Czytaj książkę: «Kapitäne!»

Czcionka:

KAPITÄNE!

Glaube, Liebe, Hoffnung:

Seeleute erzählen ihre besten Geschichten

Originalausgabe, September 2019

Alle Rechte vorbehalten

© 2019 by Ankerherz Verlag GmbH, Hollenstedt

© Texte: Stefan Kruecken

© Fotografie: Ankerherz Verlag GmbH, Andree Kaiser

S. 72/73 picture alliance/associated press, Alessandro Fucarini

S. 148/149 imageBROKER/Alamy Stock Foto, Kerstin Langenberger

Gestaltung und Satz: Daniela Greven, Berlin

Lektorat und Korrektorat: transmit-Deutschland GmbH & Co. KG

Ankerherz Verlag GmbH, Hollenstedt

info@ankerherz.de

www.ankerherz.de

ISBN: 978-3-945877-29-6

eISBN: 978-3-945877-80-7

KAPITÄNE!

GLAUBE, LIEBE, HOFFNUNG:

Seeleute erzählen ihre besten Geschichten


INHALT

WAS WIR VON ALTEN KAPITÄNEN LERNEN KÖNNEN

Stefan Kruecken, Ankerherz

GLAUBE

PITERAQ

Friedhelm von Staa, Cuxhaven

MISSISSIPPI

Dietmar Froböse, Nordheide

NORDSEESTURM

Michael Nicolaysen, Hamburg

DIE STILLEN TAGE VON LOBITO

Arno Schermer, Insel Föhr

LETZTE REISE

Stefan Schmidt, Lübeck

CHARLY, MEIN CHARLY

Hommage an Charly Behrensen, Cuxhaven

LIEBE

MELODY BAR

Horst Hahn, Travemünde

MANN ÜBER BORD

Dietrich Heinz, Bremen

FRAU KAPITÄNIN

Nicole Langosch, Hamburg

AUF GRUND VOR NEW YORK CITY

Peter Rößler, Hamburg

DAS VERSPRECHEN

Günther Mundt, Bremen

WILDWEST IN DER BISKAYA

Hauke Mack, Hamburg

DER BLINDE PASSAGIER

Volker Busenbender, Hamburg

KAPITÄN MUT

Historisch: Stephan Jantzen, Rostock

HOFFNUNG

PAMIR

Peter Burhorn, Bremerhaven

GESTRANDET IN WALES

Peter Dose, Heide

SANKT PAULI NACH FINKENWERDER

Jens Mielke, Hamburg

IM MORS AUF DER BERINGSEE

Wilm Schröder, Buxtehude

KEIN SCHIFF WIRD KOMMEN

Klaus Ricke, Finkenwerder

DAS SCHLIMMSTE SCHIFF DER WELT

Jonny Roggendorf, Buxtehude


WAS WIR VON KAPITÄNEN LERNEN KÖNNEN

Für den alten Kapitän, den ich in Schleswig traf, muss unser Gespräch eine Qual gewesen sein. Seine Geschichte handelte von einer schweren Explosion im Laderaum seines Frachters, weit draußen auf dem Golf von Mexiko. Ein Feuerball stieg auf in die Nacht. Dem Kapitän blieben nur Augenblicke, um eine Entscheidung zu treffen, die ihm und zwei Dutzend Männern das Leben rettete.

Er setzte ein „Mayday“ ab und gab Befehl, sofort in die Rettungsboote zu steigen. Wenig später sank das Schiff in einem Inferno. Die Crew konnte sich nach einer Irrfahrt auf eine Ölbohrplattform retten.

Dennoch hatte der Kapitän im Interview ein Problem. Er wollte unbedingt einen Eindruck vermeiden: dass seine Aussagen prahlerisch klangen, auch nur ein bisschen angeberisch, oder dass er sich selbst großmachte. Dieser Gedanke war für ihn unerträglich. Und so saß Kapitän Lunau, ein schrankartig gebauter Seemann mit Glatze und durchdringendem Blick, an diesem Tisch, rührte in seinem Tee und sagte:

„Manchmal ist man als Kapitän so einsam, wie man nur einsam sein kann.“

Ich habe im Laufe der Jahre mehr als einhundert alte Kapitäne interviewt, doch dieser Satz stand immer heraus. Er bringt so viele Dinge auf den Punkt, die sich auf andere Bereiche des Lebens übertragen lassen.

Unsere Bücher mit den Abenteuern alter Kapitäne fanden großes Echo. „Ein frommes Buch“, urteilte der Rezensent der Kirchenzeitung „Der Protestant“, trotz der Rotlichtgeschichten, und auch die Redaktionen des SPIEGEL, der ZEIT oder des Fernfahrers lobte die Geschichten. Leser schreiben uns, dass sie sich und Probleme ihres Alltags darin wiederfinden. Sie schreiben auch, dass sie etwas von den alten Kapitänen gelernt haben.

Das Berufsbild des Kapitäns hat sich stark verändert in den vergangenen Jahrzehnten. Durch den Container hat eine enorme Effizienz Einzug gehalten in der Seefahrt. Die Schiffe werden von Satelliten überwacht, die Fahrpläne von Computern berechnet, die großen Frachter auf See vom Autopiloten gesteuert. Heute sind Schiffe vierhundert Meter lang, beladen mit bis zu 24.000 Stahlkisten. Dennoch bleiben die Schiffe kaum mehr als einen Tag im Hafen. In Terminals wie Altenwerder in Hamburg sieht man keine Arbeiter mehr. Die Container werden nur über die Kaimauer und den Straßenrand mit menschlicher Hilfe befördert. Sämtliche Kräne und Transportfahrzeuge des Containerlagers steuert ein Zentralrechner.

Viele Geschichten in diesem Buch sind also ein Anachronismus. Sie spielen meist in einer Zeit vor dem Container, als die Seefahrt Abenteuer bot und romantisch schien. Als niemand sagen konnte, wie lange eine Reise dauerte, wenn das Schiff den Hafen verließ. Wer nach einem halben Jahr zuhause war, wurde seltsam angesehen, und manchmal waren die Seeleute ein oder gar zwei Jahre ohne Pause unterwegs. Oft lagen die Schiffe wochenlang auf Reede oder an der Pier, und es blieb Zeit, das Land zu erkunden. Die Welt war größer früher und geheimnisvoller in jener Zeit. War ein Schiff hinter dem Horizont verschwunden, dann dauerte es, bis die Angehörigen wieder etwas hörten. Internet? E-mails? Facebook? Eine ferne Utopie. Wenn überhaupt, kam mal ein Brief an.

Ein Kapitän in diesem Buch erzählt davon, wie er mit seinem Schiff vor Angola ankam, im Wissen, dass die Kräne der Hafenpier im besten Fall 600 Tonnen am Tag abladen konnten. Sein Schiff aber hatte 14.000 Tonnen an Bord. Als er vor dem Hafen auf Reede ging, wurde ihm bewusst, dass 35 Schiffe vor ihm dran waren. „Wenn ich das heute jungen Kollegen erzähle, sehen sie mich an, als sei Märchenstunde“, sagt er.

Die Seefahrt früherer Tage bot echte Abenteuer. Exotische Ziele, fremde Kulturen, die Seeleute waren auch Weltentdecker in einer Zeit, in der Langstreckenflüge reiner Luxus waren. Matrosen bereisten in früheren Zeiten mehr Länder als Manager, und für Kapitän Schwandt, unseren bekanntesten Kapitän, führte es dazu, eine tolerante Sicht auf die Dinge zu entwickeln.

„Auf meinen Reisen habe ich überall gute Menschen und überall Arschgeigen getroffen. Das hatte nichts mit Hautfarbe, Religion oder Pass zu tun.“

Der Beruf mag sich verändert haben. Der Ruf, den Kapitäne genießen, ist unverändert. Heute müssen sie nicht mehr auf kleinen Schiffen über den Atlantik im Winter und sich darauf verlassen, dass die Wetterberichte und ihr Bauchgefühl bei der Routenplanung stimmen. Heute haben sie Unterstützung von Beratungsagenturen, die exakte Vorhersagen für jeden Ort der Welt parat haben. Doch sie sind verantwortlich für Schiffe und Ladung, die mehr als eine Milliarde Euro wert sein können. Schwere Fehler, etwa auf der Elbe vor dem Hamburger Hafen, haben katastrophale Folgen. Und die See bleibt ein unerbittlicher Gegner, wie es schon Joseph Conrad beschrieb. Gleich in der ersten Geschichte des Buches schlägt eine Riesenwelle die Scheibe aus der Brücke eines hochmodernen Trawlers. Sie war im Stahl verschraubt, doch der Gewalt, die diese Welle entwickelte, konnte sie nicht standhalten.

„Die Natur ist immer stärker als wir“, sagt Kapitän von Staa.

Alle Kapitäne, mit denen wir sprachen, empfinden das so. Eine tiefe Demut vor dem Ozean, vor seiner Kraft und Launenhaftigkeit. Wie er sich und das Schiff aus dieser lebensgefährlichen Situation herausbekam, erzählt uns Kapitän von Staa in seiner Geschichte. Darum geht es immer wieder: Ruhe bewahren. Entschlossen handeln, ohne in Panik zu verfallen. Durchhalten! Solange es noch eine Möglichkeit gibt, ist beinahe jede Situation zu bewältigen.

Es gibt Muster, die man bemerkt, wenn man mit alten Kapitänen zu tun hat: ihre Verbindlichkeit. Ein Wort ist ein Wort, ein Handschlag ein Handschlag, und sie verlassen sich umgekehrt darauf, dass Regeln eingehalten werden. Zu spät zu einem vereinbarten Termin zu kommen, und handelt es sich nur um eine Minute: ein Unding. Die meisten Kapitäne sind deutlich vor der vereinbarten Zeit vor Ort, und sie achten auf Details. Wenn wir einen Seemann mit zu einer Ankerherz-Kreuzfahrt oder unserer Skua-Tour nach Island nahmen, überprüften sie als Erstes die Rettungsmittel an Bord. Sie inspizierten die Fluchtwege, sahen sich die Rettungsboote an, und in einem Fall bekam der diensthabende Wachoffizier einen Anschiss, weil er das Hemd aus der Hose trug. Im Gespräch mit dem Kapitän des Schiffes beim Brückenbesuch erkundigte sich der Seemann dann, ob er seinen Offizier „nicht mal zum Frisör“ schicken wolle?

