Czytaj książkę: «Wahre Römer»

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Stephan Berry

Wahre Römer

Geheimagenten, Touristen und lustige Witwen –

die Römer, wie wir sie nicht aus der Schule kennen


Impressum:

144 Seiten mit 26 Abbildungen und 3 Karten

Titelbild:

Oben rechts:

Porträtkopf eines römischen Mannes, Dallas Museum of Art, Texas

Unten links: Kopf eines alten römischen Mannes, um 60 v. Chr., Glyptothek München

Kleine Bilder

Oben links: Männliches Porträt, Vatikanische Museen

Oben Mitte: Männliches Porträt, evtl. Gnaeus Domitius Corbulo, Musée du Louvre, Paris

Oben rechts: Kaiser Traian (Kopie im Archäologischen Park Xanten nach dem Original im Louvre)

Unten links: Weibliches Porträt, letztes Viertel des 2. Jhs. v. Chr., Musée du Louvre, Paris

Unten Mitte: Weibliches Porträt, spätes 1. Jh. n. Chr., Vatikanische Museen

Unten rechts: Büste des Polydeukion, ca. 165 n. Chr., Staatliche Museen Berlin, Antikensammlung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2015 Nünnerich-Asmus Verlag & Media, Mainz am Rhein

ISBN 978-3-945751-23-7

Gestaltung: Beltz Bad Langensalza GmbH, Bad Langensalza

Lektorat: Mascha Schnellbacher, Patrick Pütz

Gestaltung des Titelbildes: Sebastian Ristow

Bild-/​Fotonachweise Titelbild: Oben rechts: FA2010, Wikimedia Commons, gemeinfrei; Unten links: Bibi Saint-Pol, Wikimedia Commons, gemeinfrei; Kleine Bilder: Oben links: Marie-Lan Nguyen, Wikimedia Commons, lizensiert unter Creative Commons Attribution 3.0 Unported, http://creativecommons.org/​licenses/​by/​3.0/​deed.en; Oben Mitte: Marie-Lan Nguyen, Wikimedia Commons, gemeinfrei; Oben rechts: Thomas Ihle, Wikimedia Commons, lizensiert unter Creative Commons Attribution 3.0 Unported, http://creativecommons.org/​licenses/​by/​3.0/​ deed.en; Unten links: Marie-Lan Nguyen, Wikimedia Commons, gemeinfrei; Unten Mitte: Marie-Lan Nguyen, Wikimedia Commons, lizensiert unter Creativ Commons-Lizenz „Namensnennung 2.5 generisch“, http://creativecommons.org/​licenses/​by/​2.5/​deed.de; Unten rechts: Ophelia2, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten und zu verbreiten.

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Austilat: Sie zeichnen seit Jahrzehnten Comics, da sind Sie so etwas wie ein Chronist der alternativen Szene geworden.

Seyfried: Und das sehe ich jetzt im Rückblick durchaus als Geschichtsschreibung. Austilat: Was werden künftige Historiker über unsere Zeit erfahren, wenn sie sich in 100 Jahren einen Band wie „Freakadellen und Bulletten“ ansehen?

Seyfried: Ich hoffe, sie werden dann noch andere Quellen zur Verfügung haben, sonst halten sie uns für einen Haufen kiffender Verrückter.

Der Comiczeichner Gerhard Seyfried im Interview mit Andreas Austilat, Der Tagesspiegel vom 15. Juni 2008.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Zitat

Prolog: Wahre Römer

Karte I: Die Römische Welt

Frühe und Mittlere Republik (ca. 500–133 v. Chr.)

Attus Clausus: Ist hier noch ein Platz frei?

Fulvius Curvus: Spitzenkarriere in Feindesland

Andronicus: Von der Camena geküsst

Späte Republik (133–31 v. Chr.)

Sanibelser: An den Vätern erkennt man die Söhne

Eurysaces: Ganz schön dreist für einen Bäcker

Cornelius Balbus: Die Geschäfte des Herrn Iulius Caesar

Karte II: Mittelitalien

Karte III: Unterägypten und Fayyum

Frühe Kaiserzeit (31 v. Chr.–69 n. Chr.)

Velleius Paterculus: Mehr als nur ein Schmeichler

Antonia Tryphaena: Als römische Königin im Barbarenland

Menimane: Sie hat ihren eigenen Style

Iulius Vindex: Neros Nemesis

Hohe Kaiserzeit (69–193 n. Chr.)

Ummidia Quadratilla: Die peinlichste Großmutter der Welt

Sulpicia Lepidina: High Life im Hohen Norden

Babatha: Was haben die Römer je für uns getan?

Pausanias: Der lydische Baedeker

Severer- und Soldatenkaiserzeit (193–284 n. Chr.)

Aurelius Diphilianus: Vom Orontes an den Euphrat

Zenobia: Fürs eigene Kind nur das Allerbeste

Spätantike (4.–6. Jh. n. Chr.)

Flavius Abinnaeus: Nicht die erste Wahl

Egeria: Wie war doch gleich der Name?

Aspar: Barbarische Machtkämpfe

Artabanes: Der armenische 007

Epilog: Die Sache mit der Identität

Literatur

Quellen

Moderne Literatur

Bildnachweis

Prolog: Wahre Römer

„Wir befinden uns im Jahr 50 v. Chr. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt … Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten …“

Von diesem Lichtblick einmal abgesehen, sieht es aber ansonsten ziemlich finster aus: Nicht nur (fast) ganz Gallien ist von den Römern besetzt, sondern auch große Teile der antiken Welt darum herum. Das Mittelmeer ist längst zu einer Art römischem Binnenmeer geworden und heißt dementsprechend bei den Römern mare nostrum – „unser Meer“.

Offensichtlich haben es die Römer im Verlauf einiger Jahrhunderte geschafft, sich ausgehend von ihrer Heimatstadt über ein derart großes Gebiet auszubreiten. Aber wie war das möglich? Auf der Suche nach einer Antwort müssen wir einen Blick darauf werfen, wer diese Römer überhaupt waren.

Iulius Caesar z. B., der Eroberer Galliens, war unzweifelhaft ein wahrer Römer. Ebenso Cato der Jüngere – zwar eine Nervensäge, die schon den Zeitgenossen mit moralinsauren Phrasen von altrömischer Zucht und Tugend auf den Geist ging –, aber gerade deswegen ohne Frage ebenfalls ein wahrer Römer. Und erst Cicero: Seine Bewunderer halten ihn für einen der größten, wenn nicht den größten Römer aller Zeiten (eine Einschätzung, die Cicero ohne Weiteres geteilt hätte).

Selbst eine eher schräge Gestalt wie Nero ist gewisslich ein wahrer Römer. Die Nachwelt hat ihm so ziemlich alles abgesprochen: die Befähigung zum Regieren, die geistige Gesundheit, jegliches Moralempfinden sowieso, und sogar – was ihn am meisten getroffen hätte – das musikalische Talent. Nicht jedoch sein Römertum, im Gegenteil: Nero ist ja geradezu die Verkörperung all der Klischees von Dekadenz, Wahnsinn und Grausamkeit, die ein durch Hollywood geschultes Publikum heute mit dem Begriff Rom zu verbinden beliebt.

Wer aber waren die wahren Römer denn nun wirklich? Haben sich tatsächlich die Einwohner einer einzelnen Stadt, angetrieben von unersättlicher Gier und Kriegslust, über drei Kontinente ausgebreitet, um schließlich als dünne Oberschicht von Herrenmenschen über ein Millionenheer unterworfener Sklaven zu gebieten? So populär und auf den ersten Blick plausibel diese Kurzfassung der römischen Geschichte auch sein mag, hat sich das alles in Wirklichkeit ein wenig anders abgespielt.

Zugegeben, die Römer waren kriegerisch und expansionistisch, aber das war damals so ziemlich jedes Volk und jeder Staat: Gerade auch Menschen wie die Gallier, die man heute bevorzugt als Opfer der römischen Aggression wahrnimmt, oder ebenso die Athener, obwohl sie heutzutage vor allem als Dichter und Denker gelten – die Erfinder der Demokratie! –, während die imperialistische Außenpolitik Athens in Vergessenheit geraten ist, sie alle waren ebenfalls auf Zugewinn von Macht aus. Wir alle „wissen“, dass Athen in den Schlachten von Marathon und Salamis die „Freiheit Europas“ gegen den orientalischen Despotismus der Perser verteidigt hat. Dass zuvor die Athener gegen Persien den Krieg eröffnet hatten – nicht etwa umgekehrt –, weil der Gedanke an den riesigen Goldschatz der persischen Könige einfach zu verlockend war, ist nicht in die Mastererzählung des abendländischen Bewusstseins eingegangen.

Die Besonderheit Roms in dieser Welt von kriegslüsternen Staaten war seine grundsätzliche Offenheit gegenüber Fremden, und das führt uns geradewegs zurück zur Frage nach den wahren Römern: Rom hatte die Fähigkeit und die Bereitschaft, aus besiegten Gegnern zuerst Verbündete und am Ende Bürger des eigenen Staates zu machen. Ein wahrer Römer war im Prinzip jemand, der das römische Bürgerrecht hatte – Punkt. Zusätzlich konnte auch römische Bildung (humanitas) nicht schaden, aber eine spezielle „römische Rasse“, „römisches Blut“ oder eine „rein römische Abstammung“ spielten keine Rolle. Grieche war man entweder von Geburt an oder man war es nicht – Römer konnte man werden, indem man Bürgerrecht und humanitas erwarb. Dieses neuartige Konzept von Staatsbürgerschaft, das nicht mehr an ethnische Herkunft, Sprache oder Wohnort gebunden war, war eines der Geheimnisse des römischen Erfolgs. Das andere bestand darin, dass man ein Römer sein konnte, ohne es ausschließlich sein zu müssen.

In der Forschung herrschte zwar lange die Vorstellung, dass „Romanisierung“ die Ausbreitung einer mehr oder weniger einheitlichen Zivilisation bedeutete, die von den Provinzbewohnern passiv übernommen wurde – oder ihnen sogar einfach übergestülpt wurde. Das aktuelle Bild dieses kulturellen Diffusionsprozesses ist jedoch wesentlich facettenreicher, und spannender ist es obendrein. Die Völker des Imperiums hatten einen wesentlich aktiveren Part, als man früher dachte: Sie haben sich die römische Kultur selbst angeeignet, und dabei obendrein für ihre eigenen Bedürfnisse angepasst und weiterentwickelt. So gab es streng genommen in der römischen Kaiserzeit nicht die eine römische Kultur, sondern ein ganzes Bündel von verwandten provinzialrömischen Kulturen. Sie hatten erkennbar eine gemeinsame Wurzel, aber auch deutlich individuelle Züge, in denen vorrömische Traditionen in vielfältiger Weise fortlebten (Abb. 1).

