Czytaj książkę: «Stadtflucht»
Stephan Anderson
Stadtflucht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 Morgendliche Routine
Kapitel 2 Mittagserwachen
Kapitel 3 Tagwerk Tatort
Kapitel 4 Tagwerk Leiden
Kapitel 5 Unmodische Aufmachungen
Kapitel 6 Bergländische Borniertheit
Kapitel 7 Muttersöhnchen
Kapitel 8 Ab in die Scheiße
Kapitel 9 Weiße Schlapfen in weißem Schnee
Kapitel 10 Kotze, Müll und Spermaflecken
Kapitel 11 Ökufuzzi mit Erbsen und Gemüse
Kapitel 12 Damenstiefel und Rapsgelb
Kapitel 13 Der hungrige Heimkehrer
Kapitel 14 Das hellblaue Haus im weißen Grüngarten
Kapitel 15 Big Brother is watching you
Kapitel 16 Eine besoffene Geschichte
Kapitel 17 Noch eine besoffene Geschichte
Kapitel 18 Herzwerk/Verbaute Erkenntnisse
Kapitel 19 Löwenbau
Kapitel 20 Fluoreszieren in der Februarnacht
Kapitel 21 Vom Hilfsjäger zum Gejagten
Kapitel 22 Zum borstigen Eber
Kapitel 23 Au revoir – alter Freund
Kapitel 24 Chauffeur ins Nirgendwo
Kapitel 25 Bienvenue alter Feind
Kapitel 26 Schmelzende Askese
Kapitel 27 Säkularer Sohn
Kapitel 28 Der Löwe im Käfig
Kapitel 29 Enormes Unglück
Kapitel 30 Gulasch
Kapitel 31 Was blieb
Impressum neobooks
Kapitel 1 Morgendliche Routine

©HeRaS Verlag, Rainer Schulz, Berlin 2021
www.herasverlag.de
Layout Buchdeckel Rainer Schulz
Unter Verwendung eines Fotos von Stefan.lefnaer
ISBN 978-3-95914-228-1
Nur fünfzehn Minuten nach dem Sirenengeheul des Weckers, welches seine Tiefschlafphase in ein Delirium namens Halbdämmerung umwandelte und ihn, durch seinen schrillen Ton bedingt, zu sofortigem Aufschwung aus seinem wohlig warmen Bett zwang, verließ Aaron Röttgers schon seine sechzig Quadratmeter-Wohnung Richtung Arbeit. Frühstück war für ihn temporärer Luxus, welchen er sich in aller Herrgottsfrüh niemals leisten wollte. Als er das Sirenengeheul mit einem Flachhandschlag auf den, am anderen Ende des Schlafzimmers, auf einer Kommode befindlichen, Wecker beendet hatte, stand er nun da. Halbnackt, wie nach einer Wiedergeburt, frierend, sich mit seinen eigenen Armen umschlingend und fragend, was ihn davon abbringen könnte wieder in seine wohlig warme Schlafburg zurückzukehren?
Einen kurzen Moment innehaltend und sich an die winterlichen Frühtemperaturen langsam gewöhnend, starrte er ins finstere Nichts seines verdunkelten Schlafzimmers.
„Ankleiden, Zähne putzen, Fahrt ins Büro, Arbeiten, Fahrt nach Hause. Und wenn ich wieder zurück bin, gehe ich sofort wieder ins Bett“, war sich Aaron sicher.
Mit diesem Plan, geschmiedet in Halbschlaftrance und fest mit sich selbst paktiert, schleppte er sich nun zitternd zum Kleiderständer um seine, am Vortag zurecht gelegte, Garderobe anzulegen. Schlichte Jeans, ein T-Shirt und ein zweckerfüllender hellgrauer Hoodie sollten ihm die nötige Wärme für den Tag geben. Zumindest, um im fröstelnden Großstadtdschungel, von einem zum anderen öffentlichen Verkehrsmittel wechselnd, nicht zu erfrieren.
Seine Freundin schien den Aufstehprozess besser gemeistert zu haben. Ihre Betthälfte war sorgfältig zurückgelassen worden. Sowohl die Decke war zusammengelegt, als auch der Polster fein säuberlich aufgeschlagen, als ob nie jemand darin genächtigt hätte. Nach dem abermaligen heftigen Streit am Vortag war es nicht verwunderlich, dass sie wieder einmal frühmorgens das Weite suchte, um ihren schlaftrunkenen, morgenmuffeligen Lebensgefährten nicht schon bei Tagesanbruch über den Weg laufen zu müssen.
War die On-Off-Beziehung nun für immer beendet oder gab es, wie so oft, nach einer mehrwöchigen Auszeit, in der sie, wie immer, vom Boden verschluckt schien, ein abermaliges Liebes-Comeback? Aaron war dieser Frage schon überdrüssig und während dieses, sich täglich wiederholenden, grässlichen Aufstehprozederes verschwendete er auch keinerlei weitere Gedanken daran.
Pedantisch, auf Sauberkeit achtend und in einem Hamsterrad des Putzfimmels gefangen, begrüßten ihn seine heimischen vier Wände mit einem starken chemischen Reinigungsmittelgeruch mit desinfizierender Duftnote, als ob er eine Zahnarztpraxis beherbergte. Mit seinen nur halb geöffneten Augen taumelte Aaron durch die unbeleuchteten Räume seiner Wohnung in das Badezimmer. Auch dort verzichtete er, zugunsten seiner an die Dunkelheit gewöhnten Augen, auf die Betätigung des Lichtschalters. Zwei Hände voll kaltem Wasser zur Reinigung des Gesichts und eine vibrierende Zahnbürste in seinem Mund, entfernten auch den letzten Rest melancholischer Rückkehrgedanken in seine behagte Schlafstätte aus seinem Kopf.
In der Pension, so schwor sich der Morgenmuffel jeden Morgen, werde er keinen Tag vor sieben Uhr aufstehen und erst dann seine Füße aus seinem Bett heben, wenn er wirklich ausgeschlafen ist. Bis dahin hatte er aber noch gut dreißig mühsame Jahre mit fröstelndem Aufstehen im Winter und viel zu heißen, schlaflosen Großstadt-Nächten im Sommer vor sich. Bis dahin war es ein täglicher moralischer Kampf und heute hatte er wieder einmal gegen seinen inneren Schweinehund gewonnen.
Ein Blick auf die, im Dunkeln leuchtende Vorzimmer-Wanduhr, bestätigte ihn in seinem morgendlichen Zeitmanagement. Gut zwanzig Minuten konnte er immer länger schlafen, wenn er auf das Frühstück verzichtete. Zwar war auch zu Aaron durchgedrungen, dass es sich um die wichtigste Mahlzeit des Tages handelte, doch von seinem täglichen Rendezvous mit seinem Bett, konnte er keine Minute entbehren. Die Wohnung in aller Früh zu heizen wiederstrebte, aus Umweltschutzgründen, sowohl ihm, als auch seiner Freundin, war doch danach den ganzen Tag niemand zuhause, der die Wärme nützen hätte können.
Nun hatte ihn die Welt aber wieder bei Bewusstsein. Wieder ein Tag voll Mühen und Ärgernissen über das Menschentum außerhalb seiner Festung der angestrebten Einsamkeit.
Mit festen hellbeigen Winterschuhen, einer dunkelblauen Daunenjacke und einer weißen Haube ausstaffiert, nahm Aaron nochmals einen tiefen Atemzug durch die Nase, um der nicht weichen wollenden Schlaftrance endlich zu entfliehen.
Als er die Eingangstüre seiner Wohnung öffnete, fuhr ein frostiger Wind in sein Gesicht, welcher sich seinen Weg von Stockwerk zu Stockwerk durch das gesamte Stiegenhaus des Wohnblocks bahnte.
„Danke für den Empfang du scheußliche Welt. Schönen Donnerstagmorgen“, murmelte der passionierte Nörgler vor sich her, während er sich bückte um die Morgenzeitung von seinem Fußabstreifer zu heben und seinen, am Vortag vorgepackten blau-weiß karierten Rucksack, über die Schultern zu werfen.
Entgegen allgemeiner Fabrikation hatte diese Wohnung keine Türmatte mit dem Wortlaut ´Willkommen!´, sondern wies den Schriftzug ´Home sweet Home´ aus.
Trotz des frostigen Starts in den Tag machte er sich nun flotten Schrittes auf, die drei Stockwerke Richtung Erdgeschoss, so schnell als möglich, zu bewältigen. Zehn Stiegen hinunter, vier Schritte rechts, zehn Stiegen hinunter. Schon war Stockwerk zwei erreicht und dort wartete auch gleich die erste unangenehme Überraschung des frühen Tages. Die untere Nachbarin war ebenfalls gerade dabei ihre Morgenzeitung aufzusammeln und in diese, ihre schon seit Stunden vorgeheizte Wohnung, an ihren reich, mit Discount-Lebensmitteln gedeckten Frühstückstisch zu bringen.
„Die dümmsten Menschen lesen keine Zeitung und die weniger Dümmeren wohl nur reißerische Idiotenblätter“, ärgerte sich Aaron, als er der Nachbarin näherkam.
„Guten Morgen, ich wünsche einen schönen Tag“, grinste er gekünstelt über das gesamte Gesicht und versuchte der, sich mit dem Revolverblatt in der Hand wieder aufrichtenden, übergewichtigen, lump bekleideten und mit ungewaschenen, fettigen Haaren bedachten Frau so lange als möglich in die Augen zu schauen.
Außer einem kurzen nach oben Ziehen der Mundwinkel und einem spärlichen Nicken, erhielt er für seine zwischenmenschliche Überwindung keine Resonanz und so setzte er seinen Abwärtsgang in unvermindert hohem Tempo, fort. In Stockwerk eins angekommen, biss er sich in den linken Zeigefinger und ärgerte sich, dass dieser Tag für ihn noch mindestens neun Stunden außerhalb seiner Wohnung bereithielt.
„Genauso eine“, ärgerte sich der selbsternannte Menschenfeind, während der Schmerz in seinem Finger unerträglich wurde. Die Pein erinnerte ihn daran, dass aus seiner Sicht, solche Menschen der Grund waren, warum die Welt aus den Fugen brach. Früher hatten auch solche ungebildeten, Populisten-Wähler, Plastikverschwender und paternalistischen Gesellschaftsdenker eine Arbeit. Nun mussten Leute, wie er, die etwas gelernt hatten, auch für die Unwilligen arbeiten gehen. Denn er war ein selbsternannt Gebildeter, ein gesellschaftlicher Philosoph, ein Erhabener über den kleinkarierten Kollektivismus seiner Umgebung. Andere sahen in ihm schlicht einen zweckpessimistischen Impertinenten.
Zu seinem Glück blieben die restlichen Nachbarstüren auf Stiege vier versperrt. Stiege vier beherbergte insgesamt zwanzig Wohnungen, aufgeteilt auf fünf Stockwerke und außer seiner unteren Nachbarin, die er noch nie ohne Jogginganzug gesehen hatte und welche sich ausschließlich via Aufzug vom Erdgeschoss in den zweiten Stock fortbewegte, hatte er niemanden aus seinem engeren Wohnumfeld je wirklich getroffen. Für den menschenfeindlichen Morgenmuffel aus Stockwerk drei keinerlei Negativum.
Nun konnte er genau das Gefühl auskosten, was ihm vor gut acht Jahren vom Land in die Großstadt zog, nämlich die Unbeschwertheit der absoluten Anonymität, zwischen Arbeitsplatz und Wohnung. Ein Betonlabyrinth, ein einsames Paradies voller zwei Millionen Menschen, welche ihn nicht kannten und welche er nicht kennenlernen wollte. Zögernd stieß er die Eingangstüre des quarzgrauen Wohnblocks auf und sowie sie einen Spalt geöffnet war, bohrte sich ein Schwall von Autolärm, dröhnendes Hupen, das Bimmeln der Straßenbahnen sowie ein rauschender Strom von Menschenmassen, die sich von links nach rechts und von rechts nach links, den Weg über die pseudonymen Straßen der Hauptstadt bahnten, entgegen.
Was für einen Landmenschen das liebliche, niemals abklingende und erdende Rauschen eines Baches oder Flusses war, war für den Großstädter der seit jeher bestehende und niemals zu versiegende Straßenverkehrslärm. Genau an so einem kalten und feuchten Februarmorgen war es für Aaron wichtig den nächsten Bus um sieben Uhr fünfzehn zu erhaschen, um einerseits der eisigen Witterung nur so kurz als möglich ausgesetzt zu sein und andererseits nicht zu spät in die Arbeit zu kommen. Das Aufbegehren der Kollegen, die ermahnenden Worte seines Chefs, all das lag ihm schon in den Ohren, als er, trotz Laufschritts, den Bus nur abfahrend von hinten betrachten konnte.
Nun musste er, wie fast an jedem Morgen, fünf Minuten Wartezeit überbrücken, welche noch reichlich Zuwachs bekommen sollten, da er mit dem Verpassen des Busses in weiterer Folge auch die U-Bahn und dann den zweiten Umstieg auf die Straßenbahn nicht rechtzeitig erreichen würde. Traditionell fing der Langschläfer an, die Zeitung von hinten zu lesen. Den Sportteil zuerst. Zumindest konnte er sich als Letztangekommener, aber in weiterer Folge Erstwartender, einen der spärlichen Sitzplätze an der Haltestelle sichern. Vertieft in seine morgendliche Lektüre fingen seine Beine wieder an zu schlottern und die temporäre Aufwärmung, vom halbnackten in den angezogenen Zustand, verpuffte im minderen Windschutz der immerhin überdachten Bushaltestelle. Als auch noch leichter Nieselregen einsetzte und die kleinen Tropfen durch die Spalten der eher künstlerisch anmutenden, als ernsthaft schützenden, seitlichen Glasverbauungselemente, immer heftiger werdende eiskalte Böen gepeitscht wurden, ließ er seinen Blick durch die morgendliche Dunkelheit zu seinem gut fünfzig Meter entfernten Balkon schweifen. Nochmals bekräftigte er seinen, mit sich geschlossenen Pakt, gleich nach dem Heimkommen und einer warmen Dusche, wieder in sein wohlig warmes Bett zu verschwinden.
Sukzessive füllte sich das Bushaltestellenhäuschen und aus dem geruhsamen Sitzplatz wurde für den einzelgängerischen Aaron ein unangenehmes Eckplatzgefängnis, welches ihn, durch leicht klaustrophobische Schübe bedingt, dazu veranlasste aufzuspringen und die Menschentraube in Richtung peitschendem Nieselregen zu verlassen. Vielleicht auch begründet durch sein Aufwachsen als Einzelkind vom Land, hasste er Menschenansammlungen und fühlte sich schnell unfrei, wenn ihm jemand zu nahe kam. Sitzplätze in öffentlichen Verkehrsmitteln waren da zumindest der Kompromiss, nicht mit einem Fremden Gesicht an Gesicht stehen zu müssen. Dazu hatte er sich ein eigenes System zurechtgelegt, um immer als erster in Bus, U- oder Straßenbahnen einsteigen und sich einen Sitzplatz zu ergattern.
Über Wochen und Monate hatte der Bakterien-Phobiker genau beobachtet, wo jedes Verkehrsmittel, in welcher Station, genau haltmachte. Anhand seiner Empirie wusste er nun genau, dass der hintere Einstieg dieses Busses, in dieser Station, immer sieben Schritte von einem bestimmten Verkehrsschild entfernt war. Während sich seine Mitreisenden nun aus der, nur teilweise schützenden Haltestelle, Richtung einfahrendem Bus bewegten, hatte Aaron schon seine sieben Schritte absolviert und wartete, bis sich die hintere Türe des Personentransportwagens vor seiner Nase öffnete. Gesagt getan, stieg er ein und sicherte sich seinen Fenstersitzplatz, weit abseits der drängenden Menge in der Mitte des öffentlichen Verkehrsmittels. Gleiches Spiel zwei Stationen weiter und genau zehn Schritten von einem Müllkübel aus, gegen die Fahrtrichtung, auf dem U-Bahnsteig. Mit seiner Morgenzeitung in der Hand trat er als Erster die Sitzplatzmusterung an und versuchte sich zugleich mit dieser abzulenken, als sich ein Grummeln in seinem Magen einstellte.
„Morgenwäsche, Morgenzeitung, aber keine Morgentoilette“, ärgerte sich der notorische Spätaufsteher, als das Gluckern in leichte Bauchkrämpfe überging. Das Natürlichste, aber gesellschaftlich gesehen, verruchteste Geschäft des Tages rief, nein schrie unüberbrückbar nach seiner Erledigung.
Die wöchentlichen Versuche seiner Freundin seine Ernährungsgewohnheiten zu ändern, schmetterte er immer wieder unverhohlen mit dem Argument, dass er einen unverwüstlichen Magen sein Eigen nannte, ab. Selbst als sie ihm zu einer Lebensmittelunverträglichkeitsprüfung überreden konnte und die Ergebnisse klar aufzeigten, dass Käse und rotes Fleisch, zumindest für eine Zeit lang, von seinem Speiseplan zu verdammen wären, hielt er sich nicht daran.
„Was bleibt mir sonst noch im Leben außer genüsslich Schlemmen?“, warf er der besorgten Partnerin stets entgegen. Obwohl der selbsternannte Gourmand mittlerweile einen beträchtlichen Bauchumfang aufwies, welcher aber noch im Rahmen der allgegenwärtigen mittelständischen Wohlstandsleibung war, wollte er partout nichts an seinen abendlichen Fast-Food-Ausschweifungen und Heurigenplatten-Auftischereien ändern. Nein, es war vielmehr eine Belohnung für ihn. Die Beute eines anstrengenden Tages mit nach Hause zu bringen und in den eigenen vier Wänden zu verzehren. Seiner schlechten Ernährung bewusst, geizte er, in der einen oder anderen alkoholgetränkten Zechrunde, auch nicht mit Kritik an jenem Gesundheitssystem, das ihn genauso besteuerte, wie gesunde Topsportler.
„Warum muss der Ungesunde nicht mehr zahlen? Ich würde es sofort!“, behauptete der beschwörende Systemkritiker des Öfteren, mit einer seltenen Zigarette im Mundwinkel und einem Bier an den Lippen.
Nachdem weder das Wohlstandsbäuchlein, noch die immer tiefer ins kurze Haupthaar ragenden Geheimratsecken seine Freundin störten, änderte der fettige Feinschmecker auch an seiner Lebensweise nichts.
Wieder fünf Stationen mit der U-Bahn geschafft. Raus aus dem Waggon, die Rolltreppe auf der linken Seite nutzend, um die Rechtsstehenden zu überholen, eilte er, mit seinem schlingernden, blau-weißen Rucksack geschultert, zur Straßenbahnplattform herab. Die körperliche Anstrengung multiplizierte das unangenehme Gefühl des aufstauenden Druckes nur noch. Der Hetzende musste einsehen, dass man dem Stuhlgang nicht davonlaufen konnte. Sein schlimmster Feind, war ihm bekanntlich am nächsten. Ein infiltrierter Quälgeist. Ein individuell-epidemisches Darm-Damoklesschwert, das über seinem schütteren Haar hing.
Nun war auch der Sitzplatz in der einfahrenden Straßenbahn nicht mehr das Wichtigste auf der Welt. Schnaufend stürmte er zur einfahrenden Tram und quetschte sich, entgegen dem aussteigenden Fahrgaststrom, in den ersten Waggon, den er von den Rolltreppen aus, erreichte. Zumindest hatte er Glück und das Verpassen des Busses, gut zwanzig Minuten zuvor, hatte, wenigstens an diesem Tag, keine weitere Wartezeit als Konsequenz. Die tiefsitzenden Ärgernisse über die Menschenmassen, das feuchtkalte Wetter, der Gestank der Großstadt nach Abgasen, die im Sommer unerträglich wurden, all das rückte in den Hintergrund, wenn er seine einfachsten menschlichen Bedürfnisse nicht befriedigen konnte.
Fest der Einstellung, dass ihm das Schicksal stets das ein oder andere Fünkchen Glück zuwarf und ihm in der nächsten Sequenz seines verbitterten Lebens wieder nahm, musste er schnell feststellen, dass kein Sitzplatz mehr frei war. Nur im ganz hinteren Waggon, wo er üblicherweise einstieg, freute sich nun ein hinkender Fahrgast, seine geschundenen Beine zu entlasten. Indessen er den Innenraum der Straßenbahn musterte, um nicht vielleicht doch noch sitzend an sein Ziel zu gelangen, drängten immer mehr Fahrgäste in den unglückseligen mittleren Waggon, indem an jeder Haltestelle schier die ganze Welt ein- und aus stieg. Gewiss war sein Schicksal besiegelt. Sein Standplatz für die nächsten vier Stationen war eingequetscht zwischen einer von Kondensat triefende Scheibe, linkerhand einem Rudel Jugendlicher, welche sich lautstark unterhielten, um die aus ihren Smartphones erschallende Musik zu übertönen und rechterhand von zwei Männern in dreckigen violetten Overalls, jeweils mit einem qualitätsfremden Bier in der Hand bewaffnet. Zwischen ihm und der Doppelschwenktüre in die Freiheit waren weitere zwanzig Menschen, dicht an dicht gedrängt.
Wieder einmal musste er einen Kampf mit seinem Magen, bei unpassendster Gelegenheit ausfechten, wieder einmal musste er, schwitzend und bedrängt, seinem Arbeitsplatz entgegenfahren, wo er, endlich Heilung erfahren sollte. Wenigstens lenkten ihn die Gespräche der jugendlichen Musik-Übertüncher so ab, dass er seine pressenden Unterleibsschmerzen für zwei Stationen vergaß. Dem Darmdruck wich reine Aggressivität, denn der, ohne ausreichende Verwendung von Adverbien und mit nur mäßigem Gebrauch von Artikeln behafteten, jugendlichen Konversation lauschend, fühlte er sich wie ein Giftstachel in seinem unnachsichtigen Mantra an.
Vernunft und reflektierendes Verhalten. Das predigte Aaron immer wieder. Trage ich mit meinem Verhalten etwas zu einer besseren Allgemeinheit bei oder nicht? Schränke ich andere mit meinem Verhalten in ihrem persönlichen Freiraum und Wohlbefinden ein oder nicht? „Alles ärgerliche Menschen!“, monierte der eigenbrötlerische Freizeitphilosoph leise, wieder in seinem Verdauungsschmerz zurückkehrend.
Aus dem Stehgreif hätte Aaron mindestens dreißig Punkte aufzählen können, die er an den Jugendlichen als abstoßend und verwerflich empfand. Alleine das Tragen von Jogginghose im öffentlichen Raum und die Undercut-Frisuren reichten für ein vernichtendes Urteil. Empathie, Ignoranz, Verunglimpfung der eigenen Muttersprache. Nichts würden diese Halbstarken zu einer dynamischen Zivilgesellschaft beitragen. Nicht einmal mit dem Begriff etwas anfangen. Arbeitslosigkeit, Schmarotzertum und Kriminalität. Schnell hätte Aaron sich seine Welt wieder zusammengedichtet. Aber dafür war jetzt keine Zeit.
Zu seinem Glück hatte er schon zwei Stationen geschafft und die eingezwängte Menschenansammlung lichtete sich im stets hochfrequentierten mittleren Waggon.
Doch wie das Schicksal, aus der egozentrischen Egomanen-Sicht, oft mit ihm spielte, stand er nun vor seinem nächsten Problem. Die gewonnene Bewegungsfreiheit brachte mit sich, dass er sich unweigerlich an einer der Stangen und Bügel im Straßenbahninneren anhalten musste.
Der kleinst-anzunehmende Vorteil von dicht an dicht gequetschten Mitreisenden war ausgestiegen. Für jemanden, der sich, gut zwanzig Mal am Tag, die Hände wusch und nach jedem Handschlag hastig zu einem Desinfektionsspray griff, waren gleichgewichtsaustarierende Halterungen in öffentlichen Verkehrsmitteln so schrecklich, wie ein Griff in eine Bahnhof-Toilette, welche der Reinheitsfanatiker nicht in tausenden Jahren benützen würde.
Da der unablässige Druck eines Amboss in seinem Enddarm immer schlimmer wurde und er nicht auch noch auf dem durchnässten Boden der Tram landen wollte, griff er in seine Jackentasche und holte ein Taschentuch hervor. Behutsam legte er es in seine Handfläche und überwand sich zum ersten Mal einen Haltebügel, oberhalb seiner rechten Schulter, zu umgreifen. So stand der bakterielle Saubermann nun im dampfenden, nur noch halb überfüllten, mittleren Waggon der Straßenbahn, Konversationen aus jugendlichem Ghetto-Slang lauschend, außerhalb ein dunkler und nasskalter Februarmorgen und rings um ihn über zwei Millionen Menschen, die ihn nicht kannten und die er nicht kennenlernen wollte.
„Zum Glück haben die zwei ein Frühstück“, scherzte Aaron selbstironisch und versuchte sich abermals von seinen Unterbauchqualen abzulenken, als ihm hie und da eine Hopfenpriese des scheußlichen neunundzwanzig Cent Morgen-Bieres, der Overall-tragenden Handwerker, in die Nase stieg.
Aaron sah sich als Macher, der die Welt änderte und sich nicht der Welt anpasste. Zumindest hatte er es bis hierher versucht. Schnell war seine Einschätzung der beiden Männer vollzogen. Ungebildet, Alkoholiker, weil zu schwach um etwas an ihren bedeutungslosen Leben zu ändern, zu mutlos für Veränderungen, andere sind an ihrem Unglück Schuld, allen voran jeder Politiker dieses Planeten. Noch nie hatte er sich so sehr einen Sitzplatz gewünscht.
Endlich öffneten sich die Doppeltüren der Straßenbahn und der Gemarterte stolperte in die nasskalte Freiheit. Nun, dem Ziel des Toilettengangs so nahe, meldete sich sein murrender Feind umso mehr. Die Aufstauung kaum noch haltend und das Versagen über seine Schließmuskeln kommen spürend, konnte er weder die erfrischende Morgenluft im Vergleich zur stickigen Subatmosphäre der Tram genießen, noch den abklingenden Nieselregen wahrnehmen, der wie eine zweite Taufe seine Qualen der fünfunddreißig minütigen Fahrt von ihm abwusch.
Auf Zehenspitzen humpelnd und seine Pobacken zusammengekniffen, schleppte er sich, wie am rechten Oberschenkel angeschossen, den täglichen Weg zwischen Haltestation und seiner Arbeitsstätte entlang. Es war immer die gleiche Häuserblocklänge, aber heute kam es dem vollgestopften Fast-Food-Liebhaber vor, als ob er in seinem prekären Zustand einen Marathon hinkte.
Doch noch hatte er den Kampf gegen seinen, ihm am nächstgelegenen Feind, nicht verloren. Trotz lediglich drei Grad Plus perlte der Schweiß von seiner hohen Stirn und nur mit Mühe und Not konnte er seinen Schlüssel aus der Hosentasche ziehen, um das Schloss der altehrwürdigen Massivholz-Eingangstüre des Gründerzeitgebäudes zu öffnen. In einer stockwerkweisen Schichtung von Luxuswohnungen kämpfte sich Aaron mittels Lift in den vierten Stock, wo sein Arbeitsplatz inmitten von Immobilien lag, welche er sich niemals hätte leisten können und dessen Bewohnermehrzahl das einfache Geld mit der Vermietung von überteuertem Wohnraum an Mittelschichtszugehörige wie ihn machten, vor. Nicht einmal zum Eintreiben von Mietrückständen würden sie sich in sein Viertel verirren. Aber bis auf einen älteren Herrn, den er gelegentlich, mit Golftasche geschultert, im Vestibül begegnete, musste er noch keine Bekanntschaft mit einem Ansässigen machen. Fürwahr hätte er in dieser Situation kein „Gutes Spiel“, für den alten Mann übrig gehabt. Zu dringlich bahnte sich eine unfreiwillige Entleerung seines Hintereinganges an.
Den Schlüsselbund noch in Händen haltend, humpelte er verkrampft wie man in solch einer Lage nur sein kann, zur Eingangstüre seiner Arbeitsstätte. Zu Aarons Glück war diese einen Spalt geöffnet, was ihm kostbare Zeit einbrachte. Trotz dieser glücklichen Fügung blieb ihm keine Sekunde mehr, bis sein Leiden weigerlich oder unweigerlich ein Ende finden sollte. Nur vier Schritte in den Büroflur getan, riss er die Toilettentür rechts neben sich auf und verschwand aus diesem auch wieder so schnell, wie er eingetreten war. Hastig schlang er seinen Gürtel auf, streifte sich die Jeans vom Gesäß und bevor seine Hinterbacken noch die Toilettenschüssel berührten schoss es, ohne Beigabe von aktivem Druck, aus ihm heraus.
Ein Mal, zwei Mal, drei Mal.
Für einen Moment des absoluten Glücks und Wohlbefindens vergaß er all das Schlechte, was er für gewöhnlich in der Welt sah. Da war es auch nebensächlich, dass die Klobrille noch oben war. Unvorstellbar für einen notorischen Klopapierausleger. Stück für Stück kränzte er normalerweise das gerollte Reinigungsutensil über den Sitzbereich. Nun saß er mitten in der Kloake. Der scheißende Putzfanatiker spürte, wie die Bakterien seine hinteren Oberschenkel anfraßen. Aber was sollte er machen? Zu schön war die köstliche Befreiung. Erstmals auf dem stillen Örtchen eingerichtet, legte er nun auch Jacke sowie Rucksack ab und kramte aus letzterem seine Morgenzeitung heraus.
Für die nächsten paar Minuten sollte nur ein bisschen Ruhe einkehren.
Kapitel 2 Mittagserwachen
Mit dem wenig fantasievollen Klingelton „Ring-Ring“ riss sein altehrwürdiges Nokia 105 Kommissar Sebastian Ulman aus seinem seichten Schlaf. Schon beim dritten „Ring“ zuckte er am Rücken liegend auf und tastete den Nachttisch nach dem bimmelnden Unruhestörer ab. Während er, geblendet von den wenigen Sonnenstrahlen, die sich zwischen Fensterrahmen und Jalousien, den Weg in sein mäßig verdunkeltes Schlafgemach bahnten, stieg der immer wilder werdende Drang in ihm hoch, dem ruhestörenden Geläut ein Ende zu bereiten. Ein Utensil nach dem anderen warf seine blind-tastende Hand vom Nachtisch, begleitet von einem lauten Geschrei. Der Schlaftrunkene erhob sich mit tobendem Gebrüll aus seinem Bett und malträtierte den Lichtschalter, nebst seiner Schlafstätte mit einem Faustschlag, so dass dieser von nun an das Zimmer hell auf erleuchtete. Bereits Taschentuchspender, Schlaftabletten und eine halbleere Flasche Bier lagen am Boden, bis Ulman endlich sein Mobiltelefon ergreifen und abnehmen konnte.
„Wissen Sie wie spät es ist?“, murmelte er mit seiner tiefen, kratzigen Reibbrettstimme in den Apparat.
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung Herr Kommissar. Hier spricht die Leitstelle der Metropolpolizei Distrikte Süd-Ost. Ich weiß, Sie kommen aus der Nachtschicht und konnten nur wenige Stunden rasten“, entgegnete eine zittrige, eingeschüchterte Stimme am anderen Ende der Leitung.
Kommissar Ulman war von Haus aus kein Mann langer Konversationen und schon gar nicht über das von ihm verhasste Mobiltelefon. Daher versuchte er stets Fragen, welche eine Unterhaltung verlängern würden zu vermeiden und lieber eigenständig zwischen den Zeilen zu lesen oder das Gehörte in interpretative Kombination zu setzen.
„Ich hatte Sie gefragt wie spät es ist? Aber egal. So weiß ich es nun auch. Mahlzeit“, entgegnete er dem Anrufer mit einem leicht versöhnlicherem Ton.
„Herr Kommissar, Sie müssen unbedingt zu einem Tatort kommen. Ich sende Ihnen die Adresse per SMS. Ihre Hilfe wird dringend benötigt!“
Ulman beendete das Telefonat mit einem tiefen Seufzer und der kurz angebunden Antwort „Ja“, betätigte den roten Druckknopf seines Tastentelefons und warf es wieder auf den Nachttisch.
