Czytaj książkę: «Von der Magie zur Mystik»

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Stefan Jürgens

Von der Magie zur Mystik

Der Weg zur Freiheit im Glauben

Patmos Verlag

Inhalt

Vorwort

Von Kindern und Zwergen

Geistliche Entwicklung in der Bibel

Erfahrung und Deutung

Altes Testament

Neues Testament

Negative Theologie: die analoge Rede von Gott

Entwicklung im Alten Testament

Entwicklung im Neuen Testament

Was den Kinder- vom Erwachsenenglauben unterscheidet

Beten und Bitten

Sakramente und Sakramentalien

Religion versus Glauben

Engel und Schutzengel

Teufel und Dämonen

Himmel oder Hölle

Maria mit dem Kinde lieb

Magische Orte und heilige Zeiten

Zeichen und Wunder

Ursachen für das Verharren im Kinderglauben

Misstrauen und Minderwertigkeitsgefühl

Fehlende Reflexionsbereitschaft

Klerikalismus

Wege zum erwachsenen Glauben

Spiritualität und Identität

Pastorale Wegmarken

Es geht um Freiheit

Kindlich, nicht kindisch

Österlich leben

Buße und Beichte

Hierarchie

Kontemplation

Das Beispiel Bonhoeffer

Konkrete Schritte

Einladung

Über den Autor

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Vorwort

Das Thema »Von der Magie zur Mystik« zieht sich wie ein roter Faden durch mein seelsorgliches Handeln. Bereits die Glaubens- und Kirchenerfahrung meiner Kindheit und Jugend war davon geprägt. Ich habe Menschen erlebt, getaufte Christinnen und Christen, die im Glauben nicht reifen konnten, die zeit­lebens in religiösen Kinderschuhen steckten und deshalb an magischen, meistens angstbesetzten Vorstellungen hingen, ja, diese sogar vehement als den angeblich wahren Glauben verteidigten. Seitens der Gemeindeleitung wurde wenig dagegen unternommen, da die kirchlichen Machtstrukturen auf Autorität und Gehorsam angelegt waren.

Erst während des Theologiestudiums bin ich meinem eigenen Kinderglauben entwachsen. Bei einer Vorlesung über den Römerbrief des Apostels Paulus ist mir aufgegangen: Gott liebt mich nicht, weil ich gut bin, sondern weil er gut ist. Mit einem Mal ist mir klargeworden, dass mein kindlicher Glaube nicht nur naiv und magisch, sondern auch eine finstere Leistungs­religion gewesen war. Hatte ich bei meinen Eltern gelernt, lieb und artig zu sein, so war die Religiosität meiner Heimatpfarrei darauf angelegt, Gott – oder wen man dafür hielt – durch fromme Leistung gnädig zu stimmen. Ich wurde zu Hause mit unendlicher Geborgenheit beschenkt, wodurch ein starkes Urvertrauen entstehen und sich mein Glaube trotz eines gewissen Jesus-Defizits entwickeln konnte. Dieses Defizit bestand darin, dass der Gott meiner Kindertage im Grunde genommen eine Schutzgottheit war, »Herrgott« genannt, der gemeinsam mit dem »lieben Heiland« die Aufgabe hatte, angepasstes Verhalten mit persönlichen Vorteilen zu vergelten. In der Pfarrei glaubte man ebenfalls nicht an Jesus Christus und die befreiende ­Botschaft seines Evangeliums, sondern an die Autorität des Pfarrers.

In 25 Jahren seelsorglicher Praxis ist mir bei vielen Menschen nur wenig Glaube begegnet, dafür aber viel Magie; wenig Gottvertrauen, dafür aber viel Angst; wenig Entwicklung, dafür aber viel Tradition. Ich behaupte, stets die frohe Botschaft, das Evangelium, gepredigt zu haben; dennoch entdecke ich gerade bei vielen älteren Menschen ein Bestehen auf der alten Angst, ein Verharren in kindlich-naiven Vorstellungen von der Bibel, den Sakramenten und der Kirche. Selbst junge Menschen, die ansonsten mitten im Leben stehen, beharren auf magischen, geradezu grotesken Ansichten. Theologische Aufklärung jedenfalls wird immer noch scharf bekämpft, ja, die gesamte Theologie steht bei vielen Christen unter dem Generalverdacht der Häresie. Wer beispielsweise die Bibel historisch-kritisch auslegt, gilt oftmals als nicht fromm genug, da er ja »nicht mehr alles glaubt«, was angeblich darin geschrieben steht.

Ein Großteil der Christen, so scheint mir, glaubt an einen Gott, den es gar nicht gibt, nämlich an das mit der jeweils herrschenden (weltlichen und auch kirchlichen) Macht verwechselbare und von der Religionskritik längst als Projektion entlarvte Über-Ich, das kontrolliert und beschützt, belohnt und bestraft, verflucht und segnet. Das ist wohl der Grund, warum mittlerweile die meisten Christen ihren Glauben mitsamt ihrer ambivalenten Kirchenerfahrung loswerden wollen, warum sie ihn einfach vergessen oder bewusst verdrängen. An den Vater Jesu Christi, der herausfordert zu entschiedener Nachfolge und leidenschaftlicher Liebe, glauben offenkundig nur die wenigsten.

Mit einem Wort: Die Magie hat es leicht, denn jeder Mensch ist von Natur aus religiös. Der Glaube aber hat es schwer, denn er braucht, um wachsen und reifen zu können, nicht nur fromme Gefühle, sondern intellektuelle Anstrengung, nicht nur das Mitmachen von Ritualen, sondern deren kritische Reflexion – psychologisch gesprochen: nicht nur Regression, sondern vor allem Individuation. Magisch empfinden faktisch zunächst alle Menschen; mystisch sind sie erst dann, wenn sie sich um eine verbindliche, aufgeklärte und handlungsbereite Spiritualität bemühen: Ora et labora. Interessant ist, dass Menschen gerade im Ringen um einen reifenden Glauben jeden Leistungsgedanken über Bord werfen und sich von Gott beschenken lassen können wie ein Kind. Ihr Glaube wird von selbst zur Nachfolge Christi; sie können gar nicht mehr anders, als auf seine Liebe und Hingabe zu antworten.

Ich bin davon überzeugt, dass die Weltgeschichte anders verlaufen wäre, wenn es mehr gereifte und erwachsen gewordene Christinnen und Christen gegeben hätte. Wie hätten sonst zwei Weltkriege von einem Land ausgehen können, dessen Kirchen zur selben Zeit noch zum Bersten voll waren? Nur wenige waren damals couragiert, reflektiert, mutig; die meisten waren gefangen in alten Gehorsamsstrukturen oder haben einfach weggeschaut. Ich bin davon überzeugt, dass die Kirche reformfähiger wäre, wenn die leitenden Persönlichkeiten wirklich erwachsen wären. Die Zugangsbedingungen zum Amt beispielsweise verhindern geradezu, dass wirklich gereifte Menschen in hohe Ämter kommen. Durch den Pflichtzölibat werden Beziehungsunfähigkeit und Infantilität faktisch gefördert und spiritualisiert. Die Auftritte mancher Kirchenoberer jedenfalls machen einen durchaus kindlich-selbstverliebten Eindruck, wenn es hauptsächlich darum geht, Papa Papst und Mutter Kirche zu gefallen; man regiert autoritär, tut dabei fromm und zieht eine Schleimspur angepasster Kirchenfrömmigkeit hinter sich her. Reformen werden verhindert, weil man selbst – wie übrigens alle Traditionalisten – an seiner eigenen Kinderkirche festhält. Die wahren Krabbelgottesdienste, so scheint mir manchmal, finden in den Hochchören unserer Kathedralen statt. Schließlich bin ich davon überzeugt, dass die heutige Weltpolitik anders liefe, wenn die darin machthabenden Christ­innen und Christen im Glauben weiter gereift wären; denn dann würden sie religiöse Gefühle nicht nationalistisch missbrauchen, sondern die kritische Kraft und Herausforderung des Evangeliums entdecken.

