Czytaj książkę: «Die Sehnsucht der Kormorane»
SILVIJA HINZMANN
Die Sehnsucht der Kormorane
Prohaskas vierter Fall in Istrien

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Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Josef G. Pichler
ISBN 978-3-99029-441-3
eISBN 978-3-99047-110-4
Mit deinen blauen Augen
Siehst du mich lieblich an,
Da wird mir träumend zu Sinne,
Dass ich nicht sprechen kann.
An deine blauen Augen
Gedenk ich allerwärts;
Ein Meer von blauen Gedanken
Ergießt sich über mein Herz.
Heinrich Heine
Dieses Buch ist ein Roman. Die Handlung, Personen und einige Orte sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.
Inhalt
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
2. Tag Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
3. Tag Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreißig
Einunddreißig
Zweiunddreißig
Dreiunddreißig
4. Tag Vierunddreißig
Eins
Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie die Decke wegschob und zur Bettkante rückte. Der Mann neben ihr schlief, doch als sie sich auf den Boden gleiten ließ, drehte er sich auf die Seite und stöhnte auf. Erschrocken starrte sie auf seinen Rücken, der sich im Schimmer der LEDs am Flachbildschirm abzeichnete.
Das Zeug, das sie ihm in den Whiskey geschüttet hatte, schien endlich zu wirken. Sie hatte keine Ahnung, ob die Dosis ausreichte, um ein Herzversagen oder einen Atemstillstand herbeizuführen. Wenn dem so war, wollte sie auf keinen Fall dabei sein. Das Einzige, was zählte, war, dieses Haus so schnell wie möglich zu verlassen, sonst würde alles nur noch schlimmer werden. Im schlimmsten Fall würde sie dafür mit dem Leben bezahlen.
Sie raffte ihre Sachen vom Boden zusammen, zerrte aus dem Kleiderschrank den Rucksack hervor, den sie dort versteckt hatte, bevor er zurückgekommen und über sie hergefallen war. Zutiefst gekränkt, angeekelt und voller Angst hatte sie es auch diesmal über sich ergehen lassen.
Als er danach im Badezimmer verschwunden war, hatte sie vier oder fünf Kapseln des Beruhigungsmittels aufgebrochen, das sie in seinem Nachttischchen gefunden hatte und im ersten Moment selbst schlucken wollte. Doch dann hatte sie das Pulver in sein Glas getan. Als er zurückgekommen war, hatte er den Whiskey hinuntergekippt und war wie selbstverständlich zum zweiten Mal grob in sie eingedrungen. Seit dem ersten Tag ihrer Gefangenschaft hatte sie überlegt, wie sie ihm entkommen könnte, aber er hatte ihr den Ausweis, das Handy und das wenige Geld abgenommen, das sie noch hatte. Es sei zu ihrer eigenen Sicherheit. Schließlich sei die Polizei hinter ihr her, sie solle froh sein, dass er ihr hier einen Unterschlupf bot. Sie hatte ihm geglaubt und ihn angefleht, sie über die Grenze nach Slowenien oder mit einem Boot nach Triest zu bringen, aber davon wollte er nichts hören. Es sei viel zu riskant, sie müsse warten, bis sich eine günstige Gelegenheit ergab.
»Was willst du eigentlich? Du hast ein Dach über dem Kopf, zu essen und zu trinken, außerdem Koks und Sex so viel du willst«, hatte er süffisant lächelnd gesagt und hinzugefügt, dass er etwas mehr Dankbarkeit von ihr erwartet hätte.
Dieser Mistkerl! Er sah nur ihren makellosen Körper, ihr Gesicht, die langen blonden Haare und ihre meerblauen Augen. Er sah nur die Fassade, und er verdiente eine Menge Geld auf ihre Kosten. Sie hasste sich dafür, ihn aber noch viel mehr. Sie hatte versucht, ihre Identität, aber vor allem ihre Seele zu schützen. Anfangs dachte sie, irgendwann genug Geld beisammenzuhaben, um irgendwo weit weg ein neues Leben beginnen zu können. Aber bald war ihr klar geworden, dass es dazu niemals kommen würde, wenn sie sich nicht selbst aus der Situation befreite.
Als er sie zu einer Jacht gebracht hatte, war das Maß des Erträglichen überschritten. Dort wartete Antonio Malin mit zwei anderen Männern, die sie noch nie gesehen hatte. Sie war so eingeschüchtert, dass sie kein Wort herausbrachte. Malin war ein paar Mal im Plavi kormoran gewesen und sie hatte bemerkt, dass er sich für sie interessierte, aber das taten andere auch, deshalb hatte sie ihn nicht beachtet. Außerdem war Miroslav rasend eifersüchtig, das behauptete er jedenfalls.
Sie fragte ihn, wer Malin sei und warum er sie ohne mit der Wimper zu zucken auf seine Jacht brachte. Doch Miroslav schnauzte sie an, sie solle den Mund halten und tun, was er von ihr verlangte. Es gehe um wichtige Geschäfte, er habe keine andere Wahl, müsse Malin wegen einer Sache noch eine Weile bei Laune halten, und sie sei die einzige Person, der er noch vertraue und die ihm aus der Klemme helfen könne. Er werde sie dafür großzügig belohnen, sie müsse nur noch dieses eine Mal so etwas tun.
Malin gab sich anfangs charmant und betont höflich. Er wechselte mit dem Mistkerl ein paar Worte, der stieg ins Schnellboot und überließ sie ihrem Schicksal.
Als Malin sie in die Schlafkabine bat, änderte sich die Stimmung. Einer der Männer, ein väterlicher Typ um die sechzig, redete auf sie ein und füllte sie mit Champagner ab. Sie war wie gelähmt und wehrte sich nicht, als sie nacheinander über sie herfielen. Doch als der dritte Mann anfing, mit seinem Smartphone Videoaufnahmen zu machen, bekam sie einen Schreikrampf. Der väterliche Typ stellte sich als aggressiver Wüstling heraus, schnauzte sie an, sie solle kein Theater machen und drohte ihr, sie über Bord zu werfen, wenn sie sich nicht augenblicklich zusammennehme. Malin und der dritte, dessen Namen sie sich nicht einmal merken wollte, gerieten mit dem Alten in Streit, während sie apathisch und mit angezogenen Knien in der Ecke der Kajüte hockte und keinen klaren Gedanken fassen konnte. Die drei tranken weiter, stritten und lachten abwechselnd, ließen ihr eine halbe Stunde Zeit, sich zu beruhigen und gingen aufs Deck, um zu rauchen. Danach ging es noch eine Weile weiter, bis sie endlich genug hatten und einschliefen. Am nächsten Morgen brachte ihr Malin einen Kaffee und tat so, als sei nichts gewesen. Sie hätte ihm das Gebräu am liebsten ins Gesicht geschüttet.
Miroslav holte sie ab, sprach kurz mit Malin, als ginge es um ein Geschäft, als wäre sie gar nicht vorhanden. Sie war einfach nur fassungslos. Auf der kurzen Fahrt zur Küste sah er stur vor sich hin, während sie zusammengekauert auf der Bank saß und am liebsten über Bord gesprungen wäre. Kaum, dass sie an Land waren, rief Malin ihn an und behauptete, sie habe einem seiner Freunde die Geldbörse gestohlen. Er machte einen furchtbaren Radau, sagte, er habe Beziehungen zu höchsten Kreisen. Da bekam Miroslav Angst, dass Malin am Ende der Polizei einen Tipp geben würde und die Sache in die Öffentlichkeit geraten könnte. Dann wäre Schluss gewesen mit seinem schmutzigen Geld, den dicken Autos, den Drogengeschäften und anderen Machenschaften, und er und seine Kumpanen würden hinter Gittern landen.
Während er seinen Geschäften nachging, hatte sie das Haus aufgeräumt, was er für eine Selbstverständlichkeit hielt. Dabei hatte sie jeden Winkel durchwühlt, und am Nachmittag endlich ihren Ausweis und das Handy in einer Werkzeugkiste im Abstellraum gefunden. Warum er die nicht in den Safe gelegt hatte, war ihr ein Rätsel.
Als er am Abend nach Hause kam und die Tür aufschloss, rannte sie ins Freie. Sie kam nicht weit. Er zerrte sie ins Schlafzimmer, warf er sie aufs Bett und vergewaltigte sie. Sie weinte nicht, hatte keine Tränen mehr, ließ es über sich ergehen und hasste ihn abgrundtief. Er drohte, sie umzubringen, wenn sie noch einmal versuchen sollte wegzulaufen. Nachdem er sich beruhigt hatte, drehte er sich auf die Seite und schlief ein.
Aber das war ein für alle Mal vorbei. Er wird sie nie wieder anfassen. Weder sie noch eine andere. Nie mehr.
Sie nahm ihre Sachen, ging rasch nach unten ins Wohnzimmer und zog sich im Schein der Handylampe an. Dann holte sie seinen Laptop, öffnete den Wandtresor, nahm die Geldbündel und das Samtsäckchen mit den Diamanten heraus und stopfte alles in ihren Rucksack. In einem Anflug von Größenwahn hatte Miroslav ihr tatsächlich gezeigt, wo er sein Geld hortete, und dabei stolz grinsend auch das Samtsäckchen in die Höhe gehalten. Es war einfach gewesen, sich den Code einzuprägen. Zweimal die Runde gegen den Uhrzeigersinn auf dem Tastenfeld. Als sie ihn gefragt hatte, ob er denn keine Angst habe, dass man ihn bestehlen könnte, hatte er nur gegrinst. Niemand würde es wagen, ihm etwas wegzunehmen, sie solle keinen Scheiß reden. Um seine Worte zu unterstreichen, hatte er ihr ohne Vorwarnung ins Gesicht geschlagen. Sie war rückwärts auf die Couch gefallen und als sie aufstehen wollte, hatte er sie nach unten gedrückt, sich zu ihr gesetzt und halbherzig um Entschuldigung gebeten. Er habe es doch nur gut gemeint. Sie solle ein braves Mädchen sein und keine Dummheiten machen. Er habe ihr auch etwas mitgebracht, sie solle sich einfach bedienen. Es sei mehr als genug da. Aber sie wollte kein Kokain. Er zog selbst eine Linie durch die Nase und trank Whiskey. Sie hatte ihm dabei stumm zugesehen und ihn innerlich verflucht. Danach hatte er sie wegen ihrer blutenden Unterlippe von hinten genommen. Doch daran wollte sie nicht denken.
Dass sie ihn bestohlen hatte, würde er nicht merken. Er wird überhaupt nichts mehr merken, dachte sie, während sie in ihre Turnschuhe schlüpfte und die Jacke anzog. Sie nahm seine Geldbörse, den Schlüsselbund und die Autoschlüssel und verließ das Haus. Der Nachtwind verfing sich im Geflecht der Zypressen, die wie düstere Wächter die Zufahrt säumten. Hinter einem der Bäume bewegte sich etwas, aber es war zu dunkel, um zu erkennen, was es war. Vielleicht bildete sie sich das nur ein, dachte sie und fuhr dann doch zusammen, als eine Fledermaus an ihr vorbeihuschte. In den Häusern oben am Hang schliefen die Menschen in ihren Betten. Niemand ahnte, dass sie hier war oder überhaupt existierte.
Sie rannte zum Schuppen, in dem sein schwarzer BMW X5 stand, öffnete die Fahrertür, sprang hinein und startete den Motor.
Die Nacht war ungewöhnlich kalt. Obwohl sie fröstelte, fuhr sie mit offenen Fenstern. Der Fahrtwind half ihr, klare Gedanken zu fassen.
Zwei
Der schwarze Audi A8 rollte leise an den Straßenrand und hielt neben einem ausladenden Busch. Viktor schaltete den Motor aus und sah zu Karlović, der seine Zigarette im Aschenbecher zerquetschte und sich die Sturmmaske überstülpte. Die andere warf er Viktor zu und nickte.
