte er noch nicht sonderlich viel Erfahrung und wahrscheinlich auch kein ausgeprägtes Talent.

Robert ging ein Stück näher und konzentrierte sich. Um nicht zu sehr auf sich aufmerksam zu machen, hörte er einfach auf zu atmen. Solange er sich nicht bewegte, war das kein Problem, sein Körper verfiel dann in eine Art Leichenstarre. Auch einer der Tricks, die er durch Zufall herausfand.

Die Geduld machte sich bezahlt. Dort hinten war etwas!

Robert sprang in den Gleisgraben und rannte los. Er brauchte keine Sorge zu haben, keine U-Bahn fuhr derzeit. Anne rief ihm hinterher, doch er achtete nicht auf sie. Er wollte wissen, was sich da bewegt hatte; er war sicher, dass es etwas Nichtmenschliches gewesen war.

Anne stieß einen Fluch aus, dann tauchte Robert in die Dunkelheit ein, und alle Geräusche hinter ihm erstarben. Trittsicher fanden seine Füße den Weg, ohne an die tückischen Stromleitungen zu geraten oder über Unebenheiten zu stolpern. Ihm war so, als würde er genau wie Anne den Boden nicht mehr richtig berühren.

Vor ihm erklang ein erstickter Laut, und dann huschte etwas davon, tiefer in den Schacht hinein. Eine andere Fluchtmöglichkeit gab es nicht, was die Jagd erleichterte.

»Bleib stehen!«, rief Robert. »Lass uns reden!«

Das Wesen dachte nicht daran, und Robert konnte es ihm nicht verübeln. Wenn es bereits wusste, dass ein Vampir hinter ihm her war, konnte es solchen Worten wohl kaum Vertrauen schenken.

Also Gas geben. Mal sehen, wie schnell er hier unten werden konnte. Robert beschleunigte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Er spürte, wie seine Fangzähne ausfuhren, und wie etwas anderes, Wildes an die Oberfläche drängte und übernehmen wollte. Robert zwang es zurück, doch es gelang ihm nicht ganz. Der Jagdtrieb trieb ihn nun voran, er brauchte gar nicht mehr viel dazu zu tun.

Die Beute … das Wesen war sehr viel kleiner und dadurch flinker im Hakenschlagen. Robert kam ihm trotzdem näher, doch es wechselte schnell die Seiten, sodass er es nicht packen konnte. Seine hochkonzentrierten Sinne empfingen plötzlich Luftströmungen, was bedeutete, dass es irgendwo dort vorn eine Abzweigung gab. Vermutlich auch Verstecke. Dann hatte er so gut wie keine Chance mehr, die Beute – nein, das Wesen zu erwischen.

Er war fast dran. Für einen kurzen Moment überließ Robert die Kontrolle dem Raubtier in sich und empfand sich plötzlich als Beobachter. In einer rasendschnellen Berechnung erkannte das Tier in ihm, welchen Haken die Beu… das Wesen als nächstes schlagen würde. Im selben Moment stieß Robert sich ab, hechtete quer über das Gleis in einem gewaltigen Satz nach vorn und brach wie ein Sturm über den Verfolgten herein.

Roberts Finger packten raues Fell, während sie beide stürzten, er rollte sich sofort ab und kam wieder auf die Beine. Sein Opfer wand sich heftig, doch er hielt es unerbittlich fest.

»Halt endlich still!«, rief er. »Ich will dir ja nichts tun, nur mit dir reden.«

»Lügner!«, schrillte das Wesen. »Ihr Untoten seid alle gleich!«

»Ich bin kein Untoter, jedenfalls nicht so richtig«, erwiderte Robert.

»Was denn sonst, du Vampir? So rotglühende Augen hat doch kein Mensch, und ein Elf bist du auch nicht! Da bleiben nicht viele Möglichkeiten übrig!«

Rotglühende Augen, dachte Robert. Erneut fuhr er sich mit der Zunge über die spitzen Reißzähne, entblößte sie dabei, und sein Gefangener stieß einen weiteren panischen Schrei aus.

»Ich tu alles, was du willst, nur beiß mich nicht!«, bettelte er.

»Du bist mir viel zu haarig«, erwiderte Robert und setzte den Kleinen ab, hielt ihn nur noch im Genick fest. Das Raubtier in ihm zog sich langsam, enttäuscht zurück. Keine lohnenswerte Beute. Robert war froh darüber. »Was bist du überhaupt für einer?«

»Pickwick Chadwick Sloterbick, oder auch kurz Chad, wenn’s genehm ist«, antwortete der Kleine. Er mochte etwa so groß wie Grog sein und aus einer ähnlichen Sippe stammen, da er ebenfalls eine ziemlich große Nase besaß. Sein Körper war von dichtem braunem Fell bedeckt, das nach Steinpilz roch, und hellgrüne Augen funkelten in der Dunkelheit. Seine haarigen Ohren waren sehr lang. »Ich bin nur auf der Durchreise und hatte nicht vor, lange zu verweilen.«

»Auf der Durchreise von wo?«

»London, Mann. Da ist’s derzeit ziemlich ungemütlich, deshalb suche ich nach einem ruhigeren Plätzchen, hatte aber bisher kein Glück.«

»Also, Chad – ich bin Robert. Bis vor kurzem war ich ein Mensch, jetzt ein Vampir, aber ich bin nicht an deinem Blut interessiert. Kommen wir zur Sache. Was weißt du über die Vorgänge hier, welche die Polizei auf den Plan bringen?«

»Komische Frage! Menschen sterben wie die Fliegen, ein Vampir ist in der Nähe – da kann man doch wohl eins und eins zusammenzählen, oder?«

Robert schüttelte Chad leicht, dessen Fell sich daraufhin sträubte. »Wenn ich dir diese Frage stelle, liegt die Vermutung nahe, dass ich nicht der Mörder bin, meinst du nicht? Andernfalls wärst du gar nicht mehr am Leben.«

»Möglich«, brummelte Chad, er klang nicht vollends überzeugt. »Lass mich endlich los, das ist demütigend!«

Robert kam der Aufforderung nach, die gebückte Haltung war ohnehin mehr als unbequem, und er stellte sich aufrecht hin, die Arme vor der Brust verschränkt. »Also, was geht hier vor sich?«

»Woher soll ich das wissen?« Chad schüttelte sich und strich das Fell glatt. »Ich bin neutral, ich halte mich aus allem raus. Halte mich fern von den Menschen und den meisten Elfen. Ich wäre schon längst fort, wenn das Tor funktionieren würde, aber irgendwas blockiert den Durchgang!«

»Vielleicht hängt das eine mit dem anderen zusammen«, überlegte Robert. »Wieso hast du London verlassen?«

»Sagte ich bereits. Seit die Grenzen fallen und die Zeit überall einbricht, dreht alles durch. In London ist ein Machtkampf ausgebrochen.«

»Zwischen wem?«

»Das willst du nicht wissen. Nicht mal ein Vampir will was mit denen zu tun haben.«

»London gehört doch zum Königreich Crain, nicht wahr?«

»Ja, aber es hat einen eigenen Machtbereich, sehr alt. Fanmór musste Unabhängigkeit zugestehen, er hat nur die oberste Gerichtsbarkeit. Und jetzt ist dort Krieg ausgebrochen zwischen zwei Mächtigen, da bin ich abgehauen. Wie viele andere übrigens.«

Robert rieb sich das vom Dreitagebart bedeckte Kinn. »Ganz schön leichtsinnig, allein zu reisen, wenn man so klein ist.«

Chad grinste plötzlich, und das beunruhigte Robert umgehend. »Bin ja nicht allein«, sagte der Kobold, und dann bekam Robert auch schon gewaltig eins über den Schädel gebraten.

4.
Der Zorn des Windes

Die Sonne brannte auf ihn herab. Kein Schatten, der ihm vorauslief, während er Richtung Norden ging. Seine Stiefel hinterließen keine Spuren, nur kurze Eindrücke, die sofort verwehten. Der Umhang, nicht viel mehr als grobes, an den Rändern ausgefasertes Gewebe, flatterte im heißen Wüstenwind.

Zug um Zug kehrten die Erinnerungen wieder, doch noch immer gab es große Lücken. Nur sein dunkler Turm in der Geistersphäre könnte sie ihm zurückgeben, aber trotz der Stärkung durch die Panzerechse war er nach wie vor zu schwach, dorthin zu gelangen. Also Ayoubs Rat folgen und gen Norden gehen, zum Meer, »wo alles begann«, was auch immer das bedeuten mochte. Doch der Nomade war nicht ohne Grund bei ihm gewesen.

Er wusste wieder, wer er war.

Er wusste wieder, was er war.

Aber er erinnerte sich nicht, was ihn hierher verschlagen hatte.

Da war Island gewesen … eine große Schlacht … aber warum? Was war seine Beteiligung daran gewesen? Was hatte ihn besiegen können?

Der Getreue blieb stehen und richtete den Blick zum wolkenlosen Himmel. »Bruder …«, flüsterte er. Hatte er schon jemals um Hilfe gebeten? Er konnte sich nicht entsinnen. Sie wäre allerdings sehr willkommen. Er erhielt keine Antwort.

Warum nur war er nach Island gegangen? Verschwommen tauchten Gesichter in seiner Erinnerung auf, doch er wusste nicht, wer sie waren. Ich habe meine Aufgabe und mich selbst vergessen. Ich werde verschwinden, wenn ich nicht schnell genug bin, um …

Ja, was zu finden? Was genau war der »Anfang«? Wodurch konnte der Getreue gerettet werden?

Er hob den Arm und betrachtete die Faust, öffnete sie, ballte sie wieder. Er spürte die Bewegung der Muskeln und erkannte, dass er vorher nicht nur sehr schnell, sondern auch unermesslich stark gewesen war. Die Erinnerung an diese Kraft war in ihm und trieb seinen Körper voran … oder vielmehr das, was von ihm übrig war. Er war nicht so recht stofflich, aber keinesfalls sphärisch.

Ein Schrei schallte durch die Wüste und wehte den Sand von der Düne. Der Getreue schrie Wut und Frustration hinaus. Der Wunsch zu töten kam in ihm auf, die Finger in zuckendes Fleisch zu tauchen, um seiner Existenz eine Basis zu geben, sie besser zu fühlen, sich zu verankern. Hatte er sich je zuvor in einer ähnlichen Situation befunden? Wenn ja, wie hatte er herausgefunden?

Ich bin abgeschnitten von etwas, das sterben muss, wenn ich nicht rechtzeitig zurückfinde. Ich weiß nicht, was es ist, nur, dass es Bestandteil meiner Aufgabe ist. Oder die Aufgabe selbst? Was kann ich tun? Wie kann ich verhindern, dass ich schwinde? Ich muss meinen Turm erreichen …

Der Boden schwankte unter seinen Füßen, die Sicht verschwamm. Die Grenzen zwischen den Welten waren hier fließend und nicht mehr undurchlässig. Der Getreue bewegte sich vermutlich gleichzeitig in der Menschen- und der Anderswelt. Nur die Geistersphäre konnte er nicht erreichen, obwohl unter ihm die mächtige Ley-Linie pochte, deren Verlauf er folgte. Sie gab ihm die Kraft, durch die Wüste zu wandern, aber sie verweigerte die Energie zum Wechsel in den dunklen Turm. Warum nur?

»Vielleicht Rache?«

Eine hohe Stimme kicherte hinter dem Getreuen und fuhr über ihn hinweg. Er sah sich um, da kam es schon von rechts: »Ist doch kein Wunder, nach allem, was du ihr angetan hast, oder?«, und von links: »Sie zu besetzen, zu missbrauchen, ihr die Freiheit zu nehmen …«

»Schweig still!«, fauchte der Getreue. »Ich weiß nicht, wovon du redest.«

Ein heißer Windstoß raubte ihm fast den Atem, brauste über ihn hinweg und zerrte an seinem Gewand. »Spiel nicht den Unschuldigen, Kapuzenmann! Du bist hier, um zu sühnen, und wir alle sehen dabei zu!«

»Dann zeig dich doch«, forderte der Getreue. »Wie sonst sollte ich wissen, ob du auch wirklich lachst?«

Das hohe Pfeifen erklang wieder, blies heiß und trocken um ihn herum, brauste dann davon. Auf einem Dünenkamm vor ihm bildete sich ein Wirbel, der die leicht verschwommene Gestalt eines schmalen Jünglings mit langen Locken und einem kecken kleinen Fez auf dem Kopf annahm. Seine tanzenden, von Schnabelschuhen bedeckten Füße wirbelten den Sand auf und verfestigten seine Konturen.

»Erkennst du mich nun, Schattenloser?« Er lachte herunter.

»Ghibli«, brummte der Getreue. »Ich gehe nach Norden, also pack dich und verschwinde nach Süden, wo du hingehörst!«

»Ha! Ich puste, wo und wie ich will, und blase dich um!«

Da musste der Verhüllte lachen, wenngleich krächzend. »Das hat schon der Sohn des Nordwinds vergeblich versucht.«

»Reize mich nicht!« Ghibli stürmte heran, doch der Getreue hielt ihm unbeeindruckt stand. Menschen und Elfen mochten in dieser trockenen Hitze halb verdorren, ihm machte das nichts aus. Er hatte sich an dem Krokodil gestärkt und er stand auf der Ley-Linie.

»Was willst du?«, fragte er ungehalten. »Wenn du nutzbringend sein willst, so blase mich über den Gebirgskamm da vor mir, das erspart mir viel Mühe.«

Am Horizont waren hoch aufgetürmte Felsengrate zu erkennen, soweit das Auge reichte. Unmöglich, sie zu umgehen. Steine und absolute Trockenheit lauerten dort, gnadenlose Hitze und steile Pfade. Die Grenze zu Ägypten verlief mitten hindurch. Doch dorthin durfte er nicht gehen, nicht jetzt.

»Du hast mir nichts zu befehlen, und ich habe keine Angst vor dir!«, pfiff der Südwind. »Diese Zeiten sind vorbei!«

»Sie fangen erst an«, knurrte der Getreue. Es würde ihn Kraft kosten, aber das konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Er bückte sich, tauchte die Hand in den Sand und rührte darin wie in einer Teigschüssel. Er rührte und rührte, und nach einer Weile wurde der Sand schwerelos und stieg auf, bildete eine Spirale, die um sich selbst tanzte.

»Was machst du da?«, rief Ghibli und kam auf leichter Brise näher. Er nahm wieder die Konturen des Jünglings an und sah neugierig zu.

»Ich erschaffe eine Dünentänzerin«, antwortete der Getreue.

»Was? Was? Lass mich sehen, ich kann nichts erkennen!« Ghibli wehte aufgeregt noch näher heran und jauchzte wie ein Kind, als sich weibliche Rundungen und Formen aus der Spirale bildeten, und Haare wie Schleier, die um die zierliche Gestalt wehten. Die Dünentänzerin hob die Arme und tanzte anmutig, bevor sie vollendet war.

»Warum so aufgeregt?«, fragte der Getreue und unterdrückte den Spott in seiner Stimme. »Du selbst erschaffst sie doch!«

»Ach nein«, sagte Ghibli traurig, »das macht mein Bruder, Chamsin. Er erschafft sie vor dem Sturm und zeigt sie Karawanen, bevor er sie unter Sand begräbt.«

»Dann bitte ihn doch, dir eine zu schenken!«

»Kann ich nicht diese haben? Bitte, bitte?«

Unter seiner Kapuze lächelte der Getreue finster. Er würde den jungen Wind Respekt lehren. Seine Hände vollführten ein paar Gesten, mit denen er die Dünentänzerin aufzunehmen schien und dann zu einer Düne schickte, auf deren Kamm sie zierlich landete und sofort weitertanzte.

»Du hattest wohl noch keine?«, fragte der Getreue scheinbar leutselig.

Ghibli schüttelte das windumtoste Haupt. »Chamsin hat es nie zugelassen, dabei bin ich längst alt genug! Er ist immer so streng und sagt, ich bin für den Süden zuständig, während er überall ist. Was für ein Unsinn!« Seine Gestalt schwankte unruhig hin und her, wie eine dünne Palme im Sturm. Seine Augen waren so begierig auf die Dünentänzerin gerichtet, dass er nicht einmal wissen wollte, wie der Getreue etwas zustandebrachte, das sein Bruder sonst als alleinige Fähigkeit zur Schöpfung beanspruchte.

Der Getreue bewegte die Finger, als wäre die Dünentänzerin seine Marionette, und ließ sie tanzen, tanzen …

Ghibli vergaß alle Vorsicht und brauste zu ihr. Er wehte um sie herum, umhauchte sie wispernd, und nach einer Weile fing sie an, sich an ihm zu orientieren. Sie drehte sich mit ihm, mit wiegenden Hüften und fließenden Armen, Sand stieg auf und umhüllte sie beide. Immer schneller und schneller drehten sie sich, immer mehr Sand wirbelte auf, wurde zu einem dichten Umhang, einer … Mauer.

Endlich merkte Ghibli es. »Was tust du?«, erscholl seine Stimme aus dem fest gewobenen Wirbel, der sich immer noch rasendschnell drehte und nichts mehr hindurchließ. »Lass mich frei!«

Der Getreue musste sich den Bauch halten, so lachte er. Es tat ihm gut, neue Kräfte durchströmten ihn, und er fühlte sich bedeutend besser.

»Tanz, kleiner Wind, tanz!«, rief er dem gefangenen Südwind zu. »Die Dünentänzerin ist allein dein, genieße das Geschenk!«

Lachend ging er weiter, während Ghibli verzweifelt hinter ihm herschrie, ihm drohte, ihn verfluchte, ihn zuletzt um Befreiung anbettelte. Aber der Getreue hatte kein Ohr mehr dafür. Ghibli hatte bekommen, wonach er verlangt hatte, alles weitere ging ihn nichts mehr an. Beschwingt schritt er aus, erklomm die Düne und ließ sich auf der anderen Seite hinabsinken.

Die Berge waren nun nicht mehr fern. Dem Getreuen war nicht wohl zumute, wenn er an die schwierige Überquerung dachte. Er würde sich von der Ley-Linie entfernen, die sich zudem dort verzweigte. Der Hauptstrang floss weiter nach Ägypten, zur Oase Siwa, und ein Nebenzweig folgte dem Pfad nach Norden, zu nicht weniger bedeutungsvollen Orten … zumindest hatte der Getreue es so in dunkler Erinnerung.

Doch die Felsen waren hoch, der Abstand weit, in seiner gegenwärtigen Verfassung keine angenehme Vorstellung. Früher … hätte er sich einfach an seinen Bestimmungsort gedacht. Aber nicht nur, dass ihm die Kraft dazu fehlte – er kannte seinen Bestimmungsort nicht. Vermutlich würde er sich erst daran erinnern, wenn er ihn erreicht hatte.

Die Dünen zogen sich allmählich zurück, und eine Kiesebene breitete sich am Fuße des Gebirges aus. Sobald er das Reich des Sandes verlassen hatte, gab es keine Deckung mehr, auch keine Hilfsmittel für kleine Zaubertricks.

So ungeschützt und schwach zu sein … fast wie ein Mensch.

Der Mann ohne Schatten lächelte grimmig. Dann soll es eben so sein.

Nur noch etwa vierhundert Meter trennten den Sand vom Stein.

Da verdunkelte sich innerhalb weniger Augenblicke der Himmel, und ein Sturm brach aus. Ein Sandsturm, der von Süden her mit gewaltiger Geschwindigkeit heranrollte. Sandwogen, höher als ein Tsunami, rasten heran und bedeckten im Nu das Himmelsblau. Der Getreue hastete in die Deckung einer Düne, die Einzige, die ihm blieb. Noch während er sich niederließ, um den Sturm über sich hinwegbrausen zu lassen, materialisierte vor ihm eine aus Sandwirbeln geformte Gestalt, ein Mann von drei oder vier Metern Höhe, der so sengende Hitze ausstrahlte, dass der Sand rings um ihn zu Glas gebacken wurde.

»Schattenloser!«, donnerte er.

»Chamsin!«, gab der Getreue zurück, denn er zweifelte keinen Moment daran, dass der mächtigste und tödlichste von Ghiblis Brüdern eingetroffen war. »Was verschafft mir die Ehre?«

»Das weißt du besser als ich!«, brüllte der glühende Wüstenwind. »Was hast du meinem Bruder angetan?«

»Nichts. Was sollte man einem Wind schon antun können? Er weht davon.«

»Wenn er es vermag! Du hast ihn eingesperrt, die schlimmste und unerträglichste Schmach für unsere Art!«

»Oh, aber es war sein Wunsch – er wollte eine Dünentänzerin für sich, ohne dass du davon …«

»Schweig!« Chamsin wuchs immer mehr in die Höhe, und Flammen umloderten ihn.

Als er sich umsah, erblickte der Getreue eine gigantische Sandwelle über sich, die in der Bewegung eingefroren war. Würde sie freigesetzt, überspülte sie vermutlich noch die Südflanke des Gebirges und begrub alles unter sich. Der dabei ausgestoßene Staub würde bis Europa wehen und Fensterscheiben und Autos gelb färben. Möglicherweise war die Sandwolke sogar noch am Himmel erkennbar.

