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Herbstverwesung

1. Auflage, erschienen 11-2020

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Stefanie Randak

Layout: Romeon Verlag

ISBN (E-Book): 978-3-96229-853-1

www.romeon-verlag.de

Copyright © Romeon Verlag, Kaarst

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Herbstverwesung

Für meine Oma!

Stefanie Randak

Prolog

Schicksal. Manche glauben daran, manche nicht. Diejenigen, die daran glauben, laufen in vielen Fällen risikoreicher durchs Leben. Und diejenigen, die das Schicksal des Lebens anzweifeln, sind zugleich diejenigen Menschen, die sich auf den Zufall verlassen. Die Anhänger von Schicksal und Zufall sind keineswegs anzuzweifeln, doch eines ist sicher: Es war definitiv kein Zufall, dass Eleonora Bianchi und ihr Verlobter Lorenzo Russo an jenem Tag an den Rand von London in den Gloomy Forest gezogen waren. Ein junges, verliebtes, italienisches Pärchen, durstig und gierig nach dem süßen Leben.

Ebenso war es mit Sicherheit kein Zufall, dass Elisabeth Greenwood, die alte Dame mit dem Glasauge und den goldenen Zähnen, die Person war, welche am nächsten bei dem jungen Paar wohnte. Sie lebte alleine in einem verlassenen, alten Schloss namens Red Side, im Gloomy Forest. Das Schloss war mehr eine heruntergekommene Ruine, alt und kühl. Doch niemand außer Elisabeth Greenwood wusste genau, was sich alles hinter den dichten Mauern und in den dunklen Kellern verbarg.

1

Es war ein Sonntag. Sonntage schmeckten immer nach Ausschlafen, einer heißen Schokolade im Bett, nach frischen Croissants und guten, alten Filmen.

Und so kam es, dass die schöne Eleonora und ihr Lorenzo mittags, zu einer Zeit in der die meisten Menschen schon in der Kirche gewesen waren und sich nun im Wirtshaus ihren Schweinebraten schmecken ließen, immer noch im Bett lagen.

„Wir sollten langsam mal auspacken, mio caro“, meinte Eleonora und strich sich ihre langen, schwarzen Haare aus dem Gesicht. Sie nannte Lorenzo seit ihrer Verlobung nur noch mio caro, was so viel wie „Mein Schatz“ bedeutete. Und er nannte sie la mia principessa, meine Prinzessin.

„Das hat doch noch Zeit“, antwortete Lorenzo gelassen und sah sich zufrieden in dem dunklen, kalten Schlafgemach um. Das einzige, was bereits aufgestellt war, war das Bett.

Rundherum standen noch große und kleine Umzugskartons, Taschen und Koffer. Der Boden war staubig und in der Deckenleuchte gab es noch keine funktionierende Glühbirne, deshalb hatte Lorenzo ein paar Kerzen aufstellen müssen. Eleonora hätte sich sonst gefürchtet.

„Ganz allein in einer dunklen neuen Wohnung? No!“, hatte sie entschlossen gerufen und sich unter der Bettdecke versteckt, so lange bis Lorenzo Kerzen angezündet hatte. Lorenzo machte das Chaos in der neuen Wohnung nichts aus, er hatte es nicht eilig, es hier gemütlich zu haben. „Wir haben doch das Bett. Das reicht uns“, grinste er und gab seiner Eleonora einen Kuss auf die Stirn.

„Nein, wir stehen jetzt auf. Ich räume die Kartons aus und du kümmerst dich erst mal um Glühbirnen!“, Eleonora lächelte ihren Verlobten an und schlug ihm verspielt ihr Kopfkissen auf die Brust. Dann stand sie entschlossen auf und zog ihren Morgenmantel an. Es war kalt in der Wohnung. Der Herbst stand vor der Tür. Sie hasste Unordnung, und wenn sie wollte, dass heute die Kartons ausgepackt werden, dann musste es so gemacht werden. Also schälte sich Lorenzo aus dem Bett und tat, was seine Freundin von ihm verlangte: Licht ins Dunkel bringen.

Eleonora baute in dieser Zeit eine Kommode im Wohnzimmer zusammen und räumte sie ein. Eine Sanduhr und einen Kaktus stellte sie oben drauf. Das junge Pärchen kaufte keine Blumen mehr, nur noch Kakteen. Alles andere ging immer ein. Das Innenleben der Kommode befüllte Eleonora mit Büchern und Magazinen. Sie liebte es, zu lesen. In den letzten drei Jahren hatte sie ihr Geld durch das Artikelschreiben für ein Frauenmagazin verdient. Hier in London hatte sie noch keine neue Arbeitsstelle gefunden, was sie wahnsinnig machte. Eine von Eleonoras Schwächen war, dass sie nie stillsitzen konnte. Sie wollte immer etwas tun und gleichzeitig über alles die Kontrolle haben. Lorenzo sah das als eine Stärke an. Eine Frau, die gerne mit anpackte und alles selbst schaffen wollte.

Einen Nachmittag später waren schließlich fünf Kartons ausgepackt, im Wohn- und Schlafzimmer gab es funktionierendes Licht und Eleonoras Schreibtisch stand fertig aufgebaut auf Oma Noemis rotem Teppich.

„Wir brauchen unbedingt mehr Möbel“, meinte Lorenzo. Die vorherige Wohnung war viel kleiner gewesen. Diese hingegen bot neben einer großen Küche und einem Badezimmer noch vier weitere Zimmer. Unklar war, wieso der Makler eine solch großzügig geschnittene Wohnung so billig verkaufte. Und es hatte fast den Anschein gehabt, als wolle er sie dringend loswerden.

Während das junge Pärchen den Sonntagabend in romantischer Zweisamkeit ausklingen ließ, fuhr nur wenige Kilometer weiter im Gloomy Forest eine schwarze Limousine in die Einfahrt des Golden Horse Sporthotels. Ein leichter Regen fiel auf das Dach des schicken Fahrzeugs.

Der Fahrer stieg gehetzt aus und öffnete die Türe für seinen Boss. Dieser stieg im teuren Armani Anzug aus und sah sich kritisch um. Er rümpfte die Nase, als er von den sanften Regentropfen begrüßt wurde. Murrend marschierte er entschlossen auf die Eingangstüre des Hotels zu. Dabei mied er jede Pfütze, die auf dem Asphalt glänzte, um seine edlen Schuhe aus Pythonleder zu schonen. Die Glastür des Hotels öffnete sich und es schien, als wäre die Zeit für einen kurzen Augenblick stehen geblieben, als der gut gebaute Mann den Eingangsbereich des glamourösen Hotels betrat. Zielstrebig marschierte er auf die Rezeption der Hotellobby zu. Er schnürte seine Krawatte enger und versuchte mit einer Handbewegung die Regentropfen auf den Schulterkissen seines Anzugs abzustreifen.

„Ich möchte bitte ein Zimmer“, forderte er an der Rezeption ohne Begrüßung an.

„Herzlich Willkommen im Golden Horse Sporthotel“, lächelte die junge Courtney Black mit den blonden Locken.

„Ja ja“, antwortete er gleichgültig und tippte mit seinen Fingern ungeduldig auf dem Tresen herum. Die goldenen Armreifen klingelten bei seinen ungeduldigen Bewegungen.

„Haben Sie eine Reservierung?“, fragte Courtney und zeigte beim Lächeln ihre weißen Zähne.

Der Gast hob gleichgültig eine Augenbraue. „Ich habe es mir anders überlegt“, lächelte er plötzlich. „Ich nehme eine Suite.“

Die junge Frau tippte mit ihren roten Fingernägeln auf der Tastatur und sah in den Bildschirm ihres Computers.

„Verraten Sie mir bitte ihren Namen?“, Sie tat sich schwer, freundlich zu bleiben, da die Arroganz ihres Gastes unausstehlich strahlte.

„Den Namen brauchen Sie wohl kaum“, zwinkerte er und richtete erneut seine Krawatte.

Courtney sah ihn verwundert an. Doch bevor sie nachfragen konnte, kam ihre Chefin Dakota Jones um die Ecke. Selbstsicher und makellos gekleidet, ihre braunen Haare streng nach hinten geknotet. Doch als ihr Blick auf ihren neuen Hausgast fiel, verlor sie jegliche Fassung.

Der nächste Morgen brachte bunte Herbstblätter mit sich, dunkle Wolken und jede Menge Regen. Als Eleonora aus ihrem Schlaf erwachte, war Lorenzo schon längst in der Arbeit. Er hatte eine leitende Stelle in einem Bauunternehmen angenommen. Dies war auch der Grund, weshalb die beiden Italiener aus Venedig umgezogen waren. Zumindest dachte das Eleonora.

Sie lag alleine in dem verlassenen Ehebett, alleine in der großen Wohnung. Was sollten sie nur mit all den Zimmern anstellen? Ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer. Selbst wenn sich das junge Paar ein Büro einrichten würde, es wäre immer noch ein Zimmer frei. Ein Kinderzimmer, hatte Lorenzo mal gesagt. Eleonora verzog das Gesicht. Dafür war es noch zu früh. Für sie würde es wahrscheinlich noch in zehn Jahren zu früh dafür sein. Sie lag im Bett und drehte sich hin und her, geplagt von allerlei Gedanken. So eine große Wohnung, für so wenig Geld. Wo war der Haken? Hoffentlich hatte Lorenzo keinen Fehler gemacht.

Eleonora selbst hatte den Makler nie kennen gelernt. Natürlich, der Holzboden war alt und rissig, knarzte beim Überqueren. Von den Wänden bröckelte die einst grün aufgestrichene Farbe und die Decke wies einige Risse auf, in denen sich Insekten versteckten. Doch es musste schon mehr fehlen, um eine solch große Wohnung so billig zu verkaufen. Sie bewohnten das dritte, und somit das oberste Stockwerk. Wahrscheinlich war das Dach undicht. Egal was es war, es würde sich noch als eine unangenehme Überraschung entpuppen. Da war sich Eleonora sicher. Sie stand auf, ging ins Wohnzimmer an den Schreibtisch und klappte im Morgenmantel ihren Laptop auf. Sie vermisste ihre Arbeit. Das Schreiben hatte sie schon immer gern gemocht. Und wenn sie nun auch keine Artikel zu verfassen hatte, warum nicht mal aus Spaß eine Geschichte schreiben?

Doch hier drin, alleine in der großen, kühlen Wohnung war Eleonoras Vorrat an Fantasie und Ideen genauso wie die halbe Wohnung: völlig leer.

Es war bereits Mittag, als die junge Italienerin die Wohnung verließ. Draußen war es, als würde der Himmel die Erde in Regen ertränken wollen. Eleonora hatte in den vielen Kartons keinen Regenschirm finden können. Sie hätten die Wände der Kartons über deren Inhalt doch beschriften sollen.

Eigentlich hatte sie sich ihren ersten Spaziergang durch die neue Heimat etwas anders vorgestellt. Zum Beispiel zusammen mit Lorenzo, Hand in Hand in der goldenen Herbstsonne. Aber es blieb keine Zeit um sich umzusehen.

Das Regenwasser drang durch ihre Kleider und auch ihre Schuhe waren schon nach wenigen Metern innen nass geworden. Erleichtert atmete Eleonora auf, als sie einige Straßen weiter das kleine gemütliche Cafe Fresh fand, in dessen Schaufenster bunte Cupcakes und andere Leckereien gestapelt waren. Ein großes Schild an der Eingangstüre leuchtete mit der Aufschrift „Open“. Mit eiskalten Händen und durchnässten Stiefeln trat sie ein. Ein betörender Duft von Kaffeebohnen und Backwaren nahm ihr die Entscheidung ab, sich zu setzen, etwas zu trinken und sich aufzuwärmen. Sie setzte sich an einen Tisch im Eck auf die Bank und klappte den Laptop auf.

