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Simon Kasper
Der Mensch und seine Grammatik
Eine historische Korpusstudie in anthropologischer Absicht
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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Umschlagabbildung: Simon Kasper auf Grundlage einer Grafik von pixabay.com
© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
www.narr.de • info@narr.de
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ISBN 978-3-8233-8429-8 (Print)
ISBN 978-3-8233-0044-1 (ePub)
Inhalt
Meinem Vater
Vorwort
Abkürzungsverzeichnis
1 Einleitung: Verstehen als Leistung 1.1 Ein Alltagsphänomen 1.2 (Be-)deuten und Interpretieren 1.3 Mehrdeutigkeit und Ausdeutbarkeit 1.4 Verstehen 1.5 Deutungsautomatismen, Deutungsroutinen und Deutungsarbeit 1.6 Die „W“-Fragen des vorliegenden Buches 1.7 Das Korpus und die verwendeten Bibelübersetzungen
2 Leistungen und Grenzen der sprachlichen Eigenstruktur2.1 Sprachliche Konventionen und Verstehen2.1.1 Vom Privaten zum Öffentlichen2.1.2 Öffentlichkeit und sprachliche Konventionen2.1.3 Die Zwänge der Öffentlichkeit: Treue und Sparsamkeit2.1.4 Die Zwänge der Öffentlichkeit: symbolische Auslagerungen2.2 Die Leistung der sprachlichen Eigenstruktur2.2.1 Die Überstrukturiertheit sprachlicher Konventionen2.2.2 Vom Öffentlichen zum Privaten: ein erster geschummelter Versuch2.2.3 Das gemeinsame Private2.2.4 Vom Öffentlichen zum gemeinsamen Privaten mit sprachlichen Eigenstrukturen2.2.5 Die Funktion eigenstrukturellen „Know-hows“2.2.6 Die Zeitlichkeit des Interpretierens und wechselseitige Vorhersagbarkeit2.3 Die Leistungsgrenzen der sprachlichen Eigenstruktur: Mehrdeutigkeit2.3.1 Grenzen der Sprachkonventionen: eigenstrukturell vermittelte Mehrdeutigkeiten2.3.2 Grenzphänomene: die bewegliche Grenze der Eigenstruktur2.3.3 Der Einfluss der Schrift auf die sprachliche Eigenstruktur2.3.4 Zu den morphologischen Eigenstrukturen in den Sprach(stuf)en2.4 Dynamische Aspekte eigenstruktureller Hinweise2.4.1 Die Beziehung der eigenstrukturellen Hinweise zueinander2.4.2 Synchronische und diachronische, globale und lokale, Offline- und Online-Betrachtungsweisen2.4.3 Zurückhaltung bezüglich der instruktiven Mittel2.4.4 Die zu untersuchenden Sprach(stuf)en2.4.5 Wo morphologische Differenzen bleiben: morphologisches Minimum2.5 Eigenstrukturen und Übersetzungstechniken2.6 Die vorgestellten generalisierten Leserinnen2.7 Der instruktive Wert der Prosodie beim Lesen-für-sich2.8 Der Analyse erster Teil: eigenstrukturelle Hinweise2.8.1 Vorgehen, Klassifikationskategorien, kontrollierte Bedingungen2.8.2 Morphologische Mehrdeutigkeit2.8.3 Syntaktische Mehrdeutigkeit (Reihenfolge)2.8.4 Zusammenfassung zu den eigenstrukturellen Hinweisen insgesamt2.9 Bedeutung für die Ausgangshypothese
3 Der Beitrag außergrammatischer Hinweise3.1 „Belebtheit“ als Chiffre für einen schwer fasslichen Begriff3.1.1 Belebtheit aus der synchronischen Offline-Perspektive3.1.2 Belebtheit aus der diachronischen Offline-Perspektive3.1.3 Belebtheit aus der synchronischen Online-Perspektive3.1.4 Update der Hypothese3.2 Akzessibilität: Gegenstände im Gedächtnis und die Wahl ihrer Ausdrucksform3.2.1 Akzessibilität aus der synchronischen Offline-Perspektive3.2.2 Akzessibilität aus der diachronischen Offline-Perspektive3.2.3 Update der Hypothese3.3 Weitere Kandidaten?3.4 Der Analyse zweiter Teil: außergrammatische Hinweise (I)3.4.1 Differenzierung nach Satzgliedbeziehung (I–VI)3.4.2 Differenzierung nach realisierten und imaginären Satzgliedern (1–10/1–5)3.5 Bedeutung für die Belebtheits- und Akzessibilitätshypothesen3.6 Satzgliedreihenfolge: außergrammatisch betrachtet3.6.1 Ein Ort, sie zu knechten, sie alle zu binden3.6.2 Update der Hypothese3.7 Der Analyse dritter Teil: außergrammatische Hinweise (II)3.8 Bedeutung für die Belebtheits- und Reihenfolgehypothese
4 Bedeutsamkeit, Sprache und Gewissheit: eine anthropologische Skizze4.1 Grenzen der philologisch-sprachwissenschaftlichen Innenperspektive4.1.1 Ein lokales synchronisches Offline-Filtermodell4.1.2 Manche Äußerung(styp)en sind gleicher als andere4.1.3 Gebrauchsfrequenz als Lösung4.1.4 Gebrauchsfrequenz als Problem4.2 Der Schwenk zur Außenperspektive4.2.1 Die Reihenfolge von Agens- und Patiens-Satzgliedern sprachenübergreifend4.2.2 Die Agens zuerst-Präferenz im inkrementellen Sprachverstehen4.2.3 Der Schluss von humanen Ursachen auf echte Agenten4.2.4 Die Zuverlässigkeit/Verbindlichkeit von Hinweistypen4.2.5 Bedeutsamkeit als Gelenkstelle4.3 Die „-enz“-Faktoren: Bedeutsamkeit im Einsatz4.3.1 Salienz und Pertinenz im Alltag4.3.2 Die sensomotorische Linie Geschlossenheit – Salienz – Verhalten – Automatismus – vitale Funktionen4.3.3 Die ideomotorische Linie Offenheit – Pertinenz – Handlung – Routine – Zwecke4.3.4 Der Leib, Routinisierung und die Aspektvereinseitigung von Vorstellungen4.3.5 Die Fünfte im Bunde: Effizienz4.3.6 Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste: Effizienz online4.3.7 Die Präferenz für verantwortliche Ursachen im inklusiven Handlungskreis4.3.8 Belebtheit auf der Salienzlinie4.4 Der Blick zurück auf die außergrammatischen Hinweise4.4.1 Rekapitulation4.4.2 Außergrammatische Hinweise im inklusiven Handlungskreis4.5 Der Blick zurück auf die sprachliche Eigenstruktur4.5.1 Die Interventionsleistung eigenstruktureller Hinweise4.5.2 Die Stattgabefunktion der eigenstrukturellen Hinweise4.5.3 Animal symbolis interveniens: mit Symbolen gegen die Suggestionen von innen4.6 Die Antworten des vorliegenden Buches4.6.1 Was steht womit in welcher Beziehung?4.6.2 Was kann ich (jetzt) tun?
5 Literaturverzeichnis 5.1 Quellentexte 5.2 Übersichtswerke zur Syntax und Grammatik von Sprach(stuf)en 5.3 Forschungsliteratur
Anhang: Paradigmen A.1 Altenglisch A.2 Mittelenglisch A.3 Althochdeutsch A.4 Mittelhochdeutsch A.5 Frühneuhochdeutsch A.6 Neuhochdeutsch A.7 Hochalemannisch A.8 Nordniederdeutsch
Register
Meinem Vater
Vorwort
Ich habe versucht, ein Buch zu schreiben, das jede Leserin mit linguistischen Grundkenntnissen mit Gewinn lesen kann, das aber auch der interessierten Forschungscommunity noch Impulse geben kann. Ohne Kompromisse ließ sich das nicht bewerkstelligen. So habe ich speziell in den sprachtheoretischen Kapiteln und Abschnitten mit Literaturverweisen gespart. Dass ich William James, Karl Bühler, Ernst Cassirer, Arnold Gehlen, Alfred Schütz und Thomas Luckmann, Peter Janich, den generativen, kognitiv-funktionalen, Inhalts- und Ausdrucks-, Dependenz- und Valenzgrammatiken viele Anlässe für An- und Abgrenzungen verdanke, werden Eingeweihte dennoch bemerken – und auch so sind die Verweise nicht wenige. Meine Bemühungen gingen dahin, eine empirisch gestützte, kohärente und lebensweltnahe Skizze über den Zusammenhang von grammatischen Signalisierungsmitteln, ihrer Interpretation und der leiblich-psychischen Verfasstheit des Menschen zu entwerfen. Dem Ziel, diesen Entwurf geschlossen, kontinuierlich und nachvollziehbar darzustellen, habe ich bereitwillig den Anspruch untergeordnet, jeden möglichen Bezug zur Forschung explizit zu machen. Das betrifft auch den weitgehenden Verzicht auf eine Terminologie, die an Einzeltheorien gebunden ist, aber fürs Ganze versagt. Der Geschlossenheit ist es geschuldet, dass ich im Einleitungskapitel bereits Voraussetzungen mache, die ich erst spät vollends einlösen kann. Der Lebensweltnähe soll es geschuldet sein, dass diese Voraussetzungen nicht zu sehr auffallen und das Buch dennoch von Beginn an nachvollziehbar ist.
Was meinen Genusgebrauch bei Personenbezeichnungen angeht, der manchen Leser zum Nachfragen veranlasst hat, bin ich folgendermaßen verfahren: Auf bestimmte literarische oder historische Figuren(gruppen) beziehe ich mich mit dem entsprechenden Genus. Beispielsweise verwende ich für die historisch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit männliche Gruppe von Bibelschreibern und -übersetzern das Maskulinum. Für Personenbezeichnungen, die niemand Bestimmtes, aber potentiell Sie, mich und andere meinen könnten, habe ich kurzerhand Rollen verteilt. So rechne ich beispielsweise mit Leserinnen und Interpretinnen für die besprochenen Texte. Die entsprechenden Aussagen gelten selbstverständlich auch für jeweils andersgeschlechtige Personen, die ich für diese Rollen nicht besetzt habe.
Die Zahlenaffinen unter Ihnen, die sich nur für die Daten der Korpusstudie interessieren, denen der Vorlauf mit der Entwicklung der Hypothese aber zu basal oder zu lang ist und die sich nicht für die anthropologischen Implikationen interessieren, mögen folgende Abschnitte lesen: 1.6, 1.7, 2.8, 2.9, 3.4–3.8. Wem auch das noch zu viel ist und wer lediglich die Ergebnisse erfahren möchte, lese die Abschnitte 2.9, 3.7 und 3.8. Die Zahlenaversen unter Ihnen mögen das Buch von vorn nach hinten lesen und das lange Auswertungskapitel 2.8 bis auf Abschnitt 2.8.4 weglassen und auch auf Kapitel 3.4 verzichten. Wer meinen Erklärungsversuch für die Ergebnisse in den Kapiteln 2.9, 3.7 und 3.8 kennenlernen möchte, mit Grammatik aber sonst nicht so viel am Hut hat, nehme sich Kapitel 4 vor.
Das Buch führt zusammen, was der Sache nach zusammengehört, was ich aber bisher getrennt behandelt habe: die Sprachtheorie in Form meiner InstruktionsgrammatikInstruktionsgrammatik und die variationslinguistische Empirie. Anlass dieser Zusammenführung bot der LOEWE-Schwerpunkt „Fundierung linguistischer Basiskategorien“, der von 2012 bis 2015 an der Philipps-Universität Marburg beheimatet war und sich auf syntaktisch-semantischer Seite mit der Beziehung von Serialisierung, Morphologie und Belebtheit beschäftigte. Der empirische Teil der vorliegenden Arbeit ist aus diesem Projekt erwachsen. Mit dem theoretischen und anthropologischen Unterbau, der die ganze Sprache und den ganzen Menschen umfasst, befasse ich mich schon zehn Jahre länger. Empirischen Niederschlag hat das bereits im SyHD-Projekt gefunden, derzeit schlägt sich manches davon in der Syntaxerhebung im Projekt „Regionalsprache.de“ (REDE) nieder. Für die im LOEWE-Projekt geleisteten Vorarbeiten, von denen ich zehren konnte, danke ich herzlich Magnus Birkenes, Ina Bornkessel-Schlesewsky, Alexander Dröge, Max Düngen, Sophie Ellsäßer, Felix Esser, Jürg Fleischer, Giulia Grassi, Axel Harlos, Sara Hayden-Billion, Julia Hertel, Mícheál Hoyne, Greta Kaufeld, Paul-André Meÿer-Magis, Erich Poppe, Elisabeth Rabs, Elisabeth Rieken, Jürgen Erich Schmidt, Michael Waltisberg, Stefan Weninger, Alexander Werth und Paul Widmer. Darüber hinaus hat mir die Zusammenarbeit großen Spaß bereitet. Alle Datenbankklassifikationen stammen von mir, Vorarbeiten anderer habe ich vollständig überprüft und überarbeitet. Darum stehe ich selbstverständlich für alles Kritikwürdige gerade.
Für die Programmierung der Datenbank auf der REDE-Oberfläche danke ich Frank Nagel, bei allen weiteren technischen Angelegenheiten haben mir die REDE-Kollegen Dennis Bock, Robert Engsterhold, Slawomir Messner und Raphael Stroh geholfen.
Für Korrekturen am Manuskript danke ich Lars Bieker, Merle Gudjons, Robin Kropf und Lena Stutz.
Ich danke für inhaltliche Ratschläge und Anregungen Magnus Birkenes, Michael Cysouw, Jürg Fleischer, Damaris Nübling, Wolfgang Klein, Oliver Schallert, Jürgen Erich Schmidt, Augustin Speyer und Alexander Werth.
Für die fruchtbaren Diskussionen und ausführliches Feedback danke ich Vilmos Ágel, Christoph Purschke, Jürgen Erich Schmidt, Hanni Schnell und Alexander Werth.
Ich danke Valeska Lembke vom Narr Verlag für die professionelle und angenehme Zusammenarbeit.
Ich danke Jürgen Erich Schmidt für seine seit 2008 ununterbrochene Unterstützung und sein fortgesetztes Vertrauen in das, was ich tue.
Mein besonderer Dank gilt meiner Familie und meinen Freund_innen für alles, was dazugehört.
Simon Kasper
Marburg (Lahn), August 2020
Abkürzungsverzeichnis
Bei gleichen Abkürzungen erscheint diejenige in Großbuchstaben in Glossierungen, die jeweils andere außerhalb von Glossierungen.
| 1 | 1. Person |
| 2 | 2. Person |
| 3 | 3. Person |
| AKK / Akk | Akkusativ |
| D | Diathese |
| DAT / Dat | Dativ |
| Def | Definitheit |
| DET | Determinierer |
| DO | direktes Objekt |
| F / f | Femininum |
| Finit | Finitheit |
| G | Genus |
| GEN / Gen | Genitiv |
| IND / Ind | Indikativ |
| INDEF | Indefinitpronomen |
| IMP | Imperativ |
| IO | indirektes Objekt |
| K | Kasus |
| KONJ | Konjunktion |
| KONJ | Konjunktiv |
| M / m | Maskulinum |
| MD | Modus |
| N [im Strukturschema] | Numerus |
| N / n | Neutrum |
| N | Nomen |
| NOM / Nom | Nominativ |
| O | Objekt |
| P | Person |
| PL / Pl | Plural |
| POSS | Possessivrelator |
| PPP | Partizip Perfekt Passiv |
| PRÄS | Präsens |
| PRÄT | Präteritum |
| PRO | Pronomen |
| PTZII | Partizip II |
| REL | Relativierer |
| TP | Tempus |
| S | Subjekt |
| SG / Sg | Singular |
| SUBJ / Subj | Subjunktiv |
| V | (finites) Verb |
| X | Satzglied |
1 Einleitung: Verstehenverstehen als Leistung
Man könnte (und, wie ich denke, mit gutem Recht) behaupten, die Unfähigkeit, sich bei der Suche nach einer Sicherheit, wie sie Menschen möglich ist, auf das Handeln zu konzentrieren, sei ein Überbleibsel der Unfähigkeit der Menschen auf jenen Stufen der Zivilisation, auf denen sie erst wenige Mittel besaßen, um die Bedingungen zu regulieren und nutzbar zu machen, von denen das Eintreten der Folgen abhängt. Solange der Mensch unfähig war, mit Hilfe der Künste der Praxis den Lauf der Ereignisse zu lenken, war es für ihn natürlich, einen emotionalen Ersatz zu suchen; mangels wirklicher Gewißheit inmitten einer prekären und vom Zufall bestimmten Welt kultivierten die Menschen alle Arten von Dingen, die ihnen das Gefühl der Sicherheit gaben. Und es ist möglich, daß die Kultivierung des Gefühls, wenn sie nicht bis zu einem illusorischen Punkt getrieben wurde, dem Menschen Mut und Vertrauen gab und ihn befähigte, die Last des Lebens leichter zu ertragen.
(Dewey, Die Suche nach Gewißheit, S. 37)
1.1 Ein Alltagsphänomenmehrdeutigalltägliches Phänomen
Kurz nachdem Jesus von den römischen Soldaten ans Kreuz geschlagen worden war, traten seine Mutter Maria und der Lieblingsjünger Jesu vor das Kreuz. Im Bewusstsein, dass mit seinem Tod sowohl der Jünger als auch Maria den wichtigsten Menschen in ihrer beider Leben verlieren würden, erklärte Jesus, vom Kreuz herabsprechend, Maria und seinen Lieblingsjünger zu Mutter und Sohn. In Emil Webers hochalemannischerHochalemannisch BibelübertragungS Nöi Teschtamänt berichtet uns der Evangelist Johannes im anschließenden 27. Vers des 19. Kapitels Folgendes:

Eine Leserin, die die Bibel in ihrer eigenen Muttersprache lesen möchte und die Geschichte noch nicht in allen Details kennt, liest vielleicht einfach über diese Stelle hinweg und geht nun davon aus, dass Maria, Jesu Wunsch entsprechend, den Jünger bei sich aufgenommen hat. Möglicherweise wird sie überrascht sein, wenn diese Stelle in einem Gespräch mit einem Zürcher Zeitgenossen zur Sprache kommt und dieser den Glauben äußert, nicht Maria habe den Jünger, sondern umgekehrt der Jünger Maria zu sich genommen. Der Zeitgenosse mag seinerseits überrascht von der Annahme sein, dass es anders sein könnte. Wenn sie gemeinsam die entsprechende Stelle nachschlagen, um zu überprüfen, wie es nun tatsächlich erzählt wird, werden sie feststellen, dass es nicht entscheidbar ist: Das Pronomen si, mit dem hier auf Maria referiert wird, und die Form de Jünger können beide sowohl den Nominativ als auch den Akkusativ darstellen und beide kongruierenKongruenz in Person und Numerus mit dem Auxiliar hät. Da Satzsubjekte im zürichdeutschen HochalemannischenHochalemannisch im Nominativ stehen und mit dem finiten Verb kongruieren und da (direkte) Objekte von nèè ‚nehmen‘ im Akkusativ stehen, können hier beide Ausdrücke, morphologischMorphologie gesehen, sowohl als Subjekt als auch als Objekt fungieren. Auch sind die Funktionen der beiden Ausdrücke nicht über ihre Position im Satz unterscheidbar. Die Form der Äußerung gibt Leserinnen also keinen Aufschluss darüber, wer hier wen zu sich nahm. Plausibilitätserwägungen, also inhaltliche Erwägungen auf Basis durchschnittlichen Weltwissens, könnten ergeben, dass Maria durch ihre Mutterrolle legitimiert gewesen wäre, den Jünger, und der Jünger qua Gender, die Frau zu sich zu nehmen. Für hochalemannische Leserinnen ist dieser Satz also grammatisch mehrdeutigmehrdeutiggrammatisch und sie werden weder in diesem Satz noch in einem vorangehenden oder nachfolgenden Satz einen zuverlässigenzuverlässigzuverlässig HinweisHinweis darauf finden, wie er denn nun richtig zu interpretieren ist.
Äußerungen, die anders interpretierbar sind, als ein Sprecher oder Schreiber es beabsichtigt hat, sind schnell produziert und die Mehrdeutigkeit bleibt auch leicht unbemerkt, sowohl für den Urheber der Äußerung als auch für die Interpretierende, die sie verstehen möchte. (Wer hat beispielsweise bemerkt, dass der vorangehende Relativsatz der Form nach mehrdeutigmehrdeutig ist?) Dass sprachliche Äußerungen bisweilen mehrdeutig sind, gehört zu den Alltagsbeobachtungen der meisten Menschen. Dabei werden die Mehrdeutigkeiten sehr häufig aber deswegen gar nicht bemerkt, weil sie folgenlos bleiben. Sie können einerseits folgenlos bleiben, weil sie für die Lebenspraxis irrelevante Bedeutungsnuancen betreffen. Dass wir etwas falsch interpretiert haben, bemerken wir nur, wenn in der Folge der Interpretation etwas schiefgeht, was mit der Interpretation zu tun hat. Eine Interpretation aufgrund unsicherer Indizienlage ist eine bloße Annahme, auf deren Basis wir weiter handelnHandlung und die von unserer nichtsprachlichen Praxis oder kommunikativ von anderen Personen als falsch erwiesen werden kann, aber nicht muss. Die Annahme wird dann entweder modifiziert und eventuell als besser gesicherte Annahme beibehalten oder sie bleibt unverändert bestehen. Es ist gut möglich, dass unsere fiktive hochalemannische Leserin den Satz in Johannes 19, 27 falsch interpretiert hat, er aber nie wieder zur Sprache kommt und sie bis an ihr Lebensende davon ausgeht, dass Maria den Jünger zu sich genommen hat. Oder sie vergisst das Ganze.
Unbemerkte Mehrdeutigkeiten können andererseits auch deswegen folgenlos bleiben, weil sie trotz der formalen Mehrdeutigkeit richtig, das heißt im Sinne des Urhebers, interpretiert werden, wie im Falle des Relativsatzes oben.

Ob diese (kolportierte1) Schlagzeile in dem Bewusstsein formuliert wurde, dass sie mehrdeutig ist, und wie viele Leserinnen sie nur auf eine Art interpretiert haben, wissen wir nicht. Aber wer sich den Sportteil einer Zeitung vornimmt, geht mit bestimmten ErwartungenErwartung an die entsprechenden Schlagzeilen und Artikel. Wenn dort dann die Rede von einem Hole in One ist, wird dies sehr wahrscheinlich als sportliches Erfolgserlebnis beim Golf interpretiert – das Einlochen mit einem Schlag auf einem Loch, für das drei Schläge vorgesehen sind –, weil dies bereits im Erwartungshorizont der Leserin gelegen hat. Widmet man sich dagegen dem Gesellschaftsteil einer Zeitung und entdeckt die gleiche Schlagzeile dort, erwartet man eher, dass die Rede von Menschen ist, die andere Menschen zu deren Leidwesen mit Löchern versehen, und interpretiert die Schlagzeile entsprechend. Das Beispiel zeigt, dass Erwartungen, die leitend für die Interpretation einer Äußerung werden können, nicht nur durch die grammatischen Eigenschaften von Sprachen aufgebaut werden können, wie sie sich in konkreten Äußerungen und deren sprachlichem Begleittext zeigen, sondern auch von außerhalb der sprachlichen Struktur kommen können.
Je stärker sprachliche Äußerungen zur Erreichung praktischer (nichtsprachlicher oder sprachlicher) Zwecke eingesetzt werden, desto höher, so scheint es, ist die Wahrscheinlichkeit, dass falsche Interpretationen im Rückblick bemerkt werden. Nichtsprachliche HandlungenHandlung infolge von Kochrezepten, Bauanleitungen oder Wegbeschreibungen, die unmittelbare praktische Relevanz haben, sind gute Beispiele, um zu zeigen, wie Fehlinterpretationen, die aufgrund von Mehrdeutigkeiten entstanden sind, spürbare Folgen haben können und wie diese Folgen auf die Interpretation und die Äußerung zurückverweisen.
1.2 (Be-)deuten und Interpretieren
Anstatt interpretieren hätte ich bisher auch deuten schreiben können. Mit beidem bezeichne ich dieselbe Tätigkeit einer Person. Wenn wir statt der Verben die Substantive Interpretation oder Deutung verwenden, tritt der Tätigkeitsaspekt in den Hintergrund und der Resultatsaspekt in den Vordergrund, im Sinne einer abgeschlossenen Interpretation oder Deutung. Den Ausdruck etwas bedeuten im Sinne von ‚mit einer Deutung versehen‘ hätte ich ebenso verwenden können, er ist heute aber abseits von hermeneutischen Diskursen kaum noch gebräuchlich. Das agentive Verb bedeuten betont den konstruktiven Aspekt des Deutens stärker als die anderen beiden Verben. Damit meine ich, dass wir, wenn wir etwas deuten, die Deutung eher aus einem Phänomen herauslesen, während wir, wenn wir etwas bedeuten, sie in das Phänomen hineintragen. Beim Substantiv Bedeutung ist aber nicht nur die Tätigkeitslesart zugunsten einer Resultatslesart verloren gegangen. Die Substantivierung hat uns auch nachhaltig davon entbunden, den Handlungsträger des Bedeutens zu nennen. Niemand sagt, er habe dieses oder jenes so oder so bedeutet. Dadurch ist auch der – man muss es so sagen – Bedeutungsaspekt weitgehend verloren gegangen, dass Bedeuten eine individuelle konstruktive Tätigkeit ist. Stattdessen wird mit der Bedeutung eines Phänomens etwas Fertiges und Überindividuelles bezeichnet, das man nur abzupflücken braucht, das mit dem konstruktiven Deuten, das jede Interpretierende an einem Phänomen selbst vornehmen muss, kaum mehr etwas zu tun hat.
Vor dem Hintergrund eines konventionalisiertenKonvention Zeichen- und Zeichenverknüpfungssystems wie der hochalemannischen (und jeder anderen natürlichen) Sprache mag die Äußerung in (1) der Leserin relativ enge Grenzen dafür setzen, wie sie die Äußerung hinsichtlich ihres Gehalts konstruktiv bedeuten kann. Sie mag sich den Ort, die Personen und was sie tun auf individuelle Weise vorstellen, so dass diese Vorstellung mit keiner Vorstellung identisch ist, die jemand anderes vornimmt, wenn er dieselbe Äußerung interpretiert. Wir können uns VorstellungenVorstellungbildhaft durchaus bildhaft vorstellen, so wie WahrnehmungenWahrnehmungbildhaft, nur dass die äußeren ReizeReiz fehlen. Die Vagheit der Ausdrücke in der Äußerung erlaubt der Phantasie einigen Spielraum, aber diese Vagheit ist etwas anderes als Mehrdeutigkeitmehrdeutigvs. vage. Die Eckdaten der sprachlich vermittelten Vorstellung – grob gesprochen, wasWas steht womit in welcher Beziehung? wo wie und wann womit in welcher Beziehung steht – sind konventionalisiert.
Diese KonventionalitätKonvention setzt nicht nur der Ausdeutbarkeit der Äußerung enge Grenzen, also ihrem Bedeutungspotenzial, sondern sie ist auch konstitutiv für ihre Zweideutigkeit. Ohne die sprachlichen Konventionen wäre diese Äußerung als bloße Sequenz von Geräuschen beinahe beliebig bedeutbar. Unter Berücksichtigung der sprachlichen Konventionen wird die Ausdeutbarkeit der grammatisch mehrdeutigen Äußerung lediglich etwas offener, als es eine grammatisch eindeutigeeindeutig Äußerung wäre, nämlich zweideutig.
1.3 Mehrdeutigkeitmehrdeutig und Ausdeutbarkeitmehrdeutigund ausdeutbar
Der konstruktive Aspekt des Bedeutens wird vielleicht offensichtlicher, wenn man die Tätigkeit des Bedeutens jenseits der Sprache in den Blick nimmt. Mehrdeutigkeit – oder besser gesagt, unterschiedliche Ausdeutbarkeit – begegnet uns nicht nur in der Sprache. Vielmehr ist sie ein allgegenwärtiges Phänomen. Was immer wir wahrnehmenWahrnehmung – einen auf uns zulaufenden Hund, einen Geruch, ein Geräusch, ein Bild vor unserem inneren Auge – versehen wir automatischAutomatismusAktivitätsartAutomatismus oder routinemäßigRoutine, RoutinisierungAktivitätsartRoutine, Routinisierung mit einer Deutung, das heißt wir be-deuten es. Es gibt wohl kein Phänomen, das nicht verschiedenartig deutbar wäre. Phänomene zu deuten ist so basal, weil unsere menschliche Existenz ohne diese Tätigkeit nicht denkbar wäre. Es hält uns in der spezifisch menschlichen Weise reaktionsReaktion- und handlungsfähighandlungsfähig. Um nur die äußeren Extreme zu nennen: Es schützt uns vor Gefahren für LeibLeib und Leben, eröffnet uns HandlungsmöglichkeitenHandlung für selbstgesetzte Zwecke und erlaubt uns, unsere Gene in einer Weise weiterzugeben, die für die Reproduktion aussichtsreich ist. Wir deuten Phänomene in jedem wachen Moment. Diese lebenserhaltenden und lebensermöglichenden Funktionen des Bedeutens geben die Hinsichten vor, in denen wir Phänomene deuten. Als Annäherung an diese Hinsichten können uns die deutschen W-WörterW-Fragen dienen: Was oder wer ist es (zum Beispiel: Freund oder Feind)? Wo ist es (zum Beispiel: zu nah)? Woher kommt es (zum Beispiel: Ist da noch mehr davon)? Was oder wer hat es verursachtUrsache (zum Beispiel: Warum passiert es)? Wohin geht es (zum Beispiel: Hört es auf)? Zusammen:
WasWas steht womit in welcher Beziehung? steht womit in welcher Beziehung?
Die Antworten auf diese Fragen, das Deuten von Phänomenen, stehen im Dienst einer übergeordneten Frage:
Was kannWas kann ich tun? ich (jetzt) tun?
Unsere wachen Momente sind in der Regel nicht dadurch gekennzeichnet, dass wir interesselos dasitzen und Eindrücke auf uns einströmen lassen, obwohl so manches kognitionswissenschaftliche Laborexperiment unter dieser Prämisse durchgeführt zu werden scheint. Stattdessen bewegen wir uns die meiste Zeit aktiv durch unsere Umwelt und versuchen, unsere kleinen (Tasse nehmen) oder großen (Raketenwissenschaftlerin werden) Ziele zu erreichen. Daher verwundert es kaum, wenn die Antworten auf die obigen W-Fragen, die uns alle ständig betreffen, bei verschiedenen Personen in derselben Situation oder bei derselben Person in verschiedenen Situationen, unterschiedlich ausfallen.
Wie unsere Deutungen ausfallen, ist abhängig von unserer menschlichen Physis und Kognition, von sozialen NormenNorm und KonventionenKonvention, von der inneren und äußeren Situation, in der wir uns gegenwärtig befinden, und von dem, was ich die „-enz-enz-Faktoren“-Faktoren-enz-FaktorenSalienz von Phänomenen nenne: ihrer Salienz, PertinenzPertinenz, FrequenzFrequenz und RezenzRezenz.1 SalienzSalienz betrifft die Auffälligkeit von Phänomenen in der Wahrnehmung, noch bevor sie als etwas (Was ist es?) erkannt wurden. Auffällige Phänomene sind diejenigen, die überhaupt erst Gegenstand der W-Fragen werden, zum Beispiel ein Knall oder etwas, das sich in unser Sichtfeld bewegt und dadurch unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. PertinenzPertinenz betrifft die Relevanz von Phänomenen vor dem Hintergrund unserer gegenwärtigen Handlungsziele und -interessen. In verschiedenen Situationen kann das gleiche Phänomen (zum Beispiel das Schild Frische Kreppeln) aufgrund verschiedener Pertinenzen (durch Hunger gegenüber Magen-Darm-Grippe) in Hinsicht auf die FrageWas kann ich tun? Was kann ich tun? verschieden bedeutet werden. Was ich tun kann, verengt sich in Abhängigkeit von der Pertinenz eines Phänomens darauf, was ich tun will. FrequenzFrequenz betrifft die Auftretenshäufigkeit von Phänomenen in Beziehung zu anderen Phänomenen. Jemand, der schon mehrmals von einem Hund verletzt wurde, wird das Herannahen eines Hundes mit einer anderen Bedeutung versehen als ein durchschnittlicher deutscher Hundezüchter, dem gewöhnlich nur die Hand abgeschlabbert wird. Was oft zusammen in einem bestimmten Kontext auftritt, wird leichter zusammen erinnert und dafür liegt in entsprechenden Kontexten leichter ein Deutungsrezept samtDeutungsroutineRoutine, Routinisierung DeutungsroutineRoutine, Routinisierung bereit. Das kann auch das gemeinsame Auftreten von grammatischen Form(typ)en und Funktionen betreffen. Wenn eine immer die Form gib am Satzanfang wahrgenommen hat und (erfolgreich) als Befehl, etwas zu geben interpretiert hat, wird sie die Form auch beim nächsten Auftreten so interpretieren. Tatsächlich scheint der Frequenz eine große Bedeutung in der Sprache zuzukommen. Ähnliches wie für frequente Phänomene gilt auch für rezenteRezenz Phänomene, also solche, die kurz vor dem Wahrnehmungsereignis schon einmal wahrgenommenWahrnehmung und gedeutet wurden. Die früher vorgenommene Deutung ist leichter wieder zu aktualisieren als eine davon abweichende.
Die Grenzen hinsichtlich der Möglichkeit, einem Phänomen Bedeutung zuzumessen – und damit seiner Ausdeutbarkeit – sind prinzipiell nur durch die kognitiven und physischen Schranken des Menschen gezogen. Die Breite der faktischen Bedeutungszuweisungen dürfte aber nicht viel geringer als die der möglichen sein. Kulturelle Variation besteht nicht nur hinsichtlich gravierender Unterschiede in den typischen Situationen, in denen Menschen sich befinden – im Kaffeehaus in Marokko, im Giraffengehege in Frankfurt, bis zum Hals im Sumpf bei den Pirahã – und damit hinsichtlich der salientenSalienz, frequenten und rezenten Phänomene, mit denen Menschen konfrontiert sind, sondern auch in der Ausprägung der PertinenzPertinenz-Systeme sowie in normativenNorm Beschränkungen der Frage WasWas kann ich tun? kann ich (jetzt) tun? auf die Frage Was darf, soll oder muss ich (jetzt) tun?.
Ähnlich wie sprachliche Phänomene sind nichtsprachliche Phänomene nämlich ebenfalls nicht beliebig ausdeutbar. Auch ihre Deutungen sind durch soziale KonventionenKonvention begrenzt und unstatthafte Interpretationen führen zu Misserfolg. Das gilt beispielsweise für die Zuschreibung von VerantwortlichkeitVerantwortlichkeit. Im Zusammenleben von Menschen ist die Frage, ob jemand etwas verantwortlich – also geplant, kontrolliert, willentlich, bewusst – tut, tun kann oder getan hat, oder eben nicht, von überragender Bedeutung. Wir können aber mit unseren Sinnesorganen gar nicht erfassen, ob jemand etwas verantwortlich tut oder ob es ihm bloß passiert. Wenn Opa Willi jetzt noch ein Glas in der Hand hat, sich dann der Griff etwas lockert und das Glas zu Boden fällt, nehmen wir nicht wahr, ob er aus zweckrationalen Erwägungen den Griff gelockert hat, damit das Glas herunterfällt, oder ob ihm die Lockerung des Griffs aus Versehen widerfahren ist. Wir unterlassen in solchen Fällen die Interpretation aber nicht. Wir interpretieren jemandes Tun in solchen Situationen trotzdem hinsichtlich Verantwortlichkeit, aber eben nicht beliebig. Wenn sich jemand konsequent jedes auch noch so zufällige oder glückliche WiderfahrnisWiderfahrnis öffentlich als Verdienst zurechnet und gleichzeitig jemand anderem für jedes versehentliche Missgeschick ebenfalls öffentlich Verantwortlichkeit zuschreibt, dann wird dies sehr wahrscheinlich sozial sanktioniert werden. So können soziale NormenNorm oder KonventionenKonvention der Ausdeutung von nichtsprachlichen Phänomenen Grenzen setzen.
Eine sprachliche Äußerung ist nicht nur Anlass einer Deutungstätigkeit, wie derjenigen unserer Leserin des Beispiels in (1), sondern aus anderer Perspektive auch das Resultat einer solchen Deutungstätigkeit. EmilS Nöi Teschtamänt Weber hat mit der Äußerung Und vo säbere Stund aa hät si de Jünger zue sich gnaa für die Leserinnen der Evangelien schon vieles verschieden Ausdeutbare in der berichteten nichtsprachlichen Situation ausgedeutet. Dabei hat er die Ausdeutung des Evangelisten Johannes in dessen griechischem Text vermittelt. Weber hat unter anderem das Geschehen in der Vergangenheit situiert (hät … gnaa), es in den Kontext früheren Geschehens gestellt (Und …), es innerhalb der Vergangenheit nochmals zeitlich verortet (vo säbere Stund aa) und er hat eine Aktivität des zu-sich-Nehmens (… zue sich gnaa) identifiziert. Johannes (und Emil Weber als Vermittler) hat all diese Deutungen anstatt unzähliger anderer möglicher Deutungen vorgenommen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Er hat etwas als ‚zu sich nehmen‘ gedeutet und es entsprechend sprachlich mitgeteilt. Das Phänomen, das der Deutung zugrunde lag, ist verschiedenartig ausdeutbar, etwa als ‚zufällig gemeinsam irgendwohin gehen‘, ‚zufällig hintereinander in die gleiche Richtung bewegen‘ oder ‚entführen‘, um nur einige naheliegende Deutungen zu nennen. Diese normenNorm- und durch die „-enz-enz-Faktoren“-FaktorenFilter gefilterteFilter-enz-Faktoren DeutungsarbeitDeutungsarbeitArbeitArbeit hat bereits Johannes (vermittelt durch Emil Weber) der Leserin abgenommen. Mit seiner Äußerung unterbreitet Emil Weber nun wiederum der Leserin ein Deutungsangebot, das sie zunächst einmal nachvollziehen muss, noch bevor sie es als angemessen anerkennen oder ablehnen kann. Und vo säbere Stund aa hät si de Jünger zue sich gnaa ist also Emil Webers sprachkonventionengefilterterKonvention Ausdruck dieses Geschehens und er dient der Leserin als eine Anleitung zum Nachvollzug einer hinreichend ähnlichen Vorstellung dieses Geschehens. Der im gegenwärtigen Zusammenhang wichtigste Aspekt dieser Ähnlichkeit ist die Frage, was womit inWas steht womit in welcher Beziehung? welcher Beziehung steht. Und da ist Emil Webers sprachlich vermitteltes Deutungsangebot, anders als dasjenige Johannes’, wie wir sehen werden, mehrdeutig. Es sollte beinhalten, wer wen zu sich nimmt, und die Äußerung bietet der Leserin diesbezüglich si de Jünger an.
1.4 Verstehenverstehen
Wenn sie sich anstrengt, kann sich unsere hochalemannische Leserin natürlich über alle Konventionen hinwegsetzen und die Äußerung Und vo säbere Stund aa hät si de Jünger zue sich gnaa so individuell und konstruktiv bedeuten, wie sie möchte. Dabei sind ihr keine Grenzen gesetzt. Es sind durchaus Zwecke denkbar, vor deren Hintergrund solche unkonventionellen Interpretationen motiviert, also pertinentPertinenz hinsichtlich eines Zweckes sind. Ob eine solche Praxis aber alltäglicher gelungener Kommunikation zuträglich ist, ist eine andere Frage. Weite Teile unserer sprachlichen Interaktion koordinieren und organisieren andere sprachliche und nichtsprachliche HandlungenHandlung. Damit diese wiederum erfolgreich sind, ist es nötig, dass wechselseitige sprachliche Äußerungen von den Beteiligten nicht willkürlich interpretiert werden. Aber unter welchen Umständen können wir jetzt sagen, dass die Leserin Und vo säbere Stund aa hät si de Jünger zue sich gnaa nicht nur interpretiert, sondern auch verstanden hat?
Anders als fast alle anderen menschlichen Tätigkeiten scheint Deuten oder Interpretieren nicht misslingen zu können. Dabei kommt immer etwas heraus, was den Namen Deutung oder Interpretation verdient. Aber man kann erfolgreich oder erfolglos interpretieren, je nachdem, ob die Interpretation ihre Funktion erfüllt beziehungsweise zur Realisierung des Zweckes führt, für den sie das Mittel gewesen ist.
Wenn ich im besten Wissen Diesel in mein Benzinfahrzeug fülle, um weiterfahren zu können, dann habe ich offenbar bestimmte Phänomene, unter anderem den Zapfhahn und das Fahrzeug, in irgendeiner Weise gedeutet, die sie mir zu Handlungsgegenständen macht, aber eben in einer Weise, die meinem Handlungserfolg nicht zuträglich ist. In diesem Moment habe ich vor dem Hintergrund meiner Ziele den Zusammenhang zwischen dem Zapfhahn, meinem Fahrzeug und der Möglichkeit des Weiterfahrens zwar gedeutet, aber nicht verstanden.
Ähnlich verhält es sich zunächst mit sprachlichen Äußerungen. Eine Wegbeschreibung wird ein Umherirrender üblicherweise mit dem Zweck interpretieren, dass sie ihn über kurz oder lang zum gewünschten Ort bringt. Die Ankunft am Zielort ist ein Erfolgskriterium für die Interpretation beziehungsweise für das Verstehen der Wegbeschreibung. Aber anders als beim nichtsprachlichen Tankbeispiel ist hier noch eine andere Person involviert, die den Weg beschreibt und die – anders als der Zapfhahn – eigene Ziele verfolgt. Diese Person kann unterschiedliche Einstellungen zu dem einnehmen, was sie sagt. Sie kann den Zweck des Fragenden zu einem gemeinsamen machen und ihm nach bestem Wissen und Gewissen den Weg mitteilen. Sie kann aber auch einen anderen Zweck verfolgen, zum Beispiel den Fragenden zu belügen, damit er an einem anderen Ort als dem Gewünschten herauskommt.
Ein sprachliches Ereignis ist also (mindestens) ein zweischichtiges Ereignis und muss daher auch auf jeder Schicht einzeln gedeutet werden. Meine obigen W-FragenW-Fragen stellen sich einerseits für das Ereignis, in dem jemand Geräusche, Gesten oder Graphisches hervorbringt, also grob gesprochen für die HandlungHandlung des Äußerns. Sie stellen sich andererseits für das vokalisch, gestisch oder graphisch Geäußerte, also für das konventionellKonvention sprachlich Ausgedrückte. Beides muss interpretiert werden. Unser Umherirrender kann sowohl das, was die Auskunftgeberin tut, indem sie ihm den Weg beschreibt – zum Beispiel helfen oder belügen – als auch das, was sie in ihrer Äußerung mitteilt – den Weg zu einem Ort – verstehen oder missverstehen. Der Fragende kann also gleichzeitig den Äußerungsinhalt verstehen und trotzdem nicht seinen Zielort erreichen, weil er das, was seine Gewährsperson getan hat, indem sie ihm einen Weg beschrieb, missverstanden hat. Ähnlich wie beim Tanken lassen sich für das Verstehen der ÄußerungshandlungÄußerungshandlung prinzipiell praktische Kriterien angeben, nämlich praktischer Erfolg oder Misserfolg hinsichtlich des eigenen Ziels infolge der Interpretation. Kommt unser Umherirrender am Brauhaus statt am Bahnhof heraus und hat er den Äußerungsinhalt richtig interpretiert und ansonsten alles richtig gemacht (was ich hier voraussetzen möchte), kann er davon ausgehen, dass er die HandlungHandlung seiner Gewährsperson falsch gedeutet hat, beziehungsweise nicht verstanden hat, dass sie ihn also getäuscht hat. Unser Umherirrender könnte, am Brauhaus statt am Bahnhof angekommen, wohin er eigentlich wollte, einer kompetenten und kooperativeren Zeitgenossin die Wegbeschreibung nacherzählen, die er befolgt hat. Wenn sie ihm sagt, dass die Wegbeschreibung den Weg zum Brauhaus, aber nicht zum Bahnhof richtig wiedergibt, weiß er, dass er die Wegbeschreibung verstanden, aber die Motive der Gewährsperson falsch verstanden hat. Auf diese Weise ist prinzipiell unterscheidbar, ob etwas oder jemand missverstanden wurde. Im Einzelfall wird aber bisweilen nicht mehr zu klären sein, ob die Äußerung oder die Handlung der Interaktionspartnerin oder beide missverstanden wurden, weil beide nicht mehr verfügbar sind.
Im Falle unserer hochalemannischen Bibelleserin ist die Äußerung verfügbar, der Interaktionspartner, der Urheber der Äußerung, dagegen nicht, weder EmilS Nöi Teschtamänt Weber noch Johannes, der Evangelist. Die Interpretation der Leserin, ihre Antwort auf die Frage WasWas steht womit in welcher Beziehung? steht womit in welcher Beziehung? war ja, wie ich zu Anfang angenommen hatte, dass in Und vo säbere Stund aa hät si de Jünger zue sich gnaa Maria den Jünger zu sich nahm. Ob sie damit die Äußerung auch verstanden hat, wird sie vielleicht nie erfahren, weil ihre Interpretation keine praktischen Folgen zeitigt, wie dies im Tankbeispiel und bei der Wegbeschreibung möglich wäre. Aber wir, die wir die Deutungen unserer Leserin deuten, können, möglicherweise im Unterschied zu ihr, trotzdem angeben, ob sie die Äußerung richtig oder falsch verstanden hat. Wir können dem Urheber der Äußerung aufgrund der Äußerung, die allen Konventionen der hochalemannischen Sprache folgt, zuschreiben, welche Vorstellung er davon gehabt haben muss, was in der berichteten Situation was ist, wo was ist und was womit in welcherWas steht womit in welcher Beziehung? Beziehung steht. Für grammatisch eindeutigeeindeutig Äußerungen ist es ohnehin möglich anzugeben, wie sie hinsichtlich der Frage zu verstehen sind, was in ihnen womit in welcher Beziehung steht. Für grammatisch mehrdeutige Äußerungen wie Und vo säbere Stund aa hät si de Jünger zue sich gnaa kann man sich, zumindest im Falle der Bibel, mit der Textsorte behelfen. Das Neue TestamentNeues Testament ist in ca. 1900 Sprachen übertragen und was in einer Bibel grammatisch mehrdeutig ist, ist in vielen anderen grammatisch eindeutigeindeutig.1 Das wird für die spätere Untersuchung von großem Nutzen sein. Wir können dagegen nicht viel Zuverlässiges darüber sagen, welche Ziele Weber und Johannes verfolgt haben, indem sie uns ihre neutestamentlichen Äußerungen vorgelegt haben. Nach eigener Aussage wollte Weber aber genau übertragen.2 Damit verschöbe sich die Frage nach den Motiven und Zwecken zurück zu Johannes und würde zu einer theologischen. Aber beide haben sich schon in notwendiger Weise kommunikativ kooperativ gezeigt, indem sie uns Texte vorgelegt haben, die den KonventionenKonvention ihrer jeweiligen Sprache entsprechen. Wir können davon ausgehen, dass der Evangelist Johannes – der sich möglicherweise in der Rolle des Lieblingsjüngers Jesu selbst in der Frohen Botschaft untergebracht hat – seine Deutungen, mit welchen Motiven auch immer, mit seinen Äußerungen unmissverständlich kundtun wollte. In der altgriechischen Version der Evangelien, die Emil Weber seiner Übertragung Und vo säbere Stund aa hät si de Jünger zue sich gnaa zugrunde gelegt hat, ist unser Beispielsatz nun auch grammatisch eindeutigeindeutig. Dort repräsentiert ὁ μαθητὴς (ho mathētēs) ‚der Jünger‘ eindeutig einen Nominativ und αὐτὴν (autēn) ‚sie‘ eindeutig einen Akkusativ. Der Jünger nahm also die Frau mit sich. Eine andere Interpretation ist hier vor dem Hintergrund der entsprechenden sprachlichen Konventionen ausgeschlossen. Wir können auch davon ausgehen, dass Emil Weber seinen Leserinnen diese Informationen nicht vorenthalten wollte. Er hatte aufgrund der eindeutigen altgriechischen Äußerung eine klare Vorstellung davon, wer wen mitnahm und er verwendete die sprachlichen Ausdrucksformen, die ihm in seiner zürichdeutschenHochalemannisch Muttersprache zur Verfügung standen und gleichzeitig nah an der griechischen Vorlage lagen. Die Unterscheidung zwischen Nominativ und Akkusativ, die an den altgriechischen Formen erkennbar ist, stand ihm in der hochalemannischen Übertragung nicht zur Verfügung und die ReihenfolgeReihenfolge zwischen beiden Ausdrücken hat er umgedreht. Dass dies bei seinen Leserinnen zu einer von ihm nicht beabsichtigten Deutung davon führen kann, wer wen mitnahm, hat er wahrscheinlich gar nicht bemerkt.
1.5 DeutungsautomatismenAutomatismus, DeutungsroutinenRoutine, Routinisierung und DeutungsarbeitArbeit
Wenn wir hier darüber reflektieren, wie Sprachbenutzerinnen sprachliche Äußerungen interpretieren, deuten wir ihre Deutungsaktivitäten. Dass wir unsere und ihre Tätigkeiten mit dem gleichen Ausdruck deuten bezeichnen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Aktivität des Deutens ganz unterschiedliche Qualitäten annehmen kann; deuten ist ein vager Ausdruck.
Die hochalemannische Leserin, hier wieder stellvertretend für alle Sprachbenutzerinnen, kann in Windeseile einfach über unseren Beispielsatz aus dem Johannesevangelium hinweglesen und dabei wird in Sekundenbruchteilen die komplexe VorstellungVorstellung in ihr hervorgerufen, dass die Frau den Jünger zu sich genommen hat. In gleicher Weise lesen Sie die meisten Sätze in diesem Buch. Deuten in dieser Weise ist zwar komplex und besteht aus vielen Teilprozessen und -aktivitäten, die von basalen WahrnehmungsprozessenWahrnehmung bis hin zu Antworten auf die Frage WasWas kann ich tun? kann ich (jetzt) tun? reichen, aber zugleich vollziehen wir es hochgradig automatisiert und routinisiert. Automatisch laufen dabei Prozesse ab, die immer ablaufen, wenn bestimmte Phänomene wahrgenommen werden und die nicht unterbrochen werden können, wie zum Beispiel die AssoziationAssoziation der Buchstabenfolge Jünger und der Vorstellung eines Jüngers. Routinen umfassen dagegen HandlungenHandlung, die so oft ausgeführt worden sind, dass sie nicht mehr aufmerksam ausgeführt werden müssen. Sie können allerdings, anders als die Automatismen, unterbrochen werden, wenn es nötig ist. Ohne die entsprechenden Experimente, und das heißt im alltäglichen Einzelfall, sind RoutinehandlungenHandlung und automatisches VerhaltenVerhalten oft nicht zu unterscheiden. Das Deuten im automatischen und routinisierten Modus erfolgt schnell und effektiv, aber alternative Deutungen werden dabei übersehen. Haben Sie bemerkt, dass weiter oben in diesem Absatz der Satz In gleicher Weise lesen Sie die meisten Sätze in diesem Buch grammatisch mehrdeutig ist?1 Wenn wir in diesem Modus des Deutens sind, ist die Form einer Äußerung äußerst flüchtig und sie ist uns nur so lange präsent, bis sie sich in unserem Kopf in Vorstellungen verwandelt hat.
Von diesem automatisierten und routinisierten Deuten ist das Deuten zu unterscheiden, das wir vollziehen, wenn wir uns die Ausdeutbarkeit einer Äußerung vergegenwärtigen. Dieses Deuten ist viel weniger automatisiert und routinisiert, es ist um ein Vielfaches langsamer und liefert gleichzeitig oft anscheinend nur einen relativ geringen Zugewinn an Deutungsakkuratheit.2 Bei diesem Deuten, das wir als Deutungsarbeit bezeichnen können, ist die sprachliche Form beziehungsweise das wahrnehmbare Phänomen viel weniger flüchtig.3 Vielmehr wird es dabei vor dem (inneren oder wirklichen) Auge oder Ohr präsent gehalten und gegebenenfalls dorthin zurückgeholt, also reflektiert. Bestimmte Teile der komplexen Deutungsaktivität werden zyklisch wiederholt, zum Beispiel das Scannen des Phänomens, das (innere oder äußere) Verweilen auf einem Teil davon, das Umschalten und erneute Umschalten der Zuordnungen zwischen bestimmten Formen und den Vorstellungen, die sie hervorrufen. Wir haben dies beispielsweise bei si und de Jünger in (1) sowie bei Hole in One in (2) getan. Darin – Scannen, Verweilen, Umschalten, Wiederholen – unterscheiden sich unsere Interpretationen mehrdeutigermehrdeutiget passim Äußerungen kaum von unseren Interpretationen gestaltpsychologischer Kippbilder wie desjenigen in Abbildung 1.
Abb. 1:
Gestaltpsychologisches Kippbild
Wenn wir ein Phänomen interpretieren, tun wir dies aber nicht entweder automatisch beziehungsweise routinisiert oder mit kognitivem Arbeitsaufwand. Gerade das zyklische Wiederholen von automatisierten beziehungsweise routinisierten Schritten und das wiederholte Umschalten zwischen Interpretationen bei der Deutungsarbeit zeigen, dass diese auf den automatischen und routinisierten Aktivitäten und Prozessen aufbaut und auf sie angewiesen ist. Dies lässt sich bereits am Kippbild illustrieren. Wenn wir beispielsweise unseren Blick darauf richten, um daran durch wiederholtes Umschalten Deutungsarbeit zu leisten, können wir nicht vermeiden, dass uns zuerst automatisch entweder die Gesichtsprofile oder der Kelch erscheinen.
Auch an unserem Umgang mit sogenannten lokalen Mehrdeutigkeitenmehrdeutiglokal in der Sprache lässt sich das beobachten. Oben ist davon die Rede gewesen, dass Mehrdeutigkeiten oft nur dann bemerkt werden, wenn in der Folge etwas schiefgeht. Es ist möglich, dass schon im Laufe der Interpretation einer Äußerung etwas schiefgeht. Sprachliche Äußerungen haben einen Anfang und ein Ende. Sie werden entsprechend sukzessive wahrgenommenWahrnehmung und die herandrängenden Geräusche, Gesten oder Graphen rufen jeweils Vorstellungen hervor und die aufgebaute, komplexe VorstellungVorstellung eines Ereignisses oder einer Situation wird durch jede weitere hereinkommende Information modifiziert. Zugleich erwartenErwartung wir auf Basis dessen, was wir bereits wahrgenommen haben, immer schon, was als nächstes kommen wird. Diese Erwartungen können bestätigt oder verletzt werden. So beginnt die neuhochdeutsche „EinheitsübersetzungEinheitsübersetzung“ von Johannes 19, 27 folgendermaßen:

Beim sukzessiven, oder inkrementellenOnline-Betrachtungsweise, Interpretieren dieser Teiläußerung bauen wir eine komplexe Vorstellung auf und erwarten weitere Informationen bestimmter Art. Wir werden uns höchstwahrscheinlich den Referenten des Ausdrucks sie (die Mutter Jesu) als die Nehmerin in dieser Äußerung vorstellen,4 weil wir die Form als Nominativ erkennen und sie in einer KongruenzbeziehungKongruenz mit dem Verb steht, und wir werden als weitere Information ein Objekt erwarten, das genommen wird und durch eine Akkusativform ausgedrückt ist. Auch wenn wir solcher grammatischen Beschreibungen unkundig sind, heißt das lediglich, dass wir vielleicht nicht beschreiben können, was wir da tun, tun können wir es aber dennoch. Die aufgebauten ErwartungeErwartungn auf Form- und Vorstellungsebene sind unter anderem durch die bereits erwähnten „-enz-enz-Faktoren“-Faktoren gesteuert: FrequenzFrequenz, RezenzRezenz, PertinenzPertinenz. Nun ist die Vorstellung, die durch (3) hervorgerufen wird, wie wir oben gesehen haben, aber nur so etwas wie eine Annahme, weil die Indizienlage unsicher ist. Sie kann zwar den Nominativ und damit das Subjekt des Satzes repräsentieren, aber auch den Akkusativ, das heißt das direkte Objekt. An der Stelle sie ist die Äußerung in (3) also lokal mehrdeutigmehrdeutiglokal. Wir haben uns für die Nominativlesart „entschieden“. Entschieden steht hier in Anführungszeichen, weil diese „Entscheidung“ im Modus des automatischen oder routinisierten Deutens ausgeführt wurde, dem keine vorgängige Reflexion zugrunde gelegen hat. In der Einheitsübersetzung wird die Äußerung wie folgt zu Ende geführt:

Hier wird unsere aufgebaute Erwartung eines Objekts, das genommen wird und das durch den Akkusativ ausgedrückt wird, verletzt. Damit hat sich unsere aufgebaute Vorstellung als falsch erwiesen: Die Mutter Jesu ist nicht die Nehmerin. Der Ausdruck der Jünger zwingt uns nun aufgrund seiner eindeutigen Nominativform, unsere bereits aufgebaute Vorstellung davon, was hier womit in welcherWas steht womit in welcher Beziehung? Beziehung steht, zu modifizieren. Wir werden von dieser Nominativform überraschÜberraschungt und sie lässt unseren Deutungsautomatismus oder unsere Deutungsroutine scheitern. Möglicherweise macht uns der Jünger erst darauf aufmerksam, dass sie mehrdeutig zwischen Nominativ und Akkusativ gewesen ist. An diesem Punkt, der die lokale Mehrdeutigkeit auflöst, gehen wir vom Modus des automatischen oder routinisierten Interpretierens in den der Deutungsarbeit über. Das Scheitern unseres Automatismus oder unserer Routine dabei, graphische Symbole in Vorstellungen zu überführen, macht uns auf die Form der Äußerung aufmerksam, Alternativen ihrer Ausdeutung scheinen auf und zwingen uns, mit einigem kognitiven Aufwand – Arbeit – eine modifizierte Vorstellung aufzubauen, nämlich mit umgedrehten Rollen zwischen Maria und dem Jünger.
Eine solche Reanalyse im alltäglichen Sprachverstehen kann natürlich schneller erfolgen als die linguistische oder philologische Deutungsarbeit, wie wir sie oben an (1) vorgenommen haben. Dennoch teilt sie mehr mit der Deutungsarbeit als mit den Automatismen und Routinen, nämlich die Aspekte des Gewahrwerdens der unterschiedlichen Ausdeutbarkeit des Phänomens und der Reflexion auf die eigene Deutungsaktivität.5
1.6 Die „W“-Fragen des vorliegenden BuchesW-Fragen
Das vorliegende Buch stellt den Versuch dar, besser zu verstehen, wie Sprachbenutzerinnen auch angesichts von Mehrdeutigkeitmehrdeutig sprachliche Äußerungen verstehen, das heißt erfolgreich oder richtig interpretieren können. Dafür war es wichtig, darauf hinzuweisen, dass dem Verstehenverstehen sowohl von nichtsprachlichen als auch von sprachlichen Phänomenen (Be-)Deutungstätigkeiten zugrunde liegen, die sich in sehr basalen Aspekten – den W-Fragen im Dienste von WasWas kann ich tun? kann ich (jetzt) tun? – gleichen und sich in anderen Aspekten – der Mehrschichtigkeit von sprachlichen Äußerungen – unterscheiden. Insofern sucht dieses Buch, wie jede Interpretation, Antworten auf die oben genannten W-Fragen.
Was ist es? Das infragestehende Phänomen kann bereits grob charakterisiert werden. Es sind mehrdeutige Äußerungen auf der einen und die offensichtliche Problemlosigkeit, mit der Sprachbenutzerinnen erfolgreich mit ihnen umgehen, auf der anderen Seite. Dass Sprachbenutzerinnen auch mehrdeutige Sätze verstehen können, ist für sich genommen noch nicht überraschend. Auch Sprachbenutzerinnen, die nicht zugleich professionelle Linguistinnen sind, erklären sich ihre Verstehensfähigkeitenverstehen und berufen sich dabei gern – und durchaus zu Recht – auf den Kontext, anhand dessen alle oder fast alle Äußerungen verstehbar seien. Als Kontext gilt bei dieser nichttechnischen Verwendung des Ausdrucks bald mehr, bald weniger von dem, was in der fraglichen Äußerung nicht zur lexikalischen oder grammatischen Bedeutung gehört und nicht auf Basis der Wörter und ihrer Verknüpfung zuverlässig erschlossen werden kann. Zu diesem Kontext im weiteren Sinne zählen erstens das in vorangegangenen und nachfolgenden Äußerungen grammatisch und lexikalisch Ausgedrückte – der Kotext, zweitens die vielfältigen Faktoren, die die Situation kennzeichnen, in der die Äußerung getätigt und/oder rezipiert wird – der Kontext im engeren Sinne –, und drittens das sogenannte Weltwissen, das heißt das enzyklopädische Wissen über basale, aber auch beispielsweise kulturspezifische Zusammenhänge in der Wirklichkeit, unabhängig von der konkreten Äußerung, ihrem Kotext und Kontext. Auf Basis dieser Informationstypen dürfte tatsächlich so gut wie jede Äußerung im Alltag, sei es in einer face-to-face-Situation oder bei der Lektüre eines Textes, zum Beispiel eines Bibeltextes, für eine kompetente Sprachbenutzerin verstehbar sein.
Ich möchte in diesem Buch daher eine sehr viel stärkere HypotheseHypothese überprüfenmehrdeutig: Für das Verstehenverstehen von Äußerungen, die hinsichtlich der Frage mehrdeutig sind, was in ihnen womit in welcherWas steht womit in welcher Beziehung? Beziehung steht, sind auf der Seite einer muttersprachlich kompetenten RezipientinRezipientin (kommunikative Rolle) mit normalen kognitiven Fähigkeiten so gut wie keine dieser Informationsquellen erforderlich. Ist sie mit einer grammatisch mehrdeutigen Äußerung konfrontiert, so wird sie fast vollständig ohne Informationen auskommen, die über die infragestehende Äußerung hinausgehen. Hier möchte ich es fürs Erste mit der Präzisierung bewenden lassen, dass die Informationen, auf die die Rezipientin sich stützen kann, aufs Engste mit der BelebtheitshierarchieBelebtheitshierarchie zusammenhängen.1
Wo ist das Phänomen zu finden? Äußerungen, die mehrdeutig hinsichtlich der Frage sind, was in ihnen womit in welcher Beziehung steht, finden sich überall dort, wo die konventionellenKonvention grammatischen Mittel für den Ausdruck solcher Beziehungen in einer Sprache nicht verfügbar oder trotz prinzipieller VerfügbarkeitHinweisverfügbar unzuverlässigHinweiszuverlässig sind. So sind in Beispiel (1) einige KasusmarkierungenKasus (si beziehungsweise de Jünger) prinzipiell verfügbar, aber bei den vorliegenden Ausdrücken unzuverlässig und die ReihenfolgeReihenfolgesyntaktifiziert zwischen den Ausdrücken wird nicht konventionell für die Unterscheidung von Subjekt und Objekt verwendet. Verschiedene Sprachen und Sprachstufen einer Sprache unterscheiden sich natürlich darin, ob in ihnen die Reihenfolge für solche Zwecke eingesetzt wird und ob beziehungsweise wie viele mehrdeutige morphologischeMorphologie Formen sie aufweisen. Aus Gründen, die ich noch ausführlicher darlegen werde, möchte ich die Stichhaltigkeit der obigen Annahme anhand von wortlauttreueren und freieren BibelübersetzungenÜbersetzung ins AltenglischeAltenglisch, MittelenglischeMittelenglisch, AlthochdeutscheAlthochdeutsch, MittelhochdeutscheMittelhochdeutsch, FrühneuhochdeutscheFrühneuhochdeutsch, NeuhochdeutscheNeuhochdeutsch und in die modernen deutschen Dialekte des HochalemannischenNeuhochdeutsch und NordniederdeutschenNordniederdeutsch überprüfen.2 Einer der gewichtigsten Gründe, Bibeltexte dafür zu wählen, ist, dass wir – anders als bei anderen Quellen – für die darin vorkommenden Äußerungen sicher angeben können, welche Interpretation die richtige ist, auch wenn sie in einer Übertragung mehrdeutig sind. Für die Überprüfung der Hypothese ist dies unabdingbar, da wir andernfalls über kein Erfolgskriterium für die Interpretation mehrdeutiger Äußerungen verfügen würden, und dass man Erfolg bei ihrer Interpretation haben kann, möchte ich ja gerade zeigen. Ein weiterer Grund ist, dass alle untersuchten SprachSprach(stuf)eAltenglisch(stuf)en – die richtige Übersetzung vorausgesetzt – dieselben Inhalte ausdrücken, dazu aber jeweils ihre eigenen sprachlichen Mittel zur Verfügung haben und dabei unter dem Druck stehen, verstehbar zu sein. Damit wird vergleichbar, wie mit den vorhandenen sprachlichen Mitteln ausgedrückt wird, was womit in welcher Beziehung steht und wie sie von Äußerung zu Äußerung eingesetzt werden. Dabei ist nicht nur ein synchronischer Quervergleich zwischen den Sprachen und Dialekten möglich, sondern auch ein diachronischer Längsvergleich, der uns mit der gebotenen Vorsicht erlaubt nachzuverfolgen, wie diese grammatischen Mittel sich historisch im Deutschen und Englischen verändern und welche Anforderungen dies an unser Verstehenverstehen stellt. Ein Grund, Englisch und Deutsch zu wählen, ist die Tatsache, dass für diese Sprachen in der Forschung bereits viele Annahmen darüber geäußert worden sind, wie die sprachlichen Mittel sich zueinander verhalten und wie sie sich historisch entwickelt und verändert haben sollen. Dass diese Entwicklungen fürs Deutsche und Englische jeweils verschiedene gewesen sind, obwohl sie einen gemeinsamen historischen Ursprung haben, ist dabei ebenfalls von theoretischem und historischem Interesse. Primär von theoretischem Interesse ist, dass auch zwei moderne deutsche Dialekte analysiert werden sollen. Interessant sind sie deshalb, weil sie im Vergleich zum standarddeutschen System mit drei KasusKasus jeweils nur zwei Kasus aufweisen, dabei aber mutmaßlich ähnliche SatzgliedreihenfolgenReihenfolge zulassen. Die Dialekte versprechen somit größeres Mehrdeutigkeitspotenzial.3
Woher kommt das Phänomen? Was hat es verursacht? Wohin geht es? Vieles – und darüber wird noch sehr viel mehr zu sagen sein – spricht dafür, dass Sprachen sich grammatische Mehrdeutigkeit leisten können, eben weil Sprachbenutzerinnen erfolgreich damit umgehen können. Dennoch unterscheiden sich Sprachen in dem Grad, in dem sie Mehrdeutigkeit tatsächlich aufweisen, gravierend, aber nicht zufällig. Neben Sprachen, die wenige oder gar keine Äußerungen aufweisen, in denen grammatisch nicht geregelt ist, was womit in welcher Beziehung steht – Althethitisch dürfte dem nahekommen –, finden sich, wie ich zeigen werde, auch Sprachen, in denen jede vierte für die Fragestellung relevante Äußerung grammatisch mehrdeutig ist. Dies zeigt, dass Sprachen sich bisweilen des in ihnen vorkommenden lautlichen, gestischen oder graphischen Materials viel mehr als grammatische Mittel bedienen, als es nötig wäre, um als erfolgreiche Kommunikationsmittel zu dienen. Man könnte nun vermuten, dass das Material, das dafür verwendet wird, anzuzeigen, was womit in welcher BeziehungWas steht womit in welcher Beziehung? steht – zum Beispiel KasusKasus- und KongruenzmorphemeKongruenz –, sich in einer Sprache unabhängig von der Kommunikationsfunktion und unabhängig von menschlichen Zwecken entwickelt und nur für diese Funktion verwendet wird, weil es eben unbeabsichtigt entstanden ist, deshalb nun einmal da ist und, weil es da ist, wiederum interpretiert werden muss und mit einer nützlichen Funktion besetzt werden kann. Wie bereits gesagt, können wir die Interpretation von bestimmten Phänomenen nicht einfach unterlassen, und lautliches, gestisches oder graphisches Material scheint dazuzugehören. Ganz unabhängig können die Entstehung dieses Materials durch verstehensunabhängige UrsachenUrsachefür Sprachwandel und seine nachträgliche verstehensabhängige Funktionalisierung aber nicht voneinander sein, denn – so werde ich berichten – es scheint so etwas wie Obergrenzen von Mehrdeutigkeit zu geben, jenseits derer die Funktionalität der Sprache als Kommunikationsmittel gefährdet zu sein scheint.
Was steht womit in welcher Beziehung? Dies ist also nicht nur die zentrale Frage, vor der Sprachbenutzerinnen bei der automatischenAutomatismus und routinisiertenRoutine, Routinisierung Interpretation von sprachlichen Äußerungen stehen, seien sie grammatisch eindeutig oder mehrdeutig, sondern auch wir. Ich möchte detailliert herausarbeiten, welche Informationstypen bei der Interpretation sprachlicher Äußerungen herangezogen werden (können), in welcher Beziehung diese Informationstypen zueinander stehen, warum sie verfügbarHinweisverfügbar sind, zu welchem Grad sie in verschiedenen Sprach(stuf)eSprach(stuf)en herangezogen werden und ob beziehungsweise wie sich diese Heranziehung historisch verändert.
Kapitel 2 widmet sich zunächst detailliert der Frage, wie es überhaupt dazu kommt, dass Äußerungen eindeutigeindeutig sein können, um zu erklären, wie es zu mehrdeutigenmehrdeutig Äußerungen kommt. Sodann werde ich mittels einer historischen Korpusstudie nachweisen, dass es grammatisch mehrdeutige Äußerungen gibt und wie sie sich historisch entwickelt haben. Darauf aufbauend werde ich in Kapitel 3 die Hypothese immer weiter präzisieren, indem ich Kandidaten von Informationstypen diskutiere, die von Interpretinnen zum richtigen Verstehenverstehen mehrdeutiger Äußerungen herangezogen werden könnten. Anschließend werde ich in einem zweiten Auswertungsteil die Hypothese überprüfen. Im abschließenden Kapitel 4 werde ich eine anthropologische Skizze zeichnen, mit der ich die Resultate der Korpusstudie erklären und in einen weiteren als nur einen sprachwissenschaftlichen Kontext stellen möchteeindeutigmehrdeutig. Ich werde dafür argumentieren, dass wir grammatisch mehrdeutige Äußerungen erfolgreich interpretieren können, weil wir sie in wichtigen Aspekten auf die gleiche Weise wie andere, nichtsprachliche Ereignisse auch interpretieren. Grammatisch eindeutige Äußerungen sind insofern speziell, als sie uns sowohl effektiv daran hindern als auch bestärken können, bestimmte Interpretationen vorzunehmen. Aus einer engeren, philologisch-sprachwissenschaftlichen Perspektive ist es daher in gewissem Maß unnötig, die Verstehbarkeit sprachlicher Äußerungen auf sprachliche KonventionenKonvention zurückzuführen. Aus der weiteren Perspektive anderer mit dem Menschen befassten Wissenschaften ist dies sogar unplausibel. Was ich tun möchte, ist also, die Strukturlinguistik (wieder) mit anderen Wissenschaften vom Menschen ins Gespräch zu bringen. Dieses war abgebrochen, nachdem sich die Versprechungen einer grammatischen Tiefenstruktur nicht erfüllt hatten.4 Was ich über den anthropologischen Unterbau unserer Verstehensleistungen zu sagen haben werde, lässt sich auch so interpretieren: Unser leiblichesLeib In-der-Welt-Sein liefert der Grammatik und unserem Verstehenverstehen die Tiefenstruktur.
1.7 Das Korpus und die verwendeten BibelübersetzungenÜbersetzung
Die Untersuchung wird in allen Sprachstufen an den Kapiteln 26 und 27 des Matthäusevangeliums und den Kapiteln 18 und 19 des Johannesevangeliums erfolgen. (Für den althochdeutschen „TatianTatianalthochdeutscher“ verhält es sich ein wenig anders. Siehe dazu unten.) Hinter diesen Kapiteln verbergen sich zentrale Teile der Passionsgeschichte Jesu. Die Passionsgeschichte, so die Erwägung bei der Textauswahl, ist inhaltlich in besonderer Weise für die Analyse geeignet. Die (Teil-)Sätze, aus denen sich die genannten Kapitel zusammensetzen, sind nämlich wenig überraschend dadurch gekennzeichnet, dass darin viel erlitten wird, und wo viel erlitten wird, ist der Urheber des Leids nicht weit, sowohl wirklich als auch in der sprachlichen Vermittlung. Wir haben es also häufigHäufigkeitFrequenz mit semantisch transitiven Beziehungen zwischen eher agentivenAgens und eher patientivenPatiens Personen oder Gegenständen zu tun. In den hier untersuchten Sprachen werden solche Beziehungen grammatisch häufigFrequenz so strukturiert, dass sie zum einen innerhalb der Grenzen von (Teil-)Sätzen ausgedrückt werden und diese (Teil-)Sätze zum anderen eine Binnenstruktur aufweisen, die besonders anfällig für grammatische Mehrdeutigkeitmehrdeutig hinsichtlich der Frage ist, was womit in welcher Beziehung steht. Das sind (Teil-)Sätze dann, wenn, wie in unserem Beispiel (1) oben, zwei oder mehr Satzglieder für die syntaktische Funktion des jeweils anderen in Frage kommen. Die betreffenden Satzglieder können dann sowohl als AgensAgens (zum Beispiel Nehmer) als auch als Patiens (zum Beispiel Genommenes), möglicherweise sogar als RezipientRezipient (semantische Rolle) interpretiert werden.
Tabelle 1 gibt einen Überblick über die BibelübersetzungenÜbersetzung, die ich untersuchen werde. Ich möchte sie nun kurz charakterisieren und einige Aspekte diskutieren, die für die Untersuchung von Relevanz sind.
| Kurztitel | Sprach(stuf)e Sprach(stuf)e / Dialekt | Entstehungszeit | Übersetzer | Edition |
| (Ahd.) TatianTatianalthochdeutscher | AlthochdeutschAlthochdeutsch (Ostfränkisch) | 2. Viertel 9. Jhdt. | Team Fulda | Masser |
| EvangelienbuchEvangelienbuch des Matthias von Beheim | MittelhochdeutschMittelhochdeutsch (Mitteldeutsch) | 1343 | unbekannt | Bechstein |
| BibliaBiblia (1545) | FrühneuhochdeutschFrühneuhochdeutsch (Ostmitteldeutsch) | 1545 | Luther | |
| BibelBibel (1984) | Neuhochdeutsch | 1984 | Luther und EKD1 | |
| S Nöi TeschtamäntS Nöi Teschtamänt | NeuhochalemannischHochalemannisch (Zürichdeutsch) | 1997 | Emil Weber | |
| Dat Nie TestamentDat Nie Testament | NeunordniederdeutschNordniederdeutsch | 1933 | Johannes Jessen | |
| Wessex GospelsWessex Gospels | AltenglischAltenglisch (Westsächsisch) | ~ 1000 | unbekannter Ælfric | Liuzza |
| Wycliffe- BibelWycliffe-Bibel | MittelenglischMittelenglisch ([?Central] Midland) | zw. 1395 u. 1420 | Wycliffe, Purvey und Team | Forshall & Madden |
Tab. 1:
Die untersuchten Bibelübersetzungen
Methodische Fragen, etwa inwiefern diese Texte überhaupt für die Untersuchung geeignet sind, werde ich erst an späterer Stelle (Abschnitt 2.5) reflektieren, nachdem ich die grammatischen Mittel diskutiert habe, die von Interpretinnen herangezogen werden können, um zu bestimmen, was in sprachlichen Äußerungen womit in welcher Beziehung steht. Dadurch, dass die Einführung des Buchdrucks in die Mitte des 15. Jahrhunderts fiel, sind die davor entstandenen Bibelübersetzungen – der althochdeutsche „Tatian“, das mittelhochdeutsche „Evangelienbuch“, die altenglischen „Wessex Gospels“ und die mittelenglische Bibel aus dem Umfeld John Wycliffes, im Folgenden „Wycliffe-Bibel“ – handschriftlich überliefert. Für ihre Analyse bin ich daher auf den gedruckten Text angewiesen, den mir die jeweilige moderne Edition präsentiert, und dadurch mache ich mich auch von den jeweiligen editorischen Prinzipien abhängig.2 Je nachdem, welchen Prinzipien die Herausgeber dabei folgten, entfernt dies die edierten Texte, die ich analysieren werde, mehr oder weniger weit von den Handschriften, die ihnen zugrundeliegen. Das wird mich zwar nicht davon abhalten, die Texte dennoch hinsichtlich grammatischer Mehrdeutigkeit zu analysieren, aber in meinen Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen werde ich diesen Faktor berücksichtigen müssen.
Massers Textedition des althochdeutschen „TatianTatianalthochdeutscher“ basiert auf einer einzigen Handschrift mit der Signatur Cod. 56. Sie wird in St. Gallen aufbewahrt und ist wohl im zweiten Viertel des 9. Jahrhunderts im Skriptorium des Klosters Fulda entstanden. Sprachlich, und das heißt primär hinsichtlich des Lautstands, der über die Schrift erschlossen wurde, trägt dieses AlthochdeutschAlthochdeutsch das Gepräge des damaligen Kulturzentrums Fulda, dessen schriftliche Erzeugnisse konstitutiv für den ostfränkischen Dialektverband waren. Der althochdeutsche „Tatian“ unterscheidet sich in drei wesentlichen Punkten von den anderen Bibelübersetzungen, die ich verwenden werde. Zum einen enthält er zwar den kanonischen Text der Evangelien, aber in Form einer EvangelienharmonieEvangelienharmonie, bei der ein fortlaufender Text über das Leben Jesu aus Textinhalten aller vier Evangelien „harmonisch“ kompiliert wurde. Zum anderen hat er, da es sich trotzdem noch um eine Übersetzung handelt, auch keine Vorlage, in der die vier Evangelien gesondert vorkommen, sondern die Vorlage ist selbst schon eine Evangelienharmonie. Diese lateinische Evangelienharmonie war wohl wiederum eine von Victor von Capua im 6. Jahrhundert vorgenommene Bearbeitung des sogenannten „DiatessaronsTatianDiatessaron“, das dem Assyrer Tatian aus dem 2. Jahrhundert zugeschrieben wird. Victors Bearbeitung lag (und liegt) in Fulda vor. Drittens handelt es sich bei dem althochdeutschen „Tatian“ um eine Bilingue. Jede Seite der Handschrift besteht aus zwei Spalten, wobei die linke den lateinischen Text aus Victors von Capua Bearbeitung und die entsprechende Zeile in der rechten Spalte die diesem Text zeilengenau entsprechende althochdeutsche Übersetzung enthält.3 Dies setzt der Freiheit der Übersetzung schon enge konzeptionelle Grenzen: Vorgesehen war, dass ein Element in der lateinischen Zeile in der linken Spalte genau in der gleichen Zeile gegenüber in der rechten Spalte übersetzt steht und nicht schon in der vorangehenden oder erst in der folgenden Zeile, wie es ein Übersetzer vielleicht getan hätte, der keine Rücksicht auf den Zeilenumbruch hätte nehmen müssen. Ein lateinischer Ablativus absolutus, der oft nur aus zwei Wörtern besteht, ist dann kaum noch in genuines Althochdeutsch auflösbar, denn dafür wird meist ein ganzer Nebensatz gebraucht. Schon am Aufwand, der der äußeren Gestaltung der lateinischen und althochdeutschen Spalten zuteilwurde, lässt sich ersehen, dass dem lateinischen Text ein Vorrang an Wertschätzung zukam und dass der althochdeutsche Text ihm gegenüber eine bloß dienende Funktion besaß und das Verständnis des lateinischen Textes befördern konnte. Dagegen nimmt man an, dass eine unabhängige Rezeption des althochdeutschen Textes nicht vorgesehen war. Am Schriftstil lässt sich erkennen, dass mehrere Schreiber bei der Anfertigung der Bilingue beteiligt waren, aber daraus lässt sich nicht schließen, dass diese Schreiber die Passagen, die sie schrieben, auch übersetzten. Dies könnte auf Konzeptvorlagen auch durch andere Personen geschehen sein. Ob die Schreiber Übersetzern entsprechen, harrt noch der Klärung. In der Analyse wird dieser Faktor unberücksichtigt bleiben, zumal angenommen wird, dass die Übersetzer weitgehend mit der gleichen Strategie übersetzten.4 Masser hat die Spaltenorganisation mit der peniblen Konkordanz der lateinischen und althochdeutschen Spalten getreu in die Edition umgesetzt. Da durch die Abhängigkeit der althochdeutschen von der lateinischen Zeile dieser eine Bedeutung zukommt, werde ich Sprachbeispiele aus dem „Tatian“ so notieren, dass zwei Virgeln (//) Zeilenumbruch bedeuten, und ich werde grundsätzlich den lateinischen Text mit aufführen. Auch ansonsten ist die Edition Massers der Handschrift relativ treu. Die Interpunktion wurde nicht verändert, die Orthographie wurde nicht normalisiert. Die meisten Abkürzungen wurden allerdings aufgelöst. Im Bereich der Zusammen- und Getrenntschreibung wurden Derivations- und Kompositionsglieder gegen die Handschrift oft mit ihren Bezugselementen zusammengedruckt. Dagegen wurden manche Zusammenschreibungen, die auf Sprecheinheiten hinweisen, getrennt. Wie bei allen Handschriften, die ich analysieren werde, sind auch verschieden breite Leerräume zwischen graphischen Wörtern im Druck neutralisiert, obwohl ihnen möglicherweise gliedernde Funktion beim lauten Lesen zukam.5 Ich werde für die Textstellen Blatt und Zeile aus Massers Edition angeben, die Zählung der Sievers’schen Edition aber stets mit aufführen.
Auch „des Matthias von Beheim EvangelienbuchEvangelienbuch des Matthias von Beheim“, das von Bechstein herausgegeben wurde, basiert auf nur einer mittelalterlichen Handschrift, dem Ms. 34 aus der Universitätsbibliothek Leipzig. Das Werk entstand wohl in der unmittelbaren Zeit vor 1343 im Zisterzienserkloster St. Marien in Altenzelle bei Nossen und trägt sprachlich (ost)mitteldeutsches Gepräge. „Zu der byblien ist dise ubirtragunge in daz mittelste dutsch mit einualdigen slechtin worten uz gedruckit. zů glicheit des einvalidgen textes.“6 Was den Text der Evangelien betrifft, so enthält die Handschrift den „mitteldeutschenMittelhochdeutsch“ Text, nicht aber den der Vorlage, die sie möglichst genau wiedergeben will.7 Sowohl der Evangelientext als auch die Anwesenheit der ebenfalls übersetzten Vorreden des Hieronymus zeigen uns aber, dass die Vorlage aus der Vulgata-Tradition stammen muss. Dass die Vorlage lateinisch war, bezeugt auch der Text. „Dise dutunge des latines in daz dutsche ist gemachit. Mathie von beheim dem clusenere zů Halle.“8 Anders als der Titel suggeriert, entstand das „Evangelienbuch“ also auch nicht durch, sondern für den Haller Klausner Matthias von Beheim. Worin seine Funktion bestand, wissen wir nicht. Wahrscheinlich war an der Niederschrift nur ein Schreiber beteiligt. Die Übersetzung wird laut Bechstein über die vier Evangelien hinweg „besser“, das heißt sie reicht von anfänglich sklavischer Orientierung an der lateinischen Syntax vor allem in den Vorreden bis hin zur Anmutung als „deutsches Buch“ im Johannesevangelium.9 Anders als Bechstein angenommen hatte, steht das Werk nicht ohne Vorbild da. Es scheint sich passagenweise an einer EvangelienharmonieEvangelienharmonie orientiert zu haben, die über die Grenzen des deutschsprachigen Gebiets verbreitet war.10 Die übersetzungstechnisch „besseren“ Passagen könnten auch diesem Vorbild geschuldet sein. Bechsteins edierter Text unterscheidet sich äußerlich recht stark von dem der Handschrift. Für eine grammatische Analyse ist dabei primär die modifizierte Interpunktion von Relevanz, die Bechstein nach philologischer Manier des 19. Jahrhunderts nicht unangetastet lassen wollte. Meine Unterteilung in (Teil-)Sätze wird ihr aber weitgehend entsprechen.11 Schon die Handschrift weist fortlaufenden Text auf und es musste, anders als beim althochdeutschen „Tatian“, bei der Verteilung des Textes auf den verfügbaren Raum keine Rücksicht auf Blatt-, Zeilenenden oder Ähnliches genommen werden. Die Edition musste daher auch keine Rücksicht darauf nehmen und auch ich werde bei Sprachbeispielen aus dem „Evangelienbuch“ unberücksichtigt lassen, wie die entsprechende Stelle in der Handschrift über Zeilen und Blätter verteilt ist. Dies gilt, mit Ausnahme des „Tatian“, auch für alle weiteren Bibelübersetzungen.
Die altenglischenAltenglisch Evangelien sind in acht Handschriften überliefert, von denen sechs vollständig sind.12 Von diesen wurden zwei dem kentischen Dialekt des Altenglischen zugeordnet.13 Die Handschrift im Corpus Christi College Cambridge (CCCC) Nummer 140 ist wie die übrigen westsächsischer Provenienz. Daraus leitet sich die Bezeichnung westsächsische oder „Wessex GospelsWessex Gospels“ ab.14 CCCC 140 liegt als Text der Edition von Liuzza und damit auch meiner Analyse zugrunde.15 Die Evangelien in diesem Textzeugen stellen eine Abschrift dar, die wohl in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts angefertigt wurde und kurz danach in Bath aufbewahrt wurde. An der Abschrift waren vier Schreiber beteiligt (aber nicht unbedingt vier Übersetzer), deren jeder sich (fast)16 genau einem Evangelium gewidmet hat.17 Die Vorlage dieser Gospels wird, insbesondere was das Matthäusevangelium betrifft, der irisch-bretonischen Bibeltradition zugeordnet. Weniger deutlich zeigt sich eine solche Vorlage in den Evangelien Markus’ und Lukas’, am wenigsten im Johannesevangelium.18 Obwohl nichts über die Leserschaft des Werks bekannt ist, scheint es ein reges Interesse an seiner Verbreitung und Verwendung gegeben zu haben. Die Hinweise über seine Funktion sind aber „in quälender Weise mehrdeutig“.19 Ob es lediglich dazu diente, den vielen nicht lateinfirmen Geistlichen in einsamer Lektüre beim Verständnis der lateinischen Bibel zu helfen, ob es als pastoraler Schulungstext verwendet wurde oder gar in der Liturgie rezitiert wurde, – für all das gibt es Hinweise, aber keine, die unwidersprochen geblieben sind.20 Liuzza hat sich bemüht, möglichst wenig in den Text der Handschrift CCCC 140 einzugreifen. Die Interpunktion wurde belassen, Abkürzungen ausgeschrieben, Korrekturen auf Basis anderer Handschriften gekennzeichnet, Varianten aus anderen Handschriften angemerkt, mit Ausnahme „bloß“ orthographischer Varianten. Dass diese damit nicht mehr nachvollziehbar sind, obwohl sie auch von dialektologischem Interesse sein können, wurde dabei in Kauf genommen. Die Korrekturen werden in meine Analyse einfließen, die Varianten nicht. Auch das betrifft alle Editionen.
Die Wycliffe-BibelWycliffe-Bibel zu edieren ist eine undankbare Aufgabe, denn ihre Überlieferungsgeschichte ist unübersichtlich und unbewältigt. 250 Handschriften sind bekannt und es ist gewiss, dass viel mehr existier(t)en. Bekannt ist ebenfalls, dass John Wycliffe schon seit der Mitte des 14. Jahrhunderts Passagen der Bibel kommentiert und in diesem Zuge auch übersetzt hatte und dass diese Übersetzungen teilweise Eingang in eine frühere Version der mittelenglischenMittelenglisch Bibel fanden.21 Diese frühere Version war aber bereits das Werk mehrerer Beteiligter. Wie die meisten hier behandelten Texte ist die Wycliffe-Bibel das Produkt echter Projektarbeit. Es gab einen Projektleiter, den Theologen und Kirchenreformer Wycliffe, dem vor allem Konzeption und Verantwortung oblagen, und eine Schar Mitarbeiter, die sich um die Umsetzung, also vor allem das Übersetzen und das Schreiben kümmerte.22 Da dieses Unterfangen reformerischer Natur war, war es auch verboten.23 Das führte dazu, dass in den Handschriften keine Namen auftauchen, wodurch die Zuweisung von Arbeitsschritten zu Einzelpersonen kaum zu bewerkstelligen ist.24 Schon die bekannten frühen Versionen der Wycliffe-Bibel weisen in unterschiedlichem Grade Revisionsbemühungen auf, die zu einer späteren Version führten. Diese Bemühungen erstreckten sich über den Tod Wycliffes zur Jahreswende 1384/1385 hinaus und wurden von dessen Schüler John Purvey weiter vorangetrieben. (Es handelte sich um ein Projekt mit vielen Johns.) Die eher frühen Versionen zeichnen sich dabei eher durch eine „close, literal, and sometimes rather unpolished form“ aus, während die eher späteren „a little less literal, […] more smooth and flowing“ anmuten und „in more idiomatic and less laboured English“ verfasst sind.25 Obwohl reformerischen Charakters und dafür von der Orthodoxie verdammt, hatte die Wycliffe-Bibel für ein Werk vor dem Buchdruck doch beträchtliche Verbreitung. Sie reichte bis in aristokratische Laienkreise, die ein allgemeiner Prolog sogar anspricht.26 Zu dem Anspruch auf Breitenwirkung – zumindest in Bezug auf die spätere Version – passt, dass die Wycliffe-Bibel keinem mittelenglischen Dialektverband eindeutig zuordenbar ist. Vielmehr dominieren überregional geläufige Formen, die am ehesten dem Midland, vielleicht dem Central Midland entsprechen.27 Diese Varietät verlor am Ende des 15. Jahrhunderts ihre überregionale Bedeutung. Eine einheitliche lateinische Vorlage hat es nicht gegeben.28 Die zahlreichen Übersetzer hatten anscheinend verschiedene zur Hand und verwendeten diese auch. Ich werde mich auf die Edition von Forshall und Madden aus dem Jahr 1850 stützen. Diese Edition bietet den Text der früheren Version in der linken Spalte einer Seite, den Text der späteren Version rechts daneben, außerdem den allgemeinen Prolog. Die spätere Version in der Edition basiert auf der Handschrift MS 1 C VIII aus der Royal Library des British Museum. Sie entstand um die Wende zum 15. Jahrhundert und sie werde ich analysieren.29 Die Herausgeber zogen zahlreiche Handschriften zum Vergleich heran. Auch wenn ihr Verfahren nicht in allen Aspekten ganz transparent war, ist diese Edition immer noch diejenige, die zum Studium empfohlen wird, insbesondere, was unsere spätere Version betrifft.30
Während in England bis in Wycliffes und in Deutschland bis in Luthers Tage kaum eine Laiin mit englischer beziehungsweise deutscher Muttersprache einen Bibeltext in ihrer eigenen Sprache zu hören, geschweige denn zu lesen bekam – wenn sie denn lesen konnte –, änderte sich dies sowohl in England als auch in Deutschland infolge des Buchdrucks. Eine erste gedruckte englische Bibel erschien 1526 in der Übersetzung von Tyndale. Da dieser sich mit Luther gemein machte und seine Übersetzung nicht legal war, wurden nicht nur die Übersetzungsexemplare, sondern auch ihr geistiger Vater dem Feuer anheimgegeben. Eine von der – zu diesem Zeitpunkt dann anglikanischen – Kirche autorisierte englische Bibel erschien 1611 mit der „King James-Bibel“. In Deutschland verhalf dagegen eine Allianz aus Druckerkunst und politisch-territorial durchgesetzter Reformation der volkssprachlichen Bibel zum Durchbruch.31 Nun wurde die frühneuhochdeutscheFrühneuhochdeutsch „Biblia“ oder „Luther-Bibel“ gedruckt, vervielfältigt, verbreitet und ihr Besitz und Gebrauch waren juristisch-politisch gedeckt. Infolge der Reformation – und wohlgemerkt anders als zuvor – wurden Messen in reformierten Ländern bald auch in deutscher Sprache gehalten. Die katholische Kirche zog im Rahmen des Trienter Konzils diesbezüglich aber notgedrungen bald nach.
Ich werde keine jüngere englische Bibelübersetzung als die des Teams Wycliffe mehr analysieren. Die Untersuchung widmet sich der Frage, wie Leserinnen auch grammatisch mehrdeutige Äußerungen richtig verstehen können, wenn es um die Frage geht, was womit in welcher Beziehung steht. Die Entscheidung, nach der mittelenglischenMittelenglisch keine Bibel im modernen EnglischNeuenglisch mehr zu untersuchen, folgt der Erwägung, dass eine solche die Mehrdeutigkeiten, die uns interessieren, nicht mehr aufweisen wird. Es wird sich zeigen, dass dies im Deutschen anders ist.
Die Verbreitung der lutherischen, frühneuhochdeutschen BibelübersetzungBiblia (1545) erreichte ganz andere Dimensionen als die der mittelalterlichen Handschriften. Es wird davon ausgegangen, dass von 1522 bis 1546 „etwa eine halbe Million Luther-Bibeln im Umlauf waren.“32 Die beiden Daten geben den Zeitraum vom Erscheinen des Neuen Testaments, dann der Gesamtbibel 1534 und der Gesamtausgabe letzter Hand 1545 bis hin zu Luthers Tod an. Luther hatte zwar schon Anfang der 1520er Jahre das Neue TestamentNeues Testament aus den altgriechischen Originaltexten übersetzt, in den späteren Drucken aber Revisionen vorgenommen, die bis ins letzte Jahrhundert Bestand hatten. Die Tendenz dieser Revisionen war es, Luthers eigene ostmitteldeutsche, teilweise auch niederdeutschNordniederdeutsch geprägte Varianten dann, wenn sie eher landschaftlich begrenzt waren, durch großräumiger geläufige Varianten zu ersetzen, mit einer Orientierung ins Ostoberdeutsche.33 Das Ziel seiner Übersetzungen war, dass bei treuer, sinngemäßer Übersetzug und aller dialektalen Unterschiede alle Deutschsprecherinnen sie verstehen konnten,34 und zwar vollständig unabhängig von den aramäischen, hebräischen und griechischen Grundsprachen der Bibel sowie von Textversionen der mittelalterlichen lateinischen Tradition.35 Dieser theologisch-hermeneutischen Intention ordnete Luther alles Weitere unter.36 Das macht ihn aber nicht zum Wegbereiter oder gar zum Schöpfer unseres heutigen Deutschs.37 Grammatisch stand er weitgehend auf dem Boden seiner Zeit, teilweise sogar einer früheren, aber im funktionalen Einsatz seines Stils im Dienste sakraler Sprache war er ein wirkmächtiger Meister.38 Obwohl einer Einzelperson nicht die gestalterische Schöpfung einer Sprach(stuf)e zugerechnet werden kann, muss man aber dennoch berücksichtigen, dass Luthers Bibeldeutsch, auch wenn es nicht exklusiv das seine war, im Fahrwasser der Reformation an überregionaler Bedeutung gewinnen musste. Dabei war es vom Glück seiner sprachgeographischen Mittellage begünstigt. „Luther in Kiel oder in Konstanz hätte sich sprachlich schwergetan, wäre wahrscheinlich gescheitert.“39 Zur Analyse wird mir die Ausgabe letzter Hand dienen, in denen Luthers eigene Revisionen zu einem Ende gekommen sind.40
Auch wenn die 1545er Bibel und die späteren gedruckten Bibeln, die ich verwenden werde, keine historisch-kritischen Editionen sind, so erleichtert die Tatsache, dass die entsprechenden Übersetzungen schon für den Druck konzipiert waren, dass die Drucke – trotz Raubdrucken – von ihren Urhebern autorisiert waren und dass das Druckverfahren existierende Fehler oder Abweichungen eher tradiert statt neue zu produzieren, das Problem, das bei den Handschriften besteht: der Abstand zwischen Handschriftentext(en) und Editionstext und den Unwägbarkeiten, mit denen anonyme mittelalterliche Handschriften verbunden sind.
Die jüngeren weiteren Revisionen der Luther-Bibel obliegen seit dem Bestehen der Bundesrepublik offiziell der Evangelischen Kirche in Deutschland, die in unregelmäßigen Abständen (1956 beziehungsweise 1964, 1975, 1984 beziehungsweise 1999, 2017) eine Schar Leute daransetzt, Änderungen an der jeweils vorangegangenen Revision vorzunehmen, immer in Auseinandersetzung mit Luthers eigener Übersetzung, ihrer theologischen Bedeutung und aktuellen Veränderungen im Sprachgebrauch. Ich werde stellvertretend für die neuhochdeutscheNeuhochdeutsch Sprache die Revision von 1984Bibel (1984) analysieren.
Der Siegeszug der Luther-Bibel war auch der Siegeszug der überregionalen geschriebenen Sprache der Luther-Bibel. Selbst dort, wo ihre Verwendung aus theologisch-konfessionellen Gründen abgelehnt wurde, entstanden Bibelübersetzungen, denen diese überregionale Schriftsprache als Vorbild diente. Selbst in der Schweiz hielt im 17. und 18. Jahrhundert die SchriftnormSchriftnorm der deutschen Drucker Einzug, noch früher breitete sich diese Norm im niederdeutschen Raum aus. Die überregionale Schriftsprache gelangte mit den Bibelübersetzungen nicht nur in die Kirchen, sondern geriet bald auch als AussprachenormAussprachenorm in die höheren urbanen Gesellschaftsschichten und von dort weiter hinab in die anderen Gesellschaftsschichten (und später auch in die Schule). Sie ersetzte nicht die alten, lokal begrenzten Sprechweisen, sondern etablierte sich als situationsspezifisch gebrauchte Sprechweise neben den alten, lokalen Sprechweisen. Ab diesem Zeitpunkt, etwa um 1700 herum, entwickelten sich die kleinräumigen Dialekte auch in Auseinandersetzung mit der überregionalen Schrift- und Aussprachenorm weiter. Die Geschichte der deutschen Dialekte lässt sich auch als eine solche des Rückzugs des Dialekts aus Situationstypen erzählen.
Dieser kurze historische Abriss ist wichtig, um den Status der hochalemannischenHochalemannisch BibelS Nöi Teschtamänt von Emil Weber (1997) und der nordniederdeutschenNordniederdeutsch (schleswigischenDat Nie Testament) Bibel von Johannes Jessen ([1933] 2006) besser einschätzen zu können. Es führt keine Traditionslinie von den regional geprägten Bibelübersetzungen des Mittelalters zu diesen beiden Dialektbibeln des 20. Jahrhunderts. Dazwischen ist die neuhochdeutsche Standardsprache geraten, die den Dialekt nicht nur aus vielen Lebensbereichen verdrängt hat, sondern ihn auch gar nicht erst in der Kirche hat heimisch werden lassen. Hinzu kommt, dass die reformierten Kirchen durchaus auch ihre schützende Hand über ihre jeweiligen Bibelübersetzungen halten und ein Interesse an einer autorisierten Bibelversion haben. Dass diese keine dialektale sein kann, versteht sich von selbst. Solche Dialektübersetzungen sind am ehesten als Reaktion auf die Dominanz der deutschen Standardsprache im religiösen Bereich zu werten. Die neuhochdeutsche Standardsprache ist für die meisten Deutschschweizer und war noch vor hundert Jahren für die Niederdeutschen die erste Fremdsprache. Religiöse Gefühle gehören zum Ureigenen vieler Menschen und sie durch eine Sprache vermittelt zu bekommen, die primär die von jemand anderem ist, muss als Mangel empfunden werden. Emil Weber sagt es selbst:
Ali Zürcher chönd sie ja uf Hoochtüütsch läse, zum Biischpil i de nöie Zürcher Übersetzig. Aber vilicht isch grad drum d Bible vilne frönd plibe. S Hoochtüütschi isch ebe e Fröndspraach für öis. […] Wänn s stimmt, das d Büecher vom Nöie Teschtamänt für s Hèèrz gschribe sind, dänn mues es au e züritüütschi Übesetzig gèè.41
Diesen beiden Bibeln ist daher auch keine große öffentliche Wirkung beschieden. Sie dienen vielmehr der privaten Erbauung. „Dat Nie TestamentDat Nie Testament“ von Jessen ist eine relativ freie Übersetzung, deren Stil als „Hartslag“ bezeichnet wird. Sowohl Weber als auch Jessen haben aus dem Griechischen übersetzt.
Die Kurzcharakterisierungen der Bibelübersetzungen beziehungsweise -editionen sollte zumindest andeuten, dass sie jeweils unter sehr verschiedenen kulturhistorischen, theologie- und kirchengeschichtlichen, sprachhistorischen und editionstheoretischen Umständen entstanden sind. Wenn wir uns vor diesem Hintergrund und vor dem Hintergrund unserer Fragestellung für jede Übersetzung so etwas wie eine generalisierte Leserin vorstellen, an der wir InterpretationsautomatismenAutomatismus und ‑routinenRoutine, Routinisierung durchspielen, die für alle Texte gelten sollen, dann ist es klar, dass wir von den meisten dieser variablen Umstände absehen müssen, um überhaupt vergleichen zu können. Die wichtigsten beiden Faktoren haben wir dabei noch nicht ausreichend berücksichtigt. Es ist der Charakter der Übersetzung selbst und die Bedingungen ihrer Rezeption. Die Übersetzung ist geprägt von den ideellen Auffassungen, die die Übersetzer von der Quellsprache der Vorlage und der Zielsprache des jeweiligen Übersetzungstextes hatten. Davon ist ebenfalls abhängig, wie sie gelesen wurde und wird. Und wie eine Bibelübersetzung gelesen wurde und wird, ist schließlich davon abhängig, wie zu einer bestimmten Zeit generell gelesen wurde. In Bezug auf diese Faktoren stehen unsere Bibelübersetzungen unter ganz verschiedenen Vorzeichen. Welche das genau sind und wie mit ihren Konsequenzen zu verfahren ist, soll aber erst erörtert werden, wenn deutlich geworden ist, was es für sprachliche Äußerungen bedeutet, grammatisch eindeutigeindeutig und grammatisch mehrdeutigmehrdeutig zu sein.42
2 Leistungen und Grenzen der sprachlichen Eigenstruktur
[A] particular utterance can have many different meanings in different situations and one and the same impression can be produced by many different utterances. Nevertheless, the hearer has the feeling of being directly in the presence of anger or other feelings of [the] o[ther person], and it would be hard to find a difference between this feeling of presence and the feeling of being in the presence of directly, visually seen objects. There certainly does not have to intervene a ‘judgment’ or an ‘inference’ just because meanings are essential data in the perceptual process.
(Heider, The psychology of interpersonal relations, S. 47)
Das Ziel dieses Großkapitels wird es sein, nachzuweisen, dass Leserinnen unserer neutestamentlichen Kapitel es mit grammatisch mehrdeutigenmehrdeutig Sätzen zu tun bekommen. Und wenn wir verstehenverstehen möchten, wie mehrdeutige sprachliche Äußerungen verstanden werden können, müssen wir zunächst einmal klären, wie es dazu kommt, dass sprachliche Äußerungen für Leserinnen anscheinend eindeutigeindeutig sein können. Die Natur der Mittel, mit denen die Ausdeutbarkeit von sprachlichen Äußerungen eingeschränkt werden kann, ist das Thema von Abschnitt 2.1. Welche Mittel dies konkret sind und welche Leistungen sie für die Interpretation erbringen können, werde ich in Abschnitt 2.2 illustrieren. In Abschnitt 2.3 werden wir sehen, wie Mehrdeutigkeit daraus resultiert, dass diese Mittel in der Interpretation nicht zur Verfügung stehen oder nicht genutzt werden. In Abschnitt 2.4 wird es dann darum gehen, wie sich diese Mittel den Lehrmeinungen zufolge zueinander verhalten. Die Abschnitte 2.5 bis 2.7 werden dann die Korpusuntersuchung vorbereiten, indem sie die Fragen behandeln, wie wir mit den historisch bedingten unterschiedlichen Übersetzungsstilen umgehen werden, wie wir die Übersetzungen auf einen gemeinsamen erkenntnistheoretischen Nenner bringen können und welche Rolle eine möglicherweise stille ProsodieProsodie als weiteres sprachliches Mittel spielen könnte. Im letzten Abschnitt 2.8 folgt der Korpusanalyse erster Teil.
2.1 Sprachliche KonventionenKonvention und Verstehenverstehen
2.1.1 Vom Privaten zum Öffentlichen
Wir verwenden Sprache nicht nur, um uns gegenseitig das Neue Testament zu übersetzen, sondern auch dazu, einander über alles Mögliche zu informieren, einander aufzufordern, etwas zu tun, Gefühle und Einstellungen miteinander zu teilen, Kontakt untereinander zu organisieren, uns zu verfluchen, zu dichten, zu beten und zu beschwören. Einige Philosophen verstehen auch das Denken – hier zu unterscheiden vom WahrnehmenWahrnehmung, VorstellenVorstellung, Erinnern und Fühlen – als sprachliche Aktivität, also als so etwas wie simuliertes Sprechen. Die meisten dieser Aktivitäten sind solche, die zwischen zwei oder mehr Interaktionspartnern stattfinden. Selbst die Dichterin, Denkerin und Tagebuchschreiberin übernimmt mindestens zwei Rollen, die der Sprachproduzentin und die der Interpretin des eigenen (simulierten) Sprechens oder Schreibens. Sie kann sich sogar durch die Mehrdeutigkeit ihrer eigenen Äußerungen selbst täuschen oder an ihr Misserfolge erleben. Auch beim Beten und Beschwören wird ein Gegenüber, ob personhaft oder nicht, vorgestellt. Um diese interaktiven Funktionen zu erfüllen, müssen sprachliche Äußerungen eine wesentliche Eigenschaft aufweisen, die man als funktionales Universal bezeichnen könnte: Sie müssen regelmäßig erfolgreich interpretierbar hinsichtlich der Frage sein, was womit inWas steht womit in welcher Beziehung? welcher Beziehung steht. Dass dies keine triviale Leistung ist, soll einmal mehr an unserem Satz aus Johannes 19, 27 demonstriert werden, aber diesmal an der neuhochdeutschen Neuen Genfer Bibelübersetzung. Dort lautet er folgendermaßen:

Zu Illustrationszwecken möchte ich diesmal davon ausgehen, dass der Schreiber das Ereignis, das dieser Äußerung zugrunde liegt, selbst wahrgenommenWahrnehmung und als bestimmtes Ereignis erkannt habe und es ihm nicht bereits sprachlich vermittelt worden sei. Wir können dann sagen, dass der Schreiber in Bezug auf dieses Ereignis eine für ihn bestimmte, komplexe Vorstellung erwarb; bestimmt, was die Zeit des Ereignisses (Vergangenheit relativ zum Zeitpunkt der Niederschrift), den Beginn des Ereignisses (ab dem Zeitpunkt von Jesu Erklärung), den Jünger, Jesus, die Mutter und etwa die Heimstatt des Jüngers betrifft; bestimmt auch dahingehend, dass der Jünger der Nehmer und die Mutter die Genommene war und die Bewegung des Nehmens auf den Jünger (beziehungsweise seine Heimstatt) gerichtet war; bestimmt möglicherweise auch darin, wie es dort roch, wie sich die Beteiligten fühlten, wie Jesus litt, welche Farbe der Himmel hatte, welches Material die Kleider der Beteiligten hatten, welche Frisuren sie trugen, wie der Weg beschaffen war, auf welchem Weg sie zur Heimstatt des Jüngers gelangten und so weiter. Dabei ist zu beachten, dass dies bereits eine normenNorm-, konventionenKonvention- und durch die „-enz-enz-Faktoren“-Faktoren gefilterteFilter Deutung des Ereignisses ist. (Streng genommen bringt die Deutung das Ereignis als solches erst hervor.) Ihre Bestimmtheit in Bezug auf die darin vorkommenden Gegenstände, ihre Beziehungen zueinander, ihre phänomenalen QualitätenPhänomenqualitäten undPhänomenqualitätenBedeutsamkeit ihre Wirklichkeit besitzt sie auf Kosten anderer möglicher Bestimmungen. Auf die übergeordnete W-FrageW-Fragen WasWas kann ich tun? kann ich (jetzt) tun? mag eine spätere Antwort des Schreibers gewesen sein, denen davon berichten zu wollen, die es noch nicht erfahren haben.
VorstellungenVorstellung sind wie alle mentalen Vorgänge aber privat, das heißt nur derjenige, der sich etwas vorstellt, weiß auch, was er sich vorstellt. Daher war der Schreiber darauf angewiesen, seine Vorstellung auf irgendeine Art zugänglich zu machen. Kopieren und Einfügen waren und sind dabei auf absehbare Zeit keine realistischen Optionen. Der einzig mögliche Weg ist, etwas wahrnehmbarWahrnehmung zu machen, indem man es entäußert. Dadurch wird es öffentlich.
2.1.2 Öffentlichkeit und sprachliche Konventionen
Im ersten Kapitel hatten wir gesehen, dass unter Beachtung der Konventionen einer Sprache die Ausdeutbarkeit einer Äußerung engen Grenzen unterliegt und dass dies zu den Eigenschaften gehört, die Sprache zu einem praktisch erfolgreichen Kommunikationsmittel machen. Ich möchte nun die Frage diskutieren, wie wir dieses Konventionalisierte im Sprachgebrauch besser fassen können. Denn wenn unser Schreiber etwas von seiner Vorstellung dadurch kommunizieren möchte, dass er vokalisch, manuell oder graphisch Erzeugtes öffentlich wahrnehmbar macht, sind diese Erzeugnisse ohne Konventionen nahezu beliebig ausdeutbar, wie wir gesehen haben.
Zunächst einmal möchte ich klarstellen, dass unter Konvention nicht eine Übereinkunft in dem Sinne verstanden werden kann, dass eine Gruppe von Menschen sich darüber einigt, welche Regeln künftig für ihr kommunikatives Miteinander gelten sollen, denn wie sollte man sich über etwas einigen, ohne dass bereits Konventionen bestünden, die eine solche Einigung ermöglichten? Plausibler erscheint, dass die Entstehung und Fortentwicklung des Kommunikationsmittels Sprache durch unzählige Zyklen aus Variation (vielfältiges Ausprobieren), Selektion (Weiterverwendung des Erfolgreichen) und Reproduktion (Weitergabe beziehungsweise Übernahme des Bewährten) zwischen Menschen innerhalb von Gruppen und zwischen Gruppen gekennzeichnet sind, die sich über Lebzeiten und Generationen hinweg erstrecken. Mit ihren jeweiligen kognitiven und physischen Fähigkeiten versuchen Menschen, auf vielfältige Weise mit bestimmten vokalischen oder manuellen Gesten ihre Vorstellungen zu gemeinsamen Vorstellungen zu machen.1 Sie verwenden solche Gesten weiter, die sich dabei in der gemeinsamen Praxis als erfolgreicher erweisen als andere, und geben sie im Rahmen der Kultur einander und an nachfolgende Generationen weiter. Diese wiederum übernehmen die bewährten sprachlichen Praktiken, verändern sie dabei aber, indem sie neue Gesten ausprobieren, praktisch bewährte auf Kosten anderer weiterverwenden, übernommene Gesten enger oder weiter gebrauchen, die Gestalt der Gesten verändern und so weiter.2 Aus diesem kumulativen Zyklus aus Versuch und (Miss-)Erfolg, aus dem immer Mittel weiterverwendet werden, die sich als praktisch erfolgreich erwiesen haben, kann durch zunehmende Ausdifferenzierung des Gesteninventars und ihrer Funktionen schließlich das entstehen, was wir heute als natürliche Sprachen kennen.3 Dafür ist keine metasprachliche Einigung darüber nötig, welche Ausdrucksmittel zu gebrauchen sind und welche nicht. Die Konventionen kommen mit dem Gebrauch. Sie beruhen wesentlich auf dem öffentlichen Charakter des Kommunikationsmittels und bilden sich in der Interaktion heraus. Dass alle Mitglieder einer Sprachgemeinschaft eine Konvention befolgen, ist dabei in der Regel nicht das geplante oder planbare Resultat der Sprecherin, die sie eingeführt hat, sondern meistens eine Folge davon, dass eine hinreichende Menge anderer Sprachbenutzerinnen sie, ob bewusst oder unbewusst, übernimmt. Konventionen sind nicht als Regelwerke verfügbar, in denen expliziert wäre, was erlaubt und was nicht erlaubt ist. Für unsere Interpretin haben sie den Charakter eines positiven Know-hows: Sie verfügt über die Fertigkeit, physische und kognitive Aktivitäten gelungen und erfolgreich ausführen, oft in routinisierterRoutine, Routinisierung oder gar automatisierterAutomatismus Weise. Dieses Know-howKnow-how ist scharf von einem Know-that zu unterscheiden, das ein explizierbares Wissen darüber umfasst, wie diese Aktivitäten analysierbar sind und wie nicht, und darüber, was die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für ihr Gelingen und ihren Erfolg sind.4 Für das Know-how, das unsere Interpretin bei ihren tagtäglichen Verrichtungen demonstriert, zu denen auch Sprechen, Schreiben, Hör- und Leseverstehen gehören, bedarf sie des Know-thats nicht. Das gilt es auch zu bedenken, wenn ich im Folgenden davon spreche, dass eine Interpretin Grammatisches „kennt“ oder „weiß“.
2.1.3 Die Zwänge der Öffentlichkeit: TreuTreue (vs. Sparsamkeit)e und SparsamkeitSparsamkeit (vs. Treue)
Von Anfang an begleitet diesen Zyklus aus Versuch und (Miss-)Erfolg aber auch ein Kompromiss aus dem Wünschenswerten und dem Machbaren. Wünschenswert wäre beispielsweise die Möglichkeit, bestimmte Vorstellungen – dieser konkrete Jünger, diese konkrete Frau, vielleicht auch das ganze konkrete Ereignis in seiner phänomenalen FülleWahrnehmungPhänomenqualitäten1 – mit bestimmten, nur für diese konkreten Gegenstände oder dieses Ereignis verwendbaren Gesten sozusagen vorstellungsgetreu auszudrücken und für andere konkrete Jünger, Frauen oder Ereignisse ebenso treu jeweils andere Ausdrücke zu verwenden. Obwohl dies nicht einmal der radikalste mögliche Wunsch im Sinne der Treue ist, mag selbst er, wenn überhaupt, nur so lange praktizierbar sein, wie die Miniaturwelt, in der so kommuniziert wird, klein genug ist und der Kreis, mit dem so kommuniziert wird, dieser Miniaturwelt angehört. Er wird sehr schnell an Grenzen stoßen. Diese Grenzen betreffen einerseits die geringen Erfolgsaussichten, die die verfügbaren Ausdrucksmittel besitzen, sobald nicht mehr alle Sprecher über den gleichen Erfahrungsschatz verfügen, und andererseits die kognitive Beherrschbarkeit der Ausdrucksmittel, sobald die Zahl der Gegenstände oder Ereignisse des gleichen Typs, aber auch unterschiedlichen Typs, zu hoch wird. Solche Erfordernisse der Sparsamkeit erzeugen bei Menschen einen Selektionsdruck auf solche Ausdrucksmittel, die in ihrer Bestimmtheit in gewissem Maße untreu gegenüber den bestimmten Vorstellungen sind, zu deren Ausdruck sie dienen, aber immer noch treu genug, um den Interaktionserfolg sicherzustellen.
Ein zentraler Aspekt dieser Untreue im Dienste der Sparsamkeit ist auch, für alle möglichen Beziehungen zwischen allen möglichen Dingen (WasWas steht womit in welcher Beziehung? steht womit in welcher Beziehung?) ein begrenztes Inventar an Ausdrucksmustern zu entwickeln. Gestern wies der Präsident alle Anschuldigungen von sich mag hinsichtlich des Vorstellungsinhalts wenig mit unserer Äußerung in (4) gemeinsam haben, aber die Ausdrucksmuster können als sehr ähnlich oder sogar identisch beschrieben werden, wenn wir von der jeweiligen Bestimmung des Was?, Womit? und Welche Beziehung? absehen. In dem langen Prozess der Konventionalisierung einer Sprache setzt die Herausbildung eines solchen begrenzten Inventars an routinisierten Ausdrucksmustern der Kreativität ihrer Sprecher zunehmend Grenzen. Dadurch entsteht in der Sprache so etwas wie eine Eigenstruktur in einem Bereich zwischen dem Privaten der individuellen Vorstellungswelt und dem Öffentlichen, Überindividuellen des Kommunikationsmittels Sprache.2 Die Eigenstruktur ist nämlich einerseits niemals völlig unabhängig vom VorstellungslebenVorstellungsleben der Sprecher. Die beiden Äußerungen weisen, wenn wir vom Konkreten der Vorstellungen absehen, jeweils eine AgensAgens-Handlung-PatiensPatiens-Pfad-LokationLokation-Konfiguration auf, was dem Treuezwang Genüge tut; andererseits kann nicht (mehr) jede Konfiguration von Vorstellungsinhalten so kreativ ausgedrückt werden, dass ständig neue Ausdrucksmuster entstünden, die zu RoutinenRoutine, Routinisierung neben anderen Routinen führen würden – jemanden zu sich zu nehmen und Vorwürfe von sich zu weisen unterscheiden sich in der Ausgestaltung der obigen Konfiguration nämlich recht stark. Die Sprecher einer Sprache sind stattdessen gezwungen, das meiste vorstellungsmäßig Neue analogisch mit einer geschlossenen Klasse an überkommenen Mitteln auszudrücken. Diese Konventionen erstrecken sich irgendwann auf die meisten Aspekte der Formgebung auf verschiedenen Ebenen der Sprache und sind so eng aneinandergeknüpft, dass jede Innovation, die dann doch einmal von anderen Sprechern übernommen wird, das strapazierte Gleichgewicht aus Treue und Sparsamkeit stören und Modifikationen in den überkommenen Mitteln erzwingen kann, damit dieses Gleichgewicht im Dienste der Funktionalität und Beherrschbarkeit der Sprache wieder hergestellt wird.
Von allen Kommunikationsformen, die wir kennen, ist Sprache in Bezug auf Treue und Sparsamkeit die effektivste, zu der Menschen fähig sind, und das heißt, diejenige mit dem besten realisierbaren Verhältnis von Anwendungsbreite, Aufwand (Sparsamkeit, Beherrschbarkeit), Eindeutigkeiteindeutig (Treue), Übertragungsrate und Erfolgsaussichten. Der Schreiber der Äußerung in (4) und seine RezipientinnenRezipientin (kommunikative Rolle) sind räumlich und zeitlich voneinander getrennt. Er kann daher nicht einfach auf das Ereignis zeigen, damit sie es ebenfalls in seiner phänomenalen Fülle wahrnehmenWahrnehmung und deuten können, was hinsichtlich des Aufwands, der Eindeutigkeit, Übertragungsrate und der Erfolgsaussichten vielleicht effektiver sein könnte – unter der Voraussetzung, dass die Rezipientinnen das Ereignis vor einem vergleichbaren Horizont von NormenNorm, KonventionenKonvention und PertinenzenPertinenz deuteten. Ohne diesen gemeinsamen Horizont hätte der Schreiber es mit der Zeigegeste den Rezipientinnen selbst überlassen, die pertinenten Aspekte der gesamten Szene auszusondern, was bei ihnen ziemlich sicher zu anderen Antworten auf ihre W-FragenW-Fragen geführt hätte als bei ihm. Er verwendete also den (geschriebenen) sprachlichen Ausdruck, dessen Anwendungsbreite auch die räumliche und zeitliche Trennung zwischen Schreiber und RezipientinnenRezipientin (kommunikative Rolle) überbrückt. Eine Konsequenz dieser Anwendungsbreite ist, dass die Übertragungsrate viel geringer ist. In derselben Zeit, die eine Zeigegeste benötigt, können viel weniger Vorstellungen mitsamt ihren phänomenalen QualitätenPhänomenqualitäten sprachlich kommuniziert werden. Dadurch war der Schreiber gezwungen, das vor seinem Deutungshorizont bereits gedeutete Ereignis zum Zweck der sprachlichen Kommunikation nochmals hinsichtlich seiner – nun kommunikativ – pertinenten Aspekte zu verschlanken, denn nicht alle Aspekte seiner Vorstellung waren ihm bei dem gebotenen Aufwand gleich mitteilenswert (und für die Rezipientinnen gleich bemerkenswert). So geht auf dem Weg von der privaten, aber bestimmten Vorstellung des Ereignisses mitsamt seiner phänomenalen Fülle zu der öffentlich wahrnehmbaren und deutbaren Äußerung in (4) vieles dieser Bestimmtheit mitsamt den phänomenalen Qualitäten verloren.
2.1.4 Die Zwänge der Öffentlichkeit: symbolischeDependenzsymbolische Auslagerung Auslagerungensymbolische Auslagerung
Ich gehe aus methodischen Gründen davon aus, dass das, was die Interpretin zu ihrer interpretativen Aufgabe mitbringt, zunächst nicht mehr ist als ein genetisch ererbtesererbt (vs. erworben) und im Lebensvollzug ausgeprägteserworben (vs. ererbt) Know-howKnow-how zur Unterscheidung zwischen Dingen/Gegenständen auf der einen und Eventualitäten auf der anderen Seite. Eventualitäten sind Zustände wie das Blausein eines Buches, Prozesse wie das Erkalten des Bodens, Aktivitäten wie das Singen des Vaters oder das Lächeln der Mutter, oder Kombinationen aus diesen wie das Ereignis des Aufgießens von Earl Grey. Dieses beinhaltet beispielsweise die Aktivitäten des Hebens, Neigens, Gießens und den Prozess des Fließens. Bei dieser Charakterisierung von Eventualitäten ist bereits zu erkennen, dass Eventualitäten streng genommen nichts von den Dingen Unterschiedenes, nichts neben den Dingen sind, sondern diesen zugesprochen werden, um sie zu bestimmen. Die Interpretin kann aber weder auf das Blaue zeigen, ohne gleichzeitig auf das Buch zu zeigen, noch kann sie sich ein Singen vorstellenVorstellung, ohne sich jemanden vorzustellen, der singt. Das Blausein manifestiert sich für sie am Buch und das Singen am Vater, ohne etwas von dem jeweiligen Gegenstand Verschiedenes zu sein. Der Zustand des Blauseins und die Aktivität des Singens sind Bestimmungen, die sie an den Gegenständen vornimmt. Aus der übergeordneten Perspektive der Deutung von Eventualitäten hat unsere Interpretin, so wie wir alle, gute Karten, ihr Wohlergehen zu sichern, wenn sie beispielsweise in der Lage ist, Gegenstände als Steine zu erkennen und einen Prozess, in dem die Steine involviert sind, als ein auf-sie-zu-Fliegen.
Wenn der Schreiber nun auf konventionelle Weise spricht oder schreibt und dabei an die Eigenstruktur der Sprache gebunden ist, kann die Interpretin aber nicht davon ausgehen, dass diese Eigenstruktur in einem einfachen Verhältnis zu ihrem vorsprachlichen Umgang mit Dingen und Eventualitäten steht. Die sprachliche Eigenstruktur weist ihre eigenen Einteilungsschablonen auf, die sie den Vorstellungen bisweilen aufdrücken muss. Man sagt beispielsweise die Aufmerksamkeit auf etwas richten und die Aufmerksamkeit verlieren, als ob über einen Gegenstand geredet würde – die Aufmerksamkeit –, aber man käme sehr schnell in Verlegenheit, wenn man auf ihn zeigen sollte.
Der Schreiber von (4) hat zwei Gegenstände wahrgenommen und sie anschließend als Jünger beziehungsweise Mutter Jesu bestimmt, und er hat zwischen den beiden eine Eventualität des zu-sich-Nehmens erkannt. Aber diese vorsprachliche Tatsache hat zunächst keine zwingenden Konsequenzen für seine Äußerung. Sie zwingt ihn nicht, die als Jünger beziehungsweise Mutter bestimmten Gegenstände mit Substantiven und die Eventualität mit einem Verb und einer Präposition auszudrücken, wie deutsche Muttersprachlerinnen dies vielleicht als natürlich empfinden würden. Wir könnten uns nämlich sehr gut unabgeleitete Verben wie jüngern, muttern und jesussen oder unabgeleitete Adjektive wie jünger (hier nicht als komparativ zu jung), mutter und jesus vorstellen, die so etwas bedeuten würden wie ‚tun, was ein Jünger/eine Mutter/Jesus tut‘ beziehungsweise ‚jünger-/mutter-/jesushaft‘ und wir könnten uns ein unabgeleitetes Substantiv Nehm vorstellen, das ‚jemanden, der nimmt‘ bezeichnet. Nur gibt es diese Möglichkeiten im Dudendeutschen nicht. Das normierte Standarddeutsche weist hier lexikalische Lücken auf. Aber es könnte diese Möglichkeiten geben, wie es Spitze, spitzen und spitz gibt. Abseits vom Dudendeutschen wird beispielsweise tatsächlich das Verb muttern verwendet und in der Sprache der Yuma werden Verwandtschaftsbeziehungen generell durch Verben ausgedrückt.1
Der Schreiber war also nicht gezwungen, der Jünger … nahm zu schreiben, es wären auch der Nehmer jüngerte oder Ähnliches denkbar gewesen. Seine Sprache erlaubt ihm, eine Bestimmung des Gegenstandes (Jüngersein) in das Substantiv einzulagern (Jünger), eine andere in das Verb und die Präposition (nehmen … zu) und eine dritte in das Adjektiv auszulagern (zum Beispiel langfüßig). Bei aller hypothetischen Unbeschränktheit ist aber auffällig, dass die Sprachen der Welt nicht zufällig darin variieren, welche Bestimmungen von Gegenständen sie in welche Wortartensyntaktische KategorieWortartWortart ein- oder auslagern. Darin ähneln sie sich sogar weitgehend.2 Ich möchte jede einzelne dieser Bestimmungen als eine konventionalisierte AspektvereinseitigungAspektvereinseitigung des betreffenden Gegenstandes auf Kosten anderer möglicher Aspektvereinseitigungen charakterisieren. Ein Gegenstand, dem das Jüngersein zugesprochen wird, ist niemals nur ein Jünger und sonst nichts, und wenn ihm außerdem zugeschrieben wird, dass er etwas nimmt, tut er immer auch etwas anderes als zu nehmen. Wir können aber möglicherweise sagen, dass ihm das Jüngersein länger zukommt und für uns eher als ein konstantes Unterscheidungsmerkmal dienen kann als sein Nehmen. Raumzeitlich konstante Eigenschaften wie Menschsein, Steinsein, Baumsein, Telefonsein, Jüngersein, Muttersein oder Jesussein, die für uns pertinentePertinenz Kriterien für die Unterscheidbarkeit, Erkennbarkeit und Handhabbarkeit von Gegenständen sind, finden wir eher in (unabgeleitete) Substantive eingelagert, während wir dynamische, variable Bestimmungen, die einem Gegenstand bald zukommen, bald nicht zukommen, wie zu greifen, zuzuhören, betrunken zu sein oder etwas zu nehmen, eher in (unabgeleitete) Verben ausgelagert finden.
Der Begriff der Auslagerung bedarf vielleicht einer Erläuterung. Während in der bestimmten VorstellungVorstellung eine Eventualität nichts von dem Gegenstand Verschiedenes ist, an dem sie sich manifestiert, müssen im sprachlichen Ausdruck manche Eventualitäten symbolisch in den Gegenstand ein- beziehungsweise aus dem Gegenstand ausgelagert werden, so wie das Jüngersein im Substantiv eingelagert und das Nehmen in das Verb ausgelagert ist. Wir bekommen neben Jünger (und Mutter) auch noch nahm.
Diese Notwendigkeit zur symbolischen Auslagerung ist einer der Kompromisse aus TreueTreue (vs. Sparsamkeit) und SparsamkeitSparsamkeit (vs. Treue), die die menschliche Sprache kennzeichnen und die zu durchschauen zum grundlegendsten sprachlichen Know-howKnow-how gehört. Denn was wäre die Alternative zu einer solchen symbolischen Auslagerung? Wir bräuchten einen Ausdruck, der die Einheit aus Gegenstand und Eventualität treu abbildet, aber so, dass er von anderen Ausdrücken für andere Gegenstände und deren Eventualitäten unterscheidbar wäre. Mit anderen Worten, wir bräuchten einen holistischen, das heißt in seiner Binnenstruktur ungegliederten Ausdruck für einen springenden Jünger, einen (völlig) anderen Ausdruck für einen sich duckenden Jünger, wieder einen (völlig) anderen für einen nehmenden Jünger, ja sogar für einen die Mutter Jesu nehmenden Jünger und so weiter. Und der Ausdruck für eine springende Mutter wäre natürlich ein (völlig) anderer als der für einen springenden Jünger. Es ist leicht einzusehen, dass sich ein solches kommunikatives Verkehrsmittel niemals durchsetzen könnte, aus dem einfachen Grund, dass es angesichts der erforderlichen Anwendungsbreite für Menschen kaum lernbar sein dürfte. Was wir tatsächlich haben, ist ein kommunikatives Verkehrsmittel, in dem Aspekte von Vorstellungen aus diesen Vorstellungen symbolisch ausgelagert werden. Wir erhalten ein trennbares sprachliches Nebeneinander, wo wir ein untrennbares Ineinander in der Vorstellung haben. Das führt nun aber zu einer bedeutenden Asymmetrie im sprachlichen Ausdruck: Für die VorstellungVorstellung von Eventualitäten auf der Basis von sprachlichen Ausdrücken ist es nötig, sich die Dinge, an denen sie sich manifestieren, mit vorzustellen, während es umgekehrt möglich ist, sich Dinge in so etwas wie einer Null-Eventualität vorzustellen, die meistens dem Ruhezustand entspricht. Das heißt, die Leserin muss sich, um sich auf der Basis von nahm eine Beziehung des Nehmens vorstellen zu können, etwas vorstellen, an dem sich das Nehmen manifestiert. Dazu gehören ein Nehmer und ein Genommenes.
Die Kompromisslösung der symbolischen Auslagerung führt somit zu DependenzDependenz in der Sprache: Um sich auf Basis eines Ausdrucks, zum Beispiel nahm, etwas vorstellen zu können, ist es nötig, sich etwas anderes vorzustellen – den Nehmer und das Genommene. Es kann natürlich sein, dass der in diesem Verhältnis abhängige Ausdruck (nahm) in Relation zu einem dritten Ausdruck wiederum der unabhängigere Teil ist. Um sich nämlich auf der Basis von zu etwas Gerichtetes vorzustellen, muss die Interpretin sich das, woran es sich manifestiert, und die räumlichen Bezugspunkte vorstellen. Da Gerichtetheit wiederum nur einen Aspekt einer Eventualität und nicht die Eventualität selbst bezeichnet, muss die Interpretin sich also auch noch eine Eventualität vorstellen, von der Gerichtetheit einen Aspekt darstellt. Nahm drückt eine solche Eventualität aus, nahm und zu sind zwei Bestandteile der gleichen Äußerung und sie befinden sich bei der Interpretation der Äußerung in relativer räumlicher und zeitlicher Nähe zueinander. Es liegt dann für die Leserin nahe, anhand beider eine komplexe Vorstellung eines gerichteten Nehmens zu konstruieren.
Was nach einer recht statischen Kompositionsleistung klingt, ist in Wirklichkeit hochgradig dynamisch. Denn je nachdem, welche anderen Vorstellungen und Vorstellungsaspekte zur Vorstellungskonstruktion auf der Basis von zu oder nahm verwendet werden, ändert dies die gesamte komplexe Vorstellung der Aktivität des Nehmens. Nehmen ist beispielsweise einer der wenigen Eventualitätsausdrücke (im Deutschen), die nicht nur die Art und Weise einer Aktivität ausdrücken, sondern in den auch gleichzeitig der Aspekt der Gerichtetheit schon eingelagert ist. Ein Nehmen ist – zumindest in der entscheidenden Endphase – auf den Nehmer gerichtet. Andernfalls wäre es kein Nehmen. Insofern kann die Leserin erschließen, dass die zusätzliche Angabe einer Gerichtetheit durch zu eine Modifikation der Vorstellung des Nehmens erfordert, so dass das Nehmen nicht nur auf den Nehmer gerichtet ist, wofür nahm auch ohne zu gereicht hätte, sondern dass der Nehmer und das Genommene zusätzlich in einer mitgemeinten zweiten Eventualität, zum Beispiel einer des Gehens oder Bringens, auf etwas gerichtet sind. Da nahm der Jünger die Mutter Jesu zu sich … bedeutet dann so etwas wie ‚Da nahm der Jünger die Mutter Jesu und brachte sie zu sich nach Hause‘ oder ‚… und ging mit ihr zu sich nach Hause‘.
2.2 Die Leistung der sprachlichen Eigenstruktur
2.2.1 Die Überstrukturiertheit sprachlicher KonventionenKonvention
Dass das Deutsche, wie jede andere Sprache auch, seine eigenen Einteilungsschablonen aufweist, wovon die WortartenWortart eine sind, und dass diese nur lose mit der vorsprachlichen Einteilung in Dinge und Eventualitäten korrespondieren, führt dazu, dass unsere Interpretin nicht weiß, wo sie in der Äußerung in (4) ihren interpretativen Anker werfen soll. Ich hatte sie ja nur mit ihrem ererbtenererbt (vs. erworben) und erworbenenerworben (vs. ererbt), vorsprachlichen Know-howKnow-how über Gegenstände und Eventualitäten ausgestattet. Selbst wenn wir nun davon ausgehen, dass sie Da, Jünger, nahm, Mutter, Jesu und zu aus der Äußerung segmentieren und damit etwas assoziieren kann, kann sie eben (noch) nicht die Wortarten der Segmente erschließen (und wenn wir berücksichtigen, dass die Äußerung auf andere folgt und anderen vorangeht, kann sie auch nicht angeben, wo sie beginnt und endet). Sie muss also die Einteilungsschablone kennen, die zur sprachlichen Eigenstruktur gehört und wissen, welche lexikalischen Lücken diese Schablone (konventionell) füllt und welche sie offenlässt. Sie würde dann wissen – im Sinne eines Know-hows –, dass sie es in der Äußerung Da nahm der Jünger die Mutter Jesu zu sich … mit den KategorienWortart Adverb, Verb, Artikel, Substantiv, Artikel, Substantiv, Substantiv, Präposition, Reflexivpronomen zu tun hat. Aber wo kann sie ihren interpretativen Anker werfen?
Ein möglicher Ankerpunkt dürfte für die Interpretin die Kenntnis sein, welche HandlungHandlung der Schreiber vollzieht, indem er die Äußerung tätigt. Wir haben gesehen, dass allein schon das Ansprechen der Interpretin eine kommunikative Handlung ist. Sie weiß aber noch nicht, was für eine Handlung es ist. Behauptet, erfragt oder befiehlt der Schreiber etwas? Natürlich könnten wir sagen, dass in dem Ausdruck Jünger eine Zuschreibung steckt, die einem Gegenstand das Jüngersein zuschreibt. Aber die Äußerung in (4) enthält neben dieser und ähnlichen Zuschreibungen eine noch zentralere, nämlich die zu-sich-Nehmen-Beziehung zwischen dem Jünger und der Mutter Jesu. Vor dem Hintergrund dieser Beziehung werden das Jüngersein des Jüngers und das Mutter-Jesu-Sein der Mutter zwischen Schreiber und Interpretin bloß vorausgesetzt. Die Nehmen-Beziehung ist einerseits zentral, weil sie als Eventualität salienterSalienz ist als das Jünger- und Muttersein. Dass sie dem Jünger und der Mutter zukommt, ist flüchtig und veränderlich und provoziert in besonderer Weise Antworten auf die W-FragenW-Fragen. Die Nehmen-Beziehung ist andererseits zentral, weil sie durch Ausdrucksmittel gekennzeichnet ist, die zur Eigenstruktur der Sprache gehören. Das ist im Deutschen und Englischen vor allem die Finitheit des Verbs, mit der diverse Funktionen wie Person, Numerus, Modus, Tempus, (mehr oder weniger periphrastisch) Diathese und die KasusbestimmungKasus für das Subjekt assoziiert sind. In der Äußerung in (4) ist nahm ein finites Verb und zeigt die 1. oder 3. Person Singular Indikativ Imperfekt Aktiv an. Damit geht einher, dass die Nehmen-Beziehung, nicht aber das Jünger- oder Muttersein zur Debatte gestellt wird. Anhand weiterer Merkmale der sprachlichen Eigenstruktur kann die Interpretin dann erschließen, ob der Schreiber ihr etwas mitteilt, sie etwas fragt oder ihr etwas befiehlt. Zu diesen Merkmalen gehören die Abfolge der Elemente (Nahm der Jünger … zu sich?), die FlexionsformMorphologie des Verbs (Nimm … zu dir!) und die ProsodieProsodie (Der Jünger nahm … zu sich?/.). Das heißt, wenn jemand auf die Äußerung in (4) hin Das stimmt nicht. ohne weitere Ausführungen antwortet, bestreitet sie, dass die Beziehung so bestand, aber nicht, dass den in dieser Beziehung vorkommenden Gegenständen das Jüngersein, Muttersein und so weiter zukommt. Diese Zuschreibungen sind zwar prinzipiell auch anerkennbar oder bestreitbar, aber sie stehen in dieser konkreten Äußerung nicht zur Debatte, weil sie nicht explizit mittels finiter Verbformen zugeschrieben werden.
Die Interpretin könnte so ihren interpretativen Anker in die Entäußerung des Schreibers werfen und nun Antworten auf die W-FragenW-Fragen suchen, die durch die Äußerung provoziert werden.
Ich möchte wenigstens versuchen, prinzipiell nachzuvollziehen, über welche Kenntnisse die Interpretin verfügen muss, um ihren Anker in die Äußerung werfen und Antworten auf die W-Fragen geben zu können. Welche Antworten kann sie geben, welche wird sie nicht geben, und warum? Dies darzustellen muss einerseits sehr allgemein und kursorisch ausfallen. Es ist leicht zu sehen, dass eine ausführliche Beschreibung der Ursachen, warum die Deutungen sprachlicher Äußerungen nicht willkürlich erfolgen, einer Universalgrammatik nahekäme, die erklärt, warum Sprache als menschliches Phänomen sowie Einzelsprachen als ihre Instanzen jeweils als Kommunikationsmittel funktionieren. Sie muss andererseits auch zu spezifisch ausfallen, weil ich mich im vorliegenden Buch primär für das Deutsche und Englische interessiere sowie für die W-Fragen in Bezug auf den Äußerungsinhalt. Zum Dritten kann eine schrittweise, das heißt methodische Rekonstruktion der Geregeltheit von Deutungen nicht geleistet werden. Der Grund ist folgender: Bei der Beschreibung, wie die Interpretin ihren interpretativen Anker werfen kann, haben wir bereits auf einige Ausdrucksmittel Bezug genommen, die bereits zur konventionalisierten Eigenstruktur von Sprache gehören, zum Beispiel auf WortartenWortart, SatzgliedreihenfolgeReihenfolge, ProsodieProsodie und FlexionMorphologie. Wenn wir diese Regelungen, denen Deutungen unterliegen, schrittweise einführen wollten, könnten wir sie uns in Form von Wenn …, dann …-Instruktionen denken, so zum Beispiel: Wenn die Äußerung Jünger aufweist, stelle Dir einen bestimmten Jünger vor! Die Schwierigkeiten sind leicht zu erkennen: Der Ausdruck Jünger benötigt für seine Bestimmtheit einen Determinierer. Um die Bestimmung nachzuvollziehen, wird ein Ko(n)text benötigt. Der Determinierer muss in KasusKasus, Numerus und Genus mit Jünger kongruierenKongruenz. Jünger kann auch ein Plural sein. Jünger kann überdies auch als Komparativ von jung verwendet werden. Und warum sollte Jünger ein Ausdruck für einen Gegenstand sein und nicht für eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft? Die Anweisung müsste also in der Wenn-Klausel alle unerwünschten Deutungen ausschließen. Dafür müssten wir die Wenn-Klausel um weitere Wenns erweitern, bis die Dann-Klausel erfolgreich befolgt werden könnte. Konsequent durchgeführt, würde das darauf hinauslaufen, dass jede einzelne dieser Wenn …, dann …-Anweisungen unzählige, wenn nicht alle Wenn-Klauseln für eine Sprache, das heißt alle eigenstrukturellen Regelungen für erfolgreiche Interpretationen enthielte. Der erste Schritt der Rekonstruktion wäre damit unter Umständen schon der letzte.
2.2.2 Vom Öffentlichen zum Privaten: ein erster geschummelter Versuchsymbolische Auslagerung
Unabhängig davon, dass die Äußerung des Schreibers ein kooperativer kommunikativer Akt ist, fordert sie bereits als salientesSalienz Phänomen von der Interpretin eine Deutung. Dass die Äußerung ein kooperativer kommunikativer Akt ist, ist bereits das Resultat einer Deutung. Die Interpretin erkennt in der ÄußerungshandlungÄußerungshandlung eine kooperative kommunikative Absicht. Nun muss sie für das Geäußerte selbst Antworten auf die W-FragenW-Fragen finden. Diese Aufgabe ist – um noch einmal daran zu erinnern – umso anspruchsvoller dadurch, dass ihre Deutung etwas mit der Vorstellung des Schreibers gemeinsam haben muss, obwohl diese doch in ihrer sprachlichen Verpackung der meisten Bestimmungen entledigt ist. Denn das Gemeinsame bildet den Kern des Ausdrucks Kommunikation.
Als kooperativer kommunikativer Akt ist die Äußerung für die Interpretin so etwas wie eine Handlungsaufforderung im Sinne von Werde angesichts meiner Äußerung tätig! In welcher Weise sie tätig werden soll, ist damit natürlich noch nicht spezifiziert. Wir haben versucht, mit der Interpretin einen interpretativen Anker in der Äußerung in (4) zu werfen, was sie einer Antwort auf diese Frage näherbringt. Wir konnten über die flektierte Form des Verbs eine Behauptung identifizieren. Als Behauptung zeigt die Äußerung der Interpretin an, wie sie das Behauptete nun praktisch verwerten, also beispielsweise zur Kenntnis nehmen, anerkennen, ihm zustimmen oder es bestreiten und ablehnen kann. Wir mussten dabei aber Bezug auf diverse andere sprachliche Ausdrucksmittel nehmen, die alle ebenfalls Funktionen für die Interpretation haben und kaum unabhängig voneinander charakterisiert werden können. Kraft ihrer Geregeltheit stellen Äußerungen für die Interpretin nun so etwas wie InstruktionenInstruktion zum Aufbau von komplexen VorstellungenVorstellung und zum praktischen Verfahren mit diesen Vorstellungen dar.Instruktionsgrammatik1 Sowohl beim Vorstellen als auch beim praktischen Handhaben der Vorstellungen können wir noch weitere Unterscheidungen treffen, die in Abbildung 2 aufgeführt sind.
Abb. 2:
Der Instruktionscharakter von Äußerungen
Die Unterscheidungeninstruktive Leistungen können sicher auch feingliedriger getroffen werden, aber für mein Erkenntnisinteresse reichen sie aus. Das Vorstellen von etwas betrifft die einzelnen Vorstellungen, die durch Ausdrücke oder Ausdrucksteile hervorgerufen werden (a). Hierhin gehören bereits die DependenzenDependenz, die durch symbolische Auslagerungen entstehen. Ein Ausdruck, der eine symbolischesymbolische Auslagerung Auslagerung enthält, instruiert zwar zum Vorstellen von etwas, aber um die Instruktion zu befolgen, muss zuerst dasjenige vorgestellt werden, aus dem der betreffende Aspekt ausgelagert wurde. Eventualitäten können darüber hinaus auf verschiedene Art und Weise vorgestellt werden, wie beispielsweise das zu-sich-Nehmen der Mutter Jesu durch den Jünger aus der – durchaus wörtlich zu verstehenden – Perspektive des Jüngers oder aus der Perspektive der Mutter vorgestellt werden kann (b). Dabei ändert sich der Inhalt der komplexen Vorstellung nicht. Wenn mit Ausdrucksmitteln zum HandelnHandlung instruiert wird, betrifft dieses nun nicht mehr den Vorstellungsinhalt oder die Vorstellungsart und -weise. Dabei geht es einerseits um das Ko(n)textualisieren der Vorstellungen durch ihre Erdung und die Herstellung von Kohärenz. Indem die komplexe Vorstellung in verschiedenen Spannungsfeldern verortet wird, erfährt sie eine Erdung (c). Diese Spannungsfelder betreffen beispielsweise solche zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Abgeschlossenheit und Unabgeschlossenheit, zwischen Wirklichkeit, Möglichkeit, Unmöglichkeit, zwischen Wunsch und Notwendigkeit oder zwischen zuverlässiger und unzuverlässiger Evidenz. Dadurch, dass einzelne oder komplexe Vorstellungen zu anderen Vorstellungen in Bezug gesetzt werden, seien sie im Kotext, im Kontext oder im gemeinsamen (Welt-)Wissen präsent, werden sie ko(n)textualisiert, wodurch Kohärenz entsteht (d). Andererseits betreffen Instruktionen zum Handeln die praktische Verwertung von (geerdeten und ko(n)textualisierten) Vorstellungen, wie wir bereits gesehen haben (e).
Eine konkrete sprachliche Äußerung instruiertinstruktive Leistungen zu diesen Tätigkeiten auf spezifische Weise, aber diese Tätigkeiten sind im Allgemeinen nicht auf die Interpretation sprachlicher Äußerungen beschränkt. Wenn der Schreiber Zeuge der Ereignisse des Evangeliums geworden ist, hat er etwas wahrgenommen, genauso wie die Interpretin der Äußerung sich etwas vorstellt (a); er hat es auf eine bestimmte Weise wahrgenommen, wie die Interpretin sich etwas auf eine bestimmte Weise vorstellt (b); ebenso musste er es deutend in Bezug zu bereits WahrgenommenemWahrnehmung setzen, dabei Beziehungen zwischen diesen erkennen, wie dies die Interpretin mit ihren Vorstellungen ebenfalls tun muss (d); und er nahm die WahrnehmungenWahrnehmung zum Anlass für eigenes Handeln, ebenso wie die Interpretin dies mit der Deutung ihrer Äußerung tun muss (e). Sogar die Aktivität des Erdens übernehmen sowohl der Deutende eines wirklichen Ereignisses als auch die Interpretin eines sprachlich ausgedrückten Ereignisses (c): Während ein wahrgenommenes Ereignis durch seine bloße Gegebenheit für den Wahrnehmenden bereits geerdet ist, gilt dies für eine Vorstellung von einem Ereignis noch nicht, oder nicht mehr. Denn dahingehend, ob die Vorstellung eines Jordanienurlaubs beispielsweise eine Erinnerung an Geschehenes, eine bloße Fiktion oder eine Wunschvorstellung über die Zukunft ist, ist die Vorstellung selbst unbestimmt. Je nachdem, um was es sich handelt, veranlasst sie aber zu unterschiedlichem HandelnHandlung. Dann muss – ähnlich wie bei der Konfrontation mit einer Äußerung – zwischen der Bestimmung des WasWas steht womit in welcher Beziehung? steht womit in welcher Beziehung? und des WasWas kann ich tun? kann ich (jetzt) tun? die Vorstellung erst einmal geerdet werden.
Ich möchte am Beispiel der Äußerung in (4), Da nahm der Jünger die Mutter Jesu zu sich …, nun einen ersten Versuch unternehmen, die Bestandteile der Äußerung in den Verästelungen von Abbildung 2 zu verorten oder, anders gesprochen, ich lasse unsere Interpretin die sprachliche Instruktioninstruktive Leistungen mit ihren funktional gegliederten Bestandteilen erfolgreich befolgen und verstehen. Wir werden im Anschluss daran sehen, dass und wie dieser Erfolg an die spezifische Kenntnis der einzelsprachlichen Eigenstruktur gebunden ist. Ich verleihe unserer Interpretin also das Know-howKnow-how für eine erfolgreiche Interpretation, indem ich sie bei allen Ausdrücken der Äußerung die richtigen Unterscheidungen und Entscheidungen treffen lasse. Ich werde sie ihr aber dann wieder entziehen, um aufzuzeigen, dass es so einfach dann doch nicht ist, dass sie die Unterscheidungen und Entscheidungen vielmehr nur unter Berücksichtigung eines ganzen Komplexes von sprachlicher Eigenstrukturiertheit richtig treffen kann. Dieses Vorgehen soll dazu dienen, diese Eigenstrukturiertheit besser herauszupräparieren.
Wir müssen dazu den engen Dunstkreis unserer isolierten Äußerung in (4) verlassen und sie in die gesamte kommunikative Interaktion einbetten. Die Äußerung ist mit dem vorangegangenen und dem folgenden Text vielfach verwoben und dieses Gewebe betrifft viele Aspekte des Vorstellens und Handelns. Die Äußerung in (4) erscheint erst im drittletzten Kapitel des Johannesevangeliums. Dort heißt es folgendermaßen:

Abbildung 2 oben enthält die fünf instruktiven Leistungeninstruktive Leistungen Vorstellen von etwas (a), Vorstellen auf eine bestimmte Art und Weise (b), Erden (c), Kohärenz herstellen (d) und Verwerten (e).
Da verbindet im Sinne von ‚infolge des Vorangegangenen‘ die in (4) ausgedrückte Eventualität mit den im Text vorangehenden Eventualitäten. Es zeigt also eine bestimmte Beziehung zwischen dem, was links von ihm steht beziehungsweise vorgängig geäußert wurde, und dem, was rechts von ihm steht beziehungsweise nachgängig geäußert wird.2 Insofern dient es zur Herstellung von Kohärenz (d).
Nahmsymbolische Auslagerung instruiert zum Vorstellen einer Nehmen-Beziehung. Wir haben allerdings gesehen, dass es sich bei nahm um eine symbolischesymbolische Auslagerung Auslagerung einer Aktivität aus Gegenständen handelt und dass eine Vorstellung des Nehmens nicht ohne die Vorstellungen der Gegenstände möglich ist, an denen es sich manifestiert. Daher ist nahm offen, oder ergänzungsbedürftig, denn es erfordert die Ausdrücke der Gegenstände, die eine (bestimmte) Vorstellung des Nehmens erst ermöglichen und die Nehmen-Beziehung schließen (a). Durch seine 3. Person Singular Aktivform instruiert es außerdem dazu, sich das Nehmen auf eine bestimmte Weise vorzustellen: Der Ausdruck des Nehmens mittels der Aktivdiathese führt dazu, dass es aus einer neutralen Perspektive oder aus der Perspektive des Nehmers vorgestellt wird. In dieser Hinsicht ist nahm bestimmend: Durch seine Diathesespezifikation bestimmt der Ausdruck, dass der Gegenstand, der die gleichen Person- und Numerusspezifikationen aufweist und im Nominativ steht, der Nehmer ist. Für den anderen Gegenstandsausdruck bestimmt es den Akkusativ und damit die Genommenenrolle (b). Die Form der 3. Person Singular Indikativ Präsens ist es auch, die die Eventualität des Nehmens erdet. Die Erdung in Zeit, Wirklichkeit und so weiter betrifft natürlich nicht nur den Ausdruck nahm, an dem diese Kategorien angezeigt werden, sondern weil nahm eine symbolischesymbolische Auslagerung Auslagerung ist, erfasst die Erdung auch alles mit, woraus das Nehmen symbolisch ausgelagert wurde. Insofern schließt es nach links und rechts (c). Damit sind die Leistungen des Ausdrucks nahm aber noch nicht erschöpft. Durch seine Tempusspezifikation und dadurch, dass vorangegangene Äußerungen das gleiche Tempus aufweisen, kann eine kohärente Vorstellung des ganzen Geschehens konstruiert werden. Hier schließt es nach links (d). Zuletzt instruiert nahm kraft seiner Finitheitsspezifikationen dazu, die gesamte Äußerung als Behauptung zu behandeln und unter den einer Behauptung angemessenen Re-Aktionen eine zu wählen. Voraussetzung dafür ist allerdings die Abwesenheit eines Fragesignals wie einer FrageprosodieProsodie oder eines Fragezeichens (e).
In Bezug auf das Vorstellen von etwas (a) möchte ich noch etwas präzisieren. Wenn wir genau hinsehen, finden wir, dass sich die instruktiven Leistungen des Ausdrucks nahm auf zwei verschiedene Teile von ihm verteilen: einen lexikalischen Teil, der zur Vorstellung des Nehmens im engeren Sinne instruiert, und einen morphologischen Teil, der die konkrete morphologische Form ausmacht. Um nun zu präzisierenMorphologie: Die Vorstellungen der Gegenstände schließen nur den lexikalischen Teil (a) von nahm. Bei den anderen Leistungen (b) bis (e) ist gerade der morphologische Teil von nahm wichtig. Wir können dem Rechnung tragen, indem wir auf der Ebene „Vorstellen von etwas“ (a) den lexikalischen und den flexivischen Teil von nahm gesondert behandeln. Dann können wir sagen, dass der flexivische Teil dazu instruiert, sich – ja, was denn eigentlich? – vorzustellen. Die Antwort ist: nicht viel, vielleicht sogar gar nichts. Aber dieser Teil ist nicht nur salientSalienz in der Sprachwahrnehmung, er ist auch pertinentPertinenz, indem er Leistungen für die Interpretation erbringt. Auch wenn er nicht zur Vorstellung von etwas beiträgt, so ist er doch, um seine Leistungen zu erbringen, auf diverse andere Vorstellungen angewiesen, das heißt er ist offen. In seinen Person-, Numerus-, Modus-, Tempus- und Diathesespezifikationen muss der flexivische Teil von nahm durch seinen lexikalischen Teil geschlossen werden. Was den Person- und Numerusaspekt betrifft, sind diese Spezifikationen zusätzlich auf diejenige eines Gegenstandsausdrucks angewiesen, der die gleichen Spezifikationen aufweist (a). Umgekehrt bestimmen die Finitheitsaspekte des Verbs den Nominativ für diesen Gegenstandsausdruck (b). Im finiten Verb – und insbesondere in seinem finiten Anteil – sind also eine ganze Menge einzelner Instruktionen für diese Äußerung gebündelt.
Der kann zur Herstellung von Kohärenz instruieren, indem es anzeigt – wir könnten sagen, kraft seiner Definitheitsmerkmale –, dass ein Gegenstand vorgestellt werden soll, der innerhalb des Kotextes schon einmal vorgestellt wurde und dort bereits Bestimmungen erhalten hat. Insofern hat es eine Verbindung zu diesem Gegenstand und schließt eine offene Beziehung in den vorangegangenen Kotext (d). Der kann aber nicht selbst zur Vorstellung dieses Gegenstandes instruieren, weil es sich nur um eine symbolischesymbolische Auslagerung Auslagerung eines Gegenstandes handelt und bloß dessen Identifizierbarkeit im Kotext anzeigt. Als symbolische Auslagerung ist es auf die Vorstellung eines Gegenstandes angewiesen. Daher ist es in Bezug auf den Vorstellungsinhalt offen (a), während es den Gegenstand bezüglich Kohärenz bestimmt (d). Indem der zudem von Jünger in seinen Person-, KasusKasus-, Numerus- und Genusspezifikationen (P.K.N.G.) bestimmt wird, aber diese Merkmale durch seinen FlexionsbestandteilMorphologie auch für Jünger erst sichtbar macht, trägt es mittelbar zu der Art und Weise bei, wie der Jüngergegenstand im Nehmen-Ereignis vorgestellt werden soll, nämlich als Nehmer der Nehmen-Beziehung (b).
Jünger instruiert zur Vorstellung eines Jünger-Gegenstandes. Aber nicht zu einem beliebigen Gegenstand, dem das Jüngersein zukommt, sondern zu einem bestimmten. Ihre Bestimmung erhält die Vorstellung des Jüngers durch der, das hinsichtlich seines Vorstellungsinhalts offen war und durch Jünger nun geschlossen werden kann (a). Gleichzeitig kann anhand von der für die Vorstellung des Jüngers Kohärenz hergestellt werden, indem der anzeigt, was Jünger selbst nicht anzeigen kann: dass kein neuer, beliebiger Jünger vorgestellt werden muss, sondern die Vorstellung eines bereits bekannten Jüngers evoziert werden soll (d). Mit den P.K.N.G.-Spezifikationen, die Jünger mit der teilt beziehungsweise die der für Jünger erst sichtbar macht, kann es nun auch das Ziel der Bestimmungen werden, die von nahm ausgehen (b).
Diesymbolische Auslagerung und Mutter leisten instruktiv weitgehend das Gleiche wie der und Jünger. Unterschiede bestehen zum einen in den Ausprägungen der P.K.N.G.-Kategorien und damit bezüglich der Rolle, die ihnen gemeinsam durch die Diathese- und Kasus-Bestimmungen von nahm zufallen (b).
Zum anderen könnte der Schreiber eventuell die Gefahr gesehen haben, dass die Mutter Jesu anhand von die Mutter im Kotext noch nicht eindeutig identifizierbar ist. So wäre zu erklären, dass mit Jesu Kohärenz gestiftet wird, indem es dazu instruiert, sich unter den diversen Personen am Kreuz auch wirklich die Mutter Jesu vorzustellen, und nicht etwa die Mutter von jemand anderem. Am Kreuz stehen ja tatsächlich auch mehrere potentielle Mütter (d). Jesu erlaubt denn auch eine Vorstellung eines Gegenstandes (a), wobei aber keiner der anderen Ausdrücke prinzipiell durch die Vorstellung Jesu ergänzungsbedürftig ist. Insbesondere durch die Kasusspezifikationen und die unmittelbare Nachbarschaft zu (die) Mutter ist klar, dass der Ausdruck nicht durch nahm, sondern durch (die) Mutter von links her bestimmt wird (b).
Zu instruiert dazu, wie weiter oben bereits angedeutet, sich einen Aspekt der Gerichtetheit vorzustellen, wozu es einer Eventualität bedarf, die diesen Aspekt von Gerichtetheit aufweist. (Für die Eventualität wiederum müssen Gegenstände vorgestellt werden.) Mit nahm ist ein Ausdruck für diese Eventualität vorhanden, so dass die Vorstellung zu zu offen ist und mit nahm geschlossen werden kann. Neben der Eventualität bedarf die Vorstellung auf Basis von zu auch noch eines gerichteten Gegenstands. Diesbezüglich wird der Ausdruck von (die) Mutter Jesu geschlossen. Und er bedarf eines Gegenstands, auf den er gerichtet ist (a). Dafür wird sich dienen. Als nicht beliebige Gerichtetheit instruiert zu außerdem dazu, sich die Aktivität des Nehmens auf eine bestimmte gerichtete Weise vorzustellen (b), für die es nach rechts hin sich in dessen KasusKasus bestimmt, aber nach links hin keine bestimmende Funktion hat. Es ergänzt hier zwar die Vorstellung davon, wie genommen wird, das Nehmen ist aber nicht ergänzungsbedürftig.
Zuletzt liefert sich die Gegenstandsvorstellung, hinsichtlich deren zu ergänzungsbedürftig ist, indem sich zur Vorstellung dessen, worauf etwas gerichtet ist, instruiert. Damit kann zu anhand von sich geschlossen werden (a). Mittels seiner Kasusspezifikationen instruiert sich daneben zu der Art und Weise, wie der Gegenstand in der Beziehung der Gerichtetheit vorgestellt werden soll. Darin ist der Ausdruck aber von zu bestimmt (b). Sich ist zwar ein Gegenstandsausdruck und instruiert zu einer Vorstellung (a), aber den konkreten Vorstellungsinhalt muss er von anderswo im Kotext beziehen. Sich ist also diesbezüglich offen und kann hier durch (der) Jünger geschlossensymbolische Auslagerung werden, indem unter sich der Jünger vorgestellt wird (a). Dadurch, dass sich die Identität mit einem bereits bekannten Gegenstand anzeigt, stiftet es zudem auch Kohärenz (d).
Die folgende Abbildung 3 liefert eine Darstellungsweise für die besprochenen Beziehungen für die Leistung „Vorstellen von etwas“ (a). Dass ein Ausdruck diese Leistung erbringen kann, wird in der Abbildung durch fette vertikale Linien angezeigt, die von diesem Ausdruck wegführen. Worauf sich diese Leistung bezieht, ist dann durch die Verbindungen mit normal dicken Linien erkennbar. Dabei ist der Ausdruck, von dem die fette Linie wegführt, immer der bestimmende oder schließende in Bezug auf andere Einheiten. Die Einheit, mit dem dieser Ausdruck verbunden ist, ist entsprechend eine, die ergänzungs- oder bestimmungsbedürftig beziehungsweise offen ist. Zusätzlich enthalten die horizontalen Verbindungslinien entsprechende Symbole. Die Zeichen spezifizieren immer die Beziehung zwischen den zwei Einheiten. „|<“ heißt, die Einheit rechts ist Leistungsgeber für die Einheit links, die Einheit links ist aber auf diese Leistung prinzipiell nicht angewiesen. Wenn sie darauf angewiesen ist und die Leistung auch bekommt, steht „<<“. „||“ heißt, beide Einheiten sind auf keine Leistung einer anderen Einheit angewiesen, sie stehen aber trotzdem in einer Relation zueinander. Wenn das Leistungsgeben und -nehmen über eine linguistische Kategorie läuft, wie in nachfolgenden Abbildungen, steht das Kürzel dieser Kategorie zwischen den Symbolen (zum Beispiel „<Def<“).
Es ist so auch erkennbar, dass Abhängigkeiten vererbbar sind. Die Vorstellung auf Basis von zu ist unter anderem ergänzungsbedürftig durch diejenige auf Basis von nahm. Diese wiederum ist abhängig von denen auf Basis von Jünger und Mutter. Um sich unter zu also etwas Bestimmtes vorstellen zu können, ist letztlich eine vollständige Vorstellung des Nehmenereignisses erforderlich. Der Übersichtlichkeit halber habe ich darauf verzichtet, hier die komplizierten Abhängigkeiten der Flexive darzustellen.
Abb. 3:
Die Funktion „Vorstellen von etwassymbolische Auslagerung“
Ich möchte mit den gleichen symbolischen Konventionen nun die Beziehungen für die Leistung „Vorstellen auf eine Art und Weise“ darstellen. In Abbildung 4 ist dies durch eine zusätzliche Ebene über der Äußerung umgesetzt.
Abb. 4:
Die Funktionen „Vorstellen von etwas“ und „Vorstellen auf eine Art und Weise“
Was möglicherweise erst bei dieser Gesamtschau auffällt, ist, dass die Beziehungen bei Leistung (b) beinahe ein Spiegelbild derjenigen bei Leistung (a) sind. Die Glossen stehen – von links nach rechts und von oben nach unten – für Diathese, Kasus, Person, Numerus und Genus. Fett ist wieder der bestimmende Ausdruck, normal dick der bestimmte Ausdruck. Die Pfeilquelle bestimmt mittels der jeweils angezeigten Kategorie, wie das Pfeilziel vorgestellt werden soll. Bei nahm sehen wir beispielsweise, dass der Ausdruck bezüglich seiner Gegenstände bestimmungsbedürftig beim Vorstellungsinhalt (a), aber bestimmend bei der Art und Weise ist, wie diese Gegenstände vorgestellt werden sollen, nämlich als Nehmer und Genommenes beziehungsweise Gerichtetes und Ziel der Gerichtetheit. Das Schema enthält hier eine Vereinfachung. Die Vorstellung des Nehmens, das unabhängig von der FlexionsformMorphologie des Verbs – das heißt jeder Form des Verbs – evoziert wird, ist ergänzungsbedürftig hinsichtlich der Gegenstände. Aber die Flexionsform des Verbs ist es, die bestimmt, wie die Gegenstände vorgestellt werden sollen. Weil das Verb finit und aktiv ist, bestimmt es die KasusformKasus eines Gegenstandes, der dann als Nehmer vorgestellt werden soll. Die Ausprägungen der P.N.-Spezifikationen am Verb sind wiederum durch diesen Gegenstand bestimmt.
Auch hier können wir die Vererbung beobachten. Der ist in seiner Kasusausprägung von Jünger abhängig, und Jünger ist darin von dem finiten Teil des Verbs abhängig.
Wir bauen nun auch die Beziehungen der Erdungs- und Kohärenzherstellungsleistung in dieses Schema ein. Die gestrichelten, vertikalen Linien in Abbildung 5 zeigen an, dass ein Ausdruck auf einer Ebene keine Rolle spielt, das heißt weder eine Leistung erbringt noch eine Leistung erhält. Da spielt beispielsweise nur für die Kohärenz eine Rolle und Mutter überall außer bei der Erdung. Die Erdung wird durch die Person-, Numerus-, Modus- und Tempusspezifikationen (P.N.MD.TP.) am Verb geleistet, die in den verbalen Flexiven weitgehend fusioniert sind. Zur Kohärenz tragen nahm mit seinen MD.TP.-Spezifikationen, die Artikel mit ihrer Definitheit, Jesu mit seiner Kasusspezifikation und sich mit seinem korreferierenden Status bei. Die Pfeilquelle bestimmt durch die jeweils angezeigten Kategorien, wie das Pfeilziel geerdet werden soll, beziehungsweise wie für das Pfeilziel Kohärenz hergestellt werden soll.
Abb. 5:
Vier Funktionen sprachlicher Ausdrückesymbolische Auslagerung
Zuletzt fügen wir in Abbildung 6 noch die Verwertungsebene hinzu. Die Pfeilrichtung bestimmt mittels der angezeigten Kategorie, wie das Pfeilziel verwertet werden soll.
Für unsere Interpretin ist das Ergebnis dieser Interpretationsleistungen eine komplexe Vorstellung davon, dass infolge dessen, was zuvor passierte, der Lieblingsjünger Jesu dessen Mutter Maria zu sich, dem Jünger, genommen hat. Das ist eine wohlbestimmte Antwort auf die Frage WasWas steht womit in welcher Beziehung? steht womit in welcher Beziehung?Offline-Betrachtungsweise3
Abb. 6:
Die fünf instruktiven Funktionen sprachlicher Ausdrückesymbolische Auslagerung
2.2.3 Das gemeinsame Private
Ignorieren wir für den Moment, dass diese Interpretation erschummelt ist und auf dem adäquaten Know-howKnow-how beruht, das wir der Interpretin kurzzeitig verliehen haben. Was hat sie durch dieses Know-how gewonnen? Sie mag sich ohne weitere Reflexion nicht darüber im Klaren sein, wir müssen uns aber klar machen, dass sie nun nicht über die bestimmte Vorstellung von diesem Ereignis verfügt, über die auch der Schreiber verfügte. Dieser hatte bestimmte Vorstellungen von vielen Aspekten des Ereignisses, aber nur einen Teil davon hat er ausgedrückt. Zu den normenNorm-, konventionenKonvention- und durch die „-enz-enz-Faktoren“-Faktoren gefiltertenFilter Bestimmungen, die er an dem Ereignis vorgenommen hatte, gehörte, wie wir der Illustration halber angenommen hatten, die Heimstatt des Jüngers, wie es dort roch, wie sich die Beteiligten fühlten, wie Jesus litt, welche Farbe der Himmel hatte, welches Material die Kleider der Beteiligten hatten, welche Frisuren sie trugen, wie der Weg beschaffen war, auf welchem Weg sie zur Heimstatt des Jüngers gelangten und so weiter. Davon und von vielem mehr, worüber der Schreiber möglicherweise bestimmte Vorstellungen hatte, hat die Interpretin andere oder keine. Wir können daher nicht sagen, sie habe die gleichen Vorstellungen wie der Schreiber. Dieser hatte ja nur von denjenigen Eventualitäten berichtet, die ihm vor dem Hintergrund seiner kommunikativen Absichten pertinentPertinenz erschienen waren. Das heißt, er hatte für den sprachlichen Ausdruck die bereits gefilterteFilter Deutung des Ereignisses nochmals gefiltert. Und selbst, was das Resultat dieses kommunikativen Filters angeht, also die Bestimmungen, die er öffentlich entäußert hat, so können wir nicht davon ausgehen, dass diejenigen der Interpretin mit ihnen identisch sind. Wie das Nehmen in allen Aspekten, hinsichtlich deren es bestimmbar ist, konkret vollzogen wurde oder mit welchen physischen, physiognomischen und charakterlichen Qualitäten das Männlichsein des Jüngers und Jesu sowie das Weiblichsein der Mutter verbunden war, darin können sich die Vorstellungen des Schreibers und der Interpretin noch immer beträchtlich unterscheiden. Wovon sie jetzt aber gemeinsame private Vorstellungen haben, ist, dass infolge dessen, was Jesus sagte, sein Lieblingsjünger Jesu dessen Mutter Maria zu sich, dem Jünger, nahm. Diese komplexe Vorstellung ist durch viele Fäden in kohärenter Weise mit anderen Vorstellungen verwoben, die ihr das Johannesevangelium vermittelt. Nicht mehr und nicht weniger.
2.2.4 Vom Öffentlichen zum gemeinsamen Privaten mit sprachlichen Eigenstrukturensymbolische Auslagerung
Ich entziehe unserer Interpretin nun das Know-howKnow-how wieder und ermesse die Distanz zwischen dem, was sie mit ihm interpretativ leisten konnte und dem, was sie ohne es leisten kann, um herauszupräparieren, worin es besteht. Was sie behält, sind ihre vorsprachlichen interpretativen Fähigkeiten, ihre Einsicht in das, was wir die Zwänge der Öffentlichkeit bezeichnet haben, wozu zentral die Notwendigkeit der symbolischensymbolische Auslagerung Auslagerung gehört, und die Evokation von Vorstellungen durch sprachliche Ausdrücke.
Vor diesem Hintergrund kann nun die Äußerung in (4) so gedeutet werden, dass ganz andere InstruktionenInstruktion zutage treten, also Möglichkeiten, wie die Ausdrücke in (4) hinsichtlich ihres instruktiven Wertes behandelt werden können. Mit verschiedenen Deutungen ändert sich, ob ein Ausdruck eine Leistung erbringt, ob er bestimmungsbedürftig oder bestimmend ist und worauf eine Bestimmung konkret gerichtet ist. Ich greife nur einige Möglichkeiten heraus.
Da könnte beispielsweise auch als Spezifikation eines Ortes statt eines Zeitpunkts, beziehungsweise als Indikator eines Suchraums interpretiert werden. Insofern würde der Ausdruck auch zur Vorstellung von etwas instruieren, könnte diesen Vorstellungsinhalt aber nicht selbst beisteuern, sondern diesen müsste die Interpretin aus dem Ko- oder Kontext beziehen (a), womit der Ausdruck auch eine kohärenzstiftende Funktion bekäme (d). Es könnte sein, dass das gesamte Ereignis des zu-sich-Nehmens als an diesem Ort stattfindend vorgestellt werden soll (‚An diesem Ort nahm …‘). Wenn die Interpretin dies täte, würde sich aber die ganze komplexe Vorstellung verändern. Wir haben gesehen, dass das zu-sich-Nehmen neben dem Nehmen auch eine zweite Eventualität des (Weg-)Bringens oder gemeinsam (Weg-)Gehens beinhaltet, die mit zu zusammenhängt. Zu sich kann dann aber schwerlich so interpretiert werden, dass es einen anderen Ort als den Ort des Nehmens bezeichnet (?‚An diesem Ort nahm der Jünger die Mutter Jesu zu seiner Heimstatt‘). Das ginge wahrscheinlich nur, wenn kein (Weg-)Bringen oder -Gehen vorgestellt würde.
Da muss aber nicht als Ort des Nehmen-Ereignisses interpretiert werden. Es kann auch den Ort einzelner Gegenstände spezifizieren (‚der Jünger da‘, ‚die Mutter da‘) (a). Insofern wäre der Ausdruck eine in die außersprachliche Situation gerichtete Suchanweisung, die der Erdung der Vorstellung dienen würde (c), aber in einer Weise, die der Kohärenz des Gesamttextes nicht zuträglich wäre, da es für den Schreiber und die Interpretin keine gemeinsame außersprachliche Situation gibt.
Der und die müssen nicht als bestimmte Artikel (oder Demonstrativartikel), sie können auch als Demonstrativpronomen interpretiert werden. Dann instruieren sie, anders als die Artikel, zur Vorstellung von Gegenständen (a). Die Vorstellungen müssten aber aus dem unmittelbaren Ko(n)text bezogen werden und wären dann andere als diejenigen des Jüngers, der Mutter und Jesu. Sofern sie in den unmittelbaren außersprachlichen Kontext verwiesen, wären sie auch geerdet (c). Sofern sie in den unmittelbaren Kotext verwiesen, stifteten sie Kohärenz (d). Das alles würde dazu führen, dass die demonstrativ ausgedrückten Gegenstände beispielsweise Kandidaten für die Rollen als Nehmer und Genommenes würden (b). Neben den anderen Gegenständen wären das eindeutig zu viele Kandidaten für diese Rollen, zumal keine zwei Gegenstände koordiniert sind und gemeinsam eine Rolle einnehmen könnten.
Selbst dann, wenn die Interpretin der und die als Artikel identifizierte, würde sie ohne weitere Kenntnisse nichts daran hindern, der als Bestimmer von Mutter, die als Bestimmer von Jünger oder einen von beiden als Bestimmer von Jesus zu interpretieren ((a), (b), (c)).
Es gibt auch nichts, das die Interpretin zwänge, mit zu das Nehmen zu spezifizieren. Zu kann auch als Spezifikation zu einem Gegenstand oder einem Ort verwendet werden. Da könnte also durchaus auch als Ort zu zu vorgestellt werden (‚gerichtet auf den Ort, der durch Da bezeichnet wird‘) ((a), (b), (c), (d)).
Für sich ist beispielsweise nicht klar, woher der Vorstellungsinhalt bezogen werden soll. Die Interpretin könnte sich darunter den Jünger, die Mutter, Jesus oder den Referenten von der oder die (als Demonstrativpronomen) vorstellen (a). Zudem käme die Vorstellung des Gegenstandes auch als Kandidat für eine Rolle in der Nehmen-Beziehung in Frage – sowohl des Genommenen als auch im Sinne eines freien Dativs (b). Dadurch wäre nicht klar, was genau die Vorstellung des sich-Gegenstandes schließt (a).
Neben diese Probleme treten die bereits erwähnten bezüglich der Zuordnung von vorsprachlichen Gegenständen und Eventualitäten zu den Einteilungsschablonen, die Sprachen über diese vorsprachlichen Einteilungen stülpen können und die es zwar nicht unwahrscheinlich, aber auch nicht gewissGewissheit der Interpretation erscheinen lassen, dass aus den Eventualitäten des Jüngerseins und Nehmens auf ein Substantiv beziehungsweise Verb zu schließen ist. Würde Jünger als Ausdruck für die Aktivität des Jüngerns interpretiert, veränderte sich die Deutung der Äußerung gewaltig ((a) bis (e)).
Selbst die Illustration dieser Fehldeutungen ist noch eine Vereinfachung. Die Interpretin wüsste ohne ihr Eigenstruktur-Know-how nämlich gar nicht, welche Leistungen die P.K.N.G.MD.TP.D.-Spezifikationen überhaupt erbringen. Die Möglichkeiten, die Äußerung in (4) zu interpretieren, sind somit noch weitaus zu zahlreich für die Interpretin, als dass sie die Äußerung – wenn nicht gerade durch Erraten – erfolgreich interpretieren könnte.
Welches Know-howKnow-how benötigt sie nun, um die Distanz zwischen der privaten Vorstellung des Schreibers und ihrer eigenen zu reduzieren oder, anders ausgedrückt, um nicht bei solchen falschen Interpretationen zu landen, die eben beispielhaft dargestellt wurden? Mein Vorschlag lautet, dieses Know-how als solches über einzelsprachliche Eigenstrukturen zu charakterisieren. Zu diesen gehören wohlgemerkt weder die vorsprachlichen interpretativen Fähigkeiten, noch die Einsicht in die Notwendigkeit symbolischersymbolische Auslagerung Auslagerungen, noch die Fähigkeit, sich auf Basis arbiträrer Entäußerungen etwas vorzustellen. Die Kenntnisse der einzelsprachlichen Eigenstrukturen erlauben es der Interpretin, an bestimmten Äußerungsteilen zuverlässigHinweiszuverlässig zu erkennen, wozu sie sie konkret instruieren.
Wir können die Eigenstruktur schon in den WortartenWortart ausmachen. Die Linguistik wäre eine einfachere Disziplin und das Sprachenlernen eine einfachere Aufgabe, wenn das, was wir schon vorsprachlich als Dinge oder Gegenstände, Aktivitäten, Prozesse und Zustände unterscheiden können, auch konsequent, nachvollziehbar und alternativlos als Dinge oder Gegenstände, Aktivitäten und so weiter versprachlicht würde. Wir könnten das eine lebenswelttreue Wortartenlehre nennen. Dieser Gefallen wird uns nicht getan. Wer schon einmal Heidegger gelesen hat, wird vorsichtig dabei, irgendetwas auszuschließen. „Das Spiegel-Spiel der weltenden Welt entringt als das Gering des Ringes die einigen Vier in das eigene Fügsame, das Ringe ihres Wesens. Aus dem Spiegel-Spiel des Gerings des Ringen ereignet sich das Dingen des Dinges.“1
Es gibt einige Diagnostiken, um die Wortarten in Sprachen zu ermitteln. Sie führen oft zu unterschiedlichen Ergebnissen, auch innerhalb einer Sprache. Was sie aber alle zeigen, ist, dass die Annahme von LebenswelttreueTreue (vs. Sparsamkeit) den sprachlichen Phänomenen nicht gerecht wird. Wir müssen in der Sprache mit Wortarten rechnen, die zumindest teilweise unabhängig von der vorsprachlichen Einteilung in Dinge und Eventualitäten sind. Wer das anerkennt, erkennt damit bereits die Eigenstrukturiertheit einer Sprache an.2
Ich hatte oben bereits versucht, auf der Suche nach einer interpretativen Ankerstelle diesen Anker für unsere Interpretin am Verb zu befestigen, weil es finit ist und damit einen zentralen HinweisHinweis darauf gibt, welche HandlungHandlung der Schreiber mit der Äußerung tätigt und welche Möglichkeiten zur Verwertung der Äußerung die Interpretin hat. Das finite Verb leistet aber noch mehr. Wir können dies in Abbildung 6 daran erkennen, wie viele fette Linien von dem Ausdruck nach oben hin führen. Das heißt, mit dem (finiten) Verb instruiert der Schreiber zu allen Aspekten des Vorstellens und Handelns infolge einer sprachlichen Äußerung. Anhand des Verbs kann die Interpretin die für die Deutung bestimmungsbedürftigen Ausdrücke, die bereits wahrgenommenWahrnehmung wurden, bestimmen (b) und aufgrund des Verbs kann sie diejenigen Bestimmungen im noch folgenden Teil der Äußerung erwarten, die für die Vorstellung nötig sind, zu der das Verb selbst instruiert (a). Durch diese ErwartungErwartungen kann die Ausdeutbarkeit der folgenden Ausdrücke eingeschränkt werden, denn ihre Deutung kann an den Erwartungen ausgerichtet werden, die das Verb hervorruft. Damit ist es der Interpretin möglich, über das Verb die meisten Äußerungsteile interpretativ zusammenzubinden. Es ist allerdings nicht so, dass die Interpretin ohne das (finite) Verb keine irgendwie kohärente Deutung zustandebringen könnte. Was das finite Verb leistet, ist zuverlässigHinweiszuverlässig zu instruieren und zur korrekten Interpretation zu instruieren. Es ist also für die Interpretin angezeigt, nahm zuverlässig als (finites) Verb zu erkennen.
Die Kriterien zur Abgrenzung von anderen WortartenWortart kann die Interpretin nicht allein aus dem Ausdruck selbst gewinnen. Ohne weitere Kenntnisse weiß sie nicht einmal, ob nahm ein Ausdruck, nur ein Teil eines Ausdrucks wie Entnahme oder Vereinnahmung ist oder es gar zwei Teile verschiedener Ausdrücke sind, wie in nah mit jemandem verwandt ist. Sie muss also über die Kenntnisse der WortbildungMorphologie und Flexion verfügen und von den Ausdrücken in der Umgebung auch bereits wissen, ob sie mit nahm einen Ausdruck bilden können oder nicht. Das läuft darauf hinaus, dass sie über diese Ausdrücke auch schon wissen muss, ob sie selbst Wörter oder bloß Wortteile sind. Weiß sie dann, dass nahm ein Wort ist, muss sie wissen, dass es auf eine bestimmte Weise flektiert werden kann und dass die Flexionsweise für Verben sich von derjenigen für Substantive und andere Wortarten darin unterscheidet, was sie jeweils instruktivinstruktive Leistungen leisten. Die Flexive sind auch eine Form von symbolischensymbolische Auslagerung Auslagerungen, die bestimmte vorstellungs- und handlungsbezogene Aspekte von Deutungen anzeigen, aber selbst keine Vorstellungsinhalte ausdrücken. Die Tatsache, dass in Sprachen symbolisch ein- und ausgelagert wird, gehört nicht zur Eigenstruktur einer Sprache, sondern aller Sprachen, aber es gehört sehr wohl zur einzelsprachlichen Eigenstruktur, mit welchen eigensprachlichen Mitteln welche Aspekte in welche Ausdruckstypen ein- und ausgelagert werden.
Die Kenntnisse über die morphologischenMorphologie Eigenschaften von Ausdrücken reichen aber immer noch nicht aus, um sie in jedem Fall als Substantive, Verben, Adjektive und so weiter zu erkennen. Wir können an der Form /'ʃpɪt͡sə/ mit all unserem morphologischen Know-howKnow-how nicht erkennen, ob es sich um ein Verb, ein Substantiv oder ein Adjektiv handelt. Um nahm als Verb zu erkennen, muss die Interpretin neben den verschiedenen morphologischen Formen, die der Ausdruck als Verb annehmen kann, also auch über die Kenntnis darüber verfügen, ob es beispielsweise gleichgestaltige Substantive oder Adjektive gibt. Für nahm kann sie das ausschließen, wenn sie die lexikalischen Lücken im Deutschen kennt, für Jünger kann sie es aber – wenn wir von den graphischen HinweisHinweisgraphischen absehen – nicht ausschließen. Bei Jünger beziehungsweise /'jʏŋɐ/ ist nicht klar, ob der Ausdruck zur Vorstellung eines Gegenstandes instruiert, dem religiöse Anhängerschaft zugeschrieben werden soll, oder dazu, sich einen Gegenstand als geringer im Alter (im Vergleich zu einem anderen) vorzustellen.3 Hier muss die Interpretin also andere Kriterien als morphologische heranziehen.
Hinweise erhält sie daraus, wie die einzelnen Ausdrücke mit ihren jeweiligen morphologischenMorphologie Formen in Äußerungen miteinander kombiniert sind und kombinierbar sind. Wenn wir in der geschriebenen Äußerung in (4), Da nahm der Jünger die Mutter Jesu zu sich …, das Substantiv Jünger durch das komparierte Adjektiv jünger ersetzen, erhalten wir eine Äußerung, die uns hinsichtlich ihrer Interpretierbarkeit verunsichert: Wenn wir davon ausgehen, dass der Schreiber die kodifizierten Regeln der Groß- und Kleinschreibung beherrscht, werden wir die Äußerung als fehlerhaft, als außerhalb dessen liegend betrachten, was in unserer Sprache möglich ist. Das verunsichert uns aber in anderer Weise als das, was in unserer Sprache möglich ist, was wir aber vielleicht dennoch nicht verstehenverstehen können: Farblose grüne Ideen schlafen wütend. Während wir auf letztere Äußerung hin zuverlässigHinweiszuverlässig sagen können, was in welcher Eventualität vorkommend vorgestellt werden soll, aber vielleicht nicht unbedingt, was wir daraufhin tun können, lässt uns die erste Äußerung mit dem Adjektiv jünger sowohl im Unklaren darüber, wasWas steht womit in welcher Beziehung? womit in welcher Beziehung stehend vorgestellt werden soll, als auch darüber, was wir daraufhin tun können. Die Äußerung instruiert im Unterschied zu der grüne Ideen-Äußerung eben nicht zuverlässig zu einer bestimmten Interpretation. Mit anderen Worten, eine Äußerung instruiert nicht einmal zuverlässig dazu, was vorgestellt werden soll, wenn die Interpretin nicht in der Lage ist, die WortartenWortart zu erkennen.
Ähnlich wie bei nahm verhält es sich bei der und die in der Äußerung in (4). Unsere Interpretin kann beispielsweise an den morphologischenMorphologie Formen der und die nicht erkennen, ob es sich dabei um Artikel oder Pronomen handelt. Auch unter Kenntnis der morphologischenMorphologie Paradigmen dieser Ausdrücke als Artikel oder Pronomen würde sie nicht dahinterkommen, da sich die Paradigmen gleichen. Ihre paradigmatischen Eigenschaften sind allerdings verschiedene. Wir können der Jünger und die Mutter Jesu durch d(ies)er beziehungsweise di(es)e ersetzen und erhalten einen Satz, der den Konventionen des neuhochdeutschen Standards entspricht: Da nahm d(ies)er di(es)e zu sich. Die Demonstrativpronomen verweisen aber, damit sich etwas unter ihnen vorgestellt werden kann, in den unmittelbaren Ko(n)text, aus dem die Gegenstände, die vorgestellt werden sollen, geholt werden müssen. (Im Falle von dies- sind es die nächsten vorangegangenen Gegenstände, die mit denselben P.N.G.-Spezifikationen ausgedrückt wurden.) Das ist anders bei bestimmten Artikeln, denen dieser Zeigecharakter in den unmittelbaren Ko(n)text fehlt.4 Ihre kohärenzstiftende Bestimmungsfunktion können die bestimmten Artikel ohne die Nennung des entsprechenden Gegenstandes nicht erfüllen. Ohne deren Nennung stünde die Interpretin wieder vor dem Problem, weder angeben zu können, was womit in welcher Beziehung steht, noch angeben zu können, welche HandlungsmöglichkeitenHandlung es ihr eröffnet.
Offensichtlich lassen sich Ausdrücke durch andere Ausdrücke an gleichen Stellen ersetzen, so wie wir Da durch Dann und nahm durch brachte ersetzen könnten. An dem Beispiel, dass der Jünger durch d(ies)er ersetzbar ist, zeigt sich aber, dass die Einheiten, die hier gegeneinander austauschbar sind, nicht unbedingt einzelne Ausdrücke, oder Wörter, sind, sondern auch Gruppen von Ausdrücken beziehungsweise Wortgruppen sein können. Da wäre beispielsweise auch austauschbar gegen Von jener Stunde an. Beide fungieren als adverbiale Bestimmungen und instruieren zur Herstellung von Kohärenz, aber nur Da kann der Wortart Adverb zugeordnet werden. Von jener Stunde an ist und enthält kein Adverb, wird aber wie eines, das heißt in der Funktion einer adverbialen Bestimmung, verwendet. Diese größeren Einheiten – ich werde sie Satzglieder nennen – könnten auch in unterschiedlicher ReihenfolgeReihenfolge geäußert werden, ohne dass sie dann zu einem anderen Vorstellungsinhalt instruieren würden, zum Beispiel Der Jünger nahm da die Mutter Jesu zu sich oder Zu sich nahm da der Jünger die Mutter Jesu oder Die Mutter Jesu nahm der Jünger da zu sich, aber wohl nicht *Der Jünger die Mutter Jesu nahm zu sich da. Die Satzglieder können unterschieden werden von den kleineren Einheiten, die die Satzglieder konstituieren, wie die, Mutter und Jesu, und auch unter diesen sind die möglichen ReihenfolgenReihenfolge geregelt, meist sogar strikter als unter den verschiedenen Satzgliedern. Der Jünger, die Mutter Jesu und zu sich gehören jeweils nur in dieser Reihenfolge zur Eigenstruktur des Deutschen, zumindest, wenn sie die gleichen Funktionen wie in der Äußerung in (4) erfüllen sollen.
Auch *das Jünger und *dem Mutter sind nicht zu erwarten. Substantive bringen im Satz spezifische P.K.N.G.-Spezifikationen mit. Bestimmte andere Ausdrücke müssen dieselben Spezifikationen auch aufweisen, wenn sie in determinierender oder attributiver Funktion mit den Substantiven zu einem Satzglied zusammengebunden werden sollen. Den Kasus haben ihnen Jünger beziehungsweise Mutter aber nur weitergereicht. In ihrem KasusKasus sind diese nämlich vom Verb abhängig. So entsprächen den Jüngern und der Mutter zwar den Anforderungen der P.K.N.G.-KongruenzKongruenz, aber mit *Da nahm den Jüngern der Mutter zu sich hätte es die Interpretin wieder nicht mit einer Instruktion zu tun, die zuverlässigHinweiszuverlässig zu einer bestimmten Interpretation anleitete. Der Gebrauch einer finiten Aktivform von nehmen ist konventionell an den Gebrauch eines Satzglieds im Nominativ – das Subjekt – und eines im Akkusativ – das direkte Objekt – gebunden und in der Interpretation löst die Wahrnehmung von nahm die ErwartungErwartung eben solcher formal spezifizierten Satzglieder aus. In Abbildung 6 schlägt sich dies darin nieder, dass nahm kraft seiner FlexionsformMorphologie bestimmende Funktion hat (b), aber dennoch ergänzungsbedürftig ist (a). Das setzt der Interpretation recht enge Grenzen. Diese formalen Anforderungen, die an den Gebrauch von Verben gebunden sind, sind ein Grund dafür, dass die Interpretin neben Jünger und Mutter nicht auch der und die als Pronomen sowie Jesu als mögliche Nehmer und Genommene für die Nehmen-Beziehung interpretieren wird, sondern der und die als Artikel statt als Demonstrativpronomen und Jesu als Attribut zu Jünger oder Mutter, da der Ausdruck im Genitiv steht und dadurch nicht die Bedingungen erfüllt, als Nehmer oder Genommenes zu fungieren.
Hinsichtlich der FormdependenzDependenz (b) kann über zu Ähnliches gesagt werden. Die Präposition ist konventionell an den Gebrauch einer Substantivgruppe im Dativ gebunden. Damit scheiden die Nichtdative der Jünger, die Mutter und Jesu als mögliche Ziele der Gerichtetheit aus. Da (‚dazu‘) und sich (‚zu sich‘) können aber ohne weitere Einschränkungen neben einem diskontinuierlichen der … Mutter (‚zu der Mutter‘) immer noch von zu bestimmt werden (b). Was seine Flexionsform betrifft, so kongruiertKongruenz das Verb mit dem im Nominativ stehenden Satzglied in Person und Numerus. In Kombination mit anderen verbbezogenen Spezifikationen wie der Diathese können die entsprechenden morphologischenMorphologie und syntaktischenReihenfolge HinweisHinweiseigenstrukturelle dazu benutzt werden, Subjekt- und Objektfunktionen und damit Nehmer und Genommenes zu unterscheiden. Die formalen Erfordernisse des Verbgebrauchs sind auch einer der Gründe, warum die Interpretin die diskontinuierlichen Elemente der und Mutter auf der einen Seite und die und Jünger auf der anderen Seite nicht jeweils als Satzglieder behandelt, also so, dass diese Artikel und diese Substantive jeweils Bestimmungen füreinander liefern. Der und Mutter und die und Jünger sind zwar in KasusKasus, Numerus und Genus kongruent, aber die Kasus sind nicht die, die zuverlässigHinweiszuverlässig zu einer korrekten Vorstellung des Nehmen-Ereignisses führen. Damit scheidet auch der … Mutter als Objekt zu zu aus.
Mit der Kenntnis der WortartenWortart, der Wortbildung und der FlexionMorphologie, der Satzglieder, der Kasusbestimmung, der Kongruenz und den formalen DependenzbeziehungenDependenz kommt die Interpretin einer erfolgreichen Interpretation schon näher. Sie kann jetzt wissen, zu welcher komplexen Vorstellung nahm der Jünger die Mutter sie instruiert, weil sie die einzelnen Ausdrücke, ihre Formen und ihre Beziehungen untereinander so interpretieren kann, dass sie die Leistungen erbringen, die ihnen in Abbildung 6 auch tatsächlich zugeordnet wurden.
Sie kann aber die restlichen Ausdrücke, Da, Jesu, zu und sich, noch nicht zuverlässig unterbringen. Dass sie das nicht kann, hängt daran, dass sie einen wichtigen Faktor der sprachlichen Eigenstrukturiertheit noch nicht kennt, nämlich, dass die Kombinierbarkeit von Äußerungsteilen nicht nur durch Wortarten und morphologische Marker sowie deren kombinatorische Erfordernisse geregelt ist, sondern auch durch die relative Position von Ausdrücken in der Äußerung. Weder aus den jeweiligen morphologischen Formen, noch aus den Wortarten der beteiligten Ausdrücke und den kombinatorischen Erfordernissen von beiden folgt, dass mit zu kein Präpositionalattribut eingeleitet wird, dass mit Jesu kein Genitivattribut zu Jünger ausgedrückt wird, dass mit der nicht der Artikel zu Mutter gemeint ist, dass mit Da nicht der adverbiale Teil einer gespaltenen (präpositional-)adverbiellen Bestimmung Dazu realisiert ist, dass mit Da nicht bloß der Jünger oder die Mutter Jesu im Kontext geerdet werden und so weiter. Mit relativer Position sind entweder die relativen räumlichen oder die relativen zeitlichen Positionen von Einheiten in einer geschriebenen beziehungsweise gesprochenen Äußerung gemeint.
Die erforderlichen Kenntnisse bestehen darin, dass die Interpretin wissen muss, worauf das, wozu ein Ausdruck oder Ausdrucksteil instruiert, anwendbar ist. Das Worauf kann wiederum aus Einheiten verschiedener Größe und verschiedener Funktion bestehen. Die P.K.N.G.-Spezifikationen, die, wie man vielleicht sagen könnte, im -er-Bestandteil von der sitzen, können die Wortgrenze von der nicht überschreiten und etwa auf den d-Bestandteil von die angewendet werden. Ebenso darf Da nicht durch bestimmte Elemente von dem Satzglied der Jünger getrennt sein, ohne seine Zugehörigkeit zu diesem Satzglied und seine erdende Funktion für den Jüngergegenstand einzubüßen. Da der Jünger oder der Jünger da sind zwar denkbar, aber in Da nahm der Jünger … wäre Da nicht mehr mit der Jünger als Satzglied integrierbar. Dagegen wäre es in Da hinten der Jünger noch möglich. Es spielt also eine Rolle, welche Ausdrücke zwischen den Ausdrücken stehen, für die wir uns fragen, ob sie Leistungen füreinander erbringen oder nicht. Ebenso darf nichts zwischen einem Substantiv und seinem Genitivattribut stehen, so dass Jesu wohl von keinem deutschen Muttersprachler auf Jünger bezogen werden kann.
Wie verhält es sich mit zu und sich? Die positionalen Regelungen würden es ermöglichen, Da und zu als gespaltene (präpositional-)adverbielle Bestimmung zu interpretieren, im Sinne von ‚Der Jünger nahm die Mutter Jesu dazu‘, aber dann bliebe sich übrig. Diesen Ausdruck könnte die Interpretin aber versuchen, als Reflexivpronomen unterzubringen im Sinne von ‚Der Jünger nahm sich die Mutter Jesu dazu‘. Instruiert die Äußerung in (4), Da nahm der Jünger die Mutter Jesu zu sich, zu dieser Deutung? Wohl eher nicht. Dass sowohl das Objekt als auch der präpositionale Teil des Präpositionaladverbs zwischen nahm und sich stehen, scheint eine solche Interpretation auszuschließen.5
Schon am Beispiel der neuhochdeutschen Äußerung in (4) sehen wir also, was dieser letztgenannte Aspekt der sprachlichen Eigenstruktur – die Regelung, welche bestimmungsbedürftigen Elemente auf welche bestimmenden Elemente in Abhängigkeit von ihrer jeweiligen Position beziehbar sind – für die Interpretation leistet: Er verhindert, dass die Interpretin naheliegende, aber nicht beabsichtigte Bestimmungen an den Ausdrucksteilen und Ausdrücken vornimmt. Welche Regelungen das im Einzelnen sind, kann hier nicht diskutiert werden.6 Da es einzelsprachliche Eigenstrukturen sind, unterscheiden sie sich, wenn auch nicht in zufälliger Weise, von Sprach(stuf)eSprach(stuf)e zu Sprach(stuf)e. Um diesen Punkt aber wenigstens kurz zu illustrieren, schauen wir auf die mittelenglische Übertragung von Johannes 19, 27.