»So ein Aufwand nur meinetwegen?«, rief der Getreue. »Ich fühle mich geschmeichelt!«

»Ich tu dir einen Gefallen, wenn ich dich hier und jetzt begrabe«, dröhnte Chamsin. »Viele sind bereits auf der Suche nach dir. Es hat sich an gewissen Stellen herumgesprochen, dass du kränkelnd durch die Wüste ziehst, und eine Menge sehnen sich nach Rache.«

»Wie überaus zuvorkommend von dir, mich zu warnen. Aber nun muss ich weitergehen.« Der Getreue richtete sich auf und schickte sich an, auf das Gebirge zuzuschreiten.

Chamsin tobte vor Zorn, seine Gestalt verflüchtigte sich und formte sich neu zu einer rasenden Windsäule. »Du wagst es, mich zu missachten?«

»Du kannst mich nicht töten«, versetzte der Getreue. »Niemand kann das. Und für Rache besitze ich nicht mehr genug Substanz. Ich würde mich schneller auflösen als einer von euch mich überhaupt greifen kann.«

»Ich will dich ja nicht töten«, zischte der Wüstenwind, und der Mann ohne Schatten musste hastig den Fuß zurücknehmen, als der schmelzende Sand nun bis zu ihm reichte, rauchend und zu Glas erstarrend.

Chamsin fuhr fort: »Ich werde dich hier begraben, bis du von selbst dahingeschwunden bist! Denkst du, ich weiß das nicht? Alle Winde sind Brüder, Schattenloser! Ich habe genug über dich gehört!«

Der Getreue erkannte, dass er so nicht weiterkam. Er konnte sich auf keine Auseinandersetzung mit dem mächtigen Wind einlassen, das würde ihm Kräfte rauben, die er dringend benötigte.

Er schnellte in den Dünenschatten zurück, kauerte sich hin und warf den Umhang um sich, rollte sich wie ein Igel ein, und gerade noch im rechten Moment.

Chamsin ließ die wartende Sandwoge frei, die nun über dem Getreuen zusammenschlug. Das ohrenbetäubende Pfeifen und Brausen ließ keine anderen Geräusche mehr zu, der Sand war allgegenwärtig. In rasender Geschwindigkeit verschüttete er den Getreuen, drang durch das Gewebe, die Stiefel, die Handschuhe, drang in jede Pore, jede Öffnung, unaufhaltsam. Er ertrank im Sand, erstickte im Staub. Es gab keinen Schutz, keine Rettung.

Dem Sand konnte man ebenso wenig entkommen wie dem Wasser – es sei denn, man besaß Kiemen.

Doch im Sand waren Kiemen nutzlos. Selbst die gut angepassten Tiere hatten keine Chance, wenn sie es nicht rechtzeitig in die Tiefe schafften. Und auch dann war es fraglich, ob sie sich aus der Verschüttung befreien konnten. Sich freizugraben war fast unmöglich – je weiter es hinaufging, je mehr man unten schaufelte, desto mehr Sand rieselte von oben herunter und füllte den freigelegten Graben neu.

Der Sand war eine Naturgewalt, der nicht beizukommen war. Sie stellte auch den Getreuen auf eine harte Probe. Er spürte, wie sein stofflicher Körper langsam erstickte und verfiel, kaum dass er angefangen hatte, sich zu verfestigen. Der Verhüllte wusste nicht, wie er dem beikommen sollte, versuchte das Gewebe des Umhangs dichter zu verbinden, noch enger um sich zu schlingen und zu verhärten. Es gelang ihm kaum, und er verlor zusehends die Kontrolle. Aber er wollte nicht wieder als Tuchfetzen enden, der auf ewig im Sand begraben lag, ohne Aussicht auf Rettung, mit einem langsam erlöschenden Bewusstsein.

Ich hatte einst eine kalte Aura, dachte er. Sie muss mir helfen …

Er strengte sich an, suchte die Verbindung zur Ley-Linie und zapfte sie an. Der Strom floss nur dünn an dieser Stelle, doch er genügte ihm. Nach kurzer Zeit umhüllte ihn der Schutz seiner Aura, die eisige Kälte verströmte und sich gegen den heißen Sturm stemmte. Der Sand prasselte in unverminderter Wucht dagegen, konnte aber nicht mehr durchdringen.

Wie lange es dauerte, konnte der Getreue nicht einmal schätzen. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Müdigkeit spürte er, trotz der Verbindung zur Kraftlinie. Der Erstickungstod immerhin war abgewendet, sein geschwächter, halbstofflicher Körper erholte sich langsam. Die Kälte war wohltuend, schützte ihn vor Hitzschlag und Verbrennungen. Geduldig wartete er, weigerte sich, dem Verlangen nach Schlaf nachzugeben. Erst später, viel später würde die Zeit kommen zu ruhen. Doch nicht jetzt.

Schließlich war es vorbei. Chamsin konnte seinen Zorn nicht ewig über ihm ausschütten, es gab Regeln. Die Menschenwelt war sehr fragil. In diesen Tagen mehr denn je. Daran mussten sich auch die Winde halten.

Auf das Tosen folgte Stille. Beinahe so wie jene, an die der Getreue sich erinnerte, am Ursprung seines Seins. Wie lange war das her …

Der Getreue lauschte in die Stille hinein. Eine Wohltat, wie die Kälte. Fast, als wäre er wieder dort, wo alles anfing. Manchmal vermisste er den Ursprung. Manchmal wünschte er, er könnte dorthin zurückkehren.

Und so wird es sein, wenn ich diese Aufgabe beendet habe, dachte er. Ich habe eine lange Pause verdient, wenn alles vorüber ist.

Kühne Gedanken für jemanden, der sich überhaupt nicht mehr daran erinnerte, was denn seine Aufgabe war. Doch er war zuversichtlich, dass auch dieses Wissen bald zu ihm zurückkehren würde. Bis jetzt verlief alles gut. Wenn nicht bestens …

Dunkelheit umgab ihn, und er wäre gern noch eine Weile geblieben. Aber es duldete keinen Aufschub mehr. Der Mann ohne Schatten richtete sich langsam auf. Der Sand versuchte, Widerstand zu leisten, rieselte jedoch haltlos an ihm hinab. Sich hindurchzuschlängeln war eine der leichtesten Übungen, und der Getreue beherrschte sie auch in seinem angeschlagenen Zustand. Vielleicht sogar besser noch als im Vollbesitz seiner Kräfte, da er nicht ganz stofflich war.

Er versuchte nicht, sich nach oben freizugraben, das wäre zum Scheitern verurteilt. Vielmehr wand er sich durch den Sand hindurch wie eine Schlange, bewegte sich vorwärts und wagte erste Schritte. Vorwärts, bis ans Ende des Berges, und dann hindurch.

Auf seinen Orientierungssinn konnte er sich verlassen. Er fühlte die Kraftlinie unter sich und ihre Stromrichtung. Dort lag Norden, dort endete die Düne. Stetig, immer weiter kämpfte er sich durch den Sandberg aus Windzorn, der sich über ihm aufgetürmt hatte. Doch da wurde es heller, die Schichten dünner, und er konnte den ersten Luftzug spüren. Erleichtert atmete der Getreue ein, und dann brach er durch den Sandwall hindurch und stand im Freien.

Tiefblauer Himmel wölbte sich über ihm, und weit im Westen hing eine rote, leicht verschleierte Sonne. Das Land ringsum hatte sich völlig verändert und war nicht mehr wiederzuerkennen. Sandberge, wohin er schaute, bis an den Fuß des Gebirges. Hinter ihm türmten sich Dünen auf, die bis zu sechzig Meter hoch sein mochten. Wer auch immer seiner Spur gefolgt war, hatte sie nun verloren. Vielleicht sogar sein Leben.

Chamsin war fort. Vermutlich hatte er Ghibli befreit und mitgenommen. Die anderen Winde hielten sich nun zurück, sie würden zunächst abwarten, wie sich die Dinge entwickelten.

Vom Umhang hingen weitere Fetzen herab, die müde mit einer kleinen Brise spielten, Reste von Chamsins verwehtem Zorn. Zweifelsohne bot der Getreue weder einen furchteinflößenden noch vertrauenerweckenden Anblick. Er sah vielmehr aus wie etwas, das gerade dem Grab entstiegen war – und irgendwie war das ja auch so.

Also vorwärts. Nun musste er sich doch an den mühsamen Weg über das Gebirge machen, wo ihn, so weit entfernt von der Ley-Linie, Hunger und Durst plagen würden, und alle Schwächen, die ein sterbliches Wesen durchmachen konnte.

Er wandte sich zum Gehen, als er stutzte.

Der Sand war gewandert, hatte neue Dünen aufgetürmt, aber an anderer Stelle Hügel abgetragen und den Boden entblößt.

Am Rand der Düne, aus der er gerade gestiegen war, war felsiger Grund freigelegt.

Mit einem eingemauerten Metallring.

Dieses Gebiet war schon immer menschenleer gewesen. Wer baute also hier draußen, fern von allem, eine Grube oder einen Schacht, verschloss ihn und hinterließ einen starken Ring als Markierung und Öffner? Sollte das, was sich darunter verbarg, etwa nicht für immer dort bleiben?

Der Getreue wischte mit den Händen über den Boden, kehrte und blies Sand aus Ritzen und Fugen und legte einen Deckstein frei, umgeben von weiteren quaderförmigen Blöcken, die eindeutig künstlichen Ursprungs waren.

Er prüfte die Festigkeit des Rings. Alter und Zeit hatten ihm nichts antun können, er saß fest und sicher, das Metall war wie neu. Elfenbronze, ohne jeden Zweifel. Der Verhüllte würde jedoch nicht genug Kraft aufbringen, um den Deckstein auch nur einen Zentimeter anzuheben.

Also noch einmal die Ley-Linie in Anspruch nehmen. Es stimmt nicht, was Chamsin sagte, ich missbrauche sie nicht, habe ich nie getan, dachte der Getreue. Ich führe sie zu ihrer Bestimmung.

Wenn ihn seine Erinnerung nicht trog.

Er schüttelte die Gedanken ab, das war jetzt nicht von Bedeutung. Allein die Konzentration auf die Selbstfindung zählte, alles andere war zweitrangig. Seine Hand sank nach unten, neben den Deckstein, und er tastete mit seinen magischen Sinnen tief hinab. Bald drang ein rötliches Leuchten von unten herauf, und dann sickerte roter Nebel nach oben, wie von einer unterirdischen heißen Quelle ausgestoßen. Er umspielte die Hand des Getreuen, wanderte hoch zu seiner Schulter, und von da aus den anderen Arm hinunter, dessen Finger sich fest in den Ring verkrallten. Als der Nebel dort angekommen war, spannte der Getreue seine Muskeln an und riss den Deckstein mit einem gewaltigen Ruck aus der Verankerung. Der Schwung warf ihn um, hastig ließ er los, während er den Halt verlor, und der schwere Stein krachte dröhnend auf den Boden. Der Getreue stürzte auf den Rücken und stieß einen keuchenden Laut aus. Seine Gestalt flackerte für einen Moment und wurde diffuser, doch er fing sich schnell wieder, sein eiserner Wille zwang ihn hoch.

Er drehte sich und kroch auf allen vieren an den Rand des Schachts, der schwarz empor gähnte. Uralte, staubige Luft waberte hervor und sank müde auf den Boden, um zu vergehen.

Ein leises Scharren zeigte an, dass sich etwas dort unten bewegte. Etwas atmete, zog geräuschvoll die sonnenerhitzte Luft ein, die über der Kälte dort unten strich und kleine Wirbel bildete.

Ein tierhaftes Wesen. Groß. Krallen kratzten über Gestein. Lungen pumpten Luft. Muskeln spannten sich an zum Sprung.

Der Getreue wich zurück und zwang sich auf die Beine.

Und da kam es auch schon heraus.

Ein rotgoldener Schemen, der mit donnerndem Gebrüll und einem gewaltigen Satz sein Gefängnis verließ und mit der Wucht eines Erdbebens auf dem Boden der Freiheit landete. Die mit herabwallender Mähne bedeckten Schultern annähernd zwei Meter hoch, ein muskulöser Löwenleib mit Skorpionschwanz, und statt eines Löwengesichts das eines menschlichen Mannes, beherrscht von wild glühenden Augen, harten, fast grausamen Gesichtszügen und einem übergroßen, überbreiten Mund mit drei scharfen Zahnreihen.

Sieh mal einer an, dachte der Getreue überrascht.

Der Mantikor brüllte ein zweites Mal und schüttelte sich, bevor er sein Augenmerk auf den Getreuen richtete, der ruhig dastand.

»Bin ich … der Letzte?«, fragte er mit heiserer, ungeübter Stimme.

»Hier? Soweit ich weiß, ja«, antwortete der Getreue. »Die anderen sind nach Jangala gegangen, doch es gibt nicht mehr viele von ihnen. Die Menschen mögen es im Allgemeinen nicht, bei lebendigem Leibe verspeist zu werden. Da sie zahlreich wie Zecken und unaufhaltsam wie Mücken sind, haben sie deiner Art den Garaus gemacht.«

»Wieso konnten wir uns nicht zur Wehr setzen?«

»Die Trennung der Welten kam dazwischen. Wie ist dein Name?«

»Kurus.«

»König? Ein großer Name für einen kleinen Mantikor.«

Der schwarze Umhang flatterte, als Kurus den Getreuen mit aufgerissenem Mund anbrüllte. Sein Atem allerdings war erstaunlich frisch. Anscheinend hatte er noch nie einen Menschen verspeist, oder es war schon sehr lange her.

»Ich bin ausgewachsen, du schwarz verhüllter Wicht! Wie willst du dich mit mir messen?«

»Gar nicht«, erwiderte der Getreue gelassen. »Kurus, weshalb wurdest du hier eingesperrt?«

Der Mantikor schwieg verdutzt. Setzte sich auf die Hinterläufe. »Mein … mein Muttervater tat es«, sagte er dann zögernd.

Es gab nur männliche Mantikore. Angeblich pflanzten sie sich fort, indem die Mütterväter eine bestimmte Frucht schluckten, die sie in sich gären ließen und nach einer Weile wieder auswürgten und dadurch einen Welpen zur Welt brachten.

»Ich war damals noch sehr klein«, fuhr Kurus fort. »Ja … ich erinnere mich. Ich war für Großes ausersehen, doch er sagte, ich müsse in Sicherheit verbleiben, bis es soweit wäre …«

»Dann wollte dein Muttervater dich wieder rausholen, wenn es an der Zeit war?«

»So sagte er es mir. Was ist mit ihm geschehen?«

»Ich weiß es nicht, Kurus. Doch er wird wohl nicht zurückkehren, nach dieser langen Zeit. Du bist nun ausgewachsen, aber du hast immer noch den Verstand eines Kindes.«

»Ich …« Der Mantikor blickte deutlich verwirrt drein. »Ich habe nicht darüber nachgedacht.«

Der Getreue nickte. »Wie denn auch, nachdem du dein Leben lang eingesperrt gewesen bist. Das ist nicht deine Schuld.«

»Und … und was jetzt?« Misstrauen blitzte plötzlich in den orangefarbenen Augen auf. »Warum hast du mich befreit?«

»Weil deine Tür sichtbar wurde. An so etwas geht unsereiner nicht einfach vorüber, es sei denn, er hat die Tür selbst verschlossen.«

Kurus scharrte mit der Tatze über den Boden. »Dann bin ich dir wohl verpflichtet.«

»Ganz recht.« Das war immer der schöne Teil an den Regeln. »Ich schlage dir einen Handel vor.«

Die Löwenohren des Mantikors klappten nach vorn. »Ein Handel?«

»Genau. Ich werde verfolgt, ich bin sehr schwach, und ich muss so schnell wie möglich über dieses Gebirge. Mein Weg führt nach Norden. Trage mich, und ich werde dir unterwegs Wissen beibringen. Am Ziel kannst du deiner Wege gehen und nach den anderen suchen. Oder deiner Bestimmung.«

Der Getreue hatte inzwischen nachgedacht. Ihm war klar geworden, dass er, sollte er sich weiter auf dieser Ebene bewegen, früher oder später von den Verfolgern eingeholt würde. Also würde er sich der Nachstellung einfach durch eine Flucht durch die Zeit entziehen. Gleichzeitig würde er in der Vergangenheit nach seinem Ziel suchen. Er hatte inzwischen begriffen, dass der Anfang wörtlich gemeint war – er musste tatsächlich bis dorthin zurück, in die richtige Zeit, um in das richtige Land, an den richtigen Ort zu gelangen. Niemand konnte ihm dorthin folgen.

Gleichzeitig brachte er den Mantikor dorthin, wo er zu Hause war. In diese Welt hier gehörte er nicht. Und der Getreue hatte ein perfektes Transportmittel.

»Nun, was sagst du?«

Kurus zögerte. »Habe ich … eine Wahl?«

»Willst du denn eine?«

»Nein«, lautete die schnelle Antwort.

»Brav«, sagte der Getreue zufrieden.

Kurus legte den Kopf leicht schief. »Wer bist du?«, flüsterte er.

»Derjenige, der dir die Freiheit gab. Du tust gut daran, das nicht zu vergessen. Im Allgemeinen nennt man mich den Getreuen oder den Mann ohne Schatten, das soll dir genügen.«

Der junge Mantikor stand auf, sein Skorpionschwanz peitschte. »Lass uns gehen. Ich habe Hunger.«

Menschenfleisch würde er aber nicht bekommen, dafür würde der Getreue sorgen. Sollten Sterbliche unterwegs auf dem Weg zurück in der Zeit zu Schaden kommen, würde es in einer Katastrophe enden, die möglicherweise nicht nur die Menschen-, sondern auch die Anderswelt vernichtete. Beide Sphären würden schneller ineinanderstürzen als bisher befürchtet, und dann wäre alles umsonst gewesen.

Doch das würde Kurus erst später erfahren. Zuerst sollte er den Getreuen über das Gebirge tragen, die Reise war weit.

Der Getreue griff in die Mähne des Mantikors, stieß sich ab und schwang sich auf seinen Rücken. Er hieb ihm die Beine in die Seiten und befahl: »Los!«

5.
Auf den Spuren des Mystikers

»… nicht so gemeint!«, drang eine aufgeregt quäkende Stimme durch den Nebel in Roberts Gedanken. »Ich habe nur … au! Nicht das Ohr, bitte! Da bin ich sehr empfindlich! Au, au!«

Robert schlug die Augen auf und sah verschwommen Chadwick Pickwick Sloterbik, dessen Beine in der Luft zappelten und dessen haariges Ohr in Annes Hand hing. Neben ihr stand ein … ja, was war das? Ein Koloss von über zwei Metern Länge und vermutlich einem Meter Schulterbreite, haarlos und grau wie ein Fels, und genauso schrundig. In einer Schaufelhand an dem überlangen Arm hielt er eine Keule, mit der Roberts Kopf soeben unerfreuliche Bekanntschaft geschlossen hatte. Sein Gesicht zeigte einen ziemlich einfältigen, um nicht zu sagen tumben Ausdruck, ein Zahn ragte oben aus dem geschlossenen Mund heraus, an dem ein Speichelfaden hing.

Ächzend richtete Robert sich auf.

»Siehst du, siehst du, ihm ist nichts geschehen!«, rief Chad und deutete mit fuchtelndem Finger auf Robert. »Bitte lass mich wieder runter, ich halte das nicht aus!«

Anne ließ ihn los, und er plumpste unsanft auf den Boden. »Autsch!«, beschwerte er sich, rappelte sich auf und rieb sich den schmerzenden Hintern. Wütend funkelte er zu seinem riesigen Kumpan hoch. »Danke für deine Hilfe!«

»Die is’ zu stark für mich«, sagte der Riese mit Kinderstimme. »Vor der habbich Angst.«

»Und vor mir kriegst du auch gleich Angst!«, sagte Robert, dessen Stolz sich angegriffen fühlte, und stand auf. »Und wer bist du, hinterhältiger Kerl mit Keule?«

»Rocky«, murmelte der Riese und wirkte verlegen. »Tut mir echt leid, Mann, aber ich hab gedacht, du wills’ Chad was tun oder so.«

»Du bist sein Beschützer?«

»Er is’ mein Freund«, strahlte der Riese. »Ich lass nie nich’ zu, dass ihm einer was antut.«

»Und was ist Rocky?«, wollte Robert von Chad wissen. Geflissentlich wich er Annes Blick aus, die mit vor der Brust verschränkten Armen dastand, und er hätte schwören können, dass Rauch aus Ohren und Nase quoll.

»Ein Stadttroll«, erklärte der Kobold bereitwillig. »Er is’ in London aufgewachsen, genau wie ich.«

Nun explodierte Anne. »Robert, verdammt noch mal, hast du völlig den Verstand verloren?«, schrie sie ihn an.

Rocky machte einen Satz zur Seite und duckte sich unwillkürlich. Chad schützte vorsichtshalber die Ohren mit den Händen.