Abb. 1: Gallo-römischer Umgangstempel (Rekonstruktion auf dem Martberg/​Eifel). Die Versatzstücke der Architektur wie Säulen und Ziegeldächer sind römisch. Solche Tempel entstanden im gallischen Raum erst unter römischem Einfluss. Die Anlage des Baus jedoch, eine zentrale Cella mit einem umlaufenden Gang für Prozessionen, ist eine gallische Neuschöpfung, die den Bedürfnissen der hergebrachten, vorrömischen Kultpraxis dient.

Damit taucht auch die Frage nach möglichen Analogien zu unserer eigenen Zeit auf, denn das multiethnische Imperium Romanum war mit Herausforderungen konfrontiert, um die auch aktuelle Debatten kreisen – siehe die Stichworte Integration, Multi-Kulti, Identität und Toleranz. Auf die Frage der Aktualität, der möglichen „Message“ für uns heute, werden wir am Schluss des Buches kurz zurückkommen.

Am Ende des römischen Integrationsprozesses steht dann beispielsweise jemand wie Pontius Pilatus: Im Verfahren gegen Jesus von Nazareth verkörpert er die römische Staatsmacht, aber er selbst hat samnitische Wurzeln. Und die Samniten waren jahrhundertelang Erzfeind und gefährlichster Gegner Roms auf der italischen Halbinsel – der Feldherr Gavius Pontius, der den Römern die berühmte Niederlage bei den Caudinischen Pässen im Jahr 321 v. Chr. bereitete (das besiegte Heer wurde „unter das Joch“ geschickt), gehört vielleicht zu den Ahnen des Pilatus.

Keltische Wurzeln hat hingegen höchstwahrscheinlich ein anderer bekannter Römer, der kaiserzeitliche Historiker Cornelius Tacitus. Und im Osten des Imperium Romanum war das antike Multi-Kulti noch ausgeprägter, denn als die Römer dorthin kamen, fanden sie bereits einen Mix aus griechischen und vorgriechischen Kulturen vor. Domitius Ulpianus, einer der wichtigsten römischen Juristen überhaupt, ist ein perfektes Beispiel für die wahren Römer, die aus diesem Schmelztiegel hervorgegangen sind: In der umfassenden Sammlung römischer Rechtstexte, die im 6. Jh. n. Chr. von Kaiser Justinian veranlasst wurde, nehmen Passagen von ihm eine zentrale Stellung ein. Zu Ulpianus’ Zeiten, drei Jahrhunderte zuvor, erhielt seine Heimatstadt Tyros überhaupt erst den begehrten Status einer römischen colonia. Die Stadt und ihre Einwohner betrachteten sich zu diesem Zeitpunkt als „griechisch“, aber ursprünglich war Tyros eine phönizische Gründung.

Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um auf die folgenden Kurzporträts einzustimmen. Denn der kulturellen Vielfalt im Imperium Romanum werden wir uns nicht abstrakt nähern, durch theoretische und tief schürfende Überlegungen zum Wesen einer globalisierten und multikulturellen Gesellschaft, sondern durch einen Blick auf konkrete Menschen. Ausgewählt wurden gerade diese Frauen und Männer, weil sie uns einen ganzen Reigen verschiedener Lebenswelten in sozialer, kultureller, ethnischer und religiöser Hinsicht vor Augen führen. Dabei bilden die ersten Jahrhunderte der Kaiserzeit einen Schwerpunkt, denn in dieser Zeit war die Integration der Mittelmeerwelt und Westeuropas am stärksten ausgeprägt. Nie zuvor hatte es derart intensive wirtschaftliche und kulturelle Verknüpfungen in einem Raum vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer, von Britannien bis Ägypten, gegeben, wie unter dem Schutzschirm der Pax Romana. Zivile und militärische Karrieren verpflanzten Menschen von einer Ecke des Imperiums in die andere, aber auch private Reisen sorgten dafür, dass man in der Welt herumkam: Sportliche und kulturelle Events zogen wie heute die Massen an, man besuchte Heiligtümer und Orakel. Vor allem die Genesung versprechenden Asklepios-Heiligtümer hatten einen ähnlichen Zulauf wie Lourdes heute, aber auch rein touristische Neugier war den Menschen nicht fremd – die Wunder Ägyptens waren damals schon ein Muss für kulturbeflissene Reisende. Die Reisefreude der wahren Römer wird auch an Beispielen aus diesem Buch deutlich werden.

Die meisten der hier Vorgestellten sind zudem Personen, die bei weltgeschichtlichen Ereignissen eher in der zweiten Reihe gestanden haben, oder sogar in der dritten und vierten. Die ganz Großen der Historie wie Caesar oder Cicero, deren Lebensumstände wahrlich schon mehr als einmal erzählt wurden, bleiben außen vor. Selbst für diese ganz Großen könnte man übrigens oft keine komplette Biografie im modernen Sinn schreiben, von Tacitus beispielsweise kennen wir das Geburtsdatum gar nicht und den Vornamen nicht sicher – wahrscheinlich Publius, aber auch Gaius kann nicht ausgeschlossen werden. Deshalb ist in diesem Buch mit gutem Grund nur von Kurzporträts die Rede, von Schlaglichtern, die auf die antiken Lebensverhältnisse fallen.

So wird die Annäherung an unsere wahren Römer eine archäologische und historische Spurensuche sein, bei der auch epigraphische und papyrologische Belege eine Rolle spielen: Texte und Textfragmente auf Stein, Bronze, Papyrus und dergleichen mehr. Es ist spannend, einmal dieses reichhaltige, aber meist verstreut dargebotene Material unter einer gemeinsamen Perspektive vorzustellen: Wer sich mit römischer Wirtschaft beschäftigt, stößt früher oder später auf Eurysaces; Liebhaber der Rechtsgeschichte kennen Babatha und ihr Archiv; und im Zusammenhang mit spätrömischer Militärgeschichte begegnet einem unweigerlich Abinnaeus, ebenfalls mit seinem Archiv (der übrigens vielleicht nicht glücklich wäre über das Bild, das er so der Nachwelt hinterließ). Es wird Zeit, diese drei und noch andere einmal gemeinsam auftreten zu lassen.


Karte I: Die Römische Welt

Frühe und Mittlere Republik (ca. 500 – 133 v. Chr.)

Attus Clausus: Ist hier noch ein Platz frei?

Die römischen Kaiser wurden schon in der Antike in „gute“ und „schlechte“ eingeteilt, und dieses starre Schema hält sich bis heute – was verwunderlich ist, wenn man bedenkt, wie sehr sich die moralischen und politischen Maßstäbe seit damals geändert haben. Zu den wenigen Kaisern, die das Privileg einer differenzierteren Bewertung genießen, gehört Tiberius (14 – 37 n. Chr.): Nicht eindeutig gut oder schlecht, sondern eher schwierig, kompliziert, undurchschaubar oder, wie der Historiker Zvi Yavetz in seiner Tiberiusbiografie hervorhebt, traurig. Die Moderne hat für den komplexen Charakter dieses Kaisers eine einfache Erklärung: Sie liegt vermeintlich in seiner schwierigen Kindheit und Jugend in der kaiserlichen Patchwork-Familie, verbunden mit den daraus resultierenden frühkindlichen Traumata etc. Die Erklärung der Alten ist noch simpler: Er war eben ein typischer Claudier.

Der kaiserzeitliche Historiker Suetonius beginnt deshalb auch seine Tiberius-Biografie mit einer Parade verschiedener Claudii, welche den zwiespältigen Charakter der Familie belegen sollen:

„Viele Claudier erwarben sich hervorragende Verdienste um den Staat, viele vergingen sich aber auch gegen seine Interessen.“

(Sueton, Tiberius 2.1; Übers. A. Lambert).

Unter den berühmten Vorfahren des Tiberius findet sich z. B. Appius Claudius Caecus, der Erbauer der ersten großen Wasserleitung wie auch der Via Appia. Dazu gehört auch Claudius Caudex, der im Ersten Punischen Krieg die Karthager aus Sizilien vertrieb, und ebenso Claudius Nero, der im Zweiten Punischen Krieg Hannibals Bruder Hasdrubal besiegte. Aber Suetonius zählt auch Negativbeispiele auf, die den Hochmut der Claudier zeigen sollen:

„Claudius Drusus ließ sich eine mit dem Königsdiadem geschmückte Statue in Forum Appii errichten und wollte sich mithilfe seiner Klienten zum Herrn von Italien machen. Claudius Pulcher ließ in Sizilien, als bei der Vogelschau die Hühner nicht fressen wollten, diese ohne jede religiöse Scheu ins Meer werfen, gleichsam damit sie tränken, wenn sie nicht fressen wollten, und begann so die Seeschlacht; nach seiner Niederlage bekam er vom Senat den Auftrag, einen Diktator zu ernennen, und wie um sich über seinen Mißerfolg lustig zu machen, ernannte er seinen Amtsdiener Glykias.“ (Sueton, Tiberius 2.2).

Tatsächlich wird dieses patrizische Geschlecht, die gens Claudia, in den Quellen immer wieder als hochmütig und verbohrt beschrieben, zudem als eine Familie patrizischer Hardliner, in permanenter Opposition zur Masse des Volkes, den Plebejern. Der Baseler Althistoriker Jürgen von Ungern-Sternberg schlägt als Erklärung vor, „daß es vor allem erzählerische Absichten waren, die die Galerie claudischen Hochmuts geschaffen haben“ (VON UNGERN-STERNBERG 2006 : 297).

Sein Kollege Uwe Walter aus Köln hat eine andere Deutung parat: Er weist darauf hin, dass in der römischen Republik – wo jährlich gewählt wurde und praktisch immer Wahlkampf war – solche Familientraditionen wohl auch bewusst kultiviert wurden. Damit erschienen einzelne gentes als wiedererkennbare Marken, und das bot einen Vorteil für Bewerber im Wahlkampf, die sich selbst noch nicht ausgezeichnet hatten, aber durch das Vorbild der Vorfahren verlässlich und berechenbar erschienen.

Die gens Claudia jedenfalls gehörte rund 500 Jahre lang zu den tonangebenden Familien in Rom, und das spricht sicher für das politische Geschick dieses Clans. Die Claudier sind aber noch in anderer Hinsicht interessant, weshalb auch einer der ihren unsere Porträtgalerie eröffnet. Denn wir können den Ursprung dieses Patrizierclans in Zeit und Raum lokalisieren: Ein gewisser Attus (oder auch Attius) Clausus verließ im Jahre 504 v. Chr., wenige Jahre nach der Vertreibung des letzten römischen Königs, seine Heimatstadt Regillum im Sabinerland und siedelte mit einer großen Schar von Gefolgsleuten nach Rom über. Fortan nannte er sich in latinisierter Form Appius Claudius, und so wurde ein Sabiner zum Stammvater eines urrömischen Geschlechts.