Für gewöhnlich tat er sich mit dem Wachwerden recht einfach, hatte er doch seit geraumer Zeit Probleme einzuschlafen und seine Arbeit war dadurch eine willkommene Abwechslung zu der tristen Einsamkeit in seiner kleinen Garconniere. Vielleicht war es genau diese Tätigkeit, die ihm den Schlaf raubte? Der alternde Ermittler war einer jener Menschen, die lebten um zu arbeiten und nicht arbeiteten um zu leben. Doch die stetigen Kopfschmerzen nach dem Erwachen, ließen ihn die natürliche Lust auf Schlafen vergehen. Seine spärliche Freizeit verbrachte er in Beisln, Kneipen, Spelunken, Bars und im Zusammenbau von Modelschiffen, welche die Regale und Stellagen seines engen Wohnraums zierten. Durch den von Schmutzwäsche, Zigarettenstummeln, Verpackungsrelikten, leeren Bierflaschen und Essensresten übersäten Laminatboden seiner Wohnung kämpfte er sich von seiner Schlafstätte, durch die kleine Küche, in das Badezimmer, welches nur aus einer schmalen Dusche und einem Waschbecken bestand, vor. Die im Stiegenhaus verortete Toilette durfte er sich mit seinen zwei Nachbarn teilen. Am putzigen Waschbecken des Minibadezimmers angekommen, welches sich seit dem letzten, lange zurückliegenden Putzganges, schon von weiß in ein leicht gräuliches Braun verwandelt hatte, wusch er sich sein Gesicht mit warmen Wasser ab und starrte für kurz in den darüber hängenden Spiegel. Kaum noch ein säuberliches Bild seines Benutzers gab dieser wieder, war er doch ebenfalls seit einiger Zeit nicht mehr von verkalktem Spritzwasser- und Haarfettresten befreit worden. Zumindest zurückgebliebene Zahnpaste-Reste konnten die Beobachtung seines Antlitzes optisch nicht einschränken, weil eine Spülung mit Mundwasser seinen Hygieneansprüchen einer Morgentoilette genügte. Zwar brachte ihm diese Herangehensweise bereits die Verluste von drei Backenzähnen und eines Schneidezahnes ein, doch dies kombinierte der Mittsechziger eher mit seinem Frühpensionsalter.
Seine genicklangen, schwarzen Haare hingen in sein faltiges Gesicht und verdeckten seine tiefliegenden, rehbraunen Augen, die bei jedem ersten Kennenlernen seinem Gegenüber einen vertrauten Eindruck hinterließen, aber auch nur, wenn der Lichteinfall für den Betrachter der richtige war und diese nicht durch seine ausgeprägte Augenbrauenpartie beschattet wurden.
Ulman öffnete ein kleines Kästchen nebst des Spiegels und kramte einen schwarzen Kamm hervor, der ihm seit Jahrzenten gute Dienste leistete, legte ihn auf das Waschbecken und presste einen dicken Patzen Haargel darauf. Alle Bewegungen liefen in Zeitlupe ab, um seinen, von Kopfschmerzen geplagten Kopf, so wenig wie möglich zu bewegen. Die genicklangen Haare frisch nach hinten gekämmt und zu einem Zopf gebunden, roch er an seiner Vortagskleidung, die über den Duschtürrahmen hing. Dem Genuss von gut zwanzig Zigaretten während der letzten Nachtschicht, sowie ein frühmorgendlicher Besuch in seiner Stammkneipe, bevor er sich in sein einsames Bett windete, war es zu verdanken, wollte er das gelb-braun-grün gestreifte Hemd und die graue Stoffhose, wie gewöhnlich noch zumindest einmal tragen, dass er das Gewand vom verrauchten Gestank des Vortages befreien musste. Hierzu warf er beide Kleidungsstücke in die Dusche und deckte sie mit einer großen Gaswolke voll Deodorant ein. Obwohl seine, einst weiße Unterwäsche, ebenfalls schon die Farbe des Waschbeckens angenommen hatte, streifte er Hemd und Hose über diese und trappte zur Eingangstüre der Garconniere, wo er Dienstwaffe, Marke und seine billige Armbanduhr, dessen Lederband bereits spröde und ausgeleiert war, anlegte.
„Heute mal Frühstücken?“, überlegte sich der großstädtische Ermittler, „ja, heute nehme ich mir die Zeit.“
Vorbei an seiner mit ungewaschenem Geschirr zugepflasterten Küchenarbeitsfläche, kämpfte sich die hagere und knöchrige Gestalt nochmals über den, am Boden befindlichen Unrat, zu einer Kommode, welche die einzige in dem Wohnraum war, die nicht mit Modellschiffen, übervollen Aschenbechern oder eingegangenen Topfpflanzen bestückt war. Sein rechter Zeigefinger streifte über eine Aneinanderreihung von sorgfältig angeordneten Glasflaschen. Der großstädtische Ermittler war sich unschlüssig: „Rum, Whisky, Wodka oder doch Gin?“ Seine Frühstücksmusterung endete bei einer Flasche ´Don Papas´-Rum, den er sich friedlos in ein schmutziges Glas leerte und hinunterschlang.
War Sebastian Ulman vielleicht nicht der gesprächigste, best-gekleidete oder Körperhygiene hochachtungsvollste Kommissar des Morddezernats, er hielt jedoch viel von hochwertigem Hochprozentigen. Und entgegen seiner Kneipenbesuche, die er mal gesprächig am Tresen, mal leise trinkend in einer dunklen Ecke verbrachte, bis er kein Glas mehr halten konnte, genoss er es, dass zumindest ein etwas anspruchsvolles Zuhause auf ihn wartete. Es konnte auch schon einmal vorkommen, dass ihn seine Spirituosensammlung sogar hie und da dazu verleitete eines von zwei Fenstern seines Wohnraums zu öffnen und mit einem guten Glas in der Hand, das darunter befindliche, städtische Parktreiben zu beobachten.
Sicherlich war es auch sein Alter von Anfang sechzig, das seiner Meinung nach die tiefen Falten auf seiner Stirn und seinen hohlwangigen Wangen mit sich brachte, doch diese Art von Frühstück trug sicher einen großen Teil dazu bei, dass die tiefblauen Augenringe, welche sein Gesicht markant zierten, seinen genetisch, vorbestimmten Zellverfallsprozess deutlich beschleunigte. Sein Spiegel vermochte ihm keinen genauen Anblick seiner selbst zulassen und tief in seinem Inneren wusste er auch wohl, warum der nächste Wohnungs-Putzgang schon seit zwei Monaten auf sich warten ließ, denn wie er es auch hasste von anderen belogen zu werden, so belog er sich selbst täglich am meisten. Keine fünf Sekunden dauerte es, da war des Modellbauers Frühstück auch schon Geschichte. Und weg waren die Kopfschmerzen. Er surfte wieder auf seiner Welle.
Gekonnt platzierte er das gebrauchte Glas auf dem Geschirrberg in der Küche, ohne dass dieser aus dem Gleichgewicht kam. Das verhasste Mobiltelefon eingesteckt und nur mit einer dünnen Frühlingsjacke bekleidet, verließ er seine Festung der deprimierenden Einsamkeit in Richtung Tatort.
In seinem himmelblauen Citroen AX sitzend, die Standheizung voll aufgedreht, machte sich der alternde Ermittler daran, die von der Polizei-Leitstelle per SMS zugsandte Adresse nachzulesen. Wie er zum wiederholten Male die falsche Tastenkombination seines Nokia 105 drückte und noch immer nicht in das gewünschte Sub-Menü vorstoßen konnte, schleuderte er es mit einem lauten Schrei auf die Innenseite der Beifahrertür, so dass es auf dem Beifahrersitz zum Liegen kam. Der Grobmotoriker aus einem anderen Jahrzehnt hatte keine Nerven für diesen technischen Firlefanz und stieg aus seinem Auto aus, um dem Beisel auf der anderen Straßenseite einen kurzen Besuch abzustatten. Während sich sein, in die Jahre gekommenes Fortbewegungsmittel, noch immer unverschlossen auf offener Straße per Standheizung aufwärmte, trat Ulman in die, ihm gut bekannte, Spelunke ein und bat um Benützung des Festnetztelefons.
„Guten Morgen Basti!“, begrüßte ihn der verwunderte Wirt, der gerade mit Gläsern abtrocknen beschäftigt schien, „schon wieder im Dienst nach der harten Nacht?“
Die wenigen Gäste, die aufgeteilt auf dem Tresen und den gut zehn Bistrotischen des dunklen Etablissements saßen, blickten alle auf den wiederkehrend Eintretenden und erwarteten in ihrer nichtstuerischen Neugier eine Antwort.
„Das Verbrechen schläft nie. So wie ich. Was ist nun mit dem Telefonat?“, entgegnete, der in Eile geratene Kommissar.
Der exzentrische Wirt presste seine Lippen zu einem Kussmund zusammen und deutete zum Standort des gewünschten Apparates, um dann die so oft gestellte Frage aller Fragen in Richtung des immer wiederkehrenden Gastes zu stellen: „Und was darf es zum Trinken sein, Rum?“
„Nein. Heute nicht“, lehnte Ulman dankend ab, während er die Telefonnummer der Leitstelle skoptisch eintippte. Nach dem ersten Wählton fuhr er dann doch mit seiner Ausführung fort: „Heute nehme ich einen „Black Label.“
„Leitstelle der Metropolpolizei Distrikte Süd-Ost. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ja, Kommissar Sebastian Ulman hier“, sprach er in den Hörer und beobachtete zugleich das Einschenken seines hochprozentigen Getränkes.
„Der Kommissar Ulman? Es ist mir eine Ehre. Warum rufen Sie auf der Notrufnummer an?“
„Egal. Bitte. Ich wurde zu einem Einsatz gerufen und kann die Adresse von diesem Mobiltelefon nicht ablesen. Es muss kaputt sein.“
„Haben Sie schon versucht in das Menü zu gehen und auf ‚Nachrichten abrufen‘ zu tippen?“
„Los, geben Sie mir einfach nochmals die Adresse durch.“
„Entschuldigen Sie Herr Kommissar, aber ich darf Ihnen die Adresse nicht per Telefon durchsagen. Vorschriften. Ich habe alles über Ihre schwierigsten Fälle in der Polizeischule gelernt. Ich möchte Ihnen sagen wie sehr ich Sie bewun …“
„Geh scheißen!“, schrie der passionierte Choleriker und nippte lieber an seinem frisch servierten Whisky.
Der alternde Ermittler drosch den Hörer auf das Wählgerät und rannte aus dem Beisel, um mit dem Slalomlauf durch die stauenden Autos, auf die andere Straßenseite, zu seinem parkenden französischen Oldtimer, zu gelangen. Wenn ihm eines im Leben wichtiger war, als sich sein derbes Dasein schön zu saufen, dann seine Arbeit. In seinem nun vollständig auf fünfundzwanzig Grad aufgeheizten Fahrzeug angekommen, erinnerte er sich nochmals, was ihm sein junger Kollege im Telefon vorgeschlagen hatte. Der Technikverächter replizierte nochmals seine Worte, während er sein Mobiltelefon genau betrachtete. „Menü drücken. Dann Nachrichten abrufen. Ha!“, jubelte er, „ich habe es geschafft. Niemanden brauche ich, außer meinen Verstand!“
Freudig legte er den ersten Gang seines Citroen AX ein und machte sich auf den Weg zu der gesandten Tatortadresse. Während er sich von Ampel zu Ampel staute, stand ein breites Grinsen inmitten seines Dreitagesbartes. Endlich schien wieder ein spannender Fall, in einem gut betuchten Wohnviertel seinen tristen Arbeitsalltag aufzupeppen.
Karriere über seinen Kommissarsposten hinweg wollte der morbide Mittsechziger sowieso nie machen, da er den übermäßigen Umgang mit dilettantischen Menschen sowieso nur aus dem Weg ging, wo er nur konnte und ihm mögliche Personalverantwortung an den Schreibtisch fesseln würde.
Kommissar Sebastian Ulman war ein Kind der Großstadt. Ein Mann, der knifflige und schwierige Fälle durch seine Kombinations- und Beobachtungsgabe löste und dabei, von seiner Kindheit in einem übervölkerten Sozialbau, profitierte. Musste er schon Menschen um sich herum dulden, dann zumindest solche, welche seine rauborstigen Sprache und Umgangsformen verstanden. Diese empathischen Fähigkeiten gegenüber der einfachen Bevölkerung konnte man auf keiner Polizeiakademie erwerben und mit ausgelerntem Kadetten-Frischfleisch, wie er seine nachrückenden, jungen Kollegen nannte, wollte und konnte er sich nicht herumschlagen. Keiner von denen würde mit einem Schritt den rechten Pfad der Vorschriften verlassen. Ulman schon. Und das war, mitunter, sein Erfolgsrezept.
Die Wartepausen bei unzähligen roten Ampeln nutzte er mit einem routinierten Griff in das Handschuhfach seines 1988 vom Band gelaufenen französischen Vehikels, welches schon so gut wie reif für die Schrottpresse war, allerdings noch immer zweiunddreißig Jahre weniger auf dem Buckel hatte als sein Besitzer und holte eine Tablette Aspirin Akut hervor, welche er prophylaktisch runterschluckte.
Nur im Schritttempo vorankommend kurbelte der nikotinsüchtige Mordermittler das Fahrertürfenster nach unten, um den überheizten Wagen durchzulüften und zündete sich dabei gleichzeitig eine Zigarette an. Der nun hereintönende Straßenlärm machte ihm nichts aus, denn was für einen Landmensch das erdende Rauschen eines Baches oder Flusses war, war des Großstädters, der seit jeher bestehende und niemals versiegende Straßenverkehr. Mit einem tiefen Zug von seinem Glimmstängel hoffte er nun, dass für die nächsten paar Minuten ein bisschen Ruhe einkehrte.
Kapitel 3 Tagwerk Tatort
Die Anzahl an Tatorten die Kommissar Sebastian Ulman in den letzten neununddreißig Dienstjahren beim Morddezernat zu sehen bekam, hatten in ihm eine Abgestumpftheit gegenüber dem Anblick von verstümmelten Leichen, dem Empfinden von Mitgefühl für die Hinterbliebenen und der Nachsicht mit vermeintlichen Verdächtigen aufgebaut. Obwohl er zu Beginn seiner Karriere das traumatisierende Gesehene, oftmals abends nur mit einem Sechserpack Bier oder einem Besuch an seiner hauseigenen Spirituosenbar verdauen konnte, wich über die Jahre die Betroffenheit einem stetig wiederholenden Ritual nach Schichtende. Auch wenn seine größten und spektakulärsten Fälle schon einige Jahre zurücklagen, hatte er nie den Elan für seine Arbeit verloren. Was Ulman am meisten reizte war der Blick hinter die Fassade eines Tathergangs und des Täters. Dabei vermisste er die gute alte Zeit, in der Kommissare noch zuschlagen durften, bevor Fragen gestellt wurden. Doch diese Zeit war vorbei, der Mittsechziger in ihr aber moralisch und methodisch verblieben. Es ging ihm mehr um das Reinhalten seiner Stadt, um den Revierkampf gegen die Verbrecher, die ohne seine Erlaubnis sein Territorium aus dem Gleichgewicht brachten.
Geistig und kulturell waren die Distrikte der vornehmen Viertel an der Westseite nie sein Gebiet, doch brachte es ihm heitere Freude, dass auch diese elitäre Gesellschaft nun die Hilfe von Kommissar Sebastian Ulman benötigte. Dem dünnen, hageren und schmalbrüstigen Kind aus dem Sozialbau, der sich im Leben alles hart erarbeiten musste und der am Liebsten in einer Zeitschleife festhängen würde, wo die Verbrechen noch selten, aber spektakulär waren und kein Kommissar ständig via Mobiltelefon erreichbar war. Zu seinem Leidwesen hatten sich die Zeiten geändert und so musste der großstädtische Kommissar verdutzt feststellen, dass der ihm zugewiesene, großräumig abgesperrte Tatort, nur so von Schaulustigen, Fernsehkameras und Einsatzfahrzeugen aller städtischen Blaulichtorganisationen wimmelte.
Noch vor fünf Stunden humpelte diese Häuserblocklänge Aaron Röttgers mit zugekniffenen Pobacken entlang und nun war sie für die Öffentlichkeit abgeriegelt. Keine Autos konnten sich mehr auf der dreispurigen Prachtstraße entlang gen Westen stauen, keine Straßenbahn, welche überfüllte Mittelwaggons durch die Großstadt beförderte und keine konsumsüchtige Menge an einkaufswütigen Kunden in den Boutiquen, welche die Erdgeschosslokale der imposanten Gründerzeitbauten beherbergten, war zu sehen. Nur eine Traube von sensationssüchtigen Leuten, die sich mit kameraschulternden und berichterstattenden Journalisten, trotz wiedereinsetzendem Nieselregen, hinter Absperrgittern, um die besten Plätze rangen. Was für ein Anblick für den wortkargen Kommissar, der deshalb in einer schwach frequentierten Seitenstraße, quer über zwei Behindertenparkplätze, seinen rauchenden 1988er-Dieselspucker abstellte und vor dem Aussteigen noch seine Mordkommissionsparkplakette, die ihm zum Parken an jedem Ort der Hauptstadt bemächtigte, auf das Armaturenbrett legte, um sich unbemerkt in die abgesperrte Tatzone zu schleichen.
„Kommissar Ulman?“, fragte ihn eine jugendliche Stimme aus seinem Rücken tretend, als er das Gebäude durch die altehrwürdige Massivholz-Eingangstüre, unter rufenden Fragestellungen der Journalisten, betreten wollte.
„Ja?“, antwortete der alternde Ermittler und wandte sich dabei, mit seiner stetigen Überbetonung der Vokale, so dass sich jedes Wort wie ein Befehl anhörte, dem Fragesteller zu.
Seine tiefliegenden rehbraunen Augen erblickten einen blondgelockten Polizisten, ein junger Wachtmeister Anfang zwanzig, mit freudigem Gesichtsausdruck, in perlnachtblauer Uniform. Als hätte Ulman den Hauseingang nicht schon selbst gefunden, wies ihm der junge Gesetzeshüter den Weg und begleitete ihn ins Vestibül. „Herr Hauptkommissar, ich möchte sagen, wie sehr ich Sie und Ihre Fallstudien bewundere“, umgarnte er den, fassungslos vor dem versiegelten Fahrstuhl stehenden Großstadtneurotiker.
„Warum kann ich den Aufzug nicht benutzen?“, warf er dem Wachtmeister mit grobem Ton, in seiner gewohnt-einfachen, mundartigen Artikulation an den Kopf, ohne ihn dabei eines Blickes zu würdigen.
„Von der Spurensicherung noch nicht freigegeben“, klärte ihm sein blondgelockter Verehrer auf.
Nun mussten die teergetauchten Lungen des Mittsechzigers auch noch zu Fuß in den dritten Stock wandern. Seine Stirn wurde immer runzeliger und zog seine Augenbrauen über seine rehbraunen Augen. Erregt ob der kommenden körperlichen Anstrengung, schubste er seinen jungen Kollegen zur Seite und verabschiedete sich mit den Worten: „Wischen Sie sich das ekelhafte Grinsen aus dem Gesicht. Ich finde alleine hoch. Und übrigens, nur Kommissar! Keine Beförderung der Welt kann so reizend sein, um Frischfleischdilettanten wie Sie von einem Schreibtisch aus zu delegieren!“ Perplex blieb der junge Wachtmeister im Vestibül des Neo-Renaissance-Stil-Baus stehen und verfolgte voller Desillusion den schleppenden Aufstieg seines detektivischen Idols.
Schnaufend und stöhnend zog sich Ulman, an den reichlich mit Verschnörkelungen verzierten, gusseisernen Stiegen-Geländer aufstützend, von Stockwerk zu Stockwerk, vorbei an prächtig verzierten und dekorierten Sicherheitstüren. Keuchende Laute begleiteten seinen Weg bis in den dritten Stock, wo es bereits von Mitarbeitern der Spurensicherung wimmelte. Mit Einweg-Overalls, Überziehschuhen und Plastikhandschuhen adjustiert, pinselten sie die elfenbeinfarbig-gestrichenen Wände und die weiß-schwarz-karierten Marmorfliesenmuster am Boden des Treppenhauses, in der Hoffnung einen tatrelevanten Finger- oder Schuhabdruck zu finden, mit Rußpulver ab. Als der teerlungengeschädigte Kommissar endlich wieder einer normalen Atmung nachgehen konnte, deutete er auf die Dienstmarke auf seinem Gürtel und signalisierte einem seiner pinselnden Kollegen, ihm bitte die gleiche beweismittelschonende Montur zu reichen. Während er sich hüftsteif in den weißen Overall quälte und nur mit Mühe und Not, in Ermangelung eines trainierten Gleichgewichtssinns, seine schnürsenkellosen Lederslipper, die das gleiche Baujahr wie sein Auto zu haben schienen, mit dem Schuhschoner überstreifte, steckte er sich eine Zigarette in den Mundwinkel. Profihaft genoss er, ohne Einsatz seiner Finger, die derweil mit dem Überstreifen von schwarzen Plastikhandschuhen beschäftigt waren, die ersten Züge seines Glimmstängels. Mit aufgeladenen Nikotintanks machte er sich nun auf den Weg Richtung Eingangstüre des Tatorts, welche, entgegen dem Eintreffen Aarons vor gut fünf Stunden, nicht mehr leicht, sondern sperrangelweit offenstand.
So, wie bei der massiven Haupteingangstüre ins Vestibül des Zinshauses, waren auch bei dieser keine Spuren eines gewalttätigen Fremdeindringens zu erkennen. Beide Schlösser und Beschläge waren von zylinderschlitzsuchenden Schlüsseln zerkratzt, aber nicht beschädigt. Gleich einen Meter nach der Türschwelle offenbarte sich dem, von solchen Anblicken bereits abgestumpften großstädtischen Kommissar, ein grässliches Bild.
Kleine leuchtgelbe Hinweistafeln mit schwarzer Nummerierung von eins bis sechs waren im gut fünf Meter langen und drei Meter breiten Flur verteilt. Inmitten der akribischen Beschilderung lag ein fünfundvierzig- bis fünfzigjähriger, molliger Mann, in einer riesigen Blutlache. Weder seine Augen noch seine Gesichtszüge oder die Farbe seines schütteren Haares waren zu erkennen, war doch eine Pistolenkugel, vermutlich aus kurzer Distanz, in seinen Nasenansatz ein- und am Hinterkopf wieder ausgetreten, was zu einer grauenhaften Entstellung seines Minenspiels führte und den alten Holzboden und die weißen Wände neben ihm mit kleinen Teilen seines Gehirns sowie seiner Haut bespritzte. An den Hautteilen waren noch teilweise die Haare zu sehen. Eingebettet in das schauerliche Bild von Blutspritzern und umherliegenden Gewebefetzen, waren schlecht erkennbare Sohlenabdrücke am Holzboden. Seine Brille lag genau am Steg zerteilt links und rechts neben ihm. Sein weitgeöffnetes, hellbeiges Hemd war in ein dunkles Rot gefärbt, als hätte man seinen Oberkörper in ein Fass voll Blut getunkt.
Der erfahrene Kommissar beugte sich über die Leiche, ließ seinen Blick auf die früher weißen Flurwände streifen und musterte genau die Verteilung und Intensität der darauf verteilten roten Sprenkel. Es roch wie in einer Schlachthalle, welche gerade desinfiziert und ausgeräuchert wurde. Der abgestandenen Kupferausdünstungen des Todes. Als würde man eine Fleischerei betreten und kein Büro. Intuitiv gewann seine vollste Aufmerksamkeit aber schnell die Suche nach dem Einschussloch, des am Hinterkopf des Opfers ausgetreten Projektils.
„Wer hat hier von euch das Sagen?“, rief der aufgekratzte Ulman den Ruß pinselnden Spurensuchern in das Stiegenhaus entgegen. Bevor die nicht zu reagieren scheinenden, vertieft in ihrer Arbeit steckenden Kollegen, ihm antworten konnten, hallte eine Stimme vom anderen Ende des langen, über zwei Meter siebzig hohen Altbauganges der zu Büroräumen umfunktionierten Luxus-Wohnung: „Hier, ich Herr Kommissar!“
Es war der weitbekannte Chef der hauptstädtischen Spurensicherung Dr. Peter Weiß, der es sich nicht nehmen ließ diesen Tatort, in seinem Wohndistrikt, selbst zu sichern. Zu Ulmans Glück ein Mann der seine Sprache und seine Art der Ermittlung respektierte und dem auch seine privaten Lebensgewohnheiten keine Sorge bereiteten, konnte die Reputation des langjährigen Mordermittlers doch von seinen investigativen Erfolgen der Vergangenheit, bis zu seiner baldigen Pensionierung leicht zehren. Daher war es dem am Boden knienden Mittsechziger auch eine willkommene Abwechslung einen alten Großstadtfuchs, wie er es war, freundlich entgegenzutreten. Der oberste Spurensicherer der Kapitale war es gewohnt, mit vielen unterschiedlichen Charakteren bei den jeweiligen ermittelnden Abteilungen zusammenzuarbeiten und in Ulmans Fall war die Sachlage einer fruchtbaren Zusammenarbeit klar, wenig fragen und dem Hauptermittler vertrauensvoll mit forensischen Fakten zuarbeiten.
„Herr Doktor Weiss. König aller Klassen. Ich knie vor Ihnen und bitte um die Antwort wo das ausgetretene Projektil eingeschlagen ist?“
„Auch Ihnen einen Guten Tag Kommissar Ulman. Dem Einschlag in der hinteren Wand des Raumes nach zu urteilen, da wo ich gerade stehe. Die Patronenhülse ist nicht auffindbar und das Projektil wurde aus der Wand entfernt.“
„Also nach dem Austritt muss das Projektil noch gut sechs bis sieben Meter geflogen sein um dort einzuschlagen. Ich tippe auf eine 9mm Pistole. Wie groß ist das Opfer?“
Dr. Weiss ging dem grübelnden Kommissar entgegen um ihm genau mitteilen zu können: „Ein Meter und dreiundachtzig Zentimeter.“
„Und das Projektil ist glatt ausgetreten. Das heißt der Schütze war circa einen Meter fünfundsiebzig bis einen Meter achtzig groß. Die Einschusskerbe ist leicht links von hieraus gesehen, das heißt er ist Rechtshänder.“
„Sehr gut gesehen, deshalb sind Sie der beste, Ulman. Und er hatte, den blutigen Sohlenabdrücken nach zu urteilen, Schuhgröße sechsundvierzig oder achtundvierzig.“
„Die Schnittverletzungen wurden nach seinem Tod verübt?“
„Ja, ´post mortem´.“
„Bitte Weiss, sprechen Sie in einer Sprache, die ich verstehe! Also der Täter läutet hier an, schießt dem Mann in den Kopf, schneidet seine Kleidung auseinander und wendet ihn. Nur, um Gewebeteile aus ihm herauszuschneiden?“
„Sieht so aus.“
„Weiss, alles deutet auf einen Trophäenjäger hin, der das Opfer gekannt hat und die Gegebenheiten vor Ort ebenfalls.“
„Kommen Sie mit, Herr Kommissar, ich zeige Ihnen die anderen Opfer.“
„Andere?“, war der alternde Ermittler erstaunt aber nicht betrübt.
„Ja, es gibt noch zwei weitere Leichen.“
„Scheiße. Aber die Schuhgröße kann nicht ganz zu der Körpergröße des Schützen passen“, stellte der spitzfindige Mittsechziger fest, während er über gelbe Hütchen und rote Sohlenabdrücke, immer mit Bedacht keine Spuren zu verwischen, stieg, „sind nur Ihre Leute hier oder auch schon jemand vom Morddezernat?“
„Bis jetzt nur Sie und auch reichlich spät, wenn ich das so sagen darf. Wir sind schon seit drei Stunden hier und mit allem schon fertig. Die Leichen werden nach unserem Rundgang gleich abgeholt.“
„Nein, dürfen Sie nicht so sagen. Der Verkehr ist eben schlimm. So ist unsere Großstadt nun mal. Sein Sie froh, dass Sie hier und nicht in einem Kuhkaff leben, wo die Leichen schon von Wölfen angeknabbert wären.“
„Mein Fehler“, entgegnete Weiss beschwichtigend und, zumindest nach außen hin, einsichtig.
„Du“, pöbelte Ulman einen in der Nähe, der Eingangstüre befindlichen Spurensucher an, „geh so schnell als möglich hinunter und hole jemanden vom Morddezernat. Ich werde ja nicht der Einzige hier sein.“ Der über den harschen Ton Verwunderte sah Weiss verstört und fragend an und wartete auf eine Reaktion seines Vorgesetzten. Als dieser wohlwollend nickte, machte er sich unverzüglich die Stiegen abwärts auf, durch das noch die Verabschiedung des cholerischen Kommissars hallte: „Gib Stoff Pinguin, sonst kommst du zurück in den Zoo!“
Nachdem er bereits unzählige Fälle und Ermittlungen gemeinsam mit seinem charakterfordernden Kollegen abgehandelt hatte, wusste Dr. Peter Weiss nur zu gut, wie man am besten dessen cholerische Ausbrüche wieder einfing und scherzte: „Bitte lassen Sie meine Daktyloskopen in Frieden. Darf ich Ihnen nun meine Einschätzung und den Rest des Sachverhaltes erklären?“
„Dakti? Was? Sprechen Sie mit mir nicht in diesem Studiertenton! Ich sage nur das Nötigste, das wissen Sie. Ich bin ganz Ohr“, erwiderte ein neugieriger, aber keinesfalls, ob seines rauen Umgangs mit Kollegen peinlich berührter Ulman.
Der oberste Spurensucher führte den altgedienten Ermittler den langen Eingangsflur, der zum Büro umfunktionierten Luxus-Wohnung, entlang zu einem Warteraum, der sich linkerhand über ungefähr fünf mal fünf Meter erstreckte und mit feinen Ledersesseln eingerichtet war. Obwohl der Kommissar den reichlich bestückten Kristallkronleuchter genauso mit beeindruckten Argusaugen betrachtete, wie die feine Kirschenholzvertäfelung an den Wänden, fiel ihm in diesem Raum nicht wirklich etwas Verdächtiges auf. Die blutverschmierten Sohlenabdrücke aus dem Flur, wurden hier immer weniger sichtbar und verschwanden vollends. Auf einem Garderobenständer hingen drei Winterjacken. Eine Schwarze, eine Weiße und eine Graue, darunter standen drei Paar Straßenschuhe in einer Plastikschale.
In der Tat fand Weiss die richtige Wortwahl, war der in weiße Schutzkleidung gehüllte Ermittler nun sogar zu einem seiner seltenen Scherze aufgelegt und fragte seinem Wegweiser ob hinter eine der vier weiterführenden Türen ein Tiger lauern würde?
Hinter der ersten Türe führte ein kleines Zwischenzimmer, parallel zum Eingangsflur verlaufend, zu einem kleinen Konferenzsaal und von diesem weiter in eine beschauliche Küche. Schon im Zwischenzimmer überfiel ihn ein Anblick, als ob tatsächlich ein Tiger gewütet und seine menschliche Beute dort tot zurückgelassen hatte. Ähnlich dem ersten Tatbild lag auch hier ein Mann, mit nur einem Schuss niedergestreckt, in einer riesigen, verschmierten Blutlache. Links und rechts der Leiche waren die raumhohen Aktenordnerregale mit Hautfetzen, Haar- und Gehirnteile sowie Blutspritzern übersät, welche das Projektil über die Austrittswunde am Hinterkopf mit sich riss und im ganzen Raum verteilte. Ein Auge des Mannes war offen, das andere geschlossen, was darauf schließen ließ, dass der Tod plötzlich und unvorhergesehen eintrat. Anders als bei der ersten Leiche war diese bis auf die Unterwäsche entblößt und wies, sofort ersichtlich, tiefe kleine Schnittwunden von den Beinen bis ins Gesicht auf, als hätten ihn Miniaturpiranhas angeknabbert. Seine Kleidung wurde ihm vom Leib geschnitten. Patronenhülsen waren auch hier nicht zu finden, was die Anzahl der leuchtgelben Markierungsschilder, für forensisch relevante Hinweise, ohnehin nicht reduziert hätte. Das totbringende Projektil steckte auch hier in der Wand hinter dem Opfer, gleich neben dem einzigen Kastenfenster in diesem Raum und wurde ebenfalls nach dem Einschlag entfernt.