»Was sollte dieser Alleingang? Bist du zum hirnlosen Zombie geworden?«

»Na ja, ich dachte … weil ich doch ein unsterblicher Vampir bin …«

»Relativ unsterblicher«, fauchte sie. »Selbst dir dürfte das bekannt sein! Du bist verletzbar, und du kannst getötet werden!«

»Entschuldige«, murmelte er schuldbewusst und rieb sich die immer noch schmerzende Stelle am Hinterkopf. »Ist wohl irgendwie mit mir durchgegangen.«

Sie öffnete den Mund zu weiteren Vorwürfen, doch dann schüttelte sie nur den Kopf. Stattdessen wandte sie sich Chad zu. »Um Roberts Frage zu wiederholen, die Rockys Keulenschlag vorhin unterbrochen hat: Was wisst ihr von den Vorgängen hier?«

»Nichts«, versicherte der Kobold erneut, und der Stadttroll echote: »Nix.« Chad fuhr fort: »Wir halten uns die ganze Zeit versteckt und suchen nach einer Möglichkeit, wegzukommen.«

»Warum sucht ihr nicht nach einem anderen Portal?«, fragte Anne.

»Wegen Rocky«, antwortete Chad. »Er traut sich nicht raus, nicht mal in der Nacht, weil er Angst hat zu versteinern.«

»Aber die Gefahr besteht doch nur tagsüber …«

»Nicht mehr. Alles ist durcheinander. Rockys Bruder hat’s voll erwischt, mitten in der Nacht in Kensington Gardens, wir wissen nicht, wodurch, und jetzt haben sie ihn neben Peter Pan gestellt.« Chad schüttelte sich und würgte. »Ist das nicht grauenvoll? Neben diesen klugscheißerischen Hochstapler … der arme Pocky. So missbraucht zu werden!«

»Deswegen hat Ma ihn auch unsichtbar gemacht, dasser nur noch bei Vollmond zu sehen is’«, fügte Rocky hinzu. »Chad is’ danach abgehauen, und ich bin mitgegangen. Ma is’ bestimmt sauer, nur ich kann ja mein’ Freund nich’ im Stich lassen, gell? Und ich will nich’ enden wie Pocky.«

Robert sagte behutsam: »Aber wo wollt ihr denn hin? Nirgends ist es mehr sicher.«

»Du hast keine Ahnung, was in London abgeht, Alter. Überall ist es sicherer als dort.« Chad blickte zu Anne hoch. »Kannst du uns nicht helfen, weiterzukommen? Ich möchte gern in die Bretagne. Es heißt, dass Merlin wieder da ist und das Land beschützt, also ist das der beste Ort. Ich meine, er ist schließlich der mächtigste Zauberer, oder? Wir werden dort um Asyl bitten.« Unruhig trat er von einem Fuß auf den anderen. »Und, hilfst du uns?«

»Vielleicht«, sagte Anne unbestimmt und schien zu überlegen. »Wenn ihr im Gegenzug uns helft. Findet heraus, was hier los ist. Ihr braucht nur zu beobachten, ohne euch einzumischen. Haltet Augen und Ohren offen. Wir kommen morgen Abend wieder.«

»Ich tu mich aber fürchten«, sagte Rocky, und ein knirschendes Geräusch erklang, als seine Knie zu schlottern anfingen.

Auf Annes Gesicht trat ein misstrauischer Ausdruck. »Also wisst ihr bereits etwas?«

»Nein-nein«, beeilte sich Chad zu versichern. »Wirklich, wir haben nur ein Gespräch von zwei Sterblichen belauscht, und die haben was von einem Monster gefaselt, das hier unten leben soll … so eine typische dunkle Menschenmär, aber Rocky regt so was immer furchtbar auf. Er kriegt die Krise, wenn einer nur Gespenstergeschichten für Dreijährige erzählt …«

Anne verdrehte die Augen, und Robert hatte Mühe, nicht laut herauszuplatzen. Passend dazu steckte Rocky den Zeigefinger in den Mund. Ihm war nicht bewusst, wie groß und stark er war, und auch nicht, was er als Troll für einen Schrecken in der Menschenwelt darstellte. Aber anscheinend kam er kaum mit ihnen in Berührung, geschweige denn, dass er sie aß, wie es Trolle üblicherweise taten. Vermutlich war er nicht gerade der Stolz seiner Mutter, und die war deswegen gewiss nicht wütend, sondern froh, ihn los zu sein.

»Hör mal, Rocky, Chad passt schon auf, dass euch nichts passiert«, sagte er freundlich. »Und zieh nicht jedem gleich eins mit der Keule über, okay? Menschen vertragen das nicht so gut, und die sind hier wegen der anderen Sache aufgescheucht genug. Das könnte sie ziemlich gegen euch aufbringen.«

»Uh, nee«, sagte Rocky erschrocken. »Ich tu die Keule weg!«

»Behalte sie, aber setze sie nicht ein, und halte dich versteckt«, befahl Anne. »Bis morgen. Wir werden so gegen Mitternacht kommen, also haltet euch bereit. Und bis dahin erwarte ich Informationen, verstanden? Belauscht vor allem die Menschen.«

»Ja, gut«, sagte Chad. »Können wir auf deinen Schutz hoffen?«

Anne verdrehte erneut die Augen. »Ja, sicher. Wenn euch einer von uns bedroht, sagt ihm, ihr steht unter dem Schutz von Lan-an-Schie, der Tochter Sinenomens.«

Dem Kobold fielen eine Menge Haare aus, als er das hörte, und Rocky stammelte unter Kniekirschen: »Uh-hu-hu.«

»Ja, Herrin, zu Befehl, Herrin, alles, was Ihr wollt, Herrin«, stieß Chad zähneklappernd hervor, und dann sausten sie in die Dunkelheit davon.

»Wow«, sagte Robert.

»Ach, die beiden sind doch totale Versager und eine peinliche Parodie des Volkes«, erwiderte Anne. »Die kann man leicht beeindrucken.«

»Ach so, solche gibt es nicht viele?«

Sie seufzte, und er lachte.

»Elfen sind eben auch nur Menschen«, kicherte er. »Das ist das, was ich so an euch mag.«

»Beleidige uns nicht, Freundchen, auch in deinen Adern kreist nunmehr Elfenblut und Dämonenblut.«

»Also ein ganz besonderes, das es nur einmal gibt«, schnurrte er.

»Zurück zum Thema«, mahnte Anne. »Wie kommen wir jetzt an weitere Informationen? Ich glaube nicht, dass die beiden Schwachköpfe von Nutzen sein werden.«

Robert nickte. »Die Sache mit der Mär von dem Monster hier unten hat mich auf eine Idee gebracht«, sagte er. »Nadjas Freund, dieser Tom, hat sie doch mit Nicholas Abe, dem Mystiker zusammengebracht.«

Ihre Miene verfinsterte sich. »Um Informationen über mich zu beschaffen.«

»Genau«, bestätigte er leichthin. »Jedenfalls erzählte sie mir damals, dass Abe sich mal mit einer Sache in München beschäftigt hat, wodurch Tom ihn kennenlernte. Vielleicht ist das der Punkt, anzuknüpfen.«

»Also dann, auf zu Tom.«

Von Nadja wusste Robert, dass Tom regelmäßig in ihrer Wohnung vorbeischaute. Er ging von sich aus, wann er selbst das tun würde – am Vormittag, damit der Tag nicht zu zerrissen war.

Also legten die beiden sich ab zehn Uhr vor Nadjas Wohnung »auf die Lauer«. Anne hatte vorgeschlagen, drin zu warten – schließlich stellten verschlossene Türen kein Problem für sie dar, wie sich gerade an der Eingangstür unten gezeigt hatte –, aber Robert hatte empört abgelehnt: »Das tut man nicht.«

Sie ließ sich auf keine längere Diskussion ein, sondern gab nach.

Und tatsächlich, gegen elf Uhr kam ein Mann Anfang dreißig die Treppe herauf, mit blondem Haar, leichtem Bauchansatz und hellwachen, blauen Augen. Mit einem Schlüssel in der Hand steuerte er auf Nadjas Wohnungstür zu, und Robert und Anne stiegen die Treppe hinab zu ihm.

Der Mann schien weder überrascht noch besorgt. Er musterte die beiden kurz und sagte dann: »Freut mich, Sie endlich kennenzulernen. Kommen Sie herein. Ich mache uns Kaffee, und wie der Zufall – oder die Vorsehung – so will«, er hielt die linke Hand mit einer Bäckertüte hoch, »habe ich auch etwas zum Naschen dabei.«

Robert und Anne folgten Tom in die Wohnung. Robert stellte sofort fest, dass Nadjas Duft immer noch vorhanden war, obwohl sie seit Monaten nicht mehr hier gewesen war, und alles war ihm vertraut. Tom besorgte nicht nur die Post, er pflegte auch die Pflanzen und wischte Staub. Nichts wies daraufhin, dass Nadja nicht jeden Tag hier war. Bis auf den Umstand, dass es nie so ordentlich gewesen war, als sie noch hier gelebt hatte.

»Machen Sie es sich bequem, wo Sie möchten«, forderte Tom sie auf, während er den Mantel aufhängte, in die Küche ging und die Espressomaschine einschaltete. Dann ging er ins Wohnzimmer, packte Nadjas Laptop aus, schloss ihn an und fuhr ihn hoch. »Es kommen ja kaum mehr Nachrichten, aber ab und zu eben doch«, erklärte er und sichtete die Briefpost, die er gesammelt in den Papierkorb warf. Dann überprüfte er die Mails, kehrte in die Küche zurück und kam kurz darauf mit einem Tablett ins Wohnzimmer, auf dem ein Teller mit allerlei Gebäck und drei mit Milchschaum gefüllte Becher standen.

»Zucker?«

»Nein, danke«, sagte Anne. »Ein vollkommener Gastgeber.« In ihrer Stimme lag keine Ironie.

Tom grinste und setzte sich in den Sessel gegenüber dem Sofa, auf dem das Paar sich niedergelassen hatte. »Ich kenne mich hier inzwischen fast besser aus als in meiner eigenen Wohnung, und ich bin immer auf Überraschungsgäste eingerichtet.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Robert und holte sich seinen Becher vom Tablett, ließ ihn aber vor sich auf dem Tisch stehen.

»Oh, Verzeihung«, entfuhr es Tom, der ihn dabei beobachtete. »Sie … Sie brauchen das ja gar nicht mehr, nicht wahr?« Interessiert und ohne Scheu musterte er Robert. Der kannte diesen Blick – ein Journalistenkollege durch und durch. »Daran … muss ich mich erst noch gewöhnen, obwohl ich inzwischen schon einige Elfen und Wesen der Anderswelt kennengelernt habe. Einschließlich Dämonen und … des Getreuen.« Ein Schatten fiel kurz über sein Gesicht, aber er fing sich schnell wieder und lächelte Robert auf herzliche Weise an.

»Das ist schon in Ordnung«, sagte Robert höflich. »Ich kann diese Dinge zu mir nehmen …«

»Aber bitte, machen Sie sich meinetwegen keine Umstände. Ich kann mir vorstellen, was anschließend damit passiert.«

»Haben Sie denn gar keine Angst vor uns?«, fragte Anne.

Tom lachte. »Nein. Sie sind Nadjas beste Freunde, und Sie haben sie und Talamh im Reich des Priesterkönigs beschützt.«

Anne zeigte sich verblüfft. »Woher wissen Sie das?«

»Von Nadja selbst. Ich habe sie in Tokio getroffen, und da hat sie es mir erzählt. Wissen Sie das noch gar nicht?«

Die beiden schüttelten die Köpfe.

»Wir dachten, sie wäre im Baumschloss …«

»Da war sie und wird sie jetzt hoffentlich wieder sein.«

Also erzählte Tom ihnen von David und Rians Gefangenschaft in Cagliostros Händen und dessen Bund mit einem Dämon der japanischen Anderswelt Bóya. Robert wurde es ganz anders, als er von diesem Abenteuer hörte, er hätte nie damit gerechnet, dass Nadja sofort wieder in Schwierigkeiten geraten würde.

»Und … seither haben Sie nichts mehr von ihr gehört?«, fragte er am Ende der langen Erzählung.

Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung wirkte Tom beunruhigt. »Nein, ich dachte zuerst … Sie könnten mir etwas sagen, aber da Sie nichts von Tokio wussten … Nadja ging mit David und Rian nach Crain zurück. Ich habe seit dem Abschied in Tokio nichts mehr von ihr gehört.«

Robert schluckte. Hoffentlich war alles in Ordnung …

»Das muss aber nichts besagen«, sagte Tom schnell, der seinen Gesichtsausdruck richtig deutete. »Ich meine, ich bin selbst erst seit ein paar Tagen zurück.«

»Wir sind auch in einer anderen Sache hier«, sagte Anne auf ihre gewohnte nüchterne Art.

»Dann schießen Sie los. Oder, warten Sie!«, rief Tom und setzte sich kerzengerade auf. »Es geht um die erfrorenen Leichen am Stachus, nicht wahr?«

»Scharfsinnig auch noch«, sagte Anne, und diesmal klang sie spöttisch.

Tom winkte ab. »Ich habe selbst schon Bücher gewälzt.« Dann wechselte er erneut: »Sie sind ja unglaublich berühmt geworden, Robert! Und zu Recht. Ich habe mir Ihr Buch gekauft und gelesen – ich finde es den hellen Wahnsinn, aber das wissen Sie ja selbst.« Er warf einen schüchternen Blick zu Anne, bevor er Robert wieder ansah und begeistert fortfuhr: »Leider habe ich es nicht dabei, denn ich hätte unheimlich gern eine Widmung!«

»Wir könnten ja tauschen«, schmunzelte Robert. »Ich habe nämlich Ihr Buch auch gelesen und hätte gern eine Widmung. Läuft ja ebenfalls sehr ordentlich – Platz Drei bei den Sachbüchern …«

Tom lachte fröhlich. »Aber das lässt sich bei weitem nicht mit Ihrer Auflage vergleichen. Dennoch: Ich bin momentan, wenn ich nicht übermütig werde, finanziell unabhängig und kann in aller Ruhe an dem nächsten Titel arbeiten …«

»Haben Sie noch Kontakt zur Contessa?«, unterbrach Anne.

»Ja, ab und zu. Es geht ihr gut, sie ist dabei, sich in Rom ein neues Leben aufzubauen. Es gibt schon einige vermögende Verehrer. Und auch ihr Vater ist mit sich ins Reine gekommen.« Toms Miene verfinsterte sich. »Sie darf niemals erfahren, was aus Cagliostro wurde. Wenigstens scheint er nicht nach ihr zu suchen. Warum auch, er konzentriert sich jetzt auf andere Ziele, wie die Weltherrschaft etwa.«

Robert musste einräumen, dass er Tom auf Anhieb mochte. Er tat Nadja sicher gut durch seine bodenständige, fröhliche Art und wie er die Dinge anpackte. Immerhin hatte sich auch seine Welt grundlegend auf den Kopf gestellt, und das … ja, das verband sie im Grunde eng miteinander. »Hör mal, Tom«, sagte er mitten in die Unterhaltung zwischen ihm und Anne hinein. »Ich finde, wir sollten diese dummen Förmlichkeiten lassen. Nach allem, was wir erlebt haben, und wir sind Nadjas Freunde …«

»Gern«, strahlte Tom. »Wisst ihr, ich bin sehr allein, denn irgendwie passe ich nicht mehr zu all den Normalos um mich herum. Das liegt natürlich an mir, dass ich die anderen auf einmal hohl finde. Und … und ich … ach, seit Island hat sich so viel verändert, zum Guten, aber auch zum Tragischen. Und ich kann mit niemandem darüber reden …«

Robert schwieg. Er wusste, was Tom meinte – den Tod von Nadjas Eltern, Fabio und Julia Oreso, die sich geopfert hatten, um Ragnarök zu verhindern. Robert hatte Julia zum ersten Mal und nur für ein paar Minuten auf Island kennengelernt, doch es reichte aus, um sie genauso wie Fabio zu vermissen. Er war nur froh, dass er den Tod der beiden nicht unmittelbar miterlebt hatte – und vor allem Nadja nicht.

»Einverstanden«, sagte auch Anne. »Wir sind inzwischen alle Gestrandete.«

»Was meint ihr … wie wird es weitergehen? Ist der Getreue nun tot oder nicht?«, fragte Tom.

»Ich kann den Elfenkanal nicht mehr benutzen«, erwiderte Anne. »Fanmór hat die Grenzen um Earrach so dicht wie möglich geschlossen, um Tara zu isolieren. Wir wissen nicht, was mit Bandorchu ist, aber ich bin sicher, sie wird leiden, da ihr wichtigster Verbündeter verschwunden ist.«

Aha, dachte Robert bei sich. Das also ist der Grund, warum sie keine Informationen hat und sich scheinbar weigert, den Elfenkanal anzurufen. Tom sagt sie das ganz offen, und bei mir macht sie ein Geheimnis daraus.

Toms Stirn legte sich in Falten. »Also, Bandorchu ist der Feind, das weiß ich. Aber … nach allem, was ich da in Tokio erlebte und an Verflechtungen erkannte … was meint ihr, was geschieht, wenn sie stirbt?«

Robert sah, wie Anne den jungen Mann auf einmal mit neuen Augen betrachtete. Sie sagte: »Das ist eine Befürchtung, die auch ich hege.«

»Uff«, machte Tom erschrocken.

Für einen Moment legte sich Schweigen über den Raum. Draußen schneite es schon wieder, es war düstergrau, und das Zimmer könnte ein bisschen Licht vertragen. Nicht, dass Robert es brauchen würde, aber es war anheimelnder und … tröstlicher. Er stand auf und schaltete die Stehlampe an, die sofort ein warmgoldenes Licht verbreitete.

»Ähm …«, machte Tom schließlich. »Kommen wir aufs Thema zurück, bei dem wir etwas unternehmen können – die Morde am Stachus.«

»Richtig«, sagte Robert erleichtert. Er wollte sich weiterhin an die Vereinbarung mit Anne halten, sich nicht in die Belange des Krieges zwischen Bandorchu und Fanmór einzumischen. Wenn er konnte, beschützte er Nadja und ihr Kind, und er war für die Zwillinge da – aber damit erschöpfte sich sein Wille zur Teilnahme. Wohin das führte, wenn man sich zu sehr einmischte, hatte er auf Island gesehen. Und mit Göttern konnte und wollte er sich nicht auseinandersetzen, auch nicht mit mächtigen Wesen wie Fanmór und Bandorchu.

Aber was hier in München geschah, da konnte etwas unternommen werden. Und es war auch wichtig, denn Robert und Anne waren keine »normalen« Menschen. Früher oder später würde das irgendjemandem auffallen, und dann wäre die Hexenjagd eröffnet. Sobald einmal das Augenmerk auf sie gefallen war, würden sie nie wieder Ruhe bekommen. Es war schon brenzlig gewesen, sich einem Profi wie Hans Dauß zu zeigen – aber noch gefährlicher, sich still zu verhalten. Also war es wichtig, die Sache so schnell wie möglich aufzuklären, um zur Tagesordnung zurückzukehren. »Du hast schon Bücher gewälzt?«

»Ja, von Nicholas Abe. Ich nehme an, das hat euch auf die Idee gebracht, hier auf mich zu warten?«

Robert nickte anerkennend.

»Abes Wohnung wurde damals ja von Tanner ausgeräumt … apropos, was wurde denn aus dem?«

»Der wurde ebenfalls ein Opfer von Ragnarök«, antwortete Anne kalt.

Genauer gesagt, dachte Robert bei sich, hatte seine Frau dem Amerikaner die Kehle aufgeschlitzt. Er hatte es verdient gehabt, und am Ende hatte es tatsächlich so ausgesehen, als würde er den Tod sogar begrüßen.

»Also kann er Nadja nicht mehr schaden? Da bin ich aber froh!«, rief Tom erleichtert. »Und ich brauche auch keinen Schiss vor seinen Schlägern mehr zu haben …« Er hob die Hand, als er Annes Ungeduld bemerkte. »Bin wieder beim Thema! – Also, ein paar Sachen konnte ich retten, bevor sie verschleppt wurden. Wie lange geht das überhaupt schon so?«

»Ein paar Tage«, antwortete Robert.

»Gut, dann habe ich noch nicht viel versäumt. Ich kam nämlich gerade von Tokio zurück, als meine Nachbarin, die immer über alles genau Bescheid weiß, mich sofort damit überfiel. Und da ich mittlerweile ziemlich paranoid geworden bin, was seltsame Vorfälle betrifft, habe ich mich gleich an die Recherche gemacht. Mir ist augenblicklich eingefallen, wie ich Abe kennenlernte – nämlich am Stachus. Beim Umbau eines Geschäftshauses dort sackte plötzlich der Boden unter einer Baumaschine weg und gab den Blick auf ein Tunnelsystem unbekannter Herkunft frei. Die Röhren waren auf keinem Plan verzeichnet, und niemand hatte eine Ahnung, wie alt sie waren, und von wem sie beauftragt worden waren. Oder wozu. Und dann passierten schreckliche Dinge.«

Tom machte eine effektvolle Pause, trank in aller Seelenruhe seinen Cappuccino und griff dann nach Roberts unangetastetem Becher. Anne hob die Augenbrauen, aber Robert konnte keinen Zorn bei ihr entdecken. Im Gegenteil – sie war amüsiert. Sie mochte Tom! Er könnte fast eifersüchtig werden.