Widerwillig zog Viktor das Ding an. Es war nicht richtig, dass sie hier waren, sagte er sich zum wiederholten Mal. Was sollte diese Aktion mitten in der Nacht? Die Sache ging ihn im Grunde nichts an. Wenn Karlović eine Rechnung zu begleichen hatte, dann sollte er sie mit dem anderen wie ein Mann klären und nicht wie ein Feigling.
Sie stiegen aus und rannten zum Schotterweg, der zum Haus führte. Viktor sah zu den Häusern weiter oben am Berghang und hoffte insgeheim, dass etwas passierte und sie gezwungen wären, die Sache abzubrechen. Er würde kein Wort darüber verlieren, niemals. Zu bescheuert das Ganze. Wie in einem Actionfilm, nur dass Karlović nicht Bruce Willis war, sondern ein Angeber, der andauernd von irgendwelchen Geschäften und einer Menge Kohle faselte, die er bald besitzen würde. Und natürlich würde Viktor ein Honorar für seine kleine Gefälligkeit bekommen, ist doch Ehrensache.
Viktor wollte aber kein Geld. Er hatte sich dazu nur überreden lassen, weil er den Mann, der in dem Haus da schlief, nicht ausstehen konnte. Aber ihn mitten in der Nacht zu überfallen, war idiotisch, nein, es war kriminell, und sie würden irgendwann dafür bezahlen müssen. Es wäre besser, umzukehren. Soll doch der Idiot zusehen, wie er in die Stadt zurückkam.
Im Gebüsch zirpte ein Zikadenmännchen und verstummte gleich wieder, da es keine Antwort bekam. Nachtfalter schwirrten im gelblichen Licht einer Straßenlaterne. Der Junimond verbarg sich hinter einer zerzausten Wolke. In den Lorbeerhecken raschelte der Wind und trug den Duft von Wildkräutern mit sich. In der Ferne glänzte silbern das Meer. Doch für den nächtlichen Zauber hatten die zwei maskierten Männer weder Interesse noch Zeit. Als sie auf den leicht abschüssigen Weg bogen und im Schatten der Zypressen weiterschlichen, zeichnete sich das Steinhaus am Ende der Allee ab.
»Mensch, pass auf«, knurrte Karlović, als Viktor auf einen trockenen Ast trat.
So ein schönes Haus hätte er auch gerne gehabt, dachte Viktor, während er die mit vier Marmorsäulen gesäumte halbrunde Treppe vor der Eingangstür betrachtete. Bis vor einem Jahr noch war es mehr oder weniger eine Ruine gewesen, an deren Mauern Eidechsen herumhuschten und Efeu und Flechten wucherten. Aber mit Geld lässt sich bekanntlich alles machen. Nicht, dass er neidisch gewesen wäre, aber manche Menschen schafften es einfach besser als andere, sich so etwas zu leisten. Und er gehörte eindeutig zu den anderen.
Karlović blieb abrupt stehen.
»Was ist da los?«
»Was meinst du?«
»Na da, im Erdgeschoss ist doch jemand, aber er kann uns nicht gesehen haben, wir sind zu weit weg«, flüsterte Karlović.
»Vielleicht solltest du die Sache lieber abblasen«, schlug Viktor vor.
»Kommt gar nicht infrage.«
Viktor drückte sich hinter eine Zypresse, die wie eine schwarze Lanze in den Nachthimmel ragte. Die Wolke löste sich auf und gab den Mond frei.
Im Haus ging das Licht aus.
»Ich gebe ihm zwei Minuten«, flüsterte Karlović.
»Ich warte aber unten.«
»Hast wohl Schiss, was?«
»Hab ich nicht.« Viktor gab sich Mühe, seine Stimme fest klingen zu lassen, aber sie bebte trotzdem. Er biss sich auf die Unterlippe und schwor sich, sobald diese Aktion vorbei war, würde er sich aus dem Staub machen. Karlović konnte ihn mal, mit dem wollte er nie mehr etwas tun haben. Der würde ihn noch tiefer in den Sumpf hineinziehen. »Das ist doch verrückt.«
»Ach, der Bub macht sich in die Hose«, höhnte Karlović.
»Blödmann«, murmelte Viktor.
Karlović fuhr herum und kam mit seinem nach Schweiß und Zigarettenrauch riechenden Schädel ganz dicht an Viktor heran.
»Was hast du gesagt?«
»Nichts. Ich mache so etwas zum ersten Mal.«
»Und? Da musst du durch. Und merkt dir eins: Erst wenn ich sage, dass du unten bleiben sollst, bleibst du unten, klar?«
»Ich bin ja nicht taub.«
Karlović murmelte etwas und schaute wieder zum Haus.
Als plötzlich die Tür aufging, hätte Viktor beinahe aufgeschrien.
»Wer zum Teufel ist das?«, fragte Karlović aufgebracht.
»Keine Ahnung«, erwiderte Viktor, doch er wusste, wer da zum Schuppen rannte.
»Miro ist es nicht«, sagte Karlović.
»Das war’s dann«, sagte Viktor und riss sich die Maske herunter.
Noch bevor Karlović etwas sagen konnte, fuhr ein dunkler Wagen so schnell vorbei, dass ihnen die Kieselsteine um die Ohren flogen.
»Mann, der haut mit Miros Wagen ab!«
»Wird wohl seine Gründe haben«, bemerkte Viktor trocken.
Karlović drehte sich zu ihm um.
»Zieh das Ding an!«
»Die brauche ich nicht mehr, außerdem krieg’ ich keine Luft.«
»Anziehen. Sofort!«
Viktor stülpte sich die Maske wieder über. Karlović zog die Waffe aus dem Hosenbund und schraubte den Schalldämpfer auf den Lauf.
Viktor wich erschrocken zurück.
»Was soll das? Ich dachte, du wolltest ihm eine Abreibung verpassen.«
»Das habe ich vor.«
Viktor spürte, wie seine Knie nachgaben.
»Sollten wir nicht lieber versuchen, den Typ einzuholen?«, fragte er, um das Entsetzen zu überspielen, das ihn beim Anblick der Waffe erfasst hatte.
»Um den kümmere ich mich später. Gib mir den Schlüssel.«
Viktor fingerte einen Schlüssel aus der Hosentasche.
Sie schlichen runter zum Haus. Karlović schloss die Haustür auf und ging hinein. Im fahlen Licht des Mondes, das durch die Küchenfenster fiel, zeichneten sich die Konturen der Schränke zu ihrer Rechten, der Garderobe und der Treppe ab, die nach oben führte. Die Tür des Wohnzimmers stand offen.
Auf einen Wink von Karlović drückte Viktor die Haustür zu und lehnte sich dagegen. Er würde keinen Schritt weitergehen. Dass bei dem Kerl ein paar Schrauben locker waren, wurde ihm mit jeder Sekunde klarer. So einer hatte ihm nichts zu befehlen.
»Warte hier«, zischte Karlović und schlich wie eine Katze die Treppe hinauf.
Als in der Küche der Kühlschrank zu brummen anfing, zuckte Viktor zusammen und löste sich aus der Erstarrung. Von oben waren undeutlich Stimmen zu hören, aber er verstand kein Wort. Dann hörte er ein Rumpeln, als wäre etwas zu Boden gefallen. Viktor war schon an der Treppe und wollte hinauf, um nachzusehen, was da vor sich ging, als er zwei dumpfe Geräusche hörte. Schüsse! Er taumelte zurück und knallte mit dem Rücken gegen die Tür.
Karlović kam hinunter und eilte ins Wohnzimmer. Sein Gesicht sah im Schein der Handylampe wie versteinert aus.
»So eine verdammte Scheiße!«, fluchte er durch zusammengebissene Zähne, als er wieder herauskam.
»Was ist passiert?«
»Frag nicht so blöd. Raus hier!« Karlović stieß Viktor beiseite, riss die Tür auf und lief zum Schuppen.
Viktor zerrte sich die Maske herunter und folgte ihm mit wild klopfendem Herzen.
Drei
Als die Böschung am Straßenrand höher wurde, schaltete sie die Scheinwerfer an. Weit unten funkelten die Lichter der Küstenstraße, als wären sie an einer Perlenschnur aufgereiht. Das Meer glänzte im Mondlicht gleichgültig gegenüber allen menschlichen Regungen, ihren Irrungen, Sehnsüchten und Wünschen; heute Nacht sanft wiegend wie eine Kinderwiege, doch manchmal tosend und alles verschlingend, seit Anbeginn der Zeit.
Nach zehn Minuten, in denen sie keinen klaren Gedanken fassen konnte, tauchte die Kreuzung auf, an der sie sich entscheiden musste, ob sie nach Rijeka und von dort ins Landesinnere oder in die entgegengesetzte Richtung fahren sollte. Ihre Hände zitterten, ihr war heiß und kalt, als hätte sie Fieber. Sie hielt in einer Einbuchtung an und stieg aus. Eine kalte Windböe griff nach ihren Haaren. Im Wald, den sie mehr ahnte als sah, rief ein Nachtvogel. Sie ging nach vorne, doch da gaben ihre Knie nach und sie stützte sich an der Motorhaube ab, um nicht umzukippen. Dann erbrach sie sich. Sie wartete, dass ihr Herz zu rasen aufhörte und die Krämpfe nachließen und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab. Auf der Hauptstraße raste ein Auto vorbei. Der Fahrer hatte sie bestimmt nicht gesehen. Und falls doch, war es jetzt auch egal. Sie war eine Mörderin. Ihr Schicksal war besiegelt.
Sie wollte nicht an ihre Mutter denken, die so viel durchgemacht hatte und die sie dennoch nie verstanden hatte. Und auch nicht an ihren Vater, der sie vor zehn Jahren wegen einer jüngeren Frau verlassen hatte. Sie wollte auch nicht an ihren Bruder denken, der sie immer zu beschützen versuchte. Nach der Scheidung der Eltern verlor er wie sie selbst für eine lange Zeit den Boden unter den Füßen. Als sie volljährig wurden, zog er aus dem Provinzort nach Rijeka, machte eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Wenn er sich meldete, behauptete er, sie solle sich keine Sorgen machen, es gehe ihm gut. Marina hatte da ihre Zweifel, wollte sich aber nicht in sein Leben einmischen. Als sie sich im Frühjahr nach einem Ferienjob für die Semesterferien umschaute, gab er ihr die Telefonnummer von Vera Haller, in deren Fitnessstudio er aushalf. Und so kam Marina nach Opatija und fing im Plavi kormoran zu jobben an. Sie sahen sich zwar selten, telefonierten aber kurz ab und zu.
Er konnte ihr auch nicht mehr helfen. Es war vorbei. Sie musste ihren Weg allein gehen. Keine Buße konnte ihre Sünden abwaschen, keine tausend Priester wären imstande, ihr Absolution zu erteilen. Wie auch? Das ganze Brimborium um Gott und Götter war eine Farce, ein Riesengeschäft seit dem Moment, als die Menschen sie in ihrer Furcht und Unwissenheit beim Anblick von Blitz und Donner, die vor ihren Höhlen und Behausungen wüteten, erschaffen hatten. Erschaffen mussten. Das Geschäft mit der Angst vor der geheimnisvollen Macht der Natur, vor Geistern und Gespenstern, vor Tod und Teufel und der Hölle funktionierte bis heute und lief wie geschmiert. Von ihr aus sollte jeder glauben, an was und wen er auch immer wollte.
Sie war durch die Hölle gegangen, aber die fürchtete sie nicht. Angst hatte sie nur vor jenen, die sie ausgenutzt, gequält und erniedrigt hatten und die dafür bezahlen würden. Die Hölle konnte ihr gestohlen bleiben.