„Er ist für ihn überraschend getötet worden. Die Leute glauben ja immer, dass der Angeschossene, wie in Filmen, nach hinten fliegt, wenn er von vorne getroffen wird“, erläuterte Ulman die vorgefundene Szenerie.
„Das dritte newtonsche Gesetz. Es beinhaltet die Wechselwirkung zwischen Kraft und Gegenkraft“, ergänzte Weiss.
„Was?“, gab sich der alternde Ermittler verwundert und genervt, „die Opfer fallen einfach nach vorne oder direkt nach unten. Sie brechen zusammen. Das meinte ich.“
„Ich doch auch, Herr Kommissar.“
„Ihr Studierten seit alle gleich. Erfindet immer eine parallele Sprache, für alles. Dabei wissen einfache Typen wie ich das Gleiche. Aber so hochgestochen müssen wir nicht reden!“, streichelte sich Ulman über seinen Dreitagesbart und wies den Chefforensiker zurecht.
„Sieht fast nach Auftragsmord aus, aber ich bin kein Ermittler, nur ein Spurensucher und Analytiker“, antwortete Weiss mit einem dezenten Grinser auf seinem fein rasierten Gesicht, während er sich die Haube des Schutzoveralls von seiner Glatze zog und tief schnaufte.
Alle seine Humorpunkte für diesen Tag schon aufgebraucht, klatschte der genarrte Ermittler seine schwarzen Plastikhandschuhe zusammen und begann mit seinen treuen, rehbraunen Augen gedankenverloren aus dem einzigen Kastenfenster des kleinen Zwischenzimmers zu blicken, welches sich zwei Meter hinter der Leiche, Richtung Konferenzsaal, befand.
Der Regen prasselte auf die Scheiben und die Fensterbank und erwirkte für kurze Zeit eine hypnotische Wirkung auf den nikotinsüchtigen Alkoholiker, als ob sein Inneres ihn fragen wollte, was er eigentlich hier machte? Hatte er denn nicht schon genug solcher Tatorte und ausreichend schreckliche Bilder von verstümmelten Leichen gesehen? In welcher Kneipe und mit welchem Alkohol würde er diesen Tag von seiner Seele zu spülen versuchen? Erst der Analysebeginn von Weiss, brachte ihn wieder in die schauderhafte Realität zurück und diese hieß Professionalität im Dienst und die Stillung seines unbändigen Verlangens jeden, der in seiner Stadt Verbrechen beging zu schnappen und zu bestrafen.
„Es war die gleiche Waffe, 9 mm. Der Schütze stand noch im Wartezimmer, ungefähr drei Meter vom Opfer entfernt. Kopfschuss, sofort tot. Da das Opfer circa ein Meter neunzig groß und der Austrittswinkel des Projektils rechts neben dem Kastenfenster ist, kann man auf zwei Dinge schließen. Erstens der Täter war Rechtshänder, zweitens so groß wie von mit angenommen.“
„So weit war ich auch schon“, entgegnete der keifende Mittsechziger um fortzufahren, „und dann lässt er die Leiche von einem Mungo zerfleischen?“ Er war geistig wieder voll im Geschehen und würde er keinen harschen Ton anschlagen, keiner wüsste, ob Kommissar Sebastian Ulman mit seinen Gedanken nicht wo anders wäre.
„Nein, was Sie sehen sind Skalpellschnitte. Oder zumindest mit einem sehr feinen und scharfen Messer. Den Opfern wurden am ganzen Körper kleine epidermistiefe Gewebeteile entfernt. ´Post mortem´. Sehen Sie? Am ganzen Körper. Er wurde sogar dafür umgedreht und dann wieder gewendet, deshalb ist er voller Blut. So wie die Leiche im Flur. Was meinen Sie dazu?“
„Ein Trophäensammler wie gesagt. Der näht sich wohl gerade einen Mantel aus den erbeuteten Hautstücken“, entkam dem alternden Ermittler ein seltenes Grinsen.
„Das fehlende Gewebe ist zwischen Nullkomafünf bis zwei Zentimeter groß. Alle Beweismittel sind noch im Labor. Ich hoffe, dass wir schon einen ersten Überblicksbericht haben, wenn wir ins Dezernat kommen.“
„Beweismittel? Sehe ich nicht viele. Der Täter schießt das erste Mal im Stiegenhaus. Entweder er hatte einen Schalldämpfer oder er ist dumm. Der Wiederhall musste fürchterlich laut durch das ganze Haus gehallt haben. Aufmerksamkeit, das will keiner, der so etwas Aufwendiges vorhat“, stellte Ulman fest und strich sich mit den schwarzen Plastikhandschuhen wieder über seinen Dreitagesbart.
„Also der Täter war eine Person, die sich hier auskannte und auch die Opfer kannte?“
„Wie viele blutige Sohlenprofile haben Sie gefunden, Weiss?“
„Wohl nur eines. Aber das prüfen wir auch gerade im Labor.“
„Es spricht alles dafür, dass er etwas Persönliches als Trophäe mitnahm, da gibt es kaum etwas Persönlicheres als Haut. Sie entblößt das Opfer nach außen. Hätte er die Opfer aber aus boshafter Rache getötet, würden wir hier einen blinden ´Wutmord´ vorfinden.“
„Einen ´Overkill´, Ulman?“
„Ja, wie Sie das auch immer nennen wollen! Aber eines ist klar, die Tat war geplant.“ Der großstädtische Kommissar warf wiederum einen Blick zurück in den Eingangsflur, um die Route und Bewegungen des Täters nachempfinden zu können. „Der Täter hat sich unter Kontrolle. Er ist nicht der Schlauste, aber er hat sich unter Kontrolle. Sogar die Hülsen hat er mitgenommen. Die Projektile aus der Wand gerissen. Er kommt rein, bumm! Gleich weiter, bumm! Definitiv geplant oder haben Sie immer ein Skalpell und eine 9 mm bei sich Herr Doktor Weiss?“
„Ulman ich bin beeindruckt. Und warum hat er dem ersten Opfer nur elf kleine Gewebeteile herausgeschnitten, während er diesem hier gleich achtundzwanzig am ganzen Körper entfernte?“
„Hat er das?“
„Ja. Bei dem Opfer im Flur draußen zwei Zentimeter oberhalb der rechten Mamille, am Hals auf Höhe der Trachea und auf der hinteren linken Wade. Der Rest an Händen und Beinen.“
„Mamilla?“
„Brustwarze, guter Ulman.“
„Bitte sprechen Sie mit mir wie mit einem normalen Menschen. Ich habe nichts für dieses feine Gefasel über!“, stellte das leicht erregte Sozialbaukind mit grimmigem Ton seiner tiefen, kehligen Reibbrettstimme fest und war wieder am besten Wege zu einem seiner cholerischen Ausbrüche.
Als Dr. Weiss ein weiteres Mal zu einem Scherz ansetzte, um den aufbrausenden Ermittler zu besänftigen sah er, wie sich ein Polizist in Schutzanzug über der perlnachtblauer Uniform, näherte. Es war der blondgelockte, im Vestibül zurückgelassene Jungpolizist, der ohne Zögern und selbstbewusst auf die beiden Herren zuging.
„Sie wollten mich sprechen Herr Ober-Kommissar?“, fragte er dienerisch. Die angespannte Stimmung aus der Vorunterhaltung mitnehmend, wurde Ulmans Stirn wieder immer runzeliger und zog seine Augenbrauen über seine tiefsitzenden Sehorgane: „Ich will einen Ermittler sprechen, nicht einen Lehrling!“, schrie er krächzend und heiser klingend, hinaus in das Stiegenhaus, zu den Spurensuchern. „Sie hat dieser Pinguin also geholt?“, resignierte der morbide Mittsechziger weiter, „wie viele Leute sind von unserem Dezernat hier?“
„Mein Name ist Körner und wir sind insgesamt sechs Kollegen vom Morddezernat am Tatort, Herr Ober-Kommissar“, entgegnete der eingeschüchtert Wirkende, während er den glatzköpfigen Chef-Spurensucher hilfesuchend anblickende.
„Ich habe Sie nicht nach Ihrem Namen gefragt. Wo sind die Kollegen?“, begann Ulman immer mehr seine noch vorhandenen Zähne zu fletschen.
„Sie befragen Passanten und Mitarbeiter von den Geschäften unten an der Straße. Hier im Haus, in den Wohnungen, war niemand zuhause. Wir versuchen noch mehr als den einen Zeugen zu finden“, berichtete Körner in unterwürfigem Ton.
„Es gibt einen Zeugen?“
„Ja, er ist unten bei den Sanitätern.“
„Na gut. Körner, oder wie?“, fragte der plötzlich euphorische Kommissar.
„Richtig, Herr Ober-Kommissar“, antwortete der enthusiastisch wirkende sechsundzwanzigjährige Wachtmeister.
„Nun sind ja endlich alle psychedelisch aufgeheizt. Können wir weitermachen?“, warf der, am liebsten schon in seinem Forensik-Labor sitzende Weiss, ein.
„Ich will Antworten auf meine Fragen. Was ist das überhaupt für eine Art von Firma hier? Wer sind die Leichen? Gibt es noch weitere, die hier arbeiten und heute nicht anwesend sind? Gibt es an der Straße oder im Treppenhaus irgendwo Kameras?“, zählte Ulman, Finger für Finger hebend, die wichtigsten Ermittlungspunkte auf, welche er von seinen abwesenden Kollegen einforderte.
Als sich Körner, salutierend, schon wieder ans Werk machend, wegbewegen wollte, hielt ihn der grimmige Kommissar mit blutabschneidenden Händedruck am Oberarm fest und zog in zu sich heran. „Ich bin noch nicht fertig Frischfleisch“, trat der raubeinige Ermittler auf die Stimmungsbremse und ermahnte den bedrängten Körner, der sich seine Nase, mit der freien Hand zuhielt, als er unweigerlich in den ungepflegten Mund seines Aggressors blickte und dabei eine Brise ekelhaften Geruchsgemischs aus Bier, Zigaretten, Knoblauch und Speiseresten zwischen den eingefärbten Zähnen des rauborstigen Mittsechzigers einatmen musste. „Irgendwie muss der Täter in das Haus hereingekommen sein? Die alte Massivholztüre knackt kein Amateur und Panzerknackerprofi war der Täter wohl nicht. Also, durchforsten Sie jeden Paketdienstlieferanten, jeden Briefträger und alle Angestellten der Wasser- und Elektrizitätswerke, die hier Zugang haben.“
„Wird gemacht“, winselte Körner, der wohl alles bejaht hätte was von ihm verlangt worden wäre, hätte ihn nur sein kriminalistisches Idol losgelassen und aus seinem übelriechenden Gefängnis befreit. Der grobschlächtige Mittsechziger ließ alsbald von seinem neuen Handlanger ab und schupste ihn auf einen der teuren schwarzen Lederstühle, welche dicht an dicht im Wartezimmer standen. Sowie der Befreite sich aufraffen wollte, um die zu Büroräumen umfunktionierte Luxus-Wohnung, gepeinigt und ohne Verabschiedung, zu verlassen, durchdrang ihn nochmals ein lauter Nachschrei von Ulmans kratzig-tiefer Stimme: „Müll Körner! Durchsuchen Sie alle Müllcontainer, Mistkübel und Abwasserrinnen in einer Umgebung von vier Häuserblocks. Aber auf Jennifer. Damit Sie nicht auskühlen!“
Ohne sich umzudrehen nickte der Jungpolizist und zog sich die weiße Kapuze des Overalls noch tiefer ins Gesicht um seine Tränen zu verschleiern und dann hurtigen Ganges den Tatort zu verlassen.
„Wenn Sie so weitermachen, werden Sie noch vor Ihrer Pensionierung zum Personalvertreter gewählt werden“, versuchte der glatzköpfige Weiss erneut mit einem Scherz die Stimmung zu lockern. Der noch immer vor Erregung und teerdurchtränkter Lunge schnaufende Ermittler zippte sich seinen weißen Overall auf und zog aus seiner Jackentasche einen Nikotin-Kaugummi, den er sich in den miefenden Mund schob, als er Weiss mit einer Kopfbewegung deutete, dass er sich ohne große Worte den Tatort weiter ansehen wollte. Nur mit großer Anstrengung stiegen beide über die entstellte Leiche und deren Blutseeeinbettung, bogen beim hypnotisierenden Kastenfenster rechts ab und kamen in den kleinen Konferenzsaal, in dessen Mitte sich ein langer, ovaler Tisch befand, der ringsherum von edlen Ledersesseln umrandet wurde. Sowohl in diesem kleinen Saal, als auch in der angrenzenden Küche, standen keine leuchtgelben Markierungsschilder, was darauf schließen ließ, dass keine tatrelevanten Spuren gesichert werden konnten. Trotzdem hoffte der schnauzbärtige Chef der Spurensicherung, dass das talentierte und erfahrene Auge des routinierten Kommissars noch das eine oder andere Informative sehen konnte, was ihm und seinen Mitarbeitern nicht auffiel. Der inspizierende Ulman tappte aufmerksam durch die kleine Küche, um lediglich festzustellen: „Außer, dass die volle Kaffeetasse hier steht, nichts. Das zweite Opfer hatte wohl den ersten Schuss gehört und ist dann von der Küche hinaus, um nachzusehen. Zweiter Schuss. Tot. Zusammengeklappt. Gedreht. Gewendet. Aufgeschlitzt.“
„Das einzige was uns bleibt sind die Sohlenmuster und das Auftrittsmuster. Beeindruckend Herr Kommissar. Auch wie Sie gleich alle relevanten Fragen an den jungen Polizisten ausgegeben haben“, umschmeichelte der stets besonnene Spurensucher den wieder beruhigten Ermittler.
„Weiss, Sie sind ein alter Großstädter, wie ich. Das schätze ich so an Ihnen. Alle Welt will zu uns, aber nur wir sind hier richtig zuhause“, entwickelte das ansonsten so raue Sozialbaukind leise Gefühle von Verständnis und zwischenmenschlicher Geborgenheit.
„Wir haben schon einiges gesehen, oder Ulman? Hier passiert eben immer etwas.“
„Wissen Sie was mein letzter Fall war?“
„Leider nein.“
„Zwei Typen sitzen in einer Kneipe in Distrikt zehn, am Tresen. Niemandem der Anwesenden fällt den ganzen Abend etwas Verdächtiges auf. Kein Streit, kein Zank. Da steht der rechts Sitzende auf, zahlt seine sechs großen Bier und geht. Zehn Minuten später kommt ein anderer Kneipengeher, bei dem am Tresen zurückgebliebenen vorbei und spricht ihn an, dass er aus der Seite blute.“
„Ich schätze er ist gestorben, sonst wäre es nicht ein Fall für das Morddezernat geworden?“
„Dieser Bereich des Tatorts ist gesichert?“, unterbrach der witzelnde Ulman seine Geschichte.
„Ja.“
„Gut, dann schauen wir mal, was die feinen Herren hier haben?“, frohlockte der trinkfeste Kommissar wie ein Kind zu Weihnachten, während er die Innenseiten des Kühl- und Gläserschrankes durchsuchte. So schnell konnte der, lediglich zu hohen Anlässen nur rotweintrinkende Doktor, gar nicht reagieren, hatte er schon ein Glas Remy Martin Louis XIII Cognac vor seinen Augen pendeln. „Ich sagte ja, die feinen Herren haben hier nur feine Sachen. Kommen Sie Herr Doktor, stoßen wir an“, forderte ihn sein ermittelnder Gegenüber freudestrahlend, wie nie zuvor an diesem Tag, auf.
Viele Jahrzehnte musste sich Dr. Peter Weiss mit den verschiedensten und schwierigsten Charakteren herumschlagen, welche die ermittelnden Dezernate der Metropole zu bieten hatten, aber den trinkfreudigen, nun übers ganze Gesicht strahlenden und bekannt cholerischen Sebastian Ulman nun zurückzuweisen, war für den glatzköpfigen Schnauzbartträger eine kleine Mutprobe. „Immer gerne, aber das ist von einem Tatort, das können wir nicht“, gab er sich diplomatisch, um die Situation wiederum emotional zu begradigen.
„Aha. Sie sind in den Jahren auch zu einem feinen Herrn gereift. Ich bin ein Kind des Sozialbaus, das vergesse ich nicht. Wir bekommen das schöne Leben nur zentiliterweise“, merkte der enttäuschte Kommissar gereizt an und schluckte beide, mit vier Zentiliter gefüllten Gläser, so hastig hinunter, dass sein Kaugummi gleich mitweggespült wurde. Dahinauf reinigte er beide Gläser in der Abwasche, ließ sie dort stehen und stellte die Flasche Cognac in den Kühlschrank zurück. Als Weiss, noch vollkommen perplex und wie angewurzelt in der Küche stand, begab sich der hochprozentig Gestärkte schon zurück in den kleinen Konferenzsaal, um sich erneut einen Kaugummi aus seiner Jackentasche zu holen: „Kommen Sie, ich dachte es gibt drei Leichen?“
Beschämt, vom gerade Gesehenen, führte der oberste Spurensucher den cholerischen Kommissar, über das immer mehr in den Ritzen des Parkettbodens verschwindende Blutmeer im Zwischenraum und weiter in den Warteraum.
„Was ist hinter den restlichen drei Türen?“, erkundigte sich der, nun zur reinen, professionellen Distanziertheit abgebogene Mittsechziger, unterdessen, spielerisch, seine schwarzen Plastikhandschuhe zusammenklatschte. Der Spurensicherer zeigte auf eine weiße Türe, gegenüber dem Zwischenzimmer und erläuterte seinem nun leisen Zuhörer, dass sich dahinter ein nicht tatrelevanter Raum voller Aktenordner-Regale befand.
„Hinter dieser Tür ist ein Einzelbüro und hinter der vierten ein Großraumbüro. Dort ist auch die dritte Leiche gefunden worden.“
Auf einer Fläche von acht Meter Länge und fünf Meter Breite standen drei Schreibtische, der Fensterreihe entlang, aufgefädelt. Ganz am Ende des Raumes, am letzten Schreibtisch, standen zwei Mitarbeiter der Spurensuche und schossen noch letzte Detailfotos für die Tatort-Dokumentation. Der herumblickende Kommissar, in seinem weißen Einweg-Overall, schlenderte langsam durch den großzügigen Büroraum. Sein Kopf bewegte sich hin und her, denn vielleicht konnte er noch ein Detail erhaschen, welches seine Kollegen übersehen hatten. Doch außer einigen, vertrockneten Zimmerpflanzen, Stößen von unsortiert wirkendem Papier und Akten auf dem ersten Arbeitsplatz und eine, fast schon krampfhaft penible Gegendarstellung dieser Szenerie am zweiten, fiel ihm nichts Ungewöhnliches auf. Die luxuriöse Ausstaffierung des Raumes war dem geschulten Ermittlerauge schon von den Vorangegangenen gewohnt und bewirkte keinerlei Staunen mehr bei ihm.
Der Regen hatte nachgelassen und die vier großen Kastenfenster, welche dem Eintretenden in das Großraumbüro begegneten, ließen nun die ersten leichten Sonnenstrahlen des Tages hereinscheinen. Wieder einmal konnte der fast schon pensionierte Kommissar seinen Blick nicht von den einfachverglasten Kastenfenstern lassen und schloss seine Augen um die wärmenden, durch die grauen Februarwolken durchblitzenden Sonnenstrahlen auf seiner faltigen Haut zu genießen. Für kurze Zeit war es so, als könnte er sich damit abfinden seinen Ruhestand anzutreten und all das Grauen seines Berufes hinter sich zu lassen. Was aber dann? Täglich Modellschiffe basteln, bis seine kleine Garconniere voll damit war oder gleich den schnellen Notausgang suchen und sich binnen einiger Jahre zu Tode zu saufen? Ein alter Mann wie er, war sich Ulman sicher, konnten nun mal nicht mehr alleine gegen das Verbrechen in seiner, millionenfach bewohnten, Heimatstadt ankämpfen und alle die es nach ihm versuchen würden, seien blondgelockte Jungpolizisten, die erstmals acht Mörder entkommen lassen würden, um aus ihren dilettantischen Fehlern die Schlussfolgerungen zur Ergreifung des neunten zu ziehen.
Dieses Mal unterbrach ihn niemand in seiner Trancestarre. Weiss betrat zwar ebenfalls den Raum, würdigte den Versteinerten aber keines Blickes und schritt schnurstracks zu seinen beiden Mitarbeitern, die gerade mit der Beweissicherung fertig wurden, weiter. Durch das Vorbeidrängen des zielstrebigen Chef-Forensikers wurde der alternde Gedankenschwelger nun aus seiner Zukunftsausmalung gerissen. Um wieder vollständig zur Besinnung zu kommen schüttelte er seinen Kopf samt seines, mit Haarfett gebändigten und zusammengebundenen Pferdezopfes und bewegte sich ebenfalls auf den dritten Schreibtisch zu. Darunter hockte eine weibliche Leiche. Scheinbar hatte sie noch versucht sich vor dem Täter zu verstecken, musste dann aber, unter panischen Ängsten feststellen, dass ihr schlechtes Versteck ihr Todesort wurde. Die Frau, etwa Mitte zwanzig, wurde mit einem Schuss in den seitlichen Kopf getötet. Der erfahrene Mordermittler erkannte sofort, dass es sich um einen aufgesetzten Schuss handeln musste, da die Eintrittswunde eine fünfeckförmige Sternwunde aufwies. Rundherum war die Haut, von den austretenden Gasen der Pistolenmündung stark verbrannt worden. Auch hier waren weder Hülse noch Projektil zu sichern. Der unsportliche Mittsechziger kroch unter den Schreibtisch und musterte die kauernde Leiche. Die zu Tode Gekommene hockte in ihrer letzten Pose, mit dem Gesäß zu den Fersen und der Brust zu den Knien gefaltet, in ihrem offenkundigen Versteck.
„Kataleptische Totenstarre, Herr Kommissar“, berichtete eine der beiden Spurensucherinnen.
Ulman begann zu lachen. Oft lachte er nicht, aber dann zu den ungünstigsten Zeitpunkten.
„Was ist?“, fragte er, mit seiner kratzig-tiefen Stimme, die ihn skeptisch anblickenden drei Forensiker, „schaut mal her. Weil sich die Muskeln versteift und zusammengezogen haben, konnte der Täter sie nicht am ganzen Körper anschneiden. Sie hat noch einen Bleistift, wie als Verteidigungsinstrument, in der Faust. Bleistift gegen 9mm!“
„Einschuss in das untere Stirnbein, nahe dem Keilbein. Austritt, glatt auf der anderen Seite gegen den Heizkörper“, analysierte die Spurensucherin, mit der großen Spiegelreflexkamera in den Händen, das Gesehene.
Unter schwierigsten Windungen krabbelte der sehnenverkürzte Mittsechziger an der kauernden Leiche vorbei und musterte die dahinterliegende Wand samt Heizkörper. „Keine Knochensplitter. Kein Projektil. Also ein aufgesetzter Schuss. Die Kugel hat die Schädeldecke mit eingedrückt, da kann auf der anderen Seite nichts Menschliches herauskommen. Also der Täter erschießt den ersten Mann an der Eingangstüre, geht dann schnell weiter in den Warteraum, erschießt den zweiten Mann und dann hierher. Sieht die Frau unter dem Tisch und bumm!“
„Sehr gut, Herr Kommissar. Fällt Ihnen noch etwas auf?“, spornte Weiss den wild Kombinierenden weiter an.
„Durch die Größe der unverbrannten Schießpulverpartikel und der Größe des Abstreifrings kann ich die Entfernung der Tatwaffe auf sehr, sehr kurz schätzen. Hier gibt es nicht viel Blut. Weil die Schusswunde an der obersten Stelle des Körpers ist und die Leiche nicht bewegt wurde. Sehen Sie? Er hat auch nur die Kleidung aufgeschnitten und das entfernt, wo er gut dazu kam. Wieviel Gewebeentnahmen gab es hier?“
„Wir haben nun insgesamt vierunddreißig gesichtet“, zählte die zweite Spurensucherin, ohne Kamera, aber mit Notizblock, nochmals aus den Mitschriften ab.
„Und dann hatte er genug Haut? Oder war die Zeit zu knapp?“, war sich, der schwerfällig wieder aufrichtende Ulman, nicht sicher. Eindeutig hatte er es hier mit einem gefühlskalten, unberechenbaren und narzisstischen Menschen zu tun der, so tippte der routinierte Kommissar, nicht das erste Mal gemordet hat.
„Gut, ich habe alles gesehen. Bitte senden Sie mir den Bericht so schnell als möglich zu. Ausgedruckt! Sie wissen, ich will immer alles auf Papier stehen haben!“, bat der multimedial Zurückgebliebene den grinsenden Weiss um Nachsicht.
Als er über den Warteraum und durch den Eingangsflur, wieder in das Treppenhaus zurückkehren wollte, blieb der, abermals über Sohlenabdrücke und Markierschilder steigende Ulman, noch für einen Moment stehen und betrachtete das erste Opfer.
„Was für ein kranker Mistkerl! Wir haben hier vier Schreibtische und drei Opfer. Bei dieser Tat muss sich jemand mit den Gegebenheiten hier ausgekannt haben. Er muss gewusst haben, dass er hier keine Zeugen und Ruhe vorfindet und er muss gewusst haben wo er welche Opfer auffinden wird. Sonst hätte er nicht noch extra die Frau unter dem Schreibtisch liquidiert“, replizierte der aufgebrachte Ermittler, „was ist das für ein Raum?“
„Nach der Spurensicherung haben wir die Türe wieder zugemacht“, attestierte Weiss, dem dahinter zu Erwartenden wenig Amüsement.
„Mich schockt nichts mehr“, gab sich der alternde Ermittler unantastbar, stieg über die Leiche und öffnete die Türe.
Ein lauter Aufschrei war die Folge. Ein Schwall von bestialischem Fäkalgestank sprang ihm entgegen. Zwar war er schon öffentliche Großstadttoiletten und Müllplätze gewohnt, aber was sich da, in diesem kleinen Raum, trotz offenem Fenster, angestaut hatte, war einfach nur ekelerregend. Nur durch seine Wissbegierde und Lüsternheit auch diesen Fall so schnell als möglich zu lösen motiviert, trat er ein. Der weißgeflieste Raum hatte über dem Spülkasten ein circa einen Meter mal vierzig Zentimeter kleines Fenster, welches offen stand. Doch trotzdem konnte der geringe Luftzug, die üblen Ausdünstungen nicht aus dem Sanitärraum beseitigen. Obwohl Ulmans kleine Garconniere weit davon entfernt war eine Parfümerie zu sein, aber so einen Saustall hatte er nicht mal in seinem Klo mit roter Brille, welches er sich mit zwei anderen Nachbarn auf der Etage teilte, erlebt. Der unsportliche Mittsechziger wollte den Spülkasten erklimmen und aus dem schmalen Fenster blicken, welches in einen freiliegenden Schacht führte und alle Toilettenfenster auf dieser Seite des Zinshauses damit entlüftete. Da fiel ihm auf, dass der Gestank in der Keramikmuschel seine Quelle hatte. Der letzte Benutzer hatte einen längeren Toilettengang hinter sich gebracht und nicht gespült. Die feuchte Erleichterung spritze bis auf die Umrandung und färbte die weiße Schüssel in ein miefiges hellbraun.
„Hat unser Täter nach diesem Wahnsinn großzügig das Klo verschissen und nicht gespült? Nicht einmal die Klobrille hat er heruntergeklappt das Schwein!“, wunderte sich der angewiderte Kommissar und grübelte was er mit dieser Situation anfangen und wo er sie einreihen konnte. Dann dachte er daran, dass das erste Opfer womöglich bei seinem großen Geschäft unterbrochen und dann, beim Öffnen der Eingangstüre, erschossen wurde.
„Okay, Doktor Weiss, ich habe genug gesehen. Ich erwarte Ihren Bericht. Ausgedruckt! Bis wann?“, appellierte er um schnelle Abhandlung der forensischen Untersuchungen und stieg über die Leiche im Eingangsflur, um im Treppenhaus nach Luft zu schnappen.
„Herr Kommissar, wir arbeiten mit allem was wir haben. Der Druck aus dem Dezernat ist enorm. Auch auf Sie. Ich hoffe, dass ich bis heute Abend schon mehr weiß“, gab sich der Chef der Spurensuchung beschwichtigend.
„Gut“, murrte Ulman und ließ Weiss bei seinen beiden Kolleginnen am Tatort zurück. Es war nicht das erste schwierige Treffen der beiden, aber heute hatte der alternde Ermittler seinen Ruf als cholerischer Kollegenschreck wieder alle Ehre gemacht. Bei den Stiegen, die wieder hinunter in das Vestibül führten, angekommen, riss er sich den weißen Overall, die Überziehschuhe und die schwarzen Plastikhandschuhe vom Leib und ließ die gebrauchte Adjustierung einfach an Ort und Stelle liegen. Noch bevor er die erste Terrazzotreppe des hallenden Stiegenhauses betrat, genoss er schon einen tiefen Zug von einer, in seinem Mundwinkel eingepressten, Zigarette. Der Abgang sollte nicht so beschwerlich werden wie der Aufgang und für einen kurzen Moment konnte Kommissar Sebastian Ulman entspannen.
Kapitel 4 Tagwerk Leiden
„Wollen Sie eine warme Suppe, um sich aufzuwärmen?“, bot der Rettungssanitäter Aaron Röttgers fürsorglich eine Schale der heißen Brühe an, indessen dieser, in eine dicke Baumwolldecke gehüllt, im Inneren des Notarztwagens, auf einer Pritsche Platz nahm. Sein Blick war versteinert und eingefroren nach vorne gerichtet. Ins Nichts. Es war, als ob er sich aus seinem Tunnel der geistigeren Leere und traumatisierter Einigelung, welche seine Panikattacken und Angstschübe unterdrückten, nie mehr werde befreien können. Wohl nahm er die Sanftmut der Sanitäter wahr, doch presste seine Augen eine innere Macht an die weiße Innenwand des Sanitätsbusses und versetzte seinen gesamten Körper zugleich in ein Wechselspiel aus Zittern und Starrheit. Im vermindert Positiven war dadurch das Schwindelgefühl zurückgegangen, welches durch den Blutstau in seinem Kopf ausgelöst wurde.
„Der Mann steht unter Schock, lassen Sie ihn“, merkte der zweite Sanitäter, gegenüber seinem Kollegen an, „warten wir, bis der Interventionspsychologe kommt.“
Psychologe, Rettungswagen, Kamerateams, Menschenmassen hinter Polizeiabsperrungen. Der am liebsten heimelig-verschanzte Aaron wollte einfach nur in seine saubere Wohnung und es sich, statt einer Suppe hier, dort mit Junkfood vor dem Fernseher gemütlich machen.
„Wann kann ich nach Hause?“, stammelte er, den Blick weiterhin nach vorne gerichtet, um mit der leidlichen Darstellung seiner Konsterniertheit, eine Freigabe zu erbetteln.
„Sie müssen noch die Polizeibefragung abwarten. Der Hauptermittler ist erst vor kurzem eingetroffen. Der Traumapsychologe wird auch bald kommen“, erwiderte der Suppen-Sanitäter.
„Oh mein Gott“, dachte sich, der sonst so säkularisiert auftretende Aaron, als er Polizei hörte.
Er wollte doch immer nur ein unbeschwerliches Dasein, unterhalb des öffentlichen Radars, verleben und nun sollte er auch noch eine Vernehmung mit einem Hauptermittler durchstehen. Hätte heute Morgen doch nur sein Schweinehund den Sieg über seinen pflichterfüllenden Aufstehdrang erlangt, dann läge er vielleicht noch in seinem wohlig warmem Bett und säße nicht in einem Rettungswagen in einer Seitengasse, abgeschirmt von Kameras und Schaulustigen in der Nähe seiner, zum Tatort umfunktionierten Arbeitsstätte.