Das hat nicht unbedingt mit Spießigkeit zu tun, sondern mit der Erfahrung, dass die meisten großen Unglücke aus einer Verkettung kleiner Verfehlungen und Nachlässigkeiten entstehen. Die Summe minimaler Fehler sorgt am Ende für ein maximales Problem, in einer Umgebung, die lebensfeindlich ist. Einen Ausfall der Maschine im Sturm, ein Feuer an Bord, einen groben Navigationsfehler möchte kein Kapitän erleben. Er setzt daher den Standard in den Details so hoch, dass Fehler schon früh erkannt werden und eine Kettenreaktion gar nicht erst in Gang kommen kann.

Womit wir beim Thema Menschenführung wären. Das Klischee sieht den brummigen, alten Salzbuckel vor, der Befehle grunzt, Probleme mit sich ausmacht und als einsamer Seewolf übers Meer fährt. Jedes Klischee hat einen wahren Kern. Man merkt diesen Männern an, dass sie nie einen Chef hatten und innerhalb eines vorgegebenen Rahmens selbstbestimmt handeln konnten. Dass dieser Rahmen durch die Digitalisierung der Seefahrt immer enger wurde, sorgt bei alten Kapitänen häufig auch dafür, dass sie bei der Frage, ob sie ihren Beruf heute wieder wählen würden, heftig mit dem Kopf schütteln.

Aus dem „Master next God“ ist in ihren Augen ein „Transportbegleiter zur See“ geworden. Die Tage, in denen sie das Schiff in eine Bucht legten, um mit der Crew ein paar Stunden am Strand zu entspannen, gehören in die Abteilung „Märchenbuch“. Heute hat jeder Praktikant in der Reederei rund um die Uhr Zugriff auf die Position, die Geschwindigkeit und alle anderen relevanten Daten des Schiffes.

„Fairness und eine gewisse Strenge“, so beschreibt Kapitän Manfred Schleiff das Rezept, eine Crew richtig zu führen. Bei der Disziplin, die wichtig ist, dennoch Freiräume zu lassen. Im richtigen Moment wegzusehen, wenn etwas unverschuldet schiefging. Zu loben und den Leuten das Gefühl zu geben, dass man sich auf sie verlassen kann. So kam Schleiff mit seiner Crew über eine Monsterwelle im Pazifik, deren Höhe er auf mehr als fünfunddreißig Meter schätzt. Dem Rudergänger rief er im entscheidenden Moment zu: „Ganz ruhig. Wir schaffen das schon!“

Gelassenheit auszustrahlen, inmitten des größten Sturms, das ist noch eine Eigenschaft, die alte Kapitäne mitbringen. Die eigenen Gefühle und Befindlichkeiten spielen keine Rolle, wenn die Wellen mit der Wut von Hooligans und der Gewalt losgerissener Lokomotiven auf das Schiff zurollen. Sie dürfen keine Rolle spielen. Wer in diesen Momenten der eigenen Angst nachgibt, hat verloren. „Als Kapitän muss man manchmal auch Schauspieler sein“, sagte mir Emil Feith, der den größten Sturm seit Beginn der Wetteraufzeichnung auf dem Nordatlantik überlebte. Mitten in der apokalyptischen Mixtur aus Hurrikan, arktischer Sturmfront und Tiefdruckgebiet war die Ruderanlage seines kleinen Frachters ausgefallen. Die Crew, die sich mit Rettungswesten auf der Brücke versammelt hatte, starrte paralysiert vor Angst hinaus. Um eine Panik zu vermeiden, grinsten Feith und der Erste Ingenieur um die Wette. Nur nichts anmerken lassen.

„Dienstgesicht“ nannte Feith den Ausdruck, wenn man ihm gar nichts mehr anmerken konnte. War er sauer? Einfach nur mürrisch? War alles in Ordnung? Spielte für ihn ohnehin keine Rolle. Ein Kapitän sollte keine Gefühle zeigen, findet er, und nicht mal, als die Ruderanlage im Orkan repariert war, gönnte er sich eine Gefühlsregung. Diese Gefühlsduselei unserer Zeit, in der jede Empfindung gruppendynamisch und am besten im Stuhlkreis besprochen werden muss, ist für alte Seeleute ein Graus. Ich kenne einige, die mit dem Leben an Land nicht klarkamen. Von einem weiß ich, dass er in einer Art Seniorenheim in Hamburg wohnte, mit Blick auf den Hafen. Jeden Abend nahm er den Fahrstuhl rauf aufs Dach, steckte sich eine Pfeife an und sah den Schiffen hinterher. Er vermisste die See, aber nicht nur, weil er Salzluft in der Nase brauchte. Sondern auch, weil ihm diese kleine Welt da draußen viel übersichtlicher erschien.

Ein Kapitän zu sein, das bedeutet auch, an Bord Einsamkeit ertragen zu lernen. „Sich als Kapitän mit der Mannschaft gemeinzumachen, das geht gar nicht“, erzählte Manfred Scharrnbeck, eine echte Hamburger Legende. Für ihn war es gleichbedeutend mit dem Verlust von Autorität und dem eigenen Anspruch. Dass sich in früheren Zeiten nicht wenige Seeleute dem Alkohol zuwandten, ist auch kein Geheimnis.

Die Anforderungen haben sich geändert. „Ich kann das Schiff gar nicht alleine an die Pier bekommen“, sagt Kapitän Nicole Langosch, „dafür braucht es einfach das Team.“ Ihr Beispiel zeigt, wie sich die Welt der Seefahrt langsam verändert. Noch ist es eine Welt der Männer:

Von etwas mehr als tausend deutschen Kapitänen in der Fracht- und Flussschifffahrt sind knapp ein Dutzend weiblich, die „Frauenquote“ auf der Brücke liegt bei etwa einem Prozent. Negative Erfahrungen habe sie nie gemacht, berichtet Frau Langosch in ihrer Geschichte. Für junge Frauen, die sich für einen Beruf auf See interessieren, ist die Wahl-Hamburgerin so etwas wie ein Rollenmodell.

Eines aber ist auch klar: „Ein Schiff lässt sich nicht an die Pier diskutieren“, so sagte das ein Kapitän. Was bedeutet, dass am Ende nur einer das letzte Wort an Bord haben kann. Wer mit hierarchischen Strukturen nichts anfangen kann, hat auf einem Schiff nichts verloren.

In einer Nacht im Hafen kam alles zusammen, was ich über alte Kapitäne gelernt habe. Gert Schlufter, der Wirt der Haifischbar, hatte die Seeleute von Ankerherz zum Labskaus eingeladen. Das Astra floss zügig und aus der Musikbox sang Freddy Quinn in Dauerschleife. Am Tresen hockte Kapitän Emil Feith und hielt sein Pilsglas fest. Feith zeigte wieder sein „Dienstgesicht“.

Mit einem Mal starrte er zur Tür, als komme Hans Albers herein. Tatsächlich war es ein Mann mit blauer Jacke und weißem Bart, der aussah wie der Zweitplatzierte beim Ernest-Hemingway-Doppelgängerwettbewerb.

„Mensch… das…. das… gibt´s doch nicht“, murmelte Feith.

Die Männer fielen sich in die Arme. Kapitän Günther Langowski, so hieß der andere Seemann, hatte vor Rührung feuchte Augen. In den nächsten Stunden konnte man beobachten, wie die beiden Passbildautomatenfotos von Kindern und Enkeln aus ihren Portemonnaies pulten und sich Geschichten erzählten. Vor knapp fünfzig Jahren waren sie Freunde gewesen und hatten sich zuletzt in der Haifisch Bar gesehen.

Es muss der Legende nach eine furchtbare Prügelei mit der Besatzung eines englischen Fischtrawlers gegeben haben. Am Morgen danach war jeder an Bord eines anderen Schiffes gegangen – und sie hatten sich nie wiedergesehen.

Warum blätterte keiner einfach im Hamburger Telefonbuch und nahm Kontakt auf?

Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Sie taten so, als hätten sie die Frage nicht verstanden. Vielleicht gibt es auch gar nichts zu verstehen, denn alte Seeleute sind so. Draußen auf See, wenn es um nichts anderes als ums Überleben ging, wenn der Sturm wütete oder die Ladung verrutschte oder in manchen Häfen Verbrecher das Schiff bedrohten, hielten sie zusammen. Aber damit war es dann auch gut.

Ich glaube nicht, dass sich die Kapitäne aus der Haifisch Bar nach jener Nacht jemals wiedersahen.

Alles war gesagt.



PITERAQ

NAME KAPITÄN KARL FRIEDHELM VON STAA SCHIFF TRAWLER SEEGEBIET OSTKÜSTE GRÖNLAND DATUM 17. NOVEMBER 2002


Als ich diese Welle sehe, ist es zu spät. Ich kann nicht reagieren. Ich kann nichts mehr tun.

Die Welle ist fünfundzwanzig Meter hoch, vielleicht ist sie auch höher, schwer zu sagen. Sie ist jedenfalls deutlich größer als die anderen großen Seen, die seit vielen Stunden auf unseren Trawler zurollen. Wir sind vor der Ostküste Grönlands und Gefangene in diesem Sturm. Seit zwei Tagen kommt er mit Windstärke 11-12 und mehr aus Nordost.

„Piteraq“, so nennen die Inuit einen außergewöhnlichen starken Orkan. Dieser Wind tritt an der ostgrönländischen Küste auf. Beim Piteraq handelt es sich um einen sogenannten katabatischen Wind. Das Wort Piteraq stammt aus der grönländischen Sprache. Es bedeutet so viel wie: „das, was einen überfällt“.

In einem solchen Piteraq stecken wir nun. Das Tief hatte sich nahe der Südspitze Grönlands am Kap Farvel gebildet und sich in der Dänemarkstraße, also der Meerenge zwischen Island und Grönland, intensiviert. Wie ein gewaltiges Gebläse peitscht es die kalte Luft über das Inlandeis an die Ostküste. Der Windmesser an Bord zeigt einen Mittelwind von 54 m/s (194 km/h). In Böen sind es sogar 60 m/s. Dies entspricht einer Windgeschwindigkeit von 216 km/h.

An der Ostküste von Grönland gibt es wenige Fjorde, in denen wir Unterschlupf finden könnten. Die wenigen Fjorde, die in Frage kommen, sind im November vereist, oder sie sind gar nicht ausgelotet. Somit besteht die Gefahr, auf eine unbekannte Untiefe zu laufen und leck zu schlagen. Also sind wir draußen auf See, in dieser Landschaft aus Wut und Grau, um den Sturm abzureiten. Dass der Orkan solche Ausmaße annehmen könnte, hatten wir im Wetterbericht nicht kommen sehen. Wegfahren ist keine Option mehr, und kommt für Fischer ohnehin nur selten in Frage. Wir sind auf dem Fangplatz Fylkir, um zu arbeiten.