Andere patrizische gentes mögen zwar noch weitaus älter und ehrwürdiger gewesen sein, aber im Gegensatz zu den Claudiern verliert sich ihre Frühgeschichte im Dunkel der Mythen. Die Iulier und die Servilier etwa führten ihre Ursprünge auf die legendenumwobene alte Königsstadt Alba Longa zurück, wobei Erstere für sich sogar eine Abstammung von der Göttin Venus in Anspruch nahmen.

Die Claudier sahen keinen Anlass für die Erfindung solcher Märchen aus ferner Zeit, sie widmeten sich gleich nach ihrer Ankunft in Rom der Gegenwart: Clausus-Claudius und seine Gefolgsleute erhielten Land zur Ansiedlung und das römische Bürgerrecht. Der folgerichtig nächste Schritt war der Aufstieg der Familie in den Senat und in Spitzenämter der Republik: Unser Appius Claudius wurde bereits 495 v. Chr. Konsul, sein älterer Sohn Appius Claudius Crassus Inregillensis Sabinus 471 v. Chr., und der jüngere Sohn Gaius Claudius Sabinus Inregillensis schließlich wurde 460 v. Chr. Konsul. Und es versteht sich, dass alle drei in der historischen Überlieferung als ausgesprochen hart, hochmütig und plebejer-feindlich erscheinen – echte Claudier eben. Der sabinische Neuankömmling trat beispielsweise mit Elan für die Beibehaltung des bestehenden Schuldrechts ein, das für Schuldner eine große Härte vorsah. Damit machte er sich sicher bei seinen Senatskollegen (und den Gläubigern) beliebt, nicht aber bei der Masse des Volkes.

Aus solchen Details lässt sich aber nichts konstruieren, was auch nur annähernd einer kompletten Biografie gleichkäme. Livius belichtet noch den Hintergrund von Clausus’ Umzug nach Rom: Zu der Zeit lag (wieder einmal) Krieg zwischen Römern und Sabinern in der Luft. Clausus soll zur Friedenspartei gehört haben, die sich gegen den anstehenden Krieg aussprach, damit aber keine Mehrheit unter den Sabinern gefunden haben und daher regelrecht nach Rom geflohen sein.

Nun ist Livius, der zur Zeit des Kaisers Augustus schrieb, unsere wichtigste Quelle für das frühe Rom. Allerdings nutzte er älteres Material, das eher fantasievoll als zuverlässig war. Die frühen Überlieferungen der annalistischen Tradition, auf die Livius und andere spätere Historiker zurückgreifen mussten, enthielten viele „Rekonstruktionen“ und freie Erfindungen. Auch die Einzelheiten, die oben über Clausus und seinen Clan ausgebreitet wurden, sind nicht über jeden Verdacht erhaben!

Spannend bleibt Attus Clausus dennoch, selbst wenn seine eigene Vita und die seiner Söhne legendenhafte Elemente enthalten. Denn er verrät uns Einiges über das politische und kulturelle Umfeld seiner Zeit, das Rom der frühen Republik.

Beginnen wir mit der Frage, was das überhaupt für eine Stadt war, in die er da seinen Lebensmittelpunkt verlegt hat. Das Standardbild sieht so aus: Rom war anfänglich ein erbärmliches Nest, ein Ort ohne jede Kultur oder Raffinesse, bevölkert von tumben, zurückgebliebenen Bauern. Wenn und insofern es überhaupt so etwas wie Urbanität bei den frühen Römern gab, dann verdanken sie das ausschließlich den Etruskern, die seit dem 7. Jh. v. Chr. in Rom als Könige herrschten. Sie brachten ihre eigene Kultur mit und waren zudem Vermittler griechischer Lebensart, denn die Etrusker – im stärksten Gegensatz zu den Römern – waren weltoffen und unterhielten weitgespannte Kontakte im Mittelmeer.

Die neuere Forschung zeichnet allerdings seit einigen Jahrzehnten ein ganz anderes Bild. Dazu haben verschiedene Ansätze beigetragen, die Analyse der schriftlichen Quellen und ihre Neubewertung ebenso wie neue archäologische Erkenntnisse. Gewiss, der allererste Anfang Roms mag eine wenig imposante Ansammlung windschiefer Hütten gewesen sein, wie bei so vielen Städten. Aber in dem Moment, als Rom als historische Größe wirklich greifbar wird, also spätestens im 7. Jh. v. Chr., sehen die Dinge völlig anders aus. Dieses frühe Rom der Königszeit ist schon eine der größten, wohlhabendsten und wichtigsten Städte ganz Italiens, weitaus größer als alle übrigen Städte der sprachlich nahestehenden Latiner, und auf Augenhöhe mit den Metropolen der Etrusker.

Wesentlich dazu beigetragen hat die günstige Lage der Stadt: Nur rund 20 km vom Meer entfernt, am Tiber gelegen und zwar an einer Stelle, wo der Fluss gut zu überqueren war, und zudem an die Via Salaria angebunden, jene wichtige Handelsroute, die landeinwärts über den Apennin und bis zur Adria auf der anderen Seite der italischen Halbinsel führte.

Der Tiber bildete die Grenze zwischen Latium und Etrurien, rein geografisch war der Stadt damit schon die Rolle einer Mittlerin der Kulturen vorgezeichnet. Verstärkt wurde dieser Zug jedoch durch das pulsierende Wirtschaftsleben der Stadt und ihre Einbindung in den Fernhandel. Das frühe Rom zeichnete sich durch seine Offenheit gegenüber fremden Einflüssen, auch den Fremden selbst, aus, und war nach modernen Begriffen eine regelrecht multikulturelle Stadt. Neben den Latinern, deren Sprache stets die Sprache Roms bleibt, gab es vor allem bedeutende sabinische und etruskische Anteile.

Die Überlieferung zur Königszeit ist derart fragmentarisch und von Mythen überwuchert, dass eine echte historische Erzählung unmöglich ist. Aber die hier geschilderten Elemente tauchen an vielen Stellen auf. Man denke an die Geschichte vom Raub der Sabinerinnen durch Romulus und seine latinischen Gefährten oder an die sieben Könige der römischen Tradition: Darunter sollen zwei Latiner (Romulus, Tullus Hostilius) gewesen sein, zwei Sabiner (Numa Pompilius, Ancus Marcius), zwei Etrusker (Tarquinius Priscus, Tarquinius Superbus) sowie einer, der mal als Sabiner, mal als Etrusker beschrieben wird (Servius Tullius).

Neben diesen drei Völkern wohnten in Rom wohl schon in der Königszeit auch Griechen und sogar Phönizier. Dafür gibt es zumindest Anzeichen, insbesondere Personennamen, die durch archäologische Funde bekannt wurden. Zu der Rolle als Handelsmetropole mit überregionaler Bedeutung würde das passen, und ein Grieche taucht auch in der Überlieferung zu den römischen Königen auf: Demaratus, ein Aristokrat aus Korinth, soll der Ahnherr der etruskischen Könige Roms gewesen sein, verheiratet mit einer Frau aus der etruskischen Stadt Tarquinii.

Der Versuch, die Mythen der Königszeit im Einzelnen zu entwirren und auf ihren historischen Gehalt abzuklopfen, könnte selbst schon ein ganzes Buch füllen. Wir halten uns lieber an das, was halbwegs gesichert erscheint, und das ist das generelle Setting einer offenen Stadt mit ethnisch gemischter Bevölkerung. In diesem Umfeld verwundert die Immigration und erfolgreiche Integration eines sabinischen Adligen nicht weiter, und Attus Clausus war auch kein Einzelfall: Die patrizischen Clans der Valerier und der Fabier kamen vermutlich ebenfalls aus dem Sabinerland. Und genau in dem Jahr, als Attus Clausus offene Aufnahme in Rom fand, war ein Valerier Konsul, nämlich Publius Valerius Poplicola (für Verschwörungstheoretiker: Das kann kein Zufall gewesen sein!). Für das 5. Jh. v. Chr. verzeichnen die römischen fasti, die Listen der Amtsinhaber, zudem viele Angehörige von Familien, die ursprünglich aus Etrurien stammten: die Aquillii, Herminii, Larcii und Volumnii.

Der letzte Punkt ist wichtig, weil er eine weitere verbreitete Interpretation der römischen Geschichte betrifft: Zu der Annahme, Rom sei überhaupt erst unter der Fuchtel etruskischer Könige zu einer echten Stadt geworden, gesellt sich oft die Hypothese, nach der Vertreibung des letzten dieser Könige habe es in Rom eine anti-etruskische Reaktion gegeben, eine ethnische Säuberung, bei der alle Etrusker vertrieben wurden. Auch das ist in Anbetracht der Quellen nicht haltbar; die eben erwähnte Rolle etruskischer gentes in der frühen Republik spricht z. B. dagegen.

In diesem Zusammenhang soll eine Hypothese des niederländischen Historikers A. W.J. Holleman erwähnt werden: Auch unser Attus Clausus soll eigentlich kein Sabiner, sondern ein Etrusker gewesen sein; die Form Appius sei schon die sabinisierte Variante des ursprünglich etruskischen Namens Attus. Das wäre prinzipiell denkbar, aber die damit verknüpfte Deutung scheint auf Sand gebaut. Denn Holleman glaubt, die anti-etruskische Säuberung habe die Claudier und andere Etrusker in Rom dazu gebracht, sich lieber eine sabinische Herkunft zu erdichten – doch dafür gab es wohl keinen Anlass.

Zum Schluss ist noch ein anderer Aspekt in der Episode um Attus Clausus’ Umzug wichtig: Livius spricht davon, dass er „mit einer großen Zahl seiner Klienten“ (Buch 2, Kap. 16) nach Rom übergesiedelt sei. Auch dieses Detail passt zu dem, was wir sonst über die Zeit um 500 v. Chr. wissen. Die Hauptakteure der Politik, und zwar überall im Mittelmeerraum, verstanden sich nicht so sehr als staatliche Akteure, sondern als Aristokraten, die zum eigenen Ruhm und zum eigenen Wohl handeln – wobei darin auch der eigene Clan und die Anhängerschaft eingeschlossen sind.

In diesen Kontext gehört auch die Legende vom Beinahe-Untergang der Fabier. Sie sollen mit ihren Gefolgsleuten im Jahr 479 v. Chr. einen Privatkrieg gegen die Stadt Veji geführt haben, eine Konkurrentin Roms in nur rund 15 km Entfernung. Dabei seien, so die Überlieferung, alle Fabier umgekommen – bis auf einen einzigen, der damit zum Vorfahren aller weiteren Fabii späterer Zeiten wurde. Die ganze Anekdote hat das Misstrauen der modernen Kommentatoren geweckt. Die dramatische Auslöschung aller bis auf einen lässt tatsächlich eher an Hollywood als an reale Geschichte denken. Und der heroische Privatkrieg der gens Fabia, ohne den Rückhalt des römischen Staates, wirkt wie eine Erfindung aus späterer Zeit, als die Fabier (oder ihre Anhänger) die annalistische Tradition ein wenig aufhübschen wollten.