Um sich unter fro etwas vorstellen zu können, muss sich eine Interpretin hier mindestens einen Gegenstand vorstellen, der den Ausgangspunkt der zeitlichen Gerichtetheit darstellt, die durch fro ausgedrückt wird (a). Umgekehrt bestimmt fro die Art und Weise, wie diese Gerichtetheit vorgestellt werden soll, indem es einen Objektkasus für diesen Gegenstand bestimmt (b). Sowohl that, als auch (that) our, als auch (the) disciple, hir und (his) modir erfüllen diese Forderung. Dieselben Ausdrücke erfüllen daneben auch die Forderungen von in und to. Auf der anderen Seite bestimmt took durch seinen flexivischen Bestandteil, wie die Nehmen-Beziehung vorgestellt werden soll, indem es für Nehmer-Ausdruck die 3. Person Singular und den Nominativ sowie für den Genommenen-Ausdruck einen Objektskasus bestimmt. Als Nehmer kommen damit in Frage that, (that) our, (the) disciple und (his) modir, als Genommenes that, (that) our, (the) disciple, hir und (his) modir. Mit anderen Worten, fast alle Ausdrücke, die prinzipiell Gegenstände bezeichnen können, können fast alle vorstellungsmäßig offenen Eventualitätsausdrücke schließen! Bezüglich der Frage, was womit in welcher Beziehung steht, kann die Interpretin lediglich ausschließen, dass sie sich unter hir die Nehmerin vorstellen soll. In der mittelenglischenMittelenglisch Äußerung gibt es anders als im neuhochdeutschen Beispiel in (4) kaum aussagekräftige K.N.G.-Spezifikationen. Dieser Teil der sprachlichen Eigenstruktur – KasusKasus und KongruenzKongruenz – kann aber zuverlässigHinweiszuverlässig regeln, dass sich eine Interpretin die Eventualität auf die korrekte Art und Weise vorstellt, sie also sicher erkennen kann, was womit in welcherWas steht womit in welcher Beziehung? Beziehung steht. Mit diesen Mitteln kommt eine Interpretin im NeuhochdeutschenNeuhochdeutsch weiter als ihre Schicksalsgenossin im Mittelenglischen (und im modernen StandardenglischenNeuenglisch).
Der andere Aspekt der sprachlichen Eigenstruktur – positionale oder ReihenfolgeregelungenReihenfolge – spielt dagegen im MittelenglischenMittelenglisch und in der darauffolgenden Sprachgeschichte des Englischen anscheinend eine besonders große Rolle dabei, zuverlässig zur korrekten Interpretation zu instruieren und Interpretinnen Äußerungen auch regelmäßig verstehen zu lassen. Diese Regelungen scheinen im Mittelenglischen in viel stärkerem Maße als noch im AltenglischenAltenglisch und in allen Sprachstufen und Dialekten des Deutschen die relativen Positionen der vom Verb abhängigen Satzglieder zu erfassen. Gemeinhin wird angenommen, dass im späteren Mittelenglischen der überarbeiteten BibelübersetzungWycliffe-Bibel vom Team Wycliffe das Subjekt fast immer an seiner Position relativ zum finiten Verb und dem Objekt erkannt werden kann.7 Dies soll sogar dann gelten, wenn Kasus- und Kongruenzspezifikationen bereits zuverlässigHinweiszuverlässig instruieren, wie in Äußerung (6). Eine alternative mittelenglische Äußerung wie And fro that our hir took the disciple in to his modir sollte also bei Wycliffe höchstwahrscheinlich nicht zu finden sein, obwohl für hir bereits ausgeschlossen ist, dass es das Subjekt ist. Dagegen scheint es im MittelhochdeutschenMittelhochdeutsch problemlos möglich zu sein, die Positionen von Subjekt und Objekt zu tauschen, wie die Übertragung desselben Verses durch Matthias von Beheim zeigt.

WasWas steht womit in welcher Beziehung? womit in welcher Beziehung steht, würde eine Interpretin in der mittelhochdeutschen Äußerung also nur an den morphologischenMorphologie Formen und nicht an der SatzgliedreihenfolgeReihenfolge erkennen, während es eine Interpretin der entsprechenden mittelenglischen Äußerung sowohl an den relativen Positionen der Elemente – Subjekt, finites Verb, Objekt – als auch an dem KasusKasus von hir erkennen würde. In vielen anderen mittelenglischen Äußerungen würde sie es mutmaßlich nur an der ReihenfolgeReihenfolge erkennen.
Sollen wir daraus schließen, dass für eine Interpretin die positionalen Regelungen die zuverlässigen eigenstrukturellen HinweiseHinweiszuverlässig darauf sind, was womit in welcher Beziehung steht, wenn die Kasus- und Kongruenzverhältnisse nicht aussagekräftig sind – wie anscheinend im Mittelenglischen? Aber warum gelten die positionalen Regelungen dann immer noch, wenn die Kasus- und Kongruenzverhältnisse eindeutigeindeutig sind? Sollen wir schließen, dass positionale Regelungen keine funktionsanzeigenden eigenstrukturellen HinweiseHinweiseigenstrukturell sind, wenn die Kasus- und Kongruenzverhältnisse aussagekräftig sind – wie im MittelhochdeutschenMittelhochdeutsch? Oder sollen wir schließen, dass KasusKasus und KongruenzKongruenz immer zuverlässige HinweiseHinweiszuverlässig sind und dass positionale Regelungen zuverlässige Hinweise sein können, aber nicht müssen? Ich werde diese Fragen weiter in diesem Buch zu beantworten versuchen.
2.2.5 Die Funktion eigenstrukturellen „Know-howKnow-hows“
Obwohl wir uns mit dem Vers Johannes 19, 27 bisher nur ein einziges Ereignis beziehungsweise seine sprachliche Entäußerung angeschaut haben, sind wir einen recht langen Weg gegangen, um herauszustellen, über welche Kenntnisse eine Interpretin verfügen muss, um aus einer gesprochenen oder geschriebenen Äußerung zu einer komplexen VorstellungVorstellung von diesem Ereignis zu gelangen. Diese Vorstellung sollte in den pertinentenPertinenz Aspekten – WasWas steht womit in welcher Beziehung? steht womit in welcher Beziehung? – mit derjenigen des Produzenten der Äußerung geteilt werden. Dabei hat sich gezeigt, dass eine Interpretin entscheidend auf die Kenntnis der sprachlichen Eigenstruktur angewiesen ist. Es könnte zwar sein, dass sie allein mit ihren vorsprachlichen interpretativen Fähigkeiten, ihren Vorstellungsfähigkeiten und der Einsicht in die symbolischesymbolische Auslagerung Auslagerung die Beziehungen zwischen den Vorstellungen und Vorstellungsteilen in der Äußerung in (4) erfolgreich interpretiert, doch die vorangegangenen Ausführungen sollten gezeigt haben, dass dies ohne die Kenntnisse der sprachlichen Eigenstruktur ein großer Zufall wäre. Die Interpretin könnte keine hinreichenden Kriterien angeben, warum diese Interpretation und keine andere die korrekte sein sollte. Wenn das Verstehenverstehen nicht regelmäßig gelingt, können wir bei ihr nicht von einer Fähigkeit sprechen, sprachliche Äußerungen zu verstehen.
Die Kenntnis der sprachlichen Eigenstruktur spielt insofern eine herausragende Rolle für diese Fähigkeit, als sie Verlässlichkeit für die Interpretation herstellt. Die folgenden sind die wichtigsten eigenstrukturellen HinweiseHinweiseigenstrukturell in einer öffentlichen Entäußerung von Vorstellungen, damit eine Sprachbenutzerin zuverlässigHinweiszuverlässig zu deren korrekter Interpretation gelangen kann:
WortkategorienWortart
KasusKasus- und KongruenzmorphologieKongruenzMorphologie
ReihenfolgeReihenfolge (Kombinierbarkeit und relative Positionen)
Der Wert sprachlicher Eigenstrukturen lässt sich noch von einer anderen Seite her erhellen. Der Schreiber unserer Äußerung in (4) hatte eine bestimmte Vorstellung des entsprechenden Ereignisses. Für ihn, in seiner Vorstellungswelt, war völlig klar, wasWas steht womit in welcher Beziehung? womit in welcher Beziehung steht. Wir sahen, dass diese Klarheit und Bestimmtheit durch die Entäußerung dieser Vorstellung verloren geht, was ich auf die TreueTreue (vs. Sparsamkeit)- und SparsamkeitszwängeSparsamkeit (vs. Treue) zurückführte, denen das öffentliche Verkehrsmittel Sprache ausgesetzt ist. In den symbolischensymbolische Auslagerung Auslagerungen identifizierte ich eine Kompromisslösung für diese Zwänge der Öffentlichkeit. Sie führen zu DependenzbeziehungenDependenz zwischen Ausdrücken und sogar zwischen Ausdrucksteilen. Die Einheit, die eine Auslagerung eines Aspektes aus einer Vorstellung symbolisiert, ist dann abhängig von der Einheit, aus der dieser Aspekt ausgelagert wurde. Für die Beziehungen in unserem Beispielsatz habe ich dies so ausgedrückt, dass die Auslagerungen offen, unbestimmt oder ergänzungsbedürftig sind und durch andere Elemente geschlossen, bestimmt beziehungsweise ergänzt werden müssen. Dies ist, was die Ebene „Vorstellen von etwas“ in Abbildung 6 illustriert. Wir sahen aber ebenfalls, dass eine Interpretin nur mit der Kenntnis der WortartenWortart identifizieren kann, welcher Ausdruck überhaupt ein Etwas und welcher nur einen Aspekt von einem Etwas bezeichnet, also welche Ausdrücke oder Ausdrucksteile überhaupt Auslagerungen darstellen. Das galt selbst dann, wenn die Ausdrücke in der Äußerung schon unabhängig von den Wortarten Vorstellungen in der Interpretin hervorrufen.
Vor allem anhand ihrer Kenntnis der kasusKasus- und kongruenzmorphologischenKongruenz, kombinatorischen und positionsbezogenen Eigenstruktur kann sie dann identifizieren, welche Ausdrücke oder Ausdrucksteile mit welchen anderen in einer Auslagerungsbeziehung stehen und welche qualitativen Beziehungen zwischen ihnen bestehen. Die Tatsache, dass mehrere Ausdrücke in einem Satz jeweils mehrere Auslagerungen haben können, führt dazu, dass diese Ausdrücke und ihre Auslagerungen nicht immer direkt nebeneinander stehen können. So interveniert beispielsweise der zwischen nahm und Jünger, aber sowohl der als auch nahm sind beide Auslagerungen aus dem Jüngergegenstand. Die Vorstellung zu zu ist ergänzungsbedürftig unter anderem durch die Vorstellung zu nahm, doch dazwischen stehen der, Jünger, die, Mutter und Jesu. Dieses Geflecht von Beziehungen zwischen verschiedenen Einheiten, die zudem zu größeren Einheiten zusammengebunden werden können und auf den verschiedenen Ebenen Beziehungen miteinander eingehen können, bringen das Bezugsproblem hervor, nämlich zu bestimmen, was eine Auslagerung wovon ist.
Diese Verhältnisse sind in Abbildung 6 in dem Überbau über der Äußerung, das heißt auf den Ebenen (b) bis (e) dargestellt. Die Überstrukturiertheit der sprachlichen Eigenstruktur war daran erkennbar, dass wir die Wortarten, die uns vor allem anzeigen, was wir uns vorstellen sollen (a), nicht ohne Bezug auf die anderen Aspekte der Eigenstruktur identifizieren können, die ihre Leistungen für eine Interpretin vor allem auf den anderen Ebenen erbringen ((b) bis (e)). Umgekehrt können wir diese anderen instruktiveninstruktive MittelWortart Mittel nicht ohne die Kenntnis der Wortarten gebrauchen.
2.2.6 Die Zeitlichkeit des Interpretierens und wechselseitige Vorhersagbarkeit
Wenn wir uns die Abhängigkeiten auf der Ebene „Vorstellen der Art und Weise“ (b) sowie die Abhängigkeitsrichtungen auf dieser Ebene anschauen, könnten wir uns fragen, warum nahm Formaspekte von der Jünger und die Mutter bestimmt und warum nicht umgekehrt diese Bestimmung von der Jünger und die Mutter zu nahm verläuft. Für die umgekehrte Bestimmungsrichtung spricht beispielsweise, dass nahm, aber nicht gefiel erfolgreich vorhergesagt werden kann, wenn ein Satzglied im Nominativ und eines im Akkusativ gegeben sind. Das Kriterium, das für nahm als das bestimmende Element spricht, ist aber, wie viel wie zuverlässigHinweiszuverlässig wechselseitig vorhergesagt werden kann. Eine finite, aktivische Form des Verbs nehmen erlaubt eine ziemlich zuverlässige VorhersageVorhersage eines Satzglieds im Nominativ und eines im Akkusativ. Der Jünger und die Mutter erlauben zwar zunächst einmal gemeinsam und als Satzglieder auch die zuverlässige Vorhersage eines finiten Verbs. Aber erstens ist dieses Verb nicht zuverlässig aktivisch. Wir können dabei an Da bekam der Jünger die Mutter Jesu überantwortet denken. Zweitens wüssten wir ohne weitere Informationen nicht einmal, dass es sich bei der Jünger und die Mutter überhaupt um Satzglieder und nicht um Satzgliedteile handelt. Drittens habe ich unterschieden, ob wir die Abhängigkeiten beziehungsweise Bestimmungen prozessual oder nicht prozessual betrachten. In gesprochenen Äußerungen haben wir nicht die komplette Äußerung von Anfang an vor uns, sondern wir hängen an den Lippen des artikulierenden Sprechers, während dieser sie erst hervorbringt. Im Vergleich zu unserer mühelosen und blitzschnellen auditiven WahrnehmungWahrnehmung ist die Artikulation mühevoll und langsam. Beim Hören und Interpretieren warten wir nicht mit unserer Interpretation, bis die Äußerung beendet ist, sondern wir konstruieren inkrementell, oder onlineOnline-Betrachtungsweise, eine Interpretation auf Basis des bereits Gehörten und generieren VorhersagenVorhersage über das, was noch kommen mag.1 Diese VorhersagenVorhersage betreffen auch Kategorien der sprachlichen Eigenstruktur wie WortartenWortart, morphologischeMorphologie Formen und Satzglieder. (Inhaltliche ErwartungErwartungen lasse ich hier noch außer Acht.) Bei geschriebenen Äußerungen verhält es sich prinzipiell ähnlich, wir können aber mit unseren visuellen Fixationen in der Äußerung hin- und zurückspringen. Unter diesen prozessualen Vorzeichen können wir sehen, dass in gewisser Weise jede vorhergesagte Einheit abhängig von der Einheit ist, auf deren Basis die VorhersageVorhersage getätigt wurde: In der Onlineinterpretation von nahm in (4) führt die Interpretation an der Stelle dieses Ausdrucks zu der Vorhersage eines Satzglieds der 1. oder 3. Person Singular im Nominativ und eines Satzglieds im Akkusativ. Wäre die Äußerung aber ein Nebensatz und nahm stünde am Ende, würde die Interpretin der Jünger zuerst interpretieren und ein finites Verb vorhersagen, das die Form der 3. Person Singular aufweist. An der Stelle die Mutter Jesu könnte sie vielleicht sogar zusätzlich ein aktivisches transitives Verb vorhersagen. Die Abhängigkeitsrichtung zwischen zwei Ausdrücken wäre dann immer abhängig von der ReihenfolgeReihenfolge, in der sie auftreten.
Die Abhängigkeiten in Abbildung 6 sind nicht in diesem Sinne zu verstehen, sondern stellen OfflineabhängigkeitenOffline-Betrachtungsweise dar. Lassen sich nicht prozessuale Abhängigkeiten überhaupt rechtfertigen? Ich denke ja, nämlich indem man in einem Abhängigkeitsverhältnis den besseren Prädiktor zum bestimmenden Element macht. Denn unabhängig davon, ob der Jünger oder nahm zuerst interpretiert wird, kann die Interpretin auf Basis des einen die Form des anderen effektiver vorhersagen, eher erwartenErwartung als umgekehrt. Auf Basis von nahm sagt sie genau zwei Satzglieder mit bestimmten morphologischenMorphologie Formen vorher. Sie wird sich aber hüten, auf Basis von der Jünger ein transitives, aktivisches Verb vorherzusagen. Sie wird das nicht tun, weil die Wahrscheinlichkeit, von der wirklichen Fortführung enttäuscht zu werden, groß ist. Auf der Jünger könnte einfach ein intransitives Verb folgen. Und diese Enttäuschung kostet sie etwas, nämlich Aufwand und Zeit: den Aufwand, eine VorhersageVorhersage überhaupt erst zu machen, den Aufwand, das, was wirklich gekommen ist, anders in ihre Vorstellung einzubauen, als sie es erwartet hat, und die Zeit, dies alles zu tun. Wenn die Interpretin auch die Mutter Jesu wahrgenommen und interpretiert hat, kann sie zwar einen Verbtypen und eine Verbform vorhersagen, denen nahm tatsächlich entspricht. Aber zuverlässig ist das noch immer nicht, denn es könnte ja auch noch ein Satzglied im Dativ auftreten, wodurch sich die Vorhersage womöglich erneut ändern würde. In nahm ist also in weniger Zeit auf weniger Raum zuverlässigereHinweiszuverlässig pertinentePertinenz Information über andere Äußerungsbestandteile verdichtet als umgekehrt. Das werden wir auch noch bei den inhaltlichen Erwägungen sehen.
2.3 Die Leistungsgrenzen der sprachlichen Eigenstruktur: Mehrdeutigkeitmehrdeutig
2.3.1 Grenzen der SprachkonventionenKonvention: eigenstrukturell vermittelte Mehrdeutigkeiten
Wir haben gesehen, wie sprachliche Konventionen der Ausdeutbarkeit von Äußerungen Grenzen setzen und mit welchen theoretischen Hilfsmitteln dies beschreibbar ist: WortkategorienWortart, KasusKasus- und KongruenzmorphologieKongruenzMorphologie und ReihenfolgeregelungenReihenfolge.
Nun müssen die eigensprachlichen Regelungen nicht dazu hinreichen, dass eine Interpretin sie nur auf eine Weise interpretieren kann. Dies hat bereits unser hochalemannischer Beispielsatz (1) vom Anfang gezeigt: Und vo säbere Stund aa hät si de Jünger zue sich gnaa. Ich war ja davon ausgegangen, dass unsere hochalemannische Interpretin – in Kenntnis der Eigenstrukturen des ZürichdeutschenHochalemannisch – in dieser Äußerung si als Nehmerin und de Jünger als Genommenen interpretiert hat, also nicht im Sinne des Schreibers dieser Äußerung. Diese Beobachtung hatte uns erst auf die sprachlichen Konventionen verwiesen, die Äußerungen wenn nicht eindeutigeindeutig, so doch erheblich weniger mehrdeutig machen können.
Wie viel sprachlich vermittelte Mehrdeutigkeit die englischen und deutschen Sprach(stuf)en tatsächlich zulassen, auch wenn ihre Eigenstrukturen berücksichtigt werden, überprüfe ich später detailliert. Hier möchte ich darauf hinweisen, dass sprachliche Äußerungen in seltenen Fällen zu einem erstaunlich hohen Grad verschiedenartig ausdeutbar sind, obwohl sie allen eigenstrukturellen Vorgaben entsprechen. In diesem Zusammenhang werde ich einige Unterscheidungen bezüglich solcher Mehrdeutigkeiten einführen.
Besonders ein (geschriebener) englischer Satz hat in der Forschung zur Verarbeitung natürlicher Sprache einige Berühmtheit erlangt. In dieser Forschungsrichtung versucht man mit computerprogrammierten Parsern die menschliche Sprachverstehenstätigkeitverstehen nachzubilden, indem man ihnen die Eigenstrukturen einer Sprache sozusagen einprogrammiert.

Der Satz mag recht unauffällig anmuten. Die Interpretation, derzufolge die Zeit wie ein Pfeil fliegt, kommt einem leicht in den Sinn, auch wenn sie die Vorstellungskraft durchaus ein wenig herausfordert. Ein früher Parser, dem man das menschliche eigensprachliche Know-howKnow-how des Englischen als Do-that einprogrammierte und der diesen Satz daraufhin analysierte, hat nun allerdings gezeigt, dass eine Interpretin, die diese Regeln der englischen Grammatik befolgt, unter anderem die folgenden Deutungen für die Äußerung vornehmen könnte:1
1 ‚Zeit fliegt (auf die gleiche Weise,) wie ein Pfeil (fliegt).‘
2 ‚Zeitfliegen mögen einen Pfeil.‘
3 ‚Stoppe (mit einer Stoppuhr) Fliegen (auf die gleiche Weise,) wie (du) einen Pfeil (stoppst).‘
4 ‚Stoppe (mit einer Stoppuhr) Fliegen (auf die gleiche Weise,) wie ein Pfeil (Fliegen mit einer Stoppuhr stoppt).‘
5 ‚Stoppe (mit einer Stoppuhr solche) Fliegen (, die in bestimmten Hinsichten) wie ein Pfeil (sind).‘
Ich ergänze noch zwei weitere, die ich einem amerikanisch-englischen Kollegen erst nach einer Common Sense-Gehirnwäsche abringen konnte.2
1 ‚Time Flüge (auf die gleiche Weise,) wie ein Pfeil (Flüge timet).‘
2 ‚Time Flüge (, die in bestimmten Hinsichten) wie ein Pfeil (sind).‘
Nach erneuter Prüfung der Äußerung wird man zugeben müssen: Ja, es stimmt. Man kann das so interpretieren. Einige Interpretationen mögen unsinnig klingen, aber wir können uns Welten vorstellen, in denen sie sinnvoll sind. Zudem kommt man sehr schnell in Schwierigkeiten, wenn man Kriterien dafür angeben sollte, warum Interpretation (a.), die bereits einige Anforderungen an unsere Vorstellungskraft stellt, eine sinnvolle Interpretation ist, die anderen aber nicht. Und an Interpretationen wie (h.), (i.) und (j.) unten, die den Konventionen des Englischen nicht entsprechen, lässt sich auch leicht ersehen, dass sich regelkonforme von nonkonformen Interpretationen deutlich unterscheiden und das interpretative Erweckungserlebnis bei ihnen ausbleibt.
1 *‚Ein Pfeil stoppt (mit einer Stoppuhr,) wie Fliegen (mit einer Stoppuhr stoppen).‘
2 *‚Fliegenzeit mag einen Pfeil.‘
3 *‚Einer stoppt, fliegt und mag Pfeile.‘
Der Satz eignet sich gut, um einige Typen von sprachlich vermittelter Mehrdeutigkeit voneinander abzugrenzen. Dazu muss ich Bezug auf spezifisch sprachliche Kategorien nehmen.
Zunächst einmal sind verschiedene Ausdrücke in dem Satz Vertreter verschiedener WortkategorienWortart.3 Time kann sowohl als Substantiv wie in (a.) als auch als Verb wie in (c.) bis (g.) interpretiert werden. Insofern ist der Ausdruck kategorial mehrdeutigmehrdeutigkategorial. Auch flies und like sind kategorial mehrdeutig. Während flies ebenfalls ein Substantiv wie in (b.) bis (g.) und ein Verb wie in (a.) repräsentieren kann, kann like ein Verb wie in (b.) darstellen, etwas anderes in (e.) und (g.) und möglicherweise noch etwas anderes in den restlichen Lesarten.4
Aber auch innerhalb der Kategorie Verb sind Time und like offensichtlich mehrdeutig. Sie können als Infinitiv, Imperativ und jede Indikativ Präsens Aktiv-Form außer der 3. Person Singular und als jede Konjunktiv Präsens-Form gebraucht werden. Das macht sie als Verben zusätzlich morphologischMorphologie mehrdeutigmehrdeutigmorphologisch.
Die Lesart (b.) mit den Zeitfliegen wird dadurch möglich, dass im Englischen solche Nomen-Nomen-Komposita graphisch nicht von Kombinationen aus finiten Verben plus Satzglied, wie in den restlichen Lesarten, unterscheidbar sein müssen. Hierbei haben wir es also mit einer kombinatorischen, genauer mit einer Kompositamehrdeutigkeitmehrdeutigkomposita- zu tun.5
Hinzu kommt, dass beispielsweise Time als Verb lexikalisch mehrdeutigmehrdeutiglexikalisch ist. Mit dem Ausdruck bezeichnet man das Stoppen von Zeit, aber auch das Wählen eines Zeitpunkts für das Stattfinden irgendeiner Eventualität. Im Deutschen ist der Ausdruck umgangssprachlich ebenfalls als timen bekannt. Sofern flies mit einem Eventualitätsnomen im Sinne von ‚Flüge‘ bezeichnet werden kann, entstehen zwei weitere Lesarten. Daraus ergeben sich die Lesarten (f.) und (g.).
Diese Mehrdeutigkeiten auf der kategorialen, morphologischen, lexikalischen und kombinatorischen Ebene reichen aus, um verschiedene Interpretationen für die Äußerung als Ganze nach sich zu ziehen. Sowohl Time als auch time flies können als Subjekt interpretiert werden, womit einhergeht, dass in ersterem Fall flies und in letzterem Fall like das Verb ist. Oder das Subjekt ist als Subjekt eines Imperativs Time nicht ausgedrückt, dann fungiert flies als grammatisches Objekt.
Die Mehrdeutigkeit zwischen (a.), (c.), (d.) und (f.) lebt auch davon, dass sich in like an arrow potentiell ganze Eventualitäten verbergen, die ausdrucksseitig um das Verb und eines der beiden Satzglieder reduziert sind, wie die Klammersetzungen in den Paraphrasen deutlich machen.6
Dies sind einige der Interpretationen, die selbst unter Berücksichtigung der eigenstrukturellen Konventionen des Englischen möglich sind. Daneben existieren noch weitere Mehrdeutigkeiten, die die Prämissen des Experiments oder die Eigenstrukturen des Englischen aber überstrapazieren würden: Wenn wir annähmen, (8) müsste kein Satz sein, könnten wir das Ganze als eine komplexe Substantivgruppe ‚Zeitfliegen (, die in bestimmten Hinsichten) wie ein Pfeil (sind)‘ interpretieren. Guess what I saw yesterday: Time flies like an arrow.
Daneben ist like noch stärker kategorial mehrdeutig als angedeutet, denn der Ausdruck kann auch als Nomen (‚Ähnliches‘, ‚Gleichartiges‘) und Adjektiv fungieren. Ähnliches gilt für arrow, das auch als Verb verwendet werden kann (zum Beispiel ‚einen Pfeil abschießen‘). Diese Mehrdeutigkeiten sind aber im Kotext der Äußerung (8) wohl nicht auszumachen.
Die Äußerung stellt insofern eine Besonderheit dar, als sie eine sehr hohe Quote an kategorial mehrdeutigen Ausdrücken aufweist und zugleich ko(n)textlos präsentiert ist. Beides ist bei den neutestamentlichen Äußerungen, die ich untersuchen werde, nicht der Fall. Daher sollen kategoriale, lexikalische und Kompositamehrdeutigkeiten auch nicht im Mittelpunkt unseres Interesses stehen. Ich hätte oben, als es darum ging, eine Interpretation für die Interpretin von Äußerung (4) zu erarbeiten, beispielsweise auch darauf hinweisen können, dass Mutter lexikalisch mehrdeutig ist. Aus Gründen der Übersichtlichkeit habe ich darauf verzichtet. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass die Interpretin weiß, dass der Jünger die Mutter nicht zum Schrauben mitgenommen hat.
Die für Äußerung (8) ermittelten Mehrdeutigkeiten bereiten Interpretinnen Schwierigkeiten, wenn es darum geht, erst einmal herauszufinden, was ein Etwas ist. Uns interessiert der etwas spätere Schritt, bei dem Interpretinnen ermitteln müssen, welches bereits ermittelte Etwas mit welchem anderen Etwas inWas steht womit in welcher Beziehung? welcher Beziehung steht, also beispielsweise, ob der Jünger oder die Mutter Jesu in unserer Äußerung in (4) Subjekt und Nehmer(in) beziehungsweise Objekt und Genommene(r) ist. Die Arten von sprachlich vermittelten Mehrdeutigkeitenmehrdeutigsyntaktische Funktionen, die dafür eine zentrale Rolle spielen, sind entsprechend andere, nämlich solche bezüglich syntaktischer Funktionen wie Subjekt und Objektmehrdeutigsyntaktische Funktionenet passim und semantischermehrdeutigsemantische Rollen Rollenmehrdeutigsemantische Rollenet passim wie Nehmer und Genommenes, oder allgemeiner, AgensAgens und PatiensPatiens. Auch diese Mehrdeutigkeiten sind bisweilen auszumachen, wenn eine Äußerung allen eigenstrukturellen Regelungen einer Sprache entspricht. Unsere hochalemannische Äußerung (1) aus Kapitel 1 illustriert genau einen solchen Fall. Sie ist hier im Vergleich zur neuhochdeutschen Äußerung (4) aufgeführt, die uns bis hierhin durch dieses Kapitel begleitet hat.


Mit den gleichen eigenstrukturellen Mitteln, mit denen ich gezeigt habe, dass die neuhochdeutscheNeuhochdeutsch Äußerung eindeutigeindeutig ist, lässt sich auch zeigen, dass die hochalemannischeHochalemannisch Äußerung (mindestens) zweideutig ist. Mit den Worten von vorhin ausgedrückt, können wir sagen, dass die Eigenstruktur hier nicht verhindert, dass die Interpretin naheliegende, aber nicht beabsichtigte Bestimmungen an den Ausdrücken und Ausdrucksteilen vornimmt. Wenn ich die Bestimmungen wieder mithilfe eines Strukturschemas darstelle, erhalten wir daher zwei verschiedene Strukturschemata für dieselbe Äußerung.
Abbildung 7 zeigt im relevanten Ausschnitt die Struktur der ersten möglichen Interpretation, diejenige, die der Schreiber auch kommunizieren wollte: Der Jünger hat sie, die Mutter, zu sich, dem Jünger, genommen.
Abb. 7:
Die Funktion sprachlicher Ausdrücke für die intendierte Interpretation am Beispiel von „(Und vo säbere Stund aa) hät si de Jünger zue sich gnaa“
Welchen DeutungsroutinenRoutine, Routinisierung ist die Interpretin hier gefolgt und durch welche eigenstrukturellen Leistungen ist sie bei dieser Interpretation angelangt? Als ersten kritischen Hinweis findet die Interpretin zunächst hät. Als finites aktivisches Auxiliar tut es für die Art und Weise, wie sich die Eventualität vorgestellt wird, wenig mehr als ein Satzglied im Nominativ zu fordern, das als Subjekt fungiert. Dieses findet die Interpretin in de Jünger. Durch Jünger wird das Auxiliar in seinen P.N.-Spezifikationen bestimmt. Die Interpretin weiß nun, dass der Jünger der Habende ist. Als Auxiliar bestimmt hät auch die Form des Passivpartizips Perfekt (PPP) für das Vollverb. Das Vollverb wiederum bestimmt ein Satzglied im Akkusativ, das als Objekt fungiert. Dieses findet die Interpretin in si. Zusammengenommen erlaubt dies der Interpretin, eine Aktivdiathese für den gesamten Komplex anzunehmen, so dass sie si als PatiensPatiens und de Jünger als AgensAgens identifizieren kann. Der Jünger ist also ein sie-zu-sich-genommen-Habender.7 In dieser Lesart steht sich in einem Kohärenz stiftenden Verhältnis zu Jünger. In der Gerichtetheitsbeziehung, die durch zue ausgedrückt wird, fungiert zudem die Mutter als das Gerichtete. Auf die Darstellung der diffizilen Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Flexiven und lexikalischen Ausdrücken habe ich hier erneut verzichtet.
Schauen wir uns in Abbildung 8 im gleichen Ausschnitt die zweite, nicht intendierte Interpretation an, derzufolge sie, die Mutter, den Jünger zu sich, der Mutter, genommen hat. Als das Satzglied, für das hät den Nominativ bestimmt und von dem hät seine P.N.-Spezifikationen erhält, identifiziert die Interpretin nun si. Die restlichen Unterschiede sind mehr oder weniger zwingend eine Folge davon: De Jünger ist das Satzglied, das in seiner Akkusativform von gnaa bestimmt ist. Sich steht in einem Kohärenz stiftenden Verhältnis zu si und das Gerichtete in der Gerichtetheitsbeziehung ist nun der Jünger.
Abb. 8:
Die Funktion sprachlicher Ausdrücke für die nicht intendierte Interpretation am Beispiel von „(Und vo säbere Stund aa) hät si de Jünger zue sich gnaa“
Die Mehrdeutigkeit kommt hier offensichtlich dadurch zustande, dass die morphologischeMorphologie Eigenstruktur des HochalemannischenHochalemannisch weder für das Personalpronomen der 3. Person Femininum, si, noch für den bestimmten Artikel de, noch für das Substantiv Jünger unterscheidbare Formen für den Nominativ und den Akkusativ aufweist. Da es sich bei beiden Satzgliedern um solche der 3. Person Singular handelt, kann die Interpretin die Flexionsform des Auxiliars hät ebenfalls nicht als eindeutiges Instruktionsmittel nutzen. Hier haben wir es mit morphologischer Mehrdeutigkeitmehrdeutigmorphologisch zu tun. Die relative ReihenfolgeReihenfolge von Subjekt und Objekt hat im Hochalemannischen nach allem, was wir wissen, auch keinen instruktiveninstruktive Leistungen Wert in Bezug auf die Frage, inWas steht womit in welcher Beziehung? welcher Beziehung die Vorstellungsinhalte zueinander stehen. Ich werde das als syntaktische Mehrdeutigkeit bezeichnenmehrdeutigsyntaktisch. Wir können also festhalten, dass die Äußerung sowohl morphologisch als auch syntaktisch mehrdeutig ist. Aus der Perspektive der symbolischensymbolische Auslagerung Auslagerung ist es für eine Interpretin dieser Äußerung somit gleich naheliegend, die ergänzungsbedürftigen Teile des Verbkomplexes mit dem einen oder dem anderen Gegenstandsausdruck zu schließen. Anders ausgedrückt, die Äußerung ist mehrdeutig in Bezug auf die syntaktischen Funktionen Subjekt und Objekt, und, dadurch vermittelt, in Bezug auf die Rollen AgensAgens und PatiensPatiens. Im ersten Kapitel hatte ich die Äußerung in (1) noch als grammatisch mehrdeutig bezeichnetmehrdeutiggrammatisch. Diesen Ausdruck verwende ich dann, wenn eine Äußerung sowohl morphologischeindeutiggrammatisch als auch syntaktisch mehrdeutig ist.
An Beispiel (1) können wir noch eine weitere Art von Mehrdeutigkeit aus unserer Untersuchung ausschließen. Im betreffenden Bibelkapitel gibt es neben Maria, auf die sich si bezieht, auch diverse andere Gegenstände, auf die mit den grammatischen Merkmalen Femininum oder Plural Bezug genommen werden kann. Auf sie alle könnte, morphologisch gesehen, si sich beziehen. Solche Mehrdeutigkeiten im Pronomenbezugmehrdeutigbezugs- werden uns nicht interessieren. Es ist auch leicht zu erkennen, dass je nachdem, welcher Partnerausdruck für si gewählt wird, sich daran, dass seine syntaktische Funktion und semantische Rolle unklar sind, nichts ändert. Bezugsmehrdeutigkeiten und Mehrdeutigkeiten syntaktischer Funktionen beziehungsweise semantischer Rollen sind unabhängig voneinander.
Subjekt-Objekt-Mehrdeutigkeiten sind aber nicht die einzigen, die wir in unseren Bibeltexten erwarten dürfen. Viele Äußerungen weisen nämlich neben einem Subjekt und einem Objekt auch mindestens ein weiteres Objekt auf. Objekte weisen entweder einen KasusKasus auf, der direkt vom Verb bestimmt wird, wie (die) Mutter (Jesu) (Akkusativ) in Äußerung (4) oder einen, der von einer Präposition bestimmt wird, wie (zu) sich in derselben Äußerung. Der Ausdruck der Objekte mittels verschiedener Kasusmarkierungen oder Präpositionen geht üblicherweise damit einher, dass diese Objekte in verschiedenen semantischen Rollen interpretiert werden. Neben der PatiensrollePatiens können wir für Objekte noch die RezipientenrolleRezipient (semantische Rolle) und die LokationsrolleLokation unterscheiden. Mehrdeutigkeiten können dann auftreten, wenn zwei Objekte vorhanden sind, bei denen die KasusspezifikationenKasus nicht unterscheidbar sind, wie in dem folgenden Beispiel (9).