»Es kam zu tödlichen Unfällen unter wirklich grässlichen Begleitumständen«, fuhr Tom fort. »Leute wurden zerquetscht, unter abrutschenden Massen begraben, von Baggern überrollt … ihr könnt es euch nicht vorstellen. Ich machte damals ein Praktikum in einer Lokalredaktion und wurde vor Ort geschickt. So lernte ich Nicholas Abe kennen.« Er nahm einen Zug aus der zweiten Tasse. »Der alte Zausel hat nie darüber gesprochen, was damals geschehen ist. Er ging in einen Tunnel, kam nach einer Weile wieder heraus und sagte, er habe einen Handel geschlossen: Das System solle augenblicklich von der Baufirma versiegelt werden, dann gäbe es keine Unfälle und Gefährdungen durch Erdrutsche mehr. Und so kam es. Es hielt bis heute.«

»Und jetzt suchst du nach Hinweisen in Abes Unterlagen«, vermutete Anne.

»Ganz recht. Abe war ein Mystiker und tat immer wahnsinnig geheimnisvoll, und er konnte einen auf die Palme bringen mit seinem kryptischen Gefasel … aber letztendlich musste er doch irgendwo sein Wissen anbringen, nicht wahr? Sein Ego war viel zu groß, um das auf ewig für sich behalten zu können. Was hat man davon, der größte Mystiker der Welt zu sein, wenn es keiner weiß?«

»Ich verstehe genau, was du meinst.«

»Leider habe ich nichts gefunden.« Tom hob bedauernd die Schultern. »Entweder hat Tanner die Sachen bekommen, oder sie haben tatsächlich nie existiert. Also habe ich mich an die Recherche nach Stadtmythen gemacht. Und da gibt’s nicht viel, und nichts, was auch nur annähernd in Verbindung mit den Tunnelsystemen zu bringen wäre.« Seiner Miene war jedoch zu entnehmen, dass es damit nicht zu Ende war.

Anne hakte nach: »Es sei denn …?«

»Es sei denn, man geht davon aus, dass sie zur Zeit des Kampfes um die Unabhängigkeit Bayerns angelegt wurden, um sich vor dem Feind zu verstecken, geheime Waffenlager anzulegen, und so weiter.«

Robert begriff sofort. »Da gibt’s nur zwei Möglichkeiten – die Eroberung durch die Schweden, oder, was wahrscheinlicher ist, den Spanischen Erbfolgekrieg mit der Sendlinger Mordweihnacht!«, rief er. »Aber die fand doch nicht dort statt …«

»Vielleicht hatten sie sich darauf vorbereitet, es kam nur nie dazu«, wandte Tom ein.

»Wovon sprecht ihr?«, wollte Anne wissen.

»Von einem der blutigsten Kapitel der bayerischen Geschichte«, antwortete Robert anstelle von Tom. »Weihnachten 1705 wurden bayerische Aufständische in Sendling von den kaiserlichen Truppen des Habsburgers Joseph I. bis auf den letzten Mann niedergemacht. Es war ein grausames Schlachtfest, um ein Exempel zu statuieren.«

Anne sprang auf und wanderte unruhig im Raum umher. »Das«, sagte sie, »gefällt mir ganz und gar nicht.«

Eine Weile hing jeder seinen Gedanken nach. Tom stand zwischendurch auf, räumte das Geschirr ab, spülte es, fuhr Nadjas Laptop herunter und packte ihn wieder ein. Dann goss er die Blumen, zupfte hier und richtete da.

Robert hütete sich, Anne zu stören, wenn sie in Überlegungen versunken war so wie jetzt.

»Da steckt mehr dahinter«, sagte die Muse schließlich und schien aus weiter Ferne zurückzukehren. »Tom ist schon sehr nahe dran, hier geht es um Blut. Aber die Ursache muss älter als dreihundert Jahre sein. Wir haben es hier nicht nur mit Gespenstern zu tun, und Nicholas Abe hat sich damals sicher mit jemand anderem auseinandergesetzt.«

Robert fühlte, wie es in seinen Fingerspitzen kribbelte. »Also müssen wir doch dorthin und selbst nachsehen.«

Anne nickte. »Wir müssen in das versiegelte System.« Sie wandte sich Tom zu. »Vielen Dank …«

»Stopp!« Er hob die Hände. »Ich weiß genau, was du sagen willst. Aber so läuft das nicht, klar? Ich bleibe nicht ständig auf der Reservebank sitzen, und hier geht es um meine Stadt! Wir gehen da zusammen rein!«

»Ich kann nicht auf dich aufpassen«, lehnte Anne ab.

Robert sagte hingegen: »Er geht mit.«

Sie starrte ihn an. »Was?«

»Du hast mich schon verstanden.«

»Hast du vergessen, dass er noch lebt? Er ist ein normaler sterblicher Mensch, untrainiert, verletzlich …«

»He!«, unterbrach Tom empört. »Ich kann dich hören!« Er baute sich vor Anne auf und blickte finster auf sie hinab. »Glaubst du nicht, dass ich es mir verdient habe, aktiv im Team zu sein? Ich habe Nadja in Venedig geholfen, wurde von Tanners Leuten zusammengeschlagen, der Getreue hat mich in die Mangel genommen und aus unerfindlichen Gründen am Leben gelassen, und ich habe mich in Tokio mit Dämonen und Cagliostro auseinandergesetzt! Ich bin kein blutiger Anfänger mehr, und ich kann verdammt noch mal selbst auf mich aufpassen! Ich habe dich nicht um deinen Schutz gebeten, und wenn ich mir vor Angst in die Hosen scheiße und davonrenne, braucht es dich nicht zu kümmern! Ich werde euch schon nicht gefährden, keine Sorge. Aber du stellst meine Stadt nicht ohne mich auf den Kopf – und das ist mein letztes Wort!«

Danach stolperte er zurück und zog ein erschrockenes Gesicht, als habe ihn sein Ausbruch selbst überrascht. Ausgerechnet Anne gegenüber – das fand Robert ziemlich mutig. Nach allem, was er bisher von Tom erfahren hatte, musste der junge Mann seit der ersten Begegnung mit Nadja in Venedig eine gehörige Veränderung durchgemacht haben.

Für einen Moment war Anne tatsächlich aus dem Konzept gebracht. Dann sah sie zu Robert. »Genau derselbe Spinner wie du«, knurrte sie. »Menschen!« Kopfschüttelnd ging sie zur Garderobe. »Also gut, meinetwegen – aber du übernimmst die Verantwortung für ihn, Robert, und ich werde keine Rücksicht auf euch beide nehmen, wenn ihr mich behindert, verstanden?«

»Ja, Chefin«, sagten beide Männer im Chor und grinsten sich jungenhaft an.

6.
Die Reise zurück 1

Kurus lief geschwind, seine mächtigen Pranken schienen den Boden kaum zu berühren. Das Gelände war durchgehend felsig, von wenigen Geröllhalden abgesehen, die der junge Mantikor mit weiten Sätzen durchquerte. Obwohl er Jahrhunderte in dem winzigen Schacht eingesperrt gewesen war, beherrschte er seinen Körper ausgezeichnet, und in seinen Muskeln steckte Kraft.

Mantikore waren erstaunliche Geschöpfe, in deren Adern nicht nur Blut, sondern auch pure Magie floss, mehr als bei anderen. Und sie gehörten zu den tödlichsten Wesen, die von den Menschen nicht zu Unrecht als grausame Ungeheuer gefürchtet waren.

Kurus allerdings musste dies erst bewusst werden, bisher war er völlig unschuldig und noch leicht zu führen. Das würde sich vermutlich bald ändern. Bis dahin verkürzte der Getreue seinen Weg durch die Wüste auf angenehme Weise. Als der Mantikor den ersten Gipfel erreichte und sich nun das Ausmaß des Gebirges in seiner ganzen steinernen Einöde zeigte, war der Verhüllte deutlich erleichtert. Ob er diese Strecke in seinem gegenwärtigen Zustand ohne Hilfe bewältigt hätte, war fraglich.

Er hasste seine Schwäche, doch er konnte es nicht abwenden. Auf andere angewiesen zu sein war eine neue Erfahrung. … oder? Um Kurus bei Laune zu halten, vermittelte er ihm das versprochene Wissen. Der Junge gefiel ihm, er war ein unbeschriebenes Blatt, das er nun ganz nach Belieben mit Worten und Bildern verzieren konnte. Kurus war wissbegierig und saugte wie ein Schwamm alles in sich auf, er begriff schnell, und sein Gedächtnis arbeitete von Stunde zu Stunde besser. Er konnte bereits längere Passagen fehlerfrei rezitieren.

»Werde ich die Mantikore wieder zur Blüte führen?«, fragte er, während er mit einem weiten Satz eine tiefe Kluft überwand. »Hat mein Muttervater mich dafür ausersehen?«

»Das musst du ihn fragen«, antwortete der Getreue.

»Vorausgesetzt, er lebt noch – wie kann ich ihn finden?«

»Indem wir in der Zeit zurückgehen.«

Der junge Mantikor stieß einen jubelnden Schrei aus. »Dann habe ich nie Zeit verloren, nicht wahr? Ich kehre an meinen Ursprung zurück!«

»So wie ich«, sagte der Getreue.

»Und ist unsere Begegnung dann ein Zufall?«

»Da müsste ich wiederum meinen Bruder fragen. Und er würde vermutlich sagen: nichts ist vorherbestimmt, und nichts geschieht zufällig.«

»Was für ein Unsinn!«, meinte Kurus.

»Er will damit ausdrücken«, sagte der Getreue ruhig, »dass es keine singulare Linearität gibt. So, wie die Menschen die Zeit wahrnehmen, ist es nur eine sehr beschränkte Sichtweise, die lediglich einen Ausschnitt des großen Ganzen erfasst.«

»Und sie sind nicht in der Lage, mehr zu sehen?«

»Nein. Aber du. Hör mir also weiter zu.«

»Ja, Herr.«

»Sei weiterhin ein braver, aufmerksamer und gelehriger Schüler.«

»Danke, Herr.«

Kurus galoppierte weiter, während das Gebirge immer schroffer und abweisender wurde. Nichts lebte hier mehr, nur selten streifte ein Geier hoch oben darüber hinweg, auf der Suche nach einem verirrten Tier. Aber nicht einmal Insekten fanden sich hier, alles war staubtrocken und tot.

Die Ohren des Mantikors spielten, während er seinem Lehrmeister zuhörte. Der Tag neigte sich dem Ende zu, ging in dämmrige Kühle und schließlich sternglitzernde kalte Nacht über.

»Ich habe Hunger«, beklagte Kurus sich unterwegs. »Meine Kräfte werden mich bald verlassen.«

»Es ist kühl, da kannst du viel besser laufen«, erwiderte der Getreue. »Also schneller, umso eher kommst du an Nahrung.« Kurus war tatsächlich der Erschöpfung nahe, seine Flanken flogen, und die Muskeln zitterten. Aber sie durften jetzt keinesfalls anhalten, nicht hier im Gebirge in der Nacht. Die Ley-Linie war zu weit entfernt, um sie in Anspruch nehmen zu können, die Grenzen zwischen den Welten hingegen waren fast nicht mehr vorhanden.

Doch ein Ende war abzusehen, allmählich ging es wieder abwärts, und die Ebene hinter dem Gebirge war als tiefschwarzes Band in der Tiefe erkennbar. Kurus entdeckte eine schmale Passage zwischen zwei Steilhängen, die ziemlich abschüssig war, aber seine Zehen und starken Krallen fanden genug Halt. Ab und zu löste er kleine Steinlawinen aus, die vor ihm den Weg hinab rutschten. Doch auch hinter ihnen und an den Steilhängen kamen die Felsen in Bewegung. Immer wieder knisterte es, dann stürzten größere Gesteinsbrocken herab.

»Lauf schneller«, befahl der Getreue. »Das gefällt mir nicht.«

»Ich kann nichts wittern«, sagte Kurus. Aber er gehorchte und beschleunigte, wobei er mehrmals gefährlich ins Rutschen und Schlingern geriet. Der Getreue achtete nicht darauf, er konnte das Ende des Gebirges jetzt deutlich erkennen, und trieb Kurus noch mehr an. Der Mantikor hatte einen Weg von Tagen in wenigen Stunden zurückgelegt. Sie konnten es schaffen.

Doch schließlich waren sie gezwungen, anzuhalten. Direkt vor ihnen, an einer Verengung, stürzte plötzlich eine gewaltige Steinlawine herab. Die größten Brocken dabei hatten den Umfang eines Kinderrumpfes, die kleinsten entsprachen einer kindlichen Faust.

»Was ist das?«, fragte Kurus ängstlich.

»Steinmänner«, antwortete der Getreue.

Und tatsächlich, die Steine blieben nach dem Sturz keinesfalls liegen, sondern sprangen wieder hoch, purzelten übereinander und fingen an, sich zusammenzusetzen. Groteske Geschöpfe wuchsen, mit vier Gliedmaßen und quaderförmigen Felshüten auf den runden Köpfen. Sogar Gesichter bildeten sich aus kleinen Steinchen darauf – Augen, Ohren, Mund und Nase. Es mochten Hunderte sein, die ihnen nun den Weg versperrten, teils gestapelt.

»Soll ich einen anderen Weg suchen?«, fragte Kurus.

»So funktioniert das nicht«, erwiderte der Getreue. »Außerdem haben sie uns eingekreist.«

Es stimmte, im schwachen Mondlicht waren die Bewegungen schwankender Steine ringsum zu erkennen.

Dann begannen sie zu sprechen, und es klang, als würden Steine gegeneinander gerieben oder geschlagen, klickend und knirschend. Es war sehr irritierend, ihnen zuzuhören, denn wer einen Satz begann, vollendete ihn nie. Die Worte kamen von allen Seiten und nicht unbedingt im selben Rhythmus und Tempo.

»Was …«

»… wollt ihr …«

»… hier? Ihr habt …«

»… keinen Durchgang.«

»Stürzt euch …«

»… die Felsen hinab!«

Kurus versammelte sich unruhig. »Was haben die vor?«

Der Getreue gab gleichmütig Auskunft: »Sie wollen uns zerschmettern, zerquetschen, auspressen, zu Brei verrühren und dann aufschlürfen.«

Der junge Mantikor fing an zu zittern. »Aber ich schmecke bestimmt nicht gut!«

»Wohl wahr. Du bist giftig. Das macht denen allerdings nichts aus. Nur an mir werden sie sich die Zähne ausbeißen, weil nicht viel dran ist … kaum Substanz und nur ein bisschen Krokodilsblut. Dennoch auch für mich ein sehr unangenehmer und schmerzhafter Tod, dem ich lieber entgehen möchte.«

Die Steinmänner rückten näher und klickten gierig mit scharf gezackten Steinzähnen. Ihre Stimmen schwirrten durcheinander, dass nur einzelne Wortfetzen ausgemacht werden konnten, und kein Zusammenhang mehr.

»Was tun wir jetzt?«, fragte Kurus.

»Du bist ein Mantikor«, sagte der Getreue. »Laufe weiter und werfe jeden, der sich dir in den Weg stellt, in den Abgrund!«

»Aber es sind so viele …«

»Setze deine Pranken, deine prächtigen Zähne und den Skorpionschwanz ein! Dein Gift kann ihnen nichts anhaben, wohl aber die Wucht deines Schlages. Sie besitzen keine sehr stabilen Körper.«

»Töten!«, schnarrten plötzlich viele Steinmänner unisono, und das Echo schallte vielfach verstärkt durchs Gebirge. »Töten! Töten! Töten!«

»Los!«, schrie der Getreue und hieb die Beine in Kurus’ Seiten.

Erschrocken machte Kurus einen Satz nach vorn, prallte auf die ersten Steinmänner und brach durch deren Front hindurch. Er brüllte auf, als Steinzähne nach ihm schnappten, Fell und Haut zusammenquetschten und Löcher hineinrissen. Sein Überlebenswille übernahm nun die Führung, sein Skorpionschwanz peitschte wild, und er schlug mit den Vordertatzen um sich, schnappte nach allem, was ihm zu nahe kam.

Und es klappte! Überall wo er auf Widerstand traf, fegte er Steinköpfe herunter, zerschlug ganze Strukturen, dass die Figuren förmlich auseinanderplatzten und über den Felsgrat hinabregneten.

»Weiter, weiter!«, befahl der Getreue. »Halte nicht inne!«

»Aber ich …«

»Das ist nur von kurzer Dauer. Eile dich, voran!«

Kurus rannte weiter, obwohl der Weg immer steiler nach unten ging. Eine Felswand wich endgültig zurück, und der Pfad verwandelte sich in einen schmalen Grat, der erst am gegenüberliegenden Hang endete, dem letzten Berg vor der Ebene.

Egal, wie viele Steinmänner als ungeordnete Felsbrocken hinabstürzten – was übrig blieb, setzte sich wieder zusammen und nahm die Verfolgung auf. Der Lärm war unbeschreiblich, als würden ganze Berge explodieren und ins Tal hinabpoltern.

Der Getreue lenkte den Mantikor durch das Chaos, doch das Vorankommen wurde trotz der Riesenkräfte des magischen Geschöpfes immer schwieriger. Egal, wie viele Lawinen nach unten ausgelöst wurden, von oben regneten weitere herab und warfen sich ihnen in den Weg. Kurus blutete bereits aus vielen Wunden, und auch der Getreue musste sich heftiger Angriffe erwehren. Was von seiner Kutte übrig war, ging noch mehr in Fetzen, und er spürte die wütenden Bisse inzwischen deutlich.

Kurus versuchte eine letzte verzweifelte Strategie, stieß sich nach oben ab und landete auf den quaderförmigen Hüten der Steinmänner, die dicht an dicht heranrückten, balancierte auf ihnen entlang und sprang so den Weg hinab. Er war derart schnell, dass er tatsächlich das Gleichgewicht halten konnte, zumindest eine Weile, solange die Angreifer so nah zusammenrückten.

Sie waren nicht besonders rege im Denken, aber schließlich begriffen sie doch die Veränderung und reagierten darauf. Der junge Mantikor stieß ein entsetztes Gebrüll aus, als die Hüte unter seinen landenden Pranken plötzlich zur Seite wichen.

Er stürzte mitten in die Reihe hinein, zertrümmerte dabei alle Steinmänner, die nicht mehr ausweichen konnten, und schlitterte auf dem Geröll entlang weiter hangabwärts, immer schneller, während ihm eine Lawine folgte.

In dem verzweifelten Bemühen, den Stand zu halten, rutschte Kurus schließlich ab, verlor erneut das ohnehin wacklige Gleichgewicht, knickte auf dem rechten Vorderlauf ein – und dann war der Sturz nicht mehr aufzuhalten.

Der Getreue flog in hohem Bogen über ihn hinweg, als der Mantikor fiel, haltlos den Hang hinunterstürzte und sich dabei immer wieder überschlug, begleitet von einer Gerölllawine.

Abwärts ging es, in einer riesigen Staubwolke, bis der Hang in der Ebene auslief.

Kurus rollte noch ein ganzes Stück weiter, bevor er endlich zur Ruhe kam und liegenblieb.

In einem letzten Steinrutsch kam auch der Getreue unten an und prallte auf ihn. Noch bevor er sich hochgerappelt hatte, formierten sich die Steinmänner bereits wieder und sprangen ihn an. Ebenso erging es Kurus, der jämmerlich aufwimmerte und sich vergeblich bemühte, auf die Beine zu kommen. Sein Skorpionschwanz peitschte die Luft, traf ab und zu, doch nicht genug.

Der Getreue schleuderte gezielt die Steine von sich, sodass sie ihn bald wie ein ständig zusammenfallender und sich wieder neu formierender Wirbel umschwirrten, in dessen Zentrum er schließlich wie ein riesiger schwarzer Schatten aufragte, der flackernd und unsicher hin- und herschwankte, aber aufrecht blieb. Seine Arme waren in ständiger Bewegung, während er sich sammelte.

Auch Kurus schlug wild um sich, fauchte und knurrte und schaffte es endlich, aufzuspringen.

»Genug jetzt«, erklang die Stimme des Getreuen durch den brausenden Wirbel. Er richtete die linke Hand nach unten, und nur einen Herzschlag später brach ein rotes Leuchten durch den Boden empor, das er auffing. Er führte beide Hände zusammen, und eine rotleuchtende Kugel entstand zwischen ihnen, um die weiße Blitze zuckten und die zu rotieren begann. Je schneller sie sich drehte, desto langsamer wurden die Bewegungen der Steinmänner, und ihr Geschrei sank zu einem Flüstern herab.

»Gut«, brummte der Getreue und richtete den Blick nach Osten. Die Kugel blähte sich auf, erste Blitze lösten sich von ihr und schlugen in die Hüte der Steinmänner ein, die wie vom Schlag getroffen zu Boden stürzten und auseinanderfielen.

In diesem Moment kroch der erste Sonnenstrahl über den Horizont, traf auf den Getreuen – und die Kugel explodierte. Sämtliche Steinmänner, auch die Verstärkung, die von den Bergen herabpolterte, wurden von den Blitzen mit aller Gewalt getroffen, während sie gleichzeitig in ein rotes Leuchten gehüllt wurden.

Dann zogen sich Blitze und Licht genauso schnell wieder zusammen, wie sie explodiert waren, und flossen in die Hände des Getreuen hinein. Seine Gestalt leuchtete auf und festigte sich wieder, während rings um ihn und von den Bergen herab immer noch Steine regneten, die Staub aufwirbelnd auf dem Boden landeten und liegenblieben.