Der Nieselregen legte sich und die Sonne ließ die ersten leichten Strahlen, durch die kleinen Rettungswagenfenster, in sein Gesicht scheinen und den ersten Schockzustand in nörgelnde Verdrossenheit umkehren. Wenn Aaron eines mehr hasste als einen heißen Großstadtsommer mit schlaflosen Tropennächten, dann war es Warten. Und nachdem ihm die Erinnerung an so einen Sommer nun ins Gesicht schien und blendete, wollte er zumindest Zweites so schnell als möglich beenden. Er streifte sich die Decke vom Rücken, öffnete die Hintertüre des Busses und stieg aus. Die beiden Sanitäter versuchten ihn aufzuhalten: „Bleiben Sie hier. Sie stehen unter Schock!“
Als sich Aaron seine rechte Hand als Sonnensegel, auf seine Augenbrauen legte und die Sonne aufhörte sein Sichtfeld zu blenden, fand er sich in einer apokalyptischen Szenerie wieder. Keine Autos fuhren, keine Hupen ertönten, nur der Geruch von verbranntem Treibstoff hing weiterhin in der kalten Großstadtluft. Links und rechts starrten Menschen aus den Fenstern der Gründerzeitbauten im Neo-Renaissance-Stil und versuchten einen Blick auf den turbulenten Aufruhr auf der Prachtstraße und die Masse an Exekutivfahrzeugen in den Quer- und Parallelstraßen zu erhaschen. Mit fortweilender Dauer seiner Anwesenheit musste der konfuse Beäugte feststellen, dass immer mehr schaulustige Fenstergucker ihre Aufmerksamkeit nun auf ihn richteten. Wie auf der Bühne der weltberühmten Oper der Metropole kam er sich vor. Eine Feuerwalze an Logengaffern urteilten ihn von allen Seiten ab und an dem bloßgestellten Gefühl des Ausgeliefertseins an Fremde, konnten auch die blattlosen Ahornbäume, welche sich zwischen leerer Fahrbahn und verlassenem Gehsteig aufreiten, keinen Blickschutz bieten. Dieser Umstand und das Unwohlsein in seiner nass-dreckigen Kleidung, waren ihm zu viel. Wie ein Gladiator, der in der Arena den Raubtieren vorgeworfen wurde, machte er sich wieder retour zum schützenden Rettungswagen, als aus einiger Entfernung ein tiefer, kratzender Schrei sein Unterfangen unterbinden wollte:
„Sie da, bleiben Sie wo Sie sind!“
Schon fast wieder in sein sicheres Sichtversteck zurückgeklettert, wandte der Flüchtende seinen Blick nochmals gegen die Sonne und entgegnete verdattert: „Warum?“
„Kommen Sie her, ich habe mit Ihnen zu reden!“, befahl der entgegenkommende Schreihals mit unverminderter, reibbrettartiger Stimmintensität, aus dem blendenden Sonnenlicht. Beibehaltend diente seine rechte Hand als Sonnenschirm und seine nun beschatteten Augen konnten zwei Männer ausmachen. Einen großen dünnen, hageren Mann, der für den eingeschüchterten, flüchtenden Gladiator wie ein arbeitsloser Trunkenbold aussah und ein, ihm schnellen Schrittes folgender, blondgelockter Polizist in perlnachtblauer Uniform. Kurz dachte er, ein Schaulustiger hätte die Absperrung durchbrochen und wollte ihm etwas antun und der Exekutivbeamte hinter ihm versuchte den, sich schnell nähernden Aggressor, davon abzuhalten. Daher intensivierte er seine Anstrengungen wieder in den Rettungswagen zu gelangen. Da packte ihn von hinten eine festdrückende Hand an seiner Schulter und zog ihn von der hinteren Stoßstange.
„Bleiben Sie jetzt endlich hier!“, brüllte ihn der finster dreinblickende Mann mit faltigem, verbraucht-wirkendem Gesicht an.
Der junge blondgelockte Polizist hatte den alten Unruhestifter nun endlich eingeholt und reichte ihm einen Tablett-Computer.
„Herr Ober-Kommissar, hier alle relevanten Daten über den Zeugen“, und übergab dem erstaunten Grobian, der nun von Aaron abließ, um nach dem Bildschirm zu greifen.
„Körner, was soll das? Ist das ein riesiges Telefon ohne Tasten?“
„Nein, ein Tablet-PC. Sie können hier auf alle relevanten Daten und Akten des Polizeiservers zugreifen. In der Cloud. Landesweit. Mit der nötigen Berechtigung sogar auf INTERPOL.“
„Ich will einen Akt aus Papier und Tinte, so etwas interessiert mich nicht.“
„Den gibt es auf dem Morddezernat. Aber ich habe Ihnen den Akt des Zeugen schon geöffnet. Sehen Sie? Auf der ersten Seite stehen alle relevanten Personaldaten.“
„Das ist mir egal!“, wetterte der, viel zu leicht für diese Jahreszeit bekleidete Choleriker gegen das technische Wunderwerk und drückte es Aaron in die Hände.
Dieser konnte gar nicht glauben, was er da sah und hörte. Weniger der rauborstige Umgangston innerhalb der Polizei, sondern mehr die Tatsachen, dass es in der Exekutive eine interne Akte über ihn gab und dieser sichtlich ungepflegte Rüpel ein Ober-Kommissar sein sollte.
„Mein Name ist Kommissar Sebastian Ulman, ich bin Hauptermittler in diesem Fall. Bitte werfen Sie einen Blick auf diesen Bildschirm und sagen mir, ob Ihre Daten richtig sind?“, forderte der alternde Ermittler den, in den Rettungswagen zurückgekehrten Zeugen auf. Aus Angst und Hoffnung, bald wieder nach Abhandlung dieser Formalitäten, in seine beschaulichen vier Wände zurückkehren und einen Riegel vor diese verrückte Welt schieben zu können, machte Aaron wie ihm befohlen wurde. Keinerlei Anstalten machte er, nachzufragen woher die Daten kamen oder wie es nun weiterginge, zu sehr war er vom Auftritt des cholerischen Kommissars eingeschüchtert. Mit vorbildlicher Kooperation würde er schon so schnell als möglich diesen Ort verlassen können. Während Aaron die erste Seite des Tablett-PCs mit seinen persönlichen Daten überprüfte, wandte sich der nervenlose Ulman wieder seinem jungen Kollegen zu: „Haben Sie schon Antworten für mich?“
„Keine weiteren Zeugen, wir haben alle Angestellten der Geschäftslokale an der Prachtstraße gefragt. Bewohner aus dem Zinshaus waren keine aufzufinden. Wir haben Nachrichten an den verschlossenen Türen hinterlassen. Auch weit und breit keine Kameras, die etwas Relevantes aufzeichnen hätten können“, berichtete Körner mit zittriger Stimme.
„Bin ich eigentlich der einzige Kommissar hier?“, wunderte sich Ulman.
„Herr Ober-Kommissar, ja.“
„Ich bin nur Kommissar, du Pfeife! Seid ihr sicher, dass alle befragt wurden und es keine Kameras gibt?“
„Ja“, gab der unterwürfige Polizist, immer wieder leicht verbeugend, an.
„Gut. Klären Sie noch Folgendes ab. Wer hatte alles einen Schlüssel für die Eingangstüre in das Zinshaus? Wer gelangt ohne Probleme in das Stiegenhaus. Den Rest mach´ ich dann schon alleine.“
„Sind wir am Abklären. Sie bekommen eine Liste.“
„Es kann ja nicht sein, dass Weiss und die ganze Spurensuche hinter dem Fall sind und ich bin alleine mit lauter Frischfleisch. Wie sieht es mit dem Müll aus?“, vergewisserte sich der, alles zu sehen glaubende Mittsechziger, bei dem jungen Mann, dessen Anfangseuphorie, ob des Mitwirkens an diesem Tatort, ungebremst war.
„Es tut mir leid Herr Kommissar, aber die Müllabfuhr war heute schon hier und hat im ganzen Distrikt den Restmüll abgeholt. Nur die Papiermüll-Container sind noch voll.“
Nun lief Sebastian Ulmans Kopf rot an und seine, eigentlich einladenden, rehbraunen Augen verschwanden hinter der Beschattung seiner gerunzelten Augenbrauen: „Das kann ja nicht Ihr Ernst sein! Los, auf zur Müllverbrennungsanlage und alles durchsuchen. Fordern Sie mindestens zwanzig Helfer an. Und Sie, Körner, werden als erster knietief im Dreck mit dem Metalldetektor unterm Arm suchen!“
„Ja, aber was suchen wir?“, wollte sich der blondgelockte Wachtmeister vergewissern, keine Fehler in seinen weiteren Aktivitäten einzustreuen.
Der schmale, ausgemergelte Mittsechziger packte seinen, gut einen Kopf kleineren Kollegen am Kragen und zerrte ihn einige Meter, unter den amüsierten Blicken der Schaulustigen an den umliegenden Fenstern, vom Rettungswagen weg. „Schusswaffen, Patronenhülsen, Projektile, Messer, Scheren“, flüsterte er ihm, mit gewohnt tief-räuspernder Tonlage, despektierlich ins Ohr und deckte den, vor allen Beobachtern Bloßgestellten, mit seinem üblen Mundgeruch ein. Schnell zum Abschied salutierend, flüchtete Körner die Seitengasse entlang zur Prachtstraße, wo sich die mobile Einsatzzentrale aller Exekutivorgane befand. Verstört blickte ihm Aaron hinterher, der zwar nichts von den leisen Ansagen des herrischen Kommissars gehört hatte, sich aber bereits ein deutliches Bild von jenem Mann machte, in dessen knöchrigen Fingern nun sein weiteres Wohlergehen lag. War es denn nicht gesellschaftlicher Usus, dass man sich seiner beruflichen Stellung und Funktion entsprechend kleiden sollte? Zwar fing Aaron mit diesem ungeschriebenen Dress-Code-Gesetz, warum ein Bankangestellter immer Anzug und Krawatte oder Busfahrer immer lange Hosen zu tragen hatten, ohnehin nichts an. Aber der Mensch ist eben auch nur ein Sklave seiner wilden Triebe und der imaginäre Gesellschaftsvertrag, so seine Interpretation der Welt, der ab der Sekunde der Geburt unterschrieben wurde, hatte nun einmal vorgesehen, dass man mit Vertrauen am besten Geld machen konnte. Und Geld war nun mal ein Schlüssel zu Macht und Macht bedeutete Aufstieg im Rudel. Und es gab im Rudel nun mal kluge Anführer, die den Kampf gegen andere Rüden nicht scheuten, aber dafür ständig im Fokus standen und es gab Anführer wie ihn. Die, welche eine Leitungsfunktion innehaben hätten können, es aber nicht wollten, weil sie sich nicht auf Grabenkämpfe mit Betarüden, wie es Sebastian Ulman einer war, einlassen wollten. Zu aufwendig, zu energieraubend, zu rastlos und zu ärgerlich waren für den faulen Aaron diese ständigen gesellschaftlichen Zwänge nach Führungsanspruch und Überlegenheit. Wenn jemand zu einem Bankangestellten mehr Vertrauen hatte, nur weil dieser, auch bei vierzig Grad im Schatten Anzug und Krawatte trug, dann suchte er, so Aaron, lediglich nach Vertrauen und Führung. Wer nicht anecken wollte und den Grabenkämpfen ausweichen, der musste klug handeln. In des selbsternannten Gesellschaftsphilosophen Werkzeugkoffer war die Schauspielerei, und er war ein guter Schauspieler, der durch die harte Schule jahrelanger Verkaufsgespräche und Preis-Feilschereien gegangen war, sein zwischenmenschliches Mittel zum Zweck. Auch im Handel spielte Vertrauen eine tragende Säule des Verhandlungsgeschicks. Den Gegenüber loben, ihn schwafeln lassen und in seiner geglaubten Erhabenheit bejahen. Sein innerstes Verlangen finden und es ihm doppelt geben. Und erst bei der Vertragsunterschrift kam der Gepriesene drauf, dass er gelinkt wurde. Der Wohlstandsbauchträger war nach außen ein aufoktroyierter Schleimer, Heuchler und Jasager. Im Inneren ein passionierter Nörgler, Zweckpessimist und arroganter Besserwisser. Ein willensbildender Manipulator der es, durch kaufmännisches Geschick, immer wieder schaffte seine egozentrische Impertinenz zu verschleiern, wenn es zu seinem Vorteil gereichte. Aber warum dann ein Mordermittler, der ebenfalls Vertrauen projezieren sollte, so auftrat, war Aaron ein Rätsel. Schwarze, ausgelatschte 80er-Jahre Lederslipper, eine verschlissene graue Stoffhose mit sprödem Ledergürtel, gelb-braun-grün gestreiftem Hemd, wie aus einem Retro-Laden und einer dünnen, für diese Jahreszeit komplett ungeeigneten Frühlingsjacke aus hellem Kunststoffleder. Dazu noch der wildwuchernde Dreitagesbart und das mitgenommen dreinblickende sowie faltige Gesicht von unzähligen Räuschen und Nikotindröhnungen gezeichnet.
In seinem fortwährenden Streben zwischenmenschliches Vertrauen aufzubauen schien dieser alte, hagere Mann ein Härtefall zu werden. Als Aarons Musterung bei den, mit Fett gebändigten und zu einem Zopf gebundenen Haaren ankam, musste er feststellen, dass der Begutachtete ihm nun wieder seine volle Aufmerksamkeit schenkte: „Und sind Ihre Daten korrekt?“
„Ja, das sind sie“, antwortete er, mit schwacher Stimme, aus dem Rettungswagen hinaus.
Gleich von Beginn an, wollte er das ärmlichste Häufchen Elend darstellen, welches die Polizei je gesehen hatte, um mitleidsbekundet so schnell als möglich nach Hause zurückkehren zu können. Was genau in den letzten Stunden passiert war, schob sein Gehirn vollkommen zur Seite. Sein natürlicher Fluchttrieb wollte ihn einfach nur in emotionaler Sicherheit wiegen, um diese unangenehme Situation so schnell als möglich zu meistern. Eine Mär aus egozentrischer Selbsttäuschung.
„Gut, Sie müssen mit aufs Morddezernat kommen und eine Aussage machen. Ich habe hier nicht die nötigen Daten, die ich brauche. Das steht alles auf gutem altem Papier.“
Aaron stieg wieder das Blut in den Kopf und ihm wurde leicht schwarz vor Augen. Mitkommen, Morddezernat, Aussage? Konnte er denn nicht einfach in sein Bett zurückkehren und seine Ruhe vor der Welt haben? Aber in solchen Situationen kam eben seine Kämpfernatur zum Vorschein. Sein schauspielerisches Talent, welches ihm schon so oft ermöglichte, Gespräche und Bekanntschaften, mit einem gespielten Interesse seinerseits so zu versehen, so dass sein Gegenüber glaubte Aaron läge wirklich etwas an seiner Person und seiner Geschichte, würde ihn schon irgendwie aus dieser emotionalen Sackgasse herausmanövrieren. Innerlich ordnete er sich neu: zusammenreißen und am besten jenen stillen Jasager geben, den man wohl von ihm verlangte und dem rüpelhaften Kommissar glaubhaft versichern, dass auch sein grausames und unterdrückerisches Verhalten zur Rudelführung führte. Für diese Variante schien sich der alternde Ermittler entschieden zu haben und Aaron wollte ihm bei seinen gesellschaftlichen Ambitionen keinesfalls im Wege stehen.
„Natürlich Herr Kommissar“, gab sich der Zeuge geknechtet, „worum geht es eigentlich? Ist jemand tot? Was ist genau passiert?“
„Was, Ich dachte Sie sind Zeuge der Morde?“, zeigte sich Ulman verwundert über die Unwissenheit seines im Rettungswagen kauernden, einzigen Kronzeugen.
„Morde?“, fragte der Geschockte nochmals nach, nicht glauben könnend, was er da hörte.
Die beiden im vorderen Teil des Notarztbusses sitzenden Sanitäter nickten ihm gequält zu.
„Ja, wir haben hier ein Massaker vorliegen und ich muss Sie dazu befragen! Bitte kommen Sie mit“, pfiff der zeichengebende Kommissar den desillusionierten Zeugen aus dem Wagen.
Als dieser nur einige Sekunden, unter langsamer Rückkehr seiner Besinnung, zögerte, packte ihn Ulman grob unter den Achseln und zog ihn aus dem rettungsdienstlichen Kleinbus.
„Warten Sie, der Zeuge steht noch unter Schock. Es war noch kein Arzt oder Psychologe hier, der bestätigt, dass er vernommen werden kann!“, versuchte der fürsorgliche Suppen-Sanitäter den stürmischen Ermittler Zeugen blindlinks zu verschleppen.
„Wo ist der Arzt?“, entgegnete Ulman kratzig und harsch.
„Der Psychologe sitzt in der U-Bahn fest. Es gab ein Gebrechen bei den Gleisen.“
„Deshalb fahre ich nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln“, lachte das Sozialbaukind und setzte seinen Gang, mit festem Handgriff unter Aarons Oberarm, zu seinem Auto fort.
Die Herangehensweise, wie er sich diesen cholerischen und aufbrausenden Beamten zurechtrücken konnte, war Aaron nun klar. Das Ziel musste es sein, dass er ihm wohlgesonnen war und dabei spielte dessen Drang zur Diskreditierung anderer, um die Selbstabneigung vor seinem innersten Spiegel verdeckt zu halten, eine wichtige Rolle. Schnell analysierte der drangsalierte Kaufmann die Simplizität dieses alten Mannes und machte sie als seine größte Schwäche aus. Genau diese Leute waren es, die Aaron so sehr zur Weißglut trieben. Menschen, die geistig limitiert waren und trotz ihres beschränkten Horizonts, anständige Bürger wie ihn, einfach so am Arm packen konnten. Menschen, die zu allem eine Meinung hatten, obwohl sie intellektuell nicht dazu berechtigt waren und Menschen, die anderen mit ihrem Verhalten nur Unbehagen bereiteten.
„Ich hasse es auch U-Bahn zu fahren“, stellte der anbiedernde Zeuge beschwichtigend fest, woraufhin Ulman seinen Griff lockerte und wenig später ganz löste.
„Hören Sie zu“, wandte sich der großstädtische Kommissar seinem einzigen Zeugen zu, der sich, ob der nun verminderten Gesprächsdistanz beider Gesichter, die Hand vor die Nase hielt, um nicht weiter den üblen Mundgeruch des ungepflegten Polizisten, einatmen zu müssen, „Sie sind, wie es scheint, der einzige Zeuge und ich bin schon lange Zeit dabei. Das heißt, für mich sind Sie vielleicht mehr als ein Zeuge. Verstehen Sie mich?“
Nein, Aaron verstand es nicht, nickte aber, um seine angebotene Kooperation und Unterwürfigkeit zu bekräftigen. „Kann ich noch meinen Rucksack und meine Haube mitnehmen?“
„Ja, holen Sie sie und dann Abfahrt“, zeigte sich der alternde Ermittler ungewohnt ein- und nachsichtig.
Der innerlich aufgelöste Zeuge lief die paar Meter zum Rettungswagen zurück, schnappte sich seine Sachen, bedankte sich bei den Sanitätern und betonte ihnen gegenüber, dass alles gut werden wird. Schnellen Schrittes nahm er wieder das Tempo des weiterstampfenden Kommissars auf und folgte diesem unauffällig und wortlos zu dessen Auto.
„Sie haben es nicht so mit Statussymbolen, oder?“, konnte sich Aaron, beim Anblick des 1988 himmelblauen Citroen AX mit schwarzen einfachen Stahlfelgen, angerosteter Stoßstange und dem, ihm noch immer nicht verständlichen Erscheinungsbild des Kommissars, eine freche Bemerkung nicht verkneifen.
„Steigen Sie ein und reden Sie nur, wenn Sie gefragt werden“, skizzierte Ulman das weitere Prozedere auf.
Er steckte sich einen Zahnstocher in den Mund und ließ ihn, mittels seiner Zunge, von der einen zahnunvollständigen Unterkieferseite zu anderen rollen. Diese eisbrechende Bemerkung, über das geliebte Fahrzeug des alternden Ermittlers, kam wohl zu früh und setzte an der komplett falschen Stelle an. Enttäuscht über sich selbst nahm der Zeuge am Beifahrersitz des, innen perfekt gepflegten und mit hellen Ledersitzen ausstaffierten Fahrzeugs, Platz. So konnte er sich dieses Gefährt, von außen betrachtet, nicht vorstellen. Wieder einmal hatte er zu schnell geurteilt. Vielleicht war auch der Kommissar äußerlich heruntergekommen und innerlich geordnet und seine Seele gut gepflegt. So gut, wie Aaron oft Schauspielern konnte, um sich seiner Umgebung anzupassen, so wenig war es ihm möglich Menschen richtig einzuschätzen, was bei ihm oft in falschen Vorverurteilungen mündete und eigentlich hasste er nach heißen Großstadt-Sommern und Warten nichts mehr als Vorverurteilungen. So wie Aaron zumeist versuchte sich seiner Umgebung anzupassen, um ja nirgendwo anzuecken und nicht seine liebe Ruhe und innerliche Eintracht zu gefährden, wusste er nun auch schnell wie es in dieser Situation um ihn bestellt war. Zwar reichten seine bisherigen Erkenntnisse der Sachlage noch immer nicht ganz aus, um zu begreifen, was wahrhaftig vorgefallen war, aber er konnte sich ausmalen, dass es sich um keine Lappalie im öffentlichen Interesse handelte. Anstatt sein Gegenüber, wie gewohnt, genau zu beobachten und gemeinsame weltanschaulich-thematische Nenner zu erfragen, versteifte er sich lieber darauf still und der Situation dienlich, am ledernen Beifahrersitz des altehrwürdigen, dieselfressenden Citroen AX zu sitzen. Ohnehin ahnte er schon, dass der Fahrer heute darüber entscheiden würde, ob er sich am Abend, mit einer Tüte Fast-Food vor seinem Fernseher, in seiner Wohnung, von den schlimmen Ereignissen des Tages wird verstecken können, oder ob er noch länger in dieser Notlage feststecken musste. Eine Situation, die ihm unangenehmer nicht sein konnte. Im Mittelpunkt stehend, mit Argusaugen beobachtet zu werden und jede seiner Gestiken, Mimik und Atemzüge einer Interpretation von Fremden ausgesetzt zu wissen. Der passionierte Nörgler konnte nur in Gesellschaft einer Handvoll Leute wirklich er selbst sein und neben seiner Freundin, die wohl nach dem gestrigen, gefühlt tausendsten, heftigen Streit das Weite gesucht hatte, zählten noch seine oberflächlichen Freunde aus dem Studium und sein engster Familienkreis dazu. Und wirklich befreit konnte er sich nur öffnen, wenn er das ein oder andere Bier zu viel gekippt hatte. Dabei waren auch Ausfälligkeiten keine Seltenheit. Zweckpessimismus verbreiten und über Gott und die Welt philosophieren. An jeder Ecke und an jedem Menschen das Schlechte zum Vorschein bringen. Dieses, sein wahres Gesicht, konnte er nun nicht zeigen.
Auf keinen der vertraut wirkenden Personen, die ihn nahmen so wie er war, konnte er nun in dieser, für ihn so misslichen Lage, zählen, saß er doch am Beifahrersitz eines Autos, eines Kommissars der Mordkommission und tingelte mit diesem, im schleichenden Tempo, von einer roten Ampel zur nächsten.
Nicht einmal als der wortlose Chauffeur die Fenster öffnete, um das von der voll aufgedrehten Heizung stark erwärmte Wageninnere zu kühlen, kam Aaron ein Ton aus. Kein Vortrag über Umweltsünden, keine Predigt über Ressourcensparen. Auch nicht, als sich Ulman genüsslich eine Zigarette anzündete und die Passivrauchschwaden dem Beifahrer ins Gesicht qualmten. Es brodelte in ihm, aber er sagte nichts. Es bedurfte keiner Dissertation in Menschenkenntnis, dass jegliche kritische Ansage vom Beifahrer- zum Fahrersitz, seiner Situation nicht dienlich war. Aaron war diesem cholerischen, ungebildeten, masochistischen und ignoranten Grobian ausgeliefert. Die schlimmste Bewandtnis, die er sich wohl ausmalen konnte. Nicht im Bilde, verdreckt, durchnässt und ausgeliefert. Selbst für einen notorischen Pessimisten wie ihn nicht vorstellbar. Er zog die Haube tief, bis an seine Augenbrauen, hinunter und versteckte sein Gesicht bis zur Nasenspitze in seinem Jackenkragen, blickte starrsinnig aus dem Beifahrerfenster, des nach Dieselabgasen und Zigarettenqualm stinkenden Oldtimers und versuchte sich mit der Beobachtung der vorbeirauschenden Straßenszenerie die Zeit zu vertreiben und irgendwie warm zu halten.
Menschen, welche großgewachsene Hunde, mit Beißkorb und kurzer Leine, aus ihren kleinen Wohnungen heraus, durch die Massen von Fußgängern, für einen Ausgang über die Gehsteige zerrten. Nur, um dann in abgezäunte, graslose und trostlose Vierbeinerzonen zu gehen. Für Aaron Tierquälerei. Sein Ausweg: Hundesteuer in urbanen Räumen drastisch anheben. Gruppen von kopftuchtragenden Musliminnen, die mehrere Kinderwägen vor sich herschoben. Für Aaron der Untergang der freien Welt. „Wo waren die Männer?“, fragte er sich. In seinen Augen eine Unterdrückung der Frauen, keine Gleichberechtigung und bei gleichbleibend hoher Fertilitätsrate des Migrationsmilieus, eine Ausdehnung von bildungsfernen Schichten und Kriminalität. Sein Ausweg: Gesteigerte Zuwanderung aus aufgeklärten und christlichen Ländern. Jogger, die versuchten im Slalomlauf, den zuvor genannten Mitpassanten auszuweichen, um neben einer dreispurigen Straße, im Smoggewirr der Millionenmetropole, ihrem Sport nachzugehen. Aus Aarons Sicht Verrückte, die sich der naturfremden Umgebung des Betonlabyrinths Großstadt blind ergeben haben. Stadtneurotiker. Leute, die die Bindung zur ursprünglichen Koexistenz zwischen Mensch und Natur vollkommen verloren hatten. Aaron hatte hierzu keinen Ausweg parat.
Er hatte die Hauptstadt einfach nur noch satt. Die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, die nervigen Mitmenschen, die unter, über und neben ihm wohnten und die hohe Kriminalität, an der er jetzt auch partizipieren musste. Gequält versuchte er es zwar, aber weiter konnte er seine Haube nicht hinunterziehen und so bleiben seine Augen weiterhin unbedeckt, um die, für ihn so schlimme Fahrt, mit allen Sinnen spüren zu müssen. Am liebsten wollte er nun über alles Gesehene seine Meinung abgeben. Aber er konnte nicht. Wie eingegipst in einem starren Korsett, auf einem Folterstuhl, bedingt durch die offenen Fenster vom Fahrtwind frierend, mit den Armen fest seinen blau-weiß-karierten Rucksack umarmend und im stinkenden Umfeld aus Zigaretten- und Abgasgestank sitzend, starrte er unaufhaltsam, wie hypnotisiert, auf das ihm dargebotene großstädtische Schauspiel. Menschen auf Smartphones glotzend, die sich dabei, in eine parallele Digitalwelt abdriftend, gegenseitig über den Haufen rannten. Frauen, die stolz Einkaufstüten von teuren Modelabels durch Einkaufspassagen trugen, ohne sich erkundigt zu haben, wieviel Flüsse in Südostasien dafür vergiftet wurden. Und Jugendliche, die an einem Arbeits- und Schultag, bereits kurz nach Mittag, mit Trainingsanzug adjustiert, von jeglichem Zwang auf Erwerbstätigkeit oder Bildung befreit, durch die Straßen schlenderten und dabei ihren hellen Spaß hatten. Tierquäler, Umweltsünder, unser lokales Wirtschaftssystem Ruinierende, Konsumverrückte, nur auf Oberflächlichkeiten bedachte, nichts zur Gesellschaft Beitragende. „Und ich muss mit all dieser Dummheit in einem Boot sitzen und kann nicht von Bord. Irgendwann explodiert dieser Planet und ich muss mitendrinnen sitzen“, multiplizierte sich die Negativität in Aarons Kopf und drohte seine Denkummantelung zu sprengen.
Dem ungewollten Beifahrer wurde schlecht. Die traumatisierende Aufregung des Tages, der Gestank, das erneute Beziehungsende mit seiner Freundin. Es räkelte ihn. Kein Frühstück und ein gut gelehrter Darm, brachte er bis hierher mit. Nur Magensäuren, vermischt mit einigen unverdauten Nahrungskrümeln, quollen aus ihm heraus, indes er sich, bei weiterhin gemächlicher Fahrt, aus dem Beifahrerfenster des himmelblauen Citroens lehnte und übergab. Seinen Körper durchzog ein nicht enden wollenden kalter Schauer, unter der heruntergezogenen Haube standen Schweißperlen auf seiner Stirn und als wollte sein Sehorgan seinen gesellschaftskritischen Geist schützen, wurde ihm schwarz vor Augen.
„Sind Sie völlig übergeschnappt?“, donnerte Ulman dem würgenden Beifahrer eine verbale Schelte an den schwindeligen Kopf.
Beim Autofahren konnte sich der großstädtische Kommissar immerwährend entspannen, aber nun musste er feststellen, dass die Außenseite seiner himmelblauen Beifahrertüre mit Erbrochenem besudelt war und dass der, wenn auch gemächliche Fahrtwind, die ekelhafte Flüssigkeit auch noch längsseitig am altehrwürdigen Fahrtzeug verschmierte.
Ungewohnt aber doch, trat der vollkommen ausrastende und schreiende Ulman das Gaspedal nun voll durch und bewältigte die letzten drei Häuserblocks bis zum Hauptgebäude der Metropolpolizei Distrikte Süd-Ost in Rekordzeit.
Aaron bekam von der kurzen Raserei nichts mehr mit. Sein Körper rebellierte und er schnaufte verzweifelt nach Luft. Als der Wagen auf dem Parkplatz des sechsstöckigen Gebäudes parkte, fuhr durch den kollabierenden Zeugen wieder ein kalter, betäubender Schauer. Am Ende des Tunnels, in den er nun wieder eintauchte, war kein Licht, sondern nur Dunkelheit und diese legte sich nun über seine Augen. Nichts mehr bekam er noch mit. Nicht das Geschrei des, aus dem Auto springenden und die seitliche Verunreinigung seines französischen Oldtimers betrachtenden Kommissars und auch nicht den einsetzenden Regen, der das kahle, farb- und trostlose Ambiente der Großstadt in die vierte Dimension beförderte.
Kapitel 5 Unmodische Aufmachungen
Der sich verfassungsrechtlich selbsternannte Föderalstaat fand in seiner ehemals kaiserlichen Kapitale das politische, kulturelle und normative Zentrum sowie sein weltumspannendes Sprachrohr. Demgegenüber stand das provinzielle und spartanisch ausgestatte Land, dessen jahrhundertelange Prädestination es war, im peripheren Sog der hegemonialen Metropole am Strom, all sein menschliches Bildungstalent und Fiskalzuwendungen abzutreten. So, wie die staatlich unterschiedlich gewichteten Gebietskörperschaften mit sich umgingen, so behandelte Kommissar Sebastian Ulman nun auch den einzigen Zeugen der Morde in Distrikt neunzehn, Aaron Röttgers.
„Kommen Sie, aussteigen. Mit Ihren schmutzigen Lumpen versauen Sie mir auch noch meine Ledersitze“, war der alternde Ermittler außer sich, als er die verschmierte Kotze, auf der Seite seines himmelblauen Citroen AX, schockiert wahrnahm. Peinlichkeit konnte man Aaron in dieser deplatzierten Sachlage nicht nachsagen. Vielmehr war er bekannt als positivistischer Nehmer und pessimistischer Geber von Zuneigung und Gefühlen. Der Zustand des geliebten französischen Gefährtes war ihm genauso egal, wie die pathetische Befindlichkeit des aufgebrachten Besitzers. Lediglich seine zwischenmenschliche Ausgangslage sah er in einem diffuseren Licht erscheinen.
„Bitte entschuldigen Sie die Verunreinigung. Mir ist das alles einfach zu viel. Ich möchte nur nach Hause“, quälte er sich aus seinem Tunnel der Übelkeit und Ohnmacht in die graue Tristesse des großstädtischen Nachmittags zurück.