An der persönlichen Entwicklung von der Magie zur Mystik führt deshalb kein Weg vorbei. Dazu möchte ich allen Christinnen und Christen Mut machen, denn dafür ist es nie zu spät. Ich bin davon überzeugt: Gott will keine infantilen Angsthasen, die nur perfekt gehorchen, sondern erwachsene Töchter und Söhne, die sich entwickeln zu mehr Freiheit und Verantwortung, herausgefordert zu Hingabe und Liebe.

Um eine bessere Lesbarkeit zu ermöglichen, verzichte ich an den meisten Stellen im Buch auf die Nennung beider Geschlechter sowie auf das Gender*sternchen. Gemeint sind aber immer alle (w/m/d).

Von Kindern und Zwergen

Glaube ist kein Zustand, sondern ein Weg. Der Glaube entwickelt sich im Laufe des Lebens. Bleibt ein Mensch auf einer bestimmten, meist frühen religiösen Stufe stehen, spricht man vom Kinderglauben. Wenn ein Kind nicht wächst, wird aus ihm weder ein erwachsenes Kind noch ein kleiner Erwachsener, sondern ein Zwerg. Ich betone, dass es sich hierbei um eine Metapher handelt: Mit dem Zwerg ist selbstverständlich nicht die physiologische Kleinwüchsigkeit gemeint, sondern eine ver­zögerte oder gar zum Stillstand gekommene religiöse Entwicklung. Man sollte den Kinderglauben deshalb nicht romantisieren, so als habe eine solche Entwicklungsstufe mit unver­dorbenem Vertrauen zu tun, gar mit unverbrauchter und unangezweifelter Gottunmittelbarkeit. Es ist ein Zwergenglaube, der bei der erstbesten Lebenskrise wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Wer aus seinen religiösen Kinderschuhen nicht herausgewachsen ist, wird bald aus allen Latschen kippen.

Nach meiner Erfahrung gehen menschliche und geistliche Reife Hand in Hand, Beziehungsfähigkeit und Spiritualität sind ein und dasselbe. Wer mit einem Menschen keine verlässliche Beziehung leben kann, wird auch Gott nicht die Treue halten; wen das Schicksal von Menschen unberührt lässt, der lässt sich auch von Gott nicht berühren; an der Nächstenliebe kann man die Gottesliebe exakt ablesen – und umgekehrt. Insofern sorgen autoritäre Strukturen einerseits und kindliche Frömmigkeit andererseits in der Kirche dafür, dass Menschen, insbesondere Amtsträger, nicht reifen können und dann später selbst die Entwicklung anderer Christen behindern. Sie sind selbst nicht beziehungsfähig, was auch noch spirituell überhöht wird. Pastoraltheologen sprachen schon vor Jahrzehnten von der Infantilität des Gottesvolkes und dessen Unmündigkeit im Glauben.

Wie sieht er denn aus, der Glaube in Kinderschuhen? Wenn Erwachsene ihren Kinderglauben nicht abgelegt haben, dann glauben sie meistens mehr an Magie als an Jesus. Gott ist dann ein Wundertäter, der zuständig ist für alles, was ich nicht verstehe, und der überall dort anzutreffen ist, wovon ich noch nichts weiß. Der Gott, der in dieser Lücke sitzt, wird zwar der liebe Gott genannt, aber man traut seiner Liebe doch nicht so recht über den Weg. Deshalb muss man sich bei ihm absichern, denn für gute Taten gibt es Lohn, für schlechte eben Strafe. So lieb ist der liebe Kindergott also doch nicht! Er ist nur ein Buchhalter, der zusammenrechnet und später im Himmel auszahlt, was man für sich selbst erarbeitet hat. Der Glaube in Kinderschuhen findet niemals wirklich zu Jesus Christus. Es geht zumeist bloß um irgendeinen Naturgott – »Herrgott« genannt –, nicht aber um den Vater Jesu Christi.

Johannes vom Kreuz, der große spanische Mystiker, sagt es so: »Nur ein Mensch, der seine hergebrachten religiösen Gewissheiten verloren hat, ist fähig zur Begegnung mit dem lebendigen Gott.« Mit anderen Worten: Nur wer seinen Kinderglauben in Frage stellt, wer ganz bewusst vor und mit Gott zu leben beginnt, findet zu einer persönlichen Gottesbeziehung. Ich bin davon überzeugt: Wer sich wirklich auf Jesus einlässt, gelangt zu einer ganz neuen Freiheit. Wer in dieser Freiheit lebt, kann fröhlich seinen Glauben bezeugen.

Der Kinderglaube ist für Kinder durchaus wichtig, man soll ihn deshalb nicht von vornherein schlechtmachen. Erwachsene können von Kindern viel lernen: Vertrauen haben, die Zeit vergessen, absichtslos neugierig sein, ganz bei einer Sache bleiben, nicht nach Anerkennung und Erfolg schielen, sich nicht mit anderen vergleichen. Der Kinderglaube ist für Kinder durchaus wichtig, denn ohne natürliche Religiosität findet niemand zum Glauben. Im Erwachsenenalter jedoch ist der Kinderglaube kontraproduktiv, denn einen Zwergenglauben will man irgendwann nicht mehr haben, sondern unbedingt loswerden.

Die religiöse Entwicklung vom Kinder- zum Erwachsenenglauben ist der Weg von der Magie zur Mystik. Wie jeder Mensch im Mutterleib Stufen der biologischen Evolution durchläuft, so durchlebt und durchleidet er biografisch den Fortgang der geistig-geistlichen Evolution der Menschheit von einer naiv-magischen Religiosität hin zum aufgeklärt-mystischen Glauben. Es gibt ja nicht nur die biologische, sondern auch die geistige und spirituelle Evolution. In der Frühzeit der Menschheit geht es ums nackte Überleben und entsprechend um die Befriedigung von Urbedürfnissen. Erst später entstehen Rituale, vor allem um die Ereignisse der Lebenswenden herum: Geburt, Heirat, Tod. Solche Rituale geben Sicherheit und Halt, sie verleihen Identität. Denn die Welt wird als magisch empfunden, sie ist unberechenbar und bedrohlich. Deshalb muss man sich wehren gegen böse Geister und gegen ein schlimmes Schicksal. Erst mit der Erfindung der Schrift entstehen Gesetze und Regeln; Könige sorgen für Ordnung, Moralvorstellungen und Traditionen für ein reibungsloses Zusammenleben. Das verheißene ­Jenseits bringt den Lohn für ein moralisch gutes Leben, entsprechend wird Ausreißern und Bösewichten die Hölle heiß gemacht. Durch die Wissenschaft lernt die Menschheit erst sehr viel später, sich von einer religiös legitimierten Ordnung zu emanzipieren; seit der Aufklärung muss niemand mehr an Gott glauben, um einen gesellschaftlich anerkannten Platz einzunehmen. Die Welt ist mündig geworden, sie braucht Gott nicht mehr, weder als Welterklärungsmodell noch als Moralinstanz; kein Machthaber ist mehr »von Gottes Gnaden«, kein Problem wird mehr mit der Hypothese eines Gottes, der in der Lücke menschlicher Begrenztheiten oder wissenschaftlich noch ungeklärter Probleme sitzt, zu lösen versucht.