Der Getreue stand ruhig und aufrecht da, das verhüllte Gesicht nach Osten gerichtet. Kurus stapfte leicht torkelnd zu ihm und schüttelte die rotgoldene Mähne. »Ist es jetzt vorbei?«

»Ja.«

»Ein Glück.« Der Mantikor holte Luft und schrie: »Au!« Jammernd fing er an, sich die Wunden zu lecken. »Ich bin so schwach und hungrig, bestimmt muss ich bald sterben …«

»Du musst noch eine Menge lernen, nichtsnutziger Welpe«, sagte der Getreue scharf. »Und jetzt auf! Wir müssen weiter. Die Verfolger warten nicht.«

»Aber ich bin müde«, maulte Kurus.

Der Getreue schlug ihm mit der geballten Faust ins Gesicht, dass sein Kopf nach hinten ruckte und deutlich vernehmbar die Nackenwirbel knackten. »Auf!«, schrie der Verhüllte den Mantikor an, während er auf seinen Rücken sprang. »Weiter! Dies ist deine nächste Lektion: Nicht innehalten, nur weil man müde und verletzt ist! Niemals einer Schwäche nachgeben!«

Kurus wagte keinen Widerspruch mehr, sondern galoppierte los, weiter nach Norden.

Gegen Nachmittag waren sie im zwanzigsten Jahrhundert angekommen.

Kurus durfte nun endlich anhalten. Der Getreue lenkte ihn zu einem alten Brunnen, in dessen Nähe ein Zeltlager aufgebaut worden war. Schneeweiße Dromedare und Lastkamele waren zwischen den Zelten angebunden. Am Rand des Lagers gab es eine Tränke, mit einer Zuleitung vom Brunnen.

»Du kannst hier trinken«, erlaubte er dem jungen Mantikor, der kurz vor dem Zusammenbruch stand. »Verhalte dich ruhig und außer Reichweite jeglichen Lebens. Sie können dich nicht sehen, aber vielleicht wittern. Vor allem können sie nicht durch dich hindurchgehen.«

»Warum können sie mich nicht sehen?«

»Sie glauben nicht an dich.«

Kurus blieb das Maul offenstehen. »Aber …« Er verstummte sofort, als er sah, wie sich die Faust des Verhüllten langsam hob.

Geduckt schlich er zum Brunnen, nachdem der Getreue abgesessen war. Dann wagte er doch einen Einwand: »Ich muss auch essen.«

»Ich werde dir etwas geben, aber du darfst nichts selbst jagen. Gedulde dich, bis ich zurück bin, ich bringe dir etwas mit.«

Der Mantikor machte ein unzufriedenes Gesicht und ein böses Licht glühte in seinen Augen auf.

Der Getreue fügte hinzu: »Wir sind immer noch im Menschenreich. Wenn hier auch nur eine Ameise zu Tode kommt, wirst du nie existieren. Also halte dich an meinen Befehl.«

Kurus senkte den Kopf, als wolle er jeden Moment in Tränen ausbrechen. Doch er fing sich schnell wieder, als der Getreue ihm einen Eimer Wasser heraufzog, den er in einem Zug leertrank, und ebenso den nächsten. Den dritten stellte der Getreue vor ihn hin. »Das muss reichen, bis ich zurück bin. Leg dich jetzt hin, pfleg deine Wunden und ruh dich aus. Wenn ich zu dir komme, wirst du essen, und dann müssen wir schnell weiter.«

»Ich gehorche.« Kurus wirkte erleichtert, trotz seines Hungers, endlich rasten zu dürfen. Sein Gesicht war eingefallen vor Müdigkeit, und die Wunden an seinem Körper musste er mit seinem nur für ihn heilkräftigen Speichel, der für jeden anderen tödlich giftig war, behandeln. Noch bevor der Getreue sich auf den Weg gemacht hatte, plumpste er in den Sand, bettete den Kopf auf den gekreuzten Vorderpfoten und schloss die Augen.

Der Getreue wanderte langsam auf das Zeltlager zu. Er war nicht unsichtbar, würde aber nicht weiter als vorübergehender Schemen in Erscheinung treten. Jeder, der ihn sah, würde glauben, dass er jemandem von hohem Rang begegnete, der nicht einfach angesprochen werden durfte.

Mehrere Feuer waren entzündet, an denen Tee gekocht wurde und Brot gebacken. In der Nähe des größten Zeltes wurde ein Braten zubereitet, mit einem kleinen Feuer daneben, in dem Kesselfleisch kochte. Überall saßen Männer in traditioneller, zumeist heller Wüstenkleidung um die Lagerfeuer, unterhielten sich, tranken Tee und lachten. Einige Imuhagh waren auch darunter, die nur dann den blauen Gesichtsschleier lüpften, wenn sie das Teeglas an den Mund setzten. Mehrere Jungen, Libyer und schwarzafrikanische Sklaven in hellen Kitteln, versorgten die Kamele und erledigten Besorgungen; wenn niemand hinsah, spielten sie miteinander oder ärgerten die Dromedare.

Die Bahnen des großen Zeltes wurden soeben zur Seite geschlagen, und nacheinander schritten gewichtig aussehende Männer mit prächtigen Bärten heraus. Viele trugen Gebetsketten, die sie ununterbrochen durch die Finger gleiten ließen. Murmelnd entfernten sie sich in Gruppen zu zweit oder zu dritt. Der Getreue ging an ihnen vorbei ins Zelt, in dem verhüllte Sklavenfrauen den verbliebenen drei Männern aufwarteten, neuen Tee und Gebäck brachten und die Sitzkissen zurechtrückten.

In der Mitte saß der weißbärtige, über siebzigjährige Sidi Muhammad Idris al-Mahdi al-Sanussi, Emir der Kyrenaika und König von Libyen. Die anderen beiden Männer waren seine engsten Vertrauten, beide schon in den Sechzigern.

»Wir müssen diesmal Erfolg haben«, sagte Idris I. ernst, »oder wir werden unsere Unabhängigkeit verlieren. Schon drängen die Europäer wieder hier herein, beschämen uns mit ihren Angeboten, die uns immer abhängiger von ihnen machen.«

»Aber wir brauchen ihre Hilfe, solange derartige Armut herrscht«, wandte der Mann zur Rechten ein.

»Wir werden keine Geschenke annehmen«, sagte der Mann zur Linken. »Wir werden ihnen im Gegenzug etwas anbieten.«

Der König seufzte. »Nur, was? Dies ist der letzte Versuch, Wasser zu finden, meine Freunde.« Er hieb mit der Faust auf den Sitzteppich. Es gab nur ein leises, dumpfes Geräusch, als der Teppich in den Sand einsank. »Ich weiß, das Wasser ist da! Und es ist viel! Mehr, als dieses Land braucht, um grün zu werden! Wenn wir es finden, brauchen wir keine Hilfe mehr von außen, sondern werden ein geachteter internationaler Geschäftspartner!«

»Du hängst Träumen nach, Herr.«

»Dies alles sind nur Legenden.«

»Keine Legenden, sage ich euch!« Idris redete sich immer mehr in Leidenschaft hinein. »Das Wasser ist da, einst war dieses Land voll davon, grün und blühend! Es steht geschrieben, dass hier der Ursprung der Zivilisation zu finden ist. Sie war die erste! Von hier zogen sie aus, um der Welt Wissenschaft, Kunst, Philosophie, Medizin und …«

»… Magie zu bringen. Doch wo ist sie heute? Wo ist alles?«, sagte der Mann links.

»Vieles ging verloren und versank im Sand der Zeit, genau wie die Insel auch, von der du immer träumst, Herr«, fügte der Mann rechts hinzu.

Und wieder links: »So viele haben nach ihr gesucht … die Europäer sind ganz wild darauf …«

»Und ich werde das Wasser finden, das von damals übrig ist!«, rief der König. »Ich kann mich nicht täuschen, Allah selbst hat mich geführt …« Plötzlich hielt er inne und richtete den Blick auf den Eingang, wo der Getreue seit einiger Zeit still stand. Dann ließ er den Kopf leicht sinken. »Ich bin müde, meine Freunde. Lasst mich für ein paar Augenblicke allein, bevor wir weiterreden.« Auf seinen Wink hin verließen alle das Zelt. Keiner von ihnen, die an ihm vorübergingen, bemerkte den Getreuen.

»So«, sagte Idris dann müde, als sie allein waren, »bist du also gekommen, um mich zu holen. Habe ich noch Zeit für mein letztes Gebet, und mein Gesicht anständig zu bedecken?«

»Ich bin nicht der Tod«, antwortete der Getreue mit heiserer Stimme und näherte sich langsam dem alten Mann.

»Dann bist du sein schwarzer Schatten.« Der König blickte durch seine Brille zu ihm auf. »Warum bist du denn hier, wenn nur ich dich sehen kann?«

»Ich hörte von deinem Traum. Du glaubst daran, dass dein Königreich einst zu dem mystischen Atlantis gehörte, von dem Platon einmalig berichtete?«

»Woher weißt du das? Nur meine beiden engsten Vertrauten haben Kenntnis davon … und sie würden nie zu jemand anderem darüber sprechen.«

Idris’ Hand zitterte leicht, als er nach dem bunten, mit Gold verzierten Teeglas griff und einen Schluck nahm. Der Getreue setzte sich zu ihm und nahm sich ebenfalls ein Glas.

»Ich kann deine Gedanken hören, Idris«, sagte er ruhig. »Sie führten mich hierher. Und ich habe dir etwas dazu zu sagen.«

Der König hob leicht die Brauen, und sein Gesicht nahm einen aufmerksamen Ausdruck an. »Dann warte nicht zu lange, damit ich es noch erlebe.«

Der Getreue holte sich ein paar Datteln. »Das Wasser, das du suchst, befindet sich nicht hier, sondern in Al Jawf.«

»Kufrah? Aber dort gibt es doch bereits Oasen, nur …«

»Dort ist das Wasser. Mehr, um ein paar Oasen zu speisen.«

Idris’ unter den Falten des Gewandes verborgener Bauch begann vor Aufregung zu zittern. »Dann gibt es das wirklich, wovon die Vorväter träumten?«

Der Getreue nickte. »Ein gigantischer unterirdischer Wasserspeicher, dessen Ausmaße so schnell nicht ermessen werden können. Wäre mit der heutigen Technik noch einmal einen Versuch wert.«

»Aber … wie ist das möglich? Wie kannst du davon wissen?« Die randlose Brille auf der königlichen Nase wackelte.

»Ich habe es gesehen«, antwortete der Getreue leise. Er trank das Glas leer und nahm noch ein paar Datteln. »Deine Gedanken haben mir die Erinnerung wiedergegeben.« Und nicht zuletzt auch Ayoubs wandernde Seele. Irgendwie musste das zusammenhängen.

»Und … und die Insel der Mächtigen?«

»Atlantis existierte tatsächlich an diesem Ort, König. Vom Meer bis … wer vermag es zu sagen. Das Zentrum lag dort, wo der Ozean heute ist.«

»Dann war es keine Insel?«

»Wie man’s nimmt. Damals war hier alles grün, und es gab Meereseinschnürungen und gigantische Seen, die sich aus dem Relikt speisten, von dem ich dir vorhin erzählte.«

»Platon schrieb aber doch, dass Atlantis im Meer versank …«

»Und so geschah es auch.« Der Getreue zeichnete Figuren mit der rechten Hand in die Luft, und Idris sah atemlos zu. Er sah eine blühende Zivilisation in einem Reich, das ihm fremd und zugleich vertraut war, über eine lange Zeit. Bis sich das Klima wandelte und aus einem paradiesischen Land wurde eine trockene Wüste. »Atlantis … die Insel … versank nicht im Ozean, sondern im Sand. Im Meer ohne Wasser.«

»baḥr bilā māʾ«, flüsterte der König.

Der Getreue nickte. »Das ist die Verbindung. Ziehe deine eigenen Schlüsse.« Er erhob sich. »Wie bist du überhaupt darauf gekommen, diesem Mythos nachzuhängen?«

»Hast nicht du mir davon erzählt, als ich ein hoffnungsloser Junge war?«, flüsterte der König mit halb geschlossenen Augen.

»Ach, richtig. Noch etwas, das ich vergessen hatte.« Es war Zeit zu gehen. Er hatte alles, was er benötigte. Den Anker, um weiter zurückzureisen in die Vergangenheit. Und die Wegweisung, indem er seine eigenen Schritte zurück verfolgte. Der Pfad zu seinen Erinnerungen. Und das Ziel seiner Selbstfindung, bevor er verging. Für den Moment war er gestärkt, also war es geboten, weiterzureisen.

Das Haupt des Königs war ihm auf die Brust gesunken, er schien zu schlafen. Der Getreue verließ das Zelt gerade in dem Moment, als ein Bote herbeistürmte und unter Missachtung sämtlicher Höflichkeitsgebote in das Zelt des Herrschers stürzte.

»Malek!«, schrie er. »Herr, o König, es ist unfassbar – wir haben Öl gefunden!«

Ein überraschter Ruf drang aus dem Zelt, gleichzeitig war im Nu das ganze Lager auf den Beinen. Diese Nachricht war besser als alle Oasen und Brunnen und selbst der Wasserspeicher in Al Jawf. Es war der Beginn einer neuen Ära, und das begriffen sofort alle aufgrund eines einzigen Zauberworts – Öl.

Der Getreue zuckte mit den Achseln. 1962, erinnerte er sich. Ungefähr zu der Zeit wurde Öl in Libyen gefunden. Nun gut, wenn sie das nächste Mal im Süden nach Öl bohrten, würden sie eben in den Kufrah-Oasen Wasser finden, und Ayoub wäre mit dabei. Diese Linie blieb gewahrt.

Während das gesamte Lager in Aufruhr war und zusammenlief, ging er zum großen Feuer, nahm kurzerhand den ganzen Spieß sowie den Kessel und kehrte mit beidem beladen zum Brunnen zurück, ohne dass jemand auf ihn achtete.

Er konnte den Brunnen schon sehen, nicht aber Kurus. Da er an Mantikore glaubte, war es schlecht möglich, dass Kurus für ihn unsichtbar geworden sein sollte. Also war er weg!

Da hörte er schon einen jämmerlichen Schrei. Der Getreue stellte das Essen ab und fluchte. Wenn er nur im Vollbesitz seiner Kräfte wäre! Niemand würde es dann wagen, ihm nicht zu gehorchen, egal wie hungrig er sein mochte.

Hastig sah er sich um, und da entdeckte er schon einen Sklavenjungen, der vor Angst kreischend durch die Wüste floh. Und ihm auf den Fersen, verspielt wie ein Kätzchen, der Mantikor.

»Kurus!«, schrie der Getreue und rannte los. Er hatte nur noch wenige Augenblicke. Mantikore waren auf der Jagd ähnlich wie Hauskatzen. Wenn sie einer Beute sicher waren, jagten sie sie zum Spaß ein bisschen länger durch die Gegend, das machte das Fleisch süßer und schmackhafter, bevor sie ihr Opfer dann töteten und fraßen.

Das Kind heulte laut und lief, so schnell es konnte, immer weiter vom Lager fort. Kurus brauchte nur die Pranke auszustrecken, so nahe war er bereits dran. Nur ein kurzer Wisch mit einer Kralle, und das Kind wäre aufgeschlitzt und nicht mehr zu retten.

Da es seine erste Jagd war, war Kurus nicht nur verspielt, sondern auch neugierig; seine Instinkte mussten erst richtig erwachen. Das hatte dem kleinen Jungen bisher das Leben bewahrt.

»Kurus!«, wiederholte der Getreue und rannte im Zickzack dem Mantikor nach, der in grotesken Sprüngen hinter dem Kind, das vermutlich auf zwei Happen in sein Maul passte, herhüpfte.

Mit einem letzten gewaltigen Satz sprang der Getreue den Mantikor an, als der zum tödlichen Schlag ansetzte, erwischte gerade noch rechtzeitig den Skorpionschwanz und zerrte mit aller Kraft daran.

Das Kind lief schreiend weiter und bekam zum Glück nichts von den Vorgängen hinter sich mit. Irgendwann würde es schon merken, dass ihm keine Gefahr mehr drohte, und auf direktem Wege ins Lager zurückrennen.

Kurus stieß einen überraschten Laut aus, als er plötzlich mitten im Lauf gestoppt – und dann herumgerissen wurde. Der Getreue schleuderte ihn um sich herum und warf ihn Richtung Brunnen, wo er ungefähr auf halbem Wege mit gewaltigem Getöse und einer Sandexplosion landete, den Kopf voran in einer kleinen Düne.

Doch er verharrte nicht lange, sein Zorn war geweckt. Brüllend, sämtliche Krallen ausgefahren, fuhr er herum, um den Getreuen in tausend Fetzen zu zerreißen. Der wich mühelos aus, griff in die Mähne des Mantikors und sprang ihm in den Nacken, außer Reichweite der Krallen und des gefährlichen Mundes. Dann packte er ein Löwenohr und verdrehte es.

Kurus, der so groß wie ein Pferd und so schwer wie ein Elefant war, knickte sofort jaulend ein. »Au, au, au, au!«, jammerte er.

»Das war gar nichts«, sagte der Getreue. »Pass auf, was ich jetzt mit deinem anderen Ohr mache.« Er ließ das geschundene Ohr los, nur um das zweite noch schlimmer zu malträtieren.

Der Mantikor warf sich winselnd zu Boden, wollte sich wälzen, doch dadurch wurde der Schmerz nur schrecklicher. »Bitte!«, wimmerte er. »Bitte, bitte, aufhören!«

»Warum hast du mir nicht gehorcht?«, fragte der Getreue streng und ließ das Ohr gerade so weit frei, dass Kurus Luft holen konnte, um zu antworten.

»Aber es war doch nur ein Mensch! Menschen sind nicht mehr als Futter, sie sind beschränkt und unterentwickelt, das hast du selbst mir gesagt!«

»Sagte ich nicht, wir sind in der Menschenwelt? Und dass alles zusammenbricht, wenn du auch nur einen von ihnen anrührst? Oder ein Tier?«

»Aber ich ha-ha-hab doch so Hunger!«, heulte Kurus verzweifelt. »Ich hab es nicht mehr ausgehalten, und da kam dieses süß duftende kleine Welpchen in meine Nähe, so zart und fleischig … wem hätte es schon gefehlt, da gibt es noch so viele …«

Der Getreue hatte genug. »Zurück zum Brunnen, los, und da wartest du! Ich komme sofort.« Er sprang ab und ging wutschnaubend zu dem Spieß und den Kessel, die er zuvor stehenlassen musste.

Der junge Mantikor gehorchte, seine Ohren sahen zerknittert aus, und er wagte nicht, sie zu bewegen, aus Angst vor den damit verbundenen Schmerzen. Auf dem Bauch robbte er zum Brunnen zurück und ließ seinen Herrn nicht aus dem Blick; ebenso wenig der Getreue ihn.

Dann leuchteten die orangefarbenen Augen auf, als seine Nase den Bratenduft empfing und er gleichzeitig die verlockende Nahrung sah, die für ihn bestimmt war.

»Du hast es gar nicht verdient!«, zischte der Getreue, während er es ihm hinwarf. Aber natürlich konnte er dem Mantikor das Essen nicht mehr vorenthalten, da der sonst aus verzweifeltem Hunger im Lager wüten würde. In diesem Zustand würde auch kein Ohrenverdrehen die Katastrophe verhindern.

Kurus stürzte sich auf das Essen und verschlang es in wenigen Bissen, wobei seine drei Zahnreihen nur so klickten. Danach lächelte er glücklich und mit rosigen Wangen. »Du bist ein guter Herr!«, sagte er zufrieden und rülpste. Der Gestank, der nach der ersten Mahlzeit seines Lebens aus dem Maul kam, war eines Mantikors würdig.

Dass ein Mantikor sich niemals einem Herrn unterwarf, würde Kurus gewiss lernen, aber der Getreue würde ihm diese Lektion sicher nicht beibringen.

7.
Hunger

Auf dem Heimweg war Anne außer sich. »Ich kann es einfach nicht glauben! Was ist nur los mit mir?«

»Wovon sprichst du?«, fragte Robert ratlos.

Sie blieb stehen und warf die Arme in die Luft. »Ich gebe nach! Ich tu, was du sagst! Ich … ich kenne mich selbst nicht mehr!« Er zuckte kurz zusammen, als ihre Hände sich in seinem Mantelrevers verkrallten. »Als ich dich zu meinem Gefährten gemacht habe, habe ich dir etwas gegeben!«, fuhr sie fort. »Ich habe dich zu meinesgleichen verändert, soweit es möglich war. Du bist nun gewissermaßen elfisch, so wie Nadja, und du bist auch ein wieder auferstandener Vampir. Aber …«

Er hob die Hand und strich eine dunkle Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Er stand ruhig, während sie zitternd an seinem Mantel zerrte. »Aber du fragst dich jetzt, was ich dir gegeben habe, und wie das geschehen konnte«, sagte er sanft.