Nimmt man aber diese Anekdote, die Episode vom Attus-Umzug und ähnliche, die sich noch anführen ließen, zusammen, dann ergibt sich ein plausibles Gesamtbild: Eine vorstaatliche Welt, in der die Politik noch von Aristokraten und ihren Gefolgschaften dominiert wird, die sich nicht zwangsläufig an eine bestimmte Stadt oder eine festgelegte Volkszugehörigkeit gebunden fühlen.

Zum Glück sind wir auch nicht allein auf die unvollständigen Schriftquellen angewiesen – für solche Gefolgschaften gibt es einen archäologischen Beleg, der buchstäblich in Stein gemeißelt ist: Am 13. Oktober 1977 entdeckten niederländische Archäologen ein Objekt, das von der Forschung Lapis Satricanus getauft wurde – was geheimnisvoll klingt, aber schlicht „Stein aus Satricum“ bedeutet (Abb. 2). Denn der Fundort, die heutige Kommune Latina ca. 30 km südöstlich von Rom, ist der Platz dieser antiken Stadt. Dort hatte man den Stein, der um 500 v. Chr. datiert wird, in einem Tempel jüngeren Datums recycelt, und so hat der Lapis Satricanus die Jahrtausende überdauert. Die eigentliche Sensation ist seine Inschrift in archaischem Latein, auch wenn sie nur kurz ist. Der Text lautet

[…?]IEI STETERAI POPLIOSIO VALESIOSIO SVODALES MAMARTEI

und enthält trotz seiner Kürze wertvolle Informationen: Zum einen beschreibt er eine Weihung an den Kriegsgott, denn mamartei bedeutet „für Mars.“ Zudem kommt ein Eigenname vor, und es wird vermutet, dass sich hinter Popliosio Valesiosio niemand anderes als Publius Valerius verbirgt. Personen dieses Namens gab es allerdings etliche, und es wäre eigentlich zu schön, um wahr zu sein, wenn wir hier genau jenen berühmten Publius Valerius Poplicola vor uns hätten, der exakt zur Zeit von Attus Clausus’ Ankunft in Rom Konsul war.

Abb. 2: Der Lapis Satricanus (Rom, Museo Nazionale Romano alle Terme di Diocleziano, Inv. SA77 - 01).

Der wichtigste Punkt sind aber die suodales des Publius Valerius, die kollektiv als Stifter der Weihgabe in Erscheinung treten. Denn sodales, wie das Wort später im klassischen Latein lautet, sind Mitglieder in einer Art Klub, einer sodalitas. Jene Anhängerschaften wie die des Attus Clausus oder der Fabier, die man aus der historischen Überlieferung kannte, nehmen hier auch archäologisch konkrete Gestalt an. Und gerade im Licht der Veji-Episode ist es sicher kein Zufall, dass der Empfänger der Weihgabe ausgerechnet der Kriegsgott war.

Literatur: CORNELL 1995, DUPONT 2013, FORSYTHE 2005, HOLLEMAN 1986, KISTLER 2014, SCOTT 1929, STIBBE et al. 1980, VON UNGERN-STERNBERG 2006, WALTER 2004, YAVETZ 1999

Fulvius Curvus: Spitzenkarriere in Feindesland

Machen wir einen Sprung von rund anderthalb Jahrhunderten, vom frühen 5. in die zweite Hälfte des 4. Jhs. v. Chr. Der Mann, mit dem wir uns nun befassen wollen, heißt Lucius Fulvius Curvus. Er trägt die tria nomina des römischen Bürgers: Lucius ist der Vorname (praenomen), Fulvius der Familienname (nomen gentile), und Curvus der Beiname. Ein solches cognomen kennzeichnet einen speziellen Zweig einer gens, und nimmt oft auf Eigenheiten des Trägers Bezug: curvus bedeutet „krumm“, kann aber auch „gewölbt“ meinen (im historischen Rückblick lässt sich also nicht mehr entscheiden, ob bei diesem Fulvius der Rücken oder der Bauch besonders auffällig schien).

Fulvius Curvus war Konsul im Jahr 322 v. Chr. Er führte mehrmals römische Heere gegen das kriegerische Hirtenvolk der Samniten, die in den unwirtlichen Regionen des Apennin lebten und immer wieder zur Geißel ihrer Nachbarn in fruchtbareren Tieflandregionen der italischen Halbinsel wurden. In einer militärischen Krise im Jahr 316 v. Chr. wurde Curvus zudem zum magister equitum (Befehlshaber der Kavallerie) gemacht, er war damit Stellvertreter des Diktators Aemilius Mamercinus, den man in der Notlage ernannt hatte.

All das ist insofern bemerkenswert, als Fulvius Curvus der Erste seines Geschlechts ist, der überhaupt in den Listen der römischen Konsuln und sonstigen wichtigen Amtsinhaber auftaucht. Offensichtlich war dem Newcomer sofort ein Aufstieg in politische und militärische Spitzenpositionen gelungen. Solche Positionen hatte nach ihm auch sein Sohn Marcus Fulvius Curvus Paetinus inne (das zusätzliche cognomen bedeutet „der Schieler“), und in den folgenden Jahrhunderten spielten Fulvier immer wieder eine wichtige Rolle in der römischen Politik.

In den letzten rund 100 Jahren der Republik hatte der Clan jedoch offensichtlich seine politische Blütezeit hinter sich; von Marcus Fulvius Bambalio weiß man z. B. nichts weiter, als dass er der Vater der berühmt-berüchtigten Fulvia war (für Frauen gab es keine Vornamen und damals auch noch keine cognomina, sie hießen einfach nach der gens des Vaters). Fulvia hatte mehrere Ehemänner, als dritten und letzten Marcus Antonius. In jüngerer Zeit hat sich die Forschung um eine differenziertere und vor allem positivere Bewertung bemüht, in der historischen Überlieferung jedoch kam sie lange Zeit sehr schlecht weg: als Furie, herrschsüchtiges Mannweib und dergleichen mehr. Dafür gibt es hauptsächlich zwei Gründe: Erstens nahm sie aufseiten ihres Mannes in den Bürgerkriegen nach Caesars Ermordung sehr aktiv am Geschehen teil – politisch und sogar militärisch, was an sich schon für eine römische Matrone skandalös war. Und sie stand dabei auch noch auf der falschen Seite, jedenfalls aus der Sicht des Siegers Octavian, als dieser nach dem endgültigen Bruch den Rivalen Marcus Antonius besiegt hatte.

Doch wenden wir uns wieder ihrem Vorfahren Fulvius Curvus, drei Jahrhunderte früher, zu. Er ist der Erste aus seinem Clan, der für uns historisch greifbar wird, und er stammte ursprünglich nicht aus Rom: Seine Heimat war die latinische Stadt Tusculum, etwa 20 km südöstlich gelegen (Abb. 3). In diesen beiden Punkten ist seine Karriere vergleichbar mit der des Attus Clausus, es handelt sich aber trotzdem nicht um dieselbe Geschichte.

Der erste Unterschied besteht darin, dass Tusculum nicht allzu lange zuvor im Krieg mit Rom gewesen war, als Curvus seine Karriere startete: Im Latinerkrieg 340 – 338 v. Chr. hatte die Stadt, zusammen mit anderen Latinern, gegen die Römer gekämpft, und in Tusculum hatte sich ein Lucius Fulvius Curvus dabei als Anführer ausgezeichnet. Es lässt sich nicht mehr sagen, ob das unser Mann war, oder wohl eher sein Vater gleichen Namens. Plinius der Ältere behauptet in Buch VII seiner Naturgeschichte sogar, dieser Anführer aus Tusculum sei noch während des Latinerkrieges zu den Römern übergegangen und gleich Konsul geworden, um noch im selben Jahr über seine alte Heimat zu triumphieren (es scheint, als könnte Plinius hierbei die Chronologie verschiedener Fulvier durcheinander geraten sein; man kennt sonst keinen Konsul Fulvius schon um 340 v. Chr.).

So oder so, Fulvius Curvus stammte aus einem Umfeld, das sich im Kampf gegen Rom exponiert hatte, und zwei Jahrzehnte später gelangte er in Spitzenämter eben dieser Stadt. Die Fähigkeit des römischen Staates, Fremde und selbst ehemalige Gegner zu integrieren, zeigt sich hier noch deutlicher als bei der Einwanderung des Clausus.

Der andere, wesentliche Unterschied besteht darin, dass die Fulvier zwar in die römische Oberschicht aufgenommen wurden – aber nicht unter die Patrizier. Denn mittlerweile hatte jenes Phänomen stattgefunden, das die moderne Forschung als „Abschließung des Patriziats“ bezeichnet. Der Zirkel der erlauchtesten Familien Roms war nunmehr geschlossen, eine gens war „schon immer“ patrizisch oder eben nicht, neue patrizische Clans konnte es nach dieser Logik nicht geben.

Abb. 3: Vom antiken Tusculum (bei Frascati) ist nicht mehr viel erhalten; Blick über den archäologischen Park.

Die soziale und politische Struktur des frühen Roms ist für uns nur in groben Umrissen erkennbar. Über einige Fragen kann man trefflich streiten, und die Gelehrten haben das auch mit Leidenschaft getan: Waren alle Mitglieder des Senats automatisch auch Patrizier? Waren alle Patrizier – genauer: alle Oberhäupter von patrizischen Clans – automatisch auch Senatoren? Und waren alle Nichtpatrizier automatisch Plebejer?

Wir lassen diese Fragen auf sich beruhen und halten nur folgende Eckpunkte fest: Anfänglich monopolisierten die Patrizier offensichtlich alle Führungspositionen, politisch, militärisch und auch die angesehenen Priesterämter. Bereits im 5. Jh. v. Chr. begannen deshalb die Ständekämpfe, bei denen es den Plebejern wohl um einen Mix aus Forderungen ging, der heute nicht mehr im Einzelnen nachvollzogen werden kann: Die materielle Lage (Stichwort Schuldenkrise) spielte eine Rolle, aber auch die Frage der Beteiligung an der Führung des Staates. Im Jahr 367 v. Chr. kam es zur Einigung; es wurde festgelegt, dass ab jetzt die beiden Konsulämter immer von je einem Patrizier und einem Plebejer besetzt werden sollten. Die übrigen Spitzenämter wurden ebenso geöffnet, von einigen Ausnahmen wie etwa bestimmten Priesterschaften abgesehen. Eine Übergangszeit mit weiteren Konflikten schloss sich an, aber ab 342 v. Chr. wurde diese Regelung strikt eingehalten (sie wurde bis 172 v. Chr. beachtet; danach spielte die ständische Herkunft der Konsuln keine Rolle mehr). Weitere Elemente waren die Abschaffung der Schuldknechtschaft und die Einführung des Volkstribunats, eines Amtes, das dazu diente, Plebejer vor der Willkür von Magistraten zu schützen.