Als sie wieder im Wagen saß, tippte sie die Adresse ins Navi ein und fuhr los. Sie musste ihr Ziel noch vor Tagesanbruch erreichen.
Vier
Der Benzinkanister lag unter einem wackeligen Plastiktisch in der Ecke des Schuppens. Karlović trug ihn zum Haus und schraubte den Verschluss auf.
»Hey, was machst du?«, fragte Viktor panisch.
»Siehst du doch. Gib mir den Schlüssel!«
Viktor tat es.
Karlović schloss die Tür auf und schüttete das Benzin auf die Treppe, über die Jacken an der Garderobe, auf den Steinboden in der Küche und den Teppich im Wohnzimmer. Dann ging er nach draußen, rannte ums Haus zum Pool neben der Terrasse und ließ dabei die Flüssigkeit aus dem Kanister laufen.
»Deine Maske!«, herrschte er Viktor an, der ihm fassungslos gefolgt war.
Viktor gab ihm das Ding.
Karlović zog seine Maske herunter, tränkte beide mit Benzin und kippte den Rest auf den Stapel Holzbohlen, die für die Terrasse geliefert worden waren. Dann warf er den Kanister achtlos zu Boden.
»Lauf zum Wagen, ich komme nach.«
»Mann, du bist komplett durchgeknallt.«
»Im Gegenteil, das nennt man Spurenbeseitigung. Solltest du auch nur eine Sekunde mit dem Gedanken spielen, mich zu verpfeifen oder abzuhauen, bist du ein toter Mann.«
Viktor schüttelte nur den Kopf.
»Verschwinde jetzt!«
Viktor rannte durch die finstere Allee zur Straße. Er war sicher, dass man seine Schritte hunderte Meter weit hören konnte. Aber das Rauschen des Blutes in seinen Ohren machte ihn fast taub. Wenn er jetzt die Polizei anriefe, könnte er den Irren vielleicht noch stoppen. Er war sicher, dass Karlović den Mann erschossen hatte. Wenn er Alarm schlug, würde man ihn als Mittäter verhaften. Nein, er konnte es nicht tun. Aber morgen, wenn Karlović hoffentlich fort war, würde er sich stellen.
Währenddessen zündete Karlović mit seinem Feuerzeug die Sturmmasken an und schleuderte sie in die Diele. Flammenzungen glitten wie Schlangen über den Steinboden zum Teppich im Wohnzimmer, rollten in die Küche und lechzten die Treppe hoch. Die Jacken an der Garderobe loderten hell auf. Im Nu fraßen sich die Flammen durch das ganze Haus. Als ihm der beißende Brandgeruch, die Hitze und der Rauch entgegenschlugen und den Atem raubten, wandte er sich ab, knallte die Tür zu und rannte los.
Viktor lief zum Wagen, sprang ans Steuer und fuhr zum Schotterweg vor. In diesem Moment explodierte die Gasflasche unter der Küchenspüle. Die Detonation war ohrenbetäubend, die Fensterscheiben zersplitterten, Klappläden barsten, Splitter schossen in alle Richtungen. Die dunkle Rauchwolke wand sich unheilvoll über den Flammen, die das Haus verschlangen.
»Was für ein verdammter Idiot!«, schrie Viktor, als er am Kiesweg hielt und dem Inferno zusah.
Die Beifahrertür wurde aufgerissen. Karlović stieg ein und schallte sich an.
»Mach die Scheinwerfer aus.«
»Du blutest«, sagte Viktor tonlos.
Karlović wischte sich mit der Hand übers Gesicht und schlug Viktor auf den Oberarm.
»Fahr endlich!«
Viktor schaltete die Scheinwerfer aus, gab Gas, bremste nach ein paar Metern ab und riss das Lenkrad nach links, um auf die Straße zu kommen. Um ein Haar hätte er die Straßenlaterne gerammt.
»Spinnst du?«, brüllte Karlović.
»Ich nicht!«
Hinter ihnen wütete das Feuer. Dachziegel krachten herunter, der Schuppen, die Bäume und die Lorbeerhecke gingen prasselnd in den Flammen zugrunde. Dicker Rauch verpestete die Luft, Funken flogen wild umher und die glühende Hitze stieg zum Himmel empor. In mehreren Häusern am Hang gingen die Lichter an. Eine Frau schrie von einem Balkon um Hilfe. Bei der Feuerwehr und dem Polizeirevier gingen die ersten Notrufe ein.
Fünf
Es ist eine seltsame Sache mit der Zeit, dachte Prohaska, als er mit einer Tasse Kaffee auf die Terrasse ging. An manchen Tagen zogen sich die Stunden wie zähes Karamell dahin und man konnte meinen, die Nacht würde niemals hereinbrechen. Und an anderen wunderte er sich, dass schon wieder zwei Stunden vergangen waren, ohne dass er es bemerkt hatte.
Aber im Grunde konnte ihm die Zeit egal sein. Hier musste er nicht nach der Uhr leben. Wie oft war er nach einem langen Tag erschöpft ins Bett gefallen, doch kaum, dass er eingeschlafen war, vom Wecker oder einem Anruf aus dem Schlaf gerissen worden, um ohne Frühstück ins Präsidium oder zu einem Tatort zu fahren? Und dabei musste er stets einen kühlen Kopf zu bewahren, seine Kolleginnen und Kollegen motivieren und unterstützen.
Wenn er an seinen letzten Einsatz dachte, bei dem er angeschossen wurde und sein Leben danach aus den Fugen geraten war, zog sich sein Magen zusammen. Dennoch musste er sich allen Widrigkeiten zum Trotz, die er damals zu bewältigen hatte, eingestehen, dass er seine Arbeit manchmal sehr vermisste. Schließlich hatte er seinen Dienst nicht freiwillig beendet, sondern wurde von einem durchgeknallten Typen von einer Sekunde zur anderen aus der Bahn katapultiert. Der Mann hatte sich nach einem heftigen Streit mit seiner Noch-Ehefrau mit der gemeinsamen fünfjährigen Tochter in der Wohnung verschanzt. Die Frau konnte zu den Nachbarn fliehen und die Polizei verständigen. Er drohte, das Kind und sich selbst zu erschießen, wenn die Frau nicht zu ihm zurückkehrte. Als sich herausstellte, dass der Mann aus dem ehemaligen Jugoslawien stammte, wurde Prohaska hinzugerufen. Er sollte versuchen, den Mann zur Aufgabe zu überreden. Doch der wurde noch wütender und beschimpfte Prohaska als Verräter. Als die Lage zu eskalieren drohte, stürmten sie die Wohnung. Der Mann saß auf der Couch und hielt das Kind fest. Prohaskas Kollege forderte ihn auf, die Waffe fallen zu lassen. Doch der Mann schoss sofort und der Kollege stürzte tödlich getroffen zu Boden. Der Mann sprang auf, das Kind riss sich los und rannte zu Prohaska, der in der Tür stand und das Kind nach draußen schob. Als er sich wieder umdrehte, stand der Mann da und zielte auf ihn. Sie schossen gleichzeitig. Der Mann kippte auf die Couch zurück. Prohaska hatte ihn am rechten Arm getroffen. Er selbst schlug mit dem Rücken gegen die Wand und sackte in sich zusammen. Weitere Polizisten stürmten herein, fixierten den Mann. Alle schrien durcheinander. Prohaska starrte auf sein linkes Bein. Überall war Blut. Er wurde ohnmächtig und wachte erst nach einer mehrstündigen Operation auf. Die Verletzungen waren schwer. Nach drei Wochen wurde er aus der Klinik entlassen und kam in die Reha. Danach folgte die Gerichtsverhandlung, bei der er freigesprochen wurde, da ihm die Richter Notwehr zubilligten. Aber arbeiten konnte er nicht. Er bekam Depressionen und wurde schließlich frühpensioniert. Die Kollegen riefen immer seltener an, er hing zuhause herum, wurde aufbrausend. Seine Frau Heidi, die als Schreibkraft ebenfalls bei der Polizei arbeitete, kümmerte sich um alles, machte Überstunden, warf ihm schließlich vor, sich gehen zu lassen. Sie stritten sich und versöhnten sich halbherzig und schwiegen dann tagelang. Die Tochter Anna begann nach dem Studium zu arbeiten und zog von zu Hause aus. Als er nach Wochen ohne Krücken gehen konnte, hatte Prohaska sich wieder aufgerappelt. Er machte Spaziergänge und entdeckte sein altes Hobby, das Fotografieren. Er fuhr mit dem Auto durch die Gegend und war bald jeden Tag unterwegs. Es schien, als würde alles wieder in Ordnung kommen. Doch dann fand er eines Morgens seine Frau im Badezimmer auf dem Boden liegend. Sie war nicht ansprechbar, er versuchte sie wiederzubeleben, rief den Notarzt. Doch es war zu spät. Heidi hatte einen schweren Schlaganfall erlitten und war tot.
Als er seinem Freund Ivo Horvat davon erzählte, schlug dieser vor, für einige Zeit nach Rovinj zu kommen. Prohaska wollte es sich überlegen. Doch nach einem Vierteljahr hielt er es nicht mehr allein in der Wohnung aus, stellte die Möbel in einem Lagerhaus unter, vermietete die Wohnung und fuhr nach Istrien. Die erste Zeit wohnte er bei Ivo und Miranda. Über einen Makler fand er ein altes Steinhaus in Kloštar. Er kaufte es sofort, renovierte es mit ein paar Handwerkern, die Ivo gefunden hatte, und als es fertig war, holte er einen Teil seiner Möbel aus Stuttgart ab. Da Ivos Fotoladen seit einiger Zeit nicht so gut lief und Prohaska sich auch nicht vorstellen konnte, den Rest seines Lebens untätig zu sein, bot er Ivo an, ihm finanziell zu helfen, und wurde sein stiller Teilhaber.
Prohaska hatte nie bereut, dass er nach Istrien gezogen war. Er war gerne Fotograf, war finanziell unabhängig und konnte tun und lassen, was er wollte. Und dennoch fehlten ihm die Aufregungen und Herausforderungen, die er früher bei der Polizeiarbeit gehabt hatte.
Das war wohl der Grund, warum er sich hier allzu leicht in irgendwelche Kriminalfälle hineinziehen ließ. Er war ein Polizist und würde es sein Leben lang bleiben, egal wo und wie er lebte.
Ivo sah diese Rückfälle nicht gern und machte sich Sorgen, dass Prohaska eines Tages in ernsthafte Schwierigkeiten geraten könnte. Und tatsächlich verspürte Joe seit seinem letzten »Fall« kaum noch Lust, sich als Privatermittler zu betätigen. Streng genommen war es ja illegal. Er hatte weder die Befugnisse eines Polizeibeamten noch eine Lizenz als Privatdetektiv. Deshalb hatte er diesbezügliche Anfragen, die man mehr oder weniger hinter vorgehaltener Hand an ihn gerichtet hatte, abgelehnt. Allerdings hatte er doch einmal der Bitte von Inspektor Rossi nachgegeben, ihn für eine gelegentliche Zusammenarbeit zu gewinnen.
Er trank einen Schluck Kaffee, zündete sich eine Zigarette an und versuchte, die trüben Gedanken zu verscheuchen.
So gut es eben ging.
Am Abend zuvor hatte er bis tief in die Nacht am Rechner gesessen und die unzähligen Fotos, die er von Hochzeiten, Kindergeburtstagen oder anderen Anlässen gemacht hatte, sortiert, bearbeitet oder gelöscht. Die besten auftragsfreien Aufnahmen hatte er auf einem Stick gespeichert. Die Sache mit dem geplanten Istrien-Bildband zog sich hin. Der Mann vom Verlag hatte beim letzten Telefonat versprochen, sich bald zu melden, aber das war auch schon wieder Wochen her. Prohaska nahm sich vor, ihm in den nächsten Tagen zu schreiben und zu fragen, ob er das Buch nun in sein Verlagsprogramm aufnehmen wollte oder nicht. Falls nicht, würde er sich nach einem anderen Verleger umsehen.