Sie blies heftig den Atem aus, ließ ihn los und wandte sich ab. »Das wusste ich nicht«, stieß sie hervor. Sie rieb sich die Arme, als ob sie frieren würde. »Du warst der Erste, ich hatte darin keine Erfahrung. Wenn ich das nur geahnt hätte!«

»Ich glaube«, sagte er behutsam, »da kommen mehrere Faktoren zusammen.«

Sie atmete tief durch und drehte sich zu ihm. »Und welche?«

»Du bist sterblich geworden, Anne. Das mag dir noch nicht so offenkundig bewusst sein, aber das verändert. So wie mich die Erkenntnis verändert, dass ich jetzt unsterblich bin.«

»Und weiter?«

»Anscheinend ist es bei dieser Sache … dieses Geschenks an mich wie bei einem Handel. Du gibst mir etwas, also muss ich dir auch etwas geben. Elfenregeln.«

»Wunderbar«, sagte sie bitter. »Ich gebe dir meine Macht und Kraft und bekomme dafür von dir deine Schwäche.«

»Nein«, widersprach er. »Menschlichkeit.«

»Was ist der Unterschied?«

»Immerhin habe ich dir keine Seele geschenkt.«

»Dafür bin ich sehr dankbar.«

Eine Weile standen sie schweigend voreinander. Robert hoffte, dass Anne nicht sehen konnte, wie tief gekränkt er war. Er konnte aber auch verstehen, dass sie nicht minder verletzt war.

»Seit Jahrtausenden bin ich die Muse der Menschen«, murmelte sie. »Wie konnte das nur geschehen?«

»Es ist die Zeit, die Veränderungen bringt«, sagte er leise. »Du bist immer noch eine Dämonin, Anne, es hat sich nichts geändert. Aber es schadet nicht, wenn deinerseits nicht mehr alles aus der Distanz beobachtet wird. Wenn du Anteil hast am Schicksal anderer, und sie nicht einfach nur lenkst.«

Sie stieß einen trockenen Laut aus. »Das ist nicht Elfenart.«

»Eben doch«, widersprach er. »Rian. Pirx. Grog. Und erinnere dich an das, was wir beim Priesterkönig erlebt haben. Hingabe, Zuneigung, Aufopferung.« Langsam legte er seine Hände an ihre Schultern. »Befreie dich von deinem Vater, Anne. Er ist nicht das Maß aller Dinge, auch wenn er dich einst darauf konditioniert hat. Durch deine einzigartige Gabe unterscheidest du dich von seiner gefühllosen Kälte. Was Menschen durch dich geschaffen haben, kann nicht von dir emotionslos in Gang gesetzt worden sein. Magie ist keine Maschine. Das kann ich beweisen, ich habe schon eine Ley-Linie gesehen, sie ist lebendig und pulsiert. Sie ist das Adergeflecht zum Herzen der Welt. Und ich habe oft genug deine Leidenschaft erlebt, in vielen verschiedenen Situationen.«

Ihre tiefliegenden Augen ruhten auf ihm. »Und darum liebst du mich?«

Er hob leicht die Schultern. »Das ist schwer zu erklären. Es gibt viele Gründe – und keinen. Zumindest keinen rationalen, den man analysieren kann. Mein Herz hat so entschieden, und dann ist es eben so. Nicht zu ändern.«

»Das ergibt doch keinen Sinn.«

»Die Liebe ist ihr eigener Sinn, Anne.«

»Aber was empfinde ich wohl für dich nach dieser langen Zeit?«, sagte sie nachdenklich.

»Immerhin schon ein Fortschritt, dass du es überhaupt zugibst«, schmunzelte er.

»Nachdem ich den Schritt getan habe, stand das außer Frage.« Sie blieb ernst. »Und nun bemerke ich weitreichende Veränderungen an mir, die mich beunruhigen. Sie sollten mir missfallen, aber dem ist nicht so. Das verwirrt mich am meisten und das muss ich erst … ergründen.«

»Und warum kannst du es nicht einfach geschehen lassen?«

»Einfach so?« Sie klang schockiert.

Er nickte. »Schau, du lebst schon so lange, Anne. Du hast alles, was möglich ist, mehrmals erlebt – aber das hier noch nicht. Das ist einmalig, so wie es die Liebe eben auch ist. Wie wär’s, wenn du es zulässt und dadurch herausfindest, wohin es führt? Es könnte sogar Spaß machen.«

Anne hob die Brauen. Dann zuckte ein Lächeln in ihren Mundwinkeln. »Du hast zu viel von mir gelernt. Ich sollte dich verlassen und Toms Muse werden.«

»Von dem lass die Finger! Außerdem ist er nicht an Frauen interessiert.«

»Na und? Ich bin eine elfische Dämonin. Denkst du, das wäre mein erstes Mal?«

Robert nahm ihren Arm, hakte ihn bei sich unter und schlenderte mit Anne weiter. In diesem Moment hörte der Schneefall auf, die Wolkendecke riss auf und schickte einen gleißenden Sonnenstrahl durch die klare, kalte Luft.

»Wenn das kein Zeichen ist!«, bemerkte er lachend.

»Unheilbarer Romantiker«, versetzte sie und stieß ihn leicht in die Seite. »Lass uns zum Stachus gehen und die Lage sondieren, bevor wir uns heute Nacht an die Arbeit machen.«

*

Die Sonne ging schon früh unter in diesen Tagen. Die Kälte biss zu, sobald es anfing zu dunkeln, und die Leute drängelten sich an den Glühweinständen. Dick eingepackte Straßenmusikanten aus Ecuador spielten Weihnachtslieder mit Quechua-Flöten, und sogar ein Maroniverkäufer hatte sich eingefunden, neben dem Stand mit den gebrannten Mandeln und Magenbrot. Überall brannte festliche Beleuchtung, Weihnachtssterne, Kometen, Engel und mehr, umrankt von grünen Girlanden. Die Jäger der Weihnachtsgeschenke steckten ihre Reviere in den Kaufhäusern ab und feilschten um die besten Schnäppchen.

Die Polizisten liefen möglichst unauffällig zu zweit Patrouille, sondierten unentwegt die dunklen Stellen oder hielten Ausschau nach verdächtig wirkenden Gestalten.

Es herrschte friedliche Feierabendstimmung, obwohl es erst Spätnachmittag war und im Sommer um diese Uhrzeit jeder an den Badesee gefahren wäre. Vereinzelt stäubte Schnee vom Himmel und brachte die Luft zum Glitzern.

Albert hasste und liebte diese Zeit am meisten. Er hasste sie, weil sie ihn zum Weinen brachte, wenn er sich zwangsläufig an die Vergangenheit erinnerte, als er noch einer von denen da gewesen war. Einer der geschäftig dahineilenden Familienväter, die sich beeilten, nach Hause zu kommen, nur vorher rasch eine Kleinigkeit besorgten. Damals hatte er die Penner genauso mitleidvoll angeschaut, wie er heute betrachtet wurde, und hatte gar nicht verstehen können, wie man so tief sinken konnte. Zu seinem Leidwesen musste er feststellen, dass das sogar sehr schnell gehen konnte und man nicht unbedingt Einfluss auf die Entwicklung hatte.

Wie lange war das her? Nein, nein, nicht zählen. Dann musste er nur noch mehr weinen, und nichts war demütigender, als vor all denen da zu heulen. Sie sprachen einem auch so schon jegliche Würde ab.

Aber immerhin, und das war der Grund, warum Albert diese Zeit liebte, waren sie zu Weihnachten freigiebiger und nachsichtiger. Die Beruhigung des schlechten Gewissens. Auch die Niedrigsten sollten es mal ein bisschen besser haben, und man hinterfragte nicht, wieso sie auf der Straße saßen und bettelten.

Heute war ein recht guter Tag gewesen, stellte Albert fest. Da würde er sehr spät, wenn kaum mehr jemand da war, in den Frittenburger gehen und sich den Bauch vollschlagen. Kurz vor Betriebsschluss bekam er da oft noch einen Nachlass. In diesen Wochen gegen Jahresende musste Albert zwar oft frieren, aber nicht hungern. Da er nicht trank, was eine rühmliche Ausnahme war, wie er wusste, hatte er meistens etwas zu essen, und ab und zu durfte er in einem Geschäft die Mitarbeiterdusche benutzen und leistete sich den Waschsalon. Eine ordentliche Kleidung war das Wichtigste, das sagte Albert immer zu den anderen. Die meinten dann, dass er sich gefälligst schleichen solle, er, der antialkoholische besserwisserische Buchhalter, der sich für was Vornehmeres hielt und angenehmer riechen wolle, wo es auf der Straße doch immer gleich stank.

Ab und zu wurde es eng, vor allem im Winter. Nicht nur, dass die guten Verstecke noch begrenzter waren und man auf der Hut sein musste, nicht von den Bullen aufgegriffen zu werden, man lief auch mehr Gefahr, den Jugendbanden in die Arme zu laufen. Wenn man Glück hatte, verlor man nur den Verdienst vom Tage. Viel öfter aber verlor man noch ein paar Zähne. Inzwischen gab es auch welche, die einen gar nicht ausrauben, sondern überhaupt nur zusammenschlagen wollten, dabei mit dem Handy filmten, um die Aufnahmen in den Social Medias zu verbreiten. Happy Slamming nannten sie das. Unter happy verstand Albert aber was anderes. Was das Slamming allerdings betraf, damit kannte er sich inzwischen recht gut aus.

»Danke, vergelt’s Gott und fröhliche Weihnachten«, murmelte er höflich und kopfnickend, immer bemüht, dem Gebenden nicht in die Augen zu sehen. Der wäre dann peinlich berührt und würde das nie wieder tun. Als Penner hatte man genau zu wissen, wie man sich zu benehmen hatte, und musste sich bewusst sein, wo der eigene Stand war: flach auf dem Boden, unterhalb jeder nützlichen Kreatur.

»Alles Gute«, sagte der Mann und gab ihm einen Schein, und Albert fielen fast die Augen aus dem Kopf. Sah er richtig, waren das wirklich fünfzig Euro?

»V-verzeihung, aber Sie haben …«, stammelte er und hätte beinahe zu hoch geschaut. Er bremste gerade rechtzeitig vor der Augenhöhe und erkannte dabei, dass es ein gut gekleidetes Paar war, das Arm in Arm vor ihm stand. Von der Frau ging ein Duft aus, nach Sandelholz und Moschus und Rosen, der Albert fast den Verstand raubte.

»Das ist in Ordnung«, unterbrach der Mann. Er hatte eine merkwürdige Ausstrahlung, die Albert ein wenig beunruhigte. »Gönnen Sie sich was.« Sie gingen weiter, und Albert wäre am liebsten jubelnd und mit dem Schein wedelnd die Fußgängerzone rauf und runter gerannt.

Die Polizei kam schon wieder vorbei. »Alles in Ordnung?«, fragte die Gesetzeshüterin.

Hatte er sich etwa töricht benommen und es nicht gemerkt? Kleiner Blackout? Still, still, er durfte nicht auffallen, sich nicht verraten …

»Ja, danke«, antwortete Albert im gewohnt devoten, höflichen Tonfall und sah sie nicht an, hob den Blick nur halb. »Ich fühle mich sicher.«

»Machen Sie bald Schluss«, riet der Kollege. »Wir dürfen Sie hier nicht sitzenlassen, das wissen Sie.«

»Ich wollte sowieso gerade gehen«, versicherte Albert. »Es reicht heute sogar fürs Asyl.«

»Schön. Gu… hmm … Abend.«

Albert wartete, bis sie in der Menge verschwunden waren, dann stand er auf. Seit diese furchtbaren Morde geschehen waren, gab es mehr Kontrollen als früher, aber die Polizei war erstaunlich rücksichtsvoll. Sogar gesiezt hatten sie ihn. Als ob er ein Mensch wäre wie sie, was natürlich ein Trugschluss war. Wahrscheinlich hatten sie Angst, dass die Presse irgendwo lauerte und alles dokumentierte.

Die meisten Obdachlosen hatten sich zum Hauptbahnhof zurückgezogen, wo heftige Kämpfe wegen des begrenzten Platzes stattfanden, aber dort fühlten sie sich trotzdem sicherer. Albert war geblieben.

Wenn es denn sein sollte, dass ihm jemand ans Leder wollte, dann war es eben so, er sah das völlig fatalistisch. Er hatte sowieso nichts mehr zu erwarten. Tagein, tagaus dieses Leben, jahrein, jahraus … er war nur zu feige, Schluss zu machen. An einem verbliebenen Funken Hoffnung lag es nicht, denn es würde niemals wieder besser werden. Eher schlimmer, wenn sich das Alter mit Zipperlein und desgleichen bemerkbar machte. Wenn er nun also ermordet würde, wäre alles überstanden, und es gab wenigstens einen kurzen Nachruf in der Zeitung. Und seine Familie in Berlin würde es erfahren, vielleicht sogar in den Abendnachrichten, wenn es bei Albert besonders grausige Details gäbe. Zur Vorsicht hatte er immer seinen abgelaufenen Ausweis dabei, damit man wusste, dass er einst einen Namen, einen Wohnsitz und ein ordentliches Leben gehabt hatte.

Das mit dem Asyl hatte er nur so gesagt, weil es die Polizisten gern hörten. Aber das stundenlange Anstehen hatte Albert satt, vor allem, wenn dann sowieso kein Platz mehr frei war. Er döste ja irgendwie den ganzen Tag vor sich hin, da machte es nichts, wenn es nachts unbequem war. Unter Schlafmangel litt er nicht, er tat ja nichts weiter und konnte jederzeit ein Nickerchen halten, wann immer ihm danach war.

Das Essen war es, um das er immer panisch besorgt war. Als er auf der Straße angefangen hatte, hatte Albert so unter Hunger gelitten, dass er alles gelb gesehen und sich die Galle aus dem Leib gekotzt hatte. Das sollte ihm nie wieder passieren. Da half auch kein Alkohol, aber den hatte er sowieso noch nie vertragen. Und seit er die Galle los war, wurde ihm schon übel, wenn er nur daran dachte.

»Ach, was soll’s«, murmelte Albert und steuerte einen Straßenimbiss an. Gönnte er sich heute eben schon früher etwas, und etwas Besonderes. Döner? Bratwurst? Pizza? Eins nach dem anderen? Albert kicherte in sich hinein. Nein, das ging nicht, würde nur auffallen. Und auch gar nicht in seinen geschrumpften Magen passen.

Besser, das Geld nach und nach auszugeben, das würde für Tage reichen. Also holte er sich zwei Leberkäsesemmeln aus dem Sonderangebot, einen großen Kaffee und ein Wasser. Während die eine Hand sich um den knisternden Schein krümmte, zählte die andere die Münzen exakt ab. Und dann gab er noch zehn Cent obendrauf und lächelte heiter dazu.

Die Leute schauten ihn ausnahmsweise einmal nicht komisch an, weil man bei der Dunkelheit, den dahintreibenden Schneeflocken und den dick eingepackten Figuren sowieso nicht mehr erkennen konnte, ob sich da ein Penner unter die Menge mischte. Albert trug außerdem einen Hut, der seine Haare und die Hälfte seines Gesichtes verbarg.

»Hör mal, Alter …«, fing der Mann im Fenster an, der natürlich sehen konnte, wen er da vor sich hatte, aber er winkte ab.

»Lass man gut sein, Junge, das ist doch lächerlich, was ich dir da geb, aber gönn mir die Freude, ja? Heut war’s ein guter Tag, und ich will davon was weitergeben.«

»Na, dann.«

Er nahm die Tüte in Empfang und machte sich seltsam beschwingt wieder auf den Weg. Heute war ihm noch gar nichts Schlechtes passiert, und trotzdem hatte er keine Angst, dass es dafür umso geballter kommen könnte. Denn es kam sogar besser. Als er die Tüte öffnete, entdeckte er einen kleinen Schokoriegel, den der Mann am Fenster extra eingepackt hatte, ohne etwas zu sagen oder zu berechnen. Und zwar, bevor Albert ihm die Münze gegeben hatte.

Albert stiefelte über den Karlsplatz bis hinunter zum Alten Botanischen Garten, setzte sich dort im Dämmer auf eine Bank und schmauste voller Genuss. Der kleine Park selbst war unbeleuchtet, aber der Schein der Straßenlampen ringsum fiel herein, und der Schnee reflektierte das Licht zusätzlich.

Ab und zu knackste es im Gehölz, aber Albert fürchtete sich nicht. Er wusste, dass hier Katzen nach Ratten jagten. Er hatte schon völlig Abgestürzte mit den Katzen um die fiepende und bissige Beute kämpfen gesehen.

Selbst wenn man sich schon ganz unten angekommen glaubte, ging es trotzdem immer noch ein Stückchen tiefer hinab. Drogen und Alkohol. Aber so tief würde Albert niemals sinken. Das nicht!

Mit dem Kaffee zusammen kaute Albert den Schokoriegel und kam sich vor wie im Himmel. Er konnte sich fast nichts Besseres wünschen. Nun den Rest der heutigen Einkünfte noch ins Versteck bringen und dann auf zur Suche nach einem Nachtlager. Es wäre zwar ein wenig früh, aber es war dunkel, und wenn es einen guten Platz gab, warum nicht? Er konnte sich ja ein wenig im U-Bahnhof herumtreiben, außerhalb des Sichtbereichs der Kameras. Da war es einigermaßen warm, das half die Nacht besser zu überstehen. Eventuell konnte er da sogar zwei Stunden in Ruhe schlafen.

Und dann würde er mal wieder nachzählen, was er gebunkert hatte. Vielleicht würde es ja doch mal reichen, um …

Ja, was sollte er eigentlich damit anfangen? Eine dicke Jacke hatte keinen Sinn, die würden die Banden ihm sofort wieder wegnehmen. Desgleichen Schuhe. Hatte er alles schon einmal ausprobiert und dann nie wieder. Ein anständiges Essen, also ein Menü? Nur, wenn es nach draußen geliefert wurde, denn in ein Restaurant würde ihn keiner lassen. Also, was?

Ein Hund, dachte Albert. Ich werde mir einen Hund aus dem Tierheim holen. Und wenn die mir keinen geben, so werde ich schon anderswo einen finden. Und dann bin ich nicht mehr allein. Ich werde mich gut um ihn kümmern, und wir werden uns im Winter gegenseitig wärmen, und im Sommer fahre ich mit ihm an den See. Von dem Gesparten kaufe ich ihm ein Halsband und Dosenfutter. Aber nur Gutes, keinen Billigdreck. Mein Hund soll es bestens haben. Er soll glänzende Augen und ein glänzendes Fell haben, und die Leute sollen sagen, wie gepflegt er ist und mich dafür bewundern.

Alberts Herz begann aufgeregt zu pochen. Das war es! Gleich nach Weihnachten, wenn die niedlichen flauschigen Geschenke unterm Christbaum zum ersten Mal ins Haus gepisst hatten und deswegen rausflogen, würde er sich einen so armen kleinen Kerl holen und sich seiner annehmen. Wenigstens einer sollte Glück im Unglück haben.

Er nickte heftig, stand auf und kehrte zum Stachus zurück. Ein guter Plan, ein sehr guter Plan. An ihm würde er heute Nacht noch ein bisschen herumfeilen. Unten in der Bahn, wo es wärmer war.

Alberts gewohnter Abstieg war gesperrt, das hatte er vergessen. Das Problem war, die anderen Abgänge waren bewacht. Überall patrouillierten Polizisten und nahmen jeden genau in Augenschein, der runter wollte. Vor allem auf die Penner hatten sie es abgesehen, keiner durfte sich derzeit dort unten aufhalten. Dabei war Albert sicher, dass ihm nichts geschehen würde. Es gab ja niemanden mehr außer ihm hier, die anderen waren alle feige abgehauen. Und nun gehörte ihm dieses Revier ganz allein. Was bedeutete, die anderen brauchten sich bloß nichts einzubilden, wenn sie irgendwann zurückkamen, sobald die Luft rein war, und meinten, es ginge so weiter wie vorher. Nichts da!

Für Albert stellte sich nun das Problem in den Weg, dass er unbedingt da hinunter musste. Denn dort war auch sein Safe, wo er das Geld bunkerte. Und das war jetzt wichtig, wo er doch bald einen Hund zu versorgen hatte.

Da lachte ihm erneut das Glück.

Eine Gruppe Touristen kam angestapft, in lebhafte Unterhaltung vertieft. Albert lavierte sich geschickt mit dazu und war schon in der U-Bahn unten, noch bevor sein Herz aufgeregt pochen konnte. Man lernte auf der Straße schnell, unsichtbar zu sein. Albert war inzwischen Profi, trotzdem hatte er jedes Mal Lampenfieber.

Er steuerte zwischen den Menschen hindurch und hinter den Säulen entlang, immer am Erfassungsbereich der Kameras vorbei, zum anderen Ende des Bahnsteigs, wo es keinen Aufgang mehr gab. Er setzte sich auf die letzte Bank, ganz nach außen, und beobachtete aus der Distanz die Leute, die auf den Zug warteten. Wenn Polizei auftauchen würde, musste er schnell verschwinden. Mist, ich habe die Bahnsteigkarte vergessen!, dachte Albert ärgerlich. Dabei hätte ich sie mir heute leisten können.

Und dann hätte die Polizei ihm nichts anhaben können. Mit einer ordnungsgemäß gelösten Bahnsteigkarte durfte er sich hier aufhalten, zumindest für eine bestimmte Zeit. In so einem Moment hatte er nicht einmal den Status des Obdachlosen. Eine oder zwei Stunden Normalität. Und er hatte es vergessen!

Er könnte sich heute sogar eine ganz normale Fahrkarte kaufen und eine Weile kreuz und quer durch die Stadt fahren. In der U-Bahn sitzen und so tun, als wolle er irgendwohin.