Die Einigung der beiden Stände im 4. Jh. v. Chr. stellte einen Meilenstein der römischen Geschichte dar. Er zeigt eine besondere römische Kunst des politischen Ausgleichs, die schon den Zeitgenossen aufgefallen ist. So heftig die Auseinandersetzungen der Ständekämpfe auch gewesen sein mögen, sie hatten niemals zu einem offenen Bürgerkrieg geführt, wie er für die griechischen Poleis geradezu eine Epidemie darstellte.

Es gibt allerdings einen Aspekt an dieser Einigung, der oft übersehen wird, obwohl er schon lange bekannt ist: Die neuen plebejischen Familien, deren Angehörige jetzt vermehrt in der Führungsetage Roms auftauchten, stammten fast nie aus Rom selbst, es handelte sich also nicht um Aufsteiger aus der stadtrömischen Plebs. Vielmehr waren es überwiegend Aristokraten, die schon zur führenden Schicht in anderen Städten gehörten. Viele von ihnen waren in ihrer jeweiligen Heimat ebenso tonangebend und altehrwürdig wie die Patrizier in Rom. Nur dadurch, dass sich deren Reihen mittlerweile fest geschlossen hatten, konnten Neuankömmlinge in Rom nicht mehr den Patrizierstatus erlangen, obwohl sie sich nach ihrer sozialen Herkunft durchaus auf Augenhöhe befanden.

Deshalb ist hoffentlich klar, dass der Latiner Fulvius Curvus nicht zufällig für die Darstellung ausgewählt wurde, sein Fall ist exemplarisch. Neben Latium stellten insbesondere Etrurien und Campanien solche neuen Familien der römischen Führungsschicht. Die Licinii etwa waren Etrusker, die Plautii Latiner aus Tibur. Aber auch aus den Reihen der Volsker kamen solche Familien. Sie waren ein kriegerisches Bergvolk, das in den Abruzzen südöstlich von Latium lebte, ihre Sprache gehörte wie das Sabinische zur umbrischen Sprachenfamilie. Lange Zeit waren sie durch ihren Expansionsdrang Richtung Latium ein Hauptgegner der Römer und Latiner gewesen, nun stellten sie Männer wie Gaius Marcius Rutilus, der zwischen 357 und 343 v. Chr. viermal Konsul wurde und weitere hohe Ämter als erster Plebejer bekleidete. Eine ähnlich beeindruckende Karriere machte der Volsker Marcus Popillius Laenas, der es auf fünf Konsulate im Zeitraum 359 – 348 v. Chr. brachte.

Diese Entwicklung hat das Gesicht der römischen Politik grundlegend verändert und überhaupt erst den Menschenschlag hervorgebracht, den wir als typisch römischen Politiker bezeichnen würden. Eine neue Elite entstand, die Nobilität (nobilitas), die sich aus Patriziern und Plebejern, aus Römern und Nicht- bzw. Neurömern zusammensetzte. Diese Familien waren übrigens nicht nur durch politische Bündnisse vernetzt, sondern ebenso durch Heiraten. Manch verarmter patrizischer Clan auf dem absteigenden Ast war auf die Zufuhr nicht nur frischen Blutes, sondern vor allem auch frischen Geldes dringend angewiesen, und das spielte auch eine Rolle bei der Aufnahme der neuen plebejischen Geschlechter. Sie alle gemeinsam bildeten nun das personelle Reservoir, aus dem für rund drei Jahrhunderte die meisten Spitzenposten besetzt wurden.

Damit einher ging die Entstehung eines neuen Politikverständnisses oder, wenn man so will, einer neuen Ideologie: Der adelige Anführer, der mit seiner privaten Gefolgschaft „sein eigenes Ding macht“ wie in den Tagen des Attus Clausus, war passé. Für die Nobilität – und jeden, der vielleicht eines Tages dorthin aufsteigen wollte – zählten nun nur noch solche Taten als bewunderungswürdig und nachahmenswert, die im Namen und zum Wohle der Republik vollbracht wurden. Die Vorstellung vom Dienst am Vaterland als höchstem Ideal kam jetzt zur vollen Entfaltung. Gegen Ende der Epoche war es noch einmal der Neuling Marcus Tullius Cicero, ein homo novus, der diesem Politikideal in seinen Schriften einen beredten Ausdruck verlieh.

Dieser gemeinsame Einsatz für Rom bildete also eine ideologische Klammer, die es Neuankömmlingen relativ einfach machte, sich zu integrieren, selbst wenn sie noch vor nicht allzu langer Zeit Kriegsgegner gewesen waren: Nicht „römisches Blut“ oder die „rassische“ Zugehörigkeit spielten die wesentliche Rolle; alles Kompromittierende der eigenen Herkunft konnte man im Prinzip hinter sich lassen, wenn man bereit war, sich voll und ganz in den Dienst der neuen Heimat zu stellen.

Die Umwälzungen des römischen Staates um die Mitte des 4. Jhs. v. Chr. betrafen zudem nicht nur die innere Organisation, sondern auch nach außen das Verhältnis zu verbündeten und unterworfenen Gemeinwesen. In Rom sprach man Latein, wie in den übrigen Latinerstädten, und Latiner stellten im archaischen Rom sicher den größten Bevölkerungsanteil. Doch hier verlief, wie im vorigen Kapitel beschrieben, die urbane Entwicklung wesentlich dynamischer, und schon am Beginn der Republik bildete Rom einen Machtblock, der allen übrigen 29 Städten, die im Latinerbund zusammengeschlossen waren, gleich stark gegenüber stand.

Nach kriegerischen Auseinandersetzungen wurde im Jahr 493 v. Chr. unter Federführung des Konsuls Spurius Cassius ein Vertrag mit den Latinern geschlossen, das foedus Cassianum, der für lange Zeit die Beziehungen regelte: Alle Verbündeten verpflichteten sich, untereinander keine Kriege mehr zu führen; gegen äußere Feinde sollte stets gemeinsam gekämpft werden, wobei der Oberbefehl zwischen Vertretern Roms und des Latinerbundes wechselte. Mit eingeschlossen in den Vertrag war auch das kleine Völkchen der Herniker, das von den gleichen Feinden bedroht wurde wie Römer und Latiner und deshalb froh war, unter den gemeinsamen Schutzschirm zu schlüpfen.

Mindestens ebenso wichtig waren aber die rechtlichen Regelungen, die eine zumindest partielle Integration der einzelnen Bürgerschaften bewirkten: Alle römischen und latinischen Bürger erhielten in allen anderen Städten des foedus Cassianum das Recht, dort mit einem entsprechenden Rechtsschutz Handel zu treiben (commercium); alle diese Bürger konnten über die Stadtgrenzen hinweg rechtlich voll gültige Ehen eingehen (conubium; diese Regelung war wichtig im Hinblick auf das Erbrecht und vor allem für die Weitergabe des eigenen Bürgerrechts an die Nachkommen); und jeder hatte schließlich das Recht, sich in einer der anderen Städte niederzulassen (migratio).

Trotz dieser Regelungen wuchs aber im Laufe der Zeit der Unmut der Latiner über die Vormachtstellung Roms, und es kam im Latinerkrieg 340 v. Chr. zum Aufstand. Die wichtigste Forderung war eine rechtliche Gleichstellung mit den römischen Bürgern, also die volle Teilhabe an politischen Entscheidungen. Auch die Volsker schlossen sich an, und ebenso Campanien unter Führung Capuas, das zwischenzeitlich auch schon mit Rom verbündet gewesen war.

Die Einzelheiten sind, wie für diese Epoche üblich, verwickelt und nicht mehr genau rekonstruierbar. Jedenfalls besiegte Rom 338 v. Chr. die Koalition seiner Gegner, löste den Latinerbund und alle anderen Vertragssysteme auf, und schuf in der Folge ein völlig neues politisches Gebilde. Das hatte außenpolitisch ebenso weitreichende Konsequenzen wie innenpolitisch der Aufstieg der Plebejer. Die besiegten Gegner – und ebenso die Stadtstaaten, die loyal geblieben waren – wurden in ein konzentrisches Bündnissystem eingeteilt. Dabei spielten sprachliche oder ethnische Kriterien keine Rolle, man ging nach pragmatischen Gesichtspunkten vor.

Die äußerste Zwiebelschale bildeten Staaten, die den Status von Verbündeten hatten (socii). Sie blieben politisch autonom, waren aber verpflichtet, im Kriegsfall Hilfstruppen zu stellen. Die innerste Zwiebelschale waren jene Latinerstädte, die von Rom komplett annektiert wurden. Sie verloren jegliche außenpolitische Autonomie, ihre Bürger bekamen dafür jedoch das volle römische Bürgerrecht (und behielten zudem das Bürgerecht ihrer jeweiligen Heimatstadt). Paradoxerweise war dies eine Hauptforderung der Latiner gewesen, die Rom hier im Nachhinein erfüllte. Zu den Städten dieser Gruppe gehörte u. a. Tusculum, die Heimat der Fulvier, obwohl die Stadt aufseiten der Aufständischen gekämpft hatte.

Zwischen diesen beiden Schichten gab es weitere Gemeinwesen mit einem Zwischenstatus: Einige Latinerstädte wurden auch voll in den römischen Staat integriert, ihre Einwohner erhielten jedoch noch kein volles römisches Bürgerrecht mit Wahlrecht. Sie behielten nur ihr jeweils eigenes Bürgerrecht und die Privilegien von commercium, conubium und migratio, die schon vor dem Latinerkrieg bestanden hatten. Diese Zwischenstufe hieß dementsprechend latinisches Bürgerrecht. Ähnlich war die rechtliche Position der Campaner und Volsker: Auch ihre Gebiete wurden Teil des römischen Staatsgebietes, unter Beibehaltung der innerstädtischen Autonomie, und die Einwohner erhielten römisches Bürgerrecht, allerdings in einer Light-Version. Diese civitas sine suffragio, also Bürgerrecht ohne Wahlrecht, umfasste alle bürgerlichen Rechte eines Römers, dazu auch die Pflichten (Steuern, Kriegsdienst), jedoch nicht die politische Mitbestimmung.

Auf diese Weise entstand ein „römischer Commonwealth“, wie man das Gebilde treffend genannt hat, eine Gemeinschaft von Städten unter römischer Führung, die unterschiedlich eng an die Metropole gebunden waren. Die wirklich weltgeschichtliche Bedeutung der Regelungen von 338 v. Chr. liegt darin, dass hier der Grundstein für den gesamten weiteren Aufstieg Roms geschaffen wurde. Denn das System war flexibel und gestattete die Aufnahme immer weiterer Völkerschaften – mit dem Wachstumsmechanismus einer positiven Rückkopplung: Je mehr besiegte Gegner integriert wurden, zuerst als Verbündete, später als Halb- und schließlich irgendwann Vollbürger des römischen Staates, desto mehr wuchsen die Machtmittel Roms und schufen so die Voraussetzungen, auch kommende Auseinandersetzungen siegreich zu bestehen.