Mittlerweise konnte er sich die Aufträge als Fotograf aussuchen. Was ihm schon schmeichelte, da er sich immer noch als Amateur betrachtete. Nie hätte er gedacht, dass er auf seine alten Tage, wie er scherzhaft sagte, da er sich mit knapp Fünfzig absolut nicht alt fühlte, als Fotograf Karriere machen würde.
Ivo scheute keine Mühe, für Prohaska die Werbetrommel zu rühren. Eine Visitenkarte hier, ein Wort dort, reichten schon aus. Die Mundpropaganda funktionierte am besten, vor allem, wenn Ivo sagte, Joe Prohaska habe leider kaum Kapazitäten, doch es lasse sich bestimmt ein Termin finden. Er sei gerade bei einer Hochzeitsfeier, drüben in dem piekfeinen Fünf-Sterne-Hotel, die Eltern der Braut gehörten zu den oberen Zehntausend in Zagreb. Oder er sei bei der Einweihung der Niederlassung irgendeines Konzerns. Aber was solle man machen, Geld regiere nun mal die Welt. Die Zeiten seien schlecht, waren es schon immer gewesen, und man müsse zusehen, wo man bleibt. Doch das sagte Ivo nicht laut. Er deutete es lediglich mit ein paar Wortfetzen und Gesten an, das genügte, um bei den Leuten Eindruck zu schinden.
Überhaupt, dachte Prohaska und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, waren die meisten Menschen leicht zu beeindrucken. Und Ivo war, was Prohaskas Person und seine Fotokunst betraf, zu einem Meister der Andeutungen geworden.
»Du bist ein Künstler und als solcher solltest du eine Aura haben und dein Image pflegen. Du musst geheimnisvoll und unnahbar wirken, vor allem gewissen Damen gegenüber, die dich anhimmeln oder sogar verführen wollen«, dozierte er, wenn sie in dem winzigen Hinterzimmer des Ladens, das als Warenlager und Kaffeeküche diente, Mokka schlürften und rauchten.
»Jetzt bleib aber auf dem Teppich«, hatte Prohaska amüsiert erwidert, als Ivo sich wieder einmal ausmalte, wie reich sie werden könnten, wenn Joe als der beste Portraitfotograf im Land, ja in ganz Europa, berühmt würde und ihn die Reichen und Schönen, oder Filmstars aus Hollywood, die mit ihren dicken Autos und Jachten nach Rovinj kamen, engagierten. Oder das englische Königshaus selbst riefe nach ihm. Prohaska hatte schallend gelacht und versprach, mit aller ihm zur Verfügung stehenden Geisteskraft an seiner Aura und dem Image zu arbeiten.
»Aber die Sache mit dem englischen Königshaus kannst du vergessen. Erstens hat die Queen ihren eigenen Hoffotografen, und zweitens bin ich nicht interessiert.«
Er hatte den Satz leicht durch die Nase gesprochen, eine Augenbraue gehoben und dabei eine unsichtbare Fussel von seinem Jackenärmel geschnippt.
Ivos Herz schlug zwar in alter Familientradition links, aber insgeheim bewunderte er den englischen Hochadel und dessen unermesslichen Reichtum. Schade fand er nur, dass sich die Engländer derzeit vom Kontinent distanzierten und aus der Europäischen Union aussteigen wollten, die ihr Premier Churchill nach dem Zweiten Weltkrieg doch selbst angeregt hatte.
Nachdem sich Bello im Garten ausgetobt hatte, rannte er in die Küche und schlabberte sein Futter in Windeseile auf. Prohaska ging ins Badezimmer und stellte sich unter die Dusche. Aber kaum, dass er sich eingeseift hatte, klingelte sein Handy, das auf dem Toilettendeckel lag. Prohaska ließ es einfach klingeln. Eine Minute später lärmte das Ding schon wieder.
Prohaska drehte das Wasser ab und meldete sich.
»Hey, guten Morgen, habe ich dich etwa geweckt?«, fragte Ivo gut gelaunt.
»Nein, nein, ich war nur schnell unter der Dusche.« Prohaska stieg aus der Duschkabine und wickelte sich in ein Handtuch ein. »Was gibt es?«
»Du hast einen neuen Auftrag.«
»Schön, aber hat es nicht Zeit bis später?«
»Klar, ich war nur neugierig, wie lange du schläfst.«
»Ich bin seit Stunden auf. Was ist es für ein Auftrag?«
»Eine Frau hat angefragt, ob du zwei oder drei Tage Zeit hättest, eine Gruppe von Geschäftsleuten zu begleiten. Sie kommen übermorgen nach Pula und wollen sich nach dem offiziellen Teil Istrien ansehen. Nur die wichtigsten Orte. Du kannst die Route selbst bestimmen und sollst dabei Fotos für ihre Webseite machen.«
»Aha, und wie kommt die ausgerechnet auf mich?«
»Ein Bekannter, der mal hier auf Urlaub war, hat dich empfohlen. Aber du kannst die Leute selbst fragen, wenn sie da sind. Ich habe ihr jedenfalls einen angemessenen Tagessatz genannt, plus Spesen und eventuelle Übernachtungskosten. Die Frau sagte, wenn alles zu ihrer Zufriedenheit läuft, sei das okay.«
Prohaska sagte nichts dazu.
Er trocknete sich ab und ging ins Schlafzimmer. Je länger er Ivo zuhörte, desto weniger Lust hatte er, mit irgendwelchen Geschäftsleuten durch die Gegend zu fahren und den Fremdenführer zu spielen. Andererseits, sagte er sich, während er Unterwäsche und Socken aus dem Schrank kramte und sich anzog, könnten sie das Geld gut gebrauchen.
»Wann kommen sie denn genau an und wo treffe ich sie?«
»Sie schickt mir noch die Infos und Kontaktdaten per E-Mail. Ach ja, ihr schien es sehr wichtig zu sein, dass du ein korrektes Deutsch sprichst.«
Prohaska lachte. »Sonst noch Wünsche?«
»Das hat sie mir nicht verraten. Aber ehrlich gesagt, ich habe sie auch nicht gut verstanden.«
»Wieso?«
»Sie hatte einen starken Akzent und mein Deutsch ist leider etwas eingerostet.«
»Das kommt davon, weil du dich immer auf mich verlässt. Ich bin doch kein Dolmetscher«, sagte Prohaska und kicherte.
»Du kannst gut lachen.«
Prohaska ließ sich auf die Bettkannte fallen.
»War’s das? Ich muss mich anziehen. Wir sehen uns ja nachher.«
»Warte kurz! Hast du schon die Nachrichten gehört?«
»Nein, noch nicht.«
»Letzte Nacht ist in Ičići ein Haus abgebrannt.«
»In Ičići?«, fragte Prohaska. Das Küstenstädtchen lag auf der Ostseite von Istrien, ein paar Kilometer von Opatija entfernt. »Das ist zwar schlimm, aber wieso interessierst du dich dafür?«
Ivo überhörte die Frage geflissentlich und sprach weiter.
»Die Feuerwehr hat immer noch Probleme, die Glutnester einzudämmen. Wenn da erst einmal der Wald brennt, dann gute Nacht.«
»Hoffentlich gab es keine Verletzten.«
»In den Trümmern wurde ein Toter gefunden beziehungsweise das, was von ihm übriggeblieben ist. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen.«
Prohaska zog sich an und ging in die Küche.
»Und warum erzählst du mir das?«
Ivo räusperte sich.
»Nun, ich dachte, du könntest vielleicht hinfahren und …«
»Ich soll was?«
»… und ein paar Fotos machen. Die könntest du den Zeitungen anbieten.«
»Bist du verrückt geworden? Die haben ihre Fotografen, außerdem sind es hundert Kilometer von hier nach …«
»Zweiundachtzig.«
»Von mir aus, man braucht trotzdem über eine Stunde. Und da es dort noch brennt, wie du gesagt hast, ist das Gelände bestimmt gesperrt. Man kann da nicht einfach reinlatschen und fotografieren. Und außerdem, ich bin kein Paparazzo!«
»Jetzt reg’ dich nicht gleich so auf. Ich dachte nur, bevor du dich in deinem Dorf zu Tode langweilst, wäre das eine gute Möglichkeit …«
»Ivo, vergiss es, okay? Ich langweile mich nie. Und falls du dringend Geld brauchst, sag es einfach, du führst doch die Buchhaltung.«
»Mensch, es geht doch nicht darum, und die Buchhaltung ist auf dem neuesten Stand. Ich dachte nur …«
»Schon gut, du weißt, wie ich das gemeint habe«, sagte Prohaska versöhnlich.
»Kein Problem.«
»Okay, dann bis später.«
»Ach ja, heute sind wieder mal verstärkte Verkehrskontrollen angesagt, also fahr nicht zu schnell.«
»Was du so alles weißt am frühen Morgen.«
»Früh? Es ist fast halb zehn, und es kam vorhin im Radio.«
»Danke für den Hinweis. Ich halte mich an die Vorschriften, meistens jedenfalls.«
Sechs
Es dämmerte bereits, als sie auf eine schmale Straße bog, die sich den Berghang hinaufwand. Über den Tälern lagen dünne Nebelschleier, als hätte jemand die Landschaft mit einem Seidentuch bedeckt. Dann tauchte am Ende der Straße die mächtige Stadtmauer von Hum auf.
Das Städtchen war wie so viele andere in Istrien von den Venezianern entlang der Grenze zum Osmanischen Reich auf einer Bergkuppe erbaut worden und diente als militärischer Grenzposten. Im Laufe der Jahrhunderte wurden viele dieser Festungen zerstört, von der Pest entvölkert oder von Napoleons Truppen zerstört. Dank ihrer exponierten Lage waren sie eine begehrte Kriegsbeute. Hier lebten schon immer gottesfürchtige Menschen, die ihrem Tagwerk nachgingen, dem Dogen in Venedig oder dem Kaiser in Wien die Steuern zahlten, sich ansonsten wenig um die große Politik scherten, da sie ohnehin nur ihr Spielball waren.
Marina war sich nicht sicher, ob Hum mit dem Dutzend Häusern und etwa zwanzig Einwohnern tatsächlich die »kleinste Stadt der Welt« war und ob sie im Guinnessbuch stand. Jedenfalls war es ein toller Werbeslogan, der Scharen von Touristen aus aller Welt hierherlockte. Sie war sich auch nicht sicher, ob es den Einwohnern von Hum wirklich immer angenehm war, innerhalb ihrer geschichtsträchtigen Mauern von fremden Menschen fotografiert zu werden, die mit Bussen angekarrt wurden und nach einer oder zwei Stunden Aufenthalt zum nächsten Tourismusort entschwanden. Für sie war im Moment nur wichtig, von der Bildfläche zu verschwinden und sich zu überlegen, wie es weitergehen sollte.
Hoffentlich bekam Tante Alma, eigentlich war es ihre Großtante, keinen Herzanfall, wenn sie sie jetzt aus dem Bett scheuchte. Sie hatten sich seit einer Ewigkeit nicht gesehen, und Marina hoffte, dass Alma noch geistig fit war und ihr nicht zu viele Fragen stellte.
Sie musste sich unbedingt eine plausible Geschichte ausdenken. Doch dann schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf, der sie frösteln ließ. Was, wenn Alma inzwischen gestorben war? Sie musste mittlerweile weit über achtzig sein.