Und wenn ich den Hund habe, gehe ich mit ihm im Englischen Garten spazieren. Und unterhalte mich mit anderen Hundebesitzern und tausche Tipps …

Die Polizei kam und ging. Albert spielte Verstecken mit ihr und gewann jedes Mal. Der Abend schritt voran, die Geschäfte schlossen, der Bahnsteig leerte sich. Bald konnte er an sein Versteck, und dann nach einer Übernachtung suchen. Vielleicht löste er doch noch eine Bahnsteigkarte und blieb hier bis zur Sperrstunde, immerhin war er ja gut bewacht. Und es war leidlich warm im Gegensatz zu oben. Wenn er dann rausgeworfen wurde, hatte er schon ein wenig geschlafen und konnte sich im Frittenburger noch was zu essen holen, bevor er sich der Kälte stellen musste.

Alles leer. Die Gelegenheit war günstig. Schnell, schnell, bevor wieder jemand kam.

Albert glitt von der Bank, näherte sich dem Schacht und schlüpfte am Sperrschild vorbei auf den Montagesteg. Keine Gefahr durch den Zug, der Abstand war groß genug. Da hatte ausnahmsweise ein Architekt mal mitgedacht.

Eins, zwei, drei … die Schritte genau gezählt, um die richtige Stelle nicht zu verpassen. Der Tunnel war hier nur dürftig beleuchtet, und weiter hinten gab es gar kein Licht mehr. Irgendwo dazwischen war Alberts Safe.

Er erkannte die Stelle, tastete die Rillen und Unebenheiten ab und fand den richtigen Stein. Behutsam löste er ihn heraus und ließ die Hand in die Tasche gleiten.

»Hunger …«

Schlagartig standen Albert sämtliche Haare zu Berge, als er die heisere, seltsam kratzige Stimme aus der Dunkelheit hörte. Jemand hatte ihn beobachtet und kannte jetzt sein Versteck!

Hastig stopfte er das Geld, allem voran den großen Schein, in den Safe. »Ich kann dir was leihen, damit du dir was kaufen kannst«, sagte er, ohne sich umzudrehen. Fieberhaft präparierte er das Versteck und verwischte alle Spuren.

»Hunger …«

»Ja, das habe ich verstanden, Kumpel.«

Fertig. Albert stand auf und drehte sich um. »Wie wär’s, wenn du erst mal aus der Dunkelheit kommst, damit wir in Ruhe über alles reden können?«

Stille. Dann hörte Albert ein schlurfendes Geräusch und ein Röcheln, als ob jemand Schwierigkeiten mit dem Atmen hätte. Das auch noch, ein Kranker. Hoffentlich war er nicht ansteckend!

»Na, was ist? Nur nicht schüchtern, du siehst doch, ich bin einer von deiner Sorte.«

»Hunger …«, krächzte die Stimme, die so gar nichts Menschliches an sich hatte. Aber die Straße nahm einem jegliche Menschlichkeit, das war noch nicht beunruhigend.

Doch dann trat eine Gestalt ins schummrige Licht, kam quer übers Gleis auf Albert zu, und er begann zu schreien.

*

Kurz nach 23 Uhr trafen Robert und Anne wieder ein. Sie waren zu Fuß gegangen, um zu sehen, ob nur der Stachus von der Gefahr betroffen war. Sie waren nicht die einzigen Fußgänger, das eine oder andere Paar unternahm ebenfalls einen Schaufensterbummel, und natürlich war die Polizei unterwegs.

Magische Strömungen waren keine zu spüren. Was auch immer die Bürger in Angst und Schrecken versetzte, es hatte nur einen sehr begrenzten Wirkungskreis.

»Dann werden wir des Rätsels Lösung bald haben, und Commissioner Gordon wird zufrieden sein«, resümierte Robert.

»Der in dem Fall gar nicht ermittelt, und außerdem seid ihr beide zu erwachsen dafür, oder nicht?«, bemerkte Anne sarkastisch.

»Aber nein, aber nein, dafür kann man nie erwachsen genug werden«, meinte er grinsend. »Wobei, aus der Rolle des Olsen bin ich tatsächlich herausgewachsen, jetzt bin ich mehr ein Superheld, so wie Blade oder so.«

»Du hast mehr von einem Elfen an dir, als du ahnst.« Sie lachte, was selten genug vorkam. »Anscheinend bist du gerade heimgekehrt.«

»So fühle ich mich, mein Herz.«

Der gesamte Stachus lag in romantischem Licht. Der einzige Schandfleck war der hässlich verdeckte Brunnen, der sonst im Sommer zusätzliche Stimmung verbreitete.

Ein steter Strom an Autos flanierte vorbei; kaum zu glauben, dass hier mitten im Leben derart grausige Morde geschehen konnten, ohne dass die Ursache dafür gefunden wurde.

»Und denkst du immer noch schlecht über deine Stadt?«, fuhr Anne fort, während sie Arm in Arm zum verabredeten Punkt schlenderten.

»Grummel«, machte er. »Nein. Ich meine, ja. Ich meine … diese Stadt ist schön. Man wird sogar mit Hund freundlich aufgenommen, ohne gleich als niederträchtiger Sünder und Umweltverschmutzer verschrien zu sein. Aber was mich stört … ist das, was verloren gegangen ist. Die Stadt hat versucht, sich an die Moderne anzupassen, und dabei ihre eigene Identität aufgegeben. Das ist, was ich ihr vorwerfe. Sie hat all das verworfen, was sie liebenswürdig und lebenswert gemacht hat. Wien ist die Anpassung besser gelungen, und von London brauchen wir erst gar nicht zu reden. Diese Stadt aber ist ein Dorf geblieben, das nicht weiß, wohin es gehört. Doch sie hat auch ihren studentischen Flair an gewissen Orten.«

Anne sah sich um. Leute spazierten ohne Ziel und Wollen, einfach nur so. Es war der friedlichste Ort der Welt. Eine Illusion? »Wo ist jetzt Tom?«

»Na, hier«, erklang eine muntere Stimme, und plötzlich stand der blonde Journalist vor ihnen. »Ich folge euch schon eine Weile.«

Robert war verblüfft. »Wie …«

Tom grinste vergnügt. »Erste Reporterregel: Falle niemals auf.«

»Das weiß ich, aber …«

»Na ja, das ist so eine Sache. Ihr seid ja beide magische Geschöpfe.« Tom hob die Schultern. »Wisst ihr, als das auf Island geschah … als alle nach Nadja gesucht haben …«

Robert erinnerte sich. »Ich habe mit Fabio telefoniert, als du auch da warst …«

»Genau. Ihr seid alle nach Island geflogen. Und dann kam der Getreue und quetschte mich aus. Ich habe Nadja an ihn verraten.« Toms blaue Augen trübten sich. »Sie hat mir verziehen, ich mir nicht. Wie auch immer. Anstatt mich umzubringen, hat der Getreue mir etwas gegeben. Ich stellte es in Tokio fest, als ich Cagliostro begegnete. Zuerst haben wir ja darüber gerätselt, wie das möglich sein sollte. Auf dem Rückflug hatte ich allerdings genug Gelegenheit, darüber nachzudenken und meine Schlüsse zu ziehen. Und meiner Ansicht nach gibt es nur eine einzige Lösung.« Auffordernd sah er Anne an. »Mach was.«

»Und was?«, fragte sie irritiert.

»Wirke einen Elfenzauber gegen mich.«

»Was ist das für ein dummes Spiel?«

»Probier’s, Anne, bitte«, forderte Robert sie auf, der ahnte, worauf Tom hinauswollte.

Ihre Augen funkelten, aber dann gab sie nach. Sie richtete ihren Blick auf Tom. Robert hörte durch seinen Vampirsinn, dass sie etwas zu ihm sagte, konnte es aber nicht verstehen.

Tom rührte sich nicht.

Anne machte ein verblüfftes Gesicht.

»Du wolltest, dass ich auf einem Bein herumhüpfe und dabei mit den Armen wedle, wie ein Gockel um eine Henne«, sagte Tom völlig ernsthaft.

»Ja«, gab sie zu. »Meine leichteste Übung. Ich habe noch nie versagt.«

»Das hast du auch nicht. Dein Zauber kam bei mir an. Aber ich habe ihn neutralisiert.«

»Was?«, rief Robert. »Du hebst jeden Zauber auf?«

»Ich weiß nicht, ob jeden«, gestand Tom. »Aber Cagliostro, der ein sehr mächtiger Zauberer geworden ist, erzeugte keine Wirkung, solange ich in der Nähe war.«

Anne schluckte. »Und das … soll der Getreue dir gegeben haben?«

Tom nickte. »Ich kann dir versichern, vorher hatte ich diese Fähigkeit, oder wie immer man es nennen will, nicht. Und …« Er schloss die Augen, und Grauen verzerrte seine Miene. Dann brach es wie eine Sturmflut aus ihm hervor.

»Er … hat mich vergewaltigt«, flüsterte er. »Nicht körperlich, sondern geistig, was viel schlimmer ist. Was er mir angetan hat … ich sage euch ehrlich, ich war zuerst nicht sicher, ob ich das überleben würde. Überleben wollte. Ich hatte mich noch nicht entschieden, als Nadja sich aus Tokio meldete. Das war sozusagen meine Lebensrettung. Und letztendlich die Erkenntnis, dass der Getreue mir etwas als Ausgleich gegeben hatte, dass er mich derart beschmutzte.«

Robert merkte, wie sehr Tom es gut tat, mit ihnen darüber sprechen zu können, dass es aus ihm heraus musste. Kein Wunder, er hatte ja sonst niemanden, und mit Nadja konnte er nicht so darüber reden wie mit Robert und Anne, da sie der Grund für Toms Trauma war. Robert und Anne waren neutrale Verbündete, mit denen man über so etwas Entsetzliches reden konnte. Seit Monaten quälte es ihn, da musste er ja verzweifeln.

Jeder wusste, was der Getreue einem antun konnte. Robert war erstaunt, wie fröhlich Tom dabei immer noch sein konnte. Er selbst hätte sich wahrscheinlich bewusstlos gesoffen.

Hatte er getan, nach dem Tod seiner Frau und Tochter.

Anne tat etwas Ungewöhnliches. Sie legte eine Hand auf Toms Arm. »Das ist vorbei«, sagte sie mit sanfter Stimme. »Er hat seine Schuld beglichen.«

»Und ich muss damit leben?«

»Du kannst damit leben.« Anne sprach eindringlich. »Der Getreue hat erkannt, dass du noch eine wichtige Rolle zu spielen hast in dieser Geschichte, deswegen ließ er dich leben. Und gab dir etwas, wie bei einem Handel, für das, was er dir nahm. Es war schrecklich, was er dir angetan hat, aber es ist nichts, woran du scheitern müsstest, Tom. Das Gleichgewicht ist erhalten geblieben. Es ist vorbei.«

»Und die Narbe?«, sagte er leise.

»Unser Leben taucht die Feder in die Tinte und schreibt seine Geschichte auf. Das sind die Narben, Tom. Nichts anderes als Schriftzeichen. Markierungen für deine Erinnerungen. Die Historie deines Lebens. Was sollte daran schlimm oder erschreckend sein? Sei froh darum. Du wirst nicht als unbeschriebenes Blatt sterben, sondern eine Geschichte hinterlassen. Du hast deinen Abdruck in die Annalen des Lebens gesetzt.«

»Kurz gesagt: Lebe weiter?«, fragte Tom mit leicht zitternder Stimme.

»Ja«, antwortete Robert anstelle von Anne. »Es ist ein Teil deiner Entwicklung. Es hat dich nicht zerstört, und warum auch. Du bist immer noch du selbst.«

»Er raubte mir …«

»… deine Würde? Nein. Die kann dir nur geraubt werden, wenn du es zulässt. Bei allen Selbstmordgedanken: Hast du dich denn tatsächlich selbst aufgegeben?«

Tom starrte Robert an, und allmählich beruhigte sich das Flackern in seinen Augen. »Nein …« Dann, mit fester Stimme: »Nein. Nein, verdammt!«

Robert nickte. Dann zog er die Lippen zurück und zeigte seine Fangzähne. Er genoss es zu spüren, wie sie ausfuhren, und die Kontrolle darüber zu haben. »Ich auch nicht«, sagte er. »Ich habe bewusst mein Leben aufgegeben, um ein neues zu gewinnen. Aber ich bin immer noch ich selbst. Und ebenso ist es bei dir.«

Tom schluckte. »Und wofür hat er mich dann ausersehen?«

»Wer kennt sich schon bei dem Getreuen aus«, versetzte Anne. Sie konnte leicht reden, sie war ihm nie begegnet. Zumindest nicht, solange Robert sie kannte. Island zählte nicht. Er warf ihr einen misstrauischen Blick zu. Er hatte bisher kaum an der Oberfläche ihres Seins gekratzt.

»Der Getreue ist der Joker«, hörte er sich selbst sagen. »Das Zentrum der ganzen Geschichte. Und von Anfang an liegt sein Augenmerk auf den Zwillingen und Nadja. Er steuert und lenkt uns alle an einen bestimmten Punkt. Um vor allem David, Rian und Nadja dorthin zu kriegen, wo er sie haben will, und wozu er uns offenbar braucht. Was auch immer er damit bezweckt.«

»In erster Linie ist er zunächst mal tot oder zumindest verschwunden«, wandte Tom ein. »Oder habt ihr irgendwelche Nachrichten seit Island erhalten?«

»Nein. Aber ich stimme Robert zu, dass der Getreue nicht auf Dauer aufgehalten werden kann«, sagte Anne. »Er wird zurückkehren.«

»Weil er ein Prinzip ist«, erklärte Robert und wunderte sich, woher er diese plötzliche Erkenntnis nahm. Doch er war von der Richtigkeit überzeugt.

Tom sah ihn mit großen Augen an. »So was in der Art habe ich in deinem Buch gelesen. Das verstehe ich jetzt erst.«

»Da siehst du, dass du nicht der Einzige bist, der missbraucht wird«, meinte Robert und klopfte ihm auf die Schulter. »Wenngleich uns das nicht weiterhilft zu wissen, was er nun tatsächlich ist. Also, lass uns gehen.«

Anne, die wohl nur darauf gewartet hatte, ging voran.

»Nette Beißerchen, übrigens«, bemerkte Tom, während er und Robert der Muse folgten.

»Nicht wahr? Ich finde sie auch klasse. Nie mehr Zahnarzt. Wenn man bedenkt, dass ich da vorher nur Kronen hatte …«

Sie fuhren erschrocken zusammen, als ein etwa siebzig Zentimeter kleines, dickes Männlein mit dichtem Fell aus der heraufkommenden Rolltreppe sprang und schrie: »Seid ihr bald fertig mit eurem Gequatsche? Da unten ist gerade die Hölle los, verdammt noch mal!«

8.
Der Weg zurück 2

Sand wirbelte auf, während Kurus durch die Wüste galoppierte. Riesige Dünenberge erwarteten sie, mit nur schmalen Passagen dazwischen, und manchmal war eine mühsame Überquerung unausweichlich.

Auf einer mehr als hundert Schritt hohen Düne ließ der Getreue anhalten.

»Das Große Sandmeer«, sagte er. »So bezeichnet man die Wüste bis zu den Kufrah-Oasen, aber hier entfaltet sie erst ihre ganze Schönheit. Von hier aus reisen wir auf einer östlichen Route nach Al Jaghbub, und dann erst geht es nach Nordwesten weiter.«

»Aber warum gehen wir nicht direkt?«, wollte Kurus wissen.

»Die Oase ist eine wichtige Station«, antwortete der Getreue. »Und ich weiß nicht, wie weit ich von da aus noch weiterreisen muss, um ans Ziel zu gelangen. Mein Weg führt bis fast zum Ozean, aber nicht in dieser Welt. Ich muss diese Stationen auf dem Weg in die Vergangenheit durchlaufen, um meinen Anker zu finden. Deshalb muss ich der Ley-Linie folgen, die so führt.«

»Wo wir dann hingehen, ist das meine Heimat?«

»Oh ja. Dein Ursprung, junger Mantikor. Wir haben die Kyrenaika erreicht, was bedeutet, der Sandboden hier ist nicht mehr tief.«

Kurus hatte schon viel gelernt. Er erkannte sofort, dass sein Lehrmeister damit auf etwas Bedeutendes hinwies. »Und was liegt darunter?«

Der Getreue atmete tief durch. »Meeresboden, Kurus. Jenes Meer, das einst Atlantis umgab, bevor die Insel versank. Einst vereinte es sich mit der Süßwassersee im Süden, bevor auch diese verschüttet wurde. Jahrtausende ruhte alles. Dann kamen die Griechen und bauten über den Ruinen auf. Du findest heute noch am Ozean die Relikte von Kyrene und anderen Städten. Später fielen die Osmanen ein …«

»Das geht mir zu schnell! Muss ich das überhaupt alles wissen?«

»Nein. Ich erinnere mich nur. Stück um Stück kehre ich zu mir zurück. Atlantis jedenfalls ist sehr viel älter, als Platon behauptete. Es existierte vor zwölftausend Jahren bereits nicht mehr, nur die Erste Stadt am Ätna hielt sich noch länger. Doch die Landbrücke zu Sizilien war schon lange vom Meer überspült worden, sodass keine Verbindung mehr bestand. Das Reich wurde getrennt, das Meer verlagerte sich, dieses Gebiet hier fing an zu verlanden. Das war der Anfang vom Ende für Atlantis.«

»Warum blieb nichts davon übrig?«

»Es zerstörte sich selbst, als die Naturgewalten nicht mehr aufzuhalten waren. Dekadenz und Missgunst hatten Einzug gehalten und Kriege um die Ressourcen brachen aus. Die wunderbare Welt wurde zur Hölle. Der erzürnte Poseidon nahm, was er gegeben hatte. Was noch verblieb, hält der Sand gut verborgen.« Er winkte ab. »Weiter, Kurus. Ich darf mich nicht zu sehr verlieren in dem, was war. Ich spüre, dass meine fortdauernde Abwesenheit jemandem den Tod bringt. Das darf nicht geschehen.«

»Ich eile, Meister. Allerdings habe ich Hunger.«

»Wir werden bald essen.«

Der Mantikor lief eifrig weiter, die Aussicht auf Nahrung beflügelte ihn. Die Ley-Linie versorgte zwar beide mit Energie, aber das genügte dem Raubtier in Kurus eben nicht mehr. Doch auch der Getreue könnte etwas Zusätzliches vertragen.

Schließlich erreichten sie eine unbewohnte Oase, an der ein Durchgangslager aufgeschlagen war. Am Horizont zog eine lange Heerschar über die Dünen entlang Richtung Osten.

»Sie wollen nach Ägypten«, fuhr der Getreue seinen Monolog fort. »Es sind die Sanussiya unter Führung ihres Gründers Muhammad as-Sanussi. Ein streng religiöser Orden, der zu expandieren trachtet, wir befinden uns um das Jahr 1840. Idris, unser erster Gastgeber, war ebenfalls ein Anhänger und Führer des Ordens.« Er merkte, dass der Mantikor sich langweilte. Kein Wunder, was brauchte ihn die menschliche Geschichte zu kümmern. Doch für ihn selbst war es von größter Bedeutung.

Sie hielten am Rand der Oase an, an einem sumpfigen Tümpel. Nach dieser Pause mussten sie schneller vorankommen, der Getreue wurde ebenso ungeduldig wie sein Reitlöwe.

Das Bild, das sich ihm bot, unterschied sich nicht vom zwanzigsten geschweige denn des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Schwer bewaffnete Männer in langen Kutten, Stiefeln und Turbanen, mit kräftigen Bärten, finsteren Augen und hageren Gesichtern.

»Ich folge seiner Vision«, hörte der Getreue einen Mann sagen, als er ins Lager ging. – »Warum folgt man überhaupt einer Vision?«, entgegnete ein anderer. »Ich folge dem Wasser. Ich ernähre meine Familie. Gott mag mir dabei helfen, aber oft tut er es nicht.«

»Sei vorsichtig mit dem, was du sagst.«

»Allahu akhbar, Freund. Gott wird schon das Richtige für mich bereithalten, doch ich bleibe bodenständig.«

Der Getreue trat ans Feuer. »Salam aleikum«, grüßte er.

»Aleikum salam«, kam der Gruß zurück.

»Ich erbitte eure Gastfreundschaft.«

»An diesem Feuer ist Platz. Sei willkommen.«

Der Getreue ließ sich nieder und nahm von den angebotenen getrockneten Früchten an – Datteln, Feigen und Aprikosen. Dazu trank er stark gesüßten Pfefferminztee. Die Männer musterten ihn neugierig, doch es dauerte, bis einer fragte: »Du hast wohl einen weiten Weg hinter dir.«

»Du ahnst nicht, wie weit. Und er ist noch nicht zu Ende.«

»Und du hast kein Kamel oder Pferd?«

»Gewiss. Deswegen bitte ich euch nun in aller Freundschaft um sämtliches Fleisch.«

Die Männer wollten auffahren, doch der Getreue brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. Das kostete ihn wieder Kraft, doch er hatte keine Wahl. Er musste den Mantikor zufriedenstellen, auf einen Machtkampf mit ihm durfte er sich nicht einlassen. Er zwang sie durch Einfluss, sämtliches Fleisch, getrocknet und gekocht, zusammenzutragen. Den Sack musste er dann mittels Levitation tragen. Er verließ das Lager, wie er gekommen war und niemand erhob die Waffe gegen ihn.