„Das hätten Sie wohl gerne. Zuerst kommen Sie mit, eine Aussage machen und dann schauen wir weiter“, wies ihm der tobende Mittsechziger zurecht und zerrte den einknickenden Beifahrer aus dem beschmutzten Oldtimer. Grob, schob Ulman seinen einzigen menschlichen Anhaltspunkt in diesem Fall, zur Seite, trat seine Kotze-verschmierte Autotür mit seinen schnürsenkellosen Lederslippern zu und versperrte das Schloss per Hand, während er den taumelnden und zusammensackenden Kronzeugen mit der anderen, festhielt und austarierte.
Ohne Widerrede folgte Aaron dem bedienten Kommissar in das Hauptgebäude der Metropolpolizei Distrikte Süd-Ost, welches die gegenüberliegende, blattlose Birkenallee genauso in seiner Glasfassade spiegelte, wie das defätistische, winterliche Farbloskonzept der sich rings um auftürmenden, winterlichen Hauptstadt. Die prächtigen Weihnachtsbeleuchtungen waren abgebaut und was blieb, war die nackte Realität des kahlen Februars.
Schon im Eingangsbereich musste der rampenlichtscheue Aaron feststellen, dass alle Blicke und das Getuschel der umherschweifenden Polizisten, Beamten und Passanten auf ihn einprasselten. Nicht nur äußerlich gab er ein miserables, verschmutztes und genötigtes Bild ab, auch innerlich.
„Wen hat Ulman da mitgebracht?“ - „Ist das der Mörder?“ - „Schau in sein Gesicht, der weiß was ihm jetzt blüht!“ – „Schaut wie ein Penner aus!“
Egal durch welche Glastüre man den großzügigen Sechzigerjahrbau betrat, alle führten sie zu einem Eingangs-Check-Point. Sowie ein Beamter auf Aaron zukam, um ihm seinen Rucksack abzunehmen, an den er sich wie ein Kleinkind an ein Stofftier klammerte, winkte der genervte Kommissar seinen Kollegen zur Seite.
„Der Herr hier wird oben gründlich durchsucht, da greift ihr nur Beweismittel an“, klärte Ulman den zurückweichenden Beamten, der für gewöhnlich die Aufgabe hatte alle unbekannten Eintretenden, wie an einem Flughafen-Check-In, zu durchsuchen. Körperscan und Gepäckröntgen inklusive.
„Alles klar, Herr Kommissar, dann gehen Sie nur durch und durchleuchten Sie den Gauner im Morddezernat. Aber den Metallscan kann ich ihm nicht ersparen.“
Gauner? Mörder? Wie eine nachgezogene und präsentierte Trophäe kam sich Aaron vor, der durch die Unangenehme der Lage wieder aus seinem Schockzustand geschliffen wurde, in welche ihn die gleiche Unangenehme befördert hatte. Wie ein Verfemter auf dem Weg zur Hinrichtung, dem alle nochmals mitgeben wollten, welch schlechter Mensch er sei. Solche Umstände kannte er in seinem Leben nur zu gut. Aber in dieser speziellen Situation fuhren ihm Erinnerungen aus seiner Schulzeit durch den Kopf. Wieder einmal war er von einem Mitschüler verpetzt worden, wieder einmal war er bei einem Streich ertappt worden, wieder einmal hatte er vermehrt den Unterricht mit unangebrachten Kommentaren gestört oder wieder einmal hatte er sich mit einem Kommilitonen am Schulhof geprügelt. Wieder einmal musste er darauf den Weg in die Direktion antreten. Wie ein Gang nach Canossa brannten sich das Getuschel der Schüler und die vorverurteilenden Blicke der Lehrer, die seinen Weg säumten, in sein Gedächtnis ein. Aber heute würden wohl nicht seine Eltern in die Schule zitiert werden, die ihm, ob seines vermehrt schlechten Benehmens, zuhause die Hölle heiß machten. Nein, heute musste er die Suppe selbst auslöffeln. „Aber eigentlich welche Suppe denn?“, dachte sich der geistesabwesende Tagträumer. Er hatte ja nichts verbrochen, außer zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen zu sein.
Die bestimmende Stimme des Beamten riss ihn aus seinen Gedanken: „Bitte Rucksack auf das Förderband legen. Alle metallischen Gegenstände wie Mobiltelefon, Feuerzeuge, Geldbörse, Ringe und Gürtel in diese Box.“
Mit einem tiefen Schnaufen und wankendem Körperschwerpunkt leistete der Zeuge wortlos Folge und ging dann durch den Körperscan. Alle drei Beteiligten warteten auf einen Signalton, der beim Durchschreiten des Scans ausblieb und so wurde Aaron durchgewinkt. Hastig steckte er seine metallischen Habseligkeiten wieder in die Taschen und band sich seinen Gürtel, mit der gleichen fehlenden Körperspannung um, wie er ihn mühsam ausgezogen hatte.
Gelangweilt von der Prozedur machte sich der hetzende Ulman bereits auf den Weg zu einem von sechs Fahrstühlen, die sich nach dem Eingangs-Check-Point beidseitig an einem langen, mit Marmor ausstaffierten Gang, auffädelten.
Aaron konnte es nicht erwarten die großzügige Eingangshalle mit ihren gaffenden und tuschelnden Zusehern zu verlassen und marschierte ihm, noch an seinem Gürtel hantierend, schnell hinterher.
„Halt!“, pfiff der Beamte, den friedlosen Wegeilenden, hinterher, „Sie haben Ihren Rucksack und Ihre Jacke vergessen.“ Mühsam taumelte Aaron wieder einige Schritte retour, zog sich seine Daunenjacke über, brachte es im Stillstand der Aktion endlich fertig seinen Gürtel zu schließen und presste den blau-weiß karierten Rucksack wieder vor seine Brust. Ähnlich einer Schutzweste gegen seine Umgebung, hielt er das Gepäckstück vor seinen Oberkörper.
Als sie endlich einen der geräumigen Fahrstühle betraten, verkroch sich der eingeschüchterte Zeuge in die hinterste Ecke der Kabine und umklammerte seinen Rucksack so stark, als wollte er sich dahinter verstecken.
„Geht es ihnen schon besser?“, erkundigte sich der, erstmals höflich und besorgt agierende Kommissar und drückte auf den Knopf mit Nummer drei, zur Auffahrt in das vierte Stockwerk.
Mit so viel Mitgefühl von diesem Mann rechnete niemand in der Fahrstuhlkabine und wohl am wenigsten Ulman selbst. Aber der, psychisch und physisch Bankrott wirkende Kronzeuge war nun mal sein erster und vielleicht einziger Anhaltspunkt zur Aufarbeitung dieses tragischen Vorkommnisses im Distrikt neunzehn.
„Ja. Was ist denn nun genau passiert? Mir ist einfach alles zu viel. Wann kann ich nach Hause gehen?“, fragte Aaron, mit weinerlicher und jammernder Stimmlage, welche sich immer mehr zu einem Ausdruck seines gefühlskalten Schauspieltalents transformierte. Denn obwohl, weder sein Unwohlsein, noch der vermehrt hochfrequente Blutfluss in seinem Körper abflachten, kam er geistig immer mehr zu seiner pragmatischen Kontemplation zurück. Doch eines war ihm klar. Nun den abgebrühten Hartgesottenen zu spielen brachte ihn, egal was er nun in einer Befragung zum Besten gab, nicht auf schnellstem Wege in sein wohliges Schlafgemach. Folgend versuchte er die pulsierende Leere in seinem Brustkorb zu konservieren und aus ihr jene bemitleidenswerte Gestalt zu mimen, die ihn an sein Ziel brachte.
Kommissar Ulman grinste, ob des wimmernden Fragereigens des im Aufzugeck Kauernden, um dann, abrupt seine Mundwinkel fallen und seine Augenbrauen, bedingt durch seine tieffaltige, runzelnde Stirn, über seine rehbraunen Augen gleiten zu lassen: „Wenn es nach mir geht, gehen Sie nie wieder nach Hause!“
Diese Aussage warf Aarons Besinnungsrückkehr wieder um einige Stunden und Adrenalinschübe zurück. Der zuvor einsetzende warme, motivierende Schauer verkrampfte sich wieder zu einem kalten vom Gesäß bis zum Hals führenden. Er riss sich die Haube vom Kopf, um seine schwitzende Stirn zu kühlen und packte sie in die Tasche seiner dicken Daunenjacke, die er nun ebenfalls öffnete, um Frischluft an seinen Brustkorb zu fächern. Bevor er sich noch selbst fragen konnte, ob er nun doch in die Offensive gehen, um seine Redegewandtheit und schauspielerischen Fähigkeiten zur Verteidigung einzusetzen. oder weiterhin alles mit sich machen lassen sollte, was ihm dieser Rüpel von Beamter anschaffte und unterstellte, stoppte der Fahrstuhl und Ulman forderte ihn, mit einem diktierenden Fingerzeig auf, herauszutreten und ihm weiterhin zu folgen. Der selbsternannte Menschenleser, welcher das gesellschaftliche Verhalten genauso wenig verstand, wie die Beweggründe manchen überspitzten Handelns, hatte zwar schon einige Beobachtungen zu Charakter, Vorlieben und Schwächen des cholerischen Mittsechzigers gemacht, aber jetzt auf einmal den gesprächigen und kooperativ-zuvorkommenden Lakai zu spielen, wäre wohl des taktischen Kurswechsels zu viel gewesen. Es blieb ihm nichts anderes übrig als seinen schwitzenden und pulsierenden Körper hinter dem alternden Ermittler herzuschleppen.
Ulman ging rechter Hand des Fahrstuhls einen braungefliesten Gang entlang, welcher nach gut zehn Metern an einer großen Milchglastür endete. Aaron stützte sich an der marmorvertäfelten Wand ab und beobachtete seinen hageren Wegweiser mit kurzem Pferdeschwanz, wie er mit schneller Fingerkombination einen fünfstelligen Code in eine Tastatur, rechts neben der Türe eintippte, bis diese einen Summerton von sich gab und öffnete. Ulman drückte die Türe auf und drehte sich zu seinem widerwilligen Verfolger um: „Eintreten und setzen.“
Ohne Widerwort folgte ihm dieser und nahm auf einer langen Holzbank, gleich links neben dem Eingang, Platz.
„Sie warten hier. Haben Sie einen Ausweis dabei? Wenn ja, geben sie ihn mir“, erläuterte der zur Bürokratie kommende Beamte das weitere Vorgehen mit kurzer und bestimmender Reibbrettstimme. Zwar war Aarons Verstand in die Klarheit zurückgekehrt, aber sein Körper konnte mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten. Seine Atmung wurde immer schwerfälliger. Mit letzter Kraft kippte er sein Gesäß zur Seite und holte aus seiner rechten, hinteren Hosentasche sein Portmonee heraus. Darin stocherte er, inmitten seiner Sozialversicherungs- und Kreditkarte, seinen Personalausweis hervor, reichte es dem einfordernden Kommissar und begleitete die Übergabe mit einem tiefen Blick in dessen beschattete, rehbraune Augen. Als wollte er ihm noch eine telepathische Epistel mitgeben, dass hinter dem schwitzenden Gesicht und der weinerlichen Stimme, noch ein bestimmender und zielstrebiger Charakter verborgen lag, den man lieber nicht in die Enge trieb. Nicht mehr als drei Sekunden dauerte der Blickkontakt der beiden braunäugigen Einzelgänger an. Doch zumindest bei Ulman schien das kurze seelendeklarierende Intermezzo grübelnde Nachwirkungen hinterlassen zu haben. Denn als er sich, mit des Zeugen Personalausweises in der Hand, auf den Weg zum Empfang machte, blieb er kurz stehen, drehte sich um und musterte nochmals den auf der Holzbank Kauernden, welcher seinen Rucksack umarmte und starr, wie in Trance versetzt, die anthrazitfarbenen Fliesenboden neben seinen Winterschuhen fixierte. Für kurz schoss dem altgedienten Mittsechziger ein marternder Stich durch den Kopf, als hätte er durch die kalten und müden Augen dieses Mannes in seine eigene Seele geblickt. Nur, dass jene des Kronzeugen kohlschwarz und seine graumeliert war. Für einen Mann, der schon so viel Gräuel und Übel durch alle gesellschaftlichen Couleurs hindurchgesehen hatte, wäre dieser Eindruck keine Seltenheit gewesen, aber die Verstörtheit, Kaltblütigkeit und Verachtung der Welt, welche der hartgesottene Ermittler nur in dieser kurzen Blicksequenz empfing, schockierte ihn zutiefst. Dann setzte er seinen Weg fort und übrig blieb Aaron, der seine Fassung an den Boden verlor. Eine anthrazitfarbene Fliese fügte sich an die nächste, nur durch weiße Fugen unterbrochen, welche sich über die Jahrzehnte in beige färbten. Welche Mörder, Verbrecher und traumatisierte Zeugen mögen wohl schon darüber gewandert und auf dieser Holzbank gesessen haben? Zu Aarons Linken war ein längliches Vorzimmer, welches an einem Empfang mündete und zu seiner Rechten eine Milchglastüre, in dessen Mitte er, seitenverkehrt, in klarem durchsichtigem Glas, das Wort ´Morddezernat´ entzifferte. ´Morddezernat´, weit war der aufmüpfige Problemschüler vergangener Tage gekommen. Schon wieder.
Früher wartete er mit den gleichen Schweißausbrüchen, dem gleichen schweren Atem, dem gleichen mulmigen Gefühl im Magen und dem gleichen Tinnitus, hervorgerufen durch das Blut, welches rasant in seinen Kopf schoss, vor der Direktion seines Oberstufengymnasiums. Im gleichen Bewusstsein, für die unangenehmen Folgen seiner schäbigen Taten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Aber heute? Die gleiche Konstitutionskette, aber verbrochen hatte er nichts. Anders als vor der Schuldirektion, wo sich die Ausdünstungen, oft wohltuend, oft ekelerregend, von achthundert Schülern und neunundfünfzig Lehrern, mit jenen der Schulbuffetfritteuse und der stapelweisen Naschereien-Anhäufungen der Direktionssekretärinnen vermischten und seine Nase, mit der allumfänglichen Mixtur peinigten, die wohl alle Gerüche der Welt in sich beherbergte und ihn allumfänglich mit schlechtem Karma belegte, roch es hier neutral. Sein Riechorgan war komplett taub. Nicht einmal seine verdreckte Kleidung sonderte etwas Verwertbares für diesen Sinn ab. Weder Putzmittel, noch Speisen, noch nach Menschen. Nur die über ihm brummende Klimaanalage, die unaufhaltsam frische Luft in das alte, renovierte Gebäude blies, beförderte hie und da die Essenz von Hausstaubgeruch in den Wartebereich.
„Ein frigider Ort mit sterilen und gefühlskalten Menschen“, dachte sich Aaron konstatiert und versuchte wieder Herr über seine Hormonausstöße, Transpiration und Atmung zu werden. Was für ein Tag. Noch vor acht Stunden kroch er wie jeden Tag unmotiviert aus seinem Bett und begrüßte die Welt außerhalb seiner Wohnung mit der gleichen Abfälligkeit, mit dem sie ihn zu begegnen gewohnt war. Sein Bett, sein Fernseher, seine Spielekonsole, ja, er dachte sogar kurz an seine Ex-Freundin, mit der er mehr Streitigkeiten auskämpfte, als zärtliche Momente verbrachte. Nach all dem sehnte er sich wie noch nie zuvor in seinem Leben. Und überhaupt, egal was da an seiner Arbeitsstätte heute Morgen vorfiel, nichts würde mehr so sein wie zuvor. Das, was er bezeugen konnte, verhieß nichts Gutes. Zugegeben, er mochte seine Arbeit nicht besonders, doch schätzte man ihn dort ob seiner Redegewandtheit und seines Verhandlungsgeschicks. Seine Kollegen nahmen ihn so wie er war. Aber welche Arbeit, außer reicher Lebemensch, passte schon zu Aaron? Aus einer Sicht hatte er nur ein Leben und jede Sekunde, die er als Arbeitnehmer verbrachte, war eine verlorene. Seine positivistischen Erdungspunkte in der grausamen Welt schienen nun vollkommen zerbrochen. Kein Job, keine Lebensgefährtin, keine Anonymität.
„Wäre ich doch nicht so feige“, kanzelte er sich ab, „und wäre ich doch nicht so gespannt darauf, wer der nächste Fußballmeister werden würde!“ Der ständige Ärger über seine Umwelt und die Verzweiflung über seine Hilflosigkeit. Wäre er nicht so feige und neugierig auf die nächsten Sportergebnisse, sein jämmerliches Dasein hätte er schon längst selbst beendet. Allmählich fasste er sich und zog seine dicke Daunenjacke aus. Seine Atmung normalisierte sich und den weggewischten Schweißperlen auf seiner Stirn folgten keine weiteren mehr. Mit Fortdauer des Wartens schob er jegliche Suizidgedanken beiseite und fasste, wie so oft, darin neuen Mut irgendwo anders ein neues Leben anfangen zu können.
Norwegen? Keine heißen Sommer. Schottland? Ewige Weiten und keine Menschenmassen. Kanada? Egal wie schlimm die Klimaerwärmung werden würde, dort bekäme er sicher wenig davon mit. Und als er seinen flüchtenden Zukunftsgedanken freien Lauf ließ, um sich moralisch wieder selbst aufzubauen, unterbrach eine piepsende Frauenstimme seine innere Eintracht.
„Herr Röttgers? Bitte kommen Sie mit mir.“
Eine Frau mittleren Alters mit flachen Damenschuhen, einem hellgelben Hemd, welches in eine dunkelblaue Stoffhose gesteckt und von einem weißen Medizinerkittel bedeckt war, lächelte ihn an.
„Mein Name ist Krings. Wir müssen einige Tests machen. Darf ich Sie bitten mir vorab Ihren Rucksack und Ihre Jacke auszuhändigen?“
Durch ihre freundliche Art konnte sie Aarons archivierten und niedergeschmetterten Gesichtsausdruck eines seiner wenigen Lächeln am heutigen Tag abringen und so gab sich dieser sehr höflich und kooperativ: „Gerne“.
Er folgte ihr in einen Raum, der gleich nach dem langgezogenen Empfangsbereich lag und die Spurensicherung beherbergte, was anhand eines Türschildes mit dieser Aufschrift, zu erkennen war. Die Frau schloss den Zugang und stellte sich vor: „Mein Name ist Isabella Krings, ich arbeite für die Spurensicherung im Morddezernat der Metropolpolizei Distrikte Süd-Ost. Haben Sie Fragen an mich?“
„Ja“, entgegnete Aaron aufgekratzt, einen anderen Menschen in dieser unangenehmen Angelegenheit als Kommissar Ulman sprechen zu können, „was ist genau passiert und was wirft man mir vor? Kann ich danach nach Hause gehen?“ Ihm war klar, dass zumindest die letzte Frage sehr optimistisch ausfiel, er aber unbedingt in Erfahrung bringen musste, was sich heute Morgen genau ereignet hatte.
Mit stoischer Ruhe fixierte die Spurensicherin ihre blonden Haare zu einem Dutt, setzte sich eine gelbumrandete Brille auf und zog sich schwarze Einwegplastikhandschuhe über ihre feingliedrigen Hände, so als wolle sie für die nun folgende Antwort Zeit zum Überlegen gewinnen. „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Kommissar Sebastian Ulman hat mich gebeten Ihre Kleidungsstücke und Utensilien, sprich deren Inhalt zu sichern. Daher haben wir für Sie vorübergehend Ersatzkleidung parat. Ist das in Ordnung?“
Ungläubig, aber im gezwungenen Willen, in allem was von ihm verlangt wurde Kooperation zu zeigen, blickte er in ihre grün-grauen Augen, um dann resignierend seinen Rucksack und seine Daunenjacke auszuhändigen.
Krings packte des Zeugen Gegenstände separiert in Plastiksäcke und notierte dies penibel auf einer Liste, welche auf einem weißen Schreibbrett befestigt war. Danach deutete sie quer durch den sechsmalfünf Meter großen Raum auf einen dreiteiligen, ineinander-gesteckten Raumtrenner in japanischem Design.
„Dahinter bitte komplett entkleiden. Ihre Sachen sind ja ohnehin dreckig. Ersatzwäsche liegt für Sie bereit.“
Aaron konnte nicht glauben in was er da hineingeraten war. Peinlich berührt von der ganzen Prozedur, aber brav folgeleistend, ging er hinter die papierene Trennwand und schlüpfte ins Adamskostüm. Sowie er seine neue Garderobe: Unterwäsche, Blue-Jeans, ein schlichtes weißes T-Shirt und eine dunkelrote Zip-Weste angelegt hatte, tauchte auch schon die Spurensicherin auf der anderen Seite des Raumteilers auf.
„Sind Sie fertig?“
„Ja, aber ich fürchte die Schuhe sind zu klein und die Hose zwickt im Schritt.“ Für gewöhnlich trug der Passivsportler Beinkleider mit Stretch-Bund, um die mittelständische Wohlstandsleibung seines Bauches nicht allzu sehr einzuschnüren. Der Gürtel war nur Accessoires und trug nichts zur Auskoppelung der Schwerkraft bei. Solch eine modische Hilfestellung würde der passionierte Coach-Lümmel nun aber gut gebrauchen, konnte er doch bei der ihm übergebene Jeans nur den Zip schließen, der Knopf musste offenbleiben. Die Hose drohte ständig seine Beine hinabzugleiten. Es war ihm, unter den gegebenen Umständen ihres Kennenlernens aber einfach zu peinlich nach einem passenden weiteren Gürtel zu fragen und so kaschierte er seine schritteinengende und nicht schließbare Adjustierung indem er das T-Shirt über den offenen Knopf zog und die Hose schlichtweg festhielt. Immerhin bei den Schuhen sollte sie aber Abhilfe schaffen können.
„Ich werde sehen, ob ich andere Schuhe für Sie finde. Bitte treten Sie hervor.“
Sobald Aaron wiederum brav Folge leistete und vom Raumteiler hervorhuschte, machte sich Krings mit einigen durchsichtigen Plastiksäcken mit Verschluss, über seine Kleidung her und verpackte diese sogleich luftdicht.
Mitfühlend mit dem schuhlosen Zeugen deutete sie auf weiße Hausschuhe, die in der Ecke des Raumes, unter einer Untersuchungsliege standen. „Nehmen Sie einstweilen die Schlapfen meines Kollegen.“
Mit frischen Socken und kalten Füßen schlüpfte er in die Hausschuhe und bemerkte sofort, dass diese normalerweise von einer sehr pedanten Person getragen werden mussten, denn beide Schuhe waren auf ihrer Innenseite in feinsäuberlicher Schrift mit ´Weiss´ beschriftet.
„Haben Sie noch wichtige Wertsachen oder persönliche Gegenstände in Ihrem Rucksack? Medikamente zum Beispiel?“
„Nein“, lamentierte Aaron, nun endgültig in seiner Rolle als tief betrübter und traumatisierter Zeuge, angekommen.
„Dann werden wir noch eine Speichelprobe zwecks eines DNA-Bestimmungsprofils sichern, einen Schmauchspurtest an Ihren Händen durchführen und Ihre Fingerabdrücke abnehmen. Danach darf ich Sie zu Kommissar Sebastian Ulman in den Besprechungsraum vier bringen“ skizzierte Isabella Krings den weiteren Ablauf des Vorabends und deutete auf einen Stuhl, der an einem Labortisch stand. Wenigstens ihr süß und blumig duftendes Parfüm, mit einer ausgeprägten Gourmand-Note und cremig-pudrigen Einflüssen, versüßte ihm sein friedloses Dasein, welches ein äußerliches Bild der Bedrücktheit und innerlich strengster, schauspielerischer Selbstdisziplin, wiedergab. Außer Tinnitus hörend, Magensäure schmeckend und alte Fliesen erblickend, war dieser Reiz, nicht nur für seine Nase eine willkommene Abwechslung, sondern auch für sein strapaziertes Gemüt. Am liebsten hätte er alle Beteiligten geschimpft und wäre in seine Wohnung gelaufen und sich dort einem phlegmatischen Nichtstun hingegeben. Was hatte all das mit ihm zu tun? Konnte man ihn nicht einfach in Ruhe lassen?
Nach außen hin unruhig, jammernd und aufgewühlt, ließ er jegliches Prozedere und sämtliche unmodische Aufmachungen über sich ergehen. Nur die Hoffnung auf baldige Erlösung aus dieser misslichen Lage, gab ihm noch Kraft durchzuhalten.
Wieder einmal war er nur auf sich gestellt. Der egoistische, ständig nörgelnde, jeden anprangernde, penible, ungeduldige, streitfreudige, phlegmatische, impertinente, wenig redselige, unter Alkohol redselige, kaltherzige und passionierte Grantscherben Aaron Röttgers.
Kapitel 6 Bergländische Borniertheit
„Was ist das?“, brüllte Ulman mit kratziger Stimme, als hätte ein Elefant Angina, durch das gesamte Großraumbüro des Morddezernats, wie er einen Blick auf seinen missorganisierten Schreibtisch warf. Die meisten seiner Kollegen zuckten zusammen und fixierten lieber weiterhin ihren Computerbildschirm, als dem cholerischen Kommissar Aufmerksamkeit zu schenken. Eine erbarmte sich dann trotzdem, dem trotzigen Mittsechziger zu antworten.
„Das nennt sich Pizza und bitte, dass wir Ihnen eine mitgenommen haben. Wir haben gehört, dass Sie nach der Nachtschicht heute Mittag wieder hier aufkreuzen werden. Daher.“
Orientierungssuchend blickte Ulman quer durch den gesamten Raum und konnte vier Schreibtische hinter seinem, eine junge Frau ausmachen, die ihm, mit aufgekrempelten türkisen Hemd, zuwinkte.
Musste er sich mit seinen alten Lenzen immer noch, mit gut zwanzig investigativen Kollegen, in ein zwanzigmalzehn Meter großes Büro pressen lassen? Mit Wehmut und Neid sah er auf die Milchglastüren, die sich zwei Schreibtische weiter auffädelten und jene, aus seiner Sicht, glückseligen Unglücklichen beherbergten, die den nächsten Karriereschritt gemacht hatten. Teilweise Männer, die noch aus seiner Zeit stammten und sich nun nicht mehr mit dem Geruch verwesender Leichen und dem Anblick blutbespritzter Tatorte abgeben wollten. Kommissar Sebastian Ulman, aus dem Sozialbau auf die Straße und von dort aufgestiegen zum Beschützer seiner Stadt. So sah er sich gerne. Nun musste er sich aber tagtäglich mit freundlichen und zuvorkommenden Kollegen in einem Großraumbüro und überbürokratischen Vorgesetzten auseinandersetzen, die seine archivierten Ansichten zwar verstanden, aber nicht nachvollziehen konnten. Da war es kein Wunder, dass er lieber in seinem himmelblauen Citroen durch die Straßen tingelte.
Mit Vorbehalt hing er seine dünne Frühlingsjacke über seinen Lehnsessel, ergriff einen der vielen verstreut liegenden Kugelschreiber von seinem Schreibtisch und öffnete langsam den Piz-zakarton. Als er die Verpackung ganz geöffnet hatte, stieß er wiederum einen lauten, krächzenden Schrei aus und dieses Mal wusste er wer der Adressat zu sein hatte.
„Du dahinten! Sowas fresse ich normal nicht. Nur weil ihr Jungen immer bestellt. Ich will heimische Kost!“
Die Kollegin winkte unbeeindruckt zurück und widmete ihre Aufmerksamkeit lieber wieder ihrem Computer-Bildschirm.
Dem unausgeschlafenen Ulman knurrte der Magen. Zumindest der Belag traf voll seinen Geschmack. Margaritha ohne Basilikumblätter, aber dafür mit Speck, Schinken, Salami und Fleischsauce. Der kulinarisch-feinspitzige Kommissar setzte sich an seinen Schreibtisch und machte sich, ausschließlich bedingt durch seinen großen Hunger, über das für ihn mitgebrachte exotische Mahl her. Während er das dritte Stück genüsslich verschlang, wurde er durstig und genau da streifte eine Dose Diät-Cola sein Blickfeld, die inmitten des Gerümpels auf seinem Tisch stand und als Begleitung zur Pizza diente. „Was soll das denn?“, dachte er sich. Aber wie der Hunger zuvor, machte nun der Durst, beim traditionellen Ulman, so gut wie alles möglich. Der Käse glitt über seine knöchrigen, dünnen Finger und immer wieder flogen Fleischteile auf den desorganisierten Arbeitsplatz. Biss um Biss genoss er das, ihm so befremdliche Essen und schlürfte dazu die Diät-Cola seine Kehle hinunter, immer die Milchglastüren, nur zwei Schreibtische vor seinem im Blick. Wenn er so ein Einzelbüro hätte, würde er sich hinter verschlossenen Türen schon zu Tode gesoffen haben, malte er sich oft seinen möglichen Arbeitsalltag dort aus. Seine ganze Spirituosensammlung würde er auf den dortigen eichenen Anrichten aufbahren und genüsslich einen nach dem anderen heben. Heraußen im Großraumbüro galt man als Alkoholiker, wenn man einen spirituösen Denkanstoß zu sich nahm, in einen der Einzelbüros nicht. Da hatte man was zu sagen und galt als Genießer, der seinen Hochprozentigen zelebrierte. Aber lieber trocken durch die Polizeischicht kommen, als aus einer Schreibstube heraus Dirigent für die wahren Helden, nämlich die, welche so wie er noch vor Ort auf der Straße waren, spielen. Jeder Dirigent würde ja auch lieber die erste Geige spielen und nicht in einer einsamen Stube, mit einem Stab bewaffnet, für das Publikum unsichtbar, herumfuchteln.
Nein, es waren alles glückselige Unglückliche hinter diesen Milchglastüren. Und überhaupt wäre es ja in einem Einzelbüro viel zu leise. Könnte man nicht in eines dieser Einzelbüros und seine Tätigkeit weitermachen, quasi ohne Beförderung, die er schon einmal abgelehnt hatte?
Und wie er Stück für Stück schmatzend, den Pizzakarton und schlürfend seine Diät-Cola leerte, ertönte es „Ring-Ring“ aus seiner Jackentasche. Der, rund um seinen Mund, mit Essensresten, besudelte Ulman suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit seine, von Fett und Tomatensauce triefende Hände, abzuputzen.
„Servietten konntet ihr mir keine mitnehmen?“, polterte er mit lautem Gebrüll durch den ganzen Raum und verlor abermals Essensreste aus seinem Mund an seine Umwelt. Ein drittes Mal würde er sein gelb-braun-grün gestreiftes Hemd sowieso nicht anziehen und so wurde es kurzerhand als Serviette zweckentfremdet. Das Geläut seines unmodischen Nokia 105 störte bei dem dauerhaft, umtriebigen Großraumbürotönen niemanden und so ließ er sich nicht hetzen.
„Hallo?“ murrte er in das mahlzeitunterbrechende Mobiltelefon.