Stadtstaaten mit imperialen Ambitionen gab es einige im Mittelmeerraum, die Römer standen keineswegs alleine: Athen, Sparta, Karthago, Tarent, Syrakus – sie alle waren der Idee, den eigenen Herrschaftsbereich auf Kosten anderer auszudehnen, keineswegs abhold. Was Rom im Vergleich zur Konkurrenz einzigartig machte und letztlich dazu führte, dass die Welt römisch und nicht attisch oder karthagisch wurde, war in erster Linie die einzigartige Fähigkeit zum „alliance management“, wie man heute sagen würde. Durch die Bereitschaft, besiegten Gegnern eine Perspektive auf Teilhabe an den Früchten zukünftiger Expansion zu bieten, überstieg Roms „Manpower“ schließlich sogar das Potenzial der größten hellenistischen Königreiche. Dass griechische Stadtstaaten wie Athen, die stets eifersüchtig auf die Exklusivität ihrer Bürgerschaft bedacht waren, da nicht mithalten konnten, war schon für Beobachter in der Antike kein Wunder.

Und so kann man über Fulvius Curvus abschließend sagen: Wir wissen nicht viel über ihn, aber das Wenige, was bekannt ist, zeigt eine Karriere, die typisch für das allmählich römisch beherrschte Italien des 4. Jhs. v. Chr. ist.

Literatur: CORNELL 1995, COWAN 2009, ECKSTEIN 2006, FORSYTHE 2005, HÖLKESKAMP 1993, RAAFLAUB 1986, SCHUR 1924

Andronicus: Von der Camena geküsst

Wir haben bisher je einen Sabiner und einen Latiner kennengelernt, die zu Römern wurden, jetzt wird es Zeit für einen griechisch-stämmigen Neurömer. Unser Kandidat heißt Andronicus und stammt aus dem süditalischen Tarent. Nach Rom gelangte er im 3. Jh. v. Chr., als Sklave nach der Einnahme der Stadt durch die Römer. Er lebte dann im Haushalt der Livier und wurde später freigelassen, was ihm das römische Bürgerrecht und seinen römischen Namen einbrachte: Lucius Livius Andronicus. Denn ein Freigelassener behielt als cognomen den Namen, den er schon als Sklave hatte, und übernahm Vornamen und Familiennamen seines ehemaligen Herren, der die Freilassung bewirkt hatte (Antike Autoren bezeichneten ihn deshalb meist einfach als Livius, während man heute als Kurzform Andronicus bevorzugt, vor allem, um Verwechslungen mit dem gleichnamigen kaiserzeitlichen Historiker vorzubeugen).

Man erkannte in Rom seine literarischen Talente; er war als Lehrer für die Söhne des Hauses Livius tätig, vor allem jedoch wurde er, der Grieche, zum eigentlichen Begründer der römischen Literatur und des römischen Theaters. Und neben der Arbeit an den Stücken stand er auch selbst als Schauspieler auf der Bühne.

Soweit jedenfalls die Standardversion von Andronicus’ Leben, wie sie sich in Übersichtsdarstellungen findet. Die Details sind auch hier wieder einmal umstritten: Selbst sein Vorname Lucius ist nicht sicher, auch Titus ist in der Überlieferung im Angebot. Gravierender sind jedoch die offenen Probleme rund um seine Herkunft, denn sie betreffen die grundsätzliche Frage nach den Anfängen der römischen Literatur. Wir werden uns später diesem Thema zuwenden, aber zunächst einen Blick auf die literarische Produktion des Andronicus werfen.

Die ersten ludi scaenici, also Bühnenspiele, fanden in Rom schon 367 v. Chr. statt. Dabei handelte es sich jedoch noch um Tanzdarbietungen mit Musikbegleitung, die man aufführte, um anlässlich einer pestilentia die Götter zu besänftigen (Wir wissen nicht, welche Seuche das war, die Übersetzung mit „Pest“ im Sinne des Schwarzen Todes wäre jedenfalls falsch). Zu diesem Zweck hatte man eigens Experten aus Etrurien kommen lassen; der Konsul, der das veranlasst hatte, war übrigens der gebürtige Volsker Popillius Laenas, dem wir im vorigen Kapitel begegnet sind.

Die Seuche ging, die Begeisterung der Römer für die ludi scaenici blieb - auch deshalb, weil man im Laufe der Zeit das Ganze zunehmend mit witzigen Einlagen und einer Spielhandlung aufpeppte. Das erste echte Theaterstück bekamen die Römer aber erst zu sehen, nachdem Andronicus in die Stadt gelangt war.

Abb. 4: Terrakottafigur eines Schauspielers, der vielleicht eine Figur aus Menanders Komödie „Der Griesgram“ darstellt, um 330 v. Chr. (Paris, Musée du Louvre).

Denn Andronicus brachte die humoristischen Kleinkunstdarbietungen, die bis dahin die römische Bühne dominiert hatten, auf Weltniveau, sprich griechisches Niveau. Er entfaltete eine umfassende Übersetzertätigkeit, bei der er zahlreiche Dramen aus dem Griechischen in Latein übertrug. Man kennt die Titel von diversen Stücken, etwa die Tragödien „Das Trojanische Pferd“, „Achilles“, „Aegisthus“ und „Ajax“, und dazu die Komödien „Gladiolus“, „Virgo“ und „Ludius“. Von den Schriften selbst hat sich fast nichts erhalten, die heutige Ausbeute aller seiner Werke beträgt maximal 50 Zeilen Text.

Trotz dieser dürftigen Überlieferung kann man sich ein Bild von der Arbeitsweise des Andronicus machen, und man erkennt, dass dieser erste literarische Übersetzer der gesamten europäischen Geschichte in reflektierter und methodischer Weise vorging. Das beginnt mit der gezielten Auswahl der übersetzten Stücke: Alle Tragödien, die er übertrug, stammen aus der klassischen Tragödie des 5. Jhs. v. Chr., während er bei den Komödien die Richtung der attischen Neuen Komödie aus hellenistischer Zeit bevorzugte (Abb. 4).

Ebenso wichtig war das Ringen mit der Sprache, denn das Griechische ist in gewisser Weise geschmeidiger als Latein, es erlaubt z. B. fast unbegrenzte Wortneubildungen durch Zusammensetzungen, was im Lateinischen viel schwieriger ist. Ebenso galt es, für die verschiedenen griechischen Versmaße passende Entsprechungen in der lateinischen Sprache zu finden.

Der erste von Andronicus übertragene Text war allerdings kein Theaterstück, sondern ein noch anspruchsvolleres Projekt, die Übersetzung der Odyssee. Von seiner „Odusia“, wie er das Epos auf Latein nannte, ist zumindest die Anfangszeile erhalten. Anstelle des Hexameters Homers verwendete er den Saturnier, der zwar nicht sehr elegant ist, aber als altrömisches Versmaß seinen Lesern vertraut war. Im Original heißt es

„Andra moi ennepe, Moûsa, polytropon …“

was bei Andronicus wurde zu

„Virúm mihí, Caména, ínsecé versútum …“

In der deutschen Übersetzung von Johann Heinrich Voß lautet Homers Zeile

„Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes …“

wobei offensichtlich Voß (1751 – 1826), nach mehr als zwei Jahrtausenden europäischer Kulturgeschichte, keine Bedenken hatte, beim Leser die Kenntnis des Wortes Muse vorauszusetzen. Ganz anders Andronicus, der noch nach einer lateinischen Entsprechung für Mousa suchte und bei Camena landete. Die Camenae (es gab mehrere) aus der römischen Mythologie waren eigentlich eine Entsprechung der griechischen Quellnymphen, nicht der Musen. Aber durch die Ähnlichkeit ihres Namens mit dem Wort carmen (Lied) glaubte man später, sie seien auch für die Dichtkunst zuständig. An diesem Detail zeigt sich, wie sorgfältig sich Andronicus um eine Übersetzung bemühte, die dem Original gerecht wurde und dem neuen Leserkreis trotzdem verständlich war.

Später entwickelte sich eine eigenständige römische Literatur, die nicht mehr nur von Übersetzungen griechischer Werke abhängig war. Ein Punkt jedoch, der bei Andronicus als Erstem zu konstatieren ist, bleibt für die römische Literatur bis zum Ende typisch: Die allermeisten römischen Autoren stammten nicht aus Rom.

Die Frage, wann genau Andronicus nach Rom kam (und warum), hängt mit der wechselvollen Geschichte der tarentinisch-römischen Beziehungen zusammen. Im Jahr 284 v. Chr. kamen die Römer der kleinen Stadt Thurioi zu Hilfe, mit der sie verbündet waren und die von den Stämmen der Lukaner und Bruttier bedrängt wurde. Eigentlich war dies kein direkter Konflikt mit Tarent – aber die Tarentiner sahen hier einen römischen Übergriff auf ihr eigenes Einflussgebiet im südlichen Italien und votierten für Krieg.

Tarent war eine der bedeutendsten griechischen Kolonien in Italien; es hatte eine ansehnliche eigene Armee und, ähnlich wie Rom, ein System verbündeter Städte, den Italiotenbund. Dessen Wert war allerdings begrenzt, denn das Lieblingsspiel der griechischen Poleis, der Krieg aller gegen alle, wurde auch unter diesen Verbündeten gespielt. Davon abgesehen war aber ohnehin klar, dass Rom in eine ganz andere Liga gehörte, und so suchte Tarent einen mächtigen Verbündeten außerhalb Italiens.

Die Wahl fiel 281 v. Chr. auf König Pyrrhos von Epiros, ein Cousin von Alexander dem Großen, und begierig, sich denselben Feldherrenruhm wie der makedonische Vetter zu erwerben. In der Praxis war seine Bilanz aber eher bescheiden, vor allem, weil Pyrrhos nach anfänglichen Misserfolgen schnell die Lust verlor. Da sich die römischen Barbaren als zäher erwiesen als erwartet, verließ Pyrrhos 275 v. Chr. Italien für immer; drei Jahre später kam er in Argos bei einem weiteren militärischen Abenteuer ums Leben.

Damit war die Option Pyrrhos endgültig vom Tisch, und es kam zum Friedensschluss Tarents mit Rom. Die Bedingungen waren recht günstig, und Tarent war hinfort ein Verbündeter Roms. Als jedoch Hannibal im Zweiten Punischen Krieg kreuz und quer durch Italien zog, gehörte Tarent zu der Minderheit römischer socii, die eine Chance auf völlige Unabhängigkeit witterten und sich Hannibal anschlossen. Das war 213 v. Chr., vier Jahre später wurde Tarent von den Römern zurückerobert und diesmal gab es keine milden Friedensbedingungen: Die Stadt wurde geplündert, die Stadtmauern geschleift und die Einwohner deportiert.