Als sie das Ende der Straße erreicht hatte, hielt sie an. Hinter der dicken Stadtmauer verbargen sich die Häuser wie Perlen in einer Muschel. Marina ließ die Seitenscheibe hinuntergleiten und sog die kühle Morgenluft ein. Es war so wunderbar still hier oben, dass Marina sich scheute, den Motor wieder zu starten. Aber sie musste weiter.
Doch wohin jetzt mit dem Wagen? Sie könnte ihn vor dem Stadttor mit den glagolitischen Schriftzeichen abstellen. Es würde niemanden verwundern. Aber das Tor war vielleicht geschlossen wie im Mittelalter. Oder sollte sie ihn auf dem öffentlichen Parkplatz unterhalb des Friedhofs abstellen? Oder links um die Mauer zur unteren Seite von Hum fahren? Der Weg war inzwischen asphaltiert. Als sie das letzte Mal hier gewesen war, gab es dort nur einen unebenen Trampelpfad mit weißen Steinbrocken, die wie Gebeine von Riesen aus der Erde ragten. Andererseits, wenn sie den Wagen auf dem großen Parkplatz stehen ließ, würde er nicht weiter auffallen. In wenigen Stunden werden die Touristen kommen, um sich dieses Kleinod der mittelalterlichen Festungsarchitektur anzuschauen und dabei jedes Haus, jeden Blumentopf und jede Katze zu fotografieren, die ihnen über den Weg lief. Danach werden sie in der Konoba einen Kaffee trinken oder etwas essen, dabei die herrliche Aussicht genießen und wieder wegfahren. Das hatte sie bei ihrem ersten Besuch hier ja auch getan. Aber was, wenn der schicke Wagen doch jemandem auffiel und man die Polizei verständigte? Sehr bald würden in den Nachrichten und im Internet die Meldungen über den Brand in Ičići kommen.
Im Osten schimmerte der Himmel in Zartrosa, Gelb und Orange. Die Morgendämmerung wich den Sonnenstrahlen, die am Horizont aufleuchteten. In den Tälern lagen silbrige Nebelschleier. Auf den Grashalmen glitzerten die Tautropfen wie Tränen. In den Wäldern ringsum zwitscherten die ersten Vögel.
Marina fuhr nach links. Der schmale Schotterweg endete nach knapp hundert Metern. Sie stellte den Motor ab, nahm den Rucksack, stieg aus und drückte die Tür zu. Dann rannte sie an der Stadtmauer entlang und bog in die erste der zwei Gassen, in der Tante Alma wohnte. Die Häuser drückten sich aneinander, als würden sie sich gegenseitig wärmen wollen. So leise wie möglich lief sie über das bucklige Pflaster und blieb dann vor einem Häuschen auf der rechten Seite stehen. Die blaue Tür war von einer uralten Bougainvillea eingerahmt. Im kleinen Vorgarten wuchsen Lavendel und Kakteen und in einem Terrakottakübel blühte ein weißer Oleander.
Marinas Hand zitterte, als sie an die Tür klopfte. Aber nichts rührte sich. Sie klopfte noch einmal, etwas lauter. Immer noch nichts. Sie drückte kurz auf die Klingel und zuckte zusammen, weil der scheppernde Ton so laut war, dass sie befürchtete, die Nachbarn könnten aus ihren Betten fallen.
Während sie dastand, trippelte sie auf der Stelle. Ihre Blase drohte zu platzen. Weiter oben auf dem Platz, von dem es zum Stadttor, zur breiten Gasse mit Treppe hinauf zum Turm und zur Kirche ging, die für diesen kleinen Ort viel zu riesig erschien, huschte eine Katze vorbei und verschwand im Schatten eines Hauseingangs.
Endlich hörte sie Schritte hinter der Tür.
»Wer ist da?«, fragte Alma mit leiser Stimme.
»Ich bin’s, Marina, bitte, mach schnell auf.«
»Ich kenne keine Marina.«
»Tante Alma, ich bin Maja, die Tochter von Emilia.«
Die Tür ging einen Spalt auf. Das Gesicht der alten Frau, die Marina misstrauisch musterte, war blass. Ihre Augen lagen tief in ihren Höhlen, die weißen Löckchen standen ihr nach allen Seiten vom Kopf ab. Über ihren schmalen Schultern, die sich unter dem Morgenrock abzeichneten, hatte sie sich ein Wolltuch gelegt.
»Maja?«
»Ja, darf ich hereinkommen?«
»Mein Gott, aber natürlich. Ist denn wer gestorben?«
»Ja, ich meine, nein, ich erzähle es dir gleich, ich muss nur dringend auf die Toilette.«
Alma öffnete die Tür ganz und ging einen Schritt zur Seite.
»Da drüben, die zweite Tür links.«
»Danke.« Marina lächelte, drückte sich an Alma vorbei und verschwand im Badezimmer.
Was sollte sie ihr bloß erzählen? Die Wahrheit auf keinen Fall, überlegte sie, während sie sich die Hände und das Gesicht wusch. Aus dem Spiegel starrte sie ein kreidebleiches Gespenst mit geschwollenen Augenlidern und einer blutigen Schramme an der Unterlippe an, die beim Sprechen immer noch weh tat.
Als sie wieder herauskam, war Alma in der Küche und deckte wie in Zeitlupe den Tisch, da ihre Hände immer noch zitterten.
»Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe, ich wollte dich nicht so erschrecken«, sagte Marina und küsste Alma auf die Wange.
»Ach was, das macht doch nichts, es ist nur mein Kreislauf.« Sie lächelte verlegen und strich sich eine Strähne aus der Stirn. »Aber bitte, setz’ dich doch, ich mache uns einen Kaffee.«
Marina legte den Rucksack auf die Eckbank in der Küche und setzte sich.
»Ich wollte dich anrufen, dass ich vorbeikomme, aber dann habe ich in der Eile deine Telefonnummer nicht gefunden.« Marina hoffte, dass Alma ihre kleine Lüge nicht bemerkte.
»Ach, ist doch kein Problem. Ich freue mich, dass du da bist. Wie geht es dir?«
Alma nahm ein rotes Emailkännchen aus der Kredenz und tastete nach den Streichhölzern, die auf dem Fensterbrett lagen. Dann schaltete sie den Gasherd ein und zündete nach mehrmaligen Versuchen ein Streichholz an.
Sie ist ja fast blind, dachte Marina. Und jetzt belästige ich sie auch noch, ich hätte nicht herkommen sollen, hätte mich schon irgendwie nach Italien oder Österreich durchgeschlagen, es wäre besser, nach einer höflichen halben Stunde zu gehen, aber damit würde ich sie wahrscheinlich noch mehr irritieren.
Marina lehnte sich zurück und wäre am liebsten auf der Stelle eingeschlafen. Sie war so müde, gleichzeitig aber aufgekratzt, auf sich selbst und vor allem auf den Mann wütend, der sie so weit gebracht hatte, dass sie alle Vernunft vergessen und ihn in die Hölle befördert hatte.
Ich sollte mich stellen, sagte sie sich immer wieder. Dann würde sie der Polizei alles sagen, was sie über Miro und seine Machenschaften wusste. Wenn die anderen sie aufspürten, war sie verloren.
Und jetzt musste sie hier ganz ruhig und normal wirken und sich eine einigermaßen plausible Geschichte ausdenken. Oder eine verrückte, Hauptsache, Alma wurde nicht misstrauisch.
Marina schaute sich um. Die alte Kuckucksuhr, die angeblich aus dem Schwarzwald stammte, tickte an der Wand neben der Kredenz mit der abblätternden hellblauen Farbe. Auf dem Kühlschrank stand eine Vase aus venezianischem Glas mit roten Plastiknelken, auf dem Esstisch lag eine abwaschbare Tischdecke mit Rosenmuster, an der Wand hing ein Kirchenkalender. Auf dem Foto war der Papst inmitten einer Menschenmenge zu sehen. Er küsste ein weinendes Kleinkind, das ihm eine Frau entgegenhielt.
Hier hatte sich nichts verändert.
»Wie lange haben wir uns eigentlich nicht gesehen? Zehn Jahre?«, fragte Alma und riss Marina aus ihren Gedanken.
»Ja, so ungefähr. Ich war fünfzehn oder sechzehn.«
»Deshalb habe ich dich auch nicht gleich erkannt. Du bist so dünn geworden. Wie geht es deiner Mutter und den anderen?«
»Wie immer, nehme ich an«, erwiderte Marina und hoffte, dass sie nicht über ihre Familie reden musste.
Alma ging zur Spüle, füllte das Kännchen mit kaltem Wasser, wobei die Hälfte daneben lief, und stellte es vorsichtig auf den Herd.
»Ja, es ist nicht einfach. Ich habe deine Mutter immer ganz besonders gemocht. Sie ist meiner Schwester, also deiner Großmutter, Gott hab sie selig, wie aus dem Gesicht geschnitten.«
»Ja, ich weiß.«
»Der Kaffee ist gleich fertig. Dann erzählst du mir, was passiert ist.« Sie nahm ein Päckchen Kaffee aus der Kredenz und einen kleinen Löffel.
Marina stand auf.
»Ja, aber lass mich das bitte machen.«
»Na gut.«
Alma setzte sich und erzählte von Marinas Großmutter und anderen längst verstorbenen Verwandten.
»Stört es dich, wenn ich rauche?«, fragte Marina, als der Kaffee fertig war. »Ich mache auch das Fenster auf.«
Alma schüttelte den Kopf. Oder es kam Marina so vor, denn als Alma ihre Tasse an den Mund hielt, wurde Marina klar, dass das Zittern nicht aufgehört hatte.
»Nein, mach nur.«
»Geht es dir gut? Ist dir kalt?«
Alma lächelte, als sie Marinas besorgten Blick bemerkte.
»Nein, ich muss erst meine Tabletten nehmen.«
»Wo sind sie? Ich hole sie dir.«
»Im Schlafzimmer auf dem Nachttisch.«
Nach dem Kaffee hatte Marina gerade noch so viel Kraft, um Alma zu erzählen, warum sie in aller Herrgottsfrühe bei ihr hereingeschneit war.
Sie habe sich nach einem Streit von ihrem Freund endgültig getrennt und sei mit seinem Auto weggefahren. Er sei eigentlich nicht ihr richtiger Freund, aber die Geschichte sei zu kompliziert. Er habe sie nicht gut behandelt und sie habe sich nicht gewehrt. Doch irgendwann sei es einfach zu viel für sie gewesen, und sie habe ihn verlassen müssen. Alma solle sich keine Gedanken machen, sie werde sie nicht lange stören.
»Aber Kind, was redest du da? Du störst mich nicht, ganz im Gegenteil. Vielleicht solltest du mit deinem Freund reden.«
»Da gibt es nichts mehr zu sagen, es ist aus, ein für alle Mal! Und ich bin froh, dass ich ihn verlassen habe.«
»Wenn du meinst, dass es besser ist. Ich möchte dir da nicht dreinreden.«
Dann hatte Marina sich hingelegt und war auf der Stelle eingeschlafen.
Sieben
Als Prohaska den Laden in der Via Carrera betrat, blickte Ivo vom Laptop auf und beugte sich über den Tresen, um Prohaska die Hand zu schütteln.
»Guten Morgen, der Herr, hast du heute etwas vor?«
»Nein, wieso?«
»Du siehst aus wie aus dem Ei gepellt.«
Prohaska grinste. »Die Konkurrenz schläft nicht und ab einem gewissen Alter sollte der Mann von Welt mehr auf sein Äußeres achten als in der Blüte der Jugend.«
»Ich wusste nicht, dass dir das Älterwerden Probleme macht.«
»Tut es auch nicht, ich habe nur einen Werbespruch aus einem Magazin zitiert. Unser aller Verhalten in dieser Hinsicht dient nur dazu, um beim anderen Geschlecht zu punkten.«
Ivo lachte schallend. »Aber nicht jeder kann wie ein Seeadler oder ein Paradiesvogel herumrennen. Es muss auch Raben und Krähen und Kormorane geben.«
»Die sind am gefährlichsten«, sagte Prohaska und deutete auf Ivos schwarzes Poloshirt.