Neugierig betrachtete Eleonora das Cafe und seine Kundschaft. Zwei junge Frauen saßen an einem langen Tisch und rollten Pasta auf ihre Gabeln. Im Eingangsbereich saß ein Mann mit Glatze und trank ein Bier. Und direkt am Tisch neben Eleonora saß eine alte Dame mit Kopftuch. Neben ihr stand ein Kinderwagen. Wie schön, dachte sie. Bestimmt eine Oma mit Enkelkind, die sich einen schönen Nachmittag machten.

Der Kellner brachte ihr den blauen Cupcake und den Kaffee.

„Dankeschön, Lucas“, Eleonora hatte den Namen des Kellners auf seinem Namenschild erspäht und griff sofort nach ihrem Kaffee, als er ihn am Tisch abstellen wollte.

„Die mit der blauen Glasur schmecken am besten“, zwinkerte da die alte Dame zu ihr herüber und deutete auf ihren Teller.

„Sie kennen sich wohl gut aus?“, lächelte Eleonora und rutschte ein Stück näher zu ihrem Tisch, um sich besser mit ihr verständigen zu können.

„Oh ja, ich komme jeden Tag zur selben Zeit hier her“, nickte sie. „Meine Enkelin ist ganz verrückt nach den Kuchen und all dem süßen Zeug.“ Sie streckte die Hand aus und bewegte den Kinderwagen sanft nach vorne und zurück.

„Da ist ihre Enkelin nicht die einzige“, lachte Eleonora und biss großzügig von dem klebrigen Cupcake ab. Eine dickflüssige, rote Beerenfüllung quoll heraus.

„Ich habe sie hier noch nie gesehen“, die Dame musterte sie von oben bis unten.

„Ich bin heute zum ersten Mal hier. Ich möchte eine Geschichte schreiben, doch zu Hause haben mir die Ideen gefehlt.“

„Schreiben Sie über London!“, rief die Alte begeistert. „In London gibt es so viel zu entdecken. So viele Menschen und so viele wunderbare Orte. Da fällt ihnen bestimmt etwas ein.“ London. Keine schlechte Idee.

„Oh, es ist schon so spät. Ich muss nun wirklich los, ich möchte zu Hause noch mit meiner Enkelin spielen, bevor sie ihren Mittagsschlaf hält“ Sie stand vorsichtig auf und zupfte ihr Kopftuch zurecht.

Eleonora stand ebenso auf und reichte ihr die Hand. „Danke für die schöne Idee. Auf Wiedersehen, Misses…“

„Greenwood“, beendete sie den Satz und zeigte mit einem Lächeln ihre goldenen Zähne.

„Und auf Wiedersehen, Kleines“, lächelte Eleonora und beugte sich über den Kinderwagen.

Verwundert sah sie auf und musste ein zweites Mal hinsehen. Was…? In dem Kinderwagen, welchen Misses Greenwood so sanft schaukelte, lag keineswegs ihre Enkelin. Es lag überhaupt kein Kind darin. Dort, eingebettet auf Lammfell, liebevoll angekleidet und gerade noch mit Kuchen gefüttert, lag eine Puppe. Eine Porzellanpuppe. Ihre grünen Augen sahen starr an das Dach des Kinderwagens. Beängstigend. Eleonora sah entsetzt in Misses Greenwoods Gesicht.

„Ist sie nicht wunderschön?“, flüsterte sie.

In ihrer Verwunderung konnte Eleonora nur nicken.

Doch als Misses Greenwood das kleine Cafe verließ, musste Eleonora ein wenig grinsen. London wäre bestimmt ein gutes Thema für ihr Buch gewesen, doch nun hatte sie wohl eine bessere Idee.

2

Dieser Herbst war grau und düster. Die Wolkendecke bildete eine nicht mehr aufreißende Mauer, die die Sonne unerbittlich verschluckte. Die Bäume des Gloomy Forests wirkten schon beinahe schwarz und der dichte Nebel konnte einem den Orientierungssinn rauben. Was sich da alles in jener Nacht zwischen den Dornensträuchern umhertrieb, wusste niemand so genau. Und es gab ein Gewitter, während der Vollmond zwischen den grauen Wolken silberne Schatten auf die Erde warf. In dem kleinen Schloss Red Side, wo Misses Greenwood unter einem Hirschkopf in einem alten Himmelbett ihren Schlaf hielt, drangen seltsame Geräusche durch die Schlossmauern und es war, als kämen diese nicht von einem Menschen.

Es herrschte eine unglaubliche Kälte in dem Moment, als der Biltz einschlug. Es war derselbe Moment in dem sich die Wurzeln einer uralten, morschen Fichte aus der Erde lösten und sie von der Schwerkraft durch ein Fenster direkt in Misses Greenwoods Wohnsalon gezogen wurde. Und am Boden lagen Scherben, jedoch nicht nur von dem zersplitterten Fenster, sondern auch von einer Vitrine, die von der Fichte umgestoßen worden war.

Der Donner drang laut vom Himmel herab, die Blitze zuckten über ganz London. Der kühle Nachtwind brauste unaufhaltsam in den Wohnsalon, verwüstete alles, was nicht befestigt war. Am Morgen danach sollte Misses Greenwood nicht nur einen völlig zerstörten Wohnsalon vorfinden, sondern auch eine kleine weiße Hand, die unter der Glasvitrine hervorschaute.

Unwissend, von dem was in der letzten Nacht in London geschehen war, packte die schöne Eleonora am nächsten Morgen ihren Laptop in eine Handtasche, zog sich Gummistiefel an, schnappte sich einen Regenschirm und verließ die Wohnung. Lorenzo war schon früh am Morgen zur Arbeit gegangen, was Eleonora furchtbar aufregte. Sie wollte nicht zu so einem traditionellen Pärchen werden, in dem der Mann morgens zur Arbeit abhaut und erst spät abends wieder nach Hause kommt. Und in dem sie als Frau nur zu Hause sitzen sollte um zu kochen und zu putzen? Wo sollte denn da noch Zeit für Romantik bleiben? „No, non con me!“, rief sie zu sich selbst. Nicht mit mir!

Deshalb war es an der Zeit, heute mit dem Schreiben ihres ersten Buches zu beginnen. Und das wollte sie in dem kleinen süßen Cafe Fresh tun, wo sie gestern Misses Greenwood, ihre Inspiration, getroffen hatte. Sie hatte gesagt, sie würde jeden Tag zur selben Uhrzeit dort hingehen.

Also spannte Eleonora ihren transparenten Regenschirm auf und wagte sich hinaus in die eisige Kälte Londons. Auf dem Teer stand das Wasser, und die Wolken gossen weitere Wassermassen herab, als würde man unter einem Wasserfall stehen. Bisher hatte sich London noch in keiner Weise von einer schönen Seite gezeigt, dachte Eleonora genervt.

Die Wohnung gefiel ihr nicht, Lorenzo war nie zu Hause und draußen aufhalten konnte man sich auch nicht bei diesem Unwetter. Endlich erreichte sie das Cafe. Mit dem Öffnen der Eingangstüre wurde sie wie am Vortag von dem süßen und warmen Duft der Leckereien umhüllt. Voller Erwartungen sah sie sich um. Doch Misses Greenwood konnte sie nicht entdecken.

„Entschuldigung?“, sie sprach den jungen Kellner Lucas hinter der Bar an.

„Was kann ich für Sie tun, Miss?“, lächelte er freundlich.

„Ich suche eine alte Dame, vermutlich mit Kopftuch.“

„Sie meinen Misses Greenwood?“

Eleonora nickte. Hier, am Rande von London fühlte man sich wie in einem kleinen Dorf, wo offensichtlich jeder jeden kannte. Vom kultigen Großstadtleben und quirligen Menschen, Trends und buntem Treiben war hier zu Eleonoras Entsetzen keine Spur.

„Sie war heute noch nicht hier. Normalerweise kommt sie immer zur selben Uhrzeit“, er zuckte mit den Schultern.

„Sie wird vermutlich nicht kommen“, ein dicker Mann auf einem der glitzernden Barhocker stellte sein Bier am Tresen ab und drehte sich im Sitzen zu den beiden um.

„Auf Red Side hat letzte Nacht der Blitz eingeschlagen“, raunte er und hielt seine Zeitung hoch. Red Side?

„Misses Greenwood lebt auf dem kleinen Schloss namens Red Side im Gloomy Forest“, erklärte er, als er die Verwirrung in Eleonoras Gesicht erkannte. Im Gloomy Forest? Dann konnte sie nicht allzu weit weg von ihr und Lorenzo wohnen!

„Du meine Güte. Ist ihr etwas geschehen?“, fragten Eleonora und Lucas zeitgleich.

„Hier ist ein Artikel. Dort steht, dass ein Fenster kaputt gegangen ist. Der Wind hat wohl einiges zerstört in ihrem Wohnsalon.“ Er hob seine Zeitung hoch und trank einen großen Schluck von seinem Bier.

„Doch es fehlt anscheinend ein hochwertiges Schmuckstück. Ein Saphir Ring. Wenn ihr mich fragt…“, er machte noch einmal eine Trinkpause. „…Wurde dort auf Red Side letzte Nacht eingebrochen“, er schob seine Zeitung mit dem Artikel zu Eleonora rüber.

Meine Güte. Ein Einbruch.

„Niemand, der noch ganz bei Sinnen ist, bricht auf Red Side ein!“, protestierte der Kellner.

„Wieso nicht? Ein Schloss ist doch ein offensichtliches Ziel. Misses Greenwood ist reich, das weiß doch jeder hier“, raunte der Mann.

„Ja, und es weiß auch jeder hier, dass es auf Red Side spukt!“, schauderte Lucas. Der Mann trank sein Bier aus und erhob sich. „Du hast wohl zu viel an den Kaffeebohnen geschnüffelt!“, lachte er dreckig und verließ das Cafe. Eleonora und der Kellner blieben verdutzt zurück und schauten ihm nach.

„Was haben Sie damit gemeint, als Sie sagten, dass es auf Red Side spukt?“, flüsterte Eleonora.

„Wenn Sie mich fragen, gibt es so einiges, dass auf Red Side und mit Misses Greenwood nicht so ganz stimmt. Die Frau hat sie nicht mehr alle. Sie hat immer ihre Enkelin dabei. Doch die ist kein lebendiges Kind, sondern …“

„Eine Puppe“, beendete Eleonora den Satz.

„Ja. Eine Puppe“, flüsterte Lucas. „Außerdem hatte Misses Greenwood sieben Söhne. Und sechs davon sind auf einmal spurlos verschwunden. Es gibt angeblich nur noch einen, der lebt. Der Älteste“

Eleonora sah ihn mit großen Augen an. Die Worte des Kellners erschreckten sie.

„Und wo lebt dieser Sohn?“, sie griff langsam nach der Zeitung und drehte den Artikel so, dass sie das große Bild auf dem Titelblatt von Red Side richtig herum ansehen konnte.

„Das weiß niemand. Er wurde lange nicht mehr gesehen, von niemandem. Es gibt Gerüchte, dass seine sechs Brüder im Keller von Red Side in einem Kerker gefangen gehalten werden. Andere sagen, sie seien verunglückt.“

Lucas Geschichte machte Eleonora Angst. Angst, aber auch neugierig. Sie hatte sich dafür entschieden, über Misses Greenwood und ihre Puppe ein Buch zu schreiben. Und so wie es aussah, sollte es ein richtig spannender Roman werden. Eleonora wollte zu Misses Greenwood auf ihr Schloss. Sie wollte diese Frau kennen lernen und herausfinden, was es mit den Geschichten von Red Side auf sich hatte. Eleonora war keine Frau, die man leicht von etwas fernhalten konnte. Sie wollte immer alles wissen und selbst herausfinden.

„Kann ich die mitnehmen?“, sie deutete auf die Zeitung, die vor ihr lag.

