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Ivanhoe
Sir Walter Scott
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Kapitel XXVII
Kapitel XXVIII
Kapitel XXIX
Kapitel XXX
Kapitel XXXI
Kapitel XXXII
Kapitel XXXIII
Kapitel XXXIV
Kapitel XXXV
Kapitel XXXVI
Kapitel XXXVII
Kapitel XXXVIII
Kapitel XXXIX
Kapitel XL
Kapitel XLI
Kapitel XLII
Kapitel XLIII
Kapitel XLIV
Impressum
Einleitung
Ueber jene liebliche Gegend des fröhlichen England, die von dem Flusse Don bewässert wird, dehnte sich in alten Zeiten ein weiter Wald aus, der den größeren Theil der schönen Hügel und Thäler zwischen Sheffield und der anmuthigen Stadt Doncaster bedeckte. Die Ueberbleibsel dieses Waldes sind noch in der Nähe der Landspitze Wentworth, Warncliffe-Park und um Rotherdam zu sehen. Hier hauste vor alters der fabelhafte Drache von Wantley; hier wurden mehrere der blutigsten Schlachten während der Bürgerkriege der beiden Rosen gefochten; und hier blühten auch in alten Zeiten jene Banden von tapfern Geächteten, deren Thaten in den englischen Volksliedern so häufig verherrlicht wurden.
Dies ist vornehmlich der Schauplatz unserer Erzählung; der Zeit nach fällt dieselbe gegen das Ende der Regierung Richards des Ersten, als seine Rückkehr aus der langen Gefangenschaft von seinen verzweifelnden Unterthanen, die in der Zwischenzeit jeder Unterdrückung ausgesetzt waren, mehr gewünscht als gehofft wurde. Die Edlen, deren Macht während Stephans Regierung alle Grenzen überschritt, und welche Heinrichs des Zweiten Umsicht kaum zu einiger Unterwürfigkeit zurückgeführt, hatten jetzt ihre alte Freiheit in der äußersten Ausdehnung wieder gewonnen, verachteten das ohnmächtige Einschreiten des englischen Staatsraths, befestigten ihre Schlösser, verstärkten die Anzahl ihrer englischen Dienstleute, machten ihre ganze Umgebung von sich abhängig und wendeten alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel an, sich an die Spitze von Streitkräften zu stellen, die sie in den Stand setzten, bei den drohenden bürgerlichen Unruhen eine Rolle zu spielen.
Die Lage des niedern Herrenstandes oder der sogenannten Freisassen, die kraft des Gesetzes und Geistes der englischen Constitution berechtigt waren, sich von der Feudaltyrannei unabhängig zu erhalten, wurde jetzt höchst bedenklich. Wenn sie sich, was gewöhnlich der Fall war, in den Schutz eines der winzigen Könige in der Nachbarschaft begaben, Lehnsdienste in seinem Haushalt übernahmen, oder sich durch gegenseitige Schutz- und Trutzbündnisse verbindlich machten, ihn bei seinen Unternehmungen zu unterstützen, so mochten sie sich freilich für den Augenblick Ruhe erkaufen; doch geschah dies nothwendigerweise mit Aufopferung jener Unabhängigkeit, die jedem englischen Herzen so theuer war, und auf die gewisse Gefahr hin, als Theilnehmer in jede unbesonnene Unternehmung verwickelt zu werden, zu welcher der Ehrgeiz ihres Beschützers denselben nur immer verleiten mochte. Andrerseits waren die Mittel zu Quälerei und Bedrückung, die den großen Baronen zu Gebote standen, so vielfach und derartig, daß ihnen selten ein Vorwand und nie der Wille fehlte, jeden ihrer weniger mächtigen Nachbarn, der es wagte, sich ihrer Autorität zu entziehen und in den gefahrvollen Zeiten von den Landesgesetzen Schutz zu erwarten, in Schrecken zu setzen und bis an den Rand des Verderbens zu verfolgen.
Ein Umstand, der sehr dazu beitrug, die Tyrannei des Adels und die Leiden der niederen Klassen zu erhöhen, rührte von der Eroberung Wilhelms, Herzogs der Normandie, her. Vier Menschenalter hatten nicht hingereicht, das feindselige Blut der Normannen und Angelsachsen zu verschmelzen oder durch gemeinschaftliche Sprache und wechselseitige Interessen zwei feindliche Rassen zu einigen, von denen die eine noch immer den Stolz des Triumphes fühlte, während die andere unter den Folgen der Niederlage seufzte. Die Macht war infolge der Schlacht bei Hastings gänzlich in den Händen des normännischen Adels, und wie die Geschichtsschreiber versichern, wurde dieselbe keineswegs mit Mäßigung geübt. Das ganze Geschlecht der angelsächsischen Fürsten und Edeln war mit wenigen Ausnahmen ausgerottet oder aus seinem Erbe verdrängt; auch war die Zahl derer nicht groß, welche in dem Lande ihrer Väter Besitzungen der zweiten oder einer noch niedrigern Lehnsklasse hatten. Schon längst war die königliche Politik dahin gerichtet gewesen, durch gesetzliche oder ungesetzliche Mittel die Kraft jener Bevölkerung zu schwächen, von der man annehmen konnte, daß sie den unauslöschlichsten Widerwillen gegen ihre Besieger hege. Alle Monarchen vom normännischen Stamm hatten die unverkennbarste Vorliebe für ihre normännischen Unterthanen gezeigt; die Jagdgesetze und viele andere, die nicht weniger dem milderen und freiern Geiste der angelsächsischen Verfassung unbekannt waren, hatte man dem Nacken der unterjochten Einwohner aufgelegt, um gleichsam die Last der Lehnsfesseln noch zu vermehren. Am Hofe und in den Schlössern der Großen, wo man den Pomp und die Pracht nachahmte, bediente man sich ausschließlich des normännischen Französisch, in den Gerichtshöfen wurden die Verhandlungen und Urtheile in derselben Sprache abgefaßt. Kurz, französisch war die Sprache der Ehre, des Ritterthums und selbst der Gerechtigkeitspflege, während das bei weitem männlichere und ausdrucksvollere Angelsächsisch dem Gebrauche der Bauern und Leibeigenen überlassen wurde, die keine andere Sprache kannten. Indeß veranlaßte der nothwendige Verkehr zwischen den Herren des Bodens und jenen untergeordneten Wesen, die diesen Boden bebauten, die allmähliche Bildung eines aus dem Französischen und Angelsächsischen gemischten Dialekts, in welchem sie sich gegenseitig verständlich machen konnten, und aus dieser Nothwendigkeit entstand nach und nach die Structur des Neuenglischen, in welchem die Sprache der Sieger und der Besiegten glücklich verschmolzen ist, und die später durch die Schätze der classischen Sprachen und die der südlichen Nationen Europas so sehr bereichert und vervollständigt wurde.
Dieser große nationale Unterschied blieb bis zu den Zeiten Eduards III. bestehen, wenn auch nicht gerade Kriege oder Empörungen das Dasein der Angelsachsen bekundeten. Aber es erhielt sich eine volksthümliche, sogar in späterer Zeit noch bisweilen alliterirende Literatur neben den französisch geschriebenen Ritterromanzen, die nur dem Adel zugänglich waren.
Kapitel I
So sprachen sie, dieweil die satten Schweine Heimzogen
Abends aus dem Buchenhaine –
Mit Quieken, Grunzen, widerwill'gem Schrei'n
Ging jedes lärmend in den Stall hinein.
Popes Odyssee.
Die Sonne ging über einer der grasreichen Lichtungen jenes Waldes unter, den wir in dem Vorwort erwähnt haben. Hunderte von Eichen mit breitem Wipfel, kurzem Stamm und weit verbreiteten Aesten, die vielleicht noch den Marsch der stattlichen römischen Legionen gesehen hatten, streckten ihre knorrigen Arme über einen dichten Teppich frischen Rasens aus. An einigen Stellen waren sie mit Buchen, Stechpalmen und so dichtem Unterholz vermischt, daß die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne nicht hindurchdrangen; an anderen Stellen standen sie weit auseinander und bildeten jene langen Fernsichten, in deren Irrgängen das Auge sich mit Entzücken verliert, während die Phantasie dieselben als die Pfade zu noch wilderen Scenen der Waldeinsamkeit betrachtet. Hier verbreiteten die rothen Strahlen der Sonne ein gebrochenes Licht, welches zum Theil an den belaubten Aesten und moosbewachsenen Stämmen der Bäume hing, zum Theil einzelne Stellen des Rasens beleuchtete. Ein freier Baum in der Mitte dieser Lichtung schien den Gebräuchen druidischen Aberglaubens geweiht gewesen zu sein, denn auf dem Gipfel eines kleinen regelmäßigen und darum fast künstlich zu nennenden Hügels zeigte sich noch der Rest eines Kreises von rauhen, unbehauenen Steinen, deren ungeheure Größe auffiel. Sieben standen aufrecht, die übrigen waren wahrscheinlich durch den Eifer eines zum Christenthum Bekehrten umgestürzt und lagen theils in der Nähe ihrer früheren Stelle, theils am Abhang des Hügels. Nur ein einziger großer Stein war bis an den Fuß herabgestürzt und hemmte den Lauf eines kleinen Baches, der sich friedlich um die Erhöhung wand, und verlieh durch seinen Widerstand dem ruhigen und sonst stillen Bächlein eine murmelnde Stimme.
Die beiden menschlichen Gestalten, die diese Landschaft belebten, theilten hinsichtlich ihrer Kleidung und ihres Ansehens den wilden und ländlichen Charakter, der dem Gehölze von West Riding (Yorkshire) zu jener Zeit eigen war. Der ältere von diesen Männern hatte ein wildes und finsteres Aussehen. Seine Kleidung war von der einfachsten Art, die man denken kann. Sie bestand in einer eng anschließenden Jacke mit Aermeln, die aus einem gegerbten Thierfelle verfertigt war, an welchem man ursprünglich das Haar gelassen hatte. Doch da es an vielen Stellen abgescheuert war, so konnte man an den wenigen noch übrigen Haarbüscheln nur mit Schwierigkeit unterscheiden, welchem Thiere es angehört hatte. Dieses Kleid reichte dem Manne der Vorzeit vom Halse bis an die Kniee, und war das einzige, welches er trug. Am Halse befand sich eine Oeffnung, die nur groß genug war, um den Kopf durchzulassen, woraus man schließen konnte, daß er es nach Art eines heutigen Hemdes oder einer alterthümlichen Halsberge anlegte, indem er es über Kopf und Schultern zog. Sandalen, mit Riemen von Eberfell festgebunden, schützten seine Füße, und eine Rolle dünnen Leders war künstlich um seine Beine gewickelt, die bis über die Wade ging und wie die eines schottischen Hochländers die Kniee bloß ließ. Um die Jacke fester um den Leib zusammenzuziehen, war sie in der Mitte von einem breiten ledernen Gürtel gehalten und mit einer kupfernen Schnalle versehen. An der einen Seite desselben war eine Tasche befestigt, und an der andern hing ein Bockshorn, mit einem Mundstück, um darauf zu blasen. In demselben Gürtel stak eins von jenen langen, breiten, scharf zugespitzten, zweischneidigen Messern, mit einem Griffe von Bockshorn, wie sie in der Gegend, selbst zu jener frühen Zeit, unter dem Namen Sheffielder Messer fabricirt wurden. Der Mann trug keine Kopfbedeckung. Sein Haupt wurde bloß durch sein eigenes dichtes Haar beschützt, welches verschlungen und zusammengefilzt war. Es hatte von der Sonne eine rostige dunkelrothe Farbe angenommen und bildete einen Gegensatz zu dem mächtigen Barte an seinen Wangen, der von gelblicher Farbe war. Nur ein Theil seiner Kleidung blieb bis jetzt unerwähnt, der zu merkwürdig ist, um übergangen zu werden. Es war dies ein kupferner Ring, einem Hundehalsband nicht unähnlich, doch ohne Oeffnung und um seinen Hals so lose festgelöthet, daß er ihn nicht am Athmen hinderte, aber doch so dicht anliegend, daß er ohne Anwendung einer Feile nicht abgenommen werden konnte. Auf diesem seltsamen Halsschmucke war in angelsächsischen Runen eine Inschrift folgenden Inhalts eingegraben: »Gurth, der Sohn Beowulfs, ist der geborne Leibeigene Cedrics von Rotherwood.«
Neben dem Schweinehirten, denn ein solcher war Gurth, saß auf einem der umgestürzten druidischen Denkmäler ein Mann, dem Ansehen nach etwa zehn Jahre jünger, dessen Kleider, obgleich denen seines Gefährten ähnlich, von etwas besserem Material, jedoch phantastischer, waren. Seine Jacke war von heller Purpurfarbe, auf die man versucht hatte, groteske Zieraten in verschiedenen Farben zu malen. Außer der Jacke trug er noch einen kurzen Mantel, der kaum bis zur Hälfte über seine Schenkel reichte. Er war von hochrothem Tuch, ziemlich beschmutzt, und mit einem hellgelben Besatze versehen; da er ihn von einer Schulter auf die andere legen oder nach Gefallen ganz um sich zuziehen konnte, weil die Weite mit der Kürze in keinem Verhältniß stand, so bildete derselbe ein seltsames Stück Draperie. Er trug dünne silberne Armbänder und ein Band von demselben Metall um den Hals, auf welchem die Inschrift stand: »Wamba, der Sohn des Witleß, ist der Leibeigene Cedrics von Rotherwood.« Dieser Mensch trug dieselben Sandalen wie sein Gefährte, aber anstatt der ledernen Umhüllung steckten seine Beine in einer Art von Gamaschen, von denen die eine roth, die andere gelb war. Auch war er mit einer Kappe versehen, an welcher mehrere Schellen von der Größe derjenigen, die man den Falken anhängt, rings herum angebracht waren; dieselben klingelten, sobald er den Kopf von einer Seite zur andern bewegte, und da er selten eine Minute in der nämlichen Stellung blieb, so schien das Geklingel fast unaufhörlich. Um den Rand seiner Kappe befand sich eine steife lederne Binde, die aber ausgeschnitten war und einer Grafenkrone glich, während sich aus dem Innern derselben ein langer Beutel erhob und auf die eine Schulter niederfiel, ähnlich einer altmodischen Nachtmütze, einem Filtrirsack oder dem Kolpak eines deutschen Husaren. An diesem Theile der Kappe waren die Schellen befestigt, was ihn zusammen mit der Form seiner Kopfbedeckung und dem halb verrückten halb pfiffigen Ausdruck seines Gesichts hinlänglich als einen jener Hansnarren oder Spaßmacher bezeichnete, die in den Familien der Reichen gehalten wurden, um die Langeweile jener lästigen Stunden zu verkürzen, die sie im Hause zuzubringen genöthigt waren. Auch er trug, wie sein Gefährte, eine Tasche am Gürtel, hatte aber weder Horn noch Messer. Man rechnete ihn wahrscheinlich zu der Klasse von Menschen, denen man scharfe Werkzeuge nicht gern anvertraut. Anstatt derselben führte er ein hölzernes Schwert, ähnlich demjenigen, mit welchem Harlekin auf der modernen Volksbühne heute noch seine Wunder ausführt.
Das äußere Aussehen dieser beiden Männer bildete kaum einen stärkeren Contrast als ihr Ausdruck und ihr Benehmen. Der Knecht war finster und traurig. Sein Blick war mit dem Ausdruck tiefer Niedergeschlagenheit auf den Boden geheftet, und man hätte diese für Gefühllosigkeit halten können, wenn nicht das Feuer, welches hin und wieder in seinem rothen Auge funkelte, bezeugt hätte, daß dort unter dem Anschein düstrer Trostlosigkeit ein Gefühl des Druckes und die Neigung zum Widerstand schlummre. Wambas Blicke dagegen zeigten, wie das bei dieser Klasse gewöhnlich, eine Art leerer Neugier nebst der äußersten Selbstzufriedenheit hinsichtlich seiner Lage und der Figur, die er spielte. Ihr Gespräch wurde in angelsächsischer, d.h. der deutschen Sprache geführt, welche, wie wir bereits gesagt haben, von den untern Klassen damals allgemein gesprochen wurde. Wollten wir ihre Unterhaltung im Original mittheilen, so würde der jetzige Leser wohl nur wenig davon verstehen, und darum liefern wir ihm die folgende Uebersetzung.
»Sanct Witholds Fluch über dieses verdammte Schweinevieh!« sagte der Hirt, nachdem er heftig auf seinem Horn geblasen hatte, um die zerstreute Schweineheerde zu versammeln, die zwar seinen Ruf mit gleich melodischen Tönen beantwortete, aber keineswegs eilte, sich von dem üppigen Mahle der Buchmast und Eicheln zu entfernen, an denen sie sich erlabte, oder die sumpfigen Ufer des Baches zu verlassen, wo einige Borstenthiere, halb im Schlamm versenkt, gemächlich ausgestreckt lagen, und den Ruf des Hüters nicht hörten. »Sanct Witholds Fluch über sie und mich!« sagte Gurth; »wenn der zweibeinige Wolf nicht vor Anbruch der Nacht einige von ihnen aufschnappt, so bin ich kein Mann! Hier, Packan, Packan!« rief er mit lauter Stimme einem zottigen, wolfähnlichen Hunde zu, welcher umherhinkte, als wolle er seinem Herrn die widerspenstigen Grunzer zusammentreiben helfen. »Der Teufel reiße ihm die Zähne aus.« sagte Gurth, »und die Mutter des Unheils komme über den Wildmeister, der unsern Hunden die Vorderzehen abschneidet und sie zu ihrem Geschäft untauglich macht! Wamba, mach Dich auf und hilf mir, wenn Du ein Mann bist; lauf um den Hügel, um ihnen den Wind abzuschneiden; hast Du sie vor Dir, so kannst du sie treiben wie unschuldige Lämmer.«
»Wahrlich,« sagte Wamba, ohne sich von der Stelle zu rühren, »ich habe meine Beine über die Sache befragt, und die sind durchaus der Meinung, daß meine bunten Kleider durch diese Pfützen zu schleppen eine unfreundschaftliche Handlung gegen meine hohe Person und meine königliche Garderobe sein würde; deshalb rathe ich Dir, Gurth, Deinen Packan zurückzurufen und die Herde ihrem Schicksal zu überlassen. Mögen nun Banden reisiger Kriegsleute sie treffen, oder Geächtete, oder wandernde Pilger, die werden doch vor morgen früh zu Deiner nicht geringen Ruhe und Behaglichkeit in Normänner verwandelt werden.«
»Die Schweine sollen zu meiner Behaglichkeit in Normänner verwandelt werden?« sagte Gurth, »erkläre mir das, Wamba, denn mein Hirn ist zu schwerfällig und mein Gemüth zu aufgeregt, um Räthsel zu lösen.«
»Nun, wie nennst Du die grunzenden Bestien, die hier auf ihren vier Beinen umherlaufen?« fragte Wamba.
»Schweine, Narr, Schweine,« sagte der Hirte, »jeder Narr weiß das.«
»Und Schwein ist gut deutsch oder vielmehr angelsächsisch,« sagte der Spaßmacher; »aber wie nennst Du die Sau, wenn sie abgebrüht, gevierttheilt und gleich einem Verräther an den Fersen aufgehängt ist?«
»Porc,« antwortete der Schweinehirt.
»Es ist mir lieb, daß auch das jeder Narr weiß,« sagte Wamba, »und Porc, meine ich, ist gut normännisch. Wenn also das Thier lebt und unter der Obhut eines sächsischen Knechtes steht, so führt es auch seinen sächsischen Namen, wird aber ein Normann und Porc genannt, sobald es ins Schloß gebracht wird, um von adeligen Franz- oder Normännern verspeist zu werden. Was denkst Du dazu, Freund Gurth, he?«
»Die Lehre ist leider zu wahr, Freund Wamba, wie sie auch immer in Deinen Narrenschädel mag gerathen sein.«
»Ja, ich kann Dir noch mehr sagen,« fuhr Wamba in demselben Tone fort; »da ist der Ochs, der alte Alderman, der behält seine deutsche Benennung, so lange er noch unter der Obhut von Leibeigenen steht wie Du, wird aber Monsieur Boeuf und ein feuriger französischer Ritter, wenn er vor den verehrungswürdigen Kiefern ankommt, die ihn verzehren sollen. Auch Mynheer Kalb wird auf gleiche Weise Seigneur de Veau; der Hammel ist angelsächsisch, so lange er der Wartung bedarf, und nimmt den normännischen Namen Mouton an, sobald er Gegenstand des Genusses wird.«
»Bei Sanct Dunstan,« antwortete Gurth, »Du sprichst nur zu traurige Wahrheiten aus; es ist uns wenig mehr übrig gelassen als die Luft, die wir einathmen, und die scheint man uns erst nach langem Bedenken zugestanden zu haben, vielleicht nur, um uns in den Stand zu setzen, die Last zu tragen, welche sie auf unsere Schultern legen. Das Schönste und Fetteste ist für ihren Tisch; das Liebenswürdigste für ihr Lager; die Besten und Tapfersten versehen ihre fremden Herren mit Kriegern, deren Gebeine in fernen Ländern bleichen, und lassen nur wenige zurück, welche den Willen und die Macht haben, uns unglückliche Sachsen zu beschützen. Gottes Segen über Cedric, er hat das Werk eines Mannes gethan, der sich in die Bresche stellt, aber Reginald Front de Boeuf will in Person auf seine Besitzungen kommen, und wir werden bald sehen, wie wenig Cedrics Mühe ihm helfen wird. – Hier, hier!« rief er wieder mit erhobener Stimme, »ho ho! ho ho! Gut! Packan! gut! Du hast sie jetzt alle vor Dir und treibst sie wacker heran.«
»Gurth,« sagte der Possenreißer, »ich weiß, daß Du mich für einen Narren hältst, sonst würdest Du nicht so unbesonnen sein Deinen Kopf in meinen Rachen zu stecken. Ein Wort zu Reginald Front de Boeuf oder Philipp Malvoisin, daß Du verrätherisch gegen Normannen geredet hast, würde machen, daß Du an einem dieser Bäume zappeltest, zum Schrecken aller, welche von Würdenträgern Uebles reden; Du bist ja doch nur ein verworfner Sauhirt!«
»Hund, Du wirst mich doch nicht verrathen,« sagte Gurth, »nachdem Du mich verleitet hast, Mißgünstiges zu sagen?«
»Dich verrathen?« anwortete der Possenreißer; »nein, das wäre der Streich eines weisen Mannes; ein Narr kann sich nicht halb so gut helfen – aber still, wer kommt hier?« sagte er, indem er auf den Hufschlag mehrerer Pferde horchte, welcher eben hörbar wurde.
»Kümmere Dich nicht um die da,« antwortete Gurth, der jetzt seine Herde vor sich hatte und sie mit Packans Hilfe einen der langen schattigen Baumgänge hinuntertrieb, die wir soeben zu beschreiben versucht haben.
»Nicht doch! Ich muß die Reiter sehen,« antwortete Wamba; »vielleicht kommen sie aus dem Feenlande mit einer Botschaft vom König Oberon.«
»Die Pest hole Dich!« versetzte der Schweinehirt, »willst Du von solcherlei Dingen reden, während ein furchtbares Wetter mit Donner und Blitz nur wenige Meilen von uns wüthet? Horch, wie der Donner rollt! und als Sommerregen sah ich noch nie so große grade Tropfen aus den Wolken niederfallen; auch die Eichen seufzen und krachen, trotz der ruhigen Luft, in ihren großen Aesten, als kündigten sie ein heftiges Ungewitter an. Du kannst vernünftig sein, wenn Du willst; folge mir nur diesmal und laß uns nach Hause, ehe das Ungewitter zu toben beginnt, denn es wird eine furchtbare Nacht werden.«
Wamba schien die Gewalt dieser Anrede zu empfinden und begleitete seinen Gefährten, der seine Wanderung begann und den langen Knotenstock aufnahm, der neben ihm im Grase lag. Dieser Eumäus der Zweite schritt hastig die Lichtung des Waldes hinunter und trieb mit Packans Hilfe die ganze Herde seiner unharmonischen Pfleglinge vor sich her.
Kapitel II
Auch war ein Mönch da, wie zum Herrn gemacht
Der jagend oft zu Roß den Tag vollbracht.
Gar stattlich wie ein Abt zu sein begehrt,
Im Stalle hielt er manch ein muntres Pferd.
Und wenn er ritt, so klingelten die Zügel
Wie das Kapellenglöcklein an dem Hügel,
Allwo der Lord in einer Zelle wohnte.
Chaucer (Canterbury-Erzählungen.)
Trotz des gelegentlichen Mahnens und Scheltens von Seiten seines Gefährten konnte Wamba, da der Hufschlag der Pferde sich immer mehr näherte, nicht verhindert werden, mehrmals, unter welchem Vorwande es auch sein mochte, auf dem Wege stillzustehen. Bald riß er eine Traube halbreifer Haselnüsse ab, bald wandte er sich um, einem Dorfmädchen nachzuglotzen, das über ihren Weg ging. Die Reiter holten sie deshalb schnell auf der Straße ein.
Es waren zehn Mann, von denen die beiden voran reitenden Männer von bedeutender Wichtigkeit, und die andern ihre Gefolgsleute zu sein schienen. Den Stand und Charakter des einen von ihnen zu errathen war nicht schwer. Er war offenbar ein Geistlicher von hohem Range; seine Kleidung war die eines Cisterciensermönchs, bestand jedoch aus viel feineren Stoffen, als die Regel jenes Ordens sie gestattete. Mantel und Kapuze waren von dem besten flandrischen Tuch und sie legten sich in weiten, aber nicht ungraziösen Falten um eine schöne, obgleich etwas corpulente Figur. Sein Gesicht trug ebensowenig die Zeichen der Selbstvernichtung, als sein Kleid Verachtung weltlichen Glanzes andeutete. Seine Züge waren schön zu nennen, wenn nicht unter seinem Augenlide jenes schlaue epikureische Blinzeln gelauscht hätte, das den vorsichtigen Wollüstling andeutet. In anderer Hinsicht hatten Stand und Verhältnisse ihn eine schnelle Herrschaft über seine Gesichtszüge gelehrt, die er nach seinem Belieben zu einem feierlichen Ausdruck zusammenziehen konnte, obgleich sie gewöhnlich nur gutgelaunte, gesellige Nachsicht andeuteten. Den klösterlichen Regeln und den Edicten der Päpste und Concilien zum Trotz waren die Aermel am Kleid dieses Würdenträgers gefüttert und hatten Aufschläge von kostbarem Pelzwerk. Sein Mantel ward am Halse von einem goldenen Haken zusammengehalten, und die ganze zu seinem Orden gehörige Kleidung war so sehr verfeinert und verziert, wie die einer schönen Quäkerin des heutigen Tages, die, während sie das Costüm ihrer Secte beibehält, der Einfachheit desselben durch die Wahl des Stoffes und die Art, wie sie denselben anwendet, eine gewisse kokette Anziehungskraft zu geben weiß, die nur zu sehr an die Eitelkeit der Welt erinnert.
Dieser würdige Geistliche ritt ein wohlgenährtes, rasches Maulthier, dessen Reitzeug schön geschmückt und dessen Zaum, nach der Mode jener Zeit, mit silbernen Glöckchen verziert war. In seiner Haltung zeigte er nicht das linkische Wesen der Klosterleute, sondern die leichte und gewohnte Grazie eines geübten Reiters. In der That schien der ritterliche Mönch sich des Maulthiers auch nur auf Reisen zu bedienen, so gut und bequem das Thier auch zugeritten sein mochte. Zum Gebrauche bei anderen Gelegenheiten leitete ein Laienbruder seines Gefolges einen der schönsten spanischen Zelter, die je in Andalusien gezogen worden, und welche damals von Kaufleuten mit großer Mühe und Gefahr zum Gebrauche reicher und vornehmer Personen eingeführt wurden. Der Sattel und Rücken dieses prächtigen Zelters waren mit einem langen Fußteppich bedeckt, der beinahe auf den Boden reichte, und auf welchem Bischofsmützen, Kreuze und andere kirchliche Embleme in reicher Stickerei angebracht waren. Ein anderer Laienbruder führte ein Saumthier, das wahrscheinlich mit dem Gepäck seines Vorgesetzten beladen war, und zwei Mönche desselben Ordens, aber Brüder von niederem Range, ritten zusammen im Nachtrabe und lachten und schwatzten mit einander, ohne viel auf die andern Mitglieder der Gesellschaft zu achten.
Der Begleiter des geistlichen Würdenträgers war ein Mann von mehr als vierzig Jahren, schlank, stark, groß und muskulös, eine athletische Figur, der lange Anstrengungen und beständige körperliche Uebungen nichts von den zarten Theilen der menschlichen Gestalt gelassen und alles in Muskeln, Knochen und Sehnen verwandelt zu haben schienen, die bereits tausend Mühseligkeiten ausgestanden hatten und bereit waren, noch tausenden Trotz zu bieten. Sein Kopf war von einer scharlachnen, mit Pelz besetzten Mütze bedeckt, von der Art, welche die Franzosen mortier nennen, weil sie Aehnlichkeit mit der Gestalt eines umgekehrten Mörsers hat. Sein Gesicht war daher vollständig zu sehen, und der Ausdruck desselben schien darauf angelegt, den Fremden Ehrfurcht, wenn nicht gar Furcht einzuflößen. Von den kräftigen Gesichtszügen dieses Mannes, die von der tropischen Sonne fast zu der Schwärze eines Negers verbrannt waren, konnte man in ihrem gewöhnlichen Zustande sagen, daß sie schlummerten, nachdem der Sturm der Leidenschaften vorübergezogen; doch zeigten die vorspringenden Adern der Stirn, die Leichtigkeit, womit die Oberlippe und der dichte schwarze Schnurrbart bei der geringsten Bewegung zitterten, deutlich, daß dieser Sturm leicht wieder erregt werden könne. Seine scharfen, durchdringenden und dunklen Augen erzählten in jedem Blicke eine Geschichte von überwundenen Strapazen und bestandenen Gefahren, und schienen den Widerstand schon um der Lust willen herauszufordern, ihn durch entschlossenen Muth und Willen aus dem Wege zu räumen. Eine tiefe Narbe auf seiner Stirn vermehrte noch die Strenge seiner Züge und verlieh dem einen seiner Augen einen unheimlichen Ausdruck.
Die obere Kleidung dieses Mannes glich der seines Gefährten, denn sie bestand in einem langen klösterlichen Mantel, aber die scharlachrothe Farbe desselben zeigte, daß er zu keinem der vier regelmäßigen Mönchsorden gehörte. Auf seinem Mantel befand sich an der Stelle, wo er die rechte Schulter deckte, ein Kreuz aus weißem Tuch von eigenthümlicher Form. Unter dem Obergewand trug er ein eisernes Panzerhemd mit Aermeln und Handschuhen, das dem Aeußern seiner Kleidung sehr wenig entsprach, von äußerst künstlichem Gewebe, und sich dem Körper so leicht anschließend, wie die Tricotanzüge unserer Tage. Der vordere Theil seiner Schenkel war, so weit die Falten seines Mantels sie sehen ließen, gleichfalls mit einem Maschenpanzer bedeckt. Die Kniee und Füße wurden von Schienen oder dünnen Stahlplatten geschützt, die künstlich auf einander genietet waren. Strümpfe, die vom Knöchel bis ans Knie reichten und von Stahlringen gefertigt waren, vollendeten die Schutzwaffen des Reiters. Im Gürtel führte er einen langen zweischneidigen Dolch, die einzige Trutzwaffe, die er trug.
Er ritt kein Maulthier wie sein Begleiter, sondern einen starken Paßgänger, um sein edles Schlachtroß zu schonen, welches, vollkommen zum Streit gerüstet, von einem Knappen hinter ihm hergeführt wurde und ein stählernes Stirnband trug, aus welchem vorn eine lange Spitze hervorragte. An der einen Seite des Sattels hing eine kurze Streitaxt, reich mit damascirtem Schmuck belegt, an der andern des Reiters befiederter Helm und die Stahlhaube nebst einem langen, mit beiden Händen zu führenden Schwerte, dessen sich die Ritter jener Zeiten bedienten. Ein zweiter Knappe hielt die emporgerichtete Lanze seines Herrn, an deren äußerstem Ende ein Fähnchen flatterte, auf welchem ein Kreuz von derselben Form gestickt war, wie er es auf dem Mantel trug. Er führte auch des Ritters kleinen dreieckigen Schild, der oben breit genug war, um die Brust zu decken, von dort an aber spitz zulief. Er war mit einem scharlachnen Tuche bedeckt, weshalb man die Devise nicht sehen konnte.
Diesen beiden Knappen folgten zwei Diener, deren dunkle Gesichter, weiße Turbane und orientalische Kleidung sie als Eingeborne eines fernen Landes im Orient bezeichneten. Die ganze Erscheinung dieses Kriegers und seines Gefolges war phantastisch und fremdländisch, der Anzug seiner Knappen war prächtig und seine orientalischen Diener trugen silberne Bänder um ihren Hals und um ihre schwarzen Arme und Beine. Die Arme waren vom Ellenbogen an bloß, ebenso die Beine von der Mitte des Schenkels bis zum Knöchel. Seide und Stickerei zeichnete ihre Kleidung aus und ließ auf den Reichthum und hohen Rang ihres Herrn schließen, bildete aber zugleich einen auffallenden Contrast zu der kriegerischen Einfachheit seines eigenen Anzuges. Sie waren mit krummen Säbeln, deren Griff und Gehenk mit Gold ausgelegt war, und mit türkischen Dolchen von noch kostbarerer Arbeit bewaffnet. Jeder von ihnen trug an seinem Sattelknopfe ein Bündel Wurfspieße, etwa vier Fuß lang, mit scharfen stählernen Spitzen, eine unter den Saracenen sehr gebräuchliche Waffe, deren Andenken in dem kriegerischen Spiel el jerrid aufbewahrt ist, welches noch heutiges Tages im Orient geübt wird.
Die Pferde dieser Diener waren dem Ansehen nach ebenso fremdartig wie ihre Reiter. Sie waren von arabischer Rasse. Ihre schönen schlanken Glieder, kleinen Füße, dünnen Mähnen, sowie ihre leichte hüpfende Bewegung bildeten einen scharfen Gegensatz zu den stark gebauten schweren Pferden, die in Flandern und der Normandie gezüchtet wurden, weil nur sie einen Reiter in voller Rüstung zu tragen vermochten, und die neben jenen orientalischen Rennern für eine Personification der Substanz hätten gelten können.
Das seltsame Ansehen dieser Cavalcade zog nicht nur die Neugierde Wambas auf sich, sondern erregte selbst die seines weniger flatterhaften Gefährten. Den Mönch erkannte er sogleich als den Prior der Abtei Jorvaulx, viele Meilen umher wohlbekannt als ein Liebhaber der Jagd, der fröhlichen Gelage und, wenn das Gerücht ihm nicht Unrecht that, auch anderer weltlicher Vergnügungen, die sich noch weniger mit seinen klösterlichen Gelübden vertrugen. Doch so locker waren die Ansichten jener Zeit in Rücksicht auf die Aufführung der weltlichen sowohl als der Klostergeistlichkeit, daß der Prior Aymer in der Umgegend seiner Abtei im besten Rufe stand. Sein heiteres und joviales Temperament, und die Bereitwilligkeit, mit der er von allen gewöhnlichen Vergehungen absolvirte, machten ihn zum Günstling des hohen und niedern Adels, dem er durch Geburt angehörte. Die Damen besonders mochten die Sittlichkeit eines Mannes nicht zu strenge prüfen, der ein anerkannter Bewunderer ihres Geschlechts war, und dem manche Mittel zu Gebote standen, die Langeweile zu vertreiben, die sich nur zu leicht in die Hallen und Frauengemächer eines alten Feudalschlosses einschlich. Der Prior nahm mit mehr als schicklichem Eifer an den Jagdbelustigungen theil, und man gestand zu, daß er die besten Falken und die schnellsten Jagdhunde in North Tiding besaß, was ihn besonders den jungen Adligen empfahl. Bei den alten hatte er eine andere Rolle zu spielen, die er, wenn es nöthig war, mit großem Anstande durchzuführen verstand. Seine Belesenheit, so oberflächlich sie auch sein mochte, war hinreichend, den Unwissenden Respekt vor seinem vermeintlichen Wissen einzuflößen, und der Ernst seines Benehmens und seiner Sprache, nebst dem hochtrabenden Ton, den er anwendete, um die Autorität der Kirche und der Priesterschaft hervorzuheben, flößten ihnen die Ueberzeugung von seiner Heiligkeit ein. Selbst dem gemeinen Volke, das sonst höher Stehende sehr streng richtet, thaten die Thorheiten des Priors Aymer nur leid. Er war großmüthig, und Liebe, wie man weiß, verdeckt eine große Menge von Sünden und zwar in einem anderen Sinne, als die Schrift es meint. Die Einkünfte des Klosters, von denen ein großer Theil zu seiner Verfügung stand, reichten, obgleich sie ihm die Mittel lieferten, seine eigenen sehr beträchtlichen Ausgaben zu bestreiten, dennoch zu jenen milden Gaben aus, die er unter dem Landvolke vertheilte und durch die er nicht selten die Noth der Unterdrückten linderte. Wenn Prior Aymer häufig auf die Jagd ritt oder lange bei einem fröhlichen Gelage blieb, wenn man Prior Aymer bei der ersten Morgendämmerung in das Hinterpförtchen der Abtei schleichen sah, da er von einem nächtlichen Rendezvous zurückkehrte, das ihn die Stunden der Dunkelheit über beschäftigt hatte, so zuckten die Leute nur mit den Schultern und söhnten sich mit seinem unregelmäßigen Leben aus, indem sie daran dachten, daß viele seiner Brüder eben so lebten, ohne die versöhnenden Eigenschaften zu besitzen, durch die er sein Leben wieder gut zu machen verstand. Prior Aymer und sein Ruf waren unsern angelsächsischen Leibeigenen daher sehr wohl bekannt, die ihm ihre plumpe Reverenz machten und dagegen sein »Benedicite, mes fils« empfingen. Aber die seltsame Erscheinung seines Begleiters nebst dessen Gefolge fesselte ihre Aufmerksamkeit und erregte ihre Verwunderung dermaßen, daß sie kaum auf die Frage des Priors von Jorvaulx achten konnten: ob sie nicht in der Nähe ein Unterkommen wüßten? So sehr erstaunten sie über das halb klösterliche, halb militärische Ansehen des sonnverbrannten Fremdlings und über die ungewohnte Kleidung und die Waffen seiner orientalischen Begleiter. Es ist auch wahrscheinlich, daß die Sprache, in welcher der Segen ertheilt und die Frage gestellt wurde, den Ohren der angelsächsischen Leibeigenen unangenehm, wenn auch nicht unverständlich klang.
»Ich fragte euch, meine Kinder,« sagte der Prior mit lauterer Stimme in der lingua Franca oder gemischten Sprache, in welcher sich die Normanen mit den Angelsachsen unterredeten, »ob hier in der Gegend irgend ein guter Mann wohnt, der um Gotteswillen, oder aus Verehrung vor unserer Mutter Kirche, zweien von ihren demüthigsten Dienern nebst ihrem Gefolge ein Nachtlager und Erfrischung gewähren wird?«
Dies sprach er mit dem Tone einer ihrer selbst bewußten Wichtigkeit, der einen starken Contrast zu den gemäßigten Ausdrücken bildete, die er anzuwenden für gut fand.
»Zweien von den demüthigsten Dienern der Mutter Kirche!« wiederholte Wamba bei sich selber. Doch so sehr er auch Narr war, trug er Sorge, seine Bemerkung nicht hörbar zu machen: »Da möchte ich ihre Seneschals, ihre Mundschenken und ihre übrige Hauptdienerschaft sehen!«
Nach diesem innerlichen Commentar zu des Priors Rede erhob er seine Augen und antwortete auf die an ihn gerichtete Frage:
»Wenn die ehrwürdigen Väter gute Bewirthung und weiches Lager liebten,« sagte er, »so werde ein Ritt von einigen Meilen sie zu der Priorei Brinxworth bringen, wo ihr Rang ihnen die ehrenvollste Aufnahme sichern werde; oder wenn sie eine Nacht in Bußübungen vorzögen, so brauchten sie nur jene wilde Lichtung hinunter zu reiten, die sie zu der Einsiedelei von Copmanhurst führen würde, wo ein frommer Eremit das Obdach seiner Hütte und den Segen seines Gebets mit ihnen theilen werde.«
Der Prior schüttelte zu beiden Vorschlägen den Kopf.
»Mein ehrlicher Freund,« sagte er, »wenn das Klingeln Deiner Glöcklein Dein Hirn nicht verwirrt hätte, so müßtest Du das Sprichwort wissen: ›Clericus clericum non decimat‹ das heißt, wir Geistlichen beuten unsere gegenseitige Gastfreundschaft nicht aus, sondern fordern sie lieber von den Laien, da wir ihnen so Gelegenheit geben, Gott zu dienen, indem sie seine berufenen Diener ehren und unterstützen.«
»Es ist wahr,« versetzte Wamba, »obgleich ich nur ein Esel bin, habe ich dennoch die Ehre, gleich Euer Hochwürden Maulthier die Schellen zu tragen; dennoch hörte ich, daß die Liebe der heiligen Kirche und ihrer Diener wie jede andere wohlverstandene Liebe bei sich selber beginne. Ihr kennt ja das schöne Sprüchlein: Charité bien entendue commence par soi-même.«
»Zum Henker mit Deiner Unverschämtheit, Bursche,« sagte der bewaffnete Reiter, indem er mit stolzer und strenger Stimme sein Geschwätz unterbrach, »und sage uns, wenn Du kannst, den Weg zu – wie heißt doch Euer Freisasse, Prior Aymer?«
»Cedric,« antwortete der Prior, »Cedric der Sachse. – Sage uns, guter Bursche, sind wir in der Nähe seiner Wohnung, und kannst Du uns den Weg zeigen?«
»Der Weg wird nicht leicht zu finden sein,« antwortete Gurth, der zum ersten Male das Schweigen brach, »und Cedrics Familie geht früh zu Bett.«
»Still, sage mir das nicht, Bursche!« rief der kriegerische Reiter. »Es ist leicht für sie aufzustehen und die Bedürfnisse von Reisenden, wie wir sind, zu befriedigen; wir werden uns nicht herablassen, um Gastfreundschaft zu bitten, wo wir ein Recht haben zu befehlen.«
»Ich weiß nicht,« sagte Gurth finster, »ob ich denen den Weg zu dem Hause meines Herrn zeigen darf, die die Herberge als ein Recht fordern, welche andere gern als eine Gunst erbitten.«
»Streitest Du mit mir, Sklave?« rief der Krieger, setzte seinem Pferde die Sporen in die Seite und ließ es eine halbe Volte über den Weg machen, indem er zugleich die Reitgerte erhob, die er in der Hand hielt, um das zu bestrafen, was von einem Bauern zu erfahren er für eine Beleidigung hielt.
Gurth warf ihm einen wilden und rachsüchtigen Seitenblick zu und legte mit zorniger aber zögernder Bewegung die Hand an den Griff seines Messers. Doch die Dazwischenkunft des Prior Aymer, welcher sein Maulthier zwischen seinen Gefährten und den Schweinehirten lenkte, verhinderte die beabsichtigte Gewaltthat.
»Nein, bei der heiligen Maria, Bruder Brian, Ihr müßt nicht glauben, daß Ihr noch in Palästina seid und über heidnische Türken und ungläubige Saracenen herrscht; wir auf der Insel lieben keine andern Schläge als die der heiligen Kirche, welche den züchtigt, den sie liebt. Zeige mir, guter Bursche,« fuhr er zu Wauma gewendet fort, indem er seine Rede durch eine kleine Silbermünze eindringlicher zu machen suchte, »zeige mir den Weg zur Wohnung Cedrics, des Sachsen; sie kann Dir nicht unbekannt sein, und es ist Deine Pflicht, Wanderer zurecht zu weisen, selbst wenn sie nicht so hoch an Rang und Würden sind wie wir!«
»In Wahrheit, ehrwürdiger Vater,« sagte der Possenreißer, »der Saracenenkopf Eures hochehrwürdigen Begleiters hat den meinigen so verwirrt, daß ihm der Heimweg entfallen ist und – ich bin nicht gewiß, ob ich ihn wiederfinde.«
»Still,« sagte der Abt, »Du kannst es wohl, wenn Du nur willst. Dieser ehrwürdige Bruder hat sein Leben lang gegen die Saracenen gefochten, um das heilige Grab wieder zu gewinnen; er ist vom Orden der Tempelritter, von denen ihr wohl gehört habt er ist halb Mönch, halb Krieger.«
»Wenn er nur ein halber Mönch ist,« sagte der Possenreißer »so sollte er sich auch nicht ganz unvernünftig gegen die benehmen die ihm auf der Straße begegnen, auch wenn sie sich nicht beeilen, Fragen zu beantworten, die sie durchaus nichts angehen.«
»Ich verzeihe Dir Deinen Witz,« versetzte der Abt, »unter der Bedingung, daß Du uns den Weg zu Cedrics Wohnung zeigst.«
»Gut denn,« antwortete Wamba, »Euer Ehrwürden müssen auf diesem Wege bleiben, bis Ihr an ein versunkenes Kreuz kommt, welches kaum noch eine Elle lang aus dem Boden hervorschaut; dann schlagt den Weg zur Linken ein, denn es sind vier Wege, die bei dem versunkenen Kreuz zusammenlaufen, und ich bin gewiß, Euer Ehrwürden werden ein Obdach erhalten, ehe das Gewitter heraufkommt.«
Der Abt dankte seinem weisen Rathgeber und die Reiter gaben ihren Pferden die Sporen und ritten wie Leute, die ihr Gasthaus erreichen wollen, bevor ein nächtliches Ungewitter ausbricht, davon. Als der Hufschlag ihrer Pferde kaum mehr zu hören war, sagte Gurth zu seinem Gefährten: »Wenn sie Deinem weisen Rathe folgen, werden die ehrwürdigen Väter diese Nacht schwerlich Rotherwood erreichen.«
»Nein,« sagte der Possenreißer grinsend, »aber sie können Sheffield erreichen, wenn das Glück ihnen günstig ist, und das ist ein eben so passender Ort für sie. Ich bin kein so schlechter Waidmann, daß ich dem Hunde zeigen sollte, wo das Reh liegt, wenn ich nicht will, daß er es jagen soll.«
»Du hast Recht,« sagte Gurth, »es wäre schlimm, wenn Aymer unsre Herrin Rowena sähe, und es wäre vielleicht noch schlimmer, wenn Cedric mit diesem kriegerischen Mönche zanken sollte, was höchst wahrscheinlich der Fall sein würde. Aber wie es guten Dienern ziemt, laß uns hören und sehen, aber den Mund halten.«
Wir kehren zu den Reitern zurück, die bald die Leibeigenen weit hinter sich gelassen hatten und nun folgende Unterhaltung in normännisch-französischer Sprache führten:
»Was wollen diese Kerle nur mit ihrer eigensinnigen Unverschämtheit sagen?« bemerkte der Templer zu dem Cistercienser, »und warum verhindert Ihr mich, sie dafür zu züchtigen?«
»Wahrlich, Bruder Brian,« versetzte der Prior, »was den einen anlangt, so wäre es schwer für mich, einen Grund anzugeben, warum ein Narr nach seiner Narrheit redet, und der andere Kerl ist von jener wilden, zornigen und halsstarrigen Rasse, von der, wie ich Euch schon oft gesagt habe, noch einige unter den Abkömmlingen der besiegten Sachsen zu finden sind, und deren höchstes Vergnügen es ist, durch alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel ihre Abneigung gegen ihre Sieger zu erkennen zu geben.«
»Ich würde ihn bald durch Schläge mürbe und höflich gemacht haben,« sagte Brian, »ich bin gewohnt mit solchen Geistern umzugehen. Unsere türkischen Gefangenen sind eben so trotzig und unbeugsam, wie Odin selber gewesen sein würde, doch zwei Monate Aufenthalt in meiner Dienerschaft, unter Behandlung meines Sklavenaufsehers, haben sie demüthig, dienstwillig und gehorsam gemacht. Freilich, Herr, müßt Ihr Euch vor Gift und Dolch hüten, denn sie brauchen beides sehr gern, wenn Ihr ihnen die geringste Gelegenheit dazu gebt.«
»Ja, aber jedes Land hat seine eignen Sitten und Gewohnheiten,« antwortete Prior Aymer, »und abgesehen davon, daß, wenn Ihr den Kerl schlugt, wir keine Nachricht über den Weg zu Cedrics Hause erhalten hätten, konnten wir auch gewiß sein, daß es Händel zwischen ihm und Euch gegeben hätte, wenn wir selbst uns dorthin gefunden. Bedenkt, was ich Euch sagte: dieser reiche Freisasse ist stolz, heftig, mißtrauisch und reizbar, ein Gegner des Adels und selbst seiner Nachbarn Reginald Front-de-Boeuf und Philipp Malvoisin, die doch keine Kinder sind, was Kämpfen betrifft. Er besteht so fest auf den Vorrechten seines Stammes und ist so stolz auf seine ununterbrochene Abkunft von Hereward, einem berühmten Krieger der Heptarchie, daß er allgemein Cedric der Sachse genannt wird, ja, er prahlt damit, jenem Volke anzugehören, während andere versuchen, ihre Abkunft von demselben zu verheimlichen, um nicht das vae victis der Besiegten zu erfahren.«
»Prior Aymer,« sagte der Templer, »Ihr seid ein Mann der Galanterie, erfahren in dem Studium der Schönheit und so bewandert wie ein Troubadour in allen Liebesverhandlungen; doch ich muß sehr große Schönheit von dieser berühmten Rowena für die Selbstverleugnung und Zurückhaltung, die ich brauche, erwarten, wenn ich mich um die Gunst eines so widerhaarigen Kerls bewerben soll, wie Ihr mir ihren Vater Cedric geschildert habt.«
»Cedric ist nicht ihr Vater,« versetzte der Prior; »er ist nur ihr entfernter Verwandter. Sie stammt von vornehmerem Blute ab, als er selber in Anspruch nimmt. Indessen ist er ihr Vormund, wozu er sich selber eingesetzt hat, wie ich glaube. Doch seine Mündel ist ihm so theuer, als wäre sie sein eigenes Kind. Ueber ihre Schönheit sollt Ihr bald urtheilen können, und wenn die Reinheit ihrer Gesichtsfarbe und der majestätische aber sanfte Ausdruck ihres milden blauen Auges die schwarzgelockten Mädchen von Palästina nicht aus Eurem Gedächtniß verdrängt oder selbst die Houris in des alten Mahmuds Paradiese, so will ich ein Ungläubiger sein und kein echter Sohn der Kirche.«
»Sollte Eure gerühmte Schönheit,« sagte der Templer, »auf der Wagschale als zu leicht erfunden werden, so wißt Ihr unsere Wette –«
»Mein goldenes Halsband gegen zehn Fässer Chierwein,« antwortete der Prior. »Sie sind so gewiß mein, als wären sie schon im Klosterkeller unter Verschluß meines Kellermeisters Dennis.«
»Und ich selber sollte Richter sein,« sagte der Templer, »und ich allein sollte nach meinem eigenen Zugeständniß erklären, daß ich seit vorigen Pfingsten kein so schönes Mädchen gesehen habe – war es nicht so? – Prior, Euer Halsband ist in Gefahr; ich trage es über meinem Halskragen in den Schranken von Ashby de la Zouche.«
»Gewinnt es ehrlich,« sagte der Prior, »und tragt es, wie Ihr wollt; ich bin überzeugt, daß Ihr auf Euer Wort als Ritter und Geistlicher keine unwahre Antwort geben werdet. Aber, Bruder, nehmt meinen Rath an und feilt Eure Zunge zu etwas mehr Höflichkeit, als Ihr gegen ungläubige Gefangene und orientalische Sklaven anzuwenden pflegt. Ist Cedric der Sachse beleidigt – und er ist sehr empfindlich –, so ist er der Mann, der, ohne Eure Ritterwürde und meinen geistlichen Rang, noch die Heiligkeit von uns beiden zu achten, sein Haus von uns säubern und uns hinausschicken würde, um bei den Lerchen zu übernachten, und wäre es um Mitternacht. Und seid vorsichtig, wenn Ihr Rowena erblickt, denn er liebt und bewacht sie mit der eifersüchtigsten Sorgfalt; und falls er in der Hinsicht auch nur im geringsten beunruhigt wird, sind wir verloren. Er soll seinen einzigen Sohn aus seiner Familie verbannt haben, weil er seine Augen zärtlich zu dieser Schönen erhob, die, wie es scheint, nur aus der Ferne verehrt werden darf, und der man sich mit keinem andern Gedanken zu nahen hat, als der ist, mit dem man zu dem Altar der gebenedeiten Jungfrau tritt.«
»Gut, Ihr habt genug gesagt,« antwortete der Templer, »ich will mir auf einen Abend den nothwendigen Zwang auferlegen und mich so sanft betragen wie ein Mädchen; doch was Eure Furcht betrifft, er könnte uns mit Gewalt hinaustreiben, so wollen ich und meine Knappen, nebst Hamet und Abdalla Euch vor dieser Schmach schon schützen. Zweifelt nicht, daß wir stark genug sind, um unser Quartier behaupten zu können.«
»Wir dürfen es nicht so weit kommen lassen,« antwortete der Prior. »Aber hier ist des Narren versunkenes Kreuz, und die Nacht ist so finster, daß wir schwerlich werden sehen können, welchem Wege wir folgen müssen. Mich dünkt, er sagte uns, wir sollten uns links wenden.«
»Rechts,« sagte Brian, »so viel ich mich erinnere.«
»Links, gewiß links, ich sah deutlich, daß er mit seinem hölzernen Schwerte dorthin zeigte.«
»Ja, aber er hielt sein Schwert in der linken Hand und zeigte nach der andern Seite,« sagte der Tempelritter.
Jeder behauptete seine Meinung mit Hartnäckigkeit, wie gewöhnlich in solchen Fällen. Man wendete sich jetzt an die Diener, doch sie waren nicht nahe genug gewesen, um Wambas Weisung zu hören. Endlich bemerkte Brian, was ihm anfangs im Zwielicht entgangen war: »Hier liegt jemand entweder schlafend oder todt am Fuße dieses Kreuzes, – Hugo, gib ihm eins mit dem Schaft Deiner Lanze.«
Dies war nicht so bald geschehen, als die Gestalt aufstand und auf gut französisch rief: »Wer Du auch bist, es ist unhöflich von Dir, mich in meinen Gedanken zu stören.«
»Wir wollen Euch nur bitten, uns den Weg nach Rotherwood zur Wohnung Cedrics des Sachsen zu zeigen,« sagte der Prior.
»Ich selber gehe dorthin,« versetzte der Fremde, »und wenn ich ein Pferd hätte, so wollte ich Euer Führer sein, denn der Weg ist schwierig zu finden, obgleich ich ihn genau kenne.«
»Dir soll Dank und Belohnung zu Theil werden, mein Freund,« sagte der Prior, »wenn Du uns sicher zu Cedrics Wohnung bringen willst.«
Dann ließ er einen seiner Begleiter sein eigenes Handpferd besteigen, und gab das, worauf derselbe gesessen, dem Fremden, der ihr Führer sein wollte.
Dieser schlug einen entgegengesetzten Weg von dem ein, welchen Wamba ihnen in der Absicht angegeben hatte, sie irre zu leiten. Der Pfad führte sie tiefer in das Gehölz und über mehr als einen Bach, wo der Uebergang wegen des Moors, durch den diese Bäche flossen, gefährlich wurde, doch der Fremde schien wie aus Instinct den festesten Boden und den sichersten Uebergangspunkt zu kennen und führte die Gesellschaft mit Vorsicht und Aufmerksamkeit in eine wildere Allee als sie bisher gesehen hatten, zeigte auf ein großes, niedriges, unregelmäßiges Gebäude am äußersten Ende derselben und sagte zu dem Prior: »Dort ist Rotherwood, die Wohnung Cedrics des Sachsen.«
Dies war eine freudige Nachricht für Aymer, dessen Nerven nicht die stärksten waren, und der während des Ueberganges über die gefahrvollen Moräste so viel Furcht und Besorgniß empfunden hatte, daß er noch nicht so neugierig gewesen war, an seinen Führer eine einzige Frage zu thun. Da er jetzt beruhigt und in der Nähe eines Obdachs war, erwachte seine Neugierde und er fragte den Führer, wer und was er sei.
»Ein Pilger, der eben aus dem gelobten Lande zurückkehrt,« war die Antwort.
»Ihr hättet lieber dort bleiben sollen, um für die Eroberung des heiligen Grabes zu fechten,« sagte der Templer.
»Es ist wahr, ehrwürdiger Herr Ritter,« sagte der Mensch, der mit dem Aeußern des Templers vollkommen bekannt zu sein schien, »doch wenn die, welche ein Eid bindet, die heilige Stadt wieder zu erobern, in solcher Entfernung von dem Schauplatze ihrer Pflicht reisen, könnt Ihr Euch da wundern, wenn ein friedlicher Landmann, wie ich, die Aufgabe ablehnt, welche jene verlassen haben?«
Der Templer wollte ihm eine zornige Antwort geben, wurde aber von Aymer unterbrochen, der sein Erstaunen aussprach, daß ihr Führer nach so langer Abwesenheit so genau mit den Waldwegen bekannt sei.
»Ich bin in dieser Gegend geboren,« sagte der Führer, und als er diese Antwort gab, standen sie vor Cedrics Wohnung. Es war ein niedriges, unregelmäßiges Gebäude, welches mehrere Höfe oder Einfriedungen enthielt und einen beträchtlichen Raum einnahm. Obgleich, nach der Größe zu schließen, der Bewohner ein wohlhabender Mann sein mußte, so unterschied es sich doch gänzlich von den hohen, mit Thürmchen und Zinnen versehenen Gebäuden, in denen der normännische Adel residirte, und die in ganz England bereits den allgemeinen Baustil angaben.
Gleichwohl war Rotherwood nicht ohne Vertheidigungswerke, da jede Wohnung in jener unruhigen Zeit solche haben mußte, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, vor dem nächsten Morgen geplündert und niedergebrannt zu werden. Ein tiefer Graben war um das ganze Gebäude gezogen und wurde von dem benachbarten Bache mit Wasser versehen. Eine doppelte Reihe von Palissaden, die aus zugespitzten Balken bestand, welche der nahe Wald lieferte, vertheidigte das äußere und innere Ufer des Grabens. An der westlichen Seite befand sich eine Oeffnung in den äußern Palissaden, welche vermöge einer Zugbrücke mit einer ähnlichen Oeffnung im Innern in Verbindung stand. Einige Vorsichtsmaßregeln waren getroffen, um diese Eingänge unter den Schutz vorspringender Winkel zu stellen, welche im Nothfall mit Bogenschützen oder Schleuderern besetzt werden konnten.
Vor diesem Eingange stieß der Templer laut in sein Horn, denn der Regen, welcher lange gedroht hatte, fiel bereits mit großer Heftigkeit.
Kapitel III
Sodann zog von der rauhen Küste her,
Die das Gebrüll des deutschen Meers vernimmt
Das kräftig blühende, gebräunte, blonde
Blauäug'ge Volk der edlen Angelsachsen.
Thomson (Freiheit).
In einer Halle, zwischen deren geringer Höhe und deren außerordentlicher Länge und Breite ein großes Mißverhältniß stattfand, stand auf einem langen eichenen Tische, welcher aus roh behauenen Brettern, die kaum einige Glättung erhalten hatten, zusammengeschlagen war, die Abendmahlzeit Cedrics des Sachsen. Die Bedachung des Zimmers bestand aus Balken und Sparren, und sie waren das einzige, was den Raum vom freien Himmel trennte. An jedem Ende dieser Halle befand sich ein ungeheurer Kamin, dessen Schornstein freilich so schlecht construirt war, daß wenigstens eben so viel Rauch ins Gemach eindrang als zur Schornsteinöffnung hinausging. Der beständige Rauch, welcher dadurch verursacht wurde, hatte den Balken und Sparren der niedrigen Halle eine Art Firniß verliehen, d.h. er hatte sie mit einer Kruste von Ruß überzogen. An den beiden Seiten hingen Kriegs- und Jagdgeräthe und in jeder Ecke befanden sich Flügelthüren, die zu andern Theilen des weitläufigen Gebäudes führten.
Die übrigen Einrichtungen des Hauses trugen dieselbe rohe Einfachheit der angelsächsischen Periode an sich, die Cedric mit Stolz beibehielt. Der Fußboden bestand aus Erde und Lehm, die zu einer harten Masse geformt waren, wie heutigen Tages bei unsern Dreschtennen. Etwa ein Viertel des ganzen Fußbodens war um eine Stufe über den übrigen Theil erhöht, und diesen Theil, den man Heahsetl, oder Hochsitz, nannte, durften nur die vornehmsten Mitglieder der Familie und hervorragende Gäste einnehmen. Zu diesem Zweck war ein reich mit Scharlachtuch bedeckter Tisch der Quere nach auf der Erhöhung aufgestellt, von dessen Mitte ein längerer und niedrigerer Tisch auslief, an dem die Diener und untergeordneten Personen speisten, und der bis zum untern Ende der Halle reichte. Das Ganze glich an Gestalt einem lateinischen T, oder jenen eigenthümlichen Speisetischen, die, nach derselben Weise eingerichtet, noch in den alten Universitätsconvicten von Oxford und Cambridge zu sehen sind. Massive Stühle und Sessel von geschnitztem Eichenholz standen auf der Erhöhung, und über diesen Sitzen und dem noch höheren Tische war ein Baldachin angebracht, welcher dazu diente, die ausgezeichneten Personen, welche diesen Ehrenplatz einnahmen, einigermaßen vor dem Wetter und besonders vor dem Regenwasser zu schützen, das sich an verschiedenen Stellen durch das schlecht gebaute Dach Bahn brach.
Die Wände dieses obern Endes der Halle waren, so weit sich die Erhöhung erstreckte, mit rohen Teppichen behangen, über den ganzen Fußboden waren frische Binsen gestreut.
In der Mitte des obern Tisches standen zwei Stühle, höher als die übrigen, für den Hausherrn und die Hausfrau, die bei gastlichen Gelegenheiten den Vorsitz führten und davon ihren angelsächsischen Ehrentitel hlaef-veard und hlaef-dige, Brodwart und Brodvertheilerin, erhielten, Namen, die später zu Lord und Lady wurden.
Bei jedem dieser Stühle stand ein künstlich geschnitzter und mit Ebenholz ausgelegter Fußschemel. Einen dieser Sitze nahm gegenwärtig Cedric der Sachse ein, der, obgleich seinem Range nach nur freoman, oder, wie die Normannen ihn nannten, ein frankelin, wegen der Verzögerung seiner Abendmahlzeit eine ebenso ärgerliche Ungeduld zeigte, wie sie heute etwa ein Alderman äußert.
Cedric schien nach seinen Gesichtszügen einen biedern, aber hastigen und cholerischen Charakter zu besitzen. Er war von mittlerer Größe, aber breitschulterig, hatte lange Arme und war kräftig gebaut, wie ein Mann, der an die Anstrengungen des Krieges und der Jagd gewöhnt ist. Sein Gesicht, von frohlaunigem Ausdruck, war breit, mit großen blauen Augen, sein Mund mit schönen Zähnen versehen. Stolz und Mißtrauen drückten sich in seinem Auge aus, denn er hatte sein Leben damit zugebracht, Rechte zu behaupten, welche beständigen Eingriffen ausgesetzt waren; und der entschlossene, feurige und entschiedene Charakter dieses Mannes war durch die Eigenthümlichkeit seiner Lage in fortwährender Spannung erhalten worden. Sein langes gelbes Haar war auf dem Kopfe und an der Stirn gleich gescheitelt, und auf jeder Seite bis auf die Schulter niedergekämmt, es hatte nur einen geringen grauen Schein, obgleich Cedric sich seinem sechszigsten Jahre näherte.
Seine Kleidung bestand in einer waldgrünen Tunica, am Halse und an den Aufschlägen mit dem sogenannten meniver besetzt, einer Art Pelzwerk von geringerer Qualität als der Hermelin, das, wie man glaubt, aus dem Fell des grauen Eichhörnchens bestand. Dieses Wamms hing unzugeknöpft über einem dicht anschließenden scharlachnen Kleide. Beinkleider von derselben Farbe bedeckten den obern Theil des Schenkels, die Knie waren bloß. An den Füßen trug Cedric Sandalen von derselben Form wie die Leibeigenen, nur waren sie von feinerem Material und vorn mit goldenen Schnallen befestigt. Einen Schmuck bildeten goldene Armbänder und ein Hals band von demselben Metall. Um die Mitte des Leibes schloß sich ein reichbesetzter Gürtel, in welchem ein kurzes, gerades, zweischneidiges Schwert mit scharfer Spitze steckte, das fast senkrecht an der Seite herabstrebte. Hinter seinem Sitze hing ein mit Pelzwerk besetzter scharlachrother Tuchmantel und eine reich gestickte Mütze von denselben Materialien, wodurch der Anzug des reichen Landbesitzers vervollständigt wurde, wenn er ausging. Ein kurzer Eberspieß, mit breiter und glänzender Spitze, war an den Rücken seines Stuhls angelehnt; er diente ihm, wenn er ausging, als Stab oder Waffe, je nachdem es der Zufall mit sich brachte.
Mehrere Diener, deren Kleidung den Uebergang von dem Anzuge ihres Herrn zu der einfachen Hülle Gurths des Schweinhirten bildete, beobachteten die Blicke und warteten der Befehle des angelsächsischen Gebieters. Zwei oder drei Diener der höheren Classe standen hinter ihrem Herrn auf der Erhöhung; die übrigen nahmen den niedrigeren Theil der Halle ein. Außer den verschiedenen Dienern waren zwei oder drei große zottige Jagdhunde, wie man sie damals auf der Hirsch- oder Wolfsjagd gebrauchte, zugegen; ebenso viele Saupacker von starker und schöner Zucht, mit dicken Hälsen, großen Köpfen und langen Ohren, und ein paar von jenen kleineren Hunden, welche jetzt Teckel genannt werden, die alle mit Ungeduld das Abendessen erwarteten. Doch hüteten sie sich, bei der klugen Kenntniß der Physiognomie, welche ihrer Rasse eigenthümlich ist, wohl, das mürrische Schweigen ihres Herrn zu unterbrechen, indem sie sich wahrscheinlich vor einer kleinen weißen Gerte fürchteten, die neben Cedrics Teller lag, mit der er die Annäherungen seiner vierbeinigen Leibeigenen abzuweisen pflegte. Ein alter grauer Wolfshund allein hatte sich mit der Freiheit eines mit Nachsicht behandelten Günstlings neben den Staatsstuhl gepflanzt und wagte es, von Zeit zu Zeit die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem er seinen großen haarigen Kopf auf das Knie seines Herrn legte oder seine Schnauze in seine Hand steckte. Aber auch er wurde durch den strengen Befehl zurückgewiesen: »Kusch Dich, Balder! Ich bin zu Albernheiten nicht aufgelegt.«
In der That war Cedric durchaus nicht rosenfarbiger Laune. Die Hlaefdige Rowena, welche abwesend gewesen war, um der Abendmesse in einer benachbarten Kirche beizuwohnen, war eben erst zurückgekehrt und beschäftigt, ihre Kleider zu wechseln, welche vom Regen naß geworden waren. Noch war keine Nachricht von Gurth und seinen Schützlingen da, die schon längst aus dem Walde heim sein sollten. So groß war die Unsicherheit jener Zeit, daß man die Verzögerung leicht einer Beraubung durch Geächtete, von denen der nahe Wald voll war, zu schreiben konnte, oder der Gewaltthätigkeit eines benachbarten Barons, dessen Machtbewußtsein ihn zugleich nachlässig gegen die Gesetze des Eigenthums machte. Die Sache war von Wichtigkeit, denn ein großer Theil des häuslichen Wohlstandes der angelsächsischen Grundbesitzer bestand in zahlreichen Schweineheerden, besonders in Waldgegenden, wo diese Thiere leicht zu ernähren waren.
Außer diesen Gegenständen der Besorgniß war der angelsächsische Freoman ungeduldig wegen der Abwesenheit seines Lieblingsnarren Wamba, dessen Scherze, gleichviel von welcher Art sie waren, gewissermaßen dazu dienten, seine Abendmahlzeit und die tiefen Züge Bier und Wein, womit er dieselbe zu begleiten pflegte, zu würzen. Hiezu kam noch, daß Cedric seit Mittag gefastet hatte, und die gewohnte Stunde zu seinem Abendessen längst vorbei war – eine gewöhnliche Veranlassung zum Aerger für Landsassen, sowohl in alten als neuen Zeiten. Seine Unzufriedenheit drückte sich in abgebrochenen Sätzen aus, die er zum Theil vor sich hinmurmelte, zum Theil an die Diener richtete, die um ihn her standen, und besonders an seinen Mundschenk, der ihm von Zeit zu Zeit als Beschäftigungsmittel einen silbernen Becher mit Wein reichte.
»Wo bleibt die Hlaefdige Rowena?« fragte er endlich.
»Sie verändert nur ihren Kopfputz,« versetzte eine Dienerin so zuversichtlich, wie die Zofe einer begünstigten Dame gewöhnlich dem Herrn einer heutigen Familie antwortet. »Ihr würdet doch nicht wünschen, daß sie sich in Kapuze und Mantel zur Abendmahlzeit niedersetzte? Und keine Dame in der Grafschaft kann schneller bei ihrem Anzuge sein als meine Gebieterin.«
Dieses unwiderlegliche Argument rief eine Art von beistimmendem Hm! von Seiten des Sachsen hervor: »Ich wünschte,« fügte er hinzu, »ihre Andacht möchte zu ihrem nächsten Besuch in der St. Johanniskirche besseres Wetter wählen, – aber was, in zehn Teufels Namen!« fuhr er fort, indem er sich an den Mundschenk wandte und seine Stimme erhob, als sei er froh, einen Kanal gefunden zu haben, in den er seinen Unwillen ohne Furcht vor Tadel ableiten konnte – »was, in zehn Teufels Namen hält Gurth so lange auf dem Felde zurück? Ich vermuthe, wir werden schlimme Nachrichten von der Heerde erhalten. Er pflegte ein treuer und vorsichtiger Knecht zu sein, und ich hatte ihn zu etwas Besserem bestimmt; vielleicht hätte ich ihn zum Aufseher gemacht.«
Oswald, der Mundschenk, entgegnete bescheiden, daß kaum eine Stunde nach der Abendglocke vorbei sei; eine unglücklich gewählte Entschuldigung, da sie einen Gegenstand berührte, der für angelsächsische Ohren einen üblen Klang hatte.
»Hol doch der leidige Satan die Abendglocke!« rief Cedric, »und den tyrannischen Bastard, von dem sie erfunden wurde, und den herzlosen Sklaven dazu, der sie mit sächsischer Zunge vor sächsischen Ohren nennt! Die Abendglocke!« setzte er nach einer Pause hinzu, »ja die Abendglocke, welche rechtschaffene Leute zwingt, ihre Lichter auszulöschen, damit Diebe und Räuber ihre Streiche im Dunkeln ausführen können! – Ja, die Abendglocke, – Reginald Front-de-Boeuf und Philipp Malvoisin kennen den Gebrauch der Abendglocke so gut wie Wilhelm der Bastard selber, oder irgend ein normännischer Abenteurer, der bei Hastings focht. Vermuthlich werde ich hören müssen, daß mein Eigenthum fortgeführt worden ist, um die hungrigen Banditen zu füttern, die sich nur durch Diebstahl und Räuberei ernähren können. Mein getreuer Sklave ist gemordet und mein Besitzthum als Beute weggeführt – und Wamba – wo ist Wamba? Sagte nicht jemand, er sei mit Gurth fortgegangen?«
Oswald bejahte es.
»Ja? Ei, das wird immer besser! – Auch er ist fortgeführt, der sächsische Narr, um dem normännischen Herrn zu dienen. Narren sind wir in der That alle, die wir ihnen dienen, und passendere Gegenstände für ihren Spott und Hohn, als wenn wir nur mit halbem Verstande geboren wären. Aber ich will Rache neh men,« setzte er hinzu, indem er vor Ungeduld und Zorn über die vermeintliche Beleidigung vom Stuhle aufsprang und seinen Eberspieß ergriff. »Ich will mit meiner Klage bis vor den Staatsrath gehen. Ich habe Freunde, ich habe Anhänger – Mann gegen Mann will ich die Normannen vor die Schranken fordern; laß ihn kommen in seinem Panzer und Ringelhemd, und angethan mit allem, was die Feigheit kühn machen kann; ich habe einen Wurfspieß wie diesen durch eine stärkere Schutzwehr geschleudert als drei von ihren Schlachtschilden zusammen! – Vielleicht halten sie mich für alt; doch sie sollen finden, allein und kinderlos, wie ich bin, daß das Blut Herewards in Cedrics Adern fließt. – Ach, Wilfred, Wilfred!« rief er in leiserem Tone, »hättest Du Deine unvernünftige Leidenschaft mäßigen können, so wäre Dein Vater im Alter nicht allein geblieben, gleich der einsamen Eiche, die ihre vertrockneten und unbeschützten Aeste der vollen Gewalt des Sturmes entgegenstreckt!« Dieser Gedanke schien seine aufgeregten Gefühle in Traurigkeit zu verwandeln. Er stellte den Wurfspieß hin, nahm seinen Platz wieder ein, schlug die Augen nieder, und schien in schwermüthiges Nachdenken verloren.
Aus seinem Brüten wurde Cedric plötzlich durch den Ton des Hornes geweckt, der von dem lauten Geheul und Bellen aller Hunde beantwortet wurde, die sich in der Halle befanden, und noch einigen zwanzig bis dreißig, die in anderen Theilen des Gebäudes untergebracht waren. Es bedurfte einiger Anwendung der weißen Gerte und des thätigen Beistands der Diener, um diesen Hundelärm zum Schweigen zu bringen.
»Zum Thor, Burschen!« rief der Sachse hastig, sobald der Tumult so weit beruhigt war, daß die Diener seine Stimme vernehmen konnten. »Seht zu, welche Nachricht jenes Horn uns verkündet; mir schwant irgend ein heregang; eine Räuberei, die an meinem Eigenthum verübt worden, ah wala wa! thät ic naer vaere!«
In weniger als drei Minuten zurückkehrend meldete ein Wächter, daß der Prior von Jorvaulx und der gute Ritter Brian de Bois-Guilbert, Mitglied des tapfern und ehrwürdigen Ordens der Tempelherren, nebst einem kleinen Gefolge um gastliche Aufnahme und um ein Nachtlager bäten, da sie auf dem Wege zu einem Tournier wären, welches in der Nähe von Ashby de la Zouche zwei Tage später gehalten werden solle.
»Aymer, der Prior Aymer? Brian de Bois-Guilbert?« murmelte Cedric, »beide Normannen;« aber Normann oder Sachse, gleichviel, die Gastfreundschaft von Rotherwood darf nicht verweigert werden; sie sind willkommen, da es ihnen gefallen hat, hier anzuhalten – willkommener würden sie gewesen sein, wären sie ihres Weges geritten. Doch es wäre unwürdig, wegen eines Nachtlagers und eines Abendessens zu murren; als Gäste wenigstens müssen selbst Normänner ihre Frechheit unterdrücken. »Geh, Hundebert,« fügte er, zu einem Haushofmeister gewendet, der mit einem weißen Stab in der Hand hinter ihm stand, hinzu, »nimm sechs von den Dienern und führe die Angekommenen in die Fremdenzimmer. Sieh nach ihren Pferden und Maulthieren, und gib Acht, daß es ihrem Gefolge an nichts fehlt. Gib ihnen frische Kleider, wenn sie deren bedürfen, mache Feuer und gib ihnen Wasser zum Waschen, und Wein und Bier, und sage den Köchinnen, sie sollen, was sie in der Eile herbeischaffen können, zur Mahlzeit hinzufügen, und sie auftragen, wenn die Fremden bereit sind, daran Theil zu nehmen. Sage ihnen, Hundebert, daß Cedric sie selber willkommen heißen würde, doch halte ihn ein Gelübde, keinem mehr als zwei Schritte vom Heahsetl entgegenzugehen, der nicht an dem angelsächsischen Königsblute Antheil hat. Geh, sieh, daß ihnen sorgfältig aufgewartet werde; macht nicht, daß sie in ihrem Stolze sagen, der angelsächsische Bauer habe zugleich seine Armuth und seinen Geiz gezeigt. Eála, ic eom betra man thanne hic!«
Der Haushofmeister ging mit mehreren Dienern hinaus, um die Befehle seines Herrn auszuführen. »Der Prior Aymer!« wiederholte Cedric, indem er Oswald ansah, »wenn ich nicht irre, der Bruder von Giles de Mauleverer, jetzt Herr von Middleham?«
Oswald machte ein respektvolles Zeichen der Bejahung. »Sein Bruder sitzt auf dem Staatssessel und maßt sich das Erbe eines bessern Geschlechts an, des Geschlechts von Ulfgar von Middleham; aber welcher normännische Herr thut nicht das nämliche? Dieser Prior ist, sagt man, ein freier und jovialer Priester, der den Weinbecher und das Jagdhorn mehr liebt als das Glöcklein und das Gebetbuch. Gut, laßt ihn kommen, er soll willkommen sein. Wie nanntet Ihr den Templer?«
»Brian de Bois-Guilbert.«
»Bois-Guilbert?« sagte Cedric, noch immer in dem nachdenklichen Tone redend, an den ihn die Lebensweise unter seinen Dienern gewöhnt hatte, und der dem eines Mannes glich, der mehr mit sich selber als mit seiner Umgebung redet. – »Bois-Guilbert? dieser Name ist im guten und bösen Sinne weit und breit bekannt. Man sagt, er ist einer der Tapfersten seines Ordens, aber mit deren gewöhnlichen Lastern, Stolz, Anmaßung, Grausamkeit und Wollust befleckt; ein hartherziger Mann, der weder Furcht auf Erden, noch Scheu vor dem Himmel kennt. So sagen die wenigen Krieger, die aus Palästina zurückgekehrt sind. – Gut, es ist nur auf eine Nacht; auch er soll willkommen sein. – Oswald, stich das älteste Weinfaß an; setze den besten Meth, das stärkste Bier, den klarsten Most auf; fülle die größten Trinkhörner – Templer und Aebte lieben gute Weine und gutes Maß. – Elgitha, laß Deine Herrin Rowena wissen, daß wir sie diesen Abend nicht in der Halle erwarten, es sei denn ihr besonderer Wunsch.«
»Aber es wird ihr besonderer Wunsch sein,« antwortete Elgitha vorlaut, »denn sie ist stets begierig, die neuesten Nachrichten aus Palästina zu hören.«
Cedric warf dem Mädchen einen zornigen Blick zu, aber Rowena und Alles, was ihr angehörte, war vor seinem Zorne sicher. Er antwortete nur: »Still, Mädchen, Deine Zunge eilt Deiner Ueberlegung voraus. Sage Deiner Herrin meinen Auftrag und laß sie thun, was sie will. Hier wenigstens herrscht die Enkelin Alfreds noch als Fürstin.« Elgitha verließ das Zimmer.
»Palästina!« wiederholte Cedric, »Palästina! wie viele Ohren wenden sich den Erzählungen zu, die ausgelassene Kreuzfahrer oder heuchlerische Pilger aus jenem unheilvollen Lande mitbringen! Auch ich möchte fragen – auch ich möchte nachforschen – auch ich möchte mit klopfendem Herzen den Fabeln horchen, welche ränkevolle Landstreicher erfinden, um unsere Gastfreundschaft damit zu ergaunern, aber nein – der Sohn, der mir ungehorsam gewesen, ist nicht mehr der meinige; auch will ich mich um sein Schicksal nicht anders kümmern, als um das des unwürdigsten unter den Millionen, die je das Kreuz auf ihre Schulter hefteten, sich in Ausschweifungen und Blutschuld stürzten, und das Erfüllung des göttlichen Willens nannten.«
Er zog seine Brauen zusammen und heftete seine Augen eine Sekunde auf den Boden; als er sie wieder erhob, wurden die Flügelthüren am untern Ende der Halle geöffnet, und unter Vortritt des Haushofmeisters mit seinem Amtsstabe und von vier Dienern mit brennenden Fackeln begleitet, traten die Gäste in den Saal.
Kapitel IV
Geschlachtet wurden Schafe, Schweine, Ziegen,
Der stolze Stier selbst muß der Axt erliegen;
Am Feu'r geröstet, ward das Fleisch genossen,
Und nie war Wein jemals so reich geflossen.
Ulyss nimmt nur abseiten Theil am Fest
Da man am Nebentisch ihn sitzen läßt.
Er ist damit zufrieden.
Popes Odyssee.
Der Prior Aymer hatte die ihm gebotene Gelegenheit benutzt, sein kostbares Reitkleid gegen eins von noch kostbarerem Stoff zu vertauschen. Er trug jetzt einen kunstvoll gestickten Chorrock. Außer dem massiven goldenen Siegelringe, der als Zeichen seiner geistlichen Würde seinen Daumen zierte, waren seine Finger, der Ordensregel zuwider, mit köstlichen Edelsteinen beladen; seine Sandalen bestanden aus dem feinsten Leder, welches aus Spanien eingeführt wurde; sein Bart war so kurz geschnitten, als es die Ordensregel nur irgend erlaubte, und seine Tonsur unter einer reich gestickten, scharlachnen Mütze verborgen.
Das Aeußere des Tempelritters war ebenfalls verändert, und wenn auch weniger mit Schmuck beladen, war seine Kleidung doch eben so reich und sein Aeußeres um vieles gebieterischer als das seines Begleiters. Er hatte sein Panzerhemd gegen eine seidene mit Pelz besetzte Untertunica von dunkler Purpurfarbe vertauscht, über welche ein langes Gewand von fleckenlosem Weiß in weiten Falten niederfloß. Das achteckige Kreuz seines Ordens, aus schwarzem Sammet geschnitten, war auf der Schulter an seinen Mantel geheftet. Die hohe Mörsermütze bedeckte nicht mehr seine Stirn, die nur von kurzem und dichtgelocktem rabenschwarzen Haar, das seiner ungewöhnlich dunklen Gesichtsfarbe entsprach, beschattet wurde. Nichts hätte graziöser und majestätischer zugleich sein können, als sein Schritt und seine Haltung, hätten sie nicht zu deutlich ein hochfahrendes Wesen gezeigt, wie man es sich so leicht bei Ausübung eines unbestrittenen Ansehens anzueignen pflegt.
Diesen beiden hohen Personen folgten ihre beiderseitigen Diener und in demüthiger Entfernung ihr Führer, dessen Aeußeres nichts bemerkenswerthes an sich hatte, außer dem, was zur gewöhnlichen Kleidung eines Pilgers gehörte. Ein grober Mantel von schwarzem Wollenzeug, der in seiner Form fast einem Husarenmantel glich, zumal er auch ähnlich geschlitzte Aermel hatte (man nannte diese Mäntel Slavonier) hüllte seinen ganzen Körper ein. Grobe Sandalen, die mit Riemen an die bloßen Füße gebunden waren, ein Muschelhut mit breitem Rande und ein langer eisenbeschlagener Stab, an dessen oberem Ende ein Palmenzweig befestigt war, vollendeten des Pilgers Anzug. Er folgte bescheiden dem letzten, der in die Halle trat, und da er bemerkte, daß der untere Tisch nicht Raum genug für die Dienerschaft Cedrics und seiner Gäste hatte, so ging er zu einem Sessel, der neben einem der großen Kamine stand, schien beschäftigt seine Kleider zu trocknen und wartete, bis ihm irgend jemand an dem Tische Platz machen, oder bis die Gastlichkeit des Haushofmeisters ihn an dem von ihm gewählten Orte mit Erfrischungen versehen werde.
Cedric erhob sich und empfing seine Gäste mit einer Miene würdevoller Gastfreiheit; er stieg von der Erhöhung hinunter, ging drei Schritte auf sie zu und erwartete dann ihre Annäherung.
»Es thut mir leid, ehrwürdiger Prior,« sagte er, »daß ein Gelübde mich bindet, nicht weiter als drei Schritte über diesen Fußboden meiner Väter zu gehen, selbst wenn ich solche Gäste wie Euch und diesen tapfern Ritter des heiligen Tempels empfange. Aber mein Haushofmeister hat Euch bereits die Ursache meiner anscheinenden Unhöflichkeit auseinander gesetzt. Ich bitte Euch auch, mich zu entschuldigen, wenn ich in meiner Muttersprache zu Euch rede; auch darum, daß Ihr mir in derselben antwortet, wenn Eure Kenntniß derselben es gestattet. Sonst verstehe ich aber auch das Normännische, um Euch in der Unterhaltung zu folgen.«
»Gelübde,« sagte der Abt, »müssen gelöst werden, würdiger Frankelin, oder erlaubt mir vielmehr zu sagen, würdiger Freisasse, obgleich der Titel veraltet ist. Gelübde sind die Bande, die uns an den Himmel binden, sie sind die Stricke, welche das Opfer an die Hörner des Altars befestigen, und müssen daher, wie ich schon vorher sagte, gelöst und erfüllt werden, wenn nicht unsere heilige Kirche das Gegentheil ausspricht. Und was die Sprache betrifft, so unterhalte ich mich gerne in derjenigen, welche meine verehrte Großmutter, Hilda von Middleham, redete, die im Geruch einer Heiligen starb, und, wenn ich es zu sagen wagen darf, ihrer ruhm- vollen Namensschwester, der gesegneten heiligen Hilda von Whitby, deren Seele Gott gnädig sein wolle, wenig nachstand.«
Als der Prior diese nach seiner Meinung begütigende Anrede geendet hatte, sagte sein Begleiter kurz und mit Nachdruck: »Ich rede stets französisch, die Sprache König Richards und seiner Edlen; doch verstehe ich sächsisch genug, um mich mit den Eingebornen des Landes verständigen zu können.«
Cedric warf dem Redenden einen jener hastigen und ungeduldigen Blicke zu, welche der Vergleich zwischen den beiden feindlichen Nationen fast immer bei ihm erregte; doch erinnerte er sich der Pflichten der Gastfreundschaft, unterdrückte alle weiteren Zeichen des Zornes, nöthigte mit einer Handbewegung seine Gäste zwei Sitze einzunehmen, ein wenig niedriger als sein eigener, aber dicht neben ihm, und gab ein Zeichen, daß das Abendessen aufgetragen werde.
Während die Diener eilten, Cedrics Befehl zu erfüllen, bemerkte er Gurth, den Schweinehirten, der mit seinem Begleiter Wamba eben in die Halle eintrat. »Schickt jene trödelnden Kerle höher herauf,« sagte der Sachse ungeduldig. Und als die Delinquenten vor dem Heahsetl ankamen, fuhr er fort: »Wie kommt es, Schurken, daß Ihr so spät ausgeblieben seid? Hast Du Deine Herde heimgebracht, Gurth, oder hast Du sie Räubern und Landstreichern überlassen?«
»Die Herde ist in Sicherheit, wenn Ihr erlaubt,« sagte Gurth.
»Ich erlaube aber nicht, Schurke,« sagte Cedric, »daß man mich zwei Stunden in der Meinung läßt, daß es anders sein könnte, und daß ich hier sitzen und Rache sinnen muß gegen meine Nachbarn, die mir gar kein Unrecht zugefügt haben. Ich sage Dir, Kerl, das nächste Vergehen dieser Art werde ich mit Ketten und Gefängniß bestrafen.«
Gurth, der seines Herrn Temperament kannte, versuchte keine Entschuldigung, doch der Narr, der vermöge seines Vorrechts auf Cedrics Toleranz rechnen konnte, antwortete für sie beide: »Meiner Treu, Onkel Cedric, Du bist heute Abend weder weise noch vernünftig.«
»Wie, Bursche?« sagte sein Herr, »Du sollst in die Pförtnerwohnung und dort die Peitsche schmecken, wenn Du Deiner Narrheit so freien Spielraum lässest.«
»Vorher laß Deine Weisheit mir sagen,« fiel Wamba ein, »ist es recht und vernünftig, eine Person für den Fehler einer andern zu bestrafen?«
»Gewiß nicht, Narr,« antwortete Cedric.
»Warum willst Du denn Gurth in Ketten legen, Onkel, wegen des Fehlers seines Hundes Packan? denn ich will schwören, wir verloren keine Minute unterwegs, als wir unsere Herde beisammen hatten, was Packan nicht eher gelang, als bis wir die Vesper schlagen hörten.«
»Dann hänge Packan,« sagte Cedric, indem er sich hastig zu dem Schweinehirten wendete, »wenn er die Schuld hat, und schaffe Dir einen andern Hund an.«
»Mit Vergunst, Onkel,« sagte der Possenreißer, »das wäre auch noch etwas weiter abgeglitscht von der Gerechtigkeit, denn es war nicht Packans Schuld, daß er lahm ist, und die Herde nicht zusammentreiben konnte, sondern die Schuld derjenigen, die ihm zwei von seinen Vorderzehen abschnitten, eine Operation, zu welcher der arme Kerl, wenn man ihn befragt hätte, gewiß nicht ja gesagt haben würde.«
»Und wer wagte, ein Thier zu lähmen, welches meinem Leibeigenen gehört?« sagte der Sachse mit aufflammender Wuth.
»Ei, das that der alte Hubert,« sagte Wamba, »Sir Philipp de Malvoisins Wildmeister. Er fing Packan auf, als er im Walde umherlief, und behauptete, er jage Wild, wodurch er das Jagdrecht seines Herrn verletze.«
»Der böse Feind hole Malvoisin,« antwortete der Sachse, »und seinen Wildmeister dazu. Wâ tham men, the vrôhte thurh hyne and flît cymth! Ich will ihnen beweisen, daß mir das Jagdrecht so gut zusteht, wie ihnen. – Aber genug davon. Geh, Bursche, geh an Deinen Platz, und Du, Gurth, schaffe Dir einen andern Hund an, und sollte der Wildmeister ihn anzurühren wagen, so will ich ihm dagegen das Bogenschießen verleiden. Den Fluch eines Feiglings über mein Haupt, wenn ich ihm nicht den Vorderfinger seiner rechten Hand abschlage! Er soll keine Bogensehne mehr spannen. Ich bitte um Verzeihung, meine würdigen Gäste. Ich bin hier von Nachbarn umlagert, die es Euren Ungläubigen im gelobten Lande gleich thun, Herr Ritter. Aber Eure frugale Speise steht vor Euch; eßt, und laßt den freundlichen Willkommen die kärgliche Bewirthung entschuldigen.«
»Das Mahl, welches auf dem Tische stand, bedurfte indeß keiner Entschuldigung von Seiten des Hausherrn. Schweinefleisch, auf verschiedene Art zubereitet, zeigte sich auf dem niedrigen Theile der Tafel, sowie auch Geflügel, Wildpret, Ziegen und Hasen, verschiedene Arten von Fischen, nebst ungeheuren Broden, Kuchen und verschiedenem Eingemachten von Früchten und Honig. Die kleineren Arten von wildem Geflügel, welche im Ueberfluß da waren, wurden nicht auf Tellern servirt, sondern auf kleinen hölzernen Spießen hereingebracht und von den Pagen und Bedienten, welche sie trugen, jedem Gaste der Reihe nach angeboten, der so viel davon abschnitt, als ihm gefiel. Neben jeder Person von Rang und Würde stand ein silberner Becher, und die untere Tafel war mit großen Trinkhörnern versehen.«
Als das Mahl beginnen sollte, erhob plötzlich der Haushofmeister seinen Stab und sagte laut: »Habt Acht! Platz für die Hlaefdige Rowena!« Eine Seitenthür am obern Ende der Halle hinter der Tafel that sich auf, und Rowena, von vier Dienerinnen begleitet, trat ins Gemach. Cedric, obgleich nicht ganz angenehm überrascht, weil seine Mündel sich bei dieser Gelegenheit öffentlich zeigte, eilte ihr entgegen und führte sie mit respektvollem Ceremoniel zu dem erhöhten Sitze zu seiner Rechten, der für die Dame des Hauses bestimmt war. Alle standen auf, um sie zu begrüßen, und diese Höflichkeit mit einer stummen Verbeugung erwidernd, ging sie anmuthsvoll vorwärts, um ihren Platz an der Tafel einzunehmen. Ehe sie noch Zeit hatte, dies zu thun, flüsterte der Templer dem Prior zu: »Ich werde kein goldenes Halsband von Euch beim Turnier tragen. Der Chierwein ist Euer.«
»Sagte ich es nicht?« antwortete der Prior; »aber mäßigt Euer Entzücken, der Frankelin beobachtet Euch.«
Ohne auf diese Vorstellung zu achten und gewohnt, allein nach dem unmittelbaren Antriebe seiner Wünsche zu handeln, heftete Brian de Bois-Guilbert seine Augen beständig auf die angelsächsische Schöne, die seiner Phantasie vielleicht darum desto auffallender war, weil sie sich so sehr von den orientalischen Sultaninnen unterschied.
Nach den edelsten Körperverhältnissen ihres Geschlechts gebildet, war Rowena groß von Statur, doch nicht so groß, daß sie gerade deshalb die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Ihre Gesichtsfarbe war außerordentlich zart und weiß, doch schlossen die edle Bildung ihres Hauptes und ihrer Züge den nichtssagenden Ausdruck aus, der zuweilen Schönheiten dieser Art eigen ist. Ihr klares blaues Auge, welches von anmuthig geschweiften Brauen von dunkler Farbe überschattet war, stark genug hervortretend, um der Stirn Ausdruck zu verleihen, schien gleich fähig zu zünden wie zu schmelzen, zu gebieten wie zu flehen. Wenn Milde der natürlichere Ausdruck einer Vereinigung von solchen Gesichtszügen war, so konnte man doch auch erkennen, daß die Ausübung gewohnter Hoheit und die allgemeine Huldigung der angelsächsischen Schönen einen majestätischen Charakter verliehen hatten, der sich in ihre natürlichen Züge mischte und sie bestimmend hervortrat. Ihr üppiges, dunkelblondes Haar war auf phantastische aber anmuthige Weise in zahlreiche Ringellocken vertheilt, die zu bilden Kunst die Natur unterstützt haben mußte. Diese Locken waren mit Edelsteinen durchwebt und wallten in ihrer vollen Länge hernieder, so daß dadurch die edelfreie Geburt und die unabhängige Lage des Mädchens angedeutet wurde. Eine goldene Kette, an der eine kleine ebenfalls goldene Reliquie befestigt war, hing an ihrem Halse, um die bloßen Arme trug sie Armspangen. Die Kleidung bestand aus Unterkleid und Mieder von blasser meergrüner Seide, darüber breitete sich ein langes, weites Gewand, das bis auf den Boden herabhing und sehr weite Aermel hatte. Dieses Gewand war carmoisinroth und aus der feinsten Wolle verfertigt. Ein seidener, mit Gold durchwebter Schleier war an dem obern Theile desselben befestigt, der nach spanischer Sitte über Gesicht und Busen gezogen oder wie eine Art Draperie um die Schultern gelegt werden konnte.
Als Rowena bemerkte, daß des Tempelritters Augen mit einer Gluth auf sie gerichtet waren, die, mit den dunklen Höhlen, in denen sie sich bewegten, verglichen, ihnen das Aussehen brennender Steinkohlen verliehen, zog sie mit Würde den Schleier um ihr Gesicht, um anzudeuten, daß die Freiheit solcher Blicke ihr unangenehm sei. Cedric bemerkte die Bewegung und die Veranlassung derselben. »Herr Templer,« sagte er, »die Wangen unserer sächsischen Mädchen haben zu wenig von der Sonne gesehen, als daß sie fähig wären, den festen Blick eines Kreuzfahrers auszuhalten.«
»Wenn ich gefehlt habe,« versetzte Sir Brian, »so bitte ich um Verzeihung, das heißt, ich bitte um Lady Rowenas Verzeihung, denn tiefer läßt meine Demuth mich nicht herabsteigen.«
»Die Lady Rowena hat uns alle bestraft,« sagte der Prior, »da sie die Kühnheit meines Freundes zurückwies. Laßt mich hoffen, daß sie weniger grausam gegen die glänzende Ritterschaar sein wird, die sich beim Tournier versammelt.«
»Es ist ungewiß, ob wir dorthin gehen,« sagte Cedric. »Ich liebe diese Eitelkeiten nicht, die meinen Vätern unbekannt waren, als England noch frei war.«
»Laßt uns dennoch hoffen, daß unsere Gesellschaft Euch bestimmen wird, dorthin zu reisen,« sagte der Prior; »da die Wege so unsicher sind, ist die Begleitung des Ritters Brian de Bois-Guilbert nicht zu verachten.«
»Herr Prior,« antwortete der Sachse, »wohin ich auch immer in diesem Lande gereist bin, habe ich bis dahin außer der Hilfe meines guten Schwertes und meiner getreuen Diener keines andern Beistandes bedurft. Gegenwärtig, wenn wir wirklich nach Ashby de la Zouche gehen, reisen wir in Begleitung meines edlen Nachbars und Landsmanns Athelstane von Coningsburgh, und mit einem solchen Gefolge, daß wir Geächteten und Familienfeinden zu trotzen vermögen. – Ich trinke Euch diesen Becher Weines zu, der, wie ich hoffe, nach Eurem Geschmack sein wird, Herr Prior, und danke Euch für Eure Höflichkeit. Solltet Ihr streng an Eurer Mönchsregel halten,« setzte er hinzu, »so daß Ihr Euer Getränk, die saure Milch, vorzieht, so werdet Ihr mir doch hoffentlich aus Gefälligkeit Bescheid thun.«
»Nein,« sagte der Priester lachend, »wir beschränken uns nur in unserer Abtei auf lac dulce oder lac acidum. Im Umgange mit der Welt fügen wir uns der Weltsitte, und daher thue ich Euch in diesem rechtschaffenen Weine Bescheid und überlasse meinem Laienbruder das schwächere Getränk.«
»Und ich,« sagte der Templer, indem er seinen Becher füllte, »trinke ›waes hael‹ der schönen Rowena; denn seit ihre Namensschwester dieses Wort in England einführte, ist keine eines solchen Tributes würdiger gewesen. Meiner Treu, ich könnte es dem unglücklichen Vortigern verzeihen, hätte er nur halb so viel Ursache gehabt, wie wir jetzt, Schiffbruch an seiner Ehre und seinem Königreich zu leiden.«
»Ich will Euch Eure Höflichkeit ersparen, Herr Ritter,« sagte Rowena mit Würde und ohne sich zu entschleiern; »oder vielmehr ich will sie in so weit in Anspruch nehmen, als ich Euch um die neuesten Nachrichten aus Palästina bitte; diese Dinge sind unsern sächsischen Ohren angenehmer als die Complimente, welche die französische Erziehung Euch gelehrt hat.«
»Ich habe wenig Wichtiges zu sagen, Fräulein,« antwortete Brian de Bois-Guilbert, »außer daß der Waffenstillstand mit Saladin bestätigt ist.«
Er wurde von Wamba unterbrochen, der seinen gewöhnlichen Sitz auf einem Stuhle eingenommen hatte, dessen Rücklehne mit zwei Eselsohren verziert war, und der etwa zwei Schritte hinter dem seines Herrn stand, welcher ihm von Zeit zu Zeit Speisen von seiner eigenen Schüssel reichte – eine Gunst, die der Possenreißer mit den Lieblingshunden theilte. Hier saß Wamba, einen kleinen Tisch vor sich, die Fersen auf die Querstange des Stuhls gestellt, und die Backen so sehr gefüllt, daß seine Kiefern einem Nußknacker glichen. Seine Augen waren halb verschlossen, beobachteten aber mit Lebhaftigkeit jede Gelegenheit, seine privilegirte Narrheit auszuüben.
»Diese Waffenstillstände mit den Ungläubigen,« rief er, ohne sich darum zu kümmern, wie plötzlich er den stattlichen Templer unterbrach, »machen mich zum alten Manne!«
»Nun, Schurke, wie so?« sagte Cedric, dessen Gesichtszüge darauf vorbereitet waren, den erwarteten Scherz günstig aufzunehmen.
»Weil ich mich in meiner Zeit dreier Waffenstillstände erinnere,« antwortete Wamba, »von denen jeder fünfzig Jahre dauern sollte, sodaß ich wenigstens hundert und fünfzig Jahre alt sein müßte, wenn man alles zusammennimmt.«
»Ich stehe Dir indeß dafür, daß Du an hohem Alter nicht stirbst,« sagte der Templer, der jetzt seinen Freund aus dem Walde erkannte; »ich kann Dir von den Todesarten nur eine gewaltsame versprechen, wenn Du allen Reisenden solche Weisungen ertheilst, wie Du diesen Abend dem Prior und mir sie gabst.«
»Wie Bursche,« sagte Cedric, »Du hast Reisende irre geführt? Ich werde Dich peitschen lassen; Du bist eben so sehr Schurke als Narr.«
»Ich bitte Dich, Onkel,« antwortete der Possenreißer, »laß diesmal meine Narrheit meine Schurkerei in Schutz nehmen. Ich irrte mich nur zwischen meiner rechten und meiner linken Hand; und wer einen Narren zum Rathgeber und Führer nahm, sollte noch einen größern Irrthum verzeihen.«
Hier wurde die Unterhaltung durch den Eintritt des Pagen unterbrochen, der das Amt des Thürstehers versah. Er meldete, daß ein Fremder am Thor sei und um Einlaß und Aufnahme bitte.
»Laßt ihn ein,« sagte Cedric, »er sei, wer er wolle. Eine Nacht, wie sie draußen stürmt, nöthigt selbst wilde Thiere, sich zu den zahmen zu gesellen, und den Schutz des Menschen, ihres tödtlichsten Feindes, lieber zu suchen, als daß sie durch die Elemente umkommen. Sieh zu, Oswald, daß seine Bedürfnisse mit aller Sorgfalt befriedigt werden!«
Und der Haushofmeister verließ den Speisesaal, um den Befehl seines Herrn auszuführen.
Kapitel V
Hat nicht ein Jude Augen? hat nicht ein Jude Hände Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ?
Der Kaufmann von Venedig.
(Grote'sche Shakespeare-Ausgabe Bd. IV, S. 305.)
Oswald kehrte zurück und flüsterte seinem Herrn ins Ohr: »Es ist ein Jude, der sich Isaak von York nennt; ist es passend, daß ich ihn in die Halle führe?«
»Laß Gurth Dein Amt versehen, Oswald,« sagte Wamba mit seinem gewöhnlichen Vorwitz; »der Schweinehirt wird den Juden passend einführen.«
»Heilige Maria!« sagte der Abt, sich bekreuzigend, »ein ungläubiger Jude in diese Gesellschaft!«
»Soll ein Hund von einem Juden,« wiederholte der Templer, »sich einem Vertheidiger des heiligen Grabes nähern?«
»Meiner Treu,« sagte Wamba, »es scheint, die Templer lieben die Erbschaft der Juden mehr als ihre Gesellschaft.«
»Still, meine würdigen Gäste,« sagte Cedric, »meine Gastfreundschaft darf nicht nach Eurem Mißfallen beschränkt werden. Wenn der Himmel mit der ganzen Nation der hartnäckigen Ungläubigen mehr Jahre, als ein Laie zählen kann, Langmuth übte, so können wir wohl die Gegenwart eines Juden auf wenige Stunden ertragen. Aber ich zwinge niemand, mit ihm zu reden oder zu speisen. – Laßt ihn Tisch und Speise abgesondert haben, wenn nicht vielleicht,« sagte er lächelnd, »die mit den Turbanen ihn in ihre Gesellschaft aufnehmen wollen.«
»Herr Frankelin,« antwortete der Templer, »meine Saracenensklaven sind wahre Moslemim und verschmähen den Umgang mit einem Juden eben so sehr wie nur ein Christ.«
»Nun in Wahrheit,« sagte Wamba, »ich sehe nicht ein, warum ein Verehrer Mahrunds und Termagants einen so großen Vorzug vor dem einst auserwählten Volke Gottes haben sollte.«
»Er soll bei Dir sitzen, Wamba,« sagte Cedric; »der Narr und der Spitzbube passen gut zusammen.«
»Der Narr,« antwortete Wamba, indem er die Reste eines Schweineschinkens emporhielt, »wird dafür sorgen, ein Bollwerk gegen den Spitzbuben zu errichten.«
»Still, da kommt er,« sagte Cedric.
Mit wenig Ceremoniell eingeführt, furchtsam und zögernd und mit mancher demüthigen Verbeugung vorwärts schreitend, näherte sich ein großer, hagerer, alter Mann, der durch die Gewohnheit, gebückt zu gehen, viel von seiner wirklichen Höhe verloren hatte, dem untern Ende des Tisches. Seine Züge, scharf und regelmäßig, mit einer Adlernase und durchdringenden dunklen Augen, seine hohe und gefurchte Stirn, sowie sein langes graues Haupt- und Barthaar hätten für schön gelten können, wären sie nicht die Zeichen einer seinem Stamme eigenthümlichen Physiognomie gewesen, der in jenen finstern Zeiten von dem leichtgläubigen und vorurtheilsvollen Pöbel ebenso verabscheut, als von dem habsüchtigen Adel verfolgt wurde, und der, vielleicht infolge eben jenes Hasses und jener Verfolgung, einen Nationalcharakter angenommen hatte, in welchem wenigstens viel Abstoßendes lag.
Des Juden Kleidung, die sehr von dem Wetter gelitten hatte, bestand aus einem einfachen röthlichen Mantel mit vielen Falten, unter dem er eine Tunica von dunkler Purpurfarbe trug. An den Füßen hatte er große, mit Pelz besetzte Stiefel und um den Leib einen Gürtel, in dem ein kleines Messer neben einer Kapsel mit Schreibmaterialien, aber keine sonstige Waffe steckte. Eine hohe viereckige, gelbe Mütze von eigenthümlicher Form, die seine Nation tragen mußte, damit man sie von den Christen unterscheiden konnte, bedeckte sein Haupt. Er nahm dieselbe mit tiefer Demuth an der Thüre der Halle ab.
Der Empfang dieses Mannes in der Halle Cedrics des Sachsen war von der Art, daß sie auch den ärgsten Feind des Stammes Israel hätte befriedigen müssen. Cedric selbst beantwortete die wiederholten tiefen Verbeugungen des Juden mit einem kalten Nicken und deutete ihm an, sich an das untere Ende des Tisches zu setzen, wo sich jedoch niemand erbot, ihm Platz zu machen. Im Gegentheil, als er an der Reihe vorüberging und jedem der dort Sitzenden einen furchtsam bittenden Blick zuwarf, machten die sächsischen Diener ihre Schultern so breit als möglich und fuhren fort, ihr Abendessen mit großer Beharrlichkeit zu verschlingen, indem sie den Bedürfnissen des neuen Gastes nicht die geringste Aufmerksamkeit zollten. Die Begleiter des Abtes bekreuzten sich unter Blicken frommen Abscheus, und selbst die heidnischen Saracenen drehten, als Isaak sich ihnen näherte, unwillig ihre Schnurrbärte in die Höhe und legten die Hände an die Dolche, als wären sie bereit, sich durch das verzweifeltste Mittel von der befürchteten Verunreinigung zu befreien.
Wahrscheinlich würde derselbe Grund, welcher Cedric veranlaßte, diesem Sohne eines verstoßenen Volkes seine Halle zu öffnen, ihn auch bestimmt haben, seinen Dienern zu befehlen, Isaak mehr Höflichkeit zu erweisen; doch der Abt verwickelte ihn in diesem Augenblicke in eine höchst interessante Unterredung über die Zucht und den Charakter seiner Lieblingshunde, die er auch bei Gegenständen von größerer Wichtigkeit, als der war, daß ein Jude ohne Abendessen zu Bette gehen sollte, nicht würde unterbrochen haben. Während Isaak so von den Anwesenden ausgestoßen dastand wie sein Volk unter den Nationen und sich vergebens nach einem Willkommen oder Ruheplatz umsah, empfand der Pilger, der am Kamin saß, Mitleid mit ihm, überließ ihm seinen Sitz und sagte kurz: »Alter Mann, meine Kleider sind getrocknet, mein Hunger ist gestillt, Du aber bist naß und hungrig.« Mit diesen Worten schürte er die verglimmenden Feuerbrände an, die auf dem ungeheuren Herde zerstreut lagen, nahm von dem größern Tisch ein Gericht Suppe und gesottenes Ziegenfleisch, stellte es auf den kleinern Tisch, an dem er selber gespeist hatte, und schritt, ohne den Dank des Juden abzuwarten, auf die andere Seite der Halle; es blieb ungewiß, ob er dies that, um den nähern Umgang mit dem Gegenstande seines Wohlwollens zu vermeiden, oder in der Absicht, sich dem obern Ende des Tisches zu nähern.
Hätte es in jenen Tagen Maler gegeben, die fähig waren einen solchen Gegenstand auszuführen, so würde der Jude, als er seine abgemagerte Gestalt niederbeugte und seine erstarrten und zitternden Hände über das Feuer ausbreitete, ihnen kein übles Sinnbild des Winters geliefert haben. Als die Kälte aus ihm gewichen war, wandte er sich begierig zu der dampfenden Schüssel, die vor ihm stand, und aß hastig und mit einem Behagen, das offenbar auf langes Fasten schließen ließ.
Inzwischen setzten der Abt und Cedric ihre Unterhaltung über die Jagd fort, Lady Rowena schien sich mit einer ihrer Dienerinnen zu unterhalten, und der stolze Templer, dessen Augen von dem Juden zu der sächsischen Schönen wanderten, war mit Gedanken beschäftigt, die ihn sehr zu interessiren schienen.
»Es wundert mich, würdiger Cedric,« sagte der Abt im Verlaufe ihrer Unterredung, »daß Ihr, so groß auch Eure Vorliebe für Eure männliche Sprache ist, wenigstens hinsichtlich der Jagdausdrücke der normännischen nicht Eure Gunst schenkt. Gewiß ist keine Sprache so reich an verschiedenen Benennungen, wie sie die Jagdfreuden fordern, gewiß liefert keine dem erfahrnen Waidmann so treffliche Mittel, sich über seine joviale Kunst auszudrücken.«
»Guter Pater Aymer,« sagte der Sachse, »wißt, ich kümmere mich nicht um jene überseeischen Verfeinerungen, ohne die ich mich ebenso gut im Walde belustigen kann. Ich kann mein Horn blasen, ohne es recheate oder morte zu nennen, ich kann meine Hunde zur Jagd hetzen, das Thier abbälgen und zerlegen, ohne das neumodische Kauderwelsch curée, arbor, nombles und all das Geschwätz des fabelhaften Ritters Tristan anzuwenden.«
»Die französische Sprache,« sagte der Templer, indem er seine Stimme zu dem absprechenden und gebieterischen Tone erhob, den er bei allen Gelegenheiten anwendete, »ist nicht nur die einzig natürliche Sprache der Jagd, sondern auch die der Liebe und des Krieges, in welcher die Damen gewonnen und die Feinde herausgefordert werden sollten.«
»Thut mir in einem Becher Wein Bescheid, Herr Templer,« sagte Cedric, »und füllet noch einen für den Abt, während ich einige dreißig Jahre zurückblicke, um Euch eine andere Geschichte zu erzählen. In der Jugend Cedrics des Sachsen bedurfte eine angelsächsische Rede keiner Verzierung eines französischen Troubadours, wenn man sie einer Schönen ins Ohr flüsterte, und das Schlachtfeld von Northallerton konnte sagen, ob der sächsische Schlachtruf nicht ebensoweit innerhalb des schottischen Heeres gehört wurde, als das cri de guerre des kühnsten normännischen Barons. Dem Andenken der Tapfern, die dort fochten! Thut mir Bescheid, meine Gäste!« Er that einen tiefen Zug und fuhr mit noch größerer Wärme fort: »Eála! Das war ein Tag des Schildespaltens, als hundert Banner vorwärts geneigt wurden über die Köpfe der Tapfern, und das Blut umherfloß wie Wasser, und man den Tod für besser achtete als die Flucht. Ein sächsischer Barde nannte diese Schlacht: sveorda blaeddaeg, ein Fest der Schwerter – eine Versammlung der Adler zur Beute. Unter der Streitaxt erdröhnte Schild und Helm, der Schlachtruf war freudiger als das Jauchzen bei einer Hochzeit. Aber unsere Barden sind nicht mehr,« sagte er, »unsere Thaten sind von denen eines andern Geschlechts verdunkelt, unsere Sprache, unser Name selbst eilen dem Untergange entgegen, und niemand trauert um sie als ein alter einsamer Mann. Mundschenk! Kerl, fülle die Becher. Den Starken in den Waffen, Herr Templer, möge ihr Name und ihre Sprache sein, welche sie wolle, die jetzt hervorragen in Palästina unter den Streitern des Kreuzes!«
»Es ziemt sich nicht für einen, der dieses Zeichen trägt, darauf zu antworten,« sagte Brian de Bois-Guilbert, »doch wem, außer den geschwornen Paladinen des heiligen Grabes, kann die Palme unter den Streitern zuerkannt werden?«
»Den Hospitalitern,« sagte der Abt, »ich habe einen Bruder in jenem Orden.«
»Ich will ihren Ruhm nicht schmälern,« sagte der Templer, »dennoch aber –«
»Ich denke, Freund Cedric,« fiel Wamba ein, »wäre Richard Löwenherz weise genug gewesen, von einem Narren Rath anzunehmen, er wäre mit seinen fröhlichen Engländern zu Hause geblieben und hätte die Wiedereroberung des heiligen Grabes denselben Rittern überlassen, die am meisten dazu beigetragen haben, daß es verloren ging.«
»Waren denn unter dem englischen Heere gar keine,« sagte Lady Rowena, »deren Namen würdig gewesen wären, neben den Rittern des Tempels oder des heiligen Johannes genannt zu werden?«
»Bitte um Verzeihung, Fräulein,« entgegnete de Bois-Guilbert, »der englische Monarch brachte allerdings ein Heer tapferer Krieger nach Palästina, doch standen sie immer noch denen nach, deren Brust unaufhörlich das feste Bollwerk des heiligen Landes gewesen ist.«
»Keinem standen sie nach,« sagte der Pilger, der nahe genug gestanden, um alles zu hören, und schon lange aufmerksam auf die Unterredung gehorcht hatte. Alle wendeten sich nach der Stelle, woher diese unerwartete Behauptung kam. »Ich sage,« wiederholte der Pilger in festem und ernstem Tone, »die englische Ritterschaft stand keiner nach, welche je das Schwert zur Vertheidigung des heiligen Landes gezogen! Ich sage weiter, denn ich weiß es, daß König Richard selbst und fünf seiner Ritter nach Eroberung von St. Jean d'Acre ein Turnier gehalten gegen jeden, der sich mit ihnen messen wollte. Ich sage, daß an diesem Tage jeder Ritter drei Gänge machte und drei niederwarf, und füge hinzu, sieben dieser Besiegten waren Tempelritter, und Sir Brian de Bois-Guilbert weiß sehr wohl, daß ich die Wahrheit rede.«
Es ist unmöglich, die Wuth und den Ingrimm zu beschreiben, der das dunkelbraune Gesicht des Templers in diesem Augenblick noch dunkler machte. Schon faßten die Finger seiner rechten Hand zitternd nach dem Griff des Schwertes, doch bedachte er wohl, daß in dieser Umgebung eine Gewaltthat nicht gestattet sei. Cedric, der gerade und aufrichtig und fast immer nur von einem Gegenstande in Anspruch genommen war, bemerkte in der freudigen Aufwallung, in die ihn die Verkündigung des Ruhms seiner Landsleute versetzte, die Verwirrung und den Zorn seines Gastes nicht. »Ich wollte Dir dieses goldene Armband schenken, Pilger,« sagte er, »wenn Du im Stande wärest, mir die Namen der Ritter zu nennen, die den Ruhm des fröhlichen England so tapfer aufrecht erhalten haben.«
»Das thue ich mit Vergnügen,« entgegnete der Pilger, »und zwar ohne Belohnung, denn für den Augenblick verbietet mir ein Gelübde, Gold anzurühren.«
»Ich will,« sagte Wamba, »das Armband statt Deiner tragen, wenn es Dir recht ist, Freund Pilger.«
»Der erste an Ehre wie in den Waffen, an Ruhm wie an Rang,« sagte der Pilger, »war der tapfere Richard, König von England.«
»Dafür verzeihe ich ihm seine Abkunft von dem tyrannischen Herzog Wilhelm,« sagte Cedric.
»Der Graf von Leicester war der zweite,« fuhr der Pilger fort, »Sir Thomas Multon von Gisland der dritte.«
»Der wenigstens ist ein Sachse!« sagte Cedric frohlockend.
»Sir Fulke Doilly der vierte,« fuhr der Pilger fort.
»Auch ein Sachse, wenigstens von mütterlicher Seite,« sagte Cedric wieder, der mit großer Theilnahme zugehört hatte und seinen Haß gegen die Normannen bei dem allgemeinen Triumph des Königs von England und seiner Insulaner vergaß. »Und wer war der fünfte?« sagte er.
»Der fünfte war Sir Edwin Turneham.«
»Ein echter Sachse, bei der Seele des Hengist!« rief Cedric frohlockend. – »Und der sechste?« fuhr er mit Lebhaftigkeit fort, »wie nennt Ihr den sechsten?«
»Der sechste?« sagte der Pilger nach einer Pause, während welcher er sich zu besinnen schien, »war ein junger Ritter von geringerem Ruhm und niedrigerem Rang, der in diese ehrenvolle Gesellschaft aufgenommen wurde, weniger um sie bei ihrem Unternehmen zu unterstützen, als um ihre Zahl vollständig zu machen, seines Namens entsinne ich mich nicht.«
»Herr Pilger,« sagte Sir Brian de Bois-Guilbert verächtlich, »diese angenommene Vergeßlichkeit kommt, nachdem Ihr Euch an so vieles erinnert habt, zu spät, um Eurem Zwecke zu entsprechen. Ich selber will den Namen des Ritters nennen, dessen Lanze durch Zufall und den Fehler meines Pferdes mich zu Fall brachte, es war der Ritter Ivanhoe, auch war keiner unter den Sachsen, der im Vergleich mit seinen Jahren größeren Waffenruhm besaß. Doch dies verkünde ich laut: wäre er in England und wagte er, bei dem in dieser Woche stattfindenden Turnier die Forderung von St. Jean d'Acre zu wiederholen, so würde ich, beritten und bewaffnet, wie ich jetzt bin, ihm jeden Vortheil der Waffen zugestehen und den Ausgang dennoch ruhig abwarten.«
»Eure Forderung wäre leicht zu beantworten,« versetzte der Pilger, »wenn Euer Gegner nur nicht fern wäre. Wie die Sache jetzt steht, so erfüllt diese friedliche Halle nicht mit Prahlereien wegen des Ausganges eines Kampfes, der, wie Ihr wohl wißt, nicht stattfinden kann. Wenn Ivanhoe je aus Palästina zurückkehrt, so will ich Bürge sein, daß er sich stellt.«
»Ein trefflicher Bürge!« sagte der Tempelritter, »und welches Pfand bietet Ihr?«
»Diese Reliquie,« sagte der Pilger, indem er eine kleine elfenbeinerne Schachtel aus dem Busen zog und sich bekreuzte, »es ist ein Theil des wahren Kreuzes, vom Kloster des Berges Carmel mitgebracht.«
Der Prior von Jorvaulx bekreuzte sich und sprach ein Vaterunser, in welches alle bis auf den Juden, die Muhamedaner und den Templer andächtig einstimmten. Der letztere, ohne an sein Barett zu rühren oder die geringste Ehrfurcht vor der Heiligkeit der Reliquie zu bezeigen, nahm eine goldene Kette vom Halse, warf sie auf den Tisch und sagte: »Laßt Prior Aymer mein Pfand und das dieses namenlosen Landstreichers in Empfang nehmen, zum Zeichen, daß wenn der Ritter Ivanhoe ins Bereich der vier Seen von Britannien kommt, er der Forderung Brian de Bois-Guilberts unterliegt, und wenn er derselben nicht entspricht, so will ich ihn an jedem Hofe von Europa für einen Feigling erklären.«
»Es wird nicht nöthig sein,« sagte Lady Rowena, das Schweigen brechend, »meine Stimme soll gehört werden, wenn sich in dieser Halle keine andere für den abwesenden Ivanhoe erhebt. Ich versichere, daß er sich jeder ehrenvollen Forderung bereitwillig stellen wird. Könnte meine schwache Bürgschaft dem unschätzbaren Pfande dieses frommen Pilgers noch größeres Gewicht verschaffen, so würde ich Namen und Ruf verpfänden, daß Ivanhoe diesem stolzen Ritter sich stellen wird, wie er es wünscht.«
Eine Menge streitender Gefühle schien Cedrics Brust zu erfüllen und ihn während dieser Verhandlung verstummen zu machen. Befriedigter Stolz, Zorn, Verlegenheit jagten abwechselnd über seine breite und offene Stirn, gleich den Schatten der Wolken, die über ein Erntefeld dahinziehn, während seine Diener, auf die der Name des sechsten Ritters eine fast elektrische Wirkung hervorzubringen schien, erwartungsvoll an den Blicken ihres Herrn hingen. Der Ton von Rowenas Stimme schien ihn aus seinem Schweigen zu wecken.
»Lady,« sagte Cedric, »das ziemt sich nicht; wäre noch ein weiteres Pfand nöthig, so würde ich selber meine Ehre für Ivanhoes Ehre verpfänden. Aber die Bürgschaft ist vollständig, selbst nach den phantastischen Bräuchen der normännischen Ritterschaft. Ist es nicht so, Pater Aymer?«
»Es ist so,« versetzte der Prior, »und die geheiligte Reliquie und die kostbare Kette will ich in der Schatzkammer unseres Klosters niederlegen bis zur Entscheidung dieser kriegerischen Forderung.«
Nach diesen Worten bekreuzte er sich wiederholt, machte viele Kniebeugungen, murmelte Gebete und übergab dann die Reliquie dem Bruder Ambrosius, seinem dienenden Mönche, während er selber die goldene Kette mit weniger Ceremonie, aber vielleicht mit nicht geringerer innerer Zufriedenheit aufnahm und in eine mit parfümirtem Leder gefütterte Tasche steckte, die sich unter seinem Arm öffnete. »Und nun, Sir Cedric,« sagte er, »meine Ohren läuten die Vesper in folge der Stärke Eures guten Weines; erlaubt uns, noch einen Becher auf das Wohlsein der Lady Rowena zu leeren, und gestattet uns dann, zur Ruhe zu gehen.«
»Bei dem Kreuze von Bromholme,« sagte der Sachse, »Ihr thut Eurem Rufe wenig Ehre, Herr Prior! Das Gerücht sagt, Ihr seid ein munterer Mönch, der die Mette läuten hört, ehe er den Humpen verläßt, und ich, alt wie ich bin, fürchtete, mich von Euch beschämt zu sehen. Aber, meiner Treu, ein Sachsenknabe von zwölf Jahren zu meiner Zeit würde nicht so früh seinen Becher verlassen haben.«
Der Prior hatte jedoch seine eigenen Gründe, bei dem Princip der Mäßigkeit, welches er sich gesetzt, zu bleiben. Er war nicht nur ein Friedensstifter von Profession, sondern haßte auch alle Fehden und Zänkereien. Dies geschah nicht ausschließlich aus Liebe zu seinem Nächsten oder zu sich selber, sondern aus einer Mischung von beidem. Augenblicklich hatte er eine instinktmäßige Furcht vor dem heftigen Charakter des Sachsen und davor, daß der anmaßende und rücksichtslose Geist, von dem sein Gefährte schon so manche Proben gegeben, endlich eine unangenehme Explosion hervorbringen möchte. Er gab daher bescheiden zu, daß kein anderes Volk sich mit den abgehärteten Sachsen in den edlen Becherkampf einlassen könne, erwähnte auch flüchtig seinen heiligen Charakter und beharrte schließlich auf seinem Vorsatz, sich zur Ruhe zu begeben.
Demgemäß wurde der Schlaftrunk herumgereicht, und die Gäste standen, mit tiefen Verbeugungen gegen ihren Wirth und Lady Rowena, auf und zerstreuten sich in der Halle, während die Häupter der Familie sich durch besondere Thüren mit ihren Dienern entfernten.
»Ungläubiger Hund,« sagte der Templer zu dem Juden Isaak, als er in dem Gedränge an ihm vorbeikam, »ist es Deine Absicht, nach dem Turnier zu gehen?«
»Es ist meine Absicht,« erwiderte Isaak mit demüthiger Verbeugung, »mit Eurer Ehrwürden Erlaubniß, gestrenger Herr.«
»Ja,« sagte der Ritter, »um an den Eingeweiden unserer Edlen mit Wucher zu nagen und Weiber und Kinder mit Tand und Spielwerk zu betrügen; ich stehe dafür, Du hast einen reichen Vorrath von Geld in Deiner jüdischen Tasche.«
»Nicht einen Seckel, nicht einen Silberpfennig, nicht einen halben, so wahr mir der Gott Abrahams helfe!« sagte der Jude und schlug die Hände zusammen; »ich gehe nur, um den Beistand einiger Brüder meines Stammes zu suchen, daß sie mir helfen, die Steuer zu zahlen, die das Taxationsgericht mir aufgelegt hat. Vater Jakob stehe mir bei! Ich bin ein verarmter unglücklicher Mann. Selbst den Rockolor, den ich trage, habe ich mir geborgt, von Ruben von Tadcaster.«
Der Tempelherr lächelte mürrisch und erwiderte: »Falschherziger Lügner!« Dann ging er verächtlich weiter und sprach mit seinen muhamedanischen Sklaven in einer Sprache, welche die Umstehenden nicht verstanden. Der arme Israelit schien von der Anrede des kriegerischen Mönchs so erschüttert, daß der Templer bereits bis ans Ende der Halle gegangen war, ehe er den Kopf aus der demüthigen Stellung erhob, die er angenommen hatte. Und als er endlich aufsah, geschah es mit der Miene eines Menschen, zu dessen Füßen der Blitz eingeschlagen und in dessen Ohren der Donner noch nachtönt.
Der Templer und der Prior wurden bald darauf von dem Haushofmeister und dem Mundschenk, jeder von zwei Fackelträgern und zwei Dienern, die Erfrischungen trugen, begleitet, in ihre Schlafgemächer geführt, während Diener niedrigeren Ranges ihrem Gefolge und den anderen Gästen ihre verschiedenen Ruhebetten anwiesen.
Kapitel VI
Ihm zu Gefallen biet ich diesen Dienst;
Wenn er ihn annimmt, gut, wo nicht, lebt wohl
Und, bitt euch, kränkt mich nicht für meine Liebe
Der Kaufmann von Venedig.
(Grote'sche Shakespeare-Ausgabe Bd. IV, S. 274.)
Als der Pilger, dem ein Diener mit einer Fackel leuchtete, durch die verwickelten Gemächer dieses großen unregelmäßigen Hauses schritt, kam ihm der Mundschenk nach und flüsterte ihm ins Ohr, daß, wenn er nichts dagegen hätte, einen Becher guten Meth auf seinem Zimmer zu trinken, dort viele von den Dienern der Familie versammelt und begierig wären, die Nachrichten zu hören, die er aus dem gelobten Lande bringe, und vorzüglich das, was den Ritter Ivanhoe betreffe. Wamba zeigte sich ebenfalls sogleich, um ihm dieselbe Bitte vorzutragen, indem er die Bemerkung hinzufügte, ein Becher nach Mitternacht sei eben so gut, als drei nach der Abendglocke. Ohne eine Maxime zu bestreiten, die mit so ernster Wichtigkeit vorgetragen wurde, dankte ihnen der Pilger für ihre Höflichkeit, setzte aber hinzu, es gehöre mit zu seinem religiösen Gelübde, niemals in der Küche von Gegenständen zu reden, die in der Halle verboten wären.
»Dieses Gelübde,« sagte Wamba zu dem Mundschenk, »würde für einen Diener kaum passen.«
Der Mundschenk zuckte unwillig mit den Schultern. »Ich hatte die Absicht, ihm ein hübsches Zimmer anzuweisen,« sagte er, »doch da er so ungefällig gegen Christen ist, so mag er in dem nächsten Loch neben dem Juden Isaak schlafen. Anwold,« setzte er, zu dem Fackelträger gewendet, hinzu, »führe den Pilger in die südliche Zelle. Ich wünsche Euch gute Nacht, Herr Pilger,« fügte er bei, »und wenig Dank für Eure kurze Höflichkeit!«
»Gute Nacht, und den Segen unserer heiligen Jungfrau!« sagte der Pilger mit Fassung, und sein Führer ging weiter.
In einem kleinen Vorzimmer, in das mehrere Thüren führten, und welches von einer kleinen eisernen Lampe erleuchtet war, wurden sie zum zweiten Male unterbrochen, und zwar durch die erste Zofe der Lady Rowena, die in gebietendem Tone sagte, daß ihre Herrin mit dem Pilger zu sprechen wünsche, worauf sie Anwold die Fackel aus der Hand nahm und dem Pilger ein Zeichen gab, ihr zu folgen. Anscheinend hielt dieser es nicht für passend, diese Einladung abzulehnen wie die frühere; denn wenn auch seine Geberde einiges Erstaunen darüber ausdrückte, so gehorchte er doch ohne Antwort oder Einwendung.
Ein kurzer Gang und eine Treppe von sieben Stufen, aus festem Eichenholz gearbeitet, führte zu dem Zimmer der Lady Rowena, dessen rohe Pracht der Achtung angemessen war, die der Herr des Hauses der Bewohnerin zollte. Die Wände waren mit gestickten Teppichen behängt, auf denen in verschiedenfarbiger Seide mit Gold- und Silberfäden durchwebt und mit aller Kunst, deren jenes Zeitalter fähig war, Scenen der Jagd und der Falkenbeize dargestellt waren. Das Bett war mit denselben reichen Teppichen geschmückt und mit purpurnen Vorhängen umgeben. Auch die Sessel hatten gestickte Ueberzüge, von denen einer, höher als die übrigen, mit einem Fußschemel von künstlich ausgeschnitztem Elfenbein versehen war. Nicht weniger als vier silberne Candelaber, auf denen große Wachskerzen brannten, dienten zur Beleuchtung dieses Zimmers. Doch möge keine heutige Schöne die angelsächsische Prinzessin um ihre Pracht beneiden. Die Wände des Zimmers waren so unvollkommen und so voll Spalten, daß die reichen Behänge von dem Nachtwinde bewegt wurden, und trotz einer Art von Schirm, der sie vor dem Winde schützen sollte, bewegten sich die Flammen der Kerzen seitwärts, gleich dem Fähnchen eines Häuptlings. Pracht herrschte hier zwar, mit rohem Geschmack verbunden, aber für die Bequemlichkeit war nicht gesorgt, und da diese unbekannt war, vermißte man sie auch nicht.
Die Lady Rowena saß auf dem erhöhten Sitze, den wir bereits erwähnten, drei Dienerinnen standen hinter ihr, um ihr Haar zu ordnen, ehe sie sich zur Ruhe legte, und sie sah aus, als sei sie geboren, um allgemeine Huldigung zu fordern. Der Pilger erkannte ihren Anspruch auf dieselbe durch eine tiefe Kniebeugung an.
»Steht auf, Pilger,« sagte sie mit Anmuth. »Der Vertheidiger der Abwesenden hat ein Anrecht an günstige Aufnahme von allen, welche Wahrheit ehren und Mannheit schätzen.« Dann sagte sie zu ihrem Gefolge: »Zieht euch alle zurück außer Elgitha; ich habe mit diesem heiligen Pilger zu reden.«
Ohne das Zimmer zu verlassen, zogen sich die Mädchen in den äußersten Winkel desselben zurück und setzten sich auf eine kleine Bank an der Wand nieder, wo sie stumm wie Statuen sitzen blieben.
»Pilgrim,« sagte die Dame nach einer kurzen Pause, während welcher sie ungewiß schien, wie sie ihn anreden solle, »Ihr erwähntet heute Abend einen Namen, ich meine,« sie sprach diese Worte mit einer gewissen Anstrengung, »den Namen Ivanhoe in der Halle, in der er in Folge der Natur und Verwandtschaft am willkommensten hätte klingen sollen, und doch ist der Gang des Schicksals so wunderlich, daß von vielen, deren Herzen bei diesem Tone höher ge schlagen haben müssen, ich allein es wage, Euch zu fragen, wo und in welcher Lage Ihr den Erwähnten verlassen habt? Wir hörten, daß er wegen seiner geschwächten Gesundheit nach dem Abzuge der englischen Armee in Palästina geblieben sei und die Verfolgung der französischen Partei erfahren habe, welcher bekanntlich die Tempelherren zugethan sind.«
»Ich weiß wenig von Ritter Ivanhoe,« antwortete der Pilger mit bewegter Stimme. »Ich wollte, ich kennte ihn besser, da Ihr, Fräulein, Antheil an seinem Schicksal nehmt. Ich glaube, er hat die Verfolgung seiner Feinde in Palästina überwunden und ist im Begriff, nach England zurückzukehren, wo Ihr, mein Fräulein, besser wissen müßt als ich, wie sein Schicksal ausfallen wird.«
Lady Rowena seufzte tief und fragte genauer, wann man den Ritter Ivanhoe in seinem Vaterlande zurückerwarten könne, und ob er unterwegs nicht vielleicht großen Gefahren ausgesetzt sei. Ueber den ersten Punkt, sagte der Pilger, sei er in Unkenntniß, hinsichtlich des zweiten meinte er, daß die Reise über Venedig und Genua und von dort über Frankreich nach England mit Sicherheit gemacht werden könne. »Ivanhoe,« fuhr er fort, »war so wohl bekannt mit der Sprache und den Sitten der Franzosen, daß man nicht zu fürchten hat, es werde ihm auf diesem Theil seiner Reise ein Unheil widerfahren.«
»Wollte Gott,« sagte Rowena, »er wäre erst wohlbehalten hier angekommen, und im Stande, im bevorstehenden Turnier die Waffen zu führen, wo die Ritterschaft dieses Landes ihre Geschicklichkeit und Tapferkeit zeigen will. Sollte Athelstane von Coningsburgh den Preis erhalten, so möchte Ivanhoe schlimme Nachrichten hören, wenn er nach England gelangt. Wie sah er aus, Fremdling, als Ihr ihn zuletzt sahet? Hatte die Krankheit seiner Kraft und Schönheit sehr geschadet?«
»Er war schwärzer und hagerer, als da er im Gefolge Richard des Löwenherzigen von Cypern kam,« sagte der Pilger, »und die Sorge schien schwer auf seine Stirn zu drücken, doch ich kam ihm nicht nahe, weil er mir unbekannt ist.«
»Er wird wenig in seinem Vaterlande finden,« sagte die Dame »was diese Wolken von seiner Stirn zu verscheuchen vermag. Dank, guter Pilger, für Eure Nachricht über den Gefährten meiner Kindheit. Mädchen,« sagte sie, »kommt näher, reicht diesem heiligen Manne den Schlaftrunk; ich will ihn nicht länger seiner Ruhe berauben.«
Das eine der Mädchen reichte ihr einen silbernen Becher, der eine köstliche Mischung von Wein und Gewürz enthielt, den Rowena nur an ihre Lippen setzte. Hierauf wurde er dem Pilger angeboten, der nach einer tiefen Verbeugung einige Tropfen kostete.
»Nimm dieses Almosen, Freund,« fuhr die Dame fort, indem sie ihm ein Goldstück reichte, »als Anerkennung für Deine mühevolle Reise und den Besuch der Heiligthümer, die Du gesehen.«
Der Pilger empfing die Gabe mit einer zweiten tiefen Verbeugung und folgte Edwina aus dem Zimmer.
In dem Vorzimmer fand er seinen Begleiter Anwold, der der Zofe die Fackel aus der Hand nahm und ihn mit mehr Hast als Ceremonie in den äußern und rohen Theil des Gebäudes führte, wo eine Anzahl kleiner Gemächer oder vielmehr Zellen dem untergeordneten Gesinde und Fremden niedern Ranges als Schlafgemächer dienten.
»In welcher Zelle schläft der Jude?« fragte der Pilger.
»Der ungläubige Hund,« antwortete Anwold, »herbergt in der Eurer Heiligkeit zunächst liegenden. – Heiliger Dunstan, wie wird sie gescheuert und gereinigt werden müssen, ehe sie wieder für einen Christen taugt!«
»Und wo schläft Gurth, der Schweinehirt?« fragte der Fremde weiter.
»Gurth,« versetzte der Diener, »schläft zu Eurer Rechten, der Jude zu Eurer Linken, Ihr dient dazu, ihn vor der Verunreinigung durch dieses Kind der Beschneidung zu schützen. Ihr würdet ein ehrenvolleres Quartier erhalten haben, hättet Ihr Oswalds Einladung angenommen.«
»Es ist gut so,« sagte der Pilger, »die Gesellschaft selbst eines Juden kann ihre Ansteckung doch schwerlich durch eine eichene Wand verbreiten.«
Mit diesen Worten trat er in das für ihn bestimmte Gemach, nahm dem Diener die Fackel ab, dankte ihm und wünschte ihm gute Nacht.
Nachdem er die Thür seiner Zelle verriegelt hatte, steckte er die Fackel in den hölzernen Leuchter und sah sich in seinem Schlafgemach um, dessen Mobiliar von der einfachsten Art war. Es enthielt einen rohen hölzernen Stuhl und ein noch roheres Bettgestell, mit reinem Stroh gefüllt und mit zwei oder drei Schaffellen statt der Bettdecke versehen.
Nachdem der Pilger seine Fackel ausgelöscht hatte, warf er sich, ohne eines seiner Kleidungsstücke abzulegen, auf sein rohes Lager und schlief oder blieb wenigstens in liegender Stellung, bis der erste Sonnenstrahl den Weg durch das kleine vergitterte Fenster fand, welches der Luft ebensowohl wie dem Licht zum Eingang diente. Dann sprang er auf, verrichtete sein Morgengebet, und nachdem er seine Kleidung in Ordnung gebracht, verließ er sein Gemach und trat in das des Juden Isaak, den Riegel so leise als möglich aufhebend.
Der Bewohner desselben lag in unruhigem Schlummer auf einem Lager, ähnlich dem, auf welchem der Pilger die Nacht zugebracht hatte. Die Kleidungsstücke, welche der Jude am vergangenen Abend von sich gethan, hatte er sorgfältig um sich herum gelegt, als wollte er verhindern, daß man sie ihm während des Schlafes stehle. Auf seinem Gesichte zeigte sich eine Unruhe, die beinahe Todesangst ausdrückte, Arme und Hände regten sich gewaltsam, als kämpfe er gegen den Alp, und außer einigen hebräischen Ausrufungen konnte man sehr deutlich die Worte vernehmen: »Um des Gottes Abrahams willen verschont einen armen, unglücklichen, alten Mann! Ich habe keinen Pfennig, und wenn Ihr mir mit Eurem Eisen alle Glieder verrenkt, ich kann Euch doch nichts geben!«
Der Pilger wartete nicht das Ende der Vision ab, sondern weckte den Juden mit seinem Stabe. Diese Berührung verknüpfte sich, wie es zu geschehen pflegt, mit den Befürchtungen, die der vorhergehende Traum erzeugt hatte, denn der Alte sprang auf, sein graues Haar sträubte sich empor, und indem er einige Kleidungsstücke um sich herumschlug und die abgelegten Stücke mit dem gierigen Griffe eines Falken faßte, heftete er seine stieren schwarzen Augen mit dem Ausdruck wahnsinnigen Schreckens und tödtlicher Furcht auf den Pilger.
»Ihr habt nichts von mir zu fürchten, Isaak,« sagte dieser, »ich komme als Euer Freund.«
»Der Gott Israels lohn es Euch,« entgegnete der Jude, sehr beruhigt, »ich träumte – aber Vater Abraham sei gelobt, es war nur ein Traum.« Dann faßte er sich und fügte in seinem gewöhnlichen Tone hinzu: »Was beliebt Euch denn, zu einer so frühen Stunde von dem armen Juden zu verlangen?«
»Ich wollte Euch bloß melden,« sagte der Pilger, »daß, wenn Ihr nicht augenblicklich dieses Haus verlaßt und schnell von dannen zieht, die Reise Euch gefährlich werden kann.«
»Heiliger Vater,« erwiderte der Jude, »wer kann denn einen armen Juden in Gefahr bringen wollen?«
»Das mögt Ihr selbst errathen,« antwortete der Pilger, »aber so viel ist gewiß, daß, als gestern der Templer aus der Halle schritt, er zu seinen Türkensklaven in saracenischer Sprache, die ich sehr gut verstehe, sagte, sie sollten dem Juden morgen unterwegs in einiger Entfernung von diesem Hause aufpassen, ihn ergreifen und ihn auf das Schloß des Philipp de Malvoisin oder des Reginald Front de Boeuf bringen!«
Der Schreck, der sich jetzt des Juden bemächtigte und alle seine Glieder zu lähmen schien, war nicht zu beschreiben. Die Arme fielen ihm kraftlos herab, der Kopf sank auf die Brust, die Kniee bogen sich unter der Last des Körpers, jeder Nerv und Muskel seiner Gestalt schien ihm den Dienst zu versagen, so sank er dem Pilger zu Füßen, gleich einem, der von unsichtbarer Gewalt niedergeworfen wird und keines Widerstandes fähig ist.
»Heiliger Gott Abrahams!« rief er endlich aus, indem er seine runzeligen Hände gefaltet emporhielt, ohne jedoch das graue Haupt vom Boden zu erheben. »O heiliger Moses! O gesegneter Aaron! ich habe doch nicht ohne Grund geträumt! Schon fühle ich ihre Eisen meine Sehnen zerreißen, ihre Folterzangen über meinen Körper gehen, wie die Sägen, Eggen und Schneiden über die Männer von Rabbach und die Städte der Ammoniter.«
»Steh auf, Isaak!« sagte der Pilger, der die Angst des Juden mit einer Mischung von Mitleid und Verachtung betrachtete, »steh auf und höre mich an! Du hast freilich alle Ursache zu erschrecken, wenn Du bedenkst, wie Fürsten und Edle Deine Brüder behandelt haben, um von ihnen Schätze zu erpressen, aber stehe auf, ich will Dir das Mittel zeigen, zu entkommen. Verlaß das Haus augenblicklich, während die Bewohner desselben noch im festen Schlafe liegen. Ich führe Dich auf geheimen Pfaden, die mir so bekannt sind, wie dem Jäger dieser Forste, durch den Wald, und werde Dich nicht eher verlassen, als bis ich Dich unter dem Schutze eines Ritters oder Barons weiß, der zum Turniere zieht, und dessen guten Willen zu gewinnen Du wahrscheinlich die Mittel besitzest.«
Als Isaak von der Hoffnung zu entkommen hörte, fing er an, sich allmählich vom Boden zu erheben, bis er endlich gerade auf seinen Füßen stand. Er strich das lange, graue Haar und den grauen Bart zurück und heftete seine stieren schwarzen Augen fest auf den Pilger, mit einem Blicke, in welchem sich Hoffnung und Furcht mit einer Mischung von Argwohn zeigten. Als er aber den Schluß der obigen Rede vernahm, schien sein ursprünglicher Schreck mit aller Gewalt zurückzukehren, er fiel noch einmal auf sein Antlitz und rief aus: »Ich die Mittel besitzen, den guten Willen zu gewinnen! Es gibt ja nur einen Weg zur Gunst eines Christen, und wie kann den ein armer Jude finden, den die Erpressungen schon oft zum Elende eines Lazarus gebracht haben?« Dann rief er plötzlich aus, als hätte der Argwohn alle anderen Empfindungen in ihm unterdrückt: »Um Gottes willen, junger Mann, täuscht mich nicht! Um des großen Vaters willen, der uns alle geschaffen hat, Heiden und Israeliten und Ismaeliten, sinnet Ihr keinen Verrath? Ich habe durchaus keine Mittel, den guten Willen auch nur eines christlichen Bettlers zu belohnen, und schlüge er den Werth desselben bloß zu einem Pfennig an.« Bei diesen Worten stand er auf und faßte des Pilgers Mantel mit dem Ausdruck der dringendsten Bitte an. Der Pilger aber machte sich los, als läge Verunreinigung in dieser Berührung.
»Und wärest Du mit allen Schätzen Deines Stammes beladen,« sagte er, »was hülfe es mir, Dich zu plündern? In diesem Gewande bin ich der Armuth geweiht, und ich vertausche es um nichts als um ein Roß und einen Panzer. Glaube nicht, daß mir an Deiner Gesellschaft liegt, oder daß ich mir Vortheil davon verspreche, bleib meinetwegen hier und laß Dich von Cedric dem Sachsen beschützen.«
»Ach!« sagte der Jude, »er wird mir nicht erlauben, in seiner Begleitung zu reisen, Sachse und Normann schämen sich gleich sehr eines armen Israeliten! Und allein durch das Gebiet Philipp de Malvoisins und Reginald Front de Boeufs zu wandern! Ach, guter Jüngling, ich will mit Euch ziehen! Laßt uns eilen, laßt uns unsere Lenden gürten, laßt uns fliehen! – Hier ist Dein Stab, warum zögerst Du?«
»Ich zögere nicht,« sagt der Pilger, der den dringenden Bitten seines Gefährten nachgab; »doch muß ich mir die Mittel sichern, diesen Ort zu verlassen, folge mir!«
Er begab sich nun sogleich zur anstoßenden Zelle, in welcher, wie der Leser schon weiß, Gurth, der Schweinehirt, schlief. »Steh auf, Gurth!« sagte der Pilger zu ihm, »öffne die Hinterpforte und laß mich und den Juden hinaus!«
Gurth, dem seine Beschäftigung, die heut zu Tage sehr gering geachtet wird, im sächsischen England ebenso große Bedeutung verlieh, wie dem Eumäus in Ithaka, fühlte sich durch den vertraulichen und befehlenden Ton, den der Pilger annahm, beleidigt. »Den Juden aus Rotherwood lassen,« sagte er, indem er sich auf den Ellbogen stützte und ihn mit hochmüthigem Blick ansah, ohne sein Lager zu verlassen, »und noch außerdem, um mit dem Pilger zu reisen?«
»Ich wäre ebenso leicht auf den Gedanken gekommen,« sagte Wamba, der in diesem Augenblick in das Gemach trat, »daß er sich mit einem Schweineschinken fortschleichen würde.«
»Gleichwohl,« sagte Gurth, indem er seinen Kopf wieder auf den Holzblock niederlegte, der ihm als Kopfkissen diente, »müssen sich Jude und Christ so lange gedulden, bis das große Thor geöffnet wird, wir geben nicht zu, daß Gäste zu so ungewöhnlicher Stunde insgeheim abreisen.«
»Gleichwohl,« sagte der Pilger in gebietendem Tone, »werdet Ihr mir, denke ich, diese Gefälligkeit nicht abschlagen.«
Bei diesen Worten beugte er sich über das Bett des ruhenden Schweinehirten und flüsterte ihm einige sächsische Worte ins Ohr. Gurth sprang auf, wie elektrisirt. Der Pilger erhob seinen Finger mit einem Ausdruck, der dem anderen Vorsicht anbefahl, und setzte hinzu: »Gurth, beó vär! nimm Dich in Acht, Du pflegtest klug zu sein. Ich sage, öffne die Hinterpforte – Eála! Du sollst sogleich mehr hören.«
Mit hastiger Lebhaftigkeit gehorchte Gurth, während Wamba und der Jude folgten, beide verwundert über die plötzliche Veränderung in dem Benehmen des Schweinehirten.
»Mein Maulthier, mein Maulthier!« rief der Jude, als sie sich schon außerhalb des Hinterpförtchens befanden.
»Hole ihm sein Maulthier,« sagte der Pilger, »und höre, bringe auch mir eins, damit ich ihn begleiten kann, bis er aus dieser Gegend fort ist; ich werde es wohlbehalten zu Ashby einem von Cedrics Knechten übergeben. Und Du beó hyre, horch auf!« Das Uebrige flüsterte er Gurth ins Ohr.
»Gern, sehr gern soll es geschehen,« sagte Gurth und entfernte sich sogleich, um den Auftrag auszurichten.
»Ich wollte, ich wüßte, was Ihr Pilger im gelobten Lande lernt,« sagte Wamba, als sein Kamerad den Rücken gewendet hatte.
»Unsere Gebete hersagen, Narr,« antwortete der Pilger, »unsere Sünden bereuen und uns mit Fasten, Nachtwachen und langen Gebeten kasteien.«
»Wohl noch etwas Kräftigeres als das,« antwortete der Possenreißer, »denn wie würde Reue und Gebet unsern Gurth bewegen, jemand eine Gefälligkeit zu erweisen, oder Fasten und Wachen ihn überreden, Euch ein Maulthier zu leihen? Wahrhaftig, Ihr hättet ebenso gut seiner schwarzen Lieblingssau von Wachen und Buße vorsprechen können und würdet eine ebenso höfliche Antwort erhalten haben.«
»Geh,« sagte der Pilger, »Du bist nur ein sächsischer Narr.«
»Richtig gesprochen,« sagte der Possenreißer, »wäre ich ein geborner Normann, wie Du zu sein scheinst, so wäre das Glück auf meiner Seite, und ich nahe daran gewesen, ein weiser Mann zu werden.«
In diesem Augenblick erschien Gurth auf der andern Seite des Schloßgrabens mit den Maulthieren. Die Reisenden gingen über eine Zugbrücke, die nur zwei Planken breit war und dem engen Hinterthor, sowie dem kleinen Pförtchen in den äußern Pallisaden gegenüber lag, das sich nach dem Walde zu öffnete. Sobald sie die Maulthiere erreicht hatten, band der Jude mit hastigen und zitternden Händen hinten am Sattel einen kleinen Sack von blauer Leinwand fest, den er unter seinem Mantel hervorzog, und der, wie er murmelnd sagte, »weiße Wäsche – nur weiße Wäsche« enthalte. Dann schwang er sich mit mehr Geschicklichkeit und Hast auf sein Thier, als man von seinen Jahren hätte erwarten sollen, und verlor keine Zeit, sein Obergewand so zu ordnen, daß sein Packet, welches sich hinter ihm besand, von demselben ganz bedeckt wurde.
Der Pilger stieg mit größerer Ueberlegung auf und reichte Gurth beim Scheiden die Hand, die derselbe mit der größten Verehrung küßte. Er blieb stehen und blickte den Fremden nach, bis sie sich unter den Büschen des Waldweges verloren, und er durch Wambas Stimme aus seiner Träumerei geweckt wurde.
»Weißt Du,« sagte der Possenreißer, »Freund Gurth, daß Du auffallend höflich und ganz ungewöhnlich fromm an diesem Sommermorgen bist? Ich wollte, ich wäre ein schwarzer Prior oder ein barfüßiger Pilger, um mich Deines ungewohnten Eifers und Deiner Höflichkeit erfreuen zu können, gewiß, es käme für mich mehr dabei heraus als ein Handkuß.«
»Du bist insofern kein Narr, Wamba,« antwortete Gurth, »obgleich Du nach dem Augenschein urtheilst, und der weiseste von uns kann nicht mehr thun. Aber es ist Zeit, nach meinen Schweinen zu sehen.«
Mit diesen Worten wandte er sich um und schritt, von dem Narren begleitet, nach dem Hause zurück.
Mittlerweile setzten die Reisenden ihren Weg mit einer Eile fort, die die große Furcht des Juden erkennen ließ, da Leute seines Alters selten die rasche Bewegung lieben. Der Pilger, dem jeder Pfad und Ausgang des Waldes bekannt zu sein schien, wählte die unwegsamsten Gegenden und erregte mehr als einmal von neuem den Verdacht des Israeliten, daß er die Absicht habe, ihn zu irgend einem Hinterhalt seiner Feinde zu führen.
Man konnte ihm in der That seinen Zweifel verzeihen; denn etwa mit Ausnahme des fliegenden Fisches gab es kein Geschlecht auf Erden, in der Luft oder im Wasser, welches der Gegenstand so unausgesetzter, allgemeiner und unversöhnlicher Verfolgung war als die Juden zu jener Zeit. Unter den nichtigsten und unvernünftigsten Vorwänden, auf die unsinnigsten und grundlosesten Anklagen hin war ihre Person und ihr Eigenthum der Wuth des Volkes ausgesetzt; Normannen, Angelsachsen, Dänen und Britten, so feindlich gesinnt auch diese Völkerstämme gegen einander waren, wetteiferten, wer von ihnen ein Volk mit größerer Verachtung behandeln könne, das zu hassen, zu schmähen, zu erniedrigen, zu plündern und zu verfolgen man als eine Forderung der Religion ansah. Die Könige des normännischen Stammes und die unabhängigen Edlen, welche ihrem Beispiel in allen Handlungen der Tyrannei folgten, wendeten gegen dieses fromme Volk eine regelmäßigere, eigennützigere und berechnetere Art der Verfolgung an. Die Geschichte erzählt von König Johann, daß er einen reichen Juden in einem seiner königlichen Schlösser gefangen hielt und ihm täglich einen Zahn ausziehen ließ, bis der unglückliche Israelit endlich, als seine Kinnbacken halb zahnlos waren, einwilligte, eine große Summe zu zahlen, die der Tyrann von ihm erpressen wollte. Das wenige baare Geld, welches sich im Lande befand, war größtentheils im Besitz dieses verfolgten Volkes, und der Adel trug kein Bedenken, dem Beispiel seines Oberherrn zu folgen und es ihnen durch jede Art des Druckes, ja selbst durch Anwendung der Tortur zu entreißen. Doch der passive Muth, den die Gewinnsucht den Juden einflößte, setzte sie in den Stand, die verschiedenen Leiden, denen sie unterworfen waren, aus Rücksicht auf die großen Schätze zu trotzen, die sie in einem von Natur so reichen Lande wie England zu sammeln vermochten. Ungeachtet jede Art der Entmuthigung und das bereits erwähnte Taxationsgericht, welches den Zweck hatte, sie zu plündern und zu ruiniren, sammelten die Juden ungeheure Summen, die sie durch Wechsel unter sich in Umlauf zu setzen wußten. Diese Erfindung, die der Handel, wie man sagt, ihnen verdankt, setzte sie in den Stand, ihren Reichthum von einem Orte zum andern zu übertragen, damit, wenn sie in dem einen Lande mit Verfolgung bedroht würden, ihre Schätze in einem andern sicher wären.
Als die Reisenden manchen unwegsamen Pfad durcheilt hatten, brach endlich der Pilger das Schweigen.
»Jene alte Eiche,« sagte er, »bezeichnet die Grenze des Gebiets, das Front de Boeuf sich anmaßt, wir haben das des Malvoisin längst überschritten. Jetzt ist keine Verfolgung mehr zu fürchten.«
»Mögen die Räder von ihren Wagen abfallen,« sagte der Jude, »gleich denen im Heere Pharaos, damit sie schwer von der Stelle kommen! – Aber verlaßt mich nicht, guter Pilger, denkt nur an den wilden und zornigen Templer mit seinen Saracenensklaven, sie werden weder Gebiet noch Herrenhaus noch Oberhoheit achten.«
»Unser Weg sollte sich hier trennen,« sagte der Pilger, »denn es ziemt sich nicht für Männer meines und Deines Charakters, länger als nöthig ist zusammen zu reisen. Ueberdies, welchen Beistand könntest Du von mir, einem friedlichen Pilger, gegen zwei bewaffnete Heiden erwarten?«
»O guter Jüngling,« antwortete der Jude, »Du kannst mich vertheidigen, und ich weiß, Du würdest es thun. So arm ich bin, will ich Dir lohnen, nicht mit Geld, denn Geld, so wahr mir mein Vater Abraham helfe, besitze ich nicht, aber –«
»Ich habe Dir bereits gesagt, ich verlange weder Geld noch Belohnung,« sagte der Pilger, ihn unterbrechend. »Führen kann ich Dich und vielleicht auch einigermaßen vertheidigen, da es wohl nicht eines Christen unwürdig erachtet werden kann, einen Juden gegen einen Saracenen zu schützen. Daher, Jude, will ich Dich sicher unter passendem Geleit lassen. Wir sind jetzt nicht weit von der Stadt Sheffield entfernt, wo Du leicht Leute Deines Stammes finden wirst, bei denen Du Zuflucht suchen kannst.«
»Der Segen Jakobs über Dich, guter Jüngling!« sagte der Jude, »in Sheffield kann ich bei meinem Vetter Zareth Unterkommen und Mittel finden, in Sicherheit weiter zu reisen.«
»Sei es so,« sagte der Pilger, »zu Sheffield trennen wir uns also, und in einer halben Stunde werden wir die Stadt zu Gesicht bekommen.«
Diese halbe Stunde wurde von beiden Seiten in vollkommenem Schweigen hingebracht, da der Pilger den Juden aus Verachtung nicht anders als im äußersten Nothfalle anredete, und der Jude keine Unterredung mit einem Manne erzwingen wollte, dessen Reise nach dem gelobten Lande seinem Charakter eine gewisse Heiligkeit verlieh. Auf einer kleinen Erhöhung hielten sie an. Der Pilger zeigte ihm die Stadt Sheffield, die zu ihren Füßen lag, und wiederholte die Worte: »Hier trennen wir uns also.«
»Nicht eher, als bis Ihr des armen Juden Dank empfangen habt,« sagte Isaak, »denn ich nehme mir nicht heraus, Euch zu bitten, mit mir in das Haus meines Vetters Zareth zu treten, der mich mit einigen Mitteln versehen könnte, Eure guten Dienste zu vergelten.«
»Ich habe bereits gesagt,« antwortete der Pilger, »daß ich keine Vergeltung wünsche. Wenn Du unter der großen Liste Deiner Schuldner um meinetwillen einen unglücklichen Christen, der in Deiner Gewalt ist, mit Fesseln und Gefängniß verschonen willst, so werde ich den Dienst, den ich Dir diesen Morgen erwiesen, für reich belohnt halten.«
»Halt, halt,« sagte der Jude, indem er sein Gewand ergriff, »etwas mehr noch möchte ich thun als das, etwas für Dich selbst. Gott weiß, der Jude ist arm, ja, Isaak ist der Bettler seines Stammes, aber vergib mir, wenn ich errathe, was Du in diesem Augenblick am meisten bedarfst.«
»Solltest Du auch richtig rathen,« sagte der Pilger, »so ist es doch etwas, was Du mir nicht verschaffen kannst, und wärest Du eben so reich, als Du arm zu sein behauptest.«
»Als ich behaupte?« wiederholte der Jude. »O, glaube mir, ich sage nur die Wahrheit, ich bin ein geplünderter, verschuldeter, unglücklicher Mann. Harte Hände haben mir meine Güter entrissen, mein Geld, meine Schiffe und alles was ich besaß, aber ich kann Dir sagen, was Du bedarfst, und es Dir vielleicht auch beschaffen. Dein Wunsch geht jetzt auf ein Pferd und eine Rüstung.«
Der Pilger stutzte und wandte sich plötzlich zu dem Juden. »Welcher Teufel gab Dir diese Vermuthung ein?« sagte er hastig.
»Darauf kommt es nicht an, wenn sie nur zutrifft,« sagte der Jude lächelnd, »und so wie ich Dein Bedürfniß errathen habe, kann ich es auch befriedigen.«
»Aber bedenke meinen heiligen Charakter, meine Kleidung, mein Gelübde,« sagte der Pilger.
»Ich kenne euch Christen,« versetzte der Jude, »und weiß daß die Edelsten von euch aus abergläubischer Bußübung Stab und Sandalen nehmen und zu Fuße gehen, um die Gräber todter Menschen zu besuchen.«
»Lästere nicht, Jude!« sagte der Pilger streng.
»Vergebt mir,« sagte der Jude, »ich sprach unüberlegt. Aber gestern Abend und diesen Morgen kamen Worte von Euren Lippen, die wie Funken vom Stein das echte Metall drinnen zeigten und im Busen jenes Pilgergewandes sind eine Ritterkette und die goldenen Sporen verborgen. Sie blinkten hervor, als Ihr Euch diesen Morgen über mein Bett neigtet.«
Der Pilger konnte sich des Lächelns nicht erwehren. »Würden Deine Kleider mit ebenso neugierigen Blicken durchsucht, Isaak« sagte er, »welche Entdeckungen würde man da wohl machen?«
»Nichts mehr davon,« sagte der Jude, die Farbe verändernd; darauf zog er hastig sein Schreibzeug hervor, als wollte er die Unterredung unterbrechen, und begann auf einem Stück Pergament zu schreiben, welches er auf seine gelbe Mütze gelegt hatte, ohne daß er zuvor von seinem Maulthiere herabgestiegen wäre. Als er damit zu Ende war, übergab er dem Pilger das Blatt, auf das er einige hebräische Schriftzüge gezeichnet, und sagte: »In der Stadt Leicester kennt jedermann den reichen Juden Kirjath Jairam aus der Lombardei; gib ihm dieses Blatt, er hat sechs mailändische Rüstungen zu verkaufen, von denen die schlechteste für ein gekröntes Haupt passen würde, zehn herrliche Rosse, von denen das schlechteste ein König besteigen könnte, sollte er auch um seinen Thron kämpfen. Unter diesen wird er Dir die Wahl lassen und Dir alles gewähren, was Du zu dem Turniere brauchst. Wenn es vorbei ist, gibst Du alles unbeschädigt zurück, wenn Du nicht vielleicht dem Besitzer den Werth dafür zahlst.«
»Aber Isaak,« sagte der Pilger lächelnd, »weißt Du auch, daß bei solchen Waffenspielen die Rüstung und das Roß des Ritters, der aus dem Sattel gehoben wird, dem Sieger gehören? Nun kann ich ja unglücklich sein und so verlieren, was ich nicht ersetzen oder bezahlen kann.«
Der Jude wurde etwas bestürzt bei dieser Möglichkeit, faßte aber Muth und erwiderte hastig: »Nein, nein, nein, es ist unmöglich, ich will es nicht denken. Der Segen unseres Vaters wird auf Dir ruhen. Deine Lanze wird so mächtig sein wie der Stab des Moses.«
Mit diesen Worten wendete er sein Maulthier herum, während der Pilger seinerseits sein Gewand ergriff. »Nein, aber Isaak, Du kennst nicht die ganze Gefahr. Das Roß kann getödtet, die Rüstung beschädigt werden, denn ich werde weder Roß noch Reiter schonen. Ueberdies geben die Leute Deines Stammes nichts für nichts, es muß doch etwas für den Gebrauch gezahlt werden.«
Der Jude drehte sich ungeduldig im Sattel wie einer, der einen Anfall von Kolik hat, doch die besseren Gefühle gewannen die Oberhand über die, welche ihm am eigensten waren. »Es liegt mir nichts daran,« sagte er, »laß mich gehen. Wenn etwas beschädigt wird, so soll es Dir nichts kosten, wenn etwas für den Gebrauch zu zahlen ist, so wird Kirjath Jairam es Dir um seines Vetters Isaak willen erlassen. Lebe wohl! Aber höre, guter Jüngling,« sagte er sich umwendend, »wage Dich nicht zu weit in diesen eitlen Kampf, ich meine nicht, daß Du das Roß und die Rüstung schonen sollst, aber um Deines eigenen Leibes und Lebens willen.«
»Viel Dank für Deinen Rath,« sagte der Pilger von neuem lächelnd, »ich nehme ohne weiteres Dein Anerbieten an, und es müßte mir schlimm ergehen, wenn ich Dir nichts dafür zahlen sollte.«
Sie trennten sich und schlugen verschiedene Wege nach der Stadt Sheffield ein.
Kapitel VII
Mit langem Zug von Knappen kommen Ritter,
In bunter Tracht und zierlich ausstaffirt.
Der eine schnürt den Helm, der trägt die Lanze,
Ein dritter bringt den blanken Schild herbei.
Es stampft das Roß mit ungeduldgem Huf,
Und schnaubt und schäumt aufs goldene Gebiß.
Auf Zeltern reiten Huf- und Waffenschmiede,
Mit Feilen und mit Hämmern wohl versehn,
Mit Nägeln für den lockern Speer und Riemen
Für den verletzten Schild, Trabanten sperren
In schmucken Reihn die Seitenstraßen ab,
Denn Bauernhaufen drängen vor mit Knütteln.
Palamon und Arcite.
Die Lage des englischen Volkes war zu jener Zeit elend genug. König Richard war als Gefangener abwesend und in der Macht des treulosen und grausamen Herzogs von Oesterreich. Selbst über den Ort seiner Gefangenschaft war man in Ungewißheit, und sein Schicksal war den meisten seiner Unterthanen, die inzwischen jedem Drucke von Seiten der Vasallen ausgesetzt waren, beinahe unbekannt.
Prinz Johann, im Bündniß mit Philipp von Frankreich, Löwenherzens tödtlichem Feinde, wandte allen seinen Einfluß bei dem Herzog von Oesterreich an, um die Gefangenschaft seines Bruders zu verlängern, von dem er so viel Gunst erfahren hatte. Dabei verstärkte er seinen Anhang im Königreich und bereitete sich vor, für den Fall, daß der König stürbe, dem rechtmäßigen Erben, Arthur, Herzog der Bretagne, dem Sohne Gottfrieds von Plantagenet, seines älteren Bruders, die Thronfolge streitig zu machen. Es ist bekannt, daß er diese Usurpation später in Ausführung brachte. Da Johanns Charakter leichtsinnig, ausschweifend und treulos war, so zog er nicht nur alle diejenigen leicht an sich, welche Ursache hatten, die Strafe Richards wegen verbrecherischer Handlungen, die sie während seiner Abwesenheit begangen, zu fürchten, sondern auch die zahllosen Classen gesetzloser Raufbolde, welche aus den Kreuzzügen in ihr Vaterland zurückgekehrt waren, erfahren in den Lastern des Orients, ohne Erwerbsquellen und, infolge der Verwilderung ihres Charakters gern bereit, die innern Unruhen zu ihrem Vortheil auszubeuten.
Zu diesen allgemeinen Ursachen der Noth und Bedrängniß kam noch hinzu, daß eine Menge von Geächteten, welche durch den Druck des Adels und die strenge Anwendung der Forstgesetze zur Verzweiflung getrieben waren, sich in großen Banden zusammenrotteten, Wälder und unbewohnte Strecken Landes in Besitz nahmen und den Obrigkeiten des Landes trotzten. Die Edelleute selbst, jeder durch seine befestigte Burg geschützt, von der aus er den Tyrannen seiner Besitzung spielte, waren die Anführer von Banden, die kaum weniger ruchlos und gefährlich waren als anerkannte Räuber. Um diese Anhänger zu ernähren und die Mittel zu Ausschweifung und Luxus, zu denen sein Uebermuth ihn veranlaßte, zu beschaffen, erborgte der Adel große Summen von den Juden gegen sehr hohe Zinsen, die an den Besitzungen gleich dem verzehrenden Krebs nagten, und von denen sie sich nicht anders zu befreien wußten, als daß sie irgend eine Gelegenheit wahrnahmen, um ihre Gläubiger durch Gewaltthat los zu werden.
Unter den Leiden, welche diese unglückliche Lage der Dinge mit sich brachte, litt das englische Volk für den Augenblick schwer genug, und es hatte dazu noch Ursache, in Zukunft schwereres Unheil zu fürchten. Dem Elend die Krone aufzusetzen, verbreitete sich eine ansteckende Krankheit über das Land und raffte viele hinweg, deren Schicksal die Ueberlebenden versucht waren zu beneiden, da sie von den drohenden Uebeln befreit wurden.
Trotz dieser vielfachen Noth nahmen Arme so wie Reiche, Gemeine so wie Adlige an dem Ereigniß eines Turniers, dem großartigsten Ereigniß jenes Zeitalters, eben so viel Antheil, als ihn der halbverhungerte Bürger von Madrid, der keinen Real übrig hat, um Lebensmittel für seine Familie zu kaufen, an dem Ausgange eines Stiergefechtes nimmt. Nichts, weder häusliche Pflichten noch Krankheit, konnte das Publikum jener Tage von solchen Schaustellungen fern halten. Das Waffenspiel, wie man es nannte, welches zu Ashby in der Grafschaft Leicester abgehalten werden sollte, hatte daher die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, denn es sollten hier Kämpfer von höchster Berühmtheit, dazu in Gegenwart des Prinzen Johann, auftreten, und eine ungewöhnlich große Menschenmenge aus allen Ständen eilte an dem bestimmten Morgen zum Kampfplatze.
Die Scene war eigenthümlich romantisch. Am Rande eines Waldes, der etwa eine Meile von Ashby entfernt lag, befand sich eine ausgedehnte Au, mit dem schönsten grünen Rasen bedeckt, auf der einen Seite vom Walde, auf der andern von einzeln stehenden Eichen eingefaßt, von denen einige eine ungewöhnliche Höhe erreicht hatten. Der Boden, als wäre er für dieses kriegerische Schauspiel hergerichtet, senkte sich auf allen Seiten allmählich zu einem ebenen Grunde hinab, der, von starken Pallisaden umschlossen, welche die Schranken bildeten, tausend Schritte lang und etwa halb so breit war. Die Form dieser Umfriedigung war ein längliches Viereck, nur daß die Ecken aus Rücksicht auf die Bequemlichkeit der Zuschauer beträchtlich abgerundet waren. Die Pforten für den Eintritt der Kämpfer befanden sich am Nord- und Südende, mit zwei starken hölzernen Thorflügeln, die breit genug waren, um zwei Reiter neben einander einzulassen. An jedem dieser beiden Eingänge standen zwei Herolde, bei ihnen sechs Trompeter und ebenso viele Gefolgsmänner, und eine starke Abtheilung von Geharnischten zur Aufrechthaltung der Ordnung und zur Prüfung der Ritterbürtigkeit aller derer, welche an dem kriegerischen Kampfspiele Theil zu nehmen gedachten.
Jenseit der südlichen Eintrittspforte standen auf einer durch die natürliche Erhebung des Bodens gebildeten Platform fünf prächtige Zelte, mit roth und schwarzen Fähnchen verziert, den Farben, die die fünf herausfordernden Ritter sich gewählt. Vor jedem Zelte hing der Schild des Ritters, der darin wohnte, und neben demselben stand sein Knappe als Wilder oder Waldmensch oder sonst wie phantastisch gekleidet, je nach dem Geschmack seines Herren, oder der Rolle, die er während des Waffenfestes zu spielen gedachte.
Das mittlere Zelt war als Ehrenplatz dem Ritter Brian de Bois-Guilbert zugewiesen worden, dessen Berühmtheit in jeder Art von Ritterspielen ebenso sehr wie seine Verbindungen mit den Rittern, die dieses Waffenfest unternommen hatten, der Grund war, warum man ihn mit Begeisterung in die Reihe der Herausforderer, ja sogar als Haupt und Anführer derselben aufgenommen hatte. An der einen Seite sei nes Zeltes standen die Zelte des Reginald Front de Boeuf und Philipp de Malvoisin, auf der andern das des Ritters Hugo von Grant-Meslin, einem benachbarten Baron, dessen Ahnherr einst Groß-Truchseß von England gewesen war. Ralph de Vipont, ein Johanniterritter, der einige alte Güter in Heather bei Ashby de la Zouche besaß, nahm das fünfte Zelt ein. Von dem Eingange in die Schranken stieg ein Weg sanft an, der in der Breite von zwanzig Fuß zu der Platform führte, auf welcher die Zelte standen. Dieser Pfad war auf beiden Seiten mit starkem Pfahlwerk versehen, wie dies auch bei der Esplanade vor den Zelten der Fall war, und das Ganze wurde von Geharnischten bewacht.
Am nördlichen Ende befanden sich die Zelte derjenigen Ritter, die sich den Herausfordernden zum Kampfe stellen wollten, und hinter diesen waren solche für Waffen- und Hufschmiede, so wie für Verkäufer von Erfrischungen aufgeschlagen.
Rings um die Schranken zogen sich mit Teppichen und Kissen versehene Gallerien für die ritterbürtige Zuschauerschaft. Die große Menge lagerte sich auf Rasenbänken auf den Anhöhen, die den Blick über die Gallerien hinweg gestatteten. Für den Prinzen Johann war eine besondere Gallerie eingerichtet, die mit dem königlichen Wappen geziert war, und ihr gegenüber eine andere, geschmückt mit vielen Wimpeln, Flaggen und brennenden, blutenden sowie mit Pfeilen durchbohrten Herzen. Eine Inschrift darauf meldete, daß dieser Ehrenplatz bestimmt sei für die Königin der Schönheit und Liebe! Wer aber diese Königin der Schönheit und Liebe vorstellen werde, das vermochte niemand zu errathen.
Inzwischen drängten sich Zuschauer aller Art vor und nahmen ihre Sitze ein, wobei es natürlich vielfach Streitigkeiten über Rangordnung etc. gab. Die Geharnischten legten einige derselben ohne Umstände bei, indem sie ihre Lanzenschäfte und Schwertknöpfe wirkungsvoll als Gründe gegen die Widerspenstigeren geltend machten. Andere, an die sich die rivalisirenden Ansprüche höher gestellter Personen knüpften, wurden von den Herolden und den beiden Marschällen William de Wyvil und Stephan von Martival geschlichtet, die in voller Rüstung an den Schranken auf- und niederritten, um die gute Ordnung unter den Zuschauern auf jede Weise aufrecht zu erhalten.
Allmählig füllten sich die Gallerien mit Rittern und Edlen in ihren Staatsgewändern, deren lange dunkelfarbige Mäntel einen Gegensatz zu der bunteren und glänzenderen Kleidung der Damen bildeten, die sich in noch größerer Zahl als die Männer zu einem Schauspiel drängten, das man für zu blutig und gefahrvoll hätte halten sollen, als daß es geeignet wäre, dem zarten Geschlechte Vergnügen zu gewähren.
Unter den Bürgern, Landleuten und armen Personen aus dem niederen Adelstande, die es schon damals gab, und die die untern Räume der Gallerien bis an die Schranken einnahmen, gab es natürlich die meisten Rangstreitigkeiten.
»Hund von einem Ungläubigen!« rief ein alter Mann, dessen schäbiger Mantel ebenso von seiner Armuth wie sein Schwert und sein Dolch nebst goldner Kette von seinem Anspruch auf Rang und Ahnen zeugten, – »infamer Hund! wagst Du einen Christen zu drängen, einen normännischen Edling vom Blute der Montdidier?«
Diese rauhe Aeußerung war an niemand anders als an den Juden Isaak, unsern Bekannten, gerichtet, welcher reich, ja prächtig gekleidet, in einem mit Spitzen besetzten und mit Pelzwerk gefütterten Mantel in der vordersten Reihe für die schöne Rebekka, seine Tochter, einen Platz zu erhalten trachtete. Die Tochter war zu Ashby mit ihm zusammengetroffen und hing jetzt am Arme ihres Vaters, nicht wenig erschrocken über das allgemeine Mißfallen, welches ihres Vaters kühnes Auftreten erregte. Aber Isaak, obschon wir ihn bei andern Gelegenheiten furchtsam genug gesehen haben, wußte nur zu gut, daß er gegenwärtig nichts zu fürchten habe. An öffentlichen Versammlungsorten, in der Gemeinschaft mit Ebenbürtigen, wagte keiner der habsüchtigen oder boshaften Edlinge ihm etwas zu Leide zu thun. Bei dergleichen Versammlungen standen auch die Juden unter dem Schutze des gemeingültigen Gesetzes; und war dies auch immerhin eine schwache Bürgschaft, so fanden sich doch unter den versammelten Baronen einige, die aus selbstsüchtigen Motiven bereit waren, als ihre Beschützer aufzutreten.
Dazu kam, daß Isaak augenblicklich mehr als gewöhnliche Zuversicht hegte, denn er wußte, daß Prinz Johann eben im Begriff war, bei den Juden von York eine bedeutende Anleihe zu machen, und ihnen dafür gewisse Juwelen und Ländereien zu verpfänden. Isaaks Antheil an diesem Geschäft war nicht gering, und so wußte er gar wohl, daß des Prinzen lebhafter Wunsch, die Anleihe zu Stande zu bringen, ihn bewegen werde, ihm in der schwierigen Situation seinen Schutz nicht zu versagen.
Durch diese Erwägungen kühn gemacht, beharrte der Jude bei seinem Vorhaben und drängte den normännischen Christen ohne Rücksicht auf seinen Rang, seine Abkunft und seinen Glauben. Die Klagen des alten Mannes erregten jedoch den Unwillen der Umstehenden. Einer derselben, ein rüstiger untersetzter Landsasse, der zwölf Pfeile im Gurt, ein Schwertgehenk mit silbernem Schilde und einen sechs Fuß langen Bogen in der Hand trug, wandte sich rasch um, und während sein Gesicht, das vom Wetter wie eine Nuß gebräunt war, vor Aerger noch dunkler wurde, rieth er dem Juden, doch zu bedenken, daß aller Reichthum, den er durch das ausgesogene Blut seiner Schlachtopfer erlangt, ihn doch nur angeschwellt habe wie eine Spinne, die sich vollgesogen, und die man zwar übersehen könne, so lange sie sich in der dunklen Ecke halte, die man aber zertreten werde, sobald sie sich ans Licht wage.
Diese mit fester Stimme und finstrem Ausdruck in anglonormännischer Sprache gemachte Andeutung bewirkte, daß der Jude zurückbebte, und wahrscheinlich würde er sich ganz aus einer so gefährlichen Nähe entfernt haben, wäre nicht plötzlich die Aufmerksamkeit aller auf den Eintritt des Prinzen Johann, der in diesem Augenblicke in die Schranken trat, gerichtet worden. Ein zahlreiches und bunt geschmücktes Gefolge, das theils aus Laien, theils aus Geistlichen bestand, die eben so leichtfertig in ihrer Kleidung und eben so munter in ihrem Benehmen waren wie die übrige Gesellschaft, umgab den Prinzen.
Unter ihnen befand sich der Prior von Jorvaulx in dem ritterlichsten Aufzuge, in welchem ein Würdenträger der Kirche sich nur immer herausnehmen durfte zu erscheinen. Pelzwerk und Gold waren an seiner Kleidung nicht gespart, und die Spitzen seiner Stiefeln, welche die abgeschmackte Mode jener Zeit noch überboten, waren so weit in die Höhe geschlagen, daß sie nicht, wie bei anderen an den Knieen, sondern an seinem Gürtel befestigt waren, und ihn im eigentlichsten Sinne verhinderten, seinen Fuß in den Steigbügel zu setzen.
Dies war indeß eine geringe Unbequemlichkeit für den ritterlichen Abt, der sich vielleicht über die Gelegenheit freute, seine vollendete Reitergewandtheit vor so vielen Zuschauern, besonders aber vor dem schönen Geschlecht zu zeigen, und der sich dieser Hilfsmittel eines furchtsamen Reiters daher gern begab.
Das übrige Gefolge des Prinzen bestand aus den begünstigten Anführern seiner Miethstruppen, einigen raubsüchtigen Baronen und ausschweifenden Höflingen nebst einigen Templern und Johannitern.
Es mag hier erwähnt werden, daß die Ritter dieser beiden Orden dem König Richard feindlich waren, und bei den langwierigen Streitigkeiten, die in Palästina zwischen Philipp II., August von Frankreich und dem löwenherzigen Könige Englands stattfanden, die Partei des ersteren ergriffen hatten. Die Folge dieser Uneinigkeit war gewesen, daß Richards wiederholte Siege fruchtlos gemacht und seine romantischen Versuche, Jerusalem zu erobern, vereitelt wurden, ja, daß die Frucht alles Ruhms, den er erlangt, ein ungewisser Waffenstillstand mit Sultan Saladin gewesen war.
Mit derselben Politik, die ihren Brüdern in Palästina ihr Verhalten vorgeschrieben hatte, schlossen sich die Templer und Hospitaliter in England und der Normandie der Partei des Prinzen Johann an, da sie wenig Ursache hatten, Richards Rückkehr nach England oder die Nachfolge Arthurs, seines rechtmäßigen Erben, zu wünschen.
In ihnen sah Prinz Johann seine wichtigsten Verbündeten, und darum verachtete er die wenigen bedeutenden angelsächsischen Familien, die noch in England existirten, und versäumte keine Gelegenheit, sie zu kränken und übermüthig zu behandeln, denn er wußte gar wohl, daß ihnen wie dem größern Theil der englischen Gemeinden seine Person und Anmaßung mißfielen, von denen sie bei Johanns ausschweifendem und despotischem Charakter noch fernere Eingriffe in ihre Rechte und Freiheiten befürchteten.
Begleitet von diesem ritterlichen Gefolge, sehr gut beritten, in Carmoisin und Gold gekleidet, auf dem Haupte ein mit reichem Pelzwerk besetztes und mit einem Ringe köstlicher Steine geschmücktes Barett, unter dem sein langes lockiges Haar hervorquoll, das sich über die Schultern breitete, sprengte Prinz Johann, einen Falken auf der Hand tragend, auf einem muthigen Schimmel an der Spitze seiner jovialen Begleitung in den Schranken umher, lachte laut mit seinem Gefolge und beäugelte mit königlichem Kennerblick die Schönheiten, die die hohen Gallerien schmückten.
Da lenkte sich seine Aufmerksamkeit auf die noch nicht beruhigte Bewegung, die dem Vordrängen des Juden zu den höheren Plätzen der Versammlung gefolgt war. Sein scharfes Auge erkannte Isaak sofort und wurde nicht wenig von der schönen Tochter Zions angezogen, die, durch den Tumult erschreckt, sich fest an den Arm ihres bejahrten Vaters schmiegte.
Die Formen und der Wuchs Rebekkas konnten in der That mit denen der stolzesten Schönheiten Englands verglichen werden, selbst wenn sie von einem strengeren Richter als dem Prinzen Johann beurtheilt wurden. Ihre Gestalt war höchst symmetrisch gebaut und wurde vortheilhaft hervorgehoben durch eine Art orientalischer Kleidung, die sie nach der Frauensitte ihres Volkes trug. Ein Turban von gelber Seide paßte vorzüglich zu ihrer dunklen Gesichtsfarbe. Der Glanz ihrer Augen, die stolze Wölbung ihrer Brauen, ihr wohlgeformtes Adlernäschen, ihre weißen Zähne, ihr üppiges schwarzes Haar, das in einzelnen reizenden Ringellöckchen herab auf ihren lieblichen Hals und Busen fiel und beides bedeckte, so weit ein reiches Kleid von persischer Seide es sichtbar werden ließ – all dieses bildete ein so liebenswürdiges Ensemble, daß sie den schönsten Jungfrauen, die sie umgaben, in nichts nachstand.
»Nun, bei der Glatze Abrahams,« sagte Prinz Johann, »die Jüdin dort muß das Muster all der Vollkommenheit sein, dessen Reize dem weisesten Könige, der je lebte, den Kopf verdrehten! Was sagst Du, Prior Aymer? – Beim Tempel jenes weisen Königs, den unser noch weiserer Bruder nicht zurückzuerobern im Stande war, sie ist die leibhaftige Braut des Hohen Liedes.«
»Die Rose von Savon und die Lilie des Thales,« antwortete der Prior in schmunzelndem Tone; »aber Eure Hoheit muß bedenken, daß sie nur eine Jüdin ist.«
»Ei,« fügte Prinz Johann hinzu, ohne auf ihn zu achten, »und da ist auch mein Mammon der Ungerechtigkeit, der Marquis der Marken und Baron der Byzantiner, der sich mit verlumpten Schuften, deren schäbige Mäntel keinen Heller in den Taschen bergen, um den Platz streitet. Beim Leibe des heiligen Markus, mein Subventionsfürst soll mit seinem liebenswürdigen Judenmädchen einen Platz auf dem Balkon haben! – Wer ist sie, Isaak, Deine Frau oder Deine Tochter, jene orientalische Houri, die Du so fest unter Deinem Arme verwahrst, als wäre sie Dein Schatzkästlein.«
»Meine Tochter Rebekka, Eurer Hoheit zu dienen,« antwortete der Jude mit einer tiefen Verbeugung, ohne bei dem Gruß des Prinzen, der wenigstens eben so viel Spott als Artigkeit enthielt, in Verlegenheit zu gerathen.
»Um so weiser bist Du,« sagte Johann mit schallendem Lachen, in welches seine munteren Begleiter folgsam einstimmten. »Aber Tochter oder Weib, sie sollte nach Maßgabe ihrer Schönheit und Deiner Verdienste um uns vorgezogen werden. Wer sitzt dort oben?« fuhr er fort, indem er seine Augen zu der Gallerie erhob. »Sächsische Bauernkerle, die sich ihrer ganzen Länge nach ausstrecken! Hol sie der Teufel! Laßt sie zusammenrücken und meinem Wucherprinzen mit seiner liebenswürdigen Tochter Platz machen. Diese Lümmel sollen wissen, daß sie die hohen Plätze in der Synagoge mit denen theilen müssen, die das Geld dazu hergegeben haben.«
Die Personen, denen diese beleidigende und grobe Rede galt, waren die Angehörigen Cedrics des Sachsen und sein Verbündeter und Anverwandter, Athelstane von Coningsburgh, ein Mann, der wegen seiner Abkunft von den letzten angelsächsischen Herrschern bei den sämmtlichen sächsischen Eingeborenen des nördlichen England in der höchsten Achtung stand.
Mit dem Blute des alten Königsgeschlechts hatten sich auch viele Schwächen desselben auf Athelstane vererbt. Er besaß allerdings ein wohlgeformtes Gesicht, war fleischig und stark von Person und dazu in der Blüthe seines Alters, aber ohne jede Lebhaftigkeit im Gesichtsausdruck, matten Auges, mit gesenkten Brauen, schlaff und schwerfällig in allen seinen Bewegungen, und so unschlüssig, daß der Beiname eines seiner Vorfahren auf ihn überging, und man ihn allgemein Athelstane den Zagen nannte. Seine Freunde, und er besaß deren viele, die wie Cedric ihm leidenschaftlich zugethan waren, behaupteten zwar, daß sein schlaffes Wesen nicht aus einem Mangel an Muth hervorginge, sondern aus bloßem Mangel an Entschlossenheit; andere führten dagegen an, daß der angeerbte Fehler der Trunksucht seine Geisteskräfte, die überhaupt nie scharf und bedeutend waren, beeinträchtigt habe, und daß sein passiver Muth und die sanfte Gemüthsart, die zurückblieb, der bloße Bodensatz eines Charakters wären, der vielleicht Lob verdient hätte, wenn sich nicht von ihm alle werthvollen Theile in Folge der langen Gewohnheit der Unmäßigkeit losgelöst hätten.
An den soeben beschriebenen Mann richtete nun der Prinz den herrischen Befehl, für Isaak und Rebekka Platz zu machen. Athelstane, höchst bestürzt über einen Befehl, der nach den Sitten und Gefühlen jener Zeit eine große Beleidigung enthielt, war nicht Willens zu gehorchen; da er jedoch nicht wußte, auf welche Weise er sich widersetzen solle, stellte er dem Willen Johanns nur die vis inertiae entgegen. Ohne sich zu regen oder Miene zum Gehorsam zu machen, öffnete er seine großen grauen Augen und starrte den Prinzen mit einem Staunen an, das etwas außerordentlich Komisches hatte. Doch der ungeduldige Johann sah die Sache nicht in diesem Lichte.
»Das Schwein von einem Sachsen liegt entweder im Dusel oder versteht mich nicht,« sagte er. »Weckt ihn mit Eurer Lanze, de Bracy,« fuhr er zu einem Ritter gewendet fort, der in seiner Nähe an der Spitze einer Schaar von Condottieri ritt. Es erhob sich ein Murren selbst unter den Begleitern des Prinzen Johann; aber de Bracy, dessen Beruf alle Bedenken in ihm beseitigte, streckte seine lange Lanze über den Raum aus, der die Gallerie von den Schranken trennte, und würde den Befehl des Prinzen ausgeführt haben, bevor Athelstane der Zage nur so viel Geistesgegenwart gewonnen hätte, um sich vor der Waffe zurückzuziehn, hätte nicht Cedric, der eben so entschlossen als sein Gefährte langsam war, mit Blitzesschnelle sein kurzes Schwert gezogen und mit einem einzigen Hiebe das Lanzeneisen vom Schafte getrennt. Das Blut schoß Johann ins Antlitz. Er stieß einen der schwersten Flüche aus und war im Begriff, eine ebenso heftige Drohung hinzuzufügen, als er zum Theil durch seine Umgebung die ihn dringend bat, ruhig zu sein, zum Theil auch durch den lauten Beifall des Volkes über Cedrics entschlossenes Benehmen von seinem Vorhaben abgebracht wurde. Zornig rollte Johann die Augen, als suchte er irgend ein sicheres und leichtes Schlachtopfer, und da er zufällig dem festen Auge des oben erwähnten Bogenschützen begegnete, der dem drohenden Blicke zum Trotze, den der Prinz auf ihn richtete, fortfuhr seinen Beifall zu bekunden, fragte er ihn, warum er so schreie?
»Ich rufe allemal Halloh mit,« sagte der Landsasse, »wenn ich einen wackern Schuß oder tapfern Streich gethan sehe.«
»Was Du sagst?« antwortete der Prinz grimmig, »da kannst Du wohl das Weiße selbst treffen, ich wette drauf.«
»Eines Waidmanns Ziel und auf Waidmanns Entfernung kann ich treffen,« antwortete der Landsasse.
»And Wate Tyrreles marcan at hundteontig stapas,« rief eine angelsächsische Brummstimme aus dem Hintergrunde, ohne daß man unterscheiden konnte, wer es war. – »Wat Tyrrels Ziel auf hundert Schritt,« übersetzte ein andrer Unbekannter dem Prinzen in reines Französisch. Diese Anspielung auf das Schicksal seines Großvaters Wilhelm Rufus erbitterte und beunruhigte den Prinzen zu gleicher Zeit. Er begnügte sich indeß, den Geharnischten, die die Schranken bewachten, zu befehlen, ein wachsames Auge auf den Prahlhans zu haben, indem er auf den Landsassen zeigte.
»Bei der heiligen Griseldis,« fügte er hinzu, »wir wollen seine eigne Kunst auf die Probe stellen, da er so bereitwillig die Heldenthaten andrer preist.«
»Ich werde mich vor der Probe nicht drücken,« sagte der Landsasse mit der ganzen Entschlossenheit, die sein Wesen kennzeichnete.
»Inzwischen rafft euch auf, ihr sächsischen Bauernkerle!« sagte der erhitzte Prinz; »denn beim Lichte des Himmels, da ich es einmal gesagt habe, so soll der Jude unter euch sitzen.«
»Keineswegs, wenn Ew. Gnaden verzeihn! Es paßt sich nicht für unser einen, bei den Herrschern des Landes zu sitzen,« sagte der Jude. In der That war des Juden Ehrgeiz wegen des Vortritts, wenn er ihn auch bestimmt hatte, mit dem verarmten Montdidier um den Platz zu streiten, nicht groß genug, um ihn anzustacheln, sich unter die reichen Angelsachsen einzudrängen.
»Hinauf, ungläubiger Hund, wenn ich es Dir befehle,« schrie der Prinz, »oder ich lasse Dir Dein gelbes Fell abziehn und zu Reitzeug gerben!« So gedrängt begann der Jude die steilen und schmalen Stufen zu ersteigen, die auf die Gallerie führten.
»Ich will doch sehn, wer es wagen wird, ihn aufzuhalten,« sagte der Prinz und richtete sein Auge auf Cedric, dessen Stellung die Absicht kundgab, den Juden kopfüber hinunterzuwerfen.
Die Katastrophe wurde durch den Narren Wamba verhindert, der schnell zwischen seinen Herrn und Isaak sprang, und als Antwort auf die Worte des Prinzen ausrief: »Wahrhaftig, das will ich!« In demselben Augenblick zog er einen geräucherten Schweineschinken unter seinem Mantel hervor und hielt ihn dem Juden unter die Nase. Offenbar hatte er sich mit diesem Leckerbissen versehen, um während der langen Zeit des Turniers seinen Appetit zu stillen. Zugleich schwang der Possenreißer sein hölzernes Schwert um seinen Kopf, und der Jude, von Abscheu und Schreck zugleich ergriffen, purzelte die Stufen hinab, – ein trefflicher Spaß für die Zuschauer, die ein schallendes Gelächter erhoben, in das der Prinz und seine Begleiter einstimmten.
»Erkenne mir den Siegespreis zu, Vetter Prinz,« sagte Wamba; »ich habe meinen Feind in ehrlichem Kampfe mit Schild und Schwert besiegt.« Dabei schwang er den Schinken in der einen und das Schwert in der andern Hand.
»Wer und was bist Du, edler Kämpfer?« sagte immer noch lachend der Prinz.
»Ein Narr nach dem Rechte der Descendenz,« antwortete der Spaßvogel. »Ich bin nämlich Wamba, der Sohn des Witzlos, der ein Sohn war des Hammelhirn, der da war der Sohn eines Rathsherrn.«
»Macht Platz für den Juden vorn im untern Kreise,« sagte Prinz Johann, vielleicht nicht gerade erzürnt, daß er eine Entschuldigung gefunden, um von seinem ersten Vorhaben abzustehn; »den Besiegten neben den Sieger zu stellen, hieße die Heraldik verkehren.«
»Den Schelm über den Narren setzen, wäre noch schlimmer; am ärgsten aber, den Juden über den Schweineschinken placiren.«
»Gramercy, guter Bursch,« rief Prinz Johann; »Du gefällst mir – hier, Isaak, leihe mir eine Hand voll Byzantiner.«
Der Jude war über diese Forderung bestürzt, aber zu furchtsam sie zu verweigern, und sie doch ungern erfüllend, suchte er lange in der pelzbesetzten Tasche, überlegend, wie viel wohl eine Hand voll ausmachen könnte. Doch der Prinz beugte sich vom Pferde, und machte Isaaks Unentschlossenheit ein Ende, indem er selbst ihm die Tasche von der Seite riß, Wamba einige Goldstücke daraus zuwarf und dann seinen Weg um die Schranken fortsetzte. So überließ er den Juden dem Hohn seiner Umgebung und erntete dazu so viel Beifall von den Zuschauern, als wenn er die ehrenhafteste und ritterlichste That vollbracht hätte.
Kapitel VIII
Dann stößt der Forderer mit grimmem Trotze
In die Trommete; der Geforderte
Antwortet ihm; es dröhnen die Gefilde,
Des hohen Himmels Wölbung hallt es wieder.
Visiere zu, die Lanzen eingelegt,
Gerichtet auf des Feindes Helm und Helmbusch,
So sprengen von den Schranken beide fort
Und mindern rasch den Raum, der sie geschieden.
Palamon und Arcite.
In der Mitte seines Weges hielt Prinz Johann plötzlich an, wandte sich an den Prior von Jorvaulx und erklärte, das vorzüglichste Geschäft des Tages sei vergessen worden.
»Bei meiner Seligkeit, Herr Prior,« sagte er, »wir haben vergessen, die Herrin der Liebe und Schönheit zu ernennen, durch deren weiße Hand die Palme ertheilt werden soll. Ich meines Theils bin in meinen Ansichten freisinnig, und es soll mir gar nicht darauf ankommen, meine Stimme der schwarzäugigen Rebekka zu geben.«
»Heilige Jungfrau,« antwortete der Prior, indem er mit Entsetzen die Augen aufschlug, »einer Jüdin! Wir verdienten mit Steinen aus den Schranken gejagt zu werden, und ich bin noch nicht alt genug zum Märtyrer. Uebrigens schwöre ich bei meinem Schutzpatron, daß sie der liebenswürdigen Sächsin Rowena bei weitem nachsteht.«
»Sachse oder Jude,« antwortete der Prinz, »Sachse oder Jude, Hund oder Schwein, was ist da für ein Unterschied? Ich sage, ernennt Rebekka, und wäre es auch nur, um die Sachsenlümmel zu kränken.«
Ein Murren erhob sich jetzt sogar unter seinen nächsten Gefolgsleuten.
»Das geht über den Spaß, Mylord,« sagte de Bracy; »kein Ritter wird seine Lanze einlegen, wenn man einen solchen Schimpf beabsichtigt.«
»Es wäre das reine Uebermaß der Beleidigung,« sagte einer der ältesten und einflußreichsten Begleiter des Prinzen Johann, Waldemar von Fitzurse, »und wenn Ew. Hoheit dennoch den Versuch dazu machen, kann derselbe für Eure Pläne nur verderblich werden.«
»Ich geb Euch Unterhalt, Herr,« sagte Johann und zog den Zügel seines Rosses an, »als meinem Gefolgsmann, nicht als meinem Rathgeber.«
»Diejenigen, welche Ew. Hoheit auf den Wegen folgen, die Ihr wandelt,« sagte Waldemar mit gedämpfter Stimme, »erwerben sich das Recht von Rathgebern. Ihre eigne Sicherheit und ihr Interesse ist dabei eben so sehr im Spiele wie das Eure.«
Aus dem Tone, mit welchem der Mann sprach, ersah Johann die Nothwendigkeit, nachzugeben. »Ich habe ja nur gescherzt,« meinte er, »und ihr fahret gleich auf mich los wie Nattern. Ins Teufels Namen, ernennt wen ihr Lust habt, und handelt wie ihr wollt.«
»Nein, nein,« sagte de Bracy, »lasset den Thron der schönen Herrscherin unbesetzt bleiben, bis der Sieger bestimmt ist, und dann mag dieser die Dame wählen, die ihn einnehmen soll. Es wird seinem Triumph einen zweiten hinzufügen, und die schönen Damen lehren, die Liebe tapfrer Ritter zu schätzen, die sie zu solcher Auszeichnung zu erheben vermögen.«
»Wenn Brian de Bois-Guilbert den Preis gewinnt,« sagte der Prior, »so will ich meinen Rosenkranz verwetten, daß ich die Königin der Liebe und Schönheit zu nennen weiß.«
»Bois-Guilbert,« antwortete de Bracy, »führt eine gute Lanze; doch es sind andere beim Turnier, Herr Prior, die nicht fürchten, ihm zu begegnen.«
»Still, ihr Herren,« sagte Waldemar, »und lasset den Prinzen seinen Sitz einnehmen. Die Ritter und Zuschauer sind beide ungeduldig; die Zeit verrinnt, und es ist in der Ordnung, daß das Waffenfest jetzt beginne.«
Obgleich Prinz Johann noch kein Monarch war, so hatte er doch an der Person des Fitzurse all Unbequemlichkeiten eines begünstigten Ministers, der, indem er seinem Souverän dient, es stets in seiner eignen Weise thun muß. Der Prinz willigte ein, obgleich seine Stimmung genau der Art war, daß er sich über Kleinigkeiten ärgerte; er nahm seinen Thron ein, und gab, umringt von seinen Begleitern, den Herolden das Signal, die Gesetze des Turniers zu verlesen, die in Kürze folgendermaßen lauteten:
Erstens: die fünf Herausforderer sollten es mit allen aufnehmen, die sich ihnen stellten.
Zweitens: jeder Ritter, welcher kämpfen wollte, könnte einen von den Herausforderern als seinen Gegner dadurch erwählen, daß er dessen Schild mit seiner Lanze berührte. Thue er das mit der umgekehrten Lanze, so solle der Kampf mit den sogenannten Höflichkeitswaffen geschehen, das heißt, mit Lanzen, an deren Spitzen ein Brettchen mit der flachen Seite befestigt war, so daß keine andere Gefahr entstand, als die, welche der Stoß für Pferd und Reiter mit sich brachte. Würde jedoch der Schild mit dem scharfen Ende der Lanze berührt, so sollte der Kampf auf Leben und Tod geführt werden, das heißt, die Ritter sollten dann mit scharfen Waffen wie in der wirklichen Schlacht fechten.
Drittens: wenn die gegenwärtigen Ritter ihr Gelübde dadurch erfüllt hätten, daß jeder fünf Lanzen gebrochen, so sollte der Prinz den Sieger im Turnier des ersten Tages proclamiren, der als Preis ein Schlachtroß von ausgesuchter Schönheit und unvergleichlicher Stärke erhalten solle; und außer dieser Belohnung der Tapferkeit, wurde jetzt erklärt, solle er die besondere Ehre haben, die Königin der Liebe und Schönheit zu ernennen, die am folgenden Tage den Preis auszutheilen hätte.
Viertens wurde verkündigt, daß am zweiten Tage ein allgemeines Turnier stattfinden solle, woran alle gegenwärtigen Ritter, die begierig wären Ruhm zu erwerben, Theil nehmen könnten. Die erwählte Königin der Liebe und Schönheit sollte dann den Ritter, den der Prinz am folgenden Tage für den tapfersten erklären werde, mit einer Krone, die aus dünnen Goldplatten in Gestalt eines Lorbeerkranzes gefertigt war, krönen. An diesem zweiten Tage sollten die ritterlichen Spiele enden. Am dritten Tage sollte noch ein Bogenschießen, Stierhetzen und andere Volksbelustigungen stattfinden.
Auf diese Weise suchte Prinz Johann den Grund zur Volksgunst zu legen, die er aber immer wieder durch unüberlegte herausfordernde Handlungen verscherzte, mit denen er die Gefühle und Vorurtheile des Volks verletzte.
Die Herolde schlossen ihre Proklamation mit dem gewöhnlichen Ruf: »Largesse, Largesse, tapfere Ritter!« und Gold- und Silberstücke regneten von den Gallerien auf sie nieder, da es ein Ehrenpunkt der Ritterschaft war, Freigebigkeit gegen diejenigen an den Tag zu legen, welche jenes Zeitalter zugleich als die Secretäre und die Archivare des Ruhms ansah. Die Freigebigkeit der Zuschauer wurde durch den gewöhnlichen Zuruf anerkannt: »Liebe den Damen – Ehre den Großmüthigen – Ruhm den Tapfern!« wozu die geringeren Zuschauer ihren Ruf und ein zahlreiches Musikchor einen Tusch kriegerischer Instrumente hinzufügten. Als Schweigen eingetreten war, zogen sich die Herolde in bunter und schimmernder Procession aus den Schranken zurück, in denen niemand zurückblieb, außer den Marschällen, welche vom Kopf bis zum Fuß geharnischt, zu Pferde, bewegungslos wie Statuen an dem entgegengesetzten Ende der Schranken standen. Unterdessen füllte sich der umfriedigte Raum am nördlichen Ende der Schranken, so groß er war, ganz mit Rittern an, welche ihre Geschicklichkeit gegen die Herausforderer beweisen wollten. Von den Gallerien betrachtet, gewährten sie den Anblick eines wogenden Meeres von Federbüschen, untermischt mit blitzenden Helmen und langen Lanzen, an deren äußersten Spitzen zuweilen ein schmales Fähnlein flatterte, das die Lebendigkeit des Gemäldes sehr erhöhte.
Endlich öffneten sich die Barrieren, und fünf durchs Loos gewählte Ritter zogen langsam auf den Kampfplatz; einer an der Spitze, die andern paarweise folgend. Alle waren glänzend bewaffnet. Wie umständlich auch die sächsischen Quellen alle Sinnsprüche, Farben und Stickereien selbst an den Schabracken der Pferde beschreiben, ist es doch unnöthig, hier auf alle Einzelnheiten einzugehen.
Der Ritter ward zu Staube,
Sein Schwert dem Rost zum Raube,
Und selig er, das ist mein Glaube.
Längst sind ihre Wappenschilde von den Mauern ihrer Schlösser herabgefallen, ihre Schlösser selbst nur noch Ruinen, oft kaum die Stelle noch bekannt, wo sie einst gestanden, und manche Generation ist seitdem ausgestorben und vergessen in demselben Lande, wo sie einst als mächtige Lehensträger und Besitzer herrschten. Was könnte es dem Leser helfen, jetzt ihre Namen oder die schwindenden Symbole ihres kriegerischen Ranges kennen zu lernen?
Unbeeinflußt durch den Gedanken an die Vergessenheit, die sie und ihre Thaten erwartete, ritten die Kämpfer durch die Schranken, ihre muthigen Rosse anhaltend und sie zu langsamer Gangart nöthigend, indeß sie zugleich alle Geschicklichkeit und den Anstand guter Reiter zeigten. Als der Zug in die Schranken trat, ließ sich eine wilde barbarische Musik hinter den Zelten der Herausforderer, wo die Musiker verborgen waren, vernehmen. Sie war morgenländischen Ursprungs, aus dem gelobten Lande mit zurückgebracht, und schien in der Vermischung mit Cymbeln und Glöckchen den Eintretenden ein Willkommen und die Herausforderung zugleich entgegenzurufen. Unter den auf sie gerichteten Blicken einer unermeßlichen Menge von Zuschauern ritten die fünf Ritter der erhöhten Stelle zu, wo die Zelte der Herausforderer standen. Hier sich trennend, berührte jeder einzelne mit der umgekehrten Lanze leicht den Schild desjenigen Gegners, den er sich erlesen hatte. Die niedere Klasse der Zuschauer im allgemeinen, ja sogar manche von höherem Stande, und man sagt, selbst einige Damen wären unzufrieden gewesen, daß die Kämpfer nur die Waffen der Höflichkeit gewählt hatten. Denn dieselbe Art Leute, die gegenwärtig dem grausigsten Trauerspiele den meisten Beifall schenkt, interessirte sich zu jener Zeit für ein Turnier meistens nach dem Grade der Gefahr, dem sich die Kämpfenden dabei aussetzten.
Als die Kämpfer einander ihre friedliche Absicht zu erkennen gegeben hatten, zogen sie sich an das Ende der Schranken zurück, wo sie in einer Linie aufgestellt blieben. Die Herausforderer aber, jeder aus seinem Zelte hervortretend, bestiegen ihre Rosse und ritten, angeführt von Brian de Bois-Guilbert, die erhöhte Ebene hinab, indem sie sich jeder einzeln den Rittern entgegenstellten, die ihre Schilde soeben berührt hatten.
Beim Schalle der Hörner und Trompeten sprengten sie jetzt auf einander los, und die Geschicklichkeit oder das Glück der Herausforderer war so groß, daß diejenigen, welche auf Bois-Guilbert, Malvoisin und Front de Boeuf stießen, sogleich zu Boden geworfen wurden. Der Gegner Grantmesnils, statt seine Lanze an dem Helm oder dem Schild seines Gegners zu zerbrechen, irrte dergestalt von der geraden Linie ab, daß er dieselbe quer an der Person des Feindes zerbrach, ein Umstand, der für noch schimpflicher gehalten wurde, als aus dem Sattel geworfen zu werden. Der fünfte Ritter allein rettete die Ehre der Partei, und im Zusammentreffen mit dem Johanniterritter zersplitterten beide Lanzen, ohne daß einer einen Vortheil davon hatte.
Das Freudengeschrei der Menge, nebst den Ausrufungen der Herolde und dem Klange der Trompeten verkündigten den Triumph der Sieger, sowie die Niederlage der Besiegten. Die erstern zogen sich in ihre Zelte zurück, und die letztern, so gut es gehen wollte, sich zusammenraffend, entfernten sich beschämt und verhöhnt aus den Schranken, um sich mit den Siegern wegen des Lösegeldes für ihre Rüstungen und Rosse zu besprechen, die nach den Turniergesetzen verwirkt waren; der fünfte allein weilte lange genug in den Schranken, um den Beifall der Zuschauer einzuernten, und zog sich zum Verdruß seiner Gefährten langsam von dem Kampfplatze zurück.
Es rückte nun eine zweite und dritte Partei von Rittern ins Feld; und ob sie gleich manchen Vortheil errangen, so blieb doch im ganzen der Vorzug auf der Seite der Herausforderer, da nicht einer aus dem Sattel gehoben wurde oder fehlgestoßen hatte, ein Unglück, das dem einen oder dem andern ihrer Gegner bei jedem Zusammentreffen begegnet war. Der Kampfesmuth war daher auch sehr gesunken. Beim vierten Gange erschienen nur drei Ritter, und diese begnügten sich, die Schilde von Bois-Guilbert und Front de Boeuf vermeidend, die der drei andern Ritter zu berühren, welche lange nicht so viel Kraft und Geschicklichkeit bewiesen hatten. Diese listige Auswahl störte indessen das Schicksal des Kampfes nicht, die Herausforderer blieben immer im Vortheil. Die Gegner wurden alle drei besiegt, indem der eine aus dem Sattel gehoben wurde und die andern fehlstießen, d.h. Helm und Schild der Gegner nicht fest und sicher trafen.
Nach diesem vierten Gange erfolgte eine beträchtliche Pause. Es schien, als wolle niemand weiter den Kampf erneuern. Die Zuschauer murrten unter einander, denn unter den Herausforderern waren Malvoisin und Front de Boeuf wegen ihres Charakters beim Volke nicht beliebt, und die andern waren es als Fremde und Ausländer eben so wenig.
Keiner aber empfand das Gefühl des allgemeinen Mißvergnügens tiefer als Cedric der Sachse, der in jedem erneuerten Triumphe der Normänner einen wiederholten Sieg über Englands Ehre sah. Seine eigene Erziehung hatte ihm keine Geschicklichkeit in den Ritterspielen verliehen, ob er gleich mit den Waffen seiner sächsischen Vorfahren sich bei manchen Gelegenheiten als ein tapferer und entschlossener Krieger bewiesen hatte. Aengstlich blickte er auf Athelstane, der die Vorzüge seiner Zeit sich zu eigen gemacht hatte, als wünsche er, dieser möchte doch einen Versuch machen, den Sieg wieder zu erringen, der jetzt in die Hände des Tempelherrn und seiner Gefährten gekommen war; allein obgleich wacker an Muth und kräftig von Person, hatte Athelstane doch eine zu große Neigung zu Unthätigkeit, und war zu wenig ehrgeizig, um Versuche zu machen, wie sie Cedric von ihm zu erwarten schien.
»Der Tag ist gegen England, Mylord,« sagte Cedric mit ausdrucksvollem Tone, »fühlt Ihr keine Neigung, die Lanze zu ergreifen?«
»Morgen,« versetzte Athelstane, »morgen will ich einen Gang im Mêlée thun, heute ists nicht der Mühe werth, mich zu waffnen.«
Zweierlei mißfiel Cedric an der Rede. Sie enthielt das normännische Wort Mêlée, um den allgemeinen Kampf auszudrücken, und dann verrieth sich darin eine gewisse Gleichgültigkeit gegen die Ehre des Vaterlandes. Doch sie kam von Athelstanew, und den hielt er so hoch, daß er auch seine Schwächen nicht zu tadeln wagte. Auch hatte er nicht Zeit, eine Bemerkung zu machen, denn Wamba fiel mit der Aeußerung dazwischen, daß es besser, aber schwerlich leichter sei, der beste unter hunderten als der beste von zweien zu sein.
Athelstane nahm dies für ein ernsthaftes Compliment, aber Cedric, der seines Narren Meinung besser verstand, warf diesem einen strengen und drohenden Blick zu. Es war ein Glück für Wamba, daß Zeit und Ort seinen Herrn verhinderten, ihm fühlbarere Zeichen seines Zornes zu geben.
Die Pause in dem Turnier war noch nicht unterbrochen, außer von den Stimmen der Herolde, welche riefen: »Liebe der Damen! zersplitterte Lanzen! Tretet vor, tapfere Ritter, schöne Augen sehen auf eure Thaten!«
Auch die Musik der Herausforderer schmetterte von Zeit zu Zeit kräftige Töne des Triumphes oder Hohns in die Lüfte, während das Volk murrte, daß dieser Feiertag in Unthätigkeit vergehe, und alte Ritter und Edle flüsternd über den Verfall des kriegerischen Geistes klagten, von den Triumphen ihrer jüngern Tage sprachen, aber eingestanden, daß das Land jetzt keine Damen von so glänzender Schönheit liefere, wie sie früher die Turniere belebt und verherrlicht hätten. Prinz Johann sprach schon zu seinen Begleitern davon, Anstalten zu dem Bankett zu treffen, und von der Nothwendigkeit, Brian de Bois-Guilbert den Preis zuzuerkennen, der mit einer einzigen Lanze zwei Ritter zu Boden geworfen und einen dritten entwaffnet hatte.
Als endlich die saracenische Musik ein Stück schloß, mit dem sie das Schweigen in den Schranken unterbrochen hatte, wurde dasselbe von einer einzigen Trompete beantwortet, die vom nördlichen Ende her einen Herausforderungstusch blies. Aller Augen richteten sich dorthin, um den neuen Kämpfer zu sehen, den diese Töne ankündigten. Dieser ritt, sobald die Schranken geöffnet waren, in den Kampfplatz. So weit man einen Mann in Rüstung beurtheilen kann, war der neue Abenteurer nicht viel über mittlerer Größe und schien eher schlank als stark gebaut zu sein. Sein Harnisch war von Stahl, reich mit Gold ausgelegt, und die Devise auf dem Schilde war ein junger Eichbaum, der mit der Wurzel ausgerissen war, mit dem spanischen Worte Desdichado, der Enterbte. Er ritt ein muthiges schwarzes Roß, und auf dem Wege durch die Schranken begrüßte er anmuthig die Damen, indem er seine Lanze senkte. Die Gewandtheit, mit der er sein Roß tummelte und ein Grad von jugendlicher Grazie, den er in seinem Benehmen zeigte, gewannen ihm die Gunst der Menge, welche einige von den niedern Klassen in Worten ausdrückten, indem sie ihm zuriefen: »Berührt Ralph de Viponts Schild, berührt des Hospitaliters Schild; er sitzt am wenigsten sicher im Sattel, den habt Ihr am billigsten.«
Indessen sprengte der Reiter weiter die Platform hinauf, ritt zum Erstaunen aller gerade auf das mittlere Zelt zu und schlug mit dem scharfen Ende seiner Lanze an den Schild des Brian de Bois-Guilbert, daß er laut ertönte. Alle waren erstaunt ob dieser Kühnheit, keiner aber mehr, als der Gefürchtete selber, der so zum tödtlichen Kampfe herausgefordert war, und der, eine so rauhe Forderung nicht erwartend, sorglos an der Thüre seines Zeltes stand.
»Habt Ihr gebeichtet, Kamerad?« fragte der Tempelherr, »und habt Ihr diesen Morgen die Messe gehört, daß Ihr so kühn Euer Leben wagt?«
»Ich bin besser auf den Tod vorbereitet als Du,« antwortete der enterbte Ritter, denn unter diesem Namen hatte der Fremde sich in das Turnierbuch eintragen lassen.
»Dann nehmt Euren Platz in den Schranken,« sagte Bois-Guilbert, »und seht Euch noch zum letztenmal die Sonne an, denn diese Nacht werdet Ihr im Paradiese schlafen.«
»Großen Dank für die Höflichkeit,« versetzte der enterbte Ritter, »und um sie zu vergelten, rathe ich Dir, ein frisches Pferd und eine neue Lanze zu nehmen, denn bei meiner Ehre, Du wirst beides nöthig haben.«
Nachdem er sich so zuversichtlich ausgesprochen hatte, lenkte er sein Pferd wieder die Anhöhe hinunter, und dann durch die Schranken zurück bis ans nördliche Ende derselben, wo er in Erwartung seines Gegners halten blieb. Seine Geschicklichkeit im Reiten verschaffte ihm von neuem den Beifall der Menge.
So aufgebracht auch Brian de Bois-Guilbert gegen seinen Gegner wegen der Vorsichtsmaßregeln war, die er ihm anempfohlen hatte, er vernachlässigte dennoch seinen Rath nicht, denn seine Ehre stand zu sehr auf dem Spiele, als daß er irgend ein Mittel hätte versäumen sollen, welches ihm den Sieg über seinen kühnen Gegner verschaffen könnte. Er vertauschte sein Pferd gegen ein anderes von erprobter Kraft und Kühnheit, er wählte eine neue Lanze von zähem Holze, aus Furcht, der Schaft der vorher gebrauchten möchte bei den früheren Kämpfen gelitten haben. Endlich legte er seinen Schild weg, der ein wenig beschädigt war, und ließ sich einen andern von seinem Knappen geben. Der erste Schild hatte nur eine allgemeine Devise getragen. Sie stellte zwei Ritter vor, die auf einem Pferde saßen, womit die ursprüngliche Demuth und Armuth der Templer dargestellt werden sollte, Eigenschaften, die sie längst gegen Anmaßung und Luxus vertauscht hatten, und welche ihren endlichen Untergang herbeiführten. Bois-Guilberts neuer Schild hatte als Devise einen Raben in vollem Fluge, der einen Schädel in den Klauen trug, mit der Unterschrift: Gare le Corbeau, Nimm dich vor dem Raben in Acht!
Als die beiden Kämpfer an den äußersten Enden der Schranken einander gegenüberstanden, war die allgemeine Erwartung aufs höchste gespannt. Wenige dachten an die Möglichkeit, daß der Kampf für den enterbten Ritter glücklich enden könne, doch sein Muth und seine Tapferkeit gaben den allgemeinen guten Wünschen der Zuschauer eine gewisse Garantie.
Die Trompeten hatten nicht sobald das Signal verkündet, als die Kämpfer auch mit Blitzesschnelle von ihren Posten verschwanden und in der Mitte des Platzes mit Donnergewalt zusammenstießen. Die Lanzen zersplitterten bis an den Handgriff, und im ersten Augenblick schien es, als wären beide Ritter gestürzt, denn beide Rosse wichen zurück und setzten sich auf die Hacken. Die Reiter brachten sie durch Anwendung des Zügels und der Sporen sogleich wieder zum Stehen, und nachdem sie einander mit Augen angesehen hatten, die Feuer durch die Oeffnungen ihrer Visiere zu sprühen schienen, machten beide eine halbe Volte, zogen sich an das Ende der Schranken zurück, und empfingen eine neue Lanze von den Dienern.
Ein lauter Zuruf der Zuschauer, sowie das Wehen der Schärpen und Tücher bewies den allgemeinen Antheil, den man an diesem Kampfe nahm, es war der gleichste und am besten ausgeführte, der an diesem Tage vorgekommen war. Aber sobald die Ritter wieder ihre Stellung eingenommen hatten, entstand eine so tiefe Stille, als ob die Menge zu athmen fürchtete.
Nachdem man den Kämpfern und ihren Rossen eine Pause von wenigen Minuten gestattet hatte, um Athem zu schöpfen, gab Prinz Johann den Trompetern mit seinem Commandostabe das Zeichen, zum Angriff zu blasen. Die Kämpfer eilten wieder von ihren Plätzen fort und trafen mit derselben Schnelligkeit, mit derselben Geschicklichkeit und derselben Gewalt, aber nicht mit demselben Glück wie vorher, in der Mitte des Platzes zusammen.
Bei diesem zweiten Zusammentreffen zielte der Templer nach dem Mittelpunkte des Schildes seines Gegners und traf ihn so genau und gewaltsam, daß die Lanze zersplitterte, und der enterbte Ritter im Sattel schwankte. Dieser hatte beim Beginn des Anrennens die Spitze seiner Lanze auf Bois-Guilberts Schild gerichtet, im Augenblicke des Zusammentreffens aber veränderte er sein Ziel, und richtete sie auf den Helm seines Gegners, ein schwerer zu treffendes Ziel, das aber, einmal getroffen, den Stoß um so gefährlicher machte. Sicher traf er das Visier des Normannen und die Lanzenspitze faßte die Stangen desselben. Doch selbst bei diesem Nachtheil behauptete der Templer seinen hohen Ruf, und wären nicht die Gurten seines Sattels zerrissen, er wäre vielleicht nicht heruntergeworfen worden. So aber rollten Sattel, Pferd und Mann in einer Staubwolke auf den Boden.
Sich von den Steigbügeln und dem gestürzten Rosse frei zu machen, war für den Templer das Werk kaum eines Augenblicks, und theils durch seine Schande, theils durch den lauten Zuruf der Menge fast zum Wahnsinn gebracht, zog er sein Schwert und bot damit seinem Sieger Trotz. Der enterbte Ritter sprang vom Pferde und zog ebenfalls sein Schwert. Doch die Marschälle sprengten dazwischen und erinnerten sie, daß die Gesetze des Turniers gegenwärtig eine solche Art des Kampfes nicht gestatteten.
»Wir werden uns wieder treffen, hoffe ich,« sagte der Templer, indem er einen rachevollen Blick auf seinen Gegner warf, »und zwar wo niemand uns trennt.«
»Wenn es nicht geschieht,« sagte der enterbte Ritter, »so wird es wenigstens nicht meine Schuld sein. Zu Fuß oder zu Pferd, mit Lanze, Streitaxt oder Schwert bin ich gleich bereit, mit Dir zu kämpfen.«
Sie würden noch mehr und zornigere Worte gewechselt haben, doch die Marschälle kreuzten ihre Lanzen zwischen ihnen und nöthigten sie, sich zu trennen. Der enterbte Ritter kehrte zu seiner ersten Stellung zurück und Bois-Guilbert in sein Zelt, woselbst er den übrigen Theil des Tages in qualvoller Verzweiflung verbrachte.
Ohne von seinem Pferde abzusteigen, befahl der Sieger mit lautem Ruf, ihm einen Becher Wein zu bringen, öffnete den untern Theil seines Visiers, und fügte, als er ihn leerte, hinzu: »Allen treuen englischen Herzen vaes hael, Untergang den fremden Tyrannen!« Dann ließ er wieder seine Trompete schmettern und bat einen Herold, den Herausforderern anzukündigen, daß er keine Wahl treffen werde, sondern bereit sei, in der Ordnung mit ihnen zu kämpfen, wie sie sich ihm stellen würden.
Der riesenhafte Front de Boeuf, in eine schwarze Rüstung gekleidet, war der erste, der auf den Kampfplatz trat. Auf weißem Schilde trug er einen schwarzen Stierkopf, halb verwischt von den zahlreichen Kämpfen, die er bestanden hatte, und mit der anmaßenden Unterschrift versehen: Cave, adsum. Ueber diesen Kämpfer erlangte der enterbte Ritter einen geringen aber entscheidenden Vortheil. Beide Ritter brachen ihre Lanzen trefflich, doch Front de Boeuf, der bei dem Zusammenstoßen einen Steigbügel verlor, wurde für besiegt erklärt.
Bei dem dritten Kampfe des Fremden mit Sir Philipp Malvoisin war er ebenso erfolgreich. Er traf diesen Baron so gewaltsam an den Helm, daß die Bänder brachen, und Malvoisin nur dadurch vom Fall gerettet wurde, daß sein Helm herunterfiel, worauf er, gleich seinen Gefährten, für besiegt erklärt wurde.
Der vierte Kampf mit de Grantmesnil gab dem enterbten Ritter Gelegenheit, eben so viel Höflichkeit als bisher Muth und Geschicklichkeit an den Tag zu legen. De Grantmesnils Pferd war jung und scheu, und bewegte sich beim Anrennen so heftig hin und her, daß das Ziel des Ritters dadurch verrückt wurde; der Fremde aber, ohne diesen Vortheil zu benutzen, erhob seine Lanze, ritt an seinem Gegner vorbei, ohne ihn zu berühren, schwenkte sein Pferd herum und ritt wieder zu seiner Stellung am Ende der Schranken zurück, worauf er ihm durch einen Herold ein zweites Zusammentreffen anbieten ließ. De Grantmesnil lehnte ab, indem er sich eben so sehr durch die Höflichkeit, als durch die Geschicklichkeit seines Gegners für besiegt erklärte.
Ralph de Vipont machte die Reihe der Triumphe des Fremden vollständig; er wurde mit solcher Gewalt zu Boden geschleudert, daß ihm das Blut aus Nase und Mund stürzte, und er bewußtlos aus den Schranken getragen werden mußte.
Der Beifall von Tausenden begleitete die einstimmige Entscheidung des Prinzen und der Marschälle, nach welcher die Ehre des Tages dem enterbten Ritter zuerkannt wurde.
Kapitel IX
– – Und in der Mitte sah man
Mit einer majestät'schen Miene
Ein Fräulein, wie zur Königin bestimmt
Durch Wuchs und Schönheit – –
Und wie ein Reiz sie alle übertraf,
So war ihr Anzug edler auch als aller –
Ein Diadem von rothem Gold umschloß
Die Stirn – zwar einfach – aber dennoch reich
Als Zeichen ihrer Herrschaft führte sie
Den Agnus-Castuszweig in ihrer Hand
Die Blume und das Blatt.
(Chaucer.)
Die Marschälle William de Wyvil und Stephan de Martival waren die ersten, welche dem Sieger ihre Glückwünsche darbrachten, und ihn zugleich baten, sich den Helm abnehmen zu lassen, oder wenigstens sein Visier aufzuschlagen, ehe sie ihn zu dem Prinzen führten, damit er den Preis des Turniers erhalte. Der enterbte Ritter schlug diese Bitte mit aller Höflichkeit ab, indem er angab, er dürfe für jetzt sein Gesicht nicht sehen lassen, aus Gründen, die er beim Eintritt in die Schranken den Herolden bereits angegeben habe. Die Marschälle waren vollkommen mit dieser Antwort zufrieden, denn unter den häufigen und seltsamen Gelübden, wodurch sich die Ritter in jenen Tagen zu binden pflegten, war keines häufiger als das, daß sie sich verbindlich machten, auf eine gewisse Zeit unerkannt zu bleiben, bis ein bestimmtes Abenteuer vollbracht sei. Die Marschälle drängten sich daher nicht weiter in das Geheimniß des enterbten Ritters, sondern kündigten dem Prinzen Johann den Wunsch des Siegers an, unerkannt zu bleiben, und baten um die Erlaubniß, ihn vor Seine Hoheit führen zu dürfen.
Johanns Neugierde war erregt durch das Geheimniß, welches der Fremde beobachtete, und da er schon unzufrieden über den Ausgang des Turniers war, so antwortete er den Marschällen hochfahrend: »Bei unserer Dame, dieser Ritter hat seine Höflichkeit ebenso gut wie seine Besitzungen durch die Enterbung verloren, da er vor uns mit bedecktem Gesicht zu erscheinen wünscht. – Wißt ihr, Mylords,« sagte er zu seiner Begleitung gewendet, »wer dieser Tapfere sein mag, der sich so stolz beträgt?«
»Ich kann es nicht errathen,« antwortete de Bracy, »auch habe ich nicht gedacht, daß es innerhalb der vier Seen, welche Britannien einschließen, einen Kämpfer geben könne, der diese fünf Ritter an einem Tage zu besiegen vermöchte. Meiner Treu, ich vergesse in meinem Leben nicht, mit welcher Gewalt er de Vipont niederwarf. Der arme Hospitaliter wurde aus dem Sattel geworfen, wie ein Stein aus der Schleuder.«
»Prahlt nur nicht damit,« sagte ein Johanniterritter, »Euer Templer hatte kein besseres Glück! Ich sah es wohl, wie sich Bois-Guilbert dreimal überschlug und jedesmal mit den Händen in den Sand griff.«
Bracy, der es mit den Templern hielt, wollte erwidern, wurde aber von Prinz Johann verhindert, welcher sagte: »Still, ihr Herren! Wir streiten uns hier nutzlos!«
»Der Sieger,« begann de Wyvil, »wartet noch immer, ob es Eurer Hoheit gefällig wäre –«
»Es ist uns gefällig,« versetzte Johann, »daß er so lange warten soll, bis einer hier seinen Namen und Rang errathen hat. Sollte er bis zur Nacht hier bleiben, so wird er genug zu thun haben, sich warm zu halten.«
»Eure Hoheit,« sagte Waldemar Fitzurse, »erweist dem Sieger weniger als die schuldige Ehre, wenn Ihr ihn zu warten nöthigt, bis wir Euch sagen, was wir nicht errathen können. Ich wenigstens wüßte nicht, auf wen ich rathen sollte – es müßte denn einer von den wackern Kämpen sein, die König Richard begleiteten, und die jetzt im Begriffe sein sollen, aus dem gelobten Lande heimzukehren.«
»Es könnte der Graf von Salisbury sein,« sagte Bracy, »der hat ungefähr dieselbe Größe.«
»Eher wohl Sir Thomas de Multon, der Ritter von Gilsland,« sagte Fitzurse, »Salisbury hat stärkere Knochen.«
Ein Geflüster erhob sich jetzt unter dem Gefolge, es könne ja der König Richard selber sein, doch erfuhr man nicht, von wem es herrühre.
»Bewahr uns Gott!« sagte Prinz Johann, und wandte sich todtenbleich und wie vom Blitz getroffen plötzlich um, indem er sagte, »Waldemar, Bracy, tapfere Ritter und Edle, denkt an Euer Versprechen und steht mir treulich bei.«
»Die Gefahr ist noch nicht so nahe,« sagte Waldemar Fitzurse, »seid Ihr denn so wenig mit der riesenhaften Gestalt von Eures Vaters Sohn bekannt, daß Ihr glaubt, er lasse sich in den Umfang einer solchen Rüstung wie die des Fremden einschließen? – Ihr, de Wyvil und Martival, würdet dem Prinzen einen Dienst leisten, wenn Ihr den Sieger sogleich zum Throne führtet, und so einen Irrthum endetet, der alles Blut aus den Wangen des Prinzen getrieben hat. Seht ihn nur genauer an,« fuhr er zu dem letzteren gewendet fort, »Eure Hoheit wird dann finden, daß ihm noch drei Zoll an Richards Höhe und zweimal so viel an der Breite der Schultern fehlen. Das Roß, welches er reitet, hätte auch den König Richard nicht in einem einzigen Gange zu tragen vermocht.«
Die Marschälle führten unterdeß den enterbten Ritter zu dem Fuße einer hölzernen Treppe, die aus den Schranken zu Johanns Throne hinaufführte. Immer noch durch den Gedanken beunruhigt, daß sein Bruder, der so beleidigte Bruder, dem er so sehr verpflichtet war, plötzlich in sein Vaterland zurückgekehrt sein möchte, konnte er selbst trotz der von Fitzurse angegebenen Unterscheidungszeichen seine Befürchtungen nicht ganz unterdrücken; und indem er, nach einer kurzen und befangenen Lobrede auf des Ritters Tapferkeit, befahl, ihm das als Preis ausgesetzte Schlachtroß zu überliefern, fürchtete er, aus dem noch immer geschlossenen Visiere des geharnischten Mannes eine Antwort der tiefen und achtunggebietenden Stimme des löwenherzigen Richard zu vernehmen.
Doch der enterbte Ritter erwiderte kein Wort auf des Prinzen Compliment, er dankte nur durch eine tiefe Verbeugung.
Dann wurde das Roß von zwei reich gekleideten Dienern in die Schranken eingeführt. Es war mit dem reichsten Geschirr versehen, wodurch es indeß in den Augen der Kenner nichts an Werth gewinnen konnte. Der enterbte Ritter legte sogleich die eine Hand auf den Sattelknopf, schwang sich mit der andern, ohne den Steigbügel zu berühren, auf den Rücken des Thieres, und ritt mit geschwungener Lanze und der Geschicklichkeit eines vollendeten Reiters zweimal um die Schranken.
Der Schein von Eitelkeit, den dies sonst wohl hätte erwecken können, wurde dadurch aufgehoben, daß er sich das Ansehn gab, als wolle er den Preis, den er soeben von dem Prinzen empfangen hatte, im vortheilhaftesten Lichte zeigen, und so gewann der Ritter auch dadurch den Beifall der ganzen Versammlung.
Indeß hatte der unruhige Prior von Jorvaulx den Prinzen leise erinnert, daß der Sieger nun auch, nachdem er seine Tapferkeit an den Tag gelegt, seinen Geschmack darin zeigen müsse, daß er unter den Schönheiten, welche die Gallerien zierten, eine Dame wählte, die den Thron der Königin der Liebe und Schönheit einnehmen und den Preis des Turniers am folgenden Tage ertheilen könnte. Als der Ritter daher im zweiten Umgang um die Schranken an ihm vorüberkam, machte er ein Zeichen mit dem Stabe, worauf sich jener sogleich nach dem Thron wandte, und während er die Lanze bis auf einen Fuß vom Boden senkte, das feurige Roß aus der vollen Belegung zur Ruhe einer Bildsäule zu bringen wußte.
»Herr enterbter Ritter,« sagte Prinz Johann, »denn nur mit diesem Titel können wir Euch anreden, es ist jetzt Eure Pflicht, sowie Euer Vorrecht, die schöne Dame zu ernennen, welche als Königin der Ehre und Schönheit bei der Festlichkeit des nächsten Tages den Vorsitz führen soll. Wenn Ihr, als Fremder in unserm Lande, des Urtheils anderer bedürfen solltet, um das Eurige zu leiten, so können wir Euch nur sagen, daß Alicia, die Tochter unsers tapfern Ritters Waldemar Fitzurse, an unserm Hofe längst als die erste Schönheit anerkannt ist. Dennoch ist es Euer unbezweifeltes Vorrecht, diese Krone zu verleihen, wem Ihr wollt; durch die Ueberreichung derselben an die Dame Eurer Wahl ist die Königin auf morgen in aller Form bestimmt. – Erhebt Eure Lanze!«
Der Ritter gehorchte, und Prinz Johann steckte an die Spitze derselben einen mit einem Goldreif umfaßten Kranz von grünem Seidenzeug, dessen oberer Rand mit Pfeilspitzen und Herzen besetzt war, die so wechselten wie die Blätter und Kugeln auf einer Herzogskrone.
Zu dem handgreiflichen Winke hinsichtlich Waldemar Fitzurses Tochter hatte Johann mehr als einen Beweggrund, die alle aus einem Gemüthe entsprangen, das eine seltsame Mischung von Sorglosigkeit, Anmaßung, niedrigen Kunstgriffen und Verschlagenheit darstellte. Er wünschte aus der Erinnerung der Ritter, die ihn umgaben, den unpassenden und unschicklichen Scherz hinsichtlich der Jüdin Rebekka zu verbannen, er wünschte ferner Alicias Vater sich zu verbinden, vor dem er eine gewisse Furcht empfand, und der sich im Verlaufe des Tages mehr als einmal unzufrieden gezeigt hatte. Auch hegte er den Wunsch, sich bei der Dame in Gunst zu setzen, denn Johann war wenigstens ebenso ausschweifend in seinen Vergnügungen als ungebändigt in seinem Ehrgeiz. Aber außer all diesen Gründen war er begierig, dem enterbten Ritter, gegen den er bereits einen heftigen Widerwillen hegte, einen mächtigen Feind in der Person des Waldemar Fitzurse entgegenzustellen, der, wie er dachte, die seiner Tochter zugefügte Beleidigung ohne Zweifel nicht ungerächt lassen werde, im Fall der Sieger, was nicht unwahrscheinlich war, eine andere Wahl treffen sollte.
Und so geschah es. Der enterbte Ritter sprengte an der Gallerie vorüber, die sich dicht neben der des Prinzen befand, und in welcher Lady Alicia in dem vollen Stolze triumphirender Schönheit saß. Indem er jetzt so langsam wie vorhin rasch um die Schranken ritt, schien er sich des Rechtes bedienen zu wollen, die zahlreichen schönen Gesichter zu prüfen, die jenen glänzenden Kreis schmückten.
Endlich hielt der Ritter unter dem Balcon still, auf welchem Lady Rowena saß, und die Erwartung der Zuschauer war aufs äußerste erregt.
Man muß gestehen, daß, wenn Theilnahme an dem Erfolge den enterbten Ritter hätte bestechen können, der Theil der Schranken, bei dem er jetzt hielt, diese Auszeichnung verdient haben würde. Cedric, der Sachse, überglücklich wegen der Niederlage des Templers, und noch mehr über die Niederlage seiner beiden übelwollenden Nachbarn, Front de Boeuf und Malvoisin, hatte sich mit halbem Leibe über die Schranken gelehnt, und war dem Sieger auf jedem Gange nicht bloß mit den Augen, sondern auch mit ganzem Herzen und ganzer Seele gefolgt. Lady Rowena hatte auf das Geschick des Tages zwar mit gleicher Aufmerksamkeit geachtet, doch ohne denselben lebhaften Antheil merken zu lassen. Selbst der unbewegliche Athelstane schien seine gewöhnliche Apathie vergessen zu wollen, denn er hatte sich einen vollen Becher reichen lassen und ihn auf das Wohl des enterbten Ritters geleert.
Eine andere Gruppe unter der von den Sachsen besetzten Gallerie hatte einen nicht geringeren Antheil an dem Schicksal des Tages genommen.
»Vater Abraham!« sagte der Jude Isaak, als der erste Gang zwischen dem Templer und dem enterbten Ritter vorüber war, »wie stolz der Heide reitet! Das schöne Roß aus der Barbarei, wahrhaftig, er geht damit um, als wenns ein Waldesel wäre – und die edle Rüstung, die dem Joseph Pareira, dem mailändischen Waffenschmiede, so manche Zechine werth war, siebzig Procent Gewinn abgerechnet, um die kümmert er sich so wenig, als wenn er sie auf der Straße gefunden hätte!«
»Wenn er seine eigene Person und Glieder bei einem so furchtbaren Gefechte in Gefahr setzt, Vater,« sagte Rebekka, »da kann man wohl nicht erwarten, daß er an Roß und Rüstung denken werde.«
»Kind,« versetzte Isaak etwas erhitzt, »Du weißt nicht, was Du sprichst. Sein Hals und seine Glieder sind sein eigen, aber das Pferd und die Rüstung gehören – heiliger Jakob, was wollte ich sagen! – Nun, er ist doch ein guter Junge, sieh' Rebekka, sieh', er ist wahrlich willens, noch einmal den Gang mit dem Philister zu versuchen! Bete Kind, bete für die Rettung des guten Jünglings und um Schonung des Rosses und der reichen Rüstung. – Gott meiner Väter!« rief er abermals aus, »er hat gesiegt, und der unbeschnittene Philister ist vor seiner Lanze gefallen, wie Og, der König von Baschan, und Sihon, der König der Ammoniter vor dem Schwerte unserer Väter fielen! Gewiß wird er nun ihr Gold und ihr Silber, und ihre Streitrosse, und ihre Rüstungen von Erz und Stahl als Beute und Lohn bekommen!«
Die nämliche ängstliche Theilnahme zeigte der würdige Jude während jedes Ganges, welcher stattfand, und selten verfehlte er zu berechnen, wie viel das Pferd und die Rüstung werth sein könne, welche dem Sieger nach dem Gesetze zufielen. Man sieht daraus, daß diejenigen, welche den Theil der Schranken einnahmen, vor welchem der enterbte Ritter jetzt eben verweilte, keinen geringen Antheil an seinem Glücke genommen hatten.
Aus Unentschlossenheit oder irgend einem andern Grunde blieb der Sieger des Tages länger als eine Minute unbeweglich, während die Augen der schweigenden Versammlung fest auf ihn geheftet waren; endlich senkte er langsam und mit Grazie die Spitze seiner Lanze und legte die Krone, die daran hing, zu den Füßen der schönen Rowena nieder. Augenblicklich ertönten die Trompeten und die Herolde riefen Lady Rowena als Königin der Schönheit und Liebe für den folgenden Tag aus und drohten denen mit angemessenen Strafen, welche ihrer Herrschaft nicht den gebührenden Gehorsam leisten würden. Hierauf wiederholten sie ihre Bitte um Largesse und Cedric beantwortete diese in der Freude seines Herzens durch eine reichliche Gabe, welcher Athelstane, obgleich minder schnell, ein gleich großes Geschenk beifügte.
Unter den Damen von normännischer Abkunft ließ sich zwar einiges Gemurmel vernehmen, denn sie waren ebenso wenig gewohnt, einer sächsischen Schönheit den Vorzug zu Theil werden, als ihre Edelherren in den Spielen, die sie selber eingeführt hatten, eine Niederlage erleiden zu sehen. Indessen wurden die Aeußerungen des Mißfallens durch den lauten Ruf des Volkes unterdrückt: »Es lebe die Lady Rowena, die erwählte, gesetzmäßige Königin der Liebe und Schönheit!« Manche fügten sogar noch hinzu: »Lange lebe die sächsische Prinzessin! Lange lebe der Stamm des unsterblichen Alfred!«
Wie unangenehm diese Töne auch dem Prinzen Johann und seiner Umgebung sein mochten, so sah er sich doch genöthigt, die Wahl des Siegers zu bestätigen; er stieg sogleich zu Pferde und ritt in Begleitung seines Gefolges wieder in die Schranken. Der Prinz verweilte einen Augenblick unter der Gallerie der Lady Alicia, der er sein Compliment machte, indem er zugleich zu seiner Umgebung sagte: »Wahrlich, ihr Herren, wenn des Ritters Thaten heute auch bewiesen, daß er Glieder und Muskeln hat, so zeigt doch seine gegenwärtige Wahl, daß seine Augen eben nicht die klarsten sind.«
Bei dieser Gelegenheit, sowie in seinem ganzen Leben, hatte Prinz Johann das Unglück, den Charakter derer zu verkennen, die er für sich zu gewinnen wünschte. Waldemar Fitzurse fühlte sich mehr beleidigt als geschmeichelt dadurch, daß der Prinz so laut äußerte, seine Tochter sei verschmäht worden.
»Ich kenne kein Recht der Ritterschaft,« sagte er, »so köstlich und unveräußerlich als das jedes freien Edlings, die Dame seiner Liebe durch eigenes Urtheil zu wählen. Meine Tochter strebte nach keiner solchen Auszeichnung und wird in ihrem eigenen Charakter und in ihrer eigenen Sphäre hinreichend finden, was man ihr schuldig ist.«
Prinz Johann erwiderte nichts, sondern spornte sein Roß an und sprengte auf die Gallerie zu, wo Lady Rowena noch immer mit der Krone zu ihren Füßen saß.
»Empfangt, schöne Dame,« sagte er, »das Zeichen Eurer Herrschaft, welcher niemand aufrichtiger huldigen kann als ich selbst, Johann von Anjou; und gefällt es Euch, heute nebst Eurem edlen Vormund und Euren Freunden unser Bankett im Schlosse Ashby zu beehren, so werden wir die Herrscherin kennen lernen, der wir morgen unsere Dienste weihen sollen.«
Rowena schwieg, und Cedric antwortete an ihrer statt in seiner sächsischen Muttersprache: »Eála, hlaf-veard mîn, die Lady Rowena versteht die Sprache nicht, in der sie auf Eure Artigkeiten antworten sollte, auch weiß sie ihre Rolle bei Eurem Feste nicht zu spielen. Ich und der edle Athelstane von Coningsburgh sprechen auch nur die Sprache unserer Väter, so wie wir auch nur ihre Sitten kennen. Wir müssen daher mit Dank Eure höfliche Einladung zu dem Bankette ablehnen. Morgen aber wird Lady Rowena die Stelle übernehmen, zu der sie durch die freie Wahl des siegenden Ritters, die der Zuruf des Volks bestätigt hat, berufen ist. God beó vith eóv.«
Mit diesen Worten hob er die Krone auf, und setzte sie Rowena zum Zeichen der Annahme der ihr ertheilten zeitlichen Würde auf das Haupt.
»Was sagt er?« fragte Prinz Johann, sich stellend, als verstehe er die angelsächsische Sprache nicht, in der er doch recht wohl erfahren war. Man übersetzte ihm daher Cedrics Rede ins Französische. »Gut,« sagte er, »so wollen wir morgen selbst diese stumme Herrscherin zum Sitz ihrer Würde führen! Ihr aber, Herr Ritter,« setzte er zu dem Fremden gewendet hinzu, der noch immer dicht bei der Gallerie geblieben war, »Ihr werdet doch wenigstens heute unser Gastmahl theilen?«
Der Ritter sprach jetzt zum ersten Male in leisem und flüchtigem Tone und entschuldigte sich, indem er Ermüdung und die nöthigen Vorbereitungen zu dem morgenden Kampfe vorschützte.
»Es ist gut,« sagte Prinz Johann mit Stolz, »wenn auch an abschlägige Antworten nicht gewöhnt, wollen wir versuchen, unser Mahl zu verdauen, so gut es gehen will; selbst wenn der glücklichste Kämpfer und seine erwählte Königin der Schönheit uns nicht beehren.«
Mit diesen Worten verließ er nebst seinem glänzenden Gefolge die Schranken, und das war das Zeichen zum Aufbruch und zur Zerstreuung für sämmtliche Zuschauer.
Indeß hatte Prinz Johann mit dem rachsüchtigen Gedächtnisse, das verletztem Stolze eigen ist, besonders wenn es sich mit dem Bewußtsein verbindet, daß es ihm an eignem Verdienst fehlt, kaum einige Schritte gethan, als er, sich umsehend, das Auge voll düsteren Zornes auf dem Landsassen ruhen ließ, der ihm den ersten Theil des Tages so sehr mißfallen hatte, und den Bewaffneten, die bei ihm waren, den Befehl zurief: »Bei eurem Leben, laßt mir den Kerl nicht entschlüpfen!«
Der Landsasse stand, den glühenden Blick auf den Prinzen geheftet, mit derselben unveränderlichen Festigkeit da, die sein früheres Benehmen bezeichnet hatte, und sagte mit Lächeln: »Ich gedenke überdies Ashby nicht vor übermorgen zu verlassen; ich muß doch sehen, wie Staffordshire und Leicestershire ihre Bogen spannen, Needwood und Charnwood müssen auch gute Schützen liefern.«
»Und ich,« sagte Prinz Johann zu seinem Gefolge, ohne geradezu auf jene Rede zu antworten, »ich will sehen, wie er seinen eigenen Bogen spannt; und wehe ihm, wenn seine Geschicklichkeit nicht einigermaßen seine Ungeschliffenheit entschuldigt.«
»Es ist hohe Zeit,« sagte Bracy, »daß die outre-cuidance dieses Landvolks durch eine exemplarische Strafe gebändigt wird.«
Waldemar Fitzurse, der vermuthlich meinte, daß sein Herr nicht den geradesten Weg zur Volksgunst einschlüge, zuckte die Schultern und schwieg. Prinz Johann zog sich aus den Schranken zurück, und nun wurde das Auseinandergehen der Menge allgemein.
Kapitel X
Dem Raben gleich, dem grausen Unheilsboten,
Deß Schnabel ist des Kranken Sterbeglöcklein,
Der in dem Schatten stiller Nächte
Ansteckung von dem schwarzen Fittich schüttelt,
So eilt verwirrt, gemartert Barrabas
Mit Todesflüchen zu den Christen hin.
Der Jude von Malta.
Man hörte noch lange fernes Summen der scheidenden und lebhaft plaudernden Volkshaufen, die auf verschiedenen Straßen hinzogen.
Durch die Dunkelheit, die nun hereinbrach, glühte das Feuer vieler Oefen und kündigte die Arbeit der Waffenschmiede an, die die ganze Nacht hindurch thätig sein mußten, um bis zum Morgen die beschädigten Rüstungen herzustellen, die von neuem gebraucht werden sollten.
Eine starke Wache von Geharnischten, die alle zwei Stunden abgelöst wurde, umgab die Schranken und hielt sie während der Nacht unter strenger Obhut.
Der enterbte Ritter fand ein Unterkommen für die Nacht in einem der Zelte, das die Marschälle ihm höflich zur Benutzung überließen. Kaum war er in dies Zelt getreten, als Knappen und Pagen in Menge ihm ihre Dienste anboten, um ihn der Rüstung zu entledigen, ihm einen andern Anzug zu reichen und die Erfrischung des Bades anzubieten. Ihr Eifer wurde vielleicht durch die Neugierde erhöht; denn jeder war begierig zu erfahren, wer denn eigentlich der Ritter sei, der so viele Lorbeeren geerntet und sich doch geweigert hatte, das Visier zu öffnen oder seinen Namen zu nennen. Allein diese dienstfertige Neugier wurde diesmal nicht befriedigt. Der enterbte Ritter lehnte alle Unterstützung ab, außer der seines eigenen Knappen, eines finster aussehenden Mannes, der, in ein dunkelfarbiges, schlechtes Gewand gehüllt, und Kopf und Gesicht zur Hälfte in eine normännische Mütze von dunklem Pelzwerk begraben, seine Verkleidung eben so streng behaupten zu wollen schien als sein Herr selbst. Nachdem sich alle übrigen aus dem Zelte entfernt hatten, nahm ihm sein Diener die lästigsten Theile seiner Rüstung ab, und setzte ihm Wein und Speise vor, die ihm die Anstrengungen des Tages höchst schmackhaft machten.
Kaum hatte er sein hastiges Mahl geendet, als man ihm meldete, daß fünf Männer, von denen jeder ein Schlachtroß am Zügel führe, ihn zu sprechen wünschten. Der enterbte Ritter hatte seine Rüstung jetzt mit einem langen Gewande vertauscht, welches Leute seines Standes gewöhnlich zu tragen pflegten, und das mit einer Art Kappe versehen war, durch die man das Gesicht nach Gefallen eben so verbergen konnte, wie durch das Visier des Helmes; indessen hätte die Dunkelheit eine solche Verhüllung unnöthig gemacht, es müßte denn jemand die Züge des andern sehr genau gekannt haben.
Der enterbte Ritter begab sich demnach sogleich vor das Zelt und fand hier die Knappen der Herausforderer, die er sogleich an ihrer röthlichen und schwarzen Kleidung erkannte, und von denen jeder das Schlachtroß seines Gebieters führte, beladen mit der Rüstung, in der jeder an diesem Tage gefochten hatte.
»Gemäß den Gesetzen der Ritterschaft,« sagte der erste von ihnen, »biete ich, Balduin de Oyley, Knappe des gefürchteten Ritters Brian de Bois-Guilbert, Euch, der Ihr Euch selbst den enterbten Ritter nennt, das Roß und die Rüstung an, welche besagter Brian de Bois-Guilbert an diesem Tage des Turniers benutzt hat, entweder um selbige zu behalten oder ein Lösegeld zu bestimmen, nach Euer Gnaden Gefallen, denn solches ist das Gesetz der Waffen.«
Die andern Knappen wiederholten fast dieselbe Formel und erwarteten hierauf die Entscheidung des Ritters.
»Für euch, ihr vier Knappen,« versetzte der Ritter, indem er sich an die wendete, welche zuletzt gesprochen hatten, »und für eure ehrenwerthen und tapferen Herren habe ich nur eine gemeinsame Antwort. Empfehlt mich den edlen Rittern, euren Herren, und sagt ihnen, ich würde übel thun, wenn ich sie ihrer Rosse und Rüstungen berauben wollte, welche nie von tapferern Männern besessen werden können. Ich wünschte, ich könnte hier meinen Auftrag an diese tapferen Ritter endigen, allein, da ich, wie ich mich selbst nenne, in Wahrheit der Enterbte bin, so muß ich eurer Herren Anerbieten insofern annehmen, daß es ihnen gefallen möge, wenigstens ihre Rüstungen auszulösen, denn die, welche ich trage, kann ich in der That kaum mein eigen nennen.«
»Wir sind beauftragt,« erwiderte der Knappe Reginald Front de Boeufs, »jeder hundert Zechinen zur Auslösung dieser Rosse und Rüstungen anzubieten.«
»Es ist hinreichend,« sagte der enterbte Ritter. »Die Hälfte der Summe nöthigt mich mein gegenwärtiges Bedürfniß anzunehmen; die andere Hälfte mögt ihr theils unter euch selbst, theils unter die Herolde und andere Dienstleistende bei dem Feste vertheilen.«
Das Barett in der Hand und mit tiefen Verbeugungen drückten die Knappen ihren Dank für eine Artigkeit aus, welche selten, am wenigstens in solchem Maße, vorzukommen pflegte. Der enterbte Ritter wandte sich hierauf eigens an Balduin, den Knappen Brian de Bois-Guilberts, und sagte zu ihm: »Von Eurem Herrn nehme ich weder Waffen noch Lösegeld an. Sagt ihm in meinem Namen, unser Kampf sei noch nicht beendigt, nicht eher, als bis wir noch mit Schwert und Lanze gefochten haben, sowohl zu Fuß als zu Roß. Zu solchem Kampfe auf Leben und Tod hat er mich selbst herausgefordert, und ich werde diese Herausforderung nicht vergessen. Daher meldet ihm, daß ich mich gegen ihn nicht so benehmen kann, wie gegen einen seiner Gefährten, sondern nur wie gegen jemanden, der mich auf Tod und Leben gefordert.«
»Mein Herr,« entgegnete Balduin, »versteht sich darauf, Verachtung mit Verachtung, Streich mit Streich, sowie Höflichkeit mit Höflichkeit zu erwidern. Da Ihr es verschmäht, von ihm eine Lösung anzunehmen, die Ihr für die Waffen der andern Ritter angenommen habt, so muß ich Euch seine Rüstung und sein Roß hier lassen, denn ich bin überzeugt, daß er sich beider nie wieder bedienen wird.«
»Wohl gesprochen, treuer Knappe,« sagte der enterbte Ritter, »wohl und kühn, wie es sich ziemt, für seinen abwesenden Herrn zu sprechen. Allein Pferd und Rüstung laßt doch nicht hier! Stellt sie Eurem Herrn wieder zu, und verschmäht er dennoch, sie anzunehmen, so behaltet sie, mein Freund, zu Eurem eignen Gebrauch. Insofern sie mir gehören, sind sie Euch geschenkt.«
Balduin machte eine tiefe Verbeugung und entfernte sich mit seinen Gefährten. Der enterbte Ritter kehrte in sein Zelt zurück.
»So weit, Gurth,« sagte er, indem er sich zu seinem Diener wandte, »hat der Ruhm der sächsischen Ritterschaft durch mich nicht gelitten.«
»Und ich,« sagte Gurth, »ich dächte, für einen westsächsischen Schweinehirten hätte ich die Rolle eines normännischen Knappen nicht übel gespielt.«
»Ja, aber,« entgegnete der enterbte Ritter, »Du hast mich in fortwährender Angst erhalten, daß Dein tölpelhaftes Benehmen Dich verrathen möchte –«
»Still doch!« sagte Gurth, »ich fürchte von niemand entdeckt zu werden, als von meinem Kameraden Wamba, dem Narren; denn ich weiß noch immer nicht, ob er mehr Schelm als Narr ist. Indeß konnte ich mich doch kaum des Lachens enthalten, als mein alter Herr so nahe an mir vorüberging und sichs gar nicht anders träumen ließ, als daß Gurth noch seine Schweine einige Meilen davon in den Wäldern und Sümpfen von Rotherwood hütet. Wenn ich entdeckt werde –«
»Genug,« erwiderte der enterbte Ritter, »Du kennst ja mein Versprechen.«
»Nun, daran liegt mir nichts,« sagte Gurth, »ich werde aus Furcht, daß mir das Fell gegerbt werden könnte, meine Freunde wahrlich nicht verlassen. Ich habe eine ziemlich dicke Haut, die verträgt die Peitsche so gut, wie die eines Ebers in meiner Heerde.«
»Ich lohne Dir jede Gefahr, der Du Dich mir zu Liebe aussetzest,« erwiderte der enterbte Ritter, »doch nimm einstweilen diese zehn Goldstücke.«
»Nun bin ich reicher,« sagte Gurth, sie in die Tasche steckend, »als je ein Schweinehirt oder Leibeigner im ganzen Lande gewesen.«
»Trage diesen Beutel mit Geld nun nach Ashby,« fuhr sein Herr fort, »suche Isaak, den Juden von York, auf, und laß ihn sich selbst bezahlt machen für das Roß und die Rüstung, die er mir geliehen.«
»Nein, beim heiligen Dunstan,« versetzte Gurth, »das thue ich nimmermehr.«
»Was, Kerl,« sagte sein Herr, »Du willst meinen Befehlen nicht gehorchen?«
»Ja, aber sie müssen vernünftig und christlich sein,« entgegnete Gurth; »aber dieser ist es nicht! Dulden, daß ein Jude sich selbst bezahlt mache, wäre nicht redlich, denn das hieße meinen Herrn berauben, es wäre unvernünftig, und nur ein Narr oder Nichtchrist könnte so handeln; es hieße ja einen Gläubigen plündern, um einen Ungläubigen zu bereichern.«
»Nun so sieh, wie Du ihn befriedigst, Du Dickkopf!« sagte der enterbte Ritter.
»Gut,« sagte Gurth, den Beutel unter den Arm nehmend und das Zelt verlassend. »Ich will gehen,« murmelte er für sich; »ich werde ihn schon mit einem Viertel seiner Forderung befriedigen.«
Der enterbte Ritter versank in düstere Gedanken; warum? dürfen wir unsern Lesern vorläufig noch nicht entdecken.
Wir müssen jetzt die Scene nach dem Dorfe Ashby, oder vielmehr nach dem Landhause in der Nähe desselben verlegen, welches einem reichen Juden gehörte, bei dem sich Isaak mit seiner Tochter und seinen Dienern einquartiert hatte.
In einem kleinen aber mit Verzierungen im morgenländischen Geschmack reichlich ausgestatteten Zimmer saß Rebekka auf mehreren über einander gelegten Kissen, welche längs einer Erhöhung, die rings um das Zimmer lief, angebracht waren, und die gleich der Estrada der Spanier statt der Stühle und Sessel dienten. Sie beobachtete die Bewegungen ihres Vaters, der mit niedergeschlagener Miene und unregelmäßigen Schritten im Zimmer umherging, mit kindlicher und ängstlicher Aufmerksamkeit. Zuweilen schlug er die Hände zusammen, zuweilen erhob er die Augen zur Decke, wie jemand, der sich in großer Unruhe befindet.
»O Jakob!« rief er aus, »und all ihr zwölf Erzväter unseres Stammes, was ist das für ein Unglück für einen armen Mann, der doch jeden Buchstaben im Gesetz Mosis treulich beobachtet hat! Fünfzig Zechinen mit einem Griffe mir entwendet zu sehen, und durch die Finger eines Tyrannen?«
»Aber, Vater,« sagte Rebekka, »es schien doch, als gäbet Ihr dem Prinzen das Geld willig und gern« –
»Willig, sagst Du, willig? Ja, eben so willig, als da ich in dem Meerbusen von Marseille meine Waaren über Bord warf, um das Schiff leichter zu machen bei dem heftigen Sturme; und war denn das nicht eine Stunde voll unaussprechlichen Elends, obgleich ich selbst das Opfer brachte?«
»Es geschah aber doch, um unser Leben zu retten, Vater,« versetzte Rebekka, »und der Gott unserer Väter hat seitdem Euer Waarenlager und Euern Handel gesegnet.«
Darmowy fragment się skończył.