Damit geht einher, dass die Objekte auch in ihren semantischen Rollen nicht unterscheidbar sind. Was hier das Genommene – das Patiens – ist und wem es abgenommen wird – sozusagen der Anti-RezipientRezipient (semantische Rolle) –, ist für eine Interpretin an den morphologischenMorphologie Formen also nicht erkennbar.
In Bezug auf das Zustandekommen von Objekt-Objekt-Mehrdeutigkeiten gibt es einen großen Unterschied zu den Subjekt-Objekt-Mehrdeutigkeiten. Subjekt und Objekt können außer über den Kasus auch über die KongruenzbeziehungKongruenz zum finiten Verb unterschieden werden. Diese Möglichkeit fehlt bei Objekt-Objekt-Mehrdeutigkeiten. Beide Objekttypen haben nichts mit den Person- und Numerusspezifikationen des Verbs am Hut. Umgekehrt kann mit der präpositionalen Markierung eines oder beider Objekte nur zwischen Objekten ein eigenstrukturelles Mittel zur Verfügung stehen, anhand dessen die beiden Objekte dann unterscheidbar und ihre jeweiligen Rollen beim Aufbau der Vorstellung erkennbar werden. In Beispiel (1) sind LokationLokation (der Referent von sich) und PatiensPatiens (si oder de Jünger) nicht verwechselbar. Was Subjekt-Objekt- und Objekt-Objekt-Beziehungen wiederum gemeinsam haben, ist, dass der relativen Reihenfolge zwischen den Satzgliedern instruktivinstruktive Leistungener Wert zukommen kann.
Es sind also solche Äußerungen, die bezüglich ihrer syntaktischen Funktionen und semantischen Rollen mehrdeutigmehrdeutig sind, die ich in den alt- und mittelenglischen, alt- bis neuhochdeutschen, hochalemannischen und nordniederdeutschen Bibelübertragungen identifizieren muss. An ihnen möchte ich überprüfen, wie sie trotz morphologischer und syntaktischer Mehrdeutigkeit verstehbar sind. Daher war es wichtig, Kriterien herauszuarbeiten, an denen wir morphologischMorphologie und syntaktischReihenfolge mehrdeutige Äußerungen von eindeutigeneindeutig unterscheiden können. Ich werde später alle Äußerungen in meiner Textsammlung hinsichtlich ihrer morphologischen Ausprägungen klassifizieren und die relativen Positionen ihrer Elemente erfassen. Auf diese Weise werde ich für die allermeisten Äußerungen in der Lage sein, die eindeutigen von den mehrdeutigen zu unterscheiden. Aber nicht für alle.
2.3.2 Grenzphänomene: die bewegliche Grenze der Eigenstruktur
Ich möchte noch zwei Phänomene ansprechen, die in der späteren Untersuchung häufig auftreten werden und mit denen ich im Rahmen der DeutungsarbeitArbeit umgehen werden muss. Die Herausforderung bei diesen Phänomenen besteht darin, dass es – anders als etwa bei der grammatischen Morphologie – nicht klar ist oder es sich zwischen Sprach(stuf)eSprach(stuf)en unterscheidet, ob die Interpretation durch die einzelsprachliche Eigenstruktur geregelt ist oder nicht. Die beiden Phänomene hängen eng miteinander zusammen.
Das erste der beiden Phänomene sind Pronomen. Wir haben an Personal- und Reflexivpronomen gesehen, dass sie zur Vorstellung von Gegenständen instruieren, dass eine Interpretin den Vorstellungsinhalt aber aus dem Ko(n)text holen muss. Wir schauen uns wieder einmal unsere Äußerung (4) an, Da nahm der Jünger die Mutter Jesu zu sich, denn wir sind noch immer nicht fertig mit ihr. Ich bin bei seinem syntaktisch mehrdeutigen hochalemannischenHochalemannisch Pendant … hät si de Jünger zue sich gnaa davon ausgegangen, dass der Vorstellungsinhalt von sich vom Jüngergegenstand bezogen wird, wenn de Jünger als Subjekt fungiert, aber vom Muttergegenstand, wenn si als Subjekt fungiert (s. Abbildung 7 und Abbildung 8). Es wäre also zu überlegen, ob der Partnerausdruck von sich etwas mit der Subjektfunktion zu tun hat. Wenn dem allgemein so wäre, könnten wir sagen, dass es eigenstrukturell geregelt ist, worauf sich sich bezieht, denn das Subjekt habe ich nur unter Bezugnahme auf eigenstrukturelle Einheiten charakterisiert. In der Äußerung in (4) sehen wir ebenfalls, dass die Interpretation, nach der unter sich der Jüngergegenstand vorgestellt wird, sehr nahe liegt. Man kann aber auch daran zweifeln, dass eine Interpretin dies so interpretieren muss. In Er nahm sie zu sich mag es noch schwer fallen, sich nicht auf das Subjekt, sondern auf das Objekt sie zu beziehen. Aber stellen wir uns vor, ‚sie‘ sei bewusstlos geworden und ‚er‘ unternehme einiges, um sie wieder zu Bewusstsein zu bringen. Sollen wir dann ausschließen, dass in Er brachte sie wieder zu sich das Reflexivpronomen auf das Objekt beziehen lässt? Ich denke, dass wir es nicht ausschließen sollten und dass dabei Faktoren beteiligt sind, die sich nicht unter der sprachlichen Eigenstruktur subsumieren lassen.1 Den eigenstrukturellen Regelungen lässt sich dagegen aber wohl zurechnen, dass sich der Partnerausdruck von sich nicht an einer beliebigen Stelle im Kotext finden lässt. Bei der Suche nach dem Partnerausdruck sollte die Interpretin außerhalb bestimmter Einheiten eines Textes nicht fündig werden. Im Falle von Reflexivpronomen ist diese Einheit der (Teil-)Satz, in dem es auftritt. Wie die Ausführungen oben gezeigt haben, ist der (Teil-)Satz maßgeblich von den Bestimmungen geprägt, die vom Finitheitsanteil des Verbs ausgehen. Jenseits dessen, was vom finiten Verb bestimmt wird, ist der Partnerausdruck von sich nicht zu finden.
Ähnliche Probleme ergeben sich bei Personalpronomen. Wir nehmen dafür diesmal ein altenglisches Beispiel.

Ich greife nun in den Wortlaut dieser Äußerung ein und tue so, als enthielte der Teilsatz, der durch and eingeleitet wird, noch ein Personalpronomen he (3SG.M.NOM), so dass wir and he hyne gebletsode bekommen. Die korrekte Interpretation bliebe dieselbe. Anders als beim Reflexivpronomen muss die Interpretin den Vorstellungsinhalt eines Personalpronomens oft von außerhalb des (Teil-)Satzes holen.2 In der obigen fingierten Äußerung finden wir nun (das fingierte) he und hyne. Den Vorstellungsinhalt zu beiden Pronomen muss die Interpretin aus dem Kotext holen. In Frage kommen Ausdrücke, die, wie diese Pronomen selbst, das Maskulinum und den Singular aufweisen. Da neben se hælend auch der Ausdruck für Brot, hlaf, im Altenglischen das Maskulinum aufweist, kommen sie beide jeweils als Partnerausdrücke zu he und hyne in Frage. Es wäre also für die fingierte Äußerung möglich, dass die Interpretin ‚und es (das Brot) segnete ihn (den Heiland)‘ interpretiert. Das AltenglischeAltenglisch weist außerdem kein eigenes Reflexivpronomen auf. Das Personalpronomen kann auch reflexiv verwendet und interpretiert werden. Insofern wäre es für die Interpretin auch möglich, and he hyne gebletsode als ‚und er segnete sich‘ beziehungsweise ‚und es segnete sich‘ zu interpretieren. Dass sie hier zugunsten der richtigen Interpretation von hyne den Vorstellungsinhalt von hlaf heranziehen muss, kann also prinzipiell nicht mehr auf die sprachliche Eigenstruktur zurückgeführt werden.
Ich habe die fingierte Äußerung verwendet, um das Pronomeninhaltsproblem einigermaßen getrennt von dem zweiten Phänomen behandeln zu können. Es handelt sich dabei meistens um koordinierte (Teil-)Sätze, in denen bestimmte Vorstellungsinhalte nicht ausgedrückt sind. Ich lasse nun das fingierte he wieder verschwinden und belasse die Äußerung in (10) in ihrer ursprünglichen Form. Was dadurch passiert, ist, dass wir nun tatsächlich wieder darüber diskutieren können, ob die Interpretin hyne auf hlaf nicht nur beziehen kann, sondern sogar muss. Dies hat aber nichts mit dem Gebrauch des Pronomens hyne zu tun, sondern mit der Abwesenheit eines Subjektausdrucks. In den bisher diskutierten Äußerungen konnten wir jeweils Ausdrücke finden, die dem Was?, dem Womit? und dem Welche Beziehung? aus der Vorstellung des Schreibers entsprachen. Die Interpretin konnte sozusagen imaginäre Linien zwischen den Ausdrücken in der Äußerung und ihren W-FragenW-Fragen ziehen. Ihr Know-howKnow-how über die eigenstrukturellen Mittel half ihr dabei – außer im Hochalemannischen – die Linien zu den richtigen Ausdrücken in der Äußerung zu ziehen. Nun haben es Interpretinnen, wenn sie sich nicht mehr nur Einzeläußerungen anschauen, kaum jemals mit Texten zu tun, in denen dies durchgängig möglich wäre, denn sie begegnen Äußerungen, mit denen die Schreiber zwar ein WasWas steht womit in welcher Beziehung? steht womit in welcher Beziehung? gemeint, aber nicht alles davon geäußert haben, so dass es auch nicht öffentlich und wahrnehmbar geworden ist. Dies ist in der Äußerung in (10) der Fall. Die Äußerung geht nach gebletsode wie folgt weiter.

Was steht in der gesamten Äußerung (10) womit in welcher Beziehung? Eine Interpretin versteht, dass Jesus Brot nahm, Jesus dann das Brot segnete, Jesus dann das Brot brach, Jesus dann das Brot den Jüngern gab und Jesus dann (zu den Jüngern) sagte, sie sollen (vom Brot) nehmen und sie sollen (vom Brot) essen. Die Vorstellung, die die Interpretin auf Basis der Äußerung konstruiert, ist also vorstellungsmäßig weitaus reicher, als sie sein könnte, wenn sie nur auf Basis des wahrnehmbar Ausgedrückten konstruiert wäre. Die Äußerung in (10) enthält nur ein Mal den Ausdruck se hælend, der entsprechende Gegenstand fungiert aber fünf Mal als AgensAgens, das heißt in jedem der fünf Konjunkte, die jeweils durch and verbunden sind. Die Vorstellung des Brotgegenstands wird einmal durch hlaf, einmal durch hyne und zwei Mal durch gar keinen Gegenstandausdruck evoziert, fungiert aber in den letzten beiden Fällen dennoch als PatiensPatiens, also als Gebrochenes und Gegebenes. Woher weiß die Interpretin das? Gehört dieses Know-howKnow-how zur sprachlichen Eigenstruktur? Wir können dies als Inhalt-ohne-Ausdruck-Problem bezeichnen.
Sicher nicht zur sprachlichen Eigenstruktur gehört, dass die Interpretin sich bei niman ‚nehmen‘ einen Nehmer und ein Genommenes vorstellen muss, bei gebletsian ‚segnen‘ Segner und Gesegnetes, bei brecan ‚brechen‘ Brecher und Gebrochenes, bei sellan ‚geben‘ Geber, Gegebenes und RezipientRezipient (semantische Rolle) sowie bei cweđan ‚sagen, sprechen‘ Sprecher und Gesprochenes. Schon eher zur Eigenstruktur der Sprache gehört, dass bei etan ‚essen‘ im Nebensatz, der durch þa eingeleitet ist, das Gegessene auch ohne Ko(n)textinformation unausgedrückt bleiben kann, während bei den anderen Verben das Patiens (und der Rezipient) bei fehlender Ko(n)textinformation ausgedrückt werden müssen. Nicht ausgedrückte, aber in der Interpretation enthaltene Elemente sind dann deshalb in der Interpretation als Vorstellung enthalten, weil sie aus dem Ko(n)text geholt werden können (und müssen), um die ergänzungsbedürftige Vorstellung zu ergänzen. Darin, dass sie aus dem Ko(n)text geholt werden müssen, sind diese Non-Ausdrücke Pronomen ganz ähnlich. Ich werde die unausgedrückten Informationen behelfsweise mit Nullstellen sichtbar machen. Die Position der Nullstelle ist dabei zunächst nicht von Belang. Wichtig ist, dass erkennbar ist, welches Verb sie jeweils ergänzt.

Unausgedrücktes, aber Vorgestelltes kann nun trivialerweise keine eigenstrukturellen Hinweise geben, wie es se hælend, hlaf und hyne tun: weder eine WortkategorieWortart, noch eine morphologischeMorphologie Form, noch (fürs Erste) eine relative Position. Auf Basis irgendwelcher Kriterien muss die Interpretin aber zur richtigen Interpretation gelangen, denn diese Äußerung ist verständlich. Eine Möglichkeit für die Interpretin wäre, anzunehmen, dass jede unausgedrückte Vorstellung, wenn sie ausgedrückt wäre, die eigenstrukturellen Spezifikationen hätte, die ihr Partnerausdruck im Kotext aufweist, von dem sie die Gegenstandsvorstellung bezieht. […] and Ø hyne gebletsode ist das zweite Konjunkt und weist eine Nullstelle auf. Die Interpretin müsste nun den Partnerausdruck der Nullstelle im Kotext suchen, seine eigenstrukturellen Spezifikationen nehmen und die Nullstelle so interpretieren, als stünde dort ein Ausdruck mit denselben Spezifikationen. Wir gehen nun davon aus, die Interpretin habe wenigstens schon das Pronomeninhaltsproblem gelöst und wüsste, dass mit hyne das Brot (hlaf) gemeint ist: ‚… und segnete es‘. Der Ausdruck für Brot, hlaf, ist im vorangegangenen (Teil-)Satz se hælend nam hlaf das Objekt. Das kann die Interpretin nicht aus seinen KasusspezifikationenKasus, sondern nur per Ausschlussverfahren ermitteln, weil se hælend schon den Nominativ trägt, den nam für eins seiner Satzglieder bestimmt. Hyne muss also das Objekt zu gebletsode sein. Die Nullstelle wäre also durch ein Subjekt besetzt, wenn dort eins stünde. Weil hlaf dafür nicht in Frage kommt, wäre se hælend der Kandidat der Wahl. Die Nullstelle und hyne hätten also die gleichen morphologischenMorphologie Spezifikationen wie ihre Partnerausdrücke se hælend und hlaf und damit auch die gleichen syntaktischen Funktionen, Subjekt beziehungsweise (direktes) Objekt. Und so geht es ja offensichtlich auch weiter in der Äußerung: Se hælend kann für die Nullstellen bei bræc, sealde und cwæđ eingesetzt werden und würde als imaginäres Subjekt dieser Verben fungieren. Und hlaf kann für das Gesegnete, Gebrochene und Gegebene eingesetzt werden und in den entsprechenden Teilsätzen als imaginäres Objekt fungieren. Sprachlich ausgedrückt ist das Brot durch hlaf im ersten Konjunkt, durch hyne im zweiten und gar nicht mehr ausgedrückt ist es im dritten und vierten Konjunkt. Dort würde es mit seinen Objektspezifikationen aber hineinpassen. Im fünften Konjunkt mit cwæđ würde es das aber nicht mehr, da es dort keine Nullstelle mehr für ein imaginäres Objekt gibt, sondern ein Objekt in Form einer direkten Rede bereits vorhanden ist. Die InterpretationsroutineRoutine, Routinisierung, den Nullstellen imaginär die gleichen eigenstrukturellen Spezifikationen wie ihren kotextuellen Partnerausdrücken zu verpassen, um ergänzungsbedürftige Vorstellungen zu ergänzen, würde also zum Interpretationserfolg führen.
Im Zusammenhang der Pronomen und der Nullstellen möchte ich nun zwei Aspekte unterscheiden. Der erste, das Pronomeninhaltsproblem, betrifft den konkreten Vorstellungsinhalt, den eine Interpretin aus dem Ko(n)text holen muss, um sie zu interpretieren. Der zweite betrifft die Identifikation der syntaktischen Funktion der imaginär gefüllten Nullstelle.
Pronomen und Nullstellen in koordinierten Teilsätzen sind sich sehr ähnlich darin, dass sie auf fremde Vorstellungsinhalte angewiesen sind. Es scheint aber ein Unterschied in dem Grad zu bestehen, zu dem das fingierte Pronomen he und die Nullstelle die Interpretin darauf verpflichten, einen bestimmten Vorstellungsinhalt und keinen anderen aus dem Kotext zu holen. Wir haben gesehen, dass (mein fingiertes) and he hyne gebletsode auf verschiedene Weisen interpretiert werden kann: ‚und der Heiland segnete das Brot‘, ‚und der Heiland segnete sich‘, ‚und das Brot segnete den Heiland‘, ‚und das Brot segnete sich‘. Fehlt he dagegen, ist zumindest zweifelhaft, ob and hyne gebletsode anders interpretiert werden kann als mit dem Heiland in der imaginären Subjektfunktion. Die Frage ist also, ob eine Nullstelle in einem koordinierten Teilsatz ihren Vorstellungsinhalt auch von einer anderen syntaktischen Funktion beziehen kann, als sie ihr Partnerausdruck im entsprechenden vollständigen Teilsatz einnimmt – etwas, das mit Pronomen problemlos möglich ist. Nach allem, was ich weiß, geht das, die Fälle scheinen aber auf die älteren Sprachstufen beschränkt zu sein. Ich gebe ein altenglisches und ein frühneuhochdeutsches Beispiel von Luther selbst.


In dem altenglischen (westsächsischen) Beispiel bezieht die Nullstelle mit der imaginären Subjektfunktion den Vorstellungsinhalt vom Präpositionalobjekt from eallum und in dem frühneuhochdeutschen Beispiel vom Akkusativobjekt den Herrn. Aus diesen und analogen Beobachtungen können wir schließen, dass zumindest in den älteren Sprachstufen die Frage, woher eine Interpretin den Vorstellungsinhalt für eine Nullstelle bezieht, nicht durch die Eigenstruktur der jeweiligen Sprach(stuf)eSprach(stuf)e geregelt ist. Im NeuhochdeutschenNeuhochdeutsch und den modernenHochalemannisch DialektenNordniederdeutsch könnte dies allerdings anders sein.3 Sie weisen bei Matthäus 18, 27 auch modernere Strukturen auf, die mindestens darauf hinweisen, dass solche Strukturen nicht mehr selbstverständlich waren.ZürichdeutschHochalemannisch4 Das Subjekt des zweiten Teilsatzes fehlt in den jungen Übersetzungen nur dann, wenn die entsprechende Gegenstandsvorstellung im ersten Teilsatz bereits als Subjekt fungiert, und das Subjekt scheint im zweiten Teilsatz realisiert werden zu müssen, wenn die entsprechende Gegenstandsvorstellung im ersten Teilsatz nicht bereits Subjekt gewesen ist.
Wichtig ist auch, dass die Frage, woher der Vorstellungsinhalt für ein Pronomen oder eine Nullstelle bezogen wird, keinen Einfluss auf die Mehrdeutigkeitenmehrdeutig hat, die syntaktische Funktionen oder semantische Rollen betreffen: Die Nullstellen bei gebletsode in der Äußerung in (10) sowie die Nullstellen in (11) und (12) sind jeweils das imaginäre Subjekt, im Aktivsatz das AgensAgens und im Passivsatz das PatiensPatiens, unabhängig davon, welchen Vorstellungsinhalt eine Interpretin dafür heranholt.5
Das ist anders beim zweiten Aspekt des Problems. Er betrifft die imaginäre syntaktische Funktion der Nullstelle. In and hyne gebletsode in der Äußerung in (10) und in den späteren Teilsätzen in den Äußerungen (11) und (12) können wir sagen, dass die Eigenstruktur der Sprache erzwingt, dass die Nullstellen als Subjekte interpretiert werden: Die Vorstellung der Eventualität erfordert eine Gegenstandsvorstellung und das finite Verb bestimmt für den imaginären Gegenstandsausdruck Subjektspezifikationen.
Es gibt aber auch den viel selteneren Fall, dass eine Nullstelle nicht als Subjekt interpretiert werden kann, sondern als Objekt interpretiert werden muss, wie in der folgenden Äußerung.

Viel seltener ist dieser Fall deshalb, weil es – zumindest im Deutschen und Englischen – viel seltener vorkommt, dass das Subjekt ausgedrückt ist und das Objekt nicht, zumal in einem Imperativsatz. Hier unterscheiden sich die Eigenstrukturen der einzelnen Sprach(stuf)en aber erneut, nämlich darin, unter welchen Umständen ein Objekt in koordinierten Sätzen unausgedrückt bleiben kann. In der neuhochdeutschenNeuhochdeutsch Standardsprache und in den modernenHochalemannisch DialektenNordniederdeutsch wäre eine Äußerung, die analog zu der in (13) gebaut ist, kaum zu erwarten. Die entsprechenden Übertragungen ins Neuhochdeutsche und Hochalemannische enthalten denn auch ein Objekt.6


Dagegen hatte der mittelenglischeMittelenglisch Schreiber offenbar die Wahl, das Objekt entweder auszudrücken oder nicht. In den jüngeren Sprach(stuf)en geht das nur, wenn das Subjekt ebenfalls nicht ausgedrückt wird, oder wenn das Objekt im ersten Konjunkt fehlt, aber im zweiten steht – Der Eine mag (Ø) und der Andere hasst Fischsuppe –, oder wenn der Vorstellungsinhalt des Objektes das besonders hervorgehobene Thema in allen Konjunkten ist. Dieser letztere Fall wäre daran erkennbar, dass es am linken Satzrand stünde: Fischsuppe mag der Eine und (Ø) hasst der Andere. Eine Interpretin kann Der Eine und der Andere hier als Subjekte und die Nullstelle entsprechend als imaginäres Objekt interpretieren. Dagegen wirkt Der Eine mag Fischsuppe und der Andere hasst (Ø). unvollständig. Im zweiten Konjunkt fehlt ein Ausdruck für die Fischsuppe. Was hier also im Standarddeutschen nur unter spezifischen Bedingungen möglich ist, die positionell charakterisiert werden müssen, ist in den älteren Sprach(stuf)eSprach(stuf)en nicht eigenstrukturell geregelt.
In den bisher betrachteten Fällen konnte eine Interpretin eine Nullstelle entweder imaginär mit der syntaktischen Funktion ihres Partnerausdrucks oder, wo das durch die Eigenstruktur ausgeschlossen war, mit der imaginären Subjektfunktion füllen. Diese Strategie wird ihr bei dem folgenden Beispiel womöglich Probleme bereiten.

Das Problem besteht für die Interpretin darin, dass bereits im ersten Teilsatz – Do reck een … de Hand ut – die KasusKasus- und KongruenzformenKongruenz nicht zuverlässigHinweiszuverlässig instruieren. Es ist aufgrund der sprachlichen Eigenstruktur nicht klar, ob een … oder de Hand das Subjekt ist. Im zweiten Teilsatz – un trock sin Swert – ist sin Swert ebenfalls morphologisch mehrdeutig. Für mich besteht das Problem darin, dass ich beurteilen muss, ob die Entscheidung der Interpretin, wie sie im ersten Teilsatz die syntaktischen Funktionen identifiziert, Einfluss darauf hat, wie sie sie im zweiten identifizieren kann.
Wenn wir annehmen, een … sei das Subjekt und der Partnerausdruck der Nullstelle, kann oder muss dann die Nullstelle auch als imaginäres Subjekt identifiziert werden? Oder kann die Nullstelle auch als imaginäres Objekt identifiziert werden: ‚Da streckte einer die Hand aus und (ihn) zog sein Schwert‘? Im NeuhochdeutschenNeuhochdeutsch, in dem Einer nicht offen für beide syntaktische Funktionen ist, erscheint die Objektlesart für die Nullstelle unmöglich. Sie erschiene auch dann noch unmöglich, wenn es Einen hieße und dieser Ausdruck das Objekt wäre. Wenn es überhaupt gehen soll, so scheint es, wäre eine Mindestanforderung, dass der Partnerausdruck der Nullstelle morphologisch mehrdeutig zwischen Subjekt- und Objektkasus ist. Es gibt historische Belege, in denen Schreiber den Interpretinnen einen solchen Wechsel der syntaktischen Funktion tatsächlich abfordern.

It ‚es‘ muss hier als Subjekt des ersten Teilsatzes und als imaginäres Objekt des zweiten Teilsatzes identifiziert werden. Die Bedingung dafür scheint zu sein, dass die Form it morphologisch mehrdeutig und damit offen für eine Subjekt- und eine Objektauffassung ist.
Sollen wir daraus schließen, dass die sprachliche Eigenstruktur in den deutschen und englischen Sprach(stuf)eSprach(stuf)en unter diesen Bedingungen nicht regelt, was als Subjekt oder Objekt zu identifizieren ist, und dass die entsprechenden Äußerungen syntaktisch mehrdeutig sind? Meines Erachtens spricht der verschiedenartige Umgang der Sprach(stuf)en mit imaginären Nullobjekten dagegen, hier alle Sprach(stuf)en gleich zu behandeln. Die Möglichkeit imaginärer Nullobjekte ist aber neben der relativ freien Reihenfolge zwischen Subjekten und Objekten (und Verben) eine Voraussetzung dafür, dass auch Äußerungen wie die in (17) möglich sind. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Interpretinnen in der neuhochdeutschen Standardsprache und den modernenHochalemannisch DialektenNordniederdeutsch die Nullstelle in (16) als imaginäres Subjekt interpretieren müssen, und zwar unabhängig davon, wie sie die syntaktischen Funktionen im ersten Konjunkt identifizieren. Um die Nullstelle als imaginäres Objekt identifizieren zu können, steht der Partnerausdruck een …, der ebenfalls Objekt sein muss, nicht weit genug am linken Satzrand. Hieße es Een … (OBJ) reck de Hand (S) und trock sin Swert (S), wäre es ihnen vielleicht möglich. Anders in den älteren Sprach(stuf)en. Dort könnte eine Nullstelle wie in der Äußerung in (16) wahrscheinlicher als imaginäres Objekt fungieren, wieder unabhängig davon, wie die syntaktischen Funktionen im morphologisch mehrdeutigen ersten Konjunkt identifiziert werden.7
Nun ist entscheidbar, wie ich im Rahmen der DeutungsarbeitArbeit an den neutestamentlichen Texten mit diesen beweglichen Grenzen der Eigenstruktur umgehen werde. Die Vorstellungsinhalte, die für die Interpretation von Pronomen gesucht werden müssen, sind nur bezüglich der textlichen Domäne eigenstrukturell geregelt, in der die Interpretinnen sie suchen können. Innerhalb dieser Domänen ist nicht mehr hinreichend eigenstrukturell geregelt, welchen Vorstellungsinhalt sie heranziehen müssen, um zu der richtigen Interpretation zu gelangen. Wenn die pronomenhaltigen (Teil-)Sätze morphologisch oder syntaktisch eindeutigeindeutiggrammatisch sind, spielt der konkrete herangeholte Vorstellunginhalt ohnehin keine Rolle für die Identifikation der syntaktischen Funktionen und semantischen Rollen.
Bei den Nullstellen in koordinierten Äußerungen gehe ich davon aus, dass die Interpretation der Nullstelle als imaginäres Subjekt des Teilsatzes in allen Sprach(stuf)eSprach(stuf)en verpflichtend ist, wenn in diesem Teilsatz ein Subjekt nicht bereits ausgedrückt ist, aber vom Verb eines erfordert wird und kein anderes Satzglied als Subjekt in Frage kommt. Diese Bedingungen sind in den Beispielen (10) – im Teilsatz mit gebletsode – und in (11), (12), (14) und (15) erfüllt. Ebenfalls für alle Sprach(stuf)en gilt, dass die Nullstelle als imaginäres Objekt interpretiert werden muss, wenn eines erfordert wird und wenn bereits ein Subjekt vorhanden ist, wie in den Beispielen in (13) und (17), wo ȝe beziehungsweise regintheoƀos schon die Subjekte sein müssen. In den jüngeren Sprach(stuf)en kann eine Nullstelle in einem koordinierten Teilsatz aber nur dann als imaginäres Objekt interpretiert werden, wenn sein ausgedrücktes Pendant im anderen Konjunkt hervorgehoben am linken Satzrand steht oder wenn das Subjekt auch fehlt. Die Konjunkte müssen also hinsichtlich der relativen Positionen der Elemente und hinsichtlich der KasusKasus und der syntaktischen Funktionen parallel strukturiert sein. Damit können Äußerungen, die wie (16) organisiert sind, nur in älteren Sprach(stuf)en mit einem imaginären Nullobjekt interpretiert werden!8 Die Bedingungen, unter denen ein Objekt unausgedrückt bleiben kann, können für die älteren Sprach(stuf)eSprach(stuf)en also nicht ausschließlich mittels eigenstruktureller Kategorien formuliert werden. Zudem fehlt ihnen die eigenstrukturelle Regelung, dass die Konjunkte positionell und morphologisch parallel strukturiert sein müssen. Das bedeutet nun aber, dass im Grunde die morphologischeMorphologie und syntaktischeReihenfolge Organisation des Partnerteilsatzes gar keine Rolle mehr dafür spielt, mit welchen imaginären eigenstrukturellen Spezifikationen die Nullstelle besetzt wird. Der Partnerteilsatz kann morphologisch oder syntaktisch ausgeprägt sein, wie er will; wenn der Teilsatz mit der Nullstelle morphologisch mehrdeutigmehrdeutigmorphologisch ist, genügt das, damit die Objektlesart für die Nullstelle nicht mehr auszuschließen ist. Das folgende Beispiel illustriert dies.

Das erste Konjunkt ist morphologisch und syntaktisch eindeutig, das zweite ist morphologisch mehrdeutig. Allein der letztere Befund reicht dafür aus, dass eine Interpretin die Nullstelle – inti Ø garauuitun ostrun – als Subjekt oder Objekt interpretieren kann.
Das wiederum bedeutet nun aber auch, dass es nicht einmal eine Rolle spielt, ob der (Teil-)Satz mit Nullstelle ein koordinierter ist. Die Konsequenz ist: Immer, wenn eine Äußerung in einer älteren Sprachstufe morphologisch mehrdeutig ist und eine Nullstelle erschlossen werden muss, spricht nichts Eigenstrukturelles gegen eine imaginäre Objektlesart der Nullstelle. Das Subjekt kann insbesondere im AlthochdeutschenAlthochdeutsch unausgedrückt bleiben.10