Mit dieser kurz skizzierten geistigen Evolution ist jeweils auch ein Wandel im Gottesbild verbunden. Ist Gott zunächst der Versorger von Urbedürfnissen, so stehen später Stammesgötter am Ahnenhimmel. In kriegerischen Gesellschaften, die sich durch Abgrenzung definieren, sind Macht- und Kriegsgötter gefragt, in Königreichen eher göttliche Vaterfiguren, Gesetzgeber und Richter. Erst mit der Hinwendung zum Diesseits durch die Naturwissenschaften wird das Gottesbild transzendent und mystisch; jetzt geht es um einen verborgenen Urgrund in der Tiefe des Seins. Nach der Erfahrung der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert wurde Gott häufig als Freund bezeichnet, er war jetzt barmherzig und lahm wie ein zahmer Tiger, »er« war jetzt eine »Sie«, nicht mehr nur Vater, sondern auch Mutter. Jede Zeit hat also ihr Gottesbild, das zugleich ­Inbegriff einer großen Sehnsucht und Legitimation des Bestehenden oder auch Kritik daran ist. Diese Entwicklung, die über mehr als 50.000 Jahre geht, ist ein Weg von der Magie zur Mystik, also von den allerersten religiösen Stufen bis heute. Und diese Entwicklung muss jeder Mensch durchlaufen, will er nicht im Kinderglauben, also in den ganz frühen Stufen, steckenbleiben.

Magie ist dabei die archaische Vorstellung, dass alles mit allem zusammenhängt und man nur die richtigen Mittel anwenden muss, um das Göttliche nach eigenem Gutdünken zu beeinflussen. Da diese Mittel jedoch auch anderen zur Verfügung ­stehen, geht mit der Magie immer auch die Angst einher, das Göttliche könne einem Schaden zufügen. Magische Vorstellungen sind demnach immer angstbesetzt und von großer existenzieller Unsicherheit geprägt – das Göttliche erscheint einerseits unheimlich groß, dann aber wieder nützlich und brauchbar und damit klitzeklein, es bleibt unberechenbar und ambivalent.

Mystik ist demgegenüber kein Feld für religiöse Hochleistungssportler oder besonders begabte Gläubige, sondern schlichtweg die konsequente Pflege einer persönlichen Gottesbeziehung. Der Mystiker, die Mystikerin erfährt Gott als ein liebendes, aber auch herausforderndes Du, dem er/sie sich in Freiheit anvertrauen kann. In der Mystik ist Gott der immer Größere, er spricht und hört, er zwingt zu nichts, lässt sich aber auch nicht für eigene Zwecke gebrauchen und damit kleinmachen. Gott ist geheimnisvoll, aber nicht unheimlich; er ist eindeutig, nicht ambivalent. Jeder Mensch, der betet, ist in diesem Sinn ein Mystiker, da er sich auf eine persönliche Beziehung zu Gott einlässt und aus dieser heraus lebt und handelt. Wie gesagt: Beziehungsfähigkeit und Spiritualität sind im Grunde genommen ein und dasselbe, Mystik ist Gottesbegegnung auf Augenhöhe und per Du.

Geistliche Entwicklung in der Bibel
Erfahrung und Deutung

Die Bibel ist voll von Erzählungen und Bildern einer stufenweisen Glaubensentwicklung. Gott offenbart sich so, wie die Menschen ihn erfahren und vielleicht begreifen können; er geht ihren Lebensweg mit, fordert sie heraus, überfordert sie dabei aber nicht. Er ist ein Gott der Geschichte, nicht der zeitlosen Mythen. Dieser Gott macht in der Bibel selbst eine Evolution durch, er entwickelt sich vom Wüsten- und Wettergott zum universalen Gott aller Menschen; kämpft er zunächst im Kreis der Götter noch eifersüchtig um Vorherrschaft, so zeigt er sich später als Gott für alle. Von Zebaoth bis zum Abba-Vater Jesu Christi ist es ein weiter Weg, der Menschen Mut machen kann, diesen Gott auch auf ihrem eigenen Lebensweg immer besser zu verstehen und tiefer zu erfassen.

Entsprechend gibt es auch und gerade in der Bibel magische und mystische Elemente: die Furcht vor Gott und die Liebe zu ihm, einen machtvollen Kriegsgott und einen ohnmächtigen Gottessohn am Kreuz. Mit einzelnen Bibelsprüchen, aus dem Zusammenhang gerissen, kann man deshalb so ziemlich jeden Unsinn beweisen. Die Bibel zeigt eine geistig-geistliche Evolution von der Magie zur Mystik: Anthropomorphe (menschen­ähnliche) Gottesbilder lösen sich zugunsten transzendenter Vorstellungen und Gotteserfahrungen, die zur Liebe herausfordern, auf. Das Verständnis der Bibel wächst ebenfalls mit der menschlichen Erkenntnis; wir verstehen die Bibel heute besser als vor hundert oder tausend Jahren.

Wenn ich in Gemeinden oder Bildungshäusern eine kleine Bibelschule anbiete, wundere ich mich jedes Mal darüber, wie kindlich-naiv viele ansonsten gebildete Menschen mit der Bibel umgehen, so als müssten sie durch ein naives Aufnehmen ihrer Geschichten die Erinnerung an ihren Kinderglauben bewahren. Insofern ist ein aufgeklärt-mystischer Umgang mit heiligen Texten, ja, überhaupt das Zulassen von Hermeneutik, also die Reflexion der Bedingungen des Verstehens, unabdingbar für die Entwicklung eines erwachsenen Glaubens (und des inter­religiösen Dialogs).

Die meisten Christen kennen die Bibel nicht, jedenfalls nicht ausreichend. Sie haben zu Hause eine Bibel, aber sie lesen nicht darin. Die Bibel ist der absolute Weltbestseller, kein Buch erreicht höhere Auflagen. Und doch kennen die meisten Christen die Bibel, wenn überhaupt, nur aus dem Gottesdienst. Und auch dort wird häufig nur über die einfachen Stellen, vielleicht über das Evangelium, nicht aber über die Lesungen gepredigt. Oftmals enthalten Predigten auch heute noch eher moralische Appelle als eine Erschließung biblischer Inhalte. So bleibt das meiste fremd. Den Älteren hat man die Bibel nicht zugetraut, zugemutet; im Religionsunterricht wurden noch vor wenigen Jahrzehnten Katechismusantworten abgefragt; aus der Bibel gab es nur ausgewählte Geschichten, Gedanken, Sprüche. Das Alte Testament galt sogar als gefährlich, eben weil es nicht nur erbauliche Geschichten enthält, sondern das ganze Leben: Scheitern und Versagen, Mord und Totschlag, Sex and Crime. Es spricht eben nicht von guten Menschen, sondern von einem guten Gott. Noch heute schalten viele bei der Ersten Lesung ab. Die Bibel, besonders das Alte Testament, ist gleichbedeutend mit »schwer verständlich«. Jugendliche, die es ja anders haben könnten, ­denen heute alle Möglichkeiten offenstehen, finden die Bibel langweilig.