Ivo fuhr sich durch die kurzen dunklen Haare, die an den Schläfen von feinen Silberfäden durchzogen waren. Er war zwei Jahre jünger als Prohaska und ein paar Zentimeter kleiner. Wenn sie nebeneinanderstanden oder über den Platz gingen, wirkte er ernst und streng. Aber seine Augen blitzten neugierig hinter der schicken Lesebrille, die er seit Neuestem trug.
»Sag das bitte nicht weiter.«
»Aber Spaß beiseite. Wie laufen unsere Geschäfte?«, fragte Prohaska, während er Bellos Leine löste und ihn hinter den Ohren kraulte.
»Blendend, wie du siehst, ich kann mich vor Kundschaft kaum retten.«
»Apropos, was ist mit diesem Auftrag?«
»Die Infos sind vorhin gekommen.« Ivo drehte den Laptop um, damit Prohaska die E-Mail lesen konnte.
»Gut, ich notiere mir die Telefonnummer und rufe die Frau zurück.«
»Musst du nicht, ich schicke sie dir.« Ivo hackte auf der Tastatur herum.
Prohaskas Handy gab einen Signalton von sich. Währenddessen tippte Ivo weiter.
»Schau, das ist eine der Meldungen über den Brand in Ičići.«
»Ich fahre nicht hin«, sagte Prohaska mit Nachdruck.
»Schon klar, aber lesen kannst du es ja trotzdem, oder?«
Prohaska warf einen Blick auf den Bildschirm. Unter dem Titel »Haus vom Feuer zerstört« waren mehrere Fotos zu sehen. Vom Gebäude standen nur noch die verrußten Mauern. Auf der Erde lag eine dicke Schicht Asche. Verkohlte Baumstämme. Feuerwehrleute in Aktion, Löschfahrzeuge und mehrere Polizeiautos.
»Sieht nicht gut aus«, sagte Prohaska. »Lies doch vor, aber nur das Wichtigste.«
Ivo drehte den Bildschirm wieder zu sich.
»Also, das Haus gehört Miroslav H., fünfundvierzig Jahre alt, Betreiber der Strandbar Plavi kormoran in Opatija. Der Geschäftsführer des Lokals sagte, Miroslav sei gestern Abend kurz vor Mitternacht nach Hause gefahren, und weil er seitdem nicht erreichbar war, geht man davon aus, dass er in dem Feuer umgekommen ist. Hier steht außerdem, dass er, nein, seine Schwester ein Fitnessstudio betreibt. Und weißt du, wie es heißt?«
»Du wirst es mir gleich sagen.«
Ivo grinste. »Pure Life.«
»Interessant.«
»Ja, finde ich auch. In solchen Länden kann man viel Geld machen, außerdem ist es doch bekannt, dass man dort kriegt, was das Herz begehrt. Drogen, Sex und was weiß ich, was noch alles.«
Prohaska zog die Augenbrauen zusammen und schüttelten den Kopf.
»Es muss ja nicht überall so schlimm zugehen. Die meisten Leute, die regelmäßig Sport treiben, machen das aus gesundheitlichen Gründen. Natürlich gibt es auch solche, da gebe ich dir recht.«
»Von mir aus. Aber schau dir den Wahnsinn an. Jeder will einen perfekten Körper. Die Frauen lassen sich den Busen verkleinern oder vergrößern, die Falten liften, die Nase oder Lippen korrigieren, und die Männer trainieren, um einen Waschbrettbauch und Muskelpakete wie der junge Arnold Schwarzenegger zu bekommen. Und viele von ihnen schlucken irgendwelche Pillen, damit es schneller geht.«
»Das ist wahr, aber der Sport ist trotzdem wichtig für Körper und Seele.«
»Ja, aber doch alles in Maßen. Wo bleiben da die normalen Leute wie du und ich?«
»Hey, einen Moment«, lachte Prohaska. »Mein Körper ist fast perfekt, abgesehen von ein paar Schrammen.«
»Der Mensch ist keine Maschine und muss seine Schwächen und Fehler akzeptieren.«
»Und jeder sollte die Freiheit haben, so zu leben, wie er möchte.«
»Amen«, sagte Ivo. »Mir stinkt es nur, dass uns die Werbung einreden will, perfekt sein zu müssen. Das ist doch total bescheuert!«
Sie philosophierten noch eine ganze Weile über die menschliche Natur, Dummheit, Schwächen und Stärken und landeten bei der allgemeinen Lage im Land und in der Welt. Und kamen wie immer zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis.
»Die Reichen und Korrupten kriegen den Hals nicht voll und die einfachen Leute werden noch ärmer, als sie es ohnehin schon sind. Was nützt es den Jungen, zu studieren, wenn sie danach keinen Job bekommen und ihre Alten keine Beziehungen oder kein Geld haben, um jemanden zu schmieren, der ihren Kindern eine Anstellung verschafft? Es ist unerträglich, wie korrupt und gewissenlos unsere Gesellschaft geworden ist. Egoisten, wo man hinschaut. Früher gingen die Männer in die Fremde, und wenn sie es sich leisten konnten, holten sie ihre Frauen und Kinder nach. Generationen von Gastarbeitern haben die westliche Wirtschaft hochgebracht. Und heute? Sie nehmen ihre Familien gleich mit. Es gibt Gegenden, wo ganze Dörfer fast leer sind und nur noch die Alten geblieben sind. Ach, hier geht alles den Bach runter und die Ganoven stopfen sich auf Kosten der Allgemeinheit die Taschen voll.« Ivo winkte genervt ab. »Aber, was reg’ ich mich eigentlich auf?«
Prohaska deutete auf den Laptop.
»Steht da etwas über die Brandursache?«
»Nein, aber ich wette, dass er mit einer brennenden Kippe eingeschlafen ist.«
Oder es hat jemand nachgeholfen, dachte Prohaska, doch laut sagte er: »Ich nehme an, dass sie in der Pressekonferenz auch nicht viel sagen werden und erst einmal den üblichen Aufruf an die Bevölkerung richten. Vielleicht hat jemand etwas Verdächtiges gesehen.«
»Ja, klar, da soll wie immer die Bevölkerung helfen. Die sollen lieber ihre Arbeit machen«, echauffierte sich Ivo.
»Das tun sie bestimmt.«
Ivo klappte den Laptop zu und klatschte in die Hände.
»Wie wär’s jetzt mit einem Kaffee?«
»Das wollte ich gerade vorschlagen.«
Sie gingen ins Hinterzimmer, in dem sich auf einer Seite eine Küchenzeile, ein Kühlschrank und ein Tisch mit zwei Hockern befanden. An der anderen Wand standen Metallregale, die als Warenlager dienten.
Prohaska füllte frisches Wasser in Bellos Napf, öffnete das Fenster, von dem man in den schmalen Innenhof zwischen den Häusern sehen konnte, bot Ivo eine Zigarette an, gab ihm Feuer und steckte sich selbst eine an.
»Ich bin sehr gespannt, was bei der Ermittlung herauskommt«, nahm Prohaska den Faden wieder auf, während Ivo den Kaffee kochte.
»Ach, jetzt auf einmal?«
»Ist nur eine alte Gewohnheit. Denn, falls es sich herausstellen sollte, dass der Brand doch kein Unfall gewesen ist …«
»… läuft jetzt ein Mörder frei herum.«
»So ist es, und das würde mir gar nicht gefallen.«
Ivo füllte die Tassen, stellte sie auf den Tisch und setzte sich.
»Sehe ich da etwa ein gewisses Glitzern in deinen Augen?«
»Was für ein Glitzern?«
»Na, das Jagdfieber.«
»Unsinn, ich denke nur laut nach.«
»Ja, natürlich.«
Prohaska lehnte sich zurück und starrte vor sich hin.
»Ich kenne das Lokal Plavi kormoran«, sagte er.
»Ich auch, vom Hörensagen.«
»Ich war schon mal da.«
»Davon hast du mir nichts erzählt.«
»Es gab auch nichts zu erzählen, aber jetzt doch im Nachhinein …«, Prohaska blies den Rauch in kleinen Kringeln weg. »Es war Ende März oder Anfang April. Ich war auf der UËka unterwegs, bin am Nachmittag nach Opatija gefahren und habe in einem Lokal einen Kaffee getrunken.«
»Im Plavi kormoran?«
»Ich meine ja. Das Lokal und die Terrasse waren voll mit Leuten, die Musik ziemlich laut, deshalb bin ich auch nicht lange geblieben. Kurz nachdem ich bestellt hatte, setzten sich zwei Männer an den Nebentisch, der gerade frei geworden war. Irgendwie passten sie nicht recht zum Publikum. Sie sprachen Bayrisch oder Österreichisch, ich kann das bis heute nicht recht unterscheiden, und ich beachtete sie zunächst auch nicht. Erst als einer von ihnen sehr laut zwei Kaffee bestellte und den Kellner in fließendem Kroatisch fragte, ob Fritz, sein Chef, da sei, sie müssten ihn sofort sprechen, habe ich zu ihnen rübergeschaut. Sie sahen nicht unbedingt vertrauenswürdig aus.«
»Wie sieht man denn deiner Meinung nach vertrauenswürdig aus?«
Prohaska lachte. »Keine Ahnung. Vielleicht war es nur ein Impuls, eine Mischung aus Erfahrung und Intuition. Der Polizistenblick, was weiß ich. Sie trugen dicke Goldringe und Goldkettchen, redeten wenig und wenn, dann leise, starrten auf ihre Smartphones, rauchten und schauten sich immer wieder um. Einer wippte auf dem Sessel, der andere wackelte mit dem Knie, als würde er am liebsten abhauen.«
»Dass du dich daran erinnerst?«
»Als der Kellner ihnen den Kaffee brachte, bat ich ihn um die Rechnung. Da kam ein Mann aus dem Lokal und setzte sich so zu den beiden, dass ich ihn genau im Blick hatte. Er hatte eine Figur wie ein Bodybuilder, hatte gerötete Augen und wirkte irgendwie aggressiv.«
»Wieso haben die nach einem Fritz gefragt? Ich dachte, er heißt Miroslav.«
»Das ist die kroatische Fassung von Friedrich.«
»Ah, dann ist Miro ein Fritz? Was du so alles weißt?«, witzelte Ivo. »Und was wollten die?«
»Das weiß ich nicht, aber so frostig, wie die sich begrüßt haben, war es kein Freundschaftsbesuch.«
»Tja, und nun ist Miroslav H. tot.«
Prohaska schnippte mit den Fingern. »Er hieß Haller. Die haben ihn gesiezt.«
»Du hast ein erstaunliches Gedächtnis.«
»Es war schon mal besser.«
»Haller ist aber ein deutscher Name«, sagte Ivo.
»Ja, aber Miroslav kann genauso gut Österreicher, Schweizer, Kroate oder sonst was gewesen sein. Das muss ich dir jetzt nicht erklären, oder?«
»Nur, wenn der Herr Lehrer es wirklich möchte«, sagte Ivo und grinste. »Vielleicht waren die beiden seine Geschäftsfreunde, oder Verwandte.«
»Keine Ahnung«, murmelte Prohaska und wusste auf einmal, dass er dieser Frage nachgehen würde, auch wenn er sich den Grund nicht erklären konnte. Aber wo anfangen? Er könnte Inspektor Giovanni Rossi fragen. Doch das wollte er lieber nicht in Ivos Gegenwart tun. Der würde sich nur unnötige Sorgen machen. »Ach, lassen wir das Thema. Was hast du über diese Firma herausgefunden, die mich engagieren wollte?«
»Nicht viel. Wie es aussieht, sind die neu im Geschäft, wollen weltweit Ferienhäuser und Villen vermitteln, das Feinste vom Feinsten. Soll ich den Laptop holen?«
»Das mache ich später.« Prohaska drückte die Zigarette im Aschenbecher aus und stand auf. »Ich muss noch einkaufen. Danke für den Kaffee.«
Bello flitzte in den Laden und setzte sich vor die Tür.
»Vielleicht kannst du nachher nach Ičići fahren«, sagte Ivo, als er ihn nach draußen begleitete.
Prohaska setzte die Sonnenbrille auf und grinste.
»Mal sehen, ich melde mich. Ciao!«
Acht
Auf dem Weg zum Markt an der Valdibora kam ihm eine Gruppe asiatischer Touristen entgegen. Die Einheimischen waren stolz darauf, dass ihre Stadt zu einem Sehnsuchtsort von Menschen aus aller Welt geworden war und im gleichen Atemzug mit Rom und Venedig genannt wurde. Die Stadtführerin schwenkte ein Plastikfähnchen und lächelte Prohaska an, reflexartig wie die Menschen, die ihr folgten. Ihr Kreuzfahrtschiff wartet bestimmt im Nordhafen und schon morgen werden sie durch Venedig latschen, dachte Prohaska, als er an einer Backstube Brot kaufte.
Auch auf dem Markt wimmelte es von Urlaubern. Sie machten Fotos oder kauften eine Kleinigkeit ein. Vor dem Eingang einer Wirtschaft standen vier ältere Männer, ihrem Aussehen nach Fischer oder Handwerker, um ein Weinfass herum und genehmigten sich ein Bier oder eine Bevanda. Die Statue der heiligen Fuma hoch oben auf dem Campanile schaute aufs Meer. Es wurde immer wärmer, der Himmel war blau und wolkenlos.
Bello untersuchte die vielen Duftmarken am Straßenrand. Prohaska zog seine Wildlederjacke aus und legte sie über die Schulter. An einem Stand kaufte er ein Glas Honig, an einem anderen zwei Handvoll Kirschen und etwas Gemüse, und holte am Kiosk eine Tageszeitung und Tabak für Enzo.
Auf dem Spielplatz beim Denkmal für gefallene Soldaten im Zweiten Weltkrieg sprangen Kinder herum, die Souvenirhändler boten die übliche Billigware aus Fernost feil, Möwen flogen kreischend einem Fischerboot hinterher und kreisten über den Dächern auf der Suche nach Futter. Kurz vor dem Parkplatz kam Prohaska die alte Romni entgegen, die er hier schon oft gesehen hatte. Sie war längst über siebzig, klein und zierlich. Er wusste nicht, wo sie wohnte, aber es war ihm klar, dass sie und ihre Familie nicht immer genug zu essen hatten, am Rand der Gesellschaft standen und mit Misstrauen oder auch offener Ablehnung zu kämpfen hatten. Für die Roma hatte sich in den letzten Jahrzehnten in Europa zwar einiges gebessert, sie waren offiziell eine anerkannte und gleichberechtigte Volksgruppe, aber die hartnäckigen Vorurteile und der Rassismus waren leider die alten geblieben. Und da das Betteln in der Stadt verboten war, las sie den Leuten die Zukunft aus der Hand.
Heute war sie in Begleitung einer bildschönen jungen Frau, die einen Kinderwagen schob, in dem ein kleiner Junge döste. Bello kannte die alte Frau und fing zu kläffen an. Prohaska beugte sich zu ihm hinunter und redete auf ihn ein, still zu sein. Als er sich aufrichtete, stand die Frau vor ihm und lächelte. Die junge ging ein paar Schritte weiter, blieb stehen und widmete sich dem Kind.
»Gute Tag, Herr Joe, wie geht’s dir?«
Sie hatte ihm schon einmal aus der Hand gelesen und wusste, dass er an ihre Weissagungen eigentlich nicht glaubte.
»Danke, gut, Ihnen hoffentlich auch.« Prohaska griff nach seinem Geldbeutel, aber die Frau lächelte und schüttelte den Kopf.
»Nein, nein, du willst nicht wissen, was dir die Zukunft bringt, also kann ich auch nichts nehmen.«
»Aber essen und trinken muss man ja trotzdem«, sagte Prohaska, zog einen Geldschein aus der Geldbörse und drückte ihn der Frau in die Hand.
»Vergelt’s Gott.« Sie deutete mit dem Kinn zu ihrer Begleiterin. »Das ist meine Enkelin Mira und ihr Sohn Angelo.«
Prohaska nickte der jungen Frau zu. Sie lächelte zurück und sah schnell weg.
»Ach, die Ärmsten«, seufzte die Frau. »Sie wohnt jetzt bei uns. Es ist nicht einfach. Wir haben ja selber kaum genug, die Wohnung ist klein, alles ist so teuer, aber fürs Erste muss es gehen.«
»Was ist denn passiert?«
»Mira und ihr Mann haben drüben in Italien gelebt und als sie sechzehn und er zwanzig war, haben sie nach unserem Brauch geheiratet. Der kleine Angelo ist dort geboren. Ihr Mann war gut wie Brot, schön, anständig, fleißig. Er hatte eine wunderbare Stimme, spielte Gitarre zusammen mit seinen Brüdern und Onkeln bei Hochzeiten. Er war sehr beliebt, konnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Und jetzt ist Mira achtzehn und leider schon Witwe.«
»Oje, mein Beileid.«
»Danke«, flüsterte die Frau und kam etwas näher. »Es ist so traurig. Er war Hilfsarbeiter am Bau, und ist vor zwei Monaten verunglückt.«
Prohaska nickte, sah zu Mira, die sich von ihnen abgewandt hatte. Ihr langer Zopf fiel ihr über den schmalen Rücken bis zur Hüfte. Sie trug ein schwarzes T-Shirt und ein knöchellanges blaues Kleid, das wie ein indischer Sari gewickelt war.
»Schrecklich.«
»In der Nacht davor gab es dort ein heftiges Unwetter. Als er am nächsten Morgen mit den anderen Kollegen auf die Baustelle kam, mussten sie zuerst das Gerüst reparieren, weil der Sturm die Plane weggerissen hatte. Dabei rutschte er auf einem Brett aus, das sich gelöst hatte, und stürzte in die mit Matsch und Regenwasser gefüllte Baugrube. Sie holten ihn raus, aber er war zu schwer verletzt und ist auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben.«
»Das tut mir sehr leid«, sagte Prohaska, während er ihr einen weiteren Geldschein zusteckte.
Die alte Frau seufzte und wischte sich eine Träne weg. »Danke, das war wohl sein Schicksal.«
Mira drehte sich zu ihnen um, kam näher und flüsterte ihrer Großmutter etwas zu.
Prohaska verstand kein Wort, aber ihr Gesichtsausdruck sprach Bände.
»Ja, Kind, gleich«, sagte die Frau auf Kroatisch und schaute wieder zu Prohaska hoch. »Sie mag es nicht, wenn ich fremden Leuten davon erzähle. Das Leben ist voller Leid und Tränen. Wir müssen es ertragen, egal was kommt. Doch es gibt Gott sei Dank auch gute Menschen, und du bist einer von ihnen. Deine Bestimmung ist, den Armen und Schwachen zu helfen und das Unrecht, das ihnen angetan wurde, wieder in Recht zu verwandeln.«
Prohaska lächelte.
»Sie meinen, so wie Robin Hood?«
»Ach, den gab es gar nicht, eine schöne Legende, weiter nichts. Das hat mir mein Enkelsohn gesagt, er hat es im Internet gelesen. Er geht jetzt in die fünfte Klasse und will später unbedingt Anwalt werden.«
»Das ist eine gute Entscheidung.«
»Und du bist ein guter Polizist und ein guter Mensch. Eines Tages wird dir alles vergolten. Gott sieht alles.«
»Nun denn«, sagte Prohaska und hob den Blick zum Himmel.
»Ich muss dir noch etwas sagen.«
»Okay.«
Die alte Frau sah ihn eindringlich an und berührte sachte seinen rechten Arm.
Sie muss in ihrer Jugend eine sehr schöne Frau gewesen sein, dachte Prohaska, dem der feine Grauschleier nicht entging, der über ihren braunen Augen lag.
»Hüte dich vor falschen Schlangen. Wenn sie dir begegnen, wirst du sie vielleicht nicht gleich erkennen. Sie sind schön, ihre Worte sind honigsüß, aber ihr Herz ist kalt.«
Noch so ein Kalenderspruch, dachte Prohaska und lächelte. Aber wenn sie eine Freude daran hatte, bitte, ihm sollte es recht sein.
»Keine Sorge, ich passe schon auf mich auf.«
»Und hüte dich vor blauen Augen.« Sie ließ seinen Arm los, nickte, und ohne seine Antwort abzuwarten wandte sie sich um und ging mit ihrer Enkelin zum Markt.
»Das Orakel hat also gesprochen«, sagte Prohaska zu Bello. »Lass uns gehen und blauäugige Schlangen suchen.«
Am Nordhafen lag ein Kreuzfahrtschiff mit australischer Flagge. Die Leute blieben stehen, um den Riesenkahn zu fotografieren. Prohaska fragte sich wieder einmal, ob es wirklich nötig war, auf diese Weise um die Welt zu reisen. Er fand die schwimmenden Kleinstädte grässlich und gefährlich. Erst vor ein paar Wochen hatte in Venedig so ein Monsterkahn ein Touristenboot gerammt und war anschließend gegen das Ufer geprallt, wobei mehrere Menschen verletzt wurden. Und was, wenn man auf so einer Reise krank wurde oder eine Seuche ausbrach? Es gab kein Entrinnen. Er jedenfalls würde nie im Leben seinen Fuß auf so ein Schiff setzen. Nicht nur wegen des Umweltschutzes, sondern weil er spätestens am zweiten Tag einen Koller bekäme.
Er blieb zwischen den in der vordersten Reihe parkenden Autos stehen, um eine Gruppe Passagiere vorbeizulassen, die gerade an Land gekommen war und sich in die Stadt aufmachte.
»Oh, what a cute doggy!«, rief ein etwa sechzehnjähriges Mädchen und zeigte auf Bello. Dabei lächelte sie Prohaska an und genoss seine offensichtliche Verwirrung.
Erst als sie weg waren, wurde Prohaska klar, warum er das Mädchen so angestarrt hatte. Ihre Augen waren blau wie der Himmel über ihm. Die Suggestion hatte bereits gewirkt.
Er ging zu seinem alten Cabrio, klappte das Verdeck herunter, ließ Bello auf den Beifahrersitz hüpfen, stieg ein und verließ die Stadt. Für heute hatte er genug von Aufträgen, niedergebrannten Häusern, Orakelsprüchen und blauen Augen.
Neun
Als Marina aufwachte, wusste sie zunächst nicht, wo sie sich befand. In ihrem Kopf dröhnte es, als würde eine Herde Wildpferde vorbeigaloppieren, aber es waren nur Schritte von irgendwelchen Leuten, die draußen entlanggingen. Durch die geschlossenen Klappläden drang etwas Licht ins Zimmer, in dem außer dem Bett, auf dem sie lag, ein alter Kleiderschrank, ein Frisiertisch mit blinden Spiegeln und ein Stuhl standen. Von der Decke hing ein Lüster aus venezianischem Glas. Von der gegenüberliegenden Wand schaute aus einem vergoldeten Rahmen die Madonna mit flammendem Herzen milde lächelnd auf sie herunter.
Marina setzte sich langsam auf und sah auf die Uhr. Es war fünf vor zwölf.
»Wie passend«, murmelte sie und erschrak über ihre heisere Stimme. Ihre Hände fingen wieder zu zittern an. In ihren Eingeweiden rumorte es. Sie fühlte sich ausgelaugt und beschmutzt. Mit einem Schlag fiel ihr alles wieder ein.
Alma klopfte leise an der Tür.
»Bist du wach?«
»Ja, ja, einen Moment bitte.«
Marina stand hastig auf, ging zur Tür, öffnete und musste sich am Türrahmen festhalten, weil ihr schwarz vor den Augen wurde.
»Ist dir nicht gut?«
»Doch, doch, alles okay.«
»Ich habe Kaffee gemacht.«
»Danke.«
»Du hast sicher Hunger, komm, ich mache ein paar Spiegeleier.«
»Mach dir bitte keine Umstände.«
»Oder magst du lieber ein Brot mit Honig oder Schinken und Käse? Ich habe alles da, es dauert nur einen Moment.«
»Das musst du wirklich nicht.«
Alma schlurfte in die Küche, ohne auf Marinas Einwand zu hören, nahm einen Eierkarton aus dem Kühlschrank und trug ihn zum Herd.
»Ich habe ein paar Hühner und einen kleinen Gemüsegarten hinter dem Haus. Den Weinberg und das Ackerland habe ich verpachtet«, sagte sie, während sie eine Pfanne aus der Kredenz nahm und auf den Herd stellte. »Rührei oder Spiegelei?«
»Tante Alma, ein Kaffee reicht mir völlig. Wir gehen nachher in die Konoba und essen da etwas Feines.«
»Aber das ist doch viel zu teuer.«
»Nein, ist es nicht, mach dir da keine Gedanken.«
Es ist verrückt, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, dachte Marina, als sie zehn Minuten später unter der Dusche stand und sich die letzten Stunden von der Haut schrubbte. Andererseits, in Almas Begleitung würde niemand auf die Idee kommen, dass Marina, ihre hübsche Enkelin, eine Mörderin war. Sie musste sich nur völlig natürlich geben und darauf achten, dass ihre Hände nicht zu sehr zittern.
Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, steckte sie ihre noch feuchten Haare hoch und legte Make-up auf. Ihre Augen waren gerötet, und die Unterlippe tat weh. Sie brauchte dringend ein paar neue, unauffällige Sachen zum Anziehen. In den engen Jeans und dem verwaschenen T-Shirt fühlte sie sich nicht mehr wohl.
Marina holte ihr Handy aus dem Rucksack, steckte das Ladekabel in die Steckdose neben dem Nachttisch und setzte sich auf die Bettkante. Sie war versucht, das Ding einzuschalten und in der Konoba, wo sie sicher WLAN hatten, im Internet nachzuschauen, ob in den Nachrichten etwas über Miros Tod gemeldet wurde. Er war tot, er musste einfach tot sein. Aber hatte es überhaupt jemand bemerkt? Er hatte keinen Kontakt mit den Nachbarn und sie war ziemlich sicher, dass sie es nicht mitbekamen, wann er kam und ging. Wenn die Polizei sie suchte, und das war durchaus möglich, würde man, sobald sie ihr Handy einschaltete, wissen, wo sie ist. Wenn sie es nicht schon lägst wussten. Sie sprang auf, als ihr klar wurde, dass man Handys auch orten konnte, wenn sie ausgeschaltet waren. Mit einem Ruck zog sie das Kabel aus der Steckdose und nahm die SIM-Karte heraus. Dann verstaute sie alles im Rucksack, nahm ein paar Scheine aus einem Geldbündel und schob sie in die Hosentasche. Hätte sie nur diese Diamanten im Safe gelassen, dachte sie, als sie das Samtsäckchen sah. Dann hätte sie jetzt eine Sorge weniger. Sie musste sie so schnell wie möglich loswerden. Aber wie? Wo verkauft man gestohlene Diamanten? In einem Juwelierladen? Man würde sie sofort anzeigen. Oder übers Ohr hauen. Wie ging man da vor? Sie hatte keine Ahnung von solchen Dingen. Vielleicht sollte sie sie bei Alma im Schrank verstecken? Nein, sie durfte ihre Großtante nicht in die Sache hineinziehen. Das wäre eine Katastrophe. Die alte Frau würde es nicht überleben. Es war alles so schrecklich kompliziert.
»Marina, ich bin fertig!«, rief Alma.
Marina zuckte zusammen.
»Okay, ich komme gleich.«
Als sie ein paar Minuten später das Haus verließen, setzte Marina die Sonnenbrille auf und bot Alma den Arm. Alma trug ein dunkelblaues Baumwollkleid mit Blümchenmuster und einen Bolero aus schwarzem Baumwollgarn, den sie selbst gehäkelt hatte.
»Du siehst schick aus, Tantchen«, sagte Marina und tätschelte ihr die Hand.
»Findest du? Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal ausgegangen bin. Es muss Jahre her sein«, sagte Alma und lachte, als sie langsam die Gasse hinaufgingen. »Ob wir überhaupt einen Tisch bekommen? Um die Uhrzeit ist es da immer voll.«
»Ganz bestimmt«, erwiderte Marina gedankenverloren und schaute zu einer Gruppe italienischer Touristen, die vom Stadttor heraufkamen und sich neugierig umschauten. Die Touristenführerin stand in der Mitte des Platzes und zeigte mal dahin, mal dorthin. Die Leute fotografierten die Kirche und den hohen Wehrturm und den Marmortisch in der kleinen Loggia des Rathauses auf der rechten Seite des Platzes, wo seit Jahrhunderten der Stadtrat zu tagen pflegte und wo auch heute noch der Bürgermeister nach altem Brauch gewählt wurde. Dabei schnitten die Männer eine Kerbe in ein ellenlanges Stück Holz. Der Kandidat mit den meisten Kerben war Sieger und der künftige Bürgermeister. Die Frauen waren selbstverständlich von der Wahl ausgeschlossen. Bis heute. Bei dem Gedanken verzog Marina den Mund. Was für die einen ein hübscher skurriler Brauch war, schien ihr eher die Bestätigung der Rückständigkeit zu sein. Dieser ewige rückwärtsgewandte Blick auf die glorreiche Geschichte, die von fremden Herrschern bestimmt war, diese Traditionsverliebtheit, der Folklorismus und die demonstrative Frömmigkeit waren in ihren Augen nichts anderes als Fassadenmalerei. Aber offensichtlich war den Menschen diese lieber als ein kritischer Blick auf die Zustände, wie sie tatsächlich waren. Und vielleicht war sie einfach viel zu müde vom Leben, um sich von dem vermeintlich schönen Schein täuschen zu lassen. Sobald sie die Möglichkeit fand, würde sie ins Ausland gehen, wo sie endlich zur Ruhe kommen würde. Auf jeden Fall so weit weg wie nur möglich.
Aus der Gruppe löste sich ein Mann und kam ihnen entgegen. Er hantierte mit einer Fotokamera, auf die er ein Teleobjektiv geschraubt hatte, blieb stehen, schob die Sonnenbrille über die Stirn, sah zu Marina und Alma und hob die Kamera vors Gesicht.
Am liebsten wäre sie davongerannt, doch das würde seine Aufmerksamkeit noch mehr auf sie lenken. Als sie aneinander vorbeigingen, drehte sie den Kopf weg und schaute zum Rosenbusch, der am Treppenaufgang eines Hauses wucherte. Der Mann ging langsam weiter. Marina drehte sich um. Er war stehen geblieben und schien konzentriert seinem Hobby nachzugehen. Dabei drehte er sich um die eigene Achse und drückte dabei auf den Auslöser. Marina hörte das Geräusch trotz des Stimmengewirrs der Touristen auf dem Platz.
»Was fällt ihm ein?«, murmelte sie und beschleunigte die Schritte.
»Wem?«, fragte Alma.
»Dem Mann, der eben vorbeigegangen ist.«
Alma schaute sich suchend um.
»Welchem?«
»Ach, ist nicht so wichtig«, erwiderte Marina und sah über die Schulter.
Der Mann stand am Ende der Gasse und fotografierte eine blühende Kletterpflanze, die vom Dach eines Steinhauses herabhing. Wieso mussten die Leute andauernd und überall Fotos machen? Man konnte sich doch die Dinge an Ort und Stelle anschauen und die Bilder im Gedächtnis behalten.
»Weißt du, ich sehe nicht mehr so gut. Der Arzt sagt, ich hätte den Grauen Star«, sagte Alma und riss Marina aus ihren Gedanken.
»Oh, das tut mir leid.«
»Da kann man nichts machen.«
»Man kann das operieren.«
»Ach, in meinem Alter lohnt sich das nicht.«
Als sie über die Treppe zur Loggia der Konoba hinaufkamen, begrüßte sie die Wirtin persönlich und deutete auf einem Tisch.
»Alma, wie schön, Sie zu sehen. Und das ist wohl Ihre Enkelin?«, fragte sie.
Marina nahm die Sonnenbrille ab und lächelte, während Alma das Verwandtschaftsverhältnis erklärte. Marina war sich nicht sicher, ob die Frau es wirklich so genau wissen wollte. Sie setzten sich. Marija nickte und schaute Marina neugierig an. Es fehlte nur noch, dass sie fragte, warum sie eine aufgeplatzte Lippe hatte.
»Tante Alma, sag, was möchtet du denn gerne essen?«, fragte sie, um die unangenehme Situation zu beenden.
Nach einigem Hin und Her mit Marija bestellte Alma Gnocchi mit Gulasch. Marina bat um Fuži mit Trüffeln und zwei Limonaden. Marija eilte davon und kam mit einem Körbchen frisch gerösteter Brötchen, stellte die Getränke und Gläser ab und wandte sich den anderen Gästen zu.
Marina knabberte an einem dreieckigen, noch warmen Brötchen und betrachtete die sanft geschwungenen grünen Hügel und das Tal, das sich unter ihnen ausbreitete, während Alma redete und redete. Marina nickte geistesabwesend und fragte sich, wie es nun mit ihr weitergehen sollte. Sollte sie ein paar Tage hierbleiben oder weiterfahren? Sollte sie sich der Polizei stellen oder untertauchen? Und wohin nur mit Miroslavs Wagen?
»… dann starb er«, sagte Alma gerade.
»Was? Wer?«
»Na, Božo, mein Mann.«
»Tut mir leid.«
Alma sah sie leicht irritiert an.
»Aber das weißt du doch. Welchen Tag haben wir heute eigentlich?«
»Zwölfter Juni.«
Alma nickte. »Ja, mein Gott, wie die Zeit vergeht. Božo starb am vierzehnten Juni, vor genau sieben Jahren. Wenn ich mich recht erinnere, warst du aber nicht bei der Beerdigung.«
»Nein, ich konnte nicht, hatte damals meine Abschlussprüfung.«
»Es war ein heißer Tag, fast so wie heute. Ich wollte nach dem Mittagessen den Tisch abräumen, als Božo sagte, er fühle sich gar nicht gut und werde sich kurz hinlegen. Er stand auf, stützte sich am Tisch ab und sank in sich zusammen. Ich versuchte ihn aufzurichten, aber er rührte sich nicht. Ich rief den Notarzt und lief zu den Nachbarn gegenüber. Sie legten Božo auf den Boden. Der Nachbar versuchte ihn mit Herzmassage und künstlicher Beatmung wiederzubeleben. Es war furchtbar. Der Krankenwagen brauchte über eine halbe Stunde, bis er da war. Aber da war er schon tot.« Alma wischte sich mit zitternden Händen über die Augen und lächelte. »Auch wenn unsere Ehe nicht immer die glücklichste war, vermisse ich ihn sehr.«
Darmowy fragment się skończył.