Von meinem Sohn Sascha, 1. Offizier an Bord unseres Trawlers und Wachhabender auf der Brücke in der Nacht, habe ich an diesem Morgen die Wache übernommen. Unser Schiff ist 66 Meter lang, 12,60 Meter breit und hat 8,00 Meter Tiefgang und ist hochmodern ausgerüstet. „Einige richtige Koffer unterwegs“, hatte Sascha bei der Ablösung gesagt. Obwohl wir weit östlich von der Fischkante in der Tiefsee gegenan liegen, um die gefährlich hohen und spitzen Wellenberge in dem relativ flachen Bankgewässer zu vermeiden. Die Sichtweite: keine 100 Meter. Er wirkte erschöpft. Es ist anstrengend, den Trawler bei diesem Wetter zu steuern. Besonders in der Dunkelheit. Man sitzt im Stuhl, der an das Modell in einer Zahnarztpraxis erinnert und starrt auf das Radar. Kaffee ist wichtig in diesen Stunden. Kaffee hält wach. Man hält das Schiff steuerfähig und mit dem Joystick wird der Kompasskurs gehalten und man hofft, dass kein Growler1 oder Eisberg vor den Steven kommt.

Die Crew schläft bei diesem Wetter, liegt in den Kojen oder sieht fern. Nur die Wachhabenden und das Kombüsenpersonal sind auf ihren Stationen. Es ist schwer möglich, sich auf den Beinen zu halten. Unruhe gibt es dennoch keine an Bord. Erfahrene Fischer. Jeder weiß, was kommt, wenn man im Spätherbst vor Ost-Grönland arbeitet. Das ist Alltag.


Bislang jedenfalls. Diese Welle. Ich halte mich im Jagdsitz fest, wie der Kapitänsstuhl heißt.

Es ist der 17. November 2002, 09:20 Bordzeit. Unsere Position 62°07’N 039°06’W.

Ich ducke mich und warte auf den Einschlag.

Ein Knall!

Die Scheibe aus Sicherheitsglas, die in den Stahl verschraubt ist, fliegt durch den Druck des Wassers raus. Sie zersplittert nicht in ihre Einzelteile, was mir das Leben rettet. Sie wird aus dem Rahmen gedrückt, fliegt fünfzig Zentimeter an mir vorbei und bohrt sich mit der Seite fausttief in den Stahl der Brückenwand hinter mir. Ich habe ein solches Glück, dass sie mich verfehlt.

Sonst gäbe es diese Geschichte nicht.

Ich bekomme keine Luft. Wind mit 200 Stundenkilometern nimmt mir buchstäblich den Atem und drückt mich in den Stuhl. Wasser auf der Brücke, viel Wasser, anderthalb Meter hoch steht es. Ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern, woran genau ich dachte. Ob ich überhaupt etwas dachte. In solchen Momenten übernimmt der Instinkt oder der Wille, überleben zu wollen. Ich muss versuchen, aus dem Stuhl rauszukommen und den Trawler vor die See drehen, bevor der nächste Einschlag kommt. Alle elektrischen Geräte fallen in nur kurzen Zeitabständen aus.

Dies ist die bedrohlichste Situation, seit ich auf See bin.

Mein Sohn und der Bestmann2 versuchen, die ein Deck tiefer liegende Brückentüre zu öffnen, um nach mir zu sehen. Viel Hoffnung haben sie nicht, mich noch lebend anzutreffen. Mit äußerster Kraftanstrengung stemmen sie sich gemeinsam gegen die Tür. Es gelingt, sie gegen den Druck des Windes und des herabströmenden Seewassers zu öffnen.

Ich ziehe mich an den Armlehnen nach unten. Unter dem Brückenpult finde ich Schutz. Das Brüllen des Sturms dringt herein. Es ist eiskalt. Das Wasser, das auf der Brücke steht, hat null Grad. Die Instrumente sind nun allesamt tot, bis auf die Handsteuerung, doch das Schiff bleibt auf Kurs. Wir sind eine erfahrene Crew. In der Maschine hat der Chief mitbekommen, dass etwas nicht stimmt. Nach dem schweren Seeschlag schaltete er die Brückenelektronik in die Maschine um. Somit war die Gefahr von Kurzschlüssen auf der Brücke vorerst gebannt. Unser Trawler wird nun aus dem Maschinenraum gefahren.

Auf der Brücke gibt es eine batteriebetriebene Nottelefon-Anlage, die im Brückenpult, direkt am Jagdsitz platziert ist. Eine direkte Verbindung in den Maschinenraum. Mein 1. Offizier steht nun neben mir und übernimmt per Nottelefon die Kommunikation mit dem Maschinenleitstand, während ich das Handruder bediene. Die Notrudersteuerung im Maschinenraum ist von einem Matrosen und dem 2. Offizier besetzt. Wir schreien uns an. Sonst können wir uns im Brüllen des Sturms nicht hören. Es ist auch schwierig, Luft zu bekommen.

Wir müssen das Schiff möglichst schnell aus dem Wind und den Wellen herausbekommen. Wir müssen unbedingt einen zweiten Seeschlag vermeiden. Die Gefahr, dass noch mehr Wasser in die offene Brücke eindringt, ist einfach zu groß. Knapp vier, vielleicht fünf Minuten wird das Manöver dauern. Höchste Gefahr für den Trawler, denn in dieser Zeit liegen wir quer zur See und sind den Schlägen der Brecher schutzlos ausgeliefert.

Wird noch eine solche große See brechen? Das wäre das Ende. Uns bleibt keine andere Wahl.

Langsam dreht der Trawler, von Hand gesteuert. Ich beobachte das Grau und die Sturmseen. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Wir bekommen in einigen Momenten Schlagseite, starke Schlagseite. Ich fürchte, dass wir zu viel Wasser an Deck nehmen über die Heckslippe, über die wir sonst den Fang an Deck ziehen. So viel, dass es nicht durch die Speigatten ablaufen kann.

Doch wir schaffen es. Wir fahren nun vor dem Wind und mit den Wellen. Was nicht einfach ist, denn wir müssen genau das richtige Tempo erwischen. Sind wir zu langsam, überrollen uns die Wellen von achtern. Sind wir zu schnell, tauchen wir mit dem Bug in die See. Unser Vorhaben ist es, den Kern, dass Zentrum des Orkantiefs, zu erreichen, das im Süden von uns liegt.

Die Situation hat sich nun etwas entspannt, aber überstanden haben wir die Lage noch lange nicht.

Wir fahren nun mit dem Wind und den Wellen, was die Lage etwas beruhigt. Doch wir müssen das Loch verschließen, wo früher das Fenster war. Eine so große Ersatzscheibe ist nicht in Reserve an Bord. Wir ersetzen sie mit Aluminiumplatten, die aus dem Fischnetzwindenfahrstand heraus geflext werden. Es sind wirklich fähige Handwerker an Bord. Improvisieren ist alles, wenn man draußen ist auf See. Im Falle eines größeren Problems muss man sich selbst helfen können. Die Aluplatten befestigen wir durch ein paar Bohrungen und Winkeleisen im Rahmen. Als Dichtung dienen alte Lappen. Das Provisorium hält.

Wir kommen im Zentrum des Tiefdruckgebiets an und steuern in den Süd-West-Wind-Sektor. Mit der Zuggeschwindigkeit des Zentrums dampfen wir nach Nordosten, Richtung Island. Das Schiff wird mittlerweile auch aus dem Maschinenraum gesteuert, weil auch die manuelle Steuerung auf der Brücke ausfällt. Ich bleibe auf der Brücke, in Wechselwache mit meinem Sohn, um Ausguck zu halten und die Kommunikation mit dem Maschinenleitstand aufrechtzuerhalten. Knapp sechshundert Seemeilen. Das ist kein Vergnügen bei diesem Wetter, doch größere Probleme haben wir keine mehr. Es ist oft eben auch die Erfahrung, die einen rettet. Und ein wenig Glück.

Ein Schlepper nimmt uns vor Reykjavík auf den Haken und schleppt uns ein. Wir haben es wieder geschafft.


Kapitän eines Trawlers zu sein, bedeutet für mich, die letzte Freiheit zu haben. Der Kapitän eines Frachtschiffs nutzt die See als Wegstrecke. Er bringt Container von A nach B und wird heutzutage in jeder Sekunde überwacht. Jede Bewegung des Schiffs, jede Tempoänderung wird genau registriert und kann sofort hinterfragt werden. Sicherlich haben auch die Kapitäne der Handelsschifffahrt ihre Sorgen, Probleme und Nöte. Ich möchte ihre Leistungen auf keinen Fall schmälern.

Ich bin Kapitän eines Trawlers, das ist etwas ganz anderes. Sobald ich das Fanggebiet erreicht habe, hängt alles von mir ab. Ich habe meinen Auftrag. Wie ich diesen Auftrag erfülle, ist alleine meine Sache. Es hängt von meiner Erfahrung, meiner Disziplin und dem Blick aufs Echolot ab. Keiner macht mir Vorschriften. Die See ist keine Wasserstraße. Ich arbeite mit der See.

Ich habe ein unromantisches Verhältnis zur Fischerei: Sie ist eine Notwendigkeit. Ich will Geld verdienen. Mehr als 50 Jahre fahre ich nun zur See, mein ganzes Leben. Dabei lief der Start nicht grade klassisch. Mein Vater war Beamter in Mülheim a. d. Ruhr. Ich sah den Schiffen auf der Ruhr hinterher, besonders denen der „Weißen Flotte“ in Essen-Kettwig. Meine Eltern waren wenig begeistert von meinem Berufswunsch, doch sie erlaubten es mir. Mein Wunsch war einfach zu stark.

Ein Job an Land? Unvorstellbar. Das kam nie in Frage.

Ich war 14 und heuerte als Schiffsjunge in der Erzfahrt an. Auf dem Rhein von Rotterdam nach Basel, immer wieder den Fluss rauf und runter. Es gefiel mir, doch noch mehr gefiel mir, was ich im „Vlag en Wimpel“ beobachtete, einer legendären Seefahrerbar im Hafen von Rotterdam. Die Besatzung eines niederländischen Kutters warf mit Gulden nur so um sich. Große Geldbündel in den Taschen. Auch mir finanzierten sie einige Getränke in dieser Nacht.


Die letzte Überzeugungsarbeit lieferten die Groschenromane von Jerry Cotton, in denen ich Anzeigen für die Hochseefischerei entdeckte: „Die letzten Wikinger fahren in der Hochseefischerei“. Ich meldete mich in Cuxhaven und kam auf den Seitenfänger Minden. Ich war zwar erst 18, doch harte Arbeit kannte ich von meiner Lehrzeit auf dem Fluss.