Lucas nickte. „Was haben Sie vor, Miss?“

„Ich werde Misses Greenwood einen Besuch abstatten“, zwinkerte sie und stopfte die Zeitung in ihre Tasche.

„Tun Sie, was Sie meinen, tun zu müssen. Aber ich rate Ihnen eins: Halten Sie sich von diesem Schloss fern, und von allem, was es beinhaltet.“ Lucas Stimme klang verschwörerisch. Doch Eleonora zuckte mit den Schultern und meinte selbstsicher: „Machen Sie mir einen Kaffee to go, bitte. Und einen für Misses Greenwood.“

Um zum Red Side Schloss zu gelangen, muss man zunächst ein Stück durch den Gloomy Forest laufen. Zu Eleonoras Erschrecken musste sie feststellen, dass das Red Side das am nächsten gelegene Nachbarshaus zu ihrer und Lorenzos Wohnung war.

Der Gloomy Forest war keineswegs für Spaziergänge geeignet, kein familienfreundliches Stück Natur in dem man Picknick machen konnte. Es gab nur einen schwer erkennbaren Weg, mehr einen Trampelpfad, dem Eleonora instinktiv folgte, um zum Schloss zu gelangen. Hier raschelte etwas im Dickicht, da bewegte sich etwas im Gebüsch. Es war erst früher Nachmittag, doch hier war es schon dunkel und grau. Da erblickte Eleonora das Schloss, in dem Misses Greenwood lebte.

Das Schloss, einst prächtig und machtausstrahlend, jetzt derbe und fad, zerstört und dunkel, lag etwas erhöht auf einem Berg. Unten parkte ein Polizeiauto, das Blaulicht war eingeschaltet und flackerte störend in den Wald hinein. Eleonora schlich langsam und vorsichtig die rutschigen Treppenstufen hinauf. Ein morsches Holzgeländer, welches Besuchern und Bewohnern sicher einmal Halt beim Aufstieg gegeben hatte, wackelte nun armselig den Weg hinauf, wenn man sich daran festhalten wollte. Oben angekommen führte ein Kiesweg zum großen hölzernen Eingangstor. Eine Hausklingel fand Eleonora nirgends. So mutig und neugierig sie auch war, ein Ort des Wohlfühlens war das hier nicht.

Mit zittrigen Händen schob sie das schwere, nasse Tor auf und stand im Innenhof des Schlosses. Staunend sah sie sich um. So ein riesiges Anwesen, und hier sollte nur Misses Greenwood leben? Eleonora musste an die Worte des Kellners denken. Sieben Söhne sollten hier eigentlich noch wohnen. Sie nahm ihr Handy heraus und schaltete die Kamera ein. Knipste ein Foto von dem Brunnen, dessen Leere unheimlich ins Erdreich ragte und von dem Turm, der seine rote Spitze in den Himmel bohrte. Eleonora öffnete eine der vier Türen, in der Hoffnung, irgendwo auf Misses Greenwood zu stoßen. Hier war nur ein verlassener Stall, in dem früher bestimmt mal Schweine oder Ziegen gehalten wurden.

Hinter der zweiten Türe befand sich ein leerer Waschraum, ein kaputtes Waschbecken rostete dort vor sich hin und eine alte Schubkarre stand eingestaubt daneben. Eleonora trat an das Waschbecken heran. Aus dem Wasserhahn tropfte es nervig, dicke Tropfen verschwanden mit einem lauten Echo im Abfluss. Über dem Waschbecken hing ein Spiegel mit einem großen Sprung in der Mitte. Eleonora betrachtete sich in den kleinen Einzelteilen. Ihre Wangen waren rötlich von der eisigen Kälte, von ihren Wimpern tropfte die Tusche und zeichnete ihr dünne schwarze Spuren unter die Augen. Die schwarze Haarpracht klebte durchnässt an ihrem Kopf. London war so trist, so trüb und fad. Als sie sich vor einiger Zeit das Leben in London ausgemalt hatte, hatte sie an vieles gedacht. Doch nicht, dass sie einmal auf einem angeblichen Spukschloss in einer Kammer stehen und ihr trauriges Gesicht betrachten würde. Niemals. Nun wollte sie aber die Eingangstüre zum Wohnbereich der mysteriösen Misses Greenwood finden, um einige Worte mit ihr austauschen zu können und ihr ein paar Fragen zu stellen. Denn erst wenn sie Misses Greenwood besser kannte und ihr Leben verstand, würde sie über sie schreiben können. Hoffentlich nahm sich die alte Dame ein paar Minuten für ein Interview Zeit. Eleonora marschierte rüber zur nächsten Türe.

Vor ihr erstreckte sich ein langer, enger Gang mit einem Teppich, der einst rot war, doch jetzt mehr braun mit undefinierbaren Flecken. Hier herrschte ein säuerlicher Geruch, Eleonora verzog das Gesicht und folgte dem Gang.

Von der Decke hingen Spinnweben und an den Wänden krabbelten Käfer und saßen große dicke Spinnen. Eigentlich fürchtete Eleonora diese, doch hier, auf Red Side, waren sie vermutlich das geringere Übel und lösten lediglich ein leichtes Ekelgefühl aus. Der Gang war kalt, dunkel und schien unendlich lang. Endlich erreichte sie eine Art Eingangsbereich. Hier waren einige Nägel in die Wand geschlagen worden, an denen nun Mäntel von Misses Greenwood hingen. Dazu standen Stiefeletten am Boden. Alles braune oder schwarze Damenstiefel. Doch was war das?

Eleonora bückte sich vorsichtig und hob mit frierenden Händen ein Paar Schuhe auf. Glänzende Schuhe, viel größer als die anderen. Sie holte ihr Handy heraus und leuchtete mit dem Display die Schuhsohle ab. Größe 42. Männerschuhe! Und die Sohle war nass. Das bedeutete, sie wurden kürzlich noch getragen. Vielleicht gab es doch einen verbliebenen Sohn, der hier auf Red Side lebte? Ja, so musste es sein. Da war sich Eleonora ganz sicher.

Sie legte die Schuhe zurück und tappte weiter durch den finsteren Gang. So lange, bis sie einen Wohnbereich erlangte. Der rötliche Teppich schmückte auch hier den Boden und hielt vermutlich einen geringen Teil der Kälte des Bodens zurück.

„Misses Greenwood?“, rief Eleonora zaghaft. „Misses Greenwood, sind Sie zu Hause?“ In diesem Raum gab es tatsächlich ein Echo. Der Saal war groß, spärlich eingerichtet, die Decke reichte sehr weit nach oben. Niemand antwortete und Eleonora traute sich nicht, den Raum zu betreten. Sie spähte vorsichtig hinein und konnte das kaputte Fenster sehen, über welches in dem Zeitungsartikel berichtet wurde. Die Polizei hatte von außen ein gelbes Absperrband drüber geklebt und das große Loch mit einer dicken Plastikfolie notdürftig verschlossen.

„Es war um Punkt Mitternacht, Officer“, hörte sie da eine Stimme. Sie kam von nicht weit her. Misses Greenwood.

„Diese Informationen haben wir bereits, Misses Greenwood. Jetzt möchten wir mit Ihnen über den verschwundenen Schmuck sprechen“, entgegnete da eine Männerstimme. Ein Polizist musste bei ihr sein. Die beiden befanden sich im Schlafgemach, welches mit einer Türe zum Wohnsalon verbunden war.

„Wie ich Ihnen bereits mitgeteilt hatte, fehlt mein Juwelenring, Officer!“,hörte Eleonora die alte Frau jammern. „Mein schöner Saphir!“

„Laut der Spurensicherung sind keine Handabdrücke an ihrem Fenster, Misses Greenwood. In dem gesamten Wohnsalon konnten keine fremden Spuren sichergestellt werden“, entgegnete der Polizist.

„Sie meinen also, es ist niemand eingebrochen?“, die Stimme der alten Dame war hörbar aufgewühlt.

„Hören Sie, Officer! Ich bin doch nicht verrückt! Der Ring lag in meiner Vitrine, neben meiner Enkelin! Und heute Morgen war er nicht mehr da. Es muss ihn jemand gestohlen haben!“, schimpfte sie laut.

Die Vermutung von dem Mann im Cafe sollte also wahr sein.

„Misses Greenwood, beruhigen Sie sich doch. Niemand hier glaubt, dass sie verrückt sind. Es ist durchaus möglich, dass die Fichte das Fenster zerstört hat und dann jemand durch das bereits offene Fenster eingedrungen ist und ihren Juwelenring entwendet hat. Ich nehme das mit aufs Protokoll. Wir überprüfen den Fall in den nächsten Tagen. Und Sie ruhen sich nun schön aus, Misses Greenwood“, hörte Eleonora ihn sprechen. Dann wurde die Türklinke heruntergedrückt und der Polizist verließ das Schlafgemach durch den Wohnsalon. Und stieß mit Eleonora zusammen.

„Ich … Ich habe keine Klingel gefunden“, stotterte sie. „Ich möchte zu Misses Greenwood. Ist sie da?“, fragte Eleonora, als wäre sie gerade erst hereingekommen.

„Sie ist in ihrem Schlafzimmer“, nickte der Polizist und schien sich nicht weiter um sie zu kümmern.

Dann verschwand er pfeifend in dem dunklen Gang.

Eleonora betrat endlich den Wohnsalon. „Misses Greenwood?“, rief sie erneut.

„Wer ist da?“, krächzte sie.

„Ich bin Eleonora Bianchi, wir sind uns gestern im Cafe Fresh begegnet“, antwortete Elenora laut.

Sie öffnete die Tür zum Schlafzimmer. Und da stand sie. Elisabeth Greenwood. Eingehüllt in ein altes Samtkleid, welches seine Blütezeit bestimmt schon im letzten Jahrhundert gehabt hatte. Ein Kopftuch bis zu den Augenbrauen gezogen. Sie drehte sich zu Eleonora und sofort fiel ihr Blick auf die starre Porzellanpuppe in ihren Armen. Das Schlafzimmer war dunkel und die weiße Haut der Puppe schien schon fast zu leuchten. Der Anblick schockte Eleonora.

„Oh, ich erinnere mich an Sie“, grinste sie auf eine unheimliche Art und zeigte ihre vergoldeten Zähne. Langsam tat sie ein paar Schritte auf Eleonora zu. Ihr Gesicht kam dem von Eleonora beängstigend näher. Ihre Gesichtshaut war faltig, dünn wie Pergament. An ihrer Wange prangte eine dicke Warze und ihre hellen Augen schienen wässrig. „Aber was zur Hölle haben Sie in meinem Haus verloren, Kindchen?“, rief sie.

Eleonora wich erschrocken zurück.

„Nun, ich habe keine Klingel gefunden… Und die Tür war offen. Sie sollten einen Riegel anbringen“, meinte Eleonora um sie abzulenken.

„Das beantwortet nicht meine Frage!“, rief sie aufgewühlt.

Eleonora schluckte. Ihre Hände waren verschwitzt und sie fühlte sich unwohl. Wieso musste sie auch in dieses Schloss eindringen? Sie wurde sauer auf sich selbst. Es war nicht klug gewesen, alleine in einer neuen Stadt in ein angebliches Spukschloss zu laufen, um einer verrückten alten Lady ein paar Fragen zu stellen.

Wie nur konnte Eleonora sie besänftigen? Sie versuchte es mit der Wahrheit und beschloss, diese ein wenig auszuschmücken.

„Nun, um ehrlich zu sein… Wollte ich Sie und ihre Puppe ein wenig kennen lernen. Als Sie sie mir gestern vorgestellt haben, da war ich so hin und weg von ihrer Schönheit. Ich wollte Sie besuchen, und eventuell mein Buch über Sie und ihre Puppe schreiben, wenn das in Ordnung wäre…Ich habe ihnen auch einen Kaffee mitgebracht“, fügte sie hinzu und war erleichtert, dass sich die spröden Lippen von Misses Greenwood zu einem leichten Lächeln formten. Die Puppe war wohl immer ein gutes Thema für sie.