Die evangelische Kirche galt immer als Kirche des Wortes, die katholische Kirche als Kirche der Sakramente. In der evangelischen Kirche wurde mehr gelesen und gepredigt, in der katholischen Kirche wurde mehr gefeiert und verehrt. Martin Luther wollte zurück zu den Quellen des Glaubens; »sola scriptura, allein die Schrift« hieß einer seiner Grundsätze. So kam es unter Protestanten zu einer Abwehr gegen Zeichen; diese gerieten allesamt unter Magieverdacht. Unter Katholiken kam es zu einer unausgesprochenen Abwehr gegen das Wort, also gegen die Bibel, die zusehends vernachlässigt wurde. Die einen erfuhren Jesus im Wort, die anderen hatten ihn auf dem Altar. Das Zweite Vatikanische Konzil wollte die Bibelangst der Katholiken aufbrechen. Christus ist ja nicht nur im Sakrament wirklich gegenwärtig, sondern auch in jedem Getauften, in der Versammlung, in seinem Wort, in den Werken der Liebe. Deshalb wollte man, wie es damals hieß, dass der »Tisch des Wortes Gottes« reicher gedeckt würde. Wer vor dem Konzil die heilige Messe besuchte, hörte immer dieselben wenigen ausgewählten Geschichten und Sprüche. Kein Wunder, dass man keinen Spaß an der Bibel bekam. Wer heute den Lesejahren der Kirche folgt, bekommt in drei Jahren einen Großteil der Bibel vorgelesen, verkündet, gefeiert. Dennoch tun sich auch heute noch Gruppen, die Gottesdienste vorbereiten, mit der Bibel schwer. Sie erliegen oft der Versuchung, das Bibelwort durch Kurzgeschichten mit einfachsten moralischen Pointen oder durch sogenannte Meditationen, die allein dadurch schön klingen, dass sie ruhig und langsam vorgetragen werden, zu ersetzen. Bibelkreise sind zumeist überaltert oder haben aufgegeben.

Die Bibel ist Gottes Wort in Menschenwort. Sie ist nicht vom Heiligen Geist diktiert. Vielmehr sind hier Glaubens- und Lebenserfahrungen von Menschen aufgeschrieben, die ernst gemacht haben mit Gott. Die Bibel ist Menschheitsgeschichte, gedeutet aus gläubiger Perspektive; sie ist das Leben Gottes, gedeutet von Menschen, die etwas von ihm erfahren haben, die ihren Glauben nicht für sich behalten wollten. Christen glauben also nicht an Verbalinspiration – das Christentum ist in diesem Sinne keine Buchreligion –, aber wenn ein Bibelwort wirkt, dann ist das durchaus inspirierend. Inspiration ist kein Vorgang bei der Abfassung, sondern beim Lesen der Texte, insofern sie vom Hirn ins Herz rutschen und konkretes Handeln bewirken.

Über Jahrhunderte wurde heftig um die Bibel gestritten: Muss man alles wörtlich nehmen? Ist alles wirklich so gewesen? Hat Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen? Waren Adam und Eva die ersten Menschen oder nur Symbolgestalten? Hat Jesus wirklich Wunder gewirkt? War sein Grab leer? Kann man aus der Offenbarung die Zukunft dieser Welt ablesen?

Ich kenne Menschen, die schwer enttäuscht sind. Als Kinder haben sie alles geglaubt, was ihnen aus der Bibel vorgelesen wurde. Als Erwachsenen hat man ihnen gesagt, man dürfe nicht alles wörtlich nehmen, auf den Sinn käme es an. Plötzlich halten sie alles für ein Märchen, ihre ganze religiöse Welt fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Solche Menschen sind im Glauben Kinder geblieben. Sie unterscheiden nicht zwischen Wirklichkeit und Wahrheit, sie unterscheiden nicht zwischen Geschichte und Botschaft, zwischen den Wörtern der Menschen und dem Wort Gottes. Zumeist haben sie sich niemals kritisch mit ihrem Glauben auseinandergesetzt.

Solche Menschen findet man in manchen Freikirchen, bei den Zeugen Jehovas, in christlichen Sekten, aber auch bei ängstlichen katholischen und evangelischen Christen. Man klammert sich furchtsam an das geschriebene Wort, an vorgeblich historische Tatsachen oder einzelne Bibelsprüche, und geht dabei am Ganzen, am Sinn der Botschaft vorbei. Dabei kommt man häufig zu sehr fragwürdigen theologischen Aussagen und zu einem Glauben, der nicht Freiheit, sondern Angst bedeutet. Statt den Glauben aus dem Wort Gottes herauszulesen, liest man seine eigenen kindlichen und naiven Vorstellungen in das Bibelwort hinein.

Die Bibel ist Gottes Wort in Menschenwort. Sie ist nicht in allem wirklich, aber sie ist wahr. Sie erzählt die Geschichte von Menschen, um in unser heutiges Leben hineinzusprechen. Nicht um Wörter geht es, sondern um das Wort. Deshalb sagt der jüdische Theologe Pinchas Lapide zu Recht: »Man kann die Bibel entweder wörtlich nehmen oder ernst.« Es gibt nur das eine oder das andere. Wer alles wörtlich nimmt, geht garantiert am Sinn vorbei. Die Bibel sagt es selbst: »Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig!« (2 Kor 3,6). Wer die Bibel ernst nimmt, wer den Geist Gottes aus ihr herauslesen kann, wird sie lieben und aus ihr zu leben versuchen. Er wird gewahr werden: Das Judentum und in dessen Folge das Christentum ist ein Offenbarungsglaube. Niemand kann sich ausdenken, wer Gott ist, niemand kann ihn aus der Natur herauslesen. Dass Gott existiert, mag man an der Schöpfung erkennen, aber wer und wie er ist, nicht. Dazu muss er sich selbst offenbaren, alles andere wäre Naturreligion und damit ein Konstrukt von Menschenhand. Gott offenbart nicht etwas über sich, nicht irgendwelche Wahrheiten und Lehrsätze, sondern sich selbst, seine Wahrheit und sein Wesen.

Die historisch-kritische Exegese hat gelehrt, Texte aus ihrer Entstehungszeit heraus zu verstehen. Das ist meistens ganz einfach; man braucht dafür kein Theologiestudium, sondern nur Aufmerksamkeit und Geduld. Wer beispielsweise den ersten Schöpfungshymnus (Gen 1,1–2,4a) mit dem zweiten Schöpfungsbericht (Gen 2,4b–24) vergleicht, dem springen die Unterschiede buchstäblich ins Auge; man bekommt eine Ahnung vom Umfeld der Abfassung, von der Lebenswirklichkeit der Autoren und deren Intention. Ähnlich ist es bei den Evangelien. Wer die drei synoptischen Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas miteinander vergleicht und dann das Johannesevangelium liest, kann vernünftigerweise nicht mehr behaupten, alles habe genauso stattgefunden. Vielmehr wird sofort auffallen, dass hier verschiedene Schwerpunkte enthalten sind und dass jeder Autor durch seine eigene theologische Brille von Ostern her auf die jeweils unterschiedliche Lebenssituation seiner Leser schaut. Für alle weiteren zum Verständnis notwendigen Informationen (Textkritik, Literarkritik, Form- und Redaktionsgeschichte) genügt meistens ein kurzer Blick in die Anmerkungen der gerade vorliegenden Bibelübersetzung. Nach meiner Erfahrung können auch Christen ohne theologische Vorbildung schnell erfassen, dass bestimmte Autoren für bestimmte Zielgruppen schreiben, zum Beispiel Matthäus für Judenchristen, Markus und Lukas für Heidenchristen, und Johannes, der Christus-Mystiker, für Christen in der Verfolgung, die eine starke Ermutigung durch die Einheit mit ihrem Herrn nötig hatten.