Viele Jahrzehnte lang war ich auf dem Nordatlantik unterwegs. Grönland, Island, Spitzbergen, zwischendurch fuhr ich für eine Reederei auf den Färöern. Auf diesem Trawler-Purse Seiner (Ringwaden) gab es sogar eine Orgel an Bord, weil die strenggläubigen Inselbewohner auf Kirchenmusik standen. In Alaska und Kamtschatka habe ich auch gefischt, das war mein Abstecher auf den Pazifik.

Was ich von alten Kapitänen lernte und mir abschaute, war ihre Disziplin. Wer später etwas wurde, der ging nach der Wache nicht gleich in die Koje, sondern notierte noch, was er wo in welcher Tiefe fing. Eine persönliche Landkarte, wo man Fisch findet. Diese Aufzeichnungen sind bares Geld wert. Ich habe daheim ein ganzes Regal mit Notizheften und handgefertigten Seekarten.

Informationen auf See zu erhalten, das kann man vergessen. Fischer lügen wie gedruckt, über Funk sowieso. Das ist gar nicht böse gemeint, das ist einfach so. „Mensch, hier ist gar nix los“, kann bedeuten, dass die Hols kaum an Bord zu bekommen sind. Gibt jemand durch, dass er zufrieden ist, werde ich auch misstrauisch. Unter befreundeten Kollegen hilft man sich, keine Frage. Dann hatte man vor einer Reise am Tresen einer Hafenkneipe bestimmte Codes ausgemacht. An einen erinnere ich mich noch: „Fritz schlägt Emil“ bedeutete, dass es ein gutes Revier war.

Im Laufe der Jahre erlebt man auch Dinge, die für Adrenalinschübe sorgen. Auch das gehört zum Beruf. Einmal habe ich einen Helikopter aus der See gefischt, das ist kein Seemanngarn. Das Ding war in der Nordsee abgestürzt, nahe der norwegischen Egersund-Bank und fiel keine 200 Meter entfernt an meiner Backbord-Seite ins Wasser. Alle Passagiere und der Pilot überlebten und wurden von einem norwegischen Fischer, der dicht neben mir fischte, gerettet. Ich habe, nachdem ich den Fang an Deck gehievt hatte, eine Schwimmtrosse um den treibenden Helikopter ausbringen lassen. Mein Gedanke: eventuell eine Bergungsprämie für das Objekt kassieren.

Was sollte ich damit tun? Ich rief den Reeder an.

„Behalte den erstmal“, sagte er.

Nach ein paar Stunden habe ich den Beifang dann an ein norwegisches Küstenwachboot abgegeben. Der mögliche Havarielohn stand in keinem Verhältnis zu den Verlusten, die wir wegen entgangener Fangerlöse zu erwarten hatten.


Über die Gefahren auf See macht man sich als Fischer keine Gedanken. Man schiebt sie weg. Natürlich hat man von den Unglücken im Nordatlantik gehört. Von den gesunkenen Trawlern. Von Unglücken wie auf dem Fischereimotorschiff Teutonia, das im Mai 1968 auf dem Rückweg von einer Fangreise südwestlich von Island von einer großen Welle getroffen wurde. Wie ein Vorschlaghammer schlug ein Kaventsmann die Brücke ein. Drei Fischer starben. Oder der Untergang des Heckfängers München, der im Juni 1963 in schwerer See langsam volllief, weil die Speigatten defekt waren. 27 Fischer ertranken oder erfroren in den Rettungsinseln. Mehr als tausend Fischer, so die Schätzungen, kamen unter Island ums Leben. Ihnen hat man in Vík auf Island ein Denkmal gesetzt.

In kritischen Momenten kommt es darauf an, eine gute Mannschaft zu haben. Am 14. Mai 2000 gab es einen solchen Moment. Wir fischten mit einem Fangfabrikschiff, der 68 Meter langen Hannover, schwarzen Heilbutt unter Grönland. Auf der Gauss-Bank, in 1030 Meter Wassertiefe, um genau zu sein. Mein Bestmann stürzt auf die Brücke, außer Atem.

„Feuer! Wir haben ein Feuer an Bord!“

Der Brand war im Maschinenleitstand ausgebrochen. Wenige Momente später heulten die Sirenen. Rauch drang ein. Wir stellten die sogenannte Verschlussrolle her und der Feuerstoßtrupp begann − unter schwerem Atemschutz − mit den Löscharbeiten. Als ich die Reederei informierte, trug ich schon eine Atemschutzmaske. Beißender Qualm und Dämpfe waberten durch die Kabelkanäle, die damals noch nicht vergossen waren, und verteilten sich im gesamten Schiff. Windstärke sieben bis acht Beaufort, ruppige Seen aus Nordost. Zweimal meldete der Stoßtrupp: „Offenes Feuer gelöscht!“ Doch hinter den Verschalungen und Schaltschränken setzte sich ein Schwelbrand fort. Ich entschied sofort, den Stoßtrupp aus dem Maschinenleitstand abzuziehen, und flutete diesen mit CO2, damit sich der Brand nicht weiter ausbreiten konnte. Die Hauptmaschinen wurden abgestellt.

Meine Crew aus 21 Mann musste von Bord, das war klar. Ich setzte ein „Mayday“ ab. Wir hatten Glück. Ein grönländischer Trawler, die Polar Nattoralik, befand sich in der Nähe und erreichte uns nach knapp zwei Stunden. Später kamen uns zwei weitere Trawler zur Hilfe. Meine Männer kletterten über pendelnde Jakobsleitern von Bord und fuhren mit Schlauchbooten rüber zu den Kollegen, was angesichts der schweren See gar nicht so einfach war. Ich blieb an Bord. Das Fanggeschirr, das noch am Meeresgrund war, hielt das Schiff mit dem Heck in Wind und See, quasi wie vor einem Anker. Ich verlasse mein Schiff nicht, solange es Möglichkeiten gibt. Zur Herstellung eines Schleppgeschirrs kamen später sieben Mann der Besatzung zurück auf die Hannover.

Polar Nattoralik nahm unseren Trawler auf den Haken. Wir kappten die Schleppdrähte (Kurrleinen) des Fanggeschirrs und setzten die sieben Seeleute wieder auf Polar Nattoralik ab. Dann liefen wir Richtung Island. Im Schiff und auf der Brücke standen giftige Dämpfe. Dort konnte ich mich nicht aufhalten. Aber der Überlebensanzug, den ich trug, war bequem und sorgte für Wärme. Ich habe in diesen Nächten gut geschlafen, auf einem Haufen Netzen in einer Ecke an Deck. Man brachte mir Essen und Getränke mit dem Rescue Boat und es war gut auszuhalten. Ich wollte nicht, dass der Vorgang als „Bergung“ deklariert wird. Nicht für mich, nicht für die Reederei, auf die enorme Kosten zugekommen wären. Eine Frage der Ehre.

Am zweiten Tag, der Wind nahm mittlerweile auf sechs Beaufort ab, brachte man mir eine Nachricht von der Brücke des grönländischen Trawlers. Ich sollte das Schiff verlassen, Anweisung meines Reeders, was ich zunächst nicht glauben mochte. Erst, als man mir beim nächsten Besuch ein Telex mitbrachte, auf dem die Anweisung des Eigners deutlich formuliert war, willigte ich ein. Zu diesem Zeitpunkt war mein Job erfüllt, denn das Schleppen galt nicht mehr als volle Bergung, sondern nur als Hilfeleistung. Am dritten Tag ließ ich mich, mit ein paar Leuten meiner Crew, wieder auf mein Schiff übersetzen. Nach einem Kontrollgang durch das Schiff konnte man vermuten, dass das Feuer erloschen war. Am 17.05. um 10:50 Uhr Ortszeit erreichten wir Reykjavík.

Die Feuerwehr von Reykjavík öffnete den Verschlusszustand und bestätigte: „Feuer gelöscht“. Keine sechs Wochen später waren wir wieder draußen auf dem Fangplatz. Das zuvor gekappte Fanggeschirr konnten wir mit einem Suchanker wieder auffischen, gleich beim ersten Versuch. Somit hatten wir rund 200.000 D-Mark „gerettet“. Die Seeämter in Reykjavík und später auch in Emden, die den Unfall untersuchten, sprachen uns korrektes Verhalten und gute Seemannschaft aus.

In Reykjavík gab es noch eine Überraschung. Die Cuxhavener Bundestagsabgeordnete Annette Faße (SPD) überreichte mir einen persönlichen Brief. Von Bundeskanzler Gerhard Schröder, persönlich. „Ich bin erleichtert über die Rettung aller Besatzungsmitglieder“, schrieb er. Offenbar hatte er sich erinnert: Als er noch Ministerpräsident von Niedersachsen war, hatte Schröder unseren Trawler einmal besucht. Der Name der Landeshauptstadt hatte uns Glück gebracht.

Zuletzt wurde am 23. November 2015 Tasiilaq, ein Ort an der Ostküste Grönlands, von einem Piteraq „überfallen“. Zwischen 7 und 8 Uhr (MEZ) erreichte der Mittelwind 32 m/s (115 km/h) mit Böen bis zu 53 m/s (191 km/h). An einer Wetterstation sollen sogar 70 m/s (252 km/h) gemessen worden sein. Die Schäden waren umfangreich.


KAPITÄN KARL FRIEDHELM VON STAA


Jahrgang 1949, kam in Oberhausen auf die Welt. Von 1975 bis 1977 machte er sein BG-Patent in Cuxhaven. In seiner Freizeit segelt er gerne. Sein Sohn Sascha ist ebenfalls Kapitän. Von Staa lebt in Cuxhaven.

1 Growler sind große Stücke, die von einem Eisberg abgebrochen sind.

2 Vergleichbar mit dem „Bootsmann“ in der Handelsfahrt, also der Boss an Deck.


MISSISSIPPI

NAME KAPITÄN DIETMAR FROBÖSE SCHIFF FRACHTER CHRISTINA BISCHOFF FAHRTGEBIET MÜNDUNGSDELTA DES MISSISSIPPI DATUM SOMMER 1958


Der Heuerstall befand sich oberhalb der Landungsbrücken auf Sankt Pauli. Ein Warteraum, eingenebelt vom Rauch ungezählter Zigaretten. Auf den Pritschen hockten Seeleute und warteten darauf, dass sich eine Klappe zur nächsten Reise öffnete. „Max“, der Heuerbaas, den jeder Seemann in der Stadt kannte, nahm mein Seefahrtsbuch entgegen.

„Tramper, weltweite Fahrt“, sagte ich.

„Ja, ja“, brummte er.

Dann knallte die Holzklappe zu.

