Czytaj książkę: «Gestalten der Wildnis»
Sir Charles G. D. Roberts
Gestalten der Wildnis

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021
EAN 4064066114022
Inhaltsverzeichnis
Wie der »Oberst« zu Gallaghers kam
Der See-Tiger
Eindringlinge
Ismael in den Schierlingstannen
Ein Jahr ohne Kaninchen
Unter gespenstischen Lichtern
Stromfahrt durchs Feuer
Mütter des Nordens
Ein bedrängter Hausvater
Puck im Zwielicht
Schläfer im Schnee
I.
II.
Wie der »Oberst« zu Gallaghers kam
Inhaltsverzeichnis
Die Mannschaft in Gallaghers Lager war nur klein. Acht Paar Fäuste außer Boß und Koch.
Die weitabgelegene und eng begrenzte Waldfläche, die sie abzuholzen hatten, lag in dem Tal, in dem der wilde Ottanoonstrom aus einem Teich entspringt. Aus unerforschlichen Gründen haben die Holzfäller es das »Zwei-Seen-Tal« genannt. Heute, es war heiliger Abend, war viel Unzufriedenheit im Lager, die der große Tim Gallagher, der wohlwollende Boß, nicht beruhigen konnte. Selbst Jimmy Dillyhunt, der findige Koch, wurde ihrer nicht Herr, so beredt er auch den Plumpudding schilderte, den er für morgen vorbereitete. Einen Plumpudding mit viel Rosinen, der in heißer, würziger Sauce dampfte! Was die Jungens brauchten, war frisches Fleisch. Das ewige: Salzfleisch, Pökelfleisch, Salzfleisch, Pökelfleisch hatten sie satt bis zum Hals. Sie hatten für Weihnachten auf Gänsebraten gerechnet und zwar auf viel. Und wenn es nicht Gans war, dann frischen Rostbraten, recht blutig und saftig und braune Sauce dazu, soviel, daß die Kartoffeln drin schwammen.
Und jetzt wieder Pökelfleisch! Anscheinend gab es davor kein Entrinnen.
Der kleine Pat Nolan brachte das Empfinden Aller zum Ausdruck, als er brummte:
»Wenns nicht eine Sünde wär', möchte ich sagen, daß ich Schweine hasse! Ich habe soviel davon im Bauch, daß ich im Schlafen schon grunze!«
Der Boß hatte keine Schuld, noch viel weniger Jimmy Dillyhunt. Ein ganz unerwarteter Schneefall, Sturm auf Sturm, Orkan auf Orkan hatten die Waldwege plötzlich so tief vergraben, daß man aus den weitabgelegenen Bauernhöfen keine frischen Vorräte beziehen konnte. Wann diese Vorräte, frisches Fleisch und Gemüse, die Zufriedenheit und gute Laune in den Holzfällerlagern erhalten, zu beschaffen waren, wußte niemand.
Um die Geschichte noch schlimmer zu machen, waren die großen Seeforellen, die das Jahr zuvor noch den Zwei-Seen-Teich bevölkerten, durch eine Bande von Dynamitwilderern glatt ausgerottet worden. Um allem die Spitze aufzusetzen, waren Elen und Renntier anscheinend in Geschäfte verwickelt, die sie irgendwo anders festhielten. Während der letzten vier oder fünf Tage waren zwei der Männer immer unterwegs, um ein Elen oder Renntier zu schießen oder vielleicht einen Bären im Winterschlaf zu erlegen. Aber nicht ein armseliges Kaninchen hatten sie nach Hause gebracht.
An diesem Nachmittage also hatten die Burschen zeitig aufgehört zu arbeiten, um den heiligen Abend zu feiern und sich recht bequem und behaglich ihrem Mißvergnügen zu überlassen. Um den warmen Ofen gelagert, oder schlemmerhaft in die Koje verkrochen, verwandten sie alles was sie an Geist besaßen, darauf, Tim Gallagher, den Boß, zu necken, oder auf dem fleißigen und vielgeplagten Jimmy Dillyhunt herum zu hacken.
Mit dieser Art Zeitvertreib schafften sie sich ein bißchen Aerger vom Herzen. Es war wirklich unterhaltend, zu sehen, wie Jimmy sich beim Brotkneten in Hitze bringen ließ, wie er endlich sein mehlverkleistertes Gesicht zeigte und schreckliche Beleidigungen gegen die Vorfahren seiner Gegner ausstieß, oder wie er die beiden teigigen Fäuste hob, auf und ab sprang und jeden seiner Quäler zum blutigen Boxkampf herausforderte. Da Jimmy nicht nur ein erstklassiger Boxer, sondern vor allem ein mehr als vorzüglicher Koch war, wurden diese Kämpfe aber immer in elfter Stunde durch eine Entschuldigung verhindert. Man durfte es nicht zulassen, daß ein Koch wie er sich ernsthafter Gefahr aussetzte.
Der Boß seinerseits wurde aus zwei gewichtigen Gründen niemals wütend. Erstens war er verträglich und liebte es, wenn die Jungens ihren Spaß hatten, selbst auf seine Kosten. Außerdem hatte kein Mensch die Absicht, ihn wirklich zu ärgern. Es war eine weit verbreitete und tief begründete Ueberzeugung: wenn Tim Gallagher wirklich einmal wütend würde, wäre es für jemand sehr unangenehm – und dieser jemand würde nicht Tim sein.
Wenn also wirklich einmal (es geschah nicht oft) die Neckerei der Jungens ihm unangenehm wurde, legte der Boß sein verwittertes Gesicht in gewisse Falten, und sofort verlor selbst Eph Babcock jeden Stachel. So sehr auch Tim Gallaghers Autorität angetastet werden konnte: es genügte, daß er ein ernsthaftes Gesicht machte, sie wieder aufzurichten. An diesem heiligen Abend aber fanden die Burschen, obwohl sie nur ins Lager gekommen waren, um zu schimpfen, daß selbst Schimpfen und Jimmy ärgern seinen Reiz verlor. Der lange Eph und Evan Morgan, die an diesem Morgen gejagt hatten, waren mit leeren Händen zurückgekommen. Alles versank in Melancholie. Sie fingen an, zu besprechen, was sie gern zu essen hätten, wenn Tim Gallagher sie nicht so kurz hielte, und wenn sie einen Koch hätten, dessen Kopf keine Teigkugel wäre.
»Der Teufel hole deinen Plumpudding, Jimmy,« sagte der lange Eph, und dann fiel ihm ein, daß Jimmy Dillyhunt französischer Abstammung war.
»Gib uns was von deiner patty dee foy grass, oder Froschragout.«
»In dem Topf, den ihr kriegt, ist sowas drin,« antwortete Jimmy in einem Englisch, das kein bißchen ausländisch klang.
»Was ich möchte,« murmelte Pat Nolan in einem Ton von Verklärung, »das wäre gebratener Truthahn mit Trüffeln und Austern, wie wirs damals in Frederikstown hatten. Ob ich sowas je wieder in die Futterlade bekomme?«
Bei dieser Vorstellung litt jeder Tantalusqualen, und sogar der Boß schimpfte: »Hör auf, Pat!«
»Jungens,« schrie Evan Morgan mit einem seligen Blick in den Augen, so wie seine Waliser Vorfahren dreingeschaut haben müssen, wenn sie unter den Türmen von Harlech dem Klang der Harfen lauschten – »Jungens, hat je einer von euch so einen saftigen Bärenschinken gegessen, einen Bärenschinken mit Blaubeeren?«
»Meinst du, du allein,« schimpfte Sam Oulton aus seiner Koje mit einer Stimme, die unter den Qualen der Erinnerung giftig klang.
»Sei gut, Sammy,« ulkte Eph Babcock, der lange Mann aus Androscoggin, »häng heut Nacht deine Strümpfe 'raus. Wenn sie nicht schmutzig sind, kommt vielleicht der heilige Nikolaus und wirft dir ein Stück Bärenschinken 'rein.«
Der schwere Körper des Boß, der gleichgültig auf der Ofenbank lungerte, saß plötzlich kerzengerade da. Gallagher hatte ein scharfes Ohr, und er hörte nicht auf das Geschwätz seiner Leute.
»Aufgepaßt, Jungens,« sagte er, »irgend jemand kommt!«
Durch den Schnee vor dem Tor kamen Schritte, schwer, aber schlürfend und unsicher.
Daß ein Besucher, ein einsamer Fußgänger in dieser Jahreszeit den Weg zu einem so abgelegenen und einsamen Lager wie dem Gallaghers fand, war etwas Unerhörtes. Die Holzfäller sind meistens abergläubisch. Sie dachten sofort an den Klabautermann oder an ein schreckliches Schneegespenst. Das Haar stand ihnen zu Berge, totstill wurde das Lager.
Aber Eph Babcock war in erster Linie neugierig. Obwohl auch er abergläubisch war, hätte er der Abwechslung halber selbst Beelzebub willkommen geheißen. Er tat einen Schritt auf die Tür zu. Pat Nolan lag es auf den Lippen, zu schreien: »Geh' nicht!« Aber er beherrschte sich.
Eph stieß die Tür weit auf.
Im nächsten Augenblick lief er mit einem halbunterdrückten Schrei zurück und langte nach seinem Gewehr, das an seiner Bettstelle lehnte, gerade hinter dem Sitz des Boß.
Schnurstracks in den Raum, geblendet vom Lampenlicht, aber nicht erschreckt durch den Anblick menschlicher Gesichter, kam mit wiegendem Schritt ein riesiger schwarzer Bär.
Als er das Ende des langen Tisches erreicht hatte, hob sich der seltsame Gast auf die Hinterfüße und so stand er da, eine mächtige Gestalt wie Tim Gallagher, die großen Pelzpfoten demütig über der breiten Brust gekreuzt. Flehend blickte er um sich, dann begann er zu keuchen wie ein Motor, denn in der rauchigen Luft fing seine Nase einen rätselhaften, aber im ganzen höchst erfreulichen Duft auf.
Jimmy Dillyhunt ließ sein Taschenmesser einschnappen und kroch bescheiden hinter seinen Kochherd. Er empfand, wie wertvoll das Leben eines Kochs war. Die übrigen Burschen, die natürlich nicht erschrocken, aber beim Erscheinen eines gänzlich Fremden in ihrer Mitte etwas verlegen waren, hatten sich im Augenblick höchst bescheiden in ihre Kojen zurückgezogen. Alle, außer Evan Morgan. Der konnte sie nicht erreichen und stand deshalb sehr aufrecht und respektvoll, kein bißchen herausfordernd, in der nächsten Ecke – das heißt, in der Ecke, die für ihn die nächste war, nicht für den Bären. Alle Aexte waren draußen, und die einzigen Flinten, außer der Eph Babcocks, standen in der Tür unmittelbar hinter dem Bären. Evan Morgan sah sie nachdenklich an, aber sie schienen ihm zu weit weg. Nur der Boß war nicht überrascht. Er behielt seinen Platz und betrachtete kaltblütig den Gast.
Vielleicht zehn Sekunden lang stand der Bär bewegungslos und schien den überraschten Augen in diesem Kreis größer als ein Elefant. So still war es, daß das Rascheln einer Maus im Dach wie Gepolter klang. Einen Augenblick sah der Bär bestürzt aus. Dann fielen seine Augen auf einen großen Blechtopf, der nahe vor ihm auf dem Tisch stand. Vor zwei Minuten noch war der Topf voll dampfender Bohnen gewesen, die Jimmy gerade in ein anderes Gefäß geleert hatte. Jetzt war außer ein paar Bohnen nur der verführerische Duft zurückgeblieben.
Gierig, aber doch mit einer gewissen Schüchternheit, streckte der Bär seine mächtige Pfote aus, zog den Topf zu sich und begann ihn auszulecken, wobei er ein höchst unmanierliches Geräusch machte. In diesem Augenblick hatte Eph Babcock sein Gewehr erreicht, riß es vom Haken und hob es an die Schulter. Aber bevor er den Drücker berühren konnte, fiel ihm eine gewichtige Hand auf den Arm.
»Halt, wart!« befahl der Boß in einem leisen, aber sehr bestimmten Ton. Er glaubte, daß der enge Raum kein gutes Feld für einen Kampf auf Tod und Leben sei.
Babcock hielt an und wartete, obwohl er der Meinung war, der Boß sei närrisch geworden. Er nahm das Gewehr von der Schulter, sah in das Magazin und machte ein Gesicht wie ein Schaf.
»Nicht geladen!« murmelte er in einem Ton von Entschuldigung, aber ohne zu sagen, ob sie dem Boß oder dem Bären galt.
»Wir sollen wohl den schönen fetten Schinken verlieren, den Evan gemeint hat!« protestierte Sam Oultons Reibeisenstimme aus einer Koje heraus. Aber ein verhaltenes Brummen kam aus der ganzen Reihe von Betten, denn alle stellten fest, in welch peinlicher Lage Eph Babcock war. Er hatte keine Patronen, und jeder konnte sehen, wo die Patronen waren. Wohl gefüllt hingen zwei Gürtel an einem Haken.
Auf Oultons Widerspruch gab der Boß keine Antwort. Anscheinend war er durch den Bären zu abgelenkt, um auf irgend etwas anderes zu achten. Die meisten der Burschen in ihren Betten konnten sich jetzt nicht mehr verhalten, ihre Ratschläge zu geben, wie irgend ein anderer die Patronen greifen und sie Eph Babcock hinüberreichen könnte. Aber keiner der zweifellos guten Ratschläge wurde ausgeführt. Denn gerade in diesem Augenblick wurde das Verhalten des Gastes so bemerkenswert, daß jeder vergaß, was er selbst hatte sagen wollen.
Als er den Topf leergeschleckt hatte, sah der Bär auf und winselte. Es war klar, daß er Bohnen gern fraß und mehr davon wünschte. Er schien schlichte Hausmannskost zu schätzen, und das entlockte den Helden in den Kojen lange Seufzer der Erleichterung.
Der Bär schwankte unruhig von einem Fuß auf den andern, dann nahm er den Topf in seine Vorderpfoten, machte Kehrt und marschierte geradeswegs auf Jimmy Dillyhunt zu. Es war eine rührende Bitte, aber Jimmy schien sie absolut nicht zu verstehen. Mit dem Messer um sich fuchtelnd, protestierte er laut gegen die besondere Beachtung, die er unter seinen Kameraden nicht verdiene. In fliegender Eile gab er seinen Platz hinter dem Kochherd auf und erreichte die Gesellschaft Evan Morgans in dessen Ecke. Evan, der gerade im Begriff war, seine Selbstbeherrschung wieder zu erlangen, grunzte unliebenswürdig: »Warum so eilig, Jimmy?« Aber Jimmy brachte keine Antwort heraus.
Enttäuscht über das plötzliche Verschwinden eines Menschen, von dem er so viel erwartet hatte, ließ der Bär seine allzu leere Schüssel auf den Boden fallen. Das laute Klirren erschreckte ihn, und er sprang mit einem Hops zur Seite, wie ein Mädchen, das beinahe in eine Pfütze getreten wäre. Dabei aber bekam er den großen Topf mit Bohnen zu sehen, den Jimmy zum Aufwärmen vorn auf den Herd gestellt hatte. Wie gut sie rochen! Mit einem Brummen tiefer Befriedigung nahm er ein Maul voll.
Nun waren die Bohnen, ganz gewiß ein vorzügliches Gericht, nicht für ihn angerichtet. Sie waren heiß. Der Bär war erschreckt und schmerzlich berührt, als er merkte, wie heiß sie waren. Die Augen geschlossen und die Kinnbacken verkrampft, versuchte er, sie im Maul zu behalten. Aber es war zuviel für ihn. Mit einem lauten »uuh« spuckte er sie auf den Boden. Und dann warf er einen erbärmlichen Blick rund um sich, während er bald mit der einen, bald mit der anderen Tatze wehleidig seine Nase rieb. Sein Blick rührte Pat Nolan, dem gutherzigen kleinen Iren schien er ein berechtigter Vorwurf.
»Ich hab das nicht gemacht, ich nicht!« murmelte er im Ton herzlichen Bedauerns. »Es war ein gemeiner Witz, natürlich von Jimmy. Mindestens hätt' er dich warnen sollen.«
Irgend etwas in Pats Stimme schien dem Bären zu sagen, daß er bei ihm die Teilnahme finden würde, die bei dem ganzen Empfang bisher gefehlt hatte. Halb im Zweifel, aber nicht ohne Hoffnung, watschelte er quer durch den Raum auf Nolans Koje zu.
»Hab ich dir nicht gesagt, daß ich's nicht war!« protestierte Nolan leidenschaftlich. »Heiliges Ofenrohr, kann keiner von euch Kerls was tun, daß er mich in Ruhe läßt?«
»Das Gewehr rüber, Eph!« zischte Sam Oulton, der in seiner Koje krampfhaft herumgestöbert hatte. »Ich hab ein paar Patronen gefunden!«
Der Boß wollte dazwischen treten und ebenso Evan Morgan, der von Bären mehr verstand als die übrigen Holzfäller zusammen. Aber Eph Babcock hatte das Gewehr schon ergriffen, und eifrige Hände reichten es hinüber in Oultons Koje. Doch auch der Bär hatte es gesehen, und unter einem Chorus von Rufen des Staunens sprang er sofort danach. Gerade als die Flinte in Oultons Koje ankam und Oulton die Hände ausstreckte, um sie zu greifen, kam auch der Bär. Er war schneller, streckte seine schwere, schwarze Pfote aus und packte die Flinte. Oulton verschwand wieder in seinem Bette wie der Kopf einer Schildkröte in ihrer Schale. Der Bär aber nahm das Gewehr mit einem Ausdruck von Triumph über die Schulter und salutierte, stramm wie ein Soldat.
»Gott sei Dank, daß sie nicht geladen ist, Sammy,« piepste Shorty Johnson mit Fistelstimme aus dem Bett nächst der Tür. »Der Herr Oberst hätt' uns alle damit aus dem Lager 'rausgejagt.«
Der Boß und Evan Morgan – und auch der kleine Pat Nolan, der allmählich gemerkt hatte, daß mit diesem Bären was Besonderes los war, erlaubten sich, zu lachen. Die anderen aber blickten völlig verblüfft auf die unbegreifliche Vorstellung, die der schreckliche Gast ihnen gab. Für sie war es nur Zeichen einer übernatürlichen, also natürlich teuflischen Intelligenz. Sie hätten sich nicht mehr gewundert, wenn der Bär jetzt zur Tür gegangen wäre, den Patronengürtel heruntergenommen und die Waffe geladen hätte, die er so geschickt über der Schulter trug. Aber als er nicht aufhörte zu salutieren, den Rücken zur Tür, fingen sie an, zu Verstand zu kommen. Auch Sam Oulton erschien wieder auf der Bildfläche. Ohne zu bemerken, daß der Boß und Evan Morgan grinsten, steckte er den Kopf vor und schrie:
»Jetzt, Jimmy! Jetzt ist der Moment! Rasch, Mensch, setz' den Topp Bohnen draußen in den Schnee! Er geht hinterher. Dann können wir ihn draußen umbringen.«
Aber Jimmy hatte keine Eile, in die Bresche zu springen, obwohl die Bohnen eigentlich sein Ressort waren.
»Geh du und setz den Topf 'raus, Kleiner,« schlug er hinter dem Rücken des Boß vor, »du bist der nächste!«
»Halt den Mund, Jimmy,« unterbrach Pat Nolan, »wozu ein so freundliches Biest umbringen? Schau, was er sich für Mühe gibt. Er macht Kunststücke!«
»Der Teufel soll die Kunststücke holen!« schnarrte Sam, »der gibt frisches Fleisch für einen ganzen Monat!«
Aus mehr als einer Koje kam Widerspruch gegen Oultons blutdürstige Aeußerung, so plötzlich schlug die Stimmung im Lager um. Evan Morgan widersprach sogar sehr deutlich.
»Kannst du immer nur an deinen verdammten Bauch denken?« fragte er.
Sam Oulton wurde wütend.
»Was ihr Kerls braucht, ist 'ne Saugflasche,« schimpfte er. »Wenn das Lager ein verdammter Kindergarten geworden ist, dann werd ich das Biest allein umbringen!«
Und er tauchte, aber noch mit einer gewissen Vorsicht, aus dem Versteck seiner Koje auf.
Jetzt schien dem Boß, der die Situation allmählich verstanden hatte, sein Augenblick gekommen. Das Gewehr über der Schulter, stand der Bär noch immer da und salutierte. Aber es sah aus, als wartete er auf etwas.
»Marsch!« sagte der Boß mit scharfer Stimme.
Sofort marschierte der Bär vorwärts, mit strammen, aber vorsichtigen Schritten, quer durch den Raum und direkt durch die Gruppe, die der Boß, Evan Morgan, Eph Babcock und Jimmy Dillyhunt bildeten. Der Boß und Evan erwarteten ihn ruhig. Aber Eph und Jimmy drückten sich ängstlich auf die andere Seite des Tisches.
»Halt!« kommandierte der Boß, ehe der Bär zu nahe gekommen war.
Der Bär machte Halt und jeder stieß einen Seufzer aus.
»Jetzt, Sammy,« begann der Boß im Ton eines Orakels. »Jetzt laß das Geschwätz von Umbringen. Hast du keine Augen im Kopf? Es ist ein zahmer Bär, das ist er! Und glückselig, daß er zu Freunden kommt. Der ist lang genug im Wald 'rum geirrt. Gib acht, was für ein famoser Kerl das ist. Achtung!«
Auf das plötzliche, scharfe Kommandowort hin stand der Bär stramm. Aber er versuchte es zu rasch. Die Flinte fiel aus seiner breiten Pelzpfote und ratterte auf den Boden. Er zuckte nervös und klemmte die Augen zusammen, als erwartete er einen Hieb.
Zweifellos hatte Tim Gallagher recht. Es war ein dressierter Bär, der gekommen war, um Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Entzückt wie Kinder, sprangen die Männer aus ihren Betten.
»Famos ist der Oberst! Tu ihm nichts, weil er die Flinte hingeworfen hat, Tim!« schrie Johnson.
»Vielleicht studier' ich einen Ringkampf mit ihm ein,« sagte Eph, »das wär' was für den heiligen Abend!«
Oulton kroch verdrießlich in die Tiefe seiner Koje zurück und biß ein extra großes Stück Kautabak ab, um seine Zunge zu bändigen. Er sah ein, daß er zu sehr in der Minorität war.
Mittlerweile war Jimmy, dem sein Mißtrauen leid tat, in seinen Kochraum zurückgekehrt. Jetzt trat er vor und trug in der Hand ein langes Stück herrlicher Speckrinde. Der Bär roch es und öffnete die Augen. Er merkte, daß er für den Unfall mit dem Gewehr nicht bestraft werden sollte. Erst starrte er den Leckerbissen an, danach Jimmys dunkles Gesicht, und dann streckte er hoffnungsvoll, aber noch ungewiß die Pfote aus. Als Jimmy seiner Bitte nicht nachkam, glaubte der Bär, er müßte etwas ganz Besonderes tun, um den Preis zu bekommen, etwas sehr Schwieriges und Ungewöhnliches. Mit Gewinsel ließ er sich nieder, legte die Nase zwischen seine Beine, dann hob er langsam sein breites Hinterteil und stand endlich schön und elegant auf dem Kopf. Ein paar Sekunden lang balancierte er so; dann kam er langsam und grunzend auf allen Vieren zurück, nahm die aufrechte Haltung wieder ein und wandte sich schmeichelnd an Jimmy.
Das ganze Lager jubelte vor Entzücken.
»Gib's ihm, Jimmy! Du kannst es selbst nicht besser! Er hat's weiß Gott verdient! Mach' ein friedliches Gesicht, Jimmy, er hat Angst! Guter alter Oberst!« kamen Beifallsrufe von jedem einzelnen, ausgenommen Sam Oulton.
Jimmy gab die Speckrinde, und der Bär nahm sie vorsichtig in seine Krallenpfote.
»Leicht wie ein Damenhändchen!« schrie Pat Nolan in seiner Begeisterung.
Von diesem Augenblick an gestaltete sich der Abend zu einem Ehrenbankett. Gallaghers Lager bereitete dem Oberst – denn dieser Name, den Johnson gewählt hatte, blieb – einen Gala-Empfangsabend. Der Oberst war ein Bär von seltsamen und vielfachen Talenten und dabei von einem kindlichen Glauben an die Menschheit. Dies rührende Vertrauen in jedermanns Wohlwollen rührte die großherzigen und rasch bewegten Holzfäller, daß sie den Bären bald vergötterten, wie Kinder ein Baby. Es wurde ein schwerer Vorwurf gegen Eph Babcock, daß er im ersten Augenblick ungerechtfertigten Entsetzens nach seinem Gewehr gerannt war.
»Eph,« sagte Pat Nolan, »hättest du nur ein Haar auf seinem Kopf gekrümmt, es täte mir leid, aber dann hätt' ich dir mit dieser Hand hier die Därme aus dem Bauch gerissen!«
»Und das hätt' ich auch verdient, Pat,« gab liebenswürdig der Mann aus Androscoggin zu. Außer Oulton waren alle vergnügt. Der aber, beleidigt und zornig, sprach den Abend über nicht ein Wort; er schenkte den schönsten Kunststücken des Bären kaum einen Blick. Daß er trotzdem voll Interesse war, wußte das ganze Lager.
Das war eine große Sache für Gallaghers Lager!
Der Oberst war der erste, der das Fest abbrach. Jeder mußte zugeben, daß er das Recht dazu hatte, denn er allein hatte ja die Kosten getragen. Er wollte schlafen und zeigte das an, indem er rings in den Ecken einen Platz suchte, um sich niederzulegen.
Im dicken Fell an seinem Hals zeigte eine abgeschabte Stelle, daß er früher ein Halsband getragen hatte. Aus einem alten Geschirr-Riemen machte der Boß ihm ein neues und führte ihn, der sanft gehorchte, zu einem Schuppen, der dem Lager als Schmiede diente. Ein großer Arm voll Stroh wurde aus der Scheuer gebracht, und der Oberst ließ sich darin nieder, mit einer Miene wie der verlorene Sohn, der heimkehrt und sich dessen freut.
Am nächsten Morgen verordnete der weise Boß, daß der Oberst vor dem Mittagessen das Haus nicht betreten dürfe. Seine Absicht dabei war, eine gewisse Frische des Interesses für das Fest zu bewahren, daß die Männer sich amüsierten und nicht wieder anfingen, über den Mangel an frischem Fleisch zu schimpfen. Den ganzen Morgen lang, wie gewöhnlich an Sonn- und Feiertagen, beschäftigten sie sich irgendwie im Lager. Wuschen, flickten, rauchten im Haus oder balgten sich draußen im Schnee herum.
Als der Oberst gleich nach dem Frühstück herausgelassen wurde, war noch niemand im Freien, sonst wäre er zweifellos »zuhause« geblieben, um mit seinen Freunden zu spielen. Da er niemanden traf und keine Erlaubnis bekam, das Haus zu betreten, durchforschte er sorgfältig das ganze Gehöft, erschreckte die Pferde, indem er an der Stalltür herumschnüffelte, und dann watschelte er gemächlich in den Wald.
»Er wird bald zurückkommen,« sagte Gallagher, »der Oberst ist ein braver Kerl, wenn man ihn richtig behandelt.«
Und Gallagher hatte recht. Er verstand Menschen und Obersten. Etwa um halb zehn Uhr morgens, als Eph Babcock und Johnson vor der Tür des Lagers einen Ringkampf aufführten, sah man den Bären oben am Waldrand auftauchen. Darin war sonst nichts Auffallendes. Aber seine Bewegungen waren so merkwürdig, daß die beiden Kämpfer gleichzeitig voneinander ließen und hinauf starrten. Ihr Ruf brachte das ganze Lager vor die Tür.
»Er scheint sich gut zu amüsieren, ganz allein!« bemerkte Evan Morgan von der Schwelle her.
»Durchaus nicht allein,« verbesserte der Boß.
»Also wahrhaftig, der Teufel soll mich frikassieren, wenn er nicht ein großes Stachelschwein bei sich hat!« rief Babcock.
»Und das Stachelschwein jagt ihn,« schrie Pat Nolan voll Staunen.
Er hatte recht, wenigstens in gewissem Sinne. Der Oberst torkelte und kullerte von einer Seite auf die andere, wie ein riesiger, neugeborener Hund, vor dem wütenden Stachelschwein, das ihm nachrückte, jeden Stachel aufgerichtet, daß es wie ein großer Binsenkorb aussah. Der Oberst kam rückwärts aufs Lager zu, als wünschte er, daß seine Freunde das neue Spielzeug sähen, dies drollige, böse, kleine Tier, das er im Wald aufgegabelt hatte.
»Er wird sich die Pfoten voll Stacheln machen,« rief Johnson, »und wir haben dann eine Satansarbeit, bis wir sie 'rauskriegen, Tim; ich bin froh, daß es dein Bär ist und nicht meiner!«
Sam Oulton machte ein Gesicht, als ob die eben eröffnete Aussicht ihm nicht unangenehm wäre.
»Reg' dich nicht auf, Kleiner,« raunte der Boß, »er macht sich nicht zum Narren, er weiß, wie man mit einem Stachelschwein umgeht.«
Tatsächlich gab der Oberst wohl acht, daß er den gefährlichen Stacheln nicht zu nahe kam. Wie zum Spaß streckte er bald die eine, bald die andere Pfote aus und stieß gegen das kleine Tier, aber niemals so, daß es zu einer Berührung kam.
Das Stachelschwein war sichtbar in unglaublicher Wut über diesen Quälgeist. Ein Stachelschwein ist nicht nur furchtlos, sondern auch sehr dumm, und wenn es sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, läßt es sich nur durch den Tod oder ein gutes Fressen davon abbringen.
In diesem Falle hatte das Stachelschwein sich entschlossen, den Oberst zu verfolgen. Zweifellos in der Hoffnung, ihm die Haut mit seinen Stacheln zu zeichnen. Da der Oberst sich auf das Lager zurückzog, kam auch das Stachelschwein ins Lager, gleichgültig, was daraus wurde. Ein altes Stachelschwein, das in seinem Leben schon einiges mitgemacht hat, würde in seinem Zorn ein verschanztes Heer angreifen.
Jimmy Dillyhunt fand seinen Augenblick gekommen. Als des Obersten Flucht das Stachelschwein schon auf fünfzig Meter ans Lager herangebracht hatte, sprang er plötzlich, mit einem Schüreisen bewaffnet, vor. Er stieß den erstaunten Oberst zur Seite und traf das Stachelschwein auf die Spitze seiner stumpfen Nase. Der Wald aufgerichteter Stacheln sank zurück. Mit einem Zucken seiner stämmigen, kurzen Beine überrollte es sich und war mausetot.
Der Oberst setzte sich auf seine Keulen und starrte Jimmy bewundernd an. Die übrigen Zuschauer brüllten Beifall, in ausgewählten Worten, die sich aber nicht wiedergeben lassen. Jimmy nahm das leblose Tier vorsichtig an seinen unbewaffneten Vorderpfoten und trug es fort.
»Großartiges Essen, ein Stachelschwein, wenn's richtig gekocht wird!« sagte er, grinste triumphierend und verschwand in seinem Heiligtum.
Es war allerdings nur ein Stachelschwein, aber ein extra großes und fettes, und Jimmy verstand die Kunst, zu »strecken«. Mit einer Menge von Klößen machte er ein Gulasch daraus, in dem er – es muß zugegeben werden – auch ein gewaltiges Stück Salzfleisch, kleingehackt, unterbrachte. Da schon sehr wenig Stachelschwein sehr viel Geschmack gibt, schmeckte auch das Schweinefleisch im Gulasch danach, und niemand hatte Grund, sich zu beschweren. Das Mittagessen wurde ein nie dagewesener Erfolg.
Bei diesem Festmahl wanderte der Oberst hinter den Gästen auf und ab und dankte feierlich für die Leckerbissen, die jeder ihm eifrig zusteckte. Endlich kam er zu Sam Oulton, dem er bisher, wegen Mangel an Entgegenkommen, aus dem Wege gegangen war. Es entstand eine Pause, jeder wartete ab, was der unberechenbare Sammy tun würde.
Oulton blickte auf des Obersten vertrauensvollen Kopf, der neben seinem Ellbogen erschien. Er zögerte, grinste liebenswürdig, aber etwas dämlich, dann wischte er sich mit dem Aermel seinen Mund, hob seine große, blecherne Kaffeetasse und sprang entschlossen auf.
»Herr Bä … ich wollte sagen, Herr Oberst!« rief er. »Das ist ein richtiges Weihnachten für Sie und Viele! Sie sind der einzige wirkliche Kavalier in diesem Lager, denn Sie sind der Einzige in der Gesellschaft, der Bildung genug hat, seinen Freunden ein Weihnachtsgeschenk zu machen!«
Und dann leerte er seine Blechtasse aufs Wohl des Obersten!
Der See-Tiger
Inhaltsverzeichnis
Durch die breiten, tief-grünen Wellen, deren Kämme eine milde Brise streichelte, kam die Orca-Kuh friedlich herangewälzt, und an ihrer Seite schwamm das Kalb. Von Zeit zu Zeit rieb es sich an der Mutter, als sei es ängstlich vor den weiten, gefährlichen Meereswogen, und suchte Schutz unter ihren mächtigen Flossen. Die Orca-Kuh aber, unter allen Müttern der Wildnis eine der besorgtesten und treuesten, drängte ihr Junges von Zeit zu Zeit mit der großen Flosse an seine Seite oder streichelte es zärtlich mit seiner ungeheuren runden Schnauze.
Sie war gut 19 bis 20 Fuß lang, die große Orca. Ein Seemann oder Fischer, dessen Auge zufällig auf sie fiel, hätte sie »Mord-Wal« genannt. Er hätte sie sofort und unter allen Angehörigen ihrer Wal- und Tümmler-Familie herausgekannt, an der riesigen Rückenflosse, die nicht viel weniger als fünf Fuß hoch über dem breiten und massiven Schwanze über ihrem Rücken stand, an den beiden auffallenden weißen Streifen ihrer schwarzen Flanke und an der scharf gezeichneten Linie ihres milchweißen Bauches, der sorglos auf dem Rücken einer Welle ruhte. All dies waren Anzeichen von Gefahr, die kein Wissender übersehen hätte.
Das Kalb der Orca hatte wenig Grund zur Sorge, solange es sich nahe seiner Mutter hielt. Denn dies schnellste und wildeste aller Waltiere fürchtete kein schwimmendes Geschöpf, höchstens ihren riesigen Vetter, den Pottfisch oder Pottwal. Nur zwanzig Fuß lang, attackierte und tötete sie durch die Wildheit ihres Angriffs sogar den großen Tranwal, den man den »richtigen« Wal nennt. Obwohl der viermal so lang ist und vielfach ihr Gewicht hat. Den Menschen hätte sie gefürchtet, doch hatte sie nie seine Macht kennen gelernt. Arm an Tran, hatte ihre Familie den Menschen nie zu einer so schwierigen und gefährlichen Jagd verlockt. Wohl gab es Haie, die ihr an Größe ebenbürtig waren oder sie übertrafen, aber kaum einen, der ihr an Wildheit, Schnelle und List gleichkam. So durfte sie in sorgenloser Behaglichkeit durch die glatte, unbewegte See faulenzen, gleichgültig gegen die Brandung an den gelben Klippen zu ihrer Rechten und die offene Weite des Ozeans zu ihrer Linken. Alle Aufmerksamkeit, die sie nicht auf die kindlichen Reize ihres Kälbchens verwandte, widmete sie der Aufgabe, die durchsichtigen Tiefen unter sich abzusuchen, denn dort verbarg sich der große Tintenfisch, ihre häufige Beute.
Ganz plötzlich tauchte sie unter; es entstand kein anderer Laut, als das dumpfe Gurgeln des Wassers, das sich über ihr schloß. Tief unten in der Dunkelheit hatte sie einen blassen, trägen Körper erspäht. Es war ein See-Polyp, der töricht genug gewesen, sein Standquartier zwischen den Felsen auf dem Meeresgrund zu verlassen und fremde Jagdgebiete aufzusuchen. Bevor er Zeit gefunden hatte, auch nur an Flucht zu denken, war er in den mächtigen Kinnbacken des Mordwals. Einen Augenblick lang zitterten seine acht langen Fühlhörner verzweifelt und tasteten an die Lippen des Jägers. Dann verschwanden sie, das ganze Tier war mit einem Schluck vertilgt und verschwunden. Friedlich kehrte die Orca zum sonnenhellen Meeresspiegel zurück, zu ihrem ängstlichen Kalb, das nicht flink genug war, der Mutter auf ihrem Jagdzug zu folgen. Sie war nicht zwei Minuten lang abwesend gewesen und nicht einen Augenblick außer Gesicht, aber der Instinkt des Jungen traute dem milden blauen Element nicht, daß für ein Baby voll von Gefahren war.
Der Polyp, obwohl ein stattlicher Geselle, hatte für den großen Mordwal nicht mehr bedeutet, als einen leichten Imbiß, nur den Erreger für seinen gewaltigen Appetit. Jetzt suchte das Auge der Orca lebhafter in den Tiefen. Auf einmal bekam die blau-grüne Tiefe des Wassers einen helleren, metallischen Schimmer, kaum dreißig Fuß unter dem Meeresspiegel erschien die weiße Linie eines Riffs und fing das Licht. Hier sonnte sich ein breites flaches Tier, das einem großen Pilz nicht unähnlich war, mit flügelartigen Flossen, die wohl zwölf Fuß im Durchmesser hatten, und einem langen Schwanz, der einer Peitsche glich. Seine kalten, unbewegten Augen starrten empor und bemerkten den Körper des Mordwals! Mit einem kaum wahrnehmbaren Schwung der schwarzen Flossen glitt es von seinem Riff und floh in die Tiefe.
Aber der riesige Rochen war nicht schnell oder verstohlen genug, um dem Blick seines Feindes zu entgehen. Wieder tauchte die Orca, diesmal ohne Geräusch zu vermeiden, und so plötzlich, daß ihre breiten Schaufelflossen auf das Wasser aufknallten. Wie ein Senkblei stieß sie in die Tiefe. Der Rochen, der sie sah, geriet in Panik. Er wich zur Seite aus und schoß wieder empor, in rasender Eile und mit einem herrlichen Schwung. Mit der Gewalt dieses Auftriebs warf er seinen ganzen schwarzen, bebenden Leib schlank in die Luft, wo er sich drehte und eine Sekunde lang tropfend hing, als hätte ihn der Wahnsinn seiner Angst ein neues Element erobern lassen. Dem nervenschwachen Kalb war das ein schreckliches Wunder, darüber die Sonne fast erlosch. Aber der heftige Ausflug in die Luft dauerte nur diesen einen Augenblick lang und war so nutzlos, wie er kurz war. Als die flachen schwarzen Flossen laut klatschend wieder auf die Flut prallten, fing die streitbare Orca ihre Beute auf, ergriff sie und zog sie hinunter. Es war kein Kampf, der Rochen war machtlos gegen seinen gewaltigen Gegner – nur ein kurzes blind-wütiges Toben in schäumenden Wellen, dann blutiger Schimmer im Grün der See.
Das war jetzt ein ausreichendes Mahl gewesen, selbst für einen Appetit wie den der Orca. Unbenutztes Ueberbleibsel davon trieb umher und sank unter, um die zahllosen Gassenkehrer von Krabben zu nähren, die in den Ritzen und Höhlen des überspülten Riffs lungerten. Die Orca blieb, für eine halbe Stunde etwa, wo sie war, wälzte sich friedlich in dem hellen Wasser über dem Felsen, säugte und liebkoste ihr Kalb und verdaute ihr Mahl. Dann setzte sie friedvoll die Reise fort, aber landeinwärts gerichtet, bis sie nur noch eine halbe Meile weit von der Kette kleiner Inseln und bröckliger Vorberge war, die jene gefährliche Küste umschlossen.
Es war noch nicht voller Mittag und das wolkenlose Sonnenlicht fiel fast senkrecht auf den Meeresspiegel, durchleuchtete die See bis zu erstaunlicher Tiefe. So etwa in halber Höhe des durchsichtigen Glanzes schwamm sorgenlos ein großer Tintenfisch. Sein schneller, spitzer Körper war etwa sechs Fuß lang und an seiner breitesten Stelle, nämlich dem Kopf, hatte er einen Durchmesser von 12–14 Zoll. Aus diesem formlosen Kopf wuchs ein Bündel von Fühlhörnern, wie Blätter aus einer Mohrrübe wachsen, etwa zehn an Zahl und jedes so lang wie der ganze Körper des Tieres. Körper und Fühlhörner waren von gleicher blasser, schmutzig-gelb-grüner Farbe mit bräunlichen Flecken – eine Farbe, die ihren Träger in dieser sonnenbestrahlten See fast unsichtbar macht. Die Bewegung dieser Sepia war nach rückwärts. Sie geschah nicht durch Arbeit der Fühlhörner, sondern dadurch, daß ein großer muskulöser Sack unter den Fühlhörnern ein Maß Wasser aufsaugte und mit Macht wieder von sich stieß. So sah es aus, als atmete der Fisch das Wasser ein und blies sich damit selbst von der Stelle.
Nach dem Festessen, das die Orca sich mit dem gewaltigen Rochen geleistet hatte, war sie durchaus noch nicht hungrig. Aber der saftige Bissen, den dieser Tintenfisch bot, war eine Versuchung, der sie nicht widerstand. Leicht niedertauchend, schoß ihr schwerer, aber fein geformter, schwarz-weißer Körper in die schimmernde Flut. Doch der Tintenfisch blickte auf und sah sie, bevor sie ihn erreicht hatte! Im selben Augenblick schlossen seine zehn losen Fühlhörner sich zu einem harten Bündel, das seine Bewegung nicht hinderte. Seine blassen Flanken zogen sich mächtig zusammen, er stieß Wasser aus und schoß davon, schneller als ein Torpedo aus dem Lauf fliegt. Und zugleich stieß er aus einer Drüse in jenem Sack, dessen Arbeit ihn bewegte, eine Masse schwarzer Flüssigkeit, die sofort eine gewaltig-dunkle Wolke erzeugte und seine Flucht ermöglichte. Außerhalb dieses Verstecks wechselte er die Richtung und floh einer tiefen Höhle auf dem felsigen Grund zu, in der er sich vor den Kinnbacken seiner Feindin sicher wußte.
Die Orca wühlte sich furchtlos in die tintige Wolke hinein, aber im tiefen Dunkel verlor sie jede Spur der ersehnten Beute. Ja, für einen Augenblick verlor sie sich selbst. Hierhin und dorthin ließ sie ihre mächtigen Kinnbacken schnappen, aber immer vergeblich. Was sie erfaßte, war leeres, gefärbtes Wasser. Endlich schnellte sie wieder aus dem Schwarzen in's durchsichtige Grün. Aufwärts spähend erblickte sie so Entsetzliches, daß sie mit fast titanischer Anstrengung an die Oberfläche zurückkehrte. So leidenschaftlich war der Stoß ihrer mächtigen Flanke, daß die Wasser der Tiefe wie unter den Schrauben eines Dampfers aufkochten.
Das Kalb hatte seiner Mutter erst in die Tiefen folgen wollen, hatte sich dann aber vor der schwarzen Wolke gefürchtet, in der die Mutter verschwand. Angstvoll war es an die Oberfläche zurückgekehrt und schwamm dort ziellos, sehnsüchtig umher, als ein wandernder Haifisch es erblickte.
Der Hai wußte wohl, mit wem er es zu tun hatte. Er spähte rundum nach der Mutter, denn gegen eine Mutter-Orca wollte er nicht unhöflich sein. Aber es war keine Mutter in Sicht. Er verstand das nicht. Aber er war toll vor Hunger, und eine solche Gelegenheit war unwiderstehlich. Mit einem Ruck schnellte er gegen das Kalb, warf sich, ihm zur Seite auf den Rücken, um die Beute zu fassen, und zeigte dabei seinen hellen weißen Bauch. Das Kalb verzagte beinahe, als es einen schwarzen, dreieckigen mit unzählbaren Zähnen bedeckten Rachen sah, der sich plötzlich vor ihm auftat. Im letzten Moment riß es sich los und schwamm im großen Bogen dorthin, wo die Mutter niedergetaucht war.
Wieder schleuderte der Hai sich heran, aber um seine seltsam vorgebaute Kinnlade brauchen zu können, mußte er sich abermals auf die Seite drehen, und das Orca-Kalb besaß schon das Fluchtvermögen seines Stammes. So mißglückte der Angriff zum zweiten Mal. Bevor der Hai ihn zum dritten Male wiederholen konnte, erspähte er die Mutter, die aus den grünen Tiefen emporschoß. Und obwohl er gut 25 Fuß lang war – wohl fünf Fuß länger als die Orca – wandte er sich und floh, sein Leben zu retten.
Ein Blick beruhigte die Mutter: ihr Kleines war unverletzt! Dann machte sie sich an die Verfolgung des Angreifers, mit einer Geschwindigkeit, die seine Flucht ganz vereitelte. Nicht fünfzig Meter weit war er gekommen, als sie schon, mit offenem Rachen, über ihm war. Er warf sich krampfhaft zur Seite, und so glückte es ihm, dem ersten Angriff auszuweichen. Mit dem Mut der Verzweiflung wand er sich unter sie, drehte sich zum Biß, kam an den Bauch der Feindin und bohrte seinen dreieckigen Rachen ein. Aber sie hatte schon halb pariert, und er fand keinen wirklichen Angriff. Wohl riß er ihr Haut und Tran aus dem Leib, aber seine Zähne erreichten kein lebenswichtiges Organ. Die tobende Mordwal-Mutter fühlte die Wunde kaum. Unter ihrer Heftigkeit sprühte und dampfte es in der Luft, sie fing den Schwanz des Hais an seiner Wurzel und zermalmte ihn zwischen den Kinnbacken.
Wenn überhaupt von einem Kampf die Rede sein konnte, war dies schon das Ende. Ein paar Minuten lang hielt das Toben noch an, warf sich das verfärbte Wasser meterhoch. Aber alles Kämpfen war auf einer Seite. Die Orca riß und preßte und zerrte das Leben aus dem Körper ihres besiegten Gegners. Als sie von ihm abließ, sank eine zermalmte Masse langsam in die Tiefen. Wieder barg sie das verängstete Kalb unter ihrer Flosse, säugte es, und dann schwamm sie ruhig dem tiefen Kanal zu, der sich zwischen den Inseln und dem Ufer hinzog, und in dem sie etwas saftigen Tintenfisch zu finden hoffte, um sich für den einen zu entschädigen, der ihr so rücksichtslos entronnen war.
Die Brise, die bisher sanft wie mit Katzenpfoten das Wasser gestreichelt hatte, bekam jetzt einen kräftigen Zug, stark genug, um die Oberfläche des Wassers tief purpurn zu färben. Sie trieb an der Küste entlang, zwischen Klippen und Eiland, ein kleines Boot vor sich her, dessen einziges Segel im Sonnenglanz leuchtete.
Zwei Fahrgäste waren in dem zerbrechlichen Fahrzeug, ein Mann am Steuer, der eine große Shag-Pfeife rauchte, und ein seidiger, brauner Jagdhund, der am Fuß des Mastes kauerte. Es war eine schwierige Küste und ein gefährliches Wasser für solch eine Nußschale. Aber der Mann war ein tüchtiger Sport-Segler, und er wußte, daß zwischen dem Hafen, den er verlassen hatte, etwa fünfzehn Meilen weit zurück an der Küste, und dem Hafen, den er erreichen wollte, ein Dutzend Meilen weiter nordwärts, mehr als ein Zufluchtsort lag, den er anlaufen konnte, falls ein plötzlicher Sturm sich im Osten erheben würde. Zwar war dies Wasser ihm fremd, aber er hatte eine gute Seekarte. Es war sein besonderes Vergnügen, unbekannte Gewässer abzusegeln, nur in der Gesellschaft seines treuen Hundes, der stets mit ihm einverstanden war, wenn es galt, einen interessanten Platz zu besuchen.
Gardner war also ein vorzüglicher Segler, sein Auge erkannte jedes Wetter-Symptom, und er hatte den Instinkt, der durch Ruderpinne und Segelleinen den Puls des Windes fühlt. Aber von Naturwissenschaft wußte er ein bißchen weniger als es einem Mann zu wünschen war, der die bevölkerte See zu seinem Spielplatz macht. Von dem Stamm der Walfische und ihren verschiedenen Abarten wußte er nur das Wenige, was er über den großen furchtbaren Tran-Wal gelesen und was er von dem lustigen und harmlosen Tümmler gesehen hatte. Daher kam es ihm nicht in den Sinn, daß er sich zurückhaltend benehmen müßte, als er den gewölbten schwarzen Rücken und das gewaltige Haupt der Orca sah, die lässig durch die Wellen strich. Wäre er ein Habitué dieser Wasser gewesen, – er hätte dem Schnabel seines Schiffes schleunigst eine andere Richtung gegeben, nur um die Orca zu überzeugen, daß er ihr Privatleben nicht zu stören beabsichtige! So aber geschah es, daß er näher heran segelte, um zu sehen, was für eine Art von Fisch oder Tier es war, dies schwarz-weiße Geschöpf, das von seiner Nähe so gar keine Notiz nahm.
In einer Entfernung von 80 oder 100 Meter bekam Gardner einen verrückten Einfall. Hier war gute Gelegenheit für einen Schuß, das unbekannte Tier würde eine wertvolle Trophäe abgeben. Er dachte nicht daran, was er anfangen sollte, wenn er diese Trophäe erst besaß. Er überlegte sich nicht, daß er mit seinem leichten Gewehr kaum eine schmerzhafte Wunde in die Tranmasse schicken konnte, die alle edleren Organe des See-Ungeheuers schützte. Er wußte nicht einmal, daß ein toter Wal auf den Grund sinkt, daß er mithin auch für den besten Schuß keinen Lohn zu erwarten hatte. Ueber ihm war einfach der Zwang, zu töten. Er warf ein Knie über das Steuerruder, um seinen Kurs zu halten, nahm das Gewehr hoch und feuerte auf einen Punkt hinter der großen Flosse der Orca – irgendwohin, wo er das Herz vermutete. Während er schoß, sprang sein Hund auf, denn er merkte, daß etwas Aufregendes geschah, legte seine Pfoten auf den Bootsrand und bellte wütend gegen das fremde schwarze Ungeheuer, das durch die Wellen rollte.
Zu Gardners Erstaunen zeichnete das Ungeheuer selbst überhaupt nicht auf den Schuß, aber unter seiner Flanke begann sofort eine wilde Bewegung. Irgend etwas dort schlug wie wahnsinnig auf das Wasser, das Ungeheuer selbst schwang sich zur Seite und starrte mit großer und ängstlicher Aufmerksamkeit auf dieses Etwas. Sie schlug mit ihrer Flosse sanft dorthin, als wollte sie das Etwas beruhigen, und dann sah Gardner, es war das Waljunge, das er geschossen hatte. Da fühlte er Gewissensbisse. Hätte er das Kalb gesehen, so hätte er weder auf die Alte noch auf das Junge geschossen, denn er war nicht einfach grausam, sondern nur gedankenlos. Ein paar Sekunden lang starrte er unentschlossen vor sich hin, dann beschloß er, das Kalb – in der Annahme, daß es tötlich verwundet war – von seinen Qualen zu befreien. Er zielte sorgfältig und schoß noch einmal. Das Echo warf den Knall von den Klippen einer Insel zurück, die kaum hundert Fuß weit ablag.
Diesmal hatte Gardner gut getroffen. Ehe noch die Echos der Entladung verhallt waren, lag das Kalb still und begann dann, langsam zu sinken. Ein paar Sekunden lang herrschte Ruhe, nur durch das erregte Bellen des Jagdhundes gestört. Die Orca schwamm langsam rund um den Körper ihres Jungen, anscheinend versicherte sie sich, daß es tot war. Dann wandte sie ihre kleinen Augen auf das Boot. Es dauerte nur einen Augenblick, aber in diesem Augenblick erkannte Gardner, daß er einen abscheulichen Fehler begangen hatte. Unwillkürlich wandte er sein Boot gegen die felsige Insel.
Während er das Steuerruder herumwarf und in Hast sein Segel freimachte, sah er, wie das Wasser unter dem schwarzen Körper der Orca aufschäumte. Sie war gut 100 Meter weit von ihm weg, aber so mächtig war ihr Ansturm, daß es war, als sei sie im Augenblick auch schon über ihm. Mit Geheul sprang der Hund in den Bug. Da das Boot in diesem Augenblick mit seiner Breite dem schrecklichen Angriff zugekehrt war, behielt Gardner seinen Sitz und gab noch einen verzweifelten Schuß ab, direkt in's Gesicht der anstürmenden Bestie. Ebenso gut hätte er mit Erbsen schießen können.
Das Gewehr fiel ihm vor die Füße, im Augenblick war es, als hätte ein Schnellzug das Boot gerammt. Es wurde aus dem Wasser gehoben, seine ganze Seite war zerschmettert, während Gardner schlank über die Spiere flog. Als er niederfiel, hörte er zum letzten Mal seinen braunen Hund heulen. Um nicht in das Segel verwickelt zu werden, das auf ihn niedersackte, tauchte Gardner unter und schwamm an fünfzehn Fuß weit unter dem Wasser. Seinem Tauchen und dem Umstand, daß das Segel ihn vorübergehend versteckt hatte, dankte er zweifellos sein Leben. Er war ein Meisterschwimmer, und in wahnsinniger Eile strebte er jetzt auf die Insel zu, mit Paddelschlag, den Kopf fast immer unter Wasser. Die Orca bemerkte zunächst seine Flucht nicht. Der unglückliche Hund hatte durch sein Gebell ihre Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, ihn hatte sie ergriffen und in dem Augenblick, in dem er ins Wasser fiel, zermalmt. Dann hatte sie ihre Wut gegen das Wrack des Bootes gerichtet, sie hatte es zerrissen, zu Brennholz gemacht, indem sie es in ihren mächtigen Rachen nahm und schüttelte, wie ein Terrier eine Ratte schüttelt. Nach diesen Taten kehrte sie sich zur Insel hin, und jetzt fielen ihre todbringenden Augen auf die Gestalt des schwimmenden Mannes.
Ihr Ansturm war wie der eines Torpedos, aber Gardner legte schon seine tobenden Hände auf das Riff. Dies Riff, eine Felsnase, die kaum zwölf Zoll breit war, wurde grade noch von der See überwaschen. Er fühlte, daß hier kein Zufluchtsort war. Aber grade über ihm, etwa in seiner halben Höhe, lag eine Grotte im Felsen, die wunderlich ausgemeißelt war, als sollte eine Bildsäule darin aufgestellt werden. In verzweifelter Hast rettete er sich in dies dürftige Versteck, zog seine Beine dem Körper nach, machte sich in der Grotte so flach wie möglich. In diesem Augenblick schon flogen Schaum und Sprühregen über ihn her, denn mit furchtbarer Gewalt warf sich sein Verfolger gegen den Felsen zu seinen Füßen.
Gardner schauerte und es fiel ihm schwer, wieder Luft in seine verkrampften Lungen zu bekommen. Er hatte schon manches Rennen geschwommen, aber keines wie dies. Vorsichtig drehte er sich um, und während er noch flach wie eine Muschel auf dem Boden lag, starrte er hinunter und zitterte vor Angst, sein Feind könnte zum zweiten Mal einen so wahnsinnigen Sturm versuchen, diesmal vielleicht mit besserem Erfolg.
Aber die Orca schien den Versuch nicht wiederholen zu wollen. Die Gewalt ihres Angriffs war furchtbar gewesen und hatte wohl auch ihr den Atem verschlagen. Jetzt schwamm sie ruhig vor dem Felsen auf und ab, ein grausamer und schrecklicher Belagerer. Gardner sah in ihre kalten, kleinen Augen und zitterte vor dem intelligenten und unversöhnlichen Haß, der darin flammte.
Als er sich soweit erholt hatte, um seine Lage zu überdenken, mußte er zugeben, daß sie nahezu verzweifelt war. So weit er auch nach den Seiten und nach oben die Klippen abfühlte, fand er keine Zacke und keinen Griff, mit Hülfe deren er hoffen konnte, die Spitze des Felsens zu erklettern. Wie lange sein rachsüchtiger Feind die Belagerung fortsetzen würde, konnte er nicht beurteilen. Aber wenn er bedachte, wieviel Leid er ihm zugefügt hatte, wie sachlich seine Art der Belagerung war und wie furchtbar die Wut seines Angriffs, hatte er wenig Anlaß, zu hoffen, daß er seinen Posten bald verlassen würde. Er wußte, daß die Orca in diesen belebten Wassern reichliche Nahrung finden würde. Aber so reich dies Meer auch an tierreichem Leben war, wußte er doch, daß ein Schiff hier nur selten auftauchen würde. Die Küstenschooner mußten hier einen weiten Bogen machen, der unsichtbaren Riffe und unterirdischer Strömungen wegen. Seine Insel war sicher nur eine halbe Meile weit vom Strand, unter gewöhnlichen Umständen für ihn eine leichte Schwimmübung. Aber selbst wenn der Belagerer ihn verließ, hatte er keinen Schutz gegen die Gier der riesigen Haie, die in diesen Insel-Kanälen ihr Wesen trieben. Er war der vollen Glut der Sonne ausgesetzt – der Felsen fühlte sich unter seinen Händen schmerzhaft heiß an – und so fragte er sich, wie lange es dauern würde … Bald würden seine Beine unter dem Gewicht des Körpers einknicken, er würde vorwärts torkeln, direkt in den Rachen seines lauernden Feindes. Dann beruhigte er sich über diese Gefahr, denn er bemerkte plötzlich, daß die Sonne bald hinter seinem Riff verschwinden und ihn im Schatten lassen würde. Was die Hitze anbetraf, konnte er es also bis zum nächsten Morgen ruhig aushalten. Aber dann? Blieb das Wetter schön, wie sollte er dann die unerträglich lange Glut des Vormittags überstehen, ehe die Sonne zum zweiten Mal hinter der Klippe verschwand? Er begann, um Sturm und undurchdringlichen Nebel zu beten. Aber dabei hielt er plötzlich inne, es wurde ihm bewußt, in welcher Klemme er war. Kam ein Sturm, dann war zu dieser Jahreszeit anzunehmen, daß es ein Südost war; in diesem Falle würden die ersten brandenden Seen ihn von seinem Sitz herunterwaschen. So beschloß er endlich, sein Gebet ganz allgemein zu halten und der Vorsehung keine zweifelhaften Ratschläge zu geben.
Unwillkürlich kramte er in seiner Tasche herum, zog ein Paket durchnäßten, triefenden Tabaks nebst einer Büchse nasser Streichhölzer hervor. Unter den Streichhölzern waren ein Paar Wachszünder, und er hatte eine dürftige Hoffnung, daß er sie nur sorgfältig zu trocknen brauchte, um vielleicht einen Funken zu schlagen. Er breitete sie mit dem Tabak auf den heißen Stein zwischen seinen Füßen. Seine Pfeife hatte er bei der Katastrophe verloren, aber in seiner Tasche fanden sich Briefe, und mit diesen, die er gleichfalls trocknen wollte, konnte er sich vielleicht Zigaretten drehen. Das Unternehmen gab ihm etwas zu tun und half ihn so über den endlosen Nachmittag hinweg. Zuletzt aber mußte er feststellen, daß keins der Wachshölzer ihm einen Funken geben würde. Aergerlich warf er die nutzlosen Ueberbleibsel in's Meer.
Ganz unerwartet kam die Nacht, wie immer in diesen Breiten, und das Mondlicht verzauberte die langen Wellen in leuchtendes Glas. Die ganze Nacht über schwamm die Orca vor dem Felsen auf und ab, bis die Eintönigkeit ihrer Bewegung den Gefangenen hypnotisierte, daß er seine Augen gegen die Felsspitze richten mußte, um dieser Hypnose zu entgehen. Seine tötliche Angst war, er könnte in seiner Schwäche einschlafen und aus der Grotte herausfallen. Die Beine wurden ihm schwer, aber in der Nische war kein Raum, sich niederzusetzen, oder auch nur einigermaßen bequem zu kauern. In seiner Verzweiflung entschloß er sich endlich, seine Beine über den Felsen herunterbaumeln zu lassen, wo die Feindin sie freilich erschnappen konnte, wenn sie wieder einen ihrer wilden Luftsprünge wagte. Sobald er sich bewegte, schwamm sie näher und starrte ihn mit unverändertem Haß an. Aber sie versuchte nicht, ihren Luftangriff zu wiederholen. Gardner nahm an, daß sie zu einem zweiten Zusammenprall mit dem Felsen keine Lust hatte.
Endlich erschöpfte sich diese endlose Nacht. Der Mond war schon lange hinter der Klippe verschwunden, der samtne Purpur des Nebels wurde dünn, die Sterne erblaßten. Dann erwachte der unendliche Glanz eines wolkenlosen tropischen Morgens über der See, die schimmernde Fläche des Wassers schien sich der Sonne entgegenzuwerfen. Gardner riß seine letzte Kraft zusammen, um die Feuerprobe zu bestehen, die jetzt auf ihn wartete.
Um sich auf diese Feuerprobe vorzubereiten, zog er seinen leichten Rock aus und heftete daran ein Stück Bindfaden, das sich in seinen Taschen fand. Dann warf er den Rock hinab und tauchte ihn tief in's Wasser. Die Orca schnellte vor, um zu sehen, was er tat, aber er zog den triefenden Rock wieder empor, ehe sie ihn schnappen konnte. Dieser Einfall war beinahe eine Offenbarung, denn indem er seinen Kopf und Körper feucht hielt, hätte er der Hitze länger trotzen können und vielleicht auch die äußersten Qualen des Durstes mildern.
Ein gütiges Schicksal hatte es jedoch gewollt, daß seine Prüfung bald zu Ende ging. Es war vielleicht 9 Uhr morgens, da klang irgendwo hinter der Insel ein gleichmäßiges, gedämpftes Tschug, Tschug, Tschug, Tschug, für Gardners Ohren die göttlichste aller Melodien. Im Augenblick hatte er sein weißes Hemd über den Kopf gezogen und hielt es in zitternden Händen. Ein Augenblick verging und es kam eine mächtige vierzig Fuß lange Motorbarke in Sicht. Sie war kaum hundertfünfzig Meter weit fort und machte gewaltigen Lärm, aber Gardner schrie wie ein Wilder und schwenkte sein Hemd in die Luft, bis es ihm glückte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie nahm die Richtung auf seinen Felsen, aber gleich darauf setzte der Motor aus und die Barke schwenkte wieder zur Seite. Der Führer hatte gesehen, daß Gardner belagert war.
Es waren drei Mann in der Barke. Einer rief den Gefangenen an.
»Was gibt's?« fragte er kurz.
»Ich habe gestern dem Biest sein Kalb geschossen!« rief Gardner zurück. »Es hat mein Boot zerschlagen und mich auf diesen Felsen gejagt.«
Einen Augenblick war Schweigen in der Barke. Dann sagte der Kapitän: »Wenn einer was erleben will, braucht er sich nur mit einem Mordwal einzulassen.«
»Ich bin auch schon darauf gekommen, daß es eine Dummheit war,« gab Gardner zur Antwort. »Aber es war gestern morgen, und jetzt bin ich fertig. Kommt her und nehmt mich auf.«
Auf der Barke wurde Rat gehalten. Die Orca setzte ihren Patrouillengang vor dem Felsen fort, als wäre so ein Ding, wie ein vierzig Fuß langes Motorboot, nicht der Mühe wert, sich darum zu kümmern.
»Du mußt noch ein bißchen länger zappeln!« schrie der Kapitän. »Wir gehen in den Hafen zurück und holen eine Walfisch-Kanone. Wir haben eine schwere Büchse an Bord, aber es hat keinen Sinn, sie damit zu ärgern. Denn wenn der erste Schuß nicht richtig sitzt, macht sie in zehn Minuten Brennholz aus unserem Boot. In einer Stunde sind wir wieder zurück, hab' keine Angst.«
»Dank!« sagte Gardner, und in einem weiten Bogen verschwand die Barke hinter der Insel.
Diese eine Stunde schien dem Gefangenen entsetzlich lang. Er hatte Zeit, seine kühltropfende Jacke zu segnen, ehe er wieder das Tschug, Tschug, Tschug des Motors hinter seinem Kerker hörte. Diesmal hielt das Boot, kaum daß es in Sicht war, geradewegs auf die Orca. In seinem Bug, der anmutig über die Wellen tanzte, bemerkte Gardner eine seltsame Kanone – eine Art Elefantenbüchse auf drehbarer Lafette. Jetzt nahm die Orca Notiz von der Tatsache, daß das Boot direkt auf sie hielt. Sie unterbrach ihr ruheloses Patrouillieren und schien zu überlegen, ob sie das Boot angreifen sollte oder nicht. Die Schrauben arbeiteten rückwärts, bis die Barke zum Stillstand kam, und der Kapitän am Bug richtete die Waffe. Es war ein mächtiger Knall. Das See-Ungeheuer warf sich halben Leibes aus dem Wasser und fiel mit gewaltigem Klatschen wieder zurück. Eine Sekunde lang tobte es wie irrsinnig im Halbkreis, prellte dann mit dem Kopf gegen die Klippe und sank dann, zwei Faden tief, auf ein zackiges Riff.
»Ist es tief genug, um herunterzuspringen?« fragte der Kapitän, als die Barke langsam beidrehte.
»Reichlich,« sagte Gardner, schwang sich steifbeinig aus seiner Grotte und kletterte die Felsen hinab.
Darmowy fragment się skończył.