Dass alle alten Texte, ob weltlich oder geistlich, ob historisch oder frei erfunden, einer Deutung bedürfen, mache ich gern anhand einer Metapher klar. Wenn heutzutage Volkswagen und Daimler fusionieren würden, so könnte man in der Zeitung folgende Schlagzeile lesen: »Elefantenhochzeit in Wolfsburg und Stuttgart«. Denn jeder weiß, dass mit dem Sprachbild »Elefantenhochzeit« die Fusion von zwei großen Konzernen gemeint ist. Und weil die meisten wissen, wo diese Konzerne ihren Hauptsitz haben, wäre bei der genannten Überschrift jedem sofort klar: VW und Daimler schließen sich zusammen.

Nehmen wir an, fünfhundert oder tausend Jahre später würde in einem alten Archiv ein Exemplar der besagten Zeitung gefunden. Allerdings wüsste niemand mehr, was in unseren Tagen mit der Metapher »Elefantenhochzeit« gemeint war. Die Archäologen würden wohl in Wolfsburg und Stuttgart so lange graben wollen, bis sie Elefantenknochen gefunden hätten. Weil sie aber keine finden würden, wäre es höchst wahrscheinlich, dass sie die Zeitungsmeldung als blanken Unsinn, als Märchen oder Fake-News bezeichnen würden. Es sei denn, in fünfhundert oder tausend Jahren fänden Historiker und Literaturwissenschaftler heraus, welche sprachlichen Metaphern in unserer Zeit gebräuchlich waren.

Genauso müssen wir die Bibel verstehen, auch viele andere überlieferte Texte wie zum Beispiel das Glaubensbekenntnis: Welchen Sinn hatten die Aussagen ursprünglich? Was bedeuteten bestimmte Begriffe, Bilder und Metaphern, als die Texte verfasst wurden? Die Bibel ist nicht für uns geschrieben worden, sondern für die Zeitgenossen der jeweiligen Autoren, also für deren Adressaten. Ihre Umwelt und ihre Gedanken zu begreifen ist entscheidend dafür, ob wir ihre Texte überhaupt verstehen können. Deshalb ist die historisch-kritische Exegese für einen reifen Glauben unbedingt notwendig.

Altes Testament

Im Alten bzw. Ersten Testament erzählen Menschen ihre Geschichte mit Gott. Das könnte eine Steilvorlage sein, auch die eigene Lebensgeschichte nach Gott zu befragen. Dennoch wird das Alte Testament wenig gelesen und in der Liturgie kaum kommentiert. Noch weniger wird es in der Theologie befragt, da es zwar große Erzählungen, aber nur wenig Dogmatik enthält. Dabei ist es eine wichtige Voraussetzung zum Verständnis der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus, denn der Bund mit seinem Volk gilt bis heute (Jer 31,31–33); es bedarf also keines neuen Bundes, worauf schon Paulus eindringlich hinweist (Röm 11,18). Die Feier eines »neuen Bundes« in manchen Gebeten und Liedern drückt meines Erachtens sogar einen latenten Antisemitismus aus. Um die historischen Schriften des Alten Testaments einordnen zu können, genügt ein kurzer Blick in die Epochen der Geschichte Israels: von der Patriarchenzeit über die Flucht der Mose-Schar aus Ägypten, die Rettung durch den Gott der Freiheit, die zugleich die eigentliche Gründung Israels bedeutet; von der allmählichen Landnahme und der Entwicklung vom Stämmeverbund bis zum Staat, der bald zerfällt. Die Zeit der Propheten, die gegen soziale Ungerechtigkeit angehen, die politische Abhängigkeit von Assur, Ägypten und Babylon, das babylonische Exil, die Rückkehr unter Esra und Nehemia und der Aufstand der Makkabäer: Das sind die wenigen historischen Daten, die das Verständnis alttestamentlicher Texte erheblich erleichtern.

Hilfreich ist die Erkenntnis, dass nicht Geschichtsschreibung, sondern Geschichtstheologie betrieben wird: Die Geschichte des Volks Israel wird auf Gott hin gedeutet, sie wird nicht einfachhin chronologisch erzählt. Von daher ist vieles tatsächlich erfunden; es ist wahr, ohne wirklich gewesen zu sein. Propheten sind dabei keine Wahrsager, sondern sie sagen die Wahrheit; sie schauen nicht in die Zukunft, sondern mit einem kritischen Blick in die Gegenwart. Dass Psalmen Gebete sind und damit Poesie und Lyrik, die einzig und allein der Beziehungspflege mit Gott dienen, dürfte dabei eine Binsenweisheit sein. Bereits Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, begeht den Fehler, aus den vermeintlich auf David zurückgehenden Psalmen eine Christologie herauszulesen (Apg 2,25–28; 13,33). Gott ist ein Gott der Menschen, er hat Interesse an den Menschen und ist besonders dort anzutreffen, wo diese Menschen leiden: Das ist für mich die Mitte des Alten Testaments und besonders des Gottesnamens JHWH, des »Ich-bin-da«.

Neues Testament

Das Neue Testament ist das Zeugnis von Jesus, dem Christus. Es muss von Ostern her gelesen werden, da es aus eben dieser Perspektive geschrieben worden ist. Der auferstandene Christus ist sozusagen das hermeneutische Prinzip des gesamten Neuen Testaments. Es geht um das Evangelium von Jesus, also um seinen Tod und seine Auferstehung, geschrieben aus der Sicht der vier Evangelisten, aus der Sicht des Apostels Paulus und einiger anderer Autoren. Darin zentral ist der Ruf zu Nachfolge und Entscheidung, aber zuallererst eine Person: Jesus von Nazareth, der Messias, der Gesalbte Gottes.

Zunächst gibt es verschiedene Überlieferungen, die mündlich weitergegeben werden. Die frühen Christen erwarten die baldige Wiederkunft Jesu und schreiben deshalb nichts über ihn auf. Paulus, ebenfalls von drängender Naherwartung erfüllt, möchte die Welt für Jesus Christus gewinnen; es geht ihm um die Erlösung allein aus Gnade, ohne die Werke des Gesetzes. Für ihn ist Glaube Geschenk, Frömmigkeit und gute Taten sind nicht Bedingung für die Liebe Gottes, sondern deren Konsequenz. Von den Worten Jesu überliefert Paulus nichts, allein sein Tod und seine Auferstehung sind ihm wichtig.