Ich setzte mich zu den anderen auf die Pritsche. Den Warteraum kannte ich bereits, und ich wusste, dass es diesmal lange dauern würde, bis ich an der Reihe war. Ich wollte unbedingt auf „Große Fahrt“, nach verschiedenen Reisen auf Küstenmotorschiffen, die einfacher zu bekommen waren. Es war Januar 1958 in Hamburg, ich war 17 Jahre alt, Jungmann und pleite. Meine Mutter zahlte mir zwar noch jeden Tag fünf D-Mark als Taschengeld, doch das Geld ging schnell in den Kneipen der Reeperbahn drauf.

Ich wartete, und kam mit anderen Seeleuten ins Gespräch. Auch deshalb, weil ich ihnen im benachbarten Restaurant ein Bier ausgab. Matrose Peter sah aus wie ein Bodybuilder. Matrose Bajo, der aus einer alten Seefahrerfamilie in Altona stammte, war ein Hüne, 1,90 Meter groß. Wir stellten fest, dass wir die gleiche Heuer suchten. Tag um Tag verging, es war zäh. Wir hockten auf den Pritschen und rauchten. Gelegentlich gab es durch eine liegen gelassene Zeitung etwas Abwechslung, ansonsten herrschte Langeweile. Die Seeleute dösten durch die Tage.

Dann endlich, nach etwas mehr als einer Woche, kam Bewegung in den Warteraum.

„Bark und Bajoralis: Große Fahrt!“, rief Heuerbaas durch die Luke. Beide sprangen auf und nahmen sofort an.

Was war mit mir?

„Lass die Finger von dem Kahn“, raunte mir Max zu.

„Ist das ein Tramper?“, fragte ich.

„Ja.“

„Dann nehme ich das Schiff!“

Er zögerte einen Augenblick, dann händigte er mit die Heuerpapiere aus, mit den Worten: „Junge, wenn du meinst.“

Die Matrosen hatten die Reaktion des Heuerbaases mitbekommen und fragten, was denn diese Bemerkung sollte. Ich schüttelte nur den Kopf, denn Zeit nachzudenken hatten wir keine. Unser Schiff, die Christina Bischoff, lag am Baumwall, also nicht weit entfernt, und als wir dort ankamen, erfuhren wir, dass wir noch am Abend auslaufen sollten.

Ich fuhr mit der Straßenbahn nach Hause, holte meinen Seesack und einen kleinen Pappkoffer, den ich bereits gepackt hatte, und verabschiedete mich von meiner Mutter.

„Was ist das für ein Schiff?“, fragte sie besorgt.

„Weiß ich auch nicht genau – aber ein Tramper.“

„Was ist denn das?“

Da war ich schon zur Tür hinaus.

Dunkelheit lag über dem Hafen und es regnete, als ich an Bord der Christina Bischoff ankam. Das alte Dampfschiff machte einen verwahrlosten Eindruck: Die Luken waren noch nicht dicht und an Deck standen Fässer und andere Deckslast, alles ungelascht. Seeklar war dieses Schiff nicht. Und auch sonst in einem miesen Zustand. Die Schwingdavits waren durch den Rost regelrecht mit dem Deck verschmolzen und ließen sich nicht bewegen. Schanzkleid und Deck zeigten überall dunkle Rostflecken auf. Dieses Schiff war ein „Seelenverkäufer“.

„Sieh to (zu), dass du an Deck kommst“, schimpften die Matrosen. Ich lief runter in die Mannschaftsunterkunft, zog mir rasch die Arbeitskleidung über und eilte an Deck. In diesem Moment wurden schon die Leinen losgeworfen. Wir liefen aus. Einer von uns musste steuern. Wir fünf Deckkräfte versuchten, das Chaos in Ordnung zu bringen. Wir wuchteten die schweren Lukendeckel, die jeweils einen Zentner wogen, auf die Scherbretter, wie man quer zur Luke eingehängte Stahlträger nannte. Vorsicht war geboten, denn wegen des Regens war das Deck rutschig. Aus der Brückennock grölte der Erste Offizier Anweisungen, die Lukendeckel provisorisch mit einer Persennig abzudecken. Als wir die Kugelbake von Cuxhaven passierten mit Kurs Englischer Kanal, hatten wir dies geschafft und auch die Fässer behelfsmäßig gelascht.

Wir spürten Erschöpfung und Hunger, wir brauchten dringend eine Pause. Der Koch hatte tatsächlich belegte Brote vorbereitet. Der Chief beorderte die 00-04-Wache, zu der ich gehörte, in die Kojen, obgleich das Schiff noch immer nicht wirklich seeklar war. Total verschmiert ging ich in den kleinen Waschraum. Auf einem Dampfschiff gab es immerhin ausreichend heißes Wasser und Dampf. Es gab verzinkte Waschbecken und zwei mit Ventilen versehene Dampfrohre, die quer durch den Raum liefen. Als das Schiff zu rollen begann, verlor ich den Halt und fiel auf eines der heißen Rohre. Der rote Streifen am nackten Po sollte mich noch einige Zeit begleiten. Fluchend legte ich mich in die Koje, um ein wenig zu dösen, bevor um Mitternacht meine Wache begann.

Die ganze Nacht hindurch wurde an Deck gearbeitet, um die ungesicherte Deckslast in den Griff zu bekommen. Angesichts der See, die immer schwerer wurde, kein leichtes Vorhaben. Zum Glück waren nur erfahrene Seeleute an Bord: drei Matrosen, ein Leichtmatrose und zwei Jungmänner, die wussten, was zu tun war und die vor allem seefest waren. Nordseewasser schoss durch die Speigatten nach oben, wir mussten aufpassen, dass es uns nicht von den Füßen riss. Immer wieder rollte ein großes Fass über das Deck und stellte uns vor Schwierigkeiten. Mit einigen Broken3 und langen Leinen, die wir mit „Spanischen Winden“ (kurze Holzknüppel zum Eindrehen) strafften, gelang es uns schließlich, die Dinger stramm am Schanzkleid zu befestigen.

Nachdem die Probleme befestigt waren, wurde es ruhiger. Die Reise ging durch die Biskaya, durch das Mittelmeer, das Schwarze Meer nach Italien, wo wir große Mengen Martini, Wein und andere Getränke in Kartons luden. Damit setzten wir die Reise fort, mit Ziel New York. Es wurde eine ruhige Transatlantik-Passage, und an Bord herrschte eine gute Stimmung. Wir verstanden uns. In New York angekommen, lagen wir in Brooklyn neben einem Kreuzfahrtschiff. Wir beeindruckten die weiblichen Passagiere, indem wir aus der Saling, also hoch oben am Mast, ins Hafenbecken sprangen. Immer haarscharf am Schanzkleid vorbei, was mindestens eine böse Verletzung zur Folge gehabt hätte. Nach New York steuerten wir Miami an, wo wir nachts im Pool eines Hotels schwammen, bis wir von Sicherheitsleuten verjagt wurden. Es war eine Abwechslung zum tristen Alltag an Bord. Der Smutje machte Geschäfte mit unserem Proviant, und wir vermuteten, dass auch die Schiffsleitung darin verwickelt war. Man drehte uns Margarine in Butterbrotpapier an. Das Essen war oft schlicht ungenießbar. Freitags gab es Fisch, der so übel stank, dass wir ihn gleich über Bord kippten. Alles an diesem Schiff war schlecht. Der Alte, ein betagter Herr, war selten zu sehen, und wenn, dann war seine Laune unerträglich. Je länger die Reise dauerte, desto feindseliger wurde das Verhältnis zwischen Schiffsleitung und der Crew. Mir ist bis heute ein Rätsel, wie dieses Schiff eine Fahrterlaubnis bekam.

Mit dieser angespannten Situation an Bord steuerte die Christina Bischoff das Mündungsdelta des Mississippi an. Wir fuhren den großen Fluss hinauf bis nach New Orleans. Hier begann ein Drama, dessen tragisches Ende mich bis zum heutigen Tage, viele Jahrzehnte später, verfolgt.

New Orleans, „The Big Easy“, die Stadt des Jazz und der harten Partys, gefiel uns jungen Seeleuten ausgesprochen gut. Jede Nacht stromerten wir durch die Clubs entlang der Canal Street. Jung, braungebrannt und voller Testosteron. Es gab nur ein Problem: unseren ständigen Geldmangel. US-Dollar waren kostbar und mit unserer bescheidenen Heuer, ausbezahlt in D-Mark, kamen wir nicht weit. Glücklicherweise ging beim Löschen der Ladung immer wieder ein Karton mit italienischen Spirituosen zu Bruch. Einzelne Flaschen, die wir aufsammeln durften, verkauften wir dann an Land.

Es dauerte nicht lange, bis wir drei hübsche Mädchen kennenlernten. Peters Bekanntschaft war die Tochter eines Zahnarztehepaars und mit einem kleinen, offenen Sportwagen der Marke Triumph unterwegs. Ihre Eltern besaßen ein Wochenendhaus direkt am Golf von Mexiko. Sie lud uns alle ein, das Haus zu besuchen. Der Alte hätte uns einen Landurlaub niemals genehmigt. Doch die Gelegenheit war einfach zu gut. Wir willigten ein. Über die Konsequenzen konnten wir uns noch später Gedanken machen.

Im offenen Wagen brausten wir über die Straßen Richtung Meer, lachend, fröhlich, wir spürten den warmen Fahrtwind im Gesicht. Das Ferienhaus war sehr großzügig eingerichtet. Es gab eine überdachte Wassergarage, in der ein Motorboot lag. Wir fühlten uns großartig, wir fühlten uns so frei. Es waren unbeschwerte Tage, in denen wir im warmen Wasser schwammen, kaltes Bier tranken und Wasserski fuhren.


Wir fühlten uns wie die Könige der Welt.

„Ich bleibe hier“, sagte Peter in einem Moment, als wir ohne die Mädchen auf der Veranda saßen.

Wir sahen ihn erstaunt an. Abhauen? Ohne Erlaubnis und ohne Papiere? Das roch nach einer Menge Ärger. Andererseits: War dies nicht das Paradies? War das Leben in New Orleans nicht alles, von dem wir immer geträumt hatten? Nun war es so nah. Zwei unbeschwerte Tage vergingen, in denen wir immer wieder über diesen Gedanken sprachen.

Am Morgen des dritten Tages, wir saßen bei geöffneten Fenstern und frühstückten, klopfte jemand energisch an die Tür. Mir war sofort klar, was für eine Art Klopfen das war und ich kletterte auf einen Stuhl, um im Ernstfall über den Tisch durchs Fenster zu springen. Peters Mädchen öffnete. Zwei breitschultrige Polizisten standen im Türrahmen. Einer klopfte auf sein Halfter, in dem ein schwerer Colt steckte. Meine Fluchtpläne lösten sich in diesem Moment in der Morgenluft auf. So grimmig, wie er aussah, bestand kein Zweifel, dass er von der Schusswaffe Gebrauch machen würde.

