Czytaj książkę: «Die Marmortaube»
Søren Jakobsen
Die Marmortaube
Kriminalroman
Aus dem Dänischen
von Ulrich Sonnenberg
Lindhardt & Ringhof
›Das Straßenbild verändert sich permanent. Täglich geschehen unzählige Kleinigkeiten, um die sich natürlich die Polizei zu kümmern hat. Wird einer Person auf der Straße übel, erwartet die Öffentlichkeit, daß die Polizei sich des Betreffenden annimmt und eventuell einen Krankenwagen ruft. Bleibt ein Fahrzeug auf einer Kreuzung stehen, ist es selbstverständlich, daß die Polizei den Verkehr umleitet oder den Wagen an den Straßenrand schieben hilft. Unternimmt ein Polizist nichts, haben Augenzeugen mit Recht allen Grund, sich zu wundern.
Eine Polizeistreife hat daher sehr genau auf jede Veränderung des Straßenbildes zu achten und sofort die Ursachen für Personenansammlungen und Aufläufe zu untersuchen. Es kann sich dabei um Fälle handeln, die die Polizeiverordnungen oder die Straßenverkehrsordnung verletzen, z. B. um Straßenmusikanten, Schlägereien oder Fußgänger, die von Radfahrern auf dem Bürgersteig behindert werden. Derartige Zustände sind umgehend zu beseitigen. Es können allerdings auch Situationen entstehen, die an und für sich nicht in den Zuständigkeitsbereich der Polizei fallen, in denen jedoch ebenfalls von der Allgemeinheit erwartet wird, daß sich jemand – im Zweifelsfall die Polizei – dieser Situation annimmt. Zum Beispiel eine Katze, die nicht allein von einem Baum kommt; ein Bienenschwarm, der sich auf einer Straßenlaterne niedergelassen hat oder die legendäre Entenmutter mit ihren Küken auf dem Weg zum nächsten Wasserlauf oder See.‹
Auszug aus der Anleitung des Polizeidirektors für neueingetretene Beamte in Kopenhagen
1.
Es war die allzu perfekte Verhaftung eines Zivilfahnders in Kopenhagens Innenstadt, die zur Versetzung der Kollegen Søndergaard und Petersen in eine andere Fußstreife der Polizei führte. Der Zivile und seine Vorgesetzten beschwerten sich durchaus nicht, im Gegenteil, sie stellten die Verhaftung als besten Beweis für ihre Verkleidungskünste und Fähigkeiten hin, im Milieu unterzutauchen. Polizeiinspektor Aage Thomsen allerdings zog es vor, die unglücklichen Helden zu versetzen. Seine Überlegungen waren höchst simpel: je weniger Kontakt Søndergaard und Petersen mit der Bevölkerung hatten, desto weniger Ärger hatte er.
Die beiden Ordnungshüter konnten aber auch nicht einfach hinter einen Schreibtisch gesetzt werden. Wenn die Polizei schon immer weniger Verbrechen aufklärt, muß sie wenigstens ihren pädagogischen Einsatz erhöhen. Wenn jemand mit einer Anzeige aufs Revier kommt und erfahren muß, daß bei Sachbeschädigungen oder gewöhnlichem Einbruch gar nicht erst ermittelt wird, muß der Beamte in der Lage sein, dem Betroffenen, der den letzten Rest seines Glaubens an den Rechtsstaat zu verlieren droht, ein kurzes Referat über die knappe Personaldecke der Polizei zu halten. Gelingt dies, wird der Bürger die Wache mit dem Gefühl verlassen, daß er sich eigentlich schämen müsse, der Polizei mit einer derartigen Bagatelle zur Last gefallen zu sein.
Für diese Pufferfunktion fehlte Søndergaard und Petersen jedoch die Erfahrung.
Søndergaard und Petersen wurde als neue Dienststelle das 2. Revier in der Store Kongensgade zugewiesen. Den eigentlichen Grund ihrer Versetzung erfuhren sie nie. Sie waren naiv genug, den Vorgang als Anerkennung ihrer Dienste zu interpretieren.
Auf höherer Ebene hatte man allerdings das Gefühl, es hier mit relativ unkonventionellen Personalentscheidungen zu tun zu haben. Der Personalchef bat Thomsen um nähere Erläuterungen. Thomsen erledigte das mit einer Bemerkung, die nicht unbedingt zur Aufnahme in die Akten geeignet war:
»Wenn die Jungens in Nyhavn auf Streife gehen und sie verhaften wirklich mal jemanden ohne Grund, wird es sich höchstwahrscheinlich um einen besoffenen Schweden handeln. Und meiner Erfahrung nach beschweren sich besoffene Schweden nie. Wie du weißt, lege ich persönlich allergrößten Wert darauf, daß meine Leute mit äußerster Zurückhaltung vorgehen, wenn abzusehen ist, daß es zu Klagen vor Gericht kommen kann.«
Der Personalchef verstand sehr gut. Cleverer Bursche, dieser Thomsen, dachte er sich.
Auf dem 2. Revier konnten sich die Polizeiassistenten Søndergaard und Petersen in aller Ruhe einarbeiten.
Ihre wichtigste Aufgabe bestand in der Kontrolle der systematischen Falschparker vor den Botschaften in Østerbro. Ihre regelmäßigen Berichte ans Außenministerium allerdings waren nur für den internen Gebrauch bestimmt. Diplomaten können nicht belangt werden, aber das hieß noch lange nicht, daß sie nicht kontrolliert wurden.
Ausführlich erklärte ihnen der Revierleiter, warum eine so bedeutende Aufgabe nicht von städtischen Angestellten übernommen werden konnte. Eine komplizierte Geschichte für Søndergaard und Petersen: Mitten in Kopenhagen gelten Botschaften als exterritoriales Gebiet; es gibt die Wiener Konvention und besondere Rechte für Diplomaten – das Diplomatische Corps darf Schnaps und Zigaretten zollfrei einkaufen, ihre Wagen haben blaue Nummernschilder.
Von größerer Bedeutung war die Beziehung des 2. Reviers zum königlichen Hof. Patrouillefahrten rund um Amalienborg durfte man erst fahren, wenn man sich als besonders vertrauenswürdig erwiesen hatte.
Es verging einige Zeit, bis Søndergaard und Petersen ihre Chance bekamen. Erst einmal mußten Schwarzfahrer aus der S-Bahn von der Østerport Station abgeholt und eine Menge Besoffener in die Ausnüchterungszellen geschleppt werden – aber nicht eine interessante Demonstration fand vor den Botschaften statt. Darauf warteten die Kollegen, seit sie die Polizeischule verlassen hatten. Ihre Knüppel hatten sie bislang nur zur Zierde getragen.
Allerdings machten Søndergaard und Petersen bei ihrem langweiligen Dienst auch keine Fehler, und endlich ließ sie ihr Einsatzleiter auf dem Amalienborg Slotsplads Streife fahren. Das erhöhte zumindest ihr Prestige im Hause.
Der warme Augustabend, den Søndergaard und Petersen laut Wachplan in ihrem Streifenwagen zubringen mußten, schien nicht aufregender zu werden als die vorangegangenen Hundestreifen. Eine ausgestorbenere Gegend als das Botschafts- und Büroviertel an der Bredgade wird sich am Wochenende in Kopenhagen kaum finden lassen.
Das Wetter machte den beiden zusätzlich zu schaffen. Wie ein beschlagener Klarsichtbeutel hielt der Smog die Feuchtigkeit des Spätsommers gefangen.
Man brauchte nicht lange im Auto zu sitzen, bis die Kleidung am Körper klebte. Bereits nach der ersten Runde irritierten Søndergaard die feuchten Flecken, die sich unter seinen Achselhöhlen ausbreiteten und bald auch auf der Brust zu sehen waren. Søndergaard kurbelte das Seitenfenster noch ein Stück runter.
»Du holst dir die Gicht, bevor du fünfundvierzig bist«, knurrte Petersen. Er konnte Zug nicht ausstehen.
»Das Risiko muß ich eingehen ... ich muß mich abkühlen.«
»Willst wohl noch mit Lene zum Tanzen?«
Søndergaard nickte.
Zu seiner Enttäuschung fragte Petersen nicht weiter. Petersen war einige Jahre älter als er, verheiratet und hatte Kinder. Wie die Meisten in dieser Situation hatte er die hektischen Freitagund Samstagabende längst hinter sich. Für ihn war die Jagdsaison vorbei.
»Können wir uns schon eine Pause erlauben? Ich habe Hunger.« Petersen fummelte an der Metallklammer des kleinen Notizblocks. Sie fuhren an den letzten Häuserreihen Nyboders vorbei. Der weiße Opel schaukelte, als sie um die scharfe Kurve am Ende der Store Kongensgade bogen. Die Tachonadel zitterte an der Markierung der innerhalb der Stadt zulässigen Sechzig.
»Noch eine Runde«, meinte Søndergaard.
Petersen guckte auf die Uhr am Armaturenbrett. »Ok, ’ne kurze.« »Kongens Nytorv, Holbergsgade, Toldboden, Amalienborg und dann ab zu einer frischen Tasse Kaffee.«
Søndergaard grinste. »In den Amaliehaven willst du nicht?«
»Den gucken wir uns nur aus dem Auto an. Ich hab’ viel zu viel Hunger, um noch in irgendwas reinzugeraten.«
»Okay.«
Ein paar Minuten später rollte die Polizeistreife 023 langsam auf den kopfsteingepflasterten Schloßplatz. Søndergaard, der eigentlich auf das Steuer achten sollte, war beschäftigt. Reine, persönliche Neugierde. Brannte Licht im Palais von Christian IX., war die königliche Familie zu Hause, und konnte er Lene erzählen, daß er auf sie aufpassen mußte?
Das Palais war dunkel. Margarethe und Henrik hatten wohl genug von all den Touristen, die in dem neuen Park hinter dem Schloß herumrannten und sich auf die Mauern stellten, um wenigstens einen kurzen Blick auf die Regentenfamilie zu werfen. Vom höchsten Punkt des Parks aus konnte man genau in die Bel-Etage des Schlosses gucken.
Wenn man zwischen einer Reihe schöner Schlösser wählen kann, läßt sich nichts dagegen sagen, daß man ab und zu umzieht, um sein Privatleben ungestört von aller Öffentlichkeit genießen zu können. An diesem Abend gefiel das dem treuen Untertan Søndergaard gar nicht. Die Möglichkeit, sich interessant zu machen, war dahin. Er mußte sich abreagieren.
Aber jeder Versuch, sich zu unterhalten, war aussichtslos. Zu laut dröhnten die Reifen auf dem Kopfsteinpflaster. Søndergaard gab trotzdem nicht auf.
»Was ist?« Petersen hatte nur mitbekommen, daß Søndergaard über Prinz Henrik redete.
Søndergaard wandte ihm den Kopf zu, es gelang ihm aber nicht mehr, seine Meinung über den Prinzen zu wiederholen. Über Sprechfunk kam eine Meldung.
»023, bitte kommen ... bitte kommen«, forderte der Funker des 2. Reviers.
Petersen fischte das Mikrophon aus der Halterung.
»Hier 023, Amalienborg Slotsplads.«
»023, bitte fahren Sie sofort zur Marmorkirche. Dort sollen Schüsse gefallen sein.«
»Verstanden.«
Søndergaard schaltete Sirene und Blaulicht ein und trat aufs Gas.
Das gellende Heulen brach sich zwischen den Sandsteinmauern des Schlosses und überrumpelte den wachhabenden Gardesoldaten, der beinahe sein Gewehr mit dem aufgepflanzten Bajonett fallen ließ.
»Bestimmt irgendwelche Jugendliche, die Knaller hinter einer Katze hergeschmissen haben.« Søndergaard sah seine Verabredung platzen.
Unfug, dachte Petersen. Du weißt genauso gut wie ich, daß es in diesem Viertel nicht einen Bewohner unter fünfzig gibt.
Die dumme Bemerkung paßte dennoch ausgezeichnet zum Stil ihres Einsatzes. Søndergaard und Petersen mußten höchsten 250 Meter weit fahren, doch bereits nach 75 Metern sprang eine Ampel auf Rot um. Søndergaard hatte gerade in den dritten Gang geschaltet. Er trat hart auf die Bremse, überlegte kurz und beschleunigte erneut. Alles in allem eine dramatische Vorstellung. Allerdings ohne Zuschauer, die sie hätten beeindrucken können. Zum Glück kam ihnen aus der Seitenstraße der Bredgade niemand entgegen, ein Unfall hätte sich kaum vermeiden lassen. Søndergaard fuhr mit aufheulendem Motor bei Rot über die Ampel.
Der Anblick der Kirche hatte einen beruhigenden Einfluß auf ihn. Als sie auf den Kirchplatz fuhren, stellte er Blaulicht und Sirene wieder ab. Der Platz war schlecht beleuchtet. Die Laternen waren mit grellen, städtischen Standardleuchtröhren bestückt, aber die mächtige, graphitgraue Kirche und die imponierenden Wohn- und Bürogebäude neutralisierten die blauvioletten Strahlenbündel des Kunstlichts. Die Dämmerung ist ein diffuser Feind; die Guerilla der Natur.
Søndergaard schaltete das Fernlicht ein, als er rechts abbog. Der Scheinwerfer erwischte ein frisches Graffiti an der Kirchenmauer:
›Menschen vor Profit!‹
Die Beamten kümmerten sich nicht um die schreiendrote Sprayschrift, sie hatten wichtigere Dinge zu tun, als diese Beleidigung des Gotteshauses zu beachten.
Søndergaard nahm das Gas zurück, sein Kollege kurbelte das Seitenfenster runter und suchte die dunklen Eingänge der Patrizierhäuser mit dem Dachscheinwerfer ab.
Am Eingang von Rotaprint war nichts zu bemerken. Auch nicht an den sogenannten Anwälteeingängen, wo die blankpolierten Messingschilder mit den Anwaltsnamen im Scheinwerferlicht aufblitzten.
Søndergaard und Petersen wurden langsam ruhiger. Gleich hatten sie die Hälfte des Platzes kontrolliert, in spätestens drei Minuten den gesamten Platz. Bestimmt falscher Alarm.
Vor der Nummer 7 versperrten parkende Autos den Blick auf den Bürgersteig. Søndergaard bremste und schaltete zurück in den ersten Gang. Von der Store Kongensgade bog ein Wagen auf den Kirchplatz, und einen kurzen Moment war Søndergaards Aufmerksamkeit abgelenkt, obwohl er wußte, daß er auf einer Einbahnstraße fuhr und der Wagen den entgegengesetzten Weg um die Kirche nehmen mußte.
Der Streifenwagen fuhr langsam an den beiden parkenden Autos vorbei.
»Halt an, verdammt noch mal, halt an, Kerl!« Der sonst so besonnene Petersen brüllte, seine Stimme überschlug sich fast.
Vor lauter Überraschung trat Søndergaard die Bremse durch und würgte den Motor ab. Verflucht!
Bevor er wenden konnte, um wenigstens etwas vom Fußweg zu sehen, war Petersen bereits aus dem Wagen. Er versperrte nun Søndergaard die Sicht, doch der Polizeiassistent glaubte, vor dem schmiedeeisernen Gitter etwas Helles zu erkennen. Ein paar helle Schuhsohlen und ein Bündel Kleider.
Petersen hatte mehr als genug gesehen. Er zog seine Walther mit einer Geschwindigkeit, als wollte er sich duellieren und ging hinter einem der parkenden Wagen, einem silbergrauen BMW der Generaldirektorenklasse, in Deckung.
»Deckung!« Petersens Schrei hallte auf dem Kirchplatz nach. Søndergaard öffnete die Fahrertür, rollte sich aus dem Wagen und duckte sich hinter das linke Vorderrad. Einige Sekunden war alles ruhig.
»Bleib in Deckung.«
Søndergaard mußte seine Pistole ziehen. Dem Lehrer der Polizeischule hätte die Zeit, die er dazu brauchte, gar nicht gefallen. Seine Finger waren nervös und unsicher.
»Bleib bloß hinter dem Wagen. Da liegt ein Toter auf dem Fußweg. Möglicherweise sind die noch hier.«
Søndergaard erbleichte. Seine schwarze Silhouette vor dem weißen Polizeiwagen lieferte das perfekte Ziel für einen Heckenschützen. Er warf sich auf den Boden und kroch unters Auto.
Als er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, konnte er den Bürgersteig übersehen.
Die neuen Schuhe gehörten einem dunkelgekleideten Mann, der in einer dunklen Pfütze lag. Im Neonlicht sah die Blutlache wie dickflüssiges Altöl aus.
Links vor dem Toten oder Sterbenden lag ein schwarzer Diplomatenkoffer. Offenbar war er gegen das schmiedeeiserne Gitter geschleudert worden. Oder hatte sich der Erschossene damit zu schützen versucht? Jedenfalls war die Aktentasche aufgesprungen, in der Blutlache lagen weiße Briefbögen.
Søndergaard kniff die Augen zusammen. War der Mann tot? Ihm kam es so vor, als sei die Lache in der kurzen Zeit, in der er unter dem Wagen lag, größer geworden.
Brechreiz stieg in ihm hoch. Er konnte nicht länger auf den Mann blicken, dessen Leben langsam in die Zementplatten sickerte.
Auf Knien und Ellenbogen kroch er vorwärts, bis ihm die Reifen den Blick auf den Sterbenden versperrten.
Ein scharfes, beunruhigendes Geräusch zerriß die Stille. Metall auf rauhem Asphalt. Søndergaard war psychisch und physisch in höchster Bereitschaft, mehr konnte er nicht ertragen. Sein Herz schlug einen Saltomortale und hämmerte wie eine außer Kontrolle geratene Pumpstation.
Was zum Teufel war bei dem BMW los? Hatte der Täter auch auf Petersen geschossen? Oder machte sich Petersen zum Schuß bereit?
»Was auf deiner Seite?«
Petersens Stimme ... es tat gut, sie zu hören.
»Nichts.« Søndergaard versuchte auch zu flüstern, gleichzeitig aber so deutlich zu sprechen, daß sein Kollege die Antwort verstand . Während er auf dem Asphalt lag, hatte er nur die Geräusche der Autos auf der Store Kongensgade gehört. Nie hätte er geglaubt, daß man sich mitten in einer Millionenstadt so einsam fühlen konnte.
»Ist besser, wenn ich mal gucke, ob er noch lebt.« Petersens Stimme war weit weg, drang aber gut durch. Scheinbar hatte er keine Angst mehr, daß sich der Schütze noch auf dem Platz versteckte.
Søndergaard änderte seine Position. Er erkannte Petersens zu kurze Uniformhose und seine Schuhe am Rand der Blutlache. Der Kollege wollte sich hinknien, erstarrte aber mitten in der Bewegung. Petersen schwang seine Pistole, als hätte er plötzlich wieder Angst bekommen, von hinten angegriffen zu werden. »Was ist?« Søndergaard war überrascht über seine belegte, ängstliche Stimme. Ängstlich und belämmert. Gab es etwas Schlimmeres für einen Polizisten im Dienst?
»Sieh dir das an. Sie haben ihm fast den ganzen Hinterkopf weggeblasen.«
Søndergaard sah, wie Petersen um den Toten herumging. Er versuchte sich zusammenzureißen, war aber nicht imstande, sich die Mischung aus Blut und Gehirnmasse anzusehen, die auf den Fußweg floß. »Ich ruf den Krankenwagen und das Revier«, sagte er. Sie brauchten Verstärkung.
Wieder auf dem Fahrersitz registrierte Søndergaard, daß der Wagen die ganze Zeit illuminiert wie ein Ausflugsdampfer auf dem Platz gestanden hatte, während er und sein Kollege sich bemühten, einem Hinterhalt zu entgehen. Die geöffnete Fahrertür hatte den Kontakt der Innenbeleuchtung ausgelöst. Vor Aufregung hatte er es nicht bemerkt. Schöner Mist. Ein Verrückter hätte die freie Wahl gehabt zwischen zwei schwarzgekleideten Polizisten: vor einem Hintergrund von Weiß oder Silbermetallic.
Petersen war hoffentlich zu beschäftigt, um sein idiotisches Verhalten bemerkt zu haben. Søndergaard wurde rot. Hastig bediente er die Sprechfunkanlage. Sekunden später hörten die beiden Männer auf dem Kirchenvorplatz ihre Kollegen in der Fredericiagade ausrücken. Zwischen der Kirche und der Hinterausfahrt des 2. Reviers lagen nur zwei Häuserblöcke.
Der Krankenwagen heulte durch die Innenstadt, obwohl Søndergaard gesagt hatte, es sei nichts mehr zu machen. Man brauchte kein Arzt zu sein, um hier den Totenschein auszustellen. Er hatte noch gemurmelt, daß der Mann mit einem abgesägten Jagdgewehr erschossen worden sei, aber daran konnte er sich später nicht mehr erinnern. Auf dem Tonband, das in der Hauptwache bei allen Meldungen mitläuft, wurde es allerdings registriert.
Als der Krankenwagen Nr. 6 vom Reichshospital, genauer gesagt vom Rechtsmedizinischen Institut hinter dem Krankenhaus abfuhr, bog eine schwere Honda auf den Amager Strandvej. In den Kleingartenkolonien und Segelklubs herrschte reges Treiben. Es war die Zeit für einen Abendkaffee oder ein Bier. Vor den alten Bunkern auf dem Weg zur Badeanstalt fochten ein paar Jungen einen kleinen Phantasiekrieg aus, sie schossen imaginäre Bomber auf ihrem Flug zur Benzininsel ab. Als das Motorrad vom Strandvej auf den Øresundsvej fuhr, bedienten sie gerade ihre Luftabwehrraketen: Äste, die beim letzten Mitsommernachtsfeuer nicht mit verbrannt waren.
Das sanfte Brummen der vier gleichmäßig arbeitenden Zylinder ließ sie einen Moment aufhorchen. Da der Honda-Fahrer aber zu keinem lokalen Motorradklub gehörte, interessierte er sie nicht weiter.
Der Polizei hätte es auch wenig geholfen, wenn sie sich das Nummernschild der Maschine gemerkt hätten. Es war gestohlen. An den Schienen der Güterbahn bog die Honda auf einen schmalen Schotterweg und hielt kurz darauf vor einem primitiven Werkzeugschuppen. Mit einer beinahe anmutigen Bewegung stieg der Fahrer ab und sah sich um. Trotz der zunehmenden Dunkelheit blieb das getönte Plexiglasvisier des Sturzhelms geschlossen. Unpraktisch, denn das Visier beschlug, als der Fahrer die Maschine mit ziemlicher Mühe durch das Tor des Schuppens schob. Aufmerksamen Beobachtern wäre möglicherweise aufgefallen, daß der Fahrer verhältnismäßig kleine Stiefel trug. Überhaupt wirkte die Gestalt sehr feminin.
Als die Leuchtstoffröhren unter dem mit Spinnweben verhangenen Dach zu flimmern aufgehört hatten, öffnete der Fahrer die linke Seitentasche, schlug ein paar Lappen auseinander und hielt eine mattschwarze Pistole in der Hand. Eine 9mm Heckler & Koch, ein westdeutsches Markenfabrikat, Dienstpistole in einigen Bundesländern.
Den Motorradfahrer reizte es, die Handschuhe auszuziehen und noch einmal den Zeigefinger um den Abzug zu krümmen. Eine unglaubliche Macht lag in dieser kleinen Bewegung.
Es war jedoch nicht der richtige Augenblick, sich solchen Überlegungen hinzugeben. Die Pistole verschwand wieder in der schützenden Dunkelheit der Seitentasche, der Sturzhelm wurde abgenommen.
Auch das Gesicht lieferte keine endgültige Antwort, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Volle Lippen und ein sinnlicher Amorbogen, nur saß darüber ein buschiger Schnauzbart. Kinn und Backen zeigten allerdings nicht die typischen schwarzen Schatten, die auf einen kräftigen Bartwuchs hinweisen. Die Stirn war hoch wie bei vielen Frauen, darüber ein kurzer Herrenschnitt, eine zivilisierte Punkfrisur. Der deutliche Unterschied zwischen Haupthaar und Augenbrauen wurde durch die Färbung betont.
Der Motorradfahrer arbeitete mit der Geschicklichkeit eines routinierten Mechanikers oder Fabrikarbeiters. Die neue Heckler & Koch wurde in einen Schraubstock gespannt, und blitzschnell war der Lauf zu einem ungewöhnlich großen Kaliber ausgebohrt. Die Stahlspäne würden im Nachhinein nicht mehr zu identifizieren sein. Die Möglichkeit dazu sollte das Polizeilabor sowieso niemals bekommen, denn einen Augenblick später verdampften die Späne in einem Säurebad.
Inge Kramer zündete sich eine Zigarette an und ging zum Fenster. Den Tabak schmeckte sie kaum noch, es war die dritte Zigarette innerhalb weniger Minuten. Sie kannte Oles Fahrgewohnheiten und das Motorengeräusch seines BMW, eigentlich gab es keinen Grund, am Fenster zu stehen und vor Ungeduld nervös zu werden. Dorte und Manfred nippten an den Campari-Sodas und wechselten einen vielsagenden Blick. Sie waren zum Abendessen eingeladen, danach wollte man Bridge spielen. Der Ablauf dieser Freitagabende war so eingespielt, daß sie Inges Irritation über Oles Verspätung nicht verstanden. Einem vielbeschäftigten Geschäftsmann konnte das doch mal passieren. Oder gab es tiefere Gründe für Inges Unruhe? Ab und an war ein feindlicher Unterton in den Bemerkungen zu hören gewesen, die die beiden miteinander wechselten.
»Ich begreife nicht, wo er bleibt.« Inge Kramer drückte ihre Zigarette aus.
Manfred schwenkte die Eiswürfel in seinem hohen Campariglas. Er mochte den Aperitif nicht austrinken, zum Essen und beim Kartenspiel würde es noch genug Alkohol geben.
»Vielleicht ist er in eine Verkehrskontrolle geraten«, versuchte er ein Gespräch in Gang zu bringen.
»Vielleicht, trotzdem ist es mir unverständlich, wo er bleibt. Er wechselt jedes Jahr seinen Wagen, da können sie kaum was finden.«
»Wirklich? Seine Autos sehen sich alle so ähnlich, daß ich es nie bemerkt habe.« Manfred war überrascht. Natürlich hatte er Oles geschäftlichen Erfolg mitbekommen, das ließ sich gar nicht vermeiden. Aber daß Oles Erfolg so groß war, daß er sich jedes Jahr einen der teuersten BMW’s leisten konnte, beeindruckte ihn doch. Oder war es nur ein Steuertrick? Manfred war sich nicht sicher.
»Ich rufe jetzt im Büro an. Wenn die auch nicht wissen, wo er ist, fangen wir ohne ihn an.«
Inge ging in die Küche, ein kleines Tastentelefon hing dort am Türpfosten. Es gab keinen Grund, Dorte und Manfred das Gespräch mithören zu lassen, möglicherweise fielen barsche Bemerkungen. Aber weder im Stadtbüro noch im Fabrikzentrum in Lundtofte meldete sich noch jemand.
Inge Kramer stellte eine Flasche Rosechatel in den Weinkühler und zerkleinerte Eiswürfel. Sie ärgerte sich noch immer, wurde aber spürbar nervöser. Normalerweise rief Ole an, wenn er sich verspätete, egal, ob er noch in einer wichtigen Konferenz saß oder bereits unterwegs war.
Es mußte etwas passiert sein.
Die aufgeschweißte Öltonne gab mit einem Klagelaut nach, als die Flammen der Motorradreifen das dünne Metall erhitzten. Mit der steigenden Temperatur des brodelnden Gummis wechselte die rostrote Tonne ihre Farbe in dunkelbraune und brandigblaue Töne.
Der Hondafahrer trat von der Abfalltonne in den Windschatten des alten, rotbemalten Holzschuppens. Wachsame, grünbraune Augen folgten der breiten Fahne von schwarzem, fetten Rauch, der sich über das Nachbargrundstück, eine verlassene Zementgießerei, wälzte. Doch weder die Geräusche der Tonne noch die Rauchbelästigung riefen neugierige Jugendliche, wütende Kleingartenbesitzer oder Umweltschützer der Gegend auf den Plan.
Der Motorradfahrer steckte sich eine Zigarette an. Die Spuren waren verwischt, jetzt kam die Reaktion auf die Anspannung.
Es tat gut, den Rauch in die Lungen zu ziehen. Und es tat gut, daran zu denken, daß jetzt die anderen Probleme hatten. Die Spezialisten der Polizei, die den Platz vor der Kirche zentimeterweise untersuchten, weißes Pulver streuten, fotografierten. Erst in ein paar Stunden würden diese Trüffelschweine erkennen, daß der ganze Aufwand umsonst war.
Und der Polizeichef mußte vor immer aggressiver fragenden Journalisten einräumen, daß man noch keinen Schritt weitergekommen war.
Ein Mord, ein Terrorakt ... und ohne jeden Hinweis. Morgen oder übermorgen würden seine Vorgesetzten über den Mann herfallen, der sein Bestes gab, aber nicht einmal die Andeutung einer verwertbaren Spur hatte.
Die Kugeln, die Ole Kramer getroffen hatten, würden ganz Westeuropa beunruhigen.
2.
Zumindest Ulla Bojskov war zufrieden, als Anders nach seinem Autounfall wieder mit Routinearbeiten bei der Politischen Polizei beschäftigt war. Jetzt kam er wieder zu normalen, bürgerlichen Zeiten zum Essen. Er half im Haushalt und beschränkte sich nicht nur darauf, am Samstag die Steaks zu braten. Ihr Alltag hatte sich verändert. Anders war abgelenkt und geistesabwesend, wenn er schwierige Fälle zu bearbeiten hatte.
Ulla war der Ansicht, daß die Persönlichkeitsveränderung ihres Mannes mit seiner langen Krankheit und der quälenden Ungewißheit zusammenhing, ob er im Rollstuhl enden würde, von Kopf bis Fuß gelähmt. Sie hatte Angst, ihn danach zu fragen. Sie wartete, bis Anders mehr Abstand zu der Sache bekommen hatte und selbst darüber reden wollte.
Endlich hatte Anders erkannt, daß die Karriere ihren Preis hatte, und daß dieser Preis für manchen nicht nur ein gesteigertes Prestige und Gehaltsaufbesserung zur Folge hatte, über die sich das Finanzamt freut.
Sie waren sich wieder nähergekommen, und Anders hatte endlich wieder ein vernünftiges Verhältnis zu den Kindern. Eigentlich war er bloß noch ein Wochenend- und Feierabendvater gewesen. Sie kannte die Schäden, die diese amputierte Form des Familienlebens bei Kindern anrichten konnte, nur zu gut.
Es war kurz vor elf. Anders räumte das Teegeschirr ab. Ulla stand auf, um den Fernseher abzuschalten. Vorsichtshalber rief sie in Richtung Küche:
»Willst du die Nachrichten sehen?«
Anders klapperte mit dem Geschirr.
»Willst du die Nachrichten sehen oder nicht?«
»Nein, mach aus.«
Das Farbbild schrumpfte auf einen kleinen Punkt zusammen, dann wurde der Schirm mattgrau. Ulla wollte die Lampe in der Sitzecke ausschalten. Das Geräusch eines bremsenden Autos ließ sie aufhorchen. Als sie die Gardine ein Stück zur Seite zog, um zu sehen, was sich draußen abspielte, hörte sie feste Schritte auf dem Gartenweg.
»Anders, da kommt jemand.«
Keine Reaktion aus der Küche, nur das Geräusch des laufenden Wasserhahns. Ulla lief in den Flur. Sie wollte noch vor dem Klingeln öffnen. Die Kinder brauchten nicht wach zu werden. Sie schaltete das Außenlicht ein.
Auf der Treppe stand ein junger, gutgekleideter Mann.
»Guten Abend, Kriminalassistent Mogens Svendsen. Entschuldigen Sie die Störung, ist Ihr Mann zu Hause?«
»Ja, bitte kommen Sie herein.«
Der unscheinbare Ford Fiesta fuhr auf der Autobahn in Richtung Hillerød und bog an der Ausfahrt zum Frederiksundsvej ab. Anders Bojskov registrierte die Festbeleuchtung im Bürotrakt des PET1, der ›geheimen‹ Etage über den Räumen des 3. Reviers.
»Wenigstens einmal müssen auch die hohen Herren noch arbeiten«, bemerkte er. Selten genug waren sie um diese Zeit noch anwesend. Eine Ausnahme war Kriminalinspektor Laurids Jansen, nur half ihm das wenig. Mit den leitenden Juristen der Abteilung kam er deshalb trotzdem nicht klar.
»In der ganzen Hütte geht’s zu wie im Bienenschwarm«, antwortete Svendsen. »Übrigens wußte ich gar nicht, daß du bei der Anti-Terrortruppe bist.«
»Ist auch etwas übertrieben, ich war bloß auf ’nem Kurs.«
Svendsen parkte auf einem der reservierten Parkplätze hinter dem anonymen Bürokomplex, der sowohl den dänischen Geheimdienst als auch das größte Polizeirevier Kopenhagens beherbergt.
»Du sollst dich bei Jansen melden«, sagte Svendsen formell.
»Weißt du, ob unsere Leute schon da sind?«
»Kein Ahnung. Ich bin bloß der Chauffeur.«
Ob sie mich noch mal zur Mordkommission versetzen, überlegte Anders Bojskov, als er die langen Korridore des 3. Reviers entlangging. Mit dem Kriminalassistenten Bruno Frederiksen hatte er sich damals angefreundet. Bei der Aufklärung des Mordes an dem Call-Girl Annette Theiler hatten sie zusammen ein gutes Stück Arbeit geleistet. Dafür waren seine Erinnerungen an den Chef der Mordkommission, Valdemar Henriksen, eher gemischt. Anders Bojskov mochte Henriksens brüske Art nicht. Als Neuling in der Abteilung bekam man leicht den Eindruck, als Rekrut eingezogen worden zu sein.
Laurids Jansen telefonierte, als Bojskov in sein Büro trat. Der Kriminalinspektor signalisierte ihm, sich zu setzen. Dichter Zigarillorauch brannte in Anders Bojskovs Augen. Eigenartig, daß der Rauch anderer Leute so schnell unangenehm werden kann, wenn man selbst aufgehört hat zu rauchen.
Jansen nahm darauf keine Rücksicht. Der Inspektor rauchte bereits die zweite Schachtel des Tages, wie Anders sah. Caminante. Groß und dick wie Zigarren und kaum die richtige Stimulanz für einen Mann, der gerade aus dem Genesungsurlaub zurück war.
Jansen legte auf und lächelte.
»Hoffentlich mußte Svendsen dich nicht aus eurem Doppelbett zerren.«
»Nein, nein. Wir waren noch nicht im Bett.«
»Gut. Zum Glück haben wir dich zu Hause erwischt. Hat Svendsen dir erzählt, worum es geht?«
»Keine Details. Nicht einmal den Namen des Toten. Er sagte nur, daß wir es vermutlich mit einem Attentat zu tun haben.«
»Viele Details haben wir auch nicht, Anders.« Jansen strich sich übers Kinn. Der Bart kratzte wie eine borstige Kokosmatte. »Wir sind in höchster Alarmbereitschaft. Ein Unbekannter hat den Ingenieur Ole Kramer erschossen, als er nach Hause fahren wollte. Ich nehme an, du weißt, wer Kramer war?«
»Ich kenn den Namen aus der Zeitung. Er hatte gewaltigen Erfolg, ich weiß nur nicht mehr, womit.«
»Viele dürften es auch nicht sein, die das wissen. Kramer war Experte auf dem Gebiet der militärischen Datenverarbeitung und so gut, daß ihn sogar die Amis respektierten. Møller hat mir heute abend erzählt, daß Kramer innerhalb der NATO ein ziemlich hohes clearing2 hatte.«
Jansen griff zu seinen unentbehrlichen Zigarillos, erwischte aber die leere Packung. Gereizt warf er sie in den Papierkorb. »Na, wir müssen zu Møller. Die Ermittlungen werden auf höchster Ebene geleitet.«
Vizepolizeimeister John Møller war Laurids Jansens neuralgischer Punkt, seit sich Møller das Recht vorbehalten hatte, in alle wichtigen Ermittlungen eingeschaltet zu werden oder sie selbst zu leiten. Selbständiges Arbeiten war für Jansen seitdem kaum noch möglich, obwohl sein Job auf dem Papier zu den höchsten bei der Kripo und im Nachrichtendienst gehörte. Überall hatten diese Juristen ihre Finger drin. Und hinter ihnen stand Viggo Nielsen, der Staatssekretär im Justizministerium. Ihm hatte PET-Chef Oluf Trapp Madsen alle wesentlichen Ermittlungsergebnisse mitzuteilen.
Doch auch John Møller hatte seine Probleme. In Krisensituationen, die seine Anwesenheit weit über die normale Dienstzeit hinaus erforderten, fürchtete er zuweilen, verrückt zu werden: gespalten zwischen den Operationen, die ihn beschäftigten und die er möglichst genau kontrollieren mußte, und seinem Privatleben. Normalerweise war Tove Møller eine vernünftige Frau. Mußte John aber Überstunden machen oder saß er in langwierigen Konferenzen, brach ihre Eifersucht mit einer Gewalt hervor, die jeden Psychoanalytiker begeistert hätte, wäre er Tove Møller begegnet. Abgerichtet, immer das Richtige zu tun und zu sagen, konnte Møller die wilden Gefühlsausbrüche seiner Frau nur mit Mühe ertragen.
Am schlimmsten war allerdings, daß ausgerechnet John Møller, der sich nicht einmal im Privatleben einen Fehltritt leistete, die lebhaften amourösen Aktivitäten und alkoholischen Exzesse seines Chefs, Oluf Trapp Madsen, decken mußte. Beides durfte sich nicht einmal ein Polizeimeister erlauben, für den PET-Chef war es ein ständiger Balanceakt am Rande des Abgrunds.
Jansen hätte den kalten Perfektionismus Møllers besser verstanden, wenn er die Qualen des Vizepolizeimeisters in all ihren Details gekannt hätte. Doch trotz lebenslanger Erfahrung hatte er seinen Plagegeist nie durchschaut.
Obwohl die südlich gelegenen Büros des PET-Gebäudes dunkle Sonnenblenden vor den Fenstern haben, wird es unerträglich in ihnen, wenn die Wärmeabsorbation der dicken Betonelemente im Hochsommer ihr Maximum erreicht. Die Sicherheitsbestimmungen verbieten zudem offene Fenster – es könnten ja interne Papiere herausfliegen.
Daher war es nur gerecht, wenn die Führungskräfte unter der Hitzewelle am meisten zu leiden hatten. Schließlich hatten sie die schönsten Büros belegt und die internen Sicherheitsbestimmungen zusammen erarbeitet.
Wenn das Gebäude nicht mehr zu ertragen war, verkürzten sich die Arbeitstage von Oluf Trapp Madsen auf eine noch gerade zu vertretende Länge. Allerdings hinterließ er immer die Telefonnummer seiner diversen Sommeradressen im Büro.
Zurück blieb in aller Regel nur John Møller, von dem böse Zungen behaupteten, daß er sogar im Nadelstreifenanzug Tennis spielte. An diesem heißen Sommerabend sahen Bojskov und Jansen den stellvertretenden Chef zum ersten Mal in Hemdsärmeln und roten Hosenträgern.
Auf seinem kleinen Bürotisch stand eine Thermoskanne. Gedeckt war für vier Personen.
»Bitte«, forderte Møller auf, »ich glaube, eine Tasse Kaffee können wir gut gebrauchen, bevor wir den Fall noch einmal durchgehen. Trapp muß jeden Moment kommen.«
Jansen wußte, daß der Chef so spät kam, weil er aus einem Wochenendhaus bei Hornbaek hergerufen werden mußte. Eine neue Freundin, dachte der Kriminalinspektor. In dienstlichem Interesse müßte man eigentlich Buch führen.
Anders Bojskov war unsicher. Er war zum ersten Mal allein mit der Führung der PET.
»Bevor wir uns den anstehenden Problemen widmen, möchte ich Bojskov danken.« Møller lächelte dem schlanken Kriminalassistenten, der in Cordhosen und Gesundheitslatschen steckte, freundlich zu.
»Ohne daß es jemand bisher direkt ausgesprochen hat, habe ich doch das Gefühl, daß sich unser Verhältnis zur Mordkommission durch dich erheblich verbessert hat. Valdemar Henriksen ist von allein gekommen, um uns von Anfang an in diesen Fall einzuweihen. Wir alle kennen Henriksen. Von ihm akzeptiert zu werden, ist bestimmt genauso schwierig wie der Gang des Kamels durchs Nadelöhr.«
Henriksen hat uns doch bloß informiert, um sich für den Fall abzusichern, daß er mit einem ungeklärten Mord sitzen bleibt, dachte Jansen. Wenn etwas schiefgeht, kann er es jetzt dem Geheimdienst in die Schuhe schieben.
Die Tür wurde aufgerissen. In den leichten Sommerhosen und dem karierten Hemd sah Trapp Madsen wirklich aus wie ein Chef, dem ein sorgfältig vorbereitetes Wochenende ziemlich plötzlich kaputtgemacht worden ist. Sein Auftritt ließ allerdings keinen Zweifel daran, daß er gekommen war, um die Führung zu übernehmen.
»Ich brauch ’nen Kaffee. Gibts ’ne Tasse für mich?«
Jansen guckte sich Trapp genau an. Er hatte getrunken. Trotzdem war er bestimmt über die Autobahn gebraust wie der Henker.
»Ja bitte«, Møller schien ganz ruhig. Ärgerte er sich, daß Trapp so schnell erschienen war?
Trapp goß sich ein. »Wie weit sind wir, John?«
»Ich bin die Akte des Ingenieurs Ole Kramer durchgegangen. Wir haben ihm einmal eine Sicherheitsbescheinigung ausgestellt. Nach der Lage der Dinge muß ich sagen, die Akten stützen Henriksens Theorie, daß wir es mit einem Terrorakt zu tun haben.«
»Wieso?« fragte Trapp Madsen, während er sich den Bart kratzte.
»Ole Kramer war einer der führenden Experten für EDV-Anlagen, unter anderem für militärische Kodes. Vielleicht der einzige dänische Industrielle, für den sich die internationale Rüstungsindustrie interessierte. Die Kleinigkeiten, die seinerzeit für den Starfighter geliefert wurden, hatten doch bloß symbolische Bedeutung.«
»Deshalb braucht man doch noch lange nicht von einem Terrorakt zu reden. Von Kramers Arbeit für die NATO wußten doch offensichtlich nur wenige Fachleute. Ich glaube, Valdemar Henriksen hat eine Nummer mit uns vor.« Trapp stand auf und begann, auf und ab zu gehen.
»Ole Kramer wurde nicht erschossen, er wurde geschlachtet. Henriksen sagt, er hätte, seit die Armenier versuchten, den ersten Sekretär der türkischen Botschaft zu ermorden, so etwas nicht mehr gesehen.«
»Es kann aber auch eine verlassene Liebhaberin gewesen sein. Oder seine Frau hat genug von ihm gehabt. Wenn sie die Aktien an die Amerikaner oder die Japaner verkauft, ist sie doch sicher Multimillionärin. Vielleicht war es auch sein Kompagnon, der sich die Aktienmehrheit in der Firma sichern wollte. Es gibt da ziemlich viele Möglichkeiten von der bekannten, gutbürgerlichen Sorte. Die sollten wir erst einmal untersuchen, bevor wir uns mit Theorien über terroristische Vereinigungen befassen. Warum gerade jetzt und noch dazu in Dänemark? Die Rote Armee Fraktion sitzt hinter Schloß und Riegel, jedenfalls die Mitglieder, die noch am Leben sind ... und die Infrastruktur der Roten Brigaden in Italien ist geknackt. Wer hätte das Organisationstalent und die Waffen, um sowas mitten in Kopenhagen durchzuziehen?«
Jansen mußte sich beherrschen, um Møller nicht merken zu lassen, wie er die Situation genoß. Der Inspektor konnte sich der versteckten Kritik, die in Trapps Fragen lag, nur anschließen. Terror in Dänemark schien Jansen ausgeschlossen.
Nur Anders Bojskov fühlte sich unwohl in seiner Rolle als Schaf im Wolfsrudel.
»Möglicherweise ist das alles richtig«, räumte John Møller ein, »nur ändert es nichts an der Tatsache, daß die Mordkommission um unsere Unterstützung gebeten hat. Ich befürchte, wir schneiden uns ins eigene Fleisch, wenn wir nein sagen. Außerdem, so bescheiden brauchen wir wohl in der Beurteilung unserer eigenen taktischen Möglichkeiten nicht zu sein, daß wir schon vor Valdemar Henriksen Angst haben.«
Trapp unterbrach seine Wanderung. »Was schlägst du konkret vor, John?«
»Wir schicken zwei Mann in die Mordkommission, meinetwegen Bojskov und Winther. Wenn der Fall wirklich keine nachrichtendienstlichen Aspekte hat, ziehen wir uns ganz ruhig wieder zurück.«
»Was hälst du davon, Jansen?«
»Sehr vernünftiger Vorschlag.«
»Und du, Anders.«
Trapps Frage überrumpelte den Kriminalassistenten, er war nicht gewohnt, in Chefkonferenzen seine Meinung zu äußern.
»Es ist ja noch nicht lange her, daß ich bei der Mordkommission war, also ...«
Trapp fing seinen Blick auf und sagte überraschend heftig:
»Das will ich nicht hören. Ich weiß, du tust, was man dir sagt – und manchmal auch etwas mehr. Die Frage ist, ob du Valdemar Henriksen so gut kennst, daß du ihn erwischst, bevor er uns den schwarzen Peter zuschiebt.«
»Ich werde mein Bestes tun. Ich habe ein ausgezeichnetes Verhältnis zu Bruno Frederiksen.«
»Du willst also nicht eindeutig ja oder nein sagen?« bohrte Trapp Madsen weiter.
Anders Bojskov wußte nicht, was er sagen sollte. Møller kam ihm zu Hilfe. »Ich meine, du solltest Henriksen anrufen. Wenn wir noch mehr Zeit mit taktischen Überlegungen verschwenden, löst sich die Frage von allein, und weder Bojskov noch Winther werden an den Ermittlungen beteiligt.«
Trapp sah auf seine Digitaluhr. Beinahe Mitternacht. Møller hatte Recht, die Zeit drängte.
Am Stadsgraven rauschte das Schilf im warmen Abendwind.
Ein amerikanischer Geschäftsmann stand am offenen Fenster im 12. Stock des Hotels Scandinavia und schaute auf das Wasser und den merkwürdigen Stadtteil gegenüber, wo der Freistaat Christiania liegen sollte. Ein Freistaat mitten in der Hauptstadt eines wohlgeordneten Landes, ein Freistaat auf ehemals militärischem Gebiet. Losgelöst von dem Gemeinwesen, das ihn umgab. Selbst Polizisten trauten sich angeblich nicht allein dorthin. Es klang wie ein Witz.
Der Amerikaner löste seinen Schlips, während er am Fenster stand. Gleich würde das Call-Girl kommen. Er lächelte. Das Mädchen hatte behauptet, die Bar des Hotels gehöre nicht zu den einschlägigen Orten, hier könnten sie nur zusammen reden. Über den Preis? Nein, da gab es nichts zu diskutieren. Statt dessen hatte sie ihm von Christiania erzählt. Süß und naiv. Sie mußte neu in der Branche sein, wenn sie nicht wußte, daß in allen ordentlichen internationalen Hotels Nutten verkehren. Ihm war es recht. Eine unerfahrene Hure ist heutzutage beinahe genauso selten wie eine Jungfrau, die das Mindestalter für strafrechtliche Handlungen bereits überschritten hat. Er wollte es auf eine Probe ankommen lassen. Der Amerikaner packte den zollfreien Whisky aus. Zum Glück fanden sich im Badezimmer zwei billige Wassergläser.
Er wollte ihr einen Drink anbieten. Lehnte sie ab, war ihre Unsicherheit nichts anderes als Komödie. Routinierte Huren rühren keine harten Sachen an.
Es klopfte.
»Yes.«
Das Mädchen ging zum Fenster und baute sich so auf, daß er nur noch den Arm um sie zu legen brauchte. Er unterließ es.
In Kastrup startete ein Jumbojet mit den letzten Passagieren dieser Nacht und brummte wie eine riesige Hummel über die Stadt.
Tief unter den Hotelfenstern lief eine schlanke Gestalt mit schnellen, katzenhaften Schritten über die feuchten Kiesel des Stadtwalls. Als der Jumbo über ihr dröhnte, blieb sie stehen und orientierte sich an der dunklen Silhouette des Hotels und den kleinen, erleuchteten Fenstervierecken. Kein Laut war zu hören. Dann blitzte ein Gegenstand auf und irgend etwas klatschte ins dunkle, algige Wasser.
Die Lichtreflexe der Straßenlaternen und Scheinwerfer auf der anderen Seite des Walls fingen sich in den Ringen, die sich auf dem Wasser ausbreiteten. Die letzten Wellen brachen sich sacht im Schilf.
Der Amerikaner und das Call-Girl sahen den Ringen zu. Als die letzten Reflexe vom Schilf verschluckt wurden, schlossen sie das Fenster. Sie redeten nicht darüber, warum die trübe Wasseroberfläche einen Moment lang in Bewegung geraten war. Das oberflächliche Gerede hatten sie an der Bar hinter sich gebracht.
3.
Auf den Mauersockeln saßen zwei Adler aus Sandstein und bewachten die Einfahrt. Das schwarzlackierte, schmiedeeiserne Tor war geöffnet.
Bruno Frederiksen bremste. Die Vorderreifen des zivilen Polizeiwagens hielten exakt vor der Chausseepflasterung des Privatweges.
»Hier sind wir doch richtig, oder?«
Anders Bojskov guckte noch einmal auf die schwarze, handgeschmiedete Eins am rechten Sockel der Einfahrt.
»Ja.«
Er verstand, warum Bruno beeindruckt war. Engskiftet Nr. 1 in Ryvangen, das war nicht irgendeine Adresse. Es war vornehm. Dieses Gebäude ließ sich wahrscheinlich nur durch eine Anzeige in der Tageszeitung Børsen verkaufen. Der Haupttrakt der Villa bestand aus zwei Flügeln; Erker und große Schornsteine mit seltsamen Verzierungen unterbrachen das schwarze, glänzende Ziegeldach. Englischer Countrystil. Vermutlich überstiegen die Heizkosten einer Saison das Jahresgehalt eines Kriminalbeamten. Trotz der weißgekalkten Mauern, die im Licht der Straßenlaternen bläulich schimmerten, lag eine düstere Stimmung über der Villa. Vielleicht lag es an den dunklen Dächern oder an der alten Eibe, deren Zweige weit über die Treppenanlage hingen.
Bruno fuhr den Wagen langsam auf den Hof. Vor einem Anbau von der Größe eines Reihenhauses stand ein nagelneuer Rover. Dem Tor nach zu urteilen, schien dies jedoch die Garage der Familie Kramer zu sein.
»Hat sie nun den Arzt der Familie oder den Anwalt der Firma kommen lassen?«
Anders kontrollierte noch einmal, ob der Notizblock an seinem Platz in der Jackentasche war. Man mußte ziemliches Selbstbewußtsein entwickeln, um auf der Haupttreppe der Villa keine Minderwertigkeitsgefühle zu bekommen. Die Klingel war aus altem Messing, gab aber ein sehr synthetisches, elektrisches Geräusch von sich.
Ein älterer Herr in einem unauffälligen, blauweiß-gestreiften Sommeranzug öffnete.
»Guten Abend, Kriminalpolizei.«
Bruno hatte die Hand an der Polizeimarke. Überflüssig – sie wurden offensichtlich erwartet.
»Manfred Biehle. Kommen Sie herein.«
Gut, daß ich Inge dazu überreden konnte, etwas Gedeckteres anzuziehen, dachte Biehle, als er die Beamten in Kramers Bibliothek führte. Braungebrannte Brüste in einem weitausgeschnittenen und nicht ganz undurchsichtigen Sommerkleid könnten sie auf die Idee bringen, Inge Kramer hätte ihren Mann wegen eines Liebhabers umgebracht. Biehle hatte keine Ahnung, wie die Polizei vorging, aber er hatte genügend Phantasie, sich vorzustellen, welche Gedanken sich schlechtbezahlte Kripoleute machen können.
»Nehmen Sie bitte Platz. Frau Kramer kommt gleich. Wenn Sie nichts dagegen haben, bleibe ich hier.« Biehle zuckte mit den Schultern, ein Appell um Verständnis. »Sie war außer sich in den letzten Stunden.«
Bruno räusperte sich. Sie hatten abgesprochen, daß er das Gespräch führen sollte.
»Sie sind ein Freund des Hauses?«
»Ja. Ich kenne die Kramers seit vielen Jahren.«
»Und nun wollen Sie Frau Kramer beschützen?«
»Nein, unterstützen.«
»Wissen Sie, wie Kramer ums Leben kam?«
»Die Polizei war bereits einmal hier. Höfliche und verständnisvolle Kollegen von Ihnen, wenn ich so sagen darf.«
»Ich werde das Kompliment weiterleiten«, antwortete Bruno ironisch. »Sie werden verstehen, daß wir nicht gekommen sind, um Frau Kramer noch einmal zu unterrichten. Wir sind aus dem einfachen Grund hier, von Frau Kramer mehr über das Leben und die Gewohnheiten Ole Kramers zu erfahren. Je mehr wir wissen, umso schneller werden wir seinen Mörder einkreisen können. Aber wenn es Ihnen ungelegen ist, daß wir Frau Kramer hier vernehmen, fahren wir gern mit ihr aufs Präsidium.«
»Um Gotteswillen nein. Sie würde es nicht ertragen.«
Manfred Biehle drehte sich um. Er hatte getan, was er konnte. Gut, daß er Zeit gehabt hatte, Inge auf stupide und geradezu beleidigende Fragen vorzubereiten.
Bruno Frederiksen und Anders Bojskov nutzten die Zeit, um sich in der Bibliothek umzusehen. Es war kein kleines Zimmer. Nicht diese wie Meterware eingekauften Lederbände. Kramers Bibliothek schien aus mehreren tausend Bänden zu bestehen. Sehr viel Fachliteratur war darunter.
Militaria und Ledermöbel verliehen dem Raum einen maskulinen Anstrich.
Aus dem Flur hörten sie das Geräusch harter Absätze. Eine braungebrannte Frau mit knisterndschwarzem Haar trat ein.
Anders Blick klebte an ihren nadelspitzen, hohen Absätzen. Nicht, weil er ihre Beine bewundern wollte, sondern weil er hoffte, am Gang erkennen zu können, ob Inge Kramer den Schock mit Alkohol oder Pillen bekämpft hatte.
Ohne jede Gleichgewichtsstörung setzte sich Inge Kramer auf das Ledersofa und zog den Rocksaum über ihre übergeschlagenen Beine. Anders hatte nicht gerade das Gefühl, einer jungen Witwe gegenüberzusitzen, deren Mann vor noch nicht allzu langer Zeit brutal ermordet worden war.
»Ich habe die Nachrichten gehört. Sehr viel haben Sie bisher ja nicht herausgefunden.«
»Darum sind wir hier. Vielleicht können Sie uns helfen«, antwortete Bruno.
»Vielleicht. Ich weiß bloß nicht wie. Ole hat immer gesagt, je weniger du vom Geschäft weißt, desto besser. Das war wohl richtiger, als er ahnte.«
»Warum glauben Sie, daß der Mord etwas mit der Firma zu tun hat?«
»Es muß so sein. Wir haben schließlich keine Schwachsinnigen in der Familie.«
»Hat sich Ihr Mann jemals wegen seiner Arbeit bedroht gefühlt?«
»Nicht, daß ich wüßte.«
»Dennoch glauben Sie an eine Verbindung?«
»Ja. Ich kann Ihnen das nicht erklären. Ich glaube nur, daß es so sein muß.«
»Hatten Sie das Gefühl, daß Ihr Haus beschattet wurde?«
»Niemals. Das Haus ist mit allen möglichen elektrischen Alarmsystemen gesichert. Einbrecher kämen hier nicht weit.«
»Haben Sie wertvollen Schmuck oder Silber im Haus?«
Anders saß wie ein Statist neben Bruno. Er hatte seinen Notizblock auf den Knien.
»Mein Schmuck ist normalerweise im Safe. Das Silber benutzen wir natürlich. Sonst wäre es ja sinnlos.«
»Ist es wertvoll?«
»Ole hat es geerbt. Uralt ist es, mit Stempeln und was sonst noch dazu gehört.«
»Klingt so, als würden Sie sich nicht viel draus machen?«
»Mag sein. Ich benutze es, weil es schön ist, nicht, weil es teuer ist.«
»Brachte Ihr Mann manchmal Arbeit mit nach Hause?«
»Das kam vor. Gewöhnlich saß er dann hier.«
»Allein?«
»Ja. Ich hatte nie den Wunsch, für ihn die Sekretärin zu spielen. Elektronik bedeutet für mich, auf Knöpfe zu drücken.«
»Wissen Sie, ob er Konstruktionszeichnungen hier hatte?«
»Keine Ahnung. Ich pflege nicht in fremden Taschen zu wühlen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.« Inge Kramer sah Bruno herausfordernd an.
Er schien es zu übersehen.
»Durch die Alarmanlagen haben Sie sich also sicher gefühlt. Erinnern Sie sich noch, wann sie eingebaut wurden?«
»Vor zwei Jahren. Andersson, ein Ingenieur aus Lundtofte, erledigte es.«
»Sprachen Sie darüber?«
»Sie meinen Ole und ich? Natürlich. Damals wurde hier in der Gegend ziemlich viel eingebrochen, und die Polizei klärt ja nicht alles in ein paar Stunden auf.«
»Es lag also nicht daran, daß sich Ihr Mann bedroht fühlte?«
»Davon sagte er nichts. Aber worauf wollen Sie eigentlich hinaus?«
Bruno Frederiksen räusperte sich. »Wir vermuten, daß die Gewohnheiten Ihres Mannes untersucht wurden. Offensichtlich haben wir es mit einem sehr sorgfältig geplanten Mord zu tun. Deshalb ist es so wichtig, daß Sie uns alles erzählen, was Sie wissen.«
»Das mache ich ja. Aber so gern ich möchte, ich kann Ihnen nicht mehr über die Firma sagen. Sie müssen sich mit Holm unterhalten.«
Anders betrachtete Inge Kramers Hände. An ihren geballten Fäusten traten die Knöchel weiß hervor.
»Wer ist Holm?« wollte Bruno wissen.
»Erling Holm war Oles Kompagnon.«
Inge Kramers Schultern zitterten. Die erste Träne lief ihr über die Backe. Dann verlor sie die Beherrschung und ließ den Tränen freien Lauf.
»Bitte fragen Sie jetzt nicht weiter.«
Das Abblendlicht der Limousine erwischte vier schwarze Gestalten. Weiße Reflexstreifen am Saum der Polyesterjacken warfen das Scheinwerferlicht zurück. Wie eine Straßensperre sah es aus. Eine hellrote Handfläche forderte zum Halten auf.
Erling Holm drehte das linke Seitenfenster herunter. Eine unfreundliche Stimme kam ihm zuvor.
»Hier können Sie nicht durch.«
»Aber ...«
»Kein aber. Weiterfahren. Der Platz ist gesperrt.«
Holm stieg aus.
»Wenn Sie nicht weiterfahren, muß ich Sie festnehmen. Es ist jetzt ...«
»Nun mal mit der Ruhe«, besänftigte Holm den aufgebrachten Beamten. »Ich glaube, es wäre sinnvoller, Sie informieren Ihre Kollegen von der Kripo. Mein Name ist Erling Holm, und ich bin gekommen, um der Kriminalpolizei das Hauptbüro der Firma Dantec aufzuschließen. Aber vielleicht sagt Ihnen der Firmenname nichts.«
Der Polizist hob sein Walkie-Talkie. Holm verstand nicht, was er sagte, aber der Beamte nickte und nahm plötzlich Haltung an, als stünde er einem Vorgesetzten gegenüber. Er winkte Holm ein. »Bitte parken Sie gleich dort drüben. Leider werden Sie das letzte Stück zu Fuß gehen müssen.«
Die Parkplätze, der Fußweg und der gesamte Eingangsbereich der Dantec waren mit starken Scheinwerfern ausgeleuchtet. Die größte Wattzahl konzentrierte sich allerdings auf eine dunkelrote Lache auf dem Asphalt.
Holm bemerkte die dünnen Rinnsale, die sich bis zur Bordsteinkante zogen. Nach der Größe der Blutlache zu schließen, hatte Ole nicht mehr lange zu leben gehabt, wenn die Schüsse nicht sofort tödlich waren.
Die Kreidelinien der Polizei beschrieben nur unvollständig den Umriß einer liegenden Person. Das geronnene Blut hatte die komplette Zeichnung verhindert.
Am Rand des Lichtkegels standen zwei Volvo Stationcars. Zivilbeamte verstauten Fotostative und große schwarze Ledertasehen. Vier, fünf andere umstanden im Halbkreis einen aufgeregt gestikulierenden Mann in einer karierten Tweedjacke. Sie mußte unerträglich warm sein an diesem milden Sommerabend.
Holm ging auf die Gruppe zu. Der Mann in der Tweedjacke verstummte und drehte sich um.
»Herr Holm?«
»Das bin ich.«
Der Polizist streckte die Hand aus und stellte sich als Kriminalinspektor Valdemar Henriksen vor.
Die Armbanduhr des Inspektors piepte. Es war zwölf Uhr.
»Gut, daß Sie nicht Seeland Rund1 gesegelt sind. Wir hätten Sie sonst mit einem Hubschrauber holen müssen.«
Valdemar Henriksen trat aus dem Licht. Holm folgte ihm.
»Ich denke, wir kommen nicht weiter, bevor wir uns nicht unterhalten haben. Können Sie uns das Büro aufschließen oder wollen wir aufs Präsidium?«
»Ich und die Räume der Dantec stehen der Polizei zur Verfügung«, antwortete Holm. Es klang etwas zu servil.
»Ausgezeichnet. Einer meiner Mitarbeiter kommt gleich. Ich möchte ihn als meinen Assistenten gern dabei haben.«
Holm drehte sich zu den Männern der Spurensicherung um. »Sie haben den ganzen Platz absperren lassen. Haben Sie schon eine entscheidende Spur?«
»Man weiß vorher nie, was entscheidend ist«, brummte Henriksen. Er dachte im Moment mehr an Winther als an die labortechnischen Untersuchungen.
Henriksen war Vizekommissar, als Winther – damals noch ein grüner Kriminalassistent – ins Betrugsdezernat kam. Er hatte den langen Burschen mit dem Pferdegesicht gleich gemocht. Winther war so häßlich, daß er aus seinem Aussehen psychologische Vorteile hätte ziehen können. Aber das tat er nicht. Er erarbeitete sich seine Ergebnisse. Für Henriksen war es ein schwarzer Tag, als Winther das Polizeipräsidium verließ, um beim Geheimdienst anzufangen. Nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen während des Weltbanktreffens in Kopenhagen wurden dort junge Leute gesucht. Die Kombination von Geheimdienstarbeit und möglicher Karriere war für Winther zu verlockend gewesen.
Jetzt hatte Henriksen erfahren, daß Winther noch immer Kripoassistent war.
Das Firmenschild an der Treppe war eher bescheiden, aber spätestens im Vorzimmer der Dantec war nicht mehr zu übersehen, daß es der Firma sicherlich nicht an Geld, zumindest aber nicht an guten Bankverbindungen fehlen konnte. Die Holzpaneelen und die Stuckdecke stammten noch aus der Zeit, als das Gebäude nur aus Herrschaftswohnungen bestand. Allerdings fehlten die Kronleuchter. Vermutlich waren sie verkauft worden, als man sich keine Dienstmädchen mehr leisten konnte. Kronleuchter hätten in diesen Raum vorzüglich gepaßt; die großen Arne-Jacobsen-Lampen aus Kupfer harmonierten jedoch mit den Möbeln aus Leder, Kunststoff und Stahl. Und mit der modernen Kunst an den Wänden. Gemälde in kräftigen, fast schreienden Farben. Frauenbeine in Stiefeln, die eine Treppe hinaufgingen; die Ausschnittvergrößerung eines lachenden Frauengesichts; wohlgeformte Brüste in einem Bikini. Und als Kontrast eine Radierung, die einen langhaarigen, dicken jungen Mann zeigte. Vielleicht ein müder Revoluzzer, der sich mit Kartoffelchips und Hefestücken aufgepumpt hatte.
Erling Holm führte die Beamten einen langen Gang entlang und schaltete im Konferenzzimmer Licht ein. Der Raum hatte keine Fenster, in die lärmschluckenden Deckenplatten war eine ansehnliche Batterie von Spots eingelassen. An der Tür hing eine Armaturenleiste mit Dimmer zur stufenlosen Regulierung von Licht und Ventilation.
Der Konferenztisch bot Platz für einige Dutzend Personen. Valdemar Henriksen setzte sich als Erster.
Selbst in dem weichen Licht der Deckenbeleuchtung wirkte Holms Gesicht zerstört. Harte, tiefe Furchen hatten sich von Augen- und Mundwinkeln aus ihren Weg gegraben. Ein Mann mit Sorgen, dachte Winther. Und die hat er nicht erst seit heute.
Holm strich sich die dunkle Stirnlocke zurück.
»Wann haben Sie zuletzt mit Ole Kramer gesprochen?« fragte Henriksen.
»Heute nachmittag.«
»Hier?«
»Nein, in unserer Forschungs- und Produktionsabteilung in Lundtofte. Ich habe hauptsächlich dort zu tun.«
»Können Sie sich etwas genauer an den Zeitpunkt erinnern?«
»Ich glaube, es war viertel nach drei.«
»Wirkte Kramer nervös oder ängstlich?«
»Überhaupt nicht. Er war genauso beschäftigt und aktiv wie immer.«
»Stellen wir uns einmal vor, ein Konkurrent oder eine terroristische Vereinigung will Dantec den größtmöglichen Schaden zufügen. Wen würden Sie sich aussuchen, den Direktor oder ein, zwei leitende Angestellte? Vielleicht aus der Entwicklungsabteilung?«
Holm saß ein Kloß im Hals. »Genau dasselbe habe ich mich auf dem Weg in die Stadt gefragt.«
»Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?«
»Daß es zufälligerweise nicht mich getroffen hat. Ich sage das nicht, um mich bedeutender zu machen, als ich bin. Aber es wäre kaum jemand in der Lage, ohne mich meine Projekte weiterzuführen.«
»Auch Ole Kramer nicht?«
»Er war zuständig für die wirtschaftlichen Belange der Firma. Und für den Verkauf. Natürlich konnte er als Ingenieur beurteilen, woran ich arbeite, nur – Entwicklungsarbeit ist ein wenig mehr, als nur Meßergebnisse abzulesen, aufzuschreiben und dem nächsten mit der Gewißheit weiterzugeben, daß das Projekt dann klappt. Entwicklung und Forschung sind kreative Prozesse – manchmal genügt einer, ein andermal ist eine ganze Gruppe notwendig, um den gewünschten Generator- oder Katalysatorprozeß zu erreichen. Verstehen Sie?«
Henriksen nickte. Klang wie ein Rezept für polizeiliche Ermittlungen. Vielleicht hatte er Holm doch nicht richtig verstanden.
»Wie war ihr Verhältnis zu Ole Kramer?«
»Meinen Sie mein persönliches Verhältnis oder das der Gesellschaftsform?«
»Beides.«
»Unser persönliches Verhältnis war ausgezeichnet. Ohne jede Spannung, obwohl ...« Holm unterbrach sich. »Ja, obwohl Ole mir vor sechs Jahren meine Frau ausspannte.«
»Inge Kramer ist Ihre frühere ...?«
»Ja.«
»Hm, sowas kann vorkommen«, bemerkte Henriksen verständnisvoll.
»Genau so habe ich es auch gesehen. Die Liebe ändert sich wie das Wetter. Heute Sonnenschein in Jütland, morgen vielleicht auf Bornholm.«
»War es eine glückliche Scheidung?«
»Halten wir uns an die Tatsachen. Eine Scheidung zwischen erwachsenen Menschen. Unsere privaten Beziehungen berührten allerdings die Zusammenarbeit bei Dantec überhaupt nicht.«
»Wie sehen die Eigentumsverhältnisse denn aus?«
»Ole hielt 51 % des Aktienkapitals, ich 49%.« »Ihre Ex-Gattin sitzt nun also auf dem entscheidenden Anteil.«
»Nein. Das haben wir in einer Aktionärsvereinbarung geregelt. Im Todesfall hat der Erbe einen kleinen Anteil an den länger Lebenden der Firmengründer zu verkaufen. Wir empfanden das beide als angemessen, als wir die Firma gründeten.«
»Aha«, murmelte Henriksen und starrte Holm an.
Der Entwicklungschef verzog keine Miene. »Tja, wenn es Ihnen nur darum geht, jemanden mit einem ordentlichen Motiv zu finden, bin ich sicher Ihr Mann. Allerdings vermute ich, daß Sie mein Alibi kontrollieren. Seit sechs bin ich auf dem Sund gesegelt, Namen und Adressen der Besatzungsmitglieder können Sie selbstverständlich bekommen.«
»Danke. Im Augenblick interessieren mich die Aktienverhältnisse der Dantec mehr. Mindestens zwei Prozent müßte Ihnen also Kramers Erbe verkaufen, damit Sie die Gesamtkontrolle über die Firma bekommen?«
»Ja, dann könnte ich den ganzen Laden verkaufen und mich in irgendeine Steueroase zurückziehen.«
»Was käme bei so einem Handel raus?«
»Exakt auf die Million schwer zu sagen. Jedenfalls genug, um den Rest meiner Tage sorgenfrei zu verbringen.«
»Haben Sie schon mal dran gedacht?«
»Natürlich nicht. Offenbar habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Wenn Ihr Kollege meine Antworten notiert hat, werden Sie nachlesen können, daß nicht einmal die Scheidung einen Keil zwischen Ole und mich treiben konnte. Seine Ermordung erhöht nur meine Verantwortung gegenüber unserem gemeinsamen Werk und den Angestellten. Dantec ist nicht zu verkaufen und wird auch nicht zu verkaufen sein, solange ich es verhindern kann.«
»Idealismus kann auch lästig werden«, reagierte Henriksen auf Holms pathetischen Ausbruch.
»Geld regiert nicht meine Welt.«
»Sehen Sie, Herr Holm, ich denke an ein ganz einfaches, billiges, mechanisches Gerät. Eine Pistole. Man kann eine Menge damit anstellen.« Henriksen lächelte. Erling Holm saß mit offenem Mund da. Henriksen ließ ihn einige Sekunden zappeln.
»Wenn Sie wirklich für die Dantec wichtiger sind als Ole Kramer, setzen Sie sich akuter Lebensgefahr aus, sobald Sie das Haus verlassen. Das ist Ihnen hoffentlich klar.«
Holms volle Unterlippe fiel noch ein Stückchen herunter.
»Herr Inspektor, ist das Ihr Ernst, oder wollen Sie mir nur Angst einjagen, damit ich irgend etwas Unüberlegtes sage?«
»Was nützt es mir, wenn Sie die Hosen vollhaben? Ich hoffe nur, Sie sehen ein, daß es nur Ihrer eigenen Sicherheit dient, wenn Sie uns endlich alles erzählen, was Sie über Ole Kramer wissen. Ich glaube nämlich nicht an die Version, daß irgendein zufällig vorbeispazierender Verrückter hier herumgeballert hat. So lief das nicht, Herr Holm. Ole Kramer wurde sehr gezielt getötet. Vielleicht hängt es mit irgendwelchen privaten Geschichten zusammen, wahrscheinlicher ist aber, daß wir hier in der Firma nach der Erklärung zu suchen haben. War Kramer möglicherweise in obskure Geschäfte verwickelt?«
»Völlig ausgeschlossen. Die Dantec macht keine schmutzigen Geschäfte. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Über Kramers private Verhältnisse kann ich mich allerdings nicht äußern. Wenn man das hinter sich hat, wovon ich Ihnen erzählte, gibt es gewisse Fragen, die man nicht mehr stellt. In geschäftlichen Dingen hingegen gab es keinerlei Geheimnisse zwischen uns. Sonst hätten wir ja gar nicht so zusammenarbeiten können.«
Valdemar Henriksen erhob sich. »Wir würden uns gern mal Ole Kramers Büro ansehen. Haben Sie den Schlüssel?«
Holm saß zusammengesunken und abwesend da. »Entschuldigen Sie, was ...?«
»Können Sie uns Kramers Büro aufschließen oder müssen wir Gewalt anwenden?«
»Wenn es jetzt sofort sein soll, müssen Sie die Tür gewaltsam öffnen.«
Holm faßte sich und führte die beiden Männer hinter den Empfang. Er zeigte auf eine schön gezimmerte Tür ohne Namensschild.
»Ole hatte das Büro zur Straße.«
Winther sah sich das Schloß genauer an. Alte, schöne Schlosserarbeit. Es aufzubrechen, wäre Vandalismus.
»Ich frage mal die Spezialisten, ob sie einen Dietrich dabei haben.«
»Mach das. Hauptsache, es geht schnell«, knurrte Henriksen.
Winther schnaufte, als er mit dem Dietrich zurückkam. Das Schloß hätte er vielleicht auch mit einer aufgebogenen Heftklammer aufbekommen, doch wäre das möglicherweise nicht in Henriksens Sinn gewesen. Nicht, wenn Zeugen dabei waren.
»Die Presse will mit dir reden«, sagte Winther, als er mit dem Dietrich geöffnet hatte.
»Die sollen warten«, entgegnete der Inspektor unfreundlich und ging zum Fenster. Er blieb einen Moment stehen und sah sich die Männer der Spurensicherung an, die auf dem Kirchenvorplatz arbeiteten. Dann stellte er sich hinter Kramers Schreibtischstuhl.
»Von der Straße aus konnte er nicht gesehen werden«, bemerkte Holm.
»Aber das Licht.« Henriksen schielte auf die dünnen, weißen Stoffstreifen, die Gardinen darstellen sollten. Eine vertikale Stoffjalousie.
Henriksens dicke Finger glitten über die Rückenlehne von Kramers Bürosessel. Schöner Bezug. Bestimmt vier- bis fünfmal so teuer als der Standardstuhl, den die Einkaufszentrale einem Inspektor bewilligte.
Der Schreibtisch war schnell übersehen. Kein Stück Papier auf der glatten Mahagoniplatte. Nur ein Tageskalender von Time Manager. Henriksen zog ein Paar durchsichtiger Plastikhandschuhe an, blätterte in dem Terminkalender und nickte Winther dann zu.
»Sie haben doch nichts dagegen, wenn wir den mitnehmen?«
»Natürlich nicht«, antwortete Holm.
Der Inspektor griff nach einem Portraitfoto neben der Füllerablage. Eine gutaussehende Frau in enger Velourlederjacke lächelte den Betrachter an. Der Fotograf hatte hinter ihr eine Lampe aufgestellt, das Haar leuchtete wie ein hoher, aufgesteckter Kranz.
»Herr Holm, kommen Sie mal.«
Henriksen hielt den Ständer am Rücken des vergoldeten Rahmens fest.
»Ist das Ihre ehemalige Frau?«
»Ja, das ist Inge.«
Henriksen stellte das Bild zurück an seinen Platz und bemerkte erst jetzt den in die Wand gemauerten Tresor.
»Dafür haben Sie wahrscheinlich auch keinen Schlüssel?«
»Tut mir leid.«
»Haben Sie etwas dagegen, wenn wir ihn öffnen?«
»Sie dürfen tun, was Sie für notwendig erachten.«
»Winther, schick jemand in die Rechtsmedizin und laß nachsehen, ob Kramer die Kombination oder einen Schlüssel bei sich hatte.«
Holm ging unruhig auf und ab.
»Was Sie da über Pistolen sagten ... Glauben Sie, daß meine Familie in Gefahr ist?«
Henriksen zuckte die Schultern. »Ich möchte eigentlich nicht auf Ihre Unterstützung bei unseren Ermittlungen verzichten. Meine Leute werden Sie nach Hause begleiten.«
Bei der Mordkommission ging es in dieser Nacht zu wie in einem Bienenkorb. Nur kehrten die Arbeitsbienen nicht mit Beute zu ihrer Königin zurück. Valdemar Henriksen dirigierte und koordinierte das Ganze, Winther hatte er zu seinem Stellvertreter ernannt.
Eine Traumposition für Peter Winther. Ohne daß es auffiel, konnte er seine Doppelrolle spielen. Er nahm an den Ermittlungen teil und konnte alles dem PET berichten. Die Kollegen von der Mordkommission waren nicht einmal verärgert. Sie waren sich sicher, daß der Schnüffler vom Geheimdienst hauptsächlich mit Kaffeekochen oder Telefondienst beschäftigt sein würde.
Es war fast zwei, als Winther mit der ersten Thermoskanne und einem Stapel Pappbecher zu Henriksen kam. Winther hörte Schritte hinter sich. Kriminalkommissar Folmer Kristensen steckte beim Alten den Kopf rein.
»Die Vormittagszeitungen geben keine Ruhe. Was soll ich sagen?«
»So wenig wie möglich«, antwortete Henriksen kurzangebunden.
Kristensen griff sich einen Pappbecher und schenkte ein.
»Besser, du redest mit ihnen, Valdemar. Die begnügen sich nicht mit einem Kommissar, wenn ein Inspektor in Reichweite ist. Außerdem habe ich längst nicht den Überblick über die Sache wie du.«
»Deshalb bist du genau der richtige Mann für die Presse.«
Henriksen fing an, seinen Kaffee zu schlürfen. Die Audienz war beendet. Folmer Kristensen nahm seinen Becher mit hinaus.
»Verfluchte Scheiße, wo bleibt denn die Spurensicherung«, wurde Winther angeknurrt. »Es kann doch nicht so lange dauern, einen Safe zu öffnen, wenn man auf die Alarmanlage keine Rücksicht zu nehmen braucht. Übrigens, Winther, frag mal nach, ob Holm schon zu Hause ist. Danach versuchst du, was Eßbares aufzutreiben. Seit sechs Stunden habe ich nichts mehr im Magen.«
Als Winther zurückkam, leerten zwei Kollegen einen großen Pappkarton mit farbigen Aktenordnern. Henriksen saß am Schreibtisch und sah sich einen weißen Vogel an, der eingepackt in einer durchsichtigen Plastiktüte vor ihm lag.
Henriksen hob die Tüte an. »Was glaubst du, wo ich die gefunden habe?«
Winther beugte sich in seiner ganzen Länge über den Schreibtisch. »Das ist eine Friedenstaube. Früher hat man sowas auf Grabsteinen angebracht.« Er guckte den Inspektor skeptisch an.
»Lag sie im Tresor?«
»Ja. Ziemlich makaber, was?«
»Weiß Holm davon?«
»Entweder weiß er eine ganze Menge oder wirklich überhaupt nichts.«
»Hast du ihn im Verdacht?«
»Jedenfalls ist er eine Schlüsselfigur. Wenn intelligente Menschen den Naiven spielen wollen, bin ich auf der Hut.«
»Willst du ihn dir heute nacht noch mal vornehmen?«
»Nein, erstmal brauchen wir festen Grund unter den Füßen. Aber du kannst die Tonbandexperten beauftragen, sein Telefon anzuzapfen. Die Genehmigung besorgen wir uns morgen, wenn wir mehr Luft haben.«
Winther nahm den Bogen aus der Maschine und las den Bericht an seine Vorgesetzten ein letztes Mal zur Korrektur:
Notiz an den Polizeimeister und den stellvertr. Pol. m.:
Meldete mich um 0.12 bei Kriminalinspektor Valdemar Henriksen Abteilung A. VH befand sich am Tatort in der Frederiksgade und unterhielt sich mit Dir. Ing. Erling Holm, Miteigentümer der Firma Dantec. Anschließend wurde EH im Konferenzraum der Firma vernommen (Band anbei).
Nach der Vernehmung gestattete EH die Durchsuchung der Büroräume des Verstorbenen Ole Kramer. OK’s Safe wurde von der technischen Abt. geöffnet, der Inhalt zur Abt. A gebracht und von V und Unterzeichnendem untersucht. Außer Geschäftskorrespondenz und Belegen enthielt der Tresor eine Friedenstaube aus Marmor. Laut Aussagen des Labors ist sie von einem Grabstein entfernt worden. Die Taube wird heute auf Fingerabdrücke und weitere Spuren untersucht.
VH’s vorläufige Arbeitshypothese: OK wurde aufgrund familiärer oder geschäftlicher Schwierigkeiten ermordet. OK’s derzeitige Ehefrau war bis vor sechs Jahren mit EH verheiratet.
Zwischen OK und EH existiert eine Aktionärsvereinbarung, nach der die Erben eines Verstorbenen einen geringen Teil der Aktien an den länger Lebenden zu verkaufen haben, so daß bei unvorhersehbaren Ereignissen der verbleibende Gründer nicht die Kontrolle über die Dantec verliert. Die Aktienverteilung zwischen den Kompagnons: 51 % des Anteils bei OK, 49 % bei EH. (Bitte beachten Sie die Passage des Bandes, in der sich EH als die treibende Kraft der Firma bezeichnet.)
EH’s Privattelefon in Trørød wird ab sofort abgehört. Die Durchsicht der Papiere OK’s wird heute fortgesetzt.
Peter Winther. KA
Abgesehen vom Posten an der Ein- und Ausgangsschleuse war Winther der einzige Mensch in der Geheimdienstetage des großen Bürokomplexes. Er schaute aus dem Fenster. Die Sonne ging bereits auf, das Morgenrot versprach einen schönen Sommertag.
Winther leckte an dem billigen, hellbraunen Kuvert und verschloß es. Der Geschmack von Leim und zu vielen Zigaretten paßte nicht zusammen.
Er gab dem Posten den Brief mit der Bitte, ihn Trapp oder Møller zu übergeben, je nachdem, wer als erster kam.
»Dann werd ich ihn Møller geben«, meinte der Wachhabende, »es ist lange her, daß Trapp sich auf ’m Sonnabend hat blicken lassen.«
»Tschüs«, grüßte Winther und ging zu seinem mit Nachttau beschlagenen Wagen. Wenn er Glück hatte, konnte er noch drei, vier Stunden Schlaf finden.
4.
»Der moderne Krieg ist mechanisiert.
Man braucht nur noch auf Knöpfe zu drücken.
Für Helden ist kein Platz mehr.«
Samuel T. Cohen, Erfinder der Neutronenbombe
Der Steuerberater Torben Eriksen zog sich den Frotteebademantel an und gähnte. Die ›Berlinger‹ würde er gerade noch durchblättern können, bevor ihn sein Freund, der Makler, zum Joggen auf dem Bürgersteig erwartete.
Obwohl sich Eriksen in kurzen Hosen, T-Shirt und Laufschuhen eigentlich lächerlich vorkam, wiederholte sich dieses Ritual Sonnabend für Sonnabend.
Er stand schon im Flur, als das Telefon klingelte. Eriksen hoffte, der Makler würde absagen. Er hatte keine anderen Bekannten, die so früh anriefen. Der Steuerberater gähnte noch einmal, als er abnahm.
»Morgen. Ich bins, Erling. Hab ich dich geweckt?«
»Macht nichts. Ich muß sowieso gleich laufen.«
»Hast du schon die Zeitung gelesen?«
»Noch nicht. Ich wollt’ sie gerade holen.«
»Du weißt also noch nicht, daß Ole erschossen wurde!?«
»Nein ... erschossen, sagst du?« Eriksen wünschte, er hätte sich verhört.
»Gestern abend, als er aus dem Büro kam. Er starb auf der Stelle. Ich habe die Blutlache gesehen. Ein Anblick, den ich so schnell nicht vergessen werde.«
»Schrecklich.« Eriksen wußte nicht, was er sagen solle.
»Es ist schlimmer, als du dir vorstellen kannst. Die Polizei hat mich im Verdacht.«
»Erling, weißt du, was du da sagst?«
»Worauf du dich verlassen kannst! Die ganze Nacht habe ich an nichts anderes gedacht.«
»Ich komme sofort. Der Makler wird verstehen, daß ich heute kaum durch den Wald rennen kann.«
»Nein, nein, deshalb rufe ich nicht an. Du kannst mir einen großen Gefallen tun, wenn du läufst.«
»Ich verstehe nicht ...«
»Es klingt auch seltsam. Paß auf, ich möchte, daß du und der Makler hier am Skyttevangen vorbeilauft. Es liegt ja fast am Weg. Wenn Polizei vor dem Haus steht, lauft ihr weiter bis zum Einkaufszentrum und ruft mich von da aus an. Ich kann schlecht selbst nachsehen. Das würde nur ihren Verdacht bestätigen.«
»Erling, wieso sollte die Polizei vor eurer Haustür stehen?«
»Offiziell werde ich bewacht, aber inoffiziell wollen sie wissen, wer mich besuchen kommt. Sie beschatten mich.«
»Du leidest an Verfolgungswahn. Sowas passiert doch nicht in Dänemark.« Eriksen blieb skeptisch. »Bist du sicher, daß ich nicht kommen soll?«
»Torben, ich bin weder krank, noch verrückt. Es ist nicht nötig. Ich will dich nicht mit reinziehen, aber du kannst mir noch einen Gefallen tun und Gert anrufen. Er soll so schnell wie möglich kommen.«
»Und was machen wir, wenn die Polizei nicht da ist?«
»Dann kommt ihr rein und wir trinken einen Schnaps, während ich dich zu überzeugen versuche, daß ich nicht unter Verfolgungswahn leide.«
»Sind Mette und die Kinder bei dir?«
»Ja, sie schlafen noch ... Glaubst du etwa, sie hätte mich verlassen und die Kinder mitgenommen, weil sie nicht länger mit einem Geistesgestörten unter einem Dach leben will?«
Der Skyttevangen endet an der südwestlichen Grenze des Trørøder Waldes abrupt vor einer Steinmauer. Dahinter stehen auf geräumigen Grundstücken exklusive, in ihrer Architektur sehr unterschiedliche Wohnhäuser. Einige dieser Villen wurden von wohlhabenden Familien aus der Stadt als Sommerresidenz genutzt. Sie waren teilweise mit ihren massiven, in Karboleneum getränkten Kieferbalken und den Grasdächern norwegischen Vorbildern nachempfunden. Neu hinzugekommen sind moderne Bungalows mit Flachdächern, breiten Glasfassaden und Balkonveranden.
Die schmale Fahrspur ist von Grasbeeten eingefaßt und am Straßenrand liegen große Natursteine, als ein nicht zu übersehender Hinweis für die Autofahrer, daß das Parken auf den Randstreifen absolut unerwünscht ist.
Skyttevangen ist keine Durchgangsstraße.
Erst als sich der Postbote die Straße mit dem kleinen Hügel hinaufgearbeitet hatte, fiel ihm der parkende Ford auf. Ein derartiger Mittelklassewagen gehörte nicht hierher. Er war schon einige Hausnummern weiter, als er sich beobachtet fühlte.
Zwei Männer saßen in dem Wagen. Der Mann am Steuer war bärtig und hatte eine Lederjacke an.
Bei Holms grünem Briefkasten blieb der Postbote stehen und suchte etwas in seiner Tasche. Er blätterte in seinem schwarzen Quittungsbuch. Obwohl weder der Ingenieur Erling Holm noch seine Frau Mette ein Einschreiben bekamen, radelte er die Einfahrt hinauf.
Holm öffnete. Er sah aus, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Aber er war durchaus freundlich und zuvorkommend. »Bringen Sie interessante Post?«
Verlegen trat der Postbote mit dem Quittungsheft und einem Kugelschreiber in der Hand von einem Bein aufs andere.
»Entschuldigen Sie die Störung, Herr Holm, aber da sitzen zwei Männer in einem Wagen direkt vor Ihrer Einfahrt. Ich dachte mir, Sie sollten das wissen ... Wenn Sie hier unterschreiben wollen, dann merkts keiner.«
Er reichte Holm den Quittungsblock. Holm hielt ihn an den Türpfosten und unterschrieb.
»Ich komme ja nun schon seit einigen Jahren ... Da fallen einem solche Kleinigkeiten auf.«
»Wirklich nett von Ihnen, daß Sie mich darauf aufmerksam machen. Vielleicht merken Sie sich das Nummernschild, wenn Sie rausfahren. Ich wäre froh, wenn Sie’s mir Montag sagen könnten. In diesen Zeiten kann man wirklich nicht vorsichtig genug sein.«
»Genau das habe ich mir auch gedacht«, freute sich der Postbote und grüßte mit der Hand an der Mütze.
Um elf bog ein schwarzer Peugeot auf das Grundstück der Familie Holm. Der Beamte auf dem rechten Vordersitz des Ford notierte das Nummernschild des Peugeot und fragte seinen Kollegen:
»Was meinst du, Anfrage beim Zentralregister?«
Der Bärtige in der Lederjacke nickte.
»Mach das. Dann sieht Henriksen wenigstens, daß wir nicht in der Kneipe gewesen sind.«
Mit seiner alten Kassenbrille und den lebhaften braunen Augen hinter den kleinen, ovalen Gläsern hätte man Rechtsanwalt Gert Severin für einen soliden Handwerksmeister aus der Provinz halten können.
Eine kleine, gedrungene Gestalt; ein kahler, beinahe kugelrunder Kopf auf einem breiten, stiernackigen Hals. Sein Haaransatz an der Schläfe schimmerte rötlich, der Rest seines Haarkranzes war grau.
Gert Severin war sicher ein Freund seiner Freunde, bekannter war er allerdings als knallharter Geschäftsanwalt, der nach dem Prinzip ›große Leistung, großes Honorar‹ arbeitete, doch der Gedanke an Armut konnte ihn krank machen. Severins Eltern waren kleine Leute gewesen.
Wenn Severin Konkurse abzuwickeln hatte – und besonders gern nahm er sich wegen der mehrstelligen Honorare der großen an – kostete es ihn Überwindung, dem Bankrotteur die Hand zu geben. Innerlich fürchtete er, daß ökonomisches Unglück anstekkend wie Lepra sein könnte. Glücklicherweise war diese Form der Begrüßung etwas aus der Mode gekommen.
Gert Severin trat an das große Fenster in Holms Arbeitszimmer und bewunderte die Aussicht auf den kleinen See, der am Fuße des Hanggrundstücks lag. Holm kam mit einer Kanne Kaffee und einer Flasche Fernet Branca.
»Danke, nur Kaffee bitte. Ich will einen klaren Kopf behalten«, lehnte Severin den Alkohol ab und setzte sich Holm gegenüber. »Ich kann dich nicht verhören, aber wenn ich dir einen Rat geben darf, dann erzähl mir alles ... Was weißt du? Ich habe das Gefühl, daß Ole ein paar Dinge für sich behalten hat.«
Holms Hand zitterte, als er die Kaffeetasse absetzte.
»Ich habe die ganze Nacht nachgedacht. Gestern nachmittag war Ole in der Fabrik. Viertel nach drei fuhr er in die Stadt, er wollte irgendwelche Werbebroschüren absegnen. Ich erzählte ihm, daß ich früher gehen würde, weil ich Architekt Poulsen und seinen Söhnen einen Trip mit meinem Nauticat versprochen hatte. Ole wünschte uns viel Spaß und sagte, er wollte auch möglichst schnell fertig werden. Inge hatte wohl Besuch zum Abendessen eingeladen. Er war so wie immer. Wir lagen südlich von Hvem, als mich Mette über Funk rief. Die Polizei sei gekommen, um mich mit in die Büros in der Frederiksgade zu nehmen. Ole sei auf dem Bürgersteig ermordet worden, erzählte sie. Erst hinterher kam mir der Gedanke, daß es doch eigenartig ist, daß die Polizei nach Trørød rausfährt, um sich die Büroschlüssel zu holen. Sie hätten sie doch bloß aus Oles Tasche nehmen zu brauchen.«
»Zuerst haben sie wohl mal daran gedacht, sein Leben zu retten.« »Ach was. Selbst der unerfahrenste Polizist hat gesehen, daß da nichts mehr zu machen war. Ich redete mit einem Beamten, als die Kripo in Oles Papieren schnüffelte. Ole war auf der Stelle tot. Außerdem habe ich selbst die Blutlache auf dem Fußweg gesehen. Ich wollte wissen, wo es Ole erwischt hatte. Der Beamte zeigte nur auf sein linkes Auge. Fast der ganze Hinterkopf ... Und noch ein Schuß in der Brust.«
»Oles Schlüssel mußten sicher ins Labor, bevor sie jemand anfassen durfte«, wandte Severin ein.
»Klingt vernünftig, aber wenn ich mir meine Begegnung mit diesem Inspektor vergegenwärtige, werde ich verdammt unsicher. Du kennst die Vereinbarungen zwischen Ole und mir, und du weißt von der Geschichte mit Inge. Ich empfand es als meine Pflicht, ihm diese Informationen sofort zu geben – natürlich hatte ich im Hinterkopf, daß die Polizei das nach wenigen Tagen sowieso herausgefunden hätte und möglicherweise gegen mich verwenden würde. Aber ich gebe zu, ich weiß zuwenig darüber, was in diesen Köpfen vor sich geht.
Als ich mein Privatleben vor Henriksen und seinem Assistenten ausgebreitet hatte, tat der Inspektor so, als hätte ich Interesse daran gehabt, Ole aus dem Weg zu räumen. Und als ich ihm von unserer Arbeitsverteilung erzählte, machte er eine Kehrtwendung von 180 Grad und phantasierte, daß Ole irgendeine obskure Geschichte hinter meinem Rücken unternommen haben müsse. Zuletzt erklärte er mir, daß ich möglicherweise auch in Gefahr sei.«
Holm war erregt. Severin guckte ihn ruhig an.
»Erling, wenn es sich bei dem Mord an Ole nicht um eine Affekthandlung dreht, ist es doch logisch, daß sich die Polizei fragt, wer Nutzen aus seinem Tod ziehen kann. So, wie ihr euer Verhältnis geregelt hattet, muß sich die Polizei ganz einfach mit dir beschäftigen. Und ob du es der Polizei selbst erzählst oder ob Inge es tut, macht doch keinen Unterschied. Sag mal, bist du sicher, daß Henriksen wegen der alten Geschichte keinen Verdacht geschöpft hat? Denn war es nicht Strindberg, der gesagt hat: Die psychische Kraft des Hasses ist stärker als wir meinen?«
Holm schüttelte den Kopf und verzog den Mund: »Ich habe keine Ahnung, was in Inges Kopf vorgeht. Ich weiß nur, daß sie mir total egal ist. Und das seit vielen Jahren.«
»Und euer Sohn. Ist er dir auch egal?«
»Nein. Aber ich bin ihm egal. Ich weiß wirklich nicht, was er mit der Sache zu tun haben sollte. Wir reden über den Mord, denke ich – nicht über die zugewucherten Ruinen meiner Scheidung.«
Bedächtig putzte Severin seine Kassenbrille.
»Wir sollten über alles reden, was eine gewisse Beziehung zu dem Fall hat. Ich wage jedenfalls nicht auszuschließen, daß die Polizei es irgendwann für notwendig erachtet, mit Thomas zu reden. Eure Scheidung ging doch auf Kosten von Thomas. Du hast dich in die Arbeit gestürzt und Inge genoß es offensichtlich, den Jungen los zu sein. Vielleicht erinnerte er sie auch zu sehr an dich. Ihr habt sozusagen die kultivierteste Lösung gewählt, ein Internat. Aber was glaubst du, hat er auf dieser Schule erlebt?
Alle anderen Eltern schlugen sich um ihre Kinder, daß die Fetzen flogen – zumindest taten sie so, um sie für ihre Intrigen auszunutzen. Aber das ist auch schon etwas in einer Welt, in der sich die meisten mit Liebe in ganz kleinen Portiönchen begnügen müssen. Hast du jemals daran gedacht, wie Thomas diese Zeit erlebt haben muß?«
»Er lernte und beschwerte sich nicht. Ich hab nicht darauf geachtet, ob irgendwas nicht in Ordnung war.«
»Nicht in Ordnung war vielleicht, daß er sich nie beschwerte. Wenn Kinder ruhig sind, kann es unter anderem daran liegen, daß sie ihren Haß nirgendwo loswerden können und ihn in sich hineinfressen. Das zerstört ganze Persönlichkeiten. Es gibt wohl nur wenige Kinder, die Zorn oder Haß auf ihre Eltern lange ertragen, wenn sie irgendwie gekränkt oder enttäuscht wurden. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder sie werden neurotisch oder sie rebellieren.«
»Der ganz große Bogen, was?« Holm grinste gequält. »Erst Strindberg, dann ein psychoanalytischer Vortrag, der jeder Volkshochschule Ehre machen würde. Gert, begreifst du eigentlich nicht, ich bin in einer verflucht schwierigen Situation. Ich kann mir wirklich nicht erlauben, meine Zeit mit Westentaschenphilosophie zu vergeuden.«
»Ich verstehe dich vollkommen«, antwortete Severin ruhig. »Darum rede ich ja über Thomas. Er kann schneller in den Mittelpunkt rücken als dir lieb ist. Er hätte gute Gründe, sich Ole sieben Zoll unter die Erde zu wünschen. Als junger Anwaltsbevollmächtigter war ich gezwungen, mich aller möglichen Fälle anzunehmen. Scheidungen mochte ich am allerwenigsten, weil ich nicht abgebrüht genug war, meine persönlichen Gefühle herauszuhalten. Heute bin ich froh über diese Erfahrungen. Ich würde nicht so viel über meine Mitmenschen wissen ohne diese Zeit. Übrigens, was macht Thomas eigentlich zur Zeit? Er hat doch ein gutes Abitur gebaut, oder?«
»Ja, aber nach deiner Prognose habe ich Angst, daß er sich in die neurotische Richtung entwickelt. Er ist ausgeflippt, wie man so sagt.«
»Weißt du das oder vermutest du es bloß?« Severin fragte unbarmherzig.
»Vermutungen ... was soll ich denn auch machen? Ich komme nicht an ihn ran.«
»Gibst du ihm Geld?«
»Ab und zu, aber ich unterhalte ihn nicht regelmäßig. Er lebt sein eigenes Leben. Seine Adresse und Telefonnummer habe ich, aber er meldet sich nie. Ich weiß nicht mal, ob und welche Freunde er hat.«
»Ist es wegen Mette?«
»Glaub ich nicht. Sie hat oft genug gesagt, ich solle mit Thomas reden, damit er zu uns zieht. Oder wenigstens raus aus diesem Laden, wo er bloß ein paar Matratzen und irgendwelches Gerümpel vom Flohmarkt hat.«
»Nimmt er Drogen?«
»Soweit ich weiß, nicht ... aber ich weiß viel zu wenig von diesen Sachen. Wieso interessiert dich Thomas eigentlich so? Ich habe dir doch gesagt, er hat mit dem Mord nichts zu tun.«
»Schon wieder eine Vermutung«, konstatierte Severin lakonisch. »Für mich ist es absolut nicht undenkbar, daß sich in dem Jungen in all den Jahren ein solcher Haß aufgestaut hat, daß er irgendwas unternimmt, was er nicht mehr kontrollieren kann. Und du wirst sehen, Erling, die Polizei wird bald ähnliche Überlegungen anstellen. Es gehört bei denen zur Routine, sämtliche Familienverbindungen durchzugehen.«
Darmowy fragment się skończył.