„Herr Ober-Kommissar, hier spricht Wachtmeister Körner.“
„Nur Kommissar. Was ist denn, ich esse gerade?“
„Ich bin mit elf Kollegen in der Müllverbrennungsanlage. Wir konnten drei LKWs den benannten Häuserblocks, rund um den Tatort zuordnen und aufhalten, bevor sie ihre Fracht entsorgten. Aber wo sollen die nun ihre stinkende Ware auskippen?“
„Sie Frischfleisch, suchen Sie sich eine Lagerhalle. Keine Ahnung. Am Flughafen. Räumen Sie sie aus und kippen Sie dort den Müll hin. Die LKWs sind bis auf weiteres von der Stadt zu beschlagnahmen. Und um Himmels Willen rufen Sie sofort Doktor Weiss an. Er soll die Spurensicherung koordinieren.“
„Sofort.“
„Und Körner? Ich brauche Ergebnisse, schnell.“
„Ich mache mich sofort ans Werk. Was denken Sie werden wir finden? Nach was sollen wir suchen?“
„Sind Sie vollkommen verblödet? Was würden Sie nach so einem Mord entsorgen, wenn die Müllabfuhr am selben Tag kommt? Haben wir schon alles durchgekaut. Wenn Sie es nicht mehr wissen, dann fragen Sie Weiss. Er kümmert sich darum.“
„Sie haben Recht Herr Kommissar. Bitte entschuldigen Sie.“
„Noch eine Frage Körner. Die Frage konnten wir wegen Ihrer Tölpelhaftigkeit am Tatort nicht klären. Woher wussten wir, dass dort überhaupt jemand gemordet hat?“
„Es ging ein unbekannter Anruf bei der Leitstelle ein. Die Nummer wurde gecheckt. Es war eine Prepaid-Nummer.“
„Was?“
„Jeder kann ein Mobiltelefon in einem Elektrofachgeschäft kaufen. Bei einem Prepaid-Mobiltelefon muss man sich nicht registrieren. Man kauft praktisch anonym das Telefon und verbraucht dann das Guthaben darauf. Ohne Anmeldung bei einem Mobilfunkbetreiber.“
„Also wie eine gute alte Telefonzelle. Anonym, man wirft Geld ein und verbraucht das Guthaben. Keine Spuren.“
„Exakt Herr Kommissar. Eine vermutlich verstellte männliche Stimme. Englischer Akzent. Sie meinte `endlich habe ich es getan` und gab die Adresse durch.“
„Das heißt der Anrufer war jung. Jeder andere Mensch über vierzig hätte aus einer Telefonzelle aus angerufen und es war zu neunundneunzig Prozent der Täter.“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Warum sollte jemand Unschuldiger ein Massaker mit einer anonymen Nummer melden. Körner, suchen Sie nach allem was Sie finden können und so schnell als möglich. Aber bitte nur in Begleitung von Doktor Weiss.“
Sobald er seine Ansage beendet hatte legte er, ohne jegliche Verabschiedung, auf.
Sein linker Mittelfinger klopfte auf die Schreibtischkante und vertieft in seinen Gedanken fixierte er die Regentropfen, welche nun wieder vom Himmel prasselten und sich an den großen Spiegelglasfensterscheiben herabschlängelten. „Ich suche nach einem jungen Mann, circa einen Meter fünfundsiebzig bis fünfundachtzig, Rechtshänder, der ortskundig ist und englischen Akzent hat“, grübelte der weiterschlemmende Ermittler.
Mit einem Ruck wischte er den Pizzakarton von seinem Arbeitsplatz und öffnete die unterste Schublade des Schreibtisches. Daraus holte er einen weißen Notizblock, legte ihn vor sich und holte tief Luft, um mit seinem ganzen, geringen Lungenvolumen den Staub von seiner so lange unbenützten PC-Tastatur zu pusten. Blatt für Blatt verriet ihm der Notizblock, welche Schritte zu setzen waren, um in den elektronischen Akt seines mitgebrachten Zeugen einsehen zu können, welcher gerade einige Räume entfernt, sich eine Speichelprobe aus dem Mund wischen ließ.
Seit nunmehr fünfundzwanzig Jahren kämpfte der morbide Mittsechziger den Kampf Mensch gegen Maschine und sah sich durch seine Ignoranz, gegenüber seinem elektronisch-maschinellen Arbeitskollegen, bei gleichbleibend hoher Aufklärungsquote seiner Fälle in seinem Sieg bestätigt. Zwar wuchsen die Papierstöße rund um seinen Schreibtisch, doch ein Aufbau einer physischen, zusätzlich zu der bestehenden mentalen Grenze gegenüber seinen Kollegen, war stets in seinem Interesse. So stapelten sich Aktenordner, prall gefüllte Schnellhefter, Fotokuverts und Papierstöße wie eine Mauer, in dessen Inneren der Burgherr auf seinem zugemüllten Schreibtisch thronte, um dort seine Unterlagen zu studieren. Inmitten von gebrauchten Pappbechern, von Fettfilmen glänzenden Fleischwarenverpackungen, zerknüllten Servietten und Taschentüchern, eine Fülle an angeknabberten Bleistiften und Kugelschreibern sowie weiteren systemlos verstreutem Büromaterialen, lag nun der Notizblock, in welchen er sich vor einer halben Ewigkeit, bei der Einschulung seines elektronisch-maschinellen Arbeitskollegen, Schritt für Schritt notierte, wie er auch in Zeiten eines papierlosen Büros zu seinen Informationen kommen konnte. Und diese Zeiten waren mit Jahresbeginn angebrochen. Kein Aktenarchiv mehr. Keine ausgedruckten Fotos, die in Kuverts gesammelt und einem Tatort zugeordnet wurden. Keine endloslangen Berichte der Forensik, geheftet in Mappen und Ordnern. Nur noch vereinzelt fanden sich Papierblätter auf den Schreibtischen des Morddezernats. So musste es dazu kommen, dass Sebastian Ulman die erste Seite seiner Mitschrift aufschlug, um Schritt eins auszuführen: Auf die Taste, mit einem Kreis, der oben durch einen Strich unterbrochen ist, auf dem Elektrokasten, unterhalb des Tisches, drücken´. Viele weitere und mühsame Schritte folgten, bis er endlich die polizeiliche Historie seines Tatortmitbringsels einsehen konnte, der zur gleichen Zeit, seine geschwärzten Fingerinnenseiten gegen eine weiße Platte drückend, von links nach rechts und von rechts nach links, abrollen musste. Und nachdem es der alternde Ermittler, nach Schritt einundzwanzig, endlich geschafft hatte die gewünschten Informationen auf seinem Bildschirm aufleuchten zu sehen, wurde eben jener Aaron Röttgers, außerhalb seines konzentrierten Blickfelds, vorbei an seinem Schreibtisch, in den ´Besprechungsraum vier´ geführt.
Die ständig vom Runterrutschen bedrohte, unpassende Übergangshose mit seinen, noch immer leicht geschwärzten Fingern, die auch nach mehrmaligem Waschen mit Seife nicht ganz rein wurden, haltend, passierte der desillusionierte Kronzeuge des Kommissars Schreibtisch. Arbeitsplatz um Arbeitsplatz war er in dem Großraumbüro hinter Isabella Krings abgeschritten, was sich ihm aber beim drittletzten Schreibtisch darbot, war für den ordnungsliebenden Aaron aber Schock und Bedauern zugleich. Normalerweise würde er mit sichtlich ungebildeten und groben Menschen wie Ulman kein Wort wechseln und für gewöhnlich das Weite suchen, aber es war nun mal nicht möglich. Und so dachte er, beim Anblick des ungepflegten Burgherren, der in seiner vermüllten Papierfestung thronte und seine Daten studierte, unweigerlich an das Schicksal, welches es nicht lassen konnte ihn fortwährend auf die Probe zu stellen.
„Bitte nehmen Sie hier Platz und warten Sie auf die Kollegen. Darf ich Ihnen etwas zu Trinken oder zu Essen anbieten?“, fragte ihn die zuvorkommende und mitfühlende Spurensucherin.
Essen? Aaron hatte noch immer nicht aufgegeben heute noch in seiner Wohnung zu sitzen und bei einem fetttriefenden Abendessen die Welt hinter sich zu lassen. Trinken? Wenn dann Wasser, aber das hochqualitative kühle Nass, das per Pipelines aus den Bergen in die Millionenmetropole befördert und dort in veralteten Bleileitungen verteilt wurde, brachte er nicht hinunter.
„Haben Sie Wasser aus einer Glasflasche?“, entgegnete der ernährungsbewusste, aber sich kaum daran haltende Zeuge. Krings nickte und ließ den müde wirkenden Informanten in dem fensterlosen, rein künstlich beleuchteten kleinen Zimmer zurück. Als sich die Tür hinter ihm schloss war es, als würde man ihn bereits in eine Zelle sperren und dem geistigen und körperlichen Verfallsprozess einer Haft aussetzen. Vor ihm war ein kleiner Tisch, mit spiegelglatter Oberfläche, auf der ein Fettfilm fremde Finger- und Handabdrücke, in der Spiegelung der darüber hängenden Lampe, welche den Raum mit einem steten, leisen Surren infiltrierte, wiedergaben. Auf zwei Seiten waren alte, abgestoßene Holzstühle aufgereiht.
„Wer hatte hier wohl schon alles Platz genommen?“, grübelte der angeekelte Putzteufel, gequält von seiner Mysophobie. Gequält nahm er auch in öffentlichen Verkehrsmitteln Platz, aber auch nur, weil er sich nirgendwo dort anhalten wollte und für Gewöhnlich war es sowieso das Erste was er, beim Heimkommen in seine Wohnung, tauschte. Jogginghose gegen Alltagshose. Daher setzte er sich wiederwillig auf einen der verdreckten Holzstühle und wartete, bis die Tortur endlich ihren weiteren unvermeidlichen Verlauf nahm. Die abgeschlagenen, angeschmierten und beigen Wände wiesen keinen einseitig-durchsichtigen Spiegel auf. Zumindest konnte er sich sicher sein, nicht von mehr Menschen beäugt zu werden, als jenem Mann, den er vermutete gleich zu Gesicht zu bekommen. Den dürren, ungepflegten, aus dem Maul stinkenden und tiefstimmigen Kommissar Sebastian Ulman.
„Herr Kommissar, die Beweissicherung am Zeugen ist nun abgeschlossen. Ich werde die ersten Ergebnisse gleich vorliegen haben. Er sitzt in `Raum vier´. Nehmen Sie ihm bitte ein Wasser mit? Wenn geht aus einer Glasflasche“, unterrichtete die eifrige Spurensucherin dem passionierten Alleinermittler der, ob seiner konzentrierten, digitalen Aktenstudie, diese freundlich dargebrachte Information mit einem blicklosen Wink abwies.
Noch bevor sich die Forensikerin wieder an die Arbeit machen konnte, hielt sie der digitalfeindliche Mittsechziger auf: „Halt. Wie kann ich das hier ausdrucken?“
„Bitte?“
„Das, was hier steht. Wie kann ich das auf Papier bringen?“, fragte der überforderte Mittsechziger und deutete auf seinen PC-Monitor.
Krings konnte den hilfesuchenden und einladenden rehbraunen Augen, die unter der tiefen Augenbraunpartie im Neonlicht der Bürobeleuchtung glänzten, keine Bitte abschlagen. Einen großen Ausfallschritt über die gestapelten Unterlagen neben Ulmans Schreibtisch und schon betätigten ihre rettenden filigranen Finger gleichzeitig ´Strg´ und ´P´ auf des Kommissars Tastatur.
„Sie sollten sich als Schritt zweiundzwanzig ´Strg und P drücken´ notieren Herr Kommissar“, grinste Sie und deutete auf den brusthohen Großbürodrucker, der sich am anderen Ende des Raumes befand, um dann ihren Weg ins Labor fortzusetzen.
„Warten Sie“, eilte ihr der plötzlich handzahme Ulman schnellen Schrittes nach, „bekomme ich die Tatortfotos und Weiss´ Bericht auch gleich ausgedruckt? Auf gutem altem Papier eben.“
„Ich werde sehen was ich tun kann. Aber ich muss mich jetzt beeilen. Die Residuen untersuchen, die abgenommenen Stempelchen analysieren und das Rasta-Elektronen-Mikroskop bedient sich auch nicht von selbst. Herr Magister Rasch, will heute noch die ersten Ergebnisse“, schmunzelte Krings und deutete auf die silberne Armbanduhr auf ihrem dünnen Handgelenk.
„Rasch?“, riss Ulman sein, mit Tomatensauce und Käsefett verschmiertes Maul, auf.
„Ja. Genau der. Und der Drucker steht übrigens dort.“
Für gewöhnlich bezeichnete der Mittsechziger den Großraumdrucker abfällig als ´Tintenpisser´, doch nun war er sein wichtigster Unterstützer. Blatt für Blatt bestrahlte dieser mit Tinte und legte, die zu Papier gebrachten Informationen, zu einem Konvolut ab. Hastig entnahm der Technikverächter den Papierstoß aus Fach eins und brachte ihn zu seinem Arbeitsplatz zurück, um ihn dort, in guter alter Manier, in einen Schnellhefter einzuordnen. Und wie er seine Arbeit abschließen wollte und das Deckblatt, mit der Aktenzahl und Titulierung des Falles versah, knarrte eine der Milchglastüren zwei Schreibtische vor ihm und öffnete sich. Heraus trat Oberkommissar Magister Jakob Rasch. Der alternde Ermittler nahm zähneknirschend zur Kenntnis, dass sich der großgewachsene und stattlich gebaute junge Oberkommissar schnurstracks auf ihn zubewegte.
Die Miene seines Vorgesetzten war von Ernsthaftigkeit geprägt. Seine kurzen, zur Seite gekämmten, mit reichlich Gel verstärkten schwarzen Haare und sein frischrasiertes Gesicht, in dessen Zentrum sich zwei tief liegende, blaue Augen befanden, fokussierten nur den beschriftenden Ulman, der so tat, als ob er ihn nicht sehen würde und weiter seiner Aktentätigkeit nachging.
„Guten Tag Herr Kommissar“, begrüßte Rasch, dem hinter seinen Papier- und Müllmauern sitzenden Burgherren, mit seiner unnachahmlichen Betonung des Buchstaben ´L´, welcher durch das übertriebene Pressen der Zunge an den Gaumen, jedem Wort eine rollende, lässige Note gab.
„Wie kann ich helfen?“, erwiderte der gestresst spielende Ulman, mit gewohnt kratziger Reibbrettstimme, deren Laute dem großstädtischen arbeitermilieutypischen Jargon unterworfen waren. Trotz seiner sofort hörbaren artikularen Abstammung war die stetige Überbetonung der Vokale, so dass sich fast jedes Wort wie ein Befehl anhörte, sein markantestes linguistisches Markenzeichen.
„Erstens. Ich habe Ihnen schon hundert Mal gesagt, räumen sie diesen gesamten Saustall auf Ihrem Arbeitsplatz auf. Das ist inakzeptabel. Sonst sitzen Sie bald einen Stock tiefer bei den Streifenpolizisten. Und zweitens kommen Sie in mein Büro“, machte der ordnungsfanatische Oberkommissar unmissverständlich klar.
Mit einem tiefen Schnaufer erhob sich der Kommissar wortlos von seinem Lehnstuhl und folgte genau einem jener Männer, die er für den Untergang der großstädtischen Polizei verantwortlich machte. Die Kollegen vor und hinter ihm schmunzelten und tuschelten, als ob der Klassenvorstand einen ungezogenen Schüler an die Tafel holte. Respekt konnte der alteingesessene Mittsechziger gegenüber seinem jungen Vorgesetzten nicht entwickeln. Für ihn war Rasch ein Emporkömmling. Ein Mann Anfang vierzig, nie ohne Anzug und Krawatte, der lieber die Vorschriften und Cold-Case-Fälle in seinem Büro studierte, als sich, wie Ulman, jahrzehntelang auf der Straße und an Tatorten abzuquälen. Oberkommissar Mag. Jakob Rasch war für ihn genau das beste Beispiel, warum es mit der Polizei im Allgemeinen und dem Morddezernat im Speziellen immer weiter abwärtsging. Leute wie Rasch gingen nämlich nicht dorthin wo es wehtat. Sie würden sich niemals mit Informanten, spätabends, in zwielichtigen Kneipen treffen, sie würden in ihren Vorschriften niemals einen Absatz finden, dass man einen Verdächtigen auch einmal verbal und körperlich einschüchtern musste, um an wertvolle Informationen zu kommen und sie würden sich lieber auf Berichte und Gutachten stützen, als auf Ihren Menschenverstand zu hören. Genauso einer war Rasch. Ein Herr Magister, ein studierter Kriminologe, der sich mit dem Aufarbeiten von ungeklärten Fällen, aus der bergländischen Provinz, vorbei an Ulman, hinter eine Milchglastür gedient hatte.
Nun konnte er sich hinter seinem großen Schreibtisch verschanzen und all jene, echten Kommissare, so dachte Ulman, die im lauten Großraumbüro saßen, auf Tatorte entsenden, die er nicht mehr betreten wollte. Keinen Leichengestank, keinen Tumult an Schaulustigen und Journalisten, keine seelenaufwühlenden, schockierenden Eindrücke, die man am Abend bei einem guten Glas Hochprozentigem und einigen Bieren verdaute. Keine verstümmelten Mordopfer, die jeden Gesetzeshüter an die Gerechtigkeit in der Welt zweifeln ließen. Kein Gestank des Todes an seinen adretten Anzügen, die nur Zigarettenrauch übertünchen konnte. Rasch führte Ulman vor den ´Besprechungsraum vier´.
„Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber vielleicht sollten Sie vorher duschen und frische Kleidung anlegen, bevor Sie den Zeugen verhören. Woher haben Sie diesen Selbstzerstörungsdrang?“
„Das ist der Geruch des Tatorts. Der lässt sich nur mit Plantation Rum Barbados XO Single Cask Mackmyra Rök Whisky von der Seele waschen. Außerdem sitzt hinter dieser Tür kein Zeuge, sondern ein Täter. Bitte lassen Sie mich jetzt meine Arbeit machen.“
Die großzügige Deo-Duftwolke, welche der Garconniere-Bewohner einem Duschvorgang vorzog, schien verpufft zu sein und hervortrat sein ureigener Gestank aus Schweiß, Zigaretten und würzigem Speiseplan. Der passionierte Alleinermittler versuchte sich mit seinem neu angelegten Schnellhefter unter dem Arm, am Oberkommissar vorbei in den Verhörraum zu pressen, aber der großgebaute und durchtrainierte Bergländer gab keinen Meter nach.
„Ich weiß sie haben über die letzten Jahrzehnte viele und schwierige Fälle gelöst und genießen hier sehr viel Ansehen. Oder besser gesagt Sie genossen viel Ansehen hier. Egal. Scheinbar kennen Sie sich bei Spirituosen besser aus als mit Computern. Alle neuen Kollegen haben seit Jahresbeginn ihr Tablett in Verwendung und Sie laufen mit einem Schnellhefter in eine Zeugenvernehmung?“
„Es wird wie immer gemacht.“
„Kommissar Ulman, mich hat Herr Dezernatsleiter Lagonikakis zu sich geholt. Ihn haben der Bürgermeister und der Polizeichef angerufen. Drei Tote in so einem noblen Bezirk. Ich kann Ihnen das Feld nicht alleine überlassen. Das ist in der Außenwahrnehmung zu heikel. Alleine lasse ich Sie diesen Fall nicht angehen. Ich wurde beauftragt ein Ermittlerteam zu leiten.“
„Was soll das heißen?“, riss der verdutzte Kommissar seinen, mittlerweile oberflächlich gesäuberten Mund auf.
„Ich werde den Zeugen mit Ihnen gemeinsam vernehmen und alle wichtigen Schritte in diesem Fall sind durch mich freizugeben und ich muss über alle neuen Erkenntnisse sofort verständigt werden.“
Der dickhäutige Ulman konnte seinen schmalzverschmierten Ohren nicht trauen und seinen blauumrandeten Augen nicht glauben. Zum Weinen war ihm zu mute. Der allseits, als Aktenwurm und verhörunfähig verschriene Rasch, soll mit ihm seinen Kronzeugen alias neuen Tatverdächtigen vernehmen? Die letzte Freude in seinem Leben wollte man ihm jetzt auch noch streitig machen. Teamarbeit und Unterwürfigkeit, das war nicht Ulmans Terrain.
Da stand er vor ihm, ein feiner Herr im braunen Schnürsamtanzug, mit einer schwarz-rot gestreiften Seidenkrawatte um seinen Hals dekoriert und einem Tablet-PC unterm aufgepumpten Bizeps. Jetzt war wohl wirklich das Fass zum Überlaufen gebracht. Junge Kollegen, noch grün hinter den Ohren, neue Technik, die ihm nur am Arbeiten hinderte und nun auch noch Befehle von so einem provinziellen Bergländer, der die rauen Sitten der Hauptstadt niemals verstehen wird können. Nicht einmal mit der gängigen Mundart ein Problem hatte. Bis dato hatte er auch ohne fremde Zurufe seine Fälle gelöst und nicht einmal einen Dank dafür verlangt. Aber nun war des Mittsechzigers geistiger Scheideweg erreicht. So nicht mehr. Kurz war es ihm, als wollte er nun endlich seine Frustration herausschreien und dem Emporkömmling, in seinem Schnürsamtanzug den Schnellhefter mit Aarons Datenauszug, vor die braunmelierten Schlangenlederschuhe werfen. Dann geradewegs in die Personalabteilung gehen, um seine Pensionierung zu beantragen und in sein Stammbeisl fahren. Doch dann legte sich das erzürnte Flackern in seinen treuwirkenden rehbraunen Augen und er konnte sich ein sarkastisches Grinsen, ob seiner aberwitzigen Situation abringen. Bei all den wiederholenden Schikanen, nur er konnte seine Heimatstadt gegen die verbrecherischen Milieus verteidigen, die Leute wie Rasch nicht mehr kannten.
„Natürlich, wie Sie wünschen Herr Magister Oberkommissar.“
Egal wer ihm Stöcke in seine alten, rostenden Speichen warf, er würde den Fall, wie auch alle zuvor, auf seine Weise lösen und am Ende könnte ihm niemand auf der Welt und schon gar nicht ein Dezernatsleiter, Bürgermeister, Polizeichef oder Oberkommissar einen Vorwurf machen, er habe sich nicht an die zuvor ausgegebenen Spielregeln gehalten. Für ihn war die Sachlage klar. Mit den Erkenntnissen, die er vom heutigen Tatort mitgenommen und gepaart mit jenen Informationen, die er aus des Kronzeugen polizeilichem Akt herausgelesen hatte, schloss er: Der Täter saß hinter jener Türe, die von Jakob Rasch blockiert wurde.
„Gut, dann sind wir uns über die allgemeine Herangehensweise einig. Stellen Sie alle Fragen, die Sie wollen Ulman, aber mäßigen Sie Ihre gewohnte Aggressivität bei diesem Verhör. Ich werde mich zurückhalten.“
Noch ein süffisantes Grinsen zierte des Kommissars Dreitagesbart. Was sich das Sozialbaukind auf der Straße der wüsten Großstadt an Menschenverständnis erarbeiten musste, wollte sich der Akademikersprössling aus gutem Hause aus Büchern saugen. Die dilettantische Borniertheit, mit der Rasch seine bisherigen Befragungen und Verhöre führte, waren über die Morddezernatsgrenzen hinaus bekannt. Seiner Karriere tat dies trotzdem keinen Abbruch. Arbeit, Fleiß, Überstunden und Unnachgiebigkeit pflasterten bis dato seinen Weg der großen Ambitionen, aber den abgezockten Ulman als Rammbock in der anstehenden Zeugenaussage zu missbrauchen, fand der routinierte Kommissar offenkundig despektierlich und infantil.
Seinem Rang voranschreitend, öffnete Oberkommissar Rasch die Türe zum kleinen Verhörraum Nummer vier. In diesem saß Aaron Röttgers mit stoischen Blick gegen die Wand gerichtet und auf die weiteren, unausweichlichen Prozedere wartend. Die beiden Ermittler nahmen am anderen Ende des kleinen, verschmierten Tisches Platz. Der eine platzierte seinen Tablet-PC vor sich, der andere seinen Schnellhefter.
„Guten Tag, mein Name ist Oberkommissar Magister Jakob Rasch und meinen Kollegen Kommissar Sebastian Ulman kennen Sie ja bereits. Wurde Ihnen schon etwas zu trinken und zu essen angeboten?“, fragte er den Zeugen mit freundlichem und fürsorglichem Ton und schaltete das Tonmittschnittgerät ein.
Nun war die Zeit für Aarons Schauspieltalent gekommen. Schon seit jenem Moment, als er auf dem verbrauchten Stuhl Platz nahm, war ihm klar: wenn er so schnell als möglich nach Hause und jedem weiteren Besuch in diesen Räumlichkeiten ausweichen wollte, musste er die archivierte Trübsinnigkeit nun voll ausspielen. Ohnehin hätte er seine Unterarme niemals auf die abscheuerregende Tischplatte vor sich gelegt, doch diesen Umstand machte er sich zu nutzen, um den eingesackten, traumatisierten und niedergeschlagenen Zeugen zu mimen, der seine Arme, schützend auf seine Oberschenkel platzierte. Wollte er den heutigen Tag so schnell als möglich abschließen und einfach nur nach Hause in seine eigenen vier Wände gehen, musste er sich betrübt und schockiert zeigen. Er war sich der Lage vollends bewusst, dass es um etwas ganz Schlimmes ging, ja vermutlich um Mord, sonst würde er nicht im ´Besprechungsraum vier´ des Morddezernats sitzen und man hatte ihn, für was auch immer im Verdacht, sonst würde er nicht die unpassende Wechselwäsche tragen und es wären keine forensischen Tests an ihm durchgeführt worden. Aber Schauspielerei war ein sichereres Terrain als seine Natur. Denn eigentlich war es ihm egal wie schlimm das Geschehene an seiner Arbeitsstelle war, es tangierte das egozentrische Einzelkind eigentlich nicht wirklich. Hauptsache er war wohl auf. Dabei wollte er nichts mehr als das, was er immer wollte, Ruhe. Ruhe von der grausamen und unbarmherzigen Welt. Würde er preisgeben, dass wieder ein kalter Schauer seinen Körper fest im Griff hatte und ihm das Blut in den Kopf schoss, um dann ein verstörendes Schwindelgefühl bei ihm auszulösen, er würde sich verdächtig machen, Schuldgefühle, Angst überführt zu werden. Würde er nun zu besonnen und abgebrüht die Fragen beantworten, es wäre ein weiteres unnatürliches Verhalten in solch einer Situation. Ja, Aaron tat sich einfach schwer Emotionen situativ angemessen zu zeigen. Er nahm sich vor, seine körperliche Beschaffenheit dazu zu verwenden, den gedrückten und schockierten Nichtwissenden zu spielen. Nichtwissend traf vielleicht zu. Nichtsahnend nicht. Nur mit einem „Ja, alles angeboten. Danke“, konnte sich der Leidvolle eine knappe Antwort entlocken lassen.
Während der Oberkommissar seine Personaldaten durchging und ihn über seine Rechte aufklärte, musste Aaron mit schwerer Atmung kämpfen. Seine Lunge blies sich nur mit größter Anstrengung auf. Dabei presste er seinen Daumenfingernagel tief in die Haut seiner anderen Hand, um noch armesseliger und schmerzerfüllter wirken zu können. Immer wieder konnte er sich auf die Belehrungen und Fragen, ob er seine Rechte und die Situation verstand und akzeptiere, nur ein Nicken und kurzes, gequältes Lächeln abringen. Es war, als ob er wieder in seine Teenager-Gefühlswelt abtauchte und in der Direktion seines alten Gymnasiums saß um gegenüber dem Schulleiter Rechenschaft über seine Verfehlungen abzulegen.
Ihm rechts gegenüber saß der wiederum genervt-wirkende Ulman, der sich nun darauf versteifte in die Beobachterrolle zu schlüpfen und den Fragenden Rasch, mit dessen qualitativ-investigativer Achillesferse alleine lassend, genauso zu foltern wie den Befragten emotional mit hypnotischem Blick. Während der Kronzeuge alle Rechtsbelehrungen brav abnickte und immer wieder zu ihm blinzelte, beschatteten seine Augenbrauen seine tiefsitzenden Augen und sein faltiges Gesicht versteifte sich.
„Nur keine Zeit verlieren, bald ist dieser Albtraum vorbei“, predigte sich Aaron immer wieder innerlich vor.
„Erzählen Sie uns, was Sie heute erlebt haben“, bat ihn der holprig auftretende Oberkommissar, den Sachverhalt aus seiner Sicht zu erläutern.
Mit dieser Frage kippte ein Schalter in Aarons Kopf. Die emotionale Leere in seinem Innersten war wie weggeblasen und ein Selbstschutzmechanismus klappte wie eine Maske vor sein Gesicht. Seine Gedanken waren klar, seine Atmung entspannte, der kalte Schauer verwandelte sich in einen warmen, seine Emotionen wurden kontrollierbarer.
Nach Außen bleib das Wimmern, das Klagen und das Jammern. In seiner Seele kämpfte seine zu bersten drohende Membran, die seinen eingeschlossenen Hass und Abneigung gegen jeden, der seine Wohlfühlzone einengte und bedrohte, gegen seine Nächstenliebe und Empathie, abschirmte. Würde diese brechen, der durchdiffundierende Negativismus würde die guten Seiten in ihn sofort auffressen.
Um nicht gleich in das Gespräch mit einer Deklaration als Menschenhasser einzusteigen, begann Aaron seine Aussage mit dem Betreten seiner Arbeitsstätte und nicht mit dem Verlassen seiner Wohnung. Kein Wort über arbeitslose Nachbarn und nervige Mitreisende in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Kapitel 7 Muttersöhnchen
Bereits zum dritten Mal musste Aaron den Beginn seiner Geschichte nun schon wiederholen und kein Detail änderte sich gegenüber der vorangegangenen Beschreibung. Zum Glück aller drei Beteiligten füllte den grindigen kleinen Raum lediglich die wiedergebende Monotonie der geschilderten Ereignisse, denn die Zugabe eines stinkende Schwalls an Mundgeruch war, ob der stets verschlossenen Lippen Ulmans, nicht möglich.
Zwar war er mit einer künstlichen Wolke aus Deo eingesprüht, aber mit Fortdauer des Gesprächs, setzte sich doch sein körpereigener Mief aus Schweiß, Zigaretten und ungewaschenen Haaren, die zur Kaschierung mit Pomade und Wachs zu einem Zopf gebändigt waren, durch.
Nun musste er zur vierten Schilderung ausholen und seine Mär eines knapp vor dem mentalen Zusammenbruch stehenden, besorgten und mitfühlenden Zeugen und Arbeitskollegen bröckelte kein Sandkorn weit.
„Ich betrat das Büro gegen acht Uhr und bin dann gleich auf die Toilette abgebogen. Als ich mich erleichterte klingelte jemand an der Tür. Das wunderte mich, weil ich diese offen vorgefunden hatte und auch offen ließ. Dann hörte ich meinen Arbeitskollegen Christoph Unterkofler wie er sie öffnete und noch sagte `was ist mit dir, bist du verrückt geworden`. Ich saß gerade auf der Toilette und las die Morgenzeitung, als ein lauter Krach, es muss ein Schuss gewesen sein, fiel.“
„Sie waren also der, der das Klo verschissen hat?“, gab sich Ulman, aus seiner Passivrolle, amüsiert und begann allmählich an der Befragung teilzunehmen.
Aaron wusste nicht, wie er auf diesen verbalen Einwurf des bis dato so schweigenden Kommissars reagieren sollte und sah grübelnd auf die abblätternde Wand des Raums, um seine Augen dann in des Ermittlers zu schwenken. Dessen ergötztes, überhebliches Schmunzeln verwandelte sich sofort wieder in einen ernsten hypnotischen Blick. Für den Schauspieler, der sich immer schwerer Tat, seine betrübte physische Verfassung darzustellen und gleichzeitig keine falschen Worte zu verwenden, war die Sachlage klar: ein Spiel aus guter Bulle – böser Bulle. Für gewöhnlich spielte er den selbstbewussten, aufrecht dasitzenden, eloquenten und seine Aussagen mit Händegestik untermauernden Kaufmann. Diese Situation war genau das Gegenteil. Natürlich wusste er aus unzähligen Seminaren und Trainings, wie man überzeugend und brustbreit auftrat, aber nun musste er penibel darauf achten genau das Kontrastverhalten wiederzugeben. Kein friedloses Kratzen an den Handrücken, keine abschweifenden Blicke und schon gar kein überzähliges Zwinkern. Seine Hände lagen in seinem Schoß, eingerollt und unterwürfig gab er seine Worte zu Protokoll. Im Prinzip gab er ja die Wahrheit zu Protokoll, aber lieber auch mit richtiger Körpeersprache untermauert. Lieber betrachtete er daher die verständnisvolle Erscheinung Raschs, die ihn mehr als Opfer, denn als Angeklagter betrachtete.
Ulman versuchte ihn nur aus der Reserve zu locken, das war ihm klar. Auf keinerlei Provokation durfte er sich einlassen. Er, der betrübte, geschockte und traumatisierte Kronzeuge, der nichts am Klo gesehen hatte und am besten zu Hause aufgehoben wäre.