Scheinbar passt alles gut zusammen: Andronicus wurde 209 v. Chr. versklavt und kam in das Haus Livius. Sein erstes literarisches Werk in Rom war 207 v. Chr. ein Hymnus zu Ehren der Göttin Juno; den ehrenvollen und wohl auch lukrativen Auftrag hierfür erhielt er auf Veranlassung seines Patrons Livius Salinator, und Andronicus wurde eine Art literarischer Celebrity. Die erste Aufführung eines von ihm übersetzten Stückes wird auf 197 v. Chr. datiert. Dies jedenfalls sind die Eckdaten zu Andronicus Karriere, die später vom römischen Autor Accius zusammengestellt wurden (geb. ca. 170 v. Chr.?), der selbst Theaterstücke schrieb und sich für die Geschichte seines Metiers interessierte.

Nun wissen wir nicht, auf welche Dokumente sich Accius stützte, und wie getreu er ihren Inhalt in seine Rekonstruktion einfließen ließ. Schlimmer noch: Die Darstellung des Accius ist uns nicht aus seiner eigenen Feder erhalten, sondern nur in der Wiedergabe in Ciceros Rhetoriklehrbuch „Brutus“. Cicero kann man hier allerdings nicht als fair bezeichnen, ging es ihm doch darum, Accius Schludrigkeit nachzuweisen.

Eine neue Generation von Gelehrten, neben Cicero auch Varro und Atticus, hatte sich um 50 v. Chr. daran gemacht, die Frühgeschichte der römischen Literatur neu zu bewerten. Kernpunkt dabei war die Feststellung, dass das erste römische Theaterstück aus der Übersetzerwerkstatt des Andronicus schon 240 v. Chr. aufgeführt wurde. Und das hat gewichtige Konsequenzen: Dann kann er wohl nicht erst 209 v. Chr. nach Rom gelangt sein. Man hat bis in die moderne Forschung versucht, Accius hier trotzdem partiell zu retten, mit der Annahme, er habe einfach zwei römische Siege über Tarent verwechselt – wenn Andronicus nicht 209 v. Chr. versklavt wurde, dann eben schon 272 v. Chr. Diese Rekonstruktion führt aber sofort zu neuerlichen Problemen.

Zum einen gab es 272 v. Chr., anders als 209 v. Chr., kein verheerendes römisches Strafgericht über Tarent, die Bevölkerung wurde nicht deportiert. Dazu war Andronicus, falls 272 v. Chr. überhaupt schon geboren, höchstens ein Kind, kein ausgebildeter Experte für griechisches Theater. Aber wenn er der Erste war, der die Kenntnis griechischer Dramen nach Rom gebracht hat, kann er sich logischerweise dieses Wissen nicht in Rom angeeignet haben – und erst recht nicht die praktische Erfahrung mit griechischem Theater, die er später als Schauspieler mitbrachte! Er kann also schwerlich bereits als Kind nach Rom gelangt sein.

Unter dem Strich bleibt die Vermutung, dass die ganze Story vom Sklavendasein des Livius Andronicus nichts als eine gelehrte Spekulation war. Ein freigelassener Sklave erhielt durch seinen ehemaligen Herrn den Namen und das Bürgerrecht – eine Standardprozedur. Aber ein freier Ausländer, der durch die Fürsprache eines römischen Patrons das Bürgerrecht erhielt, übernahm ebenso dessen Namen. Das Verhältnis zwischen Andronicus und dem Haus Livius kann also ein klassischer Fall von Patronage gewesen sein, wie es zwischen begabten Künstlern und einflussreichen Aristokraten mehr als einmal in der Weltgeschichte vorkam. Dass Andronicus nebenbei auch Lehrer der jungen Livii war, ist keineswegs ausgeschlossen.

Für Cicero und die anderen „Revisionisten“, die die Geburtsstunde der römischen Literatur von 207 nach 240 v. Chr. verschoben, ging es aber wohl um mehr als bloße Chronologie: Jarrett Welsh hat deutlich gemacht, dass sie auch der Kontext beschäftigte. Der Juno-Hymnus von 207 v. Chr. wurde direkt nach der siegreichen Schlacht am Metaurus in Auftrag gegeben, einem Wendepunkt des Zweiten Punischen Krieges. Die erste Theateraufführung von 240 v. Chr. jedoch fällt in eine Zeit des Friedens und hat keinen militärischen Bezug. Und irgendwie ist ja der Gedanke tröstlich, dass selbst bei einem martialischen Volk wie den Römern nicht alles aus dem Krieg geboren war, und dass es römische Gelehrte gab, die diesen Punkt auch für wichtig hielten.

Literatur: BEARE 1940, COWAN 2009, FUHRMANN 2005, LIVINGSTON 2004, SANFORD 1923, SEELE 1995, SZEMERÉNYI 1975, WELSH 2011

Späte Republik (133 – 31 v. Chr.)

Sanibelser: An den Vätern erkennt man die Söhne

Wir haben schon den Stein von Satricum kennengelernt, jetzt folgt die Bronze von Áscoli. Sie wurde im Juni 1908 von Professore Gatti aus Rom erworben, eine rechteckige Bronzeplatte mit lateinischer Inschrift, etwa 29 × 52 cm groß und mit Löchern versehen, weil die Platte früher einmal irgendwo angenagelt war. Zwei Jahre später gelang Gatti auch noch der Ankauf der fehlenden oberen rechten Ecke.

Solche Erwerbungen aus dem Kunsthandel, mit oft völlig ungeklärter Provenienz, sind nach heutigen Maßstäben eine äußerst zweischneidige Sache, auch wenn man das früher nicht so eng gesehen hat: Natürlich ist es immer gut, wenn wertvolle Objekte im Museum oder einer wissenschaftlichen Sammlung landen, statt in den Schatztruhen privater Sammler. Aber noch viel besser ist es, wenn Archäologen die Funde selbst bergen, sodass man auch den Kontext kennt.

Die Bronze von Áscoli ruht heute jedenfalls wohlverwahrt im Palazzo dei Conservatori, einem Bestandteil der Kapitolinischen Museen in Rom. An Popularität kann sie es mit vielen anderen Exponaten dort nicht aufnehmen, die geradezu Ikonen der römischen Kunst sind – etwa die Kapitolinische Wölfin oder die Fragmente der einstmals ca. 12 m hohen Kolossalstatue Constantins. Was ihre historische Aussagekraft angeht, spielt diese Bronzetafel dennoch in der ersten Liga, und das gleich aus mehreren Gründen.

Sie ist nämlich eine Urkunde, die die Verleihung des römischen Bürgerrechts im Jahr 89 v. Chr. an 30 Reiter aus Hispanien festhält, welche als Hilfstruppen der Römer gekämpft haben (Abb. 5). Diese Männer bildeten eine turma (Kavallerieschwadron), nach ihrer Herkunft als turma Salluitana bezeichnet. Der Magistrat, der für den Rechtsakt verantwortlich ist, ist Gnaeus Pompeius, Vater von Pompeius dem Großen. Alle 30 Iberer sind namentlich aufgeführt; der Erste davon – vermutlich der Befehlshaber der Einheit – ist ein gewisser Sanibelser, Sohn des Adingibas. Der entscheidende Kopfteil des Textes lautet:

CN. POMPEIUS SEX. F. IMPERATOR VIRTUTIS CAUSA EQUITES HISPANOS CEIVES ROMANOS FECIT IN CASTREIS APUD ASCULUM A.D. XIV K. DEC. EX LEGE IULIA

Übersetzt und mit Auflösung der Abkürzungen (die auch damals schon eine besondere Leidenschaft der Verwaltungsmenschen waren) erhält man:

Der Imperator Gnaeus Pompeius, Sohn des Sextus, hat wegen ihrer Tapferkeit die hispanischen Reiter zu römischen Bürgern gemacht, im Feldlager bei Asculum, 14 Tage vor den Kalenden des Dezember, gemäß dem Iulischen Gesetz.

Asculum ist natürlich das heutige Áscoli; Imperator bedeutet hier noch nicht Kaiser, sondern Feldherr oder General; und das Datum wäre der 16. November in moderner Zählung. Die Welt hat vieles von den Römern übernommen, auch den Kalender; allerdings – den Göttern sei Dank! – nicht das absurd komplizierte System der Tageszählung.

Auffällig sind Elemente eines recht altertümlich wirkenden Lateins, etwa ceivis statt civis für „Bürger“, oder in castreis statt in castris. Altertümlich wirkt aber auch das Rechtsverständnis, das hier zum Ausdruck kommt: Bei einem modernen Dokument reicht in der Regel die Unterschrift eines einzelnen Sachbearbeiters, wenn nicht sogar „maschinell erstellt – ohne Unterschrift gültig“ zu lesen ist. Auf der Bronze von Áscoli jedoch folgt auf den Kopfteil, der den Sachverhalt als solchen beschreibt, die enorme Zahl von 59 römischen Bürgern, die als Zeugen die Gültigkeit des ganzen Vorganges garantieren. Diese Männer sind das consilium des Pompeius, also die Militärtribunen und Centurionen, die als Offiziere unter seinem Kommando dienten. Danach folgen die Namen der 30 Neubürger, und schließlich erhält die Tafel auch noch einen zweiten, kürzeren Urkundentext, in dem es um zusätzliche Tapferkeitsauszeichnungen geht.

Kavalleristen hatten in antiken Heeren oft einen Elitestatus, und römische Feldherren setzten gerne Männer fremder Herkunft als persönliche Leibwache ein. Berühmt wurde später die germanische Leibwache Iulius Caesars; auch nach ihm hatten römische Kaiser – neben den Prätorianern, die sich aus römischen Bürgern rekrutierten – oft germanische Reiter in ihrer Garde. Die turma Salluitana war also vermutlich eine Eliteeinheit, die sich bei der Erstürmung der Stadt Asculum besonders hervorgetan hatte.

Abb. 5: Darstellung eines iberischen Kriegers aus Urso (heute Osuna) um 100 v. Chr.; charakteristisch ist der kleine Rundschild (caetra). (Madrid, Museo Arqueológico Nacional, Inv. 38428).

Die Stadt, nach der die Einheit benannt ist, ist das heutige Zaragoza. In diesem Namen klingt noch die antike Bezeichnung Caesaraugusta an. So hatte Augustus die römische Kolonie genannt, die er an dieser Stelle gründete, aber es gab eine Vorgängersiedlung der Iberer, als deren Namen man Salduia, Saldubia, Salduba oder so ähnlich vermutet hat (von der betreffenden Stelle bei Plinius dem Älteren gibt es verschiedene Lesarten). Nach der Entdeckung der Bronzetafel kann man den ursprünglichen Namen ziemlich sicher als Salluia oder Salluvia rekonstruieren. Die Männer kamen übrigens vermutlich alle aus dem nordöstlichen Hispanien, aber nicht notwendigerweise aus Salluvia: Es werden auch andere Herkunftsstädte in der Region genannt, etwa Ilerda, das heutige Lérida.