„Ist sie nicht wundervoll?“, lachte sie und strich ihrer Enkelin über die Pausbäckchen.

„Sie ist eine wahre bellezza, eine wahre Schönheit“, entgegnete ihr Eleonora gespielt interessiert.

„Aber sie ist keine Puppe“, meinte die Alte plötzlich und ihr Blick verfinsterte sich.

„Sie ist Ihre Enkelin, ich weiß“, lachte Eleonora und konnte den ironischen Tonfall nicht unterdrücken.

„Sie denken ich bin verrückt!“, rief Misses Greenwood darauf hin. „Sie lebt! Sie versteht jedes Wort was ich ihr erzähle, sie hört mir zu und manchmal, da antwortet sie mir!“

„Die Puppe antwortet Ihnen?“, fragte Eleonora ungläubig. Die alte Frau erzählte das mit einer solchen Überzeugung, dass man es ihr fast abnehmen konnte. Eleonora lief ein Schauer über den Rücken. Sie wollte nach Hause.

„Natürlich antwortet sie mir. Auch wenn sie es nicht mit Worten tut, kann ich mit ihr kommunizieren“, sie schaukelte die Puppe im Arm und sah ihr tief in die Augen, lächelte sie an.

„Hat sie einen Namen?“, forschte Eleonora weiter. Allmählich bekam sie die Informationen zu hören, die sie für ihr Buch brauchte.

„Oh, sie haben alle sieben einen Namen“, antwortete die alte Dame, die Augen nicht ablassend von dem Gesicht des Püppchens.

Sieben? Es gab noch mehr Puppen?

„Das hier ist Isabell, meine Enkelin. Aber sie hat noch Freundinnen. 5 Stück. Und die wohnen alle hier in meinem Schloss“, lachte sie stolz. Eleonora hob entsetzt eine Augenbraue. Es wurde immer verfahrener. Sieben Puppen. Ihr kamen die Worte des Kellners in den Kopf. Misses Greenwood hatte sieben Söhne gehabt. Das konnte doch kein Zufall sein. Sie verwendete also die Puppen als Kindersatz?

Also Isabell und fünf Freundinnen, das waren dann nur sechs.

„Was ist mit der siebten Puppe?“, fragte Eleonora vorsichtig und fürchtete sich ein wenig vor der Antwort.

Misses Greenwood lächelte und neigte den Kopf. Sie schien sich sehr über Eleonoras Interesse zu freuen. „Die siebte Puppe ist Isabells Zwillingsschwester. Sie trägt den wunderschönen Namen Mirabell.“

Eine Zwillingsschwester? Das konnte doch alles nicht wahr sein. Eleonora musste willkürlich die Nase rümpfen. Jetzt wäre es nur noch interessant, wo sich diese sieben Puppen befanden. Vielleicht lagen sie in einem Karton? Oder waren sie in einem Regal aufgestellt?

„Und wo bewahren sie die Puppen auf?“, fragte sie schließlich. Vielleicht würde Misses Greenwood ihr erlauben, einmal einen Blick auf Isabells Genossinnen werfen zu dürfen. Denn mit ein bisschen Inspiration würde sich Eleonoras Buch sicher schon bald wie von selbst schreiben.

„Oh, ich bewahre sie drüben im Wohnsalon auf. Möchten Sie sie sehen?“ Misses Greenwood hatte angebissen und ohne Eleonoras Antwort abzuwarten, griff die Alte sie an der Hand und zog sie durch die Tür in den Wohnsalon.

„Im Moment sitzen sie auf meinem Sofa. Eigentlich wohnen sie in einer Glasvitrine, aber heute Nacht wurde diese von einem Dieb umgestoßen und zerstört!“

„Wieso denken Sie, dass jemand eingebrochen ist?“, Eleonora hatte zwar das Gespräch zwischen Misses Greenwood und dem Polizisten mitgehört, wollte jedoch die Antwort von Misses Greenwood selbst noch einmal hören.

„Oh, mir fehlt ein Ring, Kindchen. Jemand hat ihn mitgenommen. Und außerdem spüre ich es. Letzte Nacht ist etwas Grauenvolles hier auf Red Side geschehen, daran habe ich keinen Zweifel. Und Isabell hat schreckliche Angst seitdem das passiert ist“, sie sah so traurig aus, so mitfühlend mit Isabell, dass Eleonora der Alten beinahe einen Arm auf die Schulter gelegt hätte.

Die beiden näherten sich dem Sofa, und Eleonora konnte sie ganz genau betrachten: Fünf Puppen saßen da. Feinsäuberlich gekleidet, liebevoll frisiert.

Alle aus Porzellan. Alle mit starren Augen, dicken Pausbäckchen und einem Mündchen, in den man ein leichtes Lächeln interpretieren konnte.

Sie strahlten auf Misses Greenwood eine solche Zufriedenheit aus, eine solche Glückseligkeit und auf Eleonora etwas Düsteres. Jede einzelne Puppe, so wie sie da saß mit ihrem leeren Blick, hatte etwas Düsteres.

„Sie erholen sich gerade. Die letzte Nacht war anstrengend für sie. Ein Fremder ist immerhin hier eingedrungen und hat ihre Vitrine zerstört, Gott erbarme sich!“, sie setzte ihre Isabell sanft in die Runde.

„Heute Nacht werden sie dann wieder munter“, erklärte sie und zupfte an Isabells Kleidchen.

„Sie werden munter? Was … was meinen Sie denn damit?“, stockte Eleonora. Ihr war das hier alles zu verfahren, zu verrückt und diese Puppen verwirrten sie.

„Oh, sie laufen umher, tun all das, was Mädchen eben gerne tun“, erzählte Misses Greenwood selbstverständlich.

„Sie laufen umher? Sie meinen, die Puppen laufen dann durch das Schloss?“ Eleonora wurde ganz schwindelig. Sie hätte niemals hier her gehen sollen.

„Oh ja, natürlich. Ich höre sie nachts tanzen. Das tun sie am liebsten.“ Gelassen setzte sich Misses Greenwood in einen Sessel.

Eleonora fehlten die Worte. Sie hatte ein unangenehmes Gefühl. Sie fühlte sich beobachtet, gemustert von den Puppen mit ihren eindringlichen Blicken und es machte ihr Angst, dass sie den Gedanken bekam, an Misses Greenwoods Geschichte könnte etwas Wahres dran sein.

3

Zwei Wochen waren nun seit dem Umzug in die neue Heimat London für das italienische Liebespaar vergangen.

Lorenzo, Eleonoras mio caro verbrachte beinahe täglich den gesamten Tag von früh bis spät in seiner Arbeitsstelle im Bauunternehmen. Eleonora hatte es satt. Sie wollte nicht zu den Frauen gehören, dessen Liebesleben schon vor der Hochzeit in Arbeit erstickt wurde. Deshalb hatte sich Lorenzo einen Tag frei genommen, um seiner principessa in der Wohnung unter die Arme greifen zu können und um einen schönen Tag mit ihr zu verbringen. Eleonora hatte Ablenkung auch dringend nötig. Der Besuch bei Elisabeth Greenwood schlug ihr immer noch auf den Magen. Das düstere Schloss und der Gedanke, dass dort, hinter den dicken Mauern eine alte Lady mit ihren sieben Puppen wohnte, die angeblich nachts durch das Schloss schleichen. Dann der Einbruch. Ein gestohlener Saphir Ring. So viele offene Fragen in nur einem einzigen Schloss. Eleonora hatte es bisher noch nicht geschafft, all diese einzelnen Geschehnisse zusammen zu fügen und zu beginnen, ein Buch zu schreiben. „Heute machen wir uns einen schönen Tag, ma principessa“, lächelte Lorenzo und gab seiner Prinzessin einen Kuss. Gerade hatten die beiden ein paar Möbel aufgestellt, die sie im Internet bestellt hatten. Allmählich wurde die Wohnung fertig und Eleonora begann langsam, zufrieden zu werden und diese Wohnung als ihr neues Zuhause zu akzeptieren.

Das Paar saß zusammen auf der Ledercouch und trank einen Espresso.

Doch Eleonora hatte nur ein Gesprächsthema: Elisabeth Greenwood.

„Ich möchte so gerne ein Buch über sie schreiben. Und über all die Geschehnisse dort. Aber ich weiß nicht, wo ich ansetzen soll. Bei der Puppe? Bei der Greenwood?“, jammerte sie. Es passte ihr ganz und gar nicht, dass Lorenzo eine Arbeit hatte, die ihn glücklich machte und ihn zufrieden stellte, und sie es momentan nicht einmal auf die Reihe brachte, ein paar Seiten zu verfassen, wo es ihr doch früher so leichtgefallen war, zahlreiche Artikel und ganze Berichte zu schreiben.

„Beginn doch mit dem Einbruch. Dass eine unbekannte Person durch ihr Fenster steigt und sie beklaut“, meinte Lorenzo und zuckte mit den Schultern. Er konnte Eleonoras Unzufriedenheit nicht nachvollziehen.

„Durch ihr Fenster…“, überlegte Eleonora laut.

„Ja, so ist es doch passiert, oder nicht?“, Lorenzo nippte an seinem Espresso.

„Mio Dio! Meine Güte!“, schoss es Eleonora durch den Kopf und verschüttete beinahe ihr Getränk, so hektisch sprang sie auf. „Lorenzo! Das ist es!“ Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

Lorenzo hob fragend die Augenbraue. „Lorenzo! Ich bin zu Misses Greenwood aufs Schloss gegangen, richtig?“

Lorenzo nickte.

„Und ich konnte einfach durch die Eingangstüre spazieren, es war nichts verschlossen!“

Ihr Verlobter sah sie fragend an. Er konnte ihrem Gedankengang offensichtlich nicht folgen.

„Mia cara, überleg doch mal! Wer steigt denn durch ein Fenster, wenn alle Türen geöffnet sind?“

„Du meinst, der Einbrecher ist einfach durch die Türe hineingekommen?“

Eleonora nickte. „Deshalb hat die Polizei auch keine Spuren am Fenster finden können. Es muss also jemand gewesen sein, der sich auf Red Side bereits ausgekannt hat. Er wusste, dass die Türen nicht abgeschlossen sind.“

Lorenzo grinste. „Dann hast du ja deinen Anfang für dein Buch?“, fragte er.

„Oh ja“, Eleonora nickte zufrieden und konnte endlich ihren Espresso in Ruhe austrinken.

Und an diesem Nachmittag ließ sich auch endlich die Sonne einmal blicken. Ihre Strahlen drückten sich zwischen den Wolken hindurch und die Hirsche im Gloomy Forest reckten ihre Gesichter zum Himmel, um die sanfte Wärme zu genießen. So trieb es auch die Menschen in London auf die Straße, und das junge italienische Liebespaar wollte den freien Tag draußen in der Natur verbringen.

Sie marschierten Hand in Hand am Rande von London entlang und erkundeten die neue Wohnumgebung. Eleonora kannte sich bereits ein wenig aus, sie kannte den Weg zum Red Side Schloss, den Weg zum kleinen Cafe Fresh und auch die Supermärkte würde sie mittlerweile blind finden.

Die beiden waren schon eine ganze Weile unterwegs gewesen, als sie zufällig das Golden Horse Sporthotel erreichten.

Ein glamouröser Ort, ein Ort für teure Wellnessurlaube, für stundenlange SPA Aufenthalte, für Golfspieler und Reiter. Hier übernachteten überwiegend wohlhabende Menschen, die ein paar Tage die Seele baumeln lassen wollten. Jedoch war das Golden Horse Sporthotel auch eine Bleibe für Durchreisende, die nur eine Nacht dort schliefen und sich am nächsten Tag wieder aus dem Staub machten. Hier herrschte ein tägliches Ein- und Auschecken. Kein Wunder, dass Angestellte wie die junge Courtney Black nicht nur sehr viele Menschen kennen lernten, sondern auch einiges über ihre Gäste und deren Leben erfuhren.