„Mitkommen!“

Auf Handschellen verzichtete man, als man uns in einem Polizeiauto in den Hafen von New Orleans fuhr. Wie nur hatten uns die Cops so schnell finden können? Zurück an Bord der Christina Bischoff wurde das Rätsel gelöst. Peter hatte eine Karte seines Mädchens, auf das sie ihre Anschrift gekritzelt hatte, auf dem Tisch seiner Kammer vergessen.

Das Schiff war mit unserer Ankunft reisefertig, wir legten ab. Für unseren unangemeldeten Ausflug mussten wir uns noch rechtfertigen, das war klar. Zu jener Zeit galt in Deutschland noch der Strafbestand der Desertion; wir hatten mit einem Prozess, womöglich auch mit einer harten Strafe zu rechnen. In Peters Kammer berieten wir, was nun zu tun war.

„Ich fahre nicht nach Deutschland zurück“, sagte Peter. „Ich bleibe hier in Amerika.“

Sein Plan war simpel: Solange wir noch auf dem Fluss waren, sollten wir in den Mississippi springen. Nach Sonnenuntergang, aber noch bevor das Schiff das Delta erreichte, wollten wir uns an einer Leine, die mit einem leeren Fass verbunden war, über das Heck ins Wasser gleiten lassen. Einer von uns würde die auf dem Schanzkleid befestigte Leine losschmeißen und wir würden mit dem Fass sicher an Land schwimmen. Wir tranken Bier, während wir unseren Fluchtplan schmiedeten. Als wir damit fertig waren, war der Kasten leer.

Leider hatten wir die geplante Position, an der wir springen wollten, längst passiert. Wir befanden uns nun im breit aufgespreizten Mündungsgebiet des großen Flusses. War der Plan gescheitert? Im Fluss schwammen eine Menge Kaimane, das wussten wir. Wie sollten wir aus den Mangroven herausfinden. Wie eine Straße finden? Gedanken schossen mir in den Kopf, und ich mochte nicht in den Fluss. Doch andererseits war ich der Jüngste, der nicht gefragt wurde, was er von den Dingen hielt, sondern nur mitmachen durfte. Als „kleiner Schisser“ wollte ich nicht gelten.

„Also, was ist?“, herrschte Bajo mich an.

Ich nickte. Mein Verstand sagte mir, dass es keine gute Idee war, doch der Alkoholnebel und vielleicht auch das Gefühl des Gruppenzwangs waren stärker.

Die Nacht war stockfinster, als wir ans Heck der Christina Bischoff schlichen. Peter knotete das Fass an einem dünnen Seil fest. Es fiel mit einem ganz leisen Platschen über Bord. Bajo kletterte schnell über die Verschanzung und hangelte sich am Seil abwärts. Das gleichmäßige Drehen der Schraube war zu hören. Nun war ich an der Reihe! Ich handelte wie ferngesteuert, wie in einem Automatik-Modus. Ich sprang auf den Schanzdeckel und hing im nächsten Moment mit Händen und Beinen am Seil.

„Schneller, Junge, schneller!“, Bajo rief leise von unten. Ich war bereits auf halbem Weg zwischen Schiff und Fass, als die Leine durchsackte und ich ins Wasser des Mississippi platschte. Ich sah nach oben und erkannte im schwachen Licht der Hecklampe, dass Peter auch am Seil hing. Sofort schoss mir durch den Kopf: „Das Fass ist los! Ich muss weiter das Seil festhalten, sonst fällt Peter ins Schraubenwasser!“

Ich rutschte über das Wasser. Ich hatte so etwas schon einige Male erlebt, als wir Wasserski fuhren. Ich konnte den Kopf über dem Spritzwasser halten, aber nicht sehr lange. Peter hatte die Situation auch schnell erfasst und hangelte nicht, sondern rutsche schnell am Seil nach unten. „Loslassen!“, rief er und klatschte ins Wasser. Ich ließ die Leine los.

Nun schwammen wir nicht weit voneinander entfernt im Fluss. Vom Fass war nichts mehr zu sehen. Auch das Ufer war kaum zu erkennen. Bajo fluchte. Wir schwammen rechtwinklig zum weißen Schraubenwasser der Christina Bischoff. Die Minuten vergingen, wobei ich das nicht genau sagen kann, denn ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Ich war ein sehr guter Schwimmer. Als 13 Jähriger hatte ich an den internationalen Wettkämpfen im Hamburger Kaifu-Bad teilgenommen. Nun war schemenhaft ein Uferstreifen zu erkennen. Wir schwammen darauf zu.

Ich hörte neben mir eine Art Schnaufen, ein stoßweises Atmen. Peter schwamm schwer, mit kurzen Zügen. Er atmete nicht rhythmisch. Ich erfasste die Situation sofort und spürte, wie Panik in mir aufstieg. Ich fühlte mich einen Moment lang wie gelähmt, doch dann rief ich mich zur Ordnung. Wir mussten handeln.

Bajo und ich nahmen Peter in die Mitte. Ich tauchte, löste Peters Gürtel, an dem eine Kamera hing, und zog ihm die schwere Jeans aus. Er schwamm immer langsamer und atmete in raschen, hektischen Hüben. Ich schwamm vor Peters Kopf, damit er sich an meinen Schultern festhalten konnte. Ich spürte, wie schwer dieser muskelbepackte Körper war. Es dauerte nicht lange und er drückte mich unter Wasser. Nach einigen nach oben gerichteten Schwimmzügen ließ ich mich absacken. Er ließ los. Bajo übernahm. Wir merkten jedoch, dass wir kaum vorankamen; die Abstände, in denen wir uns abwechselten, wurden kürzer.

Auch mein Atem ging immer schneller. Wir bewegten uns nur noch auf der Stelle. Das Ufer kam keinen Meter näher. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen.

„Scheiße – Scheiße!“, fluchte Bajo.

Wir konnten es nicht schaffen.

Wir mussten Peter loslassen.

Ich konnte deutlich sehen, wie er langsame, letzte Schwimmzüge machte. Dann verschwand er ganz langsam in der Dunkelheit. Er sah mich an.

Ich werde dieses Bild niemals vergessen.

„Kommt er wieder hoch?“, fragte Bajo. „Er kommt doch wieder hoch?“ Ein Rauschen in meinem Kopf. Zustand der Betäubung.

Mussten wir nicht wieder zurück? Mussten wir nach ihm suchen?

Wir schwammen weiter auf den Landstreifen zu, in meiner Erinnerung dauerte es nicht lange, bis meine Knie auf Grund stießen.

Hätten wir Peter bis hierhin halten können?

Bajo und ich taumelten durch das flache Wasser ans Ufer. Eine Weile blickten wir zurück auf das schwarze Wasser. Keiner sprach. Motorgeräusche. Suchte die amerikanische Küstenwache schon nach uns? Das Geräusch entfernte sich wieder. Nur das Zirpen von Grillen erfüllte die Nacht. Vor uns das dichte Gestrüpp der Mangroven. Die Erschöpfung machte sich bemerkbar. Wir sahen einen Baumstumpf und wollten uns gerade mit den Köpfen darauflegen, als der Baumstumpf Beine bekam und in der Dunkelheit des Urwalds verschwand. Ein kleiner Kaiman, den wir anscheinend geweckt hatten. Wir fluchten und suchten einen Baumstamm, der sich nicht bewegte. Der Schlaf kam wie eine warme Wolke. Zweimal wurde ich in der Nacht von Schreien wach, vielleicht träumte ich auch nur. Neben mir lag Bajo und schlief tief.


Mit dem Sonnenaufgang wurden wir wach. Ich trug nicht viel am Körper, außer meiner Jeans und einem T-Shirt. Alles andere hatte ich abgestreift, um besser schwimmen zu können. Bajo hingegen besaß noch sein Hemd und sogar seine Schuhe. Über dem Fluss waberten Schlieren von Dunst. Der Morgen war noch jung, aber schon stickig und schwül. Wir liefen los, was bedeutete, dass ich dem schweigenden Bajo folgte. Wir stießen auf einen Trampelpfad, dem wir folgten und der uns aus den Mangroven herausführte. Wo war die nächste Straße? Wo der nächste Ort? Meine Füße waren zwar an das Laufen ohne Schuhe gewöhnt, doch das Gras schnitt in die Hornhaut und verursachte kleine Risse. Bremsen fielen über uns her.

Ich überlegte, dass dies ein gutes Zeichen war, denn wo es Bremsen gab, musste es doch auch Rinder geben. In den nächsten zwei, drei Stunden sahen wir auch immer mal große, braune Viecher, doch es schien sich um verwilderte Tiere zu handeln.

Mit einem Mal blieb Bajo stehen. Eine große Schlange lag quer über den Pfad; ihre Enden waren im hohen Gras nicht zu sehen. Die Schlange rührte sich keinen Zentimeter. Bajo stieg vorsichtig über sie. Ich folgte ihm. Die Hitze setzte uns immer mehr zu. Wir benötigten nun dringend Wasser. Als es Mittag wurde, nach mehr als vier Stunden Marsch, erreichten wir einen hohen Gitterzaun. Dahinter standen Wachtürme auf Stelzen. Es war ein Stützpunkt der Küstenwache.

„Bajo, ich glaube, wir müssen uns stellen“, sagte ich.

Er schüttelte wortlos den Kopf und ging weiter. Was sollte ich tun? Ich überlegte kurz, folgte ihm dann aber. Es wurde immer beschwerlicher. Ich spürte, wie die Zunge in meinem Mund anschwoll. Wir gingen weiter und weiter, und die Sonne stand bereits tief, als Bajo einsah, dass unsere Situation keinen Ausweg kannte. Zügig marschierten wir zurück in Richtung des Camps.

Anscheinend erwartete man uns bereits, denn das Gittertor öffnete sich wie von Geisterhand. Uniformierte empfingen uns mit Maschinenpistolen. Wir wurden in ein Gebäude geführt und verhört. Ich meldete ein dringendes Bedürfnis an, worauf mich ein Marinesoldat zur Toilette begleitete. Die Tür musste offen bleiben. Ich sah ihn gequält an, und immerhin ließ er die Waffe sinken. Warum man uns als Sicherheitsrisiko einstufte, erfuhren wir später. Die Christina Bischoff war Monate zuvor Häfen in Bulgarien, Rumänien und vor allem in der UdSSR angelaufen. Der Kalte Krieg befand sich in einer intensiven Phase, und es bestand der Verdacht, dass es sich bei uns um Agenten des Ostblocks handeln konnte.