Über den Städtenamen Salluvia hinaus ist die Tafel aber auch grundsätzlich ein wertvolles Zeugnis für die iberischen Sprachen, von denen nur sehr wenige schriftliche Belege erhalten sind. So haben einige Namen aus der turma Salluitana noch heute Entsprechungen in Spanien, insbesondere im Baskenland, also wiederum im Nordosten der Halbinsel. Beispiele sind (jeweils Bronze v. Áscoli – modern): Agirnes – Aguirre, Albennes – Albéniz, Enneges – Enneco/​Eneko, Estopeles – Estibaliz.

Den Hintergrund für die Rekrutierung dieser Männer bildet die römische Annexion Hispaniens nach dem Zweiten Punischen Krieg, also ab 206 v. Chr. Die endgültige Eroberung gelang erst unter Augustus fast 200 Jahre später, war also zu Zeiten von Sanibelser und seinen Kameraden noch keineswegs abgeschlossen. Die langen Kriege, die die Römer in Hispanien führen mussten, erklärt man oft mit ihrer viel drückenderen Herrschaft im Vergleich zu den Karthagern, die die iberische Halbinsel zuvor okkupiert hatten.

Nun wurden allerdings auch die Karthager nicht mit lautem Jubel empfangen, als sie sich anschickten, Iberien zu unterwerfen. Nach der antiken Überlieferung fiel beispielsweise Hannibals Vater Hamilkar im Kampf gegen Iberer; Hannibals Schwager Hasdrubal soll von einem Diener ermordet worden sein, der den Tod seines iberischen Fürsten rächen wollte. Der Grund für den sich so lange hinziehenden Abnutzungskrieg ist ein anderer: Anfangs hatten die Römer „mit dem Recht des Siegers“, wie man es in der Antike sah, einfach die karthagischen Besitzungen übernommen. Diese Regionen im Osten und Süden der Halbinsel waren schon lange, auch vor der punischen Herrschaft, kulturell zum Mittelmeerraum orientiert. Mit ihren zahlreichen Städten waren sie gewissermaßen zur urbanen Zivilisation der Römer (oder Karthager) gut kompatibel, und das erleichterte den Wechsel zu den neuen Herren.

Die Römer jedoch gingen die Sache mit einer Gründlichkeit an, die die Karthager zuvor nicht umgetrieben hatte, und nahmen sich auch die Eroberung der unzugänglichen Hochlandregionen im Landesinneren vor: Viele Berge, wenig Wasser, und dazu jede Menge keltiberische Stämme, die sich hervorragend aufs Kämpfen verstanden – dies waren die Gründe, die den Vormarsch der Römer so zäh machten.

Im Jahr 89 v. Chr., als Sanibelser zum römischen Bürger wurde, war Hispanien daher teilweise noch Schauplatz heftiger Kämpfe, teilweise aber auch schon befriedet und „romanisiert“. Die Anführungszeichen bedeuten, dass der Begriff in der Fachwelt sehr kontrovers diskutiert wird, was hier nicht in aller Ausführlichkeit ausgebreitet werden kann. Wichtig ist, dass die Einheimischen nicht einfach ein römisches Standardmodell übernahmen oder übernehmen mussten, sondern eine neue provinzialrömische Kultur unter Beibehaltung eigener Traditionen schufen.

Die Analogien zum europäischen Kolonialismus der Neuzeit sind daher irreführend, wenn man die antiken Prozesse verstehen will: Die Römer wären z. B. niemals auf die Idee gekommen, den Eingeborenen den Gebrauch ihrer Sprachen zu verbieten, damit hinfort alle nur noch Latein sprechen. Auch hat man keine Missionare auf die Dörfer geschickt, um die einheimischen Religionen auszumerzen.

Das Fortschreiten der Romanisierung Hispaniens in unterschiedlichen Graden ist auch an einem Detail auf der Áscoli-Tafel abzulesen: Die dort aufgeführten Ilerdenses, also die Männer aus Ilerda, trugen als Einzige der 30 Iberer schon römische Namen, als auch sie rechtlich noch Ausländer waren. Da findet sich ein Gaius Otacilius, Sohn des Suisetarten, oder ein Gnaeus Cornelius, Sohn des Nesille – die Namen der Väter verraten unzweifelhaft die barbarische Herkunft dieser Männer.

Wie so oft in der Geschichte hängt alles mit allem zusammen: Asculum war der Schauplatz einer Schlacht im Pyrrhos-Krieg gewesen, der uns im vorigen Kapitel beschäftigt hat, aber das war zwei Jahrhunderte zuvor. Sanibelser und seine Mannen kämpften in dem Krieg, der als Bundesgenossenkrieg (bellum sociale) in die Geschichte eingegangen ist. Die Römer bezeichneten ihn auch als bellum Italicum oder bellum Marsicum, denn es war zuerst der Stamm der Marser gewesen, der sich gegen Rom erhoben hatte. Und das Thema Bürgerrecht spielte dabei eine Hauptrolle.

In vorhergehenden Kapiteln wurde mehrfach auf die Offenheit der Römer gegenüber Fremden und die Vergabe des Bürgerrechts hingewiesen – dabei darf man aber nicht die Proportionen aus den Augen verlieren: Diese römische Praxis steht im Gegensatz zum Exklusivitätsdenken der Griechen oder Karthager, aber die römische Großzügigkeit war auch nicht grenzenlos. Eine gute Analogie liefern vielleicht die Vereinigten Staaten: Einerseits ist man stolz auf die Traditionen des modernen Einwanderungslandes schlechthin, andererseits heißt das nicht, dass einfach jeder und ganz ohne Hürden ins Land gelassen wird.

Die römischen Bundesgenossen in Italien waren schon länger unzufrieden mit ihrem Status zweiter Klasse und forderten die volle rechtliche Gleichstellung. Denn sie hatten Truppen zu stellen für die Kriege der Römer, kamen aber bei der Verteilung der Beute schlechter weg, und von den politischen Entscheidungsprozessen waren sie ganz ausgeschlossen. Durch volle Teilhabe am römischen Bürgerrecht wollten sie diese Benachteiligung überwinden.

In Rom gab es durchaus reformbereite Politiker, die die Berechtigung dieser Forderungen einsahen – und das Argument, dass der Staat insgesamt gestärkt wird, wenn sich die Zahl seiner Bürger vergrößert, zeigte das römische Eigeninteresse in dieser Sache auf. Dem gegenüber stand jedoch eine reaktionäre Oligarchenfraktion vor allem aus der Nobilität, die das Privileg des römischen Bürgerrechts um keinen Preis an so viele Nichtrömer verschenken wollte. Der führende Kopf der Reformer, der Volkstribun Marcus Livius Drusus (schon wieder ein Livier!), scheiterte mit seinem Gesetz zur Aufnahme der socii in den römischen Staatsverband, und wurde schließlich sogar ermordet.

Man muss allerdings einräumen, dass es nicht ausschließlich Chauvinismus war, der die Hardliner umtrieb: Nach den römischen Gepflogenheiten wurden Neubürger Klienten und somit Gefolgsleute desjenigen, der ihnen die civitas verschafft hatte. Mit diesem Coup hätte Drusus also auf einen Schlag seine Anhängerschaft und damit sein politisches Gewicht vervielfacht, und das drohte die delikate Machtbalance innerhalb der römischen Führungsschicht zu zerstören.

Jedenfalls platzte nun einigen Bundesgenossen der Kragen, und mit der Ermordung eines römischen Prätors in Asculum brach 91 v. Chr. ein offener Aufstand los, an dem sich etliche italische Völkerschaften wie die Marser und die Samniten beteiligten, und der die Römer militärisch in ziemliche Bedrängnis brachte. Die dramatische Situation führte zu paradoxen Konsequenzen: Zuerst gewährte man 90 v. Chr. allen Bundesgenossen, die loyal zu Rom geblieben waren, das volle Bürgerrecht, um sie auch weiterhin bei der Stange zu halten. Umbrien und die griechischen Kolonien Süditaliens hatten sich beispielsweise nicht dem Aufstand angeschlossen. Die rechtliche Grundlage dafür war genau jene lex Iulia, die auch der Bürgerrechtsverleihung an Sanibelser und seine Männer zugrunde lag. Aber auch alle Aufständischen, die bereit waren, die Waffen niederzulegen, sollten sofort in den Genuss der vollen rechtlichen Gleichstellung kommen. Die Städte Etruriens, die sich nach anfänglichem Zögern dem Aufstand angeschlossen hatten, nutzten diese Gelegenheit auf der Stelle. Ein Jahr später gewährte man auch allen Übrigen das Bürgerrecht und erreichte so ein Ende der Kämpfe.

Die Einnahme Asculums war ein wichtiger römischer Erfolg in diesem Krieg, aber entscheidend war am Ende nicht der Sieg der Waffen, sondern der Vernunft: Das, was die Italiker von Anfang an gefordert hatten, bekamen sie schließlich zugestanden, obwohl sie zuletzt militärisch unterlegen waren. Dieses Resultat hätten die Römer wahrlich auch zu einem günstigeren Preis haben können, ohne einen verheerenden Krieg in fast ganz Italien.

Auch in Hispanien beruhigten sich die Verhältnisse allmählich. Augustus hatte noch einmal eine Streitmacht von sechs Legionen aufgeboten, um 26 – 19 v. Chr. auch den letzten Streifen Land im Norden der Halbinsel zu erobern. Bei seinem Tod, 33 Jahre später, standen nur noch drei Legionen im Land, im weiteren Verlauf der Kaiserzeit reduzierte sich die römische Garnison schließlich auf eine einzige Legion für ganz Hispanien. Die Einheimischen waren im Römischen Reich angekommen, und Hispanien bildete für lange Zeit eines der am stärksten romanisierten Gebiete; neben Italien eine Art weiteres Kernland des Imperiums. Dazu passt, dass mit Traian (98 – 117 n. Chr.) und Hadrian (117 – 138 n. Chr.) zwei Spanier auf den Kaiserthron gelangten – als erste Kaiser überhaupt, die nicht mehr aus Rom oder Italien stammten. Bis dahin war es zu Sanibelsers Lebzeiten noch ein ziemlich weiter Weg. Aber es ist ebenso passend, dass ausgerechnet er und seine iberischen Kameraden diejenigen sind, deren Namen auf der ältesten erhaltenen Urkunde über römische Bürgerrechtsverleihung die Jahrtausende überdauert haben.

Literatur: ANDERSON 1973, ASHBY 1909, BELTRÁN LLORIS 1999, CHRIST 1984, COŞKUN 2009, GESCHE 1981, KOCH 2014, PANZRAM 2014, SCHMOLL 1956, STEVENSON 1919, SYME 1939

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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
229 str. 32 ilustracji
ISBN:
9783945751237
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