Lorenzo und Eleonora beschlossen, sich drinnen im Speisesaal ein Abendessen zu genehmigen. Der Speisesaal des Hotels war sehr nobel. Der Fußboden war aus Marmor, weiße Säulen und Stuck an der Decke zierten den Saal, ein Streichorchester sorgte für romantische Stimmung. Das Paar genoss dort den spontanen Aufenthalt und Eleonora bekam endlich ihre Zweisamkeit, die ihr in den letzten Tagen so gefehlt hatte.

Der Kellner brachte Lorenzo seine Ofenkartoffeln, Eleonora aß eine Gemüselasagne.

Während sie in ihrer Auflaufform herumschnitt, wanderte ihr Blick an den Nebentisch. Da saß ein Mann, ganz alleine. Eleonora hatte ihn schon einmal irgendwo gesehen. Er war groß, gut gebaut, braunes Haar. Es war der Polizist, dem sie auf Red Side begegnet war, als sie Elisabeth Greenwood besucht hatte. Ob er in diesem Fall schon weitergekommen war? Seit sie auf Red Side gewesen war, fühlte sie sich unwohl und ihr geisterten komische Gedanken umher. Sie mochte den Gedanken nicht, dass dort jemand eingebrochen war und nicht für seine Tat bestraft wurde.

Seit sie einen Einblick in Misses Greenwoods Leben bekommen hatte, war es nicht nur der Fall der Polizei. Nein, jetzt ging es auch sie etwas an. Sie wollte helfen, all die Geheimnisse zu lüften.

„Ich komme gleich wieder, mia cara“, Eleonora wischte sich den Mund mit einer Serviette ab und erhob sich.

Sie ging vorsichtig zu dem Tisch des Polizisten, des „Officers“, wie die alte Dame ihn stets genannt hatte.

„Entschuldigung“, Eleonora sah den Mann an. „Darf ich Sie eine Minute stören?“ Der Detective schluckte sein Essen hinunter und nickte.

„Bitte setzen Sie sich“, erwiderte er und deutete auf den freien Stuhl an seinem Tisch.

„Mein Name ist Eleonora Bianchi. Ich bin vor kurzem mit meinem Freund hierhergezogen. Sie erinnern sich wahrscheinlich nicht mehr an mich. Wir sind uns vor kurzem auf dem Red Side Schloss begegnet, bei Elisabeth Greenwood im Hausgang.“

„Doch, Ich erinnere mich“, nickte der Mann. „Ich bin Detective Frank Harris. Was kann ich für Sie tun, Misses Bianchi?“

„Nun, ich habe mir seit meinem Besuch auf Red Side sehr viele Gedanken gemacht. Ich glaube nicht, dass jemand durch das Fenster gestiegen ist“, flüsterte Eleonora verschwörerisch.

„Das glaube ich auch nicht“, nickte Mister Harris und schnitt mit seinem scharfen Messer in sein Lammsteak.

„Als ich Misses Greenwood besucht habe, konnte ich einfach in das Schloss hineinspazieren. Die Türen waren nicht verriegelt. Es muss also jemand dort eingedrungen und den Ring gestohlen haben, der sich auf Red Side auskennt und wusste, dass er einfach durch die Tür gehen kann“, erklärte Eleonora stolz. „Misses Bianchi“, sagte der Polizist trocken und schluckte sein Essen hinunter. „Es gibt eine Überwachungskamera im Innenhof des Schlosses. Wir haben die Aufnahmen überprüft. Es gab keine Auffälligkeiten auf dem Video.“ Es war erniedrigend, dass es für Eleonoras Verdacht so eine einfache Gegenbestätigung gab.

Er schnitt erneut ein Stück von dem Fleisch ab und stopfte es sich gierig in den Mund. Das Fleisch war noch roh und roch sehr intensiv nach Blut. Eleonora ernährte sich vegetarisch und konnte es nicht ausstehen, wenn jemand in ihrer Anwesenheit Fleisch aß. Ungewollt verzog sie ihr Gesicht.

„Sind Sie sicher?“, stutze sie enttäuscht.

„Ja, Misses Bianchi, ich bin sicher. Ich glaube nicht, dass es in jener Nacht einen Einbruch auf Red Side gegeben hat. Eine Fichte wurde vom Wind entwurzelt und ist durch das Fenster gefallen. Deshalb der Schaden.“ Mister Harris legte sein Messer auf den Tisch und schob es parallel zu seinem Löffel.

„Angeblich wurde ein Juwelenring gestohlen“, protestiere Eleonora. So leicht ließ sie sich nicht abwimmeln.

„Es gibt keine Beweise, dass Misses Greenwood überhaupt jemals in Besitz eines solchen Rings gewesen war. Sie ist eine alte Dame. Und sie ist verrückt. Es ist nicht auszuschließen, dass sie ein wenig senil ist und sich diese Geschichte nur einbildet“, er schob sich das letzte Stück Fleisch in den Mund und kaute darauf herum. „Halten Sie sich am besten von dem Fall fern. Und von der Greenwood“, meinte er und schluckte den letzten Happen hinunter. „Ich verstehe…“, nickte Eleonora. „Verzeihen Sie bitte, dass ich sie gestört habe“, nuschelte sie als Antwort. Der Detective nickte verabschiedend und platzierte seine Gabel parallel neben dem anderen Besteck.

Betreten schlich Eleonora zurück zu Lorenzos Tisch. Eine Überwachungskamera? Sie hatte sich so in diesen Fall hineingehängt, sich tagelang Gedanken gemacht und war sich so sicher, dass Sie mit Ihrer Vermutung richtig gelegen hatte. Und jetzt kam auf, dass es eine Überwachungskamera gab, die bewies, dass es keinen Einbruch gab und Misses Greenwood den gestohlenen Saphir Ring erfunden hatte? Eleonora gab sich nicht damit zufrieden.

Unwissend, dass im Speisesaal des Hotels zur selben Zeit, als Eleonora und Lorenzo sich ihr Abendessen schmecken ließen, nur ein paar Tische weiter, jemand saß, der Eleonora intensiv beobachtet hatte, und auch nicht vorhatte, sie aus dem Visier zu nehmen.

Vollmond. Manche Leute erzählten, dass sie bei Vollmond schlecht schlafen würden und vermehrt Albträume hätten.

Glaubt man zahlreichen Märchen, dann verwandeln sich manche Menschen bei Vollmond zu Werwölfen und verlieren ihren Verstand. Hört man auf das, was uns zahlreiche Sagen und Mythen lehren, können viele Menschen ihre Gefühle und Triebe bei Vollmond nicht bändigen und werden in den Wahnsinn getrieben. Ja, über die Nächte, in denen am Himmel der silberne Vollmond steht und über uns Menschen wacht, hat man schon viele grauenvolle und unerklärliche Geschehnisse gehört. Und so ging es auch Eleonora, die in der Nacht wach lag und sich von einer Seite auf die andere drehte. Sie hatte düstere Gedanken im Kopf über den Einbruch bei Misses Greenwood und ihre Puppen, die laut ihrer Besitzerin gerade im Wohnsalon umhertanzten. Vielleicht gab es doch noch einen der sieben Söhne auf Red Side? Sie zerbrach sich den Kopf über das, was der Kellner Lucas im Cafe zu ihr über Elisabeth Greenwoods Söhne gesagt hatte: „Es gibt Gerüchte, dass seine sechs Geschwister im Keller von Red Side in einem Kerker gefangen gehalten werden.“ Und da schoss es Eleonora in den Kopf:

Vielleicht hat es wirklich keinen Einbruch auf Red Side gegeben. Aber vielleicht einen Ausbruch. Eleonora sah keinen anderen Weg: Sie musste zurück in das Schloss. Gleich am nächsten Morgen.

„Du brauchst einen Vorwand, um zum Schloss zu gehen“, meinte Lorenzo, gar nicht begeistert von Eleonoras Plan. Es war ein Freitagmorgen und das junge Paar saß gemeinsam am Küchentisch und trank den morgendlichen Kaffee. Eleonora hatte ihm gleich nach dem Klingeln des Weckers von ihrem Vorhaben erzählt.

„Was denn für einen Vorwand? Ich laufe mittags hin, zu der Zeit, wenn Misses Greenwood im Cafe Fresh ist. Dann laufe ich durch die Türe hinein und suche den Keller. Außerdem muss ich mir diese Puppen noch einmal genauer ansehen“, Eleonora schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, so euphorisch war sie. Der Kaffee schwappte über.

„Du solltest dir auf jeden Fall einen Vorwand überlegen“, wiederholte Lorenzo und nahm einen Lappen, um den Tisch sauber zu wischen. „Für den Fall, dass die Alte früher nach Hause kommt.“ Seine Stimme klang besorgt. Er machte sich Sorgen um seine principessa. Sie war nicht glücklich in London, fühlte sich ungebraucht, langweilte sich, fand keinen neuen Job und steckte ihre kleine Nase deshalb in Angelegenheiten, die sie gar nichts angingen und seiner Meinung nach nicht ganz ungefährlich waren.

„Na gut. Ich sage einfach, ich möchte die siebte Puppe kennen lernen“, Eleonora zuckte mit den Schultern. Vielleicht hatte Lorenzo Recht.

„Bist du sicher, dass du das nicht doch lieber der Polizei überlassen willst?“, Lorenzo nahm einen großen Schluck von seinem Kaffee.

„Das geht nicht. Dieser Frank Harris hat den Fall aufgegeben und die Greenwood als verrückt abgestempelt. Wenn ich ihm erzähle, dass meiner Meinung nach vielleicht ihre Söhne in Gefangenschaft auf Red Side leben und einer womöglich ausgebrochen ist und auch den Ring gestohlen hat, dann lacht der mich nur aus. Ich mache das selbst.“ Sie stand auf und schob zwei Scheiben Toast in den Toaster.

„Na gut. Aber sei vorsichtig. Und vergiss die Überwachungskamera nicht“, Lorenzo gab seiner Prinzessin einen Abschiedskuss. „Ich muss jetzt zur Arbeit. Ich liebe dich“, verabschiedete er sich und verschwand aus der Küche. Nachdenklich holte sie die heißen Toasts aus dem Toaster. Sie mochte sie heiß und dunkel angebrannt. In Gedanken versunken schmierte sie Butter auf ihr Frühstück und beobachtete, wie die weiße Creme auf dem heißen Toast langsam zerfloss. Nach dem Frühstück erledigte sie ihre Pflichten als Hausfrau und machte sich schließlich gespannt auf den Weg zum Schloss. Doch bevor sie die Wohnungstüre hinter sich schloss, lief sie noch einmal zurück in die Küche. Sie öffnete die oberste Schublade und holte ein scharfes Küchenmesser heraus. Sie schluckte. War das wirklich notwendig? Misses Greenwood war bestimmt eine friedliche Frau. Dennoch fand Eleonora ihren letzten Aufenthalt auf Red Side nicht nur verstörend, sondern auch sehr unheimlich. Sie atmete tief durch und verstaute es vorsichtig in ihrer Manteltasche. So sehr es sie auch nach Abenteuern, nach der Wahrheit und den Geheimnissen von Misses Greenwood und des Schlosses dürstete, ein klein wenig war sie auch unsicher. Unsicher und auch ein bisschen ängstlich. Denn hinter den finsteren Mauern von Red Side gab es noch so einiges, womit selbst Eleonora niemals gerechnet hätte.