„Ich versuchte so leise wie möglich zu sein. Nach dem Schuss war eine kurze Zeit der Stille. Der Holzboden knarrte. Ich hatte Angst der Mörder lauscht, weil er mich im Klo gehört hatte, die Toilettentüre ist ja gleich neben der Eingangstüre. Ein bisschen weiter den Flur runter. Dann hörte ich aber Schritte die mir verrieten, dass er weiter in Richtung Warteraum und Büroräume ging.“
„Ich komme aus den Bergen. Aus Ihrem Akt sehe ich, dass Sie vom Land kommen. Was hat Sie in die große Stadt geführt?“, wollte Rasch in einer unbedarften Art, um für alle erkennbar das Vertrauen des Zeugen zu gewinnen, wissen.
„Nun, nach dem Tod meiner Mutter, wollte ich nicht mehr den Vorurteilen der Leute ausgesetzt sein. Wie ein Tier im Zoo gafften sie mich an. Egal wo ich war. Es ist schwer in einer Kleinstadt mit zehntausend Einwohnern, wenn jeder über einen spricht. Außerdem hatte mich das Jobangebot meines jetzigen Arbeitgebers angesprochen. Acht Jahre ist das schon her.“
„Wie genau verdient ihr Unternehmen Geld?“, rollte Rasch das ´L´ im letzten Wort über seine Zunge.
„Wir handeln mit Rohstoffen. Also, wenn zum Beispiel eine Dürreperiode oder Missernte in einem Land droht, kaufen wir zuvor so viele Lebensmittel wie möglich dort auf, um dann so viel Profit wie möglich aus den verknappten und teurer gewordenen Getreide, Kaffee oder Soja zu erwirtschaften. Oder Wasser.“
Der Oberkommissar musste das Gehörte erstmals setzen lassen und suchte auf seinem Tablett-PC nach dem Internetauftritt des Unternehmens. Mit einem einladendem Handzeichen bat er Aaron mit seinen Erzählungen fortzufahren.
Dieser merkte sofort, dass seine eiskalte, emotionslose Beschreibung der Geschäftsgebarung seines Arbeitgebers, sein trübsinniges Auftreten nicht gerade beförderte. Schnell ruderte er zurück.
„Schlimm, was die Firma macht. Aber ich muss auch Geld verdienen.“
Druckvoll intensivierte er das schmerzende Pressen seines Daumennagels in die Haut seines Handrückens und versuchte diesen Akt der Selbstgeißelung unter dem kleinen Tisch zu verstecken. Wenig später konnte er eine kleine Träne präsentieren, die seine Wange hinunterlief. Erst als beide Ermittler zu ihm sahen, wischte er sie demonstrativ aus seinem Gesicht. Kein nervöses Zappeln mit den Extremitäten, ein gleichbleibender Lidschlag, Nicht zu viel Augenkontakt, als Zeichen der Selbstsicherheit, nicht zu wenig, als möglichen Beweis für seine Unehrlichkeit. Selbst bei der Schilderung der unverdorbenen Wahrheit, musste er schauspielern. Was ihm allerdings am schwersten fiel, war es seine immerwährende Impertinenz zu verschleiern und zu isolieren.
„Für mich macht der internationale Handel und die Verhandlungen mit Lieferanten und Kunden den Anreiz der Arbeit aus. Ich suche weder die Regionen, noch die Rohstoffe oder Lebensmittel aus. Ich arbeite nur im Innendienst. Das Unternehmen ist nur ein Miniplayer in der Welt. Jeden Tag kommen, arbeiten und wieder gehen. Kein Kundenverkehr, keine Fragen und keine Emotionen.“
Auch für den routinierten Ulman waren das neue Erkenntnisse. Dieses Unternehmen machte es, durch seine Aktivitäten, vielen Menschen leicht es zu kritisiert, wenn nicht sogar zu hassen. Trotzdem interessierte ihn eine andere Frage mehr: „Wer sind die Opfer?“
„Ich weiß es nicht, ich habe von Ihnen schon zwei Mal gesagt, dass ich nicht mehr weiß. Ich habe nichts gesehen. Erst beim Sanitätswagen habe ich erfahren, dass es einen oder mehrere Toten gibt“, schmollte Aaron.
„Nun gut, ich habe genug Fotos“, stellte der alternde Ermittler fest und machte sich daran Tatortfotos der Leichen aus seinem Schnellhefter zu fischen.
Mit einem lauten „Nicht!“, hielt ihm Rasch auf und ergriff Ulmans rechten Arm, um seinen Kollegen an sich heranzuziehen: „Ich habe es Ihnen gesagt. Keine Aggressivität“, flüsterte er ihm in sein schmalzgelbes Ohr.
Ein Oberkommissar, der den, ihm schon bekannten, rüpelhaften und ungepflegten Kommissar in die Schranken wies. Für ihn war klar, an wen er sich in dieser Vernehmung zu halten hatte, um diese Szenerie so schnell als möglich zu verlassen und so wandte er sich wieder voller Freude Jakob Rasch zu, als wäre es ein Pokerspiel mit offenen Karten und einem Royal Flash, auf dem fettfilmverschmierten Tisch, vor ihm liegend.
„Herr Oberkommissar“, wimmerte Aaron bemitleidenswert, „bitte sagen Sie mir endlich was genau passiert ist.“
Der einfühlsame Bergländer nahm des Zeugen Jammertal auf und bat ihn seinerseits auf altruistische Art und Weise: „Bitte sagen Sie uns vorher was sich aus Ihrer Sicht ereignet hat.“
„Mehr kann ich nicht sagen. Als ich hörte, dass der Eindringling nach dem Schuss und der kurzen Lauschphase, oder auch nicht, weiter in die Büroräume ging, reinigte ich mich schnell und kletterte auf den Spülkasten.“
„Was!“, fuhr ihm Ulman mit tiefer, kratziger Stimme wieder in seine Erklärung, „Sie hören einen Schuss außerhalb des Klos und anstatt zu fliehen wischen Sie sich den Hintern aus? Das ist der größte Blödsinn, den ich je gehört habe! Und ich höre ihre Geschichte nun schon zum vierten Mal. Wer spricht hier eigentlich von Mord? Das hat noch keiner gesagt. Wie kommen Sie darauf?“
„Mäßigen Sie sich Herr Kollege“, wies ihn Rasch wiederum in die Schranken, „warum sind Sie nicht gleich in aller Panik geflohen, Herr Röttgers?“
„Ich weiß es nicht. Das ist wohl meine Art. Keine Ahnung. Als ich den zweiten Schuss hörte, gab ich die Säuberungsaktion ohnehin auf. Ich packte meine Jacke und meinen Rucksack, kletterte eben auf den Spülkasten und warf die beiden Dinge bei dem kleinen Fenster über der Toilette hinaus. Aja, und Mörder sage ich, weil ich im Morddezernat sitze und mit Ihnen spreche, da gehe ich vom Schlimmsten aus“, gab der niedergeschlagene Kronzeuge, schluchzend an. Selbsterziehend ertappte sich Aaron, wie er allmählich aus seiner Rolle fiel. Zu sicher war er sich geworden, den Oberkommissar auf seiner Seite zu wissen und mit gebrochenem Zustand seines Seins schnell der Situation entfliehen zu können. Daher legte er noch eine Schippe drauf und versteckte sein Gesicht in seinen Händen, hinter den noch immer leicht geschwärzten Fingerkuppeln seiner Abdruckabgabe und begann zu lamentieren: „Das ist mir alles zu viel.“
In diesem Moment trat Isabella Krings in den Raum und deutete beiden Ermittlern sie mögen ihr vor die Türe folgen.
„Wir sind gleich wieder da. Sammeln Sie sich einstweilen“, sprach ihm Rasch gut zu.
Der starrblickende Ulman machte keinerlei Anstalten seinen scharfen Blick vom Kronzeugen abzuwenden und folgte seinem Vorgesetzten mit seinen Unterlagen erst aus dem Raum, als dieser ihn herbeiwinkte.
„Meine Herren“, begann Krings die forensischen Ergebnisse der Untersuchung von Ihrem weißen Schreibbrett abzulesen, „die Schnelltests haben nichts ergeben. Weder auf der Haut, noch an der Kleidung des Zeugen sind Schmauchspuren festzustellen. Wir haben seine Fingerabdrücke durch die Datenbank laufen lassen. Es gibt einen Treffer, aber da wurde er vor acht Jahren zum Tod seiner Mutter vernommen. Die Beweissicherung vom Tatort haben wir noch nicht vorliegen, aber, wenn er dort arbeitet werden wohl überall seine Fingerabdrücke zu finden sein. Der DNA-Test dauert seine Zeit. Auch die genaue Untersuchung seiner Kleidung und Wertsachen dauert ebenfalls noch.“
„Utensilien“, hakte der nunmehrige leitende Ermittler Rasch verwundert nach.
„Er hatte einen Rucksack bei sich. Dazu ein Mobiltelefon, Geldbörse und Schlüssel. Seine Ausweiskarten habe ich vom Empfang bekommen.“
„Das ist ja lächerlich“, stellte der witzlose Oberkommissar fest „wie haben Sie den Zeugen hereingebracht Ulman? Musste er nicht durch den Check-In?“
„Ja, Herr Magister. Immer nach Vorschrift“, antwortete dieser hämisch.
„Sind irgendwelche Blutspuren darauf?“, hakte Rasch bei Krings nach.
„Nein. Zwei Kollegen haben im Schnellverfahren Kleidung und Rucksack unter die Lupe genommen. Keinerlei Hochgeschwindigkeitsspritzer. Trotzdem würde ich, zumindest die Kleidung, noch gerne für weitere Tests behalten.“
„Wenn es darauf keine Blutspritzer gibt und das Gepäckröntgen und der Metallscan nichts ergeben haben, dann geben Sie ihm zumindest den Rucksack und die Wertsachen wieder retour“, ordnete der großherzige Bergländer.
Der murrende Ulman war fassungslos: „Was? Der Typ hat doch ordentlich Dreck am Stecken! Die Show glauben Sie ihm? Das ist ja alles unrealistisch.“
„Dieser Mann ist um ein Haar dem Tod entronnen und wenn Sie die Vorschriften kennen würden, dann wüssten Sie, dass wir einen Durchsuchungsbefehl für den Rucksack benötigen, wen wir ihn öffnen wollen. Er ist nicht dringend tatverdächtig. Noch nicht.“
„Da hat er Recht Ulman“, pflichtete Krings bei.
„Kein Richter stellt einen Durchsuchungsbefehl nun aus. Der Mann steht unter Schock, er ist eingeschüchtert und komplett fertig. Wenn die Röntgen- und Metallscanner im Erdgeschoss schon nichts ergeben haben, was sollen wir ihn noch länger quälen. Keine Waffe, keine Hülsen, keine Projektile, kein Blut. Die Kleidung bleibt, den Rest kann er mitnehmen“, stellte der Oberkommissar unmissverständlich klar.
Unter des Mittsechzigers hohem Stirnansatz und seinen mit Fett nach hinten gekämmten, zu einen Zopf gebundenen Haaren, kochte es: „Warten Sie noch das Verhör ab!“, krächzte er und wollte mit der Befragung fortfahren.
„Gut“, willigte Rasch gestresst ein, „Krings, stellen Sie die bis jetzt bekannten Untersuchungsergebnisse in die Cloud, von dort können alle Beteiligten darauf zugreifen. Ich melde mich dann bei Ihnen.“
Cloud? Der alternde Ermittler hoffte, dass man die Ergebnisse von dort auch ausdrucken konnte. Irgendwie würde dies schon möglich sein. Vorrangig quälte ihm mehr, wie es sein konnte, dass der Kronzeuge, der für ihn schon als Täter feststand, keine Schmauchspuren an den Händen und an der Kleidung hatte? Keinerlei Hochgeschwindigkeitsblutspritzer! Genügend solch angebliche Zeugen hatte er schon überführt. Ortskundig, Rechtshänder, Körpergröße, alles passte. Das Motiv konnte man dann schon noch dichten, nachdem der Zeuge gebrochen war und alles gestand. Aber heute machte ihm sein bergländischer Vorgesetzter einen Strich durch die Rechnung. Wären die Morde in einem weniger noblen Viertel passiert, es hätte sich keine Herde von Presseleuten darauf gestürzt, kein Anruf des Bürgermeisters hätte das Morddezernat erreicht und kein stubenhockender Oberkommissar würde ihm jetzt die Tour vorgeben. Würde er jetzt Paroli bieten, wäre der Fall vollends aus seinen Händen gerissen. Er musste, zumindest für den Moment, Kooperationsbereitschaft signalisieren. Welch ein Dilettant dieser Emporkömmling Rasch doch aus seiner Sicht war. Aus den provinziellen Bergen in die kosmopolitische Großstadt gekommen und nun dachte er, er könnte hier jedem vertrauen, wie in seinem heimischen Kuhdorf hoch auf der Weide, schüttelte das dickhäutige Sozialbaukind seinen ungewaschenen Kopf. So begaben sich beide Ermittler wieder in den Verhörraum vier und setzten sich gegenüber dem, noch immer in seinen Händen versunkenen Zeugen, hin. Hoch konzentriert hatte dieser inzwischen daran gearbeitet so rotköpfig als möglich und so verweint als nötig auszusehen.
Der unbeeindruckte Ulman zog wieder seinen hypnotisch-grimmigen Blick auf und der blauäugige Rasch versuchte mit einem einfühlsamen Lächeln zum rotköpfigen Zeugen durchzudringen: „Bitte fahren Sie fort.“
Aaron konnte sich, bei all seiner schauspielerischen Hingabe, keine weitere Träne abringen, also versuchte er es weiter mit einer wimmernden Tonlage:
„Ich warf also meinen Rucksack und meine Jacke aus dem kleinen Fenster über der Toilette, stieg auf die Klomuschel und dann auf den Spülkasten. Dann zwängte ich mich bei dem Fenster hinaus“, wimmerte er die Geschichte ein viertes Mal aus sich heraus.
Das mehr als Guckloch durchgehende Fenster führte zu einen engen Entlüftungsschacht, eines kleinen Miniinnenhofes, mit dem alle Toiletten auf dieser Seite des Zinshauses verbunden waren. Oberhalb des Schachtes konnte man den regnerischen Februarhimmel erblicken, unterhalb sah man eine vermooste Betonplatte, von der aus eine ebenso enge und kleine Türe in den Müllraum führte. Der Befragte schilderte den beiden Ermittlern detailreich, wie er seinen Wohlstandsbauch so lautlos wie möglich aus dem engen Fenster zwängte, welche Angst er hatte den Schacht gut drei Stockwerke tief herunterzurutschen. Ein Fallen war ob der Enge kaum möglich. Trotzdem musste er sich mit Armen und Beinen in den Schacht einklemmen und mittels vermehrter und verminderter Muskelspannung seinen Weg nach unten bahnen. Der auf ihn einprasselnde Regen sowie die rutschige und leicht vermooste Schachtwand machten den Abstieg noch um einiges schwieriger.
Jakob Rasch hörte gespannt zu und lauschte abermals aufmerksam Aarons Ausführungen, welche Ängste er in diesem engen Schacht hatte. Würde der Schussabgebende ihn gehört haben? Wenn ja, musste er mit Schüssen aus dem Toilettenfenster auf ihn rechnen oder noch schlimmer, der Mörder wartete schon auf der begrünten Betonplatte, am Fuße des Schachtes auf ihn und diese anstrengende Tortur wäre dann auch seine letzte gewesen. Nachfragen stellte der Oberkommissar keine und der genervte Ulman saß wie eine versteinerte, grimmig dreinblickende Statue da.
Schneller Atem, ein panisches Schreiverlangen, welches ihm im Hals steckte und er unterdrücken musste und eine vollkommende Desillusionierung seiner Gedanken, waren seine hartnäckigen Begleiter bei dem halsbrecherischen Abgang.
„Als ich unten angekommen war, trat ich voller Panik die kleine verschlossene Holztür zum Müllraum ein. Verstecken konnte ich mich dort nicht, weil alle Müllcontainer auf der Straße standen.“
Komplett unbeeindruckt von Aarons dramatischer Darstellung seiner Flucht löste Ulman kurz seine hypnotisch-eiserne Mimik, um nachzuhaken: „Und warum war die Klobrille oben?“
„Was? Ich weiß es nicht!“
„Und unten angekommen haben Sie dann die Polizei gerufen. Oder? Wenn ja, können Sie gehen!“
Aaron verstummte kurz und wusste nicht, wie er auf diese Adelung und das Angebot reagieren sollte. Dann war ihm aber klar, dass der böse Bulle ihm nun eine faule Karotte vor sein Eselsmaul hängen wollte, eine trügerische Fangfrage eines ausgefuchsten Ermittlers. So blieb er bei der filmischen Version, die in seinem Kopf ablief: „Nein. Ich versteckte mich unter den dicken Steinstiegen und kauerte mich so gut ich konnte in die letzte Ecke.“
„Und dann haben Sie den Mörder das Haus verlassen gesehen?“, freute sich Rasch endlich über immanente Hinweise des einzigen Zeugen.
„Nein. Ich kauerte dort solange in Trance, Panik und unmenschlicher Angst, bis ich die Polizeisirenen auf der Straße hörte. Dann bin ich so schnell wie möglich hinausgelaufen und brach in einen hysterischen Tränengeheul aus, als ich mich hinter dem Polizeiauto versteckte und Ihre Kollegen in das Gebäude liefen“, winselte Aaron bei der Wiedergabe der traumatischen Ereignisse und versuchte immer noch seine Augen in einem rötlichen Tränenmeer darzustellen. Nur es gelang ihm nicht.
„Wer hat einen Schlüssel für das Gebäude?“, fragte Ulman, der immer mehr aus seiner Passivrolle kam.
„Wir. Die im Büro arbeiten. Und unser Chef. Und die anderen Bewohner.“
„Wer arbeitet im Büro. Bitte beschreiben Sie die Personen anhand einer optischen Charakteristik“, bat ihn Rasch anteilnehmend an seiner schlimmen Lage.
Bis hierher war die Befragung noch nicht gekommen.
„Christoph Unterkofler, er ist Großkundenbetreuer und Bürochef. Ein dicklicher Mann. Ende vierzig. Er trägt eine Brille. Hat sehr schütteres Haar.“
Zum Glück fragten die Ermittler den Zeugen nicht nach charakterlichen Eigenschaften seiner Kollegen. Zwar stand Aaron seinem Bürochef in Pessimismus und Misanthropie in nichts nach, doch lebte es dieser noch offenherziger aus. In jeder Mittagspause zückte er die Tageszeitung, nur um die schlechtesten Nachrichten herauszupicken und dem essenden Auditorium lauthals kundzutun. Was man am anderen am Wenigsten mag, mag man an sich am Wenigsten. So lautete ein weises Sprichwort, welches die Beziehung zwischen Aaron und seinem Kollegen bestens beschrieb. Unterkofler wurde nach vierzehn Jahren Ehe von seiner Frau verlassen, nachdem er sich bis über beide Ohren verschuldet hatte, um ein Haus für seine vierköpfige Familie, im Speckgürtel der Großstadt, zu bauen und sich, nach Meinung seiner Frau, während der Bauphase zu stark charakterlich negativ verändert hatte. Ja, er konnte auch nicht hinter dem Berg halten, dass seine Frau die Trennungsaufforderung vom Erzengel Gabriel persönlich erhalten hatte. Keine private Posse war ihm zu peinlich um seine Kollegen damit die Ohren voll zu labern. Zwar regte er sich über die moralische Verwerflichkeit seiner beruflichen Tätigkeit ständig auf, doch er gab der Politik und der liberalen Gesellschaft im Allgemeinen die Schuld dafür, denn man konnte ja von höherer Stelle aus, etwas daran ändern und solche Machenschaften unterbinden. Christoph Unterkofler war an seinen Kredit und seine moralisch-bedenkliche Arbeit gebunden.
Nein, diese seine Ansichten über seinen zu Tode gekommen Kollegen konnte er der Mordkommission nicht mitteilen. Aber was man an sich selbst am Wenigsten mag, das kreidet man auch zu allererst bei anderen an. So konnte man Aarons Verhältnis zu Christoph Unterkofler analysieren.
„Okay, das war die Leiche im Eingangsbereich und weiter“, konnte es Ulman kaum erwarten endlich Namen zu den entstellten Opfern zu erfahren.
„Daniel Blober. Er sitzt mit mir im Innendienst. Groß, dünn, hat einen Spitzbart.“
„Kennen wir. Auch tot. Weiter!“, nickte der pragmatische Mittsechziger emotionslos, den Namen ab.
Kurz drang wirklich ein Quantum an Flüssigkeit aus Aarons Tränendrüsen. Daniel Blober soll wirklich tot sein? Gut, auch er hatte seine eigenwillige Art. Überkorrekt, oftmals langsam in seinem Arbeitsablauf und gerne stellte er sich vor dem Firmenchef in den Vordergrund. Zugegeben, er arbeitete auch deutlich mehr als der faule Befragte, der es gewohnt war immer nur das Nötigste zu tun. Und hatte schon Christoph Unterkofler seine positiven Momente, so konnte Aaron, Daniel Blober wirklich einen Freund nennen. Er verstand seine eigenwillige Sicht auf die Welt und diese nörgelnde Anbahnung, ständig in Dauerschleife zu kommunizieren. Aber was von seinem toten Kollegen blieb, war einfach nur die besserwisserische Art, die ermüdende Besonnenheit und sein Drang Unterkofler in seiner Melancholie zu befeuern. Eigentlich berührte dessen Tod Aaron weniger, als er sich einreden wollte.
„Es tut uns leid, wir wissen das ist alles schlimm für Sie, aber desto mehr Sie uns helfen, desto schneller können wir alles aufklären“, bat der nun in die Fragerunde einstimmende Karrierist den Zeugen nochmals all seine Energie zu sammeln, „wer arbeitet noch dort?“
„Eigentlich nur noch eine Buchhaltungsdame. Ihr Name ist Maria Kases. Sie hat schulterlange Haare, ist dünn …“
„Gut, die kennen wir auch“, stellte Sebastian Ulman fest und unterbrach den Zeugen mit Reibbrettstimme und Handwinken.
Dieser wiederum war nun wirklich wie festgefroren auf seinem abgesessenen Holzstuhl. Das gesamte Bürokollegium war ausgelöscht worden. Nur er hatte überlebt und das, weil er einen Kloschacht hinuntergekrochen war. So sehr ihm die Szenen seiner Flucht nochmals durch den Kopf gingen und die ängstlichen und panischen Gefühle, die er zuvor noch nie in seinem Leben verspüren musste, nochmals hochkamen, drängte sich vorrangig doch die Frage auf, ob er nun in Gefahr war? Würde der Täter nun nach ihm suchen? Und je mehr sich die Gedanken zu seinem Sicherheitszustand in seinem egozentrischen Kopf ansammelten, desto weniger wurden die halbherzigen Mitleidsbekundungen zum Ableben seiner, nun ehemaligen Kollegen. So war Aaron. Seinen Eigensinn sah er in der mangelnden Nächstenliebe und defizitären Solidarität innerhalb der Gesellschaft legitimiert. Samt und sonders war seine Trauerphase über Maria Kases sehr kurzweilig. Sie sprach wenig bis nichts mit ihm, ging nie mit ihren Kollegen Mittagessen, sondern pflegte alleine im kleinen Konferenzsaal zu speisen, nahm ihr eigenes Besteck und Wasser mit. Selbst das Toilettenpapier wurde aus heimischem Bestand mitgebracht und wurde bei jedem Austrittsgang aus ihrer Tasche geholt und auf das stille Örtchen mitgenommen. Doch das Schlimmste war für Aaron, dass sie eine Sonnenliebhaberin war. Nach eigener Aussage konnte es ihr gar nicht heiß genug sein. Sie liebte den Sommer und die brütende Hitze der Großstadt. Leidlich markierte ein Augustdienstag den Abgrund der Beziehung beider Kollegen, als der bezeugende Kaufmann sich aus der Mittagspause kommend, bei 39°C Außentemperatur, in das vermeintlich wohl temperierte Büro zurückschleppte, dort aber aufgerissene Fenster und eine abgeschaltete Klimaanlage vorfand. `Damit die Sonne hereinlachen kann` gab die strickwestentragende Buchhalterin zur Antwort, als sie der desillusionierte Innendienst-Kollege, ob der für ihn frivolen Tat, zur Rede stellte. Und der schwitzende Daniel Blober unterstütze sie noch dabei. Jeder wie er will. Jedem ließ er seine Freiheiten, egal wie absurd und weitreichend. Nein, um Maria Kases, und eigentlich auch um Daniel Blober, war ihm nicht schade. Egal welche Beziehung man zu einem Menschen hatte, sein Ableben war immer tragisch und traurig. Nicht für Aaron. Seine mitmenschliche Sympathieliste gliederte sich rein danach wie sie sein Leben erschwerten oder erleichterten.
Jakob Rasch merkte, dass der Zeuge sich nun in ein melancholisches Gedankendelirium zurückzog und versuchte ihn weiter auf die, für ihn so anstrenge Fragenbeantwortung, einzuschwören: „Bald ist es vorbei. Was ist mit Ihrem Chef, wo ist der?“
„Herr Kantyck? Der ist nur zum Quartalsabschluss im Büro. Er wohnt in Liechtenstein und ist zumeist auf Reisen. Von ihm kommen dann immer die Aufträge an Unterkofler, wo wir welche Rohstoffe schnell kaufen sollen und von wem.“
„Haben Sie Kontaktdaten von ihm?“
„Ja, die sind in meinem Mobiltelefon. Das haben Sie beschlagnahmt.“
Der verwunderte Ulman konnte sich, ob der stümperhaften und drucklosen Befragungstechnik seines jungen Vorgesetzten und dem gebotenen Schauspiel des vermeintlichen Kronzeugen nicht mehr zurückhalten.
„Legen wir die Karten auf den Tisch. Erstens, Sie haben einen Hausschlüssel, zweitens, Sie sind ortskundig, drittens niemand hat jemanden außer Ihnen gesehen und viertens Sie haben ein Motiv!“
„Motiv?“, schrak Aaron gewarnt und verunsichert auf, „was für ein Motiv? Das ist meine Arbeit, warum sollte ich meine Kollegen töten und meine Einkommensgrundlage zerstören? Ich würde nie jemanden verletzen!“ Zu viele besitzergreifende Fürwörter. Nun riss die Fassade aus Betrübnis und Mitgefühl allmählich.
„Vier zu Null. Das müssen Sie sich beantworten. Sie haben sich ja schon verraten. Die Eingangstüre war offen als Sie gekommen sind. Nun meinten Sie, während Sie Ihr Geschäft auf der Toilette verrichteten, dass jemand geklingelt hat.“
„Ja, das stimmt. Vielleicht habe ich die Türe nach dem Kommen geschlossen, ich weiß es nicht mehr.“
„Wie stehen Sie zu den Geschäften Ihrer Firma?“
„Neutral.“
„Vorher sagten Sie schlimm. Gibt es sonst noch jemanden der dem Unternehmen schaden wollen würde?“
„Nein, wir handeln nur mit internationalen Kunden und haben keinerlei Kundenverkehr. Uns kennt ja eigentlich keiner.“
„Warum haben Sie Ihre Mutter getötet? Ich kenne Landeier wie Dich. Jetzt willst Du in der großen Stadt deine kranken Gedankenspiele fortsetzen, die du in deinem Bauernkaff begonnen hast. Wie viele Menschen hast du schon umgelegt?“
Das hat gesessen. Aus dem Nichts. Aufbauend gefragt und dann bumm!
Der offenliegende Royal Flash des Befragten wurde vom schlechtriechenden Atem des Verhörprofis vom Tisch geweht. Nun wusste er auch, warum das Morddezernat seine Personalien abgelegt hatte. Neun Jahre musste dieser Akteintrag nun alt sein. Genauso lange ist es her, als er schon einmal in so einem Raum einvernommen wurde und zum Tod seiner Mutter befragt wurde. Gut Ding, braucht lang Weile und so konnte die Forschheit des aggressiven aber routiniert-agierenden Fragestellers Aarons Tränendrüsen nun vollends in Bewegung setzen. Seine Augen färbten sich rot, passend zu seinem Gesicht und die salzige Drüsenflüssigkeit aus seinen Augen rannte seine Wangen hinunter, bis sie von seinem kurz geschnittenen Vollbart gestoppt wurde. Was für ein kummervolles Puzzleteil wurde durch den Tod seiner Mutter aus seinem Leben gerissen und auch damals konnte er den Ermittlern nur das sagen, was er Rasch und Ulman nun zu berichten im Stande war. Er wusste von Nichts.
Nun war es dem autoritätssuchenden Oberkommissar zu viel. Einerseits glitt ihm, als Ranghöherem die Führerschaft in dieser Befragung komplett aus den Händen und andererseits sah er die provokante Fragestellung seines Kollegen als nicht zielführend an. Die steigende Grobheit und Aggressivität des miefenden Mittsechzigers und der zu beobachtende emotionale Verfall des einzigen Zeugen ließen ihm nichts anderes übrig, als zu intervenieren: „Herr Kommissar. Mäßigen Sie sich. Was soll das mit diesem Fall zu tun haben?“
„Alles. Haben Sie den Akt nicht gelesen?“
„Meine Mutter nahm damals eine Überdosis Schlaftabletten und schnitt sich in der Badewanne die Pulsadern auf“, machte der jammernde Aaron seinem Herz Luft, um dieses Kapitel so schnell als möglich vom mit Fingerabdrücken bedeckten Fettfilm des kleinen Tisches zu wischen.
„Sie vergessen aber, dass sowohl Ihr Vater, als auch der Rest Ihrer Familie meinten, Ihre Mutter würde sich nie umbringen und dass Ihr einziger Sohn im Dauerstreit mit ihr lebte. Ja, die Badewanne war voller Blut und Wasser und mittendrin schwamm ein Haar Ihres Unterarms“, merkte Ulman süffisant an und ließ sich, ob seiner breiten Informationslage, selbstherrlich in seinen abgesessenen Stuhl zurücksinken.
„Aber bitte Herr Kollege. Das war vor neun Jahren sagen Sie? Ich sehe keinerlei Zusammenhang mit dem heutigen Grund unserer Zusammenkunft. Sind Sie verheiratet, haben Sie eine Freundin oder Verwandte? Haben Sie die Möglichkeit irgendwo abseits des Trubels zur Ruhe zu kommen?“
Alle neurologischen Schleusen waren geöffnet, der Strom an Tränen wollte nicht abreißen und wurde, ob der schlimmen letzten Begebenheit mit seiner Freundin, noch verstärkt. Niemanden hatte er mehr. Er war dort angelangt, wo er immer hinwollte. Aaron Röttger war ganz alleine und hatte nun bald seine Ruhe. Jedenfalls war sie vom Charakter her ein grundverschiedener Typ wie er, doch sie war gütig, rücksichtsvoll und liebte des Couch-Potatos kleine Macken. Trotz alle dem kam es immer wieder zu Streitigkeiten zwischen den beiden. Vor allem die negative Art des passionierten Nörglers zog auch ihr positives Gemüt hinunter und der Umstand, dass ihr Freund kein Wort mit Ihrer mutterähnlichen großen Schwester wechselte, belastete Sie und die Beziehung zusätzlich. Hinzu kam, dass sie, von Beruf Sängerin und Darstellerin kleinerer Musicalrollen, kaum ein Hobby mit ihm teilte. Sie lebten sich über die Jahre in ihrer gemeinsamen sechzig Quadratmeterwohnung auseinander und als Aaron mit Vorschlägen für kleine Schönheitsoperationen an sie herantrat war das Fass zum überlauf gebracht. Nein, der wimmernde Befragte konnte sich auf sie nicht mehr verlassen, seine Jasmin war ihm entglitten. Und nach dem Tod seiner Mutter und dem Umzug seines Vaters nach Australien blieb nur noch einer, der ihm jetzt den nötigen Schutz und Geborgenheit geben konnte: sein Cousin.
„Ja, mein Vetter. Wir sind wie Brüder. Er wohnt rund eineinhalb Autostunde nordwestlich von hier in einem kleinen Dorf, neben meiner Heimatstadt“, stellte Aaron euphorisch fest und wischte sich die Tränen aus dem roten Gesicht.
Rasch war erleichtert, dass der Zeuge wieder emotional zu sich kam.