Wer sonst war so verrückt, in den Mississippi zu springen?

In Handschellen band man uns zusammen und fuhr uns mit einem Boot zu einem Steg, an dem wir in ein Polizeiauto umstiegen. Das Tor des Staatsgefängnisses von Miami öffnete sich. Barfuß stand ich in dem Raum, in dem die Gefangenen registriert wurden; ein kühles Zimmer ohne Sitzgelegenheit. Ich trug die Jeans, die sich wie harte Röhren anfühlte, und ein T-Shirt, das weiß gewesen war. Mein Körper war von Insektenstichen übersät und von der Sonne verbrannt. Meine Augen waren verquollen, die Knöchel der Hände und die Ellenbogen blutig eingerissen und von den angeschwollenen Lippen hingen Hautfetzen. Meine blonden Haare erinnerten an Stroh. Meine Kopfhaut juckte fürchterlich. Meine Kniekehlen waren aufgescheuert. Jeder Schritt schmerzte.

Zwei Wachleute mit Pistolen am Gürtel befahlen uns, die Kleidung auszuziehen. Danach schob man uns durch ein Eisenschott in den nächsten Raum. Die Tür schloss sich hinter uns. Hier bekamen wir einen „Blaumann“ aus Jeansstoff. Mein Sträflingsanzug wies einen langen Riss auf der rechten Poseite auf. Unterwäsche gab es nicht. Der Anzug erschien mir im Gegensatz zu meinen Jeans wunderbar weich.

Ein Stahlschott wurde geöffnet. Auf der anderen Seite befanden sich die Zellen der Gefangenen. Links ein Gemeinschaftsraum, mit Tischen und Stühlen, die im Boden verschraubt waren. Eine Toilette und eine Dusche, beides offen, befanden sich in der Mitte. Rechts die Zellen. Knapp achtzig Leicht- und Schwerverbrecher waren hier untergebracht. Ich musste duschen. Die aufgerissene Haut brannte zwar etwas, doch das kalte Wasser empfand ich als Wohltat. Dass die anderen Gefangenen zusehen konnten, war mir egal. Auf dem Schiff waren wir Gemeinschaftswaschräume gewöhnt.

Ich war so müde. Gegen 20 Uhr brachte man uns in die Zelle, vier Kojen in einem Raum, an den Längsseiten in die Stahlwände geschweißt. Als Auflagen gab es dünne Matratzen. Weil die angrenzende Zelle identisch gebaut war, ließ sich nächtliches Schaukeln nicht vermeiden, sobald sich jemand auf dieser Konstruktion bewegte. Fühlte sich ein wenig an wie auf einem Schiff, doch das gefiel nicht jedem, wie die Flüche vermuten ließen.

Ich schlief tief und muss sagen, dass ich an diese Zeit diffuse Erinnerungen habe. Mir war im Schockzustand jedes Zeitgefühl verloren gegangen. Waren wir vielleicht sogar zwei Nächte lang in den Mangroven? Ich kann es nicht sagen. Nach unserem Aussehen müssen wir mehrere Tage im Busch zugebracht haben.

In meinen Träumen kämpfte ich noch lange um unseren Freund Peter. Die Träume begleiteten mich noch Jahrzehnte später. Immer wieder dieses Bild, wie er in der Tiefe verschwindet.

Im Gefängnis ließ man uns in Ruhe. Womöglich war das Gerücht, dass es sich bei uns um gefährliche Ostagenten handelte, bis in den Knast vorgedrungen. Wir wurden schnell in den Knastalltag eingeweiht. Klopapier zum Beispiel, ein kostbares Gut. Es wurde sehr zögerlich und in geringer Menge erst nach einer Vereinbarung vom „Herrscher“ über alle Sanitärartikel gereicht.

Die Soldaten der Küstenwache hatten uns freundlicherweise einige Schachteln Zigaretten überlassen. Die Kippen wurden uns sofort aus den Händen genommen, die kleinsten Reste Tabak herausgeschüttelt und sorgfältig aufgehoben. Wir sahen später, dass Häftlinge diese Reste in Zeitungspapier drehten und in Tüten rauchten. Gabel oder Messer gab es natürlich nicht; wir nutzten abgebrochene Plastiklöffel. Das Essen war nicht grade üppig, doch ich fühlte mich gut versorgt.

Einmal am Tag durften wir uns im Hof die Beine vertreten, zwischen den hohen Gefängnismauern. Ein Vertreter des deutschen Konsulats kam zu Besuch, der uns mitteilte, dass Peters Leichnam gefunden worden war. Wir identifizierten ihn anhand seiner persönlichen Dinge. Sehen durften wir ihn nicht. Der Mitarbeiter des Konsulats erklärte uns auch, dass gegen uns strafrechtlich nichts vorlag. Lediglich unsere Aufenthaltsgenehmigung, auf 21 Tage befristet, war abgelaufen. Wir hatten nichts verbrochen. Nächtliches Schwimmen im Mississippi ist nicht verboten, und das eigene Leben in Gefahr zu bringen, ebenfalls kein Verbrechen. Offenkundig ging es nur darum, auszuschließen, dass wir Ostblock-Spione waren.

Ich empfand kein Angstgefühl in diesen Tagen im Gefängnis von Miami. Mir war auf eine Art alles egal. Als ein grobschlächtiger Gefangener beim Hofgang mit der Hand eine schnelle Bewegung zur Kehle machte, um anzudeuten, dass er mir den Hals durchschneiden wollte, grinste ich ihn an. Er wandte sich dann ab.

Nach sieben Tagen öffnete sich das Tor zum Gemeinschaftsraum. „Bajoratis!“ „Froböse!“ Ein Raunen war zu hören, als wir den Raum verließen und in die Schleuse traten. Hier bekamen wir unser Zeug zurück und ich noch ein Hemd, Socken und Schuhe. Uns erwartete der Konsulatsangestellte mit einem Auto. Die Fahrt ging sofort in den Hafen. An der Pier lag die Bremen, ein Schiff des Norddeutschen Lloyd.

Der Stückgutfrachter lief sofort aus. Nach einigen Stunden wurden wir zum Kapitän gerufen. Uns wurde mitgeteilt, dass wir an Bord als Gefangene betrachtet wurden. Nach deutschem Recht galten wir als „Deserteure“. Uns wurde freigestellt, ob wir auf See arbeiten und Wachdienst leisten wollten; im Hafen würden wir im Deckhaus, welches als Krankenkammer eingerichtet war, unter Verschluss gehalten. Wir entschieden uns selbstverständlich für die Arbeit, gingen Wache und erwarben uns rasch die Achtung der Stammbesatzung. Heuer gab es keine, immerhin aber Zigaretten. Bier habe ich meistens abgelehnt, weil die Wachen mit Alkohol nicht vereinbar waren. Die Zwangspausen während der Hafenzeiten schadeten uns auch nicht. So konnten wir nicht wieder auf dumme Gedanken kommen.

Nach drei Wochen liefen wir in Hamburg ein. Beamte der Wasserschutzpolizei holten uns ab. Die erste Nacht verbrachten wir in der Hafenwache. Nach einem kurzen Verhör entließ man uns. Mein Stiefvater (mein leiblicher Vater war im Krieg im Jahr meiner Geburt auf einem U-Boot 1941 gefallen) holte uns mit seinem kleinen Fiat ab. Bis zum Abschluss des Gerichtsverfahrens durften wir nicht zur See fahren. In diesen sechs Wochen arbeiteten wir als Hilfsarbeiter auf dem Bau.

Bajo kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Ich wurde nicht einmal zum Prozess vorgeladen, weil ich noch minderjährig war. Wir mussten die Flugkosten unserer Ersatzleute bezahlen. Jeweils 3.500,- DM, damals ein Vermögen, das wir in Raten von monatlich 50,- DM abstotterten. Das nächste Schiff, auf das ich einstieg, war wieder ein „Tramper“, die Miranda. Mein weiteres Leben als Seemann „vor dem Mast“, wie es damals hieß, ging abenteuerlich weiter.

Mehrmals lief ich mit einem Schiff einen amerikanischen Hafen an, und jedes Mal wurde für mich ein Wachmann an der Gangway postiert. Wenn ich Hafenwache hatte und die Leinen kontrollierte, begleitete mich ein Bewaffneter in Uniform.

Das tragische Ereignis auf dem Mississippi vergrub ich in meinem Unterbewusstsein. Manchmal kommt es schmerzlich wieder an die Oberfläche. Ich frage mich dann: Haben wir wirklich „alles“ gemacht? Sind wir schuldig? Warum leben wir dann noch?

Fragen, die ich mir noch immer stelle und auf die ich keine Antworten finde.

Peter liegt auf einem Friedhof in New Orleans begraben. Einige Jahre später, während meines Nautikstudiums, besuchte mich sein Bruder. Er wollte wohl herausfinden, ob uns eine Mitschuld an Peters Tod traf. Wir redeten und redeten eine lange Nacht lang und tranken Whisky, bis die Flasche leer war. Ich sah und hörte nie wieder von ihm.


KAPITÄN DIETMAR FROBÖSE


Jahrgang 1941, machte nach der Matrosenausbildung seine nautischen Patente A5 und A6 an der Seefahrtsschule in Hamburg. Danach studierte er an der Hochschule für Wirtschaft und Politik, die er als Volkswirt verließ. In seiner Laufbahn war er u. a. für die Reederei Hapag-Lloyd als Poolreferent tätig und er arbeitete fast zwanzig Jahre lang für die Kutterfischer aus Finkenwerder, Bremerhaven und Cuxhaven. Von 2001 bis 2005 segelte er in seinem Boot um die Welt.

Mit Ankerherz kam Kapitän Froböse 2018 als Gast der „Skua-Tour“ in Kontakt, wie die Reise über den Nordatlantik nach Island heißt. An Bord erzählte er erstmals diese Geschichte. Dietmar Froböse lebt mit seiner Familie in der Nähe von Hamburg.

3 Broken sind schwere, quadratische Netze mit großen Augen an den vier Ecken, die zum Löschen der Ladung dienen.

NORDSEESTURM

NAME KAPITÄN MICHAEL NICOLAYSEN SCHIFF MOTORTANKER LENG SEEGEBIET NORDSEE DATUM KURZ VOR WEIHNACHTEN, 1988


Der Sturm hätte uns nicht mit solcher Stärke treffen sollen. Bis wir in seine Ausläufer gerieten, sollten wir längst im Windschutz der schottischen Küste sein und in Ruhe Weihnachten feiern können. So hatten es die Wetterberichte angekündigt und so hatte ich unsere Überfahrt anhand der eingegangenen Daten geplant.