2.3.3 Der Einfluss der Schrift auf die sprachliche Eigenstruktur
Ich gehe also von einer beweglichen Grenze der sprachlichen Eigenstruktur aus. Sie ist beweglich im Sinne historischer Umstrukturierungen, wir können auch sagen Durchstrukturierungen, innerhalb einer Sprache. Die Interpretation bestimmter Phänomene ist in den modernen Sprach(stuf)eSprach(stuf)en des Deutschen und Englischen in höherem Maße durch die sprachliche Eigenstruktur geregelt als in den älteren Sprachstufen. Dazu gehört manches im sprachlichen Umgang mit Pronomen und Nullstellen, mit denen, wie wir gesehen haben, Kohärenz hergestellt wird, die aber als Satzglieder auch syntaktische Funktionen einnehmen und semantische Rollen tragen können. Im Rahmen der Durchstrukturierungen wurden diese Phänomene zunehmend von der sprachlichen Eigenstruktur erfasst. Welche Bezüge eine Interpretin zwischen welchen Elementen vornahm, war in der Folge nicht mehr bloß davon abhängig, was für sie jeweils nahelag, am leichtesten erschließbar war oder ihrer pertinenzgesteuertenPertinenz Interpretation entsprach. Die Phänomene wurden zunehmend syntaktifiziertSyntaktifizierung und integriertSyntaktifizierungsyntaktifiziertReihenfolge.1 Damit ist Folgendes gemeint: Ich habe oben auf die Überstrukturiertheit sprachlicher KonventionenKonvention hingewiesen und argumentiert, dass ein Merkmal der sprachlichen Eigenstruktur kaum unabhängig von anderen Elementen der sprachlichen Eigenstruktur charakterisiert werden kann. Im Zuge der Syntaktifizierung und Integration sprachlicher Phänomene wird das Netz zwischen den Elementen der sprachlichen Eigenstruktur noch engmaschiger. Die sprachlichen Einheiten, unter denen eine Interpretin für Pronomen und Nullstellen nach Partnerausdrücken suchen konnte, und die Möglichkeiten, sie in einer bestimmten Funktion, zum Beispiel Subjekt oder Objekt, zu interpretieren, wurden jetzt in die positionalen und kombinatorischen Regelungen eingebunden. Das steckt hinter der Syntaktifizierung. Mit ihr geht die zunehmende Kompaktheit von sprachlichen Konstruktionen einher, also die Vernetztheit zwischen Wortteilen in Wörtern, Wörtern in Wortgruppen, Wortgruppen in Sätzen und zwischen Sätzen in Texten. Einzelne Äußerungen oder Sätze bilden so gleichsam Netze, in die kleinere Netze eingewoben sind und die mit größeren Netzen verwoben sind. Das ist mit Integration gemeint. Das Schema in Abbildung 6 vermittelt einen Eindruck von dieser Vernetztheit. Die Fäden des Netzes bilden gleichsam einen Kokon um die linear gedachte Struktur der Äußerung beziehungsweise des Textes herum.
Syntaktifizierung und Integration hängen zumindest in den Sprachen, die uns interessieren, mit der jahrhundertelangen Herausbildung einer Schrift- und Lesekultur zusammen.2 Die schriftlose, gesprochene Kommunikation von Angesicht zu Angesicht ist eine dialogische, in der die Dinge in Rede und Gegenrede durchgesprochen werden. Die Einigung darüber, was womit in welcherWas steht womit in welcher Beziehung? Beziehung steht und welche praktische Relevanz das hat, kann so in Wechselrede ausgehandelt und in ihrem Verlauf konkretisiert werden. Dabei stehen unzählige HinweisreizeHinweisreizHinweis bereit, die in der schriftlichen Kommunikation von Angesicht zu Papier und von Papier zu Angesicht fehlen. Dazu zählen ProsodieProsodie, Mimik, Blickrichtung, Gestik und Körperausrichtung unter den Beteiligten, aber auch alle Aspekte einer gemeinsamen Situation, die im gemeinsamen Wissensvorrat der Beteiligten verfügbar sind. Was im sprachlichen Ausdruck uneindeutigmehrdeutig ist, kann so anhand von Hinweisen aus der Mit- und Umwelt vereindeutigteindeutig werden. Und wo dies schiefgeht und wahrnehmbare Konsequenzen zeitigt, erlaubt die Unmittelbarkeit des Kontakts die sofortige Behebung des Problems. Das dialogische face-to-face-Sprechen ist auf das Zurückgreifen auf außersprachliche HinweiseHinweisaußersprachlich hin, oder besser gesagt, an der VerfügbarkeitHinweisverfügbar dieser Hinweise entlang entwickelt. Die Beteiligten sind für ihren Interpretationserfolg nicht auf einen dicken Kokon vielschichtiger, engmaschiger Vernetzungen angewiesen, die sich um die Anordnung von Zeichen auf Pergament oder Papier herumwickeln. Das Netz, das sie zur Verfügung haben, ist viel weniger zwischen den Elementen der Äußerung oder des Textes geknüpft, wie es bei der geschriebenen Kommunikation zwangsläufig der Fall ist, als zwischen den Äußerungselementen, den Gegenständen der gemeinsamen Situation und den Beteiligten der Kommunikation. Deshalb kann man eine neuhochdeutscheNeuhochdeutsch Bibel auch vom Tisch nehmen, wegtragen und woanders ebenfalls verstehen. Nimmt man zwei Vogelsberger Bauern bei der Arbeit auf und hört sich die Aufnahme am eigenen Küchentisch an, wird schwer nachvollziehbar sein, was in den Äußerungen womit in welcher Beziehung stehend vorgestellt werden soll; nicht, weil man die Wörter nicht kennte, sondern weil beim Weggehen die Fäden in die außersprachliche Situation gerissen sind.
Wenn wir nun an monologische, geschriebene Texte wie die Bibel denken, ist es klar, dass Interpretinnen keine Verständnishilfen aus der Situation erwarten dürfen. Sie können auch nicht an den Urheber der Äußerungen zurückfragen, wie etwas gemeint ist. (Sie könnten sich an Dritte wenden, die die Auslegung sakraler Texte professionell betreiben.) Bei ihrer Interpretation sind sie allein auf das angewiesen, was das Medium und das darin Symbolisierte ihnen bereitstellen. Das erzeugt einen bestimmten funktionalen Druck auf monologische, geschriebene Sprache. Das Ausgedrückte muss ohne Fäden in die situative Mit- und Umwelt der Interpretin so deutbar sein, dass die richtigen Vorstellungen konstruiert und HandlungenHandlung vorgenommen werden können, und zwar nach Möglichkeit bei jedem erneuten Lesen auch und unabhängig davon, wer das Geschriebene interpretiert.3 Als geschriebensprachliche, eigenstrukturelle KonventionenKonvention entwickeln sich dann solche, die diese funktionalen Erfordernisse erfüllen können und deren Charakteristik ich als SyntaktifizierungSyntaktifizierung und Integration angegeben habe. Am vorläufigen Ende stehen situationsentbundene Sprachgebilde – anstatt situationsgebundener Sprechhandlungen – die ohne die Stütze der Mit- und Umwelt erfolgreich zu Interpretationen instruieren. Das konventionalisierte Know-howKnow-how, das auf der Seite eines Schreibers dazugehört, wird von Ong so charakterisiert:
To make yourself clear without gesture, without facial expression, without intonation, without a real hearer, you have to foresee circumspectly all possible meanings a statement may have for any possible reader in any possible situation, and you have to make your language work so as to come clear all by itself, with no existential context.4
Auf den ersten Blick klingt das nicht sonderlich herausfordernd. Immer wenn wir etwas für jemand anderes schreiben, glauben wir, und sogar meistens zu Recht, diesem Anspruch zu genügen. Bei dieser Beurteilung vergessen wir aber, dass wir uns dabei wie selbstverständlich und ohne es zu merken des schon konventionalisierten Know-hows bedienen, das unzählige Generationen vor uns erst akkumulieren mussten. Die historische Herausbildung dieses Know-hows innerhalb einer sprachlichen Verkehrsgemeinschaft musste sich genauso langwierig vollziehen wie die Herausbildung gesprochensprachlicher Konventionen, und das heißt durch Generationen übergreifende Zyklen aus Variation – vielfältiges Ausprobieren –, Selektion – Weiterverwendung des Erfolgreichen – und Reproduktion – Weitergabe beziehungsweise Übernahme des Bewährten – zwischen Menschen innerhalb von Gruppen und zwischen Gruppen. Die Schwierigkeit besteht darin, dass wir kein explizites, analytisches Wissen darüber besitzen, welchen sprachlichen Regelungen wir nachkommen, während wir sprechen. Wir sprechen einfach. Ebenso wenig können wir explizieren, wie wir unsere Gestik, Mimik und Intonation dabei nutzen sowie Faktoren der Situation in unser Sprechen und Interpretieren einbeziehen. Auch das tun wir einfach. Wir können also nicht davon ausgehen, dass die Sprachproduzenten mit einer historisch neuen Konstellation – Verfügbarkeit des Mediums Schrift und gleichzeitige Unverfügbarkeit der Mit- und Umwelt beim Schreiben und Interpretieren – sich auch schon darüber bewusst waren, dass das Schreiben neue Anforderungen an Schreiber, Geschriebenes und Interpretin stellt. Noch weniger dürfen wir davon ausgehen, dass sie schon über das Know-howKnow-how verfügten, wie die Leistungen kompensiert werden konnten, die die Mit- und Umwelt beim dialogischen Sprechen bisher übernommen hatten. Die frühen Schreiber und Interpretinnen mussten also wahrscheinlich zunächst einmal oft genug daran scheitern, geschriebene Sprache verständlich zu gestalten beziehungsweise gesprochene Sprache erfolgreich zu interpretieren, weil die Schreiber so schrieben, wie sie ansonsten sprachen. An diesem Scheitern mussten sie dann lernen, dass für die geschriebene Kommunikation eine andere Konzeption von Sprache erforderlich war.5
Erst wenn Sprachnutzerinnen schreiben und sich dadurch Sprache vor Augen führen, werden sie darauf aufmerksam, dass ihre Hervorbringungen aus unterscheidbaren, voneinander abgesetzten Einheiten wie Buchstaben, Wörtern und (Teil-)Sätzen bestehen. Das schärft aber ein Differenzbewusstsein: ein Bewusstsein, dass eine Einheit im Geäußerten an dieser Stelle einen Unterschied macht, und dass diese Einheit an dieser Stelle nur eine Möglichkeit unter anderen ist.6 (Dazu zählt auch die Möglichkeit, nichts zu äußern und damit etwas mitzumeinen.) Das geschriebene Wort verschwindet mit seiner Entäußerung nicht sofort wieder im Nichts. Das führt dazu, dass die erste, automatischeAutomatismus oder routinisierteRoutine, Routinisierung Interpretation einer Äußerung nicht auch schon die endgültige Interpretation sein muss, wie dies beim gesprochenen Wort der Fall ist, das uns unter interpretativen Zeitdruck setzt. Die Möglichkeit, Äußerungen erneut zu inspizieren, macht den Schreiber und die Interpretin auf alternative Deutungen aufmerksam und verweist auf Alternativen der sprachlichen Gestaltung. Daran muss der Schreiber lernen, dass es maßgeblich in seiner Verantwortung liegt, nicht missverstandenverstehen zu werden, denn er hat – anders als beim Sprechen von Angesicht zu Angesicht – auf absehbare Zeit nur einen Verbalisierungsversuch. Das Papier wird ihn nicht auf Missverständliches aufmerksam machen, denn es ist bekanntermaßen geduldig. Dennoch objektiviert Schrift durch ihre Sichtbarkeit und Konstanz Sprache und lässt den Schreiber eine reflexive Distanz zu ihr gewinnen, lässt ihn auf Dauer sprachlich umsichtiger werden und ein analytischeres Denken entwickeln. Das hat vermutlich einerseits zu dem Bewusstsein geführt, dass man in der Rolle des Schreibers expliziter sein muss als in der Rolle der Sprecherin. Um den Interpretationserfolg sicherzustellen, hat dies historisch aber noch nicht ausgereicht. Das Explizierte musste nämlich nicht nur explizit sein, sondern auch korrekt auf die anderen Äußerungsbestandteile beziehbar sein oder, umgekehrt ausgedrückt, es mussten naheliegende, aber nicht intendierte Interpretationen bei den Leserinnen ausgeschlossen werden. Beim Übergang vom erfolgreichen dialogischen Sprechen zum erfolgreichen monologischen Schreiben haben wir daher damit zu rechnen, dass die Schriftkundigen umsichtiger wurden und dass die sprachliche Eigenstruktur einen Zuwachs an Regelungen – gleichbedeutend mit einer Einbuße an Gestaltungsfreiheit – erfuhr, um erfolgreich zum Vorstellen und Handeln instruieren zu können. Die Einbindung ehemals freier handhabbarer Phänomene in die geschriebensprachliche Eigenstruktur konnte die Wahrscheinlichkeit der Fehlinterpretation von Geschriebenem verringern. Dafür musste sich aber zuerst ein Zustand entwickeln, in dem eine kritische Masse an Sprachbenutzerinnen diese Eigenstrukturen in Form von wechselseitigen SprachhandlungserwartungenErwartung hervorbringen und verinnerlichen konnte.
Ich gehe davon aus, dass ein solcher Zustand für das Standardenglische in England und das Standarddeutsche im deutschsprachigen Raum gegeben ist. In den entsprechenden Sprachgemeinschaften stellen der Schrift- und die Leseunkundige seit spätestens 1900 die Ausnahmen dar.7 Die weitaus meisten Menschen lernen spätestens in der Schule eine normierte geschriebene Standardsprache und in diesem Zuge auch, sie so zu gebrauchen, dass sie ohne Kontextstützen verstehbarverstehen ist. Die kritische Masse für die Verinnerlichung geschriebensprachlicher Eigenstrukturen war ab diesem Zeitpunkt also gegeben. Unabhängig davon, ob diese geschriebene Standardsprache auch immer die Sprech- oder Schreibweise ist, die von ihren Benutzerinnen in allen möglichen Lebensbereichen und -situationen angestrebt wird, ist sie doch diejenige, an der kaum ein biographischer Weg vorbeiführt. Nimmt man dies mit der Tatsache zusammen, dass unsere Kognition durch die Schrift auch umgeprägt wird, kann es kaum verwundern, wenn die spezifischen eigensprachlichen Regelungen der Schriftsprache schließlich selbst auf die genuin gesprochenen dialektalen, regionalen und umgangssprachlichen Weisen des Sprechens zurückwirken – und das heißt, auf das Know-howKnow-how der Sprechenden. „Once a society has become literate, it can never return to ‚authentic‘ orality. Instead orality will be created artificially with the means of literacy.“8
Es lassen sich mehrere Schübe ausmachen, die die Standardisierung des Englischen und Deutschen vorangetrieben haben. Einen Schub an Verbindlichkeit erhielten die NormenSchriftnorm der geschriebenen Sprache durch die ersten weiter verbreiteten Grammatiken ab dem 17. Jahrhundert.9 Im deutschsprachigen Raum avancierte das Deutsch von Luthers Bibelübersetzung von 1545Biblia (1545) dabei vielfach zum Vorbild der Grammatiker.10 Dasselbe lässt sich über die ÜbersetzungÜbersetzung des Teams WycliffeWycliffe-Bibel/Purvey nicht sagen. Die englische Standardsprache ist zum größten Teil aus einem anderen Dialekt hervorgegangen.11 Einen zusätzlichen Schub an Reichweite erfuhr die Entwicklung genuin schriftsprachlicher Konventionen insbesondere durch die Einführung der Schulpflicht (und ihre Durchsetzung) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.12 Und die Rückwirkung der schriftsprachlichen Eigenstrukturen auf die genuin mündlichen Sprechweisen – die den Weg zurück in die „authentische“ Mündlichkeit verstellte – sollte wiederum durch die Etablierung der überregionalen Massenmedien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Schub erhalten haben.13 Unter unseren Bibelübertragungen betreffen diese Entwicklungen trivialerweise die standarddeutsche von 1984, aber potentiell auch die hochalemannischeS Nöi Teschtamänt von 1997 und die nordniederdeutscheDat Nie Testament von 1933, jedoch nicht die historischen Sprachstufen des Deutschen und Englischen. Der Syntax LuthersBiblia (1545) wird „das Gepräge gesprochener Sprache“ bescheinigt.14
Einen hohen Grad an SyntaktifizierungSyntaktifizierung mit genuin schriftsprachlichen Eigenstrukturen können wir für einen neuhochdeutschenNeuhochdeutsch Text von 1984, wie ihn die Luther-BibelBibel (1984) darstellt, also sicherlich annehmen. Einen ebenso hohen Ausbaugrad an schriftsprachlicher Eigenstruktur dürfen wir für das moderne HochalemannischeHochalemannisch und NordniederdeutscheNordniederdeutsch aber nicht ohne Weiteres annehmen. Dafür müssten wir argumentieren, dass die geschriebensprachlichen Eigenstrukturen des Standards tatsächlich auf die Dialekte zurückgewirkt haben oder dort unabhängig existieren. Der schweizerische hochalemannische Dialekt und der nordniederdeutsche Dialekt weisen jedoch jeweils ganz andere Gebrauchsbedingungen als die deutsche Standardsprache (und verschiedene im Vergleich zueinander) auf.15 Sie wurden zwischen der Einführung der Schulpflicht und dem Zeitalter der sozialen Medien nämlich nur selten geschrieben.16 Wenn sie doch einmal geschrieben wurden, wie im Falle unserer Bibelübertragungen, dann musste dies ohne Rückgriff auf eigene, kodifizierte Schreibkonventionen geschehen. Dennoch können wir nicht ausschließen, dass in diesen Bibelübertragungen die oben genannten Grenzphänomene von der geschriebensprachlichen Eigenstruktur des Standards gedeckt sind. Dafür muss eine Bedingung erfüllt sein: Die Kenntnis des geschriebenen Standards hat die Kompetenz der Dialektsprecherinnen für ihren gesprochenen Dialekt in Richtung dieser schriftsprachlichen Eigenstrukturen beeinflusst. Den syntaktifiziertenSyntaktifizierung Umgang mit Nullstellen und Pronomen hätten die Dialektnutzerinnen also aus der neuhochdeutschenNeuhochdeutsch Standardsprache übernommen.17 Dies müsste also sowohl für unsere Übersetzer als auch für ihre jeweiligen hochalemannischenHochalemannisch und nordniederdeutschenNordniederdeutsch Leserinnen gelten. Nicht ausreichen würde dagegen der Nachweis, dass zwar die Übersetzer im Zuge ihrer eigenen standardsprachlichen (und altsprachlichen) Bildung gezielt syntaktifiziertenSyntaktifizierung Gebrauch von ihren jeweiligen Dialekten gemacht haben, aber dasselbe nicht für ihre Leserinnen behauptet werden kann. Denn eine KonventionKonvention, die nur von der Hälfte der beteiligten Parteien befolgt wird, besitzt keine Geltung. Ob diese Bedingung erfüllt ist, kann im Rahmen dieser Untersuchung nicht entschieden werden und würde eine gesonderte Studie erfordern.18 Ich muss mich daher für einen speziellen methodischen Umgang mit den genannten Grenzphänomenen in den modernen Dialekten entscheiden. Im vorherigen Abschnitt haben wir ihn bereits vorweggenommen: Wir gehen davon aus, dass der Grad an Syntaktifizierung in Bezug auf den Umgang mit Nullstellen derjenige des modernen Standarddeutschen ist!
Für die älteren Sprachstufen des Deutschen und Englischen gehe ich davon aus, dass ihre Syntaktifizierung noch nicht so weit fortgeschritten war, weil sich für die geschriebene Sprache noch keine breitenwirksamen, überregionalen und rückwirkenden, dezidiert schriftsprachlichen KonventionenKonvention dafür entwickelt hatten, wie mit freier handhabbaren Phänomenen wie Pronomen und Nullstellen umzugehen wäre. Wenn es Regelungen gegeben hat, so waren sie auf den geringsten Teil der Sprachbenutzerinnen begrenzt. Wir haben es in diesen Sprachstufen eher mit Geschriebenem zu tun, das durch die Merkmale gesprochener Sprache gekennzeichnet ist, als mit Schriftlichkeit, die auch eine spezifische (monologische, distanzierte und so weiter) Konzeption von Sprache erfordert, wie es in den modernen geschriebenen Standardsprachen der Fall ist.19
Das Ganze hat eine intellektuell herausfordernde Konsequenz: Ich werde nachher aus der morphologischen und syntaktischen Klassifikation der deutschen und englischen Bibelübertragungen ableiten, welche Äußerungen in ihnen morphologisch und syntaktisch mehrdeutig sind, um mich schließlich der Frage zuwenden zu können, wie Interpretinnen die mehrdeutigen Äußerungen verstehen können. Bei der Klassifikation von Ein- beziehungsweise Mehrdeutigkeit ist nach den obigen Ausführungen beispielsweise damit zu rechnen, dass eine neuhochdeutsche Äußerung syntaktisch eindeutigeindeutigsyntaktisch ist, während ihr althochdeutsches Pendant, das morphologisch gleich aussieht, syntaktisch mehrdeutigmehrdeutigsyntaktisch ist. Wiese die neuhochdeutsche Übertragung also beispielsweise das Pendant zu dem althochdeutschen Satz in (18) auf, also Da gingen seine Jünger und [Ø] bereiteten die Ostern (‚das Osterlamm‘),20 müsste ich sagen, die Interpretation der Nullstelle als imaginäres Subjekt wäre im neuhochdeutschenNeuhochdeutsch Standard eigenstrukturell geregelt, während dies im AlthochdeutschenAlthochdeutsch nicht der Fall wäre.
2.3.4 Zu den morphologischenMorphologie Eigenstrukturen in den Sprach(stuf)eSprach(stuf)en
Die ausgewählten morphologischen Paradigmen im Anhang dieser Arbeit vermitteln einen Eindruck davon, mit wie viel morphologischer Mehrdeutigkeit wir es in den englischen und deutschen Sprachstufen zu tun haben. Die Paradigmen annähernd aller WortkategorienWortart oder -klassen darzustellen, überlasse ich den einschlägigen Grammatiken.1 Die Auswahl ist auf die Paradigmen derjenigen Wortklassen beschränkt, die mir die wichtigsten zu sein scheinen, also die, aus denen Äußerungen am ehesten zusammengesetzt sind. Sie sind auf der Basis der Texte erstellt, die ich untersuchen werde. Formen, die in diesen Texten nicht vorkommen, habe ich anhand der Grammatiken ergänzt beziehungsweise analogisch konstruiert.
Gehen wir nun zu Illustrationszwecken davon aus, dass Äußerungen, die mehrdeutig zwischen Subjekt und Objekt sind, dadurch entstehen, dass die beiden fraglichen Satzglieder morphologisch mit dem finiten Verb kongruierenKongruenz und beide sowohl den Nominativ als auch den erforderlichen ObjektkasusKasus repräsentieren können. Ich kann eine solche Äußerung aus dem Paradigmabaukasten konstruieren, zum Beispiel dem altenglischenAltenglisch Baukasten, auch wenn das Resultat etwas seltsam anmuten mag: þa cempan hæfdon dagas ‚Die Soldaten hatten (die) Tage‘. Um diese oder eine beliebige andere Äußerung zu konstruieren, muss ich mich natürlich der Formen in den Zellen bedienen und diese können morphologisch mehrdeutigmehrdeutigmorphologisch oder eindeutigeindeutigmorphologisch sein. Dann kann ich etwas vereinfachend prognostizieren, dass in denjenigen Sprach(stuf)en mehr morphologisch mehrdeutige Äußerungen erwartbar sind, in denen auch mehr morphologisch mehrdeutige Formen vorkommen. (Damit ist aber noch nicht gesagt, dass die betreffenden Äußerungen auch syntaktisch mehrdeutig wären.)
Wenn man die einzelnen Paradigmen in den einzelnen Sprach(stuf)en inspiziert, stellt man fest, dass die älteren Sprachstufen weniger morphologisch mehrdeutige Formen aufweisen als die jüngeren Sprachstufen derselben Sprache. Insgesamt sehen wir ziemlich viele schattierte Formen, selbst wenn wir von den möglichen Mehrdeutigkeiten zwischen Objekten absehen. Aber wir müssen dabei beachten, dass eine morphologisch mehrdeutige Äußerung auch nur dann resultiert, wenn tatsächlich alle Formen, mit denen die relevanten Satzglieder der Äußerung gebildet werden, morphologisch mehrdeutig sind.
Wenn wir auch noch einen prognostischen Blick auf die Objektkasus in den einzelnen Sprach(stuf)en werfen, sehen wir, dass insbesondere das MittelenglischeMittelenglisch und das NordniederdeutscheNordniederdeutsch in fast allen beziehungsweise allen Paradigmen ununterscheidbare Formen aufweisen. Wenn in diesen Sprach(stuf)en Äußerungen mit mehr als einem Objekt auftreten, dann können wir also entweder mit Äußerungen rechnen, die hinsichtlich ihrer Objekte grammatisch mehrdeutig sind, oder damit, dass eines der Objekte als Präpositionalobjekt auftritt, oder damit, dass ihrer ReihenfolgeReihenfolge instruktiverinstruktive Leistungen Wert zukommt.
2.4 Dynamische Aspekte eigenstruktureller HinweiseHinweiseigenstrukturell
2.4.1 Die Beziehunginstruktive Mittel der eigenstrukturellen Hinweise zueinander
Für unsere vorgestellten Interpretinnen sind auf der einen Seite die KasusKasus- und KongruenzmorphologieKongruenzMorphologie und auf der anderen Seite die Positions- und ReihenfolgeregelungenReihenfolge die eigenstrukturellen Instruktionsmittel und damit die zentralen Mittel, um Subjekt und Objekt, AgensAgens und PatiensPatiens identifizieren zu können. Ich möchte nun klären, wie wir das Verhältnis dieser Mittel zueinander präzisieren können. Es besteht nämlich das theoretischen Problem, dass wir die Leistung eines eigenstrukturellen Mittels in manchen Äußerungen einer Sprach(stuf)eSprach(stuf)e finden und in anderen Äußerungen derselben Sprache nicht. Das sehen wir schon daran, dass in den meisten Sprach(stuf)en sowohl morphologisch eindeutigeeindeutigmorphologisch als auch morphologisch mehrdeutigemehrdeutigmorphologisch Äußerungen vorkommen. Wenn wir unsere Paradigmabaukästen im Anhang betrachten, dann schwankt die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine morphologisch mehrdeutige Äußerung aus ihnen konstruieren, stark in Abhängigkeit davon, in welchen Paradigmen wir uns zum Zusammensetzen unserer Äußerungen bedienen. Dennoch möchte ich später Sprach(stuf)en in Bezug auf die Verstehbarkeit ihrer Äußerungen hin untersuchen und untereinander vergleichen, und nicht nur einzelne Äußerungen untereinander. Dafür muss ich aber etwas Allgemeines darüber sagen können, wie sich die eigenstrukturellen Mittel in einzelnen Sprach(stuf)en zueinander verhalten. Deshalb möchte ich zunächst einige Beobachtungen zum wechselseitigen Verhältnis der eigenstrukturellen Mittel referieren. Die allgemeine Beobachtung, dass morphologische Markierungen und Reihenfolgeregelungen in Einzeläußerungen und Sprach(stuf)en nicht zufällig ausgeprägt sind, ist schon sehr alt. In welchem konkreten Verhältnis diese Mittel zueinander stehen, wurde auch immer wieder und jeweils unter verschiedenen historischen, theoretischen und methodischen Vorzeichen diskutiert. Im Folgenden habe ich einige prominente Äußerungen und Positionen zusammengetragen. Sie werden mir dazu dienen, einige wichtige Differenzierungen vorzunehmen.
2.4.2 Synchronische und diachronische, globaleglobale Betrachtungsweise und lokalelokale Betrachtungsweise, OfflineOffline-Betrachtungsweise- und OnlineOnline-Betrachtungsweise-Betrachtungsweisen
Das Verhältnis der eigenstrukturellen Mittelinstruktive Mittel zueinander kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Die häufigste Perspektive auf die eigenstrukturellen Mittel der MorphologieMorphologieinstruktive Mittel und der ReihenfolgeReihenfolgeinstruktive Mittel (Syntax) wird wahrscheinlich durch die folgende Beobachtung Keenans illustriert.
Syntactic (and morphological) processes which have the same ‘function’ covary in their distribution across languages. […] By covary we mean that the more a language has one of the processes the less it need have the other. By ‘have the same function’ we mean something like ‘code the same semantic or syntactic information’. […] The principle predicts then that the more we assign a language overt case marking the freer can be its basic word order and conversely.1
Ich werde versuchen, einen systematischeren Überblick über diese Perspektiven zu schaffen, indem ich sie in drei Spannungsfeldern verorte. Die Aussagen können erstens synchronische oder diachronische sein. Dabei werden jeweils Aussagen über ein oder viele Sprachsysteme getroffen und nicht direkt über einzelne Äußerungen. Sie können sich so auf einen Sprachzustand oder Sprachenvergleich in einem Zeitschnitt oder – historisch – auf verschiedene Zeitschnitte der gleichen Sprache oder Sprachfamilie beziehen. Zweitens können sich die Aussagen auf ganze Sprach(stuf)eSprach(stuf)en oder auf einzelne Äußerungen in ihnen beziehen, dann sind es sprachglobale beziehungsweise ‑lokalelokale Betrachtungsweise Aussagen. Und die Aussagen können drittens solche zur Offline- oder Online-Interpretation sein. Dann machen sie Aussagen zur Leistung der eigenstrukturellen Mittel aus der Perspektive der nicht prozessualen beziehungsweise aus der Perspektive der inkrementellen Interpretation.
Keenan nimmt in diesem Spektrum offensichtlich die synchronische, globale Offline-Perspektive ein. Und er expliziert so etwas wie einen Konsens: Wenn die beiden Mittel Leistungen erbringen, erbringen sie die gleiche Leistung, so dass die (relative) Anwesenheit des einen Mittels in einer Sprache die (relative) Abwesenheit des anderen erlaubt, aber nicht erfordert. Diese synchronische, globale Offline-Perspektive nehmen auch Hawkins, Kiparsky, Siewierska und Dixon ein.
It is plausible to argue that the case system of German is responsible for the greater clause-internal word order freedom of that language. Across languages the existence of rich surface case marking typically correlates with word order freedom of the kind we have seen in German. The reason most commonly advanced for this is that ‘fixed’ word order at the sentence level in a language like English encodes grammatical relations such as subject, direct object and indirect object, which are morphologically encoded in a case-marked language. And word order permutations are possible in a case-marked language since grammatical relations are recoverable morphologically.2
There is an obvious inherent asymmetry between position and morphology in that the property of linearity guarantees the availability of position as a potential licenser (whether recessive or dominant), whereas case and agreement may simply be lacking in the morphology. A language may lose its inflections but it cannot ‘lose its word order’ in the same sense: it must go on putting one word after another, even when it does not grammatically exploit or constrain word order. A corollary is that position is always ready to pick up the licensing function when morphology ceases to be able to handle it. Therefore, since θ-role assignment to arguments must be licensed by case features, loss of inflections automatically brings about a shift to positional licensing, with all the consequences that this entails.3
[N]either the presence of agreement nor of case marking is a sufficient condition for flexible order, nor does rigid order entail the absence of either form of morphological marking. There is nonetheless a relationship between the two phenomena, namely flexible order tends to be accompanied by the presence of overt agreement and/or case marking and lack of agreement and/or case marking tends to be accompanied by rigid or restricted order. […] [T]he relationship between word order flexibility and overt agreement marking, on the one hand, and lack of agreement marking and rigid and restricted order, on the other, is stronger than that between word order flexibility and case marking.4
There are three basic ways of marking the function of a core argument.
(i) Marking on an NP [b]y choice from a system of case affixes or clitics, or by an adposition […] which may be a separate word or a clitic […].
(ii) Marking by a bound pronominal […].
If both A and O have the same number and belong to the same gender or noun class, then some other mechanism needs to be brought in to distinguish them. This may be achieved by constituent order. Or, in some languages, an ergative or accusative case is optional, being used just to supplement bound pronouns when ambiguity would otherwise result.
(iii) Constituent order.5
Wir können wohl sagen, dass sie Keenan beipflichten würden. Hawkins, Kiparsky und Dixon machen aber dahingehend stärkere Aussagen, dass sie eine Abhängigkeitsrichtung zwischen den eigenstrukturellen Mitteln annehmen. Am prägnantesten drückt dies Kiparsky aus: In einer Sprache können die KasusKasus- und KongruenzmorphologieKongruenz „fehlen“, aber eine relative Reihenfolge zwischen Äußerungselementen kann niemals fehlen. Falls Erstere „fehlen“, können die Reihenfolgeregelungen die Leistung übernehmen anzuzeigen, was Subjekt und Objekt, AgensAgens und PatiensPatiens ist („grammatically exploit or constrain word order“). Falls die morphologischen Marker nicht „fehlen“, ist eine Reihenfolge folglich immer noch da, aber sie braucht interpretativ nicht für die Frage nach den syntaktischen Funktionen und den semantischen Rollen genutzt werden. Das ist der Grund, warum die Reihenfolge in Sprachen mit vorhandener KasusKasus- und KongruenzmorphologieKongruenz freier sein kann als in solchen Sprachen, in denen sie „fehlt“, denn in diesen instruieren verschiedene Reihenfolgen zu verschiedenen Identifikationen von syntaktischen Funktionen und semantischen Rollen. Siewierska schränkt außerdem ein, dass das von Keenan beobachtete Verhältnis von Morphologie und Reihenfolge zumindest in den Sprachen Europas eine starke Tendenz darstellt, dass es aber nicht so ausgeprägt sein muss, wie Keenans Aussage es nahelegt. So gibt es auch die selteneren Fälle, dass die Reihenfolge relativ strikt ist und morphologische Unterscheidungen dennoch stark ausgeprägt sind, sowie Fälle, bei denen relativ schwach ausgeprägte morphologische Unterscheidungen mit einer relativ freien Reihenfolge einhergehen.
Der Perspektivwechsel von der globalen synchronischen zur globalen diachronischen Betrachtungsweise liegt nun sehr nahe. Jede Sprach(stuf)eSprach(stuf)e weist mehr oder weniger Kasus- und Kongruenzmorphologie und mehr oder weniger Reihenfolgeregelungen auf. Beide Aspekte der sprachlichen Eigenstruktur sind historisch veränderlich. Wenn sie die gleichen instruktiveninstruktive Leistungen Leistungen für die Interpretation erbringen – nämlich anzuzeigen, was womit inWas steht womit in welcher Beziehung? welcher Beziehung steht –, sind beim Wandel des einen Mittels in einer Sprache Auswirkungen auf den instruktiven Wert des anderen zu erwarten, insbesondere dann, wenn sich eine Situation einzustellen droht, in der weder das eine noch das andere Mittel anzeigt, was womit in welcher Beziehung steht. Bei dem Vergleich verschiedener Sprachstufen einer Sprache hat man des Öfteren beobachtet, dass die Veränderungen der morphologischen Ausprägungen und der Reihenfolgeregelungen etwa zur gleichen Zeit stattfanden. Das deutete man so, dass die Veränderung des einen Mittels eine Veränderung des anderen Mittels nach sich ziehen musste, damit die Verstehbarkeitverstehen der Äußerungen gewährleistet blieb.
It has long been observed that the shift from an inflectional to a mainly isolating morphological type which affected several Indo-European languages took place at the same time as extensive syntactic restructuring, reflected in restrictions on constituent order […] and in the widespread use of analytic constructions. The apparent simultaneity of these two phenomena accounts for the general agreement found in traditional literature on the existence of a functionalist relation between case morphology and syntactic structures […].6
Wenn dem so ist, stellt sich natürlich die Frage nach UrsacheUrsachefür Sprachwandel und Wirkung: Der Wandel welchen Mittels hat dazu geführt, dass der instruktive Wert des anderen sich ebenfalls gewandelt hat? Erfordert der Verlust morphologischer Unterscheidbarkeit die interpretative Nutzung der Reihenfolge der Äußerungselemente? Oder macht die vorgängige Nutzung der Reihenfolge für die Interpretation die morphologischen Unterscheidungen entbehrlich? Oder ist der Zusammenhang gar nicht so direkt, wie er scheint? Die Gelehrten mit der diachronen, globalen Offline-Brille sind sich bezüglich dieser Frage bis heute nicht einig geworden. Dies illustrieren die folgenden Positionen, die ich chronologisch wiedergebe.
[…] Ibn Khaldûn (1332–1406) observed that Arabic word order was substituted for lost case endings in order to distinguish ‘agentAgens’ from ‘object’ (Owens 1988: 270). […] J. C. Scaliger (1540) […] believed that cases emerge because of ambiguity, to make clear the role of nouns in a sentence, since, he believed, nouns originally lacked inflection (Breva-Claramonte 1983: 62). Lamy (1675) observed that French fixed word order has the function of replacing lost inflectional endings (Scaglione 1981: 41). Herder (1772) also held the view that the adoption of fixed word order avoids structural ambiguity, ambiguity being related to the limitations of inflection.7
This brings us to the second of the major drifts, the tendency to fixed position in the sentence, determined by the syntactic relation of the word. We need not got into the history of this all-important drift. It is enough to know that as the inflected forms of English became scantier, as the syntactic relations were more and more inadequately expressed by the forms of the words themselves, position in the sentence gradually took over functions originally foreign to it.8
This, then, is the conclusion I arrive at, that as simplification of grammatical structure, abolition of case distinctions, and so forth, always go hand in hand with the development of a fixed word order, this cannot be accidental, but there must exist a relation of cause and effect between the two phenomena. Which, then, is the prius or cause? To my mind undoubtedly the fixed word order, so that the grammatical simplification is the posterius or effect. It is, however, by no means uncommon to find a half-latent conception in people’s minds that the flexional endings were first lost ‘by phonetic decay,’ or ‘through the blind operation of sound laws,’ and that then a fixed word order had to step in to make up for the loss of the previous forms of expression. But if this were true we should have to imagine an intervening period in which the mutual relations of words were indicated in neither way; a period, in fact, in which speech was unintelligible and consequently practically useless. The theory is therefore untenable. It follows that a fixed word order must have come in first.9
La réduction progressive de la flexion a eu en germanique les mêmes effets que partout ailleurs. Elle a conduit à employer l’ordre des mots comme un mode d’expression grammaticale et à développer l’usage des mots accessoires. En germanique commun, où la flexion était encore riche et variée, l’ordre des mots était souple et n’avait pas de valeur grammaticale. Aucune fonction grammaticale n’était marquée par la place du mot.
[Die fortschreitende Reduktion der Flexion hat im Germanischen dieselben Effekte gezeitigt wie auch überall sonst. Sie hat zur Verwendung der Wortreihenfolge als grammatisches Ausdrucksmittel und zur Entwicklung von Hilfswörtern geführt. Im Gemeingermanischen, in dem die Flexion noch reicher und vielseitiger war, war die Wortreihenfolge frei und hatte keinen grammatischen Wert.]10
There is a long tradition of attributing the fixing of word order (and the increase in the use of prepositions) in English to loss of case-marking distinctions or syncretism which led to a (nearly) complete absence of case morphology […]. However, these traditional treatments do not offer explanations of the specific mechanisms involved.11
The point that is important for our purpose is the question what consequences this morphological collapse [from the Old to the Middle English period – SK] had. After the collapse, it was no longer possible to identify the grammatical function of a noun by its case morphology. Therefore other ways had to be found to unambiguously express grammatical functions of nouns. In English two strategies came to be used, the replacement of case forms with prepositional phrases and the rigidification of word order. […] Whereas in earlier stages of English it was possible to perform operations that moved e.g. one of the objects or both over the subject [= scrambling – SK], this option ceased to be possible in Middle English. This is because in Old English movement chains could be reconstructed due to the presence of case marking at the noun phrases. After the loss of case endings, however, the only way to identify e.g. a noun phrase as direct object was by its position after the subject […]. [T]here are some problems with this scenario. The rigidification process seems to have set in already in the middle of the Old English period, when case morphology was still available. […] Also, the fact that it appeared with pronouns too, although they kept their case marking, suggests that the connection between rigidification and the loss of case marking is not as immediate as one might want to believe. […]
[Can] the decline in topicalization […] be explained by the general tendency toward rigid word order[?] […] [I]t is conceivable that the same argument that goes against scrambling could also apply to topicalization. […] An immediate objection to this explanation is the fact that topicalization is still grammatical today, whereas scrambling is not. […] We see that the explanation that topicalization went out of use because it interfered with the configurational marking of grammatical functions cannot be correct.12
Das Zitat Kiparskys weiter oben lässt sich ebenfalls als historische Stellungnahme interpretieren.
Wir können hier zunächst diejenigen ausmachen, die annehmen (beziehungsweise referieren), die morphologischen Unterscheidungen gingen zuerst verloren, woraufhin die Reihenfolge interpretativ genutzt würde (Ibn Khaldûn, Lamy, Herder, Sapir, Meillet, Allen). Das entspricht wohl auch am ehesten der Common Sense-Annahme, wie auch Jespersen nicht ganz ohne Nebentöne feststellte. Daneben erkennen wir diejenigen, die den umgekehrten Weg annehmen (Scaliger, Jespersen)13 und diejenigen, die skeptisch gegenüber einem direkten kausalen Zusammenhang zwischen beiden Mitteln sind (Allen, Speyer). Interessant in diesem Zusammenhang ist die Argumentation Jespersens, auf die ich noch mehrfach zurückkommen werde, wenn ich die Teilresultate der Studie diskutiere. Anders als die Meillet-Fraktion, die ihre Common Sense-Annahme anscheinend für evident oder nicht begründungsbedürftig hält, verteidigt Jespersen nämlich seine eigene Annahme gegen den Common Sense: Wenn dieser Recht hätte und die morphologischen Unterscheidungen zuerst reduziert würden und erst dann die Reihenfolge interpretativ genutzt würde, müsste man einen Sprachzustand als Zwischenstufe annehmen, in dem morphologische Unterscheidungen nicht mehr und die Reihenfolge noch nicht anzeigten, was womit in welcher BeziehungWas steht womit in welcher Beziehung? steht. Die Äußerungen einer solchen Sprach(stuf)eSprach(stuf)e wären unverständlich und nutzlos.
Während die bisher genannten Gelehrten eine globale Offline-Perspektive eingenommen haben und demnach die Leistung eines syntaktischen Mittels einer ganzen Sprach(stuf)e zugeschrieben haben, repräsentiert die folgende Aussage Martinets einen wichtigen Vorbehalt gegenüber dieser Perspektive.
Ein Monem [= Lexem oder Morphem – SK], das seine Beziehungen zum Kontext nicht impliziert und sich nicht mit Monemen verbindet, durch die sie gekennzeichnet werden, muß durch seine Stellung angeben, in welchem Verhältnis es zu dem Rest der Äußerung steht: Paul wird in Peter schlägt Paul durch seine Stellung nach schlägt als Gegenstand der Mißhandlungen gekennzeichnet, in Paul schlägt Peter als ihr Urheber.14
Hier wird eine synchronische, lokalelokale Betrachtungsweise Offline-Perspektive eingenommen. Was nämlich behauptet wird, ist, dass im Deutschen die Reihenfolge nur in denjenigen Äußerungen interpretativ genutzt wird, in denen die KongruenzKongruenz- und KasusmorphologieKasus nicht aussagekräftig ist. Im Umkehrschluss heißt das, dass die Reihenfolge nur dann frei(er) ist, wenn die Morphologie aussagekräftig ist. Dieses Beziehungsgeflecht wäre auch eine potentielle Lösung für das Problem, das Jespersen aufwirft. Allerdings handelt es sich bei dem Martinet-Zitat höchstwahrscheinlich um einen Übersetzungsfehler aus dem französischen Original. Eigenstrukturelle Regularitäten, die sich am Französischen zeigen, sind im Zuge der Übersetzung zu eigenstrukturellen Regularitäten des Deutschen geworden.15 Aber dieser Fehler illustriert eine echte theoretische Möglichkeit, die mindestens bedenkenswert ist. Anstatt sie für eine ganze Sprach(stuf)eSprach(stuf)e zu beanspruchen, liefe die instruktiveinstruktive Leistungen Leistung der Reihenfolge dann quer durch die Sprach(stuf)e, mit den morphologisch eindeutigeneindeutigmorphologisch Äußerungen außerhalb und den morphologisch mehrdeutigenmehrdeutigmorphologisch Äußerungen innerhalb ihres Leistungsbereichs. Das wäre gleichbedeutend mit einer Übertragung der synchronischen, globalen Perspektive von Keenan und Co. auf die lokalelokale Betrachtungsweise Ebene der Äußerungen innerhalb einer einzigen Sprach(stuf)e. Wenn wir diese Möglichkeit der Beziehung zwischen den beiden Mitteln in Betracht ziehen, wird aber die Redeweise davon, dass in einer „Sprach(stuf)e“ die Reihenfolge oder die Morphologie regelt, was womit inWas steht womit in welcher Beziehung? welcher Beziehung steht, unangemessen. Wir müssten ja für jede einzelne Äußerung in Rechnung stellen, ob sie morphologisch hinreichend aussagekräftig ist, um die Leistung der Reihenfolge bewerten zu können.
Auf authentischeren Füßen steht die synchronische lokale Offline-Perspektive bei MacWhinney, Bates und Kliegl. In ihrem psycholinguistischen SprachverstehensmodellSprachverstehensmodell „Competition Model“ führen sie wichtige psychologische Unterscheidungen ein, die für uns von Interesse sein müssen. Was ich als eigenstrukturelle Mittel oder Hinweise mit instruktivem Wert bezeichnet habe, sind bei ihnen zunächst einmal nur Hinweisreize (cues). Ob und inwiefern sie instruktiveninstruktive Leistungen Wert besitzen, hängt davon ab, ob diese Hinweisreize verfügbarHinweisverfügbar (applicable) sind und ob sie zuverlässigHinweiszuverlässig (reliable) zu der richtigen Interpretation instruieren. Die beiden Faktoren sind prinzipiell unabhängig voneinander. So sind die Reihenfolgehinweise immer verfügbar – darauf hatte uns schon Kiparsky hingewiesen –, aber im Englischen sind sie nach MacWhinney und seinen Kollegen gleichzeitig auch hoch zuverlässig in Bezug auf die Frage, was womitWas steht womit in welcher Beziehung? in welcher Beziehung steht, während sie im Deutschen nach allem Anschein höchst unzuverlässig sind. Aus der Verfügbarkeit und der Zuverlässigkeit von Hinweisreizen ergibt sich deren allgemeine Leistungsfähigkeit (cue validity). Die Reihenfolgeregelungen im Englischen haben daher eine extrem hohe allgemeine Leistungsfähigkeit. Lediglich im Paradigma des Personalpronomens weist das Englische noch einige unterscheidbare Kasusformen auf. Die Verfügbarkeit von KasusKasus- und Kongruenzreizen ist daher eher gering, weil über die nominalen Paradigmen hinweg nur noch wenige Formen für viele funktionale Unterscheidungen bereitstehen. Sie sind aber sehr zuverlässig, wenn sie einmal verfügbar sind. Zusammengenommen führt das dazu, dass die allgemeine Leistungsfähigkeit von Kasus- und KongruenzreizenKongruenz im Englischen geringer als diejenige der Reihenfolge ist.
Because of the consistency with which English maintains SVO ordering, English speakers have been able to tolerate a relatively degraded system of bound morphology.16
Im Deutschen soll dies eher umgekehrt sein, mit extrem hoher cue validity bei der Morphologie und allem Anschein nach sehr niedriger bei der Reihenfolge. Nach ihrer allgemeinen Leistungsfähigkeit lassen sich dann alle Hinweisreize in einer Sprache relativ zueinander gewichten (cue strength). Und erst hinsichtlich der Gewichtung der Hinweisreize in einer Sprache lassen sich dann die Sprach(stuf)eSprach(stuf)en auch in aussagekräftiger Weise miteinander vergleichen. Dabei muss man aber auch immer im Hinterkopf haben, dass beim Vergleich zweier Sprache(stufe)n möglicherweise hinter gleichen relativen Gewichtungen von Hinweisreiztypen verschiedene absolute cue validities für diese Typen stehen. In den Worten der Autoren klingt das folgendermaßen:
[C]ue strength […] holds that, in the set of many-to-many mappings, each link between a form and a function is given a weight or strength. No sharp line is drawn between probabilistic tendencies and determinate rules. Rules and mappings that have become fully determinate are simply understood as patterns whose strength begins to approach unity. As the strength of rules approaches unity, the likelihood that they will apply when their conditions are matched […] also approaches unity.17
We argue that the weights of cues in a particular language are reflections of their relative ‘cue validity’ in that language. […] [W]e [characterize cue validity – SK] by distinguishing ‘cue applicability’ and ‘cue reliability.’ In comprehension, cues are high in applicability if they are ‘available’ when you need them and cues are high in reliability if they are never misleading or ambiguous. Cues that are high in both applicability and reliability are the most valid cues. Cues that are low in applicability and high in reliability are still fairly high in validity, although one cannot rely on them as much as on cues that are always there when you need them. Cues that are unreliable are the lowest in validity. However, in the absence of more valid cues, even unreliable cues will be attended to. […] [C]ue validity is the primary determinant of cue strength and, hence, certainty of choice in sentence interpretation.18
Aus der Kombination von HinweisverfügbarkeitHinweisverfügbar und -zuverlässigkeitHinweiszuverlässig ergibt sich, dass die Leistungsfähigkeit eines Hinweisreizes im Competition Model eine Frage des Grades ist. Ein Reiz, der immer anwendbar und immer zuverlässig ist, gleicht einer eigenstrukturellen KonventionKonvention, die von einer Interpretin immer eingehalten werden muss und dann zu GewissheitGewissheit der Interpretation in der Interpretation führt. Die Wahrscheinlichkeit der korrekten Interpretation liegt dann bei 100 Prozent. Jede Abweichung nach unten in einer der Hinweiseigenschaften führt dazu, dass der Hinweisreiz insgesamt weniger leistungsfähig (valid) ist. Dann instruiert er aber nicht mehr zu einer Interpretation, deren sich die Interpretin gewiss sein kann, sondern nur noch zu einer solchen, die mehr oder weniger wahrscheinlich die richtige ist. Darin unterscheidet sich das Competition Model von den anderen Betrachtungsweisen, die hier von binären Oppositionen, also einer alles-oder-nichts-Leistung auszugehen scheinen. Was ich oben als Grenzphänomene diskutiert habe, die von Sprach(stuf)eSprach(stuf)e zu Sprach(stuf)e mehr oder weniger in der Eigenstruktur enthalten sein können, ließe sich gut mit dem theoretischen Rüstwerkzeug des Competition Model erfassen.
Die psychologische Betrachtungsweise erlaubt es darüber hinaus aber auch, Eigenschaften in das Set der Hinweisreize aufzunehmen, die gar nicht der sprachlichen Eigenstruktur zurechenbar sind. Theoretisch könnte man über die Anwendbarkeit und Zuverlässigkeit der HinweisreizeHinweiszuverlässig ‚staubige Sandalen tragend‘ oder ‚im Wendekreis der Schildkröte befindlich‘ deren Leistungsfähigkeit für die Interpretation errechnen. Für jedes Satzglied, das einen Gegenstand bezeichnet, der staubige Sandalen trägt oder sich im Wendekreis der Schildkröte befindet, könnte dann die Wahrscheinlichkeit errechnet werden, dass es als Subjekt oder AgensAgens interpretiert wird. Als eigenstrukturelle Hinweisreize haben MacWhinney, Bates und Kliegl zunächst die üblichen Verdächtigen der historisch-linguistischen Tradition auf ihre Leistungsfähigkeit geprüft. Die cue validity von KasusmorphologieKasus wurde vorausgesetzt.
The present study places four major cue types into competition. These cues are (1) word order, (2) agreement marking, (3) stress, and (4) animacy. […] [G]erman marks the case of the noun on the preceding article. However, in pilot work we found that, in simple clauses, when Germans were provided with unambiguous case-marking cues, their responses were entirely determinate.19
Ihre Hinweisliste enthält daneben aber noch einen Hinweisreiz, der dem der staubigen Sandalen nicht ganz unähnlich ist: BelebtheitBelebtheit (animacy). Ich werde darauf zurückkommen.
Die letzte Betrachtungsweise ist die synchronische, lokalelokale Betrachtungsweise Online-Betrachtungsweise und sie bringt noch weitere Unterscheidungen mit. Sie stellt ein neurolinguistisches SprachverstehensmodellSprachverstehensmodell dar. In der Behandlung sprachlicher Wahrnehmungsphänomene als Hinweisreize teilt diese Betrachtungsweise viele Annahmen mit dem Competition Model. Aber anders als das Competition Model dient das Modell nicht nur dazu festzustellen, aufgrund welcher Hinweisreize ein ganzer Satz dahingehend interpretiert wird, was womit in welcherWas steht womit in welcher Beziehung? Beziehung steht, sondern auch, aufgrund welcher Hinweisreize eine Interpretin schon während der Äußerung im automatischenAutomatismus oder RoutinemodusRoutine, Routinisierung vorhersagtVorhersage, was womit in welcher Beziehung steht. Eine wichtige Frage ist dabei, in welcher Funktion oder Rolle die Elemente der Äußerung interpretiert werden, bevor das Verb – das ja viele Informationen über die ganze Eventualität enthält, wie wir gesehen haben – interpretiert wird. Die Hinweisreiztypen, die diesbezüglich aussagekräftig sein sollen, sind neben denen, die ich bereits erwähnt habe, noch weitere. Dasjenige, das hier die Interpretation vornimmt, wird metaphorisch als „syntax-semantics interface“ bezeichnet.
Incremental argument interpretation (i.e. role identification and assessment of role prototypicality) is accomplished by the syntax-semantics interface, that is, with reference to a cross-linguistically defined set of prominence scales and their language-specific weighting.
The relevant prominence scales are:
1 morphological case marking (nominative > accusative / ergative > nominative)
2 argument order (argument 1 > argument 2)
3 animacy (+animate > −animate)
4 definiteness/specificity (+definite/specific > −definite/specific)
5 person (1st/2nd person > 3rd person)20
Die einzelnen Faktoren der Hinweisreiztypen sind dabei skalar angeordnet, zum Beispiel 1/2>3 beim Typ Person. In dem Modell wird (erneut metaphorisch) davon ausgegangen, dass sich die Hinweisreize bei der inkrementellen Interpretation eines Satzes in einem „Wettbewerb“ befinden. Der Hinweisreiztyp, der einer Interpretin am ehesten erlaubt, einem Satzglied die AgensAgens-Rolle zuzuschreiben, gewinnt die Competition. Ohne Skala keine Competition. Die Qualität der neurophysischen Effekte bei Konfrontation mit einem dieser ReizeReiz soll dabei unabhängig davon sein, ob er der sprachlichen Formseite angehört, also der sprachlichen Eigenstruktur, oder der Inhaltsseite, also der Vorstellungswelt, die durch Formen vermittelt ist. Wie schon im Competition Model verschwimmt auch hier die Grenze zwischen Hinweisen der sprachlichen Eigenstruktur und solchen, die sich bereits aus unserer Vorstellungswelt ergeben. Die neurophysischen Effekte der Interpretinnen, die hier gemessen und von Neurolinguisten wiederum interpretiert werden, treten dabei in einem Zeitfenster von etwa 150 bis 1000 Millisekunden nach Konfrontation mit dem sprachlichen Reiz auf. Es handelt sich dabei also um interpretative Aktivitäten im automatischenAutomatismus und RoutinemodusRoutine, Routinisierung. Die neurolinguistische Interpretation dagegen ist DeutungsarbeitArbeit.
2.4.3 Zurückhaltung bezüglich der instruktiveninstruktive Mittel Mittel
Die Meinungen über das Verhältnis der eigenstrukturellen Mittel zueinander gehen relativ weit auseinander. Was sich herauszukristallisieren scheint, ist die VerbindlichkeitHinweisverbindlich von KasusKasus- und KongruenzformenKongruenz, wenn sie denn anwendbar, das heißt unterscheidbar sind. Ebenfalls außer Frage stehen sollte, zumindest für die hier betrachteten Sprach(stuf)en, dass die Kasus- und Kongruenzmorphologie sowie die Reihenfolgeregelungen angesichts ihrer PertinenzPertinenz für die Interpretation nicht unabhängig voneinander in einer Sprach(stuf)eSprach(stuf)e ausgeprägt sind. Doch schon bei dem Abhängigkeitsverhältnis zwischen den beiden instruktiven Mitteln stehen wir vor Meinungsverschiedenheiten oder Unklarheiten. Verschiedener Meinung ist man auch über das historische UrsacheUrsachefür Sprachwandel-Wirkungsverhältnis zwischen Morphologie und Reihenfolge, selbst dann, wenn man über dieselben Sprachen spricht.
Unklar sollten wir uns darüber sein, ob die Kompensationsleistung, die die Reihenfolge im MittelenglischenMittelenglisch angesichts der schwach ausgeprägten morphologischen Unterscheidungen übernehmen kann, automatisch auch für andere Sprach(stuf)en mit ähnlich aussageunkräftigen morphologischen Unterscheidungen erwartbar ist.
Das Competition Model lässt uns im Dunkeln darüber, was passiert, wenn zwei leistungsstarke Hinweisreize – sagen wir, die Reihenfolge und der Kasus im Mittelenglischen – widersprüchliche Hinweise liefern. Oder ist das nicht zu erwarten? Wenn es nicht zu erwarten ist, warum nicht?
Die lokalelokale Betrachtungsweise Betrachtungsweise lehrt uns aber, dass wir es uns aus der globalenglobale Betrachtungsweise Perspektive möglicherweise zu leicht machen, wenn wir die Leistungsfähigkeit oder cue validity oder den instruktiven Wert eines Hinweisreizes, zum Beispiel der Elementreihenfolge, einer Sprach(stuf)e zuschreiben – wie immer man sich das vorstellen soll – und ihr die Leistungsfähigkeit eines anderen Hinweisreizes rundweg absprechen. Was nämlich gegen Aussagen spricht wie „Im Deutschen regeln bei der Interpretation KasusKasus und KongruenzKongruenz, wasWas steht womit in welcher Beziehung? womit in welcher Beziehung steht“, ist, dass man nicht lange nach Äußerungen im Deutschen suchen muss, für die dies nicht zutrifft, weil die entsprechenden Hinweisreize nicht aussagekräftig sind. Und umgekehrt ist man möglicherweise mit einer Aussage wie „Im Deutschen regelt die Reihenfolge nicht, was womit in welcher Beziehung steht“ dann genau für solche Äußerungen auf dem Holzweg, wo das eben doch der Fall ist. Hier besteht die reelle Möglichkeit, dass der instruktive Wert der Reihenfolge davon abhängig ist, ob eine Äußerung morphologisch mehrdeutigmehrdeutigmorphologisch ist oder nicht. Dies zeigen uns die nicht unkluge, falsche Übersetzung von Martinet und die Idee der gewichteten cue validities im Competition Model. Wir sollten daher vorsichtig gegenüber zu starken Verallgemeinerungen über die instruktiven Mittel sein und stattdessen genau diese Fragen an unseren Bibelübertragungen untersuchen. Die lokalelokale Betrachtungsweise OnlineOnline-Betrachtungsweise-Perspektive führt uns vor Augen, dass Interpretinnen nicht mit abstrakten beziehungsweise idealen Gebilden wie Sprach(stuf)en konfrontiert sind, mit denen wir es bei globalen Betrachtungsweisen zu tun haben, sondern mit konkreten Äußerungen. Meine Maxime wird also sein, über die Einzeläußerungen zu gehen, wenn ich überhaupt etwas Globalesglobale Betrachtungsweise über die Nutzung instruktiver Mittel sagen möchte. Welchen instruktiven Wert sie unter welchen Umständen in welcher Sprach(stuf)e haben, wird sich dann aus der Studie ergeben. Bis hierhin habe ich zu zeigen versucht, was sprachliche Eigenstrukturen nötig macht und aufgrund welcher eigenstrukturellen Aspekte Interpretinnen unseren exemplarischen Vers Johannes 19, 27 im Neuhochdeutschen, Mittelhochdeutschen und Mittelenglischen verstehenverstehen, aber im Hochalemannischen missverstehen konnten. In unseren neutestamentlichen Texten haben wir die Äußerungen, die Hinweisreize und wir kennen die richtige Interpretation.1 Wir können also immer nachvollziehen, ob und wie eine Interpretin aufgrund der vorhandenen oder nicht vorhandenen Hinweisreize zur richtigen Interpretation gelangen kann. Von welchem konkreten Hinweisreiz sie allerdings tatsächlich Gebrauch macht, wenn mehrere oder keine in einem Teilsatz vorhanden sind, können wir allerdings nicht feststellen, weil wir keine zeitlich an Hinweisreize gekoppelten Daten über die Online-Interpretation unserer Bibeltexte haben. Wie anwendbar, das heißt verfügbar, und zuverlässigHinweiszuverlässig ein Hinweisreiz ist, lässt sich aber ermitteln. Nach Überprüfung aller Äußerungen werde ich mich daran versuchen, Gewichtungen zwischen den Hinweisreizen vorzunehmen und allgemeinere Aussagen über sie zu treffen bis hin zu einem Erklärungsversuch in Kapitel 4.
Die psycho- beziehungsweise neurolinguistischen Modelle geben uns auch dahingehend einen Wink, mit welchen InterpretationsautomatismenAutomatismus oder -routinenRoutine, Routinisierung wir jenseits eigenstruktureller Hinweisreize rechnen können, wenn es um die Interpretierbarkeit von morphologisch und syntaktisch mehrdeutigen Äußerungen geht: BelebtheitBelebtheit, Definitheit, Person. Diese spielen offensichtlich in den globalenglobale Betrachtungsweise Betrachtungsweisen gar keine Rolle. Die OnlineOnline-Betrachtungsweise-Betrachtung interpretativer Aktivität erlaubt darüber hinaus auch Aufschlüsse darüber, wann in einer Äußerung und bei Konfrontation mit welchen Äußerungsbestandteilen sich bei der Interpretation etwas tut und wann nicht.
2.4.4 Die zu untersuchenden Sprach(stuf)eSprach(stuf)en
Ich gehe nun von der übereinzelsprachlichen Betrachtung zur Betrachtung der Sprach(stuf)en über, die ich analysieren werde. Die entsprechenden Grammatikbeschreibungen gehen – meistens implizit – davon aus, dass unterscheidbare KasusKasus- und KongruenzformenKongruenz zuverlässige und verbindliche Hinweise darauf geben, was in einer Äußerung womit in welcher Beziehung steht. Expliziter sind sie in Bezug auf die kombinatorischen, positionalen beziehungsweise Reihenfolgeregelungen, weil deren Nutzung als instruktivesinstruktive Leistungen Mittelinstruktive Mittel weniger selbstverständlich und weniger vorhersagbarVorhersage ist. Das gilt sowohl für die Reihenfolgen zwischen Subjekten und Objekten als auch für die zwischen mehreren Objekten.
Für das AltenglischeAltenglisch wird noch keine Nutzung der Reihenfolge als instruktives Mittel angenommen.
In the actor-action-goal construction […], Old English used taxemes of selection (inflected forms) to distinguish between actor (subject) and goal (object) […]. The development of English has been away from the use of taxemes of selection with non-distinctive and connotative word-order, toward the use of taxemes of order operating practically without the aid of other devices. The patterns the Modern EnglishNeuenglisch use seem to have been established by the middle of the 15th century.1
In Old English […] the order of the words in such sentences [i.e., actor – action – goal constructions – SK] has no bearing whatever upon the grammatical relationships involved. Taxemes of selection [i.e., inflected forms – SK] do the work, and word-order is non-distinctive and connotative. […] [T]axemes of selection – the nominative case form […], the accusative case form […] – signal the ‘subject’ and ‘object’ relationships.2
Obwohl sich das Altenglische aufgrund seiner unterscheidbaren KasusformenKasus eine beliebige Reihenfolge zwischen den Objekten leisten könnte, weist es eine Tendenz auf.
Even in Old English the dative-object usually appears before the accusative-object. This is especially true of the pronouns, with the dative-object coming first in 82.8 % of the instances.3
Zu anderen Verhältnissen und keiner erkennbaren Tendenz kommt Koopman, der sich solche Objekte angeschaut hat, die als Substantivgruppen („full NP“) auftreten.
In fact, Koopman (1990) finds that 46 % of O[ld] E[nglish] double-object constructions with two full NP objects are D[irect] O[bject] – I[ndirect] O[bject].4
Noch in altenglischer Zeit befanden zuerst dänische, später französische Nordmänner England für geeignetes Siedlungsgebiet. Sie brachten den Einheimischen ihre eigenen Sprachen, das Altnordische beziehungsweise normannische Französisch, mit und besetzten die entscheidenden Stellen in der Regierung, der Rechtsprechung und in der Kirche. Einheimische, die in der Folge etwas mit zivilisiertem Leben zu tun haben und an prosperierendem Handel teilhaben wollten, mussten mit den NormannenNormannen verkehren. Dabei bildete sich ein stark gewandeltes MittelenglischMittelenglisch heraus.5
This [Old English – SK] system did not survive intact into M[iddle] E[nglish]. It appears that interaction with Norse encouraged inflexional loss, and the O[ld] E[nglish] conventions of word-order, whereby predicator/object and subject/predicator positioning had become stylistically formalised in particular clause-types, became more fixed to take over the task originally performed by inflexions. The P[resent] D[ay] E[nglish] pattern was largely established by the end of the M[iddle] E[nglish] period.6
Es ist allerdings auch möglich, dass diese Kontaktsprachen Entwicklungen, die im Altenglischen bereits begonnen hatten, bloß stark beschleunigten.7 Was die Freiheit bei der Reihenfolge der Objekte betrifft, so war sie um den Zeitpunkt herum, als das Team Wycliffe das Neue Testament übersetzte, zugunsten der Reihenfolge indirektes Objekt – direktes Objekt restlos aufgelöst. Die Reihenfolge DO – IO war ab dieser Zeit ausgeschlossen.8 Damit war die Möglichkeit verloren, die Rezipientenrolle, die normalerweise durch ein indirektes Objekt ausgedrückt wird, nach der PatiensrollePatiens, das heißt dem direkten Objekt, zu realisieren. Gleichzeitig entwickelte sich aber eine weitere Ausdrucksvariante, die im Altenglischen – wenn überhaupt – nur marginal verwendet wurde: die eines direkten Objekts zusammen mit einem Präpositionalobjekt. Die Rolle des RezipientenRezipient (semantische Rolle) konnte nun prototypisch mit der Präposition to als Präpositionalobjekt ausgedrückt werden. Dadurch ergab sich eine neue Möglichkeit, die Patiensrolle mit dem direkten Objekt vor der Rezipientenrolle mit dem Präpositionalobjekt auszudrücken, also DO – PO, was auch in vier Fünfteln der Fälle getan wurde.9
Die deutsche Sprache erfuhr keinen solchen Einschnitt durch Sprachkontakt, wie ihn das Englische erfuhr. Die folgenden beiden Aussagen können daher für alle Sprachstufen vom AlthochdeutschenAlthochdeutsch bis zum NeuhochdeutschenNeuhochdeutsch gelten.
All modern Germanic languages – with the exception of English – are subject to the so-called ‘verb-second constraint’. In purely descriptive terms this means that the finite verb is always exactly the second constituent in (minimal) declarative root clauses. […] [T]he verb-second constraint seems to have also been operative in O[ld] H[igh] G[erman] already. […] [T]he clause-initial position in front of the finite verb is not always occupied by the subject […], but also by non-subject XPs of any syntactic category or with any syntactic function.10
Hier [das heißt im Deutschen – SK] gilt heute die Regel, daß im Hauptsatz das Zeitwort als zweites Glied des Satzes erscheint; das erste Glied kann gebildet werden ebensowohl durch das Subjekt des Zeitworts, wie durch irgendeine Bestimmung des Zeitworts […].11
Mit der Abfolge der Objekte verhält es sich dagegen weniger einfach. Hier könnte die Herausbildung der standarddeutschen Schriftsprache eine Rolle gespielt haben, aber eine solche, die der Erwartung zuwiderläuft.
[…] German underwent a period in which the relative order was relatively rigid – this period includes Old and Middle High German (OHG; MHG) and the earlier parts of Early New High German (ENHG), while only from the 16th century onward we notice a considerable variability. […] [T]he new ‘freedom’ in positioning is mostly a phenomenon of written German, whereas in spoken German (and in written texts that are highly influenced by the spoken register, voluntarily or not) even today the order ‘dative object before accusative object’ (Dat > Acc) is almost the norm, far outnumbering the order ‘accusative object before dative object’ (Acc > Dat).12
Da es nicht selbstverständlich ist, dass die Dialekte mitgemeint sind, wenn vom Deutschen gesprochen wird, seien hier einige Aussagen zum modernen HochalemannischenHochalemannisch und Nordniederdeutschen gesondert aufgeführt. Die Reihenfolgeregelungen des Hochalemannischen lehnt A. Weber explizit an das Standarddeutsche an:
Der einfache Satz zeigt in der Folge der Satzglieder, insbesondere in der Stellung des Verbs, sowie in der Fügung der Wörter, die zusammen ein Satzglied bilden, im grossen und ganzen den gleichen Bau wie in der Schriftsprache.13
Und die Charakterisierung der Satzgliedreihenfolge im NordniederdeutschenNordniederdeutsch lautet ganz ähnlich wie die von Behaghel zum Neuhochdeutschen:
Das finite Verb des Prädikats steht hier stets an zweiter Stelle […]. Alle anderen, teilweise aus mehreren Wörtern bestehenden Satzglieder […] können um diese feste Position herum mehr oder weniger frei verschoben werden.14
Dank einer jüngeren Erhebung an drei niederdeutschen Orten kann „mehr oder weniger“ noch präzisiert werden:
Für die relative Abfolge von Subjekt und Objekt gilt: In allen drei untersuchten Regionen ist es prinzipiell möglich, von der durch die Hierarchie der grammatischen Funktionen geforderten Grundabfolge S[ubjekt] > O[bjekt] abzuweichen. Diese Grundabfolge wird aber in allen drei untersuchten Ortsdialekten in stärkerem Maße als beste Abfolge angegeben als in den standarddeutschen Ortspunkten. Damit ist die niederdeutsche Wortstellung in Emstek, Bad Laer und Lindhorst etwas strikter als im Standard.15
Und in Bezug auf die Abfolge zwischen mehreren Objekten heißt es folgendermaßen:
Ähnliches gilt auch für die relative Abfolge von N[ominal]Gr[uppen] in der Funktion von direktem und indirektem Objekt […]. Ein Abweichen von der Grundabfolge I[indirektes] O[bjekt] > D[irektes] O[bjekt] ist in den untersuchten niederdeutschen Dialekten möglich, die Grundabfolge selbst wird aber häufiger als beste Variante ausgezeichnet als im Standard. Hier kommt hinzu: Bei einigen Verben ist die Abfolge mit Pr[äpositional]Gr[uppe] (DO > PO) eindeutig gegenüber den beiden Alternativen mit NGr (IO > DO, DO > IO) bevorzugt.16
Für alle drei niederdeutschen Dialekte wird dabei im Vergleich zum Standarddeutschen eine „etwas festere Wortstellung“ festgestellt.17
Für die relative Abfolge der Objekte spielt es in der Regel eine Rolle, ob sie als Substantivgruppen oder als Pronomen auftreten. Auch wenn ich bei den obigen Aussagen diese Differenzierung nicht überall berücksichtigt habe, mahnen die Aussagen doch auch hier, in Bezug auf die Reihenfolge der Objekte, zur Zurückhaltung, wenn es darum geht, das Verhältnis zwischen den instruktiveninstruktive Mittel Mitteln allgemein zu charakterisieren. Denn das Bild, das sich oben aus den Aussagen von Keenan, Dryer und Co. ergeben hatte, war doch relativ klar: Wenn es einen kausalen Zusammenhang zwischen den syntaktischen Mitteln gibt, dann lautet er: reichere Morphologie – freiere Reihenfolge; ärmere Morphologie – striktere Reihenfolge. Wenn wir uns in den Paradigmen der englischen und deutschen Sprach(stuf)en noch einmal die Formen der Objekte anschauen, sehen wir, dass vom AltenglischenAltenglisch zum MittelenglischenMittelenglisch die Objektformen ununterscheidbar wurden und vom AlthochdeutschenAlthochdeutsch zum NeuhochdeutschenNeuhochdeutsch einige wenige Unterscheidungen verloren gegangen sind. Wir sollten also im Altenglischen eine freiere Objektreihenfolge erwarten als im Mittelenglischen und kaum Unterschiede zwischen dem Althochdeutschen und dem Neuhochdeutschen. Die Befunde zum Englischen stimmen damit überein; die zum Deutschen nicht. Eine freiere Reihenfolge zwischen Dativ- und Akkusativobjekt scheint sich erst zum Neuhochdeutschen hin entwickelt zu haben, obwohl morphologische Unterscheidungen – wenn auch in geringem Maß – auf der Strecke geblieben sind.
Besonders interessant ist der Vergleich des MittelenglischenMittelenglisch und NordniederdeutschenNordniederdeutsch. In beiden ist die IO-DO-Reihenfolge die dominante Variante. Im Mittelenglischen kam die Reihenfolge DO – IO ganz außer Gebrauch und die Reihenfolge DO – PO wurde immer häufigerFrequenz. Dies spiegelt auch den Zustand des modernen EnglischenNeuenglisch wider. Im Nordniederdeutschen sind wie im Mittelenglischen die IO-DO- und DO-PO-Reihenfolgen gebräuchlich, aber anders als dort wird auch die DO-IO-Reihenfolge verwendet. Das ist nun insofern überraschend, als ein Blick auf die BezugskasusKasus Dativ und Akkusativ in beiden Sprach(stuf)en fast dasselbe Bild zeigt: Ununterscheidbarkeit in allen Paradigmen außer beim nordniederdeutschen definiten maskulinen Artikel. Das Nordniederdeutsche hat lediglich Genus- und Numerusunterscheidungen bewahrt. Diese liefern aber keine eigenstrukturellen Hinweise darauf, welches Objekt in einer Äußerung der RezipientRezipient (semantische Rolle) und welches das PatiensPatiens ist.VorhersageKasus18
2.4.5 Wo morphologischeeindeutigmorphologischMorphologie Differenzen bleiben: morphologisches Minimum
Es besteht die starke Tendenz, dass in einer Sprache, die wenig morphologische Unterscheidungen aufweist, der Elementreihenfolge instruktiver Wert hinsichtlich der Frage zukommt, was womit in welcher Relation vorgestellt werden soll. Eine Sprache mit vielen morphologischen Unterscheidungen kann sich eine freiere Elementreihenfolge leisten. Das schließt nun keineswegs aus, dass es Sprachen gibt, die viele morphologische Unterscheidungen aufweisen und in denen gleichzeitig der Elementreihenfolge instruktiver Wert zukommt. Viel weniger wahrscheinlich, so wäre der naheliegende Umkehrschluss, sind Sprachen, in denen beides nicht der Fall ist. Ich möchte hier kurz auf eine Studie zum hochdeutschen Dialektraum eingehen, die von der Prämisse ausgeht, dass hier die Satzgliedreihenfolge relativ frei ist und keinen instruktiven Wert für die Unterscheidung von Subjekt und Objekt beziehungsweise AgensAgens und PatiensPatiens hat. Damit, so die weitere Annahme, „kommt den morphologischen Markierungen bei der Identifizierung der syntaktischen Struktur [das heißt der syntaktischen Funktionen – SK] entscheidende Bedeutung zu.“1
Unter Nutzung aller verfügbarer Quellen und mit eigenen Erhebungen wurden nun über 2400 hochdeutsche Ortsdialekte um 1880 und 1980 daraufhin untersucht, ob in einem sogenannten „Minimalsatz“ über die Kasus- und/oder Kongruenzmorphologie unterscheidbar ist, was womit in welcherWas steht womit in welcher Beziehung? Beziehung steht. Der Minimalsatz besteht dabei aus einem finiten Verb, einem Personalpronomen als Subjekt und einem Personalpronomen als Objekt, zum Beispiel Wir sehen sie und Ihr seht uns. Die morphologischen Unterscheidungen betreffen sowohl die P.N.G.K.-Spezifikationen der Pronomen als auch die P.N.-Spezifikationen des Verbs. Die Gefahr bei der Minimalsatzkonstellation besteht natürlich darin, dass Subjekt- und Objektpronomen die gleiche Kasusform aufweisen und mit ihren P.N.-Spezifikationen beide potentielle Kongruenzpartner des Verbs sind. Dann kann eine Interpretin aufgrund der instruktivinstruktive Mittelen Mittel KasusKasus und KongruenzKongruenz nicht mehr erkennen, was womit in der vom Verb angegebenen Beziehung steht. Ein „morphologisches Minimum“ ist dann unterschritten. Das Minimum ist gegeben, wenn wenigstens an einer Form erkennbar ist, was womit in welcher Beziehung steht. Das ist beispielsweise im obigen Wir sehen sie der Fall. Sie kann unter anderem ein Pronomen der 3. Person Plural mit dem Kasus Nominativ repräsentieren. Als solches kann es mit dem pluralmarkierten Verb sehen kongruieren und somit als Subjekt fungieren. Nur die eindeutige Nominativmarkierung von Wir zeigt einer Interpretin an, dass es sich dabei um das Subjekt handeln muss, das mit dem Verb kongruiert, und dass sie ein Objektpronomen sein muss. In vielen Fällen wird das morphologische Minimum auch überschritten. Dann ist an mehreren Formen redundant angezeigt, was womit in welcher Beziehung steht. So etwa in Ihr seht uns. Hier haben wir es mit „Doppelmarkierungen“ zu tun.
Die Studie ist insofern interessant für unsere Frage nach dem Verhältnis der instruktiven Mittelinstruktive Mittel, als sie für eine streng definierte Bedingung, den Minimalsatz, überprüft, ob in hochdeutschen Dialekten die Situation eingetreten ist, dass weder die Reihenfolge noch morphologische Unterscheidungen anzeigen, was womit inWas steht womit in welcher Beziehung? welcher Beziehung steht.
Die Ergebnisse der Studie sind durchaus erstaunlich. Der beobachtbare Sprachwandel zeigt zunächst einmal, dass bisweilen morphologische Unterscheidungen im Pronominal- oder Verbalparadigma, die um 1880 existierten, um 1980 verschwunden waren. Umgekehrt waren manche Unterscheidungen in diesen Paradigmen, die zum früheren Zeitpunkt abwesend waren, zum späteren Zeitpunkt entwickelt. Dabei hat sich für die Dialekte zum einen gezeigt, „dass es im Sprachwandel eine Tendenz zur Reduzierung der Redundanz solcher Doppelmarkierungen gibt, Doppelmarkierungen aber keineswegs ausgeschlossen sind.“2 Redundanz wird also tendenziell abgebaut, so dass sich der Minimalsatz dem morphologischen Minimum annähert. So weit, so ungefährlich für die Interpretation. Weiter:
Das Bedürfnis der Sprecher nach morphologischer Symbolisierung kategorialer grammatischer Merkmale ist ein relevanter Faktor bei der Ausbildung paradigmatischer Distinktion. Die Wirkung des Faktors ist auch in den Dialekten nachweisbar, in denen einzelne Distinktionen abgebaut werden. Die Entwicklung in den Räumen XXXIII [Oberpfalz – SK] und XXXV [Mittelfranken – SK] zeigt, wie eine pronominale Distinktion (zum Beispiel ihr vs. enks) unter der Bedingung abgebaut wird, dass eine verbale (-ts vs. -t) stabil bleibt. Der Wandel im Raum XVIII [Bayerisch-Schwaben – SK] zeigt umgekehrt die Einführung einer verbalen Distinktion (-mr vs. -et) in einem Gebiet, in dem eine pronominale Distinktion (mir vs. uns) wegfällt. Die Verhältnisse im Raum XIII [Kreis Lörrach – SK] exemplifizieren, wie eine pronominale Distinktion (dir vs. ihr) abgebaut wird, sofern eine verbale Distinktion (-et vs. -e) neu aufgebaut wird. Diese Entwicklungen sind keine Folge eines universalen Automatismus. Die hier behandelten syntaktischen Ambiguitäten, die durch die Kompensation des Wegfalls einer Distinktion mit der Einführung einer anderen Distinktion vermieden werden, würden in der Kommunikationspraxis in den meisten Fällen nicht zu Missverständnissen führen.3
Mit anderen Worten: Die Redundanz wird in solchen Ortsdialekten nicht weiter reduziert, in denen das morphologische Minimum unterschritten zu werden droht, und in den seltenen Fällen, in denen es unterschritten wird, werden neue morphologische Unterscheidungen geschaffen, die es wieder herstellen.
Zumindest für den Minimalsatz in den oberdeutschen Dialekten scheint also zu gelten, dass bei Abwesenheit von interpretativ relevanten Reihenfolgeregelungen die morphologischen Unterscheidungen interpretativ leistungsfähig genug gehalten werden, damit sie anzeigen, was womit inWas steht womit in welcher Beziehung? welcher Beziehung steht. Das schiebt der morphologischen Mehrdeutigkeitmehrdeutigmorphologisch von Äußerungen zumindest so lange einen Riegel vor, wie sich die Kommunikation auf Minimalsätze beschränkt. Ob sich diese Beobachtung auch auf andere Äußerungen ausweiten lässt, werden wir noch sehen.
2.5 Eigenstrukturen undÜbersetzung ÜbersetzungstechnikenÜbersetzungstechnik
Nach christlicher Überzeugung enthält die Bibel das geoffenbarte Wort Gottes. Die Offenbarung erfolgte in den heiligen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein, nicht aber in ostfränkischem AlthochdeutschAlthochdeutsch oder westsächsischem AltenglischAltenglisch. Nach katholischer Überzeugung obliegt der Kirche die Auslegung der geoffenbarten Schrift, denn da diese göttlich inspiriert ist, ist sie selbst ein Mysterium. Nicht nur übersteigt jedes einzelne Wort die Verstehensfähigkeitenverstehen des Menschen, dasselbe gilt sogar für die WortreihenfolgeReihenfolge.1 Biblischer Text muss daher auch verschiedenen Sinnebenen entsprechend interpretiert werden. Die wörtliche Bedeutung unterrichtet darüber, was womit in welcher Beziehung steht. Sie ist uns allen zugänglich. Daneben enthält derselbe Text aber noch drei weitere Sinnebenen, die die Fragen betreffen, was wir glauben sollen, was wir tun sollen und worauf wir hoffen können. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, was eine mittelalterliche Übersetzung leisten konnte und sollte, und was nicht. Sie konnte nicht und sollte nicht das Original mit seinem vierfachen Schriftsinn wiedergeben, sondern nur einen „ersten grundlegenden sprachlichen Zugang“ zu ihm gewähren, ohne aber Autonomie beanspruchen zu können beziehungsweise zu dürfen.2 Die Zielsprache der Übersetzung konnte nur etwas zum Sinnverständnis des Bibeltextes beitragen, wie er sich in den heiligen Sprachen darbot, aber auch nur dann, wenn der heilige Charakter jedes einzelnen Ausdrucks und sogar der Reihenfolge der Ausdrücke berücksichtigt wurde. Die Idee eines autonomen volkssprachlichen Bibeltextes musste die Verleugnung der Heiligkeit des Originaltextes bedeuten und in den Augen des Sinnverwalters Kirche zu gefährlichem Wildwuchs an Laieninterpretationen führen, die ihr spirituelles, moralisches und eschatologisches Heil nach eigenem Gutdünken und außerhalb der vorgedachten Wege suchten.3 Man erinnere sich des Schicksals Tyndales und der Bewertung des Luther’schen Wirkens durch die Katholische Kirche. Reformation und Humanismus waren es dann, die gegen das lateinische Mittelalter das Hebräische und Griechische, die biblischen Ursprachen, wiederentdeckten. Dadurch stellten diese kulturgeschichtlichen Bewegungen die Autorität der Vulgata in Frage und mit ihr auch gleich den vierfachen Schriftsinn samt Deutungsmonopol durch die Katholische Kirche. Die Schrift selbst enthalte alles, was zu ihrer Deutung nötig sei. Um sie den Menschen zugänglich zu machen, müsse sie „nur“ richtig übersetzt werden, aber nun mit zielsprachlicher Ausrichtung, während die mittelalterlichen Übersetzungen eine quellsprachliche Ausrichtung hatten. Weil er sich vom Wort-für-Wort-Übersetzen lösen wollte, waren daher „für LutherBiblia (1545) Wortstellungsänderungen gegenüber dem Grundtext überhaupt kein Hindernis mehr, deshalb ist er in der Wortwahl viel freier auf einen neuen dt. Gesamtsinn aus […].“4 Dadurch wurde die Bibelübersetzung Luthers viel weniger abhängig von den Vorlagen und „kommunikativ autark“.5
Angesichts der Bedeutung, die nach mittelalterlicher Auffassung dem einzelnen Wort und sogar der Reihenfolge der Wörter im Urtext zukam, kann es nicht erstaunen, dass jede seriöse Grammatiktheoretikerin uns davor warnen muss, Erkenntnisse über Eigenstrukturen deutscher oder englischer Sprach(stuf)en aus mittelalterlichen Übersetzungstexten gewinnen zu wollen. Viel zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, eigenstrukturelle Aspekte der Quellsprache, also der Sprache, aus der übersetzt wurde, im lexikalischen Gewand der Zielsprache zu analysieren, anstatt Aspekte der Zielsprache, in die übersetzt wurde und die ja eigentlich untersucht werden soll. Dies gilt ausschließlich für die kommunikativ quelltextlich bestimmten Übersetzungen des Mittelalters.6 Speziell dem althochdeutschenAlthochdeutsch „TatianTatianalthochdeutscher“ ist vorgeworfen worden, er folge dem lateinischen Text „in sklavisch undeutscher Weise“7 –, womit er sehr genau den oben genannten theologischen Prinzipien entspricht – und er sei nur an wenigen Stellen freier übersetzt, nämlich dort, wo ein geschickterer Übersetzer am Werk gewesen sei.8 Genuin althochdeutsche positionale und ReihenfolgeregelungenReihenfolge seien nur dort sicher anzunehmen, wo von der lateinischen Vorlage abgewichen wurde. Solche Abweichungen verliefen dann aber nie in „nichtdeutscher Richtung“ und daher könne man sich bei ihnen sicher sein, es mit der Eigenstruktur des Althochdeutschen zu tun zu haben.9 In diversen Studien zur althochdeutschen („Tatian“-)Syntax wurde die Beschränkung auf solche Differenzbelege zur methodischen Maxime erhoben.10
Ähnlich wird der altenglischenAltenglisch Übersetzung bescheinigt, wörtlich, aber relativ idiomatisch (idiomatic) zu sein, sowohl Sinn für Sinn als auch Wort für Wort zu übertragen, mit einigen Auslassungsfehlern, grammatischen Missverständnissen und ungeschickten (awkward) Übersetzungsentscheidungen. Auch hier legten die Übersetzer begrenzte Fähigkeiten und keinen übermäßigen Willen zu Akkuratheit und Raffinesse an den Tag.11 Das Verdikt des „sklavischen“ Festhaltens an der lateinischen Vorlage hinsichtlich der Elementreihenfolge traf zumindest in Teilen auch das mittelhochdeutscheMittelhochdeutsch „EvangelienbuchEvangelienbuch des Matthias von Beheim“, und über die früheren Bibelübersetzung des Teams WycliffeWycliffe-Bibel wird berichtet, schon für ihre Schöpfer nicht ganz zufriedenstellend gewesen zu sein: „extrem wörtlich, bisweilen obskur und manchmal falsch.“12
Wenn wir also etwas darüber ermitteln möchten, wie von uns vorgestellte Leserinnen an den eigenstrukturellen Merkmalen der Zielsprachen und unabhängig vom Vorlagentext erkennen können, was in den einzelnen Äußerungen womit in welcher Beziehung steht, müssen wir dann nicht sicherstellen, dass die Merkmale, die wir identifizieren, tatsächlich solche des Deutschen und Englischen sind, und nicht etwa solche des Lateinischen?mehrdeutiggrammatisch13 Ist das für den „TatianTatianalthochdeutscher“ nicht schon von vornherein ausgeschlossen dadurch, dass das lateinisch-althochdeutsche Zeilenumbruchprinzip eine Übersetzungstechnik erzwingt, die dem Althochdeutschen nicht gerecht werden kann? Und auf die Analysen der „Wessex GospelsWessex Gospels“, der späteren Wycliffe-BibelWycliffe-Bibel und des „EvangelienbuchsEvangelienbuch des Matthias von Beheim“ müssten wir schon allein deshalb ganz verzichten, weil wir die exakten lateinischen Vorlagen nicht kennen und demnach die Differenzbelege erst gar nicht identifizieren können.14
Ich möchte dafür argumentieren, dass die Analyse der mittelalterlichen Texte, die ich anstellen möchte, dennoch sinnvoll ist. Zunächst einmal sind die bisherigen Urteile über die mittelalterlichen Übersetzungen unterschiedlich ausgefallen, je nachdem, welche sprachlichen Phänomene in den Blick genommen wurden.15 Die negativen Urteile betreffen im Wesentlichen syntaktische, also positionale und ReihenfolgephänomeneReihenfolge. Was Phonologie, Morphologie und WortkategorienWortartinstruktive MittelWortart betrifft, ist der althochdeutsche „Tatian“ konstitutiv für das, was als NormalalthochdeutschNormalalthochdeutsch bezeichnet wird. Auf ihm basieren sogar althochdeutsche Grammatiken.16 Da MorphologieMorphologie und Wortkategorien zwei Drittel der eigenstrukturellen Hinweistypen ausmachen, auf die ich mich konzentrieren werde, ist der „TatianTatianalthochdeutscher“ diesbezüglich methodisch unbedenklich. In gleicher Weise unbedenklich in Bezug auf diese linguistischen Ebenen sind auch die „Wessex GospelsWessex Gospels“, die „ein sehr reines, mustergültiges Spätwestsächsisch“17 repräsentieren, die spätere Wycliffe-BibelWycliffe-Bibel, die den typischen (Central) Midland-Dialekt aufweist, der auch für autochthone Texte aus dem Wycliffe-Umkreis bekannt ist, sowie das gewöhnlich mitteldeutsche „Evangelienbuch“. Diese Werke waren in ihrem jeweiligen historisch-geographischen Kontext lediglich nicht in dem gleichen Maße konstitutiv für ihre entsprechenden Varietäten wie der „Tatian“ für die seine.
Sodann treffen die negativen Urteile auch nicht alle syntaktischen Phänomene im gleichen Maß. Mehr oder weniger strenge Wort-für-Wort-Übersetzungen eignen sich natürlich nicht dafür, aus ihnen die positionalen Regelungen der Zielsprache zu isolieren, also die relativen Positionen zwischen allen möglichen syntaktischen Elementen, die in Sätzen auftreten, wie zum Beispiel die Stellung von finiten Verben in Haupt- und Nebensätzen. Dies gilt umso mehr, wenn die Übersetzung dem Zeilenumbruchprinzip unterworfen ist wie im „Tatian“. Ebenso wenig lässt sich etwas über den genuin deutschen oder englischen Partizipiengebrauch herausfinden, wenn lateinische Konstruktionen wie das Participium coniunctum oder der Ablativus absolutus so wörtlich wie möglich übersetzt wurden, etwa als absoluter Dativ im Falle des Letzteren. Die Abschnitte zu den instruktiven Mitteln sollten aber deutlich gemacht haben, dass es mir um einen eng begrenzten Bereich der Syntax geht, nämlich um das dritte mögliche instruktive Mittel: die relativen Positionen zwischen Satzgliedern, die als Subjekte und Objekte fungieren können.18 Das finite Verb spielt zunächst insofern eine Rolle, als es morphologische ÜbereinstimmungsbeziehungenKongruenzMorphologie mit einem (oder mehreren) der Satzgliedern unterhält. Das finite Verb kann überdies syntaktisch relevant sein, wenn seine relative Stellung zu den fraglichen nominalen Satzgliedern instruktiv dafür genutzt wird, diese in Subjekt und Objekt(e) zu unterscheiden. Dies wird für die Analyse des MittelenglischenMittelenglisch wichtig werden.19
Da ich solche (Teil-)Sätze untersuchen möchte, die für grammatische Mehrdeutigkeiten zwischen Subjekt und Objekt(en) anfällig sind, wird sich die Analyse also auf finite (Teil-)Sätze mit mindestens zwei direkt von einem Verb abhängigen, nominalen Satzgliedern beschränken. Damit ist es dann aber gar nicht nötig, dass unsere Bibelübersetzungen in allen Aspekten die originäre Eigenstruktur der jeweiligen Zielsprache enthalten, sondern es genügt, wenn sie es nur in den Aspekten und in den Äußerungstypen tun, die für unsere Fragestellung relevant sind.
Falls die relative Position des Verbs relevant für die Identifikation der syntaktischen Funktionen ist, dann würden wir erwarten, dass die relativen Positionen zwischen finitem Verb und Satzgliedern in der Übersetzung auch so gewählt sind, dass sie gemäß der zielsprachlichen Eigenstruktur zur richtigen Lesart instruieren. Um dies umzusetzen, sollten die Übersetzer theoretisch – wir haben ja nur beim „Tatian“ Einsicht in die genaue Vorlage – dabei besonders oft gegen die Vorlage abweichen. Latein weist solche Positionsregelungen nicht auf und Lateinschreiber brauchten sie daher nicht zu berücksichtigen. Wenn wir kurz die Phantasie spielen lassen und der Illustration halber davon ausgehen, die lateinische Vorlage unseres Musterverses Johannes 19, 27 im althochdeutschen „Tatian“ habe auch die Vorlage für den entsprechenden Vers in der mittelenglischen Übersetzung abgegeben, wird dies deutlicher. Dazu wiederhole ich Beispiel (6) und gebe die lateinische Entsprechung des Verses aus dem „Tatian“.20