Kurus stürzte sich gierig auf die mitgebrachten Gaben, schlang und kaute. »Nächstes Mal möchte ich jagen!«, verlangte er.

»Ich sagte dir bereits, das ist nicht möglich, und wir führen hierüber keine Diskussion. Gedulde dich noch ein wenig, es ist nicht mehr weit.«

Sie galoppierten weiter durch die Wüste in die Vergangenheit, die ganze Nacht hindurch, und am Morgen gerieten sie in ein Gewitter und wahren Wolkenbruch mit sintflutartigen Regenfällen. Der Himmel hing fast bis zum Boden herab, sämtliche Schleusen hatten sich geöffnet. Gräben verwandelten sich in reißende Flüsse, die auch für Kurus nicht leicht zu durchqueren waren. Noch dazu, da es ihn vor dem Wasser nur so schüttelte.

»Ich dachte, das ist eine Wüste!«, jammerte er.

Am Horizont ragte ein skurriles altes Gebirge auf, dessen Gesteinsformationen an bizarre versteinerte Wesen erinnerten.

»Teilweise ist das auch so«, bestätigte der Getreue Kurus’ Vermutung. »Wir befinden uns bereits auf dem Boden von Atlantis, in der Kyrenaika. Die Geschichte mit diesem Gebirge ist eine ganz eigene. Darin finden sich auch hunderte Wohnungen und Gräber.«

Vielerorts erhoben sich mitten aus dem Wüstenboden einzelne Felsen, von Erosion und Abrieb gezeichnet, einzigartige Skulpturen, die früher vielleicht aus dem Meer geragt hatten; Überreste aus der Frühzeit der Welt.

Aber dafür hatte Kurus kein Auge, er bettelte vielmehr den Getreuen an, schnell weiter durch die Zeit zu reisen, um dem Unwetter zu entgehen.

Auch der Getreue war nicht gerade begeistert davon, doch so schnell konnten sie ihm nicht entgehen, der nächste Übergang war noch nicht erreicht.

»Was ist das?«, rief Kurus plötzlich und beeilte sich, auf einen Felsen zu springen, um einen besseren Überblick zu gewinnen. Es wurde nur mäßig heller, und durch die Regenmassen war es nicht einfach, Details zu erkennen.

Wie es aussah, zog ein großes Heer zu Pferd, zu Kamel und zu Fuß durch die Wüste. Säbel und Waffenröcke rasselten und klirrten, Rufe schwirrten den Heerwurm hinauf und hinunter. »Wer ist das?«, rief Kurus begeistert.

»Selim I., Sultan und bald Kalif des Osmanischen Reiches, Herrscher der zwei Meere und Kontinente – und Dichter nach persischer Tradition. Er entmachtete 1512 seinen Vater und beseitigte ihn, und ebenso alle seine Verwandten, einschließlich sämtlicher Nachkommen, bis auf seinen Lieblingssohn und Erben.«

»Oh, wie grausam und blutig!«, rief der Mantikor begeistert. »Wo geht er hin? Kann ich ihm folgen?«

»Er wird die Mamelucken-Herrschaft beenden, und nein, du wirst nichts dergleichen tun. Dafür hat dich dein Muttervater nicht ausersehen.«

Kurus wich gerade noch einem berittenen Haufen aus, während er den Weg fortsetzte; plötzlich gerieten zwei Männer in Streit und fingen an zu kämpfen. Weitere mischten sich ein, und der Mantikor leckte sich gierig über die Zähne. Er verharrte, als ein Pferd auf halber Dünenhöhe mit einem schrillen Schrei stürzte, sich überschlug und samt Reiter herabgerutscht kam. Die anderen Pferde wurden scheu und konnten nur mit Mühe gehalten werden. Befehle schwirrten durch die Luft. Jemand stieg ab, sah nach Mann und Pferd, die sich beide nicht mehr regten, und saß wieder auf. »Weiter! Denen kann nur noch Gott helfen.«

Weiterhin herrschte Unruhe, Offiziere trieben die Soldaten mit Peitschen und Krummsäbeln voran.

»Schneller!«, schrie einer. »Bevor die Flut kommt! Los, los!«

Sie setzten sich wieder in Bewegung, das Durcheinander legte sich, und die Soldaten schritten eilig voran. Pferde und Kamele waren unruhig und störrisch, sie schrien und wieherten und mussten mit Gewalt angetrieben werden. Inzwischen musste jeder bis auf die Haut nass sein, und die Furcht vor einer heranrasenden Springflut wuchs. Regen in der Wüste gehörte zu den tödlichsten aller Gefahren, und es hieß nicht zu Unrecht, dass mehr Leute in der Wüste ertranken als im Meer.

Bald waren die Schemen hinter den Regenvorhängen verschwunden, man hörte nur noch von Ferne die Rufe, Tierlaute und Metallgeschepper.

Kurus blieb vor dem Kadaver mit dem toten Reiter stehen. Der Regen wusch das Blut aus den tödlichen Wunden, die beiden zugefügt worden waren.

Der Leib des Mantikors erzitterte. »Darf ich sie fressen? Ja? Bitte? Sie sind doch schon tot! Sie können keinen Einfluss mehr auf die Geschichte haben, alle sind weitergezogen!«

Der Getreue stieg ab. »Meinetwegen«, sagte er, obwohl er ahnte, dass das eine Menge Schwierigkeiten mit sich bringen würde. Aber vermutlich würde es noch mehr Probleme geben, wenn er es ihm verweigerte.

Kurus machte sich zuerst an das Pferd, fetzte Sattel und Zaumzeug herunter und riss es mit Krallen und Zähnen in Stücke. In großen Brocken schlang er das dampfende Fleisch herunter, bis nur noch die Knochen übrig waren. Dann wandte er sich dem Reiter zu, warf ihn halb durch die Luft, während er ihm die Kleidung herunterriss, und dann fraß er den ersten Menschen seines Lebens.

Seine Augen glühten auf, und ein wildes Licht entzündete sich in ihnen. »Ahhh«, zischte er. »Menschenfleisch! Der wahre Genuss! Wie muss es erst sein, wenn es noch zuckt!«

»Wir müssen weiter«, mahnte der Getreue.

Der Mantikor wandte sich ihm zu. Seine drei Zahnreihen blitzten selbst durch den Regen. »Ich frage mich schon lange, ob dein Körper wohl menschlich ist. Wie mag er schmecken, frage ich mich zudem? Noch dazu, da du dich außerhalb der menschlichen Zeitlinie bewegst. Für dich gelten die Gesetze nicht …«

Er hatte es geahnt, dazu hatte es früher oder später kommen müssen. Das Dilemma des Getreuen war – er durfte den Mantikor nicht töten, um die Zeitlinie nicht zu zerstören, von der er selbst abhängig war. Er durfte die Bestie aber auch nicht zu sehr verletzen, da sie ihn sonst nicht mehr tragen konnte. Nach wie vor war er auf Kurus angewiesen, zu Fuß konnte er den Weg niemals schaffen.

Ein Kampf war unausweichlich, er würde seinen Diener nicht noch einmal beruhigen oder einschüchtern können. Wenn er nicht so schwach gewesen wäre, wäre es gar keine Frage gewesen, was er tun sollte. Doch im Moment war er ratlos.

Hastig sprang er zur Seite, als Kurus mit der rechten Pranke nach ihm schlug – immerhin noch mit eingezogenen Krallen.

»Ich bin kein Mensch und ganz sicher nicht nach deinem Geschmack«, stieß der Getreue hervor. »Ich sagte schon, an mir ist kaum Substanz.«

»Ich lasse es darauf ankommen.«

»Bisher warst du sehr artig. Du solltest nicht alles aufs Spiel setzen.«

»Mir doch egal!«

Kurus hatte sich entschieden. Mordlust glitzerte in seinen Augen, dass sie wie eiskalte, messerscharfe Kristalle wirkten. Sein Skorpionschwanz peitschte pfeifend durch den Regen.

»Töten«, zischte er. »Reißenfressenbluttrinken.«

Er sprang den Getreuen an, doch der hechtete zur anderen Seite, rollte sich herum, stieß sich ab und wich dem nächsten Prankenschlag aus.

»Bleib stehen!«, rief Kurus wütend. Er war groß und stark, aber unerfahren. Der Getreue hatte keine Mühe, seine Taktik zu durchschauen, doch es war anstrengend, außer Reichweite zu kommen. Er fing bald an zu keuchen, und der Regen nahm ihm zusätzlich die Sicht. Kurus hatte sich gerade gestärkt, und er war jung. Und sehr wütend. Nicht mehr lange, dann erwischte er seinen Herrn.

»Stell dich mir!«, schrie er.

»Ich habe ja nicht einmal eine Waffe«, erwiderte der Getreue. »Du hast deine Krallen, den Schwanz und die Zähne. Ich aber habe nur eine schwarze Hülle.«

Der Regen strömte immer noch, und die Stiefel des Getreuen versanken inzwischen bis zu den Knöcheln in den schnell strömenden Bächen. Dünen fingen an, abzurutschen. Die Knochen von Pferd und Reiter waren bereits unter schwerem nassem Sand verschüttet. Dennoch grub der Getreue hektisch darin herum, dann folgte ein trockener Knall. Hastig richtete er sich wieder auf und floh gerade rechtzeitig vor dem angreifenden Mantikor.

Der Getreue hatte Mühe, sich aufrecht zu halten, sein Umhang troff vor Nässe und ging immer mehr in Fetzen, und der Stand wurde unsicherer. Kurus machte sich jetzt einen Spaß daraus, ihn zu hetzen, wie jenes Kind ein paar Jahrhunderte später am Brunnen. Er hechelte und glühte förmlich vor Gier und Grausamkeit. Nun war vollends die Bestie in ihm erwacht, er war nicht mehr kontrollierbar.

Zumindest nicht auf diese Weise.

Der Getreue wurde nach vorn geschleudert, stürzte und rollte über den Boden, als Kurus ihn mehr oder minder zufällig mit einem Schwanzschlag erwischte.

»Hab dich!«, schrie er triumphierend. »Was mache ich jetzt mit dir? Vergifte ich dich mit meinem Stachel? Reiße ich dich in Stücke? Verschlinge ich dich ganz?«

»Nichts von alledem«, erwiderte der Getreue, er lag auf dem Rücken, und Kurus ragte über ihm auf.

»Was willst du denn machen? Du kannst nicht mehr entkommen!«

»Ich bin schon weg.«

Wutentbrannt schlug Kurus mit der Tatze zu, aber der Getreue war tatsächlich nicht mehr da, die Krallen schlugen Löcher in den Boden. Der Mantikor stieß einen zornigen Schrei aus. »Wie ist das möglich?«

»Die Zeit, Junge. Denkst du, wir wäre in der Lage, durch die Jahrhunderte zu reisen, wenn ich sie mir nicht zunutze machen könnte? Werde du nur so alt wie ich, dann wirst du verstehen.«

Der Mantikor fuhr herum, als er die heisere Stimme neben sich hörte, doch es war zu spät.

Der Getreue drehte den Spieß um, sprang nun ihn an, ihm direkt ins Gesicht, und riss den Arm nach vorn. In seiner Hand blitzte etwas Bleiches, Spitzes auf, und dann schrie Kurus auch schon schmerzerfüllt auf.

Mit aller Kraft trieb der Getreue ihm den Splitter einer Pferderippe durch die Nase, bis er steckenblieb. Gleichzeitig zog er einen langen dünnen Streifen Stoff hindurch, und noch während er damit beschäftigt war, griff er mit der anderen Hand in die Mähne und schwang sich auf den Rücken des Mantikors.

Kurus brüllte vor Pein, schüttelte sich heftig, bäumte sich auf, doch der Getreue saß fest und sicher in seinem Nacken, die Schenkel pressten den Hals zusammen. Dann riss er an der Stoffleine, und das Geschrei des Mantikors war vermutlich noch bis ins einundzwanzigste Jahrhundert zu hören. Sein Kopf ruckte hoch, um dem Zug nachzugeben, doch umso stärker wurde er. Der Getreue schleuderte das Seilende um den Hals des Mantikors, fing es auf der anderen Seite auf und verschnürte es wie zum Zaumzeug. Ähnlich wie bei einem Stier.

Außer sich vor Schmerz tobte Kurus durch die Wüste, vollführte groteske Sprünge, bäumte sich immer wieder auf, raste kreuz und quer, den Kopf nach oben gehalten. Der Getreue ließ sich nicht abschütteln, und fortwährend riss er am Seil, das in Kurus’ Nase verankert war, und weckte die Qual von neuem.

Als der Regen nachließ, gab der Mantikor auf. Schluchzend und wimmernd, mit zitternden Flanken, presste er sich an den Boden. »Bitte, hör auf! Es tut so weh, ich halte es nicht mehr aus! Bitte, ich tu alles, was du sagst! Ich werde nie wieder daran denken, dich zu fressen! Ich werde dich immer um Erlaubnis bitten! Du bist mein Herr!«

»Das hört sich schon besser an«, sagte der Getreue und lockerte den Zug etwas. Kurus atmete tief durch. Aus seiner geschundenen Nase troff Blut.

»Und jetzt hör mir zu, Welpe«, fuhr der Verhüllte fort. »Das nächste, was dran kommt, sind deine Ohren. Ich werde sie durchstechen und mit der Nase verbinden. Dann werde ich mehrere Fäden spannen, wie bei einer Harfe, und darauf spielen.«

»Oh nein, oh nein …«

»Es sei denn, du wirst endlich widerspruchslos gehorchen und dich an den Handel halten, den wir geschlossen haben. Am Ende der Reise bin ich dann vielleicht sogar großzügig und lasse dich am Leben. Aber das habe ich noch nicht entschieden. Es hängt ganz von deinem Verhalten ab.«

»Alles, was du willst, Herr, alles, alles«, heulte Kurus.

Typisch Bestie. Kaum erwischte man ihren wunden Punkt, zerfiel sie zu einem jämmerlichen rückgratlosen Fellsack.

»Du bist ein Tölpel«, stellte der Getreue fest. »Du musst noch viel lernen.«

»Ich werde ein eifriger Schüler sein …«

»Ich habe dir nichts mehr beizubringen. Du dienst mir nur noch als Zuhörer, während ich meine Erinnerungen auffrische.« Dann hieb er die Fersen in den Löwenleib. »Und jetzt vorwärts! Wir haben schon genug Zeit verloren. Auch auf dem Weg zurück kann ich nicht alles aufholen.«

Zumindest für den Augenblick war Kurus gezähmt. Aus Angst vor dem Schmerz lief er geschwind durch die Wüste. Er hatte seine Strategie vermutlich dahingehend geändert, dass er sich nun beeilte, um den Getreuen so schnell wie möglich loszuwerden.

Der Mann ohne Schatten tat so, als wenn gar nichts gewesen wäre. Zunächst war er ohnehin außer Gefecht gesetzt; halb ohnmächtig kauerte auf dem mächtigen Leib und kämpfte um sein verlöschendes Leben. Gierig saugte er die Kraft der Ley-Linie auf, doch es dauerte Stunden, bis er sich einigermaßen erholt hatte. Kurus war viel zu beschäftigt mit seinem eigenen Schmerz, um das zu merken, und das war nur gut so.

Als er wieder bei sich war, teilte der Getreue weiterhin sein Wissen mit dem jungen Mantikor, ließ ihn ab und zu an einer Oase anhalten und trinken. Zu essen gab es nichts. Kurus hatte sich ausreichend gestärkt, das musste eine Weile vorhalten.

Erneut verschwammen die Grenzen um sie herum, in der Mittagsglut, als die Hitzeschwaden ohnehin jede Menge Trugbilder vorgaukelten. Der Getreue musste unwillkürlich an Morgana denken, doch er ging nicht davon aus, dass sie hier sein würde. Seit Island dürfte auch sie mit ihren geschwundenen Kräften zu kämpfen haben. Er stutzte kurz, als er merkte, dass wieder eine bruchstückhafte Erinnerung zurückgekehrt war, die er in keinen Zusammenhang setzen konnte. Morgana war auf Island gewesen? Warum?

»Meister, was ist das?«, fragte Kurus, als sie wieder einmal auf einer hohen Düne anhielten, um sich zu orientieren.

»Al-Jaghbub wird sie später genannt – die große Oase kurz vor der Grenze zu Ägypten, nicht weit von Siwa entfernt. Fünfzehntausend Jahre in der Zeit zurück, und beide Oasen sind miteinander vereint und bilden das Zentrum einer gewaltigen Stadt und reichem Umland.«

»Dort unten sind Reiter … die andere Reiter angreifen?«

»Die Banu Hilal. Wir sind jetzt um 730 angelangt. Die Banu Hilal sind ein kriegerischer Beduinenstamm, der überall Angst und Schrecken verbreitet, wie in Europa und Asien die Hunnen zuvor und die Magyaren danach. Die dort unten scheinen eine allein handelnde Räubertruppe zu sein, die sich auf Karawanen spezialisiert hat – die libyschen Berber, die vor Jahrhunderten in dieses Land zogen.«

»Muss ich das verstehen?«, fragte Kurus vorsichtig.

»Nein. Lauf hinunter, ich will mir das näher ansehen. Irgendetwas sagt mir, dass mich dort unten etwas erwartet. Das erste bedeutende Ziel der Reise ist erreicht.«

Kurus gehorchte, doch der Getreue riss trotzdem kurz am Seil, um ihn gar nicht erst auf den Ansatz eines aufrührerischen Gedankens zu bringen.

Der Kampf war in vollem Gange, als sie ankamen. Der Getreue fesselte Kurus so, dass jede Bewegung sofort grausamen Schmerz auslöste, und ließ ihn hinter einer Düne zurück. Einer unbestimmten Ahnung folgend, bewegte er sich auf den Kampf zu. Die Libyer gaben sich keineswegs so leicht geschlagen, sie waren schwer bewaffnet und setzten sich gegen die Banu Hilal mit aller Gewalt zur Wehr. Noch war nicht klar, wer die Oberhand behalten würde. Am Rand stand eine hünenhafte, schwarz gekleidete Gestalt mit übergeschlagener Kapuze, die sich umdrehte, als der Getreue sich näherte.

»Da bist du«, sagte der Andere.

»Bist du meinetwegen hier? Ich habe es vergessen …«

»Aus diesem Grund.«

»Du hast gewusst, was geschehen wird?«

»Nein. Aber unser Bruder schickte mich hierher.«

Der Andere trat nahe an den Getreuen heran und legte ihm die behandschuhte Hand unter der Kapuze auf die Stirn. Er fühlte, wie Kraft ihn durchströmte … seine eigene, die er einst besessen hatte.

»Um nach Atlantis zu gelangen, brauchst du mehr Stärke. Ich nehme an, deswegen begegnen wir uns.«

»Du weißt, dass ich dorthin will?«

»Wohin sonst?«

»Ich weiß nicht mehr, was geschah. Auf Island …«

»Ich habe keine Kenntnis darüber. Ich bin hier, ich war nicht dort. Es spielt keine Rolle. Du wirst dich bald wieder erinnern. Dann ist es nur ein kurzer Schritt zurück.«

Der Getreue spürte, wie er mehr an Substanz gewann, wie sich ihm der weitere Pfad eröffnete. Und es war ein tröstlicher Gedanke zu wissen, dass sein Bruder über ihn wachte und ihm den Weg bereitete. Das bedeutete, es war noch nicht zu spät.

»Aber es ist sehr knapp«, sagte der Andere, der seine Gedanken hören konnte. »So nah am Abgrund waren wir noch nie. Wenn einer der Großen stirbt, kann das nicht unbemerkt bleiben …«

»Wer starb?«, fragte der Getreue. »Passierte es auf Island?«

»Ich weiß es nicht, denn ich stamme nicht aus deiner Zeit. Aber die Auswirkungen sind im Gefüge zu spüren. Jemand wurde ausgelöscht, der Bestandteil der Gesamtheit war. Und wenn ich mir deinen Zustand so anschaue, bin ich ziemlich sicher, dass du für die Auslöschung verantwortlich bist.«

»Kann ich es …«

»Rückgängig machen? Rechtzeitig verhindern? Nein. Es ist bereits geschehen. Nichts kann es mehr ändern. Wir können nur noch die Scherben aufsammeln und versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Doch ich spüre den Verlust … ein Schmerz, den ich wohl nie wieder verlieren werde, auch wenn ich erst zu deiner Zeit verstehen werde.«

»Ich glaube, dort wirst du nicht ankommen, da ich dort war. Du wirst nicht ständig hier in der Menschenwelt sein, wie bisher auch. Sobald du die Aufgabe in deiner Zeit beendet hast, wirst du gehen. Dann beginnen wir von vorn.«

Der Andere nickte. »So wird es sein. Nun eile dich, ich habe dir so viel gegeben, wie ich konnte. Ist das übrigens ein Mantikor, auf dem du reitest?«

»Ja.«

»Gefällt mir. Wir sind, der wir sind, nicht wahr?«

»Ich hoffe, wir bleiben es.«

Der Getreue drehte sich um und kehrte zur Düne zurück. Kurus hatte brav gewartet und sagte auch jetzt nichts, als sein Herr die Verschnürung löste. Er sprang ihm auf den Rücken und trieb ihn an.

»Nächste Etappe«, sagte er.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
630 str.
ISBN:
9783946773320
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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