„Gut. Wir müssen, und bitte, das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme, eventuell davon ausgehen, dass der Mörder auch Sie oder Ihren Chef verletzen will. Können Sie dort für einige Tage unterkommen und mit uns in Kontakt bleiben? Benötigen Sie Polizeischutz?“
Bestürzung machte sich im Kronzeugen breit. Nun musste er seine tiefe Angst auch aus dem Mund des freundlichen Oberkommissaren hören: jemand konnte hinter ihm her sein und nach seinem Leben trachten! Der verständnisvolle Ermittler würde ihn sicherlich nicht grundlos oder aus Angstmache anlügen. Sein Herz pochte und pumpte das Blut aus seinem rot angelaufenen Kopf in seine schlotternden Extremitäten. Das war dann zu viel der Seifenoperetten-Darbietung für den abgezockten und routinierten Mittsechziger. Erbost, hintergangen und bloßgestellt fühlte er sich und sprang von seinem überbenutzten Stuhl auf, um durch den ganzen kleinen Raum zu fluchen: „Sind Sie verrückt Rasch, dieser Mann gehört in Untersuchungshaft! Woher will er überhaupt wissen, dass es ein Mörder war? Warum nicht mehr? Weil er es war! Sag, wo sind die Waffe und die Projektile? Im Müll hast du sie entsorgt, oder?“
„Aus Herr Kommissar! Verlassen Sie sofort den Raum!“, erwiderte der fassungslose Rasch, peinlich berührt und geistesgegenwärtig, mit flinken Fingern das Tonaufnahmegerät abdrehend.
Folgeleistend ergriff der cholerische Kommissar seinen Schnellhefter, drosch die Türe hinter sich zu und stürmte zu seiner Schreibtischfestung. Sein Kopf lief nun ebenfalls tiefrot an und seine Lederslipper traten mit vollem Genuss gegen seinen blechernen Papierkorb.
„Wissen Sie, was wir jetzt machen?“, schlug der, nun die ganze Reputation der Polizei retten wollende Rasch, in deeskalierendem Ton vor, „wir gehen gemeinsam zu meiner Kollegin Krings und holen Ihre Sachen. Sie geben mir die Kontaktdaten Ihres Chefs und wir besprechen wie Sie nach Hause kommen. Okay? Wenn wir noch Fragen hätten melde ich mich bei Ihnen.“
Nach Hause? Das Schlagwort für den welthassenden Phlegmatiker, der sich beruhigt hatte und seinen überschwänglichen Optimismus, ob dieser Worte, wieder mit schauspielerischem Geschick zu unterdrücken versuchte. Noch hielt seine antiegomanische Membran der durchdrängelnden Selbstverliebtheit stand und mit Nachdruck presste er eine Träne nach der anderen aus seinen Augen.
„Ich hab doch nichts damit zu tun, warum ist der Herr Kommissar so böse zu mir?“, bohrte er noch, gekonnt in des Oberkommissar Egowunden und untermauerte seine Rolle als liebevollen Überlebenden, der einfach nichts weiß und zu sehr traumatisiert und geschockt war, um mehr zu sagen als das, was er bereits den beiden Ermittlern und dem Diktiergerät verraten hatte.
Rasch geleitete den schluchzenden Zeugen, der seine nicht schließbare Hose fest vor dem Abrutschen umklammerte, aus dem Verhörraum durch das Großraumbüro, vorbei an der Papierfestung, in Richtung der forensischen Abteilung. Der rasend-böse Kommissar saß auf seinem Schreibtisch und versah den vorbeischlapfenden Aaron nicht nur mit seinem durchdringenden und anschwärzenden Runzelblick, sondern auch mit einem Zuruf, der durch das ganze Großraumbüro des Morddezernats hallte: „Der Teufel sitzt dir in den Augen, ich kriege dich! Ich habe euch alle gekriegt! Ordentlich gefirmt wirst du von mir!“
Dem gedemütigten Oberkommissar blieb nichts übrig als den Zeugen mit noch schnelleren Schritten an Isabella Krings zu überstellen. Was für eine rufschädigende Blamage für ihn. Als leitender Ermittler zuzulassen, dass eine Vernehmung so außer Kontrolle geriet. Der Karrierist Rasch war sich sicher, das hatte ein Nachspiel bei einer Unterredung mit dem Dezernatsleiter.
Mit seiner rutschenden Leihhose tat sich Aaron schwer dem Tempo zu folgen. Aber ansonsten empfand er nur Genugtuung. Innerlich strahlte er. Endlich hatte er genügend Überzeugungsarbeit geleistet. Zweieinhalb Stunden Wimmern, Jammern und Weinen hatten ein Ende. Äußerlich rang er sich weiter, die Parzellierung seines archivierten Kummers glaubwürdig dosiert, abzurufen. Keiner würde ihn nun mehr aufhalten Frieden und Ruhe zu finden. Und schon gar nicht mehr die Polizei.
„Krings, bitte händigen Sie Herrn Röttgers die Sachen aus“, bat der aufgekratzte Rasch die Spurensucherin.
Er vermittelte dem Kronzeugen das Gefühl, dass er ihn so schnell und so weit weg wie möglich vom Morddezernat schaffen wollte.
Bis auf seine Kleidungsstücke, welche noch für weitere Untersuchungen in der Gerichtsmedizin verbleiben mussten, konnte er seinen blau-weiß karierten Rucksack, sein Mobiltelefon, seine Geldbörse, seine Ausweiskarten und seine Schlüssel mitnehmen.
„Auch die Schuhe können wir nicht mitgeben“, stellte Isabella Krings in entschuldigendem Wortlaut klar, „wollen Sie uns nicht zeigen, was Sie in ihrem Rucksack haben?“
Der sich nun nicht mehr als dringend Tatverdächtiger Betrachtende, sah darin keinerlei Problem und zog freiwillig die Zips der beiden Rucksacktaschen von einer Seite auf die andere.
„In der hinteren Tasche habe ich Taschentücher, einen Schal und Winterhandschuhe. In der vorderen einen Regenschirmknirps, die heutige Zeitung, ein Plastiksäckchen mit getrockneten Cranberrys und eine Wechselunterhose.“
„Eine Wechselunterhose?“, fragte die Forensikerin erstaunt.
„Ja, man weiß ja nie“, grinste Aaron kleinlaut, um sich dann wieder hinter seiner weinerlichen Fassade zu verstecken.
„Ach Krings, lassen wir den armen Mann doch endlich in Ruhe!“ forderte der unruhige Oberkommissar seine spurensuchende Kollegin auf, ihm endlich seine Sachen auszuhändigen.
„In der kleinen Vortasche habe ich noch Kopfhörer und feuchtes Reiseklopapier“, legte der Zeuge mit dem unruhigen Darm nach.
Um das Prozedere endlich beenden und nach dem Abgang des indisponierten Kronzeugen, die Scherben aufräumen zu können, riss Rasch den Rucksack an sich, stocherte mit seiner linken Hand darin herum und warf einige kurzweilige Blicke hinein.
„Okay, wir verstehen, das ist alles nicht tatrelevant. Damit ist auch das geklärt. Krings, notieren. Durchsucht und nichts gefunden. Bitte geben Sie noch Ihre und die Kontaktnummer Ihres Chefs an. Aja, und die Adresse, wo Sie jetzt hinfahren“, skizzierte der gebürtige Bergländer die weitere Vorgehensweise.
Währenddessen Krings die benötigten Daten von Aaron aufnahm, späte der ambitionierte Karrierist mit einem scharfen, tief-erzürnten Gesichtsausdruck quer durch das gesamte Großraumbüro auf den Hinterkopf des rauborstigen Kommissars, welcher sich wieder an sein Aktenstudium machte, als wäre nichts passiert.
„Herr Oberkommissar? Was machen wir mit den fehlenden Schuhen und glauben Sie, der Zeuge holt sich ohne Jacke, bei diesem nasskaltem Wetter, nicht den Tod?“, unterbrach sie, nach getaner Arbeit, ihren Vorgesetzten beim Starren.
Geistig war Rasch schon in Vorbereitung ein Feuerwerk der Zurechtweisung loszulassen.
„Was? Aja. Wohin fahren Sie nun Herr Röttgers?“, fragte er ihn, wie ein überfreundlicher Gebrauchtwagenverkäufer seinen einzigen Kunden.
Lange musste Aaron nicht überlegen. Er wollte einfach weg aus dieser großen Stadt und seiner Einsamkeit und der panikmachenden Angst, der Mörder könnte auch noch ihn aufsuchen und liquidieren.
„Bahnhof. Nordbahnhof. Ich fahre gleich zu meinem Vetter. Die Adresse haben Sie ja nun.“
„Wenn eine Streife Sie hinfährt, reichen die Pantoffeln? Und keine Jacke?“, bot ihm der wohlerzogene Akademikersohn den Shuttleservice zum Bahnhof anzunehmen, um weitere Unannehmlichkeiten zu verhindern und war hocherfreut, als der Zeuge nickte.
„Weiters organisieren wir Ihnen noch Beistand aus dem Notfallpsychologischen Dienst für Traumabewältigung. Es wird sich jemand bei Ihnen melden.“
„Nein, bitte nicht, ich brauch keinen. Ich brauche niemanden außer Ruhe!“
Oberkommissar Mag. Jakob Rasch reichte Aaron Röttgers die Hand, entschuldigte sich bei ihm für die Unannehmlichkeiten und verwies ihn an die beiden herbeigeeilten Streifenpolizisten, die ihn zum Bahnhof kutschieren sollten.
Sowie der Zeuge mit den beiden Beamten, vorbei am Empfang und durch die Milchglastür verschwunden war, richtete er den doppelten Windsorknoten an seiner schwarz-rot gestreiften Seidenkrawatte und stampfte zurück in das Großraumbüro.
„Magnin!“, rief er eine Kommissarin herbei, „hier die Kontaktdaten des Geschäftsführers. Checken Sie alles über ihn. Er muss kommen. Und hier die Adresse, wo unser Zeuge jetzt hinfährt. Rufen Sie bei der Kreisstadtpolizei an. Die sollen morgen eine Streife vorbeischicken und nach dem Rechten sehen. Und wenn noch Zeit bleibt, fordern Sie psychologische Betreuung für den traumatisierten Mann an.“
„Ja, Herr Oberkommissar. Und wie geht es dann weiter?“, fragte die junge Kommissarin.
„Ich weiß es nicht Magnin. Ich weiß es noch nicht. Aber eines weiß ich. Von unseren achtundvierzig Stunden sind schon fast zwölf vergangen. Das werden lange Nächte. Nachdem Sie die Anrufe getätigt haben, trommeln Sie alle zusammen! Ich unterhalte mich einstweilen mit unserem hochdekorierten lahmen Gaul.“
Kapitel 8 Ab in die Scheiße
Erbost und fassungslos stürmte Oberkommissar Magister Jakob Rasch in das Großraumbüro des Morddezernats der Metropolpolizei Distrikte Süd-Ost, um dem cholerischen Kommissar die Leviten zu lesen.
„Ulman in mein Büro!“
Das Murmeln und Tastaturgeklapper, ja selbst das Telefongeläut, verstummte für einen Moment. Alle Aufmerksamkeit war auf den alternden Kommissar Sebastian Ulman in seiner vermüllten Papierstapelburg und auf den bergländischen Karrieristen, der an sich durch seine Besonnenheit bekannt war, gelenkt.
Laut stapften die braun-melierten Schlangenlederschuhe über die anthrazitfarbenen Fliesen, durch die Schreibtischgasse der großzügigen Amtsräume entlang und verschwanden hinter der Milchglastür seines Büros. Und während das tobende Schauspiel noch immer jegliche Zuwendung der Beamtenschaft auf sich zog, erhob sich der uneinsichtige Mittsechziger aus seinem ausrangierten Ledersessel, der die gleichen Dienstjahre wie er auf dem Buckel zu haben schien und bewegte sich langsam und zögerlich seinem jungen Vorgesetzten zu folgen.
Vor dem großen eichenen Schreibtisch nahm er, in einem der beiden eleganten weißen Ledersessel Platz und betrachtete die Urkunden, Diplome sowie Pokale und Medaillen, welche die Wand vor ihm schmückten und dem Nutzer dieses Arbeitsplatzes, wie in einem fürstlichen Thronsaal erscheinen ließen.
Rasch sank in seinen dick gepolsterten und ergonomisch geformten Drehstuhl und durch seine gut gebaute und durchtrainierte Statur kamen die Beurkundungen seiner akademischen Leistungen und sportlichen Erfolge, an der Trophäenwand hinter ihm, noch mehr zur Geltung. Es war, als würde der kleinlaute Ulman gegen ein Meer von Spiegeln und Lichtreflektoren blicken.
Inmitten dieses einschüchternden Prunkspektakels sammelte die einnehmende Gestalt des frisch rasierten, die Frisur perfekt sitzenden und bestens gekleideten Oberkommissar Mag. Jakob Rasch, dessen muskulöser Oberkörper nun begann sich aufzuplustern, seine Wut.
„Was soll das für ein Auftritt sein? Sie schüchtern Zeugen ein. Nein, Opfer. Dieser Mann ist knapp dem Tod entronnen und steht unter Schock. Derzeit werden wir nicht mehr von ihm erfahren, als er uns gesagt hat! Mehr weiß er auch nicht.“
Dem, mit allen Wassern der Gosse gewaschenen Kommissar, konnte die klar, mit körperlicher Präsenz und lukullischem Ambiente untermauerte Ansage seines Vorgesetzten nicht imponieren. Im Gegenteil er beharrte auf seinen Ansichten.
„Herr Magister. Fakt eins: der Täter ist jemand mit Ortskenntnis. Schlüssel für das Haus und das Bewusstsein, dass er alle Zeit der Welt für seine Tat hatte. Wie unser, nennen wir ihn einmal Zeuge. Fakt zwei: Den Opfern wurden Stücke ihrer Haut entfernt, das lässt darauf schließen, dass der Täter die Opfer persönlich gekannt hatte und ihnen etwas wegnehmen wollte, dass sie öffentlich brandmarkt. Das alles war gründlich, der Täter ist ein Serienmörder und Trophäenjäger. Er wollte die Opfer nicht übermäßig töten, sondern wusste genau was er wollte. Willkürlich aus den Körpern geschnitten. Fein säuberlich. Mit Trophäen kennen Sie sich ja aus.“
„Und warum soll das der Zeuge gewesen sein?“
„Fakt drei: Ich habe es in seinen Augen gesehen. In ihm steckt der Teufel. Darum habe ich gleich seine Akte überprüft. Ich brauchte nur eine halbe Stunde Aktenstudium und habe einen neun Jahre alten Fall gelöst. Sind hier alle so blind?“
„Was haben Sie gelöst Ulman? Sagen Sie es mir.“
„Man fand im Blut der Mutter eine Überdosis Benzodiazepine. Nun benötigt man, ich denke das ist am Land genauso wie hier, ein ärztliches Rezept dafür. Dieses wurde nie ausgestellt. Woher die Schlaftabletten kamen ist bis heute ein Rätsel.
„Und weiter“, gab ihm der unbeeindruckte Oberkommissar die Chance, seine Ausführungen weiter auszuschmücken, während er in seinem ledernen Lehnsessel lehnte und einen Tennisball zwischen seinen Händen pendeln ließ. Für Rasch war jeder Ansatz relevant. Hauptsache dieser Fall war bald geklärt.
„Scheinbar ist unser Mann damals bei unseren ländlichen Ermittlerkollegen, die halbtags Schweine züchten und nebenbei versuchen Mordfälle zu lösen, durchgekommen. Aber nicht hier.“
„Ulman! Sie schaffen das alleine nicht. Achtundvierzig Stunden sind die Grenze für die höchste Aufklärungschance und zwölf haben Sie schon verplempert. Ein Einsatzteam muss her. Alle Opfer durchleuchten. Das schaffen Sie nicht alleine“, schloss er mit doppelter `L´-Rollung über seiner Zunge ab.
„Warten Sie Herr Magister, es geht noch weiter. Unser, nennen wir ihn eben weiterhin noch Zeuge, hatte seit Jahren ein streitbares Verhältnis zu seinen Eltern. Darum ist er drei Jahre vor dem Tod der Mutter zu seinem Großvater gezogen. Wie kommt dann ein Oberarmhaar von ihm in die Badewanne voller Blut? Dort wo, die Leiche seiner Mutter gelegen hat?“
„Sie meinen die Frau schluckte eine Überdosis Schlaftabletten, lässt sich ein Bad ein und schneidet sich die Pulsadern auf. Und weil ein Haar ihres Sohnes darin ist, denken Sie er sei unser Mann? Vor welchem Gericht soll das halten?“
„Der Großvater stirbt ein Jahr vor dem Mord an der Mutter. Unser Zeuge lebt mit seinem Cousin gemeinsam im Haus des Großvaters. Die Mutter erbt es vom Verstorbenen und gibt es dann dem Cousin weiter. Der Sohn schaut durch die Finger.“
„Das soll sein Motiv gewesen sein?“
„Jeder Befragte gab damals an, dass ein Selbstmord lächerlich sei und ihr Sohn den teuflischen Charakter hätte so etwas zu tun. Sogar der Vater sagte das aus und nachdem die Todesursache als Selbstmord deklariert wurde, zog dieser nach Australien. Er flüchtete, sage ich.“
„So diabolisch kam mir der Zeuge heute gar nicht vor“, lachte Rasch, „wie ist die Sachlage bei unserem Fall? Keine Schmauchspuren, damit scheidet er als Schütze aus.“
„Kennen Sie diese schwarzen Latexdinger? Handschuhe nennen die sich“, fragte der, sich nicht ernst genommene Ulman süffisant.
„Herr Kommissar, dann wären auf der Kleidung Spuren. Außerdem besitzt der Zeuge weder einen Waffenschein, noch eine Waffe. Ich schätze ihn auch nicht so ein, dass er sich eine am Schwarzmarkt besorgen könnte.“
„Das sagen Sie. Meine These: Er flippt aus, egal warum. Fährt in die Arbeit, mit der Gewissheit, dass alle Wohnungen in dem Zinshaus unter der Woche leer sind. Alles geplant. Niemand stört ihn, er hat Zeit. Er knallt seine Kollegen ab, weiß genau, wo er wen vor Ort und Stelle vorfindet und entnimmt seine Trophäen aus der Haut der Opfer …“
„Bitte, Herr Kommissar“, forderte der belustigte Bergländer einen Sinn zur Realität ein.
„Dann sammelt er die Patronenhülsen ein, Riss die Projektile aus der Wand, wechselte die Kleidung, kackt ins Klo und entsorgt alles Unliebsame im Restmüllcontainer vor dem Haus. Im Wissen, dass diese jede Minute abgeholt und entsorgt werden. Dann rief er, mit englischem Akzent, mit so einem, wie sagt man? ´Pri-Handi´, dass er dann später auch entsorgte, die Polizei an und kauerte sich unter die Stiegen, bis die Beamten eintrafen.“
„Wo sind die Trophäen?“
„Ich weiß es nicht. Aber Waffe, Projektile, Hülsen, Mobiltelefon und dekontaminierte Kleidung in der Müllverbrennungsanlage.“
„Wenn Ihre wahnwitzige Theorie stimmt, sind diese Beweismittel damit ohnehin verloren. Es ist neunzehn Uhr dreiundvierzig und alles verbannt.“
„Nein, der heutige Müll rund um den Tatort ist gesichert und wird von einem Heer an Spurensichern gerade durchforstet. Da fällt Ihnen der Suppenschlitz auseinander, oder?“, griente der vorlaute Mittsechziger, in Erwartung eines bestätigendes Lobes.
Wahrlich konnte Oberkommissar Rasch vor Erstaunen seine Lippen nicht mehr geschlossen halten und sein Gesichtsausdruck verwandelte sich von amüsiert in ungläubig-erstaunt. Kurz musste er sich fassen, um sein Gegenüber nicht mit dem Tennisball zu bombardieren und seine nächsten Worte gewillt und höflich zu formulieren. Da klopfte es an der Milchglastüre und Dr. Peter Weiss trat, ohne Hereinbitten des Büroinhabers, ein. Seine vormittägliche Tatort-Adjustierung, Einweg-Overall, Überziehschuhe und schwarze Plastikhandschuhe wichen einem weißen langen Labormantel und einer lila-rosa gestreiften Krawatte, ganz seinem Rang, als oberster Forensiker der Hauptstadt, angemessen.
„Bitte entschuldigen Sie Herr Magister Oberkommissar, dass ich hier einfach so hereinplatze, aber ich muss mit Ihnen sprechen. Sie sind ja nun der Chefermittler in dem Fall der drei getöteten Personen in Distrikt neunzehn heute Vormittag?“, bat er um Nachsicht für sein Eindringen.
„Herr Doktor Weiss. Bitte kommen Sie herein und setzen sich“, antwortete Rasch, erfreut über den zusätzlichen Know-How-Input zu dem, in eine Sackgasse führende Gespräch, mit Ulman.
„Ich komme vom Flughafen.“
„Flughafen?“
„Ja, Kommissar Ulman hatte angeordnet, dass die Müllcontainer aus den umliegenden Häuserblocks beschlagnahmt und dort in einen Hangar gebracht werden. Derzeit suchen zwölf Polizisten und vier Spurensucher, unter der Anweisung von zwei meiner Leute, nach Beweismittel.“
Das stolze Sozialbaukind fühlte sich in seiner schnellen Reaktion bestätigt und setzte ein selbstzufriedenes Grinsen auf.
„Und, was haben Sie gefunden?“, legte er selbstsicher nach.
„Herr Kommissar, wir werden dort bis Ende der Woche nicht fertig. Der Müllberg ist zu groß. Alles dreht sich um Effektivität.“
Bevor dieser noch in seiner direkten und wüsten Art antworten konnte fiel ihm Rasch ins Wort: „Was für ein Blödsinn. Ulman, ich weiß nicht, was ich mit Ihnen machen soll? Ihre wahnwitzige Theorie, dass dieser, unter Schock stehende Zeuge, der Täter ist, ist verrückt. Diesen Fall lösen wir nur mit harter Investigativ-Arbeit und nicht im Dreck. Nun haben wir einen Hangar voll Müll am Flughafen. Was soll ich dem Dezernatsleiter erzählen?“
„Herr Magister, Herr Doktor und Herr Bürgermeister. Alle feinen Leute. Wenn es Ihnen nicht passt, dann klettere ich allein in den Dreck. Ich bin im Sozialbau und auf den Straßen aufgewachsen. Ich verstecke mich nicht hinter einer Krawatte und die Krawatte nicht hinter einem Schreibtisch.“
Rasch und Weiss blickten einander, in vertraut verdutzter Weise an. Die allseits gewohnten despektierlichen Rundumschläge des Großstadteingeborenen waren wieder an der Tagesordnung. Oft kam mit dem Mundgeruch der passende Inhalt über Ulmans Lippen.
„Folgendes. Herr Kommissar. Es klingt verrückt, aber wir müssen jeder Spur nachgehen. Aber diese ist sichtlich kalt. Der Druck der Öffentlichkeit, der Medien und der Politik ist immens. Alle Einsatzkräfte vom Flughafen abziehen. Wir brauchen nun eine Task-Force. Eine Talente-Aufteilung. Effektivität mit der Uhr und den Ressourcen.“
Es brodelte wieder unter des Mittsechzigers hohem Stirnansatz und seinen, mit Fett nach hinten gekämmten, zu einen Zopf gebundenen Haaren. Seine Augenbrauen, bedingt durch seine runzelnde Stirn, glitten fast über seine tiefsitzenden rehbraunen Augen und seine Hände ballten sich zu Fäusten, als Weiss kurzerhand einwarf: „Wir haben schon mit der Müllabfuhr gesprochen. Es ist erst ab Samstag möglich den Hangar zu leeren.“
„Hören Sie das Ulman? Wenn das die Presse mitbekommt. Wir füllen den Flughafen mit Müll an. Um Gottes Willen. Bis Ende der Woche will ich Ergebnisse sehen, ansonsten ziehe ich Sie von dieser Angelegenheit ab. Ich bin der erste Ansprechpartner in diesem Fall.“
„Aber es war dieser Röttgers!“, fuhr der großstädtische Kommissar aus seinem hageren, dünnen Körper.
„Da wäre ich mir nicht so sicher“, warf der besonnen gebliebene Weiss ein, „ich bin kein Ermittler und ich mische mich auch nicht ein, aber nichts deutet auf einen ´Overkill´ hin. Ist das nicht oft so, bei persönlichen Verbrechen aus Hass?“
„`Owakill´ - ´DaskFors´? Sprechen Sie mit mir, wie einen normalen Menschen!“, platzte der hohlwangige Mittsechziger noch mehr durch das prächtig ausstaffierte Büro.
„Aus!“, beendete der oberkommissarische Karrierist das beidseitige Fantasieren und knallte den Tennisball auf seinen eichenen Schreibtisch, „Weiss, geben Sie mit Ihrem Endbericht der Spurensuche Gas und Sie Ulman, räumen Ihren Arbeitsbereich auf. Danach suchen wir in der ´Task Force´ einen Platz für Sie. Auf geht’s meine Herren!“
Ohne Wiederwort erhob sich der zum Putzkommando abgestempelte Kommissar aus dem weißen Lederstuhl, schnappte seinen Schnellhefter und schritt, ohne ein Anzeichen einer Verabschiedungsgeste, zur Milchglastüre hinaus.
Weiss hatte in seiner langen Karriere schon mit vielen schwierigen Charakteren, aus den verschiedensten Dezernaten der Hauptstadt, zu tun gehabt. Vielleicht sogar war es Voraussetzung diesen Beruf ausüben zu können, wenn man schwierig und kantig war. Und genau aus diesem Grund wollte er die Situation noch mit einer freundlichen Begebenheit abschließen, hatten sie doch über die Jahre viele schreckliche Tatorte gemeinsam besucht und hatte er stets die Gefühlsregungen seines cholerischen Investigativ-Kollegen geduldet. Jahrelang hatte er seine Eskapaden ertragen und er fühlte, dass sich der Mittsechziger, in seinem x-ten Dienstjahr, am Ende seines Wohlfühlbereichs angekommen sah.
„Herr Kommissar! Wie ging es bei Ihrem letzten Fall, dem Blutenden am Tresen in Distrikt zehn, weiter?“
Verblüfft über das plötzliche Interesse an seiner Person und den damit verbundenen Geschichten, blieb der beleidigte Kommissar stehen und drehte sich mit frohlockendem Gesichtsausdruck, inmitten seines Dreitagesbartes, um und berichtete voller Enthusiasmus. Einen Moment war sein Groll auf die beiden Herren wie verflogen.
„Der am Tresen Verbliebene saß dort mehr als zehn Minuten allein. Ein anderer Gast kam bei ihm vorbei und bemerkte, dass er aus der Seite blutete. Der Typ sah, dass sein Hemd auf der linken Seite komplett blutverschmiert war und in dem Moment, wo ihm das klar war, sank er zusammen und stürzte vom Barhocker und verreckte. Der Typ bekam einen Bauchstich und merkte es nicht mal. Keiner wusste wer es war und niemand wollte es gewesen sein. Beim Vorbeigehen schnell hin gestochen.“
„Das ist ja tragisch“, zeigte sich der schnauzbärtige Weiss, über den Ausgang des Falles und den belustigten Enthusiasmus des lachenden Erzählers erstaunt.
„Keine Angst. Der Fall ist gelöst. Das was Leute aus den Bergen und feine Herren aus wohlhabendem Haus nicht verstehen ist, dass der Täter dann drei Tage später in einer Seitengasse, nahe der Bar mit einer tiefen Bauchwunde tot aufgefunden wurde“, berichtete Ulman mit gewohnt tiefer, kratziger Stimme. „Was ist dabei Ihre Apperzeption? Haben Sie nicht genug davon?“, fragte der Spurensucher erstaunt nach.
Der alternde Kommissar schüttelte den Kopf.
„Verwenden Sie bitte Worte, die jeder Mensch versteht. In meiner Stadt bekommt jeder seine Rechnung. Teure Rechnungen, die einfache Menschen wie ich ständig zahlen müssen.“
Noch bevor der, sich verteidigen wollende Weiss, ausführen konnte, dass sein Vater Schlosser und seine Mutter Hilfsköchin waren und ihm der akademische Weg nicht geschenkt wurde, verschwand der gedemütigte Choleriker in Richtung seiner vermüllten Schreibtischburg.
Mit der Dunkelheit zog auch wieder ein leichter Nieselregen, der viertelstündlich stärker wurde, über die Metropole am Strom. Aaron saß, voller Genugtuung, am Rücksitz des Polizeiwagens, welcher ihn zum Nordbahnhof brachte. Seine akute Fluchtangst hinter sich gelassen, machte sich in ihm ein Gefühl der Selbstzufriedenheit breit. Nun konnte er genüsslich aus dem Fenster blicken und die vorbeiziehenden Menschenmassen, ausgeleuchtet durch das künstliche LED-Licht der Straßenbeleuchtung, mit Entzücken beobachten. Wie ein Fürst in seiner Kutsche, wie aus einem geschützten Subkontinent heraus, beobachtete er das rege Treiben auf den Straßen der Großstadt, die ihn mit Amüsement unterhielten. Menschen, die versuchten vorm Regen zu fliehen, andere die mit ihren Regenschirmen alle anderen Passanten niederrammten und wieder andere, die sich aus öffentlichen Verkehrsmitteln heraus- oder hineindrängten, nur um keinen Tropfen Wasser abzubekommen. Jogger, die neben dreispurigen, stark-frequentierten Straßen liefen und unweigerlich nass wurden. Muslimische Mütter, die versuchten das Innere ihrer Kinderwägen vor dem himmlischen Nass zu schützen und Jugendliche, die lediglich mit Trainingsanzug und Frühlingsjacke unter Bäumen dem Wetterschauer zu trotzen versuchten. Nur eines konnte Aarons Stimmung noch steigen lassen, endlich wieder nach Hause zu kommen, aufs Land.
Seinen Cousin, den er als Bruder betrachtete, zu besuchen und in das Haus seiner Großeltern zurückzukehren, mit dem er die schönsten Kindheitserinnerungen assoziierte. Endlich wieder eine Vertrauensperson, bei der man sich geborgen und verstanden fühlte. Zuletzt hatte er die Hauptstadt vor gut zwei Monaten verlassen und sich auf die eineinhalbstündige Reise in seine Heimat aufgemacht und nachdem sich der, per Mobiltelefon vorgewarnte Cousin, ebenso über seine noch heutige Ankunft, freute, wie er selbst, konnte dem Tageshappyend nun nichts mehr im Weg stehen. Ja, er wollte es sogar noch verfeinern und am Bahnhof einen seiner geliebten Fast-Food-Ketten einen Besuch abstatten, um seinen knurrenden und strapazierten Magen zu besänftigen, der sich in der stressabklingenden Phase des Tages, nun mit lautem Brummen meldete.
Irgendwie schien es, als hätte er, nach dem heutigen Tag, emotional mit der Großstadt abgeschlossen. Seine Freundin war weg, seine Arbeit nicht mehr existent und ein Mörder vermutlich hinter ihm her. Dieses Betonlabyrinth konnte ihm, außer heißen Sommern und Anonymität nichts mehr geben. Nein, sie nahm ihm sogar mehr, als sie einst geben konnte. Die toleranten Abgründe der selbsternannten freien, westlichen Zivilisation bekam er bei jedem Verlassen seiner Wohnung aufgezeigt und so wollte er sich einfach nicht mehr ärgern lassen, denn aus seinem tiefsten Inneren stieg eine Grundzufriedenheit auf, welche sich anfühlte, als sei er neu geboren. Alle Lasten seines bisherigen Lebens schienen von ihm abzufallen und die selbst aufoktroyierenden schlechten Einflüsse seiner Umwelt prallten von ihm ab, wie die immer intensiver auf die Autoscheiben prasselnden Regentropfen.
Selbst als ihn, die unter Dachvorsprüngen und Vordächer kauernden Passanten anstarrten, während er direkt vor dem Bahnhof aus einem Polizeiauto stieg und im strömenden Winterregen, per Slalomlauf, versuchte seine weißen Schlapfen von Wasserpfützen fernzuhalten und sich dabei bemühte, seinen offenen Hosenbund vom Abrutschen Richtung Knie abzuhalten.
Darmowy fragment się skończył.