Doch der Orkan hatte einen anderen Plan.

Er kam schneller, als von den Meteorologen vorhergesagt. Und er kam viel heftiger als prophezeit. Er hatte seine Route südlich verlagert und heulte über die Shetlands in Richtung Norwegen.

Meine Frau begleitete mich auf dieser Reise. Sie war auf die Brücke gekommen und saß Achterkante auf der Bank. Unser Schiff rollte und stampfte stark. Sie rutschte hin und her. Ich werde nie den Moment vergessen, als sie aufstand und nach vorne an die Scheibe trat.

„Mein Gott! Ich kann das Schiff nicht mehr sehen“, sagte sie. Eine weiße See rollte über das gesamte Schiff.

Sie begann, leise zu weinen.

Ich hatte keine Angst in diesen Stunden, wohl aber spürte ich einen Respekt. Eine Menge Respekt, die jeder Seemann vor der See und den Elementen haben sollte. Die Natur ist gewaltig und immer stärker als wir. Unser Schiff war der Motortanker Leng, 134 Meter lang, 19,20 Meter breit, mit der höchsten finnischen Eisklasse, also besonders robust gebaut. Im norwegischen Hafen Mongstad löschten wir am 20. Dezember 1988 unsere Ladung, als der erste Sturm durchzog.

Am späten Nachmittag, der Wind nahm rasch zu, mussten wir das Löschen unterbrechen. Die Pumpen wurden gestoppt, die Ventile des Manifold geschlossen und die Löschleitungen abgebaut. Die See baute sich im ungeschützten Hafenbecken immer weiter auf. Wir brachten aus Sicherheitsgründen zusätzliche Leinen aus. Im Laufe des späten Abends kam dennoch Bewegung ins Schiff. Durch die enorme Windkraft fuhr die Leng an der Pier auf und ab. Die ersten Leinen rissen. Wir hatten keine Zeit mehr, neu zu spleißen. Wir knoteten also Augen in die Leinen.

Die Maschine war besetzt. Mit Hilfe des Verstellpropellers und des Bugstrahlruders versuchte ich, das Schiff einigermaßen ruhig an der Pier zu halten. Gegen Morgen flaute der Sturm ab. Wir lagen wieder ruhig an der Pier, ganz so, als sei nichts geschehen. Wir setzten das Löschen unserer Ladung fort und legten ab. Gegen vier Uhr morgens erreichten wir die Lotsenstation.

Wir wussten, dass das nächste Tief aufzog, und hatten alle Maßnahmen zur Sicherheit ergriffen. Alles war von Deck geholt und verstaut worden. Die Schotten waren dicht und mehrfach überprüft worden und die Seeschlagblenden auf dem Hauptdeck angebracht. Im Aufbau hatte ich alles laschen und seefest zurren lassen. Die Ballasttanks waren geflutet; wir hatten damit Maximaltiefgang und keine freien Oberflächen in den Tanks. Unser nächstes Ziel lautete Grangemouth, ein Chemiehafen im Firth of Forth, Schottland.

Seit 1968 fahre ich zur See, seit ich als „Ferienfahrer“ auf einem Bananendampfer anheuerte. Auch um auszuprobieren, ob ich Seemann werden wollte. Das Kühlschiff fuhr von Hamburg nach Guayaquil in Ecuador.


Die Matrosen schärften mir ein: „Das ist ein gefährliches Pflaster! Moses, du gehst auf keinen Fall alleine an Land.“ Die Decksmannschaft musste noch die Luken zum Beladen vorbereiten, und so fand ich niemanden, der mich begleiten konnte. Nach dem Frühstück war die Neugierde zu groß. Ich stieg um kurz nach halb neun auf eine der Barkassen, die Seeleute von den Schiffen auf Reede an Land brachten, und sah mich im alten Teil der Stadt um. Dieses Gefühl werde ich nie vergessen, zum ersten Mal Südamerika. Ich kam mir ein wenig wie der Entdecker Kolumbus vor: ein kleiner Deckjunge, weißes Hemd, weiße Hose, eine Kamera um den Hals, Armbanduhr am Handgelenk, einen Geldbeutel in der Tasche.

Mein Spaziergang durch das Viertel dauerte nicht lange. Ich wurde von einer Gruppe Jugendlicher umringt und spürte die Spitze eines Messers im Rücken. Ich war Kamera, Armbanduhr und Geldbeutel los. Zum Glück hatte sich Kolumbus, der Entdecker, das Ticket für die Barkasse in die Brusttasche des Hemdes gesteckt. Um kurz nach zehn Uhr schlich ich zurück an Bord, zur Schadenfreude der Matrosen. Sie verspotteten mich, denn sie hatten ja vorhergesagt, wie der Landgang für mich enden würde. Ich schämte mich, die Tränen liefen, und ich schloss mich in meiner Kammer ein. Es dauerte nicht lange, bis an die Tür gehämmert wurde. „Moses, komm raus!“ Für mich war das Kapitel Ecuador beendet, ich mochte nicht. „Siehst du jetzt zu, dass du rauskommst?“, riefen die Matrosen. Im Interesse einer harmonischen Heimreise folgte ich.

Es wurde ein wunderbarer Ausflug. Wir besichtigten eine alte Kirche und einen südamerikanischen Friedhof mit den überirdischen Gräbern. Nach dieser Sightseeing-Tour gingen wir essen. Zum ersten Mal in meinem Leben aß ich Shrimps und fand es köstlich. Hinterher ging es dann noch in die „Alte Anita Bar“, eine bekannte Seefahrerbar. Die Matrosen hielten mich frei. Sie wollten, dass ich die Reise in guter Erinnerung behalte. Sie haben mir einen Weg in die weite Welt gezeigt. Und eine Kameradschaft, wie ich sie immer wieder auf See erlebt habe. Auch deshalb mag ich meinen Beruf.

Nach dem Studium konnte ich als Dritter Offizier bei einer Tankerreederei anmustern. Und den Tankern blieb ich treu. Es ist ein anspruchsvoller Beruf. Auf allen Tankern, egal, welche flüssige Ladung transportiert wird, beschäftigt sich die gesamte Mannschaft immer mit der Ladung. Die Tanks müssen vor dem Beladen sauber sein. Ladungsreste müssen aus den Tanks, den Leitungen, Filtern und Entlüftungsmasten gewaschen werden. Die Ladungsrückstände und das Waschwasser werden in Sloptanks aufbewahrt und im nächsten Hafen entsorgt. Die Kontrollen sind engmaschig und sehr genau. Sollten wir beispielsweise Flugzeugkerosin laden, kam eine Spezialfirma zur Überprüfung der Tanks vor der Beladung an Bord. In den Tanks wurden mit Wattebauschen Proben an den Wänden genommen. Die kleinste Verunreinigung bedeutete mächtig Ärger und im schlimmsten Fall, dass ein anderes Schiff den Zuschlag bekam.

Während der Reisen wurde die Ladung sowie die Temperatur kontrolliert.

Damals musste alles noch per Hand und vielen Tabellen berechnet werden.

Auch dies mochte ich an meinem Beruf. Der größte Tanker, auf dem ich fuhr, hatte eine Länge von 325 Metern bei einer Breite von 49 Metern, der maximale Tiefgang betrug 22 Meter. Auf Tankern bin ich auf fast allen Weltmeeren gefahren.

Schlechtwetter gibt es überall, doch berüchtigt ist unter Seeleuten die Nordsee. Warum, das sollte ich mal auf dieser Reise mit der Leng erfahren. Als wir die Küste Norwegens verließen, setzte Schneetreiben ein, gefolgt von starkem Regen. Der Wind nahm immer weiter zu. Mit dem Leitenden Ingenieur und dem Ersten Offizier besprach ich, was zu tun war. Zur Sicherheit schalteten wir den Wellengenerator ab und schlossen die Hilfsdiesel ans Stromnetz an.

Der Sturm drehte immer weiter auf, als schiebe man den Regler einer großen Turbine immer weiter bis an den Anschlag. Das Barometer fiel auf 962 Millibar. Am frühen Abend maßen wir Orkanstärke 12. Die Sicht: null. Es war schwierig, den Bug im Chaos aus Wellen und Gischt auszumachen. In diesen Stunden hörten wir den lokalen Wetterbericht einer Ölplattform. Dort wurden Wellenhöhen von 23 Metern gemessen. Dies entspricht der Höhe eines Hauses mit acht Stockwerken. Solche Monsterwellen kommen öfters vor. Schottische Forscher haben auf der Bohrinsel „Draupner E“ innerhalb von zwölf Jahren 466 Riesenwellen registriert. In der Neujahrsnacht 1995 donnerte ein Wellenberg von 26 Metern Höhe unter der Bohrinsel durch.

Jetzt rollten die riesenhaften Seen in Abständen von knapp zweihundert Metern heran, was einem das Gefühl gab, in einem großen Aufzug unterwegs zu sein. Der Autopilot hatte in der schweren See große Probleme, den Kurs zu halten. Ich schaltete die Automatik ab und setzte einen Matrosen ans Ruder.

Weil ich auch die Maschinendrehzahl der See anpasste, setzte ich mich schließlich selbst ans Ruder. Unterstützt wurde ich von den Offizieren, unter anderem mit Kaffee. In solchen Situationen ist das ständige Auffüllen der Mug von entscheidender Wichtigkeit.

Mit langsamer Fahrt ging es die Wellen hinauf. Auf der Spitze stellte ich den Hebel auf „Null“, um mit möglichst wenig Fahrt ins Wellental einzutauchen. Bei einer zu hohen Geschwindigkeit besteht die Gefahr, dass der Steven nicht wieder hochkommt oder Schäden auf der Back entstehen. Um das Stampfen in der haushohen See zu reduzieren, kantete ich die Leng ein wenig an. So kam die See etwa zehn Grad von der Seite. Wir rollten zusätzlich noch ein wenig.

Höchste Konzentration. Höchste Anspannung. Immer die Kompassrose, den Umdrehungsanzeiger und das Radargerät im Blick, und dabei versuchen, irgendetwas voraus zu erkennen. Als Kapitän trägt man die Verantwortung für die Leben an Bord und selbstverständlich auch für das Schiff.

Wir haben es geschafft, auch durch diesen Sturm.

Den Heiligen Abend verbrachten wir im Firth of Forth. Bei ruhiger See, aber ohne Festtagsbraten. In der rauen See hatte der Schiffskoch die Zutaten nicht vorbereiten können.


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Objętość:
256 str. 95 ilustracji
ISBN:
9783945877807
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Bookwire
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