Erst nachdem die Wiederkunft Jesu ausbleibt, werden seine Worte und Taten schriftlich überliefert, allen voran die Passionsgeschichte und verschiedene Sammlungen von Jesusworten. Aus diesen Überlieferungen erstellen die vier Evangelisten, die selbst keine Augenzeugen sind, ihre Texte. Dabei haben sie eigene Schwerpunkte: Typisch für Markus sind der Ruf zur Umkehr und das Messiasgeheimnis, typisch für Matthäus sind die Schriftbeweise und das Thema Kirche, typisch für Lukas die schön erzählten Geschichten, typisch für Johannes die andauernde, manchmal ermüdende meditierende Reflexion Jesu über seine Beziehung zum Vater. Von zentraler Bedeutung ist, dass die Evangelisten keine Historiker sind, sondern Verkündiger – sie erzählen alles aus der Perspektive von Ostern. So sind beispielsweise die Kindheitsgeschichten fromme Legenden, die Jesus von Anfang an als den Messias Gottes ausweisen sollen. Weihnachten kann man deshalb erst feiern, wenn man Ostern verstanden hat. Kinder können die biblischen Geschichten lernen, nacherzählen, basteln und spielen, aber nicht interpretieren. Dies ist Sache der Erwachsenen, denn die Bibel ist ein Buch für Erwachsene. Jesus hat den Kindern nicht gepredigt, sondern sie in seine Arme genommen und gesegnet. Paulus hat keine Kindergärten gebaut, sondern Gemeinden gegründet und auf deren Fragen geantwortet.

Negative Theologie: die analoge Rede von Gott

Das Denken und die Bibel können sich Gott nicht direkt nähern, denn Gott ist der ganz Andere. Unser Sprechen von ihm ist analog, bildhaft: Ich kann nicht sagen, wer Gott ist, sondern nur, wo er mir aufgegangen ist. Das ist wie bei einem Sonnenaufgang. Jeder weiß, dass die Erde sich dreht und dass deshalb die Sonne nicht aufgeht. Aber dennoch empfindet man es so, als ginge die Sonne auf, man spricht davon, ist fasziniert und berührt. Ich kann auch sagen, dass mein Name in Gottes Hand geschrieben ist. Das ist wieder nur ein Bild, denn Gott ist kein menschliches Wesen und hat deshalb auch keine Hand. Gott ist Geist. Und dennoch tut mir diese Vorstellung gut, weil sie mir sagt, dass Gott mich kennt und mich niemals vergisst. Der Inhalt meiner Aussage (»in Gottes Hand geschrieben«) ist also richtig, wenn auch das Bild (»Hand«) schief ist, es trifft nur analog. Selbst Jesus hat von Gott in Bildern, also analog, gesprochen. Er hat ihn Abba, lieber Vater, genannt. Damit wollte er sagen: Meine Beziehung zu Gott ist wie die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Er wollte damit nicht sagen, dass Gott ein Mann ist und irgendwann Vater geworden sei. Der Inhalt ist wieder richtig, aber das Bild bleibt, was es ist: nur ein Bild.

Negative Theologie heißt nun: Alles, was wir von Gott sagen, ist ihm eher unähnlich als ähnlich, denn außer unseren Bildern haben wir nichts im Hirn und in der Hand. Letzten Endes geht es um das Gottsein Gottes: Denn wenn man Gott beweisen könnte wie die Existenz eines Stuhles oder eines Tisches, dann wäre er nicht mehr Gott. Deshalb kann man nicht über Gott reden, sondern nur von ihm, also von den Erfahrungen, die man mit ihm gemacht hat. Solche Erfahrungen sind zunächst subjektiv, jeder macht seine eigenen, ganz persönlichen Gotteserfahrungen. Wenn wir über diese Erfahrungen sprechen – und deshalb brauchen wir die Gemeinschaft der Kirche –, werden sie intersubjektiv. Wenn solche Erfahrungen eine lange Tradition hinter sich haben und dadurch für die ganze Gemeinschaft der ­Glaubenden von Bedeutung geworden sind, dann sind sie ein Maßstab für alle neuen, eigenen Gotteserfahrungen. Solche intersubjektiven, durch Tradition wichtig gewordenen Gotteserfahrungen finden wir in der Bibel. Nicht mehr und nicht weniger.

Dietrich Bonhoeffer hat das Ganze am einfachsten auf den Punkt gebracht: »Einen Gott, den es gibt, den gibt es nicht.« Also einen Gott, über den man hundertprozentig Bescheid wissen könnte. Einen Gott, der zum Gegenstand des Denkens geworden wäre, zum philosophischen oder theologischen Begriff oder gar zum Besitz einer Glaubensgemeinschaft. Gott bleibt das absolute Geheimnis, ein Geheimnis jedoch, das den Menschen in Jesus sehr nahegekommen ist. Deshalb können wir nicht an Gott glauben, ohne an Jesus zu glauben. Ohne Jesus bleibt Gott eine leere Chiffre, mit der man so ziemlich alles machen kann, was man will. Man sieht es an den Fundamentalisten jeder Prägung: Sie meinen immer, sie müssten (und könnten) Gott beschützen, weil sie ihn genau zu kennen vorgeben. Sie haben vergessen, dass wir nur in Bildern von ihm sprechen können, und deshalb halten sie die Bilder von Gott (natürlich nur ihre eigenen Bilder, nicht die ihrer Gegner, ohne die sie keinerlei eigene Identität hätten) bereits für das Wesen Gottes. Eine in diesem Sinne positive Theologie führt in den Fundamentalismus, die Negative Theologie jedoch zur Anbetung des großen Geheimnisses, das wir Gott nennen. Der Fundamentalist kennt nur seine eigene Sicht der Dinge, er verweigert jegliche Aufklärung und kann sich nicht in Frage stellen (lassen). Letzten Endes verteidigt er mit aller Gewalt seinen Kinderglauben. Er wehrt sich gegen jede Art der Glaubensinterpretation, denn alle Glaubensbilder hält er schon für Wahrheiten, alle Metaphern bereits für Tatsachen. Für ihn ist Religion eine emotionale, keine kognitive Angelegenheit. Deshalb halte ich den unaufgeklärten kindlich-naiven Kinderglauben bei Erwachsenen sogar für gefährlich. Fundamentalisten-Gruppen vom Nahen Osten bis zum Wilden Westen sind meistens bildungs- und entwicklungsresistent, haben dafür aber einen hohen missionarischen Anspruch.

Wie groß ist dein Gott?

Wenn dein Gott klein ist,

interessiert er sich auch nur

für Kleinigkeiten.

Er hält dich klein

und will dir was.

Wenn dein Gott groß ist,

interessiert er sich für dich.

Er will Entwicklung,

lässt dich wachsen,

will dir alles sein.

Fundamentalisten

haben kleine Götter,

die sie beschützen müssen.

Erwachsene Christen

haben einen großen Gott,

mit dem sie leben dürfen.

Wenn es das Christentum in seiner westeuropäisch aufgeklärten Form nicht gäbe, wenn ich mich nur an Traditionen zu orientieren und Autoritäten zu gehorchen hätte und mich nicht in Freiheit entwickeln dürfte, würde ich mich aus allem heraushalten, was mit Religion und Glauben zu tun hat. Ich wäre also zwar nicht Atheist, aber doch Agnostiker. Von unaufgeklärten Religionen, die die Hermeneutik ihrer Heiligen Schriften ablehnen, ist bisher nur Gewalt und Unfrieden ausgegangen; darauf könnte die Welt gut verzichten. Es bleibt die Herausforderung der Seelsorge, die oft unaufgeklärte Religion vieler Menschen zwar nicht gutzuheißen, aber doch zu ertragen und sensibel mitzutragen. So etwas kann einen Seelsorger regelrecht zerreißen, denn der Weg zur Freiheit ist weit und schwer. Unreife Menschen halten oft an ihren alten Ängsten fest; sie verwechseln sie mit dem, was sie selbst für ihren Glauben halten, und finden dabei weder zu sich noch zu Gott.

Entwicklung im Alten Testament

Unter diesen Voraussetzungen wähle ich einige Bibelstellen aus, um beispielhaft zu zeigen, wie die Entwicklung von der Magie zur Mystik auch die biblische Überlieferung durchzieht. Die Erzählung vom Sündenfall (Gen 3,1–24) ist ein Bild für die Entwicklung eines jeden Menschen. Den Garten Eden hat es nie gegeben, er ist vielmehr das Symbol einer großen Sehnsucht. Von Anfang an fühlten sich die Menschen wie aus einem Paradies vertrieben, sie waren ins Leben hineingeworfen und mussten irgendwie damit klarkommen. Adam und Eva sind wie alle Menschen vor der Pubertät (und wie die Tiere) geborgen, dafür aber unbewusst. Menschen nach der Pubertät sind bewusst, dafür aber ungeborgen. Insofern spiegelt die Erzählung vom Sündenfall die ganzheitliche Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen wider. Erwachsene nehmen das Leben selbst in die Hand; sie haben das Paradies ihrer Kindheit mit all seiner Geborgenheit verloren, sie sind jetzt für sich selbst verantwortlich.

Eine besonders archaische, ja, dunkle Entwicklungsgeschichte ist das Opfer Isaaks durch Abraham (Gen 22,1–19). Der Text gehört für heutige Menschen zu den fragwürdigsten und problematischsten der ganzen Bibel, denn er enthält mehr Fragen als Antworten: Wer ist eigentlich Gott? Hat Gott solche bitteren Glaubensproben nötig? Warum fordert er etwas, das er letztlich gar nicht will? Handelt es sich um eine Ätiologie (Entstehungsvermutung) des Verbots von Menschenopfern oder um eine Geschichte des Glaubensgehorsams? Ist Abraham nicht eher blind für Gottes Willen, weil er seinem Befehl so wenig kreativ und willenlos gehorcht?

In allen diesen Fragen schwingt das allgegenwärtige Thema der Theodizee unausweichlich mit. Als eine Geschichte der Bewährung im Glauben sowie des rettenden Eingreifens Gottes bekommt die Erzählung eine erträgliche Wendung. Abraham wird beim Namen gerufen und antwortet mit gläubigem Gehorsam. Gott fordert nicht nur etwas, sondern Isaak, den Sohn, den Hoffnungsträger. Eine einzige Hoffnung bleibt: Den Ort des Brandopfers wird Gott selbst bestimmen. Die Handlung wirkt so, als warte Abraham bei jeder Bewegung darauf, mit dem schrecklichen Vorhaben aufhören zu dürfen. Ein dringlicher Ruf seines Namens hält Abraham im letzten Augenblick zurück. Erst nachdem er von seinem grausamen Auftrag entbunden ist, erblickt er den Widder, den er nun stellvertretend als Brandopfer darbringt.

Auf einer eher sachlichen Deutungsebene mag die Erzählung eine Ätiologie für die Ablösung des Kinderopfers durch ein Tieropfer sein bzw. die Auslösung des Erstgeborenen durch ein Tier. Auf theologischer Ebene mag Abraham als Vorbild von Treue und Glaubensgehorsam gelten. Auf persönlich-existenzieller Ebene lädt die Geschichte ein, in Abraham und Isaak jenes Leiden an Gott zu sehen, das dieser Welt ins Gesicht geschrieben steht. Abraham, dem in seiner ganzen Ratlosigkeit nichts anderes übrig zu bleiben scheint, als dem grausamen Befehl Wort für Wort zu folgen, steht für alle Menschen, die eigenes und fremdes Leiden zwar nicht verstehen können, aber im Glauben bestehen wollen; für alle Menschen, die an der Unbegreiflichkeit Gottes leiden und dennoch an ihm festhalten. In kindlicher Naivität meinen auch heute manche Menschen, Gott genau zu kennen, selbst wenn sie in seinem Namen Böses tun und dies als seinen Willen ausgeben. Ob sie keine Augen für den »Widder«, also für eine andere Perspektive hatten? Vielleicht wollte Gott von Anfang an gar nicht den Sohn, sondern nur den Widder! Abraham, in dessen Umgebung das Menschenopfer noch üblich war, hatte möglicherweise nur das Althergebrachte mit Frömmigkeit verwechselt. Fundamentalisten und andere Aufklärungsverweigerer glauben auch heute oftmals an einen dunklen Gott, den sie nicht hinterfragen dürfen, der nicht mit sich reden lässt, ja, den sie wider alle Vernunft meinen beschützen zu müssen. Ihnen fehlt der »Widder«, die andere Sicht der Dinge, die Alternative.

Jakob, der Fersenfasser und Erbschleicher, läuft vor sich selbst davon (Gen 25–33). Er ist ein Schlitzohr, der sich in Lügen verfängt. Beim Schwiegervater Laban ist er in der Fremde, lebt von der eigenen Leistung und bleibt doch unversöhnt. Er hat Angst vor dem Leben und vor Gott; voller Zorn blickt er auf seine eigene Vergangenheit. Erst nach dem geheimnisvollen Kampf mit Gott wagt er den Weg zur Versöhnung, ohne zu wissen, ob sein Bruder Esau ihm vergeben wird. Er kommt wieder zu sich selbst, wird wahrhaftig und identisch, kann mit Dankbarkeit sein Leben annehmen. Segen wird eben nicht erschlichen, sondern erkämpft. Der Kindische wird erwachsen, er beendet die Flucht vor sich selbst und stellt sich der Realität: Aus Jakob wird Israel. Das ist sehr erwachsen, das ist ein gereifter Glaube!

Das Buch Exodus erzählt von der grundlegenden Freiheitserfahrung Israels. Diese Erfahrung greift für das Volk weitaus tiefer als die erst später entstehenden Schöpfungshymnen. Der beschwerliche Gang in die Freiheit ist das Ursprungsereignis Israels. Gott und Freiheit sind für das Volk im Grunde genommen ein und dasselbe. Noch bevor Israel über die Schöpfung und den Sinn des Lebens nachdenkt, wird der Auszug aus Ägypten erzählt und gefeiert. Dahinter steht die Erfahrung: Gott ist interessiert an den Menschen, er sieht das Elend seines Volkes, offenbart sich selbst, beruft einen Befreier – Mose – und führt sein Volk aus der Sklaverei heraus (Ex 3,1–15). Unterwegs wird der Sinai-Bund geschlossen: Die Zehn Gebote sollen die geschenkte Freiheit sichern, das Volk soll sich nicht in neue Zwänge begeben.

Doch immer wieder gibt es Rückschläge. Das Volk will zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens. Die Freiheit ist allzu anstrengend, vor allem für Hirn und Magen. Denn wer frei sein will, muss denken wollen und Durststrecken überstehen. Man muss Vertrauen haben, man braucht einen langen Atem. Mit anderen Worten: Das Volk bleibt auf dem Wüstenweg infantil, es will Betreuung statt Freiheit. Diese Art von Regression – zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens, zurück in die kindliche Versorgungsmentalität – gibt es auch heute. Sie äußert sich in kindlichem Gehorsam oder ängstlicher Gesetzlichkeit. Oder man bleibt zeitlebens pubertär und kämpft sich an Autoritäten ab, über die man sich aufregt, wenn man sie weit weg wähnt, die man verbal bekämpft, wenn man unter Gleichgesinnten ist, vor denen man aber buckelt, sobald sie einem persönlich gegenüberstehen.

Woher kommt das infantile oder pubertäre Verhalten? Es hat mit mangelnder innerer Freiheit zu tun, aber auch mit autoritären Systemen, die sich allzu gern anbieten, einem die lästige Bürde der Freiheit wieder abzunehmen. Auf diese Weise entstehen regressive Verhaltensweisen: Nach außen wirkt man gehorsam, nach innen jedoch ist man in Wirklichkeit seiner vermeintlich heilen Kinderwelt nicht entwachsen. Dieses System funktioniert perfekt, auch heute noch: in den Führungsetagen großer Firmen, in Ordensleitungen, in der kirchlichen Hierarchie. Erwachsen zu glauben bedeutet deshalb, sich auf das Wagnis einzulassen, von Gott geführt zu werden; den alten Sicherheiten und Gewohnheiten zu widerstehen, den Fleischtöpfen Ägyptens, dem ängstlichen Verharren im Gestern. Gottes Pastoral ist das Leben in Freiheit. Die Kirchenpastoral muss deshalb den Freiheitsdrang des modernen Menschen ernst nehmen. Ohne ­innere und äußere Freiheit bleiben wir zeitlebens in Ägypten gefangen: an Fleischtöpfen, die uns abhängig, und an ­kindlichen Prägungen, die uns klein halten.

Wenige Kapitel später, kurz vor dem Sinai, blickt Gott selbst auf die Befreiung seines Volkes zurück. Einer der Autoren des Buches Exodus lässt ihn sagen: »Ihr habt gesehen, … wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und zu mir gebracht habe« (Ex 19,4). Die Metapher vom Adler ist fester Bestandteil des ­jüdisch-christlichen Glaubensguts geworden, besonders in Gestalt vieler Lieder: »Der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet«, heißt es beispielsweise in »Lobe den Herren« von Joachim Neander. Beim ersten Hören und Mitsingen assoziiert man damit ein Geborgenheitsgefühl: Gott sorgt für mich. Gemeint ist aber etwas ganz anderes. Man kann am Sinai und anderswo beobachten, wie junge Adler fliegen lernen. Der Adlerhorst ist das Nest, das sich oft auf einer Felsklippe über einem tiefen Abgrund befindet. Wenn die Jungen flügge werden, packt sie der alte Adler trotz ihres Zitterns und Sträubens und lässt sie über dem Abgrund fallen. Das Junge zappelt und versucht zu fliegen, aber es gelingt nicht und es stürzt immer tiefer. Plötzlich aber schießt der alte Adler steil nach unten, fängt das Kleine im Fallen auf und trägt es wieder nach oben. Das Spiel beginnt von neuem, bis der junge Adler seine Flügel gebrauchen kann. Der Adler will, dass seine Jungen fliegen lernen. Gott will, dass wir erwachsen werden; darin besteht seine fürsorgende, aber auch konfrontative Liebe. Ein Kuschelgott für Nesthocker ist er jedenfalls nicht, kein Gott des kindlich-bergenden Status quo.

Auch die Jona-Geschichte sowie die Hiob-Lehrerzählung zeigen eine Entwicklung zum erwachsenen Glauben: Jona lernt, nicht mehr wegzulaufen, sondern seiner Berufung zu folgen und die Barmherzigkeit Gottes zu akzeptieren. Hiob beginnt, wider alle Hoffnung zu hoffen, ohne jedoch Gott auch nur ansatzweise zu verstehen – anstatt auf die falschen Freunde zu hören, die ihm mit den alten magisch-kausalen Vorstellungen von Tun und Ergehen ein schlechtes Gewissen machen und Schuld einreden wollen.

Der 22. Psalm zeigt wie kaum ein anderes biblisches Gebet die innere Entwicklung von der Magie zur Mystik, also von archaischen und angstmachenden Vorstellungen hin zum Gottvertrauen. Denn hier betet einer, dessen Schicksal auf der Kippe steht, und er betet sich schlussendlich in Gott hinein. Zunächst ruft er ihn aus seiner bedrohlichen Situation heraus an: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Dann erinnert er Gott an dessen große Taten innerhalb der Heilsgeschichte: »Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels. Dir haben unsere Väter vertraut, und du hast sie gerettet.« Die bedrängende Gegenwart fasst der Beter in archaisch anmutende Metaphern. Er fühlt sich wie ein Wurm und wird von allen verspottet. Doch dann erinnert er sich erneut an Gottes Treue, die ihm eine Zukunftsperspektive eröffnet: »Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog. Von Mutterleib an bist du mein Gott.« Die Krise kommt zu ihrem Höhepunkt, als der Beter die anonymen Mächte in starken Bildern ausspricht und dadurch Distanz zu seinen eigenen Ängsten schafft. Das Unheil wird dabei nicht verdrängt, sondern ehrlich benannt. Der Beter sieht sich bedroht von Stieren, Büffeln, Löwen und Hunden. Er fühlt sich hingeschüttet wie Wasser, wie aufgelöst: mit einem Herzen aus Wachs und einer Kehle, so trocken wie eine Scherbe.

Doch dann kommt der Durchbruch. Die Feindbilder lösen sich auf, auf einmal werden seine Feinde zu Brüdern. Hier geschieht kein magisches Wunder von außen, sondern eine mystische Bewusstseinsänderung im Innern. Nicht der Beter verändert Gott, sondern Gott verwandelt den Beter! Gott ist kein Zauberer, der einen wunderbar aus der Grube zieht oder aus dem Schlamassel befreit, sondern ein freies Gegenüber, dem ich vertrauen kann. Er bewahrt nicht vor dem Unheil, sondern geht mit hindurch. Not lehrt nicht Beten, sondern das Gebet zeigt, dass Gott mitten in der Not gegenwärtig ist. Ob das Problem gelöst ist, das der Beter hier so wortgewaltig hinausschreit, muss offenbleiben. Von einer Lösung ist nicht die Rede, wohl aber von Erlösung: »Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Gemeinde dich preisen. Deine Treue preise ich in großer Gemeinde; ich erfülle meine Gelübde vor denen, die Gott fürchten. Vom Herrn wird man dem künftigen Geschlecht erzählen, seine Heilstat verkündet man dem kommenden Volk; denn er hat das Werk getan.« Das Vertrauen ist wiederher­gestellt, weil die Not in Gott schon gewendet ist – sie wird angesichts des Glaubens an den liebenden Gott nicht mehr als übermächtiges Unheil erfahren, sondern auf diesen Gott hin ­relativiert.

Wer den Psalm aufmerksam liest, entdeckt sofort, dass er bei der Abfassung der Passionsgeschichten der Evangelien Pate gestanden haben muss; sehr viele Parallelen – sprachlich und in der Abfolge der Geschehnisse – legen dies nahe. Wenn Jesus diesen Psalm am Kreuz gebetet hat (vgl. Mk 15,33–37), dann hat er sicherlich nicht nur das überlieferte »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« hinausgeschrien, sondern auch das vertrauende »Von Mutterleib an bist du mein Gott.« Für Jesus war das Psalmenbeten Vertrauensarbeit: Die Gebete, die er bereits kannte, entfalteten ihre verändernde Kraft, als er sie brauchte.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
17 grudnia 2025
Objętość:
160 str.
ISBN:
9783843613156
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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