4

Eleonora schlich langsam und behutsam die rutschigen, unebenen Treppen zum Schloss hinauf. Mit zittrigen Händen öffnete sie wie beim ersten Mal das schwere Eingangstor zum Innenhof. Sie war wie beim letzten Mal nicht verschlossen und ließ sich mit geringem Kraftaufwand nach innen aufdrücken. Eleonora sah sich aufgeregt um. Keine Misses Greenwood. Sie betrachtete die hohen Mauern. Irgendwo hier musste doch diese Kamera sein. Sie hing an der Dachrinne, über der Stalltür. Das bedeutete, sie filmte nur einen bestimmten Bereich auf dem großen Innenhof. Die Tür zum Wohnbereich von Misses Greenwood wurde nicht gefilmt. Eleonora atmete auf. Vorsichtig öffnete sie die Tür zum Wohnbereich. Der lange, finstere Gang schockte sie erneut. Der muffige, säuerliche Geruch stieg auf. Eleonora holte ihr Handy heraus und schaltete die Taschenlampe an. Das bläuliche Licht erhellte lange nicht den gesamten Gang, doch immerhin spendete es genügend Licht, um ein paar Schritte voraus sehen zu können. Hier die Garderobe. Eleonora überprüfte erneut die Schuhe. Diesmal waren keine Männerschuhe dabei. Das bedeutete, es war sicher niemand außer ihr auf Red Side.

Endlich erreichte sie den Wohnsalon. Hier gab es einen Lichtschalter, Eleonora drückte ihn und der Salon erhellte in dämmrigem Licht. Mein Gott, die Puppen. Da saßen sie. Zu fünft. Drei saßen auf dem Sofa und zwei standen auf dem Tisch. Isabell fehlte. Sie war wohl gerade im Cafe Fresh mit ihrer Großmutter. Und Mirabell fehlte auch. Wo sie aufbewahrt wurde, war wohl Elisabeth Greenwoods Geheimnis. Die Puppen saßen starr auf dem Sofa, es war, als würden ihre Glasaugen jede einzelne von Eleonoras Bewegungen verfolgen. Ihre Häute waren schneeweiß und makellos. Die beiden anderen standen auf dem kleinen Wohnzimmertisch. Direkt nebeneinander, das Gesicht nach vorne zu Eleonora gedreht.

Vorsichtig trat Eleonora an sie heran und setzte sich vor sie auf den Boden. Es war still hier im Wohnbereich, es herrschte auf ganz Red Side eine unheimliche, kühle Stille. Das einzige, was man hören konnte, war Eleonoras Atem, der laut war, aufgeregt und stockend. Ihr Blick wanderte erneut zu den Puppen. Sie waren so makellos, zu perfekt. Eleonora streckte die Hand aus, um ihr die schwarzen Haare aus dem Gesicht zu streichen und um ihre hellblauen Augen besser sehen zu können. „Du siehst gruselig aus, weißt du das?“, flüsterte sie und nahm sie auf ihren Arm. „Gruselig, und doch faszinierend.“ Andächtig strich sie über das rote Samtkleidchen.

Einen Moment lang versank Eleonora in den Augen der Puppe, der eingefrorene Blick fesselte sie. Dann schauderte sie, stellte sie schnell wieder zurück. Meine Güte. Hatte sie gerade wirklich mit der Puppe gesprochen? Sie zupfte das Kleid des Mädchens wieder zurecht. Plötzlich ertönte ein lauter Gong, Eleonora fuhr zusammen. Die große Uhr mit dem Pendel schlug zur vollen Stunde. Eleonora musste sich beeilen. Sie musste einen Keller finden.

Sie lief im Wohnbereich des Schlosses umher, doch es gab weder eine Kellertreppe, noch eine Leiter, die nach unten in den Boden führte. Eleonora war bereits im Badezimmer, in der Küche und im Wohnsalon gewesen. Die Räume waren alle miteinander verbunden, in jedem Zimmer gab es mehrere Türen, die in weitere Räume führten. Red Side war ein echter Irrgarten, und Eleonora musste sich konzentrieren. Die meisten Räume waren aber nicht bewohnt, sie waren vollgestellt mit Möbeln, über die Leinen gehängt worden waren, sie waren staubig, dunkel oder gar leer. Der Boden knarzte bei jedem Schritt unter den Füßen.

Jetzt fehlte nur noch das Schlafzimmer. Doch auch hier gab es keine Treppe, die in einen Keller führte. Genervt verdrehte sie die Augen. Eleonora wurde müde, dieses kleine Abenteuer kostete sie viel Kraft, sie fühlte sich unwohl und war unzufrieden, weil sie einfach nicht das fand, wonach sie suchte. Sie nahm sich einen kurzen Moment für sich, um einen klaren Kopf fassen zu können und erlaubte sich, sich kurz auf das alte Himmelbett von Elisabeth Greenwood zu setzen. Die unheimliche Stille wurde durch einen plötzlichen Knall durchbrochen. Erschrocken zuckte Eleonora zusammen. Es war ein dumpfes Geräusch, als hätte jemand eine Türe zugeschlagen. Es war nicht von draußen, es war nicht weit fort, kam aus dem Wohnsalon. Eleonora sprang auf. Elisabeth Greenwood musste zurück sein. Vorsichtig steckte Eleonora ihren Kopf durch die Tür. Niemand war zu sehen. Der ganze Wohnsalon war ruhig. Erleichtert atmete Eleonora auf. Das Geräusch war wohl doch von draußen gekommen. Sie setzte sich erneut auf das alte, schwere Bett und ließ den Kopf in die Hände sinken. Sie hatte nicht das gefunden, was sie gesucht hatte.

Womöglich hatte Frank Harris Recht gehabt. Es hatte weder einen Einbruch noch einen Ausbruch auf Red Side gegeben und die alte Greenwood war einfach nur eine Verrückte, die sich vermutlich mehr einbildete und ausdachte, als sie tatsächlich noch raffte.

Sie lehnte sich zurück auf das alte, muffige Kissen. Doch sie fuhr sofort erschrocken hoch, denn etwas drückte sie in den Nacken. Vorsichtig hob Eleonora das schwere Kissen in die Höhe. Im Schatten des Hirschkopfes über dem Bett lag ein kleiner Gegenstand. Verwirrt musterte Eleonora ihren Fund. Was lag da unter dem Kopfkissen? Es war ein Schlüssel. Ein rostiger, verzierter Schlüssel mit Schnörkel. Eleonora hob ihn auf und ließ ihn durch ihre kalten Finger gleiten. Er war groß, schwer. Es war keineswegs ein Schlüssel für einen Schrank oder eine Truhe. Mit diesem Schlüssel sollte eine Türe oder ein Tor geöffnet werden, ein Verließ oder ein Gitter. Und was auch immer man mit diesem Schlüssel aufschließen konnte, Misses Greenwood wollte nicht, dass es jemals so weit kommt. Denn er war gewiss nicht ohne Grund unter ihrem Schlafkissen versteckt.

Ein leises Knarzen ertönte auf einmal. Ein Keuchen. „Was hast du denn hier zu suchen?“, krächzte plötzlich eine Stimme, laut und nah.

Eleonora fuhr erschrocken zusammen, drehte sich augenblicklich um. Und da stand sie, am Fußende des Bettes, als hätte die Teufelshand sie gemalt: Elisabeth Greenwood. Im dämmerigen Licht blitzte ihr Glasauge unheimlich aus dem grauen, faden Gesicht, die Warze prankte auf der Wange, ihre trockenen Lippen zu einem schmalen Strich des puren Zorns gezogen. Das Kopftuch schütze ihre grauen, feinen Haare, die wie die Weben einer Spinne an ihrem Kopf umherflogen, die Kleider zerfetzt, alt und muffig. Eleonora schluckte, wich ängstlich zurück und erhob sich erstarrt von dem Bett.

„Misses Greenwood, Sie haben mich erschreckt“, flüsterte sie, der Atem stockte.

Die Alte tat wortlos ein paar zitternde Schritte auf sie zu, kam immer näher, langsam, grummelnd.

Mit ihren weißlichen Augen hatte sie Eleonora fixiert wie eine Schlange eine kleine, zitternde Maus, die sie gleich mit einem Bissen töten und verschlingen würde. Eleonora griff instinktiv in ihre Manteltasche, fühlte nach dem Küchenmesser. Sie spürte es in der Brusttasche und ihre Finger umgriffen es so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden.

„Du bist erneut in mein Schloss eingedrungen, ohne Einladung“, murrte Misses Greenwood. „Was hast du hier zu suchen, Eleonora?“ Den Namen sprach sie so gehässig aus, zischte ihn durch ihre vergoldeten Zähne.

„Ich… Ich wollte Sie nur besuchen“, zitterte Eleonora. Misses Greenwood kam immer näher auf sie zu, Eleonora stand bereits mit dem Rücken an die Wand gedrückt. „Und… Und ihre siebte Puppe kennen lernen!“, fiel ihr da ein. Die Puppen waren für die Alte bisher immer ein gutes Thema gewesen, Eleonora betete, flehte im Stillen, dass sie sie damit ablenken konnte. „Wissen Sie noch, Misses Greenwood, sie haben mir vor ein paar Tagen Isabell vorgestellt und ihre Freundinnen. Aber die Schwester habe ich noch nicht kennen gelernt. Wie hieß sie noch? Annabell?“, stockte Eleonora und die alte Frau blieb stehen.

„Ihr Name ist Mirabell.“, antwortete sie ohne ihren ungebetenen Gast aus den Augen zu lassen.

„Du bist nun schon zum zweiten Mal unerlaubt in meinem Schloss“, krächzte sie weiter. „Und bevor du mich das erste Mal besucht hast, wurde mir ein Ring gestohlen, Eleonora“, die Alte legte ihren Kopf schief und grinste unheimlich. Meine Güte, Elisabeth Greenwood hielt Eleonora für den Einbrecher. Sie dachte, sie hätte den Ring gestohlen.

„Misses Greenwood, ich habe mit dem Einbruch in jener Nacht nichts zu tun“, wimmerte Eleonora, immer noch das Messer fest umgriffen.

Misses Greenwood nickte und schwieg. „Du bist zu einem Raub nicht fähig“, raunte sie. „Du hast Angst. Angst wie eine kleine Maus.“

Jetzt war es Eleonora, die stumm nickte.

„Du willst nur die Puppen kennen lernen, damit du dein Buch schreiben kannst“, fuhr die Alte fort.

„Genauso ist es“, antwortete Eleonora und ließ endlich das Messer los. Ihr Herz raste wie verrückt.

„Mirabell ist verletzt. Der Einbrecher hat sie zerstört. Sie ist im Wohnsalon. Komm mit, Kindchen.“

Misses Greenwood drehte sich langsam auf ihren dünnen Beinen um und verließ das Schlafzimmer. Eleonora atmete auf. Diese Frau kann einem wirklich Angst machen, dachte sie verstört und folgte ihr in den Wohnsalon.

Misses Greenwood stand vor dem einzigen Schrank im Wohnsalon, er war groß, schwer und aus massivem Holz gefertigt. Sie öffnete mit ihren dürren, knochigen Fingern die quietschende Schranktür und holte eine Schatulle heraus.

„Hier ist sie“, nun lächelte Misses Greenwood und überreichte Eleonora feierlich die rote Schatulle, die über und über mit Muscheln beklebt war. Eleonora hob den Deckel an, dessen Schatten sich langsam von dem Gesicht der Puppe abhob. Eleonora schrie entsetzt auf, wollte die Schatulle am liebsten sofort wieder verschließen. „Das ist Mirabell, meine andere Enkelin“, nickte Elisabeth Greenwood.

Die Porzellanpuppe war das Ebenbild des absoluten Grauens. Schneeweiße, eiskalte Haut. Blonde Engelshaare, makellos frisiert und ein weißes, glänzendes Kleid. Oben auf dem Kopf saß eine rote Schleife, fein drapiert auf dem blonden Haar.

„Sie war einst wunderschön und perfekt, doch jetzt ist sie zerstört von der Hand des Einbrechers, von der Hand, der sie töten wollte und mir meinen Ring gestohlen hat. Du erkennst ganz klar das zerbrochene Gesicht, welches zwischen den Augen vollständig aufgerissen ist. Sie hat bei dem Unfall ihr linkes Auge verloren. Ich wollte ihr dort eine Murmel einsetzen, habe aber noch nicht die passende gefunden“, seufzte die alte Frau.

„Sie sieht tatsächlich genauso aus wie Isabell“, stellte Eleonora fest. „Wo haben sie die beiden gekauft?“

„Nun, Kindchen, man kann die Mädchen nicht kaufen, man kann sie lediglich adoptieren. Mirabell habe ich schon seit ich selbst noch jung war. Ich habe sie in einem Antiquitätenladen hier in London gekauft. Der Händler meinte, sie sei ein absolutes Einzelstück aus Japan, ein echtes Unikat. Und vor einigen Jahren geschah das Unfassbare: Hier in London, am Rande des Gloomy Forest gab es einen Zirkus. Den Zirkus Magic. Ich ging jeden Sonntag in eine Vorstellung. Es gab Clowns, Artisten, wilde Tiere und eine Puppenspielerin. Ich habe die Shows geliebt. Doch dann ist der Zirkus pleite gegangen… Und die Besitzer veranstalten einen Flohmarkt. Ich habe viele Dinge dort gekauft, weil mich die Shows so begeistert hatten und mich so verzaubert hatten, ich wollte nie wieder ohne diesen Zirkus leben. Unter anderem habe ich auch eine Puppe gekauft. Isabell. Und sie sieht ganz genauso aus wie ihre Schwester, Mirabell. Und ich habe sie beide gefunden, hier in London. Oder besser gesagt, sie haben mich gefunden. Was für ein Zufall das war!“ Misses Greenwood hatte sich mittlerweile auf das Sofa gesetzt, sie saß da, mit einem Lächeln, versunken in ihre Geschichte. „Wie konnten Sie die beiden Puppen auseinanderhalten?“

„Nun, ich habe Isabell eine blaue Haarschleife ins Haar gebunden. Und Mirabell eine Rote. Nur so konnte ich sie all die Jahre unterscheiden. Doch nun ist es ein Kinderspiel, die beiden zu identifizieren. Mirabell hat ein Glasauge und ein gespaltenes Gesicht. Und Blut am Rücken.“

Blut am Rücken? Eleonora hob das kaputte Mädchen aus der Schatulle und drehte sie vorsichtig um. Das weiße Kleidchen war am Rücken dunkelrot.

Eleonora verzog angewidert das Gesicht und sah hilfesuchend zu Misses Greenwood. Sie nickte traurig. „Ja, mein Schätzchen hat sehr viel Blut verloren, als der Einbrecher hier war und ihr Gott weiß was antun wollte.“

Ein paar quälende Minuten der Stille verstrichen. Eleonora spürte den Ekel in sich aufsteigen, ihr Magen schien sich umzudrehen. Das hier war sicher alles nur Einbildung oder ein böser Albtraum. Gleich würde sie aufwachen und dann würde alles wieder gut werden.

„Die Wahrheit ist… Sie braucht eine neue Mami. Ich habe sieben Mädchen in meinem Schloss um die ich mich kümmern muss. Da bleibt keine Zeit mehr für ein Mädchen mit Behinderungen. Sie sieht kaum noch, kann ihren Kopf nicht bewegen. Ich habe sie in diese Schatulle gelegt, damit ihr nichts passiert. Eleonora, ich möchte, dass du sie an dich nimmst und dich um sie kümmerst“, Misses Greenwood lächelte.

Die Puppe mit nach Hause nehmen? Niemals, dachte Eleonora entschlossen. Unter keinen Umständen.

„Das ist wirklich sehr nett, Misses Greenwood, doch ich habe keine Zeit für … ein Baby“, stotterte Eleonora und versuchte ein Lächeln.

„Ich bestehe darauf, Eleonora! Es hat sich selten jemand so für die Mädchen interessiert wie du. Du wärst eine gute Mami für meine Mirabell. Nimm sie mit und kümmere dich um sie!“, Elisabeth Greenwood war laut geworden, ihr Ton streng. Sie war fest davon überzeugt, ihr die Puppe zu schenken. Eleonora nickte brav und zauberte ein künstliches Lächeln. Sie würde die Puppe einfach mitnehmen und zu Hause in den Keller räumen. Auf keinen Fall würde sie diese grauenvolle, kaputte Puppe mit Blut am Rücken und einer Murmel in der leeren Augenhöhle bei sich zu Hause aufs Sofa setzen und mit ihr Tee trinken.

Elisabeth Greenwood machte die Schatulle behutsam zu und überreichte sie feierlich der entsetzten Eleonora, die sich daraufhin verabschiedete und sich schon überlegte, die Puppe doch lieber gleich weg zu werfen.

Als Eleonora die Wohnungstüre hinter sich schloss, blieb sie erst einmal einen Moment im Hof stehen. Sie atmete tief durch, ihre Beine waren noch ein wenig zittrig. „Verrückte alte Hexe!“, murmelte sie. Ihr Blick wanderte durch den Red Side Hof, dessen Boden schon ganz schlammig war vom vielen Regen. Die große Uhr im Turm gongte laut und schallte durch die gesamten Mauern des Schlosses. Da wanderten Eleonoras Augen am Turm entlang. Dort gab es ein winziges Fenster. Eleonora musste genau hinsehen, sie erschrak, als sie dort einen Menschen entdeckte. Einen Mann. Sein Blick wanderte wachsam über den Hof, erspähte Eleonora und wich sofort vom Fenster zurück. Eleonora zuckte, überlegte nicht lang, nahm die Beine in die Hand und rannte augenblicklich auf den Turm zu. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. War es ein gefangener Sohn? Oder stand da oben der Polizist Frank Harris, der doch noch ein paar Dinge überprüfte? Oder war es gar der Einbrecher, der nur auf seine nächste Chance von hier oben aus lauerte? Eleonora rannte die hölzerne Treppe nach oben, ganz nach oben. Irgendwo hier musste der Mann doch sein. Der Glockenschlag wurde lauter, Eleonoras Puls erhöhte sich, die Treppenstufen knarzten unter ihren Füßen, die sich schnell und zielsicher nach oben bewegten. Vorbei an dem Fenster, sie lief so schnell sie konnte. Keuchend kam sie oben an, genau in dem Moment, als die Glocke ihren letzten Gong läutete. Der Schall war ungeheuer laut und drang noch Sekunden später unangenehm in Eleonoras Ohren nach. Und da stand er, tatsächlich. Ein fremder Mann. Gut gebaut, mittlernen Alters. Er lehnte an der Turmmauer mit dem Gesicht zu Eleonora.

„Wir hatten schon lange keinen Besuch mehr hier auf Red Side“, meinte er, als der Gongschlag der Glocke vollständig verstummt war.

„Ich habe Misses Greenwood vor einigen Wochen kennen gelernt“, schnaufte Eleonora, brannte darauf, ihm unendlich viele Fragen zu stellen und so schoss es ihr zeitgleich mit dem Mann aus dem Mund: „Wer sind Sie?“ Der Mann schmunzelte. Sein Gesicht wirkte freundlich, braunes Haar, einen Dreitagebart.

„Richard Walker, der Sohn von Elisabeth Greenwood“, er tat ein paar Schritte auf die verdutzte Eleonora zu und reichte ihr höflich die Hand. Der Sohn? Eleonora konnte es nicht fassen. „Ich bin Eleonora Bianchi und ich habe unglaublich viele Fragen an Sie, Mister Walker“, antwortete sie und lehnte sich an die Mauer. Sie war immer noch völlig erschöpft.

„Nenn mich Richard, Eleonora. Und natürlich, du darfst mir gerne ein paar Fragen stellen. Das würden vermutlich gerne mehrere Leute tun“, zwinkerte er. „Doch vielleicht tun wir das irgendwo, wo es nicht ganz so ungemütlich ist.“

5

Dieses Mal gab es im Cafe Fresh keine Cupcakes für Eleonora, sondern einen Teller mit Sandwiches und Pommes. Sie hatte unglaublichen Hunger, dieser Tag war schon viel zu lang, viel zu verrückt und viel zu anstrengend. Am Morgen hätte sie nie gedacht, dass sie am Nachmittag noch mit Richard Walker, dem Sohn von Misses Greenwood, der alten Red Side Hexe, ein paar Pommes im Cafe Fresh futtern würde. London steckte eben voller Überraschungen.

„Darf ich jetzt mit meinem Verhör beginnen?“, lachte Eleonora. Am liebsten hätte sie einen Notizblock herausgeholt und alles festgehalten und zusätzlich noch mit einem Diktiergerät aufgenommen. Die beiden hatten sich einen schönen Zweiertisch am Fenster gesucht.

„Du darfst. Aber für jede Frage die du mir stellst, darf ich auch etwas fragen“, meinte Richard und klaute sich Pommes von Eleonoras Teller. Er selbst hatte sich nur einen Kaffee bestellt.

„Das klingt fair“, Eleonora nickte und steckte sich ebenso Pommes in den Mund. „Also, meine erste Frage ist, wohnst du auf Red Side?“

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf und schluckte seine Pommes runter. „Ich wohne schon seit vielen Jahren mit meiner Frau und meinen zwei Kindern und meinen zwei Katzen in einem schönen Apartment hier in London.“ Er lächelte, als er von seiner Familie erzählte.

Das war eine sehr mustergültige Antwort, fand Eleonora. Elisabeth Greenwood lebte wohl tatsächlich ganz alleine in ihrem riesigen Schloss. Naja, ganz alleine ist sie ja nicht, dachte Eleonora. Immerhin hat sie ja stets ihre Puppen bei sich.

„Ich bin dran“, grinste Richard sofort und wackelte mit den Augenbrauen. Auch er schien neugierig zu sein und hatte wohl schon einige Fragen parat, die er Eleonora stellen wollte. „Wieso warst du bei Mutter im Schloss? Du weißt hoffentlich, dass sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hat?“, er verdrehte theatralisch die Augen. „Auf Red Side gibt es eigentlich nie Besucher.“

„Weiß ich“, kicherte Eleonora. „Aber ich habe von dem Einbruch erfahren. Und dass ein Ring geklaut wurde. Das hat mich neugierig gemacht“, erklärte Eleonora.

Richard nickte stumm. Passte es ihm nicht, dass Eleonora von dem Juwelenring wusste? Vorsichtig fuhr Eleonora fort: „Ich habe vor kurzem den Detective Frank Harris kennen gelernt… Es scheint mir, als ob er deine Mutter als verrückt abgestempelt hat und jetzt nichts mehr unternehmen will. Das finde ich nicht fair. Also bin ich selbst zum Schloss… Ich wollte einfach noch ein paar Dinge überprüfen, verstehst du?“ Eleonora hoffte, nicht zu aufdringlich zu klingen. Unsicher lächelte sie und malte mit einem Pommes Linien durchs Ketchup auf ihrem Teller.

Richard schien sich mit dieser Antwort zufrieden zu geben. Entspannt zupfte er sein dunkelblaues Hemd zurecht. „Der Einbruch hat uns alle schockiert. Schon komisch, dass der Detective nichts weiter unternimmt. Der Ring ist schon seit mehreren Generationen in Familienbesitz… Ich hoffe sehr, dass er wieder auftaucht…“

„Das kann ich gut verstehen. Dieser Frank Harris kam mir sowieso schon die ganze Zeit komisch vor“, lachte Eleonora und zuckte die Schultern. Doch sie wollte nicht vom Wesentlichen abkommen, sie hatte noch so viele Fragen an diesen Richard Walker.

„Und wo leben deine Brüder? Und wie viele sind es?“, bohrte sie deshalb weiter. Gespannt legte sie ihr Sandwich auf den Teller. Sie brannte auf die Antwort. Ob die Gerüchte der sieben Söhne auf Red Side stimmten?

„Ich habe sechs Brüder. Ich bin der Älteste. Und sie sind alle ausgezogen von zu Hause. Manche leben in London, manche sind weiter weggezogen. Momentan ist mein Bruder Moby in der Gegend, er möchte Mama besuchen. Ich komme gelegentlich vorbei. Aber meine Besuche verringern sich. Es ist nicht schön, zu sehen, wie es mit Mutter bergab geht.“ An den Gerüchten schien also doch etwas Wahres dran zu sein. Es gab tatsächlich sieben Söhne, die Misses Greenwood hatte. Und Richard war der Älteste. Doch man erzählte sich, dass die anderen sechs Söhne in einem Gefängnis auf Red Side versteckt gehalten werden. Eleonora rümpfte die Nase. Diese Schauergeschichten waren doch bestimmt nur erfunden worden, um Elisabeth Greenwood zu verspotten. Eleonora beschloss, Richards Erzählungen zu glauben.

„Heute war ich nur kurz da, um mich zu vergewissern, dass sonst nichts von Red Side gestohlen wurde. Dass der Saphir Ring weg ist, ist schon ein Jammer. Das Ding ist so viel wert wie mein ganzes Apartment“, fuhr Richard fort und verzog den Mund. „Jetzt habe ich noch eine letzte Frage an dich, liebe Eleonora. Was schleppst du da mit dir rum?“ Er deutete auf die Schatulle. Die Schatulle, die mit Muscheln besetzt war und in der die grausige Mirabell lag. Eleonora schämte sich plötzlich sehr und hatte Angst, Richard die Wahrheit zu sagen. Ob sie lieber eine kleine Notlüge erfinden sollte, damit er sie nicht für gestört hielt? Eleonora holte tief Luft. Sie würde ihm die Wahrheit sagen. Immerhin war er auch ehrlich zu ihr und gab ihr alle Antworten, die sie wissen wollte. Richard war ein sympathischer Mann, der vertrauenswürdig zu sein schien.

„Deine Mama sammelt Puppen“, begann sie.

„Das weiß ich…“, Richard verzog das Gesicht. Er schien im Gegensatz zu seiner Mutter keine Leidenschaft für die Porzellanpuppen zu hegen.

„Wie viele hat sie denn mittlerweile?“, fragte Richard besorgt. Er schien die Sammlung seiner Mutter offensichtlich gar nicht zu unterstützen.

„Sieben. Eine hat sie immer mit dabei. Die, mit der blauen Schleife im Haar. Sie heißt Isabell. Sie sagt, es sei ihre Enkelin.“

„Ich weiß. Die hat sie schon sehr lange. Aber früher waren es nur zwei. Isabell und Mirabell.“

„Die Wahrheit ist… In der Schatulle da liegt Mirabell. Deine Mutter hat sie mir gegeben.“ Eleonora griff nach der Schatulle und legte sie auf den Tisch. Vorsichtig schob sie ihren Teller zur Seite, hob den Deckel der Schatulle. Vorsichtig warf Richard einen Blick hinein.

„Igitt! Die hat ja der Teufel geholt“, lachte er. Doch dann verfinsterte sich sein Gesicht. „Diese Puppen haben meine Mutter wahnsinnig gemacht. Ich möchte ehrlich zu dir sein, Eleonora… Ich habe manchmal das Gefühl, dass mit denen irgendwas nicht stimmt. Gruselig, oder?“, sein Ton klang besorgniserregend. Sein Blick schien sich nicht mehr von dem kleinen Mädchen lösen zu können. Ihr Blick war starr nach oben gerichtet. Ihr Lächeln eingefroren, die Haut kalt wie Eis. Die leere Augenhöhle schien unendlich tief ins Innere ihres Kopfes zu gehen. „Ich weiß genau, was du meinst. Deine Mama sagt, sie werden nachts lebendig.“ Eleonora schluckte.

„Na, dann würde ich die hier ganz schnell in den nächsten Müllcontainer schmeißen“, witzelte Richard und Eleonora musste mitlachen. Sie mochte Richards ironische, direkte Art und sie mochte es, dass er so offen und ehrlich mit ihr sprach. Eleonora legte vorsichtig den Deckel auf Mirabells Schatulle und ließ sie unter dem Esstisch verschwinden.

Richard nahm einen großen Schluck von seinem Kaffee und sah auf seine protzige Armbanduhr. „So spät ist es schon? Liebste Eleonora, ich muss jetzt leider zu meiner Frau und zu meinen Kindern. Heute wollen wir nämlich einen Filmeabend machen und ich muss noch die Chips besorgen“, er stand auf und klaute sich noch ein Pommes vom Teller.

„Kein Problem, danke dass du dir so viel Zeit genommen hast“, lächelte Eleonora.

„Darf ich dich noch nach Hause bringen?“, fragte Richard. Eleonora sah aus dem Fenster. Draußen regnete es und es schien windig zu sein. „Das wäre nett“, antwortete sie deshalb. „Kein Problem. Und vergiss die Puppe nicht“, meinte Richard und deutete grinsend unter den Tisch.

Dann fuhr er Eleonora in seinem kleinen Sportwagen durch den Londoner Regen nach Hause zu ihrer Wohnung, wo bestimmt Lorenzo schon auf sie wartete.

„Liebste Eleonora, es war schön, dich kennen lernen zu dürfen. Ich wünschte nur, es wäre unter anderen Umständen passiert. Melde dich doch, wenn du mal wieder Lust hast, jemanden auszuquetschen“, zwinkerte er und gab ihr seine Visitenkarte.

„Das mache ich bestimmt“, lachte Eleonora und stieg aus. Richard war ein richtiger Charmeur. Nicht zu aufdringlich, dennoch aufmerksam. Sie blieb so lange im Regen stehen, bis die roten Lichter des Sportwagens in der Dunkelheit verschwunden waren.

Eleonora trottete die vielen Stufen nach oben in ihre Wohnung. Sie hatte den ganzen Nachmittag über im Cafe Fresh vergessen, dass sich in ihrer Manteltasche noch das Küchenmesser befand. Das Küchenmesser, und noch etwas. Der Schlüssel aus Misses Greenwoods Schlafzimmer, dessen Zugehörigkeit noch ein Geheimnis seiner Eigentümerin war. Die Wohnung war noch leer, Lorenzo war wie so oft noch nicht zu Hause. Eleonora war genervt. Bis er die Wohnung betreten würde, war sie vermutlich schon längst im Bett und schlief. Den mysteriösen Schlüssel würde sie erst einmal in der Manteltasche lassen. Lorenzo musste immerhin nicht alles wissen.

„Und nun zu dir, Mirabell“, meinte Eleonora angeekelt und nahm die Schatulle. Wo sollte sie die nur hintun? In den Keller wollte sie jetzt auch nicht mehr, es war schon spät und es war dunkel. Dort unten gab es meist kein Licht und von dunklen Räumen hatte sie nach dem heutigen Tag wirklich mehr als genug. Sie ging ins Schlafzimmer und hob die Schatulle auf den Schrank. Lorenzo sollte nichts von der Puppe erfahren. Sie würde sie gleich morgen in den Keller hinunterbringen.

Nach einer heißen Dusche, unter der Eleonora all die Geschehnisse des Tages noch einmal revue passieren ließ, schlüpfte sie todmüde ins Bett. Alleine, wie so oft. Er hätte wenigstens anrufen können. Oder eine kurze Nachricht schreiben können, dachte Eleonora wütend. Ihr Blick wanderte durch das Schlafzimmer. Immer, wenn Eleonora alleine einschlafen musste, zündete sie zuvor ein paar Kerzen an. Denn wenn es ganz dunkel war, konnte sie nicht einschlafen. Sie beobachtete die flackernden Lichter, die beruhigend warm zu ihr herüber schienen. Ihr Blick fiel auf die Schneiderpuppe, die neben der Tür stand. Diese war aktuell stolzer Träger ihres Hochzeitskleides. Es war so schön. Es war strahlend weiß und im sanften Kerzenlicht schimmerten die vielen kleinen Swarowski-Steinchen noch mehr als bei Tageslicht. Dann sah sie auf den Schrank hinauf zur Schatulle. Da lag also eine Puppe oben. Mirabell. Eingebettet wie in einem Sarg. Warum nur war ihr das so unangenehm? Eleonora drehte sich von einer Seite auf die andere. Was, wenn dieses Ding wirklich nachts auf eine gewisse Art und Weise lebendig wurde? Nein, völliger Unsinn.

„Mio dio! Jetzt reiß dich mal zusammen!“, schimpfte Eleonora sich selbst.

Hoffentlich würde Lorenzo bald nach Hause kommen. Bald würde er da sein und sich neben sie legen und auf sie aufpassen.

Nein, Eleonora konnte nicht einschlafen. Sie stand auf, knipste das Licht an und holte diese verdammte Schatulle vom Schrank. Aus dem Wohnzimmer holte sie schnell dickes, stabiles Paketband. Sie umwickelte die gesamte Schatulle damit, als wäre eine Bombe darin. Kreuz und quer, Hauptsache sie war irgendwie verschlossen.

„Principessa?“, hörte sie da Lorenzo rufen. „Eleonora? Bist du zu Hause?“

Mist. Er kam jetzt wirklich zu einem ungünstigen Zeitpunkt.

„Im Schlafzimmer!“, rief sie und schob die verschlossene Schatulle in ihrer Not schnell unter Lorenzos Bett. Gerade noch rechtzeitig, denn Lorenzo kam gerade ins Schlafzimmer gestiefelt.

„Wie war dein Tag? Bist du in dem Schloss gewesen?“, fragte er und ließ sich aufs Bett plumpsen.

„Ja, ich bin im Schloss gewesen“, antwortete Eleonora und setzte sich auf seinen Schoß. Hoffentlich würde er keine weiteren Fragen stellen. Ihm würde es weder gefallen, dass sie eine entstellte Puppe mit nach Hause gebracht und unter dem Ehebett versteckt hatte, noch dass sie den Nachmittag im Cafe Fresh mit Richard Walker, einem fremden, attraktiven Mann verbracht hatte. Lorenzo war ein sehr liebevoller Mensch, kümmerte sich stets um alles, worum ihn seine Prinzessin bat und hatte einen wirklich gutmütigen Charakter. Doch er konnte sehr besitzergreifend sein, sehr stur und wenn es um Eleonora ging, die sich in ein gefährliches Abenteuer ritt, würde er keinerlei Verständnis zeigen können. Das junge Paar war sehr temperamentvoll, beide konnten sehr dickköpfig sein, und wenn es zwischen den beiden mal zum Streit kam, dann flogen die Fetzen so richtig. Eleonora strich ihrem Verlobten durch die schwarzen, dichten Haare.

„Wie war die Arbeit?“, fragte sie, um ihn davon abzuhalten, weiter nach ihrem Tag zu fragen.

Lorenzo lag am Morgen noch im Bett, als seine Prinzessin schon am Herd stand und Spiegeleier briet. Sie sah müde auf die Uhr. Fünf Uhr morgens. Sie wollte ein richtig schönes Frühstück für ihren Schatz zaubern, und ausgiebig mit ihm frühstücken. Er fehlte ihr so, nie hatte er Zeit. Und wenn er eben abends keine Zeit mehr für ein gemeinsames Essen hatte, dann würde er sich ab sofort in aller Früh mit ihr an einen Tisch setzen müssen und mit ihr frühstücken müssen. Und wenn das bedeutete, sie musste um fünf Uhr morgens aufstehen. Außerdem war das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages, und heute war es besonders wichtig, gut gestärkt in den Tag zu starten. Lorenzo hatte eine Konferenz und auch Eleonora hatte Pläne: Heute würde sie endlich beginnen, ihr Buch zu schreiben. Sie hatte von der Greenwood so viele Informationen bekommen, und Richard Walker hatte ihr gestern die noch fehlenden Puzzleteile auf einem Silbertablett serviert. Sie musste sich nur noch an ihren Bürotisch setzen und starten.

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Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
25 maja 2021
Objętość:
271 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783962298531
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