Offenbar steht in der mittelenglischenMittelenglisch Übersetzung gemäß der mittelenglischen Eigenstruktur das finite Verb an der dritten Stelle – die Konjunktion nicht mitgezählt –, direkt neben dem Subjekt und dann gefolgt von dem Objekt, also X S V O … Hätte die lateinische Version tatsächlich die Vorlage abgegeben, hätten wir es mit einem Differenzbeleg zu tun. Im Lateinischen ist die ReihenfolgeReihenfolge X V O S … Würde im Mittelenglischen nicht davon abgewichen, würden wir zahlreiche missverständliche Äußerungen erwarten: Fro that our took hir the disciple … (X V O S …) könnte zwar aufgrund der morphologischen Form des Objekts hir trotz quellsprachlicher Syntax noch richtig verstanden werden, aber wenn wir ein Objekt mit einem synkretischen KasusKasus hätten, wäre dies eine Einladung zum Falschverstehen: Fro that our took the mother/it the disciple … Hier garantiert erst die Abweichung von der lateinischen Vorlage in den relativen Positionen der drei Elemente die richtige Interpretation. Wenn der mittelenglische Text richtig verstehbarverstehen sein soll – wovon ich in meiner Hypothese ja ausgehe –, dann können wir hier systematische Abweichungen zugunsten der mittelenglischen syntaktischen Eigenstruktur erwarten.
Wenn die relativen Abfolgen, die in unseren Übersetzungen auftreten, also solche sind, die in den untersuchungsrelevanten eigenstrukturellen Aspekten einen Differenzbeleg darstellen oder in der jeweiligen Sprach(stuf)e als nativ gelten, etwa weil sie in autochthonen Texten auftauchen, dann werde ich sie so behandeln, dass sie mit der Eigenstruktur der Zielsprache vereinbar sind.
Ein Beispiel für einen Satz mit originär althochdeutscherAlthochdeutsch syntaktischer Eigenstruktur, der aber keinen Differenzbeleg darstellt, ist unser Mustervers Joh. 19, 27. Die relative Stellung des Verbs zu den Satzgliedern ist dennoch der Entlehnung aus dem Lateinischen unverdächtig, denn sie stellt eine häufige ReihenfolgeReihenfolge im althochdeutschen Hauptsatz dar. Irrelevant ist dagegen, dass die Präpositionalphrase in sina in einem vorlagenunabhängigen Text möglicherweise anders ausgedrückt worden wäre.

In anderen als den untersuchungsrelevanten Aspekten der Eigenstruktur – allen voran lateinischen Partizipialkonstruktionen und Akkusativen mit Infinitiven – darf die Zielsprache durchaus Eigenstrukturen der Quellsprache aufweisen, wie etwa ungelenke Konstruktionen mit nicht finiten Verben. Das kann, möglicherweise mit Ausnahme des Mittelenglischen, sogar für die Position von finiten Verben gelten. Wenn wir davon ausgehen dürfen, dass die relative Position des finiten Verbs keinen instruktiven Wert für die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt(en) oder zwischen verschiedenen Objekten hat, dann können wir sogar zulassen, dass die Übersetzungen auch hier Eigenstrukturen der Quellsprache aufweisen.23
Sollten sich diese Überlegungen bestätigen, – sollten also die eigenstrukturellen Mittel der mittelalterlichen Zielsprachen hinreichen für die richtige Interpretation ihrer grammatisch eindeutigeneindeutiggrammatisch Äußerungen –, dann müssten wir davon ausgehen, dass sich die Übersetzer bei aller Hörigkeit gegenüber den Eigenstrukturen der Vorlagen gerade bei den grammatischen Mitteln, die instruieren, was womit in welcherWas steht womit in welcher Beziehung? Beziehung stehend vorgestellt werden soll, sehr klar an die Eigenstrukturen der Zielsprache gehalten haben. Dies wiederum würde uns berechtigen, diesen Übersetzungen eine größere interpretative Unabhängigkeit von der Quellsprache zu bescheinigen, als dies gemeinhin unter dem Stichwort „bloße Verständnishilfe für den heiligen Vorlagentext“ getan wird.
2.6 Die vorgestellten generalisierten Leserinnen
Am Ende des ersten Kapitels hatte ich gesagt, dass ich von den vielfältigen variablen Umständen absehen muss, unter denen die BibelübersetzungenÜbersetzung entstanden sind, wenn ich sie im Hinblick auf unsere Fragestellung vergleichen möchte. Neben die kulturhistorischen, theologie- und kirchengeschichtlichen, sprachhistorischen und editionstheoretischen Umstände sind nun auch, wie angekündigt, die übersetzungstechnischen getreten. Ich werde diese aber nicht ausklammern wie die anderen Unterschiede, sondern ich habe im letzten Abschnitt versucht, so etwas wie einen untersuchungsrelevanten kleinsten gemeinsamen Nenner zu kondensieren, der die Übersetzungen für uns vergleichbar macht. Dieser kleinste gemeinsame Nenner besteht letztlich in den vorgestellten generalisierten Leserinnen, die ich nun schon so oft beschworen habe. Sie verfügen über ihr je einzelsprachliches eigenstrukturelles Know-howKnow-how, genauer gesagt, über die Teilaspekte dieses Know-hows, die es ihnen erlauben, beim Lesen der Bibelübersetzung in ihrer jeweiligen Sprache zu verstehenverstehen, was in den Äußerungen womit in welcher Beziehung steht. Sie lesen in der natürlichen Einstellung des (heutigen) Alltagslebens, ohne philologische, theologische, spirituelle oder anderweitige professionelle Ambitionen; sie lesen den Übersetzungstext als (in den untersuchungsrelevanten Aspekten) kommunikativ autarken Text; sie lesen nach dem wörtlichen Schriftsinn; sie lesen für sich; sie lesen problemlos und flüssig im automatischenAutomatismus und RoutinemodusRoutine, Routinisierung wie wir; sie lesen laut oder lautlos.
Je älter die jeweilige Übersetzung ist, desto historisch inakkurater wird die Rolle einer solchen vorgestellten generalisierten Leserin. In der Tat mag oder kann der Zweck der jeweiligen Schrift nicht die Lektüre unter diesen Vorzeichen gewesen sein, aber das schließt ja eine Umfunktionierung der Texte nicht aus, sofern ich ihnen keine Eigenschaften zuschreibe, die ihnen nachweislich nicht zukommen. Wenn die Übersetzungen in den relevanten Punkten akkurat sind, dann spricht auch nichts dagegen, sich diese Akkuratheit für eine Analyse unter veränderten Vorzeichen nutzbar zu machen.
2.7 Der instruktiveinstruktive Leistungen Wert der ProsodieProsodie beim Lesen-für-sich
In früheren Abschnitten dieses Kapitels hatte ich die Prosodie als eigenstrukturelles Mittel mit instruktivem Wert genannt. Dort instruierte sie eine Leserin dazu, wie sie eine Äußerung praktisch verwerten kann.1 Unter dem Vorzeichen, dass ich es in der Untersuchung mit geschriebenen Bibelübersetzungen zu tun haben würde, hatte ich die Prosodie in der Folge aus der Diskussion der instruktiven Mittel ausgeklammert, und zwar zugunsten derer, die eine Leserin in der Schrift erkennt: WortkategorienWortart, KasusKasus- und KongruenzmorphologieKongruenzMorphologie sowie positionale und ReihenfolgeregelungenReihenfolge. Diese Ausklammerung möchte ich hier sachlich begründen, zumal der Prosodie neben der Leistung „Verwerten“ noch etliche andere zukommen.2 Ich klammere die Prosodie nicht aus dem Grund aus, dass (lautloses) Lesen keine messbaren (neuro-)phonetischen Merkmale aufwiese. Dies ist nämlich sehr wahrscheinlich falsch. Selbst beim geräuschlosen Lesen begleiten wir das Gelesene mit einer Art simulierter, stiller Prosodie.3 Ohnehin hatte ich den vorgestellten generalisierten Leserinnen ja zugestanden, laut oder lautlos zu lesen. Überdies war es lesehistorisch so, dass es bis ins späte Mittelalter die Regel und bis ins 19. Jahrhundert immerhin nicht unüblich war, dass auch das Lesen-für-sich nicht lautlos, sondern laut vor sich ging.mehrdeutigsyntaktisch4 Gerade in der Frühzeit darf man sich dieses laute Lesen aber nicht so vorstellen, wie wir heute vorlesen, sondern eher als Gemurmel, bei dem man sich – buchstaben-, silben- oder wortweise artikulierend, oft neu ansetzend und immer weitere Segmente hinzunehmend – an das bedeutungstragende Ganze heranstammelte, in etwa so, wie heute Erstklässlerinnen lesen lernen.5 Ich hatte den vorgestellten Leserinnen aber auch zugestanden, nicht nur laut, sondern auch flüssig, automatischAutomatismus und routiniertRoutine, Routinisierung zu lesen. Der tatsächliche Grund, die Prosodie auszuklammern, muss daher ein anderer sein. Der spezielle Grund ist dieser: Ich gehe davon aus, dass unsere Leserinnen nicht von vornherein wissen, was in den neutestamentlichen Äußerungen womit in welcher Beziehung steht, dass diese Beziehungen für sie zumindest weitgehend neu sind. Nun ist es vorstellbar, dass auch die Übersetzer diese originalsprachlichen Äußerungen so übersetzten, dass sie dabei mindestens eine simulierte, stille, wenn nicht sogar wirkliche, hörbare Prosodie über ihre übersetzen Äußerungen legten. Für den einen oder anderen – vor allem die historisch jüngeren Übersetzer – mag die Aussicht, dass ihre Übersetzungen laut vorgelesen werden würden, durchaus eine Rolle dabei gespielt haben, wie sie übersetzten. Nun ist es wenigstens theoretisch denkbar, dass die Prosodie, die die Übersetzer sich dabei dachten, einen instruktiven Wert für die Frage hatte, was in der Äußerung womit in welcher Beziehung steht. Prosodische Merkmale hätten dann einen Einfluss darauf, welche Äußerungseinheiten als Subjekt und Objekt(e) und, über die syntaktischen Funktionen vermittelt, als AgensAgens, PatiensPatiens etc. zu behandeln wären. Der entscheidende Punkt ist aber, dass diese prosodischen Merkmale, falls es sie gibt (beziehungsweise gab), im graphischen Medium der Schrift verloren gehen und von einer räumlich, zeitlich und bezüglich ihres Wissenstands entfernten Leserin aus den graphischen Hinweisen auch nicht rekonstruiert werden können. Die (wirkliche oder simulierte) Prosodie des Übersetzers braucht keineswegs mit der (wirklichen oder simulierten) Prosodie der Leserin übereinstimmen. Dafür sind die prosodischen Optionen für eine einzige geschriebene Äußerung schon zu zahlreich.mehrdeutigKasusPatiensmehrdeutig6