Czytaj książkę: «Im Knast»

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Über dieses Buch

Im Streit mit einem zwielichtigen Geldverleiher bringt ein junger Mann von unter zwanzig Jahren diesen um. Nach einer emotionalen Berg-­ und ­Talfahrt stellt er sich der Polizei.

Die Mühlen der Justiz beginnen zu mahlen. Der Untersuchungsrichter scheint wenig Lust auf mildernde Umstände zu haben, der Pflichtver­teidiger ebenso wenig auf Verteidigung. Auch der Gutachter hat offenbar seine Meinung schon im ­Voraus gemacht und dreht Simon jedes Wort im Mund um. Ein Exempel wird statuiert, Simon zu sechzehn Jahren verurteilt.

Simon hat in der Zwischenzeit die Haft vor­zei­tig angetreten und ist in der schwierigen Gemein­schaft von Gefangenen und Aufsehern gelandet, in einer Welt mit eigenen Gesetzen und Gebräuchen, die nur noch wenig mit der Welt draussen zu tun hat, auf die er vorbereitet werden soll.

Mit psychologischem Gespür schildert

Simon Volkart den Justizvollzug von den ersten Ver­­hören bis zur Entlassung, sein Bericht ist der selten wahr­genommene Blick eines Betroffenen auf die Verwaltung von Verbrechen und Verbrecher.


Simon Volkart ist ein Pseudonym. Nach der Verbüssung seiner Straftat lebt er heute ein normales Berufs- und ­Familienleben.

Simon Volkart

Im Knast

Ein Bericht

Mit einem Vorwort von Mario Gmür

Limmat Verlag

Zürich

Beobachtete Beobachter

Mario Gmür

Fällt die Tür ins Schloss, umfängt ihn eine Stille, die ihn die völlige Abgeschiedenheit spüren lässt. Einsamkeit hinter Schloss und Riegel. Augenblick und Ewigkeit fallen in eins. Er ist zurückgeworfen, nicht auf ein Nichts, aber auf ein Minimum, das die wenigen Gegenstände, Tisch, Bett und Stuhl, veranschaulichen: der Strafgefangene. «Sträfling» ist drei Silben kürzer, auch strammer als Begriff, der seine neue Identität bestimmt. Hier wird er zum Experten für Zeit und Zeitlosigkeit, im Wartesaal der Freiheit. Er sitzt die Strafe ab, ein Stück Lebenszeit, die ihn dem Tod näherbringt. Bis dann wird seine Grunderfahrung Langeweile sein. Er kann Antwort geben auf die scherzhafte Frage, ob es einen Satz gibt, in dem das Wort mühsam (jiddisch gesprochen miehsam) siebenmal hintereinander vorkommt: «Mir ist mies am Montag, mies am Dienstag, mies am Mittwoch …» Nicht nur eine Woche lang, sondern über Monate und Jahre.

Als Verfasser dieses Vorwortes, der nie eine Nacht, ja nie eine Stunde in einer Gefängniszelle verbracht hat, habe ich eine unzureichende Kompetenz, über das Leben im Knast zu schreiben. Der Autor dieses Buches hingegen weiss, wovon er spricht. Er, dem im Affekt ein unverzeihlicher, dummer und folgenschwerer Fehler passiert ist, hat viele Jahre in einer Strafanstalt eingesessen.

Er war ein gefährlicher Insasse. Nicht für die Mitgefangenen, nicht für die Menschen, denen er in Zukunft in Freiheit begegnen würde. Jedoch für die Funktionäre der Justiz, die sich ihrer Sache sicher sind, ob als Ankläger, Richter oder Vollzugsbeamte.

Zeugt es nicht von Hochmut und sträflicher Dummheit der Mächtigen, nie zu bedenken, sie selber könnten unter Beobachtung stehen? Die Ohnmacht ihrer Schützlinge hat Augen und Ohren auf sie gerichtet und legt ihre Wahrnehmungen in das Archiv ihrer Erinnerung ab. Vor­der­gründige Einflusslosigkeit macht Notizen, schreibt Ta­ge­bücher, die per se schon eine subversive Gefahr für die Bevollmächtigten darstellen. Zu gegebener Zeit – wenn es zu spät ist, dies zu verhindern – riskieren sie, blossgestellt und angeprangert zu werden.

Wäre dieser Rapport aus der Strafanstalt das Machwerk eines recherchierenden Journalisten, er wäre aufschlussreich und brisant. Aus der Feder eines Insassen be­eindruckt er besonders, weil der Verfasser seine Erfahrungen und Reflexionen aus der Authentizität seines Erlebens zu Papier brachte. Er schreibt nicht über die Justiz, sondern aus der sinnlichen Erfahrung rechtsprechender Gewalt an eigenem Leib und eigener Seele in verschiedenen Phasen und an entsprechenden Lokalitäten seines Cur­riculum Vitae innerhalb der Sphäre gesetzwidrigen Hergangs und anschliessender Gerichtsbarkeit. Er beschreibt den Tatort, die Flucht, die Untersuchungshaft, die psychiatrische Begutachtung, das Gerichtsverfahren, den Strafvollzug, die Entlassung nach dreizehn Jahren.

Der Autor hat keine akademische Ausbildung genossen. Seine beachtliche Schreibkunst scheint einerseits einer genuinen Begabung geschuldet, andererseits einer Be­le­senheit, die er nicht zuletzt einer reichhaltigen Gefängnisbibliothek zu verdanken weiss. Seine Aufzeichnungen er­innern an den psychologischen Realismus romanhafter Darstellungen der Gefängnisliteratur, wie jene von Jakob Wassermann (Der Fall Maurizius) und Hans Fallada (Wer einmal aus dem Blechnapf frisst). Sie sind aber kein Roman, sondern eine Geschichte, die das Leben hinter Mauern schrieb. Für das Studium der Psychologie der Macht sind sie ein wertvoller Beitrag. Sie handeln von einem Feld der Not und der Qual, von erzwungenem Zusam­men­leben, von der Zermürbung im Wirbel zurückgedrängter Triebe, vom im Unterdrückungsregime gesammel­ten Schweigen, vom Sadismus der Justiz, die legitimiert ist durch seine Schuld. Er zeichnet das Bild einer entseelten Maschinerie der Justiz, einer von ihm als despotisch erlebten Willkür und eines Verlustes der Menschenwürde. Er schreibt von der Hölle auf Erden. Der Text ist aber keineswegs ein anlastendes Klagelied eines Unzufriedenen, der sich darauf beschränkt, das Leiden in Worte zu fassen. Der Autor nimmt eine besonnene Rolle ein, die des scharfäugigen Analytikers des Alltags im Knast, der sozialen Strukturen und dynamischen Abläufe, geleitet von der Methode der teilnehmenden Beobachtung. Er bemüht sich – über weite Strecken respektvoll-distanziert – um Objektivität und Ausgewogenheit. Seine Schrift «Im Knast» wirft einen Lichtstrahl in die Psychologie des Strafvollzugs. Sie hält der Strafjustiz den Spiegel vor, in dem sie ihre eigenen Fratzen abgebildet sieht. Der Registrierende gibt dem Ausdruck «Gegengutachten» eine neue Bedeutung, nicht die übliche einer von einem Verteidiger in Auftrag gegebenen Gegenexpertise. Es ist seine, des Autors, Begutachtung des Amtspsychiaters, der ihn hochnäsig abgeschmeckt hat, und der Seelenfolterfunktionäre im Namen des Rechtsstaates.

Der Bericht kann als Werk eines seiner Freiheit beraubten Insassen aufgefasst werden, der aus der Not der Gefangenschaft die Tugend eines aufmerksamen subtilen Beobachters und Berichterstatters macht. Schreibend gewinnt er dadurch stückweise die Autonomie zurück, die ihm in der Haft abhanden gekommen ist. Entstanden ist ein höchst lesenswertes Buch, das nachdenklich stimmt.

Zutritt

Die folgenden Geschichten sind wahr. Sie ­wurden nur so weit verändert, wie es für eine Anonymisierung nötig ist.

Leider ist es noch heute so, dass man als entlassener Sträf­ling von der Schweizer Gesellschaft geächtet wird. Deshalb wäre ich sehr dankbar, wenn man meine Anonymität respektierte, nicht zuletzt, weil ich nun Familie habe und meine Frau und Kinder wegen meines Fehlers keine Nachteile haben sollen.

Hypostase
1

Schweissgebadet wachte ich auf, hörte nur noch mein Herz pochen, das schweissnasse Hemd klebte mir am Rücken, die Uhr zeigte kurz nach Mit­ternacht. Mein Hals war ausgetrocknet. Wiederkehrende Alb­träu­me sind eine der kleinen Rechnungen, die man als Mörder erhält. Oft schon wurde ein solcher gefragt, wie er sich während und nach seiner Tat gefühlt hatte. Eine ebenso verständliche wie unsinnige Frage. Die Antwort muss wirr, widersprüchlich und fragwürdig erscheinen – denn so erlebt er das auch.

Alles wegen des Mords, dachte ich. Er war es, er will mich töten, sich an mir rächen. Er lässt mich nicht in Ruhe, nie mehr. Er will, dass ich leide. Das hält ihn am Leben.

Am Leben? So ein Unsinn! Er war ja tot.

Warum hatte ich keinen Krankenwagen geholt? Aber er war doch schon tot. Sicher? Es gibt Menschen die überleben schwerste Verletzungen, wenn man ihnen sofort hilft. Scheisse!

Wasser, ich brauchte Wasser.

Mühsam stand ich auf, die Glieder schmerzten wie bei einer schweren Erkältung. Ich schleppte mich ins Bad und beugte mich vor, um zu trinken. Dass ich kein Glas benutz­te, war eine meiner hässlichen Angewohnheiten, die mir auch meine Exfreundin nicht hatte austreiben kön­nen.

Ich wusch mir mein Gesicht, wagte aber nicht, in den Spiegel zu schauen. Ob das wieder normal würde, ob ich irgendwann wieder in den Spiegel würde sehen können?

Ich sah bestimmt scheusslich aus. Seit Wochen musste ich mich zum Essen zwingen und hatte doch nichts Anständiges zu mir genommen. Das Schlafengehen war ebenfalls zu einer Mutprobe geworden, jedes Mal warteten schon die Verfolger auf der anderen Seite.

Vor allen anderen er. Er liess nicht locker. Sein Bild erschien mir auch schon im Wachzustand. Er stand kerzengerade vor meinem geistigen Auge und schaute mich still und vorwurfsvoll an. Ich fühlte mich festgenagelt, und mein Körper zog sich zusammen, bis mich jeder Atemzug schmerzte. Mit jedem Atemzug sog ich einen Teil von ihm ein, bis ich ihn ganz aufgesogen hatte und die Erscheinung verschwand. Danach ein kurzer Schüttelfrost, übrig blieb ein mulmiges Gefühl, das mich die nächste Zeit begleitete.

Wie gerne hätte ich mit meinem Opfer getauscht. Es gab nichts Schrecklicheres mehr für mich als mein Gewissen, es quälte mich, warf mich von einem Gefühl ins andere. Bald sah ich nur noch einen Ausweg. Bloss: Wie es anstellen? Mich erschiessen? Aus dem Fenster springen? Mich vor einen Zug werfen? Das schien mir alles zu feige. Ich musste sterben wie mein Opfer, ich musste mich erstechen.

Entschlossen wankte ich in die Küche, nahm ein langes Küchenmesser und setzte es mir an den Hals. Ich versuchte zuzudrücken, aber die Kraft wich aus meinem Arm. Ich packte mit der zweiten Hand an und drückte die Klinge in die Haut. Dann fuhr ich mit einem Ruck durch das Fleisch.

Ein lächerlicher Kratzer war das Ergebnis, einer mehr neben den anderen, die ich mir in den letzten Tagen bereits zugefügt hatte. Dann versuchte ich, mir das Messer in den Bauch zu rammen, die ganze Szene war schon fast zu einer Art Ritual geworden, innerlich hatte ich den Selbstmord längst aufgegeben.

Heulend fiel ich auf die Knie und stach mir dabei aus Versehen in den Oberschenkel. Verzweifelt schleuderte ich das Messer in eine Ecke. Ich krümmte mich und schlug mehrmals mit dem Kopf gegen den Boden. Dieselbe Frage quälte mich immer und immer wieder: Wieso? Wieso? Wieso?

Ich krallte die Finger ins Gesicht und schrie laut auf, wenigstens erschien mir mein Schrei lange und unmenschlich, bis ich nur noch stossweise die letzte Luft aus der Lunge keuchte. Ich wollte den ganzen heissen Gestank von mir loswerden. Kurz vor dem erneuten Luftholen sog mich eine Leere von innen her auf, und ich wurde ohnmächtig.

Als ich wieder zu mir kam, blieb ich kraftlos liegen. Langsam drehte ich mich auf die Seite und zog mit Hilfe der Arme meine Knie ans Kinn. So lag ich stundenlang da, meine Gedanken stürmten wirr durcheinander und brach­ten nichts Klares hervor. Es rauschte und flimmerte alles um mich herum. Erst als die Sonne durch das Fenster direkt auf mich schien, kamen meine Kräfte langsam zurück.

Vorsichtig setzte ich mich in Bewegung. Ich stützte meine Hände auf dem Boden auf, dann zog ich mich zitternd am Tisch empor, bis ich meinen Oberkörper vornüber auf die Tischplatte legen und mich dann mit einer leichten Drehung in den Stuhl fallen lassen konnte. So ruhte ich eine Weile aus, bis ich die Kraft fand, um aufzustehen. Schliesslich schaffte ich es zum Wasserhahn. Das kalte Wasser befreite mich aus meinem Loch.

Jetzt durfte ich bereits daran denken, was als Nächstes zu tun war. Ich musste wieder mal was Richtiges essen. Ein Blick in den Kühlschrank war überflüssig, ich beschloss, mich anzuziehen und im Imbiss gegenüber etwas zu verdrücken.

Die frische Luft erfüllte mich mit neuem Leben. Fast fröhlich überquerte ich die Strasse und trat an die Theke, dann setzte ich mich mit einem Hotdog in einen der Plastikstühle. Einige schauten mich merkwürdig an, aber das war im Augenblick unwichtig, ich biss frohgemut zu. Erst als es ans Schlucken ging, war mein Appetit mit einem Schlag vorbei. Der Bissen fühlte sich im Magen wie ein klebriger Fremdkörper an. Mir wurde übel, mein Magen verkrampfte sich, und ich erbrach mich über den Tisch und vor die Füsse eines wenig anmutig wirkenden Bauarbeiters. Mit einer hastigen Bewegung als eine Art Entschuldigung erhob ich mich und räumte das Feld, den Hotdog hatte ich zu Boden fallen lassen.

Wieder hatte ich nichts gegessen. Mit weichen Knien wankte ich durch die Strassen, in denen sich die Sommerhitze staute. Wieder verlor ich mich in wilden Gedanken, mein Gesicht zuckte nervös.

Dann sah ich die Schlagzeile: Todesmetzger gefasst! Darunter war das schlecht unkenntlich gemachte Porträt eines Mannes zu sehen, das fast die ganze Titelseite füllte. Mit vorgeschobenem Kopf ging ich ungläubig hin. Der Bericht zum Bild befand sich erst auf den nachfolgenden ­Seiten, also verlangte ich von der Verkäuferin die Zeitung, schlug sie auf und hastete durch die Sätze, die Verkäuferin musste mit Nachdruck das Geld verlangen, ich warf ihr etwas hin, nicht genug, noch etwas, so sehr war ich in den Text vertieft.

Sie hatten ihn geschnappt! Aber wen denn eigentlich? Ich war ja der Gesuchte! Wen konnten sie da eingesperrt haben? Dringender Tatverdacht … noch nicht geständig … kein Alibi … ist das Motiv Geld? … Fast war ich selber von der Schuld des Verhafteten überzeugt. Wie konnten sie einen Unschuldigen unter dringendem Tatverdacht in­haftieren? Egal, endlich konnte ich mich entspannen.

Durfte ich das?

Die Suche würde jetzt sicherlich nicht mehr so intensiv weitergeführt werden. Ich hatte es geschafft. Mit einem tiefen Aufatmen lehnte ich mich an den Kiosk und liess die Arme mit der Zeitung sinken. Eine Polizeisirene schreckte mich auf, aber im nächsten Moment fasste ich mich. Ich konnte ja beruhigt sein.

Seit der Tat hatte mich jede Sirene in Alarmbereitschaft versetzt, obwohl ich wusste, dass ich keinerlei Spuren oder Anhaltspunkte hinterlassen hatte, durch die sie auf mich hätten kommen können. Jetzt war dies alles auf einen Schlag vorbei. Ich konnte mir zwar noch immer nicht erklären, wie ein Unschuldiger unter dringendem Tatverdacht stehen konnte, aber das kümmerte mich nun herzlich wenig. Hauptsache, ich hatte meine Ruhe und konnte einen Neuanfang planen.

Ich stiess mich vom Kiosk ab und schlenderte durch die Stadt. Mehrmals hatte ich mir durch einen Blick in die Zeitung Genugtuung verschafft. Schliesslich warf ich sie in hohem Bogen über eine Mauer. Ich hatte mich von der Echtheit überzeugt. Zum ersten Mal wagte ich wieder über die nächsten fünf Minuten hinauszudenken.

Zuerst, überlegte ich, musste ich einen Job finden. Egal was, nur nicht wieder irgendein Experiment als Selbständiger. Aber vor allem musste ich dringend etwas essen. Ich setzte mich ins nächste Restaurant und bestellte ein sattes Mahl. Der hohe Preis störte mich nicht im Geringsten, er spornte mich eher zu einem doppelten Appetit an.

Mit dem letzten Bissen lehnte ich mich zurück und bestellte mir einen guten Wein. Jetzt interessierte ich mich auch wieder für die Menschen um mich herum. Meine Gedanken beruhigten, mein Gesicht entspannte sich.

Sie hatten also den Falschen geschnappt, und ich, der Mörder, sass gemütlich in einem Wirtshaus und schlug sich den Wanst voll. Da soll einer die Welt verstehen.

Als ich nach dem dritten Glas Wein eine wohlige Wär­me meinen Körper durchströmen fühlte, beschloss ich, nach Hause zu gehen. Voller Elan machte ich mich auf den Weg, aber plötzlich wurde ich müde, die Müdigkeit wurde immer grösser, und die letzten Treppenstufen schienen mir einen halben Meter hoch zu sein. Eine Weile versuchte ich, die Tür aufzuschliessen, bis ich merkte, dass ich sie mittags gar nicht abgeschlossen hatte. In der Wohnung erbrach ich mein üppiges Mahl, liess mich ins Bett fallen und versank mit einem angenehmen Kribbeln in den Gliedern in einen tiefen Schlaf.

2

Am nächsten Tag wollte ich raus, irgendwohin. Auf dem letzten Treppenabsatz fiel mir ein, dass ich erneut die Woh­nungstür zu schliessen vergessen hatte, aber es war mir egal. Ich setzte mich zuhinterst in einen Bus und überliess mich meinen sprunghaften Gedanken.

Dann spürte ich zwei Augen auf mir. Schräg gegenüber sass eine junge Frau, ungefähr in meinem Alter. Ich blickte sie direkt an. Sie schaute zunächst erfreut zurück. Ich verstand nicht wieso, aber dies löste in mir einen unbändigen Zorn aus, den ich sie spüren lassen wollte.

Ich starrte sie mit aller Kraft an und genoss die aufsteigende Beklommenheit in ihren Augen. Verlegen wich sie meinem Blick aus, ich aber liess nicht locker und starrte nur umso intensiver auf sie. Sie bemerkte es, wich weiterem Blickkontakt aus, lachte vor lauter Unsicherheit einmal stumm auf. Ich starrte und starrte, unbarmherzig drückte ich sie mit meinen Augen in den Sessel, liess sie nicht mehr los, selbst das Atmen fiel ihr schwer, die Angst schien ihr die Kehle zuzuschnüren, und sie schien nicht aufstehen zu können. Ihre Augen suchten verzweifelt nach einem Ausweg, während ich sie immer eindringlicher durchbohrte, ich hatte bemerkt, dass sie schon hätte aussteigen müssen, aber sie fürchtete wohl, ich würde ihr folgen. Immer wieder streifte sie mich mit einem flüch­tigen Blick, um zu sehen, ob ich noch schaute.

Ich wollte sie meine Macht spüren lassen. Ich bin ein Mörder. Ich habe Macht und brauche mich vor niemandem zu fürchten. Ich kann machen, was ich will.

Da drängten sich mehrere Personen zwischen mich und mein Opfer, sie sah ihre Chance gekommen, stand schnell auf und zwängte sich aus dem Bus.

An der Endstation stieg ich aus. Ich blickte mich um, wusste nicht, was ich hier wollte und stieg in den nächsten Bus zurück. Ich dachte an die verängstigte junge Frau. Plötzlich überkam mich Scham, die Röte stieg mir ins Gesicht, mir wurde bang und heiss. Wie hatte ich nur so brutal sein können! Wie hatte mich die Gewalt derart übermannt? Zum ersten Mal in meinem Leben ängstigte mich die Vorstellung, gefährlich zu sein, wirklich gefährlich.

Dann tat ich das Ganze wieder ab. Der jungen Frau war ja nichts passiert, sie war am Leben und konnte sich von ihrer Begegnung erholen.

Aber genau das war der Punkt, sie musste sich von der Begegnung mit mir erholen. Ich hatte nicht einmal etwas Konkretes getan, es war nur eine oberflächliche Begegnung – und trotzdem. Was würde ich erst im engeren Kontakt anrichten?

In meinem Kopf begann es zu rauschen, ich hörte ­unverständliches Flüstern, dann wieder fernes Rauschen wie unter Wasser, immer neue, unbrauchbare Gedanken­fetzen schwirrten mir durch den Kopf, ich sah durch die Menschen hindurch, meine Gedanken verhedderten sich: Bänke, Mauern, Steine, Fenster, die ganze Wirklichkeit wurde zu einem Wirrsinn aus Nichts …

Während ich so abgeschnitten von der Umwelt dasass, stieg eine Frau mit einem Kleinkind im Arm ein. Ich sass erneut auf der hintersten Bank. Die Frau setzte sich mit dem Rücken zu mir, der Säugling blickte über ihre Schulter in meine Richtung. Obwohl ein Säuglingsblick meist von verschwommener Abgehobenheit zu sein scheint, fingen mich die Augen des Babys ein. Sie waren gleichsam mein rettender Notausgang zurück in die Realität. Ohne jeglichen Argwohn oder Vorwurf zogen sie mich zu sich. Die Gedanken in meinem Kopf wurden klar, alles Überflüssige fiel ab, und es kristallisierte sich ein trauriger Gedanke her­aus: Was wird wohl aus dir werden? Ich war auch einmal ein unschuldiges Kind wie du, sieh mich jetzt an … So reine Augen hatte ich früher auch, und jetzt wage ich nicht einmal, mich im Spiegel anzuschauen. Was wird mit der Welt sein, wenn du so alt bist wie ich, wird sie überhaupt noch existieren, wo wirst du dann stehen?

Das Kind schaute mich weiterhin an. Seine Augen antworteten mir: Mach dir keine Sorgen, es wird alles gut.

Ich fing zu weinen an, still und in mich hinein, in einer Welt, in der es nur mich und diese tröstenden Kin­­deraugen gab und meine Tat, die mein Herz erdrückte. Ich fühlte eine warme, tragende Reue aufsteigen, die meinen Körper leicht machte. Einige Augenblicke setzte meine At­mung aus, mein Herz stand still, ich existierte nur noch im Innern des Kindes, so sehr wünschte ich, mit diesem Kind zu tauschen, mein Leben noch einmal zu beginnen, es diesmal richtig zu machen.

Ich fühlte mich zutiefst einsam. Wie froh wäre ich gewesen, ein Arschloch zu sein, alles, nur kein Mörder. Ein Arschloch findet vielleicht jemanden, der ihn mag oder gar liebt, aber ich … ich fühlte mich von der Gesellschaft abgeschnitten.

So plötzlich, wie die Vision über mich gekommen war, verschwand sie wieder. Die Frau war aufgestanden und ausgestiegen.

Es hat ja gar nicht mit mir gesprochen, es hat mich womöglich gar nicht richtig sehen können, da das Sehver­mögen von Kleinkindern noch nicht richtig ausgereift ist, wie die Früchte und Früchtchen, auch die müssen reifen, oder waren es Frettchen im Bettchen, alles, was sich reimt, ist gut, müde Leute sollen ins Bett, schlafen gehen, aber es ist erst Mittag, jedenfalls hell, ein Mittagsschlaf senkt das Krebsrisiko, und man lebt länger, im Schlaf wächst man, und das braucht man zum Reifen, Reifen oder Pneu, sagen sie heute, morgen eventualisieren sie es bestimmt wieder und dann noch einmal, wer weiss … Vielleicht war ja doch alles nur ein Traum …?

Schon wieder! Du Idiot, bekloppter, es ist kein Traum, es ist … kein Traum!, entfuhr es mir unwillkürlich laut, und während ich mich duckte, schnellten meine Augen nervös von einer Person zur anderen, dann stieg ich aus, machte mich auf den Weg nach Hause.

Dann überkam mich die Lust, mein Lieblingsplätzchen, eine Bank im Park, aufzusuchen, die ganz in der Nähe war … oder war die Bank aus meinem Albtraum und gar nicht wirklich?

Es war schon dunkel geworden, plötzlich sah ich mich von vier Gestalten umringt. Ich konnte sie nicht richtig er­kennen, sie waren dunkel angezogen, Teenager, noch nicht zwanzig, in meinem Alter ungefähr.

Einer von ihnen trat einen halben Schritt vor, ich sah ein Messer in seiner Hand. Eine gewollt feste Stimme forderte Geld von mir.

Dem Messer zum Trotz blieb ich die Ruhe selbst und sagte lapidar, für sie hätte ich keines, sie sollten jemand an­deren fragen.

Nun schrie die Stimme, was heisse hier fragen, ob ich das Messer nicht sähe, ob ich einen Kaiserschnitt wolle und dergleichen mehr. Ich staunte selber über meine eiskalte Ruhe, aber ich war an einem Punkt angelangt, an dem mir alles egal war. Ich trat einen Schritt vor, sodass ich die Messerspitze deutlich an meinem Bauch spürte, sah dem Angreifer fest in die Augen und warnte mit ruhiger Stimme, sie seien nur zu viert. Ich warf auf die anderen drei ei­nen kurzen Blick, sie waren alle auf Armlänge herangerückt. Dann sah ich wieder den Messerträger an, trat noch einen Schritt vor und stiess dabei mit meinem Bauch das Messer zurück. Als der Messerträger merkte, wie sein Arm dem Druck nachgab, war es auch um den letzten Rest Mut geschehen, und er wandte sich mit einem Ruck um und stürmte, von seinen Mitstreitern gefolgt, davon.

Ich blickte in die dunkle Gasse. Plötzlich wurde mir mulmig, und ich lief los, seltsam berauscht eilte ich nach Hause. Es war das Gefühl von Angst, das mir abhanden ge­kommen war. Und schockartig realisierte ich die Dummheit meiner Handlung.

3

Als ich aufwachte, war es schon wieder dunkel. Die Lichter vorbeifahrender Autos zuckten durch das Zimmer. Ich fühlte mich vollkommen frisch. Die Schwäche war vorbei, und ich spürte wieder grossen Hunger. Sofort sprang ich aus dem Bett und rauschte, mit unbändiger Energie geladen, ins Bad. Nun war ich mit meinem Spiegelbild schon viel zufriedener. Ich zwinkerte mir zu, riss mir die Kleider vom Leib und trat unter die Dusche. Das alte Leben verschwand im Ablauf. Den Kratzern am Hals half ich mit dicker Schminke ab.

Adrett gekleidet ging ich in die Nacht hinaus, stieg in den Bus und fuhr ins Zentrum. Die Menschen schienen mir jetzt alle zugetan. Es entspann sich sogar das erste ­Ge­spräch seit Langem mit einem hübschen Mädchen. Ich packte die Gelegenheit und lud sie zum Abendessen ein. An einem anderen Tag hätte ich sicherlich keinen Erfolg gehabt, aber jetzt konnte sie mir nicht widerstehen. Nach anfänglichem Zaudern überzeugte ich sie mit einem tiefen Blick in ihre Augen und einem unschuldigen Lächeln. So verbrachten wir einen schönen Abend. Ich begleitete sie nach Hause und wurde mit einem flüchtigen Kuss belohnt.

Langsam machte ich mich auf den Rückweg. Ich sog die kühle Nachtluft der Stadt ein, sie weckte alte Erinnerungen in mir. Lange waren meine Gedanken nur um das Eine gekreist, aber jetzt kamen die schönen Erinnerungen wieder. Und doch haftete allem etwas Unbestimmtes an, etwas Störendes.

Und plötzlich durchfuhr es mich. Noch ein Opfer, noch ein Mord. Das darfst du nicht tun. Du musst ihn da herausholen. Er ist unschuldig und schmachtet an deiner Stelle hinter Gittern. Du hast schon einen Menschen auf dem Gewissen, noch einer wird dich endgültig aus dem Kreis der Normalsterblichen werfen. Hol ihn heraus!

Aber wie?

Stell dich der Polizei! Das ist der einzige Weg.

Ich sah jetzt deutlich das Gesicht des Unschuldigen vor mir. Ich sah ihn in seiner Zelle vor sich hin weinen.

Abrupt blieb ich stehen, überlegte, wo der nächste Polizeiposten war, und marschierte fest entschlossen in die nächstgelegene Wache.

Ich trat ein und schritt direkt zum ersten Polizisten: Ich war es. Lasst den Unschuldigen laufen!

Der Polizist sah mich verständnislos an. Plötzlich stiegen erneut Zweifel in mir hoch. Sollte ich mich wirklich stellen? Vielleicht war es Schicksal, dass sie den Falschen er­wischt hatten? Er würde sicher bald entlassen. Man konnte doch keinen Unschuldigen verurteilen? Wieder sah ich das Bild meines zweiten Opfers in der Zelle.

Nein!, entfuhr es mir.

Der Polizist war inzwischen misstrauisch geworden: Kann ich Ihnen helfen? Geht es Ihnen nicht gut? Was ist denn vorgefallen?

Ich kam wieder zu mir. Ich besann mich einen Augenblick, schluckte, und dann brach die ganze Geschichte aus mir heraus. Der Polizist hob einige Male die Hand, um mich zu unterbrechen, aber ich war nicht mehr zu bremsen, es war, als sei ich auf der Flucht vor meinem bisherigen Schweigen.

Mit der Zeit begriff der Polizist, worum es ging, und nach anfänglichem Unglauben stellte er die üblichen Zwischenfragen, die jedoch alle unbeantwortet blieben, so sehr hatte ich mich in meine Geschichte vertieft. Die Szenen spielten sich lebendig vor meinem geistigen Auge ab, und zuletzt sackte ich wie mein Opfer beim letzten Messerstich zusammen.

Paradies

«Pairidaeza», altpersisch:

daeza steht für Mauer, pairi für

rundherum

1

Als ich wieder zu mir kam, glaubte ich mich in einer gleis­senden weissen Wolke. Nur langsam bekamen die Gegenstände ihre Konturen zurück, dann fielen mir die Gitter am Fenster auf. Ich wollte mich aufrappeln, obwohl ich eigentlich gar keine Lust dazu hatte.

Das Zimmer war komplett weiss gestrichen. Ich war al­lein. In die rechte Wand war dickes Milchglas eingelassen, dahinter nahm ich Bewegungen wahr. Dann hörte ich, wie sich die Tür öffnete. Ich wollte mich umdrehen, konnte mich aber auch dazu nicht durchringen.

Es erschien ein kleiner, rundlicher Pfleger und begrüsste mich freundlich: Guten Tag, der Herr. Mein Name ist Lo­pez. Wie fühlt man sich denn heute?

Ich begriff erst nicht, dass ich antworten sollte, aber schliesslich nickte ich ins erwartungsvolle Lächeln des Mannes.

Noch immer keine Energie für irgendetwas, verspürte ich Lust, alles über mich ergehen lassen. Ich hatte mich den Behörden gestellt, ich würde jetzt Jahre hinter Gittern verbringen. Aber all das vermochte mich nicht aus der Ruhe zu bringen.

Der Pfleger drückte mir für eine Sekunde ein Thermometer ins Ohr und sagte, ich hätte kein Fieber mehr. Dann verschwand er wieder.

Nach ein paar Minuten kehrte er mit einem ernst blickenden Herrn zurück; das war wohl der Doktor. Auch er begrüsste mich freundlich, stellte sich als Dr. Jucker vor und fing an, etwas auf einen Block zu kritzeln. Zwischendurch stellte er gezielte Fragen und nickte immer wieder, als habe er meine Antworten erwartet. Sie erklärten mir kurz, wo ich mich befand und dass mich heute der Untersuchungsrichter besuchen würde. Da ich nicht glaubte, eine Wahl zu haben, nahm ich es schweigend zur Kenntnis. Dann traten sie wieder ab.

Bald darauf wurde mir ein Tablett mit verschiedenen kleinen Happen und besonders viel Tee serviert, eine ganze Kanne voll. Der kleine Pfleger riet mir, vor allem viel zu trinken, das werde helfen, schnell wieder zu Kräften zu kommen, die würde ich wohl jetzt brauchen. Ich verstand nicht ganz wozu, aber lange bitten musste man mich ohne­hin nicht. Ich verschlang alles in kurzer Zeit, der kleine Mann war darüber sichtlich erfreut. Den Tee hatte ich mir zum Schluss aufgespart und spülte ihn gleich aus der Kanne hinunter. Dann sank ich zurück aufs Bett und in die wohlige Apathie von vorhin. Das Essen wurde abgeräumt, das Bett zurechtgerückt; so konnte ich es den Rest meines Lebens aushalten. Ich schlief ein.

Als ich geweckt wurde, sah ich mich von einer Menschengruppe umringt, das Bett hatten sie in die Mitte des Zimmers gerückt.

Die obligate Frage nach dem Befinden beantwortete ich mit gut. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es jemanden interessierte, mein übler Zustand musste ja für jeden offensichtlich sein. Dass es sich um eine Einvernahme handelte, hatte ich mitbekommen, aber die Frage, wie man ei­nen Verdächtigen im Krankenbett befragen konnte, lenkte mich eine ganze Weile ab und beeinträchtigte meine ohne­hin dürftige Konzentration. Auch konnte ich die Personen anfangs nicht richtig unterscheiden, und die Fragen schienen von allen Seiten zu kommen, was mich noch mehr verwirrte.

Ich wollte alles so schnell wie möglich hinter mich bringen und antwortete, so gut es ging und ohne viel zu überlegen, fast mechanisch. Doch sie gaben sich nicht zu­frieden und stellten immer wieder dieselben Fragen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, und als es vorbei war, wusste ich doch nicht, ob sie mich nur einige Minuten lang befragt hatten oder Stunden. Am Ende musste ich einen Haufen Papiere durchlesen und einzeln signieren, die letzte Seite mit der vollen Unterschrift. Ich überflog die Zeilen, ohne den Sinn zu erfassen, danach konnte ich gar nicht sagen, was ich da eigentlich unterzeichnet hatte – es hätte ebenso gut eine Kriegserklärung sein können. Mein medikamentöser Gleichmut würde sich als grosser Fehler entpuppen, am besten hätte ich in meinem Zustand überhaupt nichts gesagt.

Dann wurde mir ein lauwarmes Abendessen gereicht, und irgendwann ging das Licht aus. Lange lag ich im Dunkeln und grübelte, ohne dass meine Gedanken einen Sinn ergaben.

Schon am nächsten Tag brachte mir ein unsympathischer, grobschlächtiger Kerl meine gewaschenen Kleider und drängte mich zur Eile.

Los, wir brauchen das Bett für den nächsten Kranken!

Wohin soll ich? Gehe ich nach Hause?, fragte ich in meiner Verwirrtheit.

Der grosse Kerl spuckte nur ein Ha! aus und verschränk­te kopfschüttelnd die Arme. Er verzog sein Gesicht zu ei­nem spöttischen Lächeln. Ich war unschlüssig, ob ich dem Kerl nicht mal kurz die Leviten lesen sollte, doch ich hielt es für klüger, mich der Situation widerstandslos zu ergeben.

Ich verstand zwar, dass ich mich anziehen sollte, wusste aber nicht wo, denn es gab im Zimmer nicht einmal eine abgetrennte Nische, geschweige denn eine Garderobe, ­sogar die Toilette befand sich gut einsehbar in einer Ecke. Der Kerl hatte wohl meine Verlegenheit bemerkt und höhnte: Na, was ist? Keine falsche Scham, hopp, hopp, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!

Hier?, fragte ich kläglich. Aber mit gesenktem Kopf hatte ich schon begonnen, die Hose anzuziehen.

Na, zier dich nicht, spottete der Kerl weiter und lachte.

Jetzt reichte es mir. Ich richtete mich auf, das Krankenhemd fiel herunter, die Hose auf meine Fussgelenke. Ich verschränkte die Arme auf meinem Rücken und sah ihn todernst an. Ich musste lächerlich wirken, wie ich so halbnackt dastand, trotzdem wich der Pfleger unwillkürlich zwei, drei Schritte zurück und tastete nach dem Türgriff. Er griff ein paarmal in die Luft, dann wurde die Tür von aussen aufgerissen, und vier Polizisten stürzten herein. Einer packte den verängstigten Pfleger am Kragen und wuchtete ihn hinaus. Die drei anderen überrannten mich, und ich schlug rücklings auf den Boden. Sie drehten mich herum, ich spürte ein Knie im Nacken, während mir jemand die Arme hinter dem Rücken verrenkte und Handschellen anlegte. Auch an den Füssen spürte ich zwei Eisen.

Ganz ruhig!, zischte mir der Polizist über meinem Kopf ins Ohr, indem er sich vorbeugte und mir das Knie noch tiefer in den Nacken presste.

Ich entspannte mich, so gut es ging, um mein Einlenken anzudeuten. Die routinierten Gesetzeshüter spürten das sofort und rissen mich auf die Füsse. Die kleine Schwebeübung machte mir meine vollkommene Machtlosigkeit bewusst, und jeglicher Widerstandswille entwich aus mir. Noch bevor ich das Gleichgewicht wiedererlangt hatte, hängten sich zwei bullige Uniformierte bei mir ein und schleppten mich durch die Tür und den Gang hinunter. Im Gang sah ich auch den Pfleger wieder, der mich herausfordernd angesehen hatte, neben ihm stand der vierte Polizist. In den Unterhosen und der Hose um die Fussgelenke bot ich eine belustigende Abwechslung im Krankenhaus, überall traten Kranke und Pflegepersonal aus den Türen.

Durch eine Schwenktür ging es ins Treppenhaus, dann polterten sie drei Stockwerke in die Tiefgarage hinab, obwohl es mit dem Lift sicherlich bequemer und schneller gegangen wäre. Weil ich nicht gehen konnte, schlug ich mit den Fersen immer wieder gegen die Stufen. Wenn ich die Beine anwinkelte, kamen von links ein gehässiges: Wir sind doch keine Packesel! und ein drohendes: Beine runter! von rechts. Sie hätten mir wenigstens erlauben können, die Hose hochzuziehen. Unten hielt ein Beamter die Doppeltür eines Kastenwagens mit laufendem Motor auf. Von links: Kopf einziehen!, dann wurde ich reingeschmissen, mein Hemd, die Gitter, dann die Tür hinterher.

Der Wagen startete sofort. Ich versuchte, die Hose hochzuziehen, aber mit auf dem Rücken gefesselten Armen ging das nicht besonders gut. Ich strampelte mit den Beinen, aber auch das klappte nicht. Dafür fühlte ich ein brennendes Ziehen in den Fussgelenken, vermutlich bluteten sie. Die Handschellen waren kein bisschen angenehmer.

Welche Scheisse! Da lag ich halb nackt in einem dreckigen und nach Kotze stinkenden Kastenwagen und wurde ins Gefängnis gefahren. Die Knöchel brannten. Ich trat mit beiden Beinen und aller Kraft gegen das Gitter mit der Folge, dass der Schmerz an den Fussfesseln nun auch in meinem Schädel klopfte. Das hatte ich davon. Hätte ich mich doch heute mit der hübschen neuen Bekanntschaft getroffen, bei einem Eis am See. Aber nein, ich musste mich den Bullen stellen. Blöder Idiot.

Der Verkehr stockte, und die Hitze drang durch ein kleines, rundes Loch, in dem sich ein Ventilator befand. Ihn einzuschalten kam dem Fahrer offenbar nicht in den Sinn, aber wahrscheinlich hätte das nur das Eindringen der Hitze beschleunigt. Ich sass da, mit dem Rücken zur Fahrt­richtung, und wartete. Obwohl ich schon oft solche Kastenwagen im Verkehr gesehen hatte und ihren Zweck kannte, hatte ich mir nie vorgestellt, dass darin wirklich Menschen transportiert wurden.

Der Kastenwagen machte einen scharfen Schwenk und hielt unvermittelt an. Der Beifahrer stieg aus und sprach durch ein Mikrofon, darauf hörte ich ein mächtiges Tor aufrollen. Der Wagen fuhr wieder an und stoppte nach wenigen Metern.

Endlich öffneten sich die Hintertür des Fahrzeugs und das Gitter. Die frische Luft tat gut. Noch ein paar Kurven, und ich hätte alles vollgekotzt. Mit dem Gestank und der Enge der Wagenzelle würde ich mich in den nächsten Monaten noch öfter abfinden müssen bei einer täglich halbstündigen Fahrt zum Untersuchungsrichter und der Rückkehr nach einem sechs- bis achtstündigen Verhör, ausgelaugt, mit brennendem Magen und brummendem Kopf.

Was? Hast du die Hose noch immer nicht angezogen?, fragte ein Polizist.

Es geht nicht, antwortete ich entschuldigend.

Gelächter.

Ich wurde am Arm in einen Innenhof gezogen. Rundherum waren Mauern, fünf Etagen hoch. Auf zwei Seiten glaubte ich den Zellentrakt zu erkennen, denn hinter einem vergitterten Fenster gafften mich zwei Gefangene an. Das Ankommen einer neuen «Lieferung» stellte hier eine wohl grosse Attraktion dar.

Einer, der, ohne dass ich es bemerkte, von hinten an mich herangetreten war, zog mir mit einem Ruck die Hosen hoch und knöpfte sie zu, der Reissverschluss blieb offen. Ich wurde nach vorne gestossen und konnte mich wegen der Fussschellen nur mit einiger Mühe fangen. Es ging drei Stufen hoch – die kleinsten Stufen bildeten mit Fussschellen ein gemeines Hindernis – und durch eine Tür zu einer Art Rezeption.

Umdrehen zur Wand!, herrschte mich eine Stimme im Rücken an, und ich wurde an den Schultern in die gewünschte Position gedreht. Man löste mir die Fuss- und dann die Handschellen. Unwillkürlich rieb ich mir wie im Film abwechselnd meine Handgelenke; sie hatten tiefe rote Striemen, die sich an den Rändern bläulich färbten. Ich schaute auf die Uhr über mir – es war zwölf vorbei, fast eins. Ich wagte nicht, mich umzudrehen, und horchte auf das, was sich hinter mir tat. Später erfuhr ich, dass meine Behandlung durch die Polizei eher die Ausnahme bildete und die Gefangenen im Grossen und Ganzen anständig behandelt wurden.

Guten Tag. Ich würde gerne Ihre Personalien aufnehmen, hörte ich nun eine angenehme Stimme.

Ich drehte mich um und sah einen hochgewachsenen, älteren Herrn hinter einer Theke mit senkrechter Scheibe. Die Polizisten waren verschwunden. Ich trat näher.

Danach können Sie sich auch ordentlich ankleiden. Ihr Name bitte?

Volkart.

Vorname?

Simon.

Geburtsdatum?

15. Juni 1985.

Religion?

Keine. Aufgewachsen als Protestant.

Die leichten Fragen beruhigten mich.

Falls Ihnen etwas zustösst, die Adresse, wo wir es melden können?

Und schon war ich wieder überfordert. Ich ging verschiedene Möglichkeiten durch, aber keine gefiel mir. Ich versuchte, meine Ratlosigkeit vor dem Herrn zu verbergen, aber dieser hatte bereits den Kopf gehoben und sah mich über die Brillenränder hinweg an.

Wie wäre es mit den Eltern?, meinte er vernünftigerweise.

Meine Eltern wussten ja noch nichts. Wie sollte ich es Ihnen sagen?

Freundin? Freunde? Bekannte?, half der Beamte mir weiter.

Ich war blockiert, es wollte mir einfach niemand einfallen.

Ach, übrigens, mein Name ist Gutzwiler. Heute empfange ich die neue Kundschaft – dies sagte er keineswegs in spöttischem Ton –, ich weiss, es ist schwer für Sie, aber früher oder später erfahren es Ihre Nächsten ohnehin. Sie können Ihre Verhaftung auf Dauer nicht verbergen. Überlegen Sie es sich, und dann können Sie es mir immer noch melden. Aber nicht vergessen!

Nach jahrelangem Umgang mit Häftlingen aller Art hatte Gutzwiler seine Zuvorkommenheit und seine Geduld noch immer nicht verloren. Das war eine grosse Leistung, würde ich später zu würdigen wissen.

Die Eltern … meine Eltern. Sie wohnen an der Burg­strasse, hier in der Stadt. Nummer 15.

Mit zufriedenem Schmunzeln senkte der Herr den Kopf und notierte die Angaben. Warum er bloss lächelt, überlegte ich fast krampfhaft.

Das reicht fürs Erste. Kommen Sie bitte mit, ich führe Sie jetzt in eine Wartezelle. Es wird einen Moment dauern, gedulden Sie sich.

Er kam mit einem Plastiksack in der Hand hinter der Theke hervor und ging zu einer einfachen Tür gegenüber. Ich hörte ein Summen, und der Herr hielt mir die Tür auf. Es würden einige Monate vergehen, bis ich wieder eine Tür selber öffnen durfte. Ich trat ein, und die Tür schnappte hinter uns zu.

Geradeaus, wenn ich bitten darf. Herr Gutzwiler geleitete mich an einer Treppe vorbei zu einer Metalltür. Hier hinein bitte, sagte er, während er aufschloss und mir den Plastiksack reichte. Bitte, Sie können sich jetzt anständig anziehen.

Schweigend trat ich in meine erste Zelle. Sie war dunkel, mit einem grossen Milchglasfenster. Dahinter musste der Innenhof von vorhin sein. Der Aufseher betätigte den Lichtschalter.

So ist es wahrscheinlich angenehmer. Wenn Sie etwas brauchen, dann läuten Sie einfach hier. Aber nur im Notfall!

Er zeigte auf den runden Knopf einer Gegensprechanlage gleich neben der Tür. Ich nickte. Der Mann schlüpfte hinaus und schloss ab.

Ich sah mich genauer um. Im Raum befand sich ein grosser Tisch mit zwei Bänken, deren Metallbeine unverrückbar im Boden eingelassen waren. Die Gefangenen hatten jeden Millimeter des Tisches und der Bänke benutzt, um Namen, Nachrichten und Sprüche zu hinterlassen. Auf dem Tisch lagen zwei, drei total abgegriffene, uralte Illustrierte. Ich klatschte sie auf den Tisch zurück. Es gab nicht einmal eine Toilette, obwohl sie mir jetzt sehr gelegen gekommen wäre.

Kaum hatte ich mich angezogen, öffnete sich die Tür wieder, und ein weiss gekleideter Mann kam herein. Ich vermutete in ihm einen Doktor, später erfuhr ich, dass Herr Hoeck lediglich der Pfleger war.

Guten Tag. Kommen Sie bitte kurz mit, forderte er mich auf.

Im selben Gang, gleich hinter der Treppe, bat mich Herr Hoeck, auf die Waage zu steigen. Sie zeigte 75 Kilogramm.

Gut. Setzen Sie sich. Sie kommen zwar gerade aus dem Krankenhaus, aber es gehört hier zu den üblichen Eintrittsformalitäten – ich hörte im ersten Augenblick «Formalitöten», verdrängte es jedoch gleich wieder –, wir müssen alle Eintritte durchchecken.

Nach dieser Einführung stellte er mir ziemlich diesel­ben Fragen wie der Arzt im Krankenhaus.

Das wäre dann alles.

Ich erhob mich und trabte wieder zurück in die Einstell­zelle. Der Pfleger schloss ab, und ich hörte ihn sich über die Treppe in Richtung Rezeption entfernen.

Dann fiel mir wieder mein kleines Bedürfnis ein. Es wurde immer mühsamer, den Druck der Blase zu beherrschen. Aber ich wollte nicht schon von Anfang an als Que­rulant gelten und beschloss, auf die nächste Gelegenheit zu warten. Es dauerte nicht lange, und die Tür öffnete sich abermals.

Diesmal erschien eine Frau in Aufseheruniform. Das Namensschild gab sie als Frau Brunner zu erkennen.

Kommen Sie bitte mit, sagte sie monoton, mit gelangweilten und müden Augen. Diesmal ging es die Treppe hin­ab, und wir kamen durch eine offene Tür in einen hellen Raum von der gleichen Grösse wie die Zelle, die sich gleich darüber befand. Der Raum war voller Geräte und Utensilien. Hier sah ich auch meine Schuhe wieder, sie standen in einem kleinen Kasten, der einer Mikrowelle ähnelte. Ich wurde aufgefordert, sie anzuziehen. Dann wurden mir verschiedene Hygieneartikel angeboten, die in einem Gestell an der Wand aufgereiht waren. Die Aufseherin vermerkte alles, was ich nahm, auf einem Papier und bedeutete mir, es in eine grosse Kartonschachtel zu packen, dazu warf sie zwei Bettdecken und einige Handtücher hinein. Schliesslich reichte sie mir die Schachtel, und wir zogen wieder durch den Gang und die Treppe hinauf. Ich dachte schon, ich müsse wieder in die Zelle zurück, da fiel mir ein, nach der Toilette zu fragen.

Gleich, sagte Frau Brunner. Wir gingen durch den Em­pfangsraum in einen Gang, den ich beim Eintreten übersehen hatte. Wieder wartete eine Treppe am Ende des Gan­ges, ich war noch immer unsicher auf den Beinen, auf der letzten Stufe blieb mein Fuss hängen, ich konnte mich gerade noch an der Mauer abstützen. Ich spürte die beru­hi­gende Kühle der Mauer und wäre gerne noch ein wenig stehen geblieben, aber Frau Brunner war nach einem kurzen Blick zurück weitergegangen, also musste auch ich weiter.

Frau Brunner schloss wieder eine Tür auf; dahinter reihte sich zur Linken Metalltür an Metalltür, während zur Rechten ebenso viele Fenster Licht spendeten. Die Zellen waren an den Gucklöchern und den kleinen Kipptürchen in der Mitte zu erkennen, durch die das Essen gereicht wurde. Am Ende des Ganges öffnete sich eine Spezialglastür automatisch, dahinter lag eine Art Kontrollraum mit mehreren Bildschirmen. Drei Aufseher sassen beim Kaffee und nickten meiner Führerin zu, die bereits nach links abgebogen war in einen langen Gang mit noch mehr Zellen. Etwa in der Mitte des Ganges stand eine offen, in diese wurde ich hineingeführt.

Auf dem Tisch lag mein schwarzes Necessaire. Plötzlich überfiel mich eine glückliche Vertrautheit, als ob ich nach langer Zeit ein Stück meiner selbst zurückerhalten hätte. Verwirrt fragte ich die Aufseherin, wem dies gehöre, worauf sie mich verständnislos ansah.

Ich weiss, dass es mir gehört, aber wie kommt es hierher?

Wahrscheinlich hat es die Polizei mitgebracht, antwor­tete sie mit einem gleichgültigen Achselzucken.

Die Aufseherin erklärte mir nun in der monotonen Art eines Menschen, der tagtäglich dasselbe zu tun hat, die Hausordnung und sonstige Regeln, kontrollierte mit einer Checkliste den Zustand der Zelle, überreichte sie mir zur Unterschrift und sagte, ich solle mich zum Duschen bereit machen. Dann wurde ich allein gelassen.

Ich nahm sofort mein Necessaire und schaute neugierig hinein. Sie hatten weder etwas herausgenommen, noch etwas hineingetan, sondern es so mitgenommen, wie ich es zu Hause aufbewahrt hatte. Ich legte es wieder hin und riss mir meine dreckigen Kleider vom Leib. Ich band das Ba­detuch um die Hüften und setzte mich mit den Badeschuhen, die ich bekommen hatte, hin.

Guten Tag, mein Name ist Kaufmann. Schon kam der nächste Aufseher, der mich nun zur Dusche führte. Sie lag im selben Gang den Zellen gegenüber, so ziemlich in der Mitte.

Sie haben zwölf Minuten, danach schaltet das Warmwasser automatisch ab.

Auch hier wurde die Tür abgeschlossen, wie es überhaupt nirgends versäumt wurde, die Freiheit auch innerhalb der Mauern zu beschränken. Ich genoss die kurze Zeit unter der Dusche, vor allem, weil mich der erste Aufseher darauf hingewiesen hatte, dass man nur zweimal pro Woche Gelegenheit zum Duschen hatte. Als ich fertig war, läutete ich, und Herr Kaufmann führte mich wieder in meine Zelle zurück. Auf dem Bett sah ich frische Unterwäsche, T-Shirt und Jeans aus meinem Kleiderschrank zu Hause liegen. Bevor Herr Kaufmann die Tür schloss, fragte er, ob ich Lust auf ein kaltes Mittagessen habe, das man für mich aufgehoben hatte, aber ich wollte mich jetzt nur noch hinlegen.

Ich wurde erst vom Geräusch des grossen Schlosses ge­weckt.

Abendessen! Herr Kaufmann reichte mir aus einem Rollwägelchen mit vielen Ablagen ein Tablett durch die Luke, auf dem sich ein viereckiger Teller mit eisernem Deckel befand.

Mahlzeit.

Danke, murmelte ich verschlafen.

Ich setzte mich an den Tisch und fing an zu essen. Es war gar nicht mal schlecht, aber ich hatte keinen Appetit. Also reichte ich das zerstochene Essen dreissig Minuten später wieder zurück. Die Luke wurde geschlossen, und ich hörte, wie nach und nach das übrige Geschirr eingesammelt wurde.

Es wurde still. Nur vereinzelte Fernseher waren noch zu hören und zwei, drei Stimmen, die über die Fenster miteinander sprachen. Dann setzte ein gewöhnlicher Regen ein, und interessanterweise wurden die Gespräche abgebrochen und die Fenster geschlossen, obwohl es gar nicht in die Fenster regnete.

Ich lag auf dem Bett und starrte an die Decke, ab und zu kratzte ich mich. Eine seltsame Ruhe breitete sich in mir aus. Da ich den Nachmittag über geschlafen hatte, war ich nun nicht müde. Ein Gefühl, das ich schon ganz vergessen hatte, beschlich mich, erst nach zwei Stunden begriff ich, dass es die Langeweile war. Trotzdem konnte ich mich nicht aufraffen, den Fernseher einzuschalten.

Schliesslich stand ich auf und lehnte mich über den Tisch, der unter dem Fenster festgeschraubt war. Aber dort sah ich nicht den Innenhof, wie ich erwartet hatte, sondern einen kleineren, es war keine Tür zu sehen, auch nicht die zum Empfang. Ich hatte vollkommen die Orientierung verloren. Auch die Himmelsrichtungen konnte ich nicht bestimmen, da ich weder Sonne noch Schatten sah, die fünf Stockwerke um den engen Innenhof liessen kein direktes Licht herein. Sogar den Himmel konnte ich nur sehen, wenn ich mit meinem Kopf vom untersten Rand des Fensters steil hinaufblickte. Der Innenhof war schwarz as­phaltiert, kein einziger grüner Fleck war zu sehen, nur ein kümmerlicher Löwenzahn hatte sich in einem kleinen Riss festgebissen.

Wunderbar! In den nächsten Monaten würde ich kein einziges Mal auf natürlichen Boden treten und Sonne, Mond und Sterne nur aus der Erinnerung beschreiben können. Einer meiner grössten Wünsche würde werden, mich in einer Schlammgrube zu suhlen.

Die Langeweile bildete für mich eine ganz neue Erfahrung. Draussen im schnellen Fluss des Lebens war sie bei mir nie aufgekommen. Hier drin musste ich zuallererst be­greifen, dass das Einzige, was man im Gefängnis in ausreichendem Mass besitzt, die Zeit ist. Wenn man sie zu nutzen wusste, war sie ein unbezahlbarer Schatz, aber ich musste erst lernen, mit diesem Reichtum umzugehen. Jetzt machte sie mich nervös und lenkte meine ganze Kraft und Aufmerksamkeit auf alle möglichen Nebensächlichkeiten. Weder konnte ich ruhig sitzen, noch beruhigte mich das Liegen. Aber auch beim Hin- und Herschreiten in der engen Zelle fand ich keine Rast, und weder das Trommeln mit den Fingern auf dem Tisch noch das Kratzen an den verschiedensten Körperstellen oder Dehnübungen kamen gegen den langen Riesen an – der mittägliche Geist hatte schon viele Anachoreten aus der Wüste getrieben.

Auch meine Gedanken fanden zu keiner Ordnung, und ich war nicht imstande, die simpelsten Überlegungen zu einem logischen Ende zu bringen. Schliesslich legte ich mich hin und zwang mit letzter Verzweiflung den Schlaf herbei, was mir glücklicherweise irgendwann gelang.

Darmowy fragment się skończył